Provinznotizen aus Deutschland Süd bei Südost (3): Stille Wasser sind still

Still. Absolut still.

Ein zweiter Versuch. Etwas kürzer, aber weiterhin lang. Lange Stille.

‘Still sein’ ist wie das neue Rufen im gerodeten Walde. Je stiller man hinein brunft, desto weniger tiriliert es vogelnderweise heraus. Brünftig sein, ist ja nichts schlimmes. Vorausgesetzt, der Vorhang ist zugezogen, die Bettdecke hochgezogen und der Rest vom Toilettenpapier ist in der Nähe griffbereit. Dann ist Stille. Das neue stille Schweigen. In Schweigen gehüllt. Des Kaisers neue Kleider. Du hast nichts zum Anziehen? Hülle dich in Schweigen. Das Normal aller Schweiger.

Das neue Normal ist jetzt das Beaugapfeln. Ist jemand gegen die Kritik an dem System kritisch eingestellt? In der Internet-Galaxis und der Blogosphäre gerät jeder Mensch ins Fadenkreuz der Systemkritiker, wenn nur ein Hauch von Häresie der Systemunkritischheit weht. Bin ich systemkritisch genug? Wenn nein, dann bin ich Systemsympathisant. Mainstream-Schreiber. Mainstream-Presse-Förderer. Fake-News-Unterstützer. Also so eine Art “Erdoğan für Arme” mit dem christlichen Anspruch eines Donald Trump: “Seelig sind jene geistig Armen, denn irrer ist nur das bekloppte Himmelreich”.

Freilich liegt damit die Verwendung des Wortes “Verschwörungstheoretiker” nah. Näher, bei denen, die in Schubladen denken müssen, weil deren Abstellräume das reine Chaos sind. “Rumpelkammern” werden solche Abstellräume auf deutsch gerne genannt. Aber Schubläden sind die hohe Kunst des Einräumens von Chaos auf kleinstem Raum: ein Clustern von klandestinen Ansichten, welche man gerne als Konspiration ansehen möchte, weil es dann kaum Erklärungsbedarf geben soll. Nur eine derartige Verschwörung ist keine Verschwörung mehr, wenn jene Verschwörung bereits überall herum vagabundiert und sich selber implizit anpreist wie sauer Bier. Annahmen über Zusammenhänge, welche den eigenen Horizont übersteigen und zum Zwecke der konsequenten Ablehnung der Existenz eines wie immer auch gearteten Zufalls, also solche Annahmen, sie sind wie Straßenhuren: billig, willig und von allen Seiten mit dem steifen Willen der Überzeugungstäterschaft zu penetrieren.

Hört sich seltsam kompliziert an, aber es ist die geschäftliche Basis der Prostitution durch weiblichen und männlichen Prostituierte. Dass trotzdem dieses kaum einer verstehen will oder möchte, gleicht den Tipps aus jenen Büchern wie “So werde ich in vierzehn Tagen Millionär”. Lediglich der aufmerksame Nachdenker fragt gleich nach, in welcher Einheit der Begriff “Millionär” definiert wird. Als Währung “Bolivar fuerte”? Oder Einheit “Wassertropfen”? Und was mit den verbleibenden vierzehn Nächten in Zeiten der Globalisierung ist, die dann immer noch übrig bleiben würden, das treibt dann jene in Bücher wie “Sixty Shades of Grey”. Hurra, wir lesen noch. Dieser Begeisterungsausruf darf doch wohl noch geschrieben werden, oder etwa nicht?

Oder etwa nicht? Ich erinnere mich an eine Messenger-Nachricht, die ich erhielt, dass der Inhalt der zitierten Nachricht regierungsseitig schon bald zensiert würde und deshalb schnell weiter verteilt werden sollte. Dass meine ersten Nachforschungen mir zeigten, dass der Inhalt der “bald zensierten” Nachricht schon fünf Jahre alt war (Herkunft: AfD), stellt eigentlich den vollkommenen Beweis der Unsinnigkeit der Nachricht dar. Sie erreichte mich aber im Rahmen der “zeitlich nahenden” Zensur mehrmals und wurde mir auf Rückfragen als seriös eingestuft.

So erhielt ich international in meinem Messenger auf meinem Smartphone die Warnung wegen CoVid-19 das Medikament “Ibuprofen” zu nutzen. Auf meinen provokative Antworten, dass diese Nachricht aus dem Bodensatz der Aluhutträger stamme, kamen dann nur Antworten, die vergleichbar sind mit Deos mit Aluminium und Deos ohne Aluminium. Dabei gibt es doch so viele Forschungen ohne Peer-Review, die vor Aluminium in Deos warnen. Weil jenes dann duhn in den Köpfen machen soll. Und die logischen Rückfolgerungen, dass Aluminium schon seit Gottes Schöpfung gefährlich für den Menschen sei. Ergo schuf Gott schon das Mittel der Zerstörung für das Lebewesen, welches sich als die Krone der göttlichen Schöpfung ansieht

Moment, ich wollte jetzt keine religiöse Überzeugung beleidigen. Was ich gerade schrieb, würde bedeuten Gott/Allah/Jehova/etc. hätte schon die intellektuelle Vernichtung des Menschen bei dessen Schöpfungsakt mit eingeplant gehabt …andererseits haben die ganzen Gottesdienste und Gebete bis jetzt noch keine Problemlösung gebracht … Gottesbeweis? …

Seitdem jenem Freitag, dem letzten 13ten, den wir in diesem März hatten, zwei Tage vor den Iden des Märzes, an dem Gaius Julius Caesar vor 2064 Jahren das Opfer einer Verschwörung (und nicht lediglich Opfer einer Verschwörungstheorie) wurde, seit es also an jenem Freitag, dem 13ten, mit bundesstaatlichen Verordnungen losging, konnte ich folgendes feststellen: es hat weniger Flieger in der Luft, somit hat es weniger Chemtrails, hat es jetzt immer mehr Gesichtsmasken und dazu immer mehr Verschwörungstheoretiker. Aber kaum Verschwörungen. Das ist doch auffällig. Oder etwa nicht?

