Kneipengespräch: Zwischen Salzgebäck und Bier (2)

DSC00267“Sach mal du, bei all der Begeisterung für unser Kölschgespräche hier, die du hemmungslos im Internet veröffentlichst wie beim letzten Mal (hier), ich muss dich mal was fragen: Findest du nicht auch, dass man in deinem Blog nicht mal auch so aktuellere Themen bearbeiten sollte? So etwas wie den neuen SPD-Kanzlerkandidaten der SPD zum Beispiel.”

“Den neuen SPD-Kanzlerkandidaten der SPD?”

“Wo ist jetzt genau dein Problem?”

“Na, also, na, im Unterschied zum Humor in Deutschland, also der neuen SPD-Kanzlerkandidaten der SPD … wie soll ich das jetzt auch sagen. Du stellst mir aber auch Fragen. Herrgottnochmal, so zwischen Salzgebäck und Bier, also ehrlich …”

“Aber jetzt mal ne persönliche Frage: wovon fühlst du dich mehr bedroht? Vom Olaf Scholz oder dem alten Trinkspruch?”

“Du meinst den, wo man das Kölsch in einem Zug leert, dann rülpst, sich dann mit dem Daumen der rechten Faust auf die Stirn drückt, ‘Scholz’ ruft und dann sein Gegenüber ein Stirnklatscher versetzt?”

“Feuer, Eis und Dosenbier.”

“Schulz!” (hier)

“Falsch. Nicht der Martin, sondern der mit dem O. Der Olaf, der Scholz, der Olaf Scholz. O. O. O. Nicht ‘u’. Du hängst der Geschichte vier Jahre hinter her! ‘O’ statt ‘U’! Der andere Vokal ist nun dran.”

“Echt?”

“Echt.”

“Aber das Kölsch schmeckt immer noch so wie vor vier Jahren.”

“Hm.”

“Zeitmaschine?”

“Eindeutig. DeLorean würde ich sagen.”

“Ich dachte, dass wäre das Auto der anderen. So mit Flux Kompensator und mit Lottoheft in der Hosentasche.”

“Du redest von der FDP?”

“Nein, ich rede von ‘Zurück in die Zukunft’.”

“Okay. Piratenpartei.”

“Eher Republikaner.”

“Echt?”

“Nö.”

“Stößcken.”

“Prost.”

“Wo eine Kölschstange, da ein weg.”

“Wo eine volle Stange, da eine Leere.”

“Wo eine Leere, da ein Wille. Oberspielleiter, mach mal zwei neue!”

Der Wirt schaute kurz auf, räumte die geleerten Stangen weg und stellte zwei frisch schäumende Stangen Kölsch auf deren Deckel.

“Was ist das Bedeutendste für dich in den letzten sechs Monaten?”

“Meine Scheidung. Und deine?”

“Am letzten Freitag, den 13ten, füllte ich einen Lottoschein aus. Am nächsten Tag wurde gezogen und danach hüpfte ich Lotto-King-Karl-gleich durch die Straße.”

“Wie viel?”

“Zwei Träger Augustiner Bier inklusive Pfand im Sonderangebot. 34 Euro.”

“Kein Kölsch?”

“Ich söder halt mal gerne.”

“Ich söder, du söderst, er, sie, es södert, wir södern, ihr södert …”

“Genau, Ihr södert. Södern tun immer die andern.”

“Der hat seinen Nordseeurlaub abgesagt. Zu viel Söderismus im bayrischen Gesundheitssystem. Einfach zu latschert der Söderismus in Bayern.”

“Echt jetzt? Das Öcher Prentejeseech hat Bayern durch die Hintertür intubiert?”

“Hast du gesagt, in den Arsch gekrochen? Niemand benötigt Sauerstoff in den After zum Überleben gepudert.”

“Rektal gepudert? Hab ich gesagt?”

“Nö.”

“In NRW gab es Corona-Zentren wegen Billiglohnkräfte in der Schlachtindustrie.”

“Böse, böse, böse. Geht gar nicht. Genozid an den Tieren. Bestraft halt die Natur.”

“In Bayern gab es Corona-Zentren wegen Billiglohnkräfte in der Gemüseindustrie.”

“Böse, böse, böse. Geht gar nicht. Weil Genozid der Natur am Menschen, äh, also, … ich meine, … Zufall … Besteht da ein Zusammenhang zwischen Veganismus und Karnivorentum? Fleischfresser und Hildmann sind doch die Leuchtfeuer des Anti-Pazifismus, oder“

“Weiß man’s? Ich sag nur eins: södern erklärt alles und macht alles unwichtiger.”

“Dein Kölsch geht zur Neige.”

“Der Krug geht zum Brunnen …”

“… bis er nachbestellt. Herr Oberspielleiter! Zweimal Durststiller aus Köln, bitte!”

“Du, ich habe festgestellt, dass Durst antipropotional zu Heimat ist.”

“Heißt?”

“Je mehr Heimatgefühle, desto weniger Durst.”

“Hä?”

“Genau.”

“Ach so. Durst bindet.”

“Ja. Brauerei-Prinzip. Durst ist schlimmer als Heimweh.”

“Berger-Logik.”

“100 Jens-Punkte für den Nachdenk-Kandidaten. Das ist doch mal einen Schluck aus dem Promilleglas wert, oder?”

“Wolln ma exen?

“Unsere Stangen?”

“Und das Bäuerchen?”

“Jedes geextes Bierchen, sein tönendes Pläsierchen. Et kütt wie et kütt.”

“Na denn. Ex, hopp und weg. … Schulz!”

“Scholz, du Depp!”

“Mein Daumen schmerzt. Ich glaube, ich hab mir gerade beim ‘Schulz’-Rufen den Daumen an der Stirn gebrochen!”

“Echt? Willkommen in Club der linken Knochenbrecher. Warum sollte es dir besser gehen als der SPD beim Kanzlerkandidaten-Ernennen. Solange nur der Daumen bei Hoch-zeigen bricht und nicht beim Hinweisen auf Nachdenkfehler … Also drum! Prostata!”

“Wohl wahr. Deiner Worte sind ein Exen einer Stange würdig. Also, Prost.”

“Auf Söder, Scholz und Schneewittchen, welche durch den Kuss von einer der beiden erlöst werden will.”

“Lass doch mal die Politik hinter Wegs hier.”

“Geht auch ein unpolitischer Zungenkuss?”Dreigestirn

“Okay, ausnahmsweise, aber nur ohne viel Speichel und mit Gesichtsmaske. Auf das Kölsche Dreigestirn vor uns. Voll, halbvoll und ganzganz klitzekleinwenig voll. Statusreport einer Diskussion. Prost.”

“Dito!”

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Maskenparade, oder: Jeopardy for life für Mündige

Herzlich willkommen bei Jeopardy for the Up-Cleared-Ones. Wir gehen gleich ins Volle. Weil wir sind direkt und nehmen kein Blatt vor dem Mund. We are Up-Cleared-Ones. Kandidat 1, nennen sie einen Satz ohne Maske.

Ohne Maske?


Möp. Leider verloren. Kandidatin Nummer 2, nennen sie stattdessen einen ohne Maske

Trump?


Möp. Das war falsch! Das war kein vollständiger Satz! Kandidat Numero 3 nennen sie einen Satz ohne Maske.

Henry Maske boxte immer ohne Maske.


Bling Bling Bling Bling Bling. Das war richtig. Kandidatin Nummer vier. Einsatz ohne Maske?

Ruhe ist des Bürgers erste Pflicht. Und ohne Maske ist alles nichts.


Bling Bling Bling Bling. Richtig. Kandidat 1 und Kandidatin 2 haben jetzt leider nichts auf den Saldo. Es geht für beide ums Ganze. Stechen. Kandidat 1: was ist bunt und hängt unter der Nase?

Ohne Maske?


Möp, leider wieder falsch. Kandidatin 2: Sie gehen in einen Supermarkt und was haben sie immer dabei?

4711? Echt Kölnisch Wasser?


Möp. Leider wieder falsch. Ein spannendes Stechen. Die letzte Frage. Wer hat die als erster korrekt beantwortet, ist weiter. Wenn keiner sie korrekt beantwortet, sind beide draußen. Alles klar?

Ja.

Jo.


