Ertrage die Clowns (14): Panta rhei, alles fließt im Land der Zäune mit fehlenden Latten …

Im Jahr 1949 steckte sich der junge Joachim Fest einen Zettel ins Portemonnaie, den er bis zu seinem Tode mit sich führte. Auf dem Zettel stand der Satz:

„Ertrage die Clowns!“

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Stellen wir uns doch mal eine essentielle Frage:

»Was ist ein Fisch?«

Als Antwort könnte dann kommen: »Das ist ein Lebewesen, was im Wasser schwimmt.«

»Der Kandidat hat richtig gelöst, der Kandidat hat hundert Punkte«, sprach der Pastor, warf das groß gewachsene Ferkel in den Fluss, lies es dort ersaufen, betrachte den schwimmenden Kadaver, lies ihn herausholen und segnete es mit den Worten »Ego te baptizo carpam!« und erklärte dann den versammelten Teilnehmern der Feier:

»Schmeißt den Grill an! Das Tier hat geschwommen, wie ein Karpfen, das Tier ist ein Fisch! Mahlzeit!«

Die Gesundheitsapostel steckten dem toten Tier noch einen wurmfreien Apfel ins Maul und das Gesinde hatte den Kadaver aufzuspießen, einzupinseln und überm Lagerfeuer den Privilegierten mundgerecht zuzubereiten.

Und damit auch die Dümmsten des niederen Volkes es verstanden, wurde denen eingebimst »Fisch ist kein Fleisch«. Der Fisch diente den ersten Christen schließlich als Erkennungssymbol bei den Römern. Und Symbole sind nie fleischig. Ein Fisch schwamm im Flüssigen. Ob mit oder gegen den Strom, das war unwichtig. Wichtig war nur, das Flüssiges das Fasten nicht bricht. Womit die Bayern dann ihr Starkbier als Fastengetränk vermarkteten. Zu dem Fischgericht, den Karpfen, den der eigens dafür eingeladene Kleriker durch die wundersame Schweinswandlung am Fluss ermöglichte. Und Fisch ist kein Fleisch. Fisch galt schon immer als Fastenspeise.

Die Schwaben gingen sogar noch einen Schritt weiter. Sie versteckten das zum Fisch verwandelte Fleisch in Mehl und Eiern und fasteten bei ihren Maultaschen („Herrgottsb’scheißerle“) sich den Speck von den Rippen ihrer Untergebenen.

Fastenzeit sollte ja immer auch eine Zeit sein, von alten Verhaltensweisen Abschied zu nehmen. Zumindest temporär. Also eine Zeitlang. Das heißt, solange man es als notwendig erachtet. Das hat sich auch ein fleischgewordener Herrgottsb’scheißerle wohl so gedacht und einen Krieg vom Zaun gebrochen, und zwar von dem Zaun bei dem er nicht mehr alle Latten dran hatte. Besser gesagt „alle Latten komplett fehlen“. Hätte er noch alle Latten am Zaun, dann könnte man ihm doch raten, diejenigen zur Reparatur zu nehmen, die er vor dem Kopf hat. Und wenn die nicht gereicht hätten, dann hätte er zumindest immer noch die Latten zum Zaunnageln verwenden können, die er unter seinen Füßen hat und als Bühne der Welt betrachtet.

Nun, eigentlich ist der Knispel total vernagelt. Und das, ohne überhaupt in einem Nagelstudio gegangen zu sein. Aber der hätte dem Bedienpersonal ja noch nicht mal das eigene Schwarze unter den eigenen Nägeln gegönnt.

Bevor jetzt noch jemand kommt und meint, mit Nagelstudio hätte man vor einem Dutzend von Jahren noch etwas anderes gemeint, sollte man wieder zu den Latten kommen, die manchen Mitmenschen fehlen. Oder weil sie die für einen privaten Streit von deren eigenen Zaun gebrochen haben.

Vor zwei Tagen ließ sich ein Knispel bestaunen, der Nägel mit Köpfen gemacht hat. Und weil ihm das unentwickelte limbische System im eigenen Kopf näher war als der Kopf des anderen, ließ er sich dabei filmen, wie er einem anderen Menschen unvermittelt eine kräftige Ohrfeige versetzte, so dass jener andere Mensch vom eigenen Stuhl flog.

Das Internet johlte und quietschte vor Vergnügen und kreierte seine Memes. Der Sonntagmorgen war gerettet, nachdem man das sich anschaute, was jemandem am Samstagabend widerfuhr. Im Mittelalter hätten jene beiden Protagonisten (der Täter und sein Opfer) die Rolle des Hofnarren bekleidet. Im Zeitalter der Influencer (auf Deutsch Manipulierer oder „Content-Creater“, wie die sich selber klassifizieren) nennen sich die beide „Comedians“: der eine beim Internet-Fernsehen („Fat Comedy“, bekannt von TikTok), der andere beim linearen Fernsehen (Oliver Pocher, bekannt von RTL). Also Pausenfüller in der Programmsparte „Kaugummi fürs Kleinhirn“.

Einen Tag später waren es wieder zwei „Comedians“, die es ganz ernst mit deren Späßen meinten. Der Täter Will Smith ohrfeigte sein Opfer Chris Rock. Vor laufender Kamera bei der Oscar-Verleihung. Und wieder johlte das Internet und kreierte seine Memes.

Gemein ist beiden Aktionen, dass es den Akteuren überhaupt nicht Leid tat. Maximales Mitgefühlt hatten jene nur für den Veranstalter und baten ihn, dass man sie in Zukunft nicht von deren Veranstaltungen ausschließen möge, weil der Veranstalter könne ja nichts dafür und es täte dem Akteuren ja leid, dass der Veranstalter unter deren unentwickelte limbische System ein paar Momente zu leiden hatte.

Als Biden über Putin erklärte »Um Gottes Willen, dieser Mann darf nicht an der Macht bleiben«, hatten gleich die Sprecher des Amerikanischen Weißen Haus erklärt, Biden meinte es ganz anders und die andere Seite der Welt solle es anders verstehen, damit keiner von den anderen Weltveranstaltungen wegen einer Bemerkung ausgeschlossen werden würde. Im Rückblick lässt sich konstruieren, dass Bidens Satz als Geburtshelfer der Ohrfeigen durchgehen könnte und somit in seiner Argumentation der Vater für die Rechtfertigungen der beiden späteren Ohrfeigen wurde.

