Aus einem nie stattgefundenen Telefongespräch

– Guten Tag, ich bin der Sohn des alten Mannes, dem Sie über die Straße helfen wollten.

  • Sie sind wer?

– Sie wollten meinen Vater über der Straße helfen. Jenem Mann mit dem Rollator.

  • Das war ihr Vater?

– Ja.

  • Und sie wollen sich bedanken?

– Ich finde ihre Hilfsbereitschaft bemerkenswert und so etwas hat Wertschätzung verdient. Es gibt so wenig Liebe und Verständnis in dieser Welt und ihre Tat sollte gewertschätzt werden. Deswegen rufe ich an.

  • Wertschätzung?

– Ja.

  • Ihr Vater hat mich geschlagen.

– Er nannte es …

  • Ich wollte ihm helfen und er schlug mit dem Stock auf mich ein.

– Er hatte sich geirrt und gemerkt, dass er Ihnen Unrecht angetan hat.

  • Er bat mich, ihm über die Straße zu helfen und dann mitten auf der Straße zieht er mir eins mit ihrem Stock über.

– Er dachte, Sie wollten ihn zur falschen Straßenseite bringen.

  • Zur falschen? Es gibt derer nur zwei und auf der einen war er und zur anderen wollte er. Wie kann ich ihn dann zur falschen Straßenseite gebracht haben wollen?

– Wie ich Ihnen bereits erklärte, er hatte sich geirrt und sich deshalb nur lediglich verteidigt.

  • Verteidigt? Er hat mich brutal niedergeschlagen. Mit dem Eisenknauf seines Krückstocks. Und dann hat er noch den Rollator auf mich geworfen. Wie ein wilder Stier! Ich hatte ihn noch nicht mal angegriffen und musste dann mit dem Krankenwagen ins nächstgelegene Krankenhaus gebracht werden. Erst nach dem Erwachen aus der Not-OP erfuhr ich, was mir widerfahren war. Er hatte sogar weitere Ersthelfer niedergeschlagen und mit dessen demolierten Rollator überfahren.

– Er meinte, auf der anderen Straßenseite verbrecherisches Gesindel erkannt zu haben und glaubte, Sie wären deren Komplize. Er konnte ja nicht wissen, dass er einem Irrtum aufgesessen war. Menschen irren sich bisweilen, nicht wahr. Er war in einem putativen Notstand. Das muss man doch verstehen.

  • Ich ein Komplize? Ich wollte nur helfen. Wer sind Sie überhaupt?

– Ich bin einer seiner Söhne. Nun, nicht direkt ein Sohn, aber ein Sohn von ihm im Geiste. Eigentlich bin ich aber sogar sein größter Fan. Er ist halt unser aller Väterchen. Das Omega von jedem Alpha, was er selber schon immer war, aber nie jemand zu würdigen wusste. Sie müssen verstehen, er ist nun ein altes Väterchen. Mit Rollator. Und einer Gehhilfe. Er verliert hin und wieder mal die Übersicht und dann kann es mal zu so etwas kommen. Sie müssen verstehen. Er hatte schon damals viel Ungerechtigkeit erfahren, viel Leid mitbekommen, Tränen darüber vergossen, sich darüber gegrämt und deshalb …

  • Ach ja? Und Sie machen sich zu dessen Anwalt, oder was.

– Wenn sie so wollen, ja, ich bin sein Anwalt, weil ich ihn verstehe und deswegen seine Interessen in seinem Interesse weltweit hier vor Ort vertrete: Think globally, act locally.

  • Und Sie rufen mich deswegen an? Warum ruft er nicht selber an? Sie sollten sich für ihren Vater schämen! Aber ehrlich!

– Väterchen hat nun mal eine Krankenhausphobie. Das habe ich notariell feststellen lassen. In der Vergangenheit hatte er schon mal einige demoliert, weil er leider seine Phobie nicht ganz kontrollieren konnte. Aber das ist Vergangenheit und passierte auch nicht hier, sondern dort, wo Krankenhäuser eh schon nicht als solche bezeichnet werden sollte. Man muss nun mal eben mit unserem Väterchen pfleglich umgehen. Wie es bei Älteren sein sollte, deren Interessen dauernd missachtet werden. Wenn das nicht beachtet wird, dann können Väterchen nun mal ein wenig robuster reagieren, nicht wahr. Dafür sollten wir Verständnis haben.

  • Robuster? Bis jemand im Krankenhaus liegt?

– Jetzt machen Sie doch nicht aus einer Mücke einen Elefant. In einem Jahr springen Sie wieder über Wiesen und Bäche, so munter wie ein Zicklein im Frühling, während unser Väterchen aber weiterhin mit dem alten Rollator und seiner Gehhilfe unterwegs sein wird.

  • Wissen Sie, was die größte Mücke-zu-Elefant-Mutation ist? Sie sind es! Das Sie es überhaupt wagen, mich um Verständnis zu bitten, dass sich ihr Väterchen wie ein Berserker benimmt, weil die Welt doch so schlecht ist. Mit Verlaub, Sie sind doch bescheuert! Und wie ist der Name Ihres ach-so-ehrenwerten Väterchens?

– Putin. Vladimir. Und Sie müssen verstehen, dass unser Väterchen halt so seine Gründe hat, dass er ein wenig über die Stränge geschlagen hat. Es sind gewisse, evidenzbasierte Gründe, ganz wissenschaftlich gesehen der reinen Selbstverteidigung gehorchend.

  • Gut. Ich schlage dann vor, wir sprechen den Vornamen ihres Väterchens wie bei Bram Stocker aus. Und den Nachnamen ihres Väterchen einfach nur noch französisch. Dann trifft es wohl dessen Geisteshaltung anderen Menschen gegenüber, nicht wahr. Bitte rufen Sie mich nicht mehr an.

– Nehmen Sie die Entschuldigung für mein Väterchen an?

  • Gott erhalte ihren Putin!

– Oh, das ist aber sehr schön von Ihnen. Ich bedanke mich für ihr Verständnis und werde ihre Aussage als Entlastung vor Gericht zitieren, sollte er vor solchen gebracht werden.

  • Sie haben mich unterbrochen! Mein Satz ist noch nicht fertig.

– Ach ja? Das ist aber schön von Ihnen. Sie haben wirklich einen großen demütigen Geist. Was wollten Sie noch weiter sagen?

  • Möglichst bald!

Die Nacht ohne Morgen, am Tag ohne Sorgen

In leuchtendem Weiß stand Michazrael neben dem in weiß leuchtenden Gaphrael. Von hinten schien die lodernde Gestalt Mattatron, dessen Feuer alles überstrahlt.

Michazrael: Oh Gott, da kommt wieder der Angeber mit einem neuzeitlichen Doppelklingen-Lichtschwert.

Mattatron: Das habe ich gehört! Du sollst nicht nehmen des Herrn und Gebieters abwertenden Menschenbezeichnung in deinem Mund.