Und dann ist jetzt auch noch heute die Alufolie im Supermarkt gegenüber ausverkauft. Aber da klingelt es bei niemanden. Weder bei Verschwörungstheoriegegnern, noch bei Verschwörungserzählern, die jetzt mit Alubällchen am Rucksack durch die Gegend laufen. Einfach kein Klingeln, Null klingelingeling. Fällt das nur mir auf? Meine erste Intention war: Ich geh dann mal runter und klingle bei allen in der Straße, damit die endlich mal aufwachen. Klingelstreich.

Was sich in diesen Zeiten rauskristallisiert, ist ein Standes-Denken vieler Mitbürger. “Ich bin Akademiker!”, “Ich bin Lehrer!”, “Ich hab nen Doktortitel!”, “Ich habe allen drei schon mal für nen Fuffi einen geblasen!” Das letztere bezog sich freilich auf einen Marsch, den wütende Mitbürger gerne blasen, und nicht auf eine sexuelle Praktik. Diese sexuelle Praktik geht eh nicht. Unhygienisch. CoVid-19- und HIV-Befürchtungen lassen grüßen.

HIV war Mitte der 80er das gesundheitliche Angstthema. Bayern wollte damals einen HIV negativ-Test von seinen Staatshinzugehörigen als Standard haben. So etwas könnte als Pawlowsche Experiment unter der freien Sonne bezeichnet werden. Menschen massiv zu ängstigen und gleichzeitig als Retter zu einem Gegenpol aufzubauen. Jene “Retter” lassen sich in Folge leicht zu Tätern umfirmieren. Und weil sich Situationen immer stetig ändern und das Vergangene aus einer Gegenwart generell anders beurteilt werden kann (und das in unterschiedlicher Weise), ist alles im Fluss. In dynamischer Bewegung. Und generiert Gewinner und Verlierer, Helden und Opfer.

Wie schrieb mir jemand recht angepisst über seine Einstellung zur aktuellen Situation: “Zum Dank für die Rettung durch unserer Helden werden wir ihnen die Füße lecken.” Eine Einschätzung, die eine dezidierte Gedankenwelt und Disposition wieder spiegelt. Mit dem “wir” wollte er mich vereinnahmen. Nur musste ich es zurückweisen, weil ich nicht so pauschalierend systemnegativkritisch denke. Daher erhielt ich auf meine Rückweisung auch eine negatives Reaktion.

Ich verstehe, dass es Kritik an der Berichterstattung über die Corona-Sachlagen gibt. Es ist auch nur zu verständlich. Waren vor sechs Wochen die “Johns Hopkins University & Medicine”-Zahlen noch die begehrtesten Statistiken, die wie Medaillenspiegel bei einer Olympiade behandelt wurden, so langweilt es die Menschen, diese Tabellen weiterhin anzuschauen (“Crisis? What crisis?”). Unter den Top-5 ist letztendlich nur ein EU-Land. Und zweieinhalb der Top-5 lassen sich nicht einmal dem Kontinent Europa zuordnen.

Who cares? Wayne interessiert’s, dass in Brasilien nicht nur der Regenwald niederbrennt, sondern auch die Leute im Bundesstaate Amazonas in deren Bundeshauptstadt Manaus wegen CoVid-19 flach liegen und sterben? Wie die Fliegen? Fake News? Hauptsache, es nervt niemanden. Und auch mich nicht, mit jenen Abstandsregeln im Biergarten oder an der Isar …

Während der Gouverneur von Manaus und der Präsident von Brasilien so populär wie eine Furunkel am aller wertesten After erscheinen, so erscheint Markus Söder wie der Fackelträger von Gesundheit und Ordnung in Deutschland.

Was haben Karl Lauterbach, Christian Drosten und Markus Söder gemeinsam? Brief-Post mit Inhalt. Einen Umschlag mit einer mit Flüssigkeit gefüllten Phiole und dem Hinweis “trink das – dann wirst du immun”. Das ist freilich ein gutes Fundament, auf welches Söder bundesweit bauen kann und welches nützliche Idioten mit solchen hirnverbrannten Aktionen zementieren. Trotzdem hat eben dieser Wahnsinn einzelner, die derartige Bedrohungen verschicken, nichts mit dem zu tun, was wirklich bedeutsam ist.

Da wird man still. Stad wurds, wie der Bayer zu sagen pflegt. Knistern tuts. Und dem stillen Pfeifen im Walde wird leise nachgehorcht.

Und dann fang ich an, die Gegenreaktion einzuordnen, zu klassifizieren. Und egal ob sie von links, rechts, oben, unten oder diametral digital kommt, ich konnte sie nur auf einem Nuhr-Level verorten. Freilich mit der Gefahr, für meine stille Dieter-Nuhr-Verortung einen lauten Ordnungsruf zu erhalten. Wegen Systemkritik-Kritik. Ich mag es nicht, wenn auf unterstem Niveau unter dem Deckmantel des eigenen Satireverständnisses andere das Nachdenken anderer mit dem hauseigenen, röhrenden Rasenmäher niedergemeuchelt werden. Denn erst wenn fremdes Nachdenken als Nicht-Nachdenken ab klassifiziert wird, kann die eigene Argumentation auf dem wichtigen Begriff “Nachdenken” aufgebaut werden. Auch wenn die eigene Argumentation kaum über die beliebte Dieter-Nuhr-Niveau-Messlatte in jenem Moment herausragen mag. Auch wenn sie von Nachdenkseiten stammen mögen. Ich bin still. Die jetzige Zeit erinnert mich an das Verhältnis von Hans Wolfgang Otto Neuss, Franz Josef Degenhardt, Hans Dieter Hüsch und Dieter Süverkrüpp mit der damaligen Studentenbewegung und deren SDS. Freies Nachdenken versus Dogmatismus.

