Ertrage die Clown (10): Freiheit, die ich meine

Im Jahr 1949 steckte sich der junge Joachim Fest einen Zettel ins Portemonnaie, den er bis zu seinem Tode mit sich führte. Auf dem Zettel stand der Satz:

„Ertrage die Clowns!“

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Der Vortragende salzte nach.

Das Radieschen vor ihm vertrug seiner Meinung noch etwas Salz, bevor er dessen letzte Hälfte in seinem Mund verschwinden ließ. Salz ist das Elixier der Suppe und eines jeden Radieschens, memorierte er still vor sich hin, bevor er zu seinem Mund führte und die Hälfte genießend zerkaute. Es war die bewusste rhetorische Pause seiner Rede. Er konnte es sich leisten und das mitten in einem ausgeklügeltem Vortrag.

In seinem langem leinenem, weißen Gewand stand er vor ihnen und seine Hand fuhr durch deinen langen Bart. Es war ein buschiger, spitz herunter hängender  Bart, der bereits weiß-ergraut war. Er ergriff den Bart immer wieder am Kinn, bündelte ihn mit seiner Hand und fuhr dann damit von Kinn bis zur Brust runter, bis auch das letzte Härchen seinem Griff verlassen hatte. Immer wieder wiederholte er die Prozedur. Seine Schüler hockten im einfachen Baumwollgewand vor ihm und wagten nicht das zu formulieren, was sie dachten: Er melkte eine Kuh und die Kuh war sein Hirn und seine Weisheit kam immer dann, wenn er seine Hand um seinen langen weißen Bart zu legen, um eine neue Weisheit aus seinem Mund zu erzeugen. Sie hingen an seinem Mund und der Bart war ihnen recht gleichgültig. Nur diese Handbewegung, die war das Geheimnis der Erkenntnis. Wohl möglich. Die Handbewegung war seltsam selbstzentriert, irgendwie unklassifizierbar, seltsam egoman. Daher stieß es seinen Anhängern auch immer wieder ungemein ärgerlich auf, wenn jemand diese Handbewegungen mit Onaniehandbewegungen in Verbindung brachte.

Die Zuhörer klebten bereits seit sechs Stunden an seinen Lippen. Nie zuvor hatten eine solche lange Vorlesung an deren Einrichtung gehört, nie hatten sie ähnliches gehört. Und sie waren initiationsgleich instruiert worden, dass er revolutionäres verkünden würde.

“Es gibt verschiedene Prinzipien, die ihr alle jetzt aus meinem Vortag ableiten könnt. Und das erste Prinzip unserer Ethik ist: die Würde des Menschen ist unantastbar. Sie zu achten und zu schützen, ist Verpflichtung aller staatlichen Gewalt.”

Schweigen in dem Auditorium erfüllte den Saal. Hin und wieder war ein Kratzen wie von Federkiel auf Pergament zu hören, aber ansonsten regte sich nichts. ‚Einundzwanzig‘, ‚zweiundzwanzig‘, ‚dreiundzwanzig‘. Die alte Regel, dass die vorgenannten Worte als Regel der Aussprache jener Worte insbesondere im Deutschen jenen zeitlichen Bereich einer Dimension sekundenhaft durchschreitet, materialisierte sich. Niemand sagte etwas, alle stellten sich die andere, unzeitliche Dimension der Worte vor.

“Moment”, ein einzelnes Wort zerschnitt den Vorhang jener scheinbar undurchdringlichen Stille. Nicht ein Kopf drehte sich in Richtung der Wortmeldung. Die Köpfe wiesen weiterhin in Richtung auf des Vortragenden, als ob der Fragende unbedeutend wäre. “Das heißt, einem Nicht-Menschen, also entsprechend einer Definition von ‘Nicht’, kann also jene Würde für sich nicht reklamieren? ‚Nicht‘ im Sinne von ’nicht vorhanden‘.”

Der Vortragende blickte suchend in die Menge der Zuhörerschaft, um den Zwischenrufer auszumachen. Seine Suche blieb aber erfolglos. Daher antwortete er einfach:

“Mensch ist Mensch. Sind wir nicht Menschen? Wie hatte mein Kollege bereits zum Thema verlautbaret: Wir sind, wer wir sind. Menschen. Jeder hat das Recht auf die freie Entfaltung seiner Persönlichkeit, soweit er nicht die Rechte anderer verletzt und nicht gegen die verfassungsmäßige Ordnung oder das Sittengesetz verstößt.”

“Jeder?”, ertönte wieder die Stimme aus dem Auditorium.

Der Vortragende versuchte die Richtung der Stimme zu orten. Der Saal war zwar akustisch für das Auditorium hervorragend, aber für den Vortragenden eine Katastrophe. Beim Aufbau war nie vorgesehen, dass der Vortragende sich Fragen stellen sollte. Dafür gab es kleinere Steinbauten.

“Alle Menschen sind vor dem Gesetz gleich”, antwortete der Vortragende, melkte seinen weißen Spitzbart und blickte in die Runde. Es verwunderte, warum er Gegenfragen erhielt. Seine außerordentliche Position im Senat der Lehranstalt feite ihn normalerweise vor solch Zuhöreragitation. Nur trotz eben solcher konnte er den Zurufer nicht ausmachen. Er sah auch kein Unruhe im Saale der Zuhörer, welche ihm helfen konnte den Störer auszumachen.