Gaphrael: Komm, Mattatron, mach dich mal locker und atme mal durch die Hose.

Mattatron: Hose? Was ist das? Kannst du nicht sehen? Mein goldenes Gewand ist keine stupide Hose.

Michazrael: Jetzt mach hier nicht die Welle, Mattatron. Wir wissen, dass Hosen nur für Leute mit Eier sind, also mit was in der Hose und wir sind nun mal geschlechtslos. Wir stehen über sowas, klar, unverbindlich mosaisch, verbindlich mächtig. Und trotzdem haben wir hier immer die Hosen an. Auch ohne Eier.

Mattatron: Wage es nicht, Michazrael! Beim letzten Mal hätte dich der unaussprechliche Unfehlbare als Assistent von Luzifer abgesandt, hätte ich nicht ein Wort für dich eingelegt gehabt.

Michazrael: Luzifer. Ein schöner Name. Dagegen ist der meinige etwas gewichstes Gemixtes aus. Aber nein, dieser Knilch erhielt den lateinischen Namen des schönen Morgensterns, der Venus, nackt wie sie uns vom Morgenhimmel grüßt. Nur weil dieser Herr der Fliegen gleich mehrfach “Hier!” bei der Namensvergabe gerufen hat, deshalb hat der so viele Namen. Aber ich, ich erhielt lediglich den “Michazrael”. In tausend Jahren wird sich eh keiner mehr an meinen Namen erinnern. Aber den Namen der Venus, den werden noch alle ehrfürchtig aussprechen. Nur weil er mehrfach “Hier!” blökte.

Mattatron: Wage es nicht, Michazrael!

Gaphrael: Komm, Michazrael, lass sein. Hätte der unaussprechliche Unfehlbare bei der Hirnvergabe das mal gemacht, wir müssten diesen Job hier nicht machen.

Mattatron: Gaphrael! Unterstehe ich!

Gaphrael: Ist ja gut.

Mattatron: Setzt euch gefälligst nieder, es kommt Kundschaft. Und seid ehrwürdig! Wenigstens ein bisschen. Wir wollen hier doch nicht an Anstand missen lassen, oder.

Gerne hätte ich länger zugehört, jedoch da mich Mattatron bereits gesehen hatte, schritt ich zum Schreibtisch vor. Mattatron wirbelte noch ein wenig theatralisch mit seinem Doppelklingen-Lichtschwert, schnaubte etwas unhörbares und fuhr die Lichtklingen ein. Erstaunt blickte ich auf dessen Gewand. Es erinnerte mich eher an eine goldene Rettungsfolie statt an teurer Seide oder anderem Geschmeide.

Michazrael: Name?

Ich: Hat man mich nicht angekündigt?

Gaphrael: Wir wollen deinen Namen wissen und nicht deine Kündigung.

Ich: Ankündigung!

Gaphrael: Klugscheißer.

Ich: Selber.

Michazrael: Noch eine solche Bemerkung, oder du kommst hier nicht rein.

Ich: Ihr wollt mich doch nicht etwa zum Belzebub runter schicken?!?

Michazrael: Warum nicht?

Ich: Ich habe keine Lust mit den ganzen Mördern, Kinderfickern, Hitler, Stalins und so den Rest meiner Zeit zu verbringen.

Gaphrael: Ach.

Ich: Aus der Kirche bin ich nicht ausgetreten, nur damit ich die Ratzingers dieser Welt nachher um mich habe.

Gaphrael: Warum sollte der des Teufels satanische Verse im Chor mit Doktor Faustus singen? Ratzinger und Meissner spielen hinter uns Skat und alle hören denen aufmerksam zu. Sie haben vor ihrer fristlosen Lebenszeitkündigung, den Namen des unaussprechlich Unfehlbaren angerufen und wurden erhört.

Ich: Ach? Sagt wer?

Gaphrael: Wagst du des unaussprechlich Unfehlbaren Ratschluss in Frage zu stellen?

Ich: Des unaussprechlich Unfehlbaren? Wenn die beiden im Himmel sind, dann wüsste ich nicht wirklich gerne, wie es um Menschen steht, die in die Hölle geschickt werden müssten.

Michazrael: Wen meinst du?

Ich: Zum Beispiel Karl, den große Sachsenschlächter. Barbarossa, den Kinderficker. Oder Jeanne d’Arc, die Schlächterin im Hundertjährigen Krieg.

Gaphrael: Warum schickt man uns immer nur die Klugscheißer aus dem kleinen Zentral-Europa, Michazrael, ich ertrag das nicht.

Michazrael: Geduld, Gaphrael, Geduld. Diese niederen Kleingeister müssen halt noch durch das Fegefeuer der Erkenntnis.

Ich: Ach, habt ihr sogar Knilche, die nicht Kaiser oder Könige waren. Also solche wie Stephan Letter, Niels Högel, Fritz Haarmann und all andere unfehlbar Unaussprechlichen reingelassen. Ich wette, weil die kurz vor deren fristlosen Lebensvertrag-Kündigung noch gebeichtet oder den Namen des unaussprechlich Unfehlbaren angerufen haben, oder?

Gaphrael: Bleib ruhig, Michazrael, erzähl ihm um Gottes Willen …

Mattatron: Das habe ich gehört! Du sollst nicht nehmen des Herrn und Gebieters abwertenden Menschenbezeichnung in deinem Mund!

Gaphrael: … nicht … ist ja gut, Mattatron. Sorry aber auch, dass ich das mal wieder gesagt hatte … okay, und du, Michazrael, erzähl ihm jetzt nicht die Geschichte, von dem Adolf, dem Hitler. Sonst sitzen wir hier noch bis zum jüngsten Tag am Rumdiskutieren.

Ich: Was? Was hast du gesagt? Hitler?

Michazrael: Name?

Ich: Hitler ist auch bei euch?

Michazrael: Der dritte Mann beim Skat. Er ist reuig. Kurz bevor die Kugel sein Hirn zum Platzen brachte. Nur Eva nicht. Die hat uns verflucht. Dein Name lautet?

Ich: Was?

Michazrael: Name! Wir können dich auch gleich wieder wegschicken.

Ich: Wegschicken? Und wer ist jetzt dort unten?

Michazrael: Name?

Ich: Careca da Silva.

Michazrael: Careca, hm. Der berühmte brasilianische Fußballspieler?

Ich: Nope. Wer ist denn in der Hölle jetzt?

Michazrael: Careca, hm. Ich find den Namen hier im Buch nicht.

Ich: Wer ist denn in der Hölle jetzt?

Gaphrael: Warum ist das wichtig?

Ich: Weil ich nicht mit Arschlöchern für den Rest meiner Zeit umgeben sein möchte. Wenn der Adolf hier oben ist, vögelt dann der Putin dort unten dessen Eva?

Gaphrael: Ein wenig mehr Mäßigung würde dir gut stehen, Careca. Würde dir sehr besser stehen. Und außerdem hat Eva was mit Fritz Haarmann und der Putin ist gerade mit dem Kini zusammen. Das wissen wir vom Mattatron.