Das ist natürlich Quatsch und an den Haaren herbei gezogen. Alle drei Ereignisse stehen singulär für sich alleine.Von A bis Z.

Moment. Schrieb ich Z? Geht gar nicht. Die „Zürcher Versicherung“ hat als deren Marken-Logo den Buchstaben „Z“. Und den will sie nicht mehr, den 26ten und letzten Buchstaben des modernen lateinischen Alphabets. Weil Putin ihn verwendet hat. Deswegen lassen  Innenminister Deutschlands diesen jetzt strafrechtlich verfolgen, wenn der Buchstabe alleine auftaucht. Unklar ist noch, ob der Anfangsbuchstabe des Namens „Selenskyj“ jetzt wie das Söder-„S“ ausgesprochen werden muss oder ob auch die Verwendung wie Zorro-„Z“ als Aussprache noch in Ordnung ist.

Und jener Zorro, der kann sich jetzt sein Degen-Z abschminken. Damit gerät er gleich in Acht und Bann. Wer durch das „Z“-Symbol öffentlich Zustimmung zum Ausdruck bringe, der müsse mit strafrechtlichen Konsequenzen rechnen. Denn es bleibt absolut unverständlich, wie das stilisierte „Z“-Symbol dafür genutzt werden kann, um Verbrechen gutzuheißen. Wir erinnern uns: Die Geschichte von Zorro spielt in Kalifornien zu Beginn des 19. Jahrhunderts, zur Zeit der spanischen Kolonialherrschaft.

Moment. Falscher Film. Ist zwar eigentlich die richtige Gegend, weil Kalifornien, und deswegen Hollywood, und daher Oscar-Verleihung, und deshalb brutales „Klatschen“ als Geräusch beim Ohrfeigen-Verteilen inklusive einer aufrichtigen, herzensguten Entschuldigung beim Veranstalter („Bitte, bitte, mich nicht beim nächsten Mal ausladen, tut mir auch voll leid, ja“), nochmals brutales „Klatschen“ als weitere Ohrfeige zur Durchsetzung des eigenem Gerechtigkeitsempfinden, „Ehrenmann“-Gehabe von Pimpfen mit verkümmertem Cortex, die immer von solchen Verhaltensweisen temporär bis zur nächsten Einladung Abschied nehmen, weil Fastenzeit, weil weder Fisch noch Fleisch, und alles fließt, panta rhei, den Bach hinab zu den Parzellen, wo deren Besitzer nicht mehr alle Latten am Zaune haben, derweil fette Ferkel in Flüssen ersaufen, »Ego te baptizo carpam!« unter Weihfässer-Geschwenktem eingeräuchert …

Von irgendwoher erreichen mich Bilder, wo Menschen andere Menschen vorsätzlich in Beine schießen. Krieg war noch nie menschlich und Menschen im Krieg werden zu Mördern. Vorsätzlichen Mördern.

Und irgendwoher aus einem Fernseher des christlichen Abendlandes ertönt zwischen einem „Hosianna“ und einem „Poenitentia“ ein

»Oh mein Gott, sie haben Kenny getötet, die Schweine!«.

Oder war es ein »Oh mein Gott, sie haben Kenny getötet, ihr Schweine!« als Echo gehört aus irgendeinem Internet-Stream, der zu früh abgebrochen ist?

Eine Frage drängt sich mir ins Hirn: Dürfen Veganer und Vegetarier Pilze essen? Pilze sind weder Fisch, noch Fleisch, noch Pflanze. Ist eine herzhafte Pilzpfanne somit eine wahre Fastenmahlzeit?

Es brummt in meinem Kopf. Es brummt weniger, als dass es schellt. Wie eine Schelle. Habe ich gerade auch eine Ohrfeige erhalten?

Wannst du mim Deife danzt, dann brachst guate Schua

Wenn einer mit Vergnügen zu einer Musik in Reih und Glied marschieren kann, dann hat er sein großes Gehirn nur aus Irrtum bekommen, da für ihn das Rückenmark schon völlig genügen würde.

Albert Einstein  1879-1955


Auge um Auge und die ganze Welt wird blind sein.

Mohandas Karamchand Gandhi (1869-1948)


Pustefix als Lebensprinzip auf dem Misthaufen

Hallo Welt!

Wir schreiben den 4. Januar 2022 und heute ist der internationale Tag der Brailleschrift und der internationale Welthypnosetag.

Garantiert denkt nun der ein oder andere Mensch: “Was geht mich das an? Ich lese eh nur den neusten Informationen auf Instagramm. Manipulieren und belügen lass ich mich nicht, nicht wahr“.

Und mit Sicherheit kommen dem andere oder einem Mensch folgende Gedanken: “Spezieller Tag für Social-Media-Blasen: #heuteschoneineblaseerzeugt #blasenfürblasenfetischisten, #jedertagisteinwelttag.”

Zudem fühlt sich manch ein anderer Mensch als Alphatier und äußert sich seiner Mitwelt mit Allgemeinplätzen wie: “Menschen sind aktuell kaum noch zugänglich, nicht erreichbar, einfach in ihrer Blase gefangen.”

Ich selber denke mir nur dazu mein Teil: “Was wäre ein Mensch ohne Blase? Tot? Hat nicht jeder sein Weltthema? Sein Thema, seine individuelle Blase? Ist nicht jeder Mensch ein Einzelwesen?”

Weil sich zuvor erwähntes Alpha-Wesen in seiner Deutungshoheit erheblich gestört und in seiner Definier-Freiheit eingeschränkt fühlt, tönt es mit an Wahrscheinlichkeit grenzender Sicherheit ein “Ich nicht!”.

Denn Alphatiere haben keine Blase. Alphatiere haben es sich von Chuck Norris abgeschaut: Chuck Norris hat keine Blase, pinkelt deshalb auch nicht und organisiert deshalb seine Hinterlassenschaften immer nur in großen Haufen.

Welthypnosetag. Und alle starren hypnotisiert auf den großen Haufen Mist und warten jetzt auf das selbsternannte Alphatier der Herde, welches sich dort mitten drauf als Blasen-Beherrscher positionieren wird. Denn kräht der Hahn auf dem Mist, ändert’s sich das Wetter oder es bleibt, wie es ist.

Unabhängig von den Zentren der Misthaufen-Blase existiert die Braille-Schrift, wenn sich Menschen mit Augenlichtproblemen ihre Umwelt u.a.a. mittels Braille-Schrift-Literatur erschließen. Zudem lässt sich mittels Hypnose hilfreiche Umwelten erschaffen, in der ein Mensch für sich Hindernisse minimieren kann und an Lebensqualität gewinnt.

