Wenn am Karfreitag die rote Sonne nie mehr versinkt …


“Könnten Sie bitte mal aus meinem WLAN rausgehen?”

“Wie bitte?”

“Sie stehen in meinem WLAN. Ich habe keinen Empfang und warte auf eine wichtige Nachricht von meiner Familie.”

“Ich stehe in Ihrem WLAN? Wie soll das denn bitteschön gehen?”

”Da! Sie haben gerade einen Schritt zur Seite gemacht und jetzt hab ich wieder WLAN. Könnten Sie bitte so stehen bleiben?”

“Ich glaube, Sie sind wohl ein wenig verpeilt, oder?”

“Jetzt stehen Sie schon wieder in meinem WLAN. Gerade haben Sie den Schritt wieder zurück gemacht und jetzt habe ich wieder kein WLAN.”

“Dann gehen Sie doch einen Schritt zur Seite.”

“Soweit kommt’s noch, dass ich für Sie einen Schritt zur Seite mache. Rücksicht auf den Mitmenschen ist nicht das ihre? Für Sie wohl ein Fremdwort, oder?”

“Ich mag Xenismen, wenn sie richtig verwendet werden.”

“Nun werden Sie aber mal nicht frech, ja? Was machen Sie da?”

“Ich dreh mir eine Zigarette.”

“Hallo, hier ist rauchen verboten!”

“Ja und?”

“Sie dürfen hier nicht rauchen!”

“Ich rauche ja auch nicht.”

“Aber Sie wollen es und ich persönlich werde das unterbinden. Rauchen ist hier in unserem Club verboten! Moment, jetzt sehe ich es gerade.”

“Ja? Was? Dass ich kein Feuerzeug in meinen Händen halte?”

“Sie haben einen Bart!”

“Echt jetzt? Sie sind wohl ein verkanntes Adlerauge, oder was?”

“Mitglieder unseres Elite-Clubs ist das Tragen von Bärten untersagt.”

“Sagt wer?”

“Die neue Satzung vom 1. März 2018.”

“Hab ich nicht gelesen.”

“Ging als Rundschreiben an alle Mitglieder heraus. Das Tragen von Bärten und Hipster-Frisuren ist seit dem ersten März untersagt. Glatzen habe eine Übergangsfrist von vier Wochen, bis zum 31. März. Dichte 3-Tage-Bärte bis zum 1. April.”

“Und das soll ich Ihnen jetzt glauben?”

“Was machen Sie da?”

“Ich glaube Ihnen nicht, ich rufe die Hotline vom Club an. Ich werde mir das bestätigen lassen.”

“Sie dürfen hier nicht telefonieren. Hier ist eine Ruhezone. Das ist über alle Maßen rücksichtslos von Ihnen! Privatgespräche sind hier nicht erlaubt!”

“Aber ihr WLAN ist noch okay, oder? ”

“Seien Sie nur nicht so spöttisch arrogant! Das mindert nicht ihr Fehlverhalten!”

“Wenn Ihr WLAN nicht funktionieren sollte, ich könnte ihnen ja anbieten, für Sie nach einem WLAN-Kabel mit Club-Rabatt zu fragen.”

“Jetzt stehen Sie schon wieder in meinem WLAN. Das ist unglaublich! Das machen Sie mit Absicht. Wie sind Sie überhaupt hier in unserem Elite-Club reingekommen? Mit Bart, mit ihrer Hipster-Frisur und ohne ordentliches weißes Hemd?”

“Weißes Hemd ist auch erforderlich?”

“Seit Palmsonntag. Also letzten Sonntag. Wenn alle ordentlich angezogen sind, dann vereint es den Menschen und bringt allen das Gefühl von Solidarität miteinander. Und Hemden sind der Anfang.”

“Durch ordentlich weiße Hemden? Übergangsfrist bis zum Weißen Sonntag?”

“Sobald Sie wieder aus meinem WLAN getreten sein werden, lasse ich dem Management eine Mail zukommen, in der ich auf ihr Fehlverhalten eingehe und es detailliert beschreibe. So etwas wie Sie hat uns hier gerade noch gefehlt!”

“Wieso? Sie haben mich doch. Nur, wenn das die Anforderung an die neue Elite ist, dann trete ich hiermit sofort aus, bevor ich mich durch Leute wie Sie kreuzigen lasse. Und rauche mir dann in Frieden draußen ein Zigarettchen. Sie gestatten?”

“Austreten geht nur mit zwölfmonatiger Kündigungsfrist, Sie verwahrloster Flegel! Und das Rauchen vor dem Club ist ebenfalls wie die Nutzung des Handys NICHT erlaubt! Sie sollten mal Rücksicht lernen! Merken Sie sich das, Sie Quertreiber! Und gehen Sie mal wieder zu einem anständigen Friseur der anständig Haare schneidet!”

Reibereien


Eine leise Stimme, fast unhörbar, trotzdem klar vernehmbar. Ruhiger, rauer Singsang.

“… ich reibe mich, du reibst dich, er, sie, es reibt sich, wir reiben uns, ihr reibt euch, sie reiben sich. Ohne Reibung entflammt kein Streichholz. Nur mit passender Reibfläche. Ursache. Wirkung. Ohne Reibung spür ich doch nicht, wo ich entlang schramme. Schrammen gehören dazu. Schrammen machen auch Wärme, Wunden heilen. Warum gesteht mir das niemand zu? Immer nur happy und heititei und La-la-land. Das erträgt doch kein Mensch! Oder ist Reibung etwa nur als menschliche Wärme akzeptabel, wenn einer vom anderen überm Tisch gezogen wird, oder was? Würde sie doch mal akzeptieren, dass ich so bin, wie ich bin, und ich so etwas nicht zum Affront mache. Das bin ich und nicht sie …”

Leise brummelnd schloss er penibel seine dunkelgrüne, wattierte Jacke, setzte sich ein schwarzes Käppi auf und schubberte sich bedächtig seine Hände. Die Tür des Busses öffnete sich. Lautlos. Schnell. Ein Schwall kalter Luft enterte den überheizten Innenraum.

“ … und ich akzeptiere doch auch ihre ungünstigen Eigenschaften. Hab sie noch nie deswegen gedemütigt. Ganz im Gegentum, hab sie sogar deswegen gewertschätzt. Aber für sie ist es bei mir anders. Und dann einfach abzutauchen. …”

Die Tür schloss sich. Der massiv herabfallende Schnee zog einen Vorhang zwischen meinen Blicken und seiner Jacke in der Dunkelheit. Seine leise, dunkle Stimme hallte wie ein Echo in meinen Gedankengängen. Langsam ausklingend. Verschwunden. Nachdenklich rieb ich mir meine Augen, während sie in meinen Gedanken auftauchte.

Die Sonne so hoch


Die Sonne steht immer dann am höchsten, wenn man am tiefsten gesunken ist.

Kneipenweisheit.

Je weiter man die Realität hinunter schreibt, desto tiefer wird der eigene Standpunkt. Und das wirkt. Der Kampf zwischen Gut und Böse würde keinen Geist rühren, ginge es nur um ein wenig Gut gegen ein wenig Böse. Erst der Kontrast macht den Unterschied. “Star Wars” wäre reinstes Disney-Mickey-Mouse-Kino, gäbe es nicht dort einen wirklich Bösen, also jemanden, der genauso sympathisch ist, wie auf einem Bürgersteig der frisch dampfende Hundekot, in dem niemand treten möchte. Und statt sich des blauen Himmels zu erfreuen, hält jeder nach der Scheiße vor seinen Füßen Ausschau. Es ist eine subtile Methode, Aufmerksamkeit zu lenken und alle Energien auf Scheiße zu fokussieren, ruft man auf der öffentliche Rasenfläche eines Parks nur richtig laut, man hätte mit seinem Schuh eine Tretmine erwischt. Und schon interessieren sich die Leute der Umgebung nur noch für Hundehaufen statt für Flora und Fauna.

Erheblich kontrastreicher wird der Effekt beim Kampf zwischen Gut und Böse, hat dabei die positive Utopie keine Chance mehr aufzutauchen. Leidet der Mensch unter Diktatoren und Egomanen und spürt die Einschränkung der eigenen Freiheit, dann ist das der Stoff, von denen Heldensagen leben. Nur fieser wird es, wenn der Protagonist alle Freiheiten hat, aber er trotzdem ohne Hoffnung für seine Utopie bleibt. Die Dystopien von Philip K. Dick und auch die aktuellen von Charlie Brooker lassen jede Eutopie, die positive Utopie, grau und altbacken ausschauen. Dystopien sind das Genre, welches in den letzten Jahren bis heute noch immer die Film-und Serienlandschaft füllt.

Aber was passiert, wenn sich Dystopien in Realität umwandeln? 1984? Der Roman von George Orwell war in den 80ern oft Anlass heißer Diskussionen, auch in dem Zusammenhang mit dem damaligen Zensus 1983 und den darin enthaltenen Fragen. Heute würden die Fragen keinen großen Geist mehr bewegen. Und unsere Realität würde in Teilbereichen eine Realisierung von 1984 möglich machen. Zur Realisierung fehlt lediglich das diktatorische Zwangselement.

