Wählerisch


„Also, pass mal auf, wenn du dieses hier mit dem da mischt, dann hast du ein blumiges, erdiges Erlebnis mit einem Hauch von Karibik unter dem Gaumen. Und im Rachen britzelt ein Sonnenuntergang wie in Rio de Janeiro am Arpoador-Felsen.“

„Dem Pedro de Arpoador in Rio?“

„Genau dem!“

„Echt? Wow. Wenn die Sonne von dort aus im Meer versinkt, dann applaudieren die Menschen. Ist nicht wie hier in Aachen. Schon mal erlebt?“

„Nein.“

„Aber ich. Einmalig“

„Ich sah nur den Sonnenuntergang auf dem Teide von Teneriffa. Im Schlafsack mit zehn anderen Kletterern.“

„Echt? Wow. Genial. Ich beneide dich.“

„Und ich dich um Arpoador. Warste privat dort?“

„Privat und geschäftlich. Aber darüber rede ich ungern. Vergangenheit.“

„Ja, die Vergangenheit. Der Teide war auch so eine Geschichte. Ich wollte hoch hinaus. Und danach war der Abstieg nur noch per Seilbahn möglich. Kontinuierlich und unerbittlich.“

„Unerbittlich musst du mal Jägermeister mit Tonic und O-Saft mischen, ein Minzblättchen darüber, ein Spritzer Hansa-Bier untergerührt, leicht vermischt mit gehakten Eiswürfeln. Aber nur leicht umrühren.“

„Ein Spritzer Hansa-Bier?“

„Ein Spritzer. Aber nur einen. Und dann gut verrühren. Aber nur leicht. Jeder, dem ich das servierte, war begeistert.“

„Wow. Hört sich gut an. Du warst Bar-Mixer?“

„Nein. Cocktails war mein Hobby als BWL-Student. Damit habe ich die BWL-Mäuschen damit reihenweise flach gelegt. Die haben immer nur auf meine Fleckenkrawatte und meinen Aktenkoffer gestarrt. Das war mein Schenkelöffner schlechthin.“

„BWL? Hattest du ne eigene Firma?“

„Nein, ich arbeitete mal für den Windhorst. Ich hab ihm immer gesagt „Probleme sind nur dornige Chancen“ . Der hat nur gegrinst. Keine Ahnung, ob er ihn verstanden hatte. Nur den Satz hat er sich wohl gemerkt. Ich hatte mal gehört, wie er den Satz einszueins am Telefon irgendwem mal erzählte. Wohl so nem Studienkollege.“

„Windhorst? War das nicht mal der Adler Kohls? Das Vorbild für die Jugend?“

„Vergiss es. Jener flügellahme Adler hat meinen geniösen Satz am Telefon als den seinen Einfall ausgegeben. Arschgesicht. Hm. Themawechsel. Hast du schon den neusten Jahrgang vom Vin de Pays de l`Hérault probiert? Ich sag dir, eine Offenbarung. Dagegen war der letzte Jahrgang der reinste Koma-Rotwein. Der kommt so etwas, wenn du ihn unter die Zunge bringst.“

„Nicht mein Fall. Ich bleib lieber den Amerikanern treu. Ehrlich, hart und erdig. Deren Whiskeys schmecken einfach unvergleichlich.“

„Naja, bleib doch lieber europäisch. Oder deutsch.“

„Deutschland hat keine Whiskey!“

„Noch nicht, aber im Schwarzwald soll sich eine Destille gründen.“

„Schwarzwald. Pah. Wir sind doch hier nicht im Schwarzwald. Ist eh alles im sauren Regen verregnet.“

„Aber immerhin westdeutsch.“

„Meinetwegen. Nur geht es im Leben darum in der Champions-League der Weltklasseliga mitzuspielen. Und da muss sich alles an Jackie messen lassen.“

„Jackie ist nicht das Maß der Dinge.“

„Sondern?“

„Ein leckeres Bier.“

„Okay. Aber sowas knallt nicht so dolle. Es braucht mehr Effektivität und Effizienz.“

„Effektivität und Effizienz? Hört, hört, hört. Hast du dazu bereits Kennzahlen erstellt?“

„Kennzahlen? Wieso?“

„Effektivität und Effizienz sind nur messbar, wenn es dazu Kennzahlen gibt. Jedes Jahr eine Kennzahl, und jede muss besser sein als jene des Vorjahres. Das ist Fortschritt. Das ist Wirtschaftswachstum.“

„Willst du jetzt Bier mittels Kennzahlen beurteilen?“

„Warum nicht? Wenn wir auf dem aufkommenden Weltmarkt Bestand haben wollen, müssen wir uns dem Wettbewerb stellen. Weltklasse geht nur mittels Kennzahlen.“

„Stimme ich dir zu. Wenn wir uns nur auf unser Gefühl verlassen, dann werden wir die Liga der Weltklasse verlassen. Und wollen wir das? Da stimme ich dir vollkommen zu. “

„Natürlich nicht! Der Feind des Guten ist der Bessere. Und wir müssen besser werden. Nur die Schönträumer meinen, mit Anti-Kapitalismus lässt sich eine Weltwirtschaftsordnung errichten.“

„Ich sehe, wir reden auf einer Linie. Wer die Wahl hat, benötigt keine Domina.“

„Ich sag dir eines: Wir sitzen hier, die Welt zieht wie auf nem Catwalk an uns vorüber, wir schauen auf den Kugelbrunnen und wissen mehr als die Leute, die vor uns auf und ab rennen und hoffen, man beachte sie in ihrer Öcher Printenseeligkeit.“

„Du sagst wahres. Wir haben unsere Konten gefüllt und haben jetzt das laissez-faire, laissez-aller, was alle so gerne hätten, aber nicht haben, weil sie nichts geschafft haben. Schau dir doch nur die Gestressten an. Ich lache. Schau dir doch nur den dämlichen Fotografen dort drüben an. Wahrscheinlich ein Öcher Maschbauer. Trottel von Aachen. Glücksfall für Frauen. So einer wird immer nur arbeiten, ohne etwas zu haben. Wenn solche alle demnächst an der Wahlurne gehen, fällt denen eines Tages auf, dass die 99% von dem, was denen als Leben verkauft wird, nicht brauchen.“

„Yep. Eine Armee aus Schrott- und Neurosen-Süchtige.“

„Hey! Rede nicht so daher! Nimm sie wenigstens etwas ernst! Als Menschen. Meinetwegen auch als Trottel. Aber als Menschenwesen.“

„Tu ich. Diese Knispel geilen sich nachher immer über Wählerbeschimpfungen auf. Erst durch passende Beschimpfung fühlen diese sich doch wertgeschätzt.Und darum werden die auch das wählen, wofür sie nachher die meiste Wertschätzung erhalten.“

„So ein Quatsch!“

„Hm.“

„Doch!“

„Okay. Sie wählen mündig und aufgeklärt deren Weltklasse. Die Schafe wählen ihre Metzger.“

„Du willst also erklären, dass Wahlen der Schlachthof der Demokratie sind, weil der einzige wahre dritte Weg die Diktatur sei?“

„Äh. Nein. Der dritte Weg ist eindeutig marodierender Art.“

„Wollte ich auch gehofft haben. Du hast noch mehr Hirn als die, die uns hier so hirnlos angaffen. Wie hatte dein letzter Chef nochmals gesagt?“

„Geh wählen und ihr werdet auserwählt werden.“

„Echt? Soll der gesagt haben?“

„War Priester. Trat zwei Jahre später aus der Kirche aus und verkauft inzwischen am Bushof den Wachturm.“

„Gott erhalte ihn.“

„Möglichst bald? Oder seelig? Sprich, biste so gläubig auf einmal?“

„In vino veritas.“

„Was trinkst du denn, dass du jetzt so filo so fisch wirst.“

„Vin de Pays de l`Hérault.“

„Weißt du, dass in kalten Jahreszeiten sich die Flasche mit O-Saft, Zimtstangen und Nelken für das Zwanzigfache verkaufen lässt? Die Mittelklasse giert danach, wenn er gut warm und dafür teuer verkauft wird.“

„Klar, weiß ich das. Erstes Semester BWL, Vorlesung vom Wirtschaft-Prof.“

„Und was hat es dir gebracht?“

„Dass sich Gummibärchen mit paar chemischen Komponenten und Kohlensäure in Wodka auflösen lassen und dann besonders gut mit chemischen Drogen knallen.“

„Tja, das so ist der Fortschritt. Er muss gut knallen. Eine Weltklasse will halt nun mal jeder auch beim Saugen der Strohhalme. Hauptsache es passt irgendwie. Sind ja jetzt so alle so öko und bio und so gesund.“

