Immer wieder Donnerstags das jährliche Gemeinschaftsevent


„Guten Tag, der Herr. Wie kann ich Ihnen behilflich sein?“

„Ich hätte gerne einen Tisch.“

„Einen Tisch. Davon haben wir viele. Haben Sie irgendwelche besonderen Vorstellungen?“

„Ja. Dreizehn Personen müssen dran Platz haben.“

„Dreizehn? Na, wenn das nicht mal Unglück bringt. Da hätten wir dort drüben unser Modell ‚Großfamilie‘ aus importiertem Eichenholz und spezial behandelter Oberfläche …“

„Nein, nein, der ist zu klein. Es müssen dreizehn Leute auf einer Seite passen.“

„Auf einer Seite? Lassen Sie mich mal überlegen.“

„Das war der Wunsch der Gruppe. Alle auf einer Seite und der, der in der Mitte sitzt, so, dass er im Lichte der Abendsonne beleuchtet sitzen kann. Soll übrigens ein Mann vom Fach sein. Der kennt sich angeblich aus. Sein Vater war auch Tischler. Also mir heute keinen Schrott andrehen, okay.“

„Was ist denn das für eine Gruppe, wenn ich mal fragen dürfte?“

„Keine Ahnung. Sie bringen noch vier Hobby-Autoren und einen Auftragsmaler mit.“

„Künstler?“

„Vielleicht.“

„Hoffentlich nichts, was nachher meinen Ruf als Tischler schädigt. Ich liefere nichts für Terroristen, Sex-Orgien oder Verschwörungstheoretiker. Ich muss auch an meinen Ruf denken.“

„Keine Sorge. Es ist sogar angeblich ein Banker dabei. Die Autoren sollen alles aufschreiben und der Maler bringt seine Staffelei mit, um die Szene auf Leinwand festzuhalten. Also wird es schon nichts weltbewegendes werden.“

„Banker? Sind das nicht Geldwäscher? Hm. Also, wir hätten dann noch das Modell ‚Abendmahl‘. Der letzte Tisch, den ich davon noch hier habe, handgetischlert aus Zedernholz. 1a Qualität. Edel und dem Zwecke angemessen. Ein sehr lang gestreckter Tisch, dafür aber schmal. Ich hoffe, es wird in der Gruppe nicht üppig geschlemmt? Ansonsten ist die Breite kritisch.“

„Nein, nein, die wollen angeblich nur Wasser und Brot haben. Der Maler an der Staffelei beherrscht die bildliche Darstellung komplexer Gerichte noch nicht so, soll aber unheimlich gut Portraits malen können. Einer aus Rom. Nennt sich Leonardo. Malt am liebsten lächelnde Menschen.“

„Nur Wasser wollen die? Ich hätte da noch paar guten Wein aus der Gegend nördlich von Rom im Lager. Ich könnte ….“

„Nein, nein. Nur Wasser und Brot war deren ausdrücklicher Wunsch. Haben Sie übrigens Wasser aus den Bergen vorrätig? Die Leute wollen das normale Wasser nicht. Die meinen, das wäre verschmutzt durch die vielen Abwässer und bestanden aus Bergwasser. Biologisch und vegan muss es sein.“

„Habe ich, habe ich. Erst gestern ist eine neue Ladung reingekommen. Geht immer weg wie warmes Fladenbrot.“

„Nun gut, dann nehme ich diesen Tisch hier, Ihren letzten ‚Abendmahl‘-Tisch, dazu achtzehn einfach Schemel und einen Behälter Bergwasser.“

„Gerne. Bis wann soll ich liefern?“

„Bis heute Abend um fünf vor Sonnenuntergang. Die wollen sich um sechse treffen und danach noch ein wenig in den Garten hier um der Ecke.“

„Bereiten die sich etwa auch auf das morgen stattfindende alljährlich Freitag-Nachmittag Casting auf dem Marktplatz vor? Es wird wieder spannend, welcher der Kandidaten ausscheidet und nach Hause gehen muss. Wenn der Pontius Pilatus dann wieder sein berühmte Verzögerungstaktik anwendet, dieses ‚und du mein lieber Gefangener, du bist es … du bist es …. heute leider nicht, du darfst in die letzte Runde zur Kreuzigung‚. Das ist jedes Jahr immer die gleiche Show. Barnabas ist wieder dieses Jahr dabei. Vielleicht schafft er es diesmal endlich mal in die letzte Runde. Verdient hätte er es.“

„Ich interessiere mich nicht für dieses ‚Jerusalem sucht den Superstar‚. Langweilt mich. Immer diese Theatralik. Ist doch alles gescriptet. Alles nur Show. Also, dann ist es abgemacht? Ich krieg den Tisch bis spätestens heute um fünfe, damit die Gruppe dort ihre Abendessen durchführen kann?“

„Geht in Ordnung.“

„Okay, dann bis später.“

„Bis später.“

Kneipengespräch: Krieger, denk mal …


C360_2013-12-12-17-12-54-529_DxO_thumb.jpg Die ganze Zeit saß er schweigsam neben mir und nur hin und wieder entfuhr ihm ein leichter Seufzer. Ansonsten sagte er nichts. Sein Business-Anzug war von edlem Stoffe. Dessen mattes Dunkelgrau strahlte eine Ruhe und Überlegenheit aus, die allerdings kaum zu den Gesten seines Trägers passten. Immer wieder hob er seine Kölsch-Stange auf Mund-Höhe, setzte sie aber unentschlossen ab, spielte darauf mit seinen Fingern an dem Sockel des Glases und trommelten dort einen unhörbaren Rhythmus drauf. Das machte er drei oder viermal, bis es mich störte und ich mich ihm zuwandte.

„Sie müssen das Kölsch schon trinken. Lediglich es in Gedanken zu tun, hilft nichts, denn dann wird’s schal. Prost.“

Ich hielt ihm mein Kölsch zum Anstoßen hin. Aber er sah mich nur an. Wenn Augen der Spiegel zur Seele sind, dann sah ich tief in einem leeren Abgrund. Mit seiner linken ruckelte er kurz seine fliederfarbenen Krawatte in Position, strich vorsichtig über sein weißes Hemd und ergriff sein Kölsch.