China wird in zwei Jahren ein Social Credit System einführen. Vorbereitet wird dieses System bereits seit dem Jahr 2005. Das System beruht auf der Bewertung (Ranking) des Menschen durch Organisationen und Menschen. Führende Firmen, die dieses Ranking-System aufbauen sind Baidu, AliBaba und Tencent. Ein Mensch mit einem unzureichenden Ranking könnte beispielsweise nicht bestimmte Sozialleistungen erhalten. Oder keine Erste-Klasse-Tickets für Flüge kaufen. Das Social Credit System wird nicht per diktatorisch erzeugte Angst aufgezogen, sondern der soziale Faktor wird die Rolle spielen. Im Konfuzianismus ist die Harmonie einer der Handlungsmaximen im öffentlichen Verhalten. Das Land des Lächelns erzeugt eine staatlich verordnete Kuschelatmosphäre für seine Angehörigen.

Immer schlechte Laune und nur am Meckern? Das soziale Ranking wird die Rechnung präsentieren. Wir kennen das System von Yelp, Foursquare oder Trip Advisor. Hatte der Kellner nicht ausreichend gelächelt? War das Hotelpersonal nicht verhandlungsbereit? Hatte der Friseur nicht auf den Punkt geschnitten? Bewertungen auf den sozialen Medien können zum Sargnagel eines Start-Ups werden. Bei einem Ranking von 0,0 bis 5,0 könnte man sagen, dass nur Leute mit einem Ranking von mindestens 4,0 in die Nähe eines Fußball-Stadions dürften. Wäre doch toll, endlich keine Hooligans mehr, vor denen man sich fürchten müsste, oder? Wenn China dieses staatlich angeordnete System eingeführt hat, dann kann die FIFA denen doch endlich mal die Fußball-WM anvertrauen, oder etwa nicht? Vielleicht sollte man auf Facebook oder Twitter doch die ein oder andere kritische oder zynische Bemerkung löschen, wenn man auf Jobsuche ist. Es könnte dem Personalchef vielleicht als Zünglein an dessen eigene Waage dienen. Oder abfällige Bemerkungen im sozialen Netzwerk über das Finanzamt? Vielleicht liest ein Finanzbeamter mit und dann prüft der deswegen die Unterlagen deutlich gründlicher und stößt vielleicht auf Ungereimtheiten und macht Stunk?

Nach einer Idee von Charlie Brooker wurde dieses bereits als Dystopie in der ”Black Mirror“-Folge “Nosedive” (deutsch: “Abgestürzt”) 2016 umgesetzt. Eine Frau benötigt eine 4,5 um eine bestimmte Wohnung in einer privilegierten Lage zu erhalten. Sie lächelt und ist freundlich, was das Zeug hält, denn sie ist nur eine 4,2. Letztendlich erhält sie die einmalige Chance auf einer Hochzeitsfeier eine Rede zu halten, um die 4,5-Schallmauer zu durchbrechen. Ihr Rankingsabsturz beginnt unaufhaltsam, als sie nur einmal ihre freundliche Fassade fallen lässt. Das Ende ist ein Ranking von 0,6 und ihre Inhaftierung.

Das ist dann kein Kampf mehr zwischen Gut und Böse, denn Gut ist, was die Gesellschaft als gut bewertet. Und Böse muss auch nicht immer gleich böse sein. Denn wäre das der Fall, würde kein Mensch mehr in der westlichen Welt mit jener Frisur herumlaufen, die wir hier in Deutschland als “undercut” bezeichnen. Im englisch-amerikanischen Raum wird diese Frisur immer wieder mal auch als “Hitler-Youth hairstyle” bezeichnet wird, obwohl sie ihren Ursprung in den Nuller-Jahren bis den 20-Jahren des letzten Jahrhunderts bei Armen (weil kein Geld für einen richtigen Friseur vorhanden war, welcher einen passenden Übergang von langen zu kurz gestutzten Haaren geschaffen hätte) und bei den amerikanischen Street-Gangs haben dürfte. Stattdessen hat diese Art Kim-Jong-un-Gedächtnisfrisur eine Wiederbelebung erhalten, welche mit einem Rankingsystem wohl kaum Überlebenschancen hätte: eine Wahlfreiheit zieht eher selten negativen Konsequenzen nach sich.

“Keine negativen Konsequenzen” kann aber auch das Mittel sein, um nur vordergründig eine Wahlfreiheit zu lassen. “Compliance” ist dazu das neue Zauberwort. Früher war richtig gute “compliance” für mich wichtig, aber nicht bezahlbar. Das Wort bezog sich auf Tonabnehmersysteme (insbesondere auf die Nadel) für Plattenspieler. Aber das war einmal. In Zeiten von Edward Snowden und VW-Betrug wird “compliance” in Firmen groß geschrieben. Es regelt das Verhalten der Mitarbeiter und schlägt damit Grenzpfosten für das eigene Handeln, Kommunizieren und Reagieren innerhalb einer Firma ein. Es geht dabei nicht nur darum, dass Korruption, Betrug, Diskriminierung und Kinderarbeit bekämpft wird. Das sind wichtige Punkte, ohne Frage. Nur, liest man sich die Compliance-Regeln der verschiedenen Firmen durch, fällt einem das andere Wort “Whistleblower” ein. Dieses wird somit indirekt unter Strafe gestellt, denn jedes Compliance-Regularium hat auch einen Compliance-Ansprechpartner, der zuerst zu kontaktieren ist.

VW hatte seine Compliance bereits, bevor deren Skandal die Runde machte. Kennt man allerdings die Firmenkultur bei VW ein wenig (oder hat sich dazu das Wissen zwischen den Zeilen der Berichterstattungen angelesen), dann wird auch klar, warum es so kommen musste, wie es kam. Trotz Compliance. Zumindest hat die VW-Compliance dem inhaftieren Manager in der USA das Ergebnis gebracht, dass sich VW um ihn nicht mehr kümmerte. Der Mann wurde nach seiner Inhaftierung seitens VW entlassen und war somit kein VW-Mitarbeiter mehr, um den man sich bei VW kümmern müsste. Der Kampf gegen das Böse und jenen Mitarbeiter wurde firmenintern abgeschlossen. Dessen Social-Ranking wird nach der Strafverbüßung in den USA für den Arbeitsmarkt in Deutschland sich ganz unten befinden. Er wird dann wieder Freiheit haben zu fühlen, wie es ist, wenn das Internet nicht vergisst. Vorausgesetzt, er fühlt danach überhaupt noch irgendetwas.

Und wer weiß, wie weit das Social Credit System Chinas als Blaupause für unsere Internet- und Real-Welt bereits genutzt wird, um zwischen Gut und Böse bei den ganzen Internetfilterblasen zu differenzieren.

Zumindest wird uns demnächst wohl immer mehr verkauft werden, wie hoch die Sonne doch steht, wenn unser Internetverhalten synchron mit der Androhung der Einschränkung unserer Wahlfreiheiten um die Wette läuft. Es wird eine schöne neue Welt werden. Ohne diktatorische Maßnahmen. Denn bislang gibt es schon genügend Beweise, dass alle Macht vom Volke ausgeht, und dieses hat verdammt viele Hobby-Diktatoren im Internet. Da brauchen wir keinen Stellvertreter explizit küren.

Und:

Ich habe keine Ahnung, wie man solch eine Dystopie zu einer Eutopie wandelt. Der Mensch lebt immer nach der Maxime “was dürfen wir nicht”. Und entsprechend handelt er. Schwer und betrüblich in der Ansichtssache lässt dieses keine Hundekottretminen von Rasenflächen dieser Parks verschwinden. Besser wäre die konstruktive Entwicklung hin zu einem “was wollen wir werden” mit dem Ziel eine Frage zu beantworten: “Was wollen wir wollen?” (s.a. Yuval Noah Harari “Eine kurze Geschichte der Menschheit”). Statt den Fokus aufs Negative, den Fokus aufs Positive, aufs Helle, Leichte und Weite zu richten.

Na ja, vielleicht klappt es ja dieses Jahr.

Fliegender Zwischenruf ins Unreine geschrieben


Eine Fluggesellschaft verabschiedet sich vom Markt. Air Berlin stellt den Flugbetrieb ein. Deren Flugzeuge werden von der Kranich-Fluglinie größtenteils übernommen und all jenes Personal, was keiner benötigt, darf sich beim Arbeitsamt melden.

Eine irische Billigfluglinie streicht ebenfalls ihren Flugplan zusammen. Es fehlen ihnen Piloten. Viele Flugzeuge, wenig Besatzung. Der Billigflieger ist nicht sehr beliebt. Seine Bezahlung ist gering. Es steht zu vermuten, dass sie sich in Bälde um die entlassenen Piloten und Flugbegleiter der Air Berlin kümmern wird, wenn jene erst einmal spüren, was Arbeitslosigkeit bedeutet.

Vor einem Monat hatte Air Berlin einen recht hohen Krankenstand bei ihren Piloten. Um trotz Insolvenz den Flugbetrieb weiter halten zu können, forderte Air Berlin seine Piloten auf, trotz Krankschreibung wieder zurück in das Cockpit zu kehren. Krankschreibungen waren als Protest von der Firmenleitung enttarnt und entsprechend wurde dieses auch nach außen hin mitgeteilt. Und so entstand – wieder mal – eine Stimmung gegen Piloten, als überbezahlte Zerstörer von Urlaubsträumen anderer. Kommentare zielten darauf ab klar zu machen, dass Piloten die Urlauber leiden lassen würden.

