The Masked Singer (Eggnog-reloaded)

Statistischer Statikstatistiker in der künstlerischen Kunstkinetikdynamisierungskreativwerkstatt bei Kaatsheuvel in den Niederlanden. Das liegt in der Nähe von Efteling, dem bekannten Vergnügungspark mit Fahrgeschäften mit Märchenthema, Achterbahnen aus Holz, Wasserfontänen und Lichtshow. Damit war eigentlich alles über ihn gesagt. Wenn er sich so in den Kneipen bei einem Bier anderen Kneipengängern vorstellte, dann war die Reaktion immer die Gleiche:

“Efteling! Ja, da war ich mal, als keines Kind mit meinen Eltern. Toller Freizeitpark. Fast so schön wie ‘Phantasialand’ oder ‘Europapark Rust’. Aber Efteling ist einzigartig. Efteling halt. Frikandel Spezial dort, das war da immer ganz toll!”

Er war immer erstaunt, dass Efteling zusammen mit ‘Phantasialand’ oder ‘Europapark Rust’ in einem Satz verwendet wurde. Die Leute waren in ihrer Kindheit schon viel rumgekommen, so schien es. Mobile Eltern mit ganz viel Freizeit in Bayern. Ein allgemeines Luxusgut der Bayern. Die sind immer so mobil, dass es manch einem bayrischen Ministerpräsidenten der Gegenwart beim Gedanken daran unheimlich wird, eingedenk des Tourismus der Bayern im eigenen Bundesland.

Naja, es wurde nicht nur ‘Frikandel’ genannt. Alternativ zu ‘Frikandel’ waren auch immer wieder Poffertjes mit Puderzucker, Zuckerwatte, Pommes rot-weiß-gelb oder der Gauda von Frau Antje im Munde der Gesprächspartner.

Oder irgend manch einer fühlte sich berufen, originell zu erscheinen, und meinte flapsig guttural:

“Ercht? Chrolland? Chrrrudiekarell!”

Dann haute er immer nur seine Antwort als Gegenfrage raus: “Miereneuken?”

Die befragte Person war dann generell sichtlich ratlos: “Miereneuken?”

Worauf er dann provozierend lässig zurück gab: “Neuken in de Keuken, ne.”

Dann war Stille. Schicht im Schacht. Ruhe im Karton. Und er war wieder mit sich alleine. Und keiner kannte noch immer nicht seinen Namen. Aber es ging manches mal weiter:

“Trinkt ihr eigentlich noch immer Heineken? In Holland?”

“Immer zur EM und WM. Ehrlich. Da sind wir konsequent. Und wenn wir mal nicht dabei sind, dann Grolsch.”

“Ich mag deinen Holländischen Akzent. Er hört sich an wie …”

“Chrrrudiekarell?”

“Nein, eher wie Coffeeshop. Sag mal, haste was dabei?”

“Kriegst hier kostenlos nur auf Drogenfahnderausweis. Ohne kostet es dich die Freiheit.”

“Wieso?”

“Miereneuken?”

Somit war endgültig mit der Konversation Schicht im Schacht. Niemand fragte nach seinen Namen. Alle wollten immer nur standardmäßig wissen “Und? Was machst du so?” Dann sang er ungefragt sein Lied hinter seiner Phrasen-Maske. Und jeder hörte ihm zu, ohne je seinen Namen zu erfragen.

Bis zu dem Tag, wo sie neben ihm stand. Er hatte wieder sein Provozierendes “Neuken in de Keuken, ne” zurück gegeben, worauf sie ihn kühl und gleichzeitig lauernd lasziv von oben bis unten musterte:

“8 Eier, ne.”

“Wie meinst du?”, fragte er etwas positiv irritiert.

“Vanille-Zucker. Ein oder zwei Päckchen, damit es richtig lecker nachher der Kehle runterläuft”, hauchte sie ihm leicht entspannt vorgebeugt ins Ohr, „ja, dann noch 250 Gramm Puderzucker für die acht Eier. Aber nur für das Gelbe vom Ei. Eiklar braucht keiner, wird vollkommen überschätzt. Eiklar kann jeder Hansel. Nur die Wahren verstehen sich auf die Konzentration auf das Wichtige. Auf das Gelbe der Eier, nicht wahr. Und das entscheidende dabei ist doch, diese acht Eigelbe der Eier locker mit aller Liebe aus der rechten Hand schaumig zu schlagen. Das ist alleinige die wahre Kunst.”

Ihr Blick wanderte von seinen Lippen zu seiner Brust. Er verharrte einen Augenblick auf seiner und beschloss dann doch tiefer zu wandern: ”Dann 375 Milliliter Dröpje voor Dröpje Kwaliteit Kondensmilch träufeln lassen. In den Schaum. Ein Traum. Und dann ein gutes Glas Rum. Ein Viertel Liter. Zur Geschmacksveredelung und für die benötigten Umdrehungen. Oder auch etwas mehr. Des Geschmackes wegen. Du verstehst?”

Ihr Blick glitt zurück, aufwärts, zu sein Kinn, zu seinen Lippen, schien sich an diesen festzusaugen: “Und darauf alles im heißen Wasserbad so richtig mit Gefühl rühren, bis die Masse cremig sämig vom Finger runtertropft, wenn es über das Finger … glied … läuft und beim Ablecken auf der Zunge eine heiße Geschmacksexplosion hinterlässt.”

“Du, Sau, du!”

“Neuken in de Keuken? Bei mir?”

Er schluckte erregt und versuchte bei seiner Antwort nicht allzu needy zu erscheinen. Dabei schaute er auf den Bauchnabel von ihr, den ihr Top frei zur Ansicht gab.

In seinen Erinnerungen fühlte er sich in die Zeit der End-Achtziger des letzten Jahrhunderts zurück versetzt, als alle Frauen bauchfrei im Sommer waren. Tops waren ganz groß in Mode bei den Twens und jeder sichtbare Bauchnabel tagsüber ein Versprechen für die nachfolgende Nacht. Zu mindestens für die generell nachfolgende Nacht allein im eigenen Bett.

Sein Kopfkino projizierte ihm jetzt das Wildeste. Die Nacht war jung und er bereit.

Alles, was danach in ihrer Küche passierte, ordnete er als Vorspiel ein. Ein Vorspiel, wie er es sich nie vorgestellt hatte. Nun, in Wahrheit ging seine Vorstellung in eine andere, mehr explizite Richtung. Aber es war okay, wie es war. Kein Mensch glich einem anderen. Jeder Mensch plante sein eigenes Vorspiel mit seinem eingeladenen Partner. Und er, er wollte sich sich drauf einlassen. Er war nicht der Spielregel-Steller, er musste nicht bestimmen. Sie sollte es tun.

Nie zuvor hatte er mit einer Frau zusammen in deren Küche Eierlikör hergestellt und in Flaschen abgefüllt. Es lief alles so locker, so easy-going, so harmonisch ab.

Er fühlte sich zurückversetzt, in die Zeit, als er noch nicht ganz Dreißig war und das Leben unbeschwert von der Zukunft war. Unbelastet. Leger. Ohne Probleme.

Er blickte sie in der Küche an und für einen Moment sah er in ihr eine ehemalige, damalig Liebe von ihm. Jene hatte er damals kennengelernt, in seinen Endzwanzigern und sie war damals in seinem damaligen Alter. Ja, und sie – die jetzt vor ihm in der Küche stand – sie war auch kaum älter.

Die ganze Prozedur des Eierlikör-Brauens war von Vorkosten und Abschmecken mit dem Rum begleitet. Er genoss das Ganze und prägte sich das Rezept ein. Es war simpel und genial. Und das Ergebnis verführerisch lecker. Er war im Flow, zu allem bereit und auch fähig, für was kommen mochte. Sie sollte nur so weiter machen. Er würde mitmachen.

Beide saßen verschnaufend vom vielen Rühren und vom Probieren angeschicktert auf ihren Küchenstühlen und sahen auf ihre Gläser Bessen Jenever, den sie aus dem Küchenregal gezogen und eingeschenkt hatte. Er trank sein Glas gleich in einem Zug leer. Lecker. Bessen Jenever. Gab es nicht auch ein Werbelied von “Chrrrudiekarell”? Auf seiner Schlagermelodie “Goethe war gut”? Er war in Laune zu allem, kicherte angesäuselt und gab sich Mühe, bei seiner Überleitung:

“Das war kolossal. So wie von dir wurde mir noch nie in einer Kneipe auf meine Phrasen geantwortet. Das hatte Klasse. Du bist ne Nummer für sich. Top.”

“Das stimmt. Bislang bist du der Erste, der vorgibt aus Holland zu stammen, mit Worten wie ‘Miereneuken’ um sich wirft, aber mit ‘Dröpje voor Dröpje Kwaliteit’ keine Probleme hat.”

“Naja, Hauptsache der Rum für den Eierlikör war vorhanden, nicht wahr. Und dieser Bessen Jenever ist auch Klasse. Wo haste den her?”

“Tja, Bessen Jenever ist Holländisch. Nur ‘Dröpje’ hat mit Holländisch nichts zu tun, sondern ist Boomer-Slang.