„Wissen Sie, da sagen Sie etwas bedeutendes.“

„Prost?“

„Nein, Gedanken.“

„Sie machen sich Gedanken? Ich mach mir lieber einen schönen Abend.“

„Sie denken nicht, okay, sie geben mir aber zu denken. Wissen Sie, was Nekrophilie ist?“

„Ich denke Gedanken, also bin ich. Und Menschen mit nekrophiler Veranlagung fühlen sich von toten Gegenständen angezogen, weil sie Angst vor dem Lebendigen haben.“

„Richtig, mein Bester“, er hob sein Glas und stieß mit mir an, „auf deutsch, solchen Menschen ist ein Blechschaden an der eigenen Karre mehr Aufregung wert als die weltweit an Hunger sterbenden Kinder. Das Blech ist heilig. Und ein Galgen ist solchen Menschen beachtenswerter als jener Mensch, der drunter steht.“

Ich nahm einen Schluck aus meinem Glas und versuchte abzuwiegeln, um das Gespräch in seichtere Gewässer zu führen: „Sind wir nicht alle ein klein bisschen nekrophil?“

„Für jene ist das größte Aphrodisiakum all jenes, was den Geruch von Tod an sich hat: Uniformen, Raketen, Drohnen. Nicht, weil dies lediglich Totes sind, sondern weil sie den Geschmack des Todes bringen. Und der Tod ist das größte Aphrodisiakum der Menschen.“

„Ich habe aufgehört mir Gedanken darüber zu machen, denn es führt in die Gedankenlosigkeit. Können wir das Thema wechseln?“

„Wissen Sie, Gedanken sind so eine Sache. Wer macht sich denn eigentlich Gedanken. Nur wir Menschen. Evolutionstechnisch hat es uns an die Spitze der Nahrungskette dieser Welt gebracht, aber auch Mord und Totschlag haben sie erschaffen.“

„Und die Religionen. Unterschätze nie die Macht dummer Leute, die einer Meinung sind. Tucholsky.“

Er schien, über meine Bemerkung hinweggehört zu haben, und schaute grübelnd auf sein Glas: „Vielleicht ist die Fähigkeit, Gedanken zu entwickeln und zu haben, einfach nur eine eigentümlich Fehlentwicklung der Natur. Spätestens bei der Frage, wer hat das System erschaffen. Selbst auf eine stundenlange Antwort kann locker die postwendende Frage ‚Und wer oder was war der Schöpfer davon?‘ retourniert werden und zeigt, dass dieses sinnlose Spiel unendlich getrieben werden kann, um Menschen in die Anzweiflung dem Sinn ihrer Existenz zu treiben.“

„Der Gedanke als Virus? Ein Gedanke ist wie ein Virus, resistent, hochansteckend und die kleinste Saat eines Gedanken kann wachsen. Er kann Dich aufbauen oder zerstören. Aus dem Film Inception.“

Dummköpfe zu ertragen, ist sicherlich der Gipfel der Toleranz. Voltaire.“

Jedes Monster hat als Mensch begonnen. Ablee.“

Viele Menschen würden eher sterben als denken. Russel.“

Wir schwiegen. Uns fielen keine Zitate mehr zum Auftrumpfen ein.

Er trommelte wieder auf den Sockel seines Glases und schaute mich an: „Wissen Sie, als der Computer DeepBlue 1996 im Schach den Schachweltmeister Garri Kasparov besiegte, waren wir erstaunt. Aber Schach erschien uns berechenbar, weil endlich. Im Februar 2010 schlug der IBM-Computer Watson im Jeopardy die damaligen Rekordhalter dieses Spiel, Jennings und Rutter, sehr deutlich. Die künstliche Intelligenz Watson verstand bereits menschliche Wortspiele und auch Hintersinne. Inzwischen erschuf Watson auch noch einen Film-Trailer, der letztes Jahr ins Kino kam. Die von der Firma Google geschaffene künstliche Intelligenz AlphaGo hat das äußerst komplexe Brettspiel GO durch einfaches Zuschauen erlernt. Vor einem Monat, am 3. März, hat AlphaGo dann den südkoreanischen Go-Weltmeister Lee Sedol mit 5:0 deklassiert. Computer und deren Software lernt das Denken und wir stehen dabei und wundern uns.“

„Na gut, durch künstliche Intelligenz wäre es keinem Piloten mehr möglich eine Passagiermaschine in einen Berg zu steuern oder mit zu knappen Treibstoffvorrat ein weit entferntes Ziel anfliegen. Eine KI würde dem Piloten die Gewalt entziehen und die Maschine darüber hinweg fliegen oder den nächsten Landeplatz ansteuern. All die Kinder aus Haltern und auch die brasilianische Fußballmannschaft würde dann noch leben.“

„Nur was machen wir, wenn die KI das Lebenswichtigste erkennt, was unser Leben steuert? Zum Beispiel in einem Tesla-Fahrzeug“

„Wenn in nicht ferner Zukunft erneut ein Tesla-Fahrzeug bei hohem Tempo einen kreuzenden LKW in seiner Fahrbahn entdeckt, dann wird der analysieren, ob er eher rechts in die Gruppe der Rentner oder links in die Kindergruppe am Straßenrand steuert oder ob der Fahrer doch noch sterben muss, weil alle anderen wertvoller sind. Er wird analysieren, was das geringere Übel sein könnte.“

„Falsch. Er wird reagieren wie wir Menschen. Er wird das Prinzip des Überlebens um jeden Preis wählen. Kein Mensch wird sich überlegen, wer wo am Straßenrand steht, sondern nur, wie er am besten der lebensgefährlichen Situation entkommt. Der Tesla wird sich dieses vom Menschen abschauen und berechnen, mit welcher Kollision er den geringsten Schaden an sich erzeugt. Er wird erlernt haben, was es heißt zu überleben und dass der Mensch in lebensgefährlichen Situationen drei Grundregeln kennt: fliehen, tot stellen oder kämpfen. Der Mensch wird für den Tesla dann zweitrangig.“

„Wir sollten dagegen kämpfen.“

„Ah ja. Krieger, denk mal.“

„Denken. Ich denke, also werde ich sein,“ sinnierte ich vor mich hin.

Wie kann es sein, dass ich, der ich bin, bevor ich wurde, nicht war, und dass einmal ich, der ich bin, nicht mehr ‚Der-ich-bin‘ sein werde? Vom Engel Damiel aus Der Himmel über Berlin.“

Aber du bist ja nicht da. Ich bin da. Es wäre schön, wenn du da wärst … du könntest mit mir reden. Peter Falk“, seufzte ich meine Erwiderung und schaute beim Aufblicken den Wirt an. In dessen Augen erkannte ich den mir altbekannten Vorwurf der letzten Zeit. Ich blockierte ihm wohl seinen Feierabend.