Interessanterweise herrschte nach dem Germanwings-Flug 9525 und dessen Absturz vor zweieinhalb Jahren in den Provenzalischen Alpen ein anderer öffentlicher Konsens: Piloten mit Krankschreibung sollten gar nicht erst in ein Flugzeugcockpit gelassen werden dürfen. Piloten tragen die Verantwortung über das Leben der ihnen Anvertrauten. Zu leichtfertig könnte das Leben der Insassen aufs Spiel gesetzt werden. Genau so leichtfertig wie es der krankgeschriebene Pilot des Germanwings-Flug 9525 mit seinen 150 Insassen in krankhafter und mörderischer Absicht tat.

Jedes Jahr das selbe Szenario: sie sammeln sich in Schwärmen auf zentralen Flächen und warten mehr oder weniger geduldig. Sie unterhalten sich, sie regen sich über paar andere Reisebegleiter auf, sie mustern ihre Umgebung und alle warten nur darauf, dass es los geht. Die Vögel auf den Feldern, die Menschen in den Flughäfen. Insolvenzen von Fluglinien sind lästig. Piloten ebenfalls. Bei Insolvenzen gibt es das Insolvenzrecht, welches die Urlauber schützt. Gegen Piloten gibt es das nicht. Und Piloten haben auch nicht krank zu sein. Pilot-sein und krank-sein, das ist in der öffentlichen Meinung ein Unrecht, eine Vorsätzlichkeit der Piloten und nicht konsensfähig. Und wenn der Pilot seine Krankschreibung zerreißt und trotzdem fliegt, dann ist es auch wieder nicht recht, wenn der kranke Mensch als Pilot seine Anvertrauten nicht überleben lässt.

Wichtig scheint eh nur eines zu sein: schnell weg von dort zu kommen, wo man ist, um baldigst dort zu sein, wo man noch nicht ist. Und man möge uns dabei bitte nicht im Wege stehen, um uns daran zu hindern. Up, up and away.

Ertrage die Clowns (7): Disziplin ist alles!


Im Jahr 1949 steckte sich der junge Joachim Fest einen Zettel ins Portemonnaie, den er bis zu seinem Tode mit sich führte. Auf dem Zettel stand der Satz:

„Ertrage die Clowns!“

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Ein beinahe glatt rasierter Schädel zeigte seinen Kopf, der gnadenlos als Charakterkopf durchgehen könnte. Ein wohlgeformter Schädel wie gemacht für einen Soldatenhelm. Er saß ganz unsoldatisch im Schneidersitz, aber mit makelloser Haltung. Gelernt oder abgeschaut. Buddha wäre neidisch gewesen. Seine Freundin saß neben ihm, aufrecht und zog sich mit beiden Händen einen Pferdeschanz in ihr Haar. Ihre Brust war durchgedrückt und es sah traumhaft aus. Den beiden hockte ein Paar gegenüber und hörte dem Charakterkopf aufmerksam zu. Zumindest machte es den Eindruck. Denn jeder hatte auch seine Aufmerksamkeit vor sich: entweder auf dem Boden oder in der Hand. Ein Dosenbier „Don Miguel“. Eisgekühlt. Die Perlen der Kälte glitzerten auf der Dose in der Sonne von Maspalomas.

„Weißt du, ich bin Oberleutnant und da spielen wir Bier-Pong, wenn wir Dienst am Wochenende haben, nicht wahr. Ihr wisst was Bier-Pong ist? Da werden zwei Kampfgruppen gebildet und die stehen sich gegenüber. Jeder hat vor sich eine Pyramide aus Bierbechern stehen. Also die Halb-Liter-Becher und nicht diese Kleinkinder-Becher. Ihr wisst, was Bier-Pong ist? Vor jeder Kampfgruppe mit so zwei, drei Kameraden stehen Becher stehen in einer Pyramide wie beim Kegelsport zusammen und jeder Becher enthält einen halben Liter Bier. Jetzt wird abwechselnd mit einem Ping-Pong-Ball auf die Becher der Gegner geworfen und wenn er in einen der Becher landet, muss der Becher von einem der Gegner leer getrunken werden. Und wer zum Schluss noch Becher mit Bier hat, hat gewonnen über die, deren Becher leer sind. Und dann gibt es Revanche. Auf alle Fälle. Am Anfang ist da ja jeder noch normal, aber nach den ersten Treffern wird es immer kameradschaftlich lustiger.“

„Da hat man ja schnell einen in der Krone“, warf der Mann des anderen Paares ein.

„Die Alten, also die 50-jährigen und so, die trauen sich ja nicht mehr mitzumachen, die schwächeln ja schon bald dabei. Die schaffen nicht mehr so viel. Aber wir, die Jüngeren, wir haben immer unseren Spaß. Das fördert den Zusammenhalt, die Kameradschaft. Es ist schade, dass Kameradschaft nicht mehr so gelebt wird.“

„Das stimmt“, pflichtete seine Freundin bei, „früher war es wohl besser, wie die Alten erzählen.“

„Die Abschaffung der Wehrpflicht war ein großer Fehler“, redete der Charakterkopf nach einem Schluck aus seiner weißen Miguel-Dose weiter, „da hat die Jugend noch gelernt, was Anstand und Disziplin ist. Heute will ja jeder besser sein als die Älteren und respektiert die nicht mehr. Aber Disziplin wollen sie dabei nicht haben, geschweige denn lernen. Wie wollen wir denn ohne Disziplin in der Welt weiter kommen? Ohne Disziplin lernen die nicht mal wie man im Studium erfolgreich ist. Beim Bund lernt man noch heute mal die Arschbacken zusammen zu kneifen und auf Disziplin, Anstand und Respekt zu achten.“

Das Paar gegenüber trank, schwieg und hörte aufmerksam zu. Es hatte auch keine Gelegenheit, im Sprachschwall ihres Gegenübers eine Lücke zu finden, um Einwände einzufädeln. Falls denen dazu der Sinn überhaupt danach stand.

„Ich bin ja Oberleutnant, also nicht Oberst-, sondern Oberleutnant. Und wenn mir dann so ein Gefreiter dumm daher kommt, dann stauch ich den zusammen. Damit er lernt, wer über ihm steht. Damit muss er selber klar kommen. So einer muss lernen, was Respekt ist. Wenn er mich respektiert, kann er von mir auch Achtung bekommen. Mich hat mein Hauptmann auch bereits mehrfach zusammen geschrien. Einmal, einmal hatte ich es gewagt, da habe ich zurück gebrüllt. Dafür habe ich dann gerechterweise meine Strafe erhalten. Drei Tage. War nicht lustig Aber danach habe ich seinen Respekt gewonnen gehabt und bin bis heute bei ihm geachtet. Das lernen die Jungen heutzutage nicht mehr. Die haben deren Jugendcliquen, Hotel Mama und brauchen für ihr Studium nicht mehr arbeiten. Morgens, mittags und abends wollen die Fleisch essen. Aber mal ein Butterbrot, das ist für die schon mal eine Zumutung. Damals im letzten Jahrhundert, da haben die morgens Haferbrei oder so gegessen. Mittags ein Brot mit Käse und Milchsuppe und abends vielleicht mal etwas Brot und etwas warmes wie Kartoffeln oder Gemüse. Lediglich am Wochenende gab es mal höchstens ein Stückchen Fleisch und ein kleines Bier oder so. Und an dieser Ernährung sind die von damals nicht gestorben. Ganz im Gegenteil. Da haben die mehr geleistet, als die meisten Jugendlichen heute. Da haben die noch Sachen gehoben, Dinge hergestellt, wo die heute nur noch einen Knopf drücken müssen. Und wenn dann mal etwas schweres zu heben ist, kommen die gleich immer mit Ergonomie oder so. Wir haben noch damals an unsere Mofas Kraft unseren eigenen Hände geschraubt, heute rooten die maximal ihr Smartphone oder installieren Windows-Rechner neu.“

„Ja, die Zeiten haben sich geändert, aber nicht alles ist schlecht“, warf die Frau des anderen Paares zaghaft ein.

„Ich weiß noch von meinen Eltern, wie die zur Schule gingen, immer zu Fuß, vier Kilometer weit“, meldete sich die Frau des Charakterkopfes, während jener zwei, drei Schlucke seines Bieres trank.

„Da wurde auch alles gegessen, was es gab“, fuhr der Charakterkopf fort, „da ekelte sich keiner vor ein bisschen Speck am Schinken oder Braten. Da war man froh, so etwas zu haben und hat sich nicht beschwert. In den 80ern, da kamen dann diese Grünen und haben erklärt, das wäre alles ungesund und vegetarisch zu leben wäre gesünder. Kein Fleisch mehr, haben die gesagt. Als ob das ungesund wäre. Dabei weiß doch jeder, dass man täglich tierische Proteine benötigt, um gesund zu leben. Und mit deren Vegetarismus und Gesundheitswahn ging die Disziplin den Bach runter. Das war nicht gut für uns. Denn das was richtige Disziplin ist, dass wissen die Jugendlichen von heute deswegen gar nicht mehr.“

„Ja, ein wenig mehr Respekt und Disziplin wäre manchmal nicht schlecht, nicht wahr“, sprach der Mann des anderen Paares, „heute macht ja jeder was er will, nicht wahr.“

„Ein Leben ohne Respekt“, fuhr der Charakterkopf nach einem kräftigen Schluck aus seiner Dose fort, „ist wie das, was man in Swinger Clubs immer wieder sieht: gefüllte und nicht entsorgte Kondome auf den Spielwiesen der Darkrooms in den Swinger Clubs.“

Drei Köpfe zuckten unwillkürlich nach oben. Keine Ahnung, wahrscheinlich meiner auch.

