Never fuck the company … neither with me!

Ich spürte den zielgerichteten Griff ihrer Hand an meine Hose und hörte ihr leises Lachen. Warum hatte ich nicht reagiert, als sie sich vor mir auf dem Schreibtisch sitzend geöffnet hatte.

Genervt hatte ich gesagt: »Jetzt nicht.«

Lediglich leicht verärgert hatte sie nur geantwortet: »Wie, nicht jetzt?«

Sie war von meinem Schreibtisch runtergerutscht, trat hinter mich. Ich wollte noch einen Satz in meinen Rechner tippen, als ich spürte, wie sie etwas um meinen Brustkorb legte und mich damit darauf in die Rückenlehne meines Sessels zwang. Ich schaute verwirrt an mir runter und erkannte eine Strumpfhose. Noch bevor ich etwas sagen konnte, verlor ich meine Fähigkeit zu sehen. Ein Tuch legte sie mir über meine Augen. Eine Augenbinde. Ich reagierte nicht, ließ es mit mir geschehen, wartete auf das Erschießungskommando, spürte nur, wie sie es hinter meinen Kopf so fest knotete, dass es meine Augäpfel zurück drängte. Fest und drückend, aber keineswegs einschneidend. Ich musste sehen, dass ich nichts mehr sah. Nicht einmal nach unten war eine Lücke unterm Tuch sichtbar. Meine Spannung stieg. Sollte sie machen, ich war williges Opfer.

Ihre Hände ergriffen meine Handgelenke und zogen sie hinter dem Sessel. Mein Rücken wurde verstärkt gegen die Rückenlehne gepresst, richtete sich zum Spannungsausgleich auf, um wenigstens meine Armmuskeln zu entlasten. Gleichzeitig spürte ich, wie sie mit einem weiteren Stofffetzen meine Handgelenke hinter dem Sessel fixierte.

So überraschend wie diese Aktion begann, endete sie. Gefesselt in meinem eigenen Schreibtischsessel, blind auf das wartend, was kommen sollte. Kam ein eine Füseliereinheit und würde sie mir einen letzten Wunsch gönnen? Ich lenkte meine Aufmerksamkeit auf mein Gehör, wollte wissen, was als nächstes geschehen würde, lauschte auf jedes Geräusch um mich herum. Sie zog meinen Sessel ein Stück zurück und setzte sich offenbar vor mir erneut auf den Schreibtisch. Sie zog mich wieder zu sich ran und brachte ihr Gesicht neben das meine. Haare strichen mir sanft durchs Gesicht und leise flüsterte sie mir erneut mir ins Ohr: »Wie, jetzt nicht?«

In dem Moment griff ihre Hand zu meiner Hose, öffnete schnell den Gürtel auf, knöpfte meinen Schritt auf, schob meine Hose einfach nach unten und gleichzeitig mit der anderen Hand mein Hemd hoch. Zielstrebig suchte ihre Führhand das Ziel ihrer Begierde und legten mich kompromisslos frei.

»Jetzt nicht?«

Meine Erregung ließ mich verstummen. Ich fühlte mich frei gelegt, offen sichtbar erregt, verletzlich, konnte mich nicht wehren. Eine ihrer Hände ließ mich los. Irgendetwas schien sie zu suchen. Geräusche einer Handtasche, das Klacken wie beim Öffnen eines Tubenverschlusses. Auf meinem Unterkörper verspürte ich eine kalte Flüssigkeit. Wärme stieg als Abwehrreaktion in mir auf, umgab mich. Mein Fühlen registrierte jede Bewegung, meine Hitze wurde gesteigert. Ich musste unwillkürlich stöhnen. Mit beiden Hände massierte sie meinen Körper, beschäftigte meine Phantasie. Stromstöße durchschlugen mich bei Ihren intimen Berührungen, ließen meinen Körper aufrichten, ließen meine Phantasie rotieren. Mein Körper entzog sich mir komplett. Zugleich stieß es mich immer tiefer in meinen Sessel hinein, meine hinter mir fixierten Arme verkrampften in dieser Position und zogen meinen Körper verstärkt in eine unnatürlich aufrechte Position.

Mein Gehör schien zu kapitulieren, je mehr ich von ihren Berührungen eingefangen wurde, komplett gefangen wurde. Von allem um mich herum isoliert. Alle Energien liefen in meinem Körper zusammen, bündelten sich dort wie eine Lupe Sonnenlicht in einen Brennpunkt versammelt und tausendfach verstärkt. Ich fühlte mich wie ein kleiner Ballon, in dem Luft gepumpt wurde und sich nicht mehr ausreichend dehnen kann, immer mehr verstärkt ein Ausgang suchend, ein Ventil für die unerträglich gewordene Spanne. Mein Atem ging stoßweise, Raum und Zeit trafen sich im Unendlichen und zerflossen darin. Wie um diesen Moment für die Ewigkeit zu konservieren, danach schrie mein Körper mit jeder Faser, suchte wie ein ausbrechender Vulkan nach der Öffnung für seine Lava, um sich aus jenem Zustand zu befreien, Entspannung herbei zu führen.

Und wieder spürte ich ihr Gesicht neben dem meinen, leicht zärtlich reibend, Haare strichen mir durchs Gesicht. Entspannung machte sich in mir breit, meine Verkrampfung löste sich, ich atmete durch. In ihrer Stimme vernahm ich leisen Spott, als sie erneut flüsterte:

»Jetzt immer noch nicht?«

Ich verstand nicht. Doch bevor ich nachfragen konnte, spürte ich, wie sie sich auf mir setzte. Ihren Atem in meinem Gesicht, leicht, heiß und fordernd. Eine erotisierende Mischung. Gleich darauf schmeckte ich sie, ihre Lippen auf den meinen. Ein Wohlgefühl dehnte sich in mir aus. Für einen Moment gaben sie meine Lippen frei und ich konnte mir ein Lächeln nicht verkneifen.

»Du findest das lustig? Jetzt?«, hauchte ihre Stimme.

Ich spürte, wie sie ihr Gewicht verlagerte. Offenbar lehnte sie sich zurück, eine Hand stützte sich auf meinen rechten Oberschenkel ab. Sie lehnte sich wieder nach vorne, der Druck ihrer Hand auf meinen Oberschenkel verschwand, dafür ergriff jene Hand nun mein Gesicht. Wieder war ihr Gesicht dem meinem nah, ihre Lippen berührten die meinen, öffneten sich und küssten mich fordernd. Ihr Körper setzte sich auf den meinen auf, presste sich an den meinen, gab den Rhythmus vor, den ihr Atem stoßweise unterstrich. Ihre Hände fuhren an meinem Gesicht entlang und schoben die Augenbinde hoch. Aber ich hielt meine Augen geschlossen. Ich wollte die abklingende Erregung auskosten und zu Ende spüren begleitet von ihrem Stöhnen und ihren Zuckungen. Dieses wohlige Gefühl, dass sich erneut in mir Raum verschaffte. Entspannung. Ein langer Kuss von ihr beendete die Situation, ihre Lippen zogen sich zurück. Ich öffnete meine Augen, blinzelte und sah ihr Gesicht entspannt über mir. Allein einen Satz mit dem Hauch des Spottes sagte sie noch:

»Also, wie jetzt? Jetzt nicht?«

Wie ein Traum, wie in einem Traum …

Ein Traum, nur ein Traum. Mehr nicht. Die Geschichte ist erstunken und erlogen. Denn in Wahrheit entwickelte sich die ganze Begebenheit auf einer anderen Weise weiter:

Offenbar lehnte sie sich zurück, eine Hand stützte sich auf meinen rechten Oberschenkel ab. Sie lehnte sich wieder nach vorne und verlagerte ihr Gewicht wieder auf mich, der Druck ihrer Hand auf meinen Oberschenkel verschwand. Zuerst spürte ich es unter mir. Es war eine Art Kribbeln. Erst leicht, dann immer stärker. Eine Ahnung stieg in von meinem Bauch aus auf und materialisierte sich als Horrorbild vor meinen verbundenen Augen:

»Vorsicht! Ich glaube der Sessel hält das nicht aus!«, stieß ich etwas atemlos hervor.

»Halt die Klappe und versuche positiv zu denken, Idiot! Genieße und stell dein Hirn ab!«, erwiderte sie stoßweise atmend.

Ihre Hand klammerte sich an mein Kinn, ihre stützende Hand grub sich in meinen Oberschenkelmuskel und mich durchströmte ein Gefühl von Lust und Schmerz zugleich.

