Evidenzbasiert

Könntest du nach einer Flasche Rosè noch reden? Nein? Du musst es versuchen. Einfach versuchen. Einfach Mund auf und Stimmbänder unter der Ausatemluft vibrieren lassen. Dann versteht dich hier jeder. So wie immer bei den Oppositionellen.

Wie bitte? Dafür braucht es keine Flasche Rosè? Aber hey, was ist mit evidenzbasiert? Und was ist mit verhältnismäßig?  Dafür braucht es immer eine Flasche Rosé.

Evidenzbasiert: auf der Basis empirisch zusammengetragener und bewerteter wissenschaftlicher Erkenntnisse.

Wo sind denn die Studien, die zeigen, dass Masken bei Corona wirken? Buschmann  (NRW Justizminister) sieht nur Studien der letzten beiden Jahre, jedoch nichts aktuelles aus dem Fernsehprogramm des Jahres 2022.

Ich trinke meinen Rosé. Ist das schädlich? Meine Leber hebt den Finger. Leber ist immer gut. Gebraten und gut gewürzt. Nur, wo ist deren evidenzbasierter Grund, den Finger zu heben? Richtig. Unverhältnismäßig einen Finger gegenüber der Schwerkraft hochzuheben und damit ein Signal zu geben, das ist nun wirklich nicht evidenzbasiert. Geht gar nicht.

Und überhaupt: wo sind denn die Studien, dass Hummeln fliegen können. Ich sehe immer nur welche von vor ein Dutzend Monate. So wie Buschmann zu den evidenzbasierten Studien bezüglich Corona. Nur hier die Hummel.

Die Hummel hat 0,7 cm² Flügelfläche und wiegt 1,2 Gramm. Nach den Gesetzen der Aerodynamik soll es unmöglich sein, bei diesem Verhältnis zu fliegen. Die Hummel kümmere das nicht und sie fliege trotzdem. Da die Hummel die Gesetze der Aerodynamik (… dummes Vieh, ungebildetes …) nicht kennt, fliegt sie dennoch.

Sagen die Nachdenker in Scharen und weitere müllernde Berger-Seiten, die in Aerodynamik eh nie eine Prüfung bestanden hätten, aber dafür um so mehr Meinungskraft auf deren Internetseiten verbreiten können. Sagt ein evidenzbasiert blinder Buschmann.

Was Buschmann wie seine FDP gerne ostentativer sagen würde: Fresst Scheiße! Denn  evidenzbasiert scheinen viele Fliegen unabhängig vom derzeitigen politischen Status sich in Exkremente zu suhlen. So wie Putin, Trump, Xi Jinping, Bolsonaro, Kim Jun-un, Mohammed bin Salman al-Saud, Dr. Keiner Vüllnicht, die neuen Rechtsradikalen der NaDeSe-Müll-Berg-War-und-weg.

Zuviel der AKFs? (= Abkürzungsfimmel).

Okay.

Zuwenig nachdenken und reflektieren. Passiert auch anderen. Nicht nur mir. Nur ich hab weniger Verbreitungsgebiet.

… jaaa, neee, is klar, diese Art der Argumentation, typisch, verhetzter Blogger, der ich bin …

Gimmie a Rosé. Nix weiß, nix rot, nur Rosé. Passend zur Jahreszeit. Fruchtig. Süffig. Lecker.

Könntest du nach einer Flasche Rosè noch reden? Nein?

Lass es einfach. Macht nur unpopulär, macht Blog-Eintragungen ….

Kneipengespräch: Die Frau am Klavier

»Und dann betrat ich den Raum. Den nannten wir damals alle “Das Beste Zimmer”. Gäste wurde dort empfangen, spontaner Besuch zu einem Likörchen oder Kaffee rein gebeten. Es hieß nicht einfach “Wohnzimmer”, sondern immer “Das Beste Zimmer”. Es enthielt ein rotes Sofa für drei Personen und zwei rote Ohrensessel, links und rechts davon, drei Stühle mit rotem Polster und einen braunen großen Zier-Tisch, der recht zu niedrig als Esstisch war. Daher wurde er bei offiziellen Essen mit dem aus der Küche ausgetauscht und es kamen auch passende Esstisch-Stühle rein. Aber das Sofa und die Ohrensessel blieben. Es war eben “Das Beste Zimmer”.