Wunderbar. Also. Sie gehen im Rheinland in einer Fußgängerzone spazieren und schauen in die Schaufensterauslagen dieser am Rhein gelegenen Stadt. Sie treffen dort jemand mit einem roten T-Shirt, der auf seiner rechten Brust ein Emblem trägt, auf dem ein Geißbock auf den zwei Türmen eines rheinischen Doms seine Vorderfüße stolz abgelegt hat. Kandidat 1, was ist das für ein Mensch?

Fußballfan?


Hmmmm. Nicht schlecht. Noch etwas genauer?

Fortuna-Düsseldorf-Anhänger?


Möp. Leider falsch. Kandidatin 2, was ist Ihre Antwort?

Also rotes T-Shirt mit Emblem auf rechter Brust, der ein Geißbock darstellt, mit zwei Türmen eines Doms und darauf der Geißbock seine Vorderfüße balanciert?


Ja, genau, das ist es.

Ich kenne die Stadt.


Wie lautet der Name der Stadt?

Sag ich nicht.


Wie?

Sag ich nicht. Ich komm aus Gladbach.


Und?

Das ist unter meiner Ehre. Das sage ich nicht. Niemals.


Möp. Sensationell, Kandidat 1 und Kandidatin 2 sind ausgeschieden. Und damit gehen wir jetzt direkt ins Finale
.

[Dschingel-Musik. Licht-Orgel.]

Kandidat Numero 3, alles easy?

Alles paletti.


Und Kandidatin Nummer 4, alles locker?

Alles gut.


Okay. Es geht um Masken. Kandidat Nummer 3, welche Masken tragen Sie?

Ich bin Internet-Künstler. Schreibenderweis. Blog mit Niveau. Ich trage keine Masken.


Bling Bling Bling Bling. Richtig. Drei Punkte. Kandidatin Nummer 4: Welche Maske tragen Sie?

Ich bin rechtschaffend, urdemokratisch, total antirassistisch, 100% vegetarisch, absolut veganisch, mag Attila Hildmanns seine Rezepte, und willst du nicht mein Bruder sein, so schlag ich dir die Gesichtserker ein.


Bling Bling Bling Bling. Richtig. Drei Punkte. Ein spannendes Finish. Kandidat Nummer 3: Ihre Maske zeigt Risse. Was machen Sie?

Ich pflanze heute noch ein Apfelbäumchen!


Bling Bling Bling Bling. Richtig. Erneut 3 Punkte. Das macht sechs. Kandidatin Nummer 4: Ihre Maske zeigt Risse. Was machen Sie?

Ich pflanze ein Apfelbäumchen, ein Birnenbäumchen, ein Sisalbäumchen und packe meinen Weber-Grill in einen Koffer, um mit meinen SUV in den Urlaub zu fahren.


Bling Bling. Leider nur zwei Punkte. Das Sisalbäumchen war eins zu viel. Es steht 6 zu 5 und die Person mit der niedrigen Punktzahl startet. Kandidatin Nummer 4: Ein Zeit-Reporter trifft Sie auf offener Straße und fragt Sie für seine Zeitung, warum Sie keine Maske tragen. Was antworten Sie?

Ich habe Asthma und kann mir jeder Zeit ein Attest von meinem Arzt dazu holen. Der meinte, dass ich angstfrei ohne Maske herumlaufen darf. Zudem liegt der R-Wert unter 1 und die Ansteckungsrate unter 50 pro 100.000. Und außerdem bin ich nicht Corona-Positiv. Meine Umgebung auch, laut App.


Uuuuh. Nein, das kann ich so nicht ganz gelten lassen. Dafür kann ich nur einen Punkt vergeben. Kandidat 3, Sie haben jetzt die Match-Frage. Nervös? Keine Sorge. Bleiben Sie locker. Die gleiche Frage: Ein ZEIT-Reporter trifft sie auf offener Straße und fragt Sie für seine Zeitung, warum Sie keine Maske tragen. Was antworten Sie?

Nichts. Aussageverweigerungsrecht! Und meine Meinung. Hier herrscht Meinungsfreiheit!


Möp. Das kann ich nicht gelten lassen. Liebe Zuschauer, lieber Zuschauerinnen, liebe Fernsehsehende aus Schweiz, Österreich, der deutschen Diaspora in Ischgl, den Balearen und Kanaren und den angeschlossenen Sendeanstalten aus Niedersachsen, Nordrhein-Westfalen, Bayern und Baden-Württemberg. Es ist jetzt spannend, wie lange nicht mehr. Aber unsere Sendezeit geht langsam zu Ende und deshalb die Stichfrage für unser beide Kandidaten. Liebe Kandidaten, geben Sie bitte Ihre Antwort auf meine Frage unabhängig von jeweils des anderen. Meine Frage: Sie sehen feiernde Menschen. Sie sind fröhlich. Sie haben Spaß. Sie fühlen sich gut. Sie sehen glücklich aus. Sie selber stehen am Rande, schauen über ihre Maske, denken sich ihren Teil und rufen denen etwas zu. Was rufen Sie denen zu? Kandidat Nummer 3?


Immer diese Feierei. Muss das denn sein? Haben wir den nicht schon genug Probleme? Ich meine, wenn andere sterben oder wegen Corona krank sind, dürfen wir doch nicht feiern, oder? Das ist doch pietätlos. Feiern aus Tradition ist doch etwas anderes, etwas würdiges. Aber das ist doch ehrlos. Kein Selbstrespekt. Feiern nur aus just-for-fun. Das ist doch hirnbefreit. Werdet mal erwachsen, ihr mit dem Peter-Pan-Syndrom! Ihr seid Schuld mit eurem Frohgemut, wenn andere leiden! Das geht gar nicht. Überhaupt nicht, ihr Empathie-Agnostiker!


Kandidatin Nummer 4. Was rufen Sie denen zu?

Ihr seid doch unglaublich! Wir haben damals zwar auch gefeiert, aber dazu hatten wir wenigstens einen Grund. So wie 1970 jene Tage und die Bilder davon, wie das chilenische Volk den Wahlsieg Salvador Allendes und der Unidad Popular im Jahr 1970 feierte. Jener echte Freiheitstraum machte dort alle freundlich, die Gesichter offen und die Augen strahlend. So etwas haben wir hier nie gehabt. Südamerikanische Fröhlichkeit. Echtes öffentliches Glück. Nicht so wie die heutige Vergnüglichkeit, welche lediglich eigene Submission belegt und mit dem real existierenden massenhaften Unglück problemlos nebeneinander her lebt. Aber ihr, ihr feiert doch wegen Anlass! Ihr konstruiert doch dauernd eure Motive, um glücklich feiern zu können. Das ist gedankenlos. Übt euch in Askese. Ihr feiert über eure Verhältnisse und wollt dabei auch noch glücklich sein! Das geht nicht! Wir haben schließlich Corona!


Danke, Kandidat 3, Kandidatin 4. Liebe Kandidatin und lieber Kandidat, wir haben Ihre Antworten in den Tele-Dialog, genannt TED, eingespeist und unsere Zuschauer und Zuschauerinnen werden jetzt anrufen und ihre Antworten über deren Analog-Telefonanschlüsse bewerten. Und in der Zwischenzeit ein wenig Fahrstuhlmusik.


[Dschingel-Musik. Licht-Orgel.]


Liebe Zuschauer, liebe Zuschauerinnen, liebe geschlechtlich Divergenten, … übrigens, soll ich erwähnen, dass die Reihenfolge der Nennung der Zuschauenden keine Bewertung deren Geschlechtlichkeit darstellt, denn wir sind hier keine Rassisten oder sonstige gesellschaftlich verwerflichen Menschen … Moment, ich bekomme gerade einen Anruf der Regie … Regie? Ja? Ja? Okay! Ja? Okay! Gut. Meine Damen und Herren, hier ist das Ergebnis der TED Entscheidung
:


[Dschingel-Musik. Licht-Orgel.]

Meine Damen und Herren, leider müssen wir Ihnen mitteilen, dass wir unseren Sendeplatz an einen Konkurrenten mit mehr Geld verloren haben, der weniger zahlt, aber dafür immerhin auch weniger investiert, weil effektiver. Seien Sie beruhigt, Ihre Fernsehgebühren sind davon in keinster Weise nicht betroffen. Empfehlenswert unsererseits sind unser gesponserten YouTube-Kanäle, die sich reger Beliebtheit erfreuen, weil sie kostenfrei für ihr Herz, Hirn und Haushaltsausgaben sind. Wir wünschen ihnen noch einen schönen Do-it-yourself-Jeopardy-Abend mit Ihren eigen Macken und Masken. Guten Abend.

