Ars gratia artis, oder: ein Münchner Nachmittag

Ein Aperol, ein Königreich für einen Aperol! Ein Königreich von hier bis zur eingehaltenen eins fuffzig Abstandregel.

Und über allem die Sonne. Die Sonne des Südens. Blauer Himmel. Eiswürfel im durchsichtigen Plastikbecher. Gedeckelt, in der Mitte führt ein Strohhalm durch eine Öffnung zum Aperol.

Ein Strohhalm. Nicht etwa aus Stroh, sondern einer aus Plastik. Aus wahrhaftigem Plastik. Keiner von diesen ökologisch wertvollen Trinkhalmen, die es jetzt überall zum Cocktail dazu gibt. Jener neuen aus Bambus mittels Kunststoffkleber konstruierten Trinkhalmen. Sondern einer aus purem echten PE, Polyethylen. Wenn man sie anzündet, riechen sie nach Wachs, so wie es sich gehört.

Und jetzt herausragend aus einem Aperol bei einem Cocktails-to-go. Bei jenen Cocktails, mit denen die geschlossene Innengastronomie außen wirbt. Cocktails-to-go.

Cava?, hatte er gefragt.

Cava, hatte die Frau am Tisch vor dem Restaurant lächelnd geantwortet. Das Lächeln war die Offenbarung pur. Nur solch ein Lächeln sagte die Wahrhaftigkeit.

Cava. Aperol mit Cava. Und Spritz? Ja, natürlich mit Spritz. Aus feinstem Alpenwasser. Garantiert. Und nicht jenes 15,8° dH des Sendlinger Viertels. Sondern ehrliches Alpenwasser.

Gut. München hat das beste Trinkwasser aus dem Wasserhahn, unbestreitbar den besten Kraneburger Deutschland-weit. Aber ein Aperol mit 15,8° dH, das ist wie eine Espresso-Maschine mit einem Sieb, welches keine Abstimmung zwischen Lochgröße, Druck und Temperatur hat. Ein Touristenfang. Espresso für Arme.

Ein Aperol benötigt mindestens 21,2° dH. Nicht jene 15,8° dH. Jeder wahrhafte Italiener schwört auf den maßgeblichen Geschmack 21,2° dH. Selbst ein Espresso mit dieser Wasserhärte wird vom Genussmittel zum wahrhaften Erlebnis für jeden Feinschmeckergaumen. Mehr Sinnlichkeit ist kaum darstellbar. Ein Erlebnis wie ein Orgasmus für die Sinne.

Wer Norditaliens handverlesene In-Gastronomen kennt, der weiß um deren Aperol-Geheimnis. Jene schöpfen das passende Wasser aus einer speziellen, geheim gehaltenen Alpenregion, unweit des Dreiländerecks Schweiz, Lichtensteins und Österreichs. Also dort, wo unwissende Deutsche meinen, sie hätten das Paradies entdeckt, genau dort schöpfen die Eingeweihten das Wasser und importieren es unter Umgehung der zollrechtlichen Abfertigung im gefrorenen Zustand an die Tische der wohlig entspannten Toskana. Und gegen Bares im Umschlag auch in der nördlichsten Stadt mit italienischen Flair …

… nein, nicht jene Donau-gespaltene Stadt von Johann Adam Weishaupt, dem Gründer der Erleuchteten, jener Illuminaten, die von Aperol nicht den blassesten Hauch eines gesunden Wissens hatten, haben oder jemals haben werden …

… auch in der nördlichsten Stadt mit italienischen Flair war dieses orphische Know-How vorhanden. Und nur die Crème de la Crème der Hinzugehörigen wusste darum. Sie genoss es im Stillen zufrieden, während das Plebs angesichts rosa gefärbten Sekts bereits in Ektase und Urlaubsschwurblereien geriet. Selbst jene Weltstädte wie Berlin, Stuttgart, Köln, Hamburg und Münster waren hinter dem Wissen des Wissens her, aber liefen kontinuierlich ins Leere und imitierten Aperol-Rezepte für deren eigene Adepten.

Nun. Ganz extrem wurde diese Sehnsucht nach italienischem Flair in jener nördlichen italienischen Exklave unter weiß-blauen Himmelsdach im Februar 2020. Da war es besonders schlimm. Schlimmer noch als das berühmt berüchtigte Stangenfieber in deren Englischem Garten.

Nachforschungen der “Aperol-Società per la verità e la saggezza” musste resignierend konstatieren, dass es kein Restaurant in München mehr gab, welches Aperol auf deren Karten nicht anbot. Schlimmer noch, die ersten Döner-Buden boten sogar veganen Aperol zum Knofi-Zaziki-Falafel-Menü im Knusper-Weissbrotbrötchen an. Dubios anmutende mexikanische Burrito-Food- Anbieter folgten. Als dann sogar ein stadtbekannter Weißwurst-Verwurstler seine biologisch-dynamisch hergestellten Weißwürste mit vegetarischen Aperol aus kontrolliert veganen Raubbau mit naturidentischem Bayer-Düngemittel zu angeblich niedrigen Discount-Preisen auf bekanntem Hartz4-Niveau anbot, da war Gefahr im Verzug. Wenn schon die Schickeria ihren Porsche-Gourmet-Sinn gegen einen Daimler-Smart umtauscht, dann muss etwas faul sein. Mitlaufen ohne Denken kann nicht gut sein, auch nicht für eine gute Sache.

Es musste etwas getan werden. Die Weishaupt-Nachfolgeorganisation konnte nicht eingreifen. Sie war in einem staatlich angezetteltem Rechtsverfahren über Auspuffe verhaftet und musste deren Rechtsvertreter von USA über Stuttgart, München bis Wolfsburg voll beschäftigen.

In diesen Stunden der höchsten Not traf ein Abgesandter der Società auf einen Amerikaner in Schottland, der gerade versuchte, einen kleinen, weißen Golfball in ein etwas größeres, schwarzes Loch einzuputten. Anfangs war jener Amerikaner not amused, aber dann wurde der Pakt geschlossen. Auf Ruhm und Ehre. Klandestiner Ruhm und und noch mehr klandestine Ehre. Lunga vita alla patria plus München leuchtet und dazu noch America first. Nur so gelang der Società im Einklang mit der Schutzmacht Europas für amerikanische Produkte und Ideen, der unkontrollierten Ausbreitung einer Aperol-Mentalität auf unterstem Niveau zu verhindern. Ein voller Erfolg. Auf den Restaurantkarten gab es zwar noch Einträge, aber niemand konnte mehr diese bestellen.

Er sog an seinem Trinkhalm. Er spürte das Prickeln des Aperol Spitz. Die pure Erfrischung. Die Blicke der Vorbeigehenden registrierte er. Es waren neidvolle Blicke. Eindeutig. Neid musste man sich erarbeiten, Respekt gab es dann als Kleinod hinzu.

Er genoss diesen Moment der Unbeschwertheit. Die belebende Wirkung des Cavas, die 21,2° dH, die Bitternis des Zusatzstoffes, das Prickeln des Sodas. Alles war eins. Alles um ihn herum umgab ihn in wohligem Sein.