Klar kann man so etwas (also Braille und Hypnose) ebenfalls als “Blase” und somit als Randgruppenbedarfsversorgung klassifizieren, weil es die Mehrheit der Menschen nicht benötigt. Allein, manche Menschen, welche als Hahn auf einem erhöhten Punkt gerne ihre Wahrheiten rauskrähen wollen, finden es immer besser, nur bei anderen Menschen von “Blasen” zu sprechen. Denn so ein Hahn lief in seiner Kindheit den Blasen vom Pustefix hinterher, um jene dann mit spitzen Finger zum Platzen zu bringen. Wenn die Pustefix-Blase das Kind nicht wohlig umgeben wollten, dann hat das Kind jene kaputt gepatscht oder per Fingerzeig zum Platzen gebracht. So ein Hahn lernt auch in seiner Kindheit enorm viel und recht einfach, was es ihm rechtfertigt, das Prinzip in seinem hohen Alter kompromisslos anzuwenden: Lebensprinzipien als verlängerter Arm einer mutmaßlichen glücklichen Kindheit.

Und dann gibt es diejenigen, die beim Wort “Blasen” nur einen Hashtag kennen: , #lieberbjstattwiederneblase.

Blasen folgen/folgt einem einfachen Prinzip

Energy flows, where attention goes.

(Energie folgt der Aufmerksamkeit)

Mal schaun, wie viele Alpha-Wesen dieses Jahr bei mir auftauchen werden, um mit Ratschlägen für Eskimos zu protzen, wie Eskimos in Alaska Vorsorge vor dem nächsten Kälteeinbruch betreiben können. Oder wie ich Eulen in LKWs organisieren muss, um diese erfolgreich nach Athen zu tragen, um mir das Blasen-Geschäft meines Lebens zu vermitteln. Letztes Jahr tauchten diese Alpha-Wesen bei mir immer wieder auf, um ihre Pustefix-Lebenserfahrung unterzujubeln.

Dabei hatten jene Alpha-Wesen lediglich nur ein Talent: “Ghosting”. Einfach kurz mal auftauchen plus erneuter Kontaktabbruch. Alphatiere sind so leicht berechenbar wie jene Blasen, die solche kurz bei deren Pustefix-Aktion erzeugt hatten …

Coming home for X-Mas (4)

Geliebte Geliebte,

Die Weihnachtsfeiertage sind vorbei. Meine Zeit hier neigt sich dem Ende zu. Ich war bei dir am Grab. Das Eichenlaub dieses Herbstes lag noch drauf rum. Drei Kerzen vom Allerseelentag und das dazugehörige Allerseelengesteck.

Erinnerst du dich noch an die Allerheiligentage auf dem Friedhof? Überall rote Grablichter glimmten auf den Grabfeldern. Und dann die Blicke und Getuschel der Friedhofsbesucher: “Schau mal, der hat ne ganz schmucke Grabkerze.” “Guck mal, der Schulze mal wieder, lebt in Saus und Braus aber nur ein mickriges Kerzchen und das dürre Gesteck. Wenn das sein Vater sehen würde, der würde im Grab rotieren.” “Ist das nicht die Neunbeck? Dass die sich mal hier wieder auf dem Friedhof sehen lässt, unglaublich. Und dann der protzige Grabschmuck. Schämen sollte die sich.” “Hab ich dir nicht gesagt, wir hätten den größeren Kranz nehmen sollen? Die Poltes haben auch einen ganz Großen gekauft! Dabei nagen die doch am Hungertuch!” “Warum hast du die Streichhölzer vergessen? Wie sollen wir denn nur die Kerzen jetzt anmachen?”

Erinnerst du dich noch an das Grab des Chinesen? Der hatte keine Kerze auf das grab seiner Frau gestellt, lediglich eine Schale Reis. “Hey, Chinamann, glaubste, deine Frau kommt raus, um deinen Reis zu essen? Wann soll denn das passieren?” “Zu dem gleichen Zeitpunkt, wenn deine Eltern aus dem Grab kommen, um sich deren Hände an euren Kerzen zu erwärmen.”

Zwei Grabkerzen habe ich im Dorf gekauft. Eine soll sechs Tage brennen, die andere drei. Ich hoffe, das 6-Tages-Licht schafft es bis Neujahr. Ich erinnere mich noch, als du in unserer Schule aus dem Klassenzimmerfenster geklettert warst, aufs Fenstersims, zwei Klassenkameraden haben dich dort wieder gewaltsam runtergezogen. Zuvor hatte noch einer aus meinem Dorf das lakonische “Spring doch” lachend gerufen. Es war eine 5-köpfige Gruppe aus meinem Dorf, welche den Rest der Klasse perfekt unter ihre Kontrolle hatte. Zwei waren deren Soldaten. Sie waren gewissermaßen die gewalttätige Exekutive, sie schlug zu, wenn sie es für notwendig erachteten. Einer war der Beifallklatscher und wortgewandte Befürworter, was die anderen beiden als intellektuelle Köpfe diese 5er-Gruppe waren. Diese beiden gaben die Anweisungen und die Richtung derer Pöbeleien vor. Heute bezeichnet man das als klassisches Mobbing, damals war es noch Seitens der Lehrerschaft ein vermintes Feld. Denn drei dieser Fünfer-Gruppe, waren Söhne von Lehrern, Schulleitern und Politikern. Lief etwas nicht richtig für deren Zöglinge, dann wurde den Lehrern die Konsequenz derer Überlegungen direkt vor Augen geführt. Die Eltern von zwei der Fünfer-Gang waren wirtschaftlich sehr gut verzweigt und angesehen. Wer einen Rabatt wollte, kam um diese nie herum. Und wer woanders kaufte, einer solchen Familie schossen die Eltern mit Gerüchten vor dem Bug. Es hört sich kurios an, nur vor vierzig Jahren war so eine Konstellation ein wohlbehütetes Nest für deren verkommene Brut. Du wurdest vom Fenstersims gezogen, aber dein Leben war nachhaltig ruiniert. Du warst immer nur der Spielball anderer Interessen, du konntest keinen Widerstand in dir gegen solche Halunken aufbauen. Daran bist du letztendlich gestorben.