Es gibt Seiten im Internet, welchem sich dem Nachdenken verschrieben haben. Auf der einen Seite ist das positiv zu werten. Jedoch wenn die Kritik an das System in ihrer Systematik sich hinsichtlich deren eigenen Kritik in den Arsch beißt, dann tut da mir weh. Hic Rhodus, hic salta! Hier ist Rhodos, hier springe! Nur wenn der Kritiker immer von sich aus zu verstehen gibt, dass seine auf Rhodos getätigte Kritik generell “Rhodos exterritorial” sei, dann wird es seltsam. Ich selber bin nicht perfekt, von der Unfehlbarkeit Lichtjahre entfernt, aber auf der Brennsuppe, die andere köcheln, daher geschwommen, das bin ich nicht. Da gehe ich nicht mit denjenigen konform, die – egal ob christlich oder nicht – immer im Geiste aus der Bibel des zweiten Teils “Das neue Testament” jenen Autor “Matthäus” im Kapitel 12, Absatz 30, monologisieren.

Es ist eine Binse, dass das Wort “Nachdenken” immer in einem Zusammenhang verwendet wird, in dem es dem Schreibenden mundet. Ich denke auch nach. Und meine Nachdenk-Ergebnisse munden mir. Andere mögen sich dadurch angewidert fühlen, ohne meine Nachdenk-Gedanken durchzudenken, weil sie entweder keinen Nerv, keine Zeit oder keine Lust dazu haben (sprich: empathisch negativ leben). Für deren gelebte Ignoranz würde einem schon mal der Hut hochgehen. Aber jener bleibt unten. Um des lieben Friedens willens und aufgrund der bitteren und der daraus folgenden unergiebigen Diskussionserfahrung “es bringt nix”. Da bleibste lieber still. Lebenserfahrung macht den Unterschied dazu.

Ich bin still. In diesen stillen Momenten beim Lesen der Bußgeldbescheide in Zeiten des bayrischen Kontaktverbotes errechne ich Einnahmen von mindestens einer Viertel Millionen Euro allein für die Stadt München, weil Leute ohne “triftige Gründe” raus gingen oder ohne “triftige Gründe” mit einer anderen fremden Person in deren eigenen Haushalt einen Abend verbrachten. Und dann erinnere ich mich, dass hier das Markus-Söder-Land ist, in denen diese Bußgelder sich aufsummierten. Und dann sehe ich seine Popularität und ganz intuitiv kommt es mir in dem Sinn, dass eben deswegen so viele den Herrn Söder bundesweit mögen, weil er fähig war, aus billigstem bayrischem Stroh Gold für die Bundesstaatskasse Bayerns zu stricken. Und jeder weiß, die deutschen Kommunen sind klamm. Somit sind Bußgeldbescheide das Manna des Volkes, welches aus Ägypten geführt wurde, um ein Land zu erobern, wo Smarties, Schweinshaxe und gefüllte Bier-Seidel permanent den Bürgern zum Greifen nah vor den Augen herum schweben.

Wenn der Stalinismus eines hervorgebracht hat, dann ein semantisches Konstrukt, was auch hier für viele Bundesbürger komplett funktioniert: Von Söder lernen heißt, siegen lernen. Masochismus ist halt en vogue.

Als damals der Stoiber in Bayer scheinbar primär negatives in Bayern für dessen Bevölkerung vor der Landtagswahl verordnete (z.B. weil er für Eltern die Schulgeldzuschüsse zusammen strich, so dass die Eltern mehr für Schulausgaben zahlen mussten), holte er im September 2003 für die CSU die 2/3-Mehrheit im Landtag.

Nun hat Söder das rigideste Programm in CoVid-19-Krise für sein Bundesland aufgelegt gehabt. Dafür liebt ihn der Rest Deutschlands. Was allerdings klar sein sollte, denn alles, was nördlich des Weißwurst-Äquators liegt, ist gleich Schweden. Und Schweden hat mit deren Politik in der CoVid-19-Krise miserabel abgeschnitten. Wer will da schon als Südschwede nicht doch lieber zu Nord-Bayern gehören?!? Das sind verdammt viele. Sogar von denen, die man zu den Verschwörungserzählern zählt.

Das frustriert. Das frustriert unheimlich. In Bayern gibt es das PaG (Polizeiaufgabengesetz). Im Vergleich zu den CoVid-19-Verordnungen sind jene Aufgabengesetze alles andere als Pille-Palle. Aber außerhalb Bayerns war das allen komplett Wurst. Weißwurst. So wie Stuttgart-21 keine Rolle in Aachen, Bielefeld, Hannover oder Berlin spielte … Gab es für Stuttgart-21 in jenen Regionen mehr als ein Schulterzucken, so ist dass das PaG in Bayern für jene komplett unwichtig erachtet wurde? So heuer Sexismus in Indien. Das PaG betrifft allerdings alleinigst nur Bayern.

CoVid-19-Verordnungen stellen für viele den Untergang derer Existenz dar. Nur Herr Söder hat die Korona einer männliche “Jeanne d’Arc”, Held der Republik. Und das PaG als unbedeutendes Übel, welches Rest-Deutschland nicht interessiert. Dafür hat man dann aber den Krankenpflegenden, den Bahnmitarbeitern und den anderen Systemrelevanten mehrfach auf den Balkonen Deutschlands als “Helden” eine Ludwig vans Ode “An die Freude” gespielt. Mit der Textzeile “alle Menschen werden Brüder” (wohl auch Schwestern). Die offizielle EU-Europahymne. Gespielt und beklatscht von seinen Brüdern und Schwestern.