Die Sonne schien und wärmte den Frühling. Die Passanten, die ihn passierten, gaben ihn das Gefühl der Exklusivität. Ihre Blicke waren  neidvoll und bewundernd. Er fühlte sich als  Ausgewählter, als Kenner der Wahrheit, als Begünstigter seines Wissens. Und alle um ihn herum wussten nicht, was sie verpassten. Sie wussten nicht, was sie mit deren gewöhnlich trainierten Gaumen nie erfahren könnten. Würden sie wissen, wo man den Aperol bekommen könnte und wie er wirklich schmeckte, sie würden es selber erfahren können, wie erhaben er sich fühlte.

Die Sonne schien. Er fühlte sich wohl. Er schwebte. Wie ein Auserwählter. Einer der wahrlich Erleuchteten in der Masse jener, die nur einen Sonntag vor dem nächsten rigiden Lock-Down für deren niederen Intentionen nutzen wollten.

Die Sonne schien. Rot versank sie hinter dem Kirchturm Sendlings.

Er sog noch einmal am Trinkhalm. Ein Genuss mit 21,2° dH. Sowas gibt es nicht alle Tage, nördlich Italiens. Das kann nicht jeder haben. Das muss seitens jedem neidlos anerkannt werden.

Leer. Ein schwungvoller Wurf und der Becher landete im Mülleimer an der Ampel im Schatten des Kirchturms.

Über Hunde, die bellen, …

»Dritte Kasse, bitte!« Ich liebe diesen Moment. Meine Stimme allein im Verkaufsraum. Mit Recht gegen Bequemlichkeit und Kundenfeindlichkeit in einem Drogerie-Markt. Danach nur noch betretene Stille abseits den Verkaufsregalen.

»Dritte Kasse, bitte!« Prinzipiell werden Wünsche immer nur erfüllt, wenn der Nachdruck stimmt. Auf den Nachdruck kommt es an.

»Nu schreien Sie mal nicht so rum, junger Mann«, fiept eine Stimme zu mir rauf. Die alte Seniorin, Typ Hackenporsche-Schlepperin mit internalisierten 5-Promille-PS-DöSchwo-Motor, vor mir hat sich umgedreht und schaut mich jetzt entrüstet an.

»Ich schrei nicht. Ich will nur mein Recht auf schnelles Kassieren. Ich will nicht hier meinen Lebensabend verbringen«, ich tippe dabei auf meine Sportuhr und packe dem noch etwas nachdrücklich einen drauf: »Dritte Kasse, bitte!«

»Ja, is ja gut. Man hat dich gehört, Mann.« Ein junger Hipster in der anderen Schlange schaut mich vorwurfsvoll an. Mit seinen kleinen Finger rührt er in seinem rechten Ohr, als ob er gerade so etwas wie ein Knalltrauma erlebt hätte und sich den Rest vom Knall aus seinen Gehörgängen pömpeln wolle.

»Ja, nee, klar. Die Jugend mal wieder. Wie ihr über unsere restliche Lebenszeit mal wieder verfügen wollt, echt jetzt, das ist doch die reinste Arroganz.«

»Ey, Boomer, ist mir doch egal, ob du hier beim Warten krepierst, Hauptsache du kannst dann nicht mehr so rumtröten. Sei mal cool, Alter!«

»Ach ja? Am Wochenende sich mit R&B die Ohren voll knallen, aber hier auf Sensibelchen machen? Super. Tolle Zukunft. Dritte Kasse, bitte!«

»Wir haben es gehört«, tönt es enerviert von einer der Kassen.

»Ach ja? Und hat das Hören geholfen? Dritte Kasse, bitte!« Zeit für Kundenunfreundlichkeit statt mal etwas für den Kunden zu tun. Service-Wüste Deutschland.

Eine Hand legt sich leicht auf meinen Oberarm: »Ich muss Sie bitte, ein wenig leiser zu sein.« Eine Frau im Business-Outfit dreht mich zu ihr hin. »Wir haben Sie gehört, das hat meine Kollegin doch bereits gesagt. Es ist völlig unnötig, immer wieder das Gleiche zu fordern. Wir sind um unsere Kunden bemüht und …«

»Haben Sie mich angefasst?« Ihre Hand ergreifen, sie ruckartig von meinem Oberarm zu nehmen und weg zu stoßen waren mir ein wohltuender Reflex. »Haben Sie mich etwa angefasst? Sie sollten das unterlassen. Das ist eine Tätlichkeit, sie wissen das, nicht wahr.«

»Und Sie wissen, dass ich die Marktleiterin bin und hier das Hausrecht habe? Das sollten Sie sich merken. Wenn Sie sich nicht ruhig verhalten, sehe ich mich gezwungen, Ihnen Hausverbot zu erteilen.«

»Ach ja? Nur weil Sie uns Kunden mies behandeln wollen und keine dritte Kasse aufmachen wollen? Gewinnmaximierung durch Beschäftigungsminimierung, oder was?«

»Die dritte Kasse wird gleich geöffnet.«

»Und?«

»Und was?«

»Und deswegen müssen Sie gewalttätig werden und mich anfassen? Nur weil Sie sich weigern, eine dritte Kasse zu öffnen?«

»Ich war nicht gewalttätig. Das kann hier jeder erklären. Und ich hatte Ihnen doch bereits gesagt, dass eine dritte Kasse geöffnet wird. Und … «

»Absichtserklärungen, Absichtserklärungen, immer nur Absichtserklärungen! Worte sind schön, nur Hühner legen Eier. Statt Kunden auf solch mieser Weise zu behandeln. Kundenfreundlichkeit geht anders …«

Die Schlange bewegt sich. Die dritte Kasse war geöffnet worden. Die zwei Schlangen erweiterten sich um eine weitere, indem die Wartenden sich schnell an der neuen Kasse einreihten. Durch jene Marktleiterin war ich zu sehr abgelenkt, so dass mir nur wieder einer der letzten Plätze in einer der drei Schlangen blieb.

»Verhalten Sie sich ruhig, bitte. Sie hätten sich Ihr Hausverbot eigentlich redlich verdient gehabt. Ich lass aber noch einmal Gnade vor Recht ergehen. Verhalten Sie sich also ruhig«.

Die Marktleiterin dreht sich weg und verschwindet zwischen zwei Regalen inmitten von Pillen, Tampons, Gummis fürs Haar und achtlagigem Tissue-Klopapier aus grauen Recyclingpapier der Marke »Extra rau«.

Drei Schlangen verharren vor mir und ich starre die Schlangen an. Kaum Bewegung. Der Blick auf meiner Uhr ergibt, dass ich bereits knappe fünf Minuten in diesem Laden verweile, vier allein davon mit drei Deos in beiden Händen an der Kasse.

Vor mir allein diese drei Schlangen. Endlose Schlangen. Jede mindestens aus drei Leute gebildet. Erstarrt wie Salzsäulen eines Kunst-Happenings. Als ob die ganze Welt unendliche Zeit im totalen Überfluss besitzen würde. Als ob jeder die Unendlichkeit gepachtet hätte.

Drei Augenblicke hat diese Szenerie noch verdient. Drei. Mehr nicht. Kriegen die Kassierenden es nicht hin, die Scanner korrekt zu bedienen? Oder sind die Geldstücke für jene zu klein zum Nachzählen? Oder die Bankkarten alle unleserlich? Oder sammeln die Sammelpunktekarten die Punkte zehntelweise? Wissen die dort eigentlich, was die zu tun haben? Wer hat die geschult?