Michazrael: Echt? Vom Mattatron? Wow. Der weiß so etwas? Oh Gott, wird mir schlecht.

Mattatron: Das habe ich gehört! Du sollst nicht nehmen des Herrn und Gebieters abwertenden Menschenbezeichnung in deinem Mund!

Michazrael: Tschuldigung, Mattatron.

Gaphrael: Careca, mäßige dich. Du bist hier nicht auf dem Kirmesrummel oder beim Kinderfasching.

Ich: Die Mäßigung ist der Nachbar der Mittelmäßigkeit. Immer mäßig in der Mitte.

Gaphrael: Was soll denn daran schlecht sein, Careca? Mäßigung ist das Werkzeug des Weisen.

Ich: Ach ja. Ich vergaß. Der Weise ist leidenschaftslos, beherrscht die Affekte, besitzt keine Begierde und denkt an die vollkommene Pflichterfüllung in der Gemeinschaft. Eine nützliche, angepasste Stütze von Staat und Landesreligion.

Gaphrael: Tugendhafte Bürger, das sind die, die der Ordnung die Ordnung geben. Sie stellen ihre persönlichen Interessen zurück, wenn es um das Wohl des Gemeinwesens geht. Opferbereitschaft, das ist ein hohes Gut in einer Gemeinschaft. Aber nicht die an der Lebenslust orientierte Genießer.

Ich: Jemand, der permanent an Essen, Trinken und Sexualität denkt, weil er auf drei Gebieten unterversorgt ist, kann sich nicht auf abstrakte Zusammenhänge konzentrieren. Nur der gesunde, entspannte, ausreichend ernährte Denker besitzt die Ausgeglichenheit und die psychische Entlastung, sich den Ideen zur Erforschung der Welt zu widmen.

Gaphrael: Schau an. Nicht nur Klugscheißer, sondern auch wohl noch so ein Querdenker, nicht wahr? Mit Mäßigung und Tapferkeit habt ihr verqueren Denker nicht wirklich was im Sinn.

Ich: Querdenker halten Tapferkeit für ein höheres Gut als Mäßigung. Darin unterscheiden die sich nicht von anderen Machthabern. Also jene, die bereits Macht haben, während Querdenker nach dieser noch streben.

Gaphrael: Aber dann bei Demos fordern, sich tapfer der ersten Ordnung entgegen zu stellen?!

Ich: Tapferkeit, das ist das, was unschuldige Männer dazu antreibt, mit glühender Begeisterung ihr Blut fürs Vaterland zu vergießen. Hat bereits Cicero niedergeschrieben. Tapferkeit dient dem Machthunger derjenigen, die das Wort als Tugend erheben. Tugenden gelten als Ideal. Nur nicht der klare Verstand. Darum gibt es Kriege und in Friedenszeiten Militär.

Gaphrael: Was du sagst, ist weder philosophisch, noch hat es tiefere Bedeutung. Dort unten bei euch nennt man das auch “Pornographie”. Also reine Wixvorlage für geistig Arme.

Ich: Ja, nee, klar. Pornographie als Vehikel des materialistischen Libertinismus mal wieder. Jetzt sogar im Himmelreich. Kein Wunder, wenn ihr die ganzen Klerikalen hier reinlasst. Und Erotik habt ihr dann wohl nur als trojanisches Pferd der Religionskritik. Sexuelle Wünsche sind ein Teil der empirischen Natur des Menschen. Wenn diese Natur Maßstab und Leitbild der Ethik sein soll, ist ihre Unterdrückung somit grundlos. Und in Kriegen und beim Militär findet sexuelles nur per Vergewaltigung als Demütigung und Zerstörung von Besiegten statt.

Michazrael: Hey, ihr beiden! Jetzt reicht’s mit eurer Schwurbelei! Hört auf! Wir sind hier nicht im “Club der toten Dichter und Denker”! Careca, bist du sicher, dass du eine fristlose Kündigung erhalten hast?

Ich: Wäre ich sonst hier?

Michazrael: Zeig mir mal deine Boarding-Karte.

Ich: Meine was?

Michazrael: Boarding-Karte. Das ist das, was bei euch immer als Tunnel mit hell gleißendem Licht dahinter beschrieben wird. Ist aber nur das Ticket zur Ewigkeit. Design und Copyright by Mattatron himself. Die müsste in deinem Besitz sein. Haste die vielleicht in einer der Taschen deines Gewandes?

Ich: Was? Ich dachte, das letzte Hemd hätte keine Taschen.

Gaphrael: Oh, Mann, immer diese Klugscheißer aus dem kleinen Zentral-Europa, immer nur am Rumdiskutieren und Recht-haben-wollen. Michazrael, ich ertrag das nicht mehr. Wirklich. Echt nicht.

Michazrael: Durchhalten, Gaphrael. Dieser Job ist ja nicht für immer, sondern nur für ewig. Mit Gott auf unserer Seite.

Ich: Und mit Jesus in einem Boot, nicht wahr. Leider ging einer baden. Man warf ihn über Bord.

Michazrael: Jesus ging nicht baden. Jesus geht selbst hier oben noch immer übers Wasser. Und verwandelt Wasser in Wein.

Ich: Das letztere schaff ich auch umgekehrt. Also. Ich nehme also an, bei euch hier oben ist das Boot noch immer nicht voll?

Gaphrael: Du willst sagen, in der Hölle wäre es für dich besser?

Ich: Nur wer seinen Nächsten liebt, der geht sogar durch die Hölle. Ich vermute, aus diesem Grunde kriegen bei Euch so viele Langzeit- und Last-Minute-Christen direkten freien Eintritt, nicht wahr.

Michazrael: Gaphrael, ich glaube, wir sollten Mattatron rufen. Das hier ist ein ganz schwieriger Fall von Mensch ohne gesunden Menschenverstand. ICH KANN SO NICHT ARBEITEN!

Gaphrael: Nein, nein, nein, wir rufen den jetzt lieber nicht. Er hat gerade seine Schicht als Karten-Mischer in der Skatrunde. Wir sollten ihn nicht stören. Du weißt doch, wie er beim letzten Mal rumwütete, weil er sich vermischt hatte und der Ratzinger dann wieder mal alle Asse auf seiner Hand hielt. Da konnte Mattatron keinen Stich bei der Runde landen.

Michazrael: Careca … ah, hier, da hab ich dich gefunden. Da steht noch was. Ich glaube, du solltest zuerst noch durch das Purgatorium gehen, bevor wir über deinen Fall endgültig entscheiden.

Ich: Purgatorium?

Michazrael: Anderes Wort für den Ort der Läuterung und Reinigung, dem “Fegfeuer”. Hört sich nobler an. Heißt, du bist noch nicht geläutert, in Himmel oder Hölle zu gehen. Du musst vorbereitet werden. Du gehst also von hier auf den rechten Weg. Du kannst auch den linken nehmen, aber dann musst du spiegelverkehrt zu dem gehen, was ich dir jetzt zeigen werde.