Das Ergebnis der Beklatschungen: paar Groschen extra für Krankenpfleger und dazu inzwischen Entlassungspläne bei der DB vom Herrn B. Scheuer (“Maut? Wasn das? CO2 relevant? Kann man das auch Maßkrug weise trinken?”). Gott mit Dir, du Land der Bayern. Frohe Arbeit, frohes Feiern, reiche Ernten jedem Gau. Gott mit Dir, du Land der Bayern. Den anderen möge das Geleut auf deren Flure unterm Himmel, weiß und blau, Zeitvertreib bieten. …

Ich läute nicht. Ich verbleibe still. Mein vormaliges Corona-Tagebuch starb an den Widersprüchen der Gesellschaft, in der ich lebe. Widersprüche, die ich nicht erfassen konnte, weil sie nicht so ernsthaft empor ploppten und den anderen wichtigen Themen das Wasser abgruben.

Es hat sich nichts an meiner privaten Solitär-Stellung verändert. Ich konnte feststellen, dass in den Zeiten des Kontaktverbots und der Ausgangsbeschränkung bestimmte Menschen auf dicke Hose gemacht hatten, also sich als jene generierten, die die Ausgangsbeschränkung und das Kontaktverbot großzügig für sich ausgelegt hatten. Aber letztendlich hielten sie sich genauso an die gesetzlichen Vorschriften, wie ich es auch tat. Sie beaugapfelten ihre Umgebung genauso auf Verstöße, wie ich es tat. Und sie meldeten jene Verstöße genau so oft, wie ich es tat, nämlich gar nicht. Aber sie beklagen sich darüber, genau so wie ich. Die anderen verhielten sich immer falsch.

Wir dagegen, waren immer die Guten. Und die Dummen. Weil die Guten ja immer die Dummen sein sollen. Sagt der Volksmund. Volksmund, nicht Kindermund. Wer tut nur die Wahrheit kund? Gemäß Boëthius hätte ich in diesem nicht so viel schreiben sollen. Wenn ich geschwiegen hätte, wäre ich vorm Leser ein Philosoph geblieben.

Ich bin still. Absolut still. Stille Wasser sind über allen Dächern Ruh. Und aller tiefer Laster Anfang.

Still …

Adventsgedanken für Arme

Drei Mädels stehen zusammen und schreien in ihr Mikrofon “Warum”. Warum? Ich gehe durch die dunklen Straßen Münchens. Weihnachtslichter der Wohnungen erhellen die Zwischenräume der Straßenlaternen, warm eingehüllt in meiner isolierenden Jacke schreite ich Richtung Zuhause. Warum?

Warum? Warum ist die Banane krumm? Warum macht wen die Banane krumm? Warum ist krumm dumm?

Weihnachtsfeiern machen lustig. Weihnachtsfeiern machen seltsam duhn im Kopf. Ich sitze in gemeinsamer Runde und jeder analysiert das gleiche Thema aus seiner Sichtweise. Mein Steinkrug verdunstet das Kellerbier, wie meine Pflanzen zu Hause das Wasser verschlingen. Aber duhn ist nun mal eine menschliche Eigenschaft und keine pflanzliche. Da muss ich alleine durch.

Pflanzen zu Hause? Geht gar nicht! Geht überhaupt gar nicht, eben diese Phrase “geht gar nicht”. Packt mein Kind sechsmal unbedarft mit seiner Hand auf eine Herdplatte und ich warne jedes Mal: “Vorsicht, die Herdplatte könnte heiß sein!”, dann ist es schon in etwa verständlich, dass ich beim siebten Mal einfach nur noch schnauze “Das geht gar nicht!”“ und dessen Hand gewaltsam roh wegreiße.

Nur unter Erwachsenen gleich beim ersten Mal mittels einer Email mit großem Verteiler ein solcher Satzanfang, das ist Kindergarten pur. Oder eher Kita. Denn die werden staatlich bezahlt und da darf sich jeder rein rechtlich straffrei austoben und selbst verwirklichen. Insbesondere dann, wenn später jährlich über mangelnde Kommunikation innerhalb den Strukturen geklagt wird. Von eben gleichen Personen. Mit dem Angeschriebenen gleich zu reden, statt einer Email mit großem Verteiler in cc: zu verschicken … nun Firmenkultur kann auch umfassen, dass man sich darüber beklagt, das andere die gleiche Verhaltensweise wie man selber an den Tag legt. So wird das Klagen, Seufzen und so zum täglichen Qualifikationsnachweis.

Und warum sollte es auf einer Weihnachtsfeier denn somit anders sein?

“Basse ma’ uff. Wenn der eine klagt, dass hinter seinem Rücken gelabert wird und dieses auch hinter dem Rücken der anderen macht, warum soll er sich dann beklagen?”

“Verstanden. Nur wenn er sich als einziger nicht darüber beklagen darf, dann ist etwas oberfaul bei der offenen Kommunikation, nicht wahr.”

“Freilich. Wenn das Getuschele und Getratsche als Kultur anerkannt ist, aber das Ausgeschlossen-Sein vom Getuschele als Manko angeklagt wird, klagt derjenige sich dann nicht selber an?”

“Tratscherei umgibt sich nun mal nicht mit Plüsch und Samt. Getuschele ist und bleibt nun mal ein Gefühl.”

“Gefühle kistenweise. Und es sieht blendend aus. Nur, das Gefühl steht niemanden.”

“Eben. Das nennt sich Lebensqualität. Dinge sich anzueignen, welche man nicht braucht, mit Mitteln, die man nicht hat, um Leuten zu imponieren, die man erst recht nicht leiden kann.”

“Ja, der letzte Schrei als einzige Konstante im Wandel. Schreie verschwinden und gehen vorbei. Ewigkeiten kommen und gehen. So wie Sonderangebote bei Amazon. Immer auf den letzten Drücker, zum Sonderpreis als Ramschware. Rudis Resterampe als Lebensmotto der eigenen Kommunikationfähigkeit. Schreien ist laut. Flüstern leise. Wer flüstert, der lügt. Wer stille Post betreibt, betrett seit Jahrhunderten Niemandsland.”