“Bommer-Slang?”

“Kondensdosenmilchwerbung der 70er. Eure Generation. Wenn es das Wort ‘Dröpje’ im Holländischen gäbe, hieße es korrekt ‘Druppeltje’. Aber das wissen die Niederländer sowieso. Aber ihr Boomer, ihr wisst das nicht. Ihr seid ja so Nabelschau-fixiert, dass ihr gar nichts mehr merkt.”

“Was?”

“Du Statistischer Statikstatistiker in der künstlerischen Kunstkinetikdynamisierungskreativwerkstatt bei Kaatsheuvel in den Niederlanden.”

Sie trank ihren Bessen Jenever in einem Zug aus und ergriff danach gleich sein leeres Glas vor ihm, um es wegzuräumen:

”Okay, Boomer, Namenloser-welcher. Danke für deine Hilfe beim Eierlikör-Rühren. Geh jetzt. Und Tschüss.”

Kneipengespräch: Das Bier und sein Meinungsreinheitsgebot

“Und? Wie isses?”

“Wie soll’s schon sein. Schlecht ist noch geprahlt.”

“Was ist so dringlich?”

“Unser Kölsch soll verboten werden.”

“Red’ keinen Müll.”

“Wenn ich es dir doch sage.”

“Unser Kölsch?”

“Es entspricht nicht dem deutschen Reinheitsgebot. Ich buchstabiere: ein rein, ein Heits, ein Gebot. Es geht um ein reines Lebensmittel. Es entspricht dem nicht. Sagen Biertrinker aus bayrischen Kneipen. Und nicht nur dort.”

“Nicht? Wie kann das sein? Es geht doch rein. Und das zugleich mit jedem Heitsgebot. Oder etwa nicht?”

“Kölsch ist nicht gesellschaftsfähig. Das Reinheitsgebot hat seinen Ursprung in Bayern, nicht in Köln. Das sollte jedem zu Denken geben. Zum Nachdenken.”

“Du machst Witze! Nachdenken über solche Seiten einer Meinung? Welche andere aufziehen wollen? Welche Interessen haben diese? Werden die von wem Speziellen dafür finanziert?”

“Kölsch widerspricht der bayrischen Bierkultur. Und weil das so ist, ist das jetzt ein gesellschaftlich missliebiger Faktor.”

“Hä? Kölsches Obergäriges ist nicht wie obergäriges bayrisches Weißbier zu beurteilen?”

“Es geht darum, welcher gesamtgesellschaftlichen Frage man Priorität einräumt, und wie man das dann gesamtgesellschaftlich löst. Dazu müssen alle Teile der Gesellschaft ihren Beitrag leisten. Auch mit Verzicht. Ansonsten steht eine Infizierung mit dem Kölsch-Virus als Gefahr für das bayrische Bier im Raum.”

“Du redest wie die Klimawarner. Hier geht es um Kölsch. Und nur um Kölsch. Und eben das hat seinen uneigennützigen Status in der einträchtigen Gesellschaft hinsichtlich des Reinheitsgebots.”

“Ein Vergleich mit solidarischem Verhalten bezüglich dem Reinheitsgebot ist absolut treffend. Die Bayern haben dazu eine eindeutig eherne Meinung. Es ist das, was man hier und heute am Tresen besichtigen kann. Das Kölsch in dünnen Stangen-Gläsern versus das bayrische Bier in stabilen Willy-Becher-Gläsern. Das bayrische Bier macht mehr her.”

“Aha.”

“Die Warnung vor dem Kölsch erinnert total an reine Panikmache. Hier wird der Konsum lediglich versucht, durch Angst und negative Gefühle komplett negativ zu beeinflussen. Ohne wissenschaftlich erwiesene Hintergründe, für die man nicht nur ein halbes Jahr analysiert haben muss. Der Bierkonsum und der Kölschkonsum sind gesellschaftlich verankert und bestehen schon länger als nur ein paar Monate. Und eben darum: Ich lass mir nichts verbieten. Ich lass mir meine Freiheit beim Bierkonsum in Bayern nicht einschränken.”

“Aber es gibt genügend Menschen in diesem Lande – und auch in Bayern -, welche Kölsch nicht als Bier klassifizieren. Sondern als pissgelbe Brühe. Menschen, die sich dem sogar vehement verweigern, um deren Gesundheit nicht zu schaden.”

“Ja, ja, jene Sonderlinge mit der Meinung, sie wären es nicht gewesen, Kölsch getrunken zu haben, weil sie nur echtes Bier trinken würden. Maximal waren es immer nur die anderen. Ich kenn keinen, denen ein ehrliches Kölsch nicht geschmeckt hat. Und die, die einmal ein Kölsch ganz unbefangen gekostet hatten, die konnten nicht klagen. Kölsch ist kein Grund sich zu beklagen. Und für die Bayern wird es wohl nicht so schlimm sein.”

“Na gut. Mich trifft’s nicht.”

“Eben. Alles übertrieben. Dass Kölsch kein Bier sein soll, das ist wissenschaftlich nicht erwiesen. Irgendeiner hat’s in die Welt gesetzt, um Kölschtrinker zu unterdrücken. In Wahrheit geht es lediglich darum, Biertrinker zu mainstreamen, zu manipulieren. Des Biertrinkers ehrliche Meinung soll auf perfider Weise unterdrückt werden. Man will die Bayern nur als bierdimpfelnde Mitmenschen vor deren Maßkrug. Intelligente Menschen vor einer Kölsch-Stange in Bayern, das will niemand. Das ist nicht Mainstream. Und der Mainstream unterdrückt diese Wahrheit. Oder hat der Mainstream jemals darüber berichtet? Aus Bayern?”

“Wie du meinst.”

“Ja, so etwas ist lediglich ein offensichtliches Machtinstrument. Ehrlich. Ich hab keinen Bock auf Verzicht. Ich hab auch ein Recht, durch die Welt zu fliegen und Bier zu trinken, wo ich will, wann ich will und mit wem ich will. Kölsch ist sozialer Klebstoff und bringt Menschen eng zusammen. Meine Freiheit ist mein wichtiger sozialer Bier-Fußabdruck in dieser Gesellschaft. Aber da wollen mich wohl ab jetzt die Oberen disziplinieren und reglementieren. Das lass ich nicht zu, dass jene meine Grundrechte einschränken. Sie wollen uns beherrschen. Mit einem Verzicht-Diktat. Mit dem Reinheitsgebot, welches wissenschaftlich gar nicht erwiesen ist.”

“Reden wir nicht lediglich übers Kölsch?”

“Ja. Und über die Leute, die Kölsch und deren Befürworter aus unerfindlichen Gründen falsch beurteilen und deren Meinung mit diktatorischen Mitteln unterdrücken. Oder hast du schon mal jemand im Paulaner-Garten Geschichten über Küppers-Kölsch erzählen gehört? Das ist doch Meinungsdikatur!”

“Echt. Könnte man den Kölschkonsum nicht für sieben Monate mal untersagen, um festzustellen, ob Kölsch wirklich so wichtig für jedermann ist? Es gibt ja auch noch andere obergärige Biersorten.”

“Wie bitte? Du redest gerade über eine Dimension von jetzt ab sieben Monaten. Kölsch wird nichts sein, worauf man nach sieben Monaten Einschränkung keinen Bock mehr haben wird. Kölsch wird es auch noch geben, wenn man es jetzt verbieten wird. Somit ist so ein Verzicht unbegründet und die Forderung danach nichts als pure Meinungsdiktatur.”

“Äh? Wie? Was?”

“Nichts wird Kölsch per Gesetz verbieten können. Die Leute würden es privat im Keller brauen und in der Gesellschaft klandestin verteilen. Kölsch wird immer sein und nicht ausrottbar sein. Das ist Fakt. Somit ist ein Verbot nichts, was des Volkes Meinung entspricht und was man als Wahrheit zu akzeptieren hat. Und das wird man wohl noch sagen dürfen, oder? Oder ist diese Meinung inzwischen auch schon verboten?”

“Äh, Moment mal. Sich künstlich aufregen und sich laut empörend auf deiner teils abgekupferten und teils selbstgebastelten Argumentation zu berufen, dich dann in Folge beklagend, dass du nicht mehr sagen könntest, was du sagen wolltest, was aber ansonsten eh niemand hören wollte, das ist schräg. Lost. Und dann gar irgendetwas zu sagen oder auch hanebüchen zu fragen, also etwas auf jeden Fall total Provozierendes raus zu hauen, um sich dann als Messias der von dir als Unterdrückten definierten Gesellschaft zu gerieren, weil man als Tabubrecher sich hinstellt, … also, das ist rhetorisch einerseits geschickt, aber andererseits vollkommen mies. Als jemand, der vorgibt, tiefer nachzudenken, so wie du es vorgibst, also mehr zu nachzudenken als jene apostrophierte ‘Null-Acht-Fuffzich-Michel des Mainstreams’, welchen man unterstellt nur zwischen Zwölf und Mittags gedanklich etwas tiefer als die eigene Nasenspitze tauchen zu können, und sich damit sogleich den Orden des gerechten Widerständlers zu verleihen, also mal ehrlich: das ist der wohl kalkulierte, zukünftige Scheisshaussturm für die nicht eigenen Echokammern auf Twitter, Facebook und Instagram. So ein Scheisshaussturm als aufgewärmter Darmwind des eigenen Unverdauten, also, einer, der schlecht im Wasserglas riecht und sogar damit Tote aufwecken müsste, aber als Sturm taugen soll? Also mal ehrlich. Und das alles nur, weil eben jene anderen mit einem schlechten Witz ein angebliches Tabu brechen, um als Helden zu gelten, womit sie im Walhalla der Heldentaten einen Lufthauch von Heldentum aus dem Marvel-Universum an deren Riechkolben vorbeigeweht haben wollen?”