„Na? Wieder wach? In letzter Zeit säufst du mir zu viel. Ist zwar gutes Geschäft für mich, aber du ruinierst dich noch. Denk mal drüber nach. Ich mach jetzt zu. Feierabend. Du darfst zahlen und gehen. Compañeiro.“

Ich stand auf, legte ihm ein paar Scheinchen auf den Tresen und wankte auf die mir ausweichende Tür zu …

Rosenmontag war gestern, heute ist Nelkendienstag!


Rosenmontag ist passé und der Südosten Deutschlands bereitet sich schon auf den politischen Aschermittwoch vor, um darauf natlos sich in der Starkbierzeit dem Vergessen des vorherigen Faschingstreibens hingeben zu können.

In der Zwischenzeit wurden kleine güldene Statuen an Personen für deren filmische Machenschaften von einem amerikanischen Elferrat mit Code-Namen „Filmender Frohsinn“ aus Los Angeles überreicht. Und während der Verleihung schauten unterdessen alle auf Twitter nach, was denn der @realDonaldTrump zu jener Oskarverleihung so zu sagen hätte. Aber es kam nichts von ihm. Hatte er etwa seinen Fernseher nicht an? Oder war er überhaupt im Weißen Haus oder seinem Trump Tower? Spekulationen um seinen Gesundheitszustand schossen ins Kraut.

Die der Fake News völlig unverdächtige Klatschpresse um Fox News und so hatte gleich heraus gefunden, was wirklich geschehen war:

Donald Trump versuchte sich in Begleitung eines Secret Service Agenten im Kölner Karneval beim Rosenmontagszug zu amüsieren. Unter den vielen anderen Menschen mit Trump-Masken fiel er, der @realDonaldTrump, ja eh nicht weiter auf. Jedoch – so soll Fox News berichtet haben – als @realDonaldTrump das zwölfte Küppers-Kölsch ge-ex-t haben sollte, brach er wohl zusammen. Er schien nicht mehr zu atmen, seine Augen waren verdreht, Schaum quoll ihm aus dem Mund und sein Smartphone wies kaum noch Akkuladung auf. Der Secret Service Agent griff zu seinem eigenem Smartphone und wählt die Nummer der Amerikanischen Botschaft in Berlin. „Ich glaube, der Präsident ist tot“, schrie er panisch in sein Handy, „was soll ich machen?“ In der Amerikanischen Botschaft versuchte man wohl zuerst, den Mann zu beruhigen: „Regen Sie sich nicht auf, wir werden Ihnen helfen. Stellen sie erst mal sicher, dass er wirklich tot ist.“ Am anderen Ende der Leitung herrschte einen Augenblick Stille. Dann fiel ein Schuss. „Erledigt“, sagte der Agent, „was jetzt?“

Der Agent hatte wohl nicht sorgfältig genug gezielt, wusste Breitbart News Network gleich aus gut unterrichteten Kreisen danach zu berichten. Der Präsident wurde per Luftfracht direkt in die Berliner Charité verfrachtet und dort notoperiert. So lag der @realDonaldTrump erschöpft, aber glücklich, weil lebend, in seinem Bett, als sein Vize Mike Pence auftauchte, um ihn zu besuchen. Mike Pence sah den Präsidenten vor sich liegend, verbunden an eine Unzahl von Schläuchen, die an der Decke und über den Boden liefen. Plötzlich fing der Präsident an zu keuchen. Da er nicht sprechen konnte, bat er Pence in Zeichensprache um einen Stift. Der @realDonaldTrump kritzelt auf einen Zettel einen Satz und fiel anschließend in ein tiefes Koma. Mike Pence sah den Zettel und reagierte sofort: „Das geht mich nichts an, weil nicht getwittert“ und brachte den Zettel umgehend der Frau des Präsidenten. Die studierte den Zettel und fiel in Ohnmacht. Daraufhin nahm Mike Pence den Zettel an sich und las: „Du Idiot, geh von meinem Schlauch runter!“

Berühmt berüchtigte Fake News-Vertreter aus den USA, also die New York Times, CNN und Buzzfeed, meinten dagegen berichten zu wollen, dass es sich bei der ganzen angeblichen Geschichte lediglich um mutmaßliche „Fake News“ handeln würde.

Gesichert ist jedoch laut diverser Teilnehmer der wöchentlichen Narrenveranstaltung in Sachsen, der PEGIDA-Dresden, dass von den berühmt berüchtigten Fake News-Vertretern aus Deutschland (wie SZ, FAZ, Zeit, Stern, Spiegel, taz und Bild) verschwiegen wird, dass an einem Reststück der Berliner Mauer am Berliner Wannsee offensichtlich eine Kinderhand in roter Farbe ein „Gott erhalte Donald Trump“ hinschmierte. Und in kleinen blauen Kleinbuchstaben drunter ein „möglichst bald“ kritzelte. Die Polizei wollte das bislang weder bestätigen noch dementieren, da ihr am Wannsee bislang keine Berliner Mauer bekannt sei. Sie vermutet berechtigterweise nicht „Fake News“, aber eine Ente verkleidet als ultrawichtige Nachricht vom Berliner Wannsee.

Und an dieser Stelle fragt sich der geneigte Karnevalsabstinenzler:

Ist das Humor?

Oder kann das weg?

Zum heiteren Karneval: Die Lage ist ernst …


Vielleicht hätte ich es unterlassen sollen. Am Alter Markt in der Kölner Altstadt. Zur Eröffnung des Straßenkarnevals am Altwieverfastelovend. Ich hätte es unterlassen sollen. Als ich bei einem der vielen Polizisten mit ihren durchgeladenen Maschinengewehren, die zum Schutze der Altwieverfastelovend-Jecken an strategischen Punkten öffentlich sichtbar positioniert waren, als ich in so einem Maschinengewehrlauf eine rote Nelke hinein steckte.

Nelken in Gewehrläufe. Tut man nicht. Nicht kurz vor Karnevalsbeginn, vor 11:11 Uhr. Und auch nicht kurz danach, nach 11:11 Uhr. Selbst dann nicht, wenn auf der großen Bühne diverse Karnevalsgesellschaften die Veralberung des Militärischen mit ihren offiziellen Karnevalsuniformen betreiben.

Nelke in Gewehrlauf. Das ist kein Spaß. Selbst wenn man es mit einem freundlichem Lachen tut.

Sie verkennen den Ernst der Lage, mein Lieber!“

Seine Worte waren von ihm langsam und bedächtig ausgesprochen worden. Mit einer Geste winkte er seinen Begleiter heran.

