Als der Nordpol nahe eines beschaulichen Dorfs im Münsterland weiter wanderte – Teil 3

Was vorher geschah: Teil 1, Teil 2

“Ho-ho“, intonierte Thomas wie ein Weihnachtsmann diese Buchstaben, hauchte sie atonal aus seiner Kehle heraus, “ja ist denn schon wieder Weihnachten?”

“Ho! Ho!”

Thomas zuckte zusammen. Hatte ihm jemand geantwortet? Er schaute sich um: “Ist da jemand?”

In dem Moment verfing sich die dornige Ranke in seinen Strumpf. Er spürte schmerzhaft wie die Dornen über seinen Knöchel ritzten.

So saß er also dort über seinen Rucksack, starrte auf sein Smartphone, blickte erneut auf seine Karte und den Aufzeichnungen seines Notizbuches und überlegte, ob er noch auf den richtigen Weg wäre. Konzentriert schaute er sich nochmals um. Den Unterstand konnte er nicht mehr sehen. Dafür sah er nicht unweit vor ihm einen Schlagbaum und darauf eine Frau sitzend. Hinter dem Schlagbaum schien es einen Weg zu geben. Thomas packte seine Sachen in den Rucksack, stand auf und ging zu der Frau hinüber. Je näher er kam, desto mehr erkannte er, dass die Frau eine alte Haspel vor sich stehen hatte, auf der sie einen Faden abwickelte.

Haspel? Spinnleonore? Thomas musste grinsen. Was sollte das denn? Kulturgutpflege? In dieser Gegend? Für einzelne Wanderer? Das konnte er nicht glauben. Wahrscheinlich hatte war sie es, welche seinen Ruf beantwortet hatte. Übermütig rief er der Frau zu: “Hey, sind Sie die Spinnleonore? Leonore, sind Sie es? Ho-ho!”

Die Frau blickte auf und ein weiteres “Ho-ho” ertönte als Antwort. Aber es kam nicht von der Frau. Thomas tippte auf ein Echo.

“Ho-ho, Spinnleonore. Hier soll es eine Absturzstelle aus dem Zweiten Weltkrieg geben. Wissen Sie, wo ich die hier finde?“ rief er der Frau zu.

“Ho-ho”, antwortete es, diesmal näher als zuvor. Nur, die Spinnleonore war es nicht. Sie saß weiter dort und haspelte ungerührt, gleichwohl sie ihn trotzdem anblickte. Ihr Mund formten Worte, die er so nie zuvor gehörte hatte: “Ick häör et auk. Ick häör et auk.” Eine Stimme hinter der Frau antwortete: “Awat, du bis nich wies!” “Ick nich wies? Dann luster doch äs up!”, schien die Frau zu antworten. “Alles dumm Tüg! Alles dumm Tüg!” “Dat Viennmöerken halt die!”

Thomas war verwirrt. Was wurde da geredet? Wohin musste er? Wies? Luster? Tüg? Und wo soll jenes Viennmöerken halten? Er verstand nur noch Bahnhof. Zögerlich rief er es nochmals mit der Stimme eines heiseren Weihnachtsmann ein “ho-ho”, als es über ihn krachte. Er konnte noch erkennen, dass er unter einer knorrigen Eiche stand und ein kleinwüchsiger Mann auf ihn zu fallen drohte. Fallen? Der fiel nicht! Wenn Fall, dann Überfall, waren seine panischen Gedanken. Gleichzeitig spürte er wie dieser Zwerg-Mann im Fall auf seinen Kopf traf, dabei dessen Hände um Thomas Hals legte und zudrückte. Verflucht! Heimtückische Davert …

Thomas öffnete langsam seine Augen. Sein Kopf schmerzte, sein Hals tat ihm weh. Er lag unter einem Baum, einer Eiche, einer knorrigen Eiche. Es war dunkel und die Astlöcher der Eiche sahen wie Augen aus, die ihn kalt musterten. Zum Teufel nochmal! Sein Rucksack. Er tastete um sich und atmete erleichtert auf, als er ihn erfasste. Gott, sei Dank, er wurde nicht geraubt. Thomas richtete sich auf, zog ihn zu sich, öffnete ihn und zog sein Smartphone hervor. Er musste wohl schon einige Zeit lang gelegen haben, denn die Uhr zeigte ein Uhr nachts an. Der Akkustand war niedrig, aber reichte noch aus. Netz hatte er keines, Funkloch offenbar. Obwohl, er hatte doch vorher … . Er zuckte mit den Schultern. Seine Karten dieser Gegend funktionierten auch offline. Er hatte sie sich zuvor herunter geladen. Verwirrt richtete er sich auf und erblickte vor sich eine hell erleuchtete Waldlichtung. Er schaute auf seine Smartphonekarte, um sich zu orientieren. Es dauerte ein wenig, bis das GPS ihn lokalisiert hatte. Er wartete noch etwas. Aber die Karte baute sich auf seinem Smartphone nicht auf, sondern die App verlangte nach Internetzugang. Er wedelte kurz mit seinem Smartphone in alle Himmelsrichtungen, um irgendwie einen Zugang zu erhalten, aber es war nutzlos. Kein Netz.