Ich weiß inzwischen, wie sich die 5er-Gruppe weiterentwickelt hatte. Der eine Intellektuelle gründete beim vorletzten NRW-Landtagswahlkampf eine eigene Partei, weil er Recht und Ordnung und Tugenden bei den anderen nicht mehr erkennen konnte. Danach löste er seine Partei auf und trag einer Rechtsextremen bei, in der als Polizist für seine Ideen sich einsetzte. Der andere wurde mit Hilfe seines Vaters Bankdirektor und wurde inzwischen mit Cum-Ex-Geschäften in Verbindung gebracht. In der C-Partei wurde er dagegen ausgebootet, weil er wohl zu undemokratisch sich verhielt. Er sollte eigentlich auch dort Karriere machen. Der Applaudierer lebt unauffällig im Dorf. Man kann ihn nicht einordnen, weil er sein Fähnchen immer in den passenden Wind hängt, um das Geschäft seines Vaters über Wasser zu halten. Aber er soll recht ideenlos wirtschaften und nur den Vorteils des Vitamin-Bs des Bankiers haben. Die beiden “Soldaten” sind im Dorf als “Stinkstiefel” verschrien. Der eine klagt aus Prinzip vor Gericht, wenn er irgendwo einen Vorteil für sich oder einen Nachteil für andere drin sieht. Ihn müssen wohl bislang sogar die Frauen zum Heiraten gemieden haben. Der andere ist verheiratet, aber weiterhin gewalttätig. Seine Frau kommt nicht von ihm los, ihre Anzeigen wurden nie aufgenommen, sie scheint sich mit seinem Verhalten arrangiert zu haben. Will man mehr erfahren, dann schweigen des Sängers Lueder, aus Höflichkeit. Du siehst, deine Täter leben nicht wirklich das Leben eines Vorbilds. Ja, sie haben Freunde, die sich deren Meinung fügen (bis auf den einen, der sich halt selber anderen fügt), aber sie sind allgemein nicht wirklich beliebt und jeder lässt Vorsicht bei den Kontakten mit diesen walten.

Aber das wird dich nicht trösten, geliebte Geliebte. Denn zu deinen Depressionen kam letztendlich ja auch noch Krebs. Bei den fünfen weiß ich von einem, dass er meint, wer sich richtig und gut ernährt, der habe ein funktionierendes Immunsystem und dem könne keine Krankheit nichts anhaben, weder Krebs, noch Grippe, noch Covid19. Ich wünsche, er schläft mal mit ner Frau die Tripper oder Syph hat. Mal sehen, was dann er zu seinem Immunsystem meint. Er könnte auch gleich mal frische Kuhfladen essen. Oder einen Schwimmkurs im Ganges. Er hat ja sein Immunsystem als Rückversicherung, ihm sollte also nichts passieren.

Geliebte Geliebte, ich habe mich heute von meiner Mutter verabschiedet und weiß nicht, ob es nicht auch so sein wird, wie bei dir. Ich hoffe nicht, aber die Zeit tickt Sekunde für Sekunde die Lebensuhr runter. Irgendwann ist jede Lebensuhr einmal abgelaufen. Dann stellen andere Menschen die 6-Tages-Grablichter oder die Reisschalen aufs eigene Grab. Das Schöne heute war am Grab das Rotkelchen. Es tanzte dort munter und pickte sich deren Mittagessen aus dem Boden. Es war ein wilder Tanz: hüpfend, springend, seitwärts steppend. Einfach so. Aus reiner Lebenslust. Ein eigenwillig schönes Bild. Das Leben steppte gewissermaßen oberhalb der Erde, während darin der Mensch seine ewige Ruhe bekommen hat. Das Leben geht weiter, geliebte Geliebte. Auch wenn die Grablichter verlöschen und der Wind neues verwelktes Eichenlaub aufs Grab wehen wird.

Meine Mutter kommt am Mittwoch wieder aus dem Krankenhaus raus. Sie plant schon wieder ihr Leben bei sich zu Haus. Mit 90 Jahren. Für mich kommt es aber leider zu spät. Ich werde morgen mich auf den Rückweg machen. Ja, Fotos habe ich für mein Archiv gemacht, ihre Umarmung gespürt, ihre Stimme in meiner Seele eingraviert. Aber in Kürze bin ich wieder eine 8-Stunden-Reise von ihr entfernt. Auch du wirst wieder von mir entfernt sein. Nur in Gedanken, da ist die Entfernung kürzer. Ein Mensch stirbt nur dann für immer, wenn sich niemand mehr an ihn erinnert. Wenn er gestorben ist. Für die Lebenden gibt es das Handy, das Telefon, den Brief. Oder die Reise. Lebbe geht weiter, geliebte Geliebte.

Ich ende hier. Mein Schmerz des Fortfahrens erwacht und es wird kein Gegenmittel dazu geben.

Geliebte Geliebte, habe die Ehre und gehabe dich wohl.

Coming home for X-Mas (3)

Geliebte Geliebte,

Ich weiß nicht, ob du es wusstest, aber es gibt nichts einprägsameres und einprägenderes als Weihnachten. Zu dieser Zeit werden ganze Kindheiten geprägt, ganze Ehepartnerschaften verdengelt und die Verwandtschaft präsentiert sich von seiner hügeligsten Eigenschaft, als die bucklige. Überall in Zeitungen und Internet fanden sich diese Weihnachtszeit Ratschläge wie man das Fest der Liebe, des Friedens und der Freude am besten ohne Streitereien überlebt.

FAZ: “Wie Familien Streit unterm Weihnachtsbaum verhindern können”

Axel-Springer-Mainstream-Organ #1: ”Streit an Weihnachten: So übersteht ihre Beziehung die Festtage”

Axel-Springer-Mainstream-Organ #2: “Partnerschaft: Mit diesen Tipps vermeiden Sie Streit an Weihnachten”

Axel-Springer-Mainstream-Organ #3: “Es könne wir Frömmsten nicht in Frieden leben, wenn es Euch bösen Lesern nicht gefällt.”