Ich bezweifle, dass die Lage überhaupt Ernst verdient hat. Sie ist eher lachhaft“, entgegnete ich und versuchte ebenfalls Ruhe in meiner Sprache zu bringen.

Sie sollten vorsichtig mit Ihrer Einschätzung sein. Es gibt viele Leute, welche die Lage sorgt.“

Sein Begleiter stand jetzt hinter ihm. Sein Blick fixierte mich wie ein Gerichtsdiener einen Verbrecher beobachtet. Ich war mir meiner Einstellung sicher, aber der Mann und sein Begleiter waren aus einem anderen Holz geschnitzt als vielleicht jene, die zuvor mit mir in Kontakt getreten waren. Freudloser erschienen sie mir.

Warum habe ich den Eindruck, dass Ihnen die Sorgen anderer Freude bereiten?“

Das Wort ‚Freude‘, mein Lieber, ist deplatziert. Eine solche Lage ist nie eine ‚Freude‘.“

Aber Sie schüren mit Begeisterung Angst.“

Ich schüre keine Angst. Ich versuche lediglich, die Situation stabil zu halten.“

Sie malen den Teufel an die Wand und nähren die Angst, dass der Teufel mächtiger sei als alles andere.“

Sein Blick musterte mich abwägend.

Nennen Sie es, wie Sie es wollen, aber akzeptieren Sie die Notwendigkeit des Ernstes … .“

… der Lage, ich weiß.“

Meine Ungeduld hatte mich ihm ins Wort fallen lassen. Und ich wollte der kurz entstandenen Gesprächspause keinen weiteren Raum gewähren:

Sie haben Angst vor dem Lachen der Menschen. …“

Das Lachen ist ein Zeichen der Beschränktheit des Menschen …“

Das Lachen ist ein Zeichen, dass Angst besiegt wurde, und dass Schreckensbilder keine Macht mehr über den Menschen haben. Ein lebensnotwendiges Ventil, Widersprüche weg zu lachen.“

Ein Mensch, der sich von einer Angst befreit, ist ein unkontrollierbarer Mensch.“

Ihr Leitbild ist somit der kontrollierte Mensch? Darum der Aufmarsch der Waffen hier?“

Was für das Individuum hin und wieder eine Wohltat sein kann, ist für die Massen eine Geißel, die durch so etwas in Anarchie abzugleiten droht.“

Es ist nichts Schlechtes dabei, wenn die Ernsthaftigkeit der Gegner durch Lachen zersetzt wird.“

Das Lachen ist ein Zeichen für einer niedrig entwickelten Gesellschaft, die es verdient, dass dessen Freiheit eingegrenzt wird. Sie muss durch demonstriertem Ernst erniedrigt und eingeschüchtert werden. Durch einen heiligen Ernst. Der selbst den Tod zum ehrfürchtigen Ziel werden lässt.“

Ich verstehe. Und wer sich diesem mit Lachen widersetzt, für den wird der Tod lachhaft. Der nimmt sogar dem Tod seinen Schrecken.“

Eine lachende Armee hat noch nie einen Krieg gewonnen!“

Eine lachende Armee ist ein Widerspruch in sich. Sie würde noch nicht mal das Töten im Krieg ernst nehmen.“

Ein Spotten und ein Verlachen hat noch nie einen Wert geschaffen!“

Lachen heilt Menschen.“

Wozu soll das ein Wert sein? Der Mensch wird geboren, um zu sterben. Der Tod lässt sich nicht weg lachen. Und Epidemien lassen sich nur mit nötigem Ernst aufhalten. Lachen wird es nie schaffen.“

Lachen ist aber das kleinere Übel, ein Leben zu verbringen. Über das Übel zu lachen, macht es erträglicher, statt es nur ernst zu nehmen.“

Ein kleineres Übel? Ihnen fehlt der notwendige Respekt vor dem, was anderen heilig ist. Das Lächerlich-Machen ist keine Kunst. Sondern es ist nur zerstörend und Gesellschaft zersetzend.“

Das Lächerlich-Machen, welches Sie meinen, hat auch nichts mit dem Lachen zu tun. Ihre Definition dazu soll nur Angst erzeugen. Angst vor der schneidenden Waffe des Lachens, welches die einengenden Stricke der Angst zerschneidet und den Menschen davon befreit.“

Sie sollten sich reden hören! Einfach unsinnig. Lachen ist kein Reinigungsmittel, welches den Menschen von seinen Mängeln und Lastern und Schwächen erlöst!“

Sie kann aber dem Menschen dabei helfen. Lachen erhebt den Menschen über seine Unperfektheit und lässt jene leichter schultern.“

Sie haben es nicht kapiert. Der lachende Mensch fühlt sich als Herr, als ein Umstürzler von Herrschaftsverhältnissen, als der Anarchist und Bilderstürmer, welcher die Ordnung stört und die Gemeinschaft zerstört. Und Ihre Nelke, mein Lieber, Ihre lächerliche Nelke im Gewehrlauf von Bereitschaftspolizisten zu Karneval ist so dermaßen schlecht, dass wir anfangs erst gar nicht in Erwägung gezogen haben, Sie Ernst zu nehmen.“

Seine Stimme war scharf und schneidend geworden. Sie erzeugte in mir eine Beklemmung, eine unbestimmte Angst. Sie verwirrte mich. Ich atmete tief durch und bemerkte, dass er das Spiel der Angst mit mir zu spielen versuchte.

Nein, mein Herr, das klappt nicht“, lachte ich auf, „darauf falle ich nicht rein!“

Das ist ohne Bedeutung, mein Lieber. Ohne jegliche Bedeutung. Denn mit ihrer letzten Handlung haben Sie die Grenzen des guten Geschmacks überschritten. Den Ernst vorsätzlich ignoriert. Das Wichtige versucht, ins Lächerliche zu ziehen. Ernsthafte Menschen mit den heiligen Idealen einer schützenswerten Gesellschaft versucht der Lächerlichkeit preis zu geben.“

Heilige Ideale einer Gesellschaft? Sie heben so etwas in die Höhe, um andere dafür leichter als Niedere abgrenzen zu können?“

Ideale sind immer hoch. Und eine Gesellschaft sollte Angst darum haben, die Entfernung zu diesen zu vergrößern!“

Das ist keine Höhe. Das ist lediglich eine Fallhöhe.“

Nennen Sie es, wie sie es wollen. Sie haben mit Ihrer Aktion an den Stützpfeilern dieser Ideale gesägt. Und das konnten wir nicht mehr ignorieren.“

Er gab seinem Begleiter mit seiner Hand ein Zeichen. Seine Begleitung öffnete seine Tasche, entnahm Handschellen und Stricke und trat einen Schritt auf mich zu.