Wieder ertönte die Stimme: “Die Freiheit des Glaubens, des Gewissens und die Freiheit des religiösen und weltanschaulichen Bekenntnisses sind also unverletzlich?”

Der Vortragende nickte: “Absolut. Aber könnte der Zwischenrufer sich bitte erheben? Ich mag es nicht, auf anonyme Zwischenrufe zu reagieren.”

Er wartete. Aber niemand erhob sich. Die Masse der Zuhörerschaft reagierte kaum, indem sie den Zwischenrufer durch Blicke markierte. Der Vortragende blickte in eine amorphe Masse, welche seinen Vortrag gleichmütig zu absorbieren schien. Er wurde misstrauisch darüber, ob sein Vortrag überhaupt die Wertschätzung erfuhr, welche er sich erhoffte. Kurz hielt er inne und formulierte den nächsten pragmatischen Satz, den er danach dem Auditorium präsentierte:

“Jeder hat das Recht, seine Meinung in Wort, Schrift und Bild frei zu äußern und zu verbreiten und sich aus allgemein zugänglichen Quellen ungehindert zu unterrichten.”

Stille. Er blickte in die Gesichter vor sich zu seiner Linken, schwenkte seinen Blick prüfend nach rechts. Reihe für Reihe der Zuhörer scannte er entsprechend. Aber nirgend erkannte er einen AHA-Ausdruck in den Gesichtern der Zuhörer. Hatten die ihm überhaupt zugehört?

Er versuchte es mit einem provokanten Zusatz:

“Grund und Boden, Naturschätze und Produktionsmittel können zum Zwecke der Vergesellschaftung durch ein Gesetz, das Art und Ausmaß der Entschädigung regelt, in Gemeineigentum oder in andere Formen der Gemeinwirtschaft überführt werden.”

Eine Stimme aus dem Auditorium erwiderte ihm spontan: “Die Würde des Menschen ist unantastbar? Sie zu achten und zu schützen ist Verpflichtung aller staatlichen Gewalt?”

Der Vortragende strich mit feuchten Händen über seinen leinenden Gewand. Er konnte den Fragenden immer noch nicht identifizieren, wurde daher nervös und bekam feuchte Hände. Warum stellte jenes Individuum solche ketzerischen Fragen? Waren seine Aussagen nicht eineindeutig?

Er versuchte nochmals die Stimme im Zuhörerraum zu orten. Aber vergeblich.

“Das, was Sie sagen, beruht auf die Definition von Menschen, nicht wahr. Akzeptiert. Akzeptieren Sie dafür auch, dass in unserer Gesellschaft verdammt viele Lebensformen leben, auf die das Wort ’Menschen’ nicht angewendet werden kann? Wollen Sie die, welche Minderjährige und andere Sonstige vergewaltigen, also Päderasten und schlimmer, jene fahrlässige oder vorsätzliche Mörder oder jene andersartige Verbrecher mit wirklichen ‚Menschen‘ verglichen werden? Solche sind Tiere. Keine wahre Menschen. Daher buchten wir die auch ein. Oder falls möglich, lynchen jene. Verdient ist verdient.“

“Ich verstehe nicht.”

“Die Würde des Menschen ist unantastbar. Da stimme ich Ihnen komplett zu. Unter der Würde des Menschen darf nicht gehandelt werden. Aber was ist, wenn es sich nicht um Menschen handelt?”

“Sie meinen?”

“Ich meine die Idiotae, den Bodensatz der wertvollen menschlichen Entwicklung, denen, die nicht das Niveau der Menschwerdung erreicht haben. Sie wissen”

”Idiotae?,” seine Augen fuhren die Zuhörerschaft reihenweise ab. Niemand blickte auf den Redner, niemand markierte ihn, alle Augen waren auf ihn gerichtet. Er fühlte sich plötzlich allein gelassen. Das Gefühl, dass er der Vertreter einer Randmeinung statt der Vertreter einer allgemeinen Grundhaltung sei, kroch im von den Fußsohlen hoch bis in seinen Brustkorb. Es ist das Gefühl der Verlierer, die niemand mag. Und das Gefühl schien nicht halt zu machen. Seine Brust erfuhr eine eigentümliche Beklemmung.

”Jene, welche wir mit dem allgemein anerkannten Wort ‘Vollidiot’ bezeichnen. Wenn jene entgegen dem gesunden Volksverstand …”

“Was ist gesund?”, blafft der Vortragende provozierend heraus. Er erhoffte sich, den Fragesteller damit zu identifizieren zu können, indem er von jenem eine emotionale Reaktion bei seinen Repliken hervorrufen könnte. Sein Blick beobachtet aufmerksam das Auditorium, nur die Blicke der Zuhörer waren seine Erwiderung seiner Suche. Ihm schien, als ob sogar seine provozierende Frage von den Blicken komplett neutralisiert würde. Er strich über sein Gewand. Das gab ihm eine gewisse Sicherheit zurück. Der Stoff war kostbar und der Schneider hatte sehr viel Wert darauf gelegt, den Stoff in Bädern richtig geschmeidig zu machen, ohne dass der Vorteil von dem Leinenstoff herab gesetzt wurde. Er war ja schließlich nicht irgendwer, wie jene Zuhörer im Auditorium, sondern er wurde letztendlich für deine Vorträge bezahlt. Seine Auftraggeber waren von dem Wert seiner Vorträgen überzeugt und bezahlten ihm entsprechend. Das Gewand hatte sich bereits nach knapp einem Monat amortisiert und sein Ruf spiegelte sich bereits in den ersten niedergeschriebenen Geschichten wieder.