Er schaute zu einer Waldlichtung rüber. Sie lag in einem fahlen Licht getaucht. Im Geäst über sich konnte Thomas den Mond ausmachen, der die Szenerie beleuchtete. Offensichtlich der Vollmond. In der Lichtung erstreckte sich eine Wiese, deren helles Grün eigentümlich verführerisch leuchtete. Thomas wechselte auf die Kamera-App, stützte das Smartphone auf sein Knie ab und hielt es auf die Szenerie. Er atmete tief ein und aus, um eine ruhige Hand zu bekommen und löste aus. Dreimal wiederholte er das Ganze. Er wollte sicher gehen, dass zumindest ein Foto nicht verwackelt sein würde. Mit ein paar Wischen kontrollierte er die Fotos. Zwei erschienen ihm unverwackelt, das dritte wollte er löschen, als er von einer Bewegung auf der Lichtung abgelenkt wurde. Er kniff seine Augen zusammen, um besser sehen zu können.

Tanzten dort zwei Frauen? Er schloss kurz seine Augen, schüttelte seinen Kopf rasch hin und her, um wacher zu werden und öffnete sie wieder. In der Tat, er sah zwei nicht mehr so junge Frauen. Tanzende Frauen in weißen Nachtgewändern. Sicher war sich Thomas nicht, denn er bemerkte auch, dass die Wiese dampfte, dass aus ihr Nebelschleier aufstiegen, die aussahen wie Spinnweben. Und das Tanzen der Frauen bestand eher aus seltsamen Sprüngen. Zudem er glaubte auch Gesang zu vernehmen. Dem, was er sah, traute er jedoch nicht. Er hatte vor, sich bemerkbar zu machen und ihm lag schon wieder dieses “ho-ho” auf der Zunge. Aber instinktiv verbiss er sich es. Dieses “ho-ho” erschien ihm nicht geheuer.

Ein Ast knackte. Thomas duckte sich und bemerkte wie eine Gestalt sich den Frauen näherte. Verwundert schaute er zweimal hin. Die Gestalt war die eines Kiepenkerls. Zumindest hatte er eine Kiepe auf seinen Rücken geschnallt, trug offensichtlich Holzschuhe und hielt eine leicht rauchende Pfeife in seiner Hand. Die Frauen bemerkten ihn und tanzten den Kiepenkerl an. Der leise Gesang der Frauen wurde ein wenig lauter, aber Thomas verstand nicht wirklich, was sie sangen. Er hatte sich inzwischen flach hingelegt und beobachtete, das seltsame Treiben. Die beiden alten Frauen betanzten den starken stämmigen Kerl und irgendwie hatte er das Gefühl, dass das Ganze wie eine der Szenen aus dem Film “Dirty Dancing” ausschaute. Die Frauen rieben sich beim Tanzen sichtbar mit Vergnügen an dem Mann.

Fortsetzung folgt

Als der Nordpol nahe eines beschaulichen Dorfs im Münsterland weiter wanderte – Teil 1

“Verdammte Hacke! Diese stacheligen Ranken, ich hasse sie!”

Mit spitzen Fingern entfernte Thomas einen dornigen Ast aus seinem Strumpf. Die Dornen sträubten sich, so dass Thomas feine Fäden beim Entfernen aus seinem Strumpf zog. Schimpfend drehte Thomas den Ast weg und blickte auf die zwei kleinen Löcher in seinem Strumpf.

“Da reden die von der Wichtigkeit der Forstwirtschaft und schaffen es nicht mal die Pfade hier im Wald einigermaßen begehbar zu machen. Sackgesichter.”

Mit dem Smartphone in seiner Rechten überprüfte er nochmals die Richtung. Mit seiner Linken holte einen Notizblock aus seiner Hosentasche. Darin hatte er sich mit Bleistift Zahlen notiert, die er jetzt mit den GPS-Koordinaten auf seinem Smartphone verglich.

“Ich verstehe das nicht. Was stimmt da nicht? Das waren vorher doch andere Koordinaten. Als ob sich die Karte ändert. Verdammte Software.”

