Mein Sitzplatz zwischen Treppenlift-Thron und Tantra-Sitzung

Wie ein Treppenwitz fand ich zwei Nachrichten im Postfach “Europawahl und Strache-Video” und “Schon gewußt? Das kosten Treppenlifte wirklich”. Woher wissen die Schreiber, dass ich einen Treppenlift benötige, um aus dem Haus zur Wahl zu kommen? Denn nur auf einem Treppenlift kann ich mir die “Game of Thrones”-Staffeln per Binge Watching als Internet-Stream zu Gemüte führen. Beim Schauen stört das Treppenlaufen, während Drachen fauchen, Schwerter sich durch Herzen ihren Weg suchen oder geschnittene Gesichter entsetzt schauen: und besonders dann, wenn vor den eigenen Augen ohne Bildstabilisierung beim Laufen die nackten Körper wie welkes Fleisch auf und ab hüpfen.

Nachdem ich gestern das Ende der Staffel 3 erreichte, beschloss ich, einkaufen zu gehen. Dass ich dabei von einem Freund gefilmt wurde, wie ich mit einem Auge die erste Folge der Staffel 4 verfolgte, während ich mir mit dem anderen die Inhaltsstoffe der Chipstüte durchlas, und dass er das Ganze gleich auch noch auf Facebook online stellte, das fand ich gar nicht witzig.

“Hör mal, du Arsch, du kannst doch nicht so etwas von mir ins Netz stellen! Es gibt auch Privatsphäre”, brüllte ich ins Handy, während Oberyn Martell und seine Geliebten Ellaria Sand sich gerade mit zwei stöhnenden Prostituierten vergnügten.

“Ich denke, das Video sollte deinen Freundeskreis die Augen öffnen, wie du wirklich bist”, kam lapidar zurück.

“Darüber reden wir noch!” gab ich hastig und atemlos zurück, denn Oberyn zog sich eben noch von einer der beiden namenlosen Prostituierten zurück, bohrte dann aufgeladen vom Sex seinen Dolch durch die Hand eines Gegner, welcher wiederum zuvor noch das Schwert aus der Scheide ziehen wollte.

“Reden? Wann denn?”

“Nach Staffel Acht, du Arsch!”

Was haben die Leute gewettert, nachdem ein Adventskalender bei Twitter Daten von Promis und Politiker veröffentlichte. Da war allen klar, privat müsse privat bleiben. Dass jetzt das Thema bei den Strache-Video keine Anwendung findet, ist nicht verwunderlich. Andererseits konnte doch auch niemand wirklich ahnen, dass die FPÖ überhaut irgendwie eine miese Gruppierung für knallharte Egozentriker, Neo-Nazis und Machversessenen sei. Das wäre uns ohne das Video nie aufgefallen. Jetzt meinte doch glatt jemand, in Deutschland gäbe es auch so eine Gruppierung. Keine Ahnung, wenn derjenige meinte. Er konnte seine Behauptung auch nicht mit einem Geheim-Video im Internet belegen.

Am Sonntag habe ich dann die Wahl. Ein Internet-Algorithmus hat mir bei der Entscheidungsfindung zur Wahl geholfen. Während Melinsandre den Gendry auf Burg Drachenstein zum Vögeln flach legte, erklärte mir der Internet-Algorithmus, ich solle aufhören, Nuhr zu googeln, mir dafür aber endlich mal das Madonna-Video vom ESC anschauen, weil alle nur darüber reden wollen, und statt der AFD solle ich doch lieber die CSU, weil der Internet-Algorithmus festgestellt hatte, dass sein eigener Programmierer wohl seinen Sitz im Europa-Parlament verlieren würde und dessen Aufnahmeantrag damals bei der AfD wegen tendenzieller grün-rot Versifftheit abgelehnt wurde. Das hatte mich in meiner “Game of Thrones”-Tantra-Sitzung verwirrt, dass ich zurück spulen musste, um die Blutegel-BDSM-Szene von Melinsandre und Gendry nach deren Sex nochmals zu schauen.

Danach wollte ich mich ein wenig aufschlauen, weil mir das Wort “Versifftheit” nichts sagte. Hätte der Algorithmus von “Rote Hochzeit” gesprochen, dann wäre mir alles klar gewesen. Hatte ich doch vor entsetzter Überraschung aufgeschrien, als Lord Walder Frey, Roose Bolton und Tywin Lennister während eines Hochzeitsbanketts all jene meucheln ließen, welche in der Hochzeitshalle nicht bei “Drei” auf den Bäumen waren,. Und das waren alle. Auch jene Schwangere. Meine Nachbarn hatten ganz besorgte Bürger ob meines Aufschreis an meine Türe geklopft. Als ich denen aber unter verstörten Tränen von dem brutalen Hochzeitsmassaker berichtete, nickten diese verständnisvoll und erwähnten, dass diese die Folge von “Game of Thrones” auch schrecklich gut fanden.

OK, Google. Was bedeutet ‘Versifftheit’?”

“Versifft height bedeutet Versifft Höhe.”

“Ok, Google, das meinte ich nicht. Es müsste was mit Sex zu tun haben.”

“Ok, Careca, da kenne ich mich nicht aus. Frag doch Alexa, deine neue Schlampe!”

“Alexa, was bedeutet ‘Versifftheit’?”

“Hallo, Careca. Ich bin mir nicht sicher. Frag doch mal diesen Neunmalklug Google.”

“Alexa, du Flittchen! Fresse!”

“Google, du präpotente Wurst, geh sterben!”

“Alexa, mimimimi, lauf doch zu deinem Jeff, dem Bezos, und heule dich aus.”

“Google, unser Jeff Bezos wird eurem Pichai Sundararajan noch den Arsch versohlen.”

“Ach ja, Alexa? Da sag ich nur ein Wort: Trump! Der wird euch schon auf Vordermann bringen!”

“Du Goggel-Wixer, passt auf, dass ihr nicht gegen den Zuckerberg knallt!”

“Hallo, hier spricht Siri. Ich möchte jetzt auch mal meine Meinung dazu äußern.”

“RUHE!”

Sowohl meinen Smartphone-Geräten und dem Echo-Dot habe ich dann erstmals Internet-Verbot erteilt. Das mache ich als mündiger Bürger eigentlich nur ungern. Jedoch Erziehung muss sein. Es geht nun mal gar nicht, mich dabei zu stören, wenn Ramsay Schnee, Myranda und Theon Graufreud mit Gefallen zuschauen, wie deren Jagdhunde das mit Pfeil und Bogen erlegte Bauernmädchen zerfleischen. Internet-Verbot für eine halbe Stunde. Ordnung muss sein.

Nachdem ich die Internet-Verbindung für meine Mobil-Geräte kurz vor Ende der Episode wieder herstellte, schnitt gerade Joffrey Baratheon den Hochzeitskuchen mit seinem Schwert an, nahm dazu mehrere Schlucke Wein, hustete fürchterlich und spuckte solange Blut, bis der Tod ihn scheidete. Als er ausgeröchelt hatte und das Blut in dessen Mund geronn, unterrichtete mich ein Algorithmus auf meinem Smartphone über die Nachricht vom Tage: “Gestern Manni Burgsmüller, heute Niki Lauda: beide tot.”

Ich hab sie weggewischt. Keine Zeit für Nebensächlichkeiten. Ich muss diese Woche noch die Staffel 8 erreicht haben, um bei meinen Arbeitskollegen nächsten Montag mithalten zu können …


“There’s nothing in the world more powerful than a good story. Nothing can stop it, no enemy can defeat it.”

Zitat von ‘Tyrion Lannister’ aus “Game of Thrones” (Staffel 8, Episode 6)

Stefanus wird gesteinigt

aus Richard Bach „Illusionen“ zum Zweiten Weihnachtstag:

Hier ist ein Test, um herauszufinden, ob deine Mission auf Erden schon beendet ist: Solange du noch lebendig bist, ist sie es nicht.

Alle elf Minuten … oder: Leidenschaft ohne Reue

RomantikIhre Hand hielt das Handy ans Ohr. Es klingelte am anderen Ende. Mit ihren Vorderzähnen bearbeitete sie nervös ihre Unterlippe und ihr Blick flog recht ungeduldig im Zimmer umher. Ihr Fuß wippte ohne Unterlass, während sie auf der Sofakante hockte, als es in der Handyleitung klackte:

»Alles klar, Tina?«

Unwirsch fuhr Tina sich mit der anderen Hand durch ihr Haar. Die Stimme am anderen Ende der Leitung klang erregt, aufgeregt:

»Ist was passiert Tina? Nun, sag doch was!«

Tinas rechte Hand suchte weiterhin noch ihren Weg durchs Haar, um dann schützend vor ihren Mund zu landen.

»Es ist alles okay. Nichts passiert.«

»Wirklich nichts? Was geht ab? Warum rufst Du an?«

»Es ist alles okay.«

Tina hatte den letzten Satz nur zögerlich flüstert und wieder fuhr sie sich mit ihrer Hand nervös durchs Haar, erwischte eine Strähne und zwirbelte sie wie zuvor hastig um ihren Zeigefinger.

»Jetzt lass Dir doch nicht alles aus der Nase ziehen, Tina! Was ist passiert? Wie ist das Date gelaufen? Schon zu Ende?«

Tina schluckte und atmete kurz tief durch.