Gegenüber dem Sofa stand das Klavier. Kein Erbstück. Ein Geschenk. Bekannte meines Vaters, ein Ehepaar aus Münster, hatten es meiner Familie überlassen. Mein Vater hatte das Ehepaar bei seiner Flucht aus Schlesien kennengelernt und war mit ihnen eng befreundet. Der Mann arbeitete in Münster in einer Bank und hatte ihm zu einem Notkredit verholfen, obwohl er es nicht hätte machen dürfen. Mein Vater war ihm dafür stark verbunden, weil er deswegen nicht bankrott ging. Der Kredit hatte ihm übers Wasser geholfen, der Mann des Ehepaares erhielt Schwierigkeiten deswegen, denn mein Vater war nicht als kreditwürdig eingestuft. Anfang der 70er zog das Ehepaar von Münster ins Allgäu nach Kempten. Das Klavier wollten sie nicht mitnehmen. Weder sie spielten darauf, noch deren zwei Kinder. Zudem waren sie der Meinung, meines Vaters zwei Söhne sollten Klavier spielen erlernen, denn den Blockflötenunterricht in der Grundschule empfanden sie nur als Quälerei an der Kunstform »Musik«. Mein Bruder hatte Blockflöten-Unterricht. Er schaffte es bis in die elitäre Blockflöten-Gruppe der Kirche, die zum Hochamt immer ein Kirchen-Lied mit deren Blockflöten zum Lobe Gottes interpretieren durften. Ich selber fing direkt mit dem Klavier-Spielen an.

Kennen Sie das alte Lied von Johannes “Jopi” Heesters noch? Weiterlesen

Ertrage die Clowns (14): Panta rhei, alles fließt im Land der Zäune mit fehlenden Latten …

Im Jahr 1949 steckte sich der junge Joachim Fest einen Zettel ins Portemonnaie, den er bis zu seinem Tode mit sich führte. Auf dem Zettel stand der Satz:

„Ertrage die Clowns!“

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Stellen wir uns doch mal eine essentielle Frage:

»Was ist ein Fisch?«

Als Antwort könnte dann kommen: »Das ist ein Lebewesen, was im Wasser schwimmt.«

»Der Kandidat hat richtig gelöst, der Kandidat hat hundert Punkte«, sprach der Pastor, warf das groß gewachsene Ferkel in den Fluss, lies es dort ersaufen, betrachte den schwimmenden Kadaver, lies ihn herausholen und segnete es mit den Worten »Ego te baptizo carpam!« und erklärte dann den versammelten Teilnehmern der Feier:

»Schmeißt den Grill an! Das Tier hat geschwommen, wie ein Karpfen, das Tier ist ein Fisch! Mahlzeit!«

Die Gesundheitsapostel steckten dem toten Tier noch einen wurmfreien Apfel ins Maul und das Gesinde hatte den Kadaver aufzuspießen, einzupinseln und überm Lagerfeuer den Privilegierten mundgerecht zuzubereiten.

Und damit auch die Dümmsten des niederen Volkes es verstanden, wurde denen eingebimst »Fisch ist kein Fleisch«. Der Fisch diente den ersten Christen schließlich als Erkennungssymbol bei den Römern. Und Symbole sind nie fleischig. Ein Fisch schwamm im Flüssigen. Ob mit oder gegen den Strom, das war unwichtig. Wichtig war nur, das Flüssiges das Fasten nicht bricht. Womit die Bayern dann ihr Starkbier als Fastengetränk vermarkteten. Weiterlesen

Aus einem nie stattgefundenen Telefongespräch

– Guten Tag, ich bin der Sohn des alten Mannes, dem Sie über die Straße helfen wollten.

  • Sie sind wer?

– Sie wollten meinen Vater über der Straße helfen. Jenem Mann mit dem Rollator.

  • Das war ihr Vater?

– Ja.

  • Und sie wollen sich bedanken?

– Ich finde ihre Hilfsbereitschaft bemerkenswert und so etwas hat Wertschätzung verdient. Es gibt so wenig Liebe und Verständnis in dieser Welt und ihre Tat sollte gewertschätzt werden. Deswegen rufe ich an.

  • Wertschätzung?

– Ja.

  • Ihr Vater hat mich geschlagen.