“Hm. Was hast du gesagt? So viele Worte um nichts. Das macht mich pessimistisch, dass die Menschheit so etwas überhaupt verstehen könnte.”

“Davon kannst du ausgehen.”

“Sicher dat.”

“Kölsch?”

“Gerne.”

“Biergartenrevolution?”

“Schon wieder eine in München?”

“Hast recht. Es hatte derer bereits eine in München. Lass stecken. Zuviel davon verdirbt den Mainstream-Charakter.”

“Ja,ja, der Mainstream. Er verdirbt die Menschen. Prost.”

“Jawohl, hast Recht, du Thanos für geistig Arme. Prostata.”

Das Schweigen des Mummenschanz

“Es geht dir gut?”

“Mir geht es gut.”

“Und trotzdem so schweigsam?”

“Verlustgewinnmaximierungsvermeidung. Schweigen ist das Gold der Stimmlosen.”

“Worüber möchtest du nicht reden?”

“Über das Fragen. Jede Frage will eine Antwort. Und der Volksmund sagt, dass es keine dumme Fragen, sondern nur dumme Antworten gibt. Ich möchte nicht reden. Es gibt keine Antworten, auf die ich eine Frage stellen möchte.”

“Wenn es keine dumme Fragen gibt, dann ist es wohl besser, nur zu fragen, oder? Ist der Fragen stellende Mensch dann nicht der Intelligentere einer Unterhaltung?”

“Sicher. Der Vorteil des Fragenden ist immer, dass er erst aufgrund der Antwort des Befragten bewertet wird und im Volksmund erst einmal jede Frage berechtigt ist. Kann der Befragte nicht antworten, dann ist der Fragende immer der Gewinner und der Befragte der Verlierer. Kann der Befragte antworten, dann hat der Fragende maximal eine nicht durchdachte Frage gestellt.”

“Oder er ist oberstrunzendumm.”

“Nun ja, dann ist das aber auch gleichzeitig wieder der Beweis, dass die Gesellschaft so dumm ist, deren Dumme nicht aufzuschlauen. Der Oberstrunzendumme ist somit ein Opfer des Systems, der ignoranten Gesellschaft.”

“Dann hat also niemand nichts zu verlieren, wenn jemand fragt. Entweder bin ich als Fragender der nachdenkende Mensch, der Nachdenker, der somit in Wahrheit ein Schlauer ist. Oder aber als Resultat ein Dummer, ein Opfer einer intelligenzverachtenden Gesellschaft, ohne Bildung und Kultur, welche die Gesellschaft wohl dann auch nicht verkörpert. Der ehrlich Fragende ist somit per se der Dumme, ohne seine Ehrlichkeit überhaupt unter Beweis stellen zu müssen.”

“Richtig. Denn man wird ja wohl noch mal fragen dürfen, nicht wahr. Und fragen kostet nichts.”

“Was genau ist eins plus eins?”

“Die Antwort auf ‘man wird ja noch mal fragen dürfen’, nicht wahr.”

“Korrekt. Wer nicht fragt, bleibt dumm. Der, die, das. Wer, wie, was? Wieso, weshalb, warum?”

“51 Jahre Sesamstraße können an die Ü50-Menschen nicht wirkungslos vorbei gegangen sein. Die Langzeitfolgen einer ‘Nicht-fragen-dumm-bleiben’-Generation generiert Scherereien für die Gegenwart. Viel Lärm um nichts. Viel Antwort-Geben auf unnütze Fragerei, welche intelligent ausschauen soll, lediglich aber nur Zeit frisst, um den wirklichen Fragen eine angeblich Maske runter zu reißen.”

“Leben ist Schwierigkeit. Nur der Tod ist es nicht. Leben heißt, den Gürtel festschnallen und ausschauen nach Schwierigkeit. Weißt du, was es heißt ein lebendiger Mensch zu sein? Den anderen zum Kampf herauszufordern.”

“Du zitierst aus dem Film ‘Alexis Sorbas’, nach dem Buch vom Schriftsteller Nikos Kazantzakis.”

“Ja. Als der Film endet, lehrt Anthony Quinn Griechenland eine angepasste Version des Sirtaki. Und alle Touristen bis in die Gegenwart trainieren jährlich mit den griechischen Ureinwohner dort diesen Sorbas-Sirtaki, damit sie es nicht vergessen, was Anthony Quinn ihnen vorgetanzt hatte.”

“Ja, mein Lieber, wie tief ist doch die Menschheit gesunken, hol’s der Teufel! Man hat den Körper zum Schweigen gebracht, und nur der Mund redet noch. Aber was kann der Mund sagen?”

“Fragen, mein Lieber. Fragen. Wer nicht fragt, bleibt dumm.”

“Dann verbleibe ich diesmal im Schweigen. Schweigsam zu sein, mag der stumme Applaus für Marktschreier sein, von denen jene vorgeben, sich mühsam wie Eichhörnchen zu ernähren, jene welche aber von den Heiseren immer wegen deren Lautstärke kritisiert werden. Und in der Kritik gegen jene mit eingepackt: die Schweigenden gleich mit.”

“Sagt wer?”

“Weil die Heiseren zuvor so viel geschrien hatten, dass der Satz ‘Wer schreit, hat Recht’ von denen gleich stimmlos bewiesen wurde. Denn – so palavern jene – wer schweigt, stimmt zu. Immer.”

“Irgendwie habe ich das Gefühl, der Worte ist genug gewechselt.”

“Taten?”

“Warten.”

“Auf Godot?”

“Auf die nächste Frage, die sich selber als ernsthaft intelligent klassifiziert. Ich frage mich, …”

“Genau der richtige Fragenansatz. Man wird ja noch mal fragen dürfen. Auch sich selber. Als rhetorische Frage. Wirkt intelligent. Ist aber nur ein Offenbarungseid, sich selber seine Heuchlerei zum Hang des Besserwissens nicht eingestehen zu wollen. Weil einem die Antwort, die Reaktion, die Meinung anderer eh nicht interessiert. Und das im Namen der Meinungsfreiheit.”

“Also Fragen ohne Antwortgarantie. Maskerade der eigenen Unwissenheit. Verschweigend in einer Frage gepackt, um wenigstens als nachdenkender Kritiker zu gelten. Ist diese, meine letzte Bemerkung in sich eigentlich nicht gelogen?”

“Die Antinomie des Lügners.”

“Die Bemerkung war falsch. Mummenschanz.”

“Ja, mag sein. Das Schweigen der Lämmer in der Kakophonie der Metzger.”

“Määäh. Auf zur Schlachtbank.”

“Schweig!”

“War nur ein Gedankensplitter im Scherbenhaufen des Porzellans, von Elefanten meinungsbestimmend als deren Recht auf Verbreitung deren privaten Lebenserfahrung zurück gelassen.”

“Si tacuisses, philosophus mansisses.”

“Hic Rhodus, hic salta!”

Kneipengespräch: Zwischen Salzgebäck und Bier (2)

DSC00267“Sach mal du, bei all der Begeisterung für unser Kölschgespräche hier, die du hemmungslos im Internet veröffentlichst wie beim letzten Mal (hier), ich muss dich mal was fragen: Findest du nicht auch, dass man in deinem Blog nicht mal auch so aktuellere Themen bearbeiten sollte? So etwas wie den neuen SPD-Kanzlerkandidaten der SPD zum Beispiel.”

“Den neuen SPD-Kanzlerkandidaten der SPD?”

“Wo ist jetzt genau dein Problem?”

“Na, also, na, im Unterschied zum Humor in Deutschland, also der neuen SPD-Kanzlerkandidaten der SPD … wie soll ich das jetzt auch sagen. Du stellst mir aber auch Fragen. Herrgottnochmal, so zwischen Salzgebäck und Bier, also ehrlich …”

“Aber jetzt mal ne persönliche Frage: wovon fühlst du dich mehr bedroht? Vom Olaf Scholz oder dem alten Trinkspruch?”

“Du meinst den, wo man das Kölsch in einem Zug leert, dann rülpst, sich dann mit dem Daumen der rechten Faust auf die Stirn drückt, ‘Scholz’ ruft und dann sein Gegenüber ein Stirnklatscher versetzt?”

“Feuer, Eis und Dosenbier.”