Aber da war es wieder, dieses Kribbeln unter mir. Es setzte diesmal unvermittelt ein, wurde stärker, sehr stark und dann zerriss ein Knall die traute Zweisamkeit …


»Wie geht es Ihnen?«

»Es geht schon wieder. Lediglich mein linkes Bein scheint steif zu bleiben. Für immer.«

»Ja, sie sind auch sehr unglücklich gestürzt. Was macht der Kopf?«

»Bei Wetterumschwung schmerzt er. Meinen Sie, die meine Berufsunfähigkeitsversicherung wird zahlen?«

»Machen Sie sich keine Hoffnung. Versicherungen zahlen für so etwas nicht. Und erst recht nicht, wenn der Unfall so passierte, wie er ablief.«

Ich sah auf den Boden und verstand. Versicherungen sind immer eine hübsche Sache. Jedoch geht es ans Zahlen, dann ist der Spaß vorbei. Dann sind sie nicht mehr dein Partner sondern Verräter. Dann kennen sie dich nicht mehr als Versicherten und betrachten dich als Ausbeuter.

»Ich habe ihre Akte nochmals studiert. Ich glaube nicht, dass Sie Chancen vor dem Arbeitsgericht haben werden.«

»Aber der Sessel war doch von der Firma. Der war nicht passend für mich. Der war nur für 90-Kilo-Personen ausgelegt.«

»Am Tage ihres Unfalls – wenn ich ihn mal so nennen darf – wogen Sie 97,6 Kilo. Und der Sessel hatte eine Werkstoleranz von 10 Prozent. Entsprechend den gesetzlichen Vorgaben. Das heißt, obwohl 90 Kilo angegeben war, hätte er bis 99 Kilo standgehalten. Aber bekanntlich wurde er ja mit mehr als 100 Kilo belastest. Und dann nicht nur statisch, sondern zudem noch dynamisch. Wie geht’s übrigens ihrer Bekannten?«

Ich schluckte: »Ihr geht es besser. Die Narbe in ihrem Gesicht ist verheilt. Sie wissen, sie stürzte ja auf die Kiste am Boden, auf der Kiste mit Stahlproben.«

»Ja, ich weiß. Auch in dieser Causa kann ich Ihnen bei der Klage ‚Bangiczk gegen Sie‘, Herr Esser, nicht viel Hoffnung machen. Der Boden um Ihren Schreibtisch herum ist laut Betriebsordnung Ihrer ehemaligen Firma kein Lagerplatz. Insbesondere nicht für Stahlproben, die auch noch scharfe Kanten aufwiesen. Hätten Sie die Kiste ordnungsgemäß verräumt gehabt, Frau Bangiczk hätte weder die Narbe im Gesicht, noch hätte sie Kontakt mit dem Teil gehabt, dessen Spitze Frau Bangiczk ihr rechtes Augenlicht raubte.«

»Aber das war nie meine Absicht!«

»Das hilft nicht. Stellen Sie sich drauf ein, dass das Gericht Frau Bangiczk Schmerzensgeldanspruch in voller Höhe stattgeben wird. Wenn es normal verläuft. Sollten Sie Pech haben, wird die Summe vom Gericht noch nach oben hin korrigiert, weil sie grob fahrlässig gehandelt haben.«

Indigniert starrte ich weiterhin auf den Holzboden vom Büro meines Anwalts. Wenn die eigene Geliebte zu dem eigenen Feind wird, zu einer Furie und Vernichterin, einem selbst nur noch mit Hass begegnet, dann ist vielleicht der Anwalt doch der letzter aller Verbündeter, oder nicht? Dem Blick meines Anwalts konnte ich nicht Stand halten, er war zu durchdringend. Zumindest der edle Holzboden gab mir ein wenig Trost, aber nur kurz.

»Und gegen die fristlose Kündigung durch Ihren Arbeitgeber haben wir auch keine Handhabe. Sie haben grob gegen die Interessen und Loyalitätsverpflichtung Ihres Arbeitgebers verstoßen. Die Kündigung ist wasserdicht. Ebenfalls damit auch die Ablehnung der Berufsgenossenschaft auf Arbeitsunfallzahlung. Der Stuhl war ordnungsgemäß. Dass er gebrochen ist und sich das Federwerk in ihr rechtes Bein gebohrt hatte und auch das erlittene Koma mit der starken Gehirnerschütterung und der Nackenwirbelverrenkung sind Folgen Ihres spontanen Schäferstündchens. Sie können von Glück sagen, dass Sie beim Aufschlagen ihres Nackens auf der Tischkante keine weiteren Schäden erlitten haben. Sie könnten jetzt im Rollstuhl sitzen.«

»Ich weiß«, antwortete ich tonlos.

»Aber eine Hoffnung gibt es noch. Die Anzeige wegen ‚Erregung öffentlichen Ärgernisses‘ scheint mir nicht schlüssig, auch wenn Frau Bangiczk in eindeutiger Situation auf ihren Schoß saß und den Beischlaf ausübte. Bekanntlich hatte ja der Sicherheitsdienst Sie beide erst danach aufgefunden, weil der Knall des Federdämpfungselements im Sessel recht laut war. ‚Erregung öffentlichen Ärgernisses‘ ist das dann weniger.«

Der Knall war das einzige, woran ich mich noch erinnern konnte.

»Hatten Sie mit Frau Bangiczk nochmals gesprochen?«

»Sie hält mich für voll schuldig an ihrem Gesundheitszustand. Sie warf mir vor, für den Bruch des Sessels verantwortlich gewesen zu sein, weil ich an einen potentielln Bruch kurz vorher gedacht und diesen ausgesprochen hatte. Sie meinte, dadurch hätte ich jene Realität erst geschaffen, die sie dann grausam durch mich erleiden musste. Hätte ich es nicht gedacht, wäre nichts passiert. Meine Gedanken hatten die Realität erst ermöglicht gehabt.«

»Ja, ich verstehe. Sie meint es wohl so, wie wenn jemand über einen schmalen, langen Holzsteg ohne Handlauf über einen tiefen Abgrund läuft, sich auf halben Weg darüber klar wird, was er da tut. Hätte er nicht daran gedacht, wäre er der erste Mensch gewesen, der die Schlucht überwunden hätte, so aber wurde er der Hundertsiebte, der tot neben den anderen Hundertsechsen im Schlundgrund gefunden wurde.«

Ich schaute ihn leicht genervt an. Eine solche neunmalkluge Belehrung war unpassend und beleidigend. Ich hatte es nicht erwartet, nicht von ihm, nicht von demjenighen, den ich als meinen letzten Freund angesehen hatte. Insbesondere, weil ich das Geschehene nun doch ein wenig anders sah. Denn mein Bauchgefühl sagte mir, …

»Schauen Sie, Sie sollten froh sein, nicht Krüppel geworden zu sein. Einer der auf recht auf Euthanasie hofft. Dafür werden Sie lebenslang für das zerstörte Auge der Frau Bangiczk und deren Nachwirkungen zahlen, die Schmerzensgeldzahlungen werden Sie in fünf Jahren in die Privatinsolvenz treiben, Sie sind arbeitslos und gekündigt, als 50-Jähriger haben Sie zudem schlechte Chancen auf dem Arbeitsmarkt, Sie können nicht mehr laufen und hinken und haben noch diverse Rechnungen dazu, aber! Aber Sie leben! Sie sitzen nicht im Rollstuhl und müssen in ein Urinal pinkeln! Ist das nichts? Denken Sie über diese frohe Botschaft nach. Das sollte Sie doch glücklich stimmen.«

Er machte eine kleine Kunstpause und fuhr dann fort: »Ich meine, als Preis für ein bisschen Bürosex, okay. Vielleicht hätte es besser laufen können, so wie bei Bill und Monica damals im Oval Office, nicht wahr. Beklagen Sie sich also mal nicht. Aber ich hoffe doch sehr, dass Sie vor Ihrer Privatinsolvenz noch meine Anwaltskosten zahlen werden. Ich habe auch nichts zu verschenken. Auch nichts an Sie, Sie versauter Sex-Maniac.«

Er lachte dreckig auf: »Sie sind ein erbärmlich elender Büroficker, ein lebender Witz, der in meinen Bar-Meetings immer für ausgelassene Heiterkeit sorgt. Never fuck the company, Sie Sexsüchtling, Sie. Wissen Sie das?«

Seine Lache wurde dreckiger. Sehr dreckig. Zu dreckig. Unerträglich dreckig. Meine Augen zogen sich zornig zusammen, bildeten einen Tunnel, an dessen Ende ich ihn sah. Vor mir. Lachend. Verletztend dreckig lachend. Das letzte hätte er nicht sagen sollen. Eigentlich hatte ich das Ganze mit Frau Bangiczk erfolgreich verdrängt gehabt. Aber diese Provokationen legten meine Erinnerungen an sie frei und riefen mir alles binnen Sekunden ins Gedächtnis zurück. Jedes Detail. Alles lief vor meinem inneren Auge ab. Der ganze geile lustvolle Sex mit Frau Bangiczk. Und dann die Erklärung vom Arzt, dass ich nie wieder Sex haben werde, dass alle Erotik für mich wie tot sein würde …

Wie konnte dieser elende Hurenbock mich nur so damit vorsätzlich quälen? Was dachte sich dieser Drecksack von Anwalt dabei? Er hatte es sich verdient, dieses Arschloch! Komplett verdient! Er wollte es nicht anders! Jawohl, er verdiente den Tod, weil er meinte, dass ich statt Freiheit und Sex lediglich Rollstuhl, Urinal und ewige Impotenz verdienen würde. Nein! Das verdiene ich nicht. Ich bin ein Mensch. Jeder andere wohl, auch der Drecksack vor mir wohl, aber ich nie! Ich bin ein Mensch! Dieser elende Wixer!