RP Online: “Mönchengladbach: Tipps um Streit an Weihnachten zu vermeiden”

Süddeutsche Zeitung: “München: Tipps um Streit an Weihnachten zu vermeiden”

Bayrischer Rundfunk: “So wird Weihnachten harmonisch – Tipps von Experten”

WDR: “Weihnachten ohne Stress und Streit”

Spiegel: “Knatsch unterm Baum – Offen über die Probleme reden”

Hamburger Abendblatt: “Harmonisch Weihnachten feiern? Das rät die Psychologin”

Kirche und Leben: “Geheimtipp für Weihnachten in Rom: Ein Baby auf dem Kaptiolshügel”

Vatikan News: “Erzbischof Schick: Streit um Christmetten einstellen”

Geliebte Geliebte, es herrscht auf einmal so viel Frieden im Laden. Alle Kriege sind beendet, die Soldaten der verschiedenen Lager liegen sich heulend und schmusend in den Armen, in den Swingerclubs wird aus reiner Nächstenliebe gepoppt, vereinzelt huschen noch verquere Querdenker über weihnachtlich grüne Wiesen, die Bullen auf eben diesen beißen nicht, lächeln zärtlich widerkäuend mit großen Augen die Butterblümchen an, die Schafe muhen, Hund, Ochs und Esel blöken im Chor, eine Heerschar von Weiß-Gold gewandeten Englein flöten von Ramstein das Lied “Engel”, ein Baby grunzt in einer trockenen Einweg-Hightech-macht-mich-glücklich-Windel und irgendwo steh ich Querulant unter einer bereits entnadelten Nordmanntanne und brülle in die nächste Krippe: “Alles Frieden, oder was?” Es herrscht wieder Frieden im Land.

Ich komme aus dem letzten Adam-Driver-Gaga-Film, schaue in den Nachthimmel und erkenne … Sterne! Die Sternwolke im Sternbild des Orions. Unweit davon, brilliert die Flamme des Sirius. Ungewöhnlich. In München sieht man das Sternbild nur recht schlecht. Lichtverschmutzung. Haben die hier auf dem Lande keine Schwerindustrie und helle Straßenlaternen?

Das Zelt für den Schnelltest vor dem Supermarkt ist leidlich gefüllt. Er geht wirklich schnell vonstatten. Ins Krankenhaus darf ich nur mit entsprechenden Nachweisen. Pro Patient pro Tag nur ein Besucher für nur eine Stunde. Meine Mutter ist nicht wirklich begeistert darüber. Sie wäre lieber zu Hause statt Weihnachten im Krankenhaus

Geliebte Geliebte, draußen bläst der kalte Wind die Null-Grad-Außentemperatur durch meine Jacke. Es ist ungemütlich. Ich habe mir meine alte Schule angeschaut. Die Säulenreihe. An der sechsten hatte ich immer in der Pause gesessen und schmachtend zu dem kleinen braunhaarig gezopften Mädchen anhimmelnd rüber gestarrt. Und immer wenn sie mich anblickte, hatte ich schnell weggeblickt. Irgendwann hatte sie mich dann ignoriert und ich saß dort mit gebrochenem Herzen. Nun, heute würde mein Verhalten als eine Art “Stalking” klassifiziert werden. Als ich heute vorbeikam, war niemand an den Säulen, der Schulhof war leer und nur der Wind blies. Aber vor meinem inneren Auge wurde es Sommer und ich sah mich dort sitzen, heimlich zur vierten Säule rüber starrend und dabei ein Buch lesend. Auf dem Pausenhof tobten die anderen Kinder, spielten Fangen oder ähnliches, dazwischen der Aufsichtslehrer und ich an der Säule. Und dann spürte ich wieder den kalten Wind und das Bild löste sich vor meinem inneren Auge auf. Ihr Name fiel mir wieder ein und ich fragte mich, was sie jetzt wohl so macht, so vierzig Jahre später. Aber die Antwort interessierte mich nicht. Das Leben ist weiter fort geschritten. Wahrscheinlich ist das 40-Jahre-alte Bild dieses 14-jährigen Mädchens schöner, romantischer, besser als die Realität der Ulrike Schößler von heute. Der Blick in die Vergangenheit verklärt einiges und lässt es in einem mystisch erwärmenden Licht erstrahlen …

Geliebte Geliebte, als ich gestern bei meiner Verwandtschaft war und ich mich mit deren 18-jährigen Sohn unterhielt, habe ich gemerkt, dass ich alt geworden bin. Die geistige Beweglichkeit, die Schärfe seines Geistes, Dinge differenziert zu betrachten, es hat mich zum Schweigen und stillen Bewundern gebracht. Aber es hat mir auch ein Bild einer Familie gezeichnet, welches mir eher wie eine WG erschien statt einer Familie. Wie bei den katholischen Krippendarstellungen. Alles Einzelfiguren, die zusammengestellt werden. Von außen schaut’s aus wie eine Einheit, aber wenn es keinen mehr interessiert, werden die Figuren zu individuellen Einzelschicksalen. Streitbare Individuen.

Im Fernsehprogramm läuft der Roberto-Benignis-Film “Das Leben ist schön”. Ein schön trauriger Film. Oder doch eher traurig schön? Alternativ gab es auch die Filmreihe “Rambo” Eins bis Drei. Frohe Weihnachten. Nun ja. Ich schau mal weiter, was noch kommt.

Bis dahin, gehabt dich wohl, geliebte Geliebte.

Biss denne

Coming home for X-Mas (2)

Geliebte Geliebte,

die erste Nacht in fremden Gestaden war okay. Es war in der Nähe von der ehemaligen Gaststätte “Dicke Weib”. Am Emmerbach. Am See. Diesen verzierte eine dünne Eisschicht. Und am Ufer Schnee.

Schnee, geliebte Geliebte. Das musst du dir vorstellen. Allein die Erwähnung des Wortes “Schnee” führt dazu, dass die ganze Münchner Polizei hellhörig wird. Oder besser geschrieben “würde dazu führen, dass”. Denn die haben erst letztens massenhaft Schnee verbrannt. In München. Bei der Polizei. Schrieben die Zeitungen. Schreibe ich dir auch jetzt. Denn alles andere wäre ja rein undenkbar. Hoheitliche Aufgaben sind auch das Verbrennen von Schnee.

Habe ich dir mal erzählt, dass früher in Rio de Janeiro der Schnee nur ein Privileg der Reichen und Schönen war? Dann zusätzlich das Privileg der Polizei. Und dann das der Unterschicht. Aber du wohnst ja in München. Da gibt es keine Unterschicht. Höchstens Hartz-4-Empfänger. Und in deren Harz-4-Sätzen ist kein Koks mit einkalkuliert, außer das Koks, welches im Hausbrand Verwendung findet. Aber Hausbrand gibt es in Münchener Mietwohnungen eh nicht mehr. Die würden eh auf Kosten der Mieter energiesparmäßig aufgerüstet. Da gibt es Fernwärme und Gas und Heizöl. Alles CO2-konform reguliert. Hausbrand, das können sich nur noch die leisten, die Geld haben und in deren Heim ein Kamin befeuern können. Deswegen können die Kamine der Reichen auch weiterhin mit Holz, Papier und ja, und auch Koks befeuert werden. Es lebe die Demokratisierung des Hausbrands. Und sei es nur die eigene Schnapsbrennerei im eigenen Keller.