Ratlos hielt er inne, nahm seinen Rucksack ab, öffnete ihn und holte eine Karte hervor. Sorgsam entfaltete er diese und blickte während dessen immer wieder auf sein Notizblock.

“Oder habe ich mich verrechnet? Oder die Aufgabe stimmt nicht. Moment.”

Mit seinem Zeigefinger strich er ein paarmal über das Display und las leise:

“Betrete das Tor zur Davert. Geografisch durchfliest der beschauliche Emmerbach diese Davert-Senke von Südosten nach Nordwesten. Passiere die Haselburg, deren Reste unter einem Wäldchen verborgen liegen. Ziehst du von der Haselburg aus eine Linie über die ‘Hohe Heide’, findest du einen Rastplatz. Besucher des Rastplatzes vergraben manchmal ihre Hinterlassenschaften direkt hinter Hütten, manche nicht. Und manche Geocacher vergraben ihre Hinweise etwas weiter unter einem Stein in einem Holzkistchen, etwa ein Dutzend Ruten entfernt.”

Den Rastplatz hatte er über Umwege erreicht. Er war nicht schwer zu finden, nur sein Navi-Gerät funktionierte in der Gegend nicht mehr so genau. Die erwähnte Hütte glich jedoch eher einem Holzunterstand mit einer Holzbank. Sie diente wohl den Pättkesfahrern und Wanderern als Schutz vor Regengüssen und als Pausenplatz. Die vielen Papiertaschentuchfetzen im Bereich hinter dem Unterstand kündete von den erwähnten Hinterlassenschaften. Der Ort diente mutmaßlich wohl als Toilettenersatz.

Den Ort, an dem sich das Holzkästchen vergraben lag, fand er nicht sofort, denn der Boden war mit Laub bedeckt und ließen keinen Stein sehen. Anfangs suchte er vergeblich. Dann grübelte Thomas darüber nach, was im Hinweis mit den ‘Dutzend Ruten’ gemeint sein könnte. Haselnusssträucher oder Weiden erblickte er nirgends. Beim Suchen auf den Boden kam ihm die Idee, einen alten verzweigten Ast als Laubrechen zu verwenden.

Geocaching war sein Hobby und das Lösen der Rätsel ließ manches Mal seine Ideen sprudeln. Es gab ihm das Gefühl einer Mischung von “MacGyver” und “Die 3 Fragezeichen”. Als er den Ast zum Fegen des Waldbodens vorbereitete, fühlte er sich dieses Mal wie “MacGyver”. Es dauerte zwar seine Zeit, bis er fündig wurde, als er aber einen ellengroßen Stein auf dem Boden vom Laub frei gefegt hatte, war ihm die verstrichene Zeit egal. Die Entfernung zum Unterstand schätzte Thomas auf fast 50 Meter ab. Wie lang musste nach Meinung des Verfasser dieses Geocaching denn somit eine Rute sein? 3 Meter 80? Oder meinte der Verfasser die Größe eines kleinen Baums? Thomas kniete nieder, schob den flachen Stein beiseite. In dem Loch darunter fand er in einer schwarzen Tüte das gesuchte Kästchen. Er befreite das Kästchen aus der Tüte und klappte den Deckel auf. Nach kurzem Durchschauen des Inhalts entdeckte er in dem Kästchen einen laminierte Zeitungsausschnitt und mehrere andere einfolierte Papiere.