Und vergessen Sie nicht: Tragen Sie immer ihre übliche Maske, wenn Sie anderen begegnen. Und denken Sie nach. Auf allen Seiten Ihres Lebens. Wie damals in den Vor-Corona-Zeiten.

Kneipengespräch: Der schwarze Peter … und wenn er kommt, dann laufen wir …

Am Tresen mit Koelsch

Seit geschlagenen sieben Minuten wimmerte er in sein Kölsch hinein. Er war mir zwar entfernt, aber ich hörte es trotzdem und – das Schlimmste dabei war – ich musste es ertragen.

»Oje, oje, oje.«

Dann nahm er einen Schluck aus seinem Kölsch starrte für knappe 40 Sekunden Löcher in die Luft über der Theke, wimmerte erneut und dann wieder:

»Oje, oje, oje.«

Ich bin ja ein geduldiger Mensch, ein wirklich sehr toleranter Bürger, einer mit dem man auch Pferde stehlen kann, wenn sie niemandem gehören und es zudem legal ist. Aber das sprengte nun doch den Rahmen jeglicher Toleranz.

Nachdem er mit seinem Blick erneut ein Loch mit seinem leeren Blick über der Theke gefüllt hatte und es mit seinem »Oje, oje, oje«-Kit zugeschmiert hatte, riss mir mein eherner Geduldsfaden.

»Sag mal, hast du zuhause keine Klagemauer an der du dein ‘Ojeojeoje’ ablassen kannst? Muss das ausgerechnet hier sein? Das ist ja schrecklich.«

Ich erwartete, dass er mich verblüfft anstarren würde. Aber nein, in seiner Arroganz stierte er weiterhin auf seine Kölsch-Stange und ließ lediglich einen tiefen Seufzer ab.

»Was ist nun, Menne? Etwa weiter rumjammern oder mal ein wenig Kneipenkommunikation anstrengen?«

Der Wirt stellte uns beiden jeweils ein neues Kölsch hin und warf mir einen verwunderten Blick zu.

»Was ist, Herr Oberspielleiter? Mir geht dieses typisch deutsche Gejammere auf den Sack. Immer nur jammern, aber nie das Maul mal aufmachen, um Tacheles zu reden.«

Der Wirt warf mir einen warnenden Blick zu: »Stimmt, ich bin der Oberspielleiter. Und du stehst vor der ersten Gelben Karte. Benimm dich.«

»Ach, geh doch Kölsch einlassen und lass uns in Ruhe!« Ich schaute den Theken-Seufzerer an: »Und? Was ist? Was hast du zu seufzen und zu wimmern?«

»Ich bin Rassist.«

»Ist ja gediegen. Woran machst du das fest?«

»Ich habe den Schwarz-Weiß implizierten Assoziationstest der Harvard Uni gemacht und das Ergebnis war, dass ich eine ausgeprägte Bevorzugung von Weißen gegenüber Schwarzen habe.«

»Was für ein Test? Einen implizierten Assoziationstest? Was soll denn der Schwachsinn sein?«

»Ich habe auch den Homosexuell-Heterosexuell implizierten Assoziationstest gemacht. Ich bevorzuge Heteros moderat vor Homos.«

»Wow. Wer hat den Test entwickelt? Jens Spahn mit Herrn Drosten beim gemeinsamen Virusforschungsumtrunk?«

»Nein, eine indisch-amerikanische Soziologin, ein grauhaariger weißer und ein anderer weißer Yale-Soziologiemensch.«

»Typisch, zwei Weiße und eine Quotenfrau, die auch noch farbig ist. Und die sollen Garanten dafür sein, beurteilen zu können, was und wer Rassist ist? Mit einem Test auf Basis von Assoziationen? Das ich nicht lache!«

»Habe ich anfangs auch. Jetzt nicht mehr.«

»So ein Quatsch. Nur weil so eine Indien-Tussi eine Idee hat, und damit zwei Männer bezirzt, ist das nicht Wissenschaft. Das ist so wie das Triumvirat Drosten-Spahn-RKI.«

»Du hast es nicht verstanden.«

»Doch!« Ich klopfte energisch mein Kölsch auf die Theke. »Doch habe ich! Nur weil ein paar Spinner meinen, uns in Angst und Panik zu versetzen, nur um uns die Luft in der Demokratie zum Atmen zu nehmen und die Atmungsorgane als potentiell lebensbedrohlich einzustufen. Dabei ist wohl die Sterbequote des ganzen nur 0,6% gemessen an der Weltbevölkerung! 0,6%! Das musst du dir mal über die Zunge gehen lassen. Und dafür all die Angst und all den Schrecken, den diese Trinität verbreitet. Das ist doch ein Skandal.«

Mein Atem ging schwer. Zu reden ohne Luft zu holen, ist nicht einfach. Aber die Wahrheit musste raus. Und das Kölsch rein. Ich setzte an und machte es mit einem Schluck nieder. »Oberspielleiter, neues Kölsch!«

Der Wirt schaute mich an: »Noch einmal und du hast die Gelbe Karte. Maat ens höösch.«

Meine Augenlider gingen auf Halbmast. Das Wort verbieten lassen, das musste ich mir nicht gefallen lassen. Als mündiger Bürger nicht. Ich nicht.

»Oje, oje, oje.«

»Ach, du schon wieder. Vergiss diesen Harvard-Assoziationstest-Scheiß . Die haben doch keine Ahnung, diese Wissenschaftler. Die schweben doch Kilometer über dem Boden und reden von Bodenhaftung wie die Politiker. Wie hat schon Einstein richtig bemerkt: ‘Wenn man mit dem Mädchen, das man liebt, zwei Stunden zusammensitzt, denkt man, es ist nur eine Minute; wenn man aber nur eine Minute auf einem heißen Ofen sitzt, denkt man, es sind zwei Stunden – das ist die Relativität.’ Und jetzt wollen die uns erzählen, die wären in dem Besitz der absoluten Wahrheit, diese Drostens und so? Die wollen uns doch nur ins Bockshorn jagen, in jenem Horn, auf dem die uns das Lied vom Tod vor flöten. Nur verängstigte Bürger sind brave Bürger für die da oben.«

»Oje, oje, oje«, seufzte er schon wieder, »ich bin der Sohn von Weißen, ging in den Kindergarten von Weißen, meine Schullehrer waren Weiße, meine Vorbilder waren Weiße und alle haben mir erklärt, wie schön das Leben von uns weißen Menschen ist und wie dreckig und elend die Nicht-Weißen leben. Und dann soll ich kein Rassist sein? Und dann soll ich den strukturellen Rassismus nicht stützen und davon gefeit sein?«

»Was?«

»Ich bin doch geprägt von einer weißen Kultur von Kindesbeinen an. Und dann soll ich kein Rassist sein? Bislang dachte ich, dass ich es nicht wäre. Dass ich meinen Rassismus unten im Keller eingesperrt hätte, so wie ein wildes Tier. Ganz tief unten. Und somit kein Rassist wäre. Dachte ich. Nur der im Internet aufrufbare Test wies mir das Gegenteil nach.«

»Aber diese von der Industrie bezahlten Günstlingswissenschaftler …«

»Der einzige nicht-weiße Mensch in meiner Jugend war der katholische Priester aus der zentral-afrikanischen Diaspora. Wir hatten bei der Kommunion immer insgeheim kritisch kontrolliert, ob es stimme, dass schwarze Priesterhände nicht auf Hostien abfärben. In unserer Gemeinde waren bereits die Evangelen die Randgruppe mit gesellschaftlich, weil religiös seltsamen Ansichten. Nicht-Weiße waren aber die erklärten Nickneger der Gemeinde.«

»Aber jetzt übertreib mal nicht. Ich habe auch in einem erzkonservativen, münsterländischen Dorf meine Jugend verbracht. Und hat es mir geschadet? Nein. Überhaupt nicht! Ich bin weder Rassist, noch Macho. Trotz all der Männer und Weißen und Schullehrer. Aber ich habe mir eine kritische Distanz zu den angeblichen Göttern der Wissenschaft erarbeitet, die ja alle nur im Dienste …«

»Ich hatte immer meiner Freundin, einer Mulattin, vorgeworfen, sie wäre Rassistin. Aber ich bin ja auch nicht besser.«