„Willste noch meine Mischung Wilder Mann? Himbeersirup mit Wodka, etwas Bacardi, drei Teile Ananassaft, etwas Genever und einem Schuss Kölsch in einer Konlechner-Bier-Dose geschüttelt, weil die so ne geile Innenraumdosenversiegelung haben.“

„Klar, gib mal rüber. Aber statt Ananas lieber Anna trocken, woll.“

„Häh?“

„Kalauer gemacht. Echt jetzt: deine Mischungen waren bislang wie immer Weltklasse. Die dort an uns vorbeigehen, die sind doch nur neidisch, weil wir deren Welt nicht mehr ernst nehmen.“

„Du sagst es. Hier. Nimm die Dose. Macht vierfuffzich, weil du es bist.“

„Klar. Kannste auf nen Hunderter wechseln?“

„Mach mich feddisch, du Säufer!“

Weltklasse fuer Deutschland

Der Tag, als Käpt’n Iglo starb …


Die Gegend hat sich geändert. Früher gab es hier mehr Animierlokale. Für mich war das gut. Je mehr Animierschuppen es gab, um so mehr Auswahl an Arbeitsplätze hatte ich. Wenn der eine mir blöd kam, ging ich zum nächsten. Und wenn der Besitzer komplett durchdrehte, dann zum Nachbarn. Als Stripper hatte ich meine Auswahl. Ja, Fremdenverkehrsführer der Nacht war ich. Vermittler einer Illusion. Fremdenverkehrsführer der Nacht sein, war wie ein Naturzuhälter. Wir Kreaturen der Nacht geben den Suchenden eine Natur, was sie meinen zu suchen. In der Dunkelheit der Anonymität wird jeder Suchende zum Findenden, weil schlecht zu sehen ist, dass jenes, was gefunden wird, auch das ist, was zuvor gesucht wurde.

Und wir sind gut im Finden helfen. Sei es diejenigen, die sich gerne ihr Näschen ziehen wollen, ob Harzer, Angestellter oder Topmanager. Sie sind alle gleich. Ja, und zu diesen dreien gehören auch die Frauen. Frauen sind zwar nicht so gerne gesehen bei meinen Kolleginnen. Denn sie wollen eingeladen werden und da stoßen gleiche Interessen wie gleichpolige Magnetseiten aufeinander. Dreht sich dann die eine Seite, dann knallen sie heftig aufeinander. Frauen waren eher an einem Lap-Dance von mir interessiert. Sie wollten sehen, ob ich mehr als ihr Freund oder Mann hatte. Wenn sie ungeduldig wurden, dann konnten sie schon mal extra zulangen. Hatte ich dann extra abgerechnet. Männer waren auch meine Klientel. Die meisten wollten wissen, ob sie auch eine Bi-Seite haben, die wenigsten wollten den Schwanzvergleich. Verbal oder physisch war er seltener gefragt. Allerdings je nach Alkoholisierungsgrad.

Die rote Plüschsofa-Herrlichkeit war meine Welt. Rote Plüschsofas, die Luftlandeplätze der Vögel der Nacht, weil Plüsch eine heimelige Sicherheit suggeriert. Aber jeder Landeplatz ist auch gleichzeitig ein Startplatz. Bestellt von einem Landschaftspfleger, der uns die Lizenzen zum Aufenthalt dort gab. Irgend so ein Bauer, der damit hoffte, die dickste Kartoffel in der Kulturlandschaft der Landschaftspfleger zu finden. Wir, das waren diejenigen, die das Abheben der Kulturlandschaftbesichtigenden verhindern sollten. Wir, das waren die Vögel, die uns in jene Turbinen dieser unsteten Menschen und permanent Abhebenden schmissen. Mit Leib und Seele. Ein einträgliches Geschäft, wenn man auch mit der Seele dabei war. Wir hinderten sie am Abheben und kassierten sie ab, für das Reparieren inklusive Startplatzgebühren. Sex ist ein schöner konservativer Motor. Ich bin konservativ. Ich will, dass es so bleibt, wie es ist, dass die Unsteten der Nacht bleiben und mir ihre Aufmerksamkeit geben. Gut, dafür ziehe ich mich aus. Aber ich weiß, dass die Besuchenden eines Striplokals weniger Aufmerksamkeit den Stripper als der Stripperin geben. Ein blanker Busen zählt mehr als meine blanke Brust. Ihre Hüften mehr als mein Six-Pack. Und ihr Stangentanz mehr als meiner. Sie verdienen in den Hinterzimmern mit dem Lap-Dance oder dem, was einige an Extras anbieten.

Natürlich bot keiner meiner Kolleginnen irgendwelche Extras an. Prostitution ist verboten. Sowieso. Weißte Bescheid. Aber da, wo der Vorhang fällt, da ist im Dunkeln gut munkeln. Am besten konnten die Katholiken munkeln. Immer nur Halleluja war auf der Dauer auch nicht das, was sie antörnte. Stripp-Shows, das war für jene die gelungene Abwechslung zur jungfräulichen Marienverehrung. Da waren die Protestanten schon schwieriger. Die leben ja ohne striktes hierarchisches Religionssystem, da waren die schon staatlich orientierter. Staatstreuer. Sie wollten den Lap nur, wenn er gesetzestreu war. Wenn ich mich an christliche Prinzipien orientieren würde. Auf Verdacht hatte ich auf solche Fragen gesagt, dass sie wohl nicht katholisch wären, worauf dann oft „protestantisch“ die entrüstete Reaktionsantwort war. Logisch. Der Protestantismus der Preußen hatte ja erst Hitler den Weg nach Berlin geebnet. Tja, besser ein Hund an der imaginären Leine als ein Stall ohne Schweine.

Irgendwann ging das Geschäft immer schlechter. Alle wurden emanzipierter, aufgeklärter, hedonistischer und vor allem gerechter. Ein Lokal nach dem anderen schloss. Und Stripper waren immer weniger gern gesehen. Man wolle keine Konflikte durch homophobe Menschen und damit die Lizenzen der Stadtverwaltung riskieren. Inzwischen sehe ich in den ehemaligen Stripperlokalen meistens nur noch Wettbüros. Unkompliziert reich-werden ist der neue Sex der 10er Jahre. Dafür legen weiter viele den Inhalt ihrer Geldbörsen auf den Tresen und hoffen mit mehr von dort aus zu starten, als sie vorher gelandet waren.

Mein letzter Auftritt als Stripper war ein Private-Lap bei einer Frau im Hinterzimmer. Sie war weder weder eine der Vernachlässigten noch einer der Prüden. Sie stand als Frau ihren Mann, während wir zwischen den verschiedenen Drinks über Sex-Vorlieben schwadronierten. Wir versoffen ihren Portemonnaie-Inhalt und dann spendierte ich meine Tagesgage, bis der Besitzer uns rauswarf und mir Ladenlokalverbot erteilte. Im Lichte der aufgehenden Sonne beschloss ich, nie mehr zu strippen und mein Geld so zu verdienen, wie sie es tat. Mit einem regulären Beruf in einer Bank. Ich hatte vormals ebenfalls eine Ausbildung in einer Bank erfolgreich abgeschlossen, aber ich erhielt keinen Job. Es war das Jahr der Bankenkrise 2008, das Jahr der Ratte. Die Frau wollte mir helfen, aber sie hatte Mann und Kinder zu Hause zu ernähren. Somit wurde nichts draus. Ich hatte zwar ihre Telefonnummer, aber wir telefonierten nur einmal. Sie konnte mir auch nicht helfen. Im Jahr der Ratten.

Ich landete schließlich in der „ARGE“, dem heutigen „Jobcenter“, jobbte mal hier, mal da, mal dort, aber nie kam ich wirklich aus dem Aufstocker-Verhältnis raus. Wer will schon einen männlichen Ex-Stripper in einer Bank, wo eventuell alte Bekannte von mir am Schalter auftauchen könnten.

Es war im Dezember 2011, ich sollte mal wieder vorsprechen, weil mein persönlicher ARGE-Berater mit mir mal wieder meine Zukunftsaussichten auf dem Arbeitsmarkt durchsprechen wollte. Zwei Tage vor Heiligabend hatte er den Termin gesetzt. Dachte ich. Auf Weihnachtsgeschenke hoffte ich nicht, aber ich träumte schon mal von einem Festtag, denn ich war der festen Überzeugung, dass er was haben würde. Als ich in sein Büro reinkam, blickte er mich erst überrascht und danach leicht säuerlich an. Ich wäre ein Tag zu spät dran. Es wäre der 21te vereinbart gewesen. Er verwies darauf, dass er angehalten sei, mich jetzt mit Sanktionen zu belegen. Während ich mich leicht geschockt von der „Frohen Botschaft“ auf den unbequemen Holzstuhl niederlies, holte er meine Akte aus einem Schrank hervor und bemerkte dabei, er hätte einen Job für mich in einer Bank gehabt. Das wäre meine Chance gewesen, aber ich hätte sie versemmelt. Nach kurzem Zögern schaute er in einem Stapel nach und holte ein Blatt hervor, studierte es, schaute mich an und grummelte etwas von letzter Chance. Und dann eröffnete er mir, dass eine Werbegesellschaft für eine Kampagne einen männlichen Typen suche. Es wäre meine letzte Chance, ich solle mich bewerben oder er würde mich sanktionieren. Er drückte mir das Blatt in die Hand und ließ es mich quittieren.