– Er nannte es … Weiterlesen

Die Nacht ohne Morgen, am Tag ohne Sorgen

In leuchtendem Weiß stand Michazrael neben dem in weiß leuchtenden Gaphrael. Von hinten schien die lodernde Gestalt Mattatron, dessen Feuer alles überstrahlt.

Michazrael: Oh Gott, da kommt wieder der Angeber mit einem neuzeitlichen Doppelklingen-Lichtschwert.

Mattatron: Das habe ich gehört! Du sollst nicht nehmen des Herrn und Gebieters abwertenden Menschenbezeichnung in deinem Mund.

Gaphrael: Komm, Mattatron, mach dich mal locker und atme mal durch die Hose.

Mattatron: Hose? Was ist das? Kannst du nicht sehen? Mein goldenes Gewand ist keine stupide Hose. Weiterlesen

Vogel hin, Vogel her

Hallo Welt,

heute ist der 5. Januar im Jahre unseres Längengrades, auf den sich jeder Papst von 2022 berufen wird. Der Tag ohne Bedeutung. Der Tag vor dem Tag mit Bedeutung, Vor den Drei-König-Tag-Treffens auf dieser Welt, wo immer sich auch drei Könige auf einem Kreuzungsmittelpunkt mit zweihundert Sachen treffen mögen.

Und nicht nur das schale Witze kann jeder. Nur, heute ist der Welttag des Vogels. Der 5. Januar 2022.

Hallo! Vogel!

Tag des Vogels!

Nicht Vögel! Menno.

Vögeln kann jeder feiern, aber Vögel feiern, das können nicht viele. Denn wer hat schon einen Hansi, einen Peterle oder einen Kuki bei sich auf dem Beistelltisch vorm eigenen Gelsenkirch’ner Nieren-Wohnzimmertisch aus den 70er-Jahren? Geldenkirchner Barok? Kennt das noch wer, ausser Herr Tegtmeier von nebenan hier in München?

Na?

Na?

Na?

Richtig. Einen Vogel haben viele. Aber auf einem Beistelltisch neben dem Wohnzimmertisch im geräuschisolierten ‘Besten Zimmer’, isoliert von den beiden Scotish-Fold-Hauskatze und den domestizierten ‘Fliegenden Piranha-Fischleins’ aus klandestiner Polenzucht und unverhohlener ‘Rettet Dörrie’-Haltung der Disney-Neuzeit, das muss man mal erst mal haben können.

Würden diese Heimvögel nicht immer so einen Krach machen, aber mal ehrlich, dann dürften die auch mehr in den Lebensmittelpunkt rücken. Man kann schließlich von den eigenen Kindern nicht dauernd erwarten, dass diese sich während derer Playstation-Sessions und den TicToc-Videoaufnahmen auch noch um solche Nerverle wie Peterle, Hansi, Pupsi, Kuki und Kekerle kümmern. Die stören den eigenen Hauskinder-Spielenden doch nur, wenn jene lauschen müssen, von wo der böse Feind anschleicht, um jenen mit der Effizienz-modifizierten AK47 gerechterweise niederzumähen. Feind ist Feind. Der gehört niedergemetzelt. Ein Hoch auf das Schwarz-Weiß-Denken in Zeiten von 6k-HDR-Plus.

Und vergesst nicht niemals nicht: zum 24. Dezember wurde bereits ne fette dicke Gans verspeist. Nein, nicht die unerträgliche Nachbarin oder die Frau vom Controlling, welche wieder die Solo-Spesen vom Drei-Sterne-Restaurant gestrichen hatte.

Die eigenen Haustiervögel könnten in Relation uns dazu mal etwas dankbarer sein. Weil zum ersten wurden jene beim weihnachtlichen Gansvogel-Verzehr in Sichtweite des Essentisches platziert. Das nennt sich artgerechte Haltung bei uns Menschen. Und zweitens wurden jene Haustiervögel nicht bereits um 17:59 mit dem Küchenhandtuch abgedeckt.

Dankbarkeit darf nicht heißen, dem Herrchen, Frauchen oder Kindchen am Essenstisch demonstrativ den Vogel zu zeigen. Dankbarkeit muss heißen, das gewünschte Lied fehlerfrei und in UHD-HiFi-Qualität vor zu flöten. Ohne nervend zu werden. Welcher Vogel es trotzdem wagt … ab in die Abstellkammer! Wir können auch anders! Nennt uns nur nicht unmenschlich. Schließlich können wir dann auch anders: menschlich halt.