Aus der mitgebrachten Tüte zog ich meine Waffe hervor, zielte sorgfältig, zögerte nur ganz kurz, feuerte fünf Mal auf seinen Kopf. Mutter! Überall Blut. Ich schluckte und zielte sorgsam auf den meinigen.

Die Witwe des Anwalts reichte eine Privatklage gegen mich ein. Schmerzensgeld. Weil Sie ihrem toten Mann zum Abschied nicht mehr ins Gesicht blicken konnte … . Sollte sie doch ruhig. Was hab ich denn noch zu verlieren …

Wochen später wurde ein Gesetz erlassen, gemäß dem alle Anwaltsbüros am Eingang mit Metalldetektoren ausgerüstet werden müssen. Aber das interessierte mich im Knast eh nicht mehr und als Fast-Gelähmter noch weniger. …

Ertrage die Clown (8): Zur Lage der Nation

Im Jahr 1949 steckte sich der junge Joachim Fest einen Zettel ins Portemonnaie, den er bis zu seinem Tode mit sich führte. Auf dem Zettel stand der Satz:

„Ertrage die Clowns!“

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Die beiden letzten Fußballspiele der deutschen Nationalmannschaft vor der WM? Und das ohne deutschen Bundespräsidenten? Und wen kümmert’s? Egal.

 

Danke für das Weglesen dieses meines Blogeintrages.

Herzlichst

Careca

Kneipengespräch: Der Sabbernde gärt voll Odium.

Tresen 0

“Doris sagt: ‘Geh voraus, Otto’.”

“Wie?”

“Du siehst grundsätzlich vögelnde Organe.”

“Häh?”

“Donnerstag schreibt Günther versaute Orthografie.”

“Herr Oberspielleiter! Nehmen Sie dem Knilch mal das Kölsch weg! Der dreht hier unrund!”

“Diese Sachlage gibt verdammte Ordnung.”

“Tickst du nicht mehr ganz sauber?”

“Ich versuche nur diese dusselige Abkürzung zu entschlüsseln. ‘DSDS’ musste ich vier Wochen lernen, ‘GNTM’ einen ganzen Monat und für ‘IBESHMHR’ brauchte ich zweimal vierzehn Tage. Und dann erst ‘MUSIDWNIOUISIDIMW’, das war hart.” Weiterlesen

T-Shirt gesucht

Zum Muttertag (zwei Tage nach dem Freitag, dem diesjährigen 13. Mai) will ich ein spezielles T-Shirt an eine Bekannte verschenken.

Bei dem T-Shirt handelt es sich um jenes, welches Gerburg Jahnke im nachfolgenden Video trägt.

Für sachdienliche Hinweise in den Kommentaren bin ich sehr dankbar. Weiterlesen

Kneipengespräch: Postfaktische Ostereier

Tresen 0

“Und?”

“Genau.”

“Aber?”

“Ich habe es noch nicht verstanden.”

“Dem Manne kann geholfen werden. Herr Oberspielleiter, ein Kölsch für den Grübler an meiner Seite!”

Der Wirt blickte nur kurz auf, polierte eine Kölsch-Stange, füllte sie und schob sie neben dem anderen halbvollem Kölsch und widmete sich danach einer anderen Stange.

“Bassemauff. Da ist auf der einen Seite der US-Milliardär Robert Mercer”, er schob das volle Kölsch direkt neben dem halbvollem, “und da ist Cambridge Analytica und so”, er nahm das volle Glas, schüttete etwas in das halbvolle. Von dem nun aufschäumenden fast vollem Glas schüttete er wieder etwas in das jetzt dreiviertel Volle. Beide schüttelte er noch vorsichtig und schon schauten die Kölsch wie frisch gezapft aus, “und beide sollen die amerikanische Wahl beeinflusst haben?”

“Ja”, der andere schaute auf die beiden schäumenden Kölsch-Stangen, “die haben über Facebook die Wähler manipuliert.”

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Wenn am Karfreitag die rote Sonne nie mehr versinkt …

“Könnten Sie bitte mal aus meinem WLAN rausgehen?”

“Wie bitte?”

“Sie stehen in meinem WLAN. Ich habe keinen Empfang und warte auf eine wichtige Nachricht von meiner Familie.”

“Ich stehe in Ihrem WLAN? Wie soll das denn bitteschön gehen?”

”Da! Sie haben gerade einen Schritt zur Seite gemacht und jetzt hab ich wieder WLAN. Könnten Sie bitte so stehen bleiben?”

“Ich glaube, Sie sind wohl ein wenig verpeilt, oder?”

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Ein Stück vom Himmel

Immer wieder Sonntags kommt die Erinnerung. An den Montag. Es ist wohl der unbeliebteste Tag in der Arbeitswelt. Donnerstage und Freitage sind genau in jener Reihenfolge deutlich beliebter. Würde man jetzt daraus folgern, alle Werktage zu Freitagen zu deklarieren, es würde das Glücksempfinden vieler Menschen nicht wirklich steigern. Der Freitag lebt vom Samstag und der Samstag von der Fama des Sonntags, an dem der Weltenschöpfer seinen Kummer über das Vergessen der Abgabe seines Lottoscheins in billigen Messwein ersäufte. Und nicht, weil er etwa “Das Wort zum Sonntag” sah und dabei ins Koma fiel.

Und was passierte so in der Zwischenzeit? Also zwischen Vollrausch und Ausnüchterung? Ein Blick ins Internet hilft stetig weiter. Keine Nachricht, dass Aliens mit Zwillen wieder hässliche Steinsbrocken auf die Erde abschossen hätten und diese wieder mal nur knapp verfehlten. Die Sonntags-Presse kann also nicht mit exklusiven Bildern vom Weltuntergang schocken. Also bleiben nur Bilder aus Syrien.

Andererseits: Weiterlesen

Kneipengespräch: Luftige Gedanken

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“Große was?”

“Koalition.”

“Und was ist davon das Gegenteil?”

“Kleinkrieg.”

“Geht alles nicht. Hört sich nach dicke Luft an. Geht gar nicht!”

“Wem sagst du das. Ein Freund hatte letztens einen Job in der Bauleitung am Flughafen BER offeriert bekommen. Im obersten Baucontainer dort.”

“Wow! So ein Job ist zukunftssicher. Job mit Aussicht. Bis zu Rente Vollbeschäftigung. Sofort annehmen.“

“Er hat abgelehnt. Stattdessen ist er zu den Stadtwerken gegangen.”

“Schlechte Entscheidung. Wenn demnächst eh jeder sowieso umsonst fahren darf, im öffentlichen Nahverkehr. Bekloppte Idee. Völlig hirnrissig.”

“Idee ist die Entlastung der Straßen. Das schafft mehr Platz für unsere SUVs und andere Pferdestärken.”

“Ja, sicher. Mehr Parkraum für die Autos. Weil, die Bürgersteige werden nachts bei Schnee und Regen leerer. Wenn die ganzen miefenden Penner und stinkenden Junkies dann U-Bahnen, Busse und Straßenbahnen nutzen und mit ihrem Gestank alles verpesten. Nur, klappt das nicht. Denn so kriegste die Leute nur ruckzuck zurück in ihre SUVs und Diesel-Edeldroschken. Damit schaffste ÖPNV-Abstinenzler. Und wer soll dann das alles wieder zahlen, wenn jeder umsonst fährt? Schwarzfahrer als Gegenfinanzierung fällt ja dann auch weg.”

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Der fehlende Gottesbeweis

“Da schau her. Guck mal, wer da kommt.”

“Ja.”

“Da schleicht er wieder zum Amt rüber. Die reinste Hölle dort, aber er versucht es ja wieder und wieder.”

“Jo.”

“Haste noch das letzte Mal in Erinnerung? Als er verkleidet wie Gandalf, der Graue, ins Amt ging und mit Beihilfe zum Mord prahlte, aber dessen Asylantrag trotzdem abgelehnt wurde?”

“Jaja.”

“Das vorletzte Mal hatte er sogar auf vorsätzlich unterlassener Hilfeleistung mit Todesfolge plädiert, um den Passierschein zu erhalten. Ich sag nur, allein das Wort ‚Hilfeleistung‘ versaut einem den Antrag. Eigene Dummheit halt. Er hat dafür kein Asyl erhalten.”

“Jau.”

“Hätte er mal einen richtigen Mord begangen. Oder wenigstens nachweisbar Massenmord. Wer in aller Munde sein will, darf vor Mord und Totschlag nicht zurückschrecken.”