“Was ist gesund?”

“Gesundheit ist bekanntlich die Abwesenheit von Krankheit. Und Krankheit wird über Erkrankungen definiert. Wenn eine Krankheit epidemisch wird, dann ist die Gesundheit in Gefahr. Und zwar nicht nur des einzelnen Menschen, sondern sogar der Gemeinschaft. Entsprechend reagiert der Körper der Gemeinschaft: er stößt das Erkrankte ab, um sich vor dem erkrankten Individuum, dem Iditotum, zu schützen.”

Der Gelehrte atmete tief ein, schnappte nach Luft. Vor seinen Augen schwebte bereits die Conkulsio jenes Gedanken vor. Das hatte er nicht gesagt.

“Ich habe nicht gesagt, …”

“Aus dem von Ihnen gesagten folgere ich: Eine definierte Gemeinschaft bekennt sich darum zu unverletzlichen und unveräußerlichen Menschenrechten als Grundlage jeder menschlichen Gemeinschaft, des Friedens und der Gerechtigkeit in der Welt.”

“Ähem, ja, insofern, ja …”

“Wir sind eine Gemeinschaft. Wir sind Menschen. Wir sind eine menschliche Gemeinschaft. Aber jene anderen sind es nicht. Keine Menschen. Idioten. Nicht von uns abstammend. Und falls doch, dann war es eine miese Laune der Natur.”

“Aber …”

“Sie sagten bereits, würde der Menschen antastbar sein, wäre er nicht zu achten und zu schützen. Würde er unantastbar sein, wäre er achten und schützen derer Verpflichtung aller staatlichen Gewalt. Kein Mensch, keine Verpflichtung!”

“Was?!?”

“Grundlage jeder menschlichen Gemeinschaft, des Friedens und der Gerechtigkeit in der Welt. Und nicht der Affen!”

“Unverschämt! Sie hetzen! Sie drehen den Gedanken meiner Worte ins Gegenteil, Sie Hetzer!”

“Jeder hat das Recht auf die freie Entfaltung seiner Persönlichkeit, soweit er nicht die Rechte anderer verletzt und nicht gegen die verfassungsmäßige Ordnung oder das Sittengesetz verstößt. Und Ihre Ihnen eigenen Ansicht von Persönlichkeit verstößt gegen jegliches Sittengesetz. Und wer Mensch oder Idiot ist, das definieren nicht Sie, sondern das wird von uns definiert. Da können Sie gar nichts dran ändern. Wir sind vox populi. Und das in unserer Gesamtheit der Meinungsäußerung. Jeder hat das Recht auf Leben und körperliche Unversehrtheit. Die Freiheit der Person ist unverletzlich. Und: Jeder hat das Recht, seine Meinung in Wort, Schrift und Bild frei zu äußern und zu verbreiten und sich aus allgemein zugänglichen Quellen ungehindert zu unterrichten. Eine Zensur findet nicht statt. Wer hetzt, das definieren nicht Sie!”

Er stand an seinem Pult und atmete tief durch. Er hörte die Stimme, konnte sie nicht orten, sah die Blicke auf sich gerichtet, hörte die stumme Aufforderung daraus etwas vernünftiges zu sagen. Nur versagte ihm die Stimme einstweilen. Nur ein Wort konnte er rausbrüllen und das schrie er mit aller Macht raus, ohne seinem Wort eine Richtung zu geben, ohne den Adressaten ausfindig gemacht zu haben. Es prescht nur heraus, strapazierte seine Stimmbänder in extremer Weise und knallte kurz und präzis:

”Arschloch!”

Die Wände reflektierten seine Worte mehrfach und versanken in Stille. Es war keine besondere Stille, keine betretende Stille, keine peinliche Stille. Einfach Stille. Einfach. Stille.

Er strich mit seinen Händen sein glattes Gewand entlang, schaute in das Auditorium, versuchte erneut den Gegensprecher ausfindig zu machen und ergriff zum wiederholten Male seinen spitzen weißen Bart, um seinen nächsten allgemein gültigen Gedanken heraus zu melken:

“Und aus all den Prinzipien kann nur das Folgende folgern: Eigentum verpflichtet. Sein Gebrauch soll zugleich dem Wohle der Allgemeinheit dienen.”

Die unbekannte Stimme durchschnitt kalt den Raum: “Aha. Wer die Freiheit der Meinungsäußerung zum Kampfe gegen die freiheitliche demokratische Grundordnung missbraucht, verwirkt diese Grundrechte. Alle Staatsgewalt geht vom Volke aus.”

“Demokratisch?”, stammelte der Vortragende überrascht, “Vom Volke ausgehend?”

“Genau. Wohin geht denn die Staatsgewalt aus? Sie hat sich mir nach ihrem Ausgang nicht zurück gemeldet. Also übernimmt das Volk. Also wir. Und wir sind keine Idioten.”

Er hörte hinter sich ein matschendes Geräusch und drehte sich kurz um. Rot, er sah rot hinter sich. Alles rot. Blut. Blut? Blut! Tod!