Heute ist Tag des Vogels. Internationaler, welcher einer. Vogeltag.

Lasst uns diesen Vögeln gedenken, wenn die mal wieder unseren Autos die verkehrsrechtliche Vorfahrt nehmen und dann auch noch mit deren Kadaver-Überresten unsere Straßen verschmutzen. Wenn diese zum wiederholten Male rücksichtloserweise Fliegzeuge zur Notlandung zwingen, was dann in den Meldungen mit “Vogelschlag” verzeichnet wird. Oder wenn der aktuelle amerikanische Truthahn-Präsident dieses Jahr wieder einen mitregierten Truthahn von der Truthahn-Bratröhre begnadigt. Das ist Vogel-Gedenken.

Tag des Vogels.

Ach, Leute. Wisst ihr was? Das ist mir total wumpe.

Vogel hin, Vogel her. Wenn mir so ein Vogel im Verkehr in die Quere kommt, kriegt der die Hupe meines E-Smarts. Ansonsten brettere ich den nieder. Quid pro quo. Genug Newtonmeter hat mein neuer umweltfreundlicher E-Smart dafür auf alle Fälle. Und Gewicht auch noch. Tschüssikowski, du für mein mobil-flexibles Fortbewegungsbedürfnis contra inempathisches Naturflugwesen.

Das Rad des Lebens. Es kommt immer drauf an, auf welcher Seite so ein anderer Vogel sich halt mal befindet. Vorm Rad und somit gleich auch unterm Rad. Oder auf dem Steuerungssitz des Fahrzeugs, welches der Lenker vom Rad ist. Gelernt ist gelernt. Mit Ausbildungszertifikat.

Heute ist Tag des Vogels. Hat wer da etwas dagegen? Menno! Dann geh halt vögeln, du unsensible Vogel-Sau!

Coming home for X-Mas (4)

Geliebte Geliebte,

Die Weihnachtsfeiertage sind vorbei. Meine Zeit hier neigt sich dem Ende zu. Ich war bei dir am Grab. Das Eichenlaub dieses Herbstes lag noch drauf rum. Drei Kerzen vom Allerseelentag und das dazugehörige Allerseelengesteck.

Erinnerst du dich noch an die Allerheiligentage auf dem Friedhof? Überall rote Grablichter glimmten auf den Grabfeldern. Und dann die Blicke und Getuschel der Friedhofsbesucher: “Schau mal, der hat ne ganz schmucke Grabkerze.” “Guck mal, der Schulze mal wieder, lebt in Saus und Braus aber nur ein mickriges Kerzchen und das dürre Gesteck. Wenn das sein Vater sehen würde, der würde im Grab rotieren.” “Ist das nicht die Neunbeck? Dass die sich mal hier wieder auf dem Friedhof sehen lässt, unglaublich. Und dann der protzige Grabschmuck. Schämen sollte die sich.” “Hab ich dir nicht gesagt, wir hätten den größeren Kranz nehmen sollen? Die Poltes haben auch einen ganz Großen gekauft! Dabei nagen die doch am Hungertuch!” “Warum hast du die Streichhölzer vergessen? Wie sollen wir denn nur die Kerzen jetzt anmachen?”

Erinnerst du dich noch an das Grab des Chinesen? Der hatte keine Kerze auf das grab seiner Frau gestellt, lediglich eine Schale Reis. “Hey, Chinamann, glaubste, deine Frau kommt raus, um deinen Reis zu essen? Wann soll denn das passieren?” “Zu dem gleichen Zeitpunkt, wenn deine Eltern aus dem Grab kommen, um sich deren Hände an euren Kerzen zu erwärmen.”

