Königsgambit


C: Ich krieg dich, du Arsch! Pass auf!

D: Nein, Sie kriegen mich nicht. Niemand kriegt mich.

C: Doch. Heute bist du dran. Damals hatten wir nur 3-86-Computer, aber heute haben wir die ganze Power der Zentrale zusammen geschlossen, um dich dingfest zu machen! Wir werden dir das Handwerk legen.

H: Chef, er ist im Zentrum aufgetaucht.

C: Wo ist er jetzt?

H: Chef, er bewegt sich auf Planquadrat D3 zu.

C: D3? Das ist nicht logisch. Was sucht er da? Das wird ihm nichts bringen.

H: Chef! Korrektur, Planquadrat E4! Übertragungsfehler! E4 ist korrekt!

C: E4, he? Jetzt fühlst du dich stark, nicht wahr? Willst mal wieder im Mittelpunkt aller stehen, nicht wahr?

D: Stört Sie das? Aber in der Mitte ist doch immer die meiste Luft. Nach allen Seiten hin.

C: Du fühlst dich wohl besonders schlau, nicht wahr. Aber mach dir keine Sorgen, bald haben wir dich und dann kenn ich kein Pardon!

D: Kein Pardon? Vorsicht, Sie engagieren sich zu sehr emotional. Das könnte auf Befangenheit hindeuten. Ihnen könnte die Objektivität abhanden kommen.

C: Red‘ kein Blech, Dunderhead! Du weißt, wie ich es sehe. Du gehörst wieder zurechtgestutzt auf das, was du vorher warst. Du kannst nicht immer gewinnen!

D: Nicht? Hören Sie mich lachen? Ich werde gewinnen und ich werde mir immer mehr holen.

C: Du hast also auch die junge Frau aus Belgien hinweg gefegt!

D: Ich weiß. Aber sie war noch so unschuldig. Einer musste es ihr doch mal beibringen zu erfahren, wo ihre wahre Stellung ist.

C: Und was war mit den beiden Jungen, die sich dir stellten?

D: Die beiden Buben? Ein Kinderspiel! Die vermisst keiner.

C: Halte dein Mundwerk im Zaum, Dunderhead!

D: Jihaaah! Sie legen mir kein Zaumzeug an. Sie nicht! Ich bin doch nicht ihr Gaul Niemandes Gaul!

C: Das werden wir sehen. Heute ist dein Ende gekommen. Ich mach dich fertig! Ich werde dir dein Handwerk legen. Du hinterlässt keine Spur der Zerstörung mehr!

H: Chef, unsere Computer melden wieder Bewegung.

C: Bewegung? Wohin?

H: Chef, Planquadrat …

C: Lass mich raten, er bewegt sich zielgerichtet in Richtung F2, nicht wahr?

H: Jawohl, Chef!

C: F2. Jetzt habe ich dich dort, wo ich dich hin haben wollte. Fast an dem Rand. Dunderhead, du begibst dich aus dem Zentrum raus? Hast wohl Schiss, gib es zu!

D: Schiss? Das ist das, was ich auf Ihre Planpapiere hinterlasse. Und zwar einen ganzen dicken, mein Bester. Meine Planpapiere sind besser, größer, weitreichender als ihre Mickrigen.

C: Ich bin nicht dein Bester, merk dir das.

D: Ach ja? Haben Sie etwa den Vorfall mit Ihrem Bruder vergessen?

C: Meinen Bruder? Was soll ich vergessen haben?

D: Als ich ihn niedergemäht hatte. Erbarmungslos. Ausradiert. Einfach so.

C: Mein Bruder wurde nie niedergemäht. Von niemanden! Hätte er sich nicht umgebracht, ich würde ihn als Zeuge dafür benennen!

D: Sich nicht selbst umgebracht? So, so. Ihre werte Meinung. Wenn Sie meinen. Sind eigentlich alle aus Ihrer Familie solche geistigen Flachpfeifen, die sich nicht zu verteidigen wissen?

C: Was hattest du mit meinem Bruder gemacht?

D: Das selbe wie mit Ihrem Vater vorher. Sie erinnern sich noch? Man fand ihn leblos über den Tisch gesunken. Mein Bester, Sie envolvieren sich zu sehr. Denken Sie an meinen Ratschlag. Lassen Sie es nicht persönlich werden. Sonst werden Sie wegen Befangenheit das Spiel verlassen.

C: Dunderhead, du denkst wohl, du bist ein Oberschlauer, nicht wahr. Mein Vater hatte einen unentdeckten Tumor, an dem er starb.
Ich werde jetzt Einheiten auf diesen Gauner vorrücken lassen! Es reicht.