“Wir sind das Volk und wir bestimmen, von wo aus die Staatsgewalt ausgeht”, erklärte jene Stimme nüchtern, aber lautstark. “Es ist uns überlassen, wie wir Idioten benennen, weil es – wie Sie zuvor sagten – der Meinungsfreiheit entspricht.”

Wieder hörte er es hinter sich das matschende Geräusch. Er könnte auch weiterhin nicht die Stimme orten. Vor sich sah er die schweigende Menge und in ein paar Händen erkannte er rotes aufblitzen. Tomaten. Er nahm hinter dem Pult Deckung, um sein kostbares Gewand zu schützen. Die Reinigung wäre teuer. Seine Blick suchte den Fluchtweg. Die matschenden Geräusche kamen immer näher. Ihn ergriff Panik.

Ein tiefer, donnernder Ton erfüllte den Hörsaal und instinktiv hielt er sich die Ohren zu, um sich zu schützen. Die Stimme schien übermächtig zu werden:

“Nicht wahr, die Freiheit, sie ist ein furchterregendes Monster, vor deren durchdringender  Stimme man sich die Ohren schützen muss. Bei dessen Ruf man nicht mehr zwischen Meinung und Hetze unterscheiden kann, weil man nicht weiß, ob das Monster ‚Freiheit‘ ein Mensch oder ein Nicht-Mensch ist.”

Mit zugehaltenen Ohren brüllte er in Verzweiflung zurück: “Wer immer Ihr seid, Ihr interpretiert das Menschheitsgesetz stark egoistisch, komplett egozentrisch auf Euch selber bezogen! Ihr betreibt niedrigsten Populismus!”

“Ja, und? Ich bin, der ich bin! Anfang und Ende: ich bin Mensch. Ein wahrhaftiger Mensch. Wie steht es geschrieben: Wenn ihr uns stecht, bluten wir nicht? Wenn ihr uns kitzelt, lachen wir nicht? Wenn ihr uns vergiftet, sterben wir nicht? Und wenn ihr uns beleidigt, sollen wir uns nicht rächen?”

Er verschränkte die Arme um seinen Kopf, versuchte, mit den Ärmeln noch mehr Schallschutz zu erreichen, versuchte, sich zu schützen, warf sich auf den Boden und bemerkte, wie die stummen Zuhörer aufgestanden waren, auf ihn zuschritten und langsam einen immer enger werdenden Kreis um ihn den Vortragenden bildeten, ihn in seinen Versuchen, jener Stimme nicht zuhören zu müssen, sich zu schützen.

Und dann hörte er nur den einen Satz, ausgesprochen von dem zerfurchten Gesicht, das sich zu ihm herunter beugte, ein Mensch aus den 50ern und offenbar mit der totalen Altersweisheit gesegnet. Es war lediglich ein Satz aus drei Worten, nüchtern und klar ausgesprochen, in normaler Zimmerlautstärke und Tonhöhe, die sich in ihn eingruben, die ihn ins innerste seines Herzens trafen, die ihm seinen Glauben an eine rosige Zukunft für immer zerstörten:

“So ein Volldepp.”

Wie Waldi, der Rauhhaardackel, zum Bürgermeister gewählt wurde

“Was du nicht willst, das man dir tu, das füge auch keinem andren zu!”

“Hör doch auf hier den Moralapostel zu spielen!”

Zwei Dutzend Menschen in einem Raum waren in erregter Diskussion. Nach dem vorzeitigen Ableben des alten Bürgermeisters sollte heute der neue Bürgermeister gewählt werden. Eigentlich war es eine klare Sache: die Partei “HdB” hatte vierundzwanzig Mandate und war die stärkste Partei. Danach kam die Partei “GmU” mit fünf Mandaten und ein einzelnes Mandat hatte der Vertreter der Partei mit dem sperrigen Namen “PfgUiW5”.

Nur uneigentlich war die Sache nicht so klar. Denn in der “HdB” wollten gleich zwei den alten Bürgermeister beerben. Zuerst kandidierte Heinz Rüdiger Selbtal, Vorsitzender des größten Bürgerschützenvereins im Ort und passionierter Jäger. Doch noch am selben Tag reichte auch Stefan Maier seine Kandidatur ein. Auch Stefan Maier hatte einiges an Reputation vorzuweisen: er war promoviert in Agrarwirtschaft, führte den dortigen Bauernverband an und war zudem offizieller Kreisliga-Schiedsrichter des DFBs. Beide standen sich nahezu unversöhnlich gegenüber, weil der eine als Jäger sich permanent vom Bauernverband gemaßregelt fühlte und der andere stetig kritisierte, dass die Jäger vollkommen rücksichtslos mit deren SUVs über die Äcker der Bauern fahren würden. Anfangs sah es nach einer eindeutigen Sache aus: im Falle seiner Wahl zum Bürgermeister hatte Heinz Rüdiger Selbtal Stefan Maier den Posten als stellvertretenden Bürgermeisters plus das Recht auf zwei Reden pro Halbjahr auf wichtigen Veranstaltungen angeboten. Aber Stefan Maier war nicht einverstanden, bot wiederum Heinz Rüdiger Selbtal den Posten des stellvertretenden Bürgermeisters plus das Recht auf einer Rede pro Halbjahr an.