“Schulz!” (hier)

“Falsch. Nicht der Martin, sondern der mit dem O. Der Olaf, der Scholz, der Olaf Scholz. O. O. O. Nicht ‘u’. Du hängst der Geschichte vier Jahre hinter her! ‘O’ statt ‘U’! Der andere Vokal ist nun dran.”

“Echt?”

“Echt.”

“Aber das Kölsch schmeckt immer noch so wie vor vier Jahren.”

“Hm.”

“Zeitmaschine?”

“Eindeutig. DeLorean würde ich sagen.”

“Ich dachte, dass wäre das Auto der anderen. So mit Flux Kompensator und mit Lottoheft in der Hosentasche.”

“Du redest von der FDP?”

“Nein, ich rede von ‘Zurück in die Zukunft’.”

“Okay. Piratenpartei.”

“Eher Republikaner.”

“Echt?”

“Nö.”

“Stößcken.”

“Prost.”

“Wo eine Kölschstange, da ein weg.”

“Wo eine volle Stange, da eine Leere.”

“Wo eine Leere, da ein Wille. Oberspielleiter, mach mal zwei neue!”

Der Wirt schaute kurz auf, räumte die geleerten Stangen weg und stellte zwei frisch schäumende Stangen Kölsch auf deren Deckel.

“Was ist das Bedeutendste für dich in den letzten sechs Monaten?”

“Meine Scheidung. Und deine?”

“Am letzten Freitag, den 13ten, füllte ich einen Lottoschein aus. Am nächsten Tag wurde gezogen und danach hüpfte ich Lotto-King-Karl-gleich durch die Straße.”

“Wie viel?”

“Zwei Träger Augustiner Bier inklusive Pfand im Sonderangebot. 34 Euro.”

“Kein Kölsch?”

“Ich söder halt mal gerne.”

“Ich söder, du söderst, er, sie, es södert, wir södern, ihr södert …”

“Genau, Ihr södert. Södern tun immer die andern.”

“Der hat seinen Nordseeurlaub abgesagt. Zu viel Söderismus im bayrischen Gesundheitssystem. Einfach zu latschert der Söderismus in Bayern.”

“Echt jetzt? Das Öcher Prentejeseech hat Bayern durch die Hintertür intubiert?”

“Hast du gesagt, in den Arsch gekrochen? Niemand benötigt Sauerstoff in den After zum Überleben gepudert.”

“Rektal gepudert? Hab ich gesagt?”

“Nö.”

“In NRW gab es Corona-Zentren wegen Billiglohnkräfte in der Schlachtindustrie.”

“Böse, böse, böse. Geht gar nicht. Genozid an den Tieren. Bestraft halt die Natur.”

“In Bayern gab es Corona-Zentren wegen Billiglohnkräfte in der Gemüseindustrie.”

“Böse, böse, böse. Geht gar nicht. Weil Genozid der Natur am Menschen, äh, also, … ich meine, … Zufall … Besteht da ein Zusammenhang zwischen Veganismus und Karnivorentum? Fleischfresser und Hildmann sind doch die Leuchtfeuer des Anti-Pazifismus, oder“

“Weiß man’s? Ich sag nur eins: södern erklärt alles und macht alles unwichtiger.”

“Dein Kölsch geht zur Neige.”

“Der Krug geht zum Brunnen …”

“… bis er nachbestellt. Herr Oberspielleiter! Zweimal Durststiller aus Köln, bitte!”

“Du, ich habe festgestellt, dass Durst antipropotional zu Heimat ist.”

“Heißt?”

“Je mehr Heimatgefühle, desto weniger Durst.”

“Hä?”

“Genau.”

“Ach so. Durst bindet.”

“Ja. Brauerei-Prinzip. Durst ist schlimmer als Heimweh.”

“Berger-Logik.”

“100 Jens-Punkte für den Nachdenk-Kandidaten. Das ist doch mal einen Schluck aus dem Promilleglas wert, oder?”

“Wolln ma exen?

“Unsere Stangen?”

“Und das Bäuerchen?”

“Jedes geextes Bierchen, sein tönendes Pläsierchen. Et kütt wie et kütt.”

“Na denn. Ex, hopp und weg. … Schulz!”

“Scholz, du Depp!”

“Mein Daumen schmerzt. Ich glaube, ich hab mir gerade beim ‘Schulz’-Rufen den Daumen an der Stirn gebrochen!”

“Echt? Willkommen in Club der linken Knochenbrecher. Warum sollte es dir besser gehen als der SPD beim Kanzlerkandidaten-Ernennen. Solange nur der Daumen bei Hoch-zeigen bricht und nicht beim Hinweisen auf Nachdenkfehler … Also drum! Prostata!”

“Wohl wahr. Deiner Worte sind ein Exen einer Stange würdig. Also, Prost.”

“Auf Söder, Scholz und Schneewittchen, welche durch den Kuss von einer der beiden erlöst werden will.”

“Lass doch mal die Politik hinter Wegs hier.”

“Geht auch ein unpolitischer Zungenkuss?”Dreigestirn

“Okay, ausnahmsweise, aber nur ohne viel Speichel und mit Gesichtsmaske. Auf das Kölsche Dreigestirn vor uns. Voll, halbvoll und ganzganz klitzekleinwenig voll. Statusreport einer Diskussion. Prost.”

“Dito!”

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Maskenparade, oder: Jeopardy for life für Mündige

Herzlich willkommen bei Jeopardy for the Up-Cleared-Ones. Wir gehen gleich ins Volle. Weil wir sind direkt und nehmen kein Blatt vor dem Mund. We are Up-Cleared-Ones. Kandidat 1, nennen sie einen Satz ohne Maske.

Ohne Maske?


Möp. Leider verloren. Kandidatin Nummer 2, nennen sie stattdessen einen ohne Maske

Trump?


Möp. Das war falsch! Das war kein vollständiger Satz! Kandidat Numero 3 nennen sie einen Satz ohne Maske.

Henry Maske boxte immer ohne Maske.


Bling Bling Bling Bling Bling. Das war richtig. Kandidatin Nummer vier. Einsatz ohne Maske?

Ruhe ist des Bürgers erste Pflicht. Und ohne Maske ist alles nichts.


Bling Bling Bling Bling. Richtig. Kandidat 1 und Kandidatin 2 haben jetzt leider nichts auf den Saldo. Es geht für beide ums Ganze. Stechen. Kandidat 1: was ist bunt und hängt unter der Nase?

Ohne Maske?


Möp, leider wieder falsch. Kandidatin 2: Sie gehen in einen Supermarkt und was haben sie immer dabei?

4711? Echt Kölnisch Wasser?


Möp. Leider wieder falsch. Ein spannendes Stechen. Die letzte Frage. Wer hat die als erster korrekt beantwortet, ist weiter. Wenn keiner sie korrekt beantwortet, sind beide draußen. Alles klar?

Ja.

Jo.


Wunderbar. Also. Sie gehen im Rheinland in einer Fußgängerzone spazieren und schauen in die Schaufensterauslagen dieser am Rhein gelegenen Stadt. Sie treffen dort jemand mit einem roten T-Shirt, der auf seiner rechten Brust ein Emblem trägt, auf dem ein Geißbock auf den zwei Türmen eines rheinischen Doms seine Vorderfüße stolz abgelegt hat. Kandidat 1, was ist das für ein Mensch?

Fußballfan?


Hmmmm. Nicht schlecht. Noch etwas genauer?

Fortuna-Düsseldorf-Anhänger?


Möp. Leider falsch. Kandidatin 2, was ist Ihre Antwort?

Also rotes T-Shirt mit Emblem auf rechter Brust, der ein Geißbock darstellt, mit zwei Türmen eines Doms und darauf der Geißbock seine Vorderfüße balanciert?


Ja, genau, das ist es.

Ich kenne die Stadt.


Wie lautet der Name der Stadt?

Sag ich nicht.


Wie?

Sag ich nicht. Ich komm aus Gladbach.


Und?

Das ist unter meiner Ehre. Das sage ich nicht. Niemals.


Möp. Sensationell, Kandidat 1 und Kandidatin 2 sind ausgeschieden. Und damit gehen wir jetzt direkt ins Finale
.

[Dschingel-Musik. Licht-Orgel.]

Kandidat Numero 3, alles easy?

Alles paletti.


Und Kandidatin Nummer 4, alles locker?

Alles gut.


Okay. Es geht um Masken. Kandidat Nummer 3, welche Masken tragen Sie?

Ich bin Internet-Künstler. Schreibenderweis. Blog mit Niveau. Ich trage keine Masken.


Bling Bling Bling Bling. Richtig. Drei Punkte. Kandidatin Nummer 4: Welche Maske tragen Sie?

Ich bin rechtschaffend, urdemokratisch, total antirassistisch, 100% vegetarisch, absolut veganisch, mag Attila Hildmanns seine Rezepte, und willst du nicht mein Bruder sein, so schlag ich dir die Gesichtserker ein.


Bling Bling Bling Bling. Richtig. Drei Punkte. Ein spannendes Finish. Kandidat Nummer 3: Ihre Maske zeigt Risse. Was machen Sie?