Ich verließ die ARGE und trat auf die Straße hinaus. Draußen fiel mein Blick auf eine weggeworfene Zeitung. Der Wind schlug eine Seite auf und ich las, dass der werbe-bekannte Schauspieler Gerd Deutschmann gestorben war. Am 21. Dezember 2011. Aus einem Dachfenster ertönte „The year of the cat“ von Al Stewart. Ich blickte hoch. Die aus dem Fenster strömende Hitze ließ die Luft flirren und das kupferfarbene Dach im Hintergrund kochend erscheinen. Vor dem Fenster auf einem Absatz für Blumen saß ein Mann und aß in luftiger Höhe eine Pizza. Roof cat. Im Jahr der Katze.

Ach ja. Es gibt kein Jahr der Katze. Die Katze kam damals einen Tag zu spät zu jenem Fest, bei dem Buddha jedem Gast ein Jahr schenkte. Die Katze ging leer aus, weil eine Maus sie belogen hatte. Es gibt lediglich das Jahr des Hasens. Und ich war der Igel. Der Job war schon vergeben. Aber dafür gab man mir einen Job für die Straßenwerbung. Am nächsten Tag vor einem Supermarkt durfte ich mit Ringel-T-Shirt und Kapitänsmütze gebackene Fischstäbchen verteilen. An jenem Morgen geschnitzt wie aus einem Humphrey-Bogart-Film war seltsamerweise mein erster Kunde mein persönlicher ARGE-Berater. Als er mich an jenem späten Vormittag erkannte, ging er schnellen Schrittes vorüber und er erinnerte mich dabei eher an Peter Lorre, der etwas auszuhecken schien, als wie einen normalen ARGE-Mitarbeiter. Er schien mir seltsam berührt, dabei kannte ich ihn doch nicht von den Striplokal her.

Später verloren wir kein Wort darüber. Er schob mir nur eine Stellenbeschreibung der Bank of Wales rüber. Es begann das Jahr des Drachens …

Immer wieder Donnerstags das jährliche Gemeinschaftsevent


„Guten Tag, der Herr. Wie kann ich Ihnen behilflich sein?“

„Ich hätte gerne einen Tisch.“

„Einen Tisch. Davon haben wir viele. Haben Sie irgendwelche besonderen Vorstellungen?“

„Ja. Dreizehn Personen müssen dran Platz haben.“

„Dreizehn? Na, wenn das nicht mal Unglück bringt. Da hätten wir dort drüben unser Modell ‚Großfamilie‘ aus importiertem Eichenholz und spezial behandelter Oberfläche …“

„Nein, nein, der ist zu klein. Es müssen dreizehn Leute auf einer Seite passen.“

„Auf einer Seite? Lassen Sie mich mal überlegen.“

„Das war der Wunsch der Gruppe. Alle auf einer Seite und der, der in der Mitte sitzt, so, dass er im Lichte der Abendsonne beleuchtet sitzen kann. Soll übrigens ein Mann vom Fach sein. Der kennt sich angeblich aus. Sein Vater war auch Tischler. Also mir heute keinen Schrott andrehen, okay.“

„Was ist denn das für eine Gruppe, wenn ich mal fragen dürfte?“

„Keine Ahnung. Sie bringen noch vier Hobby-Autoren und einen Auftragsmaler mit.“

„Künstler?“

„Vielleicht.“

„Hoffentlich nichts, was nachher meinen Ruf als Tischler schädigt. Ich liefere nichts für Terroristen, Sex-Orgien oder Verschwörungstheoretiker. Ich muss auch an meinen Ruf denken.“

„Keine Sorge. Es ist sogar angeblich ein Banker dabei. Die Autoren sollen alles aufschreiben und der Maler bringt seine Staffelei mit, um die Szene auf Leinwand festzuhalten. Also wird es schon nichts weltbewegendes werden.“

„Banker? Sind das nicht Geldwäscher? Hm. Also, wir hätten dann noch das Modell ‚Abendmahl‘. Der letzte Tisch, den ich davon noch hier habe, handgetischlert aus Zedernholz. 1a Qualität. Edel und dem Zwecke angemessen. Ein sehr lang gestreckter Tisch, dafür aber schmal. Ich hoffe, es wird in der Gruppe nicht üppig geschlemmt? Ansonsten ist die Breite kritisch.“

„Nein, nein, die wollen angeblich nur Wasser und Brot haben. Der Maler an der Staffelei beherrscht die bildliche Darstellung komplexer Gerichte noch nicht so, soll aber unheimlich gut Portraits malen können. Einer aus Rom. Nennt sich Leonardo. Malt am liebsten lächelnde Menschen.“

„Nur Wasser wollen die? Ich hätte da noch paar guten Wein aus der Gegend nördlich von Rom im Lager. Ich könnte ….“

„Nein, nein. Nur Wasser und Brot war deren ausdrücklicher Wunsch. Haben Sie übrigens Wasser aus den Bergen vorrätig? Die Leute wollen das normale Wasser nicht. Die meinen, das wäre verschmutzt durch die vielen Abwässer und bestanden aus Bergwasser. Biologisch und vegan muss es sein.“

„Habe ich, habe ich. Erst gestern ist eine neue Ladung reingekommen. Geht immer weg wie warmes Fladenbrot.“

„Nun gut, dann nehme ich diesen Tisch hier, Ihren letzten ‚Abendmahl‘-Tisch, dazu achtzehn einfach Schemel und einen Behälter Bergwasser.“

„Gerne. Bis wann soll ich liefern?“

„Bis heute Abend um fünf vor Sonnenuntergang. Die wollen sich um sechse treffen und danach noch ein wenig in den Garten hier um der Ecke.“

„Bereiten die sich etwa auch auf das morgen stattfindende alljährlich Freitag-Nachmittag Casting auf dem Marktplatz vor? Es wird wieder spannend, welcher der Kandidaten ausscheidet und nach Hause gehen muss. Wenn der Pontius Pilatus dann wieder sein berühmte Verzögerungstaktik anwendet, dieses ‚und du mein lieber Gefangener, du bist es … du bist es …. heute leider nicht, du darfst in die letzte Runde zur Kreuzigung‚. Das ist jedes Jahr immer die gleiche Show. Barnabas ist wieder dieses Jahr dabei. Vielleicht schafft er es diesmal endlich mal in die letzte Runde. Verdient hätte er es.“

„Ich interessiere mich nicht für dieses ‚Jerusalem sucht den Superstar‚. Langweilt mich. Immer diese Theatralik. Ist doch alles gescriptet. Alles nur Show. Also, dann ist es abgemacht? Ich krieg den Tisch bis spätestens heute um fünfe, damit die Gruppe dort ihre Abendessen durchführen kann?“

„Geht in Ordnung.“

„Okay, dann bis später.“

„Bis später.“

Kneipengespräch: Krieger, denk mal …


C360_2013-12-12-17-12-54-529_DxO_thumb.jpg Die ganze Zeit saß er schweigsam neben mir und nur hin und wieder entfuhr ihm ein leichter Seufzer. Ansonsten sagte er nichts. Sein Business-Anzug war von edlem Stoffe. Dessen mattes Dunkelgrau strahlte eine Ruhe und Überlegenheit aus, die allerdings kaum zu den Gesten seines Trägers passten. Immer wieder hob er seine Kölsch-Stange auf Mund-Höhe, setzte sie aber unentschlossen ab, spielte darauf mit seinen Fingern an dem Sockel des Glases und trommelten dort einen unhörbaren Rhythmus drauf. Das machte er drei oder viermal, bis es mich störte und ich mich ihm zuwandte.

„Sie müssen das Kölsch schon trinken. Lediglich es in Gedanken zu tun, hilft nichts, denn dann wird’s schal. Prost.“

Ich hielt ihm mein Kölsch zum Anstoßen hin. Aber er sah mich nur an. Wenn Augen der Spiegel zur Seele sind, dann sah ich tief in einem leeren Abgrund. Mit seiner linken ruckelte er kurz seine fliederfarbenen Krawatte in Position, strich vorsichtig über sein weißes Hemd und ergriff sein Kölsch.