“Jooh.” Weiterlesen

Reibereien

Eine leise Stimme, fast unhörbar, trotzdem klar vernehmbar. Ruhiger, rauer Singsang.

“… ich reibe mich, du reibst dich, er, sie, es reibt sich, wir reiben uns, ihr reibt euch, sie reiben sich. Ohne Reibung entflammt kein Streichholz. Nur mit passender Reibfläche. Ursache. Wirkung. Ohne Reibung spür ich doch nicht, wo ich entlang schramme. Schrammen gehören dazu. Schrammen machen auch Wärme, Wunden heilen. Warum gesteht mir das niemand zu? Immer nur happy und heititei und La-la-land. Das erträgt doch kein Mensch! Oder ist Reibung etwa nur als menschliche Wärme akzeptabel, wenn einer vom anderen überm Tisch gezogen wird, oder was? Würde sie doch mal akzeptieren, dass ich so bin, wie ich bin, und ich so etwas nicht zum Affront mache. Das bin ich und nicht sie …”

Leise brummelnd schloss er penibel seine dunkelgrüne, wattierte Jacke, setzte sich ein schwarzes Käppi auf und schubberte sich bedächtig seine Hände. Die Tür des Busses öffnete sich. Lautlos. Schnell. Ein Schwall kalter Luft enterte den überheizten Innenraum. Weiterlesen

Don’t Pay The Ferry, Man …

In dem weltbekannten Fernsehstudio “Mirigardas VIN“ des kleinen europäischen Zwergstaats “Neekzistas” wurden die Abendnachrichten aufgezeichnet. Ein Moderator im blauen Wollanzug und eine Moderatorin im knappen Schwarzen saßen hinter dem beigen Moderationstisch vor einer riesigen grünen Leinwand und wurden nochmals schnell abgepudert.

Stimme aus dem Off: “Gut. Und jetzt den Beitrag aus Deutschland! Den Dialog lest ihr bitte vom Teleprompter ab. Lächeln nicht vergessen! Und seid natürlich. Klappe ‚Fortschritt, die Erste‘!”

Moderator: “Heute erreichten uns verwirrende Bilder einer ganz neuen Zerstörung durch die Terrororganisation ISIS. Katrina, was kannst du uns berichten?”

Moderatorin: “Tja, Charles, das waren sehr verstörende Bilder, die wir heute aus Deutschland erhielten. Es war klar, dass die Terrorgefahr durch versprengte ISIS-Terroristen auch dort hoch war, aber dass diese inzwischen schon Landstriche erobert haben …”

“Das ist beunruhigend, Katrina. Die Terrorgefahr scheint in Europa also immens zu wachsen und selbst gut überwachte Länder Europas kämpfen vergebens gegen diesen Virus des Wahnsinns.”

“Du sagst es Charles. Sie haben nicht nur christliche Kulturgüter in Syrien oder jenes UNESCO-Welterbe unseres christlichen Abendlandes wie Palmyra zerstört, nein, sie haben ihr destruktives Werk inzwischen perfektioniert und jetzt auch wohl nach Deutschland exportiert.” Weiterlesen

Die Sonne so hoch

Die Sonne steht immer dann am höchsten, wenn man am tiefsten gesunken ist.

Kneipenweisheit.

Je weiter man die Realität hinunter schreibt, desto tiefer wird der eigene Standpunkt. Und das wirkt. Der Kampf zwischen Gut und Böse würde keinen Geist rühren, ginge es nur um ein wenig Gut gegen ein wenig Böse. Erst der Kontrast macht den Unterschied. “Star Wars” wäre reinstes Disney-Mickey-Mouse-Kino, gäbe es nicht dort einen wirklich Bösen, also jemanden, der genauso sympathisch ist, wie auf einem Bürgersteig der frisch dampfende Hundekot, in dem niemand treten möchte. Und statt sich des blauen Himmels zu erfreuen, hält jeder nach der Scheiße vor seinen Füßen Ausschau. Es ist eine subtile Methode, Aufmerksamkeit zu lenken und alle Energien auf Scheiße zu fokussieren, ruft man auf der öffentliche Rasenfläche eines Parks nur richtig laut, man hätte mit seinem Schuh eine Tretmine erwischt. Und schon interessieren sich die Leute der Umgebung nur noch für Hundehaufen statt für Flora und Fauna. Weiterlesen

Fliegender Zwischenruf ins Unreine geschrieben

Eine Fluggesellschaft verabschiedet sich vom Markt. Air Berlin stellt den Flugbetrieb ein. Deren Flugzeuge werden von der Kranich-Fluglinie größtenteils übernommen und all jenes Personal, was keiner benötigt, darf sich beim Arbeitsamt melden.

Eine irische Billigfluglinie streicht ebenfalls ihren Flugplan zusammen. Es fehlen ihnen Piloten. Viele Flugzeuge, wenig Besatzung. Der Billigflieger ist nicht sehr beliebt. Seine Bezahlung ist gering. Es steht zu vermuten, dass sie sich in Bälde um die entlassenen Piloten und Flugbegleiter der Air Berlin kümmern wird, wenn jene erst einmal spüren, was Arbeitslosigkeit bedeutet.

Vor einem Monat hatte Air Berlin einen recht hohen Krankenstand bei ihren Piloten. Um trotz Insolvenz den Flugbetrieb weiter halten zu können, forderte Air Berlin seine Piloten auf, trotz Krankschreibung wieder zurück in das Cockpit zu kehren. Krankschreibungen waren als Protest von der Firmenleitung enttarnt und entsprechend wurde dieses auch nach außen hin mitgeteilt. Und so entstand – wieder mal – eine Stimmung gegen Piloten, als überbezahlte Zerstörer von Urlaubsträumen anderer. Kommentare zielten darauf ab klar zu machen, dass Piloten die Urlauber leiden lassen würden.

Interessanterweise herrschte nach dem Germanwings-Flug 9525 und dessen Absturz vor zweieinhalb Jahren in den Provenzalischen Alpen ein anderer öffentlicher Konsens: Piloten mit Krankschreibung sollten gar nicht erst in ein Flugzeugcockpit gelassen werden dürfen. Piloten tragen die Verantwortung über das Leben der ihnen Anvertrauten. Zu leichtfertig könnte das Leben der Insassen aufs Spiel gesetzt werden. Genau so leichtfertig wie es der krankgeschriebene Pilot des Germanwings-Flug 9525 mit seinen 150 Insassen in krankhafter und mörderischer Absicht tat.

Jedes Jahr das selbe Szenario: sie sammeln sich in Schwärmen auf zentralen Flächen und warten mehr oder weniger geduldig. Sie unterhalten sich, sie regen sich über paar andere Reisebegleiter auf, sie mustern ihre Umgebung und alle warten nur darauf, dass es los geht. Die Vögel auf den Feldern, die Menschen in den Flughäfen. Insolvenzen von Fluglinien sind lästig. Piloten ebenfalls. Bei Insolvenzen gibt es das Insolvenzrecht, welches die Urlauber schützt. Gegen Piloten gibt es das nicht. Und Piloten haben auch nicht krank zu sein. Pilot-sein und krank-sein, das ist in der öffentlichen Meinung ein Unrecht, eine Vorsätzlichkeit der Piloten und nicht konsensfähig. Und wenn der Pilot seine Krankschreibung zerreißt und trotzdem fliegt, dann ist es auch wieder nicht recht, wenn der kranke Mensch als Pilot seine Anvertrauten nicht überleben lässt.

Wichtig scheint eh nur eines zu sein: schnell weg von dort zu kommen, wo man ist, um baldigst dort zu sein, wo man noch nicht ist. Und man möge uns dabei bitte nicht im Wege stehen, um uns daran zu hindern. Up, up and away.

Wer nicht hören will, wühlt in fremden Haufen

Ein Gedanke entwickelte sich mir beim Lesen von Jules von der Ley (Trithemius) Blog-Feuilleton-Artikel „Wie alles angefangen hat – ein Ohrenzeugenbericht“: eine Person spricht, die nächste spricht lauter, um dessen Stimme über die der ersten Person zu lagern, was eine dritte Person als Anlass nimmt, seine Stimme über die der zweiten zu legen, während die vierte Person in Folge die dritte übertönt, was die erste Person zu Anlass nimmt, die vierte zu übertönen.

Das Ganze müsste logischerweise in einer brutal akustischen Rückkopplung enden. Klappt aber nicht. Die Biologie hat dem Menschen ungerechterweise stimmliche Grenzen gesetzt. Ist nicht fair, ist aber so. Weswegen diese Grenzen sich auch letztendlich auf Konzerten mit „Brüll-Techno“ im Stile von H. P. Baxxter („How Much Is the Fish?„, „Hyper Hyper„, etc. von Scooter) manifestiert hatten.

Es mag viele Leser geben, die dabei gähnen werden, und müde abwinkend erklären, dass der „Brüll-Techno“ von den teilnehmenden Bands des Wacken Open Airs (seit 1990) stimmlich abgekupfert wurde.