Ich pflanze heute noch ein Apfelbäumchen!


Bling Bling Bling Bling. Richtig. Erneut 3 Punkte. Das macht sechs. Kandidatin Nummer 4: Ihre Maske zeigt Risse. Was machen Sie?

Ich pflanze ein Apfelbäumchen, ein Birnenbäumchen, ein Sisalbäumchen und packe meinen Weber-Grill in einen Koffer, um mit meinen SUV in den Urlaub zu fahren.


Bling Bling. Leider nur zwei Punkte. Das Sisalbäumchen war eins zu viel. Es steht 6 zu 5 und die Person mit der niedrigen Punktzahl startet. Kandidatin Nummer 4: Ein Zeit-Reporter trifft Sie auf offener Straße und fragt Sie für seine Zeitung, warum Sie keine Maske tragen. Was antworten Sie?

Ich habe Asthma und kann mir jeder Zeit ein Attest von meinem Arzt dazu holen. Der meinte, dass ich angstfrei ohne Maske herumlaufen darf. Zudem liegt der R-Wert unter 1 und die Ansteckungsrate unter 50 pro 100.000. Und außerdem bin ich nicht Corona-Positiv. Meine Umgebung auch, laut App.


Uuuuh. Nein, das kann ich so nicht ganz gelten lassen. Dafür kann ich nur einen Punkt vergeben. Kandidat 3, Sie haben jetzt die Match-Frage. Nervös? Keine Sorge. Bleiben Sie locker. Die gleiche Frage: Ein ZEIT-Reporter trifft sie auf offener Straße und fragt Sie für seine Zeitung, warum Sie keine Maske tragen. Was antworten Sie?

Nichts. Aussageverweigerungsrecht! Und meine Meinung. Hier herrscht Meinungsfreiheit!


Möp. Das kann ich nicht gelten lassen. Liebe Zuschauer, lieber Zuschauerinnen, liebe Fernsehsehende aus Schweiz, Österreich, der deutschen Diaspora in Ischgl, den Balearen und Kanaren und den angeschlossenen Sendeanstalten aus Niedersachsen, Nordrhein-Westfalen, Bayern und Baden-Württemberg. Es ist jetzt spannend, wie lange nicht mehr. Aber unsere Sendezeit geht langsam zu Ende und deshalb die Stichfrage für unser beide Kandidaten. Liebe Kandidaten, geben Sie bitte Ihre Antwort auf meine Frage unabhängig von jeweils des anderen. Meine Frage: Sie sehen feiernde Menschen. Sie sind fröhlich. Sie haben Spaß. Sie fühlen sich gut. Sie sehen glücklich aus. Sie selber stehen am Rande, schauen über ihre Maske, denken sich ihren Teil und rufen denen etwas zu. Was rufen Sie denen zu? Kandidat Nummer 3?


Immer diese Feierei. Muss das denn sein? Haben wir den nicht schon genug Probleme? Ich meine, wenn andere sterben oder wegen Corona krank sind, dürfen wir doch nicht feiern, oder? Das ist doch pietätlos. Feiern aus Tradition ist doch etwas anderes, etwas würdiges. Aber das ist doch ehrlos. Kein Selbstrespekt. Feiern nur aus just-for-fun. Das ist doch hirnbefreit. Werdet mal erwachsen, ihr mit dem Peter-Pan-Syndrom! Ihr seid Schuld mit eurem Frohgemut, wenn andere leiden! Das geht gar nicht. Überhaupt nicht, ihr Empathie-Agnostiker!


Kandidatin Nummer 4. Was rufen Sie denen zu?

Ihr seid doch unglaublich! Wir haben damals zwar auch gefeiert, aber dazu hatten wir wenigstens einen Grund. So wie 1970 jene Tage und die Bilder davon, wie das chilenische Volk den Wahlsieg Salvador Allendes und der Unidad Popular im Jahr 1970 feierte. Jener echte Freiheitstraum machte dort alle freundlich, die Gesichter offen und die Augen strahlend. So etwas haben wir hier nie gehabt. Südamerikanische Fröhlichkeit. Echtes öffentliches Glück. Nicht so wie die heutige Vergnüglichkeit, welche lediglich eigene Submission belegt und mit dem real existierenden massenhaften Unglück problemlos nebeneinander her lebt. Aber ihr, ihr feiert doch wegen Anlass! Ihr konstruiert doch dauernd eure Motive, um glücklich feiern zu können. Das ist gedankenlos. Übt euch in Askese. Ihr feiert über eure Verhältnisse und wollt dabei auch noch glücklich sein! Das geht nicht! Wir haben schließlich Corona!


Danke, Kandidat 3, Kandidatin 4. Liebe Kandidatin und lieber Kandidat, wir haben Ihre Antworten in den Tele-Dialog, genannt TED, eingespeist und unsere Zuschauer und Zuschauerinnen werden jetzt anrufen und ihre Antworten über deren Analog-Telefonanschlüsse bewerten. Und in der Zwischenzeit ein wenig Fahrstuhlmusik.


[Dschingel-Musik. Licht-Orgel.]


Liebe Zuschauer, liebe Zuschauerinnen, liebe geschlechtlich Divergenten, … übrigens, soll ich erwähnen, dass die Reihenfolge der Nennung der Zuschauenden keine Bewertung deren Geschlechtlichkeit darstellt, denn wir sind hier keine Rassisten oder sonstige gesellschaftlich verwerflichen Menschen … Moment, ich bekomme gerade einen Anruf der Regie … Regie? Ja? Ja? Okay! Ja? Okay! Gut. Meine Damen und Herren, hier ist das Ergebnis der TED Entscheidung
:


[Dschingel-Musik. Licht-Orgel.]

Meine Damen und Herren, leider müssen wir Ihnen mitteilen, dass wir unseren Sendeplatz an einen Konkurrenten mit mehr Geld verloren haben, der weniger zahlt, aber dafür immerhin auch weniger investiert, weil effektiver. Seien Sie beruhigt, Ihre Fernsehgebühren sind davon in keinster Weise nicht betroffen. Empfehlenswert unsererseits sind unser gesponserten YouTube-Kanäle, die sich reger Beliebtheit erfreuen, weil sie kostenfrei für ihr Herz, Hirn und Haushaltsausgaben sind. Wir wünschen ihnen noch einen schönen Do-it-yourself-Jeopardy-Abend mit Ihren eigen Macken und Masken. Guten Abend.

Und vergessen Sie nicht: Tragen Sie immer ihre übliche Maske, wenn Sie anderen begegnen. Und denken Sie nach. Auf allen Seiten Ihres Lebens. Wie damals in den Vor-Corona-Zeiten.

Kneipengespräch: Der schwarze Peter … und wenn er kommt, dann laufen wir …

Am Tresen mit Koelsch

Seit geschlagenen sieben Minuten wimmerte er in sein Kölsch hinein. Er war mir zwar entfernt, aber ich hörte es trotzdem und – das Schlimmste dabei war – ich musste es ertragen.

»Oje, oje, oje.«

Dann nahm er einen Schluck aus seinem Kölsch starrte für knappe 40 Sekunden Löcher in die Luft über der Theke, wimmerte erneut und dann wieder:

»Oje, oje, oje.«

Ich bin ja ein geduldiger Mensch, ein wirklich sehr toleranter Bürger, einer mit dem man auch Pferde stehlen kann, wenn sie niemandem gehören und es zudem legal ist. Aber das sprengte nun doch den Rahmen jeglicher Toleranz.

Nachdem er mit seinem Blick erneut ein Loch mit seinem leeren Blick über der Theke gefüllt hatte und es mit seinem »Oje, oje, oje«-Kit zugeschmiert hatte, riss mir mein eherner Geduldsfaden.

»Sag mal, hast du zuhause keine Klagemauer an der du dein ‘Ojeojeoje’ ablassen kannst? Muss das ausgerechnet hier sein? Das ist ja schrecklich.«

Ich erwartete, dass er mich verblüfft anstarren würde. Aber nein, in seiner Arroganz stierte er weiterhin auf seine Kölsch-Stange und ließ lediglich einen tiefen Seufzer ab.

»Was ist nun, Menne? Etwa weiter rumjammern oder mal ein wenig Kneipenkommunikation anstrengen?«

Der Wirt stellte uns beiden jeweils ein neues Kölsch hin und warf mir einen verwunderten Blick zu.