Ich hatte mich geirrt! Sie haben keine hohen Ideale. Sie müssen die der anderen erheblich tiefer legen, damit ihre als höhere erscheinen. Sie sind Mitglied einer lachhaften Satire-Sharia-Polizei.“

Satire-Sharia-Polizei? Mäßigen Sie sich! Dass Mohammed eindeutig gelacht hat, ist überliefert. Aber Jesus hat nie gelacht. Niemals! Im Alten Testament, im Buche Genesis, lachte Gott maximal über törichte Menschen. Abrahams Sohn Isaak ist das Ergebnis und Isaak heißt übersetzt ‚er lachte‘. Und mit dem Neuen Testament wurde dem Lachen endgültig ein verdientes Ende gesetzt, mein Lieber. Wir leben hier in der Tradition des christlichen Abendlandes. Vergessen Sie das nicht nicht!“

Hören Sie sich überhaupt noch reden? Sie haben wirklich keine hohen Ideale. Nicht im Geringsten. Sie müssen die Ideale der anderen erheblich tiefer legen, damit ihre als die Höheren erscheinen. Sie sind Befürworter des Ernstes, der Lustfreiheit, Gegner jeglicher hedonistischen Regung, Verwalter eines eigenen humorbefreiten Sumpfes! Sie stehen in der Tradition der wahren Christen, die jedes Lachen als unfreundlichen Akt der Sympathie für den Teufel bezeichnen. Bei Ihnen hat dieses ‚Tiefer-legen‘ System. Allein, in Ihrem Sumpf bedeutet das ‚Tiefer-legen‘, dass Sie den anderen dabei ertränken. Ich lache über Sie.“

Mein Lachen erstickte auf halbem Wege, als der Begleiter Hand an mir legte. Ich spürte die Angst, konnte sie nicht mehr weg lachen. Ein denkbar schlechter Zeitpunkt, etwas zu versuchen, was ich nie intensiv gelernt hatte: Lachen als Bekämpfungsmethode der eigenen Angst.

Der Mann beugte sich vor und schaute mir direkt in meine Augen, während sein Begleiter mich mit den Handschellen fixierte und mit den Stricken um meinen Körper mir die Luft abschnürte.

Sehen Sie, mein Lieber, Sie haben Angst. Ihr Lachen hilft Ihnen nicht aus ihrer Situation, Ihr Lachen ist dabei zu sterben. Es ist Ihre eigene Schuld, es hätte nicht soweit kommen müssen. Sie hätten den Ernst der Lage anerkennen sollen, statt zu versuchen, sich mit jener dümmlichen Aktion zu profilieren.“

Meine Lunge war von den Stricken eingepresst, das Atmen fiel mir schwer und schwerer, ich hörte ein Rauschen in meinen Ohren, mein Gegenüber wurde schwammig, ich konnte ihn nicht mehr scharf sehen, es wurde immer dunkler.

Und mit einem Mal spürte ich den Schmerz nicht mehr.

Unvermittelt ging mir ein Satz durch den Kopf:

In diesem Theater sind alle Notausgänge verrammelt und abgeschlossen. Im Notfall bitte also nicht in Panik ausbrechen. Es lohnt nicht.“

Ich musste lachen.

Innerlich.

Ohne Angst und Panik.

Mein Kopf wurde schwer.

Alles gut …

Alles gut


„Alles gut?“

Über ihrem Gesicht liefen vereinzelte Tränen. Vermischt mit ihrem Kajal hinterließen sie Laufspuren auf der Schminke ihrer Wangen.

„Alles gut.“

„Wirklich alles gut?“

Sie nickte zur Bekräftigung.

„Alles gut.“

„Dann ist gut.“

Erneut nickte sie. Er drehte seinen gesenkten Kopf leicht ihr zu und blickte sie aus seinen Augenwinkel von unten her an.

„Er war ein Arschloch, nicht wahr.“

„Ja, er war nicht gut.“

„Nein, nicht gut. Ganz und gar nicht gut. Sei froh, dass du ihn los bist.“

Sie nickte wieder.

„Er war ungut für dich. Denke immer wieder dran.“

Sie schluchzte auf und führte ein Taschentuch in ihr Gesicht, um ihre Tränen zu trocknen.

„Alles gut?“ Er hatte sich zu ihr umgedreht.

„Alles gut,“ ertönte es hinter dem Taschentuch.

„Wirklich alles gut?“

„Hör auf damit! Hör mit dieser verdammt dämlichen Frage auf. Nein!“

Ihr ‚Nein‘ klang scharf und kalt.

„Wie? Nicht alles gut? Komm, es ist doch sicherlich alles gut.“

„Nein!“

„Aber gerade vorhin noch war doch alles gut“, fragte er mit leicht entrüstetem Unterton.

„Es war nie alles gut. Nie. Vorletzte Woche hatte er noch seine Lebensversicherung auf seine Ex-Frau umgeschrieben und sein Testament zu ihren Gunsten umgeändert.“

„Was hat er? Das ist ungut.“

„Sag ich doch: nicht alles gut.“

„Ganz ungut. Ehrlich. Warum hast du nichts gesagt?“

„Weil du nur immer ‚alles gut‘ hören wolltest.“

„Ich wollte was?“

„Du mit deinem permanenten ‚alles gut‘, das geht mir so auf dem Piss!“

„Reg dich nicht auf. Alles wird gut. Vielleicht sollten wir uns nach zwei Monaten Freundschaft-Plus mal endlich mehr auf uns konzentrieren. Dann wird auch alles gut.“

„Nichts wird gut, Matthias. Nichts! Und jetzt lass mich alleine! Geh! Ich hab keinen Bock mehr auf dich. Du langweilst! Geh! Es ist aus und vorbei! Schluss! Und lass dich nie mehr bei mir blicken. Nie mehr,“ presste sie hinter ihrem Taschentuch hervor und wies ihn mit der freien Hand fort von sich.