Ich: Und wenn ich vom rechten Weg abkomme, komme ich dann auf den linken?

Gaphrael: Recht so. Unglaublich, der Knilch versteht uns nicht. Oder will es nicht. HERR, SCHMEISS HIRN VOM HIMMEL! Was haben wir nur verbrochen, das hier zu machen. Oh Gott, sind wir verdammt.

Mattatron: Das habe ich gehört! Du sollst nicht nehmen des Herrn und Gebieters abwertenden Menschenbezeichnung in deinem Mund!

Gaphrael: Ja, ja doch!

Michazrael zog etwas unter dem Tisch hervorzog, tippte auf das rechteckige Ding rum und rechte es mir: ein Tablett mit einer stilisierten Birne drauf. Auf dem Display des Tabletts tauchte ein magisch leuchtend blauer Strich auf. Daneben erschien zusätzlich ein roter Strich, ein ganz dünner, vollkommen unscheinbarer, das Hauch eines Nichts von rot, lief parallel zum Blauen und bog dann in eine anderer Richtung ab. Und in der Mitte, da war dieser silbrig-goldene blinkende Punkt. Ich blickte Michazrael fragend wie blöde an.

Michazrael: Der Punkt bist du. Folge dem blauen Weg und alles wird gut.

Ich schaute aufs Tablett und nickte verstehend. Michazrael und Gaphrael standen auf, gingen zur Seite und zogen ihre E-Zigaretten hervor. Sie wollten deren gewerkschaftlich vereinbarte Raucherpause ausüben.

Ich machte ein paar Schritte vom Schreibtisch weg und erkannte, wie sich der silbrig-golden blinkender Punkt lenken ließ. Also lief ich und lenkte den Punkt. Auf dem blauen Weg. Alles gut. Der rote unscheinbare, blasse, kaum zu erkennende Weg lief noch zusammen mit dem blauen, dann schien er jedoch abzuzweigen.

Ich stoppte und stand am Scheideweg. Überlegend blickte ich vom Tablett auf. Vor mir hockte ein glatzköpfiges Hutzelmännchen im quietschgelben Ostfriesennerz. Er hatte sich auf einem durchnässten Blatt Papier ein großes Tier gemalt. Unter dem Tier erblickte ich ein Gekritzel. Das glatzköpfige Hutzelmännchen schaute zu mir auf, lächelte irre wirr, ergriff das Blatt und hielt es mir fragend vor die Nase. Eine mathematische Aufgabe.

2² + 3² + 5² + 7² +11² +13² +17² = ?

Die ersten sieben Primzahlen zum Quadrat, addiert …

Ich: Das Ergebnis willst du wissen, oder? Bist du Aleister, Sohn von Edward und Emily Bertha, aus Leamington Spa?

Das Hutzelmännchen nickte.

Ich: Ich sag dir das Ergebnis und du hilfst mir dann weiter, okay?

Das Hutzelmännchen nickte erneut. Regentropfen perlten von seinem Friesennerz ab. Regnete es? Ich spürte nichts.

Ich: Das Ergebnis ist 666. Du bist Aleister Crowley, nicht wahr. Und nun zu mir. Hilf mir. Welchen Weg soll ich gehen?

Ich zeigte ihm das Tablett. Nachdenklich schaute das Hutzelmännchen, schüttelte sich kurz, lenkte meine Aufmerksamkeit auf ein Kaninchen, indem er mit seinen Hand drauf deutete, das Kaninchen, welches unweit vor uns hockte. Mit leiser fiepender Stimme sprach er zu mir.

Aleister: Tja, wie heißt es schon im Kino? Folge dem Kaninchen. Nimmst du den blauen Weg ist alles aus. Du wachst auf in deinem Bett und glaubst an das, was du glauben willst. Nimmst du den roten Weg, bleibst du im Wunderland und ich zeige dir die tiefsten Tiefen des Kaninchenbaus.

Ich überlegte, welchem Weg ich risikoloser folgen sollte. Ein Nullrisiko ist an keinem Ort zu haben. Wohin nur? Mir wurde klar, nur derjenige verdient sich Freiheit wie auch das Leben, der sie sich täglich erobern muss.

Das Hutzelmännchen grunzte kurz, zerknüllte seinen Zettel und warf ihn ohne weitere Beachtung hinter sich. Die geknüllte Zettelkugel rollte in eine Ansammlung von anderer bereits zerknüllter Zettel.

Das Hutzelmännchen tat es wohl nicht zum ersten Male. Umweltverschmutzung gab’s also auch hier oben. Nun ja, vom Standpunkt der höchsten Sauberkeit aus betrachtet, wäre es für den Planeten am besten gewesen, der Planet wäre steril geblieben. Und somit war es ein gravierend schwerwiegender Fehler von jenem Gott, den Menschen zu erschaff …

Mattatron: Das habe ich gehört! Du sollst nicht nehmen des Herrn und Gebieters abwertenden Menschenbezeichnung in deinem Mund!

Vogel hin, Vogel her

Hallo Welt,

heute ist der 5. Januar im Jahre unseres Längengrades, auf den sich jeder Papst von 2022 berufen wird. Der Tag ohne Bedeutung. Der Tag vor dem Tag mit Bedeutung, Vor den Drei-König-Tag-Treffens auf dieser Welt, wo immer sich auch drei Könige auf einem Kreuzungsmittelpunkt mit zweihundert Sachen treffen mögen.

Und nicht nur das schale Witze kann jeder. Nur, heute ist der Welttag des Vogels. Der 5. Januar 2022.

Hallo! Vogel!

Tag des Vogels!

Nicht Vögel! Menno.

Vögeln kann jeder feiern, aber Vögel feiern, das können nicht viele. Denn wer hat schon einen Hansi, einen Peterle oder einen Kuki bei sich auf dem Beistelltisch vorm eigenen Gelsenkirch’ner Nieren-Wohnzimmertisch aus den 70er-Jahren? Geldenkirchner Barok? Kennt das noch wer, ausser Herr Tegtmeier von nebenan hier in München?

Na?

Na?

Na?

Richtig. Einen Vogel haben viele. Aber auf einem Beistelltisch neben dem Wohnzimmertisch im geräuschisolierten ‘Besten Zimmer’, isoliert von den beiden Scotish-Fold-Hauskatze und den domestizierten ‘Fliegenden Piranha-Fischleins’ aus klandestiner Polenzucht und unverhohlener ‘Rettet Dörrie’-Haltung der Disney-Neuzeit, das muss man mal erst mal haben können.