H: Chef, er hat sich wieder bewegt.

C: Wohin?

H: Chef, Planquadrat H1.

C: H1? H1?! Wieso H1? Was sucht er in der Ecke? Das macht doch keinen Sinn! Was heckt der wieder aus? Der springt mir zu sehr.

H: Chef, das ist sein Naturell.

C: Willst du mich belehren? Das weiß ich selber!

H: Nein, Chef, nein, das wollte ich nicht, ich wollte …

C: Schnauze halten! Jetzt werden wir ihm eine verpassen, ihn matt setzen, den Kaffeehausspieler. Alles bereit und warte auf meine Anweisungen!

D: Wie war das nochmal mit dem Spanier? Sie erinnern sich an den Spanier?

C: Der Spanier? Der geschlossene Spanier?

D: Naja, so geschlossen war er nicht. Ich habe ihn aufgemacht, fein seziert und zerlegt. Und dann zurück gelegt. Er hat nie wieder sich gegen mich erhoben. Es sah so natürlich aus, als man ihn mit verdrehten Augen fand.

C: Du meinst wohl, wir spielen hier ein Gambit, Dunderhead? Du liebst es, Opfer vor dir liegen zu sehen?

D: Was denn sonst? Gambit ist die höchste Kunst der Künste. Königsgambit. Und Sie, mein Bester, sind ein König. Sie sind heute dran. Heute sind Sie mein Ziel, mein Opfer. Niemals werde ich ruhen, bis dann alle Könige vor mir zu Kreuze kriechen werden.

C: Du kommst dir wohl ganz groß und mächtig vor, Dunderhead, nicht wahr. Aber wir beide hier verfolgen dich, wir kennen jeder deiner Schritte und wir berechnen alle deine zukünftigen im Voraus. Wir kriegen dich, bevor du überhaupt in meine Nähe kommst. Überhaupt in mein Quartier eindringen kannst. Du Superhirn für Arme! Und dich werden wir …

D: Kennen Sie die Aljechin-Pulaski-Variante des Doppel-Turm-Gambits?

C: Aljechin war Großmeister des 20. Jahrhunderts. Und wer soll Pulaski sein?

D: Der Begründer der amerikanischen Kavallerie des 18. Jahrhunderts..

C: Aljechin und Pulaski haben nicht im Geringsten etwas miteinander zu tun!

D: Nichts? Sicher?

C: Und was soll ein Doppel-Turm-Gambit sein? Wieder so eine Erfindung von dir, Dunderhead?

D: Doppel-Turm-Gambit ist, wenn alle Türme gleichzeitig fallen. Kennen Sie das nicht? Und noch etwas: Sie sollten mich nicht immer „Dunderhead“ nennen. Sie wissen, das macht mich wütend. Und wenn ich wütend bin, dann bin ich gefährlich und unberechenbar.

C: Ach ja, Dunderhead? Was Sie nicht sagen, Dunderhead.

H: Chef. Er ist verschwunden, wir haben ihn verloren!

C: Was haben wir?

H: Chef, vorhin war er noch klar lokalisierbar in Planquadrat H1. Aber jetzt ist er weg.

C: Weg? Wie „weg“?

H: Chef, weg, einfach weg, fort, futschikato, verschwindikowski, Chef.

C: Ich verstehe nichts. Dunderhead! Dunderhead, Du lausiger Springer! Was hast du vor? Glaube ja nicht, wer du bist! Wir kriegen dich! Dunderhead, du mieser Schachbrettfigurenschubser!

D: Nun ich bin noch nicht fort. Sie kennen den Rösselsprung, mein Bester?

C: Rösselsprung?

D: Der Springer beherrscht ihn. Tja, und jetzt ist ihr lieber „Dunderhead“ einfach mal so vom Brett gesprungen, ihr geliebter Springer „Dunderhead“. Einfach so. Von H1 direkt neben das Brett neben der dritten Reihe. Und wissen Sie, was ihr geliebter „Dunderhead“ jetzt machen wird?

C: Dunderhead! Unterstehe dich! Lass das!

H: Mein Bester, jetzt beginnt das Königsgambit kombiniert mit dem Doppel-Turm-Gambit, das Tödlichste und Vernichtenste aller Schachgambits.

C: Dunderhead! Spiele fair! Ich gebe Dir auch ne Chance, ich nehme dort vorne auch meinen Bauern vor der Grundlinie weg. Einfach so. Ist das nicht ein faires Angebot? Dunderhead? Dunderhead!

H: Chef, das Brett kippt. Dunderhead kippt das Brett!

C: Was? Dunderhead! Dunderhead!

H: Chef, wir kippen! Die ersten Schachfiguren fallen bereits vom Brett!