Mein Blick wandert vom einen zum anderen, dann vom anderen zum einen, und dann wieder vom einem zum nächsten. Mir schwant, ich bin nicht mehr in meiner Firma, sondern auf einem Kongress der Kommunikationswissenschaftler. Und Kommunikationswissenschaftler sind dieZukunft der medialen Welt. Ohne Kommunikationswissenschaftlergerät man von einem Shitstorm-Regen in eine Shitstom-Traufe. Und wer Kommunikationswissenschaftler ist, der sagt dir auch, wie man seine eigene Marke am besten und schnellsten versenkt. Und dabei noch ordentlich klasse Kasse macht.

“Ich würde das Unausgesprochene nicht unausgesprochen lassen.”

“Wie belieben?”

“Was du nicht weißt, was ich dir sagen will, kann du nachher nicht mehr als Unwissenheit erklären.”

“Nur wenn alles Unaussprechliche ausgesprochen wird, wo bleibt dann noch der Schutz der Privatsphäre. Manches muss unausgesprochen bleiben.”

“Voldemort.”

“Oder 42. Der Sinn des Lebens.”

“Oder das unser Vorgesetzte weder das eine, noch das andere verkörpert.”

“Du solltest deine Gedanken zügeln. Das darfst du so nicht sagen.”

“Nicht? Okay, aber dann doch vielleicht noch ein Pfefferminzplättchen?”

“Dann lieber doch zur Kreuzigung. Gut. Durch die Tür hinaus, zur linken Reihe, jeder nur ein Kreuz.”

“Oh ja. Wenn es die Kreuzigung nicht gäbe, wäre dieses Land in einem solchen Zustand … .”

“Pöser Purche!”

Der Tisch wälzte sich vor Lachen in Erinnerungen.

Als das Kind Kind war, wusste es nicht, dass es Kind war, alles war ihm beseelt, und alle Seelen waren eins. Handke. Literaturnobelpreisträger. Zitiert aus dem Film “Der Himmel über Berlin”. Darf man das noch zitieren? Darf man Handke noch zitieren?

“Ich sag es mal so, über uns herrscht eine Phalanx aus Vorgesetzten. Die investieren 75% ihrer Arbeitszeit in Status-Quo-Erhaltung und den Rest in Arbeitsinhalte.”

“Na, jetzt redest du aber wie ein Kommi. Den Kommunismus in seinem Lauf halten immer nur Kommunisten auf. Ergo, manisch ineffektiv. Bewiesen im letzten Jahrhundert. Mehrfach.”

“Geht nicht. Kommi-Klassifikation ist total vorbei. Denn dann hätte unsere Phalanx zumindest einen 5-Jahres-Plan. Aber die haben nur ihre Daseins-Berechtigung, wenn sie als Krisenmanager reüssierten.”

“Re-Ü-was?”

“Erfolg! Erfolg als Konsequenz von Leistung. Und Leistung in einer Leistungsgesellschaft muss sich bei uns lohnen. Das heißt, wer sich was leistet, wird belohnt. Flughäfen im Planungs-Soll zu eröffnen oder Versprechen zu realisieren, das kann jede Sau. Aber man muss das Undenkbare denken. Und nicht lang lachen. Einfach machen. So etwas nicht zu schaffen oder nicht zu erfüllen, dass musst du dir erstmal leisten können.”

“Das kann ich auch. Locker vom Hocker.”

“Nur gehörst du nicht zur Phalanx.”

“Nein, aber zur römischen Schildkrötenformation oder zu den im Hinterland rekrutierten Männern für das Kanonenfutter von Verdun.”

“Ich sag ja, du bist ein elender Kommi.”

“Steht etwa auf meiner Stirn ‘Mir doch egal’ ?”

“Keine Ahnung, aber auf der Weihnachtsfeier so gegen die eigene Firmenpolitik zu lästern, dann biste hier falsch.”

“Lästere ich nur, weil wegen paar Dutzend Hundert Betrügern in der Dieselindustrie eine positive Motorenentwicklung und deren Industrie momentan den Bach runter geht und Arbeitslose erzeugt?”

“Was willst du? Hat man in der Bankenkrise vor zehn Jahren die Betrüger tausendfach eingebuchtet? Hat man die Pleite von Thomas Cook jemals auf das spielsüchtige Pokern der Hedge-Fonts zurück geführt? Nur Uli Hoeness wurde Opfer seiner Spiel- und Wettsucht. Aber auch nur, weil jener den Staat mit seinen verbrieften Steuernabgaben außen vor ließ und ignorierte. Er ging nicht in die Landsberger Festung, weil er spielsüchtig war.”

“Stimmt. Die anderen Loser gingen leer aus. Die kriegten noch nicht mal Wasser, Brot und Weißbier in einer Notunterkunft, weil wir sparen müssen. Ist Spielsucht eigentlich eine anerkannte Krankheit? Ich meine, von jedem HIV-Erkrankten mit Sex-Libido verlangt man doch lebenslange Einzelhaft. Aber Alkohol und Zocken werden nie wirklich aktiv bekämpft. Aber Hauptsache, der Ehepartner oder Lebensabschnittspartner vögelt nicht fremd und wird nicht außerhalb der Familie der Pädophilie überführt.”

“Du wirst unsäglich unsachlich. Ekelig! Wundere dich nicht, dass bei so einer Einstellung niemand mit dir reden will. Fremdgehen und ein wenig Zocken sind zwei verschieden Sachen. Und HIV, Clamidien und Ebola sind bedrohlicher als diffuse Gestalten mit halbgefülltem Pils-Glas am Spielgeldautomaten. Und von der Börse profitieren wir letztendlich alle.”

“Und? Lebst du auch fair? Ich meine so in Richtung Fairtrade?”