Würden diese Heimvögel nicht immer so einen Krach machen, aber mal ehrlich, dann dürften die auch mehr in den Lebensmittelpunkt rücken. Man kann schließlich von den eigenen Kindern nicht dauernd erwarten, dass diese sich während derer Playstation-Sessions und den TicToc-Videoaufnahmen auch noch um solche Nerverle wie Peterle, Hansi, Pupsi, Kuki und Kekerle kümmern. Die stören den eigenen Hauskinder-Spielenden doch nur, wenn jene lauschen müssen, von wo der böse Feind anschleicht, um jenen mit der Effizienz-modifizierten AK47 gerechterweise niederzumähen. Feind ist Feind. Der gehört niedergemetzelt. Ein Hoch auf das Schwarz-Weiß-Denken in Zeiten von 6k-HDR-Plus.

Und vergesst nicht niemals nicht: zum 24. Dezember wurde bereits ne fette dicke Gans verspeist. Nein, nicht die unerträgliche Nachbarin oder die Frau vom Controlling, welche wieder die Solo-Spesen vom Drei-Sterne-Restaurant gestrichen hatte.

Die eigenen Haustiervögel könnten in Relation uns dazu mal etwas dankbarer sein. Weil zum ersten wurden jene beim weihnachtlichen Gansvogel-Verzehr in Sichtweite des Essentisches platziert. Das nennt sich artgerechte Haltung bei uns Menschen. Und zweitens wurden jene Haustiervögel nicht bereits um 17:59 mit dem Küchenhandtuch abgedeckt.

Dankbarkeit darf nicht heißen, dem Herrchen, Frauchen oder Kindchen am Essenstisch demonstrativ den Vogel zu zeigen. Dankbarkeit muss heißen, das gewünschte Lied fehlerfrei und in UHD-HiFi-Qualität vor zu flöten. Ohne nervend zu werden. Welcher Vogel es trotzdem wagt … ab in die Abstellkammer! Wir können auch anders! Nennt uns nur nicht unmenschlich. Schließlich können wir dann auch anders: menschlich halt.

Heute ist Tag des Vogels. Internationaler, welcher einer. Vogeltag.

Lasst uns diesen Vögeln gedenken, wenn die mal wieder unseren Autos die verkehrsrechtliche Vorfahrt nehmen und dann auch noch mit deren Kadaver-Überresten unsere Straßen verschmutzen. Wenn diese zum wiederholten Male rücksichtloserweise Fliegzeuge zur Notlandung zwingen, was dann in den Meldungen mit “Vogelschlag” verzeichnet wird. Oder wenn der aktuelle amerikanische Truthahn-Präsident dieses Jahr wieder einen mitregierten Truthahn von der Truthahn-Bratröhre begnadigt. Das ist Vogel-Gedenken.

Tag des Vogels.

Ach, Leute. Wisst ihr was? Das ist mir total wumpe.

Vogel hin, Vogel her. Wenn mir so ein Vogel im Verkehr in die Quere kommt, kriegt der die Hupe meines E-Smarts. Ansonsten brettere ich den nieder. Quid pro quo. Genug Newtonmeter hat mein neuer umweltfreundlicher E-Smart dafür auf alle Fälle. Und Gewicht auch noch. Tschüssikowski, du für mein mobil-flexibles Fortbewegungsbedürfnis contra inempathisches Naturflugwesen.

Das Rad des Lebens. Es kommt immer drauf an, auf welcher Seite so ein anderer Vogel sich halt mal befindet. Vorm Rad und somit gleich auch unterm Rad. Oder auf dem Steuerungssitz des Fahrzeugs, welches der Lenker vom Rad ist. Gelernt ist gelernt. Mit Ausbildungszertifikat.

Heute ist Tag des Vogels. Hat wer da etwas dagegen? Menno! Dann geh halt vögeln, du unsensible Vogel-Sau!

Coming home for X-Mas (4)

Geliebte Geliebte,

Die Weihnachtsfeiertage sind vorbei. Meine Zeit hier neigt sich dem Ende zu. Ich war bei dir am Grab. Das Eichenlaub dieses Herbstes lag noch drauf rum. Drei Kerzen vom Allerseelentag und das dazugehörige Allerseelengesteck.

Erinnerst du dich noch an die Allerheiligentage auf dem Friedhof? Überall rote Grablichter glimmten auf den Grabfeldern. Und dann die Blicke und Getuschel der Friedhofsbesucher: “Schau mal, der hat ne ganz schmucke Grabkerze.” “Guck mal, der Schulze mal wieder, lebt in Saus und Braus aber nur ein mickriges Kerzchen und das dürre Gesteck. Wenn das sein Vater sehen würde, der würde im Grab rotieren.” “Ist das nicht die Neunbeck? Dass die sich mal hier wieder auf dem Friedhof sehen lässt, unglaublich. Und dann der protzige Grabschmuck. Schämen sollte die sich.” “Hab ich dir nicht gesagt, wir hätten den größeren Kranz nehmen sollen? Die Poltes haben auch einen ganz Großen gekauft! Dabei nagen die doch am Hungertuch!” “Warum hast du die Streichhölzer vergessen? Wie sollen wir denn nur die Kerzen jetzt anmachen?”

Erinnerst du dich noch an das Grab des Chinesen? Der hatte keine Kerze auf das grab seiner Frau gestellt, lediglich eine Schale Reis. “Hey, Chinamann, glaubste, deine Frau kommt raus, um deinen Reis zu essen? Wann soll denn das passieren?” “Zu dem gleichen Zeitpunkt, wenn deine Eltern aus dem Grab kommen, um sich deren Hände an euren Kerzen zu erwärmen.”

Zwei Grabkerzen habe ich im Dorf gekauft. Eine soll sechs Tage brennen, die andere drei. Ich hoffe, das 6-Tages-Licht schafft es bis Neujahr. Ich erinnere mich noch, als du in unserer Schule aus dem Klassenzimmerfenster geklettert warst, aufs Fenstersims, zwei Klassenkameraden haben dich dort wieder gewaltsam runtergezogen. Zuvor hatte noch einer aus meinem Dorf das lakonische “Spring doch” lachend gerufen. Es war eine 5-köpfige Gruppe aus meinem Dorf, welche den Rest der Klasse perfekt unter ihre Kontrolle hatte. Zwei waren deren Soldaten. Sie waren gewissermaßen die gewalttätige Exekutive, sie schlug zu, wenn sie es für notwendig erachteten. Einer war der Beifallklatscher und wortgewandte Befürworter, was die anderen beiden als intellektuelle Köpfe diese 5er-Gruppe waren. Diese beiden gaben die Anweisungen und die Richtung derer Pöbeleien vor. Heute bezeichnet man das als klassisches Mobbing, damals war es noch Seitens der Lehrerschaft ein vermintes Feld. Denn drei dieser Fünfer-Gruppe, waren Söhne von Lehrern, Schulleitern und Politikern. Lief etwas nicht richtig für deren Zöglinge, dann wurde den Lehrern die Konsequenz derer Überlegungen direkt vor Augen geführt. Die Eltern von zwei der Fünfer-Gang waren wirtschaftlich sehr gut verzweigt und angesehen. Wer einen Rabatt wollte, kam um diese nie herum. Und wer woanders kaufte, einer solchen Familie schossen die Eltern mit Gerüchten vor dem Bug. Es hört sich kurios an, nur vor vierzig Jahren war so eine Konstellation ein wohlbehütetes Nest für deren verkommene Brut. Du wurdest vom Fenstersims gezogen, aber dein Leben war nachhaltig ruiniert. Du warst immer nur der Spielball anderer Interessen, du konntest keinen Widerstand in dir gegen solche Halunken aufbauen. Daran bist du letztendlich gestorben.