Noch einen weiteren großzügigen Augenblick. Keine Änderungen. Die Schlangen verlängerte sich bereits um jeweils eine weitere Person. Merkt eigentlich niemand, dass an den Kassen Zeitdiebe sitzen? Elendige Zeitdiebe, die die Kunden dafür zusätzlich noch abkassieren? Eigentlich müssten die Kunden für deren Warten bezahlt werden, für deren Geduld, für deren schweigendes Ertragen, für deren Murrenlosigkeit.

Ganz klar. Putative Notlagen hin oder her, so etwas erfordert deutliche und klare Ansagen. In meine Lungenflügel pumpt sich Luft, mein Brustkorb hebt sich, ich drücke den Rücken durch und lasse es vibrierend gen Decke ertönen:

»Vierte Kasse! Bitte!«

Wartebankgeschichte: For we can fly, we can fly up, up and away …

Jetzt sitz ich hier schon seit knapp zehn Minuten und warte auf den Abflug. Die lassen sich heute aber mächtig Zeit, nicht wahr.

Yep. Die haben die Ruhe weg.

Ich bin schon über 60, da hab‘ ich nicht mehr so viel davon übrig, da könnten die ruhig mal ein wenig hinne machen, nicht wahr.

Na, so schnell werden Sie doch wohl nicht sterben, hier am Gate. Zumindest gleich doch nicht.

Weiß man‘s?

Nö.

Na also. Mich nervt es regelmäßig, wenn jemand von diesen jungen Hüpfern sagt, machen Sie ruhig, lassen Sie sich Zeit, nur Geduld, und so. Haben die überhaupt ne Ahnung, worüber die reden?!

Ach, für solche ist alle Zeit ewig.

Dorian Grays der Neuzeit. So verschwenderisch, wie die mit der Lebenszeit anderer Mitmenschen umgehen, das ist ja nicht mehr normal. Das grenzt an vorsätzlicher Nötigung!

Hm. Oder an nötigenden Vorsatz.

Vorhin in der Lounge, … also, ich mein das, das, was vorher sich mal sich Lounge schimpfte …

Senator-Lounge?

Hon-Circle!

Nicht schlecht. War ich auch mal. Aber jetzt bin ich Platin-Card-Member. Dort werden Sie so richtig wertgeschätzt. So richtig in einem Special-Platin-Room. For Members only. Ich hab sogar den Pan-AM-Kugelschreiber in Gold. Eine Rarität als Special Gift for Special-Platin-Members.

Echt? Ich benötige noch vier Flüge, dann erhalte ich auch die Platin-Card. Vier Flüge noch.

Tja, dann werde ich Ihnen persönlich die Hand geben. Jetzt aber nur den Ellenbogengruß. Sie kommen gerade aus der Hon-Circle-Lounge?

Naja, was sich vorher so Lounge schimpfte. Was ich noch dazu erzählen wollte: also, da meinte doch diese Thai, das Service-Mädl in ihrem kackbraunen Lounge-Kostüm, ich solle doch meine Tasse wegräumen. Meinte die. Einfach so. Zu mir.

Ernsthaft? Hat die wirklich gemeint, Tassen als Gast jetzt selber wegzuräumen, wäre okay?

Ja. Echt jetzt. Hey, bin ich etwa Lounge-Jobber?

Das hätte die mal zu mir im Special-Platin-Room sagen sollen, die wäre gefeuert worden. Direkt. Von jetzt auf gleich. Nur schneller. Hat die denn wenigstens noch gelächelt? So als Thai, meine ich?

Ein wenig. Ich hab‘ der Thai gesagt: Mai Ling, habe ich gesagt, Mai Ling, das heißt nicht nur „Bitte“, sondern „Bitte, bitte“, so viel Zeit muss sein, nicht wahr. Und außerdem, habe ich ihr noch gesagt, und außerdem, Mai Ling, dafür wirste doch bezahlt dafür, Mai Ling, nicht wahr, fürs Wegräumen und Putzen, nicht wahr. Oder ist hier auch Servicewüste Deutschland, hab ich gefragt.

Und was meinte sie dazu?

Die wurde doch glatt pampig! Wegen Hygiene-Maßnahmen und Corona und so, meinte die, da soll jetzt jeder Passagier seine eigenen Sachen selber wegräumen.

Nicht wirklich jetzt, oder?

Und außerdem hieße sie nicht „Mai Ling“ sondern „Frau Sibenjürgen“, das stehe doch auf ihrem Namensschild. Ob ich nicht lesen könne, und ich solle sie gefälligst auch so ansprechen.

Typisch. Lounge-Besucher als Analphabeten zu bezeichnen, geht dreimal gar nicht.

Und wegen der Bezahlung, polterte sie noch, wegen der Bezahlung würde sie nicht arbeiten, weil, das wäre ein Hungerlohn. Allein die zusätzlichen Dinge wie vergünstigte Flugangebote und die Trinkgelder würden den Lohn aufwerten.

Echt? So etwas nehmen die sich inzwischen raus? Wirklich dreist! Der Hon-Circle scheint ja inzwischen recht runtergekommen zu sein. Günstig „Urlaub-machen“ wollen, aber dann noch Passagieren deren Geld aus der Tasche schnorren. Unglaublich.

Nicht wahr? Ich versuche schon meine vier Flüge vor zu verlegen. Diese Zustände im Hon-Circle sind unzumutbar. Ich habe zu ihr gesagt: Mai Ling, habe ich zu ihr gesagt, erstens habe ich den Pflicht-Negativ-CoVid-Test der Fluggesellschaft als Lizenz zum Fliegen, habe also kein Corona, und ob sie mir überhaupt einen aktuellen Negativ-Test von sich zeigen könnte, und zwar von heute?

Yep, ich wette, die testen sich erst gar nicht.

Und zweitens, es wäre mir egal, ob sie „Ziegenwürgen“ oder sonst wie hieße, sie solle mal gefälligst honorieren, dass ich überhaupt mit ihr spreche oder dass sie überhaupt den Job in der Lounge erhalten habe.

Es gibt genug Arbeitslose, die sich nach ihrem Job die zehn Finger lecken würden.

Von mir würde sie jetzt kein Trinkgeld erhalten. Dafür erwarte ich besseres Benehmen. Schlechte Kinderstube erfährt von mir keine Wertschätzung. Ihre Mutter solle sich mal für sie schämen.

Haben Sie sich wenigstens über sie beschwert?

Nein, keine Zeit. Musste zum Gate hier, wegen dem Abflug. Nur um dann zu erfahren, dass der Flug Verspätung hat. Im Hon-Circle sagt ja einem keiner was. Und Sie?

Hm. Ich wollte mal ein wenig die reale Welt am Gate kennen lernen. Weil immer nur Special-Platin-Room ist ein wenig zu abgeschottet. Wie in einem schönen Ballon mit Baldachin in der Dämmerung. Trotz den Cocktails und der Schmankerl. Man muss auch offen bleiben für die Welt, Sie verstehen?

Absolut. Immer nur Lounge, immer nur diese Begriffsstutzigen dort, die ihren Job nicht richtig verstehen wollen, das ist nicht wirklich die Realität dieser Welt. Da muss man mal raus, aus dieser Komfortzone, diesem Hon-Circle-Kokon und das Echte genießen, nicht wahr.

Wohin geht’s?