“Ich versuche es. Ich finde es unerträglich, wenn in Pakistan Kinder Nike-Socken oder KIKA-Kleidung für eine Handvoll Cents stricken müssten.”

“Schaffst du es, 1% von deinem Leben in Fair-Trade-Produkte zu investieren? Ich nicht. Aber ich finde es okay, wenn ein Kind ein paar Cent verdient, statt in einer naßkalten, dunklen Behausung hungernd mit ein paar Steinbrocken die WM 2018 in der Ersten Welt vom Hören-Sagen hustend und hungernd nachspielen zu müssen. Das ist doch grausam. Da hat das Kind dann doch eine sinnvollere Beschäftigung, wenn es Kleider schneidert, nicht wahr. Besser als überhaupt keine Tätigkeit und tätigkeitslos dahin vegetieren. Das will selbst hier in unseren Breitengraden niemand.”

“Du bist ein elender, verkappter Kommi! Träumer! Gutmensch!”

“Naja, dann bin ich Kommi. Aber du als Kapitalist, oder besser Neoliberaler-Kapitalist mit Deregulierungsphilie, findest es besser, dass in Billiglohnländern die Komponenten deines PKWs erzeugt werden, damit du ihn dir leisten kannst. Oder deine Sneakers, Jeans, Jacken oder so. Weil hier beklagst du dich über zu hohe Lohnkosten, die dir die Produkte unerschwinglich machen würden.”

“Das ist hier eine Weihnachtsfeier! Du schaffst nur Unruhe und Unfrieden durch deinen Mist!”

“Und ehrlich, erst jetzt verstehe ich Dieter Nuhr, wenn dieser Karl Dall für Arme meint, dass ein Kampf gegen den Klimawandel schwerwiegende Krisen und Weltkriege hervorrufen könnte. Da hat er wohl Recht. Wer will schon für normale 08/15-Schuhe statt 50 Euro das Doppelte zahlen, wenn dann der eigene Lohn sinkt. Was nützt einem der Porsche Cayenne für 7.500 Euro, wenn durch konsequente Lohnsenkung der Monatslohn nur noch 500 Euro beträgt, wovon man 75% an Lebenshaltungskosten abziehen muss. Da werden Leute rebellisch, dass heißt Revolution. Wobei: Revolution heißt, Aufbegehren der Unteren gegen die Oberen. Oder wie es für Leute von hier und heute heißt: Terrorist.”

“Dein ‘Karl Dall für Arme’ hatte einmal ganz treffend zu Leuten wie dir gesagt: ‘Wenn man keine Ahnung hat, einfach mal Fresse halten.’ Der Satz war bis vor paar Jahren noch bei dessen heutigen Kritikern ein bibelgleiches Gebot. Die größten Kritiker der Elche sind heute selber welche!”

“Stimmt. Nicht jeder schafft das erste Staatsexamen, um Lehrer werden zu dürfen. Das hat der Nuhr sich geleistet und jetzt hat er die offizielle Lehramtsstelle für alle ohne Schulabschluss in der Öffentlichkeit erobert. Quasi von unten übers Gymnasium und Uni auf die Bretter, die die Welt bedeuten. Und eben letztere hat er sich auf die Stirn genagelt, um Deutschland zu beglücken.”

“Was hat er sich genagelt? Die Welt?”

“Nein, eher das andere.”

Ich zutzle an meinem Weißbier und schlürfe meine Weißwurst vor mir in seinem Weißwurstsenf. Wie gerne wünschte ich mir beim Zuhören das Weiße weg. Es bliebe übrig: Bier, Wurst und Senf. Und von der bayrischen Flagge nur das Blaue vom Himmel.

Versprochen. Kein Weißes im Auge würde mehr stören. Und aus den grauhaarigen, weißen Männern würden nur grauhaarige Männer übrig bleiben, welche aussähen wie Morgan Freeman oder Samuel L. Jackson heute. Oder Schäuble, Seebacher-Brandt oder Seehofer. Oder so. Und nicht wie Scheuer, Söder oder Schröder, künstlich auf ungrau für-immer-jung gefärbt.

Ich erhebe mich und wünsche allen einen schönen Restabend. Bier, Wurst und Senf sind mir Wurscht.

Weiß eigentlich die Welt, dass Wiener aus den Resten von bayrischen Leberkäs zusammengesetzt werden? Und was von den Resten der Wiener Deutschlandweit übrig bleibt, kommt dann in den bayrischen Leberkäs. Ja, so ist der nachhaltige Kreislauf. Und seit dem Döner-Skandal, ist ja inzwischen bekannt, dass eine der Döner-Erzeugungszentren für Berlin in Bayern liegt. Die nehmen dann die Reste der gut gewürzten Dönerspiesse und füttern die wiederum in den Leberkäs. Eine unerschöpfliche Quelle des Wiener- und Leberkäsfrohsinns.

So ist das auch mit den bayrischen Noagerl des Oktoberfestes. Bekanntlich werden diese jeden Abend kurz vor Mitternacht  in Fässern zusammengeschüttet, von einem Vergeistigten gesegnet und nach Köln als Kölsch verschickt. Die Kölner verwerten dies dann im Karneval und der Rest davon kommt zurück nach München und wird später auf dem Oktoberfest wieder in Maßen ausgeschenkt, wo dann die Noagerl …

Ein ewiger nachhaltiger Kreislauf. Nur hin und wieder müssen dann deutsche Landwirte ihre Ernte diesen beiden Städten zur Verfügung stellen, damit er Verlust mit Frisch-Gebrauten ersetzt wird. Oder es wird ne Sau geschlachtet, die zuvor durch irgendein Dorf getrieben wird, damit die vegetarischen Döner-Spieße nicht so fleischlos daher kommen und die Wiener-Leberkäs-Connection nicht trocken wird.