Ich weiß inzwischen, wie sich die 5er-Gruppe weiterentwickelt hatte. Der eine Intellektuelle gründete beim vorletzten NRW-Landtagswahlkampf eine eigene Partei, weil er Recht und Ordnung und Tugenden bei den anderen nicht mehr erkennen konnte. Danach löste er seine Partei auf und trag einer Rechtsextremen bei, in der als Polizist für seine Ideen sich einsetzte. Der andere wurde mit Hilfe seines Vaters Bankdirektor und wurde inzwischen mit Cum-Ex-Geschäften in Verbindung gebracht. In der C-Partei wurde er dagegen ausgebootet, weil er wohl zu undemokratisch sich verhielt. Er sollte eigentlich auch dort Karriere machen. Der Applaudierer lebt unauffällig im Dorf. Man kann ihn nicht einordnen, weil er sein Fähnchen immer in den passenden Wind hängt, um das Geschäft seines Vaters über Wasser zu halten. Aber er soll recht ideenlos wirtschaften und nur den Vorteils des Vitamin-Bs des Bankiers haben. Die beiden “Soldaten” sind im Dorf als “Stinkstiefel” verschrien. Der eine klagt aus Prinzip vor Gericht, wenn er irgendwo einen Vorteil für sich oder einen Nachteil für andere drin sieht. Ihn müssen wohl bislang sogar die Frauen zum Heiraten gemieden haben. Der andere ist verheiratet, aber weiterhin gewalttätig. Seine Frau kommt nicht von ihm los, ihre Anzeigen wurden nie aufgenommen, sie scheint sich mit seinem Verhalten arrangiert zu haben. Will man mehr erfahren, dann schweigen des Sängers Lueder, aus Höflichkeit. Du siehst, deine Täter leben nicht wirklich das Leben eines Vorbilds. Ja, sie haben Freunde, die sich deren Meinung fügen (bis auf den einen, der sich halt selber anderen fügt), aber sie sind allgemein nicht wirklich beliebt und jeder lässt Vorsicht bei den Kontakten mit diesen walten.

Aber das wird dich nicht trösten, geliebte Geliebte. Denn zu deinen Depressionen kam letztendlich ja auch noch Krebs. Bei den fünfen weiß ich von einem, dass er meint, wer sich richtig und gut ernährt, der habe ein funktionierendes Immunsystem und dem könne keine Krankheit nichts anhaben, weder Krebs, noch Grippe, noch Covid19. Ich wünsche, er schläft mal mit ner Frau die Tripper oder Syph hat. Mal sehen, was dann er zu seinem Immunsystem meint. Er könnte auch gleich mal frische Kuhfladen essen. Oder einen Schwimmkurs im Ganges. Er hat ja sein Immunsystem als Rückversicherung, ihm sollte also nichts passieren.

Geliebte Geliebte, ich habe mich heute von meiner Mutter verabschiedet und weiß nicht, ob es nicht auch so sein wird, wie bei dir. Ich hoffe nicht, aber die Zeit tickt Sekunde für Sekunde die Lebensuhr runter. Irgendwann ist jede Lebensuhr einmal abgelaufen. Dann stellen andere Menschen die 6-Tages-Grablichter oder die Reisschalen aufs eigene Grab. Das Schöne heute war am Grab das Rotkelchen. Es tanzte dort munter und pickte sich deren Mittagessen aus dem Boden. Es war ein wilder Tanz: hüpfend, springend, seitwärts steppend. Einfach so. Aus reiner Lebenslust. Ein eigenwillig schönes Bild. Das Leben steppte gewissermaßen oberhalb der Erde, während darin der Mensch seine ewige Ruhe bekommen hat. Das Leben geht weiter, geliebte Geliebte. Auch wenn die Grablichter verlöschen und der Wind neues verwelktes Eichenlaub aufs Grab wehen wird.

Meine Mutter kommt am Mittwoch wieder aus dem Krankenhaus raus. Sie plant schon wieder ihr Leben bei sich zu Haus. Mit 90 Jahren. Für mich kommt es aber leider zu spät. Ich werde morgen mich auf den Rückweg machen. Ja, Fotos habe ich für mein Archiv gemacht, ihre Umarmung gespürt, ihre Stimme in meiner Seele eingraviert. Aber in Kürze bin ich wieder eine 8-Stunden-Reise von ihr entfernt. Auch du wirst wieder von mir entfernt sein. Nur in Gedanken, da ist die Entfernung kürzer. Ein Mensch stirbt nur dann für immer, wenn sich niemand mehr an ihn erinnert. Wenn er gestorben ist. Für die Lebenden gibt es das Handy, das Telefon, den Brief. Oder die Reise. Lebbe geht weiter, geliebte Geliebte.

Ich ende hier. Mein Schmerz des Fortfahrens erwacht und es wird kein Gegenmittel dazu geben.

Geliebte Geliebte, habe die Ehre und gehabe dich wohl.

Über kreisende Berge und geborene Mondkälber

»Und an dieser Stelle, meine sehr verehrten Herren und Damen Politiker hier anwesend im Saale, möchte ich nun nachfragen, ob Sie eventuell ein unübliches Getränk zu sich genommen haben. Denn Sie sagten unvernünftiger weise bereits …«

»Stopp! Stopp! Das geht so nicht.«

»Was geht so nicht?«

»Ihre Rede ist ja komplett für Somnambule. Professor Hastig der Sesamstraße wäre zu Ihnen bereits die reinste Redekanone.«

»Professor Hastig? Wer soll das sein? Ein Somnambuler?«

»Manno, im Vergleich zu Ihrer Rede erregen zwei Schnecken mehr Aufmerksamkeit, wenn die statt Ihner am Rednerpult einfach nur vögeln würden.«

»Schnecken vögeln für Aufmerksamkeit?«

»Sagen Sie doch einfach: ‚Und an dieser Stelle, Ihr Poly-Ticker hier im Saale, habe ich nur eine Anmerkung: Ob Sie Lack gesoffen haben, habe ich gefragt’«

»‘Lack gesoffen’? Wer tut den so etwas?«

»Ihre angesprochenen Leute. Die vor Ihrem Rednerpult.«

»Die sollen Lack saufen?«

»Das ist Rhetorik!«

»Lack trinken, das könnt ich noch verstehen. Also so ein Mal, so aus Irrtum. Aber Lack saufen, so regelmäßig in Übermaß? Das schlägt doch auf den Magen, oder etwa nicht?«