“Leute, so kommen wir doch nicht weiter”, mahnte der Alterpräsident der “HdB”, “in einer Viertel Stunde müssen wir hier raus und in den Abstimmungssaal und unseren Kandidaten präsentieren. Wenn wir keinen präsentieren können, dann riskieren wir eine riesen Blamage, weil dann nur die ‘GmU’ einen Kandidaten haben wird und wir keinen. Will das wer von Euch?”

Die Versammelten schwiegen. Kein Mucks war zu hören.

“Heinz Rüdiger”, fuhr der Alterpräsident fort, “Heinz Rüdiger, könntest du nicht noch ein besseres Angebot an Stefan machen? Und Stefan, was könntest du Heinz Rüdiger anbieten, damit er deine Kandidatur eventuell unterstützen würde.”

“Nun”, setzte Stefan Maier an, “ich könnte mich dazu überreden lassen, dass er das erste Bier bei der Kirmeseröffnung gezapft bekommt.”

“Und das Anrecht, die frisch ernannte Weinkönigin auf eurem Winzerfest als Erster zu küssen!”, ergänzte Heinz Rüdiger Selbtal fordernd.

“Niemals! Du alter Lüstling! Dieses Anrecht hat nur der Vorsitzende des Bauernverbandes!” protestierte Stefan Maier.

“Den kannst mir auch anbieten, den Vorsitz!” fügte Heinz Rüdiger Selbtal lakonisch hinzu.

“Leute, Leute,” hub der Alterspräsident an, als das Raunen im Raume immer lauter wurde, “mehr Ernsthaftigkeit!”

“Kann ich auch mal einen Vorschlag machen?” Eine junge Frau war nach vorne getreten. Der Alterspräsident nickte.

“Petra Diekmann, Sie haben das Wort.”

“So wie es aussieht”, begann Petra Diekmann, “werden wir in den verbleibenden zwölf Minuten nicht fertig. Wir brauchen eine pragmatische Ersatzlösung.”

“Und wie soll die aussehen? Etwa Frauenpower?” warf Heinz Rüdiger Selbtal ironisch dazwischen und erntete damit ein paar Lacher.

“Herr Selbtal, auch Sie müssten den Ernst der Lage erkannt haben. Sollten wir uns auf keinen gemeinsamen Kandidaten einigen können oder sollten wir gar zwei Kandidaten präsentieren, dann lacht über uns die ganze Gemeinde und dann wird es schwierig für die absolute Mehrheit bei der nächsten Kommunalwahl werden. Egal, welche der beiden Möglichkeiten wir jetzt wählen – keinen Kandidaten oder zwei Kandidaten – , man wird über uns lachen. Wir sollten also versuchen zumindest die Lacher auf unserer Seite zu bekommen. Denn wer zuletzt lacht, lacht am besten.”

“Und wie soll das gehen?”, warf Stefan Maier ein.

“Erinnert ihr euch noch an den Fall mit dem Rauchverbot in den Kneipen hier? Damit das in unserer Gemeinde nicht umgesetzt werden sollte, hatte der alte Bürgermeister doch einfach mal unsere Gemeinde zur „’Geschlossenen Gesellschaft’ erklärt und damit gemeint, das allgemein angeordnete Rauchverbot umgehen zu können. Bis das Verwaltungsgericht diese Anordnung des alten Bürgermeisters für ungültig erklärte und dann darüber ganz Deutschland erfuhr. Und was passierte? Rainer Weiß vom Heimatverein hatte das direkt als Steilvorlage für sein Marketing verwendet und schwups hatten wir kurz darauf einen Haufen Touristen, welche wissen wollten, was für pfiffige Bürger wir wären und wo wir so leben würden.”

“Und?”

“Lasst uns das gleiche nochmals machen. Jetzt bei der Bürgermeisterwahl.”

“Die Idee hört sich nicht schlecht an, Frau Diekmann”, unterbrach der Alterspräsident, “aber wie soll das genau gehen?”

“Lasst uns einen Dackel zur Kandidatur aufstellen.”

“Einen Dackel?”

“Einen Dackel.”

“Aber Frau Diekman”, warf Heinz Rüdiger Selbtal ein, “das ist so ein Mist, ihr Vorschlag. Von Ihnen hätte ich qualifizierteres erwartet. Da wird maximal ein Hund in der Pfanne verrückt, bevor es niemandem auffällt, dass wir einen Dackel zur Kandidatur aufstellen. Also bitte. Nein, das ist ein schlechter Vorschlag.”

“Wieso nicht?” gab Stefan Maier kontra, “die anderen sind doch so beschränkt, denen fällt das nie und nimmer auf. Und am Schluss sagen wir einfach: ’He, da wurde ein Dackel zum Bürgermeister gewählt, die Wahl ist ungültig, wir müssen die am Montag wiederholen!’ Und schon haben wir ein Wochenende mehr Zeit, um einen wirklich würdigen Kandidaten aufzustellen.”

“Das könnte funktionieren”, stimmte der Alterspräsident zu, “lasst es uns einfach mal versuchen. Frau Diekmann, ich möchte wetten, Sie haben einen passenden Dackel, den wir zur Kandidatur in den Kandidatenbogen eintragen können?”

Frau Diekmann nickte. “Mein Rauhhaardackel ’Waldi’.”

Frau Diekmann stemmte ihre Handtasche hoch und aus der Öffnung schaute treuherzig dreinblickend ein grauer-brauner Dackel. Alle schauten sie sprachlos an. Doch mit einem mal setzte ein zustimmendes Gemurmel ein.