„Aber wir sind doch zusammen!“

„Jetzt nicht mehr. Geh! Ich will dich nicht mehr. Wir waren nie zusammen!“

Sie tupfte ihre Augen und hörte ihn sich ohne weitere Worte entfernen. Der Baum vor ihr nahm ihr die Sicht. Sie trat ein wenig von dem Baum weg zu Seite. Zwanzig Metern weiter vor ihr blickte auf die Trauergemeinde an einem frisch ausgehobenen Grab. Ein Priester sprach dort an einem aufgebahrten Sarg unverständliche Worte. Zu weit weg. Am Kopfende des Sarges war die Ex-Frau des Mannes zu erkennen. Im Hintergrund standen weitere, schwarz vermummte Personen, harmonierend mit den kahlen Bäumen und Sträuchern um sie herum. Ein Friedhofsgemälde wie bei Friedrichs, ging ihr unwillkürlich durch den Kopf.

Von dem Mann zuvor an ihrer Seite war nichts mehr zu sehen. Sie atmete durch, fühlte sich freier, schlug ihr Trauerkopfnetz über ihren Hut zurück und musterte mit einem Lächeln ihre armlangen schwarzen Handschuhe. Sie streckte die Glieder ihrer Finger, zupfte sich die beiden seidenen Handschuhe herunter, steckte sie in ihrer Handtasche, entnahm dieser darauf eine rote Nelke und steckte sie in ihren Hut.

Während sie weiterhin der Trauergemeinde am Grab zuschaute, hörte sie hinter sich Schritte nähern. Der Wind trug ihr eine Witterung zu. Ein markanter Geruch verstärkte sich und hüllte sie komplett ein. Sie liebte ihn, diesen holzig herben Duft, der ihr im gleichen Moment einen wohlig erotischen Schauer warm über ihren Rücken laufen ließ und ihr dabei unwillkürlich ein leichter Seufzer entlockte. Er stand hinter ihr, das wusste sie sofort. Sie drehte sich um und blickte in sein Gesicht. Sein Augen waren leicht durch die Krempe eines dunkelgrauen Fedoras verdeckt, aber sie spürte seinen Blick, mit dem er sie von oben bis unten musterte. Es war der Blick, der sie nicht nur musterte, es war der Blick, der sie direkt unter dem Baum auszog. Sie lächelte ihn  an.

„Schwarz steht dir ausgenommen gut. Besonders dieses leuchtende Rot der Nelke im Hut. Das hat was. Alles gut?“

„Alles gut.“

„Bist du den Deppen losgeworden?“

„Ich habe mit Matthias vorhin Schluss gemacht.“

„Ahnte er etwas?“

„Nein, alles gut. Er geht von einem natürlichen Ableben Jürgens aus.“

„Sehr gut. Und Jürgens Hausarzt?“

„Alles gut, der ist zu einfältig, um gute Pläne zu durchblicken. Außerdem sorgt seit neuestem Jürgens Ex wohl mit ganzem Körpereinsatz dafür, dass der nicht auf dumme Gedanken kommt.“

„Witwentröster. Und ansonsten? Alles gut?“

„Alles gut. Jürgens Geld habe ich wie geplant im Kofferschließfach deponiert.“

„Und der Schlüssel?“

„Such in doch!“

„Suchen? Gerne. Zu mir? Oder zu dir?“

„Egal. Hauptsache, es wird alles gut.“

„Wird es, Schatz. Sekt ist kalt. Alles gut.“

„Alles gut.“

Synchronizität?


Nicht jede Nachricht erfreut. Selbst die Nachrichten, die man selbst heraus findet, müssen nicht immer freudig sein.

Es war die Zeit der Buchhandlungen, in denen gebrauchter Lesestoff verkauft wurde. Von Comics bis unverdaulichen Wälzern. Meine Suche war zielgerichtet und ich suchte Bücher von Kabarettisten. Und so stieß ich auf ein Buch aus dem Jahre 1976 mit dem Titel „Die Zeit spielt mit – Die Geschichte der Münchner Lach- und Schießgesellschaft“. Es war schon damals gut erhalten und damals erst zwölf Jahre alt. Ich verschlang es. Vor drei Jahren trat der Autor im  „Laden“ auf. Solo-Programm in der „Münchner Lach- und Schießgesellschaft“. Zur Vorstellung hatte ich das Buch mitgebracht, um nach dem Programm eine Widmung von ihm drin zu erhalten. Er sah das Buch, blätterte erfreut ein wenig drin rum und fragte: „Wo haben Sie denn das her?“ Seine Widmung war mir Gold wert. Und sie stand in meinem Regal. Aber wie immer, wenn etwas in einer Wohnung umgeändert wird, kommt manches einstweilen in den Keller. Zur Zwischenlagerung. So auch dieses Buch vor einem dreiviertel Jahr.

Am letzten Sonntag ging ich wieder zu meinem Kellerabteil, um dort etwas hinein zu stellen. Mir fiel ein seltsamer Geruch auf und im schummrigen Licht einer Funzel stellte ich fest, dass es offenbar einen Wassereinbruch gegeben haben musste. Die Kartons zeigten Wasserlinien. Ich räumte aus und schaute mir den Schaden an. Viele Bücher, selbst Tagebücher, Fotos und Dokumente waren verklebt und mit Schimmel überzogen. Darunter  auch jenes Buch „Die Zeit spielt mit – Die Geschichte der Münchner Lach- und Schießgesellschaft“. Es war aber nicht die einzige Rarität, die dem Wasser und Schimmel zum Opfer gefallen war, aber das Buch bedeutete mir sehr viel. Es enthielt die Widmung eines Gründers des legendären Kabarett der Münchner Lach- und Schießgesellschaft des letzten Jahrhunderts.

Heute las ich, das Hans Peter Schreiner vorgestern am Dienstag im Alter von 86 Jahren verstorben ist. Mir blutet das Herz. Erlebte Synchronizität zwischen Entdecken und Erfahren.

Und ein weitere Gedanke schoss mir durch meinem Kopf:

Ich werde alt. Meine Idole sterben …

 


 

von der Internetseite der „Münchner Lach- und Schießgesellschaft“ (https://www.lachundschiess.de):

"Es sind nicht immer die Lauten stark,
nur weil sie lautstark sind.
Es gibt so viele, denen das Leben
ganz leise viel echter gelingt"

Konstantin Wecker

Krieger, denk mal!


Du verstehst? Du verstehst nicht? Was verstehst du nicht? Wie oft muss ich dir das Ganze erklären? Einmal? Zweimal? Denke drüber nach. Das Verstehen an sich ist essentiell. Ohne Verstehen geht die Essenz flöten. Und zwar aus dem letzten Loch, du Blockflötenbläser.