Zwei Grabkerzen habe ich im Dorf gekauft. Eine soll sechs Tage brennen, die andere drei. Ich hoffe, das 6-Tages-Licht schafft es bis Neujahr. Ich erinnere mich noch, als du in unserer Schule aus dem Klassenzimmerfenster geklettert warst, aufs Fenstersims, zwei Klassenkameraden haben dich dort wieder gewaltsam runtergezogen. Zuvor hatte noch einer aus meinem Dorf das lakonische “Spring doch” lachend gerufen. Es war eine 5-köpfige Gruppe aus meinem Dorf, welche den Rest der Klasse perfekt unter ihre Kontrolle hatte. Zwei waren deren Soldaten. Sie waren gewissermaßen die gewalttätige Exekutive, sie schlug zu, wenn sie es für notwendig erachteten. Einer war der Beifallklatscher und wortgewandte Befürworter, was die anderen beiden als intellektuelle Köpfe diese 5er-Gruppe waren. Diese beiden gaben die Anweisungen und die Richtung derer Pöbeleien vor. Heute bezeichnet man das als klassisches Mobbing, damals war es noch Seitens der Lehrerschaft ein vermintes Feld. Denn drei dieser Fünfer-Gruppe, waren Söhne von Lehrern, Schulleitern und Politikern. Lief etwas nicht richtig für deren Zöglinge, dann wurde den Lehrern die Konsequenz derer Überlegungen direkt vor Augen geführt. Die Eltern von zwei der Fünfer-Gang waren wirtschaftlich sehr gut verzweigt und angesehen. Wer einen Rabatt wollte, kam um diese nie herum. Und wer woanders kaufte, einer solchen Familie schossen die Eltern mit Gerüchten vor dem Bug. Es hört sich kurios an, nur vor vierzig Jahren war so eine Konstellation ein wohlbehütetes Nest für deren verkommene Brut. Du wurdest vom Fenstersims gezogen, aber dein Leben war nachhaltig ruiniert. Du warst immer nur der Spielball anderer Interessen, du konntest keinen Widerstand in dir gegen solche Halunken aufbauen. Daran bist du letztendlich gestorben.

Ich weiß inzwischen, wie sich die 5er-Gruppe weiterentwickelt hatte. Der eine Intellektuelle gründete beim vorletzten NRW-Landtagswahlkampf eine eigene Partei, weil er Recht und Ordnung und Tugenden bei den anderen nicht mehr erkennen konnte. Danach löste er seine Partei auf und trag einer Rechtsextremen bei, in der als Polizist für seine Ideen sich einsetzte. Der andere wurde mit Hilfe seines Vaters Bankdirektor und wurde inzwischen mit Cum-Ex-Geschäften in Verbindung gebracht. In der C-Partei wurde er dagegen ausgebootet, weil er wohl zu undemokratisch sich verhielt. Er sollte eigentlich auch dort Karriere machen. Der Applaudierer lebt unauffällig im Dorf. Man kann ihn nicht einordnen, weil er sein Fähnchen immer in den passenden Wind hängt, um das Geschäft seines Vaters über Wasser zu halten. Aber er soll recht ideenlos wirtschaften und nur den Vorteils des Vitamin-Bs des Bankiers haben. Die beiden “Soldaten” sind im Dorf als “Stinkstiefel” verschrien. Der eine klagt aus Prinzip vor Gericht, wenn er irgendwo einen Vorteil für sich oder einen Nachteil für andere drin sieht. Ihn müssen wohl bislang sogar die Frauen zum Heiraten gemieden haben. Der andere ist verheiratet, aber weiterhin gewalttätig. Seine Frau kommt nicht von ihm los, ihre Anzeigen wurden nie aufgenommen, sie scheint sich mit seinem Verhalten arrangiert zu haben. Will man mehr erfahren, dann schweigen des Sängers Lueder, aus Höflichkeit. Du siehst, deine Täter leben nicht wirklich das Leben eines Vorbilds. Ja, sie haben Freunde, die sich deren Meinung fügen (bis auf den einen, der sich halt selber anderen fügt), aber sie sind allgemein nicht wirklich beliebt und jeder lässt Vorsicht bei den Kontakten mit diesen walten.

Aber das wird dich nicht trösten, geliebte Geliebte. Denn zu deinen Depressionen kam letztendlich ja auch noch Krebs. Bei den fünfen weiß ich von einem, dass er meint, wer sich richtig und gut ernährt, der habe ein funktionierendes Immunsystem und dem könne keine Krankheit nichts anhaben, weder Krebs, noch Grippe, noch Covid19. Ich wünsche, er schläft mal mit ner Frau die Tripper oder Syph hat. Mal sehen, was dann er zu seinem Immunsystem meint. Er könnte auch gleich mal frische Kuhfladen essen. Oder einen Schwimmkurs im Ganges. Er hat ja sein Immunsystem als Rückversicherung, ihm sollte also nichts passieren.