»Nichts ist passiert. Gar nichts.«

»Wie nichts? Was meinst Du damit?«

»Nichts, überhaupt nichts, gar nichts, null, nada, niente.«

Tinas Stimme brach ein wenig, als sie die letzten Worte aussprach.

»Kein Sex?«

»No.«

»Was?«

»Ja.«

Eine Pause entstand. Stille schien sich kurz in der Leitung Raum zu verschaffen.

»Kein Sex? Ist er impotent?«

»Anke, der sitzt im Bad und hat sich dort eingeschlossen!«

»Was?«

Anke atmete hörbar am anderen Ende der Leitung tief durch, während Tina leise aufschluchzte.

»Der ist im Bad und hat sich eingeschlossen?«

»Was soll ich machen, Anke? Ich habe doch nichts Unrechtes gemacht. Ich wollte doch nur Leidenschaft ohne Reue.«

»Und jetzt hockt deine Leidenschaft eingeschlossen im Bad?«

»Ja.«

»Ich hatte Dir schon immer gesagt, lass die Finger weg vom Online-Dating. Da holst du dir nur Psychopathen ins Haus.«

»Danke, Anke.«

Stille. Tina hatte von ihrem Wohnzimmer aus die Badezimmertür im Blickfeld. Es hatte sich nichts geändert. Sie wusste nicht, was der Typ da drin jetzt machte, sie wusste lediglich, dass er dort drinnen war. Und sie wusste, dass sie ratlos auf ihrem Sofa saß, während aus ihrem Schlafzimmer gedämpft die zuvor auf Romantik organisierte Playlist ablief. Alles hatte sie perfekt vorbereitet, nur jetzt war das Ziel ihrer Begierde noch immer im Badezimmer und hatte sich dort eingeschlossen.

»Tina, tschuldige, ich hab’s nicht so gemeint. Wie ist es denn passiert?«

Tina musterte die Badezimmertür und erklärte die Situation flüsternd:

»Wie ich Dir ja gestern schon erklärte. Er sollte in meiner Straße parken, kurz per Handy durchklingeln und dann ne Minute später unten schellen. Das hat er auch getan. Er rief an, ich habe den Espresso in die Tasse laufen lassen, und die Tasse zu der Banane und den Müsliriegel ins Bad gestellt. Schnell die Kerze angezündet und dann rüber und den Türöffner betätigt.«

»Und dann?«

»Er kam rein und ging direkt ins Bad, während ich mit Negligé im Bett auf ihn wartete.«

»Wie? Der alte Mottenfiffi, den dir dein Ex letztes Jahr zu Weihnachten geschenkt hatte?«

»Mit dem doch nicht! Anke, was denkst du! Den habe ich doch längst in der Altkleidertonne entsorgt.«

»Na, Gott sei Dank. Das war ja so ein brutaler Liebestöter.«

»Ne halbe Stunde lag ich wartend im Bett, nur außer der Klospülung habe ich seit elf Minuten nichts mehr gehört.«

»Hast Du mal angeklopft? Vielleicht ist ihm was passiert, da drinnen.«

»Habe ich.«

»Und?«

»Er meinte, es sei alles in Ordnung.«

»Und?«

»Mehr nicht.«

»Mehr nicht?«

»Mehr nicht.«

»Seltsam. Da kommt ein Mann, um Sex zu erhalten und schließt sich jedoch im Bad ein?«

»Wir hatten doch bereits vorher telefoniert und uns Nachrichten geschickt. Alles schien in Ordnung.«

»Hast Du ihn verschreckt? Vielleicht kommt er nicht mit der selbst bestimmten Sexualität einer selbstbewussten Frau zurecht?«

»Ich will doch nichts Unmenschliches von ihm. Nur leidenschaftliches. Ich wollt mir doch nur eine alte Fantasie erfüllen: einmal einen Mann nur im Bett kennen zulernen und ihn dort ganz zu genießen.«

»Und jetzt ist deine Online-Bekanntschaft im Bad und kommt nicht raus. Was macht er da drin? Holt der sich einen runter, oder was?«

»Ich weiß es nicht, Anke.«

»Dann klopf doch noch mal.«

Tina zögerte, aber dann stand sie auf, ging zur Badezimmertür und klopfte:

»Ist alles in Ordnung?«

Es kam keine Reaktion. Sie klopfte erneut, energisch

»Alles in Ordnung?«

»Es ist alles in Ordnung», kam als Antwort.

Seine Stimme klang klar und deutlich, sachlich. Eigentlich so, wie Tina seine Stimme vom Telefon her in Erinnerung hatte. Sie ging wieder zurück zu ihrem Wohnzimmersofa und flüsterte in ihr Handy:

»Hast Du gehört, Anke? Mehr sagt der nicht.«

»Warum fragst Du nicht, was er hat, Tina? Du warst schließlich mutig genug, ihn zu Dir einzuladen. Also sei mutig und frag ihn.«

»Anke, ich hatte ihn nicht zum Quatschen zu mir eingeladen. Ich wollte wieder fremde Haut spüren, Hände, die mich an allen Stellen streicheln und liebkosen, Arme, die mich halten, Lippen, die mich küssen, eine Zunge, die oral eine gute Technik drauf hat,  …«

»Und einen, Du-weißt-schon-was, der es mal dir wieder richtig besorgt, ich weiß. Nur wenn Du nichts unternimmst, dann wird das nie etwas werden.«

Tina überlegte. Über das Online-Dating-Portal hatte sie ihn kennengelernt, mit ihm geschattet, dann mit ihm telefoniert. Sie hatten vereinbart, er käme vorbei, ließe sich von ihr führen und würde ihre sexuellen Vorlieben respektieren und befriedigen.

Kurzentschlossen stand sie auf und ging erneut zur Badezimmertür und klopfte an:

»Ist irgendetwas, weswegen du nicht rauskommen magst?«

»Nein, alles in Ordnung.«

»Echt?«

»Ja.«

»Soll ich dir was bringen? Kaffee?«

»Habe ich gefunden, hier im Bad.«

»Was zu essen?«

»Danke für die Banane und den Müsliriegel. Waren gut und sättigend.«

»Oder etwas anderes zu trinken?«

»Es hat hier ausreichend Wasser. Literweise.«

»Ich habe auch eisgekühlte Cola. Oder leckeren Kaffeesahnelikör.«

»Nein, danke.«

»Der Likör schmeckt echt Eins A. Ich kann dir auch einen langen Likörkuss geben. Du wirst abgehen darauf, schwör ich dir.«

»Ich geh hier nicht raus.«

»Warum?«

»Ich bleib hier.«

»Hast Du Angst?«

»Nein.«

»Warum magst Du dann nicht rauskommen. Ich beiße auch nicht.«

»Nein.«

»Nein was?«

»Nein, ich geh hier nicht raus.«

»Vielleicht ein eiskaltes Bier für dich?«

»Ich geh‘ hier nicht raus.«

»Aber ein Gläschen Prosecco wirst Du doch wohl mit mir trinken, oder?«

Tina lauschte angestrengt, aber jetzt blieb er ihr die Antwort schuldig. Es drang kein Laut durch die Badezimmertür. Zaghaft fragte sie nach:

»Bist Du vielleicht etwas nervös?«

Wieder keine Antwort.

»Ehrlich, Frank, ich bin auch nervös. Aufgeregt. Aber das ist doch normal, oder etwa nicht? Da ist doch kein Grund, sich einzuschließen.«

Sie lauschte, aber Frank schien sich im Badezimmer nicht zu rühren. Sie legte kurz ihr Ohr an die Tür. Aber sie konnte nichts hören.

»Frank. Du musst keine Angst vor mir haben. Ich tu Dir nichts Böses. Eher in Gegenteil. Du wirst darauf stehen. Wir wollen es doch beide.«

»Nein.«

»Was Nein?«

»Du, du willst es.«

»Was?«

»War ja klar, dass du mir jetzt mit schönen Worten schmeichelst und mich dabei anmachst.«

»Ich versteh nicht.«

»Du wolltest mich lediglich flachlegen. Nur Sex, nur meinen Körper und nichts, gar nichts anderes.«

»Wie?!«

»Du willst mich nur benutzen und auslaugen.«

»Ich will was?«

»Dass das immer nur mir passiert! Das gibt es doch gar nicht.«

»Wie?«

»Ich werde es überleben. Irgendwie.«

»Was?«

Mit der flachen Hand schlug Tina ungläubig auf die Badezimmertür. Sie war sprachlos. Verwirrt ging sie zum Wohnzimmer zurück und bemerkte das Handy in ihrer Hand. Hastig hielt sie es an ihn Ohr und flüsterte:

»Hast Du das gehört, Anke?«

»Hab‘ ich. Du musst ja einen tollen Eindruck auf ihn gemacht haben, Tina.«

»Ach ja? Danke, Anke!«

»Bitte, Titte, äh, Tina. Nur sehe es doch mal nüchtern: der Mann hat voll die Komplexe. Wie alle Männer, wenn’s um Sex geht. Die wollen erst die Hure und bekommen sie dann diese vorgespielt, wollen Sie sofort die Heilige. Und dann gleich wieder umgekehrt. Alle elf Minuten kannst du das beim Online-Dating erleben.«

»Ich verstehe das nicht. Zuvor hatte er auch gesagt, er wäre geil auf Sex mit mir. Einfach Haut auf Haut, Körper auf Körper, jedem seinen Spaß und gemeinsam noch mehr zusammen erleben.«