C: Dunderhead, Du charakterloses Arschloch! Lass das! Spiele fair! Dunderhead, höre damit auf, Daaaan-daaaa-heeeeeeeeee ….

 


 

ing News*****Breaking News*****Breaking News*****Breaking News*****Break

Wie verschiedene Presseagenturen in etwa gleichlautend mitteilten, soll nach noch nicht bestätigten Berichten wieder ein Schachspieler beim internationalen Schachturnier gegen die künstliche Internetintelligenz „AlphaOmega“ verstorben sein. Diesmal handele es sich offenbar gar um den englischen Schachgroßmeister „Blacky Klein“. Berichten entsprechend wurde „Blacky Klein“ leblos vor seinem Schachrechner-Clusterverbund aus zwanzig Großrechnern von seinem Helfer und Adjutanten Emanuel Reksal aufgefunden worden sein. Tragisch daran ist besonders, dass „Blacky Klein“ wohl schon das dritte Mitglied einer Familie von mehreren Schachgroßmeistern ist, welches bei dem derzeit stattfinden, internationalen Schachturnier im Internet gegen „AlphaOmega“ gestorben ist. Schätzungen gehen davon aus, das in den letzten beiden Wochen bislang zu dreißig Todesfällen bei diesem Turnier gekommen sein könnte. Politiker vieler Nationen forderten bereits das Abschalten von „AlphaOmega“. Jedoch wird das von führenden Wirtschaftsexperten vehement abgelehnt. Ein Eliminieren von „AlphaOmega“ würde gleichzeitig bedeuten, dass das Internet komplett über Tage abgeschaltet und danach neu aufgebaut werden müsste. Dieses brächte der Weltwirtschaft unverantwortbare Auswirkungen und unabsehbare Negativkonsequenzen für den Wohlstand der führenden Industrienationen. Eine Expertenkomission aus bedeutenden Software-Programmierern soll nächste Woche in New York gegründet werden, die sich des Themas annehmen, um eine Lösung zu finden.

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Doktor Eisenbart


Jeder Orkan hat ein Auge der Stille. Wenn man in solch einem Orkan gerät, ist so ein Auge des Orkans willkommen. Es entschleunigt ungemein und bringt einen Ruhepunkt. Die Ruhe nach dem Sturm lässt die Ruhe vor dem Sturm genießen.

In solch einem Moment traf ich ihn wieder. Termine drückten und der industrielle Taylor’istische Imperativ, jede Minute effektiv und effizient zu nutzen, verfolgte mich auf Schritt und Tritt. Noch skurriler wird so eine Situation besonders dann, wenn dabei die meiste Zeit nur am Schreibtisch verbracht wird und die Computertastatur, die Maus und der Telefonhörer die vorrangigen Sozialpartner eines Arbeitstages sind. Nur, irgendwann muss sich sogar der statischte Mensch der Fortbewegung mittels Rollen des eigenen Schreibtischstuhls entsagen und dynamisch die eigenen zwei Beine mit Füßen dran nutzen. In solch einer Situation geriet ich und nutzte sie. Bewegung tut gut und etwas besseres als die vier Bürowände findet sich außerhalb auf jeden Fall. Der Vorteil der eigenen mobilen Fortbewegung ist unzweideutig, dass einem Computertastatur, Maus und Telefon nicht folgen können. Freiheit ist, wenn Taylorismus für Schreibtischnutzer nicht mehr greift. Na gut, viel hat dieses mit objektiver Freiheit nicht zu tun, aber zumindest subjektiv greift diese Idee.

Und gerade beim Ausnutzen dieser kleinen Freiheit begegnete ich ihm im Treppenhaus. Das erste Mal nach über sieben Jahren. Als Angehörigen der Firma hatte ich ihn nie gemocht. Er war Werksleiter und hatte mich mal in seinem Büro lautstark gefönt. Er warf mir meine Hochschulbildung als Manko vor und degradierte mich verbal zum Zwergschulenabiturienten. Die Ursache war dabei nebensächlich, nur der Grund dazu interessierte ihn und gerade den brauchte er, um um mich herum einen Orkan zu entfachen. Ich wusste, dass es eines Tages auch mich treffen würde und jener Tag traf ein. Und ich konnte es über mich abgehen lasen. Allerdings herrscht wie im Zentrum jeden Orkans Ruhe: ich konnte ihm in seinem Wutausbruch beobachten und alles teflonschichtartig an mir abperlen lassen. Seit jenem cholerischen Wutausbruch nannte ich ihn „Doktor Eisenbart“. Nicht weil er so tat, als ob er den akademischen Grad des Doktors hätte – nein, den hatte er und nutzte