Die Essenz des Lebens ist das löchrige Verstehen. Denn ohne löchriges Verstehen wäre es noch nicht mal möglich, guten Kaffee in einem Kaffeefilter zuzubereiten. Du verstehst? Guter Kaffee. Stark, schwarz, geschmackvoll. Wie ein Werbespruch eines Markenreifens vom Reifenhändler deiner Wahl. Gefiltert durch Löcher. Den schwarze Löcher deines Verstehens und als lebenswichtige Essenz eines guten Morgens. Gib dir die Dröhnung. What else? Lass die Kaffeemaschine arbeiten. Du hast in der Zeit noch frei.

Und du faselst noch immer etwas von „nicht verstehen“. Ist das dein Ernst? Nochmals, ein gutes Loch ist Gold wert. Loch bei Loch und es hält doch. Hm. Stimmt nicht. Hat im letzten Jahrhundert bereits Ulbricht als These verworfen und hat darauf gemauert. So wie die Italiener bei den Fußball-WMs in den letzten Jahrhundert, als sie vor dem Strafraum immer Speis angerührt haben. Angeblich war deren Inspiration jener Ulbricht, jener Walter der „so called DDR“. Remis bis zum Finale. In der Verlängerung beim Golden Goal ausgeschieden. Hauptsache, nicht verlieren und in keinem dunklen Loch das eigene Dasein fristen. Und erst recht nicht aus dem letzten einen, welches einer pfeifend ertönen läßt.

Pfeifen. Ein „f“ vor dem „ei“ und  keine zwei hinter’m „ei“!

Bitte. Danke.

Loch. Schwarzes Loch. Loch bei Loch und es hält doch. „Kette“ ist die Lösung diese Wortspiels. Jedes Glied ist in der Kette nur so stark wie sein schwächstes. Und ich bin so etwas von schwach, da kann ich dir diverse Nummern aus dem Rotlichtmilieu zustecken, die schwören dir, was mit mir los ist.

Trotzdem.

Du verstehst nicht? Absolut nichts? Mein Geschreibe ist ein Buch mit sieben mal sieben Siegeln? Feiner Sand?  Verrinnend in deiner kraftvoll zupackenden Hand? Andererseits, du hättest auch gerne jene Pillen, die ich heute morgen geschluckt hatte? Hm. Jene Überdosis irrationalem Glück? Geht nicht. Sind nicht für Deutsche auf Krankenkasse für Harz Verlierer. Die werden nur mit Depressionen ob deren Situation erduldet. Ansonsten, maximal als Verwerter der Re-Importe aus Dritte-Welt-Länder, jener Sahel-Zone oder dem bombigen Jemen oder woanders, weil dort die Verkaufspreise nur für Reiche günstig sind. Und in speziell, weil jene Pillen nur nach dem Essen eingenommen werden dürfen. That’s the way, die Re-Importe are created … denglish …

Hm, Geld macht glücklich? Ja, freilich. Aber sicher das. Was sonst. Oder will jemand so arm sein wie in Kambodscha? Wo sie glücklich scheinen, auch ohne Gelb? Gelb, welch hässliches Wort. Um was geht es sonst? Geld wird sowieso vollkommen überschätzt. Der Gott der Hebräer, der derzeit zwei größten gewalttätigsten und religiösen Weltpotentaten, jener war wohl Jude, als Vater von Jesus und Mohamed. Und deren größten Antipoden waren erwiesenermaßen jene Teufel „Marx“ (PFUI!) und auch noch jenes russische Übel (russisch? Doppelplusungut!) namens „Lenin“. Satan und Beelzebub. Beide haben nur Unglück über diese Welt gebracht. Die „Roten Khmer“ sind brutales Beispiel genug.

Und deswegen erhielt ein unnominierter Beelzebub für seine Rolle in dem Film „Mein Geist will immer nur das eine“ seine „Goldene Himbeere“. Nein, ich beziehe mich ausdrücklich nicht auf jene Hauptdarsteller Mrs. Bo Derek und Mr. Anthony Quinn. Moment, habe ich Beelzebub mit dem Herr der Fliegen durcheinander gebracht? Echt? Mea culpa. Ich bin doch nur The Apprentice! Wie? Was? I am fired? Sackgesicht, du Leser! …

Und? Ändert das etwas? „Beelzebub, you are fired“, wäre der Satz, den hier jeder in D-Land-Umgebung im letzten Jahr erwartet hätte, dem die inneramerikanischen Verhältnisse am Bobbes vorbei gegangen sind. So wie damals in Griechenland bei den Stinkefingerzeiger Giannis Varoufakis aus dem griechischen Kabinett. Der war dem demokratischen Deutschland ein demokratisch gewähltes No-Go. Wer hat gewählt? Das „demos“, jene griechische Volk? Das „demos“vom anderen Ufer, was wir als „USA“ bezeichnen?  Oder gar die Finanzwelt?

Demokratie.

Ich lese in einem sozialen Medium die emotionale Aussage eines Deutschen, der äußert, dass sein Beelzebub der USA überhaupt nicht sein Präsident wäre. Etwas, was faktisch vollkommen stimmt, da er dort – nach eigenen Aussagen – als Nicht-Amerikaner eh nicht wählen konnte und nicht wohnt und somit allgemeinen demokratischen Konsens folgte. Da hat er recht. Aber so etwas von recht. Auch wenn er in seinem Verständnis Löcher hat Aber so etwas von löchrig ….

Löcher des eigenen Verständnisses. Benutzt als positive, vorsätzliche  Verstärkung der eigenen Argumentation. Nur später erinnert man sich ungerne daran. Geht mir auch so. Da bleibt ein schwarzer Fleck. Ein Fleck wie ein Loch. Lediglich das Gefühl, man habe es seinem Gegenüber gezeigt.

Und aus dieser Argumentationskette werden in Deutschland noch immer Kanzlerkandidaten der nächsten Bundestagswahl mit unterschiedlichen Gangarten geboren. Egal ob aus Hamburg, Würselen oder Dresden. Muss ich das verstehen? Freilich muss ich das verstehen. Denn ich bin ja Nachdenker. Der Fluch des eigenen Hirns.

Also:

Ich verstehe? Ich verstehe nicht? Was verstehe ich nicht? Wie oft muss ich mir das Ganze erklären? Einmal? Zweimal? Denke ich drüber nach. Das Verstehen an sich ist essentiell. Ohne Verstehen geht die Essenz flöten. Und zwar aus dem letzten Loch.

Loch bei Loch und es hält doch.

Mir sei die Kette. Euch die Löcher …

Und ansonsten gibt es noch Informationsquellen wie „Aldi informiert“, „Apotheken-Rundschau“ und „Landwirtschaftliches Wochenblatt Westfalen-Lippe“.