Nur Jules analysierte hierbei profunder, erheblich grundlegender: Diskotheken, Waken Open Air und Brülltechno lassen sich eindeutig auf eine Gruppe von vier Personen zurückführen, die in ihre eigene Stimme verliebt sind und jenes in einem Café ausleben. Somit wären also alle nachfolgenden, rebellenhaften Veranstaltungen entmystifiziert und auf jenen simplen Kaffeeklatsch unserer Mütter und Bierstammtische unserer Väter rückgeführt. Eine ganze Generation von Schrei-Rebellen entmystifiziert. Schön ist das nicht, nicht wahr. Wie soll denn dann rationale Pubertät funktionieren, wenn die Jugend das Gleiche unter gleichen Vorzeichen in stimmlicher Verausgabung mit Hoffnung auf Differenzierung so etwas durchführt? Pubertät ist, wenn Eltern Probleme mit ihren eigens Erzogenen haben. Alles andere wird sowieso eh als Jugendkriminalität klassifiziert. Weiterlesen

Ertrage die Clowns (7): Disziplin ist alles!

Im Jahr 1949 steckte sich der junge Joachim Fest einen Zettel ins Portemonnaie, den er bis zu seinem Tode mit sich führte. Auf dem Zettel stand der Satz:

„Ertrage die Clowns!“

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Ein beinahe glatt rasierter Schädel zeigte seinen Kopf, der gnadenlos als Charakterkopf durchgehen könnte. Ein wohlgeformter Schädel wie gemacht für einen Soldatenhelm. Er saß ganz unsoldatisch im Schneidersitz, aber mit makelloser Haltung. Gelernt oder abgeschaut. Buddha wäre neidisch gewesen. Seine Freundin saß neben ihm, aufrecht und zog sich mit beiden Händen einen Pferdeschanz in ihr Haar. Ihre Brust war durchgedrückt und es sah traumhaft aus. Den beiden hockte ein Paar gegenüber und hörte dem Charakterkopf aufmerksam zu. Zumindest machte es den Eindruck. Denn jeder hatte auch seine Aufmerksamkeit vor sich: entweder auf dem Boden oder in der Hand. Ein Dosenbier „Don Miguel“. Eisgekühlt. Die Perlen der Kälte glitzerten auf der Dose in der Sonne von Maspalomas.

„Weißt du, ich bin Oberleutnant und da spielen wir Bier-Pong, wenn wir Dienst am Wochenende haben, nicht wahr. Ihr wisst was Bier-Pong ist? Da werden zwei Kampfgruppen gebildet und die stehen sich gegenüber. Jeder hat vor sich eine Pyramide aus Bierbechern stehen. Also die Halb-Liter-Becher und nicht diese Kleinkinder-Becher. Ihr wisst, was Bier-Pong ist? Vor jeder Kampfgruppe mit so zwei, drei Kameraden stehen Becher stehen in einer Pyramide wie beim Kegelsport zusammen und jeder Becher enthält einen halben Liter Bier. Jetzt wird abwechselnd mit einem Ping-Pong-Ball auf die Becher der Gegner geworfen und wenn er in einen der Becher landet, muss der Becher von einem der Gegner leer getrunken werden. Und wer zum Schluss noch Becher mit Bier hat, hat gewonnen über die, deren Becher leer sind. Und dann gibt es Revanche. Auf alle Fälle. Am Anfang ist da ja jeder noch normal, aber nach den ersten Treffern wird es immer kameradschaftlich lustiger.“ Weiterlesen

Wählerisch

„Also, pass mal auf, wenn du dieses hier mit dem da mischt, dann hast du ein blumiges, erdiges Erlebnis mit einem Hauch von Karibik unter dem Gaumen. Und im Rachen britzelt ein Sonnenuntergang wie in Rio de Janeiro am Arpoador-Felsen.“

„Dem Pedro de Arpoador in Rio?“

„Genau dem!“

„Echt? Wow. Wenn die Sonne von dort aus im Meer versinkt, dann applaudieren die Menschen. Ist nicht wie hier in Aachen. Schon mal erlebt?“

„Nein.“

„Aber ich. Einmalig“

„Ich sah nur den Sonnenuntergang auf dem Teide von Teneriffa. Im Schlafsack mit zehn anderen Kletterern.“

„Echt? Wow. Genial. Ich beneide dich.“ Weiterlesen

Münchner Geschichten (Teil 3): Über Gedenkstätten, die keine sind, und sich darüber freuende Schnitzel

Manches Mal findet sich auch völlig Sinn freies am Wegesrand, wovor die Betrachter längere Zeit grübelnd stehen und dabei versuchen, den Sinn des Ganzen zu enträtseln.

IMG_20170907_142556Seit der letzten Winterzeit hat sich in eine S-Bahnunterführung unweit meiner Wohnung ein Obdachloser eingerichtet gehabt. Es war dort nicht wärmer als draußen, aber vor Schnee und Regen geschützt nächtigte er in der Unterführung auf dem Gehweg. Mit der Zeit hatte er verschiedene Decken und Matratzen dort angehäuft, unter denen er sich verbarg wie ein Eskimo im Iglo. Im Frühjahr darauf wurden seine Habseligkeiten regelmäßig von der Stadtreinigung weggeräumt. Die Unterführung hatte es ihm jedoch angetan. Selbst im Sommer kehrte er wiederholt dorthin zurück, um zu übernachten, bis er wohl des Platzes verwiesen wurde. Seine Sachen waren verschwunden. Zurück ließ er lediglich eine Stätte mit Blumen, Grabkerzen und ein auf einem Zettel nieder geschriebenen poetischen Gedanken. Der Ort dafür war eindeutig strategisch gewählt und befand sich bei einer Stelle, an der viele Leute vorüber mussten. Viele von ihnen blieben stehen, schauten sich das Arrangement an und grübelten, um was es sich wohl handeln könnte. Wer wohl dort gestorben sein könnte und ob es sich um jenen Obdachlosen des Winters handeln könnte, war deutlich auf deren Stirn ablesbar. Ich vermute, der Obdachlose, der die Stätte täglich mit frischen Blumen und Grabkerzen vom nahe gelegenen Friedhof betreute, freute sich darüber wie ein Schnitzel.

Die Frage, wie sich denn ein Schnitzel so freue, und wie sich denn so etwas bei einem Schnitzel äußere, ist an dieser Stelle natürlich berechtigt. Auch die Frage, welches sich freuende Schnitzel denn damit gemeint sein könne, ob das Jäger-, das Wiener- oder das Zigeunerschnitzel, das kann ich so nicht beantworten. Obwohl, eigentlich liegt es doch auf der Hand, dass der Obdachlose sich wohl eher wie ein Münchner Schnitzel gefreut haben könnte.

Das Wort „Schnitzel“ leitet sich vom Wort „schnitzen“ ab und das wiederum hat seinen Ursprung im Wort „schneiden“. Die Österreicher haben daraus eine „zum Braten bestimmte dünne Fleischscheibe“ (Wikipedia) gemacht. Die Wiener nahmen einfach ein Kalb her, schnitten es in dünne Schnitzel, panierten diese und voila, das Wiener Schnitzel war geboren. Und weil die Münchener Österreichern nicht mal die Butter in der Brezn gönnen und auch gerne ihr eigenes Schnitzel haben wollten, da haben sie einfach mittels Meerrettich und süßen Senf als Grundlage der Panade ihr „Münchner Schnitzel“ erschaffen. Vom Geschmack ist es leicht süßlich mit saurer Schärfe, umgeben vom altbekannten Schnitzelfettgeschmack.

Ja, genau so wird es wohl gewesen sein. Genau so wird sich der Obdachlose gefreut haben. Wie ein „Münchner Schnitzel“, dabei den Wagner aus Goethes Faust zitierend, als er die Leute nachdenklich an seiner Gedenkstätte sich Gedanken machen sah:

„Ja, deren Reden, die so blinkend sind, in denen ihr der Menschheit Schnitzel kräuselt, sind unerquicklich wie der Nebelwind, der herbstlich durch die dünnen Blätter säuselt.“

So in etwa könnte er aus sicherer Distanz die Betrachter seiner Stätte aus Blumen und Grabkerzen kommentiert haben.

Der Menschheit Schnitzel gekräuselt. Früh krümmt sich, wer ein Häkchen sein möchte. Mit Lachen geht es einfacher. Als letzter hatte er das beste Ende für sich.

Schnitzeltag.

Münchner Geschichten (Teil 2): Über Sonden auf Wanderschaft und andere ausgesetzte Dinge

In der FAZ las ich letztens einen Artikel über die Unwahrscheinlichkeit, dass die von Menschenhand gebauten Erkundungsmaschinen Voyager 1 und Voyager 2 sich selbst dann noch fortbewegen werden, wenn deren Verursacher, die Menschheit also, aufgehört haben sollte zu existieren.