„Ach kommt, das habt ihr auch schon erlebt. Das ist doch ne Sauerei, sowas, nicht wahr. Das macht man doch nicht. Und so ist das auch mit Respekt.“

Schweigen. Der Charakterkopf öffnete eine neue Dose Miguel, nahm den nächsten Schluck und fügte leicht defensiv hinzu: „Gut, das war jetzt ein extremes Beispiel.“

„Du hast Recht. Karl und ich haben das auch schon oft bemerkt, nicht wahr, Karl?“, wandte die Frau des anderen Paares ein.

Karl nickte sofort heftig: „Eine absolute Schweinerei, stimmt. Können die denn ihre Gummis nicht selber wegräumen. Ist ekelhaft, wenn ich mit meiner Frau auf der Matte bin und dann die ganzen gebrauchten Gummis so sehe, die nicht entsorgt wurden.“

„Also, wenn ich so etwas mitbekomme“, pflichtete die Freundin vom Charakterkopf ein, „dann gehe ich gleich wieder. Wir waren letztens auf einem Swinger-Treff hier in Maspalomas im Jupiter-Club und mussten auf der Matte manchen Singlemann beiseite schieben, um an ein Paar zu kommen und da war einiges auf der Matte los. Gabi, erinnerst du dich an jene Renata, die aus Wolbeck, die mit ihrem Freund dort war und sich vordrängelte, um …“

Es war mir egal, was die Frau auf den Swinger-Treff im Jupiter-Club erlebt hatte. Einem starken Drang folgend verließ ich mein Handtuch und ging Richtung Meer. Abkühlung. Hätte ich jetzt noch Details aus deren Swingerleben anhören müssen, es hätte hart werden können. Ich hätte zum rettenden Meer robben müssen. Oder aber der Charakterkopf hätte wieder angefangen zu reden und es wäre anders hart geworden, was meine Disziplin und meinen Respekt für Diskretion anderen gegenüber betroffen hätte.

Das Meer und seine Wellen nehmen einem nicht nur manche Last von den eigenen Schultern, auch fühlt sich das eigene Gewicht nicht mehr so schwer gewichtig an. Die Wellen umspülten meinen Kopf, die Sonne streichelte meine Haut, Wärme umgab mich, Raum und Zeit gingen gemeinsam in der Unendlichkeit des Meeresrauschen baden.

Ich ließ mich auf dem Rücken treiben und aus purer Übermut von der Sonne gekitzelt, mit viel Lust und Laune rezitierte ich vor mich hin den alten Goethe und seine berühmten Wandrer-Nachtliedverse für Nichtschwimmer, hinein rezitierend, in den blauen Himmel, einen köstlichen Himmel mit seinen paar unscheinbaren bretterwandartigen Wolken:

Über allen Wellengipfeln ist des Meeresruh,
In allen Wellenwipfeln spürest du
Kaum einen Hauch;
Die Vögelein schweigen im Wellenwalde.
Warte bedächtig schwimmend nur, balde
Ruhest du auch.

„Also, wenn der da eben noch weiter geredet hätte, ich war kurz vorm explodieren. Ich sag dir, ganz im Ernst, noch ein paar Sätze von dem, Schatz, und ich hätte dem eine reingelangt, Schatz.“

Die Stimme kannte ich.

„Ich habe die ganze Zeit vorhin nur da gesessen und ihn angeschaut. Ganz ernst. Erst unterbricht er mich und dann hat er die ganze Zeit nur ohne Punkt und Komma geredet. Nur weil er einmal in einem Swinger-Club war. Der hat doch keine Ahnung. Er hätte uns fragen sollen, wir sind da doch die besseren Experten. Und als er beschrieb, wie er im Darkroom … also da wäre ich beinahe explodiert.“

Ja, da war er wieder. Der Oberleutnant. Ich drehte mich kurz um und erblickte ihn in seiner ganzen Herrlichkeit mit seiner Freundin. Wie konnte man nur so schamlos durchtrainiert sein, obwohl er während seines eigenen Vortrags zwei Dosen Miguel vernichtet hatte. Ich dagegen brauche heutzutage nur noch den Schaum eines Bieres anzuschauen und schon muss ich wieder zwei Kilometer joggen gehen. Aber dieses erledigte wohl der Charakterkopf – in dessen Rechten knapp überm Meeresspiegel ein neu geöffnetes Dosenbier – durch ununterbrochenes Reden mit seinem Unterkiefer. Er redete wie ein Wasserfall:

„Weißt du Schatz, ich bin der typische Antiheld. Ich bin immer da, wenn sich jemand in einer Schlange vordrängeln oder sich nicht anstellen will, dann bin ich da. Egal, wie lang oder wie kurz die Schlange ist. Da, wo der Staat nicht eingreifen darf, da sorge ich für Gerechtigkeit.“

Aufgeregt wie ein junger Hund strampelte ich auf den Strand zu: mit allen vieren versuchte ich Rückstoß zu erzeugen und nutzte jede Welle.Weg. Einfach nur weg. Ganz schnell. Höchster Alarm schrillte in mir. Denn ich hatte es gesehen. Knappe sechsunddreissig Meter von mir entfernt. Dieses Dreieck auf dem Wasser: schmal, schwarz, stark. Ganz ohne Zweifel, eine Flosse.

„Wenn sich schon keiner drum kümmert, dann tue ich es. Und ich erwarte dafür keine Anerkennung, weil ich tue es für das Allgemeinwohl.“

Die Flosse zerteilte fast lautlos das Wasser. Fast lautlos. Aber auch nur fast. Es war ein leichtes Zischen zu hören, das Zerteilen der Fluten. Wie ein Messer, das durch das Wasser der heimischen Badewanne fährt, um den Weihnachtskarpfen zu erlegen. Kaum hörbar, aber sehr deutlichvernehmlich. Ein leichtes Zischen in Fis-Moll mit leichten Anklängen an C-Dur.

Ich hatte bereits das flache Wasser des Strandes erreicht. Eine leichte Welle drückte mich nach vorne und ich machte einen gewaltigen Satz ins Trockene, in den feinen Sandstrand hinein.

„Das ist mir Anerkennung genug. Es geht mir nicht um Ruhm und Ehre, sondern das die Welt wieder gerächter wird …“

Am Stand liegend drehte ich mich um und sah gerade noch, wie der Oberleutnant komplett im Rachen des Hais verschwand, während er seine letzten Worte der aufrechten, felsenfesten Überzeugung, die er noch an seiner Freundin richtete, zu mir rüber drangen. Der Felsen verschwand im Bauch des Hais und der Hai im Meer und die Frau stand allein im Wasser.

Ein lautes, sirenenhaftes Geschrei der Frau übertönte das Rauschen des Meeres.

Und leise schaukelte eine halbvolle Dose Miguel undiszipliniert auf der Wasseroberfläche.

Wählerisch


„Also, pass mal auf, wenn du dieses hier mit dem da mischt, dann hast du ein blumiges, erdiges Erlebnis mit einem Hauch von Karibik unter dem Gaumen. Und im Rachen britzelt ein Sonnenuntergang wie in Rio de Janeiro am Arpoador-Felsen.“

„Dem Pedro de Arpoador in Rio?“

„Genau dem!“

„Echt? Wow. Wenn die Sonne von dort aus im Meer versinkt, dann applaudieren die Menschen. Ist nicht wie hier in Aachen. Schon mal erlebt?“

„Nein.“

„Aber ich. Einmalig“

„Ich sah nur den Sonnenuntergang auf dem Teide von Teneriffa. Im Schlafsack mit zehn anderen Kletterern.“

„Echt? Wow. Genial. Ich beneide dich.“

„Und ich dich um Arpoador. Warste privat dort?“

„Privat und geschäftlich. Aber darüber rede ich ungern. Vergangenheit.“

„Ja, die Vergangenheit. Der Teide war auch so eine Geschichte. Ich wollte hoch hinaus. Und danach war der Abstieg nur noch per Seilbahn möglich. Kontinuierlich und unerbittlich.“

„Unerbittlich musst du mal Jägermeister mit Tonic und O-Saft mischen, ein Minzblättchen darüber, ein Spritzer Hansa-Bier untergerührt, leicht vermischt mit gehakten Eiswürfeln. Aber nur leicht umrühren.“

„Ein Spritzer Hansa-Bier?“

„Ein Spritzer. Aber nur einen. Und dann gut verrühren. Aber nur leicht. Jeder, dem ich das servierte, war begeistert.“