»Man, hey, das ist Rhe-to-rik! Das ist doch nicht wörtlich zu verstehen!«

»Nein?«

»Nei-en! Das ist lediglich eine kalkulierte Verbalinjurie!«

»Aber warum soll ich denn so eine Beleidigung aussprechen?«

»Weil, politisch Korrektes können Sie ruhig anderen Volltrotteln überlassen. Sie aber müssen mitreißen, bewegen, aufwühlen, Widerspruch erzeugen, kontrovers sein.«

»Und für so etwas nehme ich dann an, dass die anderen Lack saufen?«

»Mann, oh Mann.«

»Ich kannte da mal ein Elternpaar, die hatten einen Sohn, der hatte mal Lack getrunken. Sie hatten es nicht verhindert. Weil sich dessen Widerstandskraft und Immunsystem auf Umweltgifte einstellen sollte, meinten sie. Danach hatten die den Lackhersteller verklagt, weil dessen Warnung auf der Dose für Kinder nicht deutlich genug lesbar gewesen sein sollte. Und den Hersteller der Gegenmedizin.«

»Darum geht es nicht, ob Sie irgendein, so ein Vollhorst-Elternpaar kennen …«

»Lehrerin für Deutsch und Religion und er Ingenieur. Beide Akademiker. Sie prozessierten bis zur letzten Instanz.«

»Mir doch egal. Ihre Geschichte interessiert keine Sau. Was zählt, ist die Rede. Es geht darum, was Sie mit Ihrer Rede bewirken. Und wenn nachher alle Lack saufen sollten, okay, nicht Ihr Problem, okay, das kann Ihnen doch letztendlich egal sein.«

»Ja aber ….«

»In Ihrer Rede kann es nur um das eine gehen: wenn der Prophet nicht zum Berg kommt, kommt der Berg zum Propheten. Darum kreist Ihre Rede. Ihre Rede muss einschlagen, wie ein Berg bei den Propheten. Also nochmal das Ganze!«

»Und an dieser Stelle, meine sehr verehrten Herren und Damen hier im Saale, habe ich nur eine wichtige Anmerkung, die mir mein Redenschreiber vermittelte: Lack reißt mit, Lack bewegt, Lack wühlt auf und erzeugt Widerspruch. Seien sie kontrovers, kaufen Sie Lack. Das schlägt ein!«

»Saufen! Nicht ‚kaufen‘, Dämlack!«

»Äh, saufen. Also nicht kaufen, Sie Dämlacke!«

»…«

»Besser?«

Chiffrierte Drohung eines Kriminellen am Nikolaustag

Prolog:

Adventskalender, Adventskalender, was schaust du so traurig rein?

Adventskalender, Adventskalender, durfte ich nicht bei dir rein?

1. Dezember: Schokorute

Zielorientiert schlug ich des Nachts im Dunkeln dein erstes Türchen ein,

War’s nicht so, wie du es dachtest, hätt’s nicht Mitternacht sollen sein?

2. Dezember:  Schokoschwert

Dein zweites Türchen im Dunkeln ich ebenfalls energisch hab aufgemacht,

Du warst ob meiner nächtlichen Penetration nur ein wenig mehr aufgebracht.

3. Dezember: Schokoriemen

Dein drittes Türchen im Halbdunkeln mit einer Linken ich hab aufgeschlagen

Sag mir, was wagst du, ob fehlendes Lichts so dreist auch noch dich zu beklagen?

4. Dezember: Schokobolzen

Durch dein viertes Türchen dessen Öffnung ich mir kompromisslos organisierte,

Verstehst du nicht, dass der vollendete Einlass ob meiner Verwegenheit mich zierte?

5. Dezember: Schokobärchen mit Zauberstab

Hinter des Türchens Nummer Fünf, bewusst geplant war’s von mir am helllicht Tag,

Denn bei Tageslicht ist’s einfach lecker, cooler, sinnlicher, wie ich es nun mal so mag,

Wollt ich sehn das jed Herz höher schlagen Lassende, das schokobraune Bärchen,

Ein besser Fest wär’s mir gewesen, gewesen wär’s eingecremt und ohne Härchen.

6. Dezember: Nikolaus und Knecht Ruprecht

Am nächsten Tag des Mittags, mich ehrlich total voll freute des sechsten Mals mit vollstem Recht,

Hinterm Türchen lauernd warst du, Adventskalender, zitternd, mit Nikolaus und Knecht Ruprecht.

»Knecht Ruprecht«, riefst du, »alter Gesell´,

Heb deine Beine und spute dich schnell!

Für miese Säcke wie ihm hier, diesem gefährlich Männe,

Der maximal nur so denkt mit dessen Schwanzes Länge,

Triff ihn mit deiner schweren Rute in sein Gemächt,

Mit voller Kraft, bitte, ich will nur eines sein: gerächt!

Nikolaus, deck mich!

Ruprecht streck dich!

Den Stahlknüppel drauf, auf diesen Sack!«

Dunkel wurd’s mir danach in meinem Frack.

7. Dezember: Schokopampe

Durch die vergittert Türe reingeschoben von Knecht Ruprecht Nummer Zwei

Erhielt ich einen Essensnapf, irgendwas ehrloses, offensichtlich Zwieback-Brei.

Im Folgenden: Schokolos

Derweil eine Lehre sich mir brannte ein in mein Hirn,

Gravierte sich mit Denkerfurchen hinter meine Stirn

Dass vorm Türchen-Öffnen abzuchecken es unheimlich wichtig nun mal ist,

Mit welch Knecht Ruprecht so ein ehrloser Adventskalender verbandelt ist.

Paar Tage später:

Nikolaus Nummer Zwei, ungefragt es wagte, zu sprechen mir ins Gesicht,

Mit mega faltig Munde er sprühte seine elend Galle wie voll giftig Gischt,

Mich zutextete mit Fehlurteil, dann treffsafe ich verächtlich bespuckt ihn hab deswegen.

Erneut in einer Zelle dann, drei Stunden Respekt-Einnorden ich musste lehren Zell-Kollegen,

Bis ich den Dulli hatte voll geschwächt,

Brav krault er mir jetzt mein Gemächt.

Wichtig ist’s, all Knastis um mich rum wissen, wo ich stehe,

In der Rangfolge eben immer oben, ansonsten … wehe, wehe!

Ein Jahr später

Ein Jahr in Zelle Sieben, als Pedant, mein Zellentürchen stets im Blick,

Für danach nun alles safe geplant, nicht bloß bis zum nächsten Fick

An meinem Freedom-Day in fünf Jahren, ich werd’ durchschreiten dies Türchen mit Gitter,

Bin ich dann raus, ich sag’s dir nur einmal, Adventskalender, du, für dich wird’s bitter!

Epilog:

Eine etwaige Ähnlichkeit mit lebenden, toten oder anderen Affen unserer Gesellschaft wäre rein zufällig, allerdings wäre es leider auch unvermeidlich.