Athen. Verhandlungen. Hoffentlich streiken nicht wieder irgendwelche Piloten. Ich will pünktlich ankommen.

Corona, Piloten, Saftschubsen, Bodenpersonal, Streik. Etwas ist immer. Und dann versagt auch noch vielleicht irgendwo in einem Flugzeug irgendeine Board-Software und dann werden wieder Flüge gestrichen, weil die Fluggesellschaften nicht genug Fliegmaterial haben …

Ja. Leicht hat es nicht in diesen Tagen.

Das Leben wird immer härter. Meine Frau hat neulich die Scheidung eingereicht.

Mein Beileid.

Ach, nicht wirklich tragisch. Sie ist mit einem dieser Millennials der Generation Y liiert.

Generation Yps?

Nein, Generation Y. Also nicht wegen dem damaligen Comic-Heft, sondern das Wort wird englisch ausgesprochen: Why. Weil die jener Generation halt immer so viel fragen.

So einen hat sie sich an Land gezogen?

Yep, Baujahr der 80er/90er. Die stehen ja auf Milfs. Hatte den bereits ein halbes Jahr zuvor zufällig ohne ihr Wissen entdeckt. Nun ja. Aber jetzt, jetzt kann ich endlich mit meiner Freundin ganz offiziell auf Empfänge und in die Clubs oder so.

Clubleben und Empfänge? Ist das alles durch den Lockdown nicht weggebrochen?

Aber sicher gibt’s das noch. Im Platin-Member-Circle haben wir für so etwas eine Anlaufstelle, eine Adresse im Darknet. Da tauschen wir immer unsere aktuellsten Termine für so etwas aus. Wir haben das, wo von andere momentan nur träumen: Spass.

Wie letztens an Silvester in der Bretagne?

Musste ich leider absagen, wegen meiner Scheidungssache. Ich mein, sein wir doch mal ehrlich, keiner will diesen Lockdown, auch wenn er nötig ist. Niemand hier will ihn wirklich. Der Mensch ist ein Gesellschaftstier. Und wenn man, wie ich, auf die 70 zugeht, dann freut man sich über jede bessere Gesellschaft, die man noch bekommen kann.

Keine Angst vor CoVid-Ansteckung?

Iwo. Ich bin der Älteste in unserem Kreis.

Das ist gut, denn die jungen Hüpfer haben weniger Covid-Probleme als Boomer, nicht wahr.

Richtig. In unserem Kreis sind alle in etwa so alt wie meine Freundin, so U45. Also keine dieser alten, grauhaarigen, weißen Männer.

Das ist schön.

Wir sind alle ganz normal, haben auch paar Diverse und auch Colour of People im Kreis. Die Freundin meiner Freundin ist beispielsweise eine junge Brasilianerin aus Sansibar. Ihre Mutter war Deutsche.

Beneidenswert. Meine Frau hätte da was dagegen. Die ist eifersüchtig wie Hölle. Einmal falsch geblickt, schon habe ich ein schlechtes Wochenende. Da sind die Zustände in der Lounge im Vergleich dazu fast schon wieder paradiesisch zu nennen, nicht wahr. Sie kennen sich ja recht gut in Sachen Generationen aus.

Naja, in meiner Branche und im Leben haben Kenntnisse noch nie geschadet. Wussten Sie, dass die meisten Corona-Verschwörungstheoretiker aus der Generation X kommen? Direkt noch vor den Baby-Boomern. Generation X ist die Nachfolgegeneration der Boomer und hat den Ruf, immer vordergründig unabhängig von den Medien und deren Werbung sein zu wollen. “Nur tote Fische schwimmen mit dem Strom” war deren Slogan, damals in den 90ern.

Ich erinnere mich. Nein, ich erinnere mich nicht wirklich gerne an die.

Und auf der Generation X folgten die Millennials, die Generation Y, welche sich über den Streit zwischen Generation X und Boomer lustig machten, und gleichzeitig alles von denen hinterfragten. Eigentlich eine ganz vernünftige Generation, wenn Sie mich fragen. Weil die haben wenigstens noch das hedonistische Element mit einem gesunden Schuss Narzissmus in sich kultiviert.

Und die findet ihre Frau so toll, weil die auf Milfs stehen?

Scheidung, mein Bester, Scheidung hat immer was Gutes. Zum Beispiel ist jetzt der Euro wieder das Doppelte wert. Und der neue Platz im Haus für mich. Unbezahlbar. Habe mir letztens ein paar antike Amphoren aus der Türkei ins Haus gestellt.

Antike Amphoren aus der Türkei?

Original. Sorgfältig ausgegraben und vorsichtig gehändelt. 1a Handarbeit. 1a Antik.

Und? Selbst importiert?

Iwo. Darknet. Alles Darknet. Offiziell kriegt man sowas doch gar nicht. Einfach per Gepäck einführen, das gäbe nur Ärger mit den Behörden, obwohl es ansonsten hier doch jedem völlig egal ist. Außer dieser ‚jedem‘ kann es sich nicht leisten, dann ist das Geschrei groß. Dann kommt der Shit-Storm.

Ich sag nur Neidkultur.

Das können Sie aber mal laut sagen.

NEIDKULTUR!

Nu schreien Sie doch nicht so. Muss doch keiner wissen. Gibt nur Ärger.

Irgendwie ist das Gate recht verwaist.

Hm. Ob der Flug abgesagt wurde? Können Sie lesen was da steht?

Moment, ich muss meine Brille rausholen, ich seh nichts.

Und?

Verlegt zu Gate 12.

Gate 12? Am anderen Ende des Terminals?

Andere Möglichkeit gibt es nicht.

Doch.In drei Stunden geht von diesem Gate der nächste Flieger nach Athen. Lassen Sie uns umbuchen.

Umbuchen?

Ich lad sie in unseren Special-Platin-Room ein, weil Sie’s sind. Bis zum nächsten Flug können wir uns bei Cocktails und Snacks die Zeit vertreiben. Ich zeig Ihnen dann auch ein wenig vom Darknet. Besser als Parship und Tinder. Alle 10 Minuten treffen Sie im Darknet interessante Kontakte. Für jede Vorliebe. Zudem wird sicherlich noch die Bedienung Susanne anwesend sein.

Nettes Mädl?

Gute Kinderstube. Das wird entspannend. Kommen Sie schon, buchen Sie um. Nehmen Sie sich die Zeit, so schnell werden Sie doch wohl nicht sterben, als dass Sie dazu keine Zeit hätten. Fliegen können wir noch immer. Echte Geschäfte sind zeitlos. Selbst in Athen. Und? Wie wär’s? Ist das nicht ein faires Angebot? Die Welt ist ein schönerer Ort im Special-Platin-Room. Los! Auf, auf und weg von hier!

Reportage über einen außerordentlich ausgefallenen Karnevalsumzug

Liebe Närrinnen und Narren und Narrhalesen, sehr verehrte Faschingsmuffel und Faschingsmuffelinnen, liebe geneigte Mitleser*Innen.

Ich befinde mich hier gerade mitten in der Münchner Innenstadt.