“So machen wir es. Die Deppen werden nicht bemerken und dann haben wir die Lacher auf unserer Seite!”

“Aber wir können doch nicht einfach ‘Waldi’ auf den Bogen schreiben,” meinte der Alterpräsident leise zu Frau Diekmann.

“Schreiben Sie einfach ‘Waldemar von und zu Hohenstimber’“, sagte Frau Dieckmann laut und ergänzte zum Alterspräsident flüsternd: „und in Klammern einfach ‘geborener Rauhaar’. Aber dann ‚Rauhaar‘ mit einem ‚h‘. Dann müsste es passen und keiner merkt es.” Der Alterspräsident nickte und schrieb den Namen auf den Bogen.

Bei der Verkündigung der Kandidaten gab es nur zwei Namen. Es herrschte anfangs ein wenig Verwirrung bei der “GmU” wegen dem Namen ‘Waldemar von und zu Hohenstimber’, aber irgendwie fragte auch keiner weiter nach, was die Angehörigen der “HdB” nur belustigte.

Die Auszählung der Stimmen war vorbei. Im Saal herrschte Ruhe. Der Wahlleiter trat vor die versammelte Menschenmenge aus Neugierigen, Journalisten und Politikern.

“Die Stimmauszählung fand unter notarieller Aufsicht statt und das Ergebnis steht fest. Es wurden 30 Stimmen abgegeben und keine war ungültig. Auf den Kandidaten Hubert Steinmetz entfielen fünf Stimmen und auf den Kandidaten Waldemar von und zu Hohenstimber entfielen 26 Stimmen.”

Ein Lachen setzte ein und ein vereinzeltes “Die haben einen Dackel gewählt” halte im Raum. Heinz Rüdiger Selbtal und Stefan Maier hielten gemeinsam feixend einen Dackel und waren dabei, sich einen Weg nach vorne zu erarbeiten.

“Ich bitte um Ruhe. Und bitte unterlassen sie Verunglimpfungen. Ein wenig mehr Anstand, darf ich doch bitten. Jemanden als Hund zu diffamieren ist diesem Hause nicht angemessen. Ich bitte den Kandidaten Waldemar von und zu Hohenstimber von der der Partei ‘Partei für ganzjährigen Urlaub im Wahlkreis 5’ nach vorne.”

Heinz Rüdiger Selbtal und Stefan Maier stockten und ließen den Dackel zu Boden gleiten. Ihnen fiel wieder ein, woher sie diesen sperrigen Namen schon mal gehört hatten. Bleich waren sie geworden und als sie in die Gesichter ihrer Kollegen blickten, waren auch diese erheblich blasser geworden.

Der Kandidat Waldemar von und zu Hohenstimber stellte sich an das Rednerpult: “Sehr verehrter Wahleiter, lieber Wahlkreis 5, liebes Publikum, ich nehme diese Wahl an. Und besonders möchte ich mich für die Stimmen der Kollegen  der Partei “Hoch die Bürger” bedanken. Zudem möchte ich auch gleich eine Personalie bekannt geben: Frau Petra Diekmann ist vorhin in meine Partei eingetreten und ich setze sie hiermit als stellvertretende Bürgermeisterin ein. Petra, kannst du mal nach vorne kommen.”

Zehn Sekunden war es still. Mausestill. Man konnte Stecknadeln fallen hören. Doch dann brach etwas los, was in den überregionalen Tageszeitungen als “Rathaussturm” beschrieben wurde. Es soll dabei mehrere Verletzte gegeben haben. Die Polizei musste diesen “Sturm” mit Schlagstockeinsatz beenden. Festgenommen wurden dabei zwei Politiker, die sowohl wegen erheblicher Körperverletzung als auch wegen Widerstand gegen die Staatsgewalt auffielen. Gegen beide wird noch ermittelt. Sie sollen inzwischen ihre Posten und Ämter aufgegeben haben und auch nicht mehr in der Gemeinde leben.

Waldemar von und zu Hohenstimber (geborener „Rauhaar“) und Petra Diekmann heirateten noch im gleichen Jahr.

Was aus dem Rauhhaardackel wurde, ist unbekannt.

Kneipengespräch: The day after – brennen muss Lady of Paris …

Sie brennt. Notre Dame, the Lady of Paris, brennt. Und wie sie brennt. Da sitzen sie nun da und glotzen. ntv. Der Wirt hat ntv geschaltet.

“Die Franzosen mal wieder. Kaum wird bekannt gegeben, dass gegen Winterkorn wegen den Abgasen bei VW ermittelt wird, zünden die vor Jubel gleich Notre Dame an. Wer sagt denen, dass Osterfeuer erst am Ostersonntag gezündet werden …”

“Das waren die Gelbwesten! Endlich mal ne Demo für die Abschaffung der Kirchen.”

“Vielleicht findet man ja einen Personalausweis vor der Kirche. Wir sind ja inzwischen aufgeklärt worden, dass muslemische Attentäter immer deren Ausweisdokumente am Tatort verlieren … man sollte jetzt mal die AfD-Twitter-Accounts verfolgen. Die haben doch immer solche Informationen als erste. Oder den Account von A. Schwarzer. Die ist ja auch immer voll im BILDe …”

“Wo saufen wir denn das nächste mal, wenn wir wieder nach Paris trampen?”