“Die Erde besteht im Innern aus einem über 5000 Kelvin heißen Kern aus Eisen und Nickel”, las Thomas aus dem Zeitungsausschnitt leise vor. “Die Temperaturunterschiede vom Kern zur äußeren Hülle führen zu thermischen Materialströme innerhalb des Kerns. Diese werden bei deren Aufsteigen zur Kruste hin als auch nach deren Abkühlung beim Absinken wiederum von der Corioliskraft abgelenkt. Die Magnetfeldlinien der Erde sind an diese Ströme gekoppelt. Da das Erdinnere und seine Prozesse nicht wirklich ausreichend erforscht sind, bleibt zur Berechnung der Magnetfeldlinien nur die Anwendung von lineare Modellen. Und so wird das Model mit der Lage von Nord- und Südpol alle fünf Jahre mit den aktuellen Daten auf den neusten Stand gebracht. Dieser Stand ist wichtig für die satellitengestützte Navigation und anderen GPS-Geräten. 2016 etwa, nur ein Jahr, nachdem die Forscher ihr Modell zuletzt aktualisiert hatten, trat unter Südamerika ein heftiger geomagnetischer Impuls auf, der die tatsächliche Entwicklung von der Voraussage abweichen ließ. Schon vor fast 200 Jahren hatte Alexander von Humboldt festgestellt, dass das Magnetfeld über dem Südatlantik, Südamerika und Südafrika besonders schwach ist. Satelliten sind ebenso wie die Lebewesen am Boden in diesen Gegenden einer erhöhten Strahlung aus dem All ausgesetzt. Dieses wird als die ‘südatlantische Anomalie’ bezeichnet. Ähnlich wie die Beschleunigung des Nordpols könnte auch solch eine Anomalie eine Umpolung der Erde ankündigen. In den 90er Jahren des letzten Jahrhunderts hatte sich die Wanderung des magnetischen Nordpols bereits von 15 auf 50 Kilometer pro Jahr beschleunigt gehabt. Und diese Beschleunigung geht weiter. Je mehr geologische Anomalien entstehen, desto stärker die Beschleunigung. Sollte sich beispielsweise irgendwo das Erdinnere öffnen – also Vulkane, Erdspalten mit Magma, oder sollte sich gar das Tor zur Hölle öffnen – und somit die Materialströme im Erdkern sich dadurch verändern, dann hat das Einfluss auf die Lage des Nordpols. Wenn dann der Flieger von Düsseldorf nach Gran Canaria plötzlich mit Kerosinmangel in Cap Verde landet, dann könnte es an einer fehlenden Aktualisierung der Magnetfeldmodelle liegen und somit mit der Satellitennavigation zu tun haben. Denn Navigationsgeräte interpretieren Daten nicht, sie nehmen die Daten als bare Münze für ihre mathematischen Algorithmen.”

Thomas blickte nachdenklich auf den Zeitungsausschnitt und las ihn sich erneut still durch. Er schüttelte den Kopf. Was sollte dieser Ausschnitt? Er nahm das nächste ebenfalls sorgsam laminierte Blatt Papier aus dem Kästchen.

“Du hast bislang alles gut gemeistert. Ich hoffe, du hast nicht die letzten Haselnusssträucher oder Weiden geplündert, um ein Dutzend Ruten daraus zu gewinnen. Denn bei ‘Rute’ handelt es sich um eine alte Entfernungseinheit. Sie umfasste 12 Fuß, also in etwa drei Meter achtzig. Aber jetzt zur nächsten Aufgabe. Die Davert ist eine verwunschene Flachsenke im Kernmünsterland und sie war ein unwirtlich mooriges Gebiet, denn sie stand damals immer größtenteils unter Wasser. Und diesen schaurigen Charakter hat die Davert bis heute nicht verloren. Es soll hier spuken.”

Fortsetzung folgt

Kneipengespräch: The day after – brennen muss Lady of Paris …

Sie brennt. Notre Dame, the Lady of Paris, brennt. Und wie sie brennt. Da sitzen sie nun da und glotzen. ntv. Der Wirt hat ntv geschaltet.

“Die Franzosen mal wieder. Kaum wird bekannt gegeben, dass gegen Winterkorn wegen den Abgasen bei VW ermittelt wird, zünden die vor Jubel gleich Notre Dame an. Wer sagt denen, dass Osterfeuer erst am Ostersonntag gezündet werden …”

“Das waren die Gelbwesten! Endlich mal ne Demo für die Abschaffung der Kirchen.”

“Vielleicht findet man ja einen Personalausweis vor der Kirche. Wir sind ja inzwischen aufgeklärt worden, dass muslemische Attentäter immer deren Ausweisdokumente am Tatort verlieren … man sollte jetzt mal die AfD-Twitter-Accounts verfolgen. Die haben doch immer solche Informationen als erste. Oder den Account von A. Schwarzer. Die ist ja auch immer voll im BILDe …”

“Wo saufen wir denn das nächste mal, wenn wir wieder nach Paris trampen?”

“An der Seine. Weil übernachten tun wir dann im Baugelände der Notre Dame. Und dann frühstücken mit Flics …”

“Wer rettet jetzt den Glöckner? Oder hat der sich schon wieder heimlich zu Esmeralda geschlichen?”

“Nicht der Glöckner. Sondern diesen Abend Grisu, der kleine Drache. Passend zur achten Staffel von Games of Thrones. Action!”

“Diese Live-Übertragung auf ntv. Da ist das Bild der brennende Kathedrale. Richtig ruhig gefilmt, viel ruhiger… einfach nur eine Einstellung … ungeheure Spannung … stürzt die alte Bude ein … bleiben die Glocken hängen. Aber kein Wort zum Glöckner und seine Esmeralda.”

“Der kommt erst in die Kamera, wenn jener Kessel mit erhitzten Pech auf die Feuerwehrleute kippt … ”

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