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Heute feiert die “Narrhalla München Eeh Vau” ihren jährlichen Faschingsumzug. Dazu muss ich mal kurz allen Faschingsmuffel und Faschingsmuffelinnen, den andren Hiatakinda und Zuagroast*Innen erklären: Ja, es heißt hier nicht Karneval, noi, das heißt hier Fasching. Und ihr rheinisch- und preußischen-abstammenden Mitmenschen, euch sei gesagt, “Fastelovend” kenn ma hier net, nich woar. Und “Fasteleer” bezeichnet bei uns in Bayern maximal den Zustand eines fast in einem Zug ge-exten Bierfasserls, woll. Und für dieses “Mai san mia mia” wird Bayern ja auch so geliebt. Nicht nur in der Bundesliga.

Nachdem das jetzt mal geklärt ist und ich jetzt wahrscheinlich 98% der Fußballfans nicht mehr auf meiner Seite am Lesen habe, … ich steh hier auf dem berühmten Münchner Marienplatz, live und livehaftig, da wo der Bayern München demonstrativ den 1860iger Fans fast jedes Jahr mit der Meisterschale und anderem Fußballgold zuwinkt … und wieder 1% weniger Leser …

Es herrscht hier ausgelassene Stimmung bei diesem einmaligen Narrhalla-Umzug. Die Bundesregierung hat auf starkem Zuspruch von Söder und Bayrischer Co.KG – also der Bayrischen CSU-Ordnung mit derer KoalitionsGemeinschaft aus “Aiwanger undsoweiter-unbedeutend-zu-erwähnen” – den Marienplatz per Corona-Verordnung großzügig räumen lassen, damit keinem die Sicht auf das Faschingstreiben genommen wird. Das Publikum ist bereits – wie immer in München – geil, gamsig und hosad. Übersetzen werde ich das nicht, außer Sie schicken mir eine Kopie Ihres Persos oder Ihres Bayrische-Staatshinzugehörigkeit-Ausweis zu, damit Sie die Ü18-Verifikation bei mir bestehen.

Wie gesagt, es herrscht tollste Stimmung. In einer Ecke sieht man sogar zwei Faschingsgesellen, die sich als Straßenbettler verkleidet haben. Richtig real sehen die aus, mit Einkaufstüten als Hausstand zu deren Füß und trinken dort in aller Ruhe ihr Bier aus Flaschen. Ja – und auch das beherrscht der Münchner Fasching grandios – sie schunkeln! Corona-Regel-getreu schunkelt bei den beiden nur jeder zweite mit Abstand. Ja, so ist München. Immer einen Spaß auf der Kante und Bier überm Herzen, zum Gurgeln gegen böse Ansteckungsgefahren. Weitere wartende Zuschauer stehen auf dem Platz und haben lustige Schirmchen mitgebracht, was allerdings ein wenig die Aussicht auf deren phantasievoller Bekleidung erschwert. Das ist nicht so schön, aber was soll’s. Ist halt so. Jeder Jeck ist anders, gell. Hauptsache, Fasching is dahoam. Und dahoam is eh am gmiatlischsten und darum blaim ma ol dahoam und schaun uns an was auf uns zu kommt, woll.

Schaun mer mal, dann sehn mer scho.

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Und wie wir sehn, wir sehn erstmal nüscht. Aber das kann sich noch ändern. Im Fasching ist alles möglich. Da steppt der Bär schneller als Söder in Berlin ist, woll. Zumindest lässt der Bär auf sich warten. Er ist noch in Berlin bei den Preußn, habe ich mir sagen lassen.

Zumindest ist der Marienplatz noch tropfnass von der nächtlichen Putz- und Wischaktion “München muss sauber bleiben”, so dass wir locker vom Marienplatz bis zur nächsten Baustelle blicken können. Und das ohne Fön-Wetterlage. Und das ist doch auch schon mal was, oder.

Also warten wir geduldig.

Wir warten.

Und in der Zwischenzeit bis dass der Zug kommt, ein wenig Werbung für Ongomoier und seine neuen Faschingskostüme:

Ongomoiers Faschingskostüme repräsentieren wie nichts auf dieser Welt, das was den Münchner Fasching ausmacht: Ehrlichkeit, Durchblick und Wahrhaftigkeit. Ongomoiers Faschingskostüme sind das wahre Nichts. Sie sind sogar nachhaltig, biologisch einwandfrei ohne Schadstoffe, biologisch abbaubar, waschmaschinentauglich bei 95 Grad und können auf jeder Münchner Schaber-Nackt-Faschingsparty, in jedem Swinger-Club und an jedem FKK-Strand getragen werden. Sie tragen nicht auf, sie fallen überhaupt nicht auf. Selbst politisch sind sie auf bayrischer Linie, sie sind das sündigste Nichts seit Adam und Eva. Ongomoier Faschingskostüme sind so wunderbar wie unsichtbar. Man gönnt sich ja sonst nichts, nicht. Diese Werbung zur Faschingszeit wurde Ihnen präsentiert von Ongomoier. Nichts ist schöner als nichts.

So.

Wieder zurück auf Sendung und wir warten auf den phantastischen “Narrhalla München Eeh Vau”-Faschingsumzug. Er soll außerordentlich bemerkenswert werden, so wurde mir aus gut unterrichteten Kreisen erzählt. Und ich muss Ihnen gestehen, ich stehe hier schon seit Stunden und sehe wie unermüdlich die Münchner Polizei mit ihren Polizeiwägen mit Bamberger Kennzeichen das Gelände des Faschingszugs umsorgt und absichert. Bislang gab es noch keine Verstöße gegen die allgemeine FFP2-Maskenpflicht und dem Abstandsgebot, wurde mir versichert.

Die Bayrische Bevölkerung hat ja die Bayrischen Hygienemaßnahmen sehr gut angenommen, wie bereits unermüdlich öffentlich Söder betont. Damit luegt Söder richtig. Denn nicht jeder hat 250 Euro (Verstoß gegen die Maskenpflicht) oder 500 Euro (Verstoß gegen die Ausgangssperre zwischen 21 Uhr und 5 Uhr) täglich zur freien Verfügung. Das Lob Söders über die Annahme der Bayrischen Verordnung durch die Bevölkerung gilt somit auch ausnahmslos und uneingeschränkt für die verantwortungsvolle Münchner Stadtbevölkerung, mit Index knapp um die 48 heute. Also auf Hunderttausend Menschen insgesamt, also nicht was Boomer oder grauhaarige, weiße Männer mit Faschingswitzen angeht, woll.

Der Zug lässt noch auf sich warten.

Moment! Ich höre gerade über meinen Kopfhörer, der Zug ist schon vorbei gezogen! Jawohl, liebe Närrinnen und Narren und Narrhalesen, sehr verehrte Faschingsmuffel und Faschingsmuffelinnen, liebe restlichen 1% der geneigten Mitleser*Innen aus dem Fanclub “Bayern München e.V.”, der Faschingszug ist vorhin bereits über den Marienplatz hinweg gefegt! Es war ein atemberaubender Zug mit viel klandestin verteilten Freibier, Weißwürscht, Leberkäs und Lutschbonbons. Ein Umzug verkleidet als echter Geisterzug, wie man ihn noch nie gesehen hatte! Wahnsinn! Eine gelungene Vorstellung des Umzugs. Waaahnsinn! Da können sich die Kölner und Düsseldorfer und auch die Mainzer Faschingstreibenden dicke Scheiben abschneiden. Ein wahrlich gelungener Umzug! Waaaahn-sinnnnn!

Darauf ein dreifaches

Schluck auf Schluck! Muc, Muc, Muc! Narri Narro!