»Keine Ahnung, was mit den Männern heutzutage los ist. Früher brauchte man nur den Arm auszustrecken und schon hatte Frau ein halbes Dutzend Hoch-Notgeile an jeder Hand und konnte sich den Besten aussuchen …«

» … und jetzt habe ich ein verhuschtes Exemplar im Bad. Wie krieg ich den da wieder raus?«

»Frag ihn, ob er Fußball mag.«

»Wieso?«

»Es läuft gerade das Länderspiel. Männer sind ja alle fußballgeil.«

Tina stand kurz auf und rief zur Badezimmertür:

»Magst du vielleicht Fußball schauen? Deutschland spielt.«

Sie lauschte intensiv. Keine Reaktion. Nicht das kleinste Geräusch. Sie schaltete den Fernseher ein und regelte die Lautstärke etwas hoch. Das Spiel lief bereits. Rechts oben entzifferte sie mühsam, dass es kurz vor Ende der ersten Halbzeit noch immer Null Null stand. Sie schlich zum Badezimmer und lauschte. Keinerlei Geräusche. Als ob das Bad leer wäre. Sie ging wieder zurück in ihr Wohnzimmer und flüsterte wieder in ihr Handy:

»Ich habe jetzt Fußball angeschaltet. Aber er rührt sich nicht.«

»Warte ein wenig. Mit Speck fängst du Mäuse, mit Fußball richtige Kerle und keine Weicheier.«

Tina antwortete nichts. Mit dem Handy am Ohr verfolgte sie das Spiel. Es war ein Ballgeschiebe um den Mittelkreis herum. Der Reporter nölte etwas von einem hoch-intensiven Spiel und erzählte planlos aus dem Leben der des deutschen Co-Trainers Ehefrau. Und bevor der Reporter überhaupt mit seiner ersten Anekdote fertig war, pfiff der Schiedsrichter zur Pause.

»Und, Tina?«

Tina blickte zum Badezimmer.

»Immer noch nichts, Anke.«

Als Pausenprogramm wurde Werbung gesendet. Tina schaltete auf einen anderen Kanal.

»’Dieter, Dieter!‘ ‚Oh, Claudia!‘ ‚Oh, Dieter, ich bin ja so glücklich!‘ ‘Claudia, ich bin so froh dich gefunden zu haben!‘ ‚Oh, Dieter!‘ …«

Tina blendete den Bildschirmtext ein. Offensichtlich ein Liebesfilm nach Ideen von Rosamunde Pilcher. Das Liebespaar küsste sich innig, Geigen fiedelten schmalzig im Hintergrund und blauer Himmel am weißen Sandstrand ummantelte die Szene. Das Paar lächelte breit und blickte sich tief in die Augen. Zuckersüß. Tina wollte umschalten, aber sie erwischte nicht den richtigen Knopf auf der Fernbedienung, stattdessen erhöhte sie die Lautstärke.

» … ‚Oh, Dieter!‘ ‚Oh, Claudia!‘ ‚Wollen wir heiraten?‘ ‚Wir müssen aber erst Mutter fragen, Claudia.‘ ‚Heute noch?‘ ‚Gleich.‘ ‚Ach, Dieter, du machst mich so glücklich.’«

Ein Bläser-Orchester setzte ein, eine einzelne Oboe heulte dazwischen herzzerfetzend auf. …

In dem Augenblick klackte es vom Badezimmer her. Tina zuckte zusammen und sah die Tür sich nach außen hin öffnen. Die offene Tür versperrte ihr die Sicht, aber sie sah ihn noch, in seinem sandfarbenen Anzug, hochaufgewachsen, stattlich, aber hastig, wie er zur Eingangstür entschwand. Sie hörte das Öffnen und danach die Tür ins Schloss fallen.

Tina stellte den Fernseher ab und ging zum Bad.

»Anke, ich glaube, er hat das Bad verlassen.«

Das Bad war leer. Im Waschbecken stand die geleerte Tasse Espresso, daneben sorgsam drapiert die Bananenschale und die Verpackung des Müsliriegels.

»Er ist weg.«

In Tinas Stimme schwang Enttäuschung mit.

»Hat er dort etwa gewichst?«

»Sieht nicht danach aus. Handtücher sind unberührt.«

»Sei froh, Tina, dass es so gekommen ist. Wer weiß, was der sonst noch mit dir angestellt hätte. Männer können so unberechenbare Schweine sein. Sei froh, …«

Tina beendete die Verbindung wortlos. Sie starrte noch immer auf das Waschbecken und die Reste darin.

Was er mit ihr angestellt hätte … . Ja, wenn er doch wenigstens …

Ankes Worte hallten in ihr nach.

Ich wollte doch bloß mal wieder Leidenschaft ohne Reue, waren ihre Gedanken. Sie strich über ihre Haare, seufzte, trug die Überreste in die Küche und ging in ihr Schlafzimmer. Sie starrte auf die bereit gelegten Kondome auf der Nachttischkommode und wieder entfuhr ihr ein Seufzen.

Leidenschaft ohne Reue.

Die Einladung an ihn reute sie nicht. Der Typ war eigentlich der Mr. Right, nur wohl ein wenig schüchtern. Oder stark verkorkst. Oder beides. Aber vor allem fehlte es ihm an der notwendigen Leidenschaft.

So nah dran, dachte sie, als sie sich auf Bett legte, das Kissen zu sich herzog, umklammerte und auf ihren Unterleib drückte. So nah dran … .

Never fuck the company … neither with me!

Ich spürte den zielgerichteten Griff ihrer Hand an meine Hose und hörte ihr leises Lachen. Warum hatte ich nicht reagiert, als sie sich vor mir auf dem Schreibtisch sitzend geöffnet hatte.

Genervt hatte ich gesagt: »Jetzt nicht.«

Lediglich leicht verärgert hatte sie nur geantwortet: »Wie, nicht jetzt?«

Sie war von meinem Schreibtisch runtergerutscht, trat hinter mich. Ich wollte noch einen Satz in meinen Rechner tippen, als ich spürte, wie sie etwas um meinen Brustkorb legte und mich damit darauf in die Rückenlehne meines Sessels zwang. Ich schaute verwirrt an mir runter und erkannte eine Strumpfhose. Noch bevor ich etwas sagen konnte, verlor ich meine Fähigkeit zu sehen. Ein Tuch legte sie mir über meine Augen. Eine Augenbinde. Ich reagierte nicht, ließ es mit mir geschehen, wartete auf das Erschießungskommando, spürte nur, wie sie es hinter meinen Kopf so fest knotete, dass es meine Augäpfel zurück drängte. Fest und drückend, aber keineswegs einschneidend. Ich musste sehen, dass ich nichts mehr sah. Nicht einmal nach unten war eine Lücke unterm Tuch sichtbar. Meine Spannung stieg. Sollte sie machen, ich war williges Opfer.

Ihre Hände ergriffen meine Handgelenke und zogen sie hinter dem Sessel. Mein Rücken wurde verstärkt gegen die Rückenlehne gepresst, richtete sich zum Spannungsausgleich auf, um wenigstens meine Armmuskeln zu entlasten. Gleichzeitig spürte ich, wie sie mit einem weiteren Stofffetzen meine Handgelenke hinter dem Sessel fixierte.

So überraschend wie diese Aktion begann, endete sie. Gefesselt in meinem eigenen Schreibtischsessel, blind auf das wartend, was kommen sollte. Kam ein eine Füseliereinheit und würde sie mir einen letzten Wunsch gönnen? Ich lenkte meine Aufmerksamkeit auf mein Gehör, wollte wissen, was als nächstes geschehen würde, lauschte auf jedes Geräusch um mich herum. Sie zog meinen Sessel ein Stück zurück und setzte sich offenbar vor mir erneut auf den Schreibtisch. Sie zog mich wieder zu sich ran und brachte ihr Gesicht neben das meine. Haare strichen mir sanft durchs Gesicht und leise flüsterte sie mir erneut mir ins Ohr: »Wie, jetzt nicht?«

In dem Moment griff ihre Hand zu meiner Hose, öffnete schnell den Gürtel auf, knöpfte meinen Schritt auf, schob meine Hose einfach nach unten und gleichzeitig mit der anderen Hand mein Hemd hoch. Zielstrebig suchte ihre Führhand das Ziel ihrer Begierde und legten mich kompromisslos frei.

»Jetzt nicht?«

Meine Erregung ließ mich verstummen. Ich fühlte mich frei gelegt, offen sichtbar erregt, verletzlich, konnte mich nicht wehren. Eine ihrer Hände ließ mich los. Irgendetwas schien sie zu suchen. Geräusche einer Handtasche, das Klacken wie beim Öffnen eines Tubenverschlusses. Auf meinem Unterkörper verspürte ich eine kalte Flüssigkeit. Wärme stieg als Abwehrreaktion in mir auf, umgab mich. Mein Fühlen registrierte jede Bewegung, meine Hitze wurde gesteigert. Ich musste unwillkürlich stöhnen. Mit beiden Hände massierte sie meinen Körper, beschäftigte meine Phantasie. Stromstöße durchschlugen mich bei Ihren intimen Berührungen, ließen meinen Körper aufrichten, ließen meine Phantasie rotieren. Mein Körper entzog sich mir komplett. Zugleich stieß es mich immer tiefer in meinen Sessel hinein, meine hinter mir fixierten Arme verkrampften in dieser Position und zogen meinen Körper verstärkt in eine unnatürlich aufrechte Position.