»Diese Mischlinge, also jene nicht weiß, nicht schwarz, die sind eh die größten Rassisten. Das hat man damals schon in Südafrika unter Pieter Botha gesehen. Die waren noch größere Rassisten als die Weißen. Da sind wir ja die reinsten Engel, während jene komplett rabenschwarze, grausame Ansichten unter deren brauen Haut haben. Da ist das, was ja andere versuchen als Rassismus zu geißeln, in Wahrheit das reinste Gold.«

»Das interessiert mich aber nicht. Wir hatten in unserer Grundschule einen Peter, der hieß der ‘Schwarze Peter’, weil wir ihm immer die Sündenbockrolle zugeschoben hatten.«

»War er dunkel-pigmentiert?«

»Nein, er hatte damals mal vor vierzig Jahren gesagt, dass auch schwarze Menschen Menschen seien und unsere Vorfahren alle auch mal schwarz waren.«

»Und?«

»Wir haben ihn danach dauernd gehänselt und gemobbt. Denn wir waren der Überzeugung unsere Vorfahren waren Adam und Eva und beide waren Weiße. So wie Gott und Jesus und Maria und der Heilige Geist. Der Peter bekam nach seiner Aussage vor der Klasse nur noch den ‘Schwarzen Peter’ zugeschoben. Sogar der Lehrer fand seine Aussage bedenklich.«

»Ach komm! Erzähl doch nicht so einen Schwachsinn. Das hast du dir doch jetzt gerade aus den Fingern gesogen. Und gleich erklärst du auch noch, dass Drosten und Co.KG alle Recht haben. Ich hab dich durchblickt, verzäll nix!«

Ich nahm mein Kölsch, leerte es in einem Zug, hielt es dem Wirt entgegen: »Passt so?«

Der Jammerlappen schaute mich zum ersten Mal direkt an. Ich erwartete einen provozierenden Blick, einen ironischen oder so etwas in der Art. Aber es war wohl der gleiche leere Blick, mit dem er seine in die Decke gestarrten Löcher gefüllt hatte.

»Ich verzäll nix. Aber der Test hatte recht. Nur erzählt mir jeder das Gegenteil, dass ich dem Test nicht trauen solle. Aber ich traue mir und meiner Erkenntnis. Ich habe erkennt, dass ich Rassist bin.«

»Und macht es dich zu einem besseren Menschen, weil du es erkannst hast? Besser als mich? Das glaubst du doch wohl selber nicht! Das ist reine Hybris. Narzissmus der besonderen Art!«

»Das ist es ja eben. Es geht nicht ums reine Bewerten, sondern ums Ändern und Verbessern. Bewerten kann jeder, aber es geht ums strukturelle und was jeder daraus macht.«

Ich musterte ihn von oben bis unten. Eine Gestalt entsprechend seinen Äußerungen. Unaufgeklärt und unmündig. Ein Fähnchen im Wind, aber eben darauf gerade heraus als Qualitätsmerkmal pochend: »Klar. Verstehe ich komplett. Dir geht’s lediglich ums Vergleichen mit anderen. Du bist neidisch auf jene, die von sich sagen, sie wären weder rassistisch, machistisch oder sexistisch. Deutsche Neidkultur. Typisch mal wieder. Die typische deutsche Neidkultur. Niemand gönnt niemanden etwas. Es nervt langsam, das zu hören. Echt jetzt!«

»Typisch deutsch ist ‘typisch deutsch’ zu sagen«, warf er mir eine lakonische Bemerkung wie ein Knochen hin.

»Ach ja?«

Er zog aus seiner Tasche eine schwarze Maske, zog sich diese über Mund und Nase und warf mir einen Blick zu, der mich wohl provozieren sollte.

»Weißte was, du Pimpf?« herrschte ich ihn ungehalten an, »du kannst mich nicht provozieren mit deiner Maske. Du willst mir sagen, dass ich ansteckend bin, nicht wahr, Covid positiv. Ein Virus der Gesellschaft. Aber das ist Quatsch. In meiner Umgebung sind alle clean. Und ich auch. Und alle um mich herum auch. Da wetten ich jeden PCR-Test drauf. Da kannste tausend Masken tragen. Du kannst mir keine Angst einjagen. Weder du die RKIS, die Drostens und Spahns. Die da oben wollen das doch und dich en top als nützlichen Idioten haben. So wie es von oben geplant ist. Um uns zu verblöden. Gegen so etwas bin ich immun. Komplett. Ich kann selber denken, du regierungsopportunes Arschloch!«

Etwas Gelbes drängte sich in mein Gesichtsfeld. Ich schaute irritiert zur Seite. Der Wirt hielt mir einen gelben Karton vors Gesicht.

»Was?«, fragte ich irritiert.

»Du bist jetzt still. Oder du gehst nach Hause. Meine Gäste beleidigen geht gar nicht!«

»Ach ja? Aber der hat doch angefangen!«

Der Wirt blickte mich ernsthaft warnend an. Das musste ich mir nicht antun. Ich warf einen Zwanziger auf die Theke und verließ das Lokal.

Ehe ist, bis dass der Tod …

“Schatz”, er hielt ihre Hand in der seinen und streichelte sie sanft, “Schatz, ich hatte dir immer gesagt, dass diese Mund- und Nasenbeckungspflicht nichts für uns ist. Wir können unsere Gesichter nicht mehr richtig erkennen, sehen unser Mienenspiel nicht mehr. Und das ist doch wichtig, oder? Das Mienenspiel ist doch wichtig für uns Menschen und macht uns menschlich, nicht wahr.”

Er betrachtete zärtlich ihre Hand. Ein Fingernagel war abgebrochen, einer dieser Gel-Fingernägel, die sie sich immer jedes Wochenende machen ließ. Heute wollte sie auch wieder zum Aufhübschen gegangen sein, aber das Nagelstudio war bereits geschlossen.

“Schatz, hat es nicht bereits gereicht, dass wir die Ausgangsbeschränkungen anfangs vollumfänglich mitgemacht hatten? Du hattest dir einen Dackel angeschafft und ich bin joggen gegangen, um mal aus der Wohnung raus zu kommen. Mehr musste ja nicht sein.”

Versonnen blickte er zur Seite, sah den Fressnapf, der auch weiterhin neben den Mülleimer stand, und dahinter zur Erinnerung ein Hundefoto.

“Ach ja, der Dackel. Die liebe Belinda. Ein treues Seelchen von Hund”, er seufzte, “was konnte ich dafür, dass sie mir nachlief und beim Überqueren der Straße überfahren wurde? Nichts. Und das hatte ich dir tausendmal gesagt. Aber du meintest, ich hätte das absichtlich getan. Immer diese miesen, unbewiesenen Unterstellungen von dir. Du hättest wie ich joggen gehen sollen, nicht wahr. Dann hättest du auch mehr raus gekonnt. Joggen hält fit und wir Menschen müssen fit bleiben, nicht wahr. Da braucht es keinen Dackel.”

Sein Blick streifte den Ehering an dem Ringfinger ihrer Hand und spielerisch drehte er mit seiner freien Hand an den Ring. Aber kein Geist erschien, um einen Wunsch zu erfüllen.

“Aber du wolltest ja nicht. Dafür kann ich nichts. Eigene Entscheidung. Eigene Schuld. Darum musstest du ja auch die ganze Zeit zu Hause bleiben. Dafür kann ich nichts. Gesetz ist halt Gesetz. Dass du dann so zickig wurdest, darüber hättest du mal nachdenken sollen. Deine Zickigkeit hat unserer Ehe nicht gut getan. Ich habe alles getan, aber du gar nichts. Wegen jedem Kleinscheiss hast du angefangen zu streiten. Das war unnötig. Das hattest du danach auch immer eingesehen, wenn ich mit dir darüber diskutiert hatte.”

Er schüttelte dazu verärgert seinen Kopf und drückte ihre Hand ungewollt fester, als er wollte.

“Und dann, als ich letzten Montag mir die Kettensäge gekauft hatte, um in unserem Garten mal aufzuräumen, da war es dir auch wieder nicht recht. Du bist immer auf Streit gepolt. Gut. So bist du halt. Nicht deine Schuld. Aber es war völlig unnötig, der Nachbarin von deiner Kinnverletzung zu erzählen. Dafür konnte ich nicht. Bist doch selber gegen die Tischkante gefallen. Hätte ich nicht dein Kinn verbunden, wärest du wohlmöglich verblutet. Aber warum du danach immer nur Maske tragen wolltest, das habe ich nie verstanden, das konntest du mir auch logisch nicht erklären. Du brauchtest doch vor mir keine Maske. Hab ich etwas Corona? Bin ich ansteckend? Du kannst so ungerecht sein.”