Hauptsache, der Verbrauchende hat beim Essen und Trinken seinen alloholinduzierten, sättigenden Spass, woll. So wie in Mittelwest-Deutschland wie in Südost-Deutschland. Ganz ohne Brot und Spiele.

Hauptsache es ist ess- oder trinkbar und lässt sich in Senf versenken. Gott, wir sind dir dankbar für diesen unerschöpflichen Rohstoffkreislauf, der uns mit Stoff bei Weihnachtsfeiern versorgt. Und dank an unseren legalen Dealern, dass die unser Essen und Trinken immer wieder aufpimpen …

Warum klappt das nur nicht bei der Energieversorgung? Herrschafftszeiten, lasst Phantasie für Arme regnen!

In den Ohren isoliert mich das orchestrales Arrangement eines Liedes von einer der zusammen gecasteten, erfolgreichen Girl-Bands der End-90er von der Außenwelt. Neun Quadrate, zwei Gegenspieler, einer setzt die Kreuze, der andere die Kreise. Ein Spiel, was keiner verlieren kann, wenn man weiß, wie es geht. Tic Tac Toe. Warum? Es ist das Lied der Verzweiflung einer ehemaligen Girl-Band über eine verlorene Freundschaft, welche von Außen zerstört wurde, weil einer der beiden Freunde sich dabei verlor. Warum? “Warum Score 1” ist die orchestrale Version ohne viel Worte (hier oder hier oder Verlinkung auf Youtube-Video).

Die Straßen sind erleuchtet, die Gedanken irrlichtern zwischen den Lichtern der Straße in meinem Kopf. Die Stimmung ändert sich angepasst am Licht, das Lied wechselt. Über mir erstreckt sich ein silberner Mond und Silbermond feiert den Mensch und die Unterschiede und Kritiker krakeelen: Was wollen die Hippies nur?

Reichtum, der für alle reicht? Im Rhythmus des Liedes von Silbermond gibt meine Körperhülle den Resonanzkörper für mein Summen: “Alle Hände in die Luft für die Musik, für den Frieden. Mann, entspann dich, ich träum‘ ja nur …”

Weihnachtslichter und Straßenlaternen säumen meinen Weg.

Im Försterhaus die Kerze brennt.
Ein Sternlein blinkt: Es ist Advent.

Wenn der Löw die Meinung des Volkes repräsentiert

Ich grinse. Ich grinse altersdebil. Muss so sein. Ich bin nun mal alt. Zu alt. Ü50. Gnadenlos alt. Arbeitstechnisch den Abstellgleisen zugedacht.

Als ich 20 war, habe ich übelst über die 50-jährigen gelästert. Ahl Männer, aalglatt. Vielleicht war es damals ein Bonus gegenüber den Jüngeren, den U20, um zu zeigen, dass man mit Ü20 besser wäre.

Und heute? Das gleiche. Immer. Insbesondere, wenn man m eigenen Leben bewusst zwölf Weltmeisterschaften der Fußballabtreter miterlebt hat. Damit meine ich mich selber und zwar nur mich immer vor mir der Fernseher (analog bis digital).

Jogi Löw. Der erfolgreiche Weltmeistertrainer. Damals vor vier Jahren im Maracana. Jenem Stadion, Tempel des Fußballs, Gotteshaus des Fußballs. Dort, wo bereits Tina Turner ihren legendäre Rock’n-Roll-Gottesdienst als hingebungsvolle Hymne an die Rock-Musik abhielt. Damals in jenem vergangenen 20. Jahrhundert. Sex, Drugs and Rock’n Roll. Bis es im 21. Jahrhundert wiederentdeckt wurde: als Wein, Weib und Gesang. In der weichgespülten Version, reinkarniert mittels Helene Fischer. Und dann vor vier Jahren die WM in Brasilien: das Hochamt der ehrfürchtigen Fußball-Jünger, atemlos, durch die Nacht begleitet vom Dickicht der TV-Verträge verschiedener Fernsehstationen. Weiterlesen

Ertrage die Clown (8): Zur Lage der Nation

Im Jahr 1949 steckte sich der junge Joachim Fest einen Zettel ins Portemonnaie, den er bis zu seinem Tode mit sich führte. Auf dem Zettel stand der Satz:

„Ertrage die Clowns!“

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Die beiden letzten Fußballspiele der deutschen Nationalmannschaft vor der WM? Und das ohne deutschen Bundespräsidenten? Und wen kümmert’s? Egal.

 

Danke für das Weglesen dieses meines Blogeintrages.

Herzlichst

Careca

Ein Stück vom Himmel

Immer wieder Sonntags kommt die Erinnerung. An den Montag. Es ist wohl der unbeliebteste Tag in der Arbeitswelt. Donnerstage und Freitage sind genau in jener Reihenfolge deutlich beliebter. Würde man jetzt daraus folgern, alle Werktage zu Freitagen zu deklarieren, es würde das Glücksempfinden vieler Menschen nicht wirklich steigern. Der Freitag lebt vom Samstag und der Samstag von der Fama des Sonntags, an dem der Weltenschöpfer seinen Kummer über das Vergessen der Abgabe seines Lottoscheins in billigen Messwein ersäufte. Und nicht, weil er etwa “Das Wort zum Sonntag” sah und dabei ins Koma fiel.

Und was passierte so in der Zwischenzeit? Also zwischen Vollrausch und Ausnüchterung? Ein Blick ins Internet hilft stetig weiter. Keine Nachricht, dass Aliens mit Zwillen wieder hässliche Steinsbrocken auf die Erde abschossen hätten und diese wieder mal nur knapp verfehlten. Die Sonntags-Presse kann also nicht mit exklusiven Bildern vom Weltuntergang schocken. Also bleiben nur Bilder aus Syrien.

Andererseits: Weiterlesen

Reibereien

Eine leise Stimme, fast unhörbar, trotzdem klar vernehmbar. Ruhiger, rauer Singsang.