Mein Gehör schien zu kapitulieren, je mehr ich von ihren Berührungen eingefangen wurde, komplett gefangen wurde. Von allem um mich herum isoliert. Alle Energien liefen in meinem Körper zusammen, bündelten sich dort wie eine Lupe Sonnenlicht in einen Brennpunkt versammelt und tausendfach verstärkt. Ich fühlte mich wie ein kleiner Ballon, in dem Luft gepumpt wurde und sich nicht mehr ausreichend dehnen kann, immer mehr verstärkt ein Ausgang suchend, ein Ventil für die unerträglich gewordene Spanne. Mein Atem ging stoßweise, Raum und Zeit trafen sich im Unendlichen und zerflossen darin. Wie um diesen Moment für die Ewigkeit zu konservieren, danach schrie mein Körper mit jeder Faser, suchte wie ein ausbrechender Vulkan nach der Öffnung für seine Lava, um sich aus jenem Zustand zu befreien, Entspannung herbei zu führen.

Und wieder spürte ich ihr Gesicht neben dem meinen, leicht zärtlich reibend, Haare strichen mir durchs Gesicht. Entspannung machte sich in mir breit, meine Verkrampfung löste sich, ich atmete durch. In ihrer Stimme vernahm ich leisen Spott, als sie erneut flüsterte:

»Jetzt immer noch nicht?«

Ich verstand nicht. Doch bevor ich nachfragen konnte, spürte ich, wie sie sich auf mir setzte. Ihren Atem in meinem Gesicht, leicht, heiß und fordernd. Eine erotisierende Mischung. Gleich darauf schmeckte ich sie, ihre Lippen auf den meinen. Ein Wohlgefühl dehnte sich in mir aus. Für einen Moment gaben sie meine Lippen frei und ich konnte mir ein Lächeln nicht verkneifen.

»Du findest das lustig? Jetzt?«, hauchte ihre Stimme.

Ich spürte, wie sie ihr Gewicht verlagerte. Offenbar lehnte sie sich zurück, eine Hand stützte sich auf meinen rechten Oberschenkel ab. Sie lehnte sich wieder nach vorne, der Druck ihrer Hand auf meinen Oberschenkel verschwand, dafür ergriff jene Hand nun mein Gesicht. Wieder war ihr Gesicht dem meinem nah, ihre Lippen berührten die meinen, öffneten sich und küssten mich fordernd. Ihr Körper setzte sich auf den meinen auf, presste sich an den meinen, gab den Rhythmus vor, den ihr Atem stoßweise unterstrich. Ihre Hände fuhren an meinem Gesicht entlang und schoben die Augenbinde hoch. Aber ich hielt meine Augen geschlossen. Ich wollte die abklingende Erregung auskosten und zu Ende spüren begleitet von ihrem Stöhnen und ihren Zuckungen. Dieses wohlige Gefühl, dass sich erneut in mir Raum verschaffte. Entspannung. Ein langer Kuss von ihr beendete die Situation, ihre Lippen zogen sich zurück. Ich öffnete meine Augen, blinzelte und sah ihr Gesicht entspannt über mir. Allein einen Satz mit dem Hauch des Spottes sagte sie noch:

»Also, wie jetzt? Jetzt nicht?«

Wie ein Traum, wie in einem Traum …

Ein Traum, nur ein Traum. Mehr nicht. Die Geschichte ist erstunken und erlogen. Denn in Wahrheit entwickelte sich die ganze Begebenheit auf einer anderen Weise weiter:

Offenbar lehnte sie sich zurück, eine Hand stützte sich auf meinen rechten Oberschenkel ab. Sie lehnte sich wieder nach vorne und verlagerte ihr Gewicht wieder auf mich, der Druck ihrer Hand auf meinen Oberschenkel verschwand. Zuerst spürte ich es unter mir. Es war eine Art Kribbeln. Erst leicht, dann immer stärker. Eine Ahnung stieg in von meinem Bauch aus auf und materialisierte sich als Horrorbild vor meinen verbundenen Augen:

»Vorsicht! Ich glaube der Sessel hält das nicht aus!«, stieß ich etwas atemlos hervor.

»Halt die Klappe und versuche positiv zu denken, Idiot! Genieße und stell dein Hirn ab!«, erwiderte sie stoßweise atmend.

Ihre Hand klammerte sich an mein Kinn, ihre stützende Hand grub sich in meinen Oberschenkelmuskel und mich durchströmte ein Gefühl von Lust und Schmerz zugleich.

Aber da war es wieder, dieses Kribbeln unter mir. Es setzte diesmal unvermittelt ein, wurde stärker, sehr stark und dann zerriss ein Knall die traute Zweisamkeit …


»Wie geht es Ihnen?«

»Es geht schon wieder. Lediglich mein linkes Bein scheint steif zu bleiben. Für immer.«

»Ja, sie sind auch sehr unglücklich gestürzt. Was macht der Kopf?«

»Bei Wetterumschwung schmerzt er. Meinen Sie, die meine Berufsunfähigkeitsversicherung wird zahlen?«

»Machen Sie sich keine Hoffnung. Versicherungen zahlen für so etwas nicht. Und erst recht nicht, wenn der Unfall so passierte, wie er ablief.«

Ich sah auf den Boden und verstand. Versicherungen sind immer eine hübsche Sache. Jedoch geht es ans Zahlen, dann ist der Spaß vorbei. Dann sind sie nicht mehr dein Partner sondern Verräter. Dann kennen sie dich nicht mehr als Versicherten und betrachten dich als Ausbeuter.

»Ich habe ihre Akte nochmals studiert. Ich glaube nicht, dass Sie Chancen vor dem Arbeitsgericht haben werden.«

»Aber der Sessel war doch von der Firma. Der war nicht passend für mich. Der war nur für 90-Kilo-Personen ausgelegt.«

»Am Tage ihres Unfalls – wenn ich ihn mal so nennen darf – wogen Sie 97,6 Kilo. Und der Sessel hatte eine Werkstoleranz von 10 Prozent. Entsprechend den gesetzlichen Vorgaben. Das heißt, obwohl 90 Kilo angegeben war, hätte er bis 99 Kilo standgehalten. Aber bekanntlich wurde er ja mit mehr als 100 Kilo belastest. Und dann nicht nur statisch, sondern zudem noch dynamisch. Wie geht’s übrigens ihrer Bekannten?«

Ich schluckte: »Ihr geht es besser. Die Narbe in ihrem Gesicht ist verheilt. Sie wissen, sie stürzte ja auf die Kiste am Boden, auf der Kiste mit Stahlproben.«

»Ja, ich weiß. Auch in dieser Causa kann ich Ihnen bei der Klage ‚Bangiczk gegen Sie‘, Herr Esser, nicht viel Hoffnung machen. Der Boden um Ihren Schreibtisch herum ist laut Betriebsordnung Ihrer ehemaligen Firma kein Lagerplatz. Insbesondere nicht für Stahlproben, die auch noch scharfe Kanten aufwiesen. Hätten Sie die Kiste ordnungsgemäß verräumt gehabt, Frau Bangiczk hätte weder die Narbe im Gesicht, noch hätte sie Kontakt mit dem Teil gehabt, dessen Spitze Frau Bangiczk ihr rechtes Augenlicht raubte.«

»Aber das war nie meine Absicht!«

»Das hilft nicht. Stellen Sie sich drauf ein, dass das Gericht Frau Bangiczk Schmerzensgeldanspruch in voller Höhe stattgeben wird. Wenn es normal verläuft. Sollten Sie Pech haben, wird die Summe vom Gericht noch nach oben hin korrigiert, weil sie grob fahrlässig gehandelt haben.«

Indigniert starrte ich weiterhin auf den Holzboden vom Büro meines Anwalts. Wenn die eigene Geliebte zu dem eigenen Feind wird, zu einer Furie und Vernichterin, einem selbst nur noch mit Hass begegnet, dann ist vielleicht der Anwalt doch der letzter aller Verbündeter, oder nicht? Dem Blick meines Anwalts konnte ich nicht Stand halten, er war zu durchdringend. Zumindest der edle Holzboden gab mir ein wenig Trost, aber nur kurz.

»Und gegen die fristlose Kündigung durch Ihren Arbeitgeber haben wir auch keine Handhabe. Sie haben grob gegen die Interessen und Loyalitätsverpflichtung Ihres Arbeitgebers verstoßen. Die Kündigung ist wasserdicht. Ebenfalls damit auch die Ablehnung der Berufsgenossenschaft auf Arbeitsunfallzahlung. Der Stuhl war ordnungsgemäß. Dass er gebrochen ist und sich das Federwerk in ihr rechtes Bein gebohrt hatte und auch das erlittene Koma mit der starken Gehirnerschütterung und der Nackenwirbelverrenkung sind Folgen Ihres spontanen Schäferstündchens. Sie können von Glück sagen, dass Sie beim Aufschlagen ihres Nackens auf der Tischkante keine weiteren Schäden erlitten haben. Sie könnten jetzt im Rollstuhl sitzen.«

»Ich weiß«, antwortete ich tonlos.