Er seufzte erneut auf und streichelte ihre Hand. Eine Träne lief an seiner rechten Wange herunter:

“Zumindest, so geht es mir. Jetzt halte ich deine Hand in der meinen, Schatz. Nur wünschte ich, du wärest hier. Und nicht in unserem Garten unterm Bankplatz.”

Er schluchzte auf und Tränen rannen ihm in dürren Rinnsalen über die Wangen. Er ließ ihre Hand los und kraftlos fiel sie unterm Tisch.


”Und wie – sagten Sie – fiel Ihnen auf, dass beim Ehepaar Schultes etwas nicht stimmte?”

“Naja, gestritten hatten die immer, aber in der Corona-Zeit wurde es unerträglich, da hat er sie offenbar geschlagen, so dass sie gestern heulend mit der Kinnverletzung bei mir auftauchte. Und dann der letzte Streit heute morgen, danach die Stille, dann das Aufheulen der Kettensäge und dann wieder diese unsägliche Stille, da stimmte doch etwas nicht … ist es wahr, was ich gehört habe, dass er sie unter der Gartenbank …”

“Bitte verstehen Sie, dass wir zu laufenden Ermittlungen leider keine Auskunft geben dürfen, Frau Giesinger. Wir melden uns wieder bei Ihnen. Guten Tag.”

Provinznotizen aus Deutschland Süd bei Südost (4): Schau durch mich hindurch

Auf seiner Parkbank hielt er sein Rätselheft und notierte mit seinem Bleistift immer wieder Worte darin, welche Lösungen für die leeren Quadrate waren. Die Sonne lachte, die Vögel tirilierten, der Grashalme streckte ihre Halme der Sonne entgegen, die Maulwürfe buddelten im Verborgenen der Sonne und die Ausgezogenen führten bei Fußgänger bei ihrem Weg zu deren Linken und Rechten durch jene hindurch zu erfreutem Kopfschütteln.

Nur schon seit einiger Zeit hatte er kein Wort mehr in seinem  Heft eingetragen. Seine Lösungskompetenz war ins Stocken geraten. Verzweifelt kaute er auf seinen Bleistift herum. Weiche Mine, hartes Holz.

“’Klarsichtiger’ mit zwölf Buchstaben”, murmelte er vor sich hin. “Klarsichtiger. Hm. Klarsicht. Was ist das?”

Er schaute zu seiner Seite. Ein Mann mit blauer Maske saß neben ihm und schaute auf die Menschen auf dem Rasen. Er rückte näher zu dem Mann hin:

“Entschuldigung, ‘Klarsichtiger’ mit zwölf Buchstaben. Können Sie mir dabei helfen?”

Der Mann schaute ihn fremdelnd an: “Was soll ich? Ich kenne Sie nicht.”

“Können Sie mir vielleicht mit einer Idee weiter helfen?”

“Sie tragen keine Maske. Wollen Sie mich anstecken?”

“Ich bin Single. Und habe kaum Menschenkontakt.”

“Sie tragen keine Maske! Ist Ihnen das klar?”

“Ich …”

Der Mann erhob sich hastig und entfernte sich. Der Kreuzworträtsel blieb ratlos zurück und schaute um sich herum.

Ein älteres Ehepaar passierte gerade seine Bank. Er sprang auf: “Entschuldigung, ‘Klarsichtiger’ mit zwölf Buchstaben. Können Sie mir dabei helfen?”

Der Ehemann blieb stehen und schaute den Rätsler an: “Klarsichtiger? Also jemand mit Erkenntnis?”

“Ja, Egon” antwortete seine Ehefrau, “das muss einer sein, der nachdenkt. Das wird ein Dichter sein. Das will doch der Mann mit dem Rätselheft wissen.”

“Schopenhauer!”

“Ja, Aber auch ‘Aristophanes’ würde gehen, mein Schatz.”

“Aber auch ‘Dichter Dunst’, Liebchen.”

“Nur lediglich, wenn du das Leerzeichen dazwischen mitzählst, Herzilein.”

“Aber Egon, glaubst du, dass hätte ich nicht mit eingerechnet? Sonst hätte ich ja gleich ‘Nebelvorhang’ sagen können. Statt ‘Dichter Dunst’, oder?”

“Agathe, ich sag ja nur. Aber, der Mann ist ja so verzweifelt mit seinem Heft. Junger Mann, wie wäre es mit ‘Hofmannsthal’?”

Der Kreuzworträtsel schüttelte den Kopf: “’Klarsichtiger’ mit zwölf Buchstaben. Das muss etwas mit Perspektive sein. Nicht mit Dichtern.”

Die Ehefrau schüttelte den Kopf: “Da können wir nicht helfen. Kein Dichter, keine Hilfe. Als Rentner ist unsere Perspektive nur begrenzt, unser Ableben ist eine Frage der Zeit im dichten Nebel der Zukunft. Zeit, die wir für so etwas wie Kreuzworträtsel nicht mehr haben”, und beide gingen grußlos weiter.

Der Kreuzworträtsel kaute gedankenverloren auf seinen Bleistift und ließ sich wieder auf seine Bank nieder. Sein Blick nach rechts vermeldete ihm, dass er nicht mehr alleine dort war. Ein junges Paar hatte sich inzwischen dort breit gemacht.

“Alter Mann”, hörte er die Stimme des Mannes, “alter, weißer, weißhaariger Mann, ey. Ein Meter fünfzig Abstand! Und Maske, okay! Gilt auch für dich.”

“Ich löse nur Kreuzworträtsel. Ich suche ‘Klarsichtiger’ mit zwölf Buchstaben.”

“Wissen Sie, was Sie sind? Ein Ignorant!”

“Hm. Eher nicht. Ich suche lediglich ‘Klarsichtiger’ mit zwölf Buchstaben.”

“Ja, nee, ist klar. Aber, alter Mann, Sie sind ein Ignorant. Ohne Respekt. Oder exakter gesagt: ein Nichtswisser. Hat nebenbei auch zwölf Buchstaben. Hey, hab mal Respekt vor uns Jüngeren und lass uns allein hier sitzen!”

Der Kreuzworträtsel stand verunsichert auf. Er wollte doch nur Kreuzworträtsel lösen. Das schadete doch niemanden, oder? Das wäre doch sozialverträglich, oder etwa nicht? Er blickte zu dem Mann, der auf dem Weg ihm entgegen kam. Schlips. Weißer Kragen. Reversnadel. Anzug. Lederschuhe. Nur jener schaute durch ihn hindurch. Erblickte ihn nicht. Blickte durch ihn hindurch.

Der Kreuzworträtsel drehte sich um. Eine Frau ging auf ihn zu. Sonnenbrille. Verspiegelt. Businesshosenanzug. Grau. Zigarillo rauchend. Kühl. Unnahbar. Sexy. Ein Gang wie die Lauren Bacall. Er hob sein Rätselheft, fühlte sich ein wenig wie Humphrey Bogart. Aber sie sah ihn nicht. Blickte durch ihn hindurch. Er fühlte sich transparent. Wie ein Mann ohne Eigenschaften.

Er wendete seinen Blick zur Parkbank. Das Paar hatte sich dort der Länge nach ausgebreitet und schmuste intensiv. Er schaute zurück auf den Weg. Zwei Polizisten kamen ihm entgegen.

“Entschuldigung, ich suche ‘Klarsichtiger’ mit zwölf Buchstaben. Können Sie mir dabei helfen?”

Die beiden Polizisten beachteten ihn nicht, schauten durch ihn hindurch. Er fühlte sich in Schatten verschoben. Dabei wollte er doch nichts unmögliches. Er wollte lediglich ein Kreuzworträtsel lösen. Was war falsch dran?

Zwei Ehepaare kamen auf ihn zu, schoben jeweils einen Kinderwagen, unterhielten sich intensiv und klar vernehmbar.

“Und dann sagte er nur: Verschwörungstheorien. Kannst du das glauben? Abiturient mit Note 1.0 und dann diese Pauschalierung. Der hat sie doch nicht alle.”

“Tja, Abitur schützt vor Doofheit nicht. Nieten in Nadelstreifen, nicht wahr.”