»Was ist, Herr Oberspielleiter? Mir geht dieses typisch deutsche Gejammere auf den Sack. Immer nur jammern, aber nie das Maul mal aufmachen, um Tacheles zu reden.«

Der Wirt warf mir einen warnenden Blick zu: »Stimmt, ich bin der Oberspielleiter. Und du stehst vor der ersten Gelben Karte. Benimm dich.«

»Ach, geh doch Kölsch einlassen und lass uns in Ruhe!« Ich schaute den Theken-Seufzerer an: »Und? Was ist? Was hast du zu seufzen und zu wimmern?«

»Ich bin Rassist.«

»Ist ja gediegen. Woran machst du das fest?«

»Ich habe den Schwarz-Weiß implizierten Assoziationstest der Harvard Uni gemacht und das Ergebnis war, dass ich eine ausgeprägte Bevorzugung von Weißen gegenüber Schwarzen habe.«

»Was für ein Test? Einen implizierten Assoziationstest? Was soll denn der Schwachsinn sein?«

»Ich habe auch den Homosexuell-Heterosexuell implizierten Assoziationstest gemacht. Ich bevorzuge Heteros moderat vor Homos.«

»Wow. Wer hat den Test entwickelt? Jens Spahn mit Herrn Drosten beim gemeinsamen Virusforschungsumtrunk?«

»Nein, eine indisch-amerikanische Soziologin, ein grauhaariger weißer und ein anderer weißer Yale-Soziologiemensch.«

»Typisch, zwei Weiße und eine Quotenfrau, die auch noch farbig ist. Und die sollen Garanten dafür sein, beurteilen zu können, was und wer Rassist ist? Mit einem Test auf Basis von Assoziationen? Das ich nicht lache!«

»Habe ich anfangs auch. Jetzt nicht mehr.«

»So ein Quatsch. Nur weil so eine Indien-Tussi eine Idee hat, und damit zwei Männer bezirzt, ist das nicht Wissenschaft. Das ist so wie das Triumvirat Drosten-Spahn-RKI.«

»Du hast es nicht verstanden.«

»Doch!« Ich klopfte energisch mein Kölsch auf die Theke. »Doch habe ich! Nur weil ein paar Spinner meinen, uns in Angst und Panik zu versetzen, nur um uns die Luft in der Demokratie zum Atmen zu nehmen und die Atmungsorgane als potentiell lebensbedrohlich einzustufen. Dabei ist wohl die Sterbequote des ganzen nur 0,6% gemessen an der Weltbevölkerung! 0,6%! Das musst du dir mal über die Zunge gehen lassen. Und dafür all die Angst und all den Schrecken, den diese Trinität verbreitet. Das ist doch ein Skandal.«

Mein Atem ging schwer. Zu reden ohne Luft zu holen, ist nicht einfach. Aber die Wahrheit musste raus. Und das Kölsch rein. Ich setzte an und machte es mit einem Schluck nieder. »Oberspielleiter, neues Kölsch!«

Der Wirt schaute mich an: »Noch einmal und du hast die Gelbe Karte. Maat ens höösch.«

Meine Augenlider gingen auf Halbmast. Das Wort verbieten lassen, das musste ich mir nicht gefallen lassen. Als mündiger Bürger nicht. Ich nicht.

»Oje, oje, oje.«

»Ach, du schon wieder. Vergiss diesen Harvard-Assoziationstest-Scheiß . Die haben doch keine Ahnung, diese Wissenschaftler. Die schweben doch Kilometer über dem Boden und reden von Bodenhaftung wie die Politiker. Wie hat schon Einstein richtig bemerkt: ‘Wenn man mit dem Mädchen, das man liebt, zwei Stunden zusammensitzt, denkt man, es ist nur eine Minute; wenn man aber nur eine Minute auf einem heißen Ofen sitzt, denkt man, es sind zwei Stunden – das ist die Relativität.’ Und jetzt wollen die uns erzählen, die wären in dem Besitz der absoluten Wahrheit, diese Drostens und so? Die wollen uns doch nur ins Bockshorn jagen, in jenem Horn, auf dem die uns das Lied vom Tod vor flöten. Nur verängstigte Bürger sind brave Bürger für die da oben.«

»Oje, oje, oje«, seufzte er schon wieder, »ich bin der Sohn von Weißen, ging in den Kindergarten von Weißen, meine Schullehrer waren Weiße, meine Vorbilder waren Weiße und alle haben mir erklärt, wie schön das Leben von uns weißen Menschen ist und wie dreckig und elend die Nicht-Weißen leben. Und dann soll ich kein Rassist sein? Und dann soll ich den strukturellen Rassismus nicht stützen und davon gefeit sein?«

»Was?«

»Ich bin doch geprägt von einer weißen Kultur von Kindesbeinen an. Und dann soll ich kein Rassist sein? Bislang dachte ich, dass ich es nicht wäre. Dass ich meinen Rassismus unten im Keller eingesperrt hätte, so wie ein wildes Tier. Ganz tief unten. Und somit kein Rassist wäre. Dachte ich. Nur der im Internet aufrufbare Test wies mir das Gegenteil nach.«

»Aber diese von der Industrie bezahlten Günstlingswissenschaftler …«

»Der einzige nicht-weiße Mensch in meiner Jugend war der katholische Priester aus der zentral-afrikanischen Diaspora. Wir hatten bei der Kommunion immer insgeheim kritisch kontrolliert, ob es stimme, dass schwarze Priesterhände nicht auf Hostien abfärben. In unserer Gemeinde waren bereits die Evangelen die Randgruppe mit gesellschaftlich, weil religiös seltsamen Ansichten. Nicht-Weiße waren aber die erklärten Nickneger der Gemeinde.«

»Aber jetzt übertreib mal nicht. Ich habe auch in einem erzkonservativen, münsterländischen Dorf meine Jugend verbracht. Und hat es mir geschadet? Nein. Überhaupt nicht! Ich bin weder Rassist, noch Macho. Trotz all der Männer und Weißen und Schullehrer. Aber ich habe mir eine kritische Distanz zu den angeblichen Göttern der Wissenschaft erarbeitet, die ja alle nur im Dienste …«

»Ich hatte immer meiner Freundin, einer Mulattin, vorgeworfen, sie wäre Rassistin. Aber ich bin ja auch nicht besser.«

»Diese Mischlinge, also jene nicht weiß, nicht schwarz, die sind eh die größten Rassisten. Das hat man damals schon in Südafrika unter Pieter Botha gesehen. Die waren noch größere Rassisten als die Weißen. Da sind wir ja die reinsten Engel, während jene komplett rabenschwarze, grausame Ansichten unter deren brauen Haut haben. Da ist das, was ja andere versuchen als Rassismus zu geißeln, in Wahrheit das reinste Gold.«

»Das interessiert mich aber nicht. Wir hatten in unserer Grundschule einen Peter, der hieß der ‘Schwarze Peter’, weil wir ihm immer die Sündenbockrolle zugeschoben hatten.«

»War er dunkel-pigmentiert?«

»Nein, er hatte damals mal vor vierzig Jahren gesagt, dass auch schwarze Menschen Menschen seien und unsere Vorfahren alle auch mal schwarz waren.«

»Und?«

»Wir haben ihn danach dauernd gehänselt und gemobbt. Denn wir waren der Überzeugung unsere Vorfahren waren Adam und Eva und beide waren Weiße. So wie Gott und Jesus und Maria und der Heilige Geist. Der Peter bekam nach seiner Aussage vor der Klasse nur noch den ‘Schwarzen Peter’ zugeschoben. Sogar der Lehrer fand seine Aussage bedenklich.«

»Ach komm! Erzähl doch nicht so einen Schwachsinn. Das hast du dir doch jetzt gerade aus den Fingern gesogen. Und gleich erklärst du auch noch, dass Drosten und Co.KG alle Recht haben. Ich hab dich durchblickt, verzäll nix!«

Ich nahm mein Kölsch, leerte es in einem Zug, hielt es dem Wirt entgegen: »Passt so?«

Der Jammerlappen schaute mich zum ersten Mal direkt an. Ich erwartete einen provozierenden Blick, einen ironischen oder so etwas in der Art. Aber es war wohl der gleiche leere Blick, mit dem er seine in die Decke gestarrten Löcher gefüllt hatte.

»Ich verzäll nix. Aber der Test hatte recht. Nur erzählt mir jeder das Gegenteil, dass ich dem Test nicht trauen solle. Aber ich traue mir und meiner Erkenntnis. Ich habe erkennt, dass ich Rassist bin.«

»Und macht es dich zu einem besseren Menschen, weil du es erkannst hast? Besser als mich? Das glaubst du doch wohl selber nicht! Das ist reine Hybris. Narzissmus der besonderen Art!«

»Das ist es ja eben. Es geht nicht ums reine Bewerten, sondern ums Ändern und Verbessern. Bewerten kann jeder, aber es geht ums strukturelle und was jeder daraus macht.«

Ich musterte ihn von oben bis unten. Eine Gestalt entsprechend seinen Äußerungen. Unaufgeklärt und unmündig. Ein Fähnchen im Wind, aber eben darauf gerade heraus als Qualitätsmerkmal pochend: »Klar. Verstehe ich komplett. Dir geht’s lediglich ums Vergleichen mit anderen. Du bist neidisch auf jene, die von sich sagen, sie wären weder rassistisch, machistisch oder sexistisch. Deutsche Neidkultur. Typisch mal wieder. Die typische deutsche Neidkultur. Niemand gönnt niemanden etwas. Es nervt langsam, das zu hören. Echt jetzt!«

»Typisch deutsch ist ‘typisch deutsch’ zu sagen«, warf er mir eine lakonische Bemerkung wie ein Knochen hin.