Inzwischen erforsche ich derweil meine letzten Löcher, aus denen ich euch meinen nächsten Blog-Post vorflöten werde …

So denn ich die Löcher der Straße meine indifferente  Überzeugung finden werde …

Loch bei Loch … Kettenreaktion … harmlos …

Alles gut


Heute bin ich gutmütig. Normalerweise dürfen jene blau gekleideten  Menschenwesen nicht bei schneebedeckten Autos im „Anwohnerparken“ nach den Parkausweisen hinter den Windschutzscheiben forschen. Den Schnee zu beseitigen, ist verboten. Als Rache der Autohalter sind die Klagen wegen Kratzer am Fahrzeug zu häufig. Es ist in München den Politessen und Politess-Essenern untersagt, investigativ tätig zu werden: das Blech ist heilig! Das Schaben an Windschutzscheiben ist in München den Offiziellen ohne Polizeiabzeichen komplett untersagt.

Neuschnee. Neulich. Unberührt, jungfräulich weiß, unbefleckt (… hatte München zu Silvester etwa gar Smog? …)

Alle Fahrzeuge im „Anwohnerparken“ sind schneebedeckt. Sogar das Fahrzeug mit dem Kennzeichen „AC“. Ich habe aus einer gelangweilten, sadistischen Intention meiner einerseits das „AC“-Fahrzeug oberhalb der Motorhaube komplett vom Schnee befreit. Man gönnt den anderen ja sonst nichts. Brot für die Welt, aber die Butter bleibt hier. Der Fahrzeughalter hätte mich ob meiner Handlung wahrscheinlich am liebsten am nächsten katholischen Kirchturm brennend kreuzigen lassen.

Sieben Uhr abends. Sonnenuntergang war bereits Vergangenheit. Präteritum. Die Arbeit lange danach auch. Heimweg. Das Auto stand unberührt von meiner Aktion weiterhin dort. Das Verkehrsschild daneben versprach weiterhin jedem Autohalter nichts Gutes. StVO. Absolut Ungutes. StVO-Doppelplus-Ungut. Nur mir nicht. Freudig lächelnd erblickte ich das Knöllchen im Plastiktütchen unterm Scheibenwischer vom „AC“-Vehikel.

Gewissenbisse? Nö. Das Vehikel ist ja nicht meines. Was geht mich das Unglück anderer an? Also darf ich das. Ergo: Widerspruch zwecklos. Zahlen sollt ihr, ihr vorsätzlichen Falschparker!

Meine Kissenunterlage, jene für das Fenster zur Strasse hinaus, darauf wie eine römische, eherne Statue auf Ellenbogen abgestützt, die ist mit mir legendär. Die kennt jeder in meiner Nachbarschaft: Da bin ich der King und geachtet. Eine lokale Größe. Behandelt mit gebührendem Respekt. Man kennt mich als den „Anzeiger“ und respektiert mich für meinen Ordnungssinn und ob meiner STVO-Kenntnisse. Bin ja sowieso Ü50. Ich darf das und habe auch eine Lebensaufgabe: Alle Macht der STVO!

Echt jetzt? Nun ja, ich habe kein Auto … also egal …

Die Zeit ist das Feuer, in dem wir verbrennen.


Die Zeitansage. Du warst meine erste Liebe, du eiserne Jungfrau.

„Beim nächsten Ton ist es …“

Damals hatte ich dich kostenlos anrufen können und dir überm Lautsprecher des Morgens gelauscht. Vor dem Rausgehen, um rechtzeitig den Bus zu erwischen. Oder des Mittags, um festzustellen, ob der Angelus rechtzeitig geläutet wurde. Oder des Abends, um zu sehen, ob die Tagesschau pünktlich begann. Oder wenn ich Langeweile hatte und einfach mal meine Uhr auf die Sekunde genau justieren wollte. Minute für Minute. Ein Reaktionsspiel, die Uhr genau mit dem „Pieps“ der vollen Minuten synchron zu bekommen.

Du kommst zu spät. Du bist nicht pünktlich. Meine Zeit habe ich nicht gestohlen. Wie Sand zwischen den Fingern ist es beim nächsten Ton …

Es liegen weniger Tage vor mir als bereits hinter mir. Und alle elf Sekunden verlieben sich zwei Minuten beim klar Schiff Machen. Stunde für Stunde. Tag für Tag.

Ich lauschte der Stimme. Sie klang so rational feminin, so sachlich weiblich, so überzeugt fraulich, so sinnlich zeitlos.

„Beim nächsten Ton …“

… komme ich zu dir, meine eiserne Jungfrau, und dann halten wir gemeinsam die Zeit an. Stunde für Stunde, Minute für Minute, sekundenweise.

Aber das reicht nicht mehr. Bei Wettläufen helfen nur noch genaue Uhren, um zu unterscheiden, wer schneller ist. Mit Unterscheidung auf Tausendstel des Augenblicks. Wimpernschlaglängen.

Die Zeit ist wie ein Raubtier. Du kannst versuchen, ihr zu entkommen. Aber sie wird dir folgen, dich jagen und erlegen. Auge um Auge, Zahn um Zahn, Falte auf Falte. Die Zeit vergeht und wartet auf niemandem. Diese vergängliche Erfindung des logischen Menschen. Der Mensch sagt, die Zeit vergehe. Die Zeit sagt, der Mensch vergeht.

Ich höre dich. Beim nächsten Ton. Ich dreh‘ mich um mich und schau mir ernst ins Gesicht. Ernste Zeiten bedürfen der Heiterkeit. Ohne Heiterkeit lässt sich das Leben in der Zeit nicht denken.

Ein Schwarzer saß in Dresden in einem Bus, las in einer seltenen Ausgabe des Talmuds und jedes mal, wenn er eine Seite im Talmud weiter blätterte, rückte er seine Kippah zurecht. Ein Mensch, der ihm gegenüber saß, stand auf, schlug ihm ins Gesicht und schrie erbost: „Reicht es nicht schon, dass Sie Jude sind?“

Zeit zu lachen. Lache zur Zeit, du könntest vor Abend weinen. Morgen und Abend. Leben und Tod. Zeit zu leben.

Begleite mich, Zeitansage, du meine 0119-Chiffre. Lebe mit mir, du eiserne Jungfrau meiner Jugend. Sprich mir dein Mantra für unsere Einheit. Bis ich das Zeitliche segne.

Beim nächsten Tod ist es …

… zu spät …