Ertrage die Clowns (12): Der Spaß beginnt …

    Im Jahr 1949 steckte sich der junge Joachim Fest einen Zettel ins Portemonnaie, den er bis zu seinem Tode mit sich führte. Auf dem Zettel stand der Satz:

    „Ertrage die Clowns!“

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  • “Haben Sie zuhause einen Desktop-PC?”, fragte die Chefin gestern ihren Mitarbeiter in der Firma, “Sollten Sie nämlich wegen dem Corona-Virus Home-Office machen müssen, dann können Sie von zu Hause aus arbeiten. Verstehen Sie? Oder wenn Sie am Corona-Virus erkrankt sein sollten, dann können Sie all ihre Arbeit von zu Hause aus erledigen, dann hat die Firma keinen Schaden.” Der Mitarbeiter nickte stumm. “Gut, also wenn es so kommt, arbeiten Sie von zu Hause.” Und die Chefin drehte ab. Ein anderer Mitarbeiter von ihr hatte eine Fußverletzung und wurde krank geschrieben. Sie hatte ihn immer wieder von zu Hause aus angerufen und ihn gedrängt, doch ein paar Aufgaben zu erledigen, denn obwohl er ja krank geschrieben wäre, so ihre Meinung, dann könne er trotzdem noch arbeiten. Wenn Deutschland etwas aus dem Flug “Germanwings Flug 9525” gelernt hat, dann das Arbeiten trotz medizinisch ausgestellten Krankenscheins. Als vor knapp 5 Jahren (am 24. März 2015) der Airbus A320-211 in die Hänge der Westalpen in Südfrankreich steuerte, starben beim Aufprall alle 150 Insassen. Später fand man heraus, dass der Selbstmordpilot eigentlich krank geschrieben war, aber trotzdem zur Arbeit ging. Dass niemand zu arbeiten habe, wenn so ein Mensch medizinisch krank geschrieben wurde, stand nie zur Debatte. Denn es hätte auf der damaligen Debatte dazu führen können, dass man Erkrankten sehr wohl eine Auszeit von der Arbeit zuzugestehen hat, damit sich der Körper desjenigen schneller und gründlich erholt. Tja, jetzt auch bei der Sache mit dem Corona-Virus. Die Chefin drehte sich nur kurz noch einmal um und bestärkte: “Auch wenn Sie an den Corona-Virus erkranken sollten, heißt das ja nicht, dass Sie nicht doch arbeiten könnten, nicht wahr. Und die Arbeit muss nun mal gemacht werden.” Sie schloss die Tür. Schlechter Rotwein hat im Gegensatz dazu noch immer den besseren Abgang.
  • Ein Arbeitskollege erkundigte sich telefonisch bei einer Apotheke, ob jene noch “Virulent” im Vorrat habe. Drei Packungen, war die Antwort. Er erwiderte, er würde um Viertel nach Neun dort vorbei kommen und alle drei kaufen. “Virulent”? Ich erinnerte mich, das in meinem Kühlschrank zu haben. Am Abend nach der Arbeit schaute ich nach. Stimmt. Da hinten, links hinten in der Ecke, da lag die Packung. Ich holte sie hervor. Ich hatte damals das Datum notiert, wann ich das homöopathische Mittel vom Arzt verschrieben bekam: Januar 2006. Verwendbar bis September 2019. Ich warte noch ein wenig. Auf dem Schwarzmarkt, dürfte die Packung bald Sammlerwert haben. Ach ja, obiger Kollege findet es asozial, dass manche mit gehorteten Atemmaske jetzt mit hohen Preisen fett Kasse machen. Das wäre unmoralisch. Bin ich froh, dass er an der Börse fett Kasse machen will.
  • Der Arbeitskollege stöhnte auf. Die USA hat die Einreise von Europäern verboten. Dabei wollte er übernächste Woche in den USA als Individualurlauber rumreisen. Den Flug – als Schnäppchen in einem Internetportal geschossen – kriegt er zu 100% ersetzt. Aber den Mietwagen? Die Hotels? Er ist sauer und überlegt zu klagen, wenn er nichts zurück erhält. Er ist rechtschutzversichert. Und dann las er die Nachricht, dass die Börse erneut mit über 10% eingebrochen ist. “Kein Problem”, meinte er lakonisch, “in zwei Wochen kaufe ich im großen Stil, wenn die Börse unten ist und dann mach ich fett Kasse.”
  • Ich erhielt auf meiner Arbeit die Anfrage eines Kollegen, ob ich nicht mit ihm den Urlaub tauschen möchte. Ich hatte meinen bereits für September gelegt, er auf April. Und er möchte Erholung mit seiner Familie im Süden. Den kann er im April wohl nicht wegen Corona realisieren. Also soll ich mit ihm tauschen, da ich ja keine Familie habe. Ich sagte ihm, ich sei bestechlich, und das ganz besonders in Zeiten von Corona und zu verlegenden Gardasee-Reisen. Er nannte mich ein kollegiales Arschloch, weil ich nicht im April Urlaub machen wollte.
  • Die Corona-Virus-Pandemie hat das Gebaren der ganzen Gangster-Rapper und Ghetto-Kids zu gesellschaftlich anerkannten Rang verholfen. Die “Ghetto-Faust” ist jetzt der Stil der Corona-Zeit. Die Gangster-Rapper und Ghetto-Kids werden sich neues zur Absonderung überlegen müssen. Vorschlag: Macht das, was die Bussi-Bussi-Gesellschaft Münchens damals immer machte, als jene Gesellschaft damals noch verächtlich auf euch nieder blickte. Sie wird neidisch werden.
  • Xavier Naidoo ist sauer. Warum ist ihm nur das Marketing von Tom Hanks eingefallen? Warum mögen ihn alle Menschen nicht? Nur weil er jetzt verdächtigt wird, doch Reichsbürger mit ausländerfeindlichen Ansichten zu sein? Man munkelt gerüchtemäßigerweis, dass er angeblich erbost aufgeschrien haben sollte, dass “die ganze Corona-Scheiße nur dazu dient, von den Scheiß-Wölfen unter den Flüchtlingen abzulenken”. Sein Pressesprecher hatte angeblich vor einer Stunde noch betont, dass Xavier Naidoo sich christlichen Idealen verpflichtet fühlt. Denen aus dem Mittelalter, müsste der dann wohl vergessen haben zu ergänzen.Denn für Xavier ist nach dem christlichen Kreuzzug wohl immer noch nur vor dem christlichen Kreuzzug. Und Corona wird dann wohl keine Strafe Gottes sein, sondern pures mediales Ablenkungsmanöver jenen Kreuzzug  in aller alternativer Wahrhaftigkeit für Deutschland zu starten.
  • Wer keine Ahnung hat, solle doch mal die Fresse halten. Ich habe keine Ahnung von Corona und sollte mich somit der einzigen Weisheit Dieter Nuhrs fügen. Nur habe ich auch keine Fresse. Aber eine Ladeluke, die sich erstaunt öffnet, wie sich manche an komplett belanglosen Twitter-Tweets von Dieter Nuhr abzuarbeiten. Mit den Gegen-Tweets scheint es, dass bestimmte Leute auf Angsterzeugung stehen. Und Dieter Nuhr ist dann nur ein zusätzliches wohlfeiles Mittel.
  • Panik? Panik ist immer eine Panik. Rückzuführen auf den griechischen Gott Pan, der auch gerne mal die Pan-Flöte spielte. Allerding sollte er auch in größter Mittagestille durch einen lauten Schrei auf einmal ganze Herden zu Massenflucht erregen zu können. Insbesondere zu einer plötzlichen und anscheinend sinnlosen Massenflucht. Panik. Panik? Panik ist intensive Angst. In Zeiten der Panik ist Angst immer ein meinungsbildender Faktor. Eine intensiver Faktor. Angst? Guggst du hier: ANGST!!!! (Autor des mp3-Datei: Voller-Worte-Blog)
  • Eine Firma schrieb in ihren Corona-Richtlinien, dass unnötige Dienstreisen jetzt in Gebiete mit Corona-Risiko nicht mehr genehmigt werden würden. Hm. Lasst uns auf die Post-Corona-Zeiten warten, dann sind unnötige Dienstreisen in ehemaligen Risiko-Gebieten wieder erlaubt. Und danach schauen wir uns gemeinsam die Maßnahmen zum Enger-Schnallen des Gürtels als Reisemitbringsel aus unnötig zu besuchenden Gegenden an …
  • Ein Fotograf besuchte die rote Zone rund um Fukushima und stellte aus seinem hermetisch abgedichteten Schutzanzug heraus fest, dass die Pflanzen so ganz ohne Menscheneinfluß richtig gut gedeihen. Das entspricht der Erfahrung von der roten Zone rund um Tschernobyl. Immer wenn ich Urlaub mache, sehe ich, wie mein Pflanzendschungel sprießt und gedeiht. Nur zwei Wochen nach dem Urlaub, sieht es anders aus. Na, hört mal, ihr Pflanzengesocks, was glaubt ihr eigentlich, wer eigentlich die Wasserrechnung hier bezahlt!?! Passt euch gefälligst an! Und seid glücklich, dass euch Corona und Radioaktivität nicht entscheidend beim Leben stört.
  • Im Traum erschien mir ein alternativer Fieslerstorch, bemerkte bei jeder Gelegenheit nachdrücklich fanatisch: “Fake-News!”, und versuchte nach Lesbos aufzubrechen, um als zukünftiges Vergewaltigungsopfer durch mindestens einen potentiellen Flüchtling, Schlagzeilen zu generieren. Sie wollte endlich, dass in ihren als “Fake-News-Verbreiterer” herabgewürdigte Fernsehsender wieder wichtige Dinge als Nachrichten auftauchen sollten. Sie durfte nicht ausreisen, weil sie kein Gesundheitszeugnis nachweisen konnte. Ihr Psychiater hatte beim Anruf der Grenzbehörden erklärt, derer Gruppengespräche in Berlin wären noch nicht abgeschlossen. Zieldatum dazu wäre wohl Oktober 2021. Demokraten vermuten jedoch, dass es über 2015 hinaus dauern könne, bis sie maximal situativ gesund erklärt werden könne. Ich beschloss, dass mir der Traum für das Happy-End entschieden zu lange dauern würde, und wachte auf.
  • Es wurde bereits nachgewiesen, dass unsere Bargeld-Scheine alle mit Kokain kontaminiert sind. Warnung an alle, die seit langem bereits versuchen mit vielen 5-Euro-Scheinen high zu werden: Ab sofort ist das 5-Euro-Scheinen-Lutschen mit dem gewissen Extra an Risiko versehen. Kauft von euren 5-Euro-Scheinen lieber den echten Stoff. Die Lunge wird es euch danken, was ihr euch zuvor durch die Nasenflügel pfeift.

Bösartige Umfrage

Eine kleine Forschungsgruppe der Elite-Universitäts LMTU München ging Ende Februar 2020 in die Innenstadt von München und konfrontierte Passanten, die eine Atemmaske trugen, mit der folgender Situation:

“Angenommen Sie müssten zwischen der Aufnahme eines Flüchtlings aus Syrien und der Corona-Virus-Erkrankung wählen, was wäre dann Ihre Wahl? a) vierzehn Tage Quarantäne und dann mit akuter Erkrankung knapp dem Tod entgehen? b) zusätzlich zu den Masernparties für die eigenen Kinder in den Kitas eine Immunisierungsparty mit CoVid-19-Erkrankten zur Eigen-Immunisierung durchführen? c) Flüchtling sofort zu Hause aufnehmen d) Flüchtlinge in CoVid-19-sichere Drittstaaten ausweisen e) eine CoVid-19-genehme Alternative für Deutschland wählen?”

Folgendes war der völlig überraschende Ausgang der Umfrage:

Tja, leider reichte das Budget der kleinen Forschergruppe nicht aus, die Zusammenfassung zu veröffentlichen …

Gedankensplitter: Wir sehn uns vor Gericht!

Der Feind meines Feindes ist mein Freund. Der Freund meines Freundes ist mein Freund. Der Freund meines Feindes ist mein Freundfeind. Der Feind meines Freundes ist … verdammt .. meine Ehefrau. Viva la familia. Ergo ist der Feind meiner Ehefrau mein feindlicher Freund. Der eheliche Feind fraulicherseits ist männlicherseits ein determiniertes Objekt. Auf deutsch: beleidigenswert. Und ein freundlicher Freund ist eine Provokation par excellence, sowieso. Während ein feindlicher Feind sich durch die routinierte, künstlerische Verfahrensweise des persönlichen Dissens identifiziert.

“Schurke, nimm hier meinen Fehdehandschuh.”

“Depp, der ist mir zu klein! Ein wenig mehr Respekt hätte ich schon von dir erwartet, was die europäischen Handschuhgrößen angeht!”

“Ich erwarte dich mit der Handschuhtabelle zu High Noon am Marienplatz!”

“Du bist wirklich respektlos! Marienplätze benötigen keine niveauloses High Noon, wie du es wohl brauchst! Hier, nimm dafür meinen normgetreuen Fehdehandschuh!”

“Wie? Du verweigerst meinen eigenen? Das geht gar nicht! Das bedeutet Fehde!”

“Fick deine Ahnen und Ahnen-Ahnen. Du hast keine Ahnung, was Fehde wirklich ist!”

“Und du die Ahnen-Ahnen deiner Ahnen-Ahnen-Ahnen! Wähl die Waffen!”

Ich klinke mich hier aus. Dieses seicht romantische, familiäre Soap-Gespräch findet in Fahrgewässern statt, in denen Flachköpper garantiert eine Kunstform darstellt. Direkt nach dem vorsätzlichen Selbstmord.

Man sagt, beide prügelten sich eben drum wegen deren Aussagen vorm Richter. Freilich sind die beiden nicht dümmlich. Aber nur extrem annähernd nicht. Aber wirklich ganz extrem …  . Beide haben von Onkel Sam und Väterchen Russland gelernt: Stellvertreter-Kriege für den Tanten-besuchten Grabplatz unter Mütterchen Erde sind besser als gegenseitiges Verständnis. Darum arrangieren beide Rechtsanwälte für sich als Stellvertreter vorm Richter. Sie nennen dieses dann juristisches Dissen.

Deutsch-Rapp ist der Anlass dazu. Also die Vorform gewissermaßen. Und das muss so sein. Denn jeder Gangster-Rapper will nur dann Gangster sein, wenn er auch den Rechtsstaat existierend weiß, um sich gegen die anderen Gangster legal zu behaupten. Es kann nur einen Gangster geben. Und glaubst du es nicht, geh der Herr Gangster mit dir vors Gericht.

Naja, das ist eigentlich gut zu wissen. Statt Gangster-Rapper an einem SUV hängend mit der Uzzi auf der Straße ballernd zu sehen, weil der zu viel Scorseses gesehen hat. Gangster-Rapper und Alpha-Männchen mit Rechtsanwalt vor Gericht, so etwas erscheint inzwischen normal wie Kaugummikauen. Nur so einen Schwachsinn will man sich selber kaum trauen. Zumindest nicht ohne Rechtsschutz.

Meine Kaffee präsentiert sich mir in meiner Tasse wie ein schwarzes Loch.

Ich zuckere nach.

Adventsgedanken für Arme

Drei Mädels stehen zusammen und schreien in ihr Mikrofon “Warum”. Warum? Ich gehe durch die dunklen Straßen Münchens. Weihnachtslichter der Wohnungen erhellen die Zwischenräume der Straßenlaternen, warm eingehüllt in meiner isolierenden Jacke schreite ich Richtung Zuhause. Warum?

Warum? Warum ist die Banane krumm? Warum macht wen die Banane krumm? Warum ist krumm dumm?

Weihnachtsfeiern machen lustig. Weihnachtsfeiern machen seltsam duhn im Kopf. Ich sitze in gemeinsamer Runde und jeder analysiert das gleiche Thema aus seiner Sichtweise. Mein Steinkrug verdunstet das Kellerbier, wie meine Pflanzen zu Hause das Wasser verschlingen. Aber duhn ist nun mal eine menschliche Eigenschaft und keine pflanzliche. Da muss ich alleine durch.

Pflanzen zu Hause? Geht gar nicht! Geht überhaupt gar nicht, eben diese Phrase “geht gar nicht”. Packt mein Kind sechsmal unbedarft mit seiner Hand auf eine Herdplatte und ich warne jedes Mal: “Vorsicht, die Herdplatte könnte heiß sein!”, dann ist es schon in etwa verständlich, dass ich beim siebten Mal einfach nur noch schnauze “Das geht gar nicht!”“ und dessen Hand gewaltsam roh wegreiße.

Nur unter Erwachsenen gleich beim ersten Mal mittels einer Email mit großem Verteiler ein solcher Satzanfang, das ist Kindergarten pur. Oder eher Kita. Denn die werden staatlich bezahlt und da darf sich jeder rein rechtlich straffrei austoben und selbst verwirklichen. Insbesondere dann, wenn später jährlich über mangelnde Kommunikation innerhalb den Strukturen geklagt wird. Von eben gleichen Personen. Mit dem Angeschriebenen gleich zu reden, statt einer Email mit großem Verteiler in cc: zu verschicken … nun Firmenkultur kann auch umfassen, dass man sich darüber beklagt, das andere die gleiche Verhaltensweise wie man selber an den Tag legt. So wird das Klagen, Seufzen und so zum täglichen Qualifikationsnachweis.

Und warum sollte es auf einer Weihnachtsfeier denn somit anders sein?

“Basse ma’ uff. Wenn der eine klagt, dass hinter seinem Rücken gelabert wird und dieses auch hinter dem Rücken der anderen macht, warum soll er sich dann beklagen?”

“Verstanden. Nur wenn er sich als einziger nicht darüber beklagen darf, dann ist etwas oberfaul bei der offenen Kommunikation, nicht wahr.”

“Freilich. Wenn das Getuschele und Getratsche als Kultur anerkannt ist, aber das Ausgeschlossen-Sein vom Getuschele als Manko angeklagt wird, klagt derjenige sich dann nicht selber an?”

“Tratscherei umgibt sich nun mal nicht mit Plüsch und Samt. Getuschele ist und bleibt nun mal ein Gefühl.”

“Gefühle kistenweise. Und es sieht blendend aus. Nur, das Gefühl steht niemanden.”

“Eben. Das nennt sich Lebensqualität. Dinge sich anzueignen, welche man nicht braucht, mit Mitteln, die man nicht hat, um Leuten zu imponieren, die man erst recht nicht leiden kann.”

“Ja, der letzte Schrei als einzige Konstante im Wandel. Schreie verschwinden und gehen vorbei. Ewigkeiten kommen und gehen. So wie Sonderangebote bei Amazon. Immer auf den letzten Drücker, zum Sonderpreis als Ramschware. Rudis Resterampe als Lebensmotto der eigenen Kommunikationfähigkeit. Schreien ist laut. Flüstern leise. Wer flüstert, der lügt. Wer stille Post betreibt, betrett seit Jahrhunderten Niemandsland.”

Mein Blick wandert vom einen zum anderen, dann vom anderen zum einen, und dann wieder vom einem zum nächsten. Mir schwant, ich bin nicht mehr in meiner Firma, sondern auf einem Kongress der Kommunikationswissenschaftler. Und Kommunikationswissenschaftler sind dieZukunft der medialen Welt. Ohne Kommunikationswissenschaftlergerät man von einem Shitstorm-Regen in eine Shitstom-Traufe. Und wer Kommunikationswissenschaftler ist, der sagt dir auch, wie man seine eigene Marke am besten und schnellsten versenkt. Und dabei noch ordentlich klasse Kasse macht.

“Ich würde das Unausgesprochene nicht unausgesprochen lassen.”

“Wie belieben?”

“Was du nicht weißt, was ich dir sagen will, kann du nachher nicht mehr als Unwissenheit erklären.”

“Nur wenn alles Unaussprechliche ausgesprochen wird, wo bleibt dann noch der Schutz der Privatsphäre. Manches muss unausgesprochen bleiben.”

“Voldemort.”

“Oder 42. Der Sinn des Lebens.”

“Oder das unser Vorgesetzte weder das eine, noch das andere verkörpert.”

“Du solltest deine Gedanken zügeln. Das darfst du so nicht sagen.”

“Nicht? Okay, aber dann doch vielleicht noch ein Pfefferminzplättchen?”

“Dann lieber doch zur Kreuzigung. Gut. Durch die Tür hinaus, zur linken Reihe, jeder nur ein Kreuz.”

“Oh ja. Wenn es die Kreuzigung nicht gäbe, wäre dieses Land in einem solchen Zustand … .”

“Pöser Purche!”

Der Tisch wälzte sich vor Lachen in Erinnerungen.

Als das Kind Kind war, wusste es nicht, dass es Kind war, alles war ihm beseelt, und alle Seelen waren eins. Handke. Literaturnobelpreisträger. Zitiert aus dem Film “Der Himmel über Berlin”. Darf man das noch zitieren? Darf man Handke noch zitieren?

“Ich sag es mal so, über uns herrscht eine Phalanx aus Vorgesetzten. Die investieren 75% ihrer Arbeitszeit in Status-Quo-Erhaltung und den Rest in Arbeitsinhalte.”

“Na, jetzt redest du aber wie ein Kommi. Den Kommunismus in seinem Lauf halten immer nur Kommunisten auf. Ergo, manisch ineffektiv. Bewiesen im letzten Jahrhundert. Mehrfach.”

“Geht nicht. Kommi-Klassifikation ist total vorbei. Denn dann hätte unsere Phalanx zumindest einen 5-Jahres-Plan. Aber die haben nur ihre Daseins-Berechtigung, wenn sie als Krisenmanager reüssierten.”

“Re-Ü-was?”

“Erfolg! Erfolg als Konsequenz von Leistung. Und Leistung in einer Leistungsgesellschaft muss sich bei uns lohnen. Das heißt, wer sich was leistet, wird belohnt. Flughäfen im Planungs-Soll zu eröffnen oder Versprechen zu realisieren, das kann jede Sau. Aber man muss das Undenkbare denken. Und nicht lang lachen. Einfach machen. So etwas nicht zu schaffen oder nicht zu erfüllen, dass musst du dir erstmal leisten können.”

“Das kann ich auch. Locker vom Hocker.”

“Nur gehörst du nicht zur Phalanx.”

“Nein, aber zur römischen Schildkrötenformation oder zu den im Hinterland rekrutierten Männern für das Kanonenfutter von Verdun.”

“Ich sag ja, du bist ein elender Kommi.”

“Steht etwa auf meiner Stirn ‘Mir doch egal’ ?”

“Keine Ahnung, aber auf der Weihnachtsfeier so gegen die eigene Firmenpolitik zu lästern, dann biste hier falsch.”

“Lästere ich nur, weil wegen paar Dutzend Hundert Betrügern in der Dieselindustrie eine positive Motorenentwicklung und deren Industrie momentan den Bach runter geht und Arbeitslose erzeugt?”

“Was willst du? Hat man in der Bankenkrise vor zehn Jahren die Betrüger tausendfach eingebuchtet? Hat man die Pleite von Thomas Cook jemals auf das spielsüchtige Pokern der Hedge-Fonts zurück geführt? Nur Uli Hoeness wurde Opfer seiner Spiel- und Wettsucht. Aber auch nur, weil jener den Staat mit seinen verbrieften Steuernabgaben außen vor ließ und ignorierte. Er ging nicht in die Landsberger Festung, weil er spielsüchtig war.”

“Stimmt. Die anderen Loser gingen leer aus. Die kriegten noch nicht mal Wasser, Brot und Weißbier in einer Notunterkunft, weil wir sparen müssen. Ist Spielsucht eigentlich eine anerkannte Krankheit? Ich meine, von jedem HIV-Erkrankten mit Sex-Libido verlangt man doch lebenslange Einzelhaft. Aber Alkohol und Zocken werden nie wirklich aktiv bekämpft. Aber Hauptsache, der Ehepartner oder Lebensabschnittspartner vögelt nicht fremd und wird nicht außerhalb der Familie der Pädophilie überführt.”

“Du wirst unsäglich unsachlich. Ekelig! Wundere dich nicht, dass bei so einer Einstellung niemand mit dir reden will. Fremdgehen und ein wenig Zocken sind zwei verschieden Sachen. Und HIV, Clamidien und Ebola sind bedrohlicher als diffuse Gestalten mit halbgefülltem Pils-Glas am Spielgeldautomaten. Und von der Börse profitieren wir letztendlich alle.”

“Und? Lebst du auch fair? Ich meine so in Richtung Fairtrade?”

“Ich versuche es. Ich finde es unerträglich, wenn in Pakistan Kinder Nike-Socken oder KIKA-Kleidung für eine Handvoll Cents stricken müssten.”

“Schaffst du es, 1% von deinem Leben in Fair-Trade-Produkte zu investieren? Ich nicht. Aber ich finde es okay, wenn ein Kind ein paar Cent verdient, statt in einer naßkalten, dunklen Behausung hungernd mit ein paar Steinbrocken die WM 2018 in der Ersten Welt vom Hören-Sagen hustend und hungernd nachspielen zu müssen. Das ist doch grausam. Da hat das Kind dann doch eine sinnvollere Beschäftigung, wenn es Kleider schneidert, nicht wahr. Besser als überhaupt keine Tätigkeit und tätigkeitslos dahin vegetieren. Das will selbst hier in unseren Breitengraden niemand.”

“Du bist ein elender, verkappter Kommi! Träumer! Gutmensch!”

“Naja, dann bin ich Kommi. Aber du als Kapitalist, oder besser Neoliberaler-Kapitalist mit Deregulierungsphilie, findest es besser, dass in Billiglohnländern die Komponenten deines PKWs erzeugt werden, damit du ihn dir leisten kannst. Oder deine Sneakers, Jeans, Jacken oder so. Weil hier beklagst du dich über zu hohe Lohnkosten, die dir die Produkte unerschwinglich machen würden.”

“Das ist hier eine Weihnachtsfeier! Du schaffst nur Unruhe und Unfrieden durch deinen Mist!”

“Und ehrlich, erst jetzt verstehe ich Dieter Nuhr, wenn dieser Karl Dall für Arme meint, dass ein Kampf gegen den Klimawandel schwerwiegende Krisen und Weltkriege hervorrufen könnte. Da hat er wohl Recht. Wer will schon für normale 08/15-Schuhe statt 50 Euro das Doppelte zahlen, wenn dann der eigene Lohn sinkt. Was nützt einem der Porsche Cayenne für 7.500 Euro, wenn durch konsequente Lohnsenkung der Monatslohn nur noch 500 Euro beträgt, wovon man 75% an Lebenshaltungskosten abziehen muss. Da werden Leute rebellisch, dass heißt Revolution. Wobei: Revolution heißt, Aufbegehren der Unteren gegen die Oberen. Oder wie es für Leute von hier und heute heißt: Terrorist.”

“Dein ‘Karl Dall für Arme’ hatte einmal ganz treffend zu Leuten wie dir gesagt: ‘Wenn man keine Ahnung hat, einfach mal Fresse halten.’ Der Satz war bis vor paar Jahren noch bei dessen heutigen Kritikern ein bibelgleiches Gebot. Die größten Kritiker der Elche sind heute selber welche!”

“Stimmt. Nicht jeder schafft das erste Staatsexamen, um Lehrer werden zu dürfen. Das hat der Nuhr sich geleistet und jetzt hat er die offizielle Lehramtsstelle für alle ohne Schulabschluss in der Öffentlichkeit erobert. Quasi von unten übers Gymnasium und Uni auf die Bretter, die die Welt bedeuten. Und eben letztere hat er sich auf die Stirn genagelt, um Deutschland zu beglücken.”

“Was hat er sich genagelt? Die Welt?”

“Nein, eher das andere.”

Ich zutzle an meinem Weißbier und schlürfe meine Weißwurst vor mir in seinem Weißwurstsenf. Wie gerne wünschte ich mir beim Zuhören das Weiße weg. Es bliebe übrig: Bier, Wurst und Senf. Und von der bayrischen Flagge nur das Blaue vom Himmel.

Versprochen. Kein Weißes im Auge würde mehr stören. Und aus den grauhaarigen, weißen Männern würden nur grauhaarige Männer übrig bleiben, welche aussähen wie Morgan Freeman oder Samuel L. Jackson heute. Oder Schäuble, Seebacher-Brandt oder Seehofer. Oder so. Und nicht wie Scheuer, Söder oder Schröder, künstlich auf ungrau für-immer-jung gefärbt.

Ich erhebe mich und wünsche allen einen schönen Restabend. Bier, Wurst und Senf sind mir Wurscht.

Weiß eigentlich die Welt, dass Wiener aus den Resten von bayrischen Leberkäs zusammengesetzt werden? Und was von den Resten der Wiener Deutschlandweit übrig bleibt, kommt dann in den bayrischen Leberkäs. Ja, so ist der nachhaltige Kreislauf. Und seit dem Döner-Skandal, ist ja inzwischen bekannt, dass eine der Döner-Erzeugungszentren für Berlin in Bayern liegt. Die nehmen dann die Reste der gut gewürzten Dönerspiesse und füttern die wiederum in den Leberkäs. Eine unerschöpfliche Quelle des Wiener- und Leberkäsfrohsinns.

So ist das auch mit den bayrischen Noagerl des Oktoberfestes. Bekanntlich werden diese jeden Abend kurz vor Mitternacht  in Fässern zusammengeschüttet, von einem Vergeistigten gesegnet und nach Köln als Kölsch verschickt. Die Kölner verwerten dies dann im Karneval und der Rest davon kommt zurück nach München und wird später auf dem Oktoberfest wieder in Maßen ausgeschenkt, wo dann die Noagerl …

Ein ewiger nachhaltiger Kreislauf. Nur hin und wieder müssen dann deutsche Landwirte ihre Ernte diesen beiden Städten zur Verfügung stellen, damit er Verlust mit Frisch-Gebrauten ersetzt wird. Oder es wird ne Sau geschlachtet, die zuvor durch irgendein Dorf getrieben wird, damit die vegetarischen Döner-Spieße nicht so fleischlos daher kommen und die Wiener-Leberkäs-Connection nicht trocken wird.

Hauptsache, der Verbrauchende hat beim Essen und Trinken seinen alloholinduzierten, sättigenden Spass, woll. So wie in Mittelwest-Deutschland wie in Südost-Deutschland. Ganz ohne Brot und Spiele.

Hauptsache es ist ess- oder trinkbar und lässt sich in Senf versenken. Gott, wir sind dir dankbar für diesen unerschöpflichen Rohstoffkreislauf, der uns mit Stoff bei Weihnachtsfeiern versorgt. Und dank an unseren legalen Dealern, dass die unser Essen und Trinken immer wieder aufpimpen …

Warum klappt das nur nicht bei der Energieversorgung? Herrschafftszeiten, lasst Phantasie für Arme regnen!

In den Ohren isoliert mich das orchestrales Arrangement eines Liedes von einer der zusammen gecasteten, erfolgreichen Girl-Bands der End-90er von der Außenwelt. Neun Quadrate, zwei Gegenspieler, einer setzt die Kreuze, der andere die Kreise. Ein Spiel, was keiner verlieren kann, wenn man weiß, wie es geht. Tic Tac Toe. Warum? Es ist das Lied der Verzweiflung einer ehemaligen Girl-Band über eine verlorene Freundschaft, welche von Außen zerstört wurde, weil einer der beiden Freunde sich dabei verlor. Warum? “Warum Score 1” ist die orchestrale Version ohne viel Worte (hier oder hier oder Verlinkung auf Youtube-Video).

Die Straßen sind erleuchtet, die Gedanken irrlichtern zwischen den Lichtern der Straße in meinem Kopf. Die Stimmung ändert sich angepasst am Licht, das Lied wechselt. Über mir erstreckt sich ein silberner Mond und Silbermond feiert den Mensch und die Unterschiede und Kritiker krakeelen: Was wollen die Hippies nur?

Reichtum, der für alle reicht? Im Rhythmus des Liedes von Silbermond gibt meine Körperhülle den Resonanzkörper für mein Summen: “Alle Hände in die Luft für die Musik, für den Frieden. Mann, entspann dich, ich träum‘ ja nur …”

Weihnachtslichter und Straßenlaternen säumen meinen Weg.

Im Försterhaus die Kerze brennt.
Ein Sternlein blinkt: Es ist Advent.

Des Deutschen Volkes Recht auf Selbstverstümmelung

In einem Bus von A nach B in diesem Land erklingen harmonisch angeregte Diskussionen. Diskussionen? Deutsche Diskussionen. Harmonisch?

“Guten Abend, auch du politischer Banause. Wir können hier richtig deutsch diskutieren, richtig deutsch. Wir haben Verbandszeug im Hause.” (Wolfgang Neuss)

“Das wird man wohl doch noch sagen dürfen!“

“Was denn?”

“Was Sie mir versuchen, mit ihrer Nazikeule zu unterbinden?”

“Sie meinen also, Nazis dürfe man nicht mit Keulen niederschlagen?”

“Keulen sind sowas von Neandertal! Barbarisch! Geht gar nicht!”

“Geht als Alternative auch Gas? Ich kann mal bei Bayer anfragen.”

Das Gespräch war auf Null. Von Januar Tausendneunhundertdreiunddreissig auf Null in weniger als einer Zehntel Sekunde. Kein Grund, die Redaktion von dem “Guinessbuch” anzurufen. Auf bestimmten Parteiversammlungen – nicht nur in Deutschland – werden immer Weltrekorde gebrochen, so dass die Redaktion vom “Guinessbuch” gar nicht mit dem Tippen nachkomme dürfte. Aber darf man das sagen? Wird man das noch sagen dürfen?

Natürlich nicht! Weil diejenigen, die das politisch Korrekte als politisch Unkorrekte anprangern, den Maßstab ihres Denkens beim letzten Vollrausch der eigenen Selbstbesoffenheit neu kalibriert haben. Fast so wie die Haschisch-Abhängigen. Dabei geht unsere Gesellschaft am gepflegten Alkoholismus der Darf-man-doch-wohl-noch-sagen-Brauerei zu Grunde. Friday-for-Future-Bashing a la Dieter Nuhr oder die Anklage an die Sonne für deren respektlose Wärmestrahlung a la AfD, Selbstbesoffenheit ist die neue institutionalisierte Ich-AG dieser offen geschlossenen Gesellschaft. Wer nicht mindestens 0,8 Promille von fremdinduzierten Giftstoffen übers Blut ins Hirn aufgenommen hat, der gilt als politisch inkorrekt und nicht gesellschaftsfähig. Einem gewissen gesellschaftsfähigen Prozentsatz wurde inzwischen schon den Führerschein entzogen. Allerdings nur aufgrund von alkoholinduzierter Besoffenheit auf E-Scootern während des Oktoberfests. Das sollte Bedenken hervorrufen, was aufgrund nicht-alkoholinduzierter nationaler Besoffenheit uns bedroht.

Führer-Schein. Welche Ambivalenz. Führerschein entziehen. Nun ja. Geht hier ja gar nicht, woll. Freie Fahrt für freie Bürger. Über Leichen, Stock und Stein. Freiheit kann so einfach sein.

Und der Rest der Selbstbesoffenen rennt weiterhin durch die Welt und salbadert von dem “Sündenfall der politischen Korrektheit”. Warum? Weil der Virus deren Hirne mit dem ‘Das-wird-man-doch-wohl-noch-sagen-dürfen’-ismus versetzte hat. Ja, freilich, behaupte ich auch, gleich im nächsten Satz: ‘Das wird man wohl noch sagen dürfen’. Demokratisch sein heißt, dass du alles sagen darfst. Demokratisch sein, heißt, dass eine Ansicht auch vor dem Pult des Richters vertreten und nachher unter dem Vorbehalt gesiebter Lust ertragen werden darf, wenn Grenzen der Meinungsfreiheit über Bord im Namen jenes “ismus” geworfen werden.

In einem Bus von A nach B in diesem Land erklingen Gespräche. Und ich setzte mir meine Ohrstöpsel ein und schalte ab. Lasse doch reden. Mein Nachbar wirft noch ein:

“Verlass dich darauf, wir werden das sagen dürfen. Meinungsfreiheit kommt. Eines Tages steht sie auch vor deiner Tür.”

“Dann bin ich nicht zu Hause, wie deren bekloppte Mehrheit auch. Wie schade, wenn dann niemand da ist und niemand dann solche Perversion rein lässt, woll.”

“Falls du dann nicht zu Hause bist. Kann keiner was machen, wenn du angesichts der Meinungsfreiheit emigrierst.”

“Keiner tut gern tun, was er tun darf. Was verboten ist, das macht uns gerade scharf.”

“Wie?”

“Sagte Wolf Biermann, kurz nachdem er einer Diktatur entfloh?”

“Diktatur der Kommunisten!”

“Hast Recht, Gehirnpygmäe.”

“Wie?”

“ ’Es genügt nicht nur, keine Gedanken zu haben, man muss auch unfähig sein sie auszudrücken.’ Und. ‘Clausewitz sagte: ‚Der Puff ist die Fortsetzung der Politik mit anderen Mitteln‘. ‘Wir alle, lügen wir nicht, wir alle hoffen darauf, im Kopf irgendeines deutschen Staatsmannes einen Strohhalm zu finden, an den wir uns klammern können’ .”

“Karl Marx?”

Ich schwieg. Es war ein weiteres Zitat von Wolfgang Neuss. 1965. Dann schob ich ich ein weiteres Zitat von ihm nach, weil es gerade in meinen Buch auftauchte:

“Unser Schlusswort zum Leben unserer Brüder und Schwestern in der intoleranten, geisttötenden, menschenverachtenden, selbstgerechten Ostzone wird niemals Amen lauten, sondern: nachahmen. “

Ich wurde bis B in Ruhe gelassen. Untypisch für die gängige Parole “Wir sind vielleicht ein Volk” .

Ich korrigiere: Ihr seid vielleicht ein Volk. Volk der Verbandskästen!

Ertrage die Clown (10): Freiheit, die ich meine

Im Jahr 1949 steckte sich der junge Joachim Fest einen Zettel ins Portemonnaie, den er bis zu seinem Tode mit sich führte. Auf dem Zettel stand der Satz:

„Ertrage die Clowns!“

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Der Vortragende salzte nach.

Das Radieschen vor ihm vertrug seiner Meinung noch etwas Salz, bevor er dessen letzte Hälfte in seinem Mund verschwinden ließ. Salz ist das Elixier der Suppe und eines jeden Radieschens, memorierte er still vor sich hin, bevor er zu seinem Mund führte und die Hälfte genießend zerkaute. Es war die bewusste rhetorische Pause seiner Rede. Er konnte es sich leisten und das mitten in einem ausgeklügeltem Vortrag.

In seinem langem leinenem, weißen Gewand stand er vor ihnen und seine Hand fuhr durch deinen langen Bart. Es war ein buschiger, spitz herunter hängender  Bart, der bereits weiß-ergraut war. Er ergriff den Bart immer wieder am Kinn, bündelte ihn mit seiner Hand und fuhr dann damit von Kinn bis zur Brust runter, bis auch das letzte Härchen seinem Griff verlassen hatte. Immer wieder wiederholte er die Prozedur. Seine Schüler hockten im einfachen Baumwollgewand vor ihm und wagten nicht das zu formulieren, was sie dachten: Er melkte eine Kuh und die Kuh war sein Hirn und seine Weisheit kam immer dann, wenn er seine Hand um seinen langen weißen Bart zu legen, um eine neue Weisheit aus seinem Mund zu erzeugen. Sie hingen an seinem Mund und der Bart war ihnen recht gleichgültig. Nur diese Handbewegung, die war das Geheimnis der Erkenntnis. Wohl möglich. Die Handbewegung war seltsam selbstzentriert, irgendwie unklassifizierbar, seltsam egoman. Daher stieß es seinen Anhängern auch immer wieder ungemein ärgerlich auf, wenn jemand diese Handbewegungen mit Onaniehandbewegungen in Verbindung brachte.

Die Zuhörer klebten bereits seit sechs Stunden an seinen Lippen. Nie zuvor hatten eine solche lange Vorlesung an deren Einrichtung gehört, nie hatten sie ähnliches gehört. Und sie waren initiationsgleich instruiert worden, dass er revolutionäres verkünden würde.

“Es gibt verschiedene Prinzipien, die ihr alle jetzt aus meinem Vortag ableiten könnt. Und das erste Prinzip unserer Ethik ist: die Würde des Menschen ist unantastbar. Sie zu achten und zu schützen, ist Verpflichtung aller staatlichen Gewalt.”

Schweigen in dem Auditorium erfüllte den Saal. Hin und wieder war ein Kratzen wie von Federkiel auf Pergament zu hören, aber ansonsten regte sich nichts. ‚Einundzwanzig‘, ‚zweiundzwanzig‘, ‚dreiundzwanzig‘. Die alte Regel, dass die vorgenannten Worte als Regel der Aussprache jener Worte insbesondere im Deutschen jenen zeitlichen Bereich einer Dimension sekundenhaft durchschreitet, materialisierte sich. Niemand sagte etwas, alle stellten sich die andere, unzeitliche Dimension der Worte vor.

“Moment”, ein einzelnes Wort zerschnitt den Vorhang jener scheinbar undurchdringlichen Stille. Nicht ein Kopf drehte sich in Richtung der Wortmeldung. Die Köpfe wiesen weiterhin in Richtung auf des Vortragenden, als ob der Fragende unbedeutend wäre. “Das heißt, einem Nicht-Menschen, also entsprechend einer Definition von ‘Nicht’, kann also jene Würde für sich nicht reklamieren? ‚Nicht‘ im Sinne von ’nicht vorhanden‘.”

Der Vortragende blickte suchend in die Menge der Zuhörerschaft, um den Zwischenrufer auszumachen. Seine Suche blieb aber erfolglos. Daher antwortete er einfach:

“Mensch ist Mensch. Sind wir nicht Menschen? Wie hatte mein Kollege bereits zum Thema verlautbaret: Wir sind, wer wir sind. Menschen. Jeder hat das Recht auf die freie Entfaltung seiner Persönlichkeit, soweit er nicht die Rechte anderer verletzt und nicht gegen die verfassungsmäßige Ordnung oder das Sittengesetz verstößt.”

“Jeder?”, ertönte wieder die Stimme aus dem Auditorium.

Der Vortragende versuchte die Richtung der Stimme zu orten. Der Saal war zwar akustisch für das Auditorium hervorragend, aber für den Vortragenden eine Katastrophe. Beim Aufbau war nie vorgesehen, dass der Vortragende sich Fragen stellen sollte. Dafür gab es kleinere Steinbauten.

“Alle Menschen sind vor dem Gesetz gleich”, antwortete der Vortragende, melkte seinen weißen Spitzbart und blickte in die Runde. Es verwunderte, warum er Gegenfragen erhielt. Seine außerordentliche Position im Senat der Lehranstalt feite ihn normalerweise vor solch Zuhöreragitation. Nur trotz eben solcher konnte er den Zurufer nicht ausmachen. Er sah auch kein Unruhe im Saale der Zuhörer, welche ihm helfen konnte den Störer auszumachen.

Wieder ertönte die Stimme: “Die Freiheit des Glaubens, des Gewissens und die Freiheit des religiösen und weltanschaulichen Bekenntnisses sind also unverletzlich?”

Der Vortragende nickte: “Absolut. Aber könnte der Zwischenrufer sich bitte erheben? Ich mag es nicht, auf anonyme Zwischenrufe zu reagieren.”

Er wartete. Aber niemand erhob sich. Die Masse der Zuhörerschaft reagierte kaum, indem sie den Zwischenrufer durch Blicke markierte. Der Vortragende blickte in eine amorphe Masse, welche seinen Vortrag gleichmütig zu absorbieren schien. Er wurde misstrauisch darüber, ob sein Vortrag überhaupt die Wertschätzung erfuhr, welche er sich erhoffte. Kurz hielt er inne und formulierte den nächsten pragmatischen Satz, den er danach dem Auditorium präsentierte:

“Jeder hat das Recht, seine Meinung in Wort, Schrift und Bild frei zu äußern und zu verbreiten und sich aus allgemein zugänglichen Quellen ungehindert zu unterrichten.”

Stille. Er blickte in die Gesichter vor sich zu seiner Linken, schwenkte seinen Blick prüfend nach rechts. Reihe für Reihe der Zuhörer scannte er entsprechend. Aber nirgend erkannte er einen AHA-Ausdruck in den Gesichtern der Zuhörer. Hatten die ihm überhaupt zugehört?

Er versuchte es mit einem provokanten Zusatz:

“Grund und Boden, Naturschätze und Produktionsmittel können zum Zwecke der Vergesellschaftung durch ein Gesetz, das Art und Ausmaß der Entschädigung regelt, in Gemeineigentum oder in andere Formen der Gemeinwirtschaft überführt werden.”

Eine Stimme aus dem Auditorium erwiderte ihm spontan: “Die Würde des Menschen ist unantastbar? Sie zu achten und zu schützen ist Verpflichtung aller staatlichen Gewalt?”

Der Vortragende strich mit feuchten Händen über seinen leinenden Gewand. Er konnte den Fragenden immer noch nicht identifizieren, wurde daher nervös und bekam feuchte Hände. Warum stellte jenes Individuum solche ketzerischen Fragen? Waren seine Aussagen nicht eineindeutig?

Er versuchte nochmals die Stimme im Zuhörerraum zu orten. Aber vergeblich.

“Das, was Sie sagen, beruht auf die Definition von Menschen, nicht wahr. Akzeptiert. Akzeptieren Sie dafür auch, dass in unserer Gesellschaft verdammt viele Lebensformen leben, auf die das Wort ’Menschen’ nicht angewendet werden kann? Wollen Sie die, welche Minderjährige und andere Sonstige vergewaltigen, also Päderasten und schlimmer, jene fahrlässige oder vorsätzliche Mörder oder jene andersartige Verbrecher mit wirklichen ‚Menschen‘ verglichen werden? Solche sind Tiere. Keine wahre Menschen. Daher buchten wir die auch ein. Oder falls möglich, lynchen jene. Verdient ist verdient.“

“Ich verstehe nicht.”

“Die Würde des Menschen ist unantastbar. Da stimme ich Ihnen komplett zu. Unter der Würde des Menschen darf nicht gehandelt werden. Aber was ist, wenn es sich nicht um Menschen handelt?”

“Sie meinen?”

“Ich meine die Idiotae, den Bodensatz der wertvollen menschlichen Entwicklung, denen, die nicht das Niveau der Menschwerdung erreicht haben. Sie wissen”

”Idiotae?,” seine Augen fuhren die Zuhörerschaft reihenweise ab. Niemand blickte auf den Redner, niemand markierte ihn, alle Augen waren auf ihn gerichtet. Er fühlte sich plötzlich allein gelassen. Das Gefühl, dass er der Vertreter einer Randmeinung statt der Vertreter einer allgemeinen Grundhaltung sei, kroch im von den Fußsohlen hoch bis in seinen Brustkorb. Es ist das Gefühl der Verlierer, die niemand mag. Und das Gefühl schien nicht halt zu machen. Seine Brust erfuhr eine eigentümliche Beklemmung.

”Jene, welche wir mit dem allgemein anerkannten Wort ‘Vollidiot’ bezeichnen. Wenn jene entgegen dem gesunden Volksverstand …”

“Was ist gesund?”, blafft der Vortragende provozierend heraus. Er erhoffte sich, den Fragesteller damit zu identifizieren zu können, indem er von jenem eine emotionale Reaktion bei seinen Repliken hervorrufen könnte. Sein Blick beobachtet aufmerksam das Auditorium, nur die Blicke der Zuhörer waren seine Erwiderung seiner Suche. Ihm schien, als ob sogar seine provozierende Frage von den Blicken komplett neutralisiert würde. Er strich über sein Gewand. Das gab ihm eine gewisse Sicherheit zurück. Der Stoff war kostbar und der Schneider hatte sehr viel Wert darauf gelegt, den Stoff in Bädern richtig geschmeidig zu machen, ohne dass der Vorteil von dem Leinenstoff herab gesetzt wurde. Er war ja schließlich nicht irgendwer, wie jene Zuhörer im Auditorium, sondern er wurde letztendlich für deine Vorträge bezahlt. Seine Auftraggeber waren von dem Wert seiner Vorträgen überzeugt und bezahlten ihm entsprechend. Das Gewand hatte sich bereits nach knapp einem Monat amortisiert und sein Ruf spiegelte sich bereits in den ersten niedergeschriebenen Geschichten wieder.

“Was ist gesund?”

“Gesundheit ist bekanntlich die Abwesenheit von Krankheit. Und Krankheit wird über Erkrankungen definiert. Wenn eine Krankheit epidemisch wird, dann ist die Gesundheit in Gefahr. Und zwar nicht nur des einzelnen Menschen, sondern sogar der Gemeinschaft. Entsprechend reagiert der Körper der Gemeinschaft: er stößt das Erkrankte ab, um sich vor dem erkrankten Individuum, dem Iditotum, zu schützen.”

Der Gelehrte atmete tief ein, schnappte nach Luft. Vor seinen Augen schwebte bereits die Conkulsio jenes Gedanken vor. Das hatte er nicht gesagt.

“Ich habe nicht gesagt, …”

“Aus dem von Ihnen gesagten folgere ich: Eine definierte Gemeinschaft bekennt sich darum zu unverletzlichen und unveräußerlichen Menschenrechten als Grundlage jeder menschlichen Gemeinschaft, des Friedens und der Gerechtigkeit in der Welt.”

“Ähem, ja, insofern, ja …”

“Wir sind eine Gemeinschaft. Wir sind Menschen. Wir sind eine menschliche Gemeinschaft. Aber jene anderen sind es nicht. Keine Menschen. Idioten. Nicht von uns abstammend. Und falls doch, dann war es eine miese Laune der Natur.”

“Aber …”

“Sie sagten bereits, würde der Menschen antastbar sein, wäre er nicht zu achten und zu schützen. Würde er unantastbar sein, wäre er achten und schützen derer Verpflichtung aller staatlichen Gewalt. Kein Mensch, keine Verpflichtung!”

“Was?!?”

“Grundlage jeder menschlichen Gemeinschaft, des Friedens und der Gerechtigkeit in der Welt. Und nicht der Affen!”

“Unverschämt! Sie hetzen! Sie drehen den Gedanken meiner Worte ins Gegenteil, Sie Hetzer!”

“Jeder hat das Recht auf die freie Entfaltung seiner Persönlichkeit, soweit er nicht die Rechte anderer verletzt und nicht gegen die verfassungsmäßige Ordnung oder das Sittengesetz verstößt. Und Ihre Ihnen eigenen Ansicht von Persönlichkeit verstößt gegen jegliches Sittengesetz. Und wer Mensch oder Idiot ist, das definieren nicht Sie, sondern das wird von uns definiert. Da können Sie gar nichts dran ändern. Wir sind vox populi. Und das in unserer Gesamtheit der Meinungsäußerung. Jeder hat das Recht auf Leben und körperliche Unversehrtheit. Die Freiheit der Person ist unverletzlich. Und: Jeder hat das Recht, seine Meinung in Wort, Schrift und Bild frei zu äußern und zu verbreiten und sich aus allgemein zugänglichen Quellen ungehindert zu unterrichten. Eine Zensur findet nicht statt. Wer hetzt, das definieren nicht Sie!”

Er stand an seinem Pult und atmete tief durch. Er hörte die Stimme, konnte sie nicht orten, sah die Blicke auf sich gerichtet, hörte die stumme Aufforderung daraus etwas vernünftiges zu sagen. Nur versagte ihm die Stimme einstweilen. Nur ein Wort konnte er rausbrüllen und das schrie er mit aller Macht raus, ohne seinem Wort eine Richtung zu geben, ohne den Adressaten ausfindig gemacht zu haben. Es prescht nur heraus, strapazierte seine Stimmbänder in extremer Weise und knallte kurz und präzis:

”Arschloch!”

Die Wände reflektierten seine Worte mehrfach und versanken in Stille. Es war keine besondere Stille, keine betretende Stille, keine peinliche Stille. Einfach Stille. Einfach. Stille.

Er strich mit seinen Händen sein glattes Gewand entlang, schaute in das Auditorium, versuchte erneut den Gegensprecher ausfindig zu machen und ergriff zum wiederholten Male seinen spitzen weißen Bart, um seinen nächsten allgemein gültigen Gedanken heraus zu melken:

“Und aus all den Prinzipien kann nur das Folgende folgern: Eigentum verpflichtet. Sein Gebrauch soll zugleich dem Wohle der Allgemeinheit dienen.”

Die unbekannte Stimme durchschnitt kalt den Raum: “Aha. Wer die Freiheit der Meinungsäußerung zum Kampfe gegen die freiheitliche demokratische Grundordnung missbraucht, verwirkt diese Grundrechte. Alle Staatsgewalt geht vom Volke aus.”

“Demokratisch?”, stammelte der Vortragende überrascht, “Vom Volke ausgehend?”

“Genau. Wohin geht denn die Staatsgewalt aus? Sie hat sich mir nach ihrem Ausgang nicht zurück gemeldet. Also übernimmt das Volk. Also wir. Und wir sind keine Idioten.”

Er hörte hinter sich ein matschendes Geräusch und drehte sich kurz um. Rot, er sah rot hinter sich. Alles rot. Blut. Blut? Blut! Tod!

“Wir sind das Volk und wir bestimmen, von wo aus die Staatsgewalt ausgeht”, erklärte jene Stimme nüchtern, aber lautstark. “Es ist uns überlassen, wie wir Idioten benennen, weil es – wie Sie zuvor sagten – der Meinungsfreiheit entspricht.”

Wieder hörte er es hinter sich das matschende Geräusch. Er könnte auch weiterhin nicht die Stimme orten. Vor sich sah er die schweigende Menge und in ein paar Händen erkannte er rotes aufblitzen. Tomaten. Er nahm hinter dem Pult Deckung, um sein kostbares Gewand zu schützen. Die Reinigung wäre teuer. Seine Blick suchte den Fluchtweg. Die matschenden Geräusche kamen immer näher. Ihn ergriff Panik.

Ein tiefer, donnernder Ton erfüllte den Hörsaal und instinktiv hielt er sich die Ohren zu, um sich zu schützen. Die Stimme schien übermächtig zu werden:

“Nicht wahr, die Freiheit, sie ist ein furchterregendes Monster, vor deren durchdringender  Stimme man sich die Ohren schützen muss. Bei dessen Ruf man nicht mehr zwischen Meinung und Hetze unterscheiden kann, weil man nicht weiß, ob das Monster ‚Freiheit‘ ein Mensch oder ein Nicht-Mensch ist.”

Mit zugehaltenen Ohren brüllte er in Verzweiflung zurück: “Wer immer Ihr seid, Ihr interpretiert das Menschheitsgesetz stark egoistisch, komplett egozentrisch auf Euch selber bezogen! Ihr betreibt niedrigsten Populismus!”

“Ja, und? Ich bin, der ich bin! Anfang und Ende: ich bin Mensch. Ein wahrhaftiger Mensch. Wie steht es geschrieben: Wenn ihr uns stecht, bluten wir nicht? Wenn ihr uns kitzelt, lachen wir nicht? Wenn ihr uns vergiftet, sterben wir nicht? Und wenn ihr uns beleidigt, sollen wir uns nicht rächen?”

Er verschränkte die Arme um seinen Kopf, versuchte, mit den Ärmeln noch mehr Schallschutz zu erreichen, versuchte, sich zu schützen, warf sich auf den Boden und bemerkte, wie die stummen Zuhörer aufgestanden waren, auf ihn zuschritten und langsam einen immer enger werdenden Kreis um ihn den Vortragenden bildeten, ihn in seinen Versuchen, jener Stimme nicht zuhören zu müssen, sich zu schützen.

Und dann hörte er nur den einen Satz, ausgesprochen von dem zerfurchten Gesicht, das sich zu ihm herunter beugte, ein Mensch aus den 50ern und offenbar mit der totalen Altersweisheit gesegnet. Es war lediglich ein Satz aus drei Worten, nüchtern und klar ausgesprochen, in normaler Zimmerlautstärke und Tonhöhe, die sich in ihn eingruben, die ihn ins innerste seines Herzens trafen, die ihm seinen Glauben an eine rosige Zukunft für immer zerstörten:

“So ein Volldepp.”

Wie Waldi, der Rauhhaardackel, zum Bürgermeister gewählt wurde

“Was du nicht willst, das man dir tu, das füge auch keinem andren zu!”

“Hör doch auf hier den Moralapostel zu spielen!”

Zwei Dutzend Menschen in einem Raum waren in erregter Diskussion. Nach dem vorzeitigen Ableben des alten Bürgermeisters sollte heute der neue Bürgermeister gewählt werden. Eigentlich war es eine klare Sache: die Partei “HdB” hatte vierundzwanzig Mandate und war die stärkste Partei. Danach kam die Partei “GmU” mit fünf Mandaten und ein einzelnes Mandat hatte der Vertreter der Partei mit dem sperrigen Namen “PfgUiW5”.

Nur uneigentlich war die Sache nicht so klar. Denn in der “HdB” wollten gleich zwei den alten Bürgermeister beerben. Zuerst kandidierte Heinz Rüdiger Selbtal, Vorsitzender des größten Bürgerschützenvereins im Ort und passionierter Jäger. Doch noch am selben Tag reichte auch Stefan Maier seine Kandidatur ein. Auch Stefan Maier hatte einiges an Reputation vorzuweisen: er war promoviert in Agrarwirtschaft, führte den dortigen Bauernverband an und war zudem offizieller Kreisliga-Schiedsrichter des DFBs. Beide standen sich nahezu unversöhnlich gegenüber, weil der eine als Jäger sich permanent vom Bauernverband gemaßregelt fühlte und der andere stetig kritisierte, dass die Jäger vollkommen rücksichtslos mit deren SUVs über die Äcker der Bauern fahren würden. Anfangs sah es nach einer eindeutigen Sache aus: im Falle seiner Wahl zum Bürgermeister hatte Heinz Rüdiger Selbtal Stefan Maier den Posten als stellvertretenden Bürgermeisters plus das Recht auf zwei Reden pro Halbjahr auf wichtigen Veranstaltungen angeboten. Aber Stefan Maier war nicht einverstanden, bot wiederum Heinz Rüdiger Selbtal den Posten des stellvertretenden Bürgermeisters plus das Recht auf einer Rede pro Halbjahr an.

“Leute, so kommen wir doch nicht weiter”, mahnte der Alterpräsident der “HdB”, “in einer Viertel Stunde müssen wir hier raus und in den Abstimmungssaal und unseren Kandidaten präsentieren. Wenn wir keinen präsentieren können, dann riskieren wir eine riesen Blamage, weil dann nur die ‘GmU’ einen Kandidaten haben wird und wir keinen. Will das wer von Euch?”

Die Versammelten schwiegen. Kein Mucks war zu hören.

“Heinz Rüdiger”, fuhr der Alterpräsident fort, “Heinz Rüdiger, könntest du nicht noch ein besseres Angebot an Stefan machen? Und Stefan, was könntest du Heinz Rüdiger anbieten, damit er deine Kandidatur eventuell unterstützen würde.”

“Nun”, setzte Stefan Maier an, “ich könnte mich dazu überreden lassen, dass er das erste Bier bei der Kirmeseröffnung gezapft bekommt.”

“Und das Anrecht, die frisch ernannte Weinkönigin auf eurem Winzerfest als Erster zu küssen!”, ergänzte Heinz Rüdiger Selbtal fordernd.

“Niemals! Du alter Lüstling! Dieses Anrecht hat nur der Vorsitzende des Bauernverbandes!” protestierte Stefan Maier.

“Den kannst mir auch anbieten, den Vorsitz!” fügte Heinz Rüdiger Selbtal lakonisch hinzu.

“Leute, Leute,” hub der Alterspräsident an, als das Raunen im Raume immer lauter wurde, “mehr Ernsthaftigkeit!”

“Kann ich auch mal einen Vorschlag machen?” Eine junge Frau war nach vorne getreten. Der Alterspräsident nickte.

“Petra Diekmann, Sie haben das Wort.”

“So wie es aussieht”, begann Petra Diekmann, “werden wir in den verbleibenden zwölf Minuten nicht fertig. Wir brauchen eine pragmatische Ersatzlösung.”

“Und wie soll die aussehen? Etwa Frauenpower?” warf Heinz Rüdiger Selbtal ironisch dazwischen und erntete damit ein paar Lacher.

“Herr Selbtal, auch Sie müssten den Ernst der Lage erkannt haben. Sollten wir uns auf keinen gemeinsamen Kandidaten einigen können oder sollten wir gar zwei Kandidaten präsentieren, dann lacht über uns die ganze Gemeinde und dann wird es schwierig für die absolute Mehrheit bei der nächsten Kommunalwahl werden. Egal, welche der beiden Möglichkeiten wir jetzt wählen – keinen Kandidaten oder zwei Kandidaten – , man wird über uns lachen. Wir sollten also versuchen zumindest die Lacher auf unserer Seite zu bekommen. Denn wer zuletzt lacht, lacht am besten.”

“Und wie soll das gehen?”, warf Stefan Maier ein.

“Erinnert ihr euch noch an den Fall mit dem Rauchverbot in den Kneipen hier? Damit das in unserer Gemeinde nicht umgesetzt werden sollte, hatte der alte Bürgermeister doch einfach mal unsere Gemeinde zur „’Geschlossenen Gesellschaft’ erklärt und damit gemeint, das allgemein angeordnete Rauchverbot umgehen zu können. Bis das Verwaltungsgericht diese Anordnung des alten Bürgermeisters für ungültig erklärte und dann darüber ganz Deutschland erfuhr. Und was passierte? Rainer Weiß vom Heimatverein hatte das direkt als Steilvorlage für sein Marketing verwendet und schwups hatten wir kurz darauf einen Haufen Touristen, welche wissen wollten, was für pfiffige Bürger wir wären und wo wir so leben würden.”

“Und?”

“Lasst uns das gleiche nochmals machen. Jetzt bei der Bürgermeisterwahl.”

“Die Idee hört sich nicht schlecht an, Frau Diekmann”, unterbrach der Alterspräsident, “aber wie soll das genau gehen?”

“Lasst uns einen Dackel zur Kandidatur aufstellen.”

“Einen Dackel?”

“Einen Dackel.”

“Aber Frau Diekman”, warf Heinz Rüdiger Selbtal ein, “das ist so ein Mist, ihr Vorschlag. Von Ihnen hätte ich qualifizierteres erwartet. Da wird maximal ein Hund in der Pfanne verrückt, bevor es niemandem auffällt, dass wir einen Dackel zur Kandidatur aufstellen. Also bitte. Nein, das ist ein schlechter Vorschlag.”

“Wieso nicht?” gab Stefan Maier kontra, “die anderen sind doch so beschränkt, denen fällt das nie und nimmer auf. Und am Schluss sagen wir einfach: ’He, da wurde ein Dackel zum Bürgermeister gewählt, die Wahl ist ungültig, wir müssen die am Montag wiederholen!’ Und schon haben wir ein Wochenende mehr Zeit, um einen wirklich würdigen Kandidaten aufzustellen.”

“Das könnte funktionieren”, stimmte der Alterspräsident zu, “lasst es uns einfach mal versuchen. Frau Diekmann, ich möchte wetten, Sie haben einen passenden Dackel, den wir zur Kandidatur in den Kandidatenbogen eintragen können?”

Frau Diekmann nickte. “Mein Rauhhaardackel ’Waldi’.”

Frau Diekmann stemmte ihre Handtasche hoch und aus der Öffnung schaute treuherzig dreinblickend ein grauer-brauner Dackel. Alle schauten sie sprachlos an. Doch mit einem mal setzte ein zustimmendes Gemurmel ein.

“So machen wir es. Die Deppen werden nicht bemerken und dann haben wir die Lacher auf unserer Seite!”

“Aber wir können doch nicht einfach ‘Waldi’ auf den Bogen schreiben,” meinte der Alterpräsident leise zu Frau Diekmann.

“Schreiben Sie einfach ‘Waldemar von und zu Hohenstimber’“, sagte Frau Dieckmann laut und ergänzte zum Alterspräsident flüsternd: „und in Klammern einfach ‘geborener Rauhaar’. Aber dann ‚Rauhaar‘ mit einem ‚h‘. Dann müsste es passen und keiner merkt es.” Der Alterspräsident nickte und schrieb den Namen auf den Bogen.

Bei der Verkündigung der Kandidaten gab es nur zwei Namen. Es herrschte anfangs ein wenig Verwirrung bei der “GmU” wegen dem Namen ‘Waldemar von und zu Hohenstimber’, aber irgendwie fragte auch keiner weiter nach, was die Angehörigen der “HdB” nur belustigte.

Die Auszählung der Stimmen war vorbei. Im Saal herrschte Ruhe. Der Wahlleiter trat vor die versammelte Menschenmenge aus Neugierigen, Journalisten und Politikern.

“Die Stimmauszählung fand unter notarieller Aufsicht statt und das Ergebnis steht fest. Es wurden 30 Stimmen abgegeben und keine war ungültig. Auf den Kandidaten Hubert Steinmetz entfielen fünf Stimmen und auf den Kandidaten Waldemar von und zu Hohenstimber entfielen 26 Stimmen.”

Ein Lachen setzte ein und ein vereinzeltes “Die haben einen Dackel gewählt” halte im Raum. Heinz Rüdiger Selbtal und Stefan Maier hielten gemeinsam feixend einen Dackel und waren dabei, sich einen Weg nach vorne zu erarbeiten.

“Ich bitte um Ruhe. Und bitte unterlassen sie Verunglimpfungen. Ein wenig mehr Anstand, darf ich doch bitten. Jemanden als Hund zu diffamieren ist diesem Hause nicht angemessen. Ich bitte den Kandidaten Waldemar von und zu Hohenstimber von der der Partei ‘Partei für ganzjährigen Urlaub im Wahlkreis 5’ nach vorne.”

Heinz Rüdiger Selbtal und Stefan Maier stockten und ließen den Dackel zu Boden gleiten. Ihnen fiel wieder ein, woher sie diesen sperrigen Namen schon mal gehört hatten. Bleich waren sie geworden und als sie in die Gesichter ihrer Kollegen blickten, waren auch diese erheblich blasser geworden.

Der Kandidat Waldemar von und zu Hohenstimber stellte sich an das Rednerpult: “Sehr verehrter Wahleiter, lieber Wahlkreis 5, liebes Publikum, ich nehme diese Wahl an. Und besonders möchte ich mich für die Stimmen der Kollegen  der Partei “Hoch die Bürger” bedanken. Zudem möchte ich auch gleich eine Personalie bekannt geben: Frau Petra Diekmann ist vorhin in meine Partei eingetreten und ich setze sie hiermit als stellvertretende Bürgermeisterin ein. Petra, kannst du mal nach vorne kommen.”

Zehn Sekunden war es still. Mausestill. Man konnte Stecknadeln fallen hören. Doch dann brach etwas los, was in den überregionalen Tageszeitungen als “Rathaussturm” beschrieben wurde. Es soll dabei mehrere Verletzte gegeben haben. Die Polizei musste diesen “Sturm” mit Schlagstockeinsatz beenden. Festgenommen wurden dabei zwei Politiker, die sowohl wegen erheblicher Körperverletzung als auch wegen Widerstand gegen die Staatsgewalt auffielen. Gegen beide wird noch ermittelt. Sie sollen inzwischen ihre Posten und Ämter aufgegeben haben und auch nicht mehr in der Gemeinde leben.

Waldemar von und zu Hohenstimber (geborener „Rauhaar“) und Petra Diekmann heirateten noch im gleichen Jahr.

Was aus dem Rauhhaardackel wurde, ist unbekannt.

Kneipengespräch: The day after – brennen muss Lady of Paris …

Sie brennt. Notre Dame, the Lady of Paris, brennt. Und wie sie brennt. Da sitzen sie nun da und glotzen. ntv. Der Wirt hat ntv geschaltet.

“Die Franzosen mal wieder. Kaum wird bekannt gegeben, dass gegen Winterkorn wegen den Abgasen bei VW ermittelt wird, zünden die vor Jubel gleich Notre Dame an. Wer sagt denen, dass Osterfeuer erst am Ostersonntag gezündet werden …”

“Das waren die Gelbwesten! Endlich mal ne Demo für die Abschaffung der Kirchen.”

“Vielleicht findet man ja einen Personalausweis vor der Kirche. Wir sind ja inzwischen aufgeklärt worden, dass muslemische Attentäter immer deren Ausweisdokumente am Tatort verlieren … man sollte jetzt mal die AfD-Twitter-Accounts verfolgen. Die haben doch immer solche Informationen als erste. Oder den Account von A. Schwarzer. Die ist ja auch immer voll im BILDe …”

“Wo saufen wir denn das nächste mal, wenn wir wieder nach Paris trampen?”

“An der Seine. Weil übernachten tun wir dann im Baugelände der Notre Dame. Und dann frühstücken mit Flics …”

“Wer rettet jetzt den Glöckner? Oder hat der sich schon wieder heimlich zu Esmeralda geschlichen?”

“Nicht der Glöckner. Sondern diesen Abend Grisu, der kleine Drache. Passend zur achten Staffel von Games of Thrones. Action!”

“Diese Live-Übertragung auf ntv. Da ist das Bild der brennende Kathedrale. Richtig ruhig gefilmt, viel ruhiger… einfach nur eine Einstellung … ungeheure Spannung … stürzt die alte Bude ein … bleiben die Glocken hängen. Aber kein Wort zum Glöckner und seine Esmeralda.”

“Der kommt erst in die Kamera, wenn jener Kessel mit erhitzten Pech auf die Feuerwehrleute kippt … ”

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