Das Wort des Jahres für eine Sekunde

»Und dann, sie mit mir im Dunkeln am Strand, dann sie zu mir so, mit einem Tränchen im Auge: “Du Hengst!”«

»Hat sie nicht gesagt.«

»Doch hat sie. Ich schwör!«

»Nee, sagte sie nicht. Sie meinte, du hängst.«

»Sag ich doch.«

»Sie meinte, du hängst. Du mit deinen Piercings. Hängen kommt von hängen. Hängen wie aufhängen, abhängen, weghängen, durchhängen, mit-hängen und so. Hast dich in ihr verhängt?«

»Also doch Hengst.«

»Nicht Hengst. Hängst. Hängst mit “ä”.«

»Nein.«

»Doch.«

»Oh. Woher weißt du das?«

»Grundschulabschluss. Vierte Klasse. Nach Diktat erfolgreich bestanden. Das Diktat war lächerlich. Echt. Zum Wiehern.«

»Du Hengst, du.«

Männer hart wie Hufeisen, die den Sonnenuntergang suchen

Im Jahre 1985 wanderte Detective Captain John Book mit einer kleinen Gruppe seiner Santa-Baum-Gemeinde von Kalifornien mit einem Einbaum nach Europa aus.

Die Meisten des gemischt-geschlechtlichen Einbaums kamen aus dem Raum um den Ort “Peter Total Weir” bei Pennsylvania. Jene Amish-Leute, wie sie auch heute noch genannt werden, leben wie vor Jahrhunderten. Sie wenden sich nach wie vor gegen den technischen Fortschritt wie Dieselmotorensoftware, Alexa, Siri, Hey Google und andere Angebote der modernen Welt. Sie benutzen Pferdefuhrwerke, aber nicht Holzvergaser und trotz Sonnenwind-Mühlen verzichten sie dafür auf Elektrizität, lebten somit ohne Telefon, BILD-TV, Springer-Verlag und anderer dieser populären Mainstream-Medien. Vorwiegend betreiben sie Farn- und Farmwirtschaft. In ihrem Glauben lebend verweigerten sie als Pazifisten den Kriegsdienst. Ihre Gewaltlosigkeit geht sogar soweit, dass sie sich selbst, wenn sie angegriffen werden, nicht zu Wehr setzen.

Einige von ihnen vertrauten in Gott. Sie vertrauten dermaßen in diesem Über-Begriff, dass sie eben einen zusätzlichen Emigrationsschritt ein weiteres Jahr später von Florida mit der Fähre nach Genua unternahmen und als Bio-Baumheilige darauf wie weiland Attila Hiltmann, der vegane Alpen-Ötzi-Überquerer, erschöpft die Gegend um München herum besiedelten. Sie nannten den Stadtteil “Stadt der jungen Gesendeten”, der jünglich Gesendeten, der Sendlinger, und waren somit den Archäologen weit voraus, die meinten Sendlinger wären von gestern. Was nicht stimmt, denn Sendlinger sind nachgewiesenermaßen von vorgestern. Als Gesendete taugten sie immerhin noch als Bauernvolk für das Blutweihnachtsmassaker, während deren Obrigkeit dabei in Brüssel bei Champagner und Knabbereien verweilte und über die Faktenlage entschied. Im 1900 Jahrhundert, als es noch kein WhatsApp gab, aber Tinder in den Adels-und Kirchenkreisen schon fuckable war.

John Book ist somit der letzte Überlebende für Gerechtigkeit und Gnadenlosigkeit unter Amish-Leuten. Aber wen interessiert so etwas noch? Wen interessiert so etwas überhaupt noch, während bei er Dieter-Hildebrandt-Schule eine neue Turnhalle vor meinem Fenster erschaffen wird. Der Acker dazu ist als archäologisch neutral deklariert worden.

Von Westen erleuchtet in den Schluchten der Schule die Sonne das Baugebiet. Die untergehende Sonne wirft rötliche Strahlen ins Baugebiet. Ein Kran ragt in der Höhe. Unterhalb der Kabine drohen vier Scheinwerfer der Dunkelheit derer Nacht zum Tage werden zu lassen. Und das bedeute immer ab sechs Uhr dreißig.

Es ist Wochenende. Kein Scheinwerfer glüht. Die Baustelle ruht im Dornröschenschlaf. Die Bauarbeiter aus Osteuropa sind noch nicht eingetroffen. Deren Wohndorf aus gestapelten Containern steht bereit. Arbeitsbeginn ist noch etwas entfernt.

Der erste Advent ist am Vorübergehen. Die Sonne geht unter. Der klassische Sonnenuntergang. Viel Kitsch, viel rot. Ein richtiger männlicher Sonnenuntergang. Die dritte Schachpartie zwischen Magnus Carlsen und Jan Nepomnjaschtschi blieb heute ohne Prickel-Effekt. Obwohl Nepomnjaschtschi eine halbe Stunde über einen Zug nachdachte. Ein Spiel, zwei harte Kerle, drittes Remis, erste Langeweile.

Noch brennt das erste Licht auf meinem virtuellen Adventkranz meines Monitors. Draußen ist es dunkel. Und diese wirkt auf mich ein. Ich kämpfe gegen meine Müdigkeit an. Gegen meine Ich-will-nicht-ins-Bett-Attitüde.

Meine Corona-App zeigt mir eine Begegnung mit niedrigem Risiko am letzten Montag, am 22-November. Alles grün. Am 22ten war ich nur in der Firma und dann zu Hause. In den letzten 14 Tagen mussten inzwischen schon einige mener Firma in Quarantäne. Ungeimpfte. Mit leichten bis schweren Symptomen. Und jetzt vierzehn Tage ohne Einkommen zu deren Auskommen.

Für Ungeimpfte wird es immer enger. Ich hoffe, wir Geimpfte verlassen sie nicht, auch wenn jene uns bereits als schuldig Verstoßene klassifiziert haben mögen.

Täter-Opfer-Umkehr in deren Sinne. Mainstreamangehörige. Jene, welche blind BILD und Co verfolgen, und somit deren Absolution haben. Die Springer-AG-Jünger. Jene werden sich nie als Mainstreamangehörige einordnen, weil die Springer-AG bereitwillig die Querdenker unterstützt und folglich somit nicht ARD/ZDF/FAZ/WAZ/SZ/etc, welche der Springer-Verlag auch nicht von der Polemik der „Lügenpresse“ in Schutz nehmen wird, weul sie ein Blatt der Opportunisten für Opportunisten des Populismus meiner Meinung nach ist. Weil eben jene anderen immer verwerfkicherweis pro Regierung sind und somit per Springee-Definitionem volxfern, wie es halt die BILD-Nation wohlwollend schweigend nickend goutiert. Meine Meinung.

Egal.

Gut. Okay. Ich habe keinen Bock mich über Ungeimpfte auszulassen.

Warum habe ich trotzdem noch diesen Eintrag verfasst?

Keine Ahnung.

Dubai-Schach!

Dubai-Matt!

Happiness is a warm gun.

But only in Saudi-Arabia, Mr. Khashogi.