„Wow. Hört sich gut an. Du warst Bar-Mixer?“

„Nein. Cocktails war mein Hobby als BWL-Student. Damit habe ich die BWL-Mäuschen damit reihenweise flach gelegt. Die haben immer nur auf meine Fleckenkrawatte und meinen Aktenkoffer gestarrt. Das war mein Schenkelöffner schlechthin.“

„BWL? Hattest du ne eigene Firma?“

„Nein, ich arbeitete mal für den Windhorst. Ich hab ihm immer gesagt „Probleme sind nur dornige Chancen“ . Der hat nur gegrinst. Keine Ahnung, ob er ihn verstanden hatte. Nur den Satz hat er sich wohl gemerkt. Ich hatte mal gehört, wie er den Satz einszueins am Telefon irgendwem mal erzählte. Wohl so nem Studienkollege.“

„Windhorst? War das nicht mal der Adler Kohls? Das Vorbild für die Jugend?“

„Vergiss es. Jener flügellahme Adler hat meinen geniösen Satz am Telefon als den seinen Einfall ausgegeben. Arschgesicht. Hm. Themawechsel. Hast du schon den neusten Jahrgang vom Vin de Pays de l`Hérault probiert? Ich sag dir, eine Offenbarung. Dagegen war der letzte Jahrgang der reinste Koma-Rotwein. Der kommt so etwas, wenn du ihn unter die Zunge bringst.“

„Nicht mein Fall. Ich bleib lieber den Amerikanern treu. Ehrlich, hart und erdig. Deren Whiskeys schmecken einfach unvergleichlich.“

„Naja, bleib doch lieber europäisch. Oder deutsch.“

„Deutschland hat keine Whiskey!“

„Noch nicht, aber im Schwarzwald soll sich eine Destille gründen.“

„Schwarzwald. Pah. Wir sind doch hier nicht im Schwarzwald. Ist eh alles im sauren Regen verregnet.“

„Aber immerhin westdeutsch.“

„Meinetwegen. Nur geht es im Leben darum in der Champions-League der Weltklasseliga mitzuspielen. Und da muss sich alles an Jackie messen lassen.“

„Jackie ist nicht das Maß der Dinge.“

„Sondern?“

„Ein leckeres Bier.“

„Okay. Aber sowas knallt nicht so dolle. Es braucht mehr Effektivität und Effizienz.“

„Effektivität und Effizienz? Hört, hört, hört. Hast du dazu bereits Kennzahlen erstellt?“

„Kennzahlen? Wieso?“

„Effektivität und Effizienz sind nur messbar, wenn es dazu Kennzahlen gibt. Jedes Jahr eine Kennzahl, und jede muss besser sein als jene des Vorjahres. Das ist Fortschritt. Das ist Wirtschaftswachstum.“

„Willst du jetzt Bier mittels Kennzahlen beurteilen?“

„Warum nicht? Wenn wir auf dem aufkommenden Weltmarkt Bestand haben wollen, müssen wir uns dem Wettbewerb stellen. Weltklasse geht nur mittels Kennzahlen.“

„Stimme ich dir zu. Wenn wir uns nur auf unser Gefühl verlassen, dann werden wir die Liga der Weltklasse verlassen. Und wollen wir das? Da stimme ich dir vollkommen zu. “

„Natürlich nicht! Der Feind des Guten ist der Bessere. Und wir müssen besser werden. Nur die Schönträumer meinen, mit Anti-Kapitalismus lässt sich eine Weltwirtschaftsordnung errichten.“

„Ich sehe, wir reden auf einer Linie. Wer die Wahl hat, benötigt keine Domina.“

„Ich sag dir eines: Wir sitzen hier, die Welt zieht wie auf nem Catwalk an uns vorüber, wir schauen auf den Kugelbrunnen und wissen mehr als die Leute, die vor uns auf und ab rennen und hoffen, man beachte sie in ihrer Öcher Printenseeligkeit.“

„Du sagst wahres. Wir haben unsere Konten gefüllt und haben jetzt das laissez-faire, laissez-aller, was alle so gerne hätten, aber nicht haben, weil sie nichts geschafft haben. Schau dir doch nur die Gestressten an. Ich lache. Schau dir doch nur den dämlichen Fotografen dort drüben an. Wahrscheinlich ein Öcher Maschbauer. Trottel von Aachen. Glücksfall für Frauen. So einer wird immer nur arbeiten, ohne etwas zu haben. Wenn solche alle demnächst an der Wahlurne gehen, fällt denen eines Tages auf, dass die 99% von dem, was denen als Leben verkauft wird, nicht brauchen.“

„Yep. Eine Armee aus Schrott- und Neurosen-Süchtige.“

„Hey! Rede nicht so daher! Nimm sie wenigstens etwas ernst! Als Menschen. Meinetwegen auch als Trottel. Aber als Menschenwesen.“

„Tu ich. Diese Knispel geilen sich nachher immer über Wählerbeschimpfungen auf. Erst durch passende Beschimpfung fühlen diese sich doch wertgeschätzt.Und darum werden die auch das wählen, wofür sie nachher die meiste Wertschätzung erhalten.“

„So ein Quatsch!“

„Hm.“

„Doch!“

„Okay. Sie wählen mündig und aufgeklärt deren Weltklasse. Die Schafe wählen ihre Metzger.“

„Du willst also erklären, dass Wahlen der Schlachthof der Demokratie sind, weil der einzige wahre dritte Weg die Diktatur sei?“

„Äh. Nein. Der dritte Weg ist eindeutig marodierender Art.“

„Wollte ich auch gehofft haben. Du hast noch mehr Hirn als die, die uns hier so hirnlos angaffen. Wie hatte dein letzter Chef nochmals gesagt?“

„Geh wählen und ihr werdet auserwählt werden.“

„Echt? Soll der gesagt haben?“

„War Priester. Trat zwei Jahre später aus der Kirche aus und verkauft inzwischen am Bushof den Wachturm.“

„Gott erhalte ihn.“

„Möglichst bald? Oder seelig? Sprich, biste so gläubig auf einmal?“

„In vino veritas.“

„Was trinkst du denn, dass du jetzt so filo so fisch wirst.“

„Vin de Pays de l`Hérault.“

„Weißt du, dass in kalten Jahreszeiten sich die Flasche mit O-Saft, Zimtstangen und Nelken für das Zwanzigfache verkaufen lässt? Die Mittelklasse giert danach, wenn er gut warm und dafür teuer verkauft wird.“

„Klar, weiß ich das. Erstes Semester BWL, Vorlesung vom Wirtschaft-Prof.“

„Und was hat es dir gebracht?“

„Dass sich Gummibärchen mit paar chemischen Komponenten und Kohlensäure in Wodka auflösen lassen und dann besonders gut mit chemischen Drogen knallen.“

„Tja, das so ist der Fortschritt. Er muss gut knallen. Eine Weltklasse will halt nun mal jeder auch beim Saugen der Strohhalme. Hauptsache es passt irgendwie. Sind ja jetzt so alle so öko und bio und so gesund.“

„Willste noch meine Mischung Wilder Mann? Himbeersirup mit Wodka, etwas Bacardi, drei Teile Ananassaft, etwas Genever und einem Schuss Kölsch in einer Konlechner-Bier-Dose geschüttelt, weil die so ne geile Innenraumdosenversiegelung haben.“

„Klar, gib mal rüber. Aber statt Ananas lieber Anna trocken, woll.“

„Häh?“

„Kalauer gemacht. Echt jetzt: deine Mischungen waren bislang wie immer Weltklasse. Die dort an uns vorbeigehen, die sind doch nur neidisch, weil wir deren Welt nicht mehr ernst nehmen.“

„Du sagst es. Hier. Nimm die Dose. Macht vierfuffzich, weil du es bist.“

„Klar. Kannste auf nen Hunderter wechseln?“

„Mach mich feddisch, du Säufer!“

Weltklasse fuer Deutschland

Der Tag, als Käpt’n Iglo starb …


Die Gegend hat sich geändert. Früher gab es hier mehr Animierlokale. Für mich war das gut. Je mehr Animierschuppen es gab, um so mehr Auswahl an Arbeitsplätze hatte ich. Wenn der eine mir blöd kam, ging ich zum nächsten. Und wenn der Besitzer komplett durchdrehte, dann zum Nachbarn. Als Stripper hatte ich meine Auswahl. Ja, Fremdenverkehrsführer der Nacht war ich. Vermittler einer Illusion. Fremdenverkehrsführer der Nacht sein, war wie ein Naturzuhälter. Wir Kreaturen der Nacht geben den Suchenden eine Natur, was sie meinen zu suchen. In der Dunkelheit der Anonymität wird jeder Suchende zum Findenden, weil schlecht zu sehen ist, dass jenes, was gefunden wird, auch das ist, was zuvor gesucht wurde.

Und wir sind gut im Finden helfen. Sei es diejenigen, die sich gerne ihr Näschen ziehen wollen, ob Harzer, Angestellter oder Topmanager. Sie sind alle gleich. Ja, und zu diesen dreien gehören auch die Frauen. Frauen sind zwar nicht so gerne gesehen bei meinen Kolleginnen. Denn sie wollen eingeladen werden und da stoßen gleiche Interessen wie gleichpolige Magnetseiten aufeinander. Dreht sich dann die eine Seite, dann knallen sie heftig aufeinander. Frauen waren eher an einem Lap-Dance von mir interessiert. Sie wollten sehen, ob ich mehr als ihr Freund oder Mann hatte. Wenn sie ungeduldig wurden, dann konnten sie schon mal extra zulangen. Hatte ich dann extra abgerechnet. Männer waren auch meine Klientel. Die meisten wollten wissen, ob sie auch eine Bi-Seite haben, die wenigsten wollten den Schwanzvergleich. Verbal oder physisch war er seltener gefragt. Allerdings je nach Alkoholisierungsgrad.