“… ich reibe mich, du reibst dich, er, sie, es reibt sich, wir reiben uns, ihr reibt euch, sie reiben sich. Ohne Reibung entflammt kein Streichholz. Nur mit passender Reibfläche. Ursache. Wirkung. Ohne Reibung spür ich doch nicht, wo ich entlang schramme. Schrammen gehören dazu. Schrammen machen auch Wärme, Wunden heilen. Warum gesteht mir das niemand zu? Immer nur happy und heititei und La-la-land. Das erträgt doch kein Mensch! Oder ist Reibung etwa nur als menschliche Wärme akzeptabel, wenn einer vom anderen überm Tisch gezogen wird, oder was? Würde sie doch mal akzeptieren, dass ich so bin, wie ich bin, und ich so etwas nicht zum Affront mache. Das bin ich und nicht sie …”

Leise brummelnd schloss er penibel seine dunkelgrüne, wattierte Jacke, setzte sich ein schwarzes Käppi auf und schubberte sich bedächtig seine Hände. Die Tür des Busses öffnete sich. Lautlos. Schnell. Ein Schwall kalter Luft enterte den überheizten Innenraum. Weiterlesen

Die Sonne so hoch

Die Sonne steht immer dann am höchsten, wenn man am tiefsten gesunken ist.

Kneipenweisheit.

Je weiter man die Realität hinunter schreibt, desto tiefer wird der eigene Standpunkt. Und das wirkt. Der Kampf zwischen Gut und Böse würde keinen Geist rühren, ginge es nur um ein wenig Gut gegen ein wenig Böse. Erst der Kontrast macht den Unterschied. “Star Wars” wäre reinstes Disney-Mickey-Mouse-Kino, gäbe es nicht dort einen wirklich Bösen, also jemanden, der genauso sympathisch ist, wie auf einem Bürgersteig der frisch dampfende Hundekot, in dem niemand treten möchte. Und statt sich des blauen Himmels zu erfreuen, hält jeder nach der Scheiße vor seinen Füßen Ausschau. Es ist eine subtile Methode, Aufmerksamkeit zu lenken und alle Energien auf Scheiße zu fokussieren, ruft man auf der öffentliche Rasenfläche eines Parks nur richtig laut, man hätte mit seinem Schuh eine Tretmine erwischt. Und schon interessieren sich die Leute der Umgebung nur noch für Hundehaufen statt für Flora und Fauna. Weiterlesen

Fliegender Zwischenruf ins Unreine geschrieben

Eine Fluggesellschaft verabschiedet sich vom Markt. Air Berlin stellt den Flugbetrieb ein. Deren Flugzeuge werden von der Kranich-Fluglinie größtenteils übernommen und all jenes Personal, was keiner benötigt, darf sich beim Arbeitsamt melden.

Eine irische Billigfluglinie streicht ebenfalls ihren Flugplan zusammen. Es fehlen ihnen Piloten. Viele Flugzeuge, wenig Besatzung. Der Billigflieger ist nicht sehr beliebt. Seine Bezahlung ist gering. Es steht zu vermuten, dass sie sich in Bälde um die entlassenen Piloten und Flugbegleiter der Air Berlin kümmern wird, wenn jene erst einmal spüren, was Arbeitslosigkeit bedeutet.

Vor einem Monat hatte Air Berlin einen recht hohen Krankenstand bei ihren Piloten. Um trotz Insolvenz den Flugbetrieb weiter halten zu können, forderte Air Berlin seine Piloten auf, trotz Krankschreibung wieder zurück in das Cockpit zu kehren. Krankschreibungen waren als Protest von der Firmenleitung enttarnt und entsprechend wurde dieses auch nach außen hin mitgeteilt. Und so entstand – wieder mal – eine Stimmung gegen Piloten, als überbezahlte Zerstörer von Urlaubsträumen anderer. Kommentare zielten darauf ab klar zu machen, dass Piloten die Urlauber leiden lassen würden.

Interessanterweise herrschte nach dem Germanwings-Flug 9525 und dessen Absturz vor zweieinhalb Jahren in den Provenzalischen Alpen ein anderer öffentlicher Konsens: Piloten mit Krankschreibung sollten gar nicht erst in ein Flugzeugcockpit gelassen werden dürfen. Piloten tragen die Verantwortung über das Leben der ihnen Anvertrauten. Zu leichtfertig könnte das Leben der Insassen aufs Spiel gesetzt werden. Genau so leichtfertig wie es der krankgeschriebene Pilot des Germanwings-Flug 9525 mit seinen 150 Insassen in krankhafter und mörderischer Absicht tat.

Jedes Jahr das selbe Szenario: sie sammeln sich in Schwärmen auf zentralen Flächen und warten mehr oder weniger geduldig. Sie unterhalten sich, sie regen sich über paar andere Reisebegleiter auf, sie mustern ihre Umgebung und alle warten nur darauf, dass es los geht. Die Vögel auf den Feldern, die Menschen in den Flughäfen. Insolvenzen von Fluglinien sind lästig. Piloten ebenfalls. Bei Insolvenzen gibt es das Insolvenzrecht, welches die Urlauber schützt. Gegen Piloten gibt es das nicht. Und Piloten haben auch nicht krank zu sein. Pilot-sein und krank-sein, das ist in der öffentlichen Meinung ein Unrecht, eine Vorsätzlichkeit der Piloten und nicht konsensfähig. Und wenn der Pilot seine Krankschreibung zerreißt und trotzdem fliegt, dann ist es auch wieder nicht recht, wenn der kranke Mensch als Pilot seine Anvertrauten nicht überleben lässt.

Wichtig scheint eh nur eines zu sein: schnell weg von dort zu kommen, wo man ist, um baldigst dort zu sein, wo man noch nicht ist. Und man möge uns dabei bitte nicht im Wege stehen, um uns daran zu hindern. Up, up and away.