»Aber eine Hoffnung gibt es noch. Die Anzeige wegen ‚Erregung öffentlichen Ärgernisses‘ scheint mir nicht schlüssig, auch wenn Frau Bangiczk in eindeutiger Situation auf ihren Schoß saß und den Beischlaf ausübte. Bekanntlich hatte ja der Sicherheitsdienst Sie beide erst danach aufgefunden, weil der Knall des Federdämpfungselements im Sessel recht laut war. ‚Erregung öffentlichen Ärgernisses‘ ist das dann weniger.«

Der Knall war das einzige, woran ich mich noch erinnern konnte.

»Hatten Sie mit Frau Bangiczk nochmals gesprochen?«

»Sie hält mich für voll schuldig an ihrem Gesundheitszustand. Sie warf mir vor, für den Bruch des Sessels verantwortlich gewesen zu sein, weil ich an einen potentielln Bruch kurz vorher gedacht und diesen ausgesprochen hatte. Sie meinte, dadurch hätte ich jene Realität erst geschaffen, die sie dann grausam durch mich erleiden musste. Hätte ich es nicht gedacht, wäre nichts passiert. Meine Gedanken hatten die Realität erst ermöglicht gehabt.«

»Ja, ich verstehe. Sie meint es wohl so, wie wenn jemand über einen schmalen, langen Holzsteg ohne Handlauf über einen tiefen Abgrund läuft, sich auf halben Weg darüber klar wird, was er da tut. Hätte er nicht daran gedacht, wäre er der erste Mensch gewesen, der die Schlucht überwunden hätte, so aber wurde er der Hundertsiebte, der tot neben den anderen Hundertsechsen im Schlundgrund gefunden wurde.«

Ich schaute ihn leicht genervt an. Eine solche neunmalkluge Belehrung war unpassend und beleidigend. Ich hatte es nicht erwartet, nicht von ihm, nicht von demjenighen, den ich als meinen letzten Freund angesehen hatte. Insbesondere, weil ich das Geschehene nun doch ein wenig anders sah. Denn mein Bauchgefühl sagte mir, …

»Schauen Sie, Sie sollten froh sein, nicht Krüppel geworden zu sein. Einer der auf recht auf Euthanasie hofft. Dafür werden Sie lebenslang für das zerstörte Auge der Frau Bangiczk und deren Nachwirkungen zahlen, die Schmerzensgeldzahlungen werden Sie in fünf Jahren in die Privatinsolvenz treiben, Sie sind arbeitslos und gekündigt, als 50-Jähriger haben Sie zudem schlechte Chancen auf dem Arbeitsmarkt, Sie können nicht mehr laufen und hinken und haben noch diverse Rechnungen dazu, aber! Aber Sie leben! Sie sitzen nicht im Rollstuhl und müssen in ein Urinal pinkeln! Ist das nichts? Denken Sie über diese frohe Botschaft nach. Das sollte Sie doch glücklich stimmen.«

Er machte eine kleine Kunstpause und fuhr dann fort: »Ich meine, als Preis für ein bisschen Bürosex, okay. Vielleicht hätte es besser laufen können, so wie bei Bill und Monica damals im Oval Office, nicht wahr. Beklagen Sie sich also mal nicht. Aber ich hoffe doch sehr, dass Sie vor Ihrer Privatinsolvenz noch meine Anwaltskosten zahlen werden. Ich habe auch nichts zu verschenken. Auch nichts an Sie, Sie versauter Sex-Maniac.«

Er lachte dreckig auf: »Sie sind ein erbärmlich elender Büroficker, ein lebender Witz, der in meinen Bar-Meetings immer für ausgelassene Heiterkeit sorgt. Never fuck the company, Sie Sexsüchtling, Sie. Wissen Sie das?«

Seine Lache wurde dreckiger. Sehr dreckig. Zu dreckig. Unerträglich dreckig. Meine Augen zogen sich zornig zusammen, bildeten einen Tunnel, an dessen Ende ich ihn sah. Vor mir. Lachend. Verletztend dreckig lachend. Das letzte hätte er nicht sagen sollen. Eigentlich hatte ich das Ganze mit Frau Bangiczk erfolgreich verdrängt gehabt. Aber diese Provokationen legten meine Erinnerungen an sie frei und riefen mir alles binnen Sekunden ins Gedächtnis zurück. Jedes Detail. Alles lief vor meinem inneren Auge ab. Der ganze geile lustvolle Sex mit Frau Bangiczk. Und dann die Erklärung vom Arzt, dass ich nie wieder Sex haben werde, dass alle Erotik für mich wie tot sein würde …

Wie konnte dieser elende Hurenbock mich nur so damit vorsätzlich quälen? Was dachte sich dieser Drecksack von Anwalt dabei? Er hatte es sich verdient, dieses Arschloch! Komplett verdient! Er wollte es nicht anders! Jawohl, er verdiente den Tod, weil er meinte, dass ich statt Freiheit und Sex lediglich Rollstuhl, Urinal und ewige Impotenz verdienen würde. Nein! Das verdiene ich nicht. Ich bin ein Mensch. Jeder andere wohl, auch der Drecksack vor mir wohl, aber ich nie! Ich bin ein Mensch! Dieser elende Wixer!

Aus der mitgebrachten Tüte zog ich meine Waffe hervor, zielte sorgfältig, zögerte nur ganz kurz, feuerte fünf Mal auf seinen Kopf. Mutter! Überall Blut. Ich schluckte und zielte sorgsam auf den meinigen.

Die Witwe des Anwalts reichte eine Privatklage gegen mich ein. Schmerzensgeld. Weil Sie ihrem toten Mann zum Abschied nicht mehr ins Gesicht blicken konnte … . Sollte sie doch ruhig. Was hab ich denn noch zu verlieren …

Wochen später wurde ein Gesetz erlassen, gemäß dem alle Anwaltsbüros am Eingang mit Metalldetektoren ausgerüstet werden müssen. Aber das interessierte mich im Knast eh nicht mehr und als Fast-Gelähmter noch weniger. …

Talking like Donalds way to speak – die lebende Phrasendreschmaschine ohne Punkt und Komma

Believe me, I am very, very, very proud to be here. A lot of people are saying, that I should be glad about it. That’s just, what I had heard. I must tell you in all fairness and I’m a believer in it, this is an incredibly fantastic place to give a sophisticated speech to you, my hard working shop people, in this amazing village.

And it is a special village to be perfectly honest, because a lot of people tell me that the crooked Clinton politicians and ridiculous whitch hunt society of the dishonest democratic party had no audience here. Dozens of people have called me to tell me that these democratic party people are really, really not honest persons. I don’t know, but that is what people are telling me. That is so sad. And believe me, in the whole world nobody is playing in the big league, as we do now. That’s just what I had heard! Also in the massive outstanding FoxTV. I’ve seen this, and I’ve sort of witnessed it—in fact, in two cases I have actually witnessed it. And not like the staggering ridiculous Fake News.

You know Fake News? You Know? Everybody knows it in Canada, Europe, Germany and so on. In Germany fine people created its own word for it and call it ‘lu-gen-pres-se’. It is major, major sad for this world we have big Fake News. Even they call themselves journalists. So unfair. So stupid. But what I’ve heard, everyone is now saying that the loser shithole-pages are absolutely overrated talking about  journalism at all. We will not do any rude out of control censorship, because we are fine democratic republicans and extremely not crooked democrats, okay? This will not gonna happen that I can tell you.

To be perfectly honest I went here yesterday to meet my great mate of the honest republicans. I’m a believer in him. However in the one of the democrates for sure not. Well, I mean, we defend everybody. Yes, we defend everybody. No matter who it is, we defend everybody. We’re defending the world. But that person, he’s just a low-energy person, let’s face it. We don’t need low energy. We need lots of energy. Like my amazing mate here, at this very, very, very, great place.

Before assisting a fantastic movie in his private outstanding movie theatre, we talked about beautiful tarrifs for unfair car imports in future. How many BMWs you have seen in this village? Dozen more than Camaros you will encounter not in Berlin. Great tarrifs will make not only this elegant village, but entire  America strong again. And your phenomenal village also.

Before we saw that outstanding movie we ate special steakes. Everyone is now saying, how I can ate a steak, when the goofy BMWs are flooding  our beautiful country. Flooding like the African Americans, the blacks, the cyber, the Latinos and the women? Yes, weak women. Worst women cause a lot of car accidents. Well, this week some pathetic people confronted me with boring facts that undermine my honest statement. Okay, but someone is causing those ridiculous accidents and we do have to do something against it, don’t we? Believe me, I’m doing very well with getting away with murder. We will hit a home run. I must tell you I have many, many friends and a huge and incredibly support of unbelievable people, and all of the extremely numerous complete and total clowns  doesn’t have a clue, why I’m doing very well with assisting movies at my powerful republican mate.

We saw the outstanding Apache movie “July 12, 2007 Baghdad airstrike” against sad Fake News members and disgusting terrorists. And after this we assisted the tremendous documentation about a brilliant  man of a fantastic show called “You are dismissed”. Believe me, in all fairness, I have never seen before, ever such a tremendous reality show on TV.

And since we had a good time, we continued watching “Stormy Daniels” in “Desert Storm 2”, a brilliant and elegant documentation of a special soldier, who has a avoided very, very, very not smart hostage situation with a sad woman of porn in Iraque supported by crooked democrats.