„Wissen Sie, da sagen Sie etwas bedeutendes.“

„Prost?“

„Nein, Gedanken.“

„Sie machen sich Gedanken? Ich mach mir lieber einen schönen Abend.“

„Sie denken nicht, okay, sie geben mir aber zu denken. Wissen Sie, was Nekrophilie ist?“

„Ich denke Gedanken, also bin ich. Und Menschen mit nekrophiler Veranlagung fühlen sich von toten Gegenständen angezogen, weil sie Angst vor dem Lebendigen haben.“

„Richtig, mein Bester“, er hob sein Glas und stieß mit mir an, „auf deutsch, solchen Menschen ist ein Blechschaden an der eigenen Karre mehr Aufregung wert als die weltweit an Hunger sterbenden Kinder. Das Blech ist heilig. Und ein Galgen ist solchen Menschen beachtenswerter als jener Mensch, der drunter steht.“

Ich nahm einen Schluck aus meinem Glas und versuchte abzuwiegeln, um das Gespräch in seichtere Gewässer zu führen: „Sind wir nicht alle ein klein bisschen nekrophil?“

„Für jene ist das größte Aphrodisiakum all jenes, was den Geruch von Tod an sich hat: Uniformen, Raketen, Drohnen. Nicht, weil dies lediglich Totes sind, sondern weil sie den Geschmack des Todes bringen. Und der Tod ist das größte Aphrodisiakum der Menschen.“

„Ich habe aufgehört mir Gedanken darüber zu machen, denn es führt in die Gedankenlosigkeit. Können wir das Thema wechseln?“

„Wissen Sie, Gedanken sind so eine Sache. Wer macht sich denn eigentlich Gedanken. Nur wir Menschen. Evolutionstechnisch hat es uns an die Spitze der Nahrungskette dieser Welt gebracht, aber auch Mord und Totschlag haben sie erschaffen.“

„Und die Religionen. Unterschätze nie die Macht dummer Leute, die einer Meinung sind. Tucholsky.“

Er schien, über meine Bemerkung hinweggehört zu haben, und schaute grübelnd auf sein Glas: „Vielleicht ist die Fähigkeit, Gedanken zu entwickeln und zu haben, einfach nur eine eigentümlich Fehlentwicklung der Natur. Spätestens bei der Frage, wer hat das System erschaffen. Selbst auf eine stundenlange Antwort kann locker die postwendende Frage ‚Und wer oder was war der Schöpfer davon?‘ retourniert werden und zeigt, dass dieses sinnlose Spiel unendlich getrieben werden kann, um Menschen in die Anzweiflung dem Sinn ihrer Existenz zu treiben.“

„Der Gedanke als Virus? Ein Gedanke ist wie ein Virus, resistent, hochansteckend und die kleinste Saat eines Gedanken kann wachsen. Er kann Dich aufbauen oder zerstören. Aus dem Film Inception.“

Dummköpfe zu ertragen, ist sicherlich der Gipfel der Toleranz. Voltaire.“

Jedes Monster hat als Mensch begonnen. Ablee.“

Viele Menschen würden eher sterben als denken. Russel.“

Wir schwiegen. Uns fielen keine Zitate mehr zum Auftrumpfen ein.

Er trommelte wieder auf den Sockel seines Glases und schaute mich an: „Wissen Sie, als der Computer DeepBlue 1996 im Schach den Schachweltmeister Garri Kasparov besiegte, waren wir erstaunt. Aber Schach erschien uns berechenbar, weil endlich. Im Februar 2010 schlug der IBM-Computer Watson im Jeopardy die damaligen Rekordhalter dieses Spiel, Jennings und Rutter, sehr deutlich. Die künstliche Intelligenz Watson verstand bereits menschliche Wortspiele und auch Hintersinne. Inzwischen erschuf Watson auch noch einen Film-Trailer, der letztes Jahr ins Kino kam. Die von der Firma Google geschaffene künstliche Intelligenz AlphaGo hat das äußerst komplexe Brettspiel GO durch einfaches Zuschauen erlernt. Vor einem Monat, am 3. März, hat AlphaGo dann den südkoreanischen Go-Weltmeister Lee Sedol mit 5:0 deklassiert. Computer und deren Software lernt das Denken und wir stehen dabei und wundern uns.“

„Na gut, durch künstliche Intelligenz wäre es keinem Piloten mehr möglich eine Passagiermaschine in einen Berg zu steuern oder mit zu knappen Treibstoffvorrat ein weit entferntes Ziel anfliegen. Eine KI würde dem Piloten die Gewalt entziehen und die Maschine darüber hinweg fliegen oder den nächsten Landeplatz ansteuern. All die Kinder aus Haltern und auch die brasilianische Fußballmannschaft würde dann noch leben.“

„Nur was machen wir, wenn die KI das Lebenswichtigste erkennt, was unser Leben steuert? Zum Beispiel in einem Tesla-Fahrzeug“

„Wenn in nicht ferner Zukunft erneut ein Tesla-Fahrzeug bei hohem Tempo einen kreuzenden LKW in seiner Fahrbahn entdeckt, dann wird der analysieren, ob er eher rechts in die Gruppe der Rentner oder links in die Kindergruppe am Straßenrand steuert oder ob der Fahrer doch noch sterben muss, weil alle anderen wertvoller sind. Er wird analysieren, was das geringere Übel sein könnte.“

„Falsch. Er wird reagieren wie wir Menschen. Er wird das Prinzip des Überlebens um jeden Preis wählen. Kein Mensch wird sich überlegen, wer wo am Straßenrand steht, sondern nur, wie er am besten der lebensgefährlichen Situation entkommt. Der Tesla wird sich dieses vom Menschen abschauen und berechnen, mit welcher Kollision er den geringsten Schaden an sich erzeugt. Er wird erlernt haben, was es heißt zu überleben und dass der Mensch in lebensgefährlichen Situationen drei Grundregeln kennt: fliehen, tot stellen oder kämpfen. Der Mensch wird für den Tesla dann zweitrangig.“

„Wir sollten dagegen kämpfen.“

„Ah ja. Krieger, denk mal.“

„Denken. Ich denke, also werde ich sein,“ sinnierte ich vor mich hin.

Wie kann es sein, dass ich, der ich bin, bevor ich wurde, nicht war, und dass einmal ich, der ich bin, nicht mehr ‚Der-ich-bin‘ sein werde? Vom Engel Damiel aus Der Himmel über Berlin.“

Aber du bist ja nicht da. Ich bin da. Es wäre schön, wenn du da wärst … du könntest mit mir reden. Peter Falk“, seufzte ich meine Erwiderung und schaute beim Aufblicken den Wirt an. In dessen Augen erkannte ich den mir altbekannten Vorwurf der letzten Zeit. Ich blockierte ihm wohl seinen Feierabend.

„Na? Wieder wach? In letzter Zeit säufst du mir zu viel. Ist zwar gutes Geschäft für mich, aber du ruinierst dich noch. Denk mal drüber nach. Ich mach jetzt zu. Feierabend. Du darfst zahlen und gehen. Compañeiro.“

Ich stand auf, legte ihm ein paar Scheinchen auf den Tresen und wankte auf die mir ausweichende Tür zu …

Dem Volk aufs Maul geschaut


„Einen Quarkkuchen, bitte.“

Die Konditorei hier im ehemaligen Scherbenviertel glänzt durch ihre Backwaren, aber ihre Konditorenkunst ist legendär. Hinter der Kasse befindet sich eine Konditoren-Meister-Urkunde. Und das nicht zu unrecht. Deshalb war (und ist) es schwierig, einen Platz in diesem Café zu ergattern. Und wenn es mal geklappt hatte, war es eigentlich auch egal, wo der Platz war und ob man alleine einen der Rundtische für sich hatte.

„Sie wünschen?“

„Einen Quarkkuchen, bitte.“

„Wir haben keinen Quarkkuchen.“

„Doch. Haben Sie. Ich hätte gerne ein Stück Quarkkuchen zum Mitnehmen.“

Es war Samstag Nachmittag, die Sonne strahlte und für einen der ersten Märztage mit 18 Grad  die richtige Entscheidung. Ich saß an solch einem Rundtisch und teilte ihn mit jemandem, der mir noch komplett unbekannt war. Wir beide hatten aber bereits eine Gemeinsamkeit entdeckt: unsere Bestellung.

„Wir haben keinen Quarkkuchen, hatte ich bereits Ihnen erklärt.“

„Doch! Haben Sie.“

Die Bedienung an der Kuchentheke war sichtlich ein wenig enerviert, beherrschte sich aber und deutete einfach mal in die Auslage.