»Ach ja?«

Er zog aus seiner Tasche eine schwarze Maske, zog sich diese über Mund und Nase und warf mir einen Blick zu, der mich wohl provozieren sollte.

»Weißte was, du Pimpf?« herrschte ich ihn ungehalten an, »du kannst mich nicht provozieren mit deiner Maske. Du willst mir sagen, dass ich ansteckend bin, nicht wahr, Covid positiv. Ein Virus der Gesellschaft. Aber das ist Quatsch. In meiner Umgebung sind alle clean. Und ich auch. Und alle um mich herum auch. Da wetten ich jeden PCR-Test drauf. Da kannste tausend Masken tragen. Du kannst mir keine Angst einjagen. Weder du die RKIS, die Drostens und Spahns. Die da oben wollen das doch und dich en top als nützlichen Idioten haben. So wie es von oben geplant ist. Um uns zu verblöden. Gegen so etwas bin ich immun. Komplett. Ich kann selber denken, du regierungsopportunes Arschloch!«

Etwas Gelbes drängte sich in mein Gesichtsfeld. Ich schaute irritiert zur Seite. Der Wirt hielt mir einen gelben Karton vors Gesicht.

»Was?«, fragte ich irritiert.

»Du bist jetzt still. Oder du gehst nach Hause. Meine Gäste beleidigen geht gar nicht!«

»Ach ja? Aber der hat doch angefangen!«

Der Wirt blickte mich ernsthaft warnend an. Das musste ich mir nicht antun. Ich warf einen Zwanziger auf die Theke und verließ das Lokal.

Ehe ist, bis dass der Tod …

“Schatz”, er hielt ihre Hand in der seinen und streichelte sie sanft, “Schatz, ich hatte dir immer gesagt, dass diese Mund- und Nasenbeckungspflicht nichts für uns ist. Wir können unsere Gesichter nicht mehr richtig erkennen, sehen unser Mienenspiel nicht mehr. Und das ist doch wichtig, oder? Das Mienenspiel ist doch wichtig für uns Menschen und macht uns menschlich, nicht wahr.”

Er betrachtete zärtlich ihre Hand. Ein Fingernagel war abgebrochen, einer dieser Gel-Fingernägel, die sie sich immer jedes Wochenende machen ließ. Heute wollte sie auch wieder zum Aufhübschen gegangen sein, aber das Nagelstudio war bereits geschlossen.

“Schatz, hat es nicht bereits gereicht, dass wir die Ausgangsbeschränkungen anfangs vollumfänglich mitgemacht hatten? Du hattest dir einen Dackel angeschafft und ich bin joggen gegangen, um mal aus der Wohnung raus zu kommen. Mehr musste ja nicht sein.”

Versonnen blickte er zur Seite, sah den Fressnapf, der auch weiterhin neben den Mülleimer stand, und dahinter zur Erinnerung ein Hundefoto.

“Ach ja, der Dackel. Die liebe Belinda. Ein treues Seelchen von Hund”, er seufzte, “was konnte ich dafür, dass sie mir nachlief und beim Überqueren der Straße überfahren wurde? Nichts. Und das hatte ich dir tausendmal gesagt. Aber du meintest, ich hätte das absichtlich getan. Immer diese miesen, unbewiesenen Unterstellungen von dir. Du hättest wie ich joggen gehen sollen, nicht wahr. Dann hättest du auch mehr raus gekonnt. Joggen hält fit und wir Menschen müssen fit bleiben, nicht wahr. Da braucht es keinen Dackel.”

Sein Blick streifte den Ehering an dem Ringfinger ihrer Hand und spielerisch drehte er mit seiner freien Hand an den Ring. Aber kein Geist erschien, um einen Wunsch zu erfüllen.

“Aber du wolltest ja nicht. Dafür kann ich nichts. Eigene Entscheidung. Eigene Schuld. Darum musstest du ja auch die ganze Zeit zu Hause bleiben. Dafür kann ich nichts. Gesetz ist halt Gesetz. Dass du dann so zickig wurdest, darüber hättest du mal nachdenken sollen. Deine Zickigkeit hat unserer Ehe nicht gut getan. Ich habe alles getan, aber du gar nichts. Wegen jedem Kleinscheiss hast du angefangen zu streiten. Das war unnötig. Das hattest du danach auch immer eingesehen, wenn ich mit dir darüber diskutiert hatte.”

Er schüttelte dazu verärgert seinen Kopf und drückte ihre Hand ungewollt fester, als er wollte.

“Und dann, als ich letzten Montag mir die Kettensäge gekauft hatte, um in unserem Garten mal aufzuräumen, da war es dir auch wieder nicht recht. Du bist immer auf Streit gepolt. Gut. So bist du halt. Nicht deine Schuld. Aber es war völlig unnötig, der Nachbarin von deiner Kinnverletzung zu erzählen. Dafür konnte ich nicht. Bist doch selber gegen die Tischkante gefallen. Hätte ich nicht dein Kinn verbunden, wärest du wohlmöglich verblutet. Aber warum du danach immer nur Maske tragen wolltest, das habe ich nie verstanden, das konntest du mir auch logisch nicht erklären. Du brauchtest doch vor mir keine Maske. Hab ich etwas Corona? Bin ich ansteckend? Du kannst so ungerecht sein.”

Er seufzte erneut auf und streichelte ihre Hand. Eine Träne lief an seiner rechten Wange herunter:

“Zumindest, so geht es mir. Jetzt halte ich deine Hand in der meinen, Schatz. Nur wünschte ich, du wärest hier. Und nicht in unserem Garten unterm Bankplatz.”

Er schluchzte auf und Tränen rannen ihm in dürren Rinnsalen über die Wangen. Er ließ ihre Hand los und kraftlos fiel sie unterm Tisch.


”Und wie – sagten Sie – fiel Ihnen auf, dass beim Ehepaar Schultes etwas nicht stimmte?”

“Naja, gestritten hatten die immer, aber in der Corona-Zeit wurde es unerträglich, da hat er sie offenbar geschlagen, so dass sie gestern heulend mit der Kinnverletzung bei mir auftauchte. Und dann der letzte Streit heute morgen, danach die Stille, dann das Aufheulen der Kettensäge und dann wieder diese unsägliche Stille, da stimmte doch etwas nicht … ist es wahr, was ich gehört habe, dass er sie unter der Gartenbank …”

“Bitte verstehen Sie, dass wir zu laufenden Ermittlungen leider keine Auskunft geben dürfen, Frau Giesinger. Wir melden uns wieder bei Ihnen. Guten Tag.”

Provinznotizen aus Deutschland Süd bei Südost (4): Schau durch mich hindurch

Auf seiner Parkbank hielt er sein Rätselheft und notierte mit seinem Bleistift immer wieder Worte darin, welche Lösungen für die leeren Quadrate waren. Die Sonne lachte, die Vögel tirilierten, der Grashalme streckte ihre Halme der Sonne entgegen, die Maulwürfe buddelten im Verborgenen der Sonne und die Ausgezogenen führten bei Fußgänger bei ihrem Weg zu deren Linken und Rechten durch jene hindurch zu erfreutem Kopfschütteln.

Nur schon seit einiger Zeit hatte er kein Wort mehr in seinem  Heft eingetragen. Seine Lösungskompetenz war ins Stocken geraten. Verzweifelt kaute er auf seinen Bleistift herum. Weiche Mine, hartes Holz.

“’Klarsichtiger’ mit zwölf Buchstaben”, murmelte er vor sich hin. “Klarsichtiger. Hm. Klarsicht. Was ist das?”

Er schaute zu seiner Seite. Ein Mann mit blauer Maske saß neben ihm und schaute auf die Menschen auf dem Rasen. Er rückte näher zu dem Mann hin:

“Entschuldigung, ‘Klarsichtiger’ mit zwölf Buchstaben. Können Sie mir dabei helfen?”

Der Mann schaute ihn fremdelnd an: “Was soll ich? Ich kenne Sie nicht.”

“Können Sie mir vielleicht mit einer Idee weiter helfen?”

“Sie tragen keine Maske. Wollen Sie mich anstecken?”

“Ich bin Single. Und habe kaum Menschenkontakt.”

“Sie tragen keine Maske! Ist Ihnen das klar?”

“Ich …”

Der Mann erhob sich hastig und entfernte sich. Der Kreuzworträtsel blieb ratlos zurück und schaute um sich herum.

Ein älteres Ehepaar passierte gerade seine Bank. Er sprang auf: “Entschuldigung, ‘Klarsichtiger’ mit zwölf Buchstaben. Können Sie mir dabei helfen?”

Der Ehemann blieb stehen und schaute den Rätsler an: “Klarsichtiger? Also jemand mit Erkenntnis?”

“Ja, Egon” antwortete seine Ehefrau, “das muss einer sein, der nachdenkt. Das wird ein Dichter sein. Das will doch der Mann mit dem Rätselheft wissen.”

“Schopenhauer!”

“Ja, Aber auch ‘Aristophanes’ würde gehen, mein Schatz.”

“Aber auch ‘Dichter Dunst’, Liebchen.”