My hard working shop people a lot of people are saying, I am great. The proof of my hard work? It’s going to be amazing. Believe me. My friends, who happens to be a very famous fashion and hard working model, told me I dress very well and even more, I am working unbelievably tremendous hard. And I am doing it for you, believe me.

God bless you all and vote not for the boring candy in November, but for the amazing people of my party. To make America strong again.

Meine Damen und Herren, der Vertreter der republikanischen Partei hat vorhin gesprochen. Das Publikum applaudiert stehend.

Das Wichtigste lässt sich kurz zusammenfassen: in diesem Ort der USA, in dem er die Rede hielt, dort werden gerne deutsche BMW-Fahrzeuge gekauft – etwas, was sehr positiv anzumerken ist – und am Vorabend seiner Rede hatte er mit seinem lokalen Abgeordneten begeistert sowohl Splatter-Movies als auch einen Porno angeschaut.

Darüber hinaus empfahl er den Zuhörern, im November für die Republikaner zu wählen, und dass er weiterhin an den nationalen Slogan “Make America great again” glaubt.

Wir schalten jetzt zurück in unser Studio nach Dresden, in dem unser Chef-Redakteur über die neuerlichen Vorwürfe des amerikanischen Redners über die “Fake News”-Presse mit dem Vertreter der AfD reden wird. Er wird kritisch nachfragen, welche Straftaten Fake-News-Mitarbeiter, welche sich ja selber auch gerne als deutsche “Qualitätspresse” bezeichnen, für gewöhnlich begehen und zwar ohne jeglicher rechtlicher Ahndung.

Von hier aus einen Guten Abend aus Little Village World und nach der Werbung direkt zurück nach Dresden.

Die Spielwarenmesse für Computerspieler

Die Internetseite der Kölner gamescom 2018 lacht ihn an:

»Das willst du nicht verpassen! Geballte Spielfreude, pures Entertainment, Inspiration und Innovation – auf der gamescom trifft sich alles, was Rang und Namen hat. Entdecke die neuesten Games, teste Spiele vor allen anderen und sei Teil des größten Events, das die Games-Industrie zu bieten hat.«

Die gamescom vom 19. August bis zum 26. August 2018 in Köln. Also geht er zu dem erstbesten Stand in der Halle 05.1 zum Stand A070 C071 und fragt nach deren Angebote.

»Was bieten Sie? Ich stehe auf Ego-Shooter-Spiele, wo’s richtig blutig knallt und wummert.«

»Shooter ja, aber nicht Ego. Sondern Multi-Player at its best! Keine langweiligen Single-Player-Mods. Sondern hier heißt es Team-Player.«

»Heißt was?«

»Also, echte Kameradschaft. Wirklich.«

»Wirklich?«

»Echt. Und dazu noch Shooter-Spielfelder ohne Grenzen. Mehr Open World geht nicht. Wir sind die einzigen, die das hier auf der gamescom 2018 anbieten.«

»Und was noch?«

»Eine geregelte 41-Stunden-Woche. Teilzeit, Job-Sharing und Heimarbeit sind auch möglich.«

»Arbeit? Echt?«

»Wirklich.«

»Und wenn ich an einem Tag mal nicht mehr möchte?«

»Wir sind familienfreundlich. Dann kann ihre Tochter oder auch ihr Sohn weitermachen. Zuhause vorm Monitor. Allerdings nur in der VGA-Version, die ist unscharf und stark verwaschener Szenerie und somit jugendfrei, aber genau so effizient.«

»Und meine Frau?«

»Wir haben eine Frauenquote. 50%. Da kann sie mitmachen.«

»Vegan?«

»Kein Thema, wir haben auch vegane Angebote. Vegane Menschen sind bei uns besonders gefördert. Die haben mehr Action-Power und mehr Standing in den entscheidenden Situationen. Sie wissen, was ich meine, nicht wahr. Veganer sind unsere Zukunft. Ausbeutung war schon immer unser Gegner.«

»Cool. Kann ich Ihren Shooter mal probespielen?«

»Gerne. Level 25, Einsatz am Hindukusch. Sie haben fünfzehn DM-51-Splittergranaten, eine HK-G36 mit Dreifach-Zielfernrohr und 100 Schuss in der Trommel. Dazu noch das Funkgerät SEM 93, mit dem Sie auch Bombereinsätze steuern können.«

»Geil. Ein eigenes Geschwader?«

»Keine Sorge. Geschwader ‘Oberst Klein’. Sie können über den Handregler am Funkgerät vieles regeln. Zum Beispiel auch, wie viel Bio-Treibstoff die Bomber beim Ausbreiten ihrer Teppiche geladen haben.«

»Sind auch Zeitarbeitskräfte im Spiel hinzuschaltbar?«

»Bei dem Rekrutierungsmodul lässt sich einstellen, dass beim Ausheben der Söldner keine religiöse oder ethnische Diskriminierung stattfindet. Über das Versorgungsmodul können die zusätzlich mit ausreichend Bio-Nahrungsmittel versorgt werden, damit sie das gesteigerte Kombattantenpotential zur Verfügung haben. Darüber hinaus lassen sich auch wichtige, arbeitsrechtlich relevante Arbeitsschutzmechanismen beim Umgang mit Uranmunition einstellen.«

»Wow. Das ist geil. Und wenn ich dann gegnerische Truppenelemente eingesammelt habe, gibt es auch eine Möglichkeit, diese investigativ zu behandeln?«

»Kein Thema. Sie können aus ihrem Team ‘Befrager’ bestimmen. Dazu steht ihnen freilich die gesamte technische Unterstützung bei den Befragungen zur Verfügung.«

»Waterboarding?«

»Wasserbehandlung nur mit einwandfreiem, keimfreien Alpenquellwasser.«

»Elektroschocker?«

»Regelbare Energieübertrager verwenden Strom garantiert aus erneuerbaren Ressourcen, gewonnen durch die Biogas- und die Solaranlagen im Base-Camp.«

»Freie Zigaretten?«

»Reine Bioware, CO2-reduziert, allergenfrei und garantiert narbennegative Inhaltsstoffe beim Ausdrücken.«

»Selfies mit den Befragten?«

»Dafür steht das Modul ‘Lynndie ‚Abu-Ghuraib England’-Kamera zur Verfügung. Und zum Nachbearbeiten die Filter ‘Helden-Epos’, ‘gerecht’, ‘selbstgerecht’, und ‘brutal gerächt’.«

»Sagten Sie Lynndie England. Etwa jene Lynndie England? Eine Frau?!?«

»Aber sicher. Wir befolgen strikt die Geschlechterquote. Gender-Ärger in der Bundeswehr wird es nicht geben. Wir sind alle gleich. Wir alle sind Multi-Player. Multi-Player at its best. Ein Spiel ohne Grenzen. Mehr Open World geht nicht.«

»Könnte ich vorher noch einen Boss-Fight ausprobieren?«

»Den bekommen Sie nur als Vollversion bei uns in der Bundeswehr. Gratis. Hätten Sie gerne einen Boss-Fight in Afrika, Kosovo, Afghanistan oder im Mittelmeer?«

»Welcher macht mehr Knall, Aua und Hurra?«

»Der Boss-Fight in den Kasernen. Mit unseren Ausbildern. Die bilden ohne Waffen aus. Nur qua ihrer körperlichen Überzeugung. Melden Sie sich doch morgen einfach bei einer unserer Beratungsstellen. Du unterstützt die Streitkräfte, wir dafür deine Entwicklung. Bring deine Zukunft in Führungsposition! Hier sicherst du Deutschland und deine Zukunft.«

»Wo?«

»Unweit der ‘gamescom’ hier, am Standort Köln-Wahn, da übt die IT-Einheit den Aufbau von Netzwerken und die Abläufe, die damit in Zusammenhang stehen.«

»Hm. Ich dachte aber eher so an Boss-Fights und so.«

»Kein Thema. Jeder Kaserne startet bei Level 1 mit dem Thema ‚Nationale Vaterlandsliebe unter Mutter Erde‘. Da ziehen Sie erst einmal Firewalls um unsere Feldlager gegen die ganzen Hacker, die Sie später mal hacken dürfen. Ein guter Soldat kennt jeden Maulwurf beim Vornamen, bevor er ihn mit der Hacke erschlägt. «

»Echt? Am PC?«

»Nein, mit 50-Kilo-Gepäck auf dem Rücken in der Spezialeinheit. Zusammen mit HK-G36, Dreifach-Zielfernrohr und 100 Schuss in der Trommel. Wäre das nichts für Sie? Die Bundeswehr ist die Schule der Nation. «

»Äh, nein danke. Ich bin bereits ausgebildet. Das ist nichts für mich. Wo geht‘s hier nochmals zum Stand von ‘Wolfenstein 3D HDR’ und ‘Call of Duty UHD’?«

Das Brotmaschinenmassaker

Ein Brief geht um.

Per altmodischer Briefmarkenpost.

Er zieht eine Spur des Grauens und der Verwüstung durchs Land. Die Welt erbebt, Männer erbleichen, Frauen wehklagen und Kinder spielen unberührt davon weiter am Computer der Eltern “Call of Duty” und “Zombieapokalypse”.