“Und dazu hat er noch Psychologie studiert und hat hier unweit vom Englischen Garten seine Praxis an der Leopoldstraße. Einige Persönlichkeiten sind in seiner Behandlung. Jetzt in der Corona-Zeit sind wohl wieder einige in Krisen gefallen und er verdient sich nen Wolf daran.”

“Jo mei, sollen die Ärmsten sich doch mal ein wenig informieren, nicht wahr. Krise ist ja nicht wirklich und Selbstkrise erst recht nicht. Alles nur Manipulation. Alles. Wer nur dem Mainstream vertraut, der hat sein Hirn an der Garderobe abgegeben, denkt nicht mehr nach. So einer gibt nur zu denken. Hat sein eigenes Nachdenken outgesourct.”

“Ha. Mainstream. Geht gar nicht. Nicht nachdenken, erst dreimal nicht.”

“Überhaupt nicht. Mainstream, alles gelogen. Wie gut, wer Internet zu nutzen weiß. Da finden sich die echten Faktenchecks.”

“Fakten Checker? Das erinnert nur an Orwells Wahrheitsministerium. Fakten Checker sind Manipulierer ersten Grades. Fakten Checker sind nur Meinungschecker. Das ist die echte Wahrheit. Alle akzeptieren, dass jeder jeden manipuliert und sich als Wahrheitsministerium ausgibt. Orwells Vision ist doch hier und heute.”

Der Kreuzworträtsel hob sein Heft den zwei Paaren entgegen und tippte mit seinem Bleistift auf das Quadrat mit der Fragestellung. Aber die beiden fuhren mit ihren Kinderwägen durch ihn hindurch. Ohne ihn zu beachten. Er war wie Luft für sie.

“Wer durchblickt, der braucht eh keinen Fakten Checker mehr. So ein Mensch hat sein Hirn benutzt. So ein Mensch ist mündig und weiß, wo der Zug lang fährt und weiß, was kommt. So einer ist immun gegen Manipulation. So einer benötigt keine Impfpflicht mehr. Der ist geimpft.”

“Ja, stimmt, wenn die mal deren eigenes Hirn nutzen würden. Mündig ist doch nur eine Minderheit. Und eben jenen wird der legitime Zugang zur Macht verwehrt. Wir Klugen sind doch immer die Dummen.”

“Deswegen ist auch diese Corona-Krise nur Fake. Klar, es gibt Tote, aber der ganze Ballyhoo drum, das ist doch fieser Fake. Bisschen Hirn zum Durchblicken täte jedem gut.”

“Weißt du, was das Hirn von Albert Einstein kostet? 9 Milliarden. Und weißt du, was das Hirn eines normalen Bürger kostet? 90 Milliarden. Warum? Weil noch nie benutzt.”

Die letzten Worte verloren sich fast in den wehenden Wind, der kurz und heftig den Staub des Weges aufwirbelte. Der Kreuzworträtsel hielt dem Wind verzweifelt sein Heft entgegen. Die beiden Paare hatten durch ihn hindurch geschaut und deren Wägen an ihn vorbei gesteuert, knallhart auf den Zentimeter kalkulierter Weg ohne jeglichen Kontakt zum Kreuzworträtsel. Beachtet hatte ihn allerdings keiner. Nicht mal der Wind.

“’Klarsichtiger’ mit zwölf Buchstaben”, murmelte jener Kreuzworträtsel vor sich hin. “Klarsichtiger. Hm. Klarsicht. Was ist das?”

Er schaute zur Parkbank. Sie war wieder frei. Er setzte sich wieder an das eine Ende und dachte nach. Jemand setzte sich an das andere Ende. Er blickte hinüber. Ein Mensch mit dunklem Trenchcoat und Sonnenbrille. Unnahbar. Und trotzdem wohl alles im Blick. Den Kreuzworträtsel streifte er nur mit einem Blick durch seine schwarz-dunkle Sonnenbrille. Zumindest schien es so.

Der Kreuzworträtsel kaute auf seinem Bleistift. ‘Klarsichtiger’ mit zwölf Buchstaben. Sein Blick war auf die Quadrate des Kreuzworträtsels fixiert. Anfangs. Meditativ. Versunken. Kontemplativ.

Sein Blick verrutschte ins Unendliche. Auf einen Punkt hinter sein Heft. Er blickte durch sein Heft hindurch. So in der Art wie die Leute ihn zuvor ansahen. So wie er es seit dem März immer wieder erfahren hatte. Blicke ohne Bezug.

Und dann sah er die Lösung. Mit seiner freien Hand schlug er sich auf seine Stirn. Ja, klar, das war es. Zu einfach. So simpel. ‘Klarsichtiger’ mit zwölf Buchstaben. Und das in Corona-Zeiten, wo alle auf ihre Auffassungsgabe schwörten.Durch-Blick

(das ‘Magic Eye’-Bild wurde erstellt mit ‘Stereogram Maker 2.1’)

Provinznotizen aus Deutschland Süd bei Südost (2): Extreme-Corona-Beergardening

Alois Hingerl – Dienstmann Nr. 172 am Münchner Hauptbahnhof mit göttlichen Ratschlägen an die Bayerischen Regierung als Brief in seiner Tasche – führte sein Weg am 18. Mai 2020 aus der himmlischen Quarantäne einer alten Gewohnheit gemäß herunter zum Münchner Hofbräuhaus. Und er fand seinen Stammplatz wieder, fand den Stammplatz leer, die Kellnerin, die Kathi, kam auf ihn zu … und er b’stellte sich a Maß … und b’stellte sich noch a …

Kathi reichte ihm einen Kugelschreiber und Zettel. Stumm, aber bestimmt deutete sie Alois an, dass er darauf seinen Namen, seine private Telefonnummer und ebenfalls seine voraussichtliche Verweildauer im Hofbräuhaus-Biergarten eintragen müsse, bevor er überhaupt irgendetwas bestellen könne.

„So – hmhm – ja, wann kriag na i wos z’trinka?“

Kathi tippte enerviert energisch auf den Zettel. „Sie werden Ihr Manna schon bekommen“ und drückte dem Alois den Kugelschreiber in seine Hand.

“Waas? Z’trinka kriagat i überhaupts nix? Mei Liaber: a Manna hat se g’sagt, a Manna kriagat i! Mei Liaber, da wennst ma net gehst mit Dei’m Manna, gell, den kennts selber saufa, des sag i Eich, aber i trink koan Manna, daß Di auskennst!“

Kathi schüttelte ihren Kopf und meinte lediglich:

„Ja, was ist denn das für ein Lümmel“,

ließ darauf zwei private schwarzgewandetet Sicherheitsdienstmänner (Nr. 42 und Nr. 98) den Alois packen und raus aus dem inneren Biergarten des Hofbräuhaus vor die Tür des Hofbräuhaus schleppen. Dort stellten ihn beide ab und gaben ihm noch einen Schubs.

“Ja, sagen Sie mal, warum plärr’n Sie denn auch da herinne so unanständig?”, merkte Nr. 42 kopfschüttelnd an und zog seine schwarze Gesichtsmaske ein wenig höher über seine hohe, weiße Nase.

“Mit dem können wir hier nichts anfangen”, stimmte ihm Nr. 98 zu und nahm dem Alois den Kugelschreiber und den unausgefüllten Antrag auf eine persönliche und nicht übertragbar eingeschenkte Maß ab.

“So hat denn auch jene liebe Seele ihre Ruhe”, flachste Sicherheitsdienstmann Nr. 42, maß mittels Zollstock sicherheitshalber den Sicherheitsabstand zwischen allen drei Beteiligten aus und bewegte sich 23,81 Zentimeter von seinem Kollegen Nr. 98 nach rechts.

Alois Hingerl – Dienstmann Nr. 172 am Münchner Hauptbahnhof und eingedenk seines Auftrages, einen göttlichen Brief zu überbringen – sank vom Schlag getroffen zu Boden und verstarb nun endgültig.

Und so wartet Söder – mit 1 Meter 50 Sicherheitsabstand zu seiner Vernunft – bis heute weiterhin vergeblich auf göttliche Eingebungen.

frei nach nach einer Geschichte von Ludwig Thoma (1867 – 1921)

Provinznotizen aus Deutschland Süd bei Südost (1): Letzte Neuigkeiten

Eff Fünf. Eff Fünf ist die Taste des Lebens. Im Internet. Oberste Tastaturreihe mit dem genannten Buchstaben und der entsprechenden Ziffer. “F5”. Ich drücke und du aktualisierst dich. Du Browser. Fast wia im richtigen Leben.