„Sie meinen die dort?“

„Nein. Das sind Pfannkuchen.“

„Wie bitte? Was sollen die sein? Pfannkuchen?“

„Jawohl. Das sind Pfannkuchen.“

„Das sind Krapfen!“

„Pfannkuchen!“

„Vielleicht kennen Sie die als Berliner.“

„Das sind Pfannkuchen.“

Hinter ihr näherte sich die zweite Bedienung und fragte leicht vorsichtig: „Quarkkuchen?“

„Ja. Kuchen, der aus Quark gemacht wird!“

Die zweite Bedienung holte kurzerhand ihr Smartphone hervor und tippte etwas hinein.

Derweil die erste Bedienung auf ein anderes Kuchenstück deutete: „Das vielleicht?“

„Sie sind wohl nicht vom Fach, oder? Ich will Quarkkuchen! Ein Stück Quarkkuchen. Ist das hier so unverständlich, oder was?“

Die zweite Bedienung war wohl inzwischen bei ihrer offensichtlichen Suchmaschinenanfrage erfolgreich und zischte hörbar: „Er meint Käsekuchen.“

Käsekuchen?“, fragte die erste Bedienung überrascht zurück.

„Meinetwegen nennt ihr es hier vorsätzlich falscherweise Käsekuchen. Es ist aber Quarkkuchen. Oder wird euer Käsekuchen in Bayern etwa nicht aus Quark sondern aus Käse gemacht? So wie euer Leberkäse?“

„Nein, wir machen ihn in unserer Konditorei aus Original Topfen“, erwiderte sie kurz angebunden und zischte genervt zu ihrer Kollegin: „Jetzt gib dem einfach seinen depperten Käsekuchen.“ Ein heller Glockenklang ertönte und erlöste sie aus dieser skurrilen Situation. Sie ging nach hinten.

Inzwischen schaufelte die erste den Quarkkuchen mit einem Tortenheber auf ein Pappdeckel, packte ihn ein und reichte ihm den Mann rüber. Der hielt ihr einen 5-Euro-Schein entgegen und bemerkte nur:

„Ist schon eine ärmliche Zeit, wenn Leute in Deutschland für deutsche Worte erstmal ein Smartphone bemühen müssen, nicht wahr.“

Die erste Bedienung gab wortlos das Wechselgeld raus und wandte sich dem nächsten Kunden zu. Doch der erste Kunde war noch nicht fertig:

„Ihre ignorante Unfreundlichkeit ist ja der Wahnsinn. Und ich dachte, dass hier wäre die beste Konditorei in dieser Gegend. Ist wohl eher eine Fleischerei, was Eure Sprachkultur hier angeht, nicht wahr. Kein Wunder, dass ihr Smartphone besitzen müsst, sonst wärt ihr sprachlos. Generation Smartphone.“

Die zweite Bedienung taucht mit zwei Tellern an unserem Rundtisch auf und stellte sie vor uns hin: „Jeweils einmal die Spezialität unseres Hauses: Palatschinken mit Vanille-Zimt-Sauce an Kumquat-Sorbet. Kaffee kommt sofort.“

Der erste Kunde hatte gesehen, wie wir unsere Palatschinken erhielten und bemerkte nur noch: „Ich sag doch: Fleischerei. Von wegen Konditorei“, drehte sich um und verließ das Café.

Die Bedienung an unserem Tisch stockte in ihrer Bewegung und schaute uns mit vielsagenden Blicken an, rollte zugleich genervt mit den Augen und bemerkte sehr leise:

„Wissen Sie, was bei der WM 1986 in Deutschland auf meinem Lieblings-T-Shirt stand? Bring mich zum Rasen. Bei solchen gnadenlosen Besserwissern würde ich es am liebsten wieder hervor holen.“

Sprach es und ging zur Kaffeemaschine.

Ach ja. Was ich leider nicht schreiben kann: die Bedienung sprach bayrisch, der Kunde sächsisch. Aber das wird den meisten Lesern hier wohl eh keine Hilfe bei der Erklärung sein, schätze ich …

Gedanken am Rande der Bedeutungslosigkeit


Ja, ich schreibe noch in meinem Blog Einträge für geneigte Interessierte.
Nein, ich bin nicht weg und lebe auf der Insel der Glückseeligen.
Ja, ich analysiere das nächste Thema für meinen Blogeintrag.
Nein, ich will nicht Dutzenden Eulen nach Athen tragen.
Ja, ich bin in einer individuellen Schaffenskrise.
Nein, ich bin nicht die Schaffenskrise.
Ja, ich bin es trotzdem doch noch.
Nein, ich bin es nicht.
Ja, ich bin es.
Nein, ich bin.
Ja, ich.
Nein.

Hm. Es wird mal wieder Zeit, dass ich eine Fallhöhe für mich und meiner Schreibe schaffe, an deren meine schlechten Blogeinträge gemessen werden können. Und so schreib ich auf meiner mit Zitronensaft gesäuberten Erstklässler-Schultafel mit quietschender Kreide ein
„YES I CAN“
und hoffe, dass das suggestiv genug sein wird.
Für mich.
Nicht für Euch.
Aber für Euch.
Zum Belustigen.

Ich lebe noch.
Aber ein wenig schreibfaul …

Rein statistisch gesehen geht es mir gut, ja, sogar irre gesund …


Über Krankheiten zu reden, ist irgendwie krank. Entweder man ist davon betroffen und redet davon, oder man ist nicht betroffen und redet deswegen noch lieber drüber. Der erstere Fall tritt mit zunehmendem Alter als Kommunikationsbasis immer gehäufter auf. Der zweite Fall immer dann, wenn Zeitungen ihre kranken Aufmacher als Eye-Catcher für deren Käufer platzieren.

Von Kindheit auf an hatte ich gelernt, dass Krankheit etwas urchristliches ist. Das Thema an sich gehört ebenso zum christlichen Abendland wie das Amen in der Kirche. Schuld und Sühne werden auch als moralische Instanzen bei der Beurteilung einer Krankheit heran gezogen.

Als Mitte der 80er AIDS zum Thema wurde, gab es im Münchener Postamt gegenüber dem Hauptbahnhof ein BTX-Terminals, über den die Post mittels Datex-J das erste öffentliche Internet aufbaute. Der Terminal war damals praktisch. Wetter, Lottozahlen, Beate Uhse Angebote und vieles andere Querbeet war darüber abzurufen. Allerdings stand dort nur ein Terminal, so dass ich öfters warten musste, bis ich an der Reihe war.

Eines Tages beherrschte der HI-Virus mal wieder die Schlagzeilen des Boulevards. Es wurde von einer bestimmten Zeitung vermutet, dass bereits eine Ansteckungsgefahr gegeben sei, würde ein HIV-infizierter im gechlorten Wasser eines Schwimmbades vor einem Menschen schwimmen. An jenem Tag wollte ich wieder zum BTX-Terminal. Wie üblich war er belegt. Ein Mann bediente ihn. Seine Finger hatte er sorgsam mit Papiertaschentücherstreifen abgedeckt. Und immer wenn ihm ein Streifen beim Tippen auf der Tastatur herunter fiel, riss er von einem Papiertaschentuch einen neuen Streifen ab und umwickelte den blank gewordenen Finger, um beim Tippen fortzufahren. Als er ging, öffnete er die damalige, große Flügeltür der Post, wiederum geschützt durch jeweils ein Papiertaschentuch. Er wirkte auf mich skurril. Für mich war zu jener Zeit HIV genau so irreal wie all die anderen Krankheiten, über die sich immer nur alte Menschen unterhielten.

HIV ist das direkte Beispiel, dass Krankheiten hier viel mit Schuld zu tun haben. Eine Krankheit sollte immer die Kehrseite einer Schuld darstellen. Der ethisch christliche Januskopf: Wer Schuld hatte, sollte gefälligst auch sühnen. Kardinal Meisner redete schon damals von AIDS als Geisel für sexuelles Fehlverhalten. Wobei er mit Fehlverhalten definitiv hierbei nicht die pastorale Pädophilie meinte, sondern Homosexualität oder Promiskuität.

Auch in der elterlichen Pädagogik der Gläubigen, Laizisten und Atheisten von gestern bis heute spielt die Krankheit in der gewollten Symbiosefalle von Schuld und Sühne seine Rolle. Du fühlst dich fiebrig? Bist du etwa gestern barfüßig gelaufen? Kein Wunder. Da bist du ja auch selber Schuld. Kopfschmerzen? Eigene Schuld. Zu viel gesoffen am Vorabend, oder? Oder etwa mal wieder in Zugluft sich aufgehalten? Schnupfen? Kein Wunder, du hast ja auch gestern nicht deine Jacke am frühen Morgen tragen wollen. Und so weiter und so fort.