Geliebte Geliebte, ich habe mich heute von meiner Mutter verabschiedet und weiß nicht, ob es nicht auch so sein wird, wie bei dir. Ich hoffe nicht, aber die Zeit tickt Sekunde für Sekunde die Lebensuhr runter. Irgendwann ist jede Lebensuhr einmal abgelaufen. Dann stellen andere Menschen die 6-Tages-Grablichter oder die Reisschalen aufs eigene Grab. Das Schöne heute war am Grab das Rotkelchen. Es tanzte dort munter und pickte sich deren Mittagessen aus dem Boden. Es war ein wilder Tanz: hüpfend, springend, seitwärts steppend. Einfach so. Aus reiner Lebenslust. Ein eigenwillig schönes Bild. Das Leben steppte gewissermaßen oberhalb der Erde, während darin der Mensch seine ewige Ruhe bekommen hat. Das Leben geht weiter, geliebte Geliebte. Auch wenn die Grablichter verlöschen und der Wind neues verwelktes Eichenlaub aufs Grab wehen wird.

Meine Mutter kommt am Mittwoch wieder aus dem Krankenhaus raus. Sie plant schon wieder ihr Leben bei sich zu Haus. Mit 90 Jahren. Für mich kommt es aber leider zu spät. Ich werde morgen mich auf den Rückweg machen. Ja, Fotos habe ich für mein Archiv gemacht, ihre Umarmung gespürt, ihre Stimme in meiner Seele eingraviert. Aber in Kürze bin ich wieder eine 8-Stunden-Reise von ihr entfernt. Auch du wirst wieder von mir entfernt sein. Nur in Gedanken, da ist die Entfernung kürzer. Ein Mensch stirbt nur dann für immer, wenn sich niemand mehr an ihn erinnert. Wenn er gestorben ist. Für die Lebenden gibt es das Handy, das Telefon, den Brief. Oder die Reise. Lebbe geht weiter, geliebte Geliebte.

Ich ende hier. Mein Schmerz des Fortfahrens erwacht und es wird kein Gegenmittel dazu geben.

Geliebte Geliebte, habe die Ehre und gehabe dich wohl.

Coming home for X-Mas (3)

Geliebte Geliebte,

Ich weiß nicht, ob du es wusstest, aber es gibt nichts einprägsameres und einprägenderes als Weihnachten. Zu dieser Zeit werden ganze Kindheiten geprägt, ganze Ehepartnerschaften verdengelt und die Verwandtschaft präsentiert sich von seiner hügeligsten Eigenschaft, als die bucklige. Überall in Zeitungen und Internet fanden sich diese Weihnachtszeit Ratschläge wie man das Fest der Liebe, des Friedens und der Freude am besten ohne Streitereien überlebt.

FAZ: “Wie Familien Streit unterm Weihnachtsbaum verhindern können”

Axel-Springer-Mainstream-Organ #1: ”Streit an Weihnachten: So übersteht ihre Beziehung die Festtage”

Axel-Springer-Mainstream-Organ #2: “Partnerschaft: Mit diesen Tipps vermeiden Sie Streit an Weihnachten”

Axel-Springer-Mainstream-Organ #3: “Es könne wir Frömmsten nicht in Frieden leben, wenn es Euch bösen Lesern nicht gefällt.”

RP Online: “Mönchengladbach: Tipps um Streit an Weihnachten zu vermeiden”

Süddeutsche Zeitung: “München: Tipps um Streit an Weihnachten zu vermeiden”

Bayrischer Rundfunk: “So wird Weihnachten harmonisch – Tipps von Experten”

WDR: “Weihnachten ohne Stress und Streit”

Spiegel: “Knatsch unterm Baum – Offen über die Probleme reden”

Hamburger Abendblatt: “Harmonisch Weihnachten feiern? Das rät die Psychologin”

Kirche und Leben: “Geheimtipp für Weihnachten in Rom: Ein Baby auf dem Kaptiolshügel”

Vatikan News: “Erzbischof Schick: Streit um Christmetten einstellen”

Geliebte Geliebte, es herrscht auf einmal so viel Frieden im Laden. Alle Kriege sind beendet, die Soldaten der verschiedenen Lager liegen sich heulend und schmusend in den Armen, in den Swingerclubs wird aus reiner Nächstenliebe gepoppt, vereinzelt huschen noch verquere Querdenker über weihnachtlich grüne Wiesen, die Bullen auf eben diesen beißen nicht, lächeln zärtlich widerkäuend mit großen Augen die Butterblümchen an, die Schafe muhen, Hund, Ochs und Esel blöken im Chor, eine Heerschar von Weiß-Gold gewandeten Englein flöten von Ramstein das Lied “Engel”, ein Baby grunzt in einer trockenen Einweg-Hightech-macht-mich-glücklich-Windel und irgendwo steh ich Querulant unter einer bereits entnadelten Nordmanntanne und brülle in die nächste Krippe: “Alles Frieden, oder was?” Es herrscht wieder Frieden im Land.