Voyager 1
und Voyager 2 wurden vor 40 Jahren ins All geschossen, um zu schauen, was sonst noch so im All kreucht und fleucht, was nie ein Mensch zuvor gesehen hat. Und so wird in knapp 296.000 Jahren Voyager 2 am Stern Sirius vorbei fliegen. Die Distanz zwischen Voyager 2 und Sirius wird in eine sein, für welche das Licht 4,3 Jahre benötigt, um eben diese Strecke zurückzulegen. Zum Vergleich: die Erde ist nur acht Lichtminuten von der Sonne entfernt. Die Distanz zwischen Sirius und Voyager 2 wird im Vergleich dazu über 280.000 mal so groß sein. Aber erst in 300.000 Jahren. Allerdings ist Voyager 2 dann ein stromloser Metallklumpen.

Es erinnert mich an ein Cartoon der 90er Jahre: ein Mann steht mit einer Kamera in der Hand und erklärt, er habe weltexklusiv Fotos vom Weltuntergang gemacht. Allerdings wüsste er nicht, wo er den Film entwickeln lassen könne. Heute hätte er das Problem nicht. Allerdings säße er mit seinem Smartphone sich bitter an einer Ecke, weil er seine Weltuntergang-Selfies weder auf Facebook noch auf Instagram posten könne, weil deren Server down wären.

Ähnlich wird die Situation sein, wenn Voyager 2 den Sirius passiert. Und niemand wird es erfahren. In 300.000 Jahren

Nicht nur Voyager 2, sondern auch Voyager 1 werden bald für die Menschheit völlig nutzlos und dann für andere unentdeckbar durch die unendlichen Weiten cruisen. Das wird wohl ab 2030 der Fall sein, wenn die nukleare Stromversorgung der Sonden aufgebraucht sein wird.

An Board beider Sonden befinden sich Erinnerungen und Artefakte an eine Menschheit, verewigt u.a.a. in einer goldenen Medienplatte mit Musik von Chuck Berry und Louis Armstrong. „Johnny B. Goode“ mit „Melancholy Blues“ zum Roll over verschiedener Beethoven-Stücke. Vereint in der Unendlichkeit. Keine Sorge. Eine Abspielvorrichtung wurde dazu gelegt. Sollte die Plattenindustrie zuvor Pleite gegangen sein oder sollten die Aliens über keinen gültigen Amazon-Account verfügen, genau hierzu hatten sich gestern einige Menschen Gedanken über das Morgen gemacht, ohne unser Heute gekannt zu haben.

Den Einflussbereich unseres Sonnensystems hat Voyager 1 vor fünf Jahren verlassen. Voyager 2 dagegen befindet sich noch im äußeren Bereich. Wer von den Aliens mag, darf die Sonden mitnehmen und aufmachen. Nur, die Wahrscheinlichkeit, dass diese Sonden gefunden werden, ist genauso gering wie eine Kollision einer der beiden Sonden mit einem kosmischen Gesteinsbrocken oder gar einem Schwarzen Loch. Also höchst unwahrscheinlich, um einmal genau zu sein. Um noch genauer zu sein, von einer Kastanie im Biergarten am Kopf über seinem Bier beim Lesen der FAZ getroffen zu werden, das ist wahrscheinlich wahrscheinlicher.

Allerdings, bei dem momentanen Wetter ist es eh nichts mit der Biergarten-Gemütlichkeit. Der Sommer hat sich längst verabschiedet und ist mit dem Schwalben gen Süden am Fliegen. Und mancher Mensch entledigt sich ebenfalls seinen Sommer-Erinnerungen

Ein beliebter After-Sommer-Sport von Anwohnern ist es jetzt, Sachen einfach auszusetzen. Es geht hierbei nicht um das Aussetzen des Dackels oder der Oma angebunden an einer Leitplanke auf einer einsamen Autobahnraststätten-Ausfahrt, sondern um Dinge aus dem Besitztum des Eigentümers. Verständlich. Denn im heimischen Müllbeutel passt der Krempel nicht und beim Müll-runter-Tragen droht immer die Tüte zu reißen. Also bleibt als einziger Ausweg, das Aussetzen am Gehwegrand. Damit das Ganze nicht so nach illegalen Sperrmüll ausschaut, wird noch ein Zettel dran geklebt: „Zu verschenken“ und schon fühlt sich der Eigentümer der Verantwortlichkeit des regelkonformen Entsorgens entbunden. Ist ja verschenkt. Empfänger unbekannt. Einstweilen.

Die NASA macht das ja mit ihren Sonden im Kosmos, dem Weltall, auch so, nicht wahr. Warum sollte es dann Klein-Schmitz in seinem Mikrokosmos nicht auch so handhaben.

IMG_20170907_085218KopieSo findet sich schon mal ein Grill oder sommerlich bunte Fenstermalfarben am Gehwegrand. Oder ein alter Radiorecorder, ein Röhrenfernseher, Geschirr mit hässlichem Zwiebelmuster oder Biergläser. Neulich traf ich auf dieser Weise ein Bierglas mit einem Motiv der Olympischen Sommerspiele 1972 in München. Unter dem Logo der damaligen Olympischen Spiele war ein stilisiert dargestellter Gewichtheber. Das Glas habe ich nicht mitgenommen. Staubfänger besitze ich reichlich. Und in den Biergarten kann ich es nicht verwenden. Es ist weder en vogue, noch erlaubt.

Jedoch, würde die Mitnahme eigener Biergefäße in einen Biergarten aus unerfindlichen Gründen morgen erlaubt werden, wäre das Mitbringen eines eigenen Bierglases eine echte Bedrohung für das bayrischen Gleichgewicht aus Wirt, Bier und Gast. Dieses gottgegebene Biotop würde massivst aus den Fugen geraten mit üblen Folgen für den Häretiker. Der Wirt würde das Glas nicht ausspülen, sondern das Bier in das ungewaschene Glas füllen, das Bier würde deswegen nicht schäumen, die Bayern unter den Gästen im Biergarten würden das sofort bemerken, in schallendem Gelächter ausbrechen und die Kastanienbäume unter deren Gelächter erzittern. Aus den Bäumen würde es Kastanien regnen.

Da ich inzwischen das fatale Beziehungsdreieck Bier-Kastanie-Notaufnahme (siehe auch Teil 1) kenne, aber dann wahrscheinlich trotzdem das Ganze zuvor mit einer fehlerhafterer Wahrscheinlichkeit bewertet hätte, würde ich als Glasmitbringer dann gerade unter jenem Kastanienbaum sitzen, aus denen die Kastanienfrüchte herunter fallen würden. Es wäre eine fatale Fehleinschätzung dieses Beziehungsdreiecks. So eine Blutvergiftung durch eine Verletzung aufgrund einer nicht hygienisch einwandfreien Kastanie, auf den Kopf niederdonnernd, aus einem Kastanienbaum, das ist kein Spaß und bedrohlicher als jede Zombie-Apokalypse.

Als Biergarten-Häretiker würde ich in bitterster Konsequenz zu einem Biergartenwiedergänger mutieren. Als gewesener Biergartenbesucher und gewordener Biergartenwiedergänger wäre das recht übel für mich. Denn für tägliche Biergartenwiedergängerei hätte ich nicht genügend Kontodeckung im Himmel, weil ich zu oft betrunken in Biergärten herum saß, statt mein himmlisches Konto mit guten Taten zu aufzufüllen.

Darum habe ich das Glas dort stehen lassen.

Das ist die wirkliche, einzige Wahrheit.

Fromm und gottesfürchtig.

So einfach ist das.

Münchner Geschichten (Teil 1): Über Beckenbauer, Biergärten, Bäume und Blätter

Als ich heute morgen gegen 7 Uhr meine Wohnung verließ, stand er vor der Tür meines Hauses, eine Sporttasche neben sich auf dem Boden, und bearbeitete die Klingelanlage.

„Hallo? Hallo! Ich bin der Honigmann. Hätten Sie gerne frischen Honig?“

Seine Sporttasche war offen und ich konnte Einmachgläser erkennen, die wohl mit Honig gefüllt waren.

Der Mann erschien mir leicht wirr. Mit seinen ungekämmten Haaren wirkte er auf mich, als wäre er gerade eben aus dem Bett gefallen. Und seine Bewegungen waren eher hektisch und nicht locker entspannt. Vielleicht hatte er auch noch im Kopf ein wenig Honig.

Als ich an ihm vorbei ging, blickte er mich fragend an: „Honig?“

Verneinend schüttelte ich den Kopf.

„Ich muss zur Arbeit, mein Job ruft“, schob ich wie zur Entschuldigung hinterher und ließ ihn mit paar Schritten hinter mir.