Die rote Plüschsofa-Herrlichkeit war meine Welt. Rote Plüschsofas, die Luftlandeplätze der Vögel der Nacht, weil Plüsch eine heimelige Sicherheit suggeriert. Aber jeder Landeplatz ist auch gleichzeitig ein Startplatz. Bestellt von einem Landschaftspfleger, der uns die Lizenzen zum Aufenthalt dort gab. Irgend so ein Bauer, der damit hoffte, die dickste Kartoffel in der Kulturlandschaft der Landschaftspfleger zu finden. Wir, das waren diejenigen, die das Abheben der Kulturlandschaftbesichtigenden verhindern sollten. Wir, das waren die Vögel, die uns in jene Turbinen dieser unsteten Menschen und permanent Abhebenden schmissen. Mit Leib und Seele. Ein einträgliches Geschäft, wenn man auch mit der Seele dabei war. Wir hinderten sie am Abheben und kassierten sie ab, für das Reparieren inklusive Startplatzgebühren. Sex ist ein schöner konservativer Motor. Ich bin konservativ. Ich will, dass es so bleibt, wie es ist, dass die Unsteten der Nacht bleiben und mir ihre Aufmerksamkeit geben. Gut, dafür ziehe ich mich aus. Aber ich weiß, dass die Besuchenden eines Striplokals weniger Aufmerksamkeit den Stripper als der Stripperin geben. Ein blanker Busen zählt mehr als meine blanke Brust. Ihre Hüften mehr als mein Six-Pack. Und ihr Stangentanz mehr als meiner. Sie verdienen in den Hinterzimmern mit dem Lap-Dance oder dem, was einige an Extras anbieten.

Natürlich bot keiner meiner Kolleginnen irgendwelche Extras an. Prostitution ist verboten. Sowieso. Weißte Bescheid. Aber da, wo der Vorhang fällt, da ist im Dunkeln gut munkeln. Am besten konnten die Katholiken munkeln. Immer nur Halleluja war auf der Dauer auch nicht das, was sie antörnte. Stripp-Shows, das war für jene die gelungene Abwechslung zur jungfräulichen Marienverehrung. Da waren die Protestanten schon schwieriger. Die leben ja ohne striktes hierarchisches Religionssystem, da waren die schon staatlich orientierter. Staatstreuer. Sie wollten den Lap nur, wenn er gesetzestreu war. Wenn ich mich an christliche Prinzipien orientieren würde. Auf Verdacht hatte ich auf solche Fragen gesagt, dass sie wohl nicht katholisch wären, worauf dann oft „protestantisch“ die entrüstete Reaktionsantwort war. Logisch. Der Protestantismus der Preußen hatte ja erst Hitler den Weg nach Berlin geebnet. Tja, besser ein Hund an der imaginären Leine als ein Stall ohne Schweine.

Irgendwann ging das Geschäft immer schlechter. Alle wurden emanzipierter, aufgeklärter, hedonistischer und vor allem gerechter. Ein Lokal nach dem anderen schloss. Und Stripper waren immer weniger gern gesehen. Man wolle keine Konflikte durch homophobe Menschen und damit die Lizenzen der Stadtverwaltung riskieren. Inzwischen sehe ich in den ehemaligen Stripperlokalen meistens nur noch Wettbüros. Unkompliziert reich-werden ist der neue Sex der 10er Jahre. Dafür legen weiter viele den Inhalt ihrer Geldbörsen auf den Tresen und hoffen mit mehr von dort aus zu starten, als sie vorher gelandet waren.

Mein letzter Auftritt als Stripper war ein Private-Lap bei einer Frau im Hinterzimmer. Sie war weder weder eine der Vernachlässigten noch einer der Prüden. Sie stand als Frau ihren Mann, während wir zwischen den verschiedenen Drinks über Sex-Vorlieben schwadronierten. Wir versoffen ihren Portemonnaie-Inhalt und dann spendierte ich meine Tagesgage, bis der Besitzer uns rauswarf und mir Ladenlokalverbot erteilte. Im Lichte der aufgehenden Sonne beschloss ich, nie mehr zu strippen und mein Geld so zu verdienen, wie sie es tat. Mit einem regulären Beruf in einer Bank. Ich hatte vormals ebenfalls eine Ausbildung in einer Bank erfolgreich abgeschlossen, aber ich erhielt keinen Job. Es war das Jahr der Bankenkrise 2008, das Jahr der Ratte. Die Frau wollte mir helfen, aber sie hatte Mann und Kinder zu Hause zu ernähren. Somit wurde nichts draus. Ich hatte zwar ihre Telefonnummer, aber wir telefonierten nur einmal. Sie konnte mir auch nicht helfen. Im Jahr der Ratten.

Ich landete schließlich in der „ARGE“, dem heutigen „Jobcenter“, jobbte mal hier, mal da, mal dort, aber nie kam ich wirklich aus dem Aufstocker-Verhältnis raus. Wer will schon einen männlichen Ex-Stripper in einer Bank, wo eventuell alte Bekannte von mir am Schalter auftauchen könnten.

Es war im Dezember 2011, ich sollte mal wieder vorsprechen, weil mein persönlicher ARGE-Berater mit mir mal wieder meine Zukunftsaussichten auf dem Arbeitsmarkt durchsprechen wollte. Zwei Tage vor Heiligabend hatte er den Termin gesetzt. Dachte ich. Auf Weihnachtsgeschenke hoffte ich nicht, aber ich träumte schon mal von einem Festtag, denn ich war der festen Überzeugung, dass er was haben würde. Als ich in sein Büro reinkam, blickte er mich erst überrascht und danach leicht säuerlich an. Ich wäre ein Tag zu spät dran. Es wäre der 21te vereinbart gewesen. Er verwies darauf, dass er angehalten sei, mich jetzt mit Sanktionen zu belegen. Während ich mich leicht geschockt von der „Frohen Botschaft“ auf den unbequemen Holzstuhl niederlies, holte er meine Akte aus einem Schrank hervor und bemerkte dabei, er hätte einen Job für mich in einer Bank gehabt. Das wäre meine Chance gewesen, aber ich hätte sie versemmelt. Nach kurzem Zögern schaute er in einem Stapel nach und holte ein Blatt hervor, studierte es, schaute mich an und grummelte etwas von letzter Chance. Und dann eröffnete er mir, dass eine Werbegesellschaft für eine Kampagne einen männlichen Typen suche. Es wäre meine letzte Chance, ich solle mich bewerben oder er würde mich sanktionieren. Er drückte mir das Blatt in die Hand und ließ es mich quittieren.

Ich verließ die ARGE und trat auf die Straße hinaus. Draußen fiel mein Blick auf eine weggeworfene Zeitung. Der Wind schlug eine Seite auf und ich las, dass der werbe-bekannte Schauspieler Gerd Deutschmann gestorben war. Am 21. Dezember 2011. Aus einem Dachfenster ertönte „The year of the cat“ von Al Stewart. Ich blickte hoch. Die aus dem Fenster strömende Hitze ließ die Luft flirren und das kupferfarbene Dach im Hintergrund kochend erscheinen. Vor dem Fenster auf einem Absatz für Blumen saß ein Mann und aß in luftiger Höhe eine Pizza. Roof cat. Im Jahr der Katze.

Ach ja. Es gibt kein Jahr der Katze. Die Katze kam damals einen Tag zu spät zu jenem Fest, bei dem Buddha jedem Gast ein Jahr schenkte. Die Katze ging leer aus, weil eine Maus sie belogen hatte. Es gibt lediglich das Jahr des Hasens. Und ich war der Igel. Der Job war schon vergeben. Aber dafür gab man mir einen Job für die Straßenwerbung. Am nächsten Tag vor einem Supermarkt durfte ich mit Ringel-T-Shirt und Kapitänsmütze gebackene Fischstäbchen verteilen. An jenem Morgen geschnitzt wie aus einem Humphrey-Bogart-Film war seltsamerweise mein erster Kunde mein persönlicher ARGE-Berater. Als er mich an jenem späten Vormittag erkannte, ging er schnellen Schrittes vorüber und er erinnerte mich dabei eher an Peter Lorre, der etwas auszuhecken schien, als wie einen normalen ARGE-Mitarbeiter. Er schien mir seltsam berührt, dabei kannte ich ihn doch nicht von den Striplokal her.