Und wenn denn mal ein Haus brennt, dann ist es nebenbei bemerkt kein Hausbrand, sondern eher eine Katastrophe für die Mieter. Oder anders betrachtet ein Beitrag zum Thema “Schöner Wohnen. Danach”. Also ein reiner Versicherungschadensvorfall und ne Arbeitsbeschäftigungmaßnahme für die Feuerwehrleute, die aus Langeweile gerade den neusten klandestinen Hausbrand aus Gustls Schnapsbrennversuchen zu verköstigen.

Geliebte Geliebte, ich war heute an der Düvelseik. Das ist ist regionales Homing-Speech. Auf Deutsch, heißt das Ding “Teufelseiche”. Ein Schaustück knorriger Natur in einem Regionalbezirk, welcher vor paar Hundert Jahren noch feucht und unwirtlich war. Ich traf jemanden, der sich “Dave R.T. Nuckel” nannte und mir eine Geschichte erzählte, die so unglaublich klingt, dass sie auch in den bekannten und  von allen favorisierten Mainstreammedien wie BILD-Zeitung, BILD-TV, WELT oder ntv hätte stehen können, wäre die Story nicht grad mal ein wenig länger als ein herkömmlicher Twitter-Post.

Es ging um eine Spinneleonore, einem Hoho-Mannecken, einem Rentmeister Schenkenwald, einer schwarzen Kutsche mit Mönchen und dem Unaussprechlichen höchstselbst. Ich habe mir die Rechte an seiner Kurzgeschichte gesichert und werde versuchen, diese über einen Buchverlag zu veröffentlichen. Die Erlöse der Veröffentlichung werden uns Wohlstand und Reichtum versprechen. Der Literaturnobelpreis sollte greifbar sein, wenn man mir wohl gesonnen sein sollte..

Und vom geplanten Erlös werden wir dann garantiert eine Reise in ein vom Chiemsee nicht entferntes Etablissement machen können. Zusammen. Gemeinsam ganz enthemmt. Sex pur. Ein Stundenhotel an der Dachauer Straße im Norden Münchens. Sollte dann die Erde beben, die Gegend südöstlich davon dabei flach gelegt werden, dann könnten wir sogar den Chiemsee mittels Ferngläsern vom Dach des Drive-In-Apartments sehen. Was hältst du von dieser Idee?

Geliebte Geliebte, es soll hier auch “Lost Places” geben, also Orte die verlassen wurden und die den Geist von vollprozentigen-Mysteriums atmen. Zwei Flugzeugabsturzstellen. Ein Flugzeug davon musste man aus dem Erdreich erst aus buddeln. Das andere knallte so in die Davert rein. Zwei Kreuze, zwei Tote. Dazu noch ein Schießübungsplatz und verlassene Kasernen. Das hört sich an wie in Bayern Landsberg, wo nicht nur Hitler einsaß, sondern wo auch unterirdische Startbahnen geplant wurden und wo in dessen Frauenwald nur noch die Ruinen davon übrig sind. Ich werde dieser Sage hier nachgehen. Es kann nicht sein, dass so etwas in Vergessenheit gerät, woran sich eh keiner mehr dran erinnert.

Ach ja. Deswegen bin ich ja nicht hier. Heimreise war das oberste Ziel. Mutti besuchen.  Bürgertests durchführen. Lächeln hinter der FFP-2-Maske an Eingängen, damit die eigenen Augen strahlen. Das ist ungewohnt. In Bayern hat mir die FC-Bayern-Armbinde immer gereicht, um Einlass zu bekommen. Mir wurde gesagt, dass das maximal noch hier im Westfalen-Lande in Lippstadt, dem Heimatort vom Ex-Bayern-Vorstand KHR (Karl-Heinz Rummenigge) klappen könnte … nur wenn ich Bayern erwähne, ernte ich immer nur hasserfüllte Blicke.

HG Butzko hatte ich geschrieben. Er wollt mal wieder unbedingt Mettigel, so hab ich sein letzten Beitrag interpretiert.. Auf deutsch, München geht gar nicht. Typisch. Schalke 05  hatte sich doch extra in Liga 2 platziert, weil es dort von schlechten Mettigeln und hundsmiserablen Currywürsten in den Stadien Bayerns sicher war. Mettbrötchen gibt es in München nur als “Mett-Baguette” und die sind so knusprig wie ne Münchner Weißwurst. Und Currywürste in der Allianz-Arena? Darüber schweigt des Sängers Höflichkeit.

Geliebte Geliebte, ich bin nicht hier um Bayerns Glanz und Gloria (auch nicht von Thurn und Taxis) zu polieren, denn dafür gibt es in Bayern eine eigene Abteilung. Ich wollte dir schreiben, wie ich meine Vergangenheit hier aufarbeite. Hier im Westfalenland außer Rand und Band. Hier im Münsterland. Hier als Davertnickel. Geht so etwas überhaupt? Ich gehe in mich und konfrontiere mich mit meiner eigenen vergangenen Leere als schwarzes Loch einer expandierenden vorwärtsschauenden Vergangenheit. Geht das überhaupt?

Bis dahin, gehabt dich wohl, geliebte Geliebte.

Biss denne

Coming home for X-Mas (1)

Geliebte Geliebte,

die Fahrt in so eine weit entfernte Stadt, in der ich mal beheimatet war, ist nicht wirklich ein Vergnügen.

Ich verstehe die Autofahrer nicht. Die Langsamen fahren langsam und behindern mich am Überholen. Und die Schnellen, ja, die drängeln. Immer. Können die  nicht mal ne Minute warten, bis ich den Kleinstwagen-Fahrer vor mir überholt habe? Muss ich denn mit 180 überholen? Es reicht doch auch, wenn die Audi-RS-Fahrer mal für drei Minuten 140 fahren, oder?