Schuld und Sühne.
Aber nicht nur das elterliche Haus meiner oder der meiner Freunde haben mir das wie die mittägliche deutsche Kartoffel eingetrichtert. Fernsehen, Radio, Lehrer, Bekannte. Alle führten die Ursache als Abtragen einer Schuld und als verdiente Sühne zurück.

Später, im Job und als Erwachsener hatte sich die Situation ein wenig gewandelt. Schuld und Sühne als naturgegebene Seiten der gleichen Münze reichen nicht mehr aus. Wenn schon Schuld, so der allgemeine Gedanke, dann reichen die Naturgesetze als Sühne nicht. Eine äußere Instanz wurde erforderlich, um das Auftauchen dieser Währungseinheit in andere Sanktionen umzumünzen.
Krankheitsbedingte Kündigungen sind zwar nicht erlaubt, aber dafür interessiert sich mancher Arbeitgeber nicht die Bohne. Krankheit ist der wirtschaftliche Gegner einer auf Produktivität bedachten Wirtschaftsphilosophie. Krankheit, definiert als Antipode eines Wachstumsgedankens ist „persona non grata“. Unerwünscht. Statistisch wird der Krankenstand inzwischen bekanntlich gemessen und damit ein Vergleich zu einem „vorher“ ermittelt. In wirtschaftlich schlechten Zeiten sinkt der statistische Krankenstand, weil Kranke um ihren Arbeitsplatz fürchten. Nur, Kranke sind bekanntlich nicht nur dann krank, wenn sie in Statistiken auftauchen. Das ist aber Arbeitgeberverbänden und Politik wiederum nicht so wichtig. Wichtig ist, was schwarz auf weiß für sie zu lesen ist. Z.D.F. ist das Schlagwort: Zahlen, Daten, Fakten.

Gesundheit wird heutzutage durch die Abwesenheit von Krankheit definiert. Für Krankheit soll der Kranke dann auch selbstverantwortlich zahlen. Schuld und Sühne tauchen immer wieder als treibendes Motiv auf. Eine „Mutter Theresa“-Einstellung wird als komplett kontraproduktiv angesehen, altruistische Tendenzen als weltfremd gebrandmarkt. Für Verneiner des gesellschaftlichen Sozialgedankens wird dann das Konstrukt des „Gutmenschen“ als Keule geschwungen, um Menschen mundtot zu machen. Krankheiten werden als vermeidbar postuliert und das Auftauchen als Verschulden des Individuums gewertet. Und darum ist es auch so einfach über die Krankheiten anderer zu reden.

Und durch diese Schule bin auch ich gelaufen. Also rede ich lieber nicht drüber. Andererseits, wenn mir jemand begegnet und mich mit einem „Wie geht’s“ begrüßt, erwartet mein Gegenüber nicht, dass ich über meine Zipperleins referiere und aus meiner Krankenakte vorlese. Das will niemand hören.
Als Rudi Carell von Metastasen durchsetzt, seinen letzten Auftritt hatte, waren alle erleichtert, dass er nicht über seine Krebskrankheit lamentierte und stattdessen witzelte. Wenn mir Monica Lierhaus Sonntags mit ihren „Platz an der Sonne“-Losnummern über den Bildschirm flimmert, dann betrachte ich meine Fernbedienung immer mit einem „Drück mich“-Gedanken. Dass Gabi Köster einen Schlaganfall hatte, war auch nur in soweit akzeptabel für mich, als dass ich nicht durch Funk, Fernsehen oder Feuilleton davon behelligt wurde.

Mein Alter steigt und mein Körper zeigt immer mehr die üblichen verschleissbedingte Anfälligkeiten für das, was mir den Unterschied zwischen gesund und nicht-gesund immer deutlicher werden lässt. Zwischenzeitlich wird ebenfalls über die Erhöhung des Rentenalters auf 69 Jahre nachgedacht. Dann denke ich auch drüber nach, ob ich es schaffen werde, gesund und ohne größere Handicaps ins Rentenalter zu gelangen. Oder geschweige denn von der Tatsache, dass die männliche statistische Lebenserwartung bei etwas über 70 Jahre liegt. Wenn jemand seinen 80. Geburtstag feiert, dann muss es rein statistisch auch jemanden geben, der stirbt und noch keine 65 Jahre alt wurde und rentenauszahlungsneutral ablebt. Dabei steigt mit zunehmenden Alter natürlicherweise das Risiko zu erkranken.

In jungen Jahren war es mir egal, ob ich gesund oder krank war. Egal was, Hauptsache aktiv, und nicht immobil und bettlägrig. Und jetzt? Es ist nicht mehr so einfach, gesund zu sein. Denn – wie ich schon schrieb – „gesund“ definiert sich als Abwesenheit des Zustandes „krank“. Als Anwesenheit der Verschuldung des Zustandes „krank“. Ein „bisschen krank“ hat die Wertigkeit von ein „bisschen schwanger“: so etwas hat keinen Platz in der „gesunden“ Denke eines Menschens. Deswegen gibt es auch so viele Medikamente, um dieses „ein bisschen krank“ abzustellen. Das Entkommen des Krankseins geht also mit einem Zustand des Medikamenten-Konsumierens Hand in Hand. Das Medikament als proaktives Behandeln von potentiellen Schuldzuständen. Zu Risiken und Nebenwirkungen sollen wir ja eh unseren interaktiven Beichtvater – dem Arzt oder Apotheker – fragen. Wobei eine solche Frage mit direkten Kosten („Sühne“) verbunden ist, welche dann Politiker wieder von einer „Kostenexplosion“ reden lässt. Und bei Zuhörenden ein Schuldgefühl hervor ruft. Statt sich einzugestehen, wir sind alle kleine Sünderlein („… ’s war immer so, ’s war immer so …“), herrscht das Schuldgefühl vor und damit die Suche nach Vermeidung einer Sühne (“ … der Herrgott wird es uns bestimmt verzeih’n, ’s war immer, immer so …“). Also wird die Krankheit verschwiegen, unterdrückt und verdrängt.

Noch fühle ich mich nicht „krank“. Aber auch nicht wirklich so „gesund“ wie damals. Der Zahn der Zeit nagt auch an mir und meinem Körper und meinen Organen. Verdrängung ist auch mein Prinzip. Ich fühle mich ungesund gesund. Oder wie andere vielleicht sagen mögen „krankhaft gesund“ …

Wie lange noch?

Gedankensuche im Tunnel


Was vorher geschah: Prolog, Teil 1, Teil 2, Teil 3, Teil 4, Teil 5, Teil 6, Teil 7, Teil 8, Teil 9, Teil 10, Teil 11, Teil 12, Teil 13, Teil 14, Teil 15, Teil 16, Teil 17, Teil 18, Teil 19, Teil 20, Teil 21

***

»Ein Gedanke ist wie ein Virus, resistent, hochansteckend und die kleinste Saat eines Gedankens kann wachsen. Er kann dich aufbauen und zerstören.«
Cobb aus dem Film »Inception«

Die Kopfschmerzen machten sich wieder stärker bemerkbar. Eigentlich dachte ich, dass ich sie überwunden hätte. Uneigentlich aber wurde mir jetzt wieder klar, dass die Kopfschmerzen mir nur eine Atempause gegönnt hatten. Ich stellte das Handy aus, denn ich musste mich setzen. Auf dem Absatz am Gleisbett hockte ich mich hin. Mir war schwindelig geworden. Eine leichte Übelkeit umgab mich. Auf der Party musste ich wohl zu viel getrunken haben.

Alkohol. Der Körper verzeiht nie.

Ich stützte meine Stirn zwischen Daumen und Zeigefinger der rechten Hand und versuchte gleichmäßig tief durchzuatmen. Es war die vergebliche Hoffnung, frische Luft in meine Lunge zu pumpen, um die Kopfschmerzen zu verdrängen und einen klaren Gedanken zu fassen.

Nie wieder Alkohol.