“F5”, “F5”, “F5”.

Aber je mehr ich die Taste drücke, desto größer der Frust. Der Browser aktualisiert sich zwar, aber neues kommt dabei nicht rum.

“F5”, “F5”.

Ich steh auf, geh raus (weil, Ausgangsbeschränkung ist ja nicht mehr), steige in die U-Bahn, fahre zum Odeonsplatz, schreite vorbei an die Corona-verwaisten Stühle der Gastro-Location “Tambosi” (Übersetzung für Nicht-Münchner: “Bussi-Bussi-Social-Meeting-Platzl”), lustwandle durch den Hofgarten auf die bayrische Staatskanzlei zu und gehe zum Hintereingang.

“Zum Söder, bitte!”

Der Pförtner schaut mich auf seinen Monitor wohl streng an.

“Termin? Besuchserlaubnis? Autorisierung?”

“Ich war sein Wähler!”

“Kann jeder sagen”, schallt es aus der quäkenden Gegenanlage zurück.

“Nein, das kann nicht jeder sagen”, korrigiere ich den unsichtbaren Sicherheitsbeamten, “Das kann nur ich sagen. Denn nur ‘ich’ bin ich und das kann ich belegen! Das kann garantiert nicht jeder. Oder die PAs sind generell für den Hugo.”

Ich halte meinen Personalausweis vor der Kamera.

“Kann ich jetzt zum Söder?”

“Sind Sie angemeldet?”

“Freilich! Ich verfüge über einen festen Wohnsitz in München und das KVR hat bei meiner Anmeldung meine Adresse. Steht aber alles auch auf meinen PA.”

Ich drehe meinen Personalausweis und halte meine Meldeadresse in die Kamera.

“Mit ‘angemeldet’ war ein Termin gemeint. Sie sagten, Sie persönlich hätten Söder gewählt. Das ist falsch. Sie selber können den Söder nicht gewählt haben. Sein Wahlkreis ist nicht München, sondern der ist Nürnberg-Ost. Sie haben eine Falschaussage getätigt.”

“Okay, okay. Aber mit meiner Zweitstimme …”

“Das behauptet jeder.”

“Ich habe doch schon nachgewiesen, dass ich nicht ‘jeder’ bin. Was verlangen Sie denn noch von mir?”

“Den bayrischen Staatshinzugehörigkeitsausweis, bitte.”

Ich krame aus meiner Brieftasche meinen weiß-blauen Ausweis hervor, öffne ihn und halte jede Seite einzeln in die Kamera.

“Soso, einen bayrischen Staatshinzugehörigkeitsausweis hat der auch”, höre ich die Stimme undeutlich murmeln. Und dann deutlicher: “Ich bedaure, der Herr Söder ist gerade im Keller der Staatskanzlei und huldigt mit seinem Kabinett am Ehrendenkmal vom GröBaz Franz-Josef Strauß. Wie jeden Morgen. Kommen Sie morgen wieder.”

“Morgen? Oder später?”

“Morgen. Oder später.”

“Und ist er dann da?”

“Morgen.”

Neben der Eingangsklingel sehe ich einen kleinen Knopf. Darunter ein noch kleineres Schild, darauf winzig kleine Buchstaben. “Eff fünf” kann ich mühsam entziffern.

“Ha!”, lache ich innerlich auf und drücke instinktiv auf den Knopf. Die Welt wird kurz dunkel und baut sich darauf pixelweise Zeile für Zeile erneut auf. Etwas türmt sich hinter mir auf. Einen kurzen Blick hinter mir und ich sehe einen frisch frisierten kurzhaarigen einsneunundvierziger Hühnen mit brauner Jacke, rosa Krawatte, weißes Hemd und spitzbübigem Gesicht, dessen Augen mich scharf fixieren.

“Kann ich Ihnen behilflich sein?”

“Herr Söder! Na sowas, dass ich Sie mal persönlich treffe, hier an der Staatskanzlei!”

“Ich arbeite hier. Und wenn Sie jetzt bitte mal zurücktreten würden, ich muss zur Arbeit.”

“Herr Söder, Augenblick bitte, ich wollte Sie etwas fragen, Herr Söder.”

“Pressekonferenztermine erfahren Sie bei meinem Pressereferenten per Anfrage mittels Email. Akkreditierung nur mit Ausweis.”

“Herr Söder, wir brauchen ein neues Bay-i-eff-ess-gee.”

“Ein was bitte?”

“Ein neues Bayerisches Infektionsschutzgesetz. Bay-i-eff-ess-gee ist die Abkürzung dafür, die von ihrem Ministerium dafür verwendet wird.”

“Und warum brauchen wir ein neues?”

“Weil ein neues immer besser ist, als das alte. Wer aufgehört hat, besser zu werden, hat aufgehört, gut zu sein.”

“Aha, ein Spruch aus der Automobilindustrie. Wer schickt Sie? Frau Quandt? Oder Dr. Herbert Diess?”

“Herr Söder, die Lage ist ernst! Besorgte Bürger erwarten für morgen einen Impfzwang und das passende Gesetz dazu. Enttäuschen sie diese nicht. Sonst müssen jene ihre Aussagen korrigieren und das macht alles nur komplizierter.”

“Sie sind ja ein ganz ausgeschlafenes Bürschchen. Wer hat Sie denn denn aus Zwangsjacke entlassen? Gehen Sie mal wieder nach Hause, nehmen Sie Ihre Pillen und lassen Sie mich dafür meine Politik machen, okay?”

Ein Türsummer ertönt, er drückt an die Tür und verschwindet im Innern. Mein Blick fällt erneut auf den “Eff Fünf”-Knopf. Zögernd hebe ich meinen Zeigefinger und bewege ihn auf den Knopf. Der Knopf fühlt sich so gut an, so kupfern, so glänzend, so kalt, so machtvoll, so richtig nach social distancing.

“Finger weg!”, schnarrt es aus der Gegensprechanlage. “Unterstehen Sie sich! Ich gebe Ihnen fünf Sekunden, sich umgehend zu entfernen. Ansonsten wird unser spezielles Spezial-SEK-Team zur Gefahrenabwehr sich binnen fünf Sekunden vom Dach herab abseilen und Sie wie ein Schluck Wasser einkassieren. Fünf.”

“Ich wollte doch nur …”

“Vier.”

“Hören Sie bitte …”

“Drei.”

“Ich dachte …”

“Zwei.”

“Also …”

“Eins.”

Ich drücke den Knopf. Einmal, zweimal, dreimal, viermal, mehrmals. Wie im Wahn. Eff Fünf, Eff Fünf, Eff Fünf, Eff Fünf …

Eine weibliche Computerstimme schnarrt: “System thread exception not handled. System service exception. Watchdog violation. Das System wird neu gestartet. Bitte warten. Das System wird neu gestartet. Bitte warten.”

Pause.

Der Morgen ist blau, der Himmel lau,
Alle Theorie grau,
Grün des Lebens goldner Bau,
Genau, jetzt ganz schlau
Nen Kakao.
Spaghetti.

Ich fahre zurück nach Hause, hocke mich vor dem Computer, rufe die Seite “Bayern.Recht” auf, drücke zur Kontrolle Eff Fünf und starre auf die Seite, wie sie sich neu aufbaut.

Im Deutschlands Süden bei Südosten nichts Neues.

Wir warten.

Das Corona-Tagebuch: Provinznotizen aus Deutschland Süd bei Südost (53): Kriegsberichterstattung

Endlich!

Endlich!

Endlich!

Wieder Fußball. Die Krise ist vorbei. Wenn Werder am letzten Spieltag ne Packung vom FC bekommt und beide gemeinsam den Hamburger SV vorbei ziehen lassen, dann ist wieder aller erste Bundesliga im Land.

Aber zuerst noch ein wenig von der Corona-Front:

Die Verblödung des Volkes mit Verschwörungstheorien wird momentan nur noch ganz knapp von denen übertroffen, die vorgeben, Regierung machen. Während mit dem Beweis der ultimativen Beteuerung der Verschwörungstheoretiker mir jene weis machen wollen, dass die Regierenden nur einen Plan haben, versuchen mir die Regierenden klar zu machen, dass es mehrere Pläne gibt, als sich Verschwörungstheoretiker vorstellen können. Und beide halten sich für die einzig Wahren, welche daraus ausgewählt werden müssten.