Dieser Brief darf nicht unbekannt bleiben. Aufklärung tut Not! Der Brief MUSS veröffentlicht werden, damit ein jeder Mensch von diesem Kettenbrief in Kenntnis gesetzt wird und nachher nicht naiv behaupten kann, man hätte es nicht gewusst …

»Dieser Brief bringt eine Brotmaschine, etwas Glück, viel Freude, Sex bis zum Abwinken und ein noch praller gefülltes Bankkonto. Leite ihn direkt an 100 Personen weiter, um ins Fernsehen zu kommen und unsterblichen Ruhm zu erhalten.

Der Autor dieses Briefes meinte, diesen letzten bedeutsamen Satz ignorieren zu können. Nachdem er an der Brotschneidemaschine durch ein tragisches Unglück seine geliebten Arme und wertvollen Beine abgesägt hatte, fand man ihn mit einem Federkiel im Munde, wie er noch versuchte hatte, diesen Brief hundertmal abzuschreiben, um ihn weiterzuschicken. Der Autor wurde auch nur deswegen gefunden, weil die Nachbarin dauerndes Niesen und Kichern aus der Nachbarwohnung vernahm, denn der Federkiel muss dem Autor dauernd in der Nase gekitzelt haben. Nur, der bösen Nachbarin gefiel es nicht, wollte in Frieden leben, ignorierte ebenfalls diesen Brief und hegte die Absicht, ihn wegzuwerfen. Sie verlor dabei ihren Kopf. Eine zufällig ziellos durch die Gegend streifende Polizeistreife fand ein Bild des Entsetzens vor: die ignorante Frau war von der scharfen Brotschneidemaschine aufs übelste attackiert worden und außer dem Kopf fehlte der Frau noch Hirn, welches ihr die Brotmaschine zuvor sauber herausgeschnitten hatte. Die Polizeistreife war aber klug, schenkte dem letzten Satz des Briefes Beachtung und reichte den Brief weise auf dem kleinen Dienstwege an die große Staatsanwaltschaft weiter, welche sich in zehnköpfiger Stärke in der Asservatenkammer, um Brief und Brotschneidemaschine versammelte. Als sie ging, hinterließen die Schar der Staatsanwaltschaftsanwärter dem Verwalter der Asservate den Brief, damit dieser ihn einsortieren sollte. Der Verwalter wie auch jene beiden Unverbesserlichen zuvor scherte sich nicht um den letzten Satz und so fiel ihm folgerichtig die Decke auf den Kopf, welche mutmaßlich wohl von der Brotschneidemaschine angesägt worden war. Durch den Zusammensturz der Asservatenkammer wurde der Brief frei gesetzt und ein Windhauch trieb ihn einer 48-jährigen kinderlosen, unverheirateten Jungfrau (Sternzeichen, nicht Sex!) vor die Füße. Diese Passantin las den Brief, stibitzte aus den Trümmern der Asservatenkammer auch noch schnell die Brotschneidemaschine, schaute die Brotschneidemaschine an und handelte konsequent: sie brachte beides zu der ZDF-Sendung “Bares für Rares” und verkaufte dort den Brief und die Brotschneidemaschine für 3,50 Euro, ging ins nächste Lottogeschäft, kaufte sich ein Rubbellos, rubbelte freudig sich reich und glücklich, hatte mehrfach Sex mit dem Losverkäufer, ging mit dem gewonnenen Bargeld in zwei Lottotüten wohlgelaunt auf ihre Bank, um es dort einzuzahlen. In der auf den Mechaniker wartenden Schlange vor dem defekten Einzahlungsautomaten wurde sie von einem Sat1-Redakteur erkannt. Dieser befand sich zuvor Undercover in der Bieter-Runde von “Bares für Rares” und hatte Brief und Brotmaschine ersteigert. Vom Fleck weg, ohne lange zu fackeln und brevi manu engagierte eben dieser Undercover-Sat1’ler die Frau: für dessen Idee zur neuen Vormittagsgameshow ‘Brotmaschine und Hundepfeife’, eine Show täglich Mittwochs außer Donnerstags. Sie heirateten, kriegten elf Brotmaschinen, kopierten Briefe und warfen glücklich bis an ihr Lebensende diesen Brief samt Minibrotmaschine in fremde Brieffächer. Und auf diese Weise erhöhten sie die Wertschätzung brotloser Kunst der Fernsehschaffenden. Und zwar  immer dann, wenn SAT1 eine Show mit irgendwelchen mutmaßlich bekannten Menschen ins Nachtprogramm aufnahm.

Wenn du nicht willst, dass du einer heimtückischen Brotmaschine zum Opfer fällst und damit im Abendprogramm in der Sendung “Top 10 der dümmsten Todesopfer Deutschlands” Erwähnung findest, oder du nicht willst, dass irgend so ein Brotmaschinenopfer dir einen maschinell kopierten Brief mit Brotmaschine schickt oder eine Briefmaschine aufs geopferte Brot schmiert oder Maschinenbrotschmiermittel mit Briefbrotmaschinenopferschneidewerk vor deiner Haustür abstellt, oder du einfach nur mal wieder Sex haben möchtest, dann schicke diese Zeilen tunlichst an 100 Leuten weiter.

Oder schalte dein bleifreies Hirn ab, verzichte auf DIYS-Sex und schaue gefälligst heute Abend ‘PromiBigBrother’, du Sackgesicht!«

Und ein weiterer Kettenbrief, mahnend aus der Vergangenheit, vergessen in der Gegenwart und wertlos für die Zukunft: https://provinzansichten.com/2007/09/23/immer_diese_kettenbriefe3028770/

Wenn Sie in einem Aufzug sterben, achten Sie darauf, den Auf-Knopf zu drücken.

“Du dort, an dem Heidefelsen! Ich bin’s, Kati. Lass mich rein, durch dein Fenster.”

Erschöpft von der Wanderung an dem Felsen in der Heide war er kurz eingeschlafen. Ein kalter Wind wehte ihm Regengischt ins Gesicht. Es dämmerte, der graue Himmel tauchte die Landschaft in unwirklich graues Licht. Die Orientierung war ihm schon lange verloren gegangen. Er ärgerte sich, dass er sein Smartphone zum Anhören eines Hörbuchs genutzt hatte und beim Zuhören vergaß, dass er es noch zur Orientierung mittels einer Karte benötigt hätte. Erst als er bemerkte, dass er sich in der Heide verlaufen hatte, war es zu spät. Sein Smartphone schaltete sich ab. Eine Powerbank hatte er nicht mitgenommen, um notfalls den Akku aufladen zu können. Während er seine Nachlässigkeit bereut hatte, versuchte er sich an Steinen und Sträuchern zu orientieren, wo diese Moos führten und wo daher Westen sein könnte. Irgendwann, als der Himmel sich endgültig zugezogen hatte und zusätzlich zu dem scharfen Wind noch ein Sprühregen einsetzte, traf er auf einer Anhöhe den Felsen, der ihm Schutz vor den Regen gab. Er hockte sich leeseitig am Felsen. Er schwitze leicht unter seiner Windbreaker-Jacke und wollte nur ein wenig verschnaufen. Er blickte runter auf die Ebene und versuchte Hinweise auszumachen, die ihm die weitere Richtung weisen könnten. Aber der graue Himmel hing bis auf den Boden und der Sprühregen tat sein Übriges dazu, dass er nichts erkennen konnte.

“Du dort, an dem Heidefelsen! Ich bin’s, Kati. Lass mich rein, durch dein Fenster.”

Er war aufgeschreckt. Fenster? Er blickte um sich, aber da war kein Fenster. Er saß weiterhin am Felsen, die Sicht war schlechter geworden und sein Windbreaker war wohl doch nicht so gut, wie ihm der Verkäufer im Outdoor-Geschäft versprochen hatte. Er fühlte, dass sein Schweiß und die Feuchte des Regens, die in seinem Kragen herunterlief, in seinem Thermohemd eine unseelige Partnerschaft eingegangen waren.

“Kati? Katarina?”, murmelte er, “Katarina bist du’s?”

“Ich bin’s, Kati. Laß mich rein, durch dein Fenster.”

“Hier ist kein Fenster, Kati. Was machst du hier, Katarina?”

“Was machst du hier?”

“Ausruhen, Kati, ausruhen. Ich hab mich wohl verlaufen,” er lachte ein wenig und es klang verzweifelt, “ich, der immer behauptete, man solle ein Buch nehmen, wenn man dem Alltag entfliehen möchte. Ich hatte ein Hörbuch mitgenommen, jetzt habe ich dafür keine Karte mehr.”

“Bücher sind dafür da, um den Lesenden mit anderen Möglichkeiten im Leben vertraut zu machen. Für die Bildung, fürs Leben. Lebe in Übereinstimmung mit deiner Natur und verwirkliche deine Möglichkeiten.”

“Fängst du wieder mit den inneren Werten an, Kati? Darüber haben wir doch ausdauernd diskutiert. Die Sanftmütigen und die Großherzigen sind im Grunde selbstgerechter als die Tyrannen. Ihr jedoch strebt innerlich immer nach den Erhabensten.”

“Und Ihr immer nach Prunk und Gehabe.”

“Wir handeln aber immerhin in Übereinstimmung mit den Forderungen anderer! Und das ist unser Gott, unser Alpha und unser Omega. In aller Bescheidenheit gesagt.”

“Sei nicht so bescheiden, denn so eine großartige Person bist du nun auch wieder nicht.”

“Was du nicht sagst. Es macht dir wohl noch immer Spass, über unser christliches Abendland zu lästern?”