“An der Seine. Weil übernachten tun wir dann im Baugelände der Notre Dame. Und dann frühstücken mit Flics …”

“Wer rettet jetzt den Glöckner? Oder hat der sich schon wieder heimlich zu Esmeralda geschlichen?”

“Nicht der Glöckner. Sondern diesen Abend Grisu, der kleine Drache. Passend zur achten Staffel von Games of Thrones. Action!”

“Diese Live-Übertragung auf ntv. Da ist das Bild der brennende Kathedrale. Richtig ruhig gefilmt, viel ruhiger… einfach nur eine Einstellung … ungeheure Spannung … stürzt die alte Bude ein … bleiben die Glocken hängen. Aber kein Wort zum Glöckner und seine Esmeralda.”

“Der kommt erst in die Kamera, wenn jener Kessel mit erhitzten Pech auf die Feuerwehrleute kippt … ”

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Die Gedankenwelt eines Locked-In-Patienten

“Ihre kostenlose Testversion fürs Leben ist zu Ende. Your free trial for life has ended. Votre essai gratuit à vie est terminé.”

Dreisprachig. Sie mochte keine dreisprachige Sätze. Warum Deutsch, Englisch und Französisch? Warum nicht mal Kisuaheli? Prompt tauchte vor ihr ein weitere Satz auf.

“Jaribio lako la bure la maisha limeisha.”

Okay. Gut. Das Übersetzungsprogramm funktionierte. Soweit funktionierte das Leben noch. Sie schaute von ihrer Tastatur auf. Sie war gerade dabei einen neuen Artikel in ihrem Blog hochzuladen, als die Nachricht vor ihr auftauchte.

Ein wenig enerviert blickte sie sich nach dem Administrator um. Der saß an seinem Pult und blätterte in einem Buch.

“Hey, Admin! Hey, sag mal, muss das sein?”

Der Administrator schaute auf. “Wie kann ich helfen?”

“Muss das sein, meine Testversion gerade dann auslaufen zu lassen, wenn ich einen Post in meinem Blog hochladen will?” Sie sah sich, wie ihr Kopf auf der Tastatur lag und einzelne Tasten daneben lagen. Ihr Kopf muss wohl heftig aufgeschlagen sein.

“Du kannst dir das Premium-Abonnement kaufen. Monatliche Laufzeit, jederzeit kündbar.”

“Und was bedeutet das?”

“Man findet dich noch rechtzeitig vor deinem Computer, diagnostiziert Herzinfarkt, reanimiert dich und dann erhältst du drei Auswahlmöglichkeiten: Rehabilitation am Sternbarger See umgeben von schneebedeckten Bergwipfeln in einem Rehazentrum mit Streuobstwiesen. Oder Krankenhaus im Mehrbettzimmer ohne jegliche Reha, dann aber schneller zu Haus und später dann ALS. Oder du triffst in der Notaufnahme die zweite Liebe deines Lebens, den Arzthelfer Hans, heiratest ihn und … .”

“Was ist ALS?”

“Die so genannte Amyotrophe Lateralsklerose lässt die Nervenfaser verkümmern, die seine Muskeln kontrollieren. Die Folge: völlige Bewegungsunfähigkeit. Ein Mensch wird dir dann Elektroden in deine Kopfhaut pflanzen und du unterhältst dich dann rein kraft deiner Gedanken.”

“Ich habe schmutzige Gedanken, das wird man als ’pervers’ bezeichnen.”

“Das stimmt. Nur das Denken dieser Gedanken hattest du dir zuvor so ausgesucht gehabt. ‘Sex up you life’, wolltest du damals. Und das auch noch jenseits der 60 und nicht nur als Teen, Twen, BiVie und danach als MILF.”

“Immer nach dem gesellschaftlichen Abbild einer netten Oma zu leben, ist doch voll letztes Jahrhundert.”

“Dann musst du aber akzeptieren, dass Jahre schneller vergehen als Anschauungen. Sexuelles Begehren ist gesellschaftlichen Regeln unterworfen. Aber das ist ja ebenfalls eine Erfahrung, nicht wahr.”

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Wenn am Karfreitag die rote Sonne nie mehr versinkt …

“Könnten Sie bitte mal aus meinem WLAN rausgehen?”

“Wie bitte?”

“Sie stehen in meinem WLAN. Ich habe keinen Empfang und warte auf eine wichtige Nachricht von meiner Familie.”

“Ich stehe in Ihrem WLAN? Wie soll das denn bitteschön gehen?”

”Da! Sie haben gerade einen Schritt zur Seite gemacht und jetzt hab ich wieder WLAN. Könnten Sie bitte so stehen bleiben?”

“Ich glaube, Sie sind wohl ein wenig verpeilt, oder?”

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Reibereien

Eine leise Stimme, fast unhörbar, trotzdem klar vernehmbar. Ruhiger, rauer Singsang.