Danke für Ihre Aufmerksamkeit.

Es ist, als ob Engelein singen, wieder von Frieden und Freud’

»Hallo, Careca am Apparat.«

»Opa? Opa, ich bin’s. Wie geht’s? Der Jörg!«

»Jörg! Wie geht’s dir? Lange nicht mehr von dir gehört.«

»Aber Opa, ich hatte dir doch erst im Oktober zum 83. Geburtstag gratuliert. Und dir ein Ständchen gesungen. Hast du das vergessen?«

»Nein, nein, mein Jörg, das habe ich nicht vergessen. Ich erinnere mich gern dran. Aber sonst meldest du dich auch so selten.«

»Ja, da hast du Recht, Opa, das ist mir auch aufgefallen. Seitdem Papa gestorben ist, du weißt, das bedrückt mich noch immer, der Verkehrsunfall. Einfach so. Von gestern auf heute.«

»Ja, mir wird’s noch immer schwer ums Herz, wenn ich dran denke, dass mein Sohn vor mir, von uns gegangen ist.«

»Ja, Opa. Er war schließlich mein Vater, nicht wahr. Auch wenn es bereits dreizehn Jahre her ist. Ich denke noch häufig an ihn. Ihr beide ward ja fast immer unzertrennlich. Drum dachte ich, ich meld’ mich mal.«

»Das ist lieb. Wie geht es dir?«

»Gut. Und dir?«

»Ach ja, ist hier ein wenig einsam im Altersheim in der Isolation, ohne Besuche wegen dieser Krankheit.«

»Ja, ja, das ist schlimm. Hoffentlich ist das alles bald vorbei.«

»Ja, hoffe ich auch.«

»Habt ihr schon mitgeteilt, wann ihr dort alle geimpft werdet? Stehst du schon auf der Impfliste?«

»Seit gestern. Nach Weihnachten soll es losgehen. Ich stehe auf Platz 19 der Impfliste.«

»Das ist schön, Opa. Du mit deinen 83 Jahren. Voll cool. Übrigens, ich habe gehört, dass die ganze Kacke bei jüngeren Männern als Langzeitfolge zu erektiler Dysfunktion führen kann. Haste schon gehört? Ganz schlimm. Wirklich schlimm. Total uncool.«

»Zu was? Erektiler Dysfunktion?«

»Du weißt, das ist das, wozu man nachher Cialis, Sildenafil, Levitra, Avana, Dapoxetine, Viagra und so weiter für teures Geld schlucken muss, damit nachher man als Mann ein Mann sein kann. Die Krankheit macht schlapp, weißte.«

»Echt?«

»Ja, hamse herausgefunden. Opa, ich werd’ im Februar doch erst 33, voll jung,ey. Ich will nicht wegen dieser uncoolen Kack-Krankheit von einer Sahneschnitte von Frau wegen eines Hängers im Bett gekreuzigt werden. Das wäre voll schlimm.«

»Hm. Schön wäre sowas nicht, aber …«

»Opa, heute will die Gesellschaft, dass Männer ihren Mann stehen. Ein Lappen will doch niemand. Noch nicht mal im Bett. Opa, kannst du mir deinen Impfplatz nicht einfach überlassen? Die Großeltern meiner Freunde werden das auch machen, haben die zugesagt. Ich mein, du wirst ja wohl eh kaum Sex im Altersheim haben, und ich bin doch recht jung, nicht wahr. Dann wäre ich gegen diese Kack-Langzeitfolge ‘Erektile Dysfunktion’ immun und ich könnte mich voll für die Gesellschaft einbringen. Niemand will einen Schlappschwanz, einen Lappen als Mann.«

»Also, hier hat es öfters regen Sexualverkehr …«

»Opa, echt jetzt? Das ist ja voll eklig. Außerdem kannst du eh nicht so oft wie ich. Also, wenn das in Ordnung geht und ich deinen Impfplatz bekomme, dann schicke ich dir auch ein Weihnachtsgeschenk, ein richtig dolles, da wird dich jeder drum beneiden: Ein Ipad5, dann können wir auch mal wieder so facetimen und du kannst auch privat im Internet per Apple surfen.«

»Face … was? Hm.«

»Du bist einverstanden, Opa? Danke! Ich bin ja so stolz auf dich! Ich schick dir das Geschenk per Paketdienst zu Weihnachten. Dann facetimen wir, wie wir das nachher machen, so mit deinen Impfplatz mir überlassen und so. Frohes Fest dir auch! Dicke Umarmung!«

»Jörg? Ich möchte, … Jörg? Hm. Aufgelegt. Super! Wahnsinn! Mein Enkel hat mich endlich mal wieder angerufen! Wow!«

Die Feder ist mächtiger als das Schwert, oder: Dummes Geschreibsel ist beängstigender als eine Hiebwaffe

Wir schreiben den 21. Dezember 2020. Der Tag ist grau. Nebelschleier verhindern den Blick zur Sonne. Heute ist einer der kürzesten Tage im Jahr: 8,35 Stunden sollte die Sonne theoretisch zu sehen sein. Dabei werden die Abende bereits seit dem 12. Dezember 2020 wieder länger. Nur mit den früheren Sonnenaufgängen wird es erst wieder ab dem 2. Januar 2021 wieder was werden. Das alles ist nur akademisch interessant. Für die meisten Menschen wäre das zu verwirrend. Darum zählt nur der Längenvergleich und nicht die wissenschaftliche Erklärung dahinter.

Als Kinder auf Klassenausflügen sangen wir in früheren Zeiten – die alten, weißen, grauhaarigen Männer und die alten, faltigen, Mask-Teint-ed Frauen werden sich noch dran erinnern – das Lied der Wissenschaft in hohen Tönen (weil noch kein Stimmbruch):

Die Wissenschaft hat festgestellt […], dass Marmelade Fett enthält, […] drum essen wir auf jeder Reise […] Marmelade eimerweise […].

Die Wissenschaft hat festgestellt […], dass Knackwurst Pferdefleisch enthält, […] drum essen wir auf jeder Reise […] heiße Knackwurst meterweise […]

Die Wissenschaft hat festgestellt […], dass Coca-Cola Schnaps enthält, […] drum trinken wir auf jeder Reise […] heiße Coca-Cola fässerweise […]

Uns so weiter und so fort. Es sollte jetzt ja niemanden wundern, warum aus meiner Generation so viele übergewichtig durch die Gegend schwanken oder beim Urlaub auf den Stränden der Kanaren und Karibik von Walretter-Organisationen ins Meer gerollt werden. Ganz zu schweigen von den Personen, die mit vor Geldscheinen strotzenden Geldklammern durch die Gegend laufen, weil sie gelesen haben, dass Euro-Scheine sehr stark mit Kokain belastet sind, und zu Hause dann jeden Geldschein gründlich ablecken. Nachdem zusätzlich auch noch rausgefunden wurde, dass mehr als 20 Währungen deren Geldscheine mittels tierischen Fetten herstellen, sind die veganen Geldschein-Lutscher ein wenig angefressen, weil sie jetzt deren Kokain beim Schwarzmarkthändler kaufen müssen, der ihnen nicht bestätigen kann, dass dessen weiße Substanz vollkommen vegan produziert wurde …

Es erstaunt mich immer wieder, wie ich es mit meinem Geschreibsel schaffe, in einem Absatz mehr als ein halbes Dutzend Halbwahrheiten und selbstgemachte Annahmen einzustreuen, nur um an den Knackpunkten der Vorstellung des Lesers zu arbeiten. Gut ist das nicht. Andere sind darin aber wesentlich besser.