Ich komme aus dem letzten Adam-Driver-Gaga-Film, schaue in den Nachthimmel und erkenne … Sterne! Die Sternwolke im Sternbild des Orions. Unweit davon, brilliert die Flamme des Sirius. Ungewöhnlich. In München sieht man das Sternbild nur recht schlecht. Lichtverschmutzung. Haben die hier auf dem Lande keine Schwerindustrie und helle Straßenlaternen?

Das Zelt für den Schnelltest vor dem Supermarkt ist leidlich gefüllt. Er geht wirklich schnell vonstatten. Ins Krankenhaus darf ich nur mit entsprechenden Nachweisen. Pro Patient pro Tag nur ein Besucher für nur eine Stunde. Meine Mutter ist nicht wirklich begeistert darüber. Sie wäre lieber zu Hause statt Weihnachten im Krankenhaus

Geliebte Geliebte, draußen bläst der kalte Wind die Null-Grad-Außentemperatur durch meine Jacke. Es ist ungemütlich. Ich habe mir meine alte Schule angeschaut. Die Säulenreihe. An der sechsten hatte ich immer in der Pause gesessen und schmachtend zu dem kleinen braunhaarig gezopften Mädchen anhimmelnd rüber gestarrt. Und immer wenn sie mich anblickte, hatte ich schnell weggeblickt. Irgendwann hatte sie mich dann ignoriert und ich saß dort mit gebrochenem Herzen. Nun, heute würde mein Verhalten als eine Art “Stalking” klassifiziert werden. Als ich heute vorbeikam, war niemand an den Säulen, der Schulhof war leer und nur der Wind blies. Aber vor meinem inneren Auge wurde es Sommer und ich sah mich dort sitzen, heimlich zur vierten Säule rüber starrend und dabei ein Buch lesend. Auf dem Pausenhof tobten die anderen Kinder, spielten Fangen oder ähnliches, dazwischen der Aufsichtslehrer und ich an der Säule. Und dann spürte ich wieder den kalten Wind und das Bild löste sich vor meinem inneren Auge auf. Ihr Name fiel mir wieder ein und ich fragte mich, was sie jetzt wohl so macht, so vierzig Jahre später. Aber die Antwort interessierte mich nicht. Das Leben ist weiter fort geschritten. Wahrscheinlich ist das 40-Jahre-alte Bild dieses 14-jährigen Mädchens schöner, romantischer, besser als die Realität der Ulrike Schößler von heute. Der Blick in die Vergangenheit verklärt einiges und lässt es in einem mystisch erwärmenden Licht erstrahlen …

Geliebte Geliebte, als ich gestern bei meiner Verwandtschaft war und ich mich mit deren 18-jährigen Sohn unterhielt, habe ich gemerkt, dass ich alt geworden bin. Die geistige Beweglichkeit, die Schärfe seines Geistes, Dinge differenziert zu betrachten, es hat mich zum Schweigen und stillen Bewundern gebracht. Aber es hat mir auch ein Bild einer Familie gezeichnet, welches mir eher wie eine WG erschien statt einer Familie. Wie bei den katholischen Krippendarstellungen. Alles Einzelfiguren, die zusammengestellt werden. Von außen schaut’s aus wie eine Einheit, aber wenn es keinen mehr interessiert, werden die Figuren zu individuellen Einzelschicksalen. Streitbare Individuen.

Im Fernsehprogramm läuft der Roberto-Benignis-Film “Das Leben ist schön”. Ein schön trauriger Film. Oder doch eher traurig schön? Alternativ gab es auch die Filmreihe “Rambo” Eins bis Drei. Frohe Weihnachten. Nun ja. Ich schau mal weiter, was noch kommt.

Bis dahin, gehabt dich wohl, geliebte Geliebte.

Biss denne