“… ich reibe mich, du reibst dich, er, sie, es reibt sich, wir reiben uns, ihr reibt euch, sie reiben sich. Ohne Reibung entflammt kein Streichholz. Nur mit passender Reibfläche. Ursache. Wirkung. Ohne Reibung spür ich doch nicht, wo ich entlang schramme. Schrammen gehören dazu. Schrammen machen auch Wärme, Wunden heilen. Warum gesteht mir das niemand zu? Immer nur happy und heititei und La-la-land. Das erträgt doch kein Mensch! Oder ist Reibung etwa nur als menschliche Wärme akzeptabel, wenn einer vom anderen überm Tisch gezogen wird, oder was? Würde sie doch mal akzeptieren, dass ich so bin, wie ich bin, und ich so etwas nicht zum Affront mache. Das bin ich und nicht sie …”

Leise brummelnd schloss er penibel seine dunkelgrüne, wattierte Jacke, setzte sich ein schwarzes Käppi auf und schubberte sich bedächtig seine Hände. Die Tür des Busses öffnete sich. Lautlos. Schnell. Ein Schwall kalter Luft enterte den überheizten Innenraum. Weiterlesen

Die Sonne so hoch

Die Sonne steht immer dann am höchsten, wenn man am tiefsten gesunken ist.

Kneipenweisheit.

Je weiter man die Realität hinunter schreibt, desto tiefer wird der eigene Standpunkt. Und das wirkt. Der Kampf zwischen Gut und Böse würde keinen Geist rühren, ginge es nur um ein wenig Gut gegen ein wenig Böse. Erst der Kontrast macht den Unterschied. “Star Wars” wäre reinstes Disney-Mickey-Mouse-Kino, gäbe es nicht dort einen wirklich Bösen, also jemanden, der genauso sympathisch ist, wie auf einem Bürgersteig der frisch dampfende Hundekot, in dem niemand treten möchte. Und statt sich des blauen Himmels zu erfreuen, hält jeder nach der Scheiße vor seinen Füßen Ausschau. Es ist eine subtile Methode, Aufmerksamkeit zu lenken und alle Energien auf Scheiße zu fokussieren, ruft man auf der öffentliche Rasenfläche eines Parks nur richtig laut, man hätte mit seinem Schuh eine Tretmine erwischt. Und schon interessieren sich die Leute der Umgebung nur noch für Hundehaufen statt für Flora und Fauna. Weiterlesen

Fliegender Zwischenruf ins Unreine geschrieben

Eine Fluggesellschaft verabschiedet sich vom Markt. Air Berlin stellt den Flugbetrieb ein. Deren Flugzeuge werden von der Kranich-Fluglinie größtenteils übernommen und all jenes Personal, was keiner benötigt, darf sich beim Arbeitsamt melden.

Eine irische Billigfluglinie streicht ebenfalls ihren Flugplan zusammen. Es fehlen ihnen Piloten. Viele Flugzeuge, wenig Besatzung. Der Billigflieger ist nicht sehr beliebt. Seine Bezahlung ist gering. Es steht zu vermuten, dass sie sich in Bälde um die entlassenen Piloten und Flugbegleiter der Air Berlin kümmern wird, wenn jene erst einmal spüren, was Arbeitslosigkeit bedeutet.

Vor einem Monat hatte Air Berlin einen recht hohen Krankenstand bei ihren Piloten. Um trotz Insolvenz den Flugbetrieb weiter halten zu können, forderte Air Berlin seine Piloten auf, trotz Krankschreibung wieder zurück in das Cockpit zu kehren. Krankschreibungen waren als Protest von der Firmenleitung enttarnt und entsprechend wurde dieses auch nach außen hin mitgeteilt. Und so entstand – wieder mal – eine Stimmung gegen Piloten, als überbezahlte Zerstörer von Urlaubsträumen anderer. Kommentare zielten darauf ab klar zu machen, dass Piloten die Urlauber leiden lassen würden.

Interessanterweise herrschte nach dem Germanwings-Flug 9525 und dessen Absturz vor zweieinhalb Jahren in den Provenzalischen Alpen ein anderer öffentlicher Konsens: Piloten mit Krankschreibung sollten gar nicht erst in ein Flugzeugcockpit gelassen werden dürfen. Piloten tragen die Verantwortung über das Leben der ihnen Anvertrauten. Zu leichtfertig könnte das Leben der Insassen aufs Spiel gesetzt werden. Genau so leichtfertig wie es der krankgeschriebene Pilot des Germanwings-Flug 9525 mit seinen 150 Insassen in krankhafter und mörderischer Absicht tat.

Jedes Jahr das selbe Szenario: sie sammeln sich in Schwärmen auf zentralen Flächen und warten mehr oder weniger geduldig. Sie unterhalten sich, sie regen sich über paar andere Reisebegleiter auf, sie mustern ihre Umgebung und alle warten nur darauf, dass es los geht. Die Vögel auf den Feldern, die Menschen in den Flughäfen. Insolvenzen von Fluglinien sind lästig. Piloten ebenfalls. Bei Insolvenzen gibt es das Insolvenzrecht, welches die Urlauber schützt. Gegen Piloten gibt es das nicht. Und Piloten haben auch nicht krank zu sein. Pilot-sein und krank-sein, das ist in der öffentlichen Meinung ein Unrecht, eine Vorsätzlichkeit der Piloten und nicht konsensfähig. Und wenn der Pilot seine Krankschreibung zerreißt und trotzdem fliegt, dann ist es auch wieder nicht recht, wenn der kranke Mensch als Pilot seine Anvertrauten nicht überleben lässt.

Wichtig scheint eh nur eines zu sein: schnell weg von dort zu kommen, wo man ist, um baldigst dort zu sein, wo man noch nicht ist. Und man möge uns dabei bitte nicht im Wege stehen, um uns daran zu hindern. Up, up and away.