“Nur lediglich, wenn du das Leerzeichen dazwischen mitzählst, Herzilein.”

“Aber Egon, glaubst du, dass hätte ich nicht mit eingerechnet? Sonst hätte ich ja gleich ‘Nebelvorhang’ sagen können. Statt ‘Dichter Dunst’, oder?”

“Agathe, ich sag ja nur. Aber, der Mann ist ja so verzweifelt mit seinem Heft. Junger Mann, wie wäre es mit ‘Hofmannsthal’?”

Der Kreuzworträtsel schüttelte den Kopf: “’Klarsichtiger’ mit zwölf Buchstaben. Das muss etwas mit Perspektive sein. Nicht mit Dichtern.”

Die Ehefrau schüttelte den Kopf: “Da können wir nicht helfen. Kein Dichter, keine Hilfe. Als Rentner ist unsere Perspektive nur begrenzt, unser Ableben ist eine Frage der Zeit im dichten Nebel der Zukunft. Zeit, die wir für so etwas wie Kreuzworträtsel nicht mehr haben”, und beide gingen grußlos weiter.

Der Kreuzworträtsel kaute gedankenverloren auf seinen Bleistift und ließ sich wieder auf seine Bank nieder. Sein Blick nach rechts vermeldete ihm, dass er nicht mehr alleine dort war. Ein junges Paar hatte sich inzwischen dort breit gemacht.

“Alter Mann”, hörte er die Stimme des Mannes, “alter, weißer, weißhaariger Mann, ey. Ein Meter fünfzig Abstand! Und Maske, okay! Gilt auch für dich.”

“Ich löse nur Kreuzworträtsel. Ich suche ‘Klarsichtiger’ mit zwölf Buchstaben.”

“Wissen Sie, was Sie sind? Ein Ignorant!”

“Hm. Eher nicht. Ich suche lediglich ‘Klarsichtiger’ mit zwölf Buchstaben.”

“Ja, nee, ist klar. Aber, alter Mann, Sie sind ein Ignorant. Ohne Respekt. Oder exakter gesagt: ein Nichtswisser. Hat nebenbei auch zwölf Buchstaben. Hey, hab mal Respekt vor uns Jüngeren und lass uns allein hier sitzen!”

Der Kreuzworträtsel stand verunsichert auf. Er wollte doch nur Kreuzworträtsel lösen. Das schadete doch niemanden, oder? Das wäre doch sozialverträglich, oder etwa nicht? Er blickte zu dem Mann, der auf dem Weg ihm entgegen kam. Schlips. Weißer Kragen. Reversnadel. Anzug. Lederschuhe. Nur jener schaute durch ihn hindurch. Erblickte ihn nicht. Blickte durch ihn hindurch.

Der Kreuzworträtsel drehte sich um. Eine Frau ging auf ihn zu. Sonnenbrille. Verspiegelt. Businesshosenanzug. Grau. Zigarillo rauchend. Kühl. Unnahbar. Sexy. Ein Gang wie die Lauren Bacall. Er hob sein Rätselheft, fühlte sich ein wenig wie Humphrey Bogart. Aber sie sah ihn nicht. Blickte durch ihn hindurch. Er fühlte sich transparent. Wie ein Mann ohne Eigenschaften.

Er wendete seinen Blick zur Parkbank. Das Paar hatte sich dort der Länge nach ausgebreitet und schmuste intensiv. Er schaute zurück auf den Weg. Zwei Polizisten kamen ihm entgegen.

“Entschuldigung, ich suche ‘Klarsichtiger’ mit zwölf Buchstaben. Können Sie mir dabei helfen?”

Die beiden Polizisten beachteten ihn nicht, schauten durch ihn hindurch. Er fühlte sich in Schatten verschoben. Dabei wollte er doch nichts unmögliches. Er wollte lediglich ein Kreuzworträtsel lösen. Was war falsch dran?

Zwei Ehepaare kamen auf ihn zu, schoben jeweils einen Kinderwagen, unterhielten sich intensiv und klar vernehmbar.

“Und dann sagte er nur: Verschwörungstheorien. Kannst du das glauben? Abiturient mit Note 1.0 und dann diese Pauschalierung. Der hat sie doch nicht alle.”

“Tja, Abitur schützt vor Doofheit nicht. Nieten in Nadelstreifen, nicht wahr.”

“Und dazu hat er noch Psychologie studiert und hat hier unweit vom Englischen Garten seine Praxis an der Leopoldstraße. Einige Persönlichkeiten sind in seiner Behandlung. Jetzt in der Corona-Zeit sind wohl wieder einige in Krisen gefallen und er verdient sich nen Wolf daran.”

“Jo mei, sollen die Ärmsten sich doch mal ein wenig informieren, nicht wahr. Krise ist ja nicht wirklich und Selbstkrise erst recht nicht. Alles nur Manipulation. Alles. Wer nur dem Mainstream vertraut, der hat sein Hirn an der Garderobe abgegeben, denkt nicht mehr nach. So einer gibt nur zu denken. Hat sein eigenes Nachdenken outgesourct.”

“Ha. Mainstream. Geht gar nicht. Nicht nachdenken, erst dreimal nicht.”

“Überhaupt nicht. Mainstream, alles gelogen. Wie gut, wer Internet zu nutzen weiß. Da finden sich die echten Faktenchecks.”

“Fakten Checker? Das erinnert nur an Orwells Wahrheitsministerium. Fakten Checker sind Manipulierer ersten Grades. Fakten Checker sind nur Meinungschecker. Das ist die echte Wahrheit. Alle akzeptieren, dass jeder jeden manipuliert und sich als Wahrheitsministerium ausgibt. Orwells Vision ist doch hier und heute.”

Der Kreuzworträtsel hob sein Heft den zwei Paaren entgegen und tippte mit seinem Bleistift auf das Quadrat mit der Fragestellung. Aber die beiden fuhren mit ihren Kinderwägen durch ihn hindurch. Ohne ihn zu beachten. Er war wie Luft für sie.

“Wer durchblickt, der braucht eh keinen Fakten Checker mehr. So ein Mensch hat sein Hirn benutzt. So ein Mensch ist mündig und weiß, wo der Zug lang fährt und weiß, was kommt. So einer ist immun gegen Manipulation. So einer benötigt keine Impfpflicht mehr. Der ist geimpft.”

“Ja, stimmt, wenn die mal deren eigenes Hirn nutzen würden. Mündig ist doch nur eine Minderheit. Und eben jenen wird der legitime Zugang zur Macht verwehrt. Wir Klugen sind doch immer die Dummen.”

“Deswegen ist auch diese Corona-Krise nur Fake. Klar, es gibt Tote, aber der ganze Ballyhoo drum, das ist doch fieser Fake. Bisschen Hirn zum Durchblicken täte jedem gut.”

“Weißt du, was das Hirn von Albert Einstein kostet? 9 Milliarden. Und weißt du, was das Hirn eines normalen Bürger kostet? 90 Milliarden. Warum? Weil noch nie benutzt.”

Die letzten Worte verloren sich fast in den wehenden Wind, der kurz und heftig den Staub des Weges aufwirbelte. Der Kreuzworträtsel hielt dem Wind verzweifelt sein Heft entgegen. Die beiden Paare hatten durch ihn hindurch geschaut und deren Wägen an ihn vorbei gesteuert, knallhart auf den Zentimeter kalkulierter Weg ohne jeglichen Kontakt zum Kreuzworträtsel. Beachtet hatte ihn allerdings keiner. Nicht mal der Wind.

“’Klarsichtiger’ mit zwölf Buchstaben”, murmelte jener Kreuzworträtsel vor sich hin. “Klarsichtiger. Hm. Klarsicht. Was ist das?”

Er schaute zur Parkbank. Sie war wieder frei. Er setzte sich wieder an das eine Ende und dachte nach. Jemand setzte sich an das andere Ende. Er blickte hinüber. Ein Mensch mit dunklem Trenchcoat und Sonnenbrille. Unnahbar. Und trotzdem wohl alles im Blick. Den Kreuzworträtsel streifte er nur mit einem Blick durch seine schwarz-dunkle Sonnenbrille. Zumindest schien es so.

Der Kreuzworträtsel kaute auf seinem Bleistift. ‘Klarsichtiger’ mit zwölf Buchstaben. Sein Blick war auf die Quadrate des Kreuzworträtsels fixiert. Anfangs. Meditativ. Versunken. Kontemplativ.

Sein Blick verrutschte ins Unendliche. Auf einen Punkt hinter sein Heft. Er blickte durch sein Heft hindurch. So in der Art wie die Leute ihn zuvor ansahen. So wie er es seit dem März immer wieder erfahren hatte. Blicke ohne Bezug.

Und dann sah er die Lösung. Mit seiner freien Hand schlug er sich auf seine Stirn. Ja, klar, das war es. Zu einfach. So simpel. ‘Klarsichtiger’ mit zwölf Buchstaben. Und das in Corona-Zeiten, wo alle auf ihre Auffassungsgabe schwörten.Durch-Blick

(das ‘Magic Eye’-Bild wurde erstellt mit ‘Stereogram Maker 2.1’)