Später verloren wir kein Wort darüber. Er schob mir nur eine Stellenbeschreibung der Bank of Wales rüber. Es begann das Jahr des Drachens …

Immer wieder Donnerstags das jährliche Gemeinschaftsevent


„Guten Tag, der Herr. Wie kann ich Ihnen behilflich sein?“

„Ich hätte gerne einen Tisch.“

„Einen Tisch. Davon haben wir viele. Haben Sie irgendwelche besonderen Vorstellungen?“

„Ja. Dreizehn Personen müssen dran Platz haben.“

„Dreizehn? Na, wenn das nicht mal Unglück bringt. Da hätten wir dort drüben unser Modell ‚Großfamilie‘ aus importiertem Eichenholz und spezial behandelter Oberfläche …“

„Nein, nein, der ist zu klein. Es müssen dreizehn Leute auf einer Seite passen.“

„Auf einer Seite? Lassen Sie mich mal überlegen.“

„Das war der Wunsch der Gruppe. Alle auf einer Seite und der, der in der Mitte sitzt, so, dass er im Lichte der Abendsonne beleuchtet sitzen kann. Soll übrigens ein Mann vom Fach sein. Der kennt sich angeblich aus. Sein Vater war auch Tischler. Also mir heute keinen Schrott andrehen, okay.“

„Was ist denn das für eine Gruppe, wenn ich mal fragen dürfte?“

„Keine Ahnung. Sie bringen noch vier Hobby-Autoren und einen Auftragsmaler mit.“

„Künstler?“

„Vielleicht.“

„Hoffentlich nichts, was nachher meinen Ruf als Tischler schädigt. Ich liefere nichts für Terroristen, Sex-Orgien oder Verschwörungstheoretiker. Ich muss auch an meinen Ruf denken.“

„Keine Sorge. Es ist sogar angeblich ein Banker dabei. Die Autoren sollen alles aufschreiben und der Maler bringt seine Staffelei mit, um die Szene auf Leinwand festzuhalten. Also wird es schon nichts weltbewegendes werden.“

„Banker? Sind das nicht Geldwäscher? Hm. Also, wir hätten dann noch das Modell ‚Abendmahl‘. Der letzte Tisch, den ich davon noch hier habe, handgetischlert aus Zedernholz. 1a Qualität. Edel und dem Zwecke angemessen. Ein sehr lang gestreckter Tisch, dafür aber schmal. Ich hoffe, es wird in der Gruppe nicht üppig geschlemmt? Ansonsten ist die Breite kritisch.“

„Nein, nein, die wollen angeblich nur Wasser und Brot haben. Der Maler an der Staffelei beherrscht die bildliche Darstellung komplexer Gerichte noch nicht so, soll aber unheimlich gut Portraits malen können. Einer aus Rom. Nennt sich Leonardo. Malt am liebsten lächelnde Menschen.“

„Nur Wasser wollen die? Ich hätte da noch paar guten Wein aus der Gegend nördlich von Rom im Lager. Ich könnte ….“

„Nein, nein. Nur Wasser und Brot war deren ausdrücklicher Wunsch. Haben Sie übrigens Wasser aus den Bergen vorrätig? Die Leute wollen das normale Wasser nicht. Die meinen, das wäre verschmutzt durch die vielen Abwässer und bestanden aus Bergwasser. Biologisch und vegan muss es sein.“

„Habe ich, habe ich. Erst gestern ist eine neue Ladung reingekommen. Geht immer weg wie warmes Fladenbrot.“

„Nun gut, dann nehme ich diesen Tisch hier, Ihren letzten ‚Abendmahl‘-Tisch, dazu achtzehn einfach Schemel und einen Behälter Bergwasser.“

„Gerne. Bis wann soll ich liefern?“

„Bis heute Abend um fünf vor Sonnenuntergang. Die wollen sich um sechse treffen und danach noch ein wenig in den Garten hier um der Ecke.“

„Bereiten die sich etwa auch auf das morgen stattfindende alljährlich Freitag-Nachmittag Casting auf dem Marktplatz vor? Es wird wieder spannend, welcher der Kandidaten ausscheidet und nach Hause gehen muss. Wenn der Pontius Pilatus dann wieder sein berühmte Verzögerungstaktik anwendet, dieses ‚und du mein lieber Gefangener, du bist es … du bist es …. heute leider nicht, du darfst in die letzte Runde zur Kreuzigung‚. Das ist jedes Jahr immer die gleiche Show. Barnabas ist wieder dieses Jahr dabei. Vielleicht schafft er es diesmal endlich mal in die letzte Runde. Verdient hätte er es.“

„Ich interessiere mich nicht für dieses ‚Jerusalem sucht den Superstar‚. Langweilt mich. Immer diese Theatralik. Ist doch alles gescriptet. Alles nur Show. Also, dann ist es abgemacht? Ich krieg den Tisch bis spätestens heute um fünfe, damit die Gruppe dort ihre Abendessen durchführen kann?“

„Geht in Ordnung.“

„Okay, dann bis später.“

„Bis später.“

Kneipengespräch: Krieger, denk mal …


C360_2013-12-12-17-12-54-529_DxO_thumb.jpg Die ganze Zeit saß er schweigsam neben mir und nur hin und wieder entfuhr ihm ein leichter Seufzer. Ansonsten sagte er nichts. Sein Business-Anzug war von edlem Stoffe. Dessen mattes Dunkelgrau strahlte eine Ruhe und Überlegenheit aus, die allerdings kaum zu den Gesten seines Trägers passten. Immer wieder hob er seine Kölsch-Stange auf Mund-Höhe, setzte sie aber unentschlossen ab, spielte darauf mit seinen Fingern an dem Sockel des Glases und trommelten dort einen unhörbaren Rhythmus drauf. Das machte er drei oder viermal, bis es mich störte und ich mich ihm zuwandte.

„Sie müssen das Kölsch schon trinken. Lediglich es in Gedanken zu tun, hilft nichts, denn dann wird’s schal. Prost.“

Ich hielt ihm mein Kölsch zum Anstoßen hin. Aber er sah mich nur an. Wenn Augen der Spiegel zur Seele sind, dann sah ich tief in einem leeren Abgrund. Mit seiner linken ruckelte er kurz seine fliederfarbenen Krawatte in Position, strich vorsichtig über sein weißes Hemd und ergriff sein Kölsch.

„Wissen Sie, da sagen Sie etwas bedeutendes.“

„Prost?“

„Nein, Gedanken.“

„Sie machen sich Gedanken? Ich mach mir lieber einen schönen Abend.“

„Sie denken nicht, okay, sie geben mir aber zu denken. Wissen Sie, was Nekrophilie ist?“

„Ich denke Gedanken, also bin ich. Und Menschen mit nekrophiler Veranlagung fühlen sich von toten Gegenständen angezogen, weil sie Angst vor dem Lebendigen haben.“

„Richtig, mein Bester“, er hob sein Glas und stieß mit mir an, „auf deutsch, solchen Menschen ist ein Blechschaden an der eigenen Karre mehr Aufregung wert als die weltweit an Hunger sterbenden Kinder. Das Blech ist heilig. Und ein Galgen ist solchen Menschen beachtenswerter als jener Mensch, der drunter steht.“

Ich nahm einen Schluck aus meinem Glas und versuchte abzuwiegeln, um das Gespräch in seichtere Gewässer zu führen: „Sind wir nicht alle ein klein bisschen nekrophil?“

„Für jene ist das größte Aphrodisiakum all jenes, was den Geruch von Tod an sich hat: Uniformen, Raketen, Drohnen. Nicht, weil dies lediglich Totes sind, sondern weil sie den Geschmack des Todes bringen. Und der Tod ist das größte Aphrodisiakum der Menschen.“

„Ich habe aufgehört mir Gedanken darüber zu machen, denn es führt in die Gedankenlosigkeit. Können wir das Thema wechseln?“

„Wissen Sie, Gedanken sind so eine Sache. Wer macht sich denn eigentlich Gedanken. Nur wir Menschen. Evolutionstechnisch hat es uns an die Spitze der Nahrungskette dieser Welt gebracht, aber auch Mord und Totschlag haben sie erschaffen.“

„Und die Religionen. Unterschätze nie die Macht dummer Leute, die einer Meinung sind. Tucholsky.“

Er schien, über meine Bemerkung hinweggehört zu haben, und schaute grübelnd auf sein Glas: „Vielleicht ist die Fähigkeit, Gedanken zu entwickeln und zu haben, einfach nur eine eigentümlich Fehlentwicklung der Natur. Spätestens bei der Frage, wer hat das System erschaffen. Selbst auf eine stundenlange Antwort kann locker die postwendende Frage ‚Und wer oder was war der Schöpfer davon?‘ retourniert werden und zeigt, dass dieses sinnlose Spiel unendlich getrieben werden kann, um Menschen in die Anzweiflung dem Sinn ihrer Existenz zu treiben.“

„Der Gedanke als Virus? Ein Gedanke ist wie ein Virus, resistent, hochansteckend und die kleinste Saat eines Gedanken kann wachsen. Er kann Dich aufbauen oder zerstören. Aus dem Film Inception.“

Dummköpfe zu ertragen, ist sicherlich der Gipfel der Toleranz. Voltaire.“

Jedes Monster hat als Mensch begonnen. Ablee.“

Viele Menschen würden eher sterben als denken. Russel.“

Wir schwiegen. Uns fielen keine Zitate mehr zum Auftrumpfen ein.