Wie oft hatte ich diesen Satz schon gedacht, wenn der Abend zuvor seine Krallen mir noch am nächsten Morgen präsentierte. Ein wenig sehnte ich mich nach den früheren Jahren. Da öffnete ich am nächsten Morgen nur die Fenster und der morgendliche Wind hatte meinen Kater weg geblasen. Danach war ich meistzeit wieder fit wie ein Turnschuh.
Aber heute? Da hilft ein geöffnetes Fenster nicht mehr. Der Körper verzeiht nicht mehr. Kopfschmerztabletten in der Schublade gehörten zu meiner The-Day-After-Behandlung und mindestens ein Liter Wasser.
Aber hier? Die Luft war leicht modrig, abgestanden, wie schon mal geatmet. Und Wasser sah ich weit und breit nirgends.
Wie paralysiert saß ich im Dunkeln und wartete darauf, dass mein Körper aufhören würde, gegen die Alkoholausschweifungen des Vorabends zu rebellieren. Was hatte ich nur getrunken? Bier. Okay. Mehrere Biere. Und, richtig, zwei, drei Gläser Prosecco und dann … es war Ouzo im Spiel. Vor meinen geistigen Augen sah ich mir Ouzo in große Schnapsgläser einschenken und trinken. Ich hatte es mal wieder übertrieben.
Mir wurde erneut übel. Mir schien, als ob der Magen dem inneren Augenkino zugesehen haben müsste, er rebellierte beim Gedanken an den Ouzo. Mit tiefen Atemzügen versuchte ich meinen Magen zu stabilisieren. Es gelang, nur die Kopfschmerzen klopften wie wild . Als ob jedes Schnapsglas Ouzo mir nochmals von innen gegen die Schläfen hämmern würde.

So hockte ich im Dunkeln und ließ meinen Gedanken freien Lauf. Bruchstücke vom Abend kamen mir in Erinnerung zurück. Mir fiel ein Gesicht ein, ein Mann, seine eckige, schwarzumrandete Brille, Schlips und Kragen. Ich erinnere mich nicht mehr an seinen Namen. Grübelnd überlegte ich, aber dessen Name konnte ich mir nicht in meine Gedanken zurück rufen.
Deshalb nenne ich ihn hier Robert.
Also Robert erzählte eine Geschichte. Eine Geschichte über Gedanken.

Robert berichtete, er hätte einen Professor kennengelernt, der hätte Gehirnforschung betrieben. Jener Professor wollte der Natur der Gedanken auf die Spur kommen. Nach dessen Meinung wären Gedanken nichts außer neurologische Produkte von Synapsen. Ein Elektronengewitter in verschiedenen Gehirnbereichen, so erklärte es der Professor. Um diesen Synapsengewittern auf die Spur zu kommen, hätte jener eine Anlage aufgebaut, welche Hirnströme überwachen konnte.

Eigentlich wäre das nichts bedeutsames, so meinte Robert. Und die Erkenntnis, dass Gedanken als elektronenartige Gewitter messbar und darstellbar seinen, wäre ja auch nichts neues. Die Schwierigkeit wäre es nur immer gewesen, den berühmt berüchtigten »Versuchsleitereffekt« bei den Untersuchungen auszumerzen. Dieser Effekt zeige sich dabei, dass jede Messung das zu messende Objekt beeinflussen würde.
In den Naturwissenschaften sei dieser Effekt immer wieder ein Problem. Denn eine Messung sagt immer nur etwas über ein Maß aus der Vergangenheit aus, aber nie über ein Maß der Gegenwart. Werner Heisenberg hatte dieses zum ersten Mal ausgiebig in der Quantenphysik formuliert. Als »Heisenbergsche Unschärferelation« fand jenes seinen Weg in die Lehrbücher.
Klar, in grobstofflicher Umgebung lässt sich eine Messung auch nach der Messung verifizieren, wenn denn die Umgebungsbedingungen gleich blieben. Allerdings komme es immer drauf an, welches Messmittel verwendet würde. Unterschiedliche Messmittel können schon unterschiedliche Ergebnisse bringen. Robert führte als Erklärung die Fertigungstechnik in der Automobilindustrie an. Dort würde bereits der Tausendstel eines Millimeters eine große Rolle spielen. Komme beispielsweise ein Teil aus einem kalten Lager, dann könnte das gemessene Maß Forderungen an dessen Maßhaltigkeit erfüllen. Jedoch, wenn das Teil zu lange in einer Hand gehalten würde, könne es bereits maßlich ein fehlerhaftes Teil werden, welches zu groß, zu lang, zu dick sei. Um diesen Effekt auszuschließen, gibt es feste Richtlinien zu Messungen, unter welchen Bedingungen gemessen werden müsse.

Robert erzählte weiter, dass jener Professor der Meinung gewesen wäre, dass er nur die Natur der Gedanken und deren Gedankenströme im Hirn an sich selber untersuchen könne. Dokumentiert hätte er alles über einen privaten Videoblog. Der Professor ersann Vorrichtungen und Apparaturen, welche eine hohe Messgenauigkeit und Reproduzierbarkeit der Messungen garantierten. Nicht der Professor befestigte Sensoren an seinen Kopf sondern ein programmierte Maschine. Hierzu hatte er seinen Kopf immer wieder über eine Laseranlage exakt bis auf jedes Grübchen vermessen lassen und in sein privates Computernetzwerk eingespeist. Mit der Zeit hatte der Professor seinen Kopf nicht nur äußerlich genau vermessen, sondern durch seine Apparatur und Sensoren hatte er ebenfalls das Innere seines Kopfes in den Computer 1:1 eingespeist gehabt. Der Professor hatte es in mehrjähriger Arbeit geschafft gehabt, auch das komplizierte Nervengeflecht des Hirns sehr genau darin als 3D-Modell abzubilden. Und dann begann er, sich zu konzentrieren, in welchen Gehirnwindungen und Synapsenbereichen bei welchen Worten elektronische Regungen zu messen waren. Schon bald hatte er die Synapsen lokalisiert, die für das Wort »ich« zuständig waren. Es war zwar kein eindeutiger Bereich, aber er konnte sehr gut zwischen »ich« und »du« unterscheiden.

Und so erforschte der Professor sein Gehirn. Mit der Zeit konnte er seine Gedanken fließen sehen, wenn er einfache Sätze dachte. Dann sah er, wie sich verschiedene Synapsenbereiche regten, Ströme flossen und sich vereinigten, sich wieder trennten, in bestimmte Hirnbereiche des vorderen Hirns strömten, sich wieder vereinigten und dann langsam verebten. Robert meinte, dass der Professor es letztendlich so weit brachte, dass er den Satz »ich denke, also bin ich« genau in seiner Entstehung und seiner Verarbeitung am Bildschirm verfolgen konnte.

Irgendwann wäre der Professor dann übergegangen, sich Gedanken darüber zu machen, wie er Gedanken mittels elektronisch induzierten Reizungen verschiedener Synapsenbereiche erzeugen könne. Das ganze war recht kompliziert und seine Zweitwohnung auf dem Lande war eher ein Gewirr von Kabeln und Apparaturen und Sensoren und anderen geheimnisvollen Gerätschaften. Robert sprach dabei davon, dass der Professor einige Apparaturen sich illegal auf dem russischen Schwarzmarkt beschafft hätte. Nach dem Zusammenbruch der UDSSR hatte er sich dort immer wieder Dinge und medizintechnisches Gerät besorgt und nach Deutschand geschmuggelt. Apparaturen und Werkzeuge, die in Deutschland nicht ohne Lizenz erhältlich gewesen wären.

Das ganze Vorhaben war freilich nicht ungefährlich. Ein Gehirn vorsätzlich elektrisch zu manipulieren, barg eine nicht zu unterschätzende Gefahr. Aber eigentlich war es genau der Punkt, den der Professor plante zu erreichen. Insbesondere deswegen hatte er alle Untersuchungen nur an seinem Gehirn durchführen wollen, um nicht andere zu gefährden. Der Professor riskierte ohne Zweifel, sein Gehirn zu schädigen und damit auch gleich den Schlusspunkt seiner Untersuchungen zu setzen. Das Risiko nahm er jedoch wohl voll in Kauf.

Der Professor hatte alles durch gerechnet und startete die ersten Testserien. Der Erfolg dieser Versuche war verblüffend. Per Programmierung seiner Apparaturen steuerte er den Synapsenbereich des »ich«-Zentrums an, induzierte einen winzigen, einen fast schon homöopathischen elektrischen Reiz an den Synapsen: der Professor dachte »ich«.

Andere Menschen wären angesichts des Ergebnisses zu dem Zeitpunkt in einem Rausch verfallen. Aber nicht der Professor. Er analysierte die Aufzeichnungen bei dem Versuch, modifizierte das Programm in mühsamer Programmierarbeit und startete alles nochmals neu, bis er mit dem Ergebnis zufrieden war und definitiv jeglichen Versuchsleitereffekt ausschließen konnte.

Drei oder vier Jahre dauerte es, so erklärte Robert, bis der Professor den Satz »ich denke, also bin ich« in seinem Gehirn induzieren konnte. Das hieß, der Professor regte Synapsen in seinem Hirn an und er dachte das, was er vorher seiner riesigen Apparatur auftrug, ihm als Gedanken zu geben.