Die können all ihre Ideen, Überzeugungen und Gedanken in 200 Zeichen packen und die Twitter-Welt überzeugen. Oder in Telegramm-Gruppen über all die Doofen unserer Gesellschaft sich aufregen.

All diese Echo-Kammern haben etwas von Selbst-Therapie-Gruppen. Zumindest wenn es darum geht, dass sich alle im Kreis auf Stühle hocken und deren Weltenjammer-Leid klagen. Sie reden nicht, nein, sie schreiben in ihren Gruppen und lesen Geschreibsel der anderen. Wichtig ist dabei, dass solche Pseudo-Schreibtherapie-Gruppen auch immer einen Gruppenleiter haben. Keinen Gruppenleiter mit einer grundlegenden wissenschaftlichen Ausbildung, nein, sondern einen, der zu wissen glaubt, wo man wissenschaftliche Arbeiten finden kann (und zwar in Buchhandlungen, statt in Universitäten) und der – weil er weiß, wo sich drei Buchhandlungen befinden (eine im Internet, die andere in der Innenstadt und die dritte bei seinem Guru) – schlichtweg Ober-Querdenker nennt. Der wacht dann darüber, dass alle Gruppenteilnehmer quer denken. Und zwar dermaßen querdenkend gleichgeschaltet, damit Gedankenfreiheit auch kontrollierbar wird. Denn wer nicht das Querdenken beherrscht, der ist zwangläufig – per definitionem – Mainstream-Denker und somit Schlecht-Mensch. Und das ist noch schlechter als Gut-Mensch. Im Sinne von quergedacht halt.

Nach unbestätigten Gerüchten sollen alle Gruppentherapie-Teilnehmer gemeinsam in ihren Echokammer das allgemeine Glaubensbekenntnis der Querdenker singen – so wie wir es damals auf den Schulausflügen in den Bussen fleißig zum Leidwesen der Busfahrer geübt hatten – :

Die Querdenker haben festgestellt […], dass Wissenschaft auch Ideologie enthält, […] drum besaufen sie sich auf jeder Reise […] mit ihrer Ideologie fässerweise […]

8,35 Stunden Sonne hinter Hochnebelschwaden. Ab morgen steht mehr Tageslicht zur Verfügung, diesen Hochnebel länger zu bewundern. Länger in den Abendstunden. In der berühmt berüchtigten Herrgottsfrüh wird das erst im nächsten Jahr möglich, wenn die Sonne wieder früher aufgeht. Bis dahin gilt für heute das Gleichgewicht der Kräfte: Tag- und Nachtgleiche. Und dazu: Hochnebelwetterlage ohne Durchblick bis zur Unendlichkeit und noch viel weiter …

Das jüngste Gesicht (Notizen aus der Provinz)

  • Op Schalke ham se nen neuen Trainer. Ohne fiel Federlesen wurde der braunhaarige, junge Mann durch einen beinahe weißhaarigen, alten Mann ersetzt. Dem “Welttrainer” Jürgen Klopp setzt Schalke jetzt den “Jahrhunderttrainer op Schalke” entgegen, Hub Stevens. Der Fußballnachbar aus Dortmund ging eine Woche zuvor den anderen Weg: einen grauhaarigen, alten Mann raus; einen straßenköterblonden, jungen Mann rein. Aber eigentlich hätte Dortmund ja gerne den “Welttrainer” Klopp gerne zurück, das beste aus zwei haarigen Welten: weißbärtig, straßenköterblond und Mid-Ager.
  • Die Regensburger Domspatzen werden an Weihnachten nicht im Regensburger Dom singen. Vielleicht wird eine Leinwand aufgespannt und jeder einzelne Domspatz pfeift von deren eigenen Dächern mittels “ZOOM” oder “TEAMS” oder so per Live-Schalte in den hygienisierten Dom und seine sozial distanzierten Gläubigen. Die mitternächtlichen Christmetten sollen übrigens schon um 19:00 starten. Somit wird manifestiert, was schon eh jeder wusste: in der Kirche gehen die Uhren anders als bei den anderen Menschen.
  • Im Online-Portal der Münchner TZ las ich folgenden Satz über den Münchner Marienplatz:
  • image(Screenshot tz.de am 18-Dez-2020: ”[…] Bis 1972 konnte man sogar noch mit dem Auto über den Platz fahren. Hier zu sehen auf einer Aufnahme um 1958.”)

    Auf einer Aufnahme von 1958 ist 1972 bereits zu sehen. Könnte mal schauen, ob wer auf einer Aufnahme von 2006 den leeren Marienplatz vom Lockdown 2020 sieht? Irgendwelche Fotos von 2020 mit Voraussagen zu 2034?

  • Ein neues Gesicht findet sich in einen der TATORT-Reihen wieder. Eigentlich ein altes Gesicht, aber ein neues als Wiedergänger. Spannend. Aber nicht wirklich neues für die Christenheit. Die hat sich in jährlichen Übungen daran in den letzten 2000 Jahre trainiert und wird den Neujahrs-TATORT gelangweilt anschauen. Nach Angabe von jüngeren Menschen schauen sich die TATORT-Sendungen eh nur die grauhaarigen, alte Menschen an, weil der Begriff “Tat-Ort” dem der “Tot-Art” nicht unähnlich ist. L’art pour l’art. Die Dracula-Geschichten haben sich auch damals schon immer nur die Älteren erzählt. Die Jüngeren haben dafür um so leidenschaftlicher die “Vampire Diaries” und die “Twilight Saga” studiert. Twen-Ager Geschichte für den leichten Schauer am Rücken unter der Bettdecke bei gezuckertem Popcorn, lauwarmen Glibber-Käse und schweißnassen Händchen.
  • Eine Schneebombe rollt auf Deutschland zu und München mitten drin. So lautet die Prognose mehrerer Nachrichtenkanäle für das Weihnachtsfest. Sollte also Süddeutschland in einer Schneekatastrophe eingeschneit werden, keine Sorge: es herrscht eh tagtägliches Ausgehverbot zwischen 21:00 bis 5:00 Uhr. Und in der Zeit dazwischen braucht jeder Mensch triftige Gründe, um als Schlachtenbummler eine Schneebombe anzuschauen zu dürfen. Die Schneeballschlacht-Vorschau in der prophezeiten Schneebombe gehört nicht zu der kriegerisch daher kommenden Wettervorhersage. Dafür erwarten andere Nachrichtenkanäle einen brutal auftretenden Sturm vor Weihnachten: einen An-Sturm auf die Lebensmittel-Discounter. Das ist nichts Neues. Im Westen. Am 24. Dezember noch einen umfassenden Einkauf zu tätigen, ist immer das erstbeste, nervenaufreibende Erlebnis nach Winteranfang. Gehört auf jede Bucket-Liste. Auch ohne Schneebombe.
  • In München gibt es an die 600 Obdachlose. Viele davon trinken dabei auch noch, oder kuscheln sich in der Kälte unter Münchens Brücken zusammen, während ihres Obdachlosen-Daseins. Von_hintenDas ist bekanntlich sowohl ungesund, als auch teuer. Denn: Verstoß gegen die Ausgangssperre des Nachts (500 Euro), dann noch Alkoholkonsum im Freien (150 Euro) und zu guter Letzt Kontaktverbot (150 Euro). Macht mindestens 300.000 Euro ins Münchner Stadtsäckl. Pro Tag. In solch klammen Corona-Zeiten ist jeder Stadtkämmerer um jeden zusätzlichen Euro dankbar. München auch. In den letzten drei Tagen wurden 49 Fälle des Verstoß gegen die Ausgangssperre registriert. Da scheint also noch ordentlich Luft nach oben. Oder sollte München und seine Ordnungsbeamten jetzt doch ein Herz für Obdachlose haben? Nachdem wegen Corona-Hygiene-Anforderungen die Schlafplätze in den Notunterkünften deutlich reduziert wurden? Wegen social distancing. Da wird einem warm ums Herz. Ich hoffe, meine Sätze über die Strafzahlungen wird nicht von einem Offiziellen gelesen und ernst genommen. Weil von jedem Ding nur der Preis und von keinem der Wert zählt (nach Oscar Wilde). Denn das obige, das schrieb nur die Zyne aus mir raus. Aus der Zyne für die Zyne …