Und dann diese Kleinstwagenfahrer mit deren Tucktuck-Mobile, diese Klein-aber-oho-Fetischisten mit einem Ego so breit, dass es von der linken bis zur rechten Leitplanke langt. Ist das hier ne Carrera-Rennbahn, ihr Boomer? Immer wollen die dann überholen, wenn ich von hinten komme und dann bremsen muss. Ja, Herrschaftszeiten, ist das etwa umweltfreundlich? Die können doch auch mal mitdenken und verhindern, dass ich unwirtschaftlich fahren muss. Aber nein, was zählt, dass ist mal wieder deren Freiheitsbegriff. Bruchrechnung. Zählung durch Nennung. Ich zähle nicht. An mich denkt mal wieder keiner. Und wenn dann hinter mir der nächste Audi RS, Porsche, BMW M-Klasse, Mercedes sowieso die Lichthupe zieht, dann möchte ich am liebsten ne Vollbremsung hinlegen, auf dem Mittelstreifen anhalten und dem Knilch in seinem sportlichen Gesches erklären, er solle sich doch bei den Asphaltbasen vor mir beschweren. Aber mir, mir kann man doch die Fahrweise meiner Vorfahren doch nicht anlasten. Da sind doch ganz andere Schuld, dass die deren freie Fahrt als freie Bürger nicht erhalten bekommen.

Ja, geliebte geliebte, man solle doch logischerweise all diesen Kleinstwagen und deren anderen Geschwindigkeitsunwilligen die Fahrerlaubnis entziehen.

Gut.

Vor einem Jahr, als diese Corona-Pandemiebegann, da haben wir alle von “Entschleunigung” geredet. Weißt du noch, wie unsere Mutti mit dem Rollator noch schnell in den Supermarkt wollte? März April 2020.

“Mach langsam, Muttchen, nur keine Hektik. Entschleunige dich mal.”

Gut. Sie war dann stinksauer, weil, als sie ankam, war der Supermarkt bereits drei Minuten zuvor in seiner Ladenschließung-Zelebration. Meine Mutti diskutierte noch mit dem Türsteher, der darüber wachte, dass nur exakt so viele Menschen im Laden sein durften, bis dass die amtliche Strafandrohung greifen konnte. Nur dieser Mensch von Kleiderschrank, schwarz gewandet wie jener Mr. Smith aus dem Film “Matrix”, jener “Homo Erectus”  war ob jener Argumentation, dass sie och nach Klopapier und Nudeln schauen würde,der war unfähig, kompetent zu antworten. Selbst der Marktleiter schaute vorbei und meinte lakonisch “Nudeln und Klopapier? Gerade aus”. Wozu der schwarz gewandete Kleiderschrank anmerkte: “Geradeaus habe ich auch nichts. Aber schau, Muttchen, wenne keine Nudeln zum Kauen hast, brauchste auch kein Klopapier. Verzichte mal auf die Nudeln. Wirste auch nicht fett. Brauchste auch weniger Vitamin D.”. So kam meine Mutter entschleunigt heulend am Rollator wieder nach Hause.

Entschleunigung. Warum fährt dieser Knilch vor mir auch so langsam? Verständlich. In dessen Alter ham die es nicht so sehr mit dem vorzeitigen Exitus. Dem Sterben an sich. Jener hat sicherlich noch 50 Jahre hin, bis dass er in jenes Gras beißt, welche wir Alten ihm erst noch säen werden und jener dann zu einem Wald oder Industriestandort umfunktionieren wird. Ich wette, der wird an einer Straßenkehre beerdigt. Da, wo die Randstreifenbegrünung noch fröhlich Urständ fiert.

Überhaut. Hat sich schon jemand Gedanken darüber gemacht, dass Autobahnen der Hort des Grünen sind? Ein Kilometer Autobahn bedeutet drei Kilometer Grün: jeweils einen Kilometer an den Rändern und einen in der Mitte. Und neuerdings werden Lärmschutzwälle daneben gebaut. Das heißt, ein Kilometer Grün auf der Walloberseite und jeweils einen an dessen Wallhängen. Beidseitig der Autobahn. Macht summa summarum neun Kilometer Grün pro Autobahnkilometer (… na? hat jemand nachgerechnet, ob’s stimmt? …). Warum dann  nicht mehr Autobahnen gebaut werden, um uns Bürgern mehr Grün zu spendieren, versteh ich nicht.

Stattdessen will jeder ein Eigenheim mit Kiesgarten davor. Kiesgarten oder Steingarten. Der letzte Schrei der Häusle-Besitzer. Macht keine Arbeit, lockt keine lästigen Insekten an, welche man dann abends im Hause mit dem ökologischen Bio-Fliegenspray wieder von den Design-Polstermöbel vernichten muss; keine ekligen Nacktschnecken, die nichts finden zum Anziehen, weil im Steingarten keine Blätter gedeihen; keine Einbrecher, die selbst auf leisen Sohlen im Kiesbett (oder Steingarten) Krach machen würden und einem im gesunden Schlaf oder bei der wichtigen Meditation stören würden … ja so ein Kiesgarten, respektive Steingarten, der hat doch auch seine Vorteile. Einfach nur mit dem Gartenschlauch kurz abspülen und weg ist der Dreck. Sauber isses.

Geliebte Geliebte, die Fahrt ist eintönig, es herrscht kaum Verkehr hier auf der Autobahn. In meiner Playlist läuft gerade zum vierten Mal Chris Rea “Driving home for Christmas”. Chris Rea, der alte “Running on empty”-Philosoph. Ich laufe auch gleich auf empty. Nur noch ein Strich auf meiner Tankanzeige. Das Fahrzeug läuft super. Mit Super super. Eins fuffzich hatte der Liter an der letzten Tanke gekostet. Eins fuffzich: genau so wie der Abstand bei der AHAL-Regel. Der Verbrauch des Fahrzeugs ist auch akzeptabel: von 4 Liter bis 15 Liter auf 100 Kilometer ist alles machbar. Inklusive Abstandwarnung.

Lediglich das bordeigene Navi nutze ich nicht. Dann doch lieber die App meines Smartphones. Bei der werden auch die Blitzer vermerkt. Auf Englisch gibt es dann  noch die Stimme vom Weihnachtsmann: “Now, turn right. And ring the sleight bells. Ho ho ho.”

Ho ho ho. Am Anfang fand ich das noch witzig, dieses Ho-ho-ho-Männeken..Gut. Auf der Autobahn meldet sich das Smartphone bislang selten. Kein einziger Blitzer. Polizei in Weihnachtsstimmung. Es wir ein kostengünstiges Weihnachtsfest.