Das war natürlich gelogen. Mein Job hatte mich nicht gerufen. Um bei der Wahrheit zu bleiben, ich habe zu keiner Zeit nie meinen Job jemals rufen hören, egal wie angestrengt ich auch lauschte. Es heißt zwar „Beruf“, aber selbst wenn er „Aaruf“ hieße, rufen tut der nicht. Klar, wer „Aaruf“ sagt, muss auch „Beruf“ sagen. Sonst ist am Monatsende recht schnell Essig mit dem eigenen Ruf bei Banken, Versicherungen, Geschäften, Vermieter und Freunden. Aber rufen, nein, das tut ein Job nicht, auch wenn es der Beruf ist.

„Franz Beckenbauer ist tot!“, hörte ich hinter mir her rufen, während ich meine ‚Ruf‘-Gedanken zu Ende dachte.

„Haben Sie schon gehört, der Franz Beckenbauer ist tot,“ rief mir der Honigmann nochmals wesentlich lauter hinterher. Ich drehte mich um und hob leicht hilflos meine beiden Arme, um ihm anzudeuten, dass mich das Thema nicht wirklich berührte. Eigentlich lies es mich sogar ratlos und eher kalt.

Anfangs lag mir ein spontanes „Gibt es heute Abend dazu einen ARD-Brennpunkt mit Sigmund Gottlieb?“ auf der Zunge. Aber ich unterließ es. Es wäre öffentliches Verspotten gewesen und das musste nicht sein. Er wollte lediglich Honig verkaufen. Ihm mit Spott seinen Elan und seine Verkaufsstimmung zu vermiesen, das würde nur sein Geschäft für heute beeinträchtigen.

Vorsichtshalber prüfte ich trotzdem noch in meinem Smartphone die lokale, nationale und internationale Nachrichtenlage ab. Man weiß ja nie, ums Verrecken nie. Aber ein „Schaun mer nimma mal“ war nirgendwo ein Aufmacher. Ja, äh, ich sag mal so, der Holzmichel Beckenbauer lebt dann wohl noch.

Und in vier Tagen, am 11. September (den berühmt berüchtigten), wird er seinen 72. Geburtstag feiern. Darum an dieser Stelle:

„Ja, äh, ich sag mal, ‚FIFAt, FIFAt‘, lieber Franzl“ , bevor es der Blatter oder ein Infantino vor mir macht, woll.

Die morgendlichen Straßen wirken inzwischen herbstlich als noch vor einer Woche. Vor acht Tagen reichte es noch zu wohligen Temperaturen um die 31 Grad Celsius. Und morgens war es noch über 20 Grad. Inzwischen bin ich bereits froh, wenn um die frühe Stunde bereits die Hälfte davon erreicht wird.

Dass der Sommer bereits Geschichte ist, lässt sich in München an den Kastanienbäumen ablesen. Ihr Blätter zeigen braune Ränder und die ersten reifen Fruchtkapseln öffnen sich. Bayerns wucherndes Pfund der Biergärten sind die Kastanienbäume in eben diesen Biergärten. Zu den Gründungszeiten muss wohl in Bayern eine Klosterverordnung existiert haben, welches übermäßigen Bierkonsum und Bierräusche nur in Biergärten unter Kastanienbäumen erlaubte. Das war kein nettes Gesetz, denn in den abgeholzten Tallandschaften Bayerns gab es keine Bäume, aber wohl eine gewisse Gier nach Bier. Denn seit dieser Verordnung ist Bayern voll von Kastanienbäumen. Vielleicht könnte das auch als Aufforstungsmaßnahme in anderen Ländern (u.a.a. Amazonas oder so) helfen.

Nun ja. Der Sommer ist passé und das Sitzen in Biergärten unter Kastanienbäumen eine Erinnerung. Im Herbst macht es weniger Spaß, dort zu sitzen. Es ist kühl, die Sonne ist nicht mehr so kräftig, das Grün der Blätter ist eher bräunlich und es ist irgendwie lästig, alle zehn Minuten eine Kastanie aus seinem Bier zu fischen.

Alle zehn Minuten.

Das ist natürlich übertrieben. Die Wahrscheinlichkeit, das eine Kastanie in ein Bierglas plumpst, ist sehr gering. Wenn dem der Fall so wäre, gäbe es auch signifikant mehr Menschen mit Kopfverletzungen in Biergärten. Nur mal so angenommen: selbst wenn so eine stachelige Kastanienfrucht Macht eines ihr irgendwie gearteten Willens vorhaben würde, also, ein Wollen haben würde, in ein gefülltes Bierglas zu landen, dann würde sie es dennoch nicht schaffen: es wäre doch immer über dem Glas ein Kopf, welcher bierdimpfelnd sich Gedanken darüber macht, wie sein Bier effektiv vor fallenden Kastanien zu schützen wäre.

Während laut Zeitungsverlag FAZ sich hinter deren Zeitung immer ein kluger Kopf befindet, ist es nun mal beim Bier der Kopf darüber. Und das ist auch nicht unklug. Denn zum Schutze des bayerischen Reinheitsgebotes des Bieres sollte eigentlich einem klugen Kopf kein Preis zu hoch sein. Andererseits, es hat nie jemals ein Rauschen in den Zeitungsblättern dieser Nation gegeben, weil massenhaft blutige Köpfe in den Notaufnahmen verbunden wurden, eben weil es in bayrischen Biergärten zu einer gefühlten Bombardierung der Biertrinker durch Kastanienbäume mit deren stachelige Früchte gekommen wäre.

Ein Zusammenstoß zwischen Kopf und Kastanie ist somit als recht unwahrscheinliches Ereignis einzuordnen. Zumindest kenne ich niemanden, der jemanden kennt, der von so einem Fall gehört hat und zu berichten weiß, dass jemanden Kopfes wegen Kastanienfrüchte genäht oder geklammert werden musste.

Sollte trotzdem wer vor so einer schmerzhaften Begegnung Angst haben, ein kleiner privater Tipp von mir: die Wahrscheinlichkeit, dass so ein Ereignis eintritt, kann verringert werden, indem man gleichzeitig hinter dem Bierglas noch eine FAZ studiert. Ich weiß, ich bin ein kluger Kopf. Findet ja auch die FAZ. Aber nur wenn ich deren Zeitung kaufe, um mich vor fallenden Kastanien beim Biertrinken zu schützen. Darüber hinaus haben die Blätter solch einer Zeitung noch einen weiteren Vorteil.

„Trinken Sie das Bier noch aus, oder soll ich es abräumen?“

„Ach, nein, danke, ich trinke es hier nicht mehr. Die Rechnung, bitte. Und, können Sie mir den Rest vom Fass dann zum Mitnehmen bitte in meiner Zeitung hier eindrehen?“

Sollte der Kellner ja sagen, dann würde ich allerdings auch in Erwägung ziehen, dass nach dem Überreichen der FAZ ein spontanes Kastanienbombardement des Baumes über mir einsetzen könnte.

Ja, äh, ich sag mal, das war jetzt Biergartenwahrscheinlichkeitsrechnung praktisch durchdacht.

Königsgambit

C: Ich krieg dich, du Arsch! Pass auf!

D: Nein, Sie kriegen mich nicht. Niemand kriegt mich.

C: Doch. Heute bist du dran. Damals hatten wir nur 3-86-Computer, aber heute haben wir die ganze Power der Zentrale zusammen geschlossen, um dich dingfest zu machen! Wir werden dir das Handwerk legen.

H: Chef, er ist im Zentrum aufgetaucht.

C: Wo ist er jetzt?

H: Chef, er bewegt sich auf Planquadrat D3 zu.

C: D3? Das ist nicht logisch. Was sucht er da? Das wird ihm nichts bringen.

H: Chef! Korrektur, Planquadrat E4! Übertragungsfehler! E4 ist korrekt!

C: E4, he? Jetzt fühlst du dich stark, nicht wahr? Willst mal wieder im Mittelpunkt aller stehen, nicht wahr?

D: Stört Sie das? Aber in der Mitte ist doch immer die meiste Luft. Nach allen Seiten hin.

C: Du fühlst dich wohl besonders schlau, nicht wahr. Aber mach dir keine Sorgen, bald haben wir dich und dann kenn ich kein Pardon!

D: Kein Pardon? Vorsicht, Sie engagieren sich zu sehr emotional. Das könnte auf Befangenheit hindeuten. Ihnen könnte die Objektivität abhanden kommen.

C: Red‘ kein Blech, Dunderhead! Du weißt, wie ich es sehe. Du gehörst wieder zurechtgestutzt auf das, was du vorher warst. Du kannst nicht immer gewinnen!

D: Nicht? Hören Sie mich lachen? Ich werde gewinnen und ich werde mir immer mehr holen.

C: Du hast also auch die junge Frau aus Belgien hinweg gefegt!

D: Ich weiß. Aber sie war noch so unschuldig. Einer musste es ihr doch mal beibringen zu erfahren, wo ihre wahre Stellung ist.

C: Und was war mit den beiden Jungen, die sich dir stellten?

D: Die beiden Buben? Ein Kinderspiel! Die vermisst keiner.

C: Halte dein Mundwerk im Zaum, Dunderhead!