Kein Pardon, volle Kraft voraus zurück …

“Kennst du das Land, wo die verwässerte Wüstenrose blüht? Ja? Richtig, nächste Straße halbrechts, zwei Zigarettenpausen geradeaus, an der Straßenlaterne unter dem aufgebockten Trabi immer gen Norden, bis an den Rand des eigenen Horizonts, dort eine Atempause lang bücken und dann steht sie vor dir, das Wüstenröschen. Unscheinbar. Blühend. In einer Pfütze. Zwischen zwei silbernen Kreuzen, unter denen jeweils ein treuer Hund begraben liegt. Und jeder begrabene Hund hat einen goldenen Knochen im Gebiss. Bekanntlich geht der Hund zum Knochen und nicht umgekehrt. Warum die beiden Knochen in den Hunderachen aus Gold sein sollen? Die Legende sagt, dass die Hunde in einem Berliner Varieté der wilden 20er des letzten Jahrhunderts zu Lachsalven von Buster Keaton geheult hätten. Ihr Heulen soll jedem durch Mark und Bein gefahren sein. Auf der tierischen Überholspur. Sie hatten einfach Gold in deren Kehle. Aber keiner hätte jemals nachgesehen und sich davon überzeugt. Deswegen die beiden Goldknochen in den Totenschädelgebissen der Hunde.

Irgendwie der Wahnsinn. Es gibt keine Zufälle. Alles hängt mit allem zusammen, das muss man sich mal klar machen, um es zu verstehen. Auch wenn es keine Sau verstehen will.

Dreimal hatte ich es versucht und mich auf den Weg gemacht, dreimal endete meine Odyssee an einer Stacheldraht-umzäunten Mauer mit seltsamen Schriftzeichen drauf. Beim vierten Mal taten mir dann die Füße weh, die Nase blutete und die Sonne blendete. Das letzte Mal musste ich schließlich abbrechen. Eines Zahnarzttermins wegen. Ich kam zu spät. Weil ich bei meiner Suche schon zu weit fortgeschritten war. Der Rückweg dauerte zu lange. Eigentlich hat die Suche genau genommen nie geklappt.

In einem Blumenladen kaufte ich mir Samen der Wüstenrose. Ich zählte die Tage, bis die Samen unterm Licht keimten, wässerte fleißig, mischte vorsichtig Dünger ins Wasser und nahm jede Woche Maß. Sie wurden größer und größer, wuchsen und gediehen. Und dann kamen die Spinnmilben. Ich pumpte Giftschwaden über sie, vernebelte deren Sicht, bis sie aufgaben und gemeinsam mit den Blättern der Wüstenrosen zu Boden fielen. Später trieb lediglich bei einer Wüstenrose neue Blätter aus. Das musste sie also sein. Hundert pro. Es gibt keine Zufälle. Ich packte sie ein, nahm eine Gießkanne mit, pflanzte sie auf einem Hundefriedhof zwischen mit Noten verzierten Grabsteinen zweier brachycephalischen Möpsen, goss das zarte Wüstenröschen, bis sie in einer ordentlichen Pfütze stand. Zu meinem Entsetzen musste ich allerdings feststellen, dass mein Wüstenröschen noch nicht blühte. Alles umsonst. Wenn sie nicht blüht, dann finden sich in den Gebissen der verblichenen Möpse auch keine goldene Knochen. Der Beweis dazu? Dazu brauchte es keines Beweises. Hätte ich in den Mopsgräbern nachgegraben, ich hätte in deren Totenköpfen keine goldene Knochen gefunden. Niemals, nie, nicht, never ever.”

Er schaute mir ins Gesicht.

“Das war aber eine sehr eigenwillige Geschichte.”

Ich nickte. Das Glück ist immer mit den Tüchtigen. Ich war nicht tüchtig genug mit meinem Wüstenröschen. Ein wenig mehr Tüchtigkeit und Streben hätte mir vielleicht geholfen. Mehr Leistung, mehr Einsatz. Und ich wäre jetzt im Besitz der goldenen Knochen.

“Und was ist mit deinem Wüstenröschen passiert?”

“Das Herrchen der beiden verblichenen Möpse tauchte mit drei weißen Lilien an der Grabstätte auf und legte die Lilien dort einzeln nieder. Dabei verdrückte er zwei Tränchen, bekreuzigte sich einmal und rupfte nebenbei mein Wüstenröschen aus. Ganz humorlos. Kein Witz. Jetzt wird sie nicht mehr blühen. Und die goldenen Knochen sind verloren.”

Er nickte nachdenklich.

“Weißt du, dass die Amerikaner eine neue Witzform in den letzten Jahren kreiert haben? Diese Witzform hat sich auch bei uns breit gemacht. Die nachträgliche Verneinung mit dem Wort nicht. Also, so zum Beispiel: Ich frühstücke jeden Morgen drei Clowns. Nicht.”

“Du frühstückst jeden Morgen drei Clowns?”

Nicht.”

“Nicht?”

“Hab ich doch gesagt. Du musst die Pause richtig mithören. Das Nicht ist kein ‘nicht wahr’, sondern die nachträgliche Verneinung des zuvor gesagten.”

“Und das Witzige daran?”

“Der Erzähler ergötzt sich an der Reaktion des Zuhörenden. Der glaubt erst dem Inhalt des Satzes, dann hört er Nicht und versteht, dass das Gegenteil gemeint war. Der Erzähler sieht die Verwirrung beim Zuhörer, findet das witzig, dass er seinen Zuhörer in die Irre geleitet hat, und grinst. Der Zuhörer sieht das Grinsen, versteht, dass das er Opfer eines verbalen Streiches geworden ist, und grinst, weil erstens der Erzähler grinst und zweitens, weil er kein Spielverderber sein möchte. Und das Wichtigste: Grinsen macht gute Stimmung. Grinsen macht glücklich. Alle sind dann happy. Du verstehst?”

“Also am Schluss eine Pause zwischen dem Satz und dem Nicht? So wie bei Zuschauer … Innen? Und alle sind happy? Das ist lustig?”

“Deine Geschichte von den begraben Hunden fand ich voll interessant.”

“Ach?”

Nicht.”