Dem Professor war sehr wohl bewusst, was er mit seinen Forschungsergebnissen am Horizont aufzeigte. Ein dunkler Schatten von Aldous Huxleys »Schöne neue Welt«. Denn es schien möglich, ein Gehirn von außen zu veranlassen, innere Gedanken zu reproduzieren, die der Denkende als seine eigenen erachtete.
Eine Einschränkung war dem Professor jedoch bewusst: keines der gemachten Versuchsergebnisse wäre direkt von Gehirn zu Gehirn übertragbar. Jedes Gehirn stellte ein Individuum dar und funktioniere immer ein wenig anders. Je nach Entwicklung des jeweiligen Gehirns würden andere Synapsenbereiche zu reizen sein, um ähnliche Ergebnisse zu reproduzieren. Zumindest hatte der Professor aber für sich nachgewiesen, dass Gehirne prinzipiell von außen steuerbar wären. So wie manch ein Mensch einem Wellensittich das Sprechen beibringe, so lernte der Professor bei sich selber, Gedanken zu induzieren, Gedanken zu erzeugen und diese zu denken. Und gerade hierin sah er dabei das große Manko: Wellensittiche plappern nur nach, was denen vorgesprochen wird. Und sein Gehirn dachte nur die kurzen Gedanken, die sich der Professor zuvor ausgedacht hatte. Der Professor spielte mit seinem Gehirn, wie ein ein Mann sein Klavier nutzte: er drückte Tasten, die mit einem Ton verbunden waren. Und der Ton erklang.

Allerdings – so erklärte Robert – gab es einen Unterschied zwischen dem Klavierspieler am Flügel und dem Professor am Gehirn: Der Professor musste zuvor viele Fehlversuche hin nehmen, viele negative Ereignisergebnisse erzeugen, bevor er ein positives Resultat erhielt. Der Professor reduzierte mit der Zeit die Fehlversuche und erhöhte mit der Zeit die Erfolgsquote. Er lernte aus seinen negativen Ergebnissen.
Um sich selber den Satz »ich denke, also bin ich« denken zu lassen, benötigte er anfangs über 50 Versuche. Später waren es maximal ein Dutzend. Fehlversuche brachten entweder unvollständige Sätze oder manchmal ganz andere Sätze. Das tat jedoch dem Forschergeist des Professors keinen Abbruch, sich Gedanken über seine Gedanken zu machen.

Robert lachte dabei an jener Stelle seiner Geschichte unvermittelt laut auf:
»Versteht ihr, der Professor erzeugte eine Situation, in der sich ein eigener Gedanke sich Gedanken über sich diesen statt findenen Prozess des Gedanken-Machens Gedanken macht. Das hat doch etwas von der Geschichte des Kretaners, der behauptete, alle Kretaner seien Lügner, nicht wahr.«

Als Robert merkte, dass niemand diesen Vergleich auf Anhieb verstand, fuhr er mit seiner Geschichte fort.
Der Professor war also an einem Punkt angekommen, an dem er ein wirklich schwer kontrollierbares Experiment durchführen wollte: Er wollte sein Gehirn eine von außen elektrisch induzierte Frage stellen und dann die Antwort verfolgen. Bislang hatte der Professor immer die Gedanken vorgedacht, die sein Gehirn denken sollte. Er hatte nur die lineare Funktionsweise seines Hirns überprüft gehabt. Also die rein statische Funktionalität. Aber jeder weiß – so merkte Robert an –, dass Gedankenvorgänge dynamisch seinen. Gedanken bestehen mehr als aus nur aus gerade entstehenden Gedanken.
»Der Kopf ist rund, damit er seine Richtung wechseln könne«, heißt es im Volksmund. Und diese Dynamik wollte der Professor nachvollziehen. In Gedanken geht sowohl in der Vergangenheit Gelerntes völlig spontan und unkontrolliert ein. Der Professor bezeichnete es als die nächste Stufe seiner Nachforschungen. Dass er fähig werden würde, diese Dynamik von außen ebenfalls entsprechend zu induzieren, damit rechnete er nicht. Aber er erhoffte sich doch die ein oder andere Regelmäßigkeit zu finden. Sollte er wider erwarten es aber schaffen, diese Dynamik systematisch zu erfassen, so könnte es möglich sein, Lernprogramme von außen in das Hirn einzuspeisen und mit den Gedanken dynamisch zu verankern. Es hätte dann etwas von dem MATRIX-Film gehabt, in welchem die Frau Trinity schnell mal erlernt, wie ein Hubschrauber geflogen oder ein Motorrad gefahren wird.

Meine Erinnerung legte eine Pause ein. Mein Kopf schmerzte zu sehr ob dieser Erinnerung an den Abend zuvor. Roberts Geschichte erschien unglaublich, aber mit einem Bier in den Händen hatte sich dort alles leichter verstehen lassen. Auch wenn es unglaubwürdig erklang. Alkohol ermöglicht es.
Und so hörte eine Gruppe von vier Leuten dem Robert zu, den niemand von uns kannte oder zuvor gesehen hatte. Seine Geschichte war für uns wie eine intellektuell philosophische Partyunterhaltung.

Robert fuhr fort, uns zu beschreiben, wie der Professor sich auf seinen Tag X vorbereitete. Der Professor hatte versucht, alle Eventualitäten und Notsituationen abzudecken. Dem Ausgang des nächsten Schrittes seiner Gedankenforschung sollte das Risiko genommen werden. Einerseits war er zuversichtlich, dass ihm von seiner Apparaten-Landschaft keine Gefahr drohte. Er kannte sie bis ins Detail und vertraute ihr. Aber, was er befürchtete, war, dass er einen neuronalen Spannungsüberschlag in seinem Hirn erzeugen könnte, wenn er die von außen induzierten Dynamik der Eigendynamik seiner Gedanken aussetzen würde. Und an diesem Punkt war er sich nicht sicher, was das Resultats eines überhöhten neuronalen Gewitters in seinem Hirn mit den Synapsen anstellen könne. Er hatte das Risiko mehrfach abgeschätzt und kam auf ein kleines Restrisiko, welches er aber nicht qualitativ erfassen konnte.

Und eines Abends war es dann so weit, erklärte uns Robert. Der Professor schloss sich in seiner Wohnung ein, richtete alles her und ließ das Experiment starten. Der Apparatur hatte er 500 Fragen vorprogrammiert und sie sollte völlig zufällig eine dieser Fragen aussuchen, ihm ins Gehirn induzieren und dann die Reaktionen und die Antwort der Gedanken registrieren. Hauptsächlich handelte es sich um einfache Fragen. Zum Beispiel wie solche aus dem kleinen Ein-mal-eins. Und um dem Gehirn nicht nur einfach Wissensabfragen zu stellen, wurde jeder Frage eine persönliche Anrede hinzugefügt. Entsprechend lautete eine Frage nicht einfach »Wie viel ist zwei plus drei?« sondern vielmehr »Weißt du, Gehirn, wie viel denn zwei plus drei ist?«
Von dieser personalisieren Frage erhoffte er sich ein Ansprechen verschiedener Bereiche seines Hirns und entsprechende Aufschlüsse über den dynamischen Prozess der Beantwortung.

Robert erzählte, dass der Professor das Experiment startete. Er beschränkte sich für das Experiment auf eine einzige Frage, die die Apparatur zufällig auswählen sollte und sein Hirn induzieren sollte. Das Experiment startete mit der recht einfachen Frage:

»Hallo, Gehirn, wo bin ich?«

Nach den Aufzeichnungen des Professors verstrich eine Zeit von vielleicht fünf Sekunden, ohne dass die Apparatur eine Reaktion des Gehirn des Professors feststellen konnte. Erst leicht, dann aber immer heftiger strömte es von seiner Stirn über der Nasenwurzel ausgehend in verschiedene Gehirnbereiche. Die Sensoren zeichneten ein neuronales Gewitter im Hirn des Professors auf. Und erst dann, darauf erst baute sich aus den Signalen auf dem Monitor zur Darstellung der Gedanken ein Satz auf. Er formte sich vor den Augen des Professors. Ein einfacher Satz mit einer simplen Gewalt, die den Professor später an sein Gehirn und dessen Gedanken verzweifeln ließ. Ein Satz, der den Professor später seine gesamte Versuchseinrichtung zerstören lies. Ein Satz, der wohl auch an dem Suizid des Professors am darauf folgenden Tag entscheidend mitgewirkt haben musste. Polizisten lasen den Satz bei der Auswertung der Videokameraaufzeichnung, welche die sich in dem Raum abspielende Raserei des Professors dokumentierte.
Ein einfacher Satz mit großer Sprengkraft, der auch oft bei Eheleuten vor deren Scheidung fällt:

»Du verstehst mich nicht mehr.«