D: Jihaaah! Sie legen mir kein Zaumzeug an. Sie nicht! Ich bin doch nicht ihr Gaul Niemandes Gaul!

C: Das werden wir sehen. Heute ist dein Ende gekommen. Ich mach dich fertig! Ich werde dir dein Handwerk legen. Du hinterlässt keine Spur der Zerstörung mehr!

H: Chef, unsere Computer melden wieder Bewegung.

C: Bewegung? Wohin?

H: Chef, Planquadrat …

C: Lass mich raten, er bewegt sich zielgerichtet in Richtung F2, nicht wahr?

H: Jawohl, Chef!

C: F2. Jetzt habe ich dich dort, wo ich dich hin haben wollte. Fast an dem Rand. Dunderhead, du begibst dich aus dem Zentrum raus? Hast wohl Schiss, gib es zu!

D: Schiss? Das ist das, was ich auf Ihre Planpapiere hinterlasse. Und zwar einen ganzen dicken, mein Bester. Meine Planpapiere sind besser, größer, weitreichender als ihre Mickrigen.

C: Ich bin nicht dein Bester, merk dir das.

D: Ach ja? Haben Sie etwa den Vorfall mit Ihrem Bruder vergessen?

C: Meinen Bruder? Was soll ich vergessen haben?

D: Als ich ihn niedergemäht hatte. Erbarmungslos. Ausradiert. Einfach so.

C: Mein Bruder wurde nie niedergemäht. Von niemanden! Hätte er sich nicht umgebracht, ich würde ihn als Zeuge dafür benennen!

D: Sich nicht selbst umgebracht? So, so. Ihre werte Meinung. Wenn Sie meinen. Sind eigentlich alle aus Ihrer Familie solche geistigen Flachpfeifen, die sich nicht zu verteidigen wissen?

C: Was hattest du mit meinem Bruder gemacht?

D: Das selbe wie mit Ihrem Vater vorher. Sie erinnern sich noch? Man fand ihn leblos über den Tisch gesunken. Mein Bester, Sie envolvieren sich zu sehr. Denken Sie an meinen Ratschlag. Lassen Sie es nicht persönlich werden. Sonst werden Sie wegen Befangenheit das Spiel verlassen.

C: Dunderhead, du denkst wohl, du bist ein Oberschlauer, nicht wahr. Mein Vater hatte einen unentdeckten Tumor, an dem er starb.
Ich werde jetzt Einheiten auf diesen Gauner vorrücken lassen! Es reicht.

H: Chef, er hat sich wieder bewegt.

C: Wohin?

H: Chef, Planquadrat H1.

C: H1? H1?! Wieso H1? Was sucht er in der Ecke? Das macht doch keinen Sinn! Was heckt der wieder aus? Der springt mir zu sehr.

H: Chef, das ist sein Naturell.

C: Willst du mich belehren? Das weiß ich selber!

H: Nein, Chef, nein, das wollte ich nicht, ich wollte …

C: Schnauze halten! Jetzt werden wir ihm eine verpassen, ihn matt setzen, den Kaffeehausspieler. Alles bereit und warte auf meine Anweisungen!

D: Wie war das nochmal mit dem Spanier? Sie erinnern sich an den Spanier?

C: Der Spanier? Der geschlossene Spanier?

D: Naja, so geschlossen war er nicht. Ich habe ihn aufgemacht, fein seziert und zerlegt. Und dann zurück gelegt. Er hat nie wieder sich gegen mich erhoben. Es sah so natürlich aus, als man ihn mit verdrehten Augen fand.

C: Du meinst wohl, wir spielen hier ein Gambit, Dunderhead? Du liebst es, Opfer vor dir liegen zu sehen?

D: Was denn sonst? Gambit ist die höchste Kunst der Künste. Königsgambit. Und Sie, mein Bester, sind ein König. Sie sind heute dran. Heute sind Sie mein Ziel, mein Opfer. Niemals werde ich ruhen, bis dann alle Könige vor mir zu Kreuze kriechen werden.

C: Du kommst dir wohl ganz groß und mächtig vor, Dunderhead, nicht wahr. Aber wir beide hier verfolgen dich, wir kennen jeder deiner Schritte und wir berechnen alle deine zukünftigen im Voraus. Wir kriegen dich, bevor du überhaupt in meine Nähe kommst. Überhaupt in mein Quartier eindringen kannst. Du Superhirn für Arme! Und dich werden wir …

D: Kennen Sie die Aljechin-Pulaski-Variante des Doppel-Turm-Gambits?

C: Aljechin war Großmeister des 20. Jahrhunderts. Und wer soll Pulaski sein?

D: Der Begründer der amerikanischen Kavallerie des 18. Jahrhunderts..

C: Aljechin und Pulaski haben nicht im Geringsten etwas miteinander zu tun!

D: Nichts? Sicher?

C: Und was soll ein Doppel-Turm-Gambit sein? Wieder so eine Erfindung von dir, Dunderhead?

D: Doppel-Turm-Gambit ist, wenn alle Türme gleichzeitig fallen. Kennen Sie das nicht? Und noch etwas: Sie sollten mich nicht immer „Dunderhead“ nennen. Sie wissen, das macht mich wütend. Und wenn ich wütend bin, dann bin ich gefährlich und unberechenbar.

C: Ach ja, Dunderhead? Was Sie nicht sagen, Dunderhead.

H: Chef. Er ist verschwunden, wir haben ihn verloren!

C: Was haben wir?

H: Chef, vorhin war er noch klar lokalisierbar in Planquadrat H1. Aber jetzt ist er weg.

C: Weg? Wie „weg“?

H: Chef, weg, einfach weg, fort, futschikato, verschwindikowski, Chef.

C: Ich verstehe nichts. Dunderhead! Dunderhead, Du lausiger Springer! Was hast du vor? Glaube ja nicht, wer du bist! Wir kriegen dich! Dunderhead, du mieser Schachbrettfigurenschubser!

D: Nun ich bin noch nicht fort. Sie kennen den Rösselsprung, mein Bester?

C: Rösselsprung?

D: Der Springer beherrscht ihn. Tja, und jetzt ist ihr lieber „Dunderhead“ einfach mal so vom Brett gesprungen, ihr geliebter Springer „Dunderhead“. Einfach so. Von H1 direkt neben das Brett neben der dritten Reihe. Und wissen Sie, was ihr geliebter „Dunderhead“ jetzt machen wird?

C: Dunderhead! Unterstehe dich! Lass das!

H: Mein Bester, jetzt beginnt das Königsgambit kombiniert mit dem Doppel-Turm-Gambit, das Tödlichste und Vernichtenste aller Schachgambits.

C: Dunderhead! Spiele fair! Ich gebe Dir auch ne Chance, ich nehme dort vorne auch meinen Bauern vor der Grundlinie weg. Einfach so. Ist das nicht ein faires Angebot? Dunderhead? Dunderhead!

H: Chef, das Brett kippt. Dunderhead kippt das Brett!

C: Was? Dunderhead! Dunderhead!

H: Chef, wir kippen! Die ersten Schachfiguren fallen bereits vom Brett!

C: Dunderhead, Du charakterloses Arschloch! Lass das! Spiele fair! Dunderhead, höre damit auf, Daaaan-daaaa-heeeeeeeeee ….

 


 

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Wie verschiedene Presseagenturen in etwa gleichlautend mitteilten, soll nach noch nicht bestätigten Berichten wieder ein Schachspieler beim internationalen Schachturnier gegen die künstliche Internetintelligenz „AlphaOmega“ verstorben sein. Diesmal handele es sich offenbar gar um den englischen Schachgroßmeister „Blacky Klein“. Berichten entsprechend wurde „Blacky Klein“ leblos vor seinem Schachrechner-Clusterverbund aus zwanzig Großrechnern von seinem Helfer und Adjutanten Emanuel Reksal aufgefunden worden sein. Tragisch daran ist besonders, dass „Blacky Klein“ wohl schon das dritte Mitglied einer Familie von mehreren Schachgroßmeistern ist, welches bei dem derzeit stattfinden, internationalen Schachturnier im Internet gegen „AlphaOmega“ gestorben ist. Schätzungen gehen davon aus, das in den letzten beiden Wochen bislang zu dreißig Todesfällen bei diesem Turnier gekommen sein könnte. Politiker vieler Nationen forderten bereits das Abschalten von „AlphaOmega“. Jedoch wird das von führenden Wirtschaftsexperten vehement abgelehnt. Ein Eliminieren von „AlphaOmega“ würde gleichzeitig bedeuten, dass das Internet komplett über Tage abgeschaltet und danach neu aufgebaut werden müsste. Dieses brächte der Weltwirtschaft unverantwortbare Auswirkungen und unabsehbare Negativkonsequenzen für den Wohlstand der führenden Industrienationen. Eine Expertenkomission aus bedeutenden Software-Programmierern soll nächste Woche in New York gegründet werden, die sich des Themas annehmen, um eine Lösung zu finden.

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