“Guten Tag. Sie wissen, warum wie Sie angehalten haben? Zu schnell, zu dicht aufgefahren, Lichthupe, rechts überholt, Stinkefinger gezeigt, ausgebremst. Das macht 1500 Euro Sofort-Kasse. wir nehmen auch ihr Fahrzeug in Zahlung. Sammeln Sie Punkte in Flensburg? Keine Sorge, die lassen wir Ihnen kostenlos nachtragen. Sie sollen doch auch noch für später etwas haben. Frohe Weihnachten, Merry Christmas. ho ho ho.”

Geliebte geliebte. Ich bin bei Lüdenscheid. Die A45 ist gesperrt. Im Herzen von Merz-County. Sauerland. Siegen hatte ich bereits hinter mir gelassen. Ich erinnere mich an das Lied von Pete Wyoming Bender und sein Anti-Siegen-Lied. das war im November 1981. Das ist schon sechs Beziehungen her.

Mann, Mann, Mann, waren die Einwohner von Siegen angepisst, die männlichen Einwohner besonders: “Nie mehr siegen “ (“ und das als Mann. Nie mehr siegen, ob ich das kann … und ob ich auch siegen will, hat man mich nie gefragt” …) . Pete Wyoming Bender. Lang ist’s her. Ob sich hier noch wer dran an ihn erinnert?

Ich muss jetzt wieder auf den Fahrersitz klettern, den Autopiloten mit der Sprachsteuerung im Menü deaktivieren. Muss leider wieder selber fahren. Das wird jetzt stressig.

Ich schreib dir wieder, wen ich in der Gebrauchsanweisung gefunden habe, wo ich den Autopiloten und seine Sprachsteuerung im Menü deaktivieren kann und ich ihn später wieder aktiviert bekomme. Ich hoffe, 200 km/h erreicht meine Stimme zeitlich noch vorher das Mikro bevor ich am Ziel bin. Einstein hatte da mal gesagt, wo ich mir nicht ganz sicher bin, ob er damit auch bei einem PKW-Autopiloten in seiner wissenschaftlichen Aussage recht hat. Denn damals gab es so etwas ja noch nicht. Den Vordersitz zu erklimmen, wird noch ein wenig dauern. Wird schon alles gut gehen.

Bis dahin, gehab dich wohl, geliebte Geliebte.

Bis denne.

Über kreisende Berge und geborene Mondkälber

»Und an dieser Stelle, meine sehr verehrten Herren und Damen Politiker hier anwesend im Saale, möchte ich nun nachfragen, ob Sie eventuell ein unübliches Getränk zu sich genommen haben. Denn Sie sagten unvernünftiger weise bereits …«

»Stopp! Stopp! Das geht so nicht.«

»Was geht so nicht?«

»Ihre Rede ist ja komplett für Somnambule. Professor Hastig der Sesamstraße wäre zu Ihnen bereits die reinste Redekanone.«

»Professor Hastig? Wer soll das sein? Ein Somnambuler?«

»Manno, im Vergleich zu Ihrer Rede erregen zwei Schnecken mehr Aufmerksamkeit, wenn die statt Ihner am Rednerpult einfach nur vögeln würden.«

»Schnecken vögeln für Aufmerksamkeit?«

»Sagen Sie doch einfach: ‚Und an dieser Stelle, Ihr Poly-Ticker hier im Saale, habe ich nur eine Anmerkung: Ob Sie Lack gesoffen haben, habe ich gefragt’«

»‘Lack gesoffen’? Wer tut den so etwas?«

»Ihre angesprochenen Leute. Die vor Ihrem Rednerpult.«

»Die sollen Lack saufen?«

»Das ist Rhetorik!«

»Lack trinken, das könnt ich noch verstehen. Also so ein Mal, so aus Irrtum. Aber Lack saufen, so regelmäßig in Übermaß? Das schlägt doch auf den Magen, oder etwa nicht?«

»Man, hey, das ist Rhe-to-rik! Das ist doch nicht wörtlich zu verstehen!«

»Nein?«

»Nei-en! Das ist lediglich eine kalkulierte Verbalinjurie!«

»Aber warum soll ich denn so eine Beleidigung aussprechen?«

»Weil, politisch Korrektes können Sie ruhig anderen Volltrotteln überlassen. Sie aber müssen mitreißen, bewegen, aufwühlen, Widerspruch erzeugen, kontrovers sein.«

»Und für so etwas nehme ich dann an, dass die anderen Lack saufen?«

»Mann, oh Mann.«

»Ich kannte da mal ein Elternpaar, die hatten einen Sohn, der hatte mal Lack getrunken. Sie hatten es nicht verhindert. Weil sich dessen Widerstandskraft und Immunsystem auf Umweltgifte einstellen sollte, meinten sie. Danach hatten die den Lackhersteller verklagt, weil dessen Warnung auf der Dose für Kinder nicht deutlich genug lesbar gewesen sein sollte. Und den Hersteller der Gegenmedizin.«

»Darum geht es nicht, ob Sie irgendein, so ein Vollhorst-Elternpaar kennen …«

»Lehrerin für Deutsch und Religion und er Ingenieur. Beide Akademiker. Sie prozessierten bis zur letzten Instanz.«

»Mir doch egal. Ihre Geschichte interessiert keine Sau. Was zählt, ist die Rede. Es geht darum, was Sie mit Ihrer Rede bewirken. Und wenn nachher alle Lack saufen sollten, okay, nicht Ihr Problem, okay, das kann Ihnen doch letztendlich egal sein.«

»Ja aber ….«

»In Ihrer Rede kann es nur um das eine gehen: wenn der Prophet nicht zum Berg kommt, kommt der Berg zum Propheten. Darum kreist Ihre Rede. Ihre Rede muss einschlagen, wie ein Berg bei den Propheten. Also nochmal das Ganze!«

»Und an dieser Stelle, meine sehr verehrten Herren und Damen hier im Saale, habe ich nur eine wichtige Anmerkung, die mir mein Redenschreiber vermittelte: Lack reißt mit, Lack bewegt, Lack wühlt auf und erzeugt Widerspruch. Seien sie kontrovers, kaufen Sie Lack. Das schlägt ein!«

»Saufen! Nicht ‚kaufen‘, Dämlack!«

»Äh, saufen. Also nicht kaufen, Sie Dämlacke!«

»…«

»Besser?«