Derweil haben die Verschwörungstheoretiker ihre Geschütze schon auf deren eigenen heimeligen Treibsand aufgebaut. Treibsand hört sich negativ an, weil darin ja alles verschlungen werden könnte. Nur in Wahrheit ist das einfach positiv zu sehen. Denn woher sollen die Verschwörungstheoretiker heute schon wissen, woher sie morgen der nächste Sandsturm verweht. Und die Verwehung passiert in deren Ansicht immer, bevor der Treibsand anfängt zu schlucken. Das hat der Machist mit seinen sexuellen Ansichten gemein: eine Person hat lediglich zu schlucken, damit die andere befriedigt ist. Daher fühlen sie sich auch so sicher vor dem Sumpf der eigenen Ansichten.

“Wie unfair, David!”, werden die Verschwörungstheoretiker an dieser Stelle aufstöhnen, weil deren Existenzberechtigung ihr Selbstverständnis ist, nie Goliath sein zu müssen. Wobei sie das Wort “David” nur nutzen, um jeden Piefke gleich zum Helden zu stilisieren, den man danach vom Sockel stürzen muss. Da staunt der Normalo, da erschrickt die Erkenntnis, da fürchtet sich das Schicksal.

Jene Verschwörungstheoretiker werden also ihre Meinungsverbreiterung wie Stalin-Orgeln aufstellen und aus den Rohren ihre Statements abfeuern, aus denen noch nicht mal der Pfeiffer mit den drei “f”s aus der “Feuerzangenbowle” ein Gute-Nacht-Kissen klopfen würde. Die Hoffnung, dass sich die Klischees der Verschwörungstheoretiker mit der Wirklichkeit decken würden, ist somit völlig unbegründet.

Als noch unbegründeter erwies sich die Hoffnung, dass Merkel, Söder und Laschet deren Publikumsgunst unbewusst wären. Unweit der Spree sah ich sie aneinander geraten. Ich stand auf einem Haufen der Patronen verschossener Argumente und musste alles mit ansehen. Die Laschets wüteten mit furchtbarer Raserei, bis deren Klingen so ausschauten, wie Verschwörungstheoretiker meinten, dass sie ausschauen müssten: krumm wie die Säbel arabischer Barbaren. Die Söders waren auch nicht besser. Denken war denen ein Graus. Es ging denen nur ums Outsourcing. Sie gaben somit zu denken. Und die Merkels? Die investierten ihr Geld in ein Holzbein, um es einen von den beiden auf die Stirn zu binden und dem Volke als gerade gefundenes Einhorn zu verkaufen.

Als dann dieses den Heere der Söders und Laschets in den Fernseh-Talk-Runden gewahr wurde, taten beide alles ihr Bestes, den Klischees der Verschwörungstheoretiker zu entsprechen. Denn aus den gewöhnlich unterbelichteten Kreisen der Verschwörungstheoretiker verbreitete sich aus deren Dunkelkammern fürs unterbelichtete Volk die schlecht entwickelte Meinung, die Söders und Laschets wüssten eh schon, was sie tun, bis jeder es merkelte.

Als die Verschwörungstheoretiker desweiteren auch noch mitbekamen, dass jene Feldherren der Tagespolitik lediglich Bananenzüchter derer eigenen Frühlingserwachen waren, wurde ihre Wut erheblich größer. Und so machte sich in den engen Denkrinnen jener Verschwörungstheoretiker etwas erheblich breiter, was dazu führte, dass etwas überschwappte und dabei auch noch durchsickerte. Dass die Verschwörungstheoretiker auf den erheblichen Nutzen eigener Bananenplantagen schwörten und die Bananenrepublik Deutschland nicht in dem Besitz einiger Bananenplantagenbesitzer wären, sondern in der Hand anderer Nicht-Bananen-Plantagen-Besitzer, das fanden die Verschwörungstheoretiker ganz uncool. Denn nur Bananenländereien gehörten in die Hand der Bananen-Plantagen-Besitzern, eben jenen ureigentlichen Verschwörungstheoretikern. Frei dem Motto: “Wen macht die Banane krumm? Immer nur die anderen.”

Und somit entwickelten Verschwörungstheoretiker etwas, was jene in deren eigenen Langeweile immer gerne entwickeln: Ziele für deren Verschwörungstheorien. Mit dem ersten Hahnenschrei des folgenden Tages standen sie auf den Haufen, den sie sich als Verschwörungstheoretiker selber gelegt hatten und versuchten dabei nicht über jenen auch noch geschossen zu werden. Und falls doch, so wollten sie nur als Opfer und Märtyrer und Unverstandener zu erscheinen. Sie warfen alles in den Kampf, was sie fanden inklusive derer eigenen Unvermögen.

Und sie fanden, dass es Außenstehende gäbe, denen die ganze Schuld aufzuladen wäre. Also Nicht-Politikern, denen sie den Status der fehlbaren Allmächtigen verliehen. Oder Leute, die zu besonnen dafür erschienen. Eben drum hat deswegen ein Reichelt seine BILD sofort den Verschwörungstheoretiker aus reinem Mitgefühl neue Geschütze im Kampfe für deren Verschwörungstheorien öffentlich überreicht: der Russe, der Droste, der Wieler und die anderen Panikmacher seien Schuld, weil es gäbe noch andere wie Wordag und Co zum Zuhören. Lasst uns die Überbringer der schlechten Nachricht schlagen und die Wodargs mit Palmwedeln bei ihrerem Einmarsch in Jerusalem auf dem Sarg der wertlosen Botschafter bekränzen. Und freilich auch den damals für BILD heilsamen Wissenschaftler Manfred Köhnlechner (Gott habe ihn seelig) auferstehen lassen, der aus dem Mund der anderen unbeachteten Virologen spräche.

Deren BILD-unterstütze Argumente waren von Vorteil. Die Verschwörungstheoretiker, obwohl sie zuvor beteits getroffen wurden und deren beide Beine vom Knie abwärts zerschmettert waren, trotz allem sie bluteten wie die Schweine unter der Knochensäge. Für Gott und Verschwörungstheorie. Auffallend war, trotz fehlender Beine, sie fielen weder an den Rand der Grube, noch hinein, jene Grube, welche sie für andere tief und breit ausgehoben hatten.

Fernerhin hatten die Verschwörungstheoretiker festgestellt, dass in den hiesigen Zeiten jedes losgelassene Argumentationsgeschoss eine kostspielige Sache war. Jedes Geschoss war inhaltlich im Stande, eine Familie einen Monat zu ernähren! Das war den Verschwörungstheoretiker der Wohltat zu viel. Denn wer konnte schon bestimmen, ob jene begünstigte Familie nicht entgegen den Überzeugungen der Verschwörungstheoretiker lebte! Das wäre unverantwortlich und ganz und gar verkehrt. Also kehrten sie die These ‘Wer nicht mit Geld umgehen kann, hat keins’ in die revolutionäre These ‘Wer kein Geld hat, kann damit auch nicht umgehen, etst recht nichz fehlerhaft’ um, an deren Ende die Forderung ‚Spendet nur noch uns’ stand. Crowdfunding at its best!

Und so saßen die Crowdfunder in deren spanischen Villen, deren mobilen Lebesräume, deren Luftschlössern, und beklagten, dass die Kämpfer für deren Freiheit nicht mehr deren Herzblut auf dem Schlachtfeld der Verschwörungstheoretiker lassen würden. Und im Umkehrschluss somit, sich mit dem Feinde fraternisiert hätten.

An dieser Stelle senkte sich der Vorhang über das Kriegsgeschehen und der Reporter hatte den Handlungsschauplatz zu verlassen. Er entschuldigte sich mit einem ‘er müsse auch mal schlafen’, aber jeder weiß, dass der Kriegsreporter nur eine Nulpe hoch drei ist, wenn er nicht von Blut, Schweiß, Tränen und Verschwörungstheorien erzählt.

Stattdessen wanderte der Blick wieder zum unbedeutenden Anfang der Reportage und es war lediglich zu wiederholen:

Endlich!

Endlich!

Endlich!

Wieder Fußball. Die Krise ist vorbei. Wenn Werder am letzten Spieltag ne Packung vom FC bekommt und beide gemeinsam den Hamburger SV vorbei ziehen lassen, dann ist wieder aller erste Bundesliga im Land.