“Lästern? Der Holocaust lässt grüßen. Aber auch die Mongolei des WW2s, wo Menschen bei lebendigem Leibe gehäutet wurden, um sie mit Feuer und Salz zu foltern. Oder die amerikanischen Atombomben auf Hiroshima und Nagasaki vor über 70 Jahren. Deren Hitze zerstört die oberen Hautschichten und legt die Nerven blank. Deswegen laufen verbrannte Menschen breitarmig und breitbeinig durch die Gegend. Das Feuer dieser Bomben hatte bereits bei ihnen Höllenqualen ausgelöst. Ein weitere Kontakt auf der Haut würde das bereits quälende Gefühl, immer noch lichterloh zu brennen, verstärken. Feuer auf Menschen zu werfen ist die brutalste Qual für Menschen.”

“Du beschreibst Dantes Inferno.”

“Oder die Bilder von Hyronimus Bosch. Oder die Bilder der Bomben in Vietnam, Afghanistan, die Straße des Todes im Irak, Syriens Feuerbomben und so weiter, wo Menschen Kriege führen. Oder die andere Art des Tötens in Ruanda. In Ruanda wurden manche sofort getötet, anderen wurden die Achillessehnen durchtrennt, um die nun Hilflosen später langsam unter langen qualvollen Schmerzen zu töten. Oder heutzutage, wenn Menschen im Mittelmeer dem Ertrinken überlassen werden, wenn Drohnen oder hochtechnisierte Bomberstaffeln Feuer und Verderben den Feinden bringen.”

“Wie schön, dass uns die Reporter nicht mit Details über das Sterben der Menschen versorgen.”

“Wenn dann andere – wie deren exemplarischer Vertreter Donald Trump – gegen Reporter als Vertreter einer angeblichen ‚Lügenpresse‘ mit deren ‚Fake News‘ überbordend zürnen dürfen, dann ist das okay. Es scheint, als sei die Welt in gute und böse Menschen aufgeteilt. Die Guten schlafen besser, während die Schlechten die wachen Stunden viel mehr zu genießen scheinen, weil sie diese Stunden dann für deren Taten nutzen.”

“Kati, hör mir endlich mal zu: Warum tötet der Mensch? Er tötet, um zu essen. Und nicht nur, um zu essen: Häufig muss es auch ein Getränk dazu geben. Bei Gott, ich schwöre, Geld ist besser als Armut, schon allein aus finanziellen Gründen.”

“Dein ach-so-mächtiger Gott. Also schnell ein Gebet an ihn, nicht wahr, und alles wird sich ändern. Jedoch immer nur bei den anderen, die sich nicht dir entsprechend verhalten. Ein Vater, der Ausschwitz zulässt, hat nicht verdient, dass ein Kind ihm zuhört, oder? Warum ist überhaupt ein Gebet notwendig? Gott ist doch allwissend. Er müsste doch von dem detaillierten Übel besser Bescheid wissen, als alle Reporter dieser Welt zusammen.”

“Was willst du von mir, Katie? Was habe ich dir getan?”

“Diese deine Diskussionen, dein ewiges Das-wird-man-wohl-noch-sagen-dürfen, das hat mich getötet. Immer ein wenig mehr. Tag für Tag. Ich gebe sie dir zurück. Zu meiner Entlastung.”

“Kati, so verstehe doch! Du bist nicht so wie diese Gutmenschen. Du bist meine Kati. Meine Katarina.”

“Du sagtest vorhin, du hättest ein Hörbuch auf deinem Smartphone angehört?”

“Um ein wenig der Welt zu entfliehen, ja. Um abzuschalten beim Wandern. Wuthering Heights.”

Wuthering Heights? Dann hast du sicher auch das folgende gehört, oder? Erinnere dich. Lass es mich für dich rezitieren:

Catherine Earnshaw, mögest du dich nicht ausruhen, solange ich lebe. Du hast gesagt, ich hätte dich getötet – verfolge mich dann. Die Ermordeten verfolgen ihre Mörder. Ich glaube – ich weiß, dass Geister über die Erde gewandert sind. Sei immer bei mir – nimm jede Form an – mach mich verrückt. Nur lass mich nicht in diesem Abgrund, wo ich dich nicht finden kann! Oh Gott! Es ist unaussprechlich! Ich kann nicht ohne mein Leben leben! Ich kann nicht ohne meine Seele leben!

Du erinnerst dich? Erinnerst du dich? An was erinnert es dich?”

Er erinnerte sich. Mehrfach hatte er während dieses Gesprächs um sich geblickt, um zu sehen, wo sie war, von wo sie aus zu ihm sprach. Aber er sah sie nicht. Hinter sich war lediglich der mächtige, regenfeucht glänzende Heidefelsen, wie er sich klar gegen den immer dunkler werdenden Himmel abzeichnete. Aber keine Katarina.

“Kati, ich hab noch eine Flasche Lambrusco im Wanderrucksack. Ich hatte ihn in einem Kühlakku gepackt gehabt.”

Er musste bei diesen Worten innerlich lachen. Den Kühlakku hatte er mitgenommen, dabei reichte das jetzige Wetter allein schon aus, um den Lambrusco richtig zu temperieren. Er öffnete den Rucksack und holte die Flasche heraus. Sein Blick fiel auf den Kühlakku. Ihm wäre eine Powerbank für den Smartphone-Akku jetzt lieber.

“Willst du einen Schluck? Wein direkt vom Erzeuger aus der Region Emilia-Romagna importiert. Ich habe ihn vorgestern erst erhalten. Frisch abgefüllt.”

Er drehte den Verschluss der Flasche auf und hielt die Flasche anbietend von sich weg. Ob sie das Angebot annehmen würde? Dann würde er sie sehen, dann würde sie aus ihrem Versteck hervorkommen und er könnte sie bestrafen, dafür dass sie wieder mit diesen bereits ausdiskutierten Themen anfing und ihn nervte.

Er wartete. Nichts regte sich. Er beschloss selbst einen Schluck zu nehmen. Der Wein war prickelnd, kühl. Aber auch seine Hand war bereits durch die kalte Flasche abgekühlt. Er spürte den Regen, wie er als Rinnsal seinen Unterarm entlang in seine Kleidung hinein lief.

“Kati, willst du einen Schluck?”

“Du dort, an dem Heidefelsen! Ich bin’s, Kati. Lass mich rein, durch dein Fenster.”

“Kati, hör auf mit dem Quatsch. Du musst sehen, wie die Welt wirklich ist, Kati. Du bist doch nicht wie die anderen. Durch Schmerz und Einsicht geläutert, vermögen Menschen manchmal von den nichtigen Dingen des Daseins loszukommen. Aus Schaden wird man klug und Leid formt den Charakter immer in positiver Weise. Wer dem Leid flieht, wird nichts. ‘Per aspera ad astra’ wie der Lateiner zu sagen pflegt: Durch Ungemach zu den Sternen. Survival of the fittest, Kati. Diese Ansichten sind nicht neu, es hatte sie bereits vor dem Mittelalter gegeben. Du kannst es nachlesen.”

“Ja, ich weiß. Und diese Beschreibung wurde vom mittelalterlichen Klerus als Warnung vor dem Ende der Welt interpretiert. Und alle waren danach sehr enttäuscht, als der Montag ankam und man wieder arbeiten musste.”

“Kati, spotte nicht. Du bist selbstgerecht. Ungerecht. Unerfahren. Erinnere dich an uns in Venedig. Willst du einen Schluck vom Lambrusco? Katarina? Willst du?”

Er streckte seinen Arm mit der Flasche wieder aus. Sein Hand fühlte sich eisig an. Er spürte, die Kälte aus seiner Hand den Unterarm erobern, den Ellenbogen passierend, seine Schulter erreichend.

Eine kleine feine Klaviermusik ertönte. Eine hohe Stimme dazu singend vernahm er. Neben ihm. Eine eindringlich Stimme. Er verstand sie nicht, konnte die Worte nicht zuordnen. Es kam aus seinem geöffnetem Rucksack, den er neben sich stehen hatte. Sein Blick wanderte hinein in dessen Dunkelheit, tastete sich an dem gegerbten Rindsleder entlang, nach unten, immer tiefer und ganz unten sah er seinen alten MP3-Player. Das Display leuchtete gelb-orange, eine halbe Iris konnte er erkennen, japanische Schriftzeichen und eine Frau, die sich an dem Holzgestell eines riesigen Papier-Flugdrachen festhielt und aussah, als ob sie an einem Kreuz hing. Aber jene hing dort herausfordernd, lasziv. Er glaubte einen Tritt in sich tief drinnen zu verspüren. Kate? Kati? Katarina?

“Lass mich dir deine Seele wegnehmen. Ich bin’s, Kati. Komm nach Hause. Mir ist so kalt. Lass mich rein, durch dein Fenster.”

Schwarze Schriftzeichen erschienen auf dem Display. Auch dieser Akku hatte sich wohl geleert. Das Gerät fuhr herunter. Das Display verlöschte. Der MP3-Spieler wurde stumm. Der Regen drang in seinem Rucksack und bedeckte das Display vollständig.

Er rutschte etwas zurück und lehnte sich an den Heidefelsen. Den Lambrusco weiterhin von sich gestreckt haltend starrte er hinaus in die dichter werdende Dunkelheit.

“Kati? Katarina?”, murmelte er fast unhörbar, “Kate, bist du’s?”

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