Er trommelte wieder auf den Sockel seines Glases und schaute mich an: „Wissen Sie, als der Computer DeepBlue 1996 im Schach den Schachweltmeister Garri Kasparov besiegte, waren wir erstaunt. Aber Schach erschien uns berechenbar, weil endlich. Im Februar 2010 schlug der IBM-Computer Watson im Jeopardy die damaligen Rekordhalter dieses Spiel, Jennings und Rutter, sehr deutlich. Die künstliche Intelligenz Watson verstand bereits menschliche Wortspiele und auch Hintersinne. Inzwischen erschuf Watson auch noch einen Film-Trailer, der letztes Jahr ins Kino kam. Die von der Firma Google geschaffene künstliche Intelligenz AlphaGo hat das äußerst komplexe Brettspiel GO durch einfaches Zuschauen erlernt. Vor einem Monat, am 3. März, hat AlphaGo dann den südkoreanischen Go-Weltmeister Lee Sedol mit 5:0 deklassiert. Computer und deren Software lernt das Denken und wir stehen dabei und wundern uns.“

„Na gut, durch künstliche Intelligenz wäre es keinem Piloten mehr möglich eine Passagiermaschine in einen Berg zu steuern oder mit zu knappen Treibstoffvorrat ein weit entferntes Ziel anfliegen. Eine KI würde dem Piloten die Gewalt entziehen und die Maschine darüber hinweg fliegen oder den nächsten Landeplatz ansteuern. All die Kinder aus Haltern und auch die brasilianische Fußballmannschaft würde dann noch leben.“

„Nur was machen wir, wenn die KI das Lebenswichtigste erkennt, was unser Leben steuert? Zum Beispiel in einem Tesla-Fahrzeug“

„Wenn in nicht ferner Zukunft erneut ein Tesla-Fahrzeug bei hohem Tempo einen kreuzenden LKW in seiner Fahrbahn entdeckt, dann wird der analysieren, ob er eher rechts in die Gruppe der Rentner oder links in die Kindergruppe am Straßenrand steuert oder ob der Fahrer doch noch sterben muss, weil alle anderen wertvoller sind. Er wird analysieren, was das geringere Übel sein könnte.“

„Falsch. Er wird reagieren wie wir Menschen. Er wird das Prinzip des Überlebens um jeden Preis wählen. Kein Mensch wird sich überlegen, wer wo am Straßenrand steht, sondern nur, wie er am besten der lebensgefährlichen Situation entkommt. Der Tesla wird sich dieses vom Menschen abschauen und berechnen, mit welcher Kollision er den geringsten Schaden an sich erzeugt. Er wird erlernt haben, was es heißt zu überleben und dass der Mensch in lebensgefährlichen Situationen drei Grundregeln kennt: fliehen, tot stellen oder kämpfen. Der Mensch wird für den Tesla dann zweitrangig.“

„Wir sollten dagegen kämpfen.“

„Ah ja. Krieger, denk mal.“

„Denken. Ich denke, also werde ich sein,“ sinnierte ich vor mich hin.

Wie kann es sein, dass ich, der ich bin, bevor ich wurde, nicht war, und dass einmal ich, der ich bin, nicht mehr ‚Der-ich-bin‘ sein werde? Vom Engel Damiel aus Der Himmel über Berlin.“

Aber du bist ja nicht da. Ich bin da. Es wäre schön, wenn du da wärst … du könntest mit mir reden. Peter Falk“, seufzte ich meine Erwiderung und schaute beim Aufblicken den Wirt an. In dessen Augen erkannte ich den mir altbekannten Vorwurf der letzten Zeit. Ich blockierte ihm wohl seinen Feierabend.

„Na? Wieder wach? In letzter Zeit säufst du mir zu viel. Ist zwar gutes Geschäft für mich, aber du ruinierst dich noch. Denk mal drüber nach. Ich mach jetzt zu. Feierabend. Du darfst zahlen und gehen. Compañeiro.“

Ich stand auf, legte ihm ein paar Scheinchen auf den Tresen und wankte auf die mir ausweichende Tür zu …

Dem Volk aufs Maul geschaut


„Einen Quarkkuchen, bitte.“

Die Konditorei hier im ehemaligen Scherbenviertel glänzt durch ihre Backwaren, aber ihre Konditorenkunst ist legendär. Hinter der Kasse befindet sich eine Konditoren-Meister-Urkunde. Und das nicht zu unrecht. Deshalb war (und ist) es schwierig, einen Platz in diesem Café zu ergattern. Und wenn es mal geklappt hatte, war es eigentlich auch egal, wo der Platz war und ob man alleine einen der Rundtische für sich hatte.

„Sie wünschen?“

„Einen Quarkkuchen, bitte.“

„Wir haben keinen Quarkkuchen.“

„Doch. Haben Sie. Ich hätte gerne ein Stück Quarkkuchen zum Mitnehmen.“

Es war Samstag Nachmittag, die Sonne strahlte und für einen der ersten Märztage mit 18 Grad  die richtige Entscheidung. Ich saß an solch einem Rundtisch und teilte ihn mit jemandem, der mir noch komplett unbekannt war. Wir beide hatten aber bereits eine Gemeinsamkeit entdeckt: unsere Bestellung.

„Wir haben keinen Quarkkuchen, hatte ich bereits Ihnen erklärt.“

„Doch! Haben Sie.“

Die Bedienung an der Kuchentheke war sichtlich ein wenig enerviert, beherrschte sich aber und deutete einfach mal in die Auslage.

„Sie meinen die dort?“

„Nein. Das sind Pfannkuchen.“

„Wie bitte? Was sollen die sein? Pfannkuchen?“

„Jawohl. Das sind Pfannkuchen.“

„Das sind Krapfen!“

„Pfannkuchen!“

„Vielleicht kennen Sie die als Berliner.“

„Das sind Pfannkuchen.“

Hinter ihr näherte sich die zweite Bedienung und fragte leicht vorsichtig: „Quarkkuchen?“

„Ja. Kuchen, der aus Quark gemacht wird!“

Die zweite Bedienung holte kurzerhand ihr Smartphone hervor und tippte etwas hinein.

Derweil die erste Bedienung auf ein anderes Kuchenstück deutete: „Das vielleicht?“

„Sie sind wohl nicht vom Fach, oder? Ich will Quarkkuchen! Ein Stück Quarkkuchen. Ist das hier so unverständlich, oder was?“

Die zweite Bedienung war wohl inzwischen bei ihrer offensichtlichen Suchmaschinenanfrage erfolgreich und zischte hörbar: „Er meint Käsekuchen.“

Käsekuchen?“, fragte die erste Bedienung überrascht zurück.

„Meinetwegen nennt ihr es hier vorsätzlich falscherweise Käsekuchen. Es ist aber Quarkkuchen. Oder wird euer Käsekuchen in Bayern etwa nicht aus Quark sondern aus Käse gemacht? So wie euer Leberkäse?“

„Nein, wir machen ihn in unserer Konditorei aus Original Topfen“, erwiderte sie kurz angebunden und zischte genervt zu ihrer Kollegin: „Jetzt gib dem einfach seinen depperten Käsekuchen.“ Ein heller Glockenklang ertönte und erlöste sie aus dieser skurrilen Situation. Sie ging nach hinten.

Inzwischen schaufelte die erste den Quarkkuchen mit einem Tortenheber auf ein Pappdeckel, packte ihn ein und reichte ihm den Mann rüber. Der hielt ihr einen 5-Euro-Schein entgegen und bemerkte nur:

„Ist schon eine ärmliche Zeit, wenn Leute in Deutschland für deutsche Worte erstmal ein Smartphone bemühen müssen, nicht wahr.“

Die erste Bedienung gab wortlos das Wechselgeld raus und wandte sich dem nächsten Kunden zu. Doch der erste Kunde war noch nicht fertig:

„Ihre ignorante Unfreundlichkeit ist ja der Wahnsinn. Und ich dachte, dass hier wäre die beste Konditorei in dieser Gegend. Ist wohl eher eine Fleischerei, was Eure Sprachkultur hier angeht, nicht wahr. Kein Wunder, dass ihr Smartphone besitzen müsst, sonst wärt ihr sprachlos. Generation Smartphone.“

Die zweite Bedienung taucht mit zwei Tellern an unserem Rundtisch auf und stellte sie vor uns hin: „Jeweils einmal die Spezialität unseres Hauses: Palatschinken mit Vanille-Zimt-Sauce an Kumquat-Sorbet. Kaffee kommt sofort.“

Der erste Kunde hatte gesehen, wie wir unsere Palatschinken erhielten und bemerkte nur noch: „Ich sag doch: Fleischerei. Von wegen Konditorei“, drehte sich um und verließ das Café.

Die Bedienung an unserem Tisch stockte in ihrer Bewegung und schaute uns mit vielsagenden Blicken an, rollte zugleich genervt mit den Augen und bemerkte sehr leise:

„Wissen Sie, was bei der WM 1986 in Deutschland auf meinem Lieblings-T-Shirt stand? Bring mich zum Rasen. Bei solchen gnadenlosen Besserwissern würde ich es am liebsten wieder hervor holen.“

Sprach es und ging zur Kaffeemaschine.

Ach ja. Was ich leider nicht schreiben kann: die Bedienung sprach bayrisch, der Kunde sächsisch. Aber das wird den meisten Lesern hier wohl eh keine Hilfe bei der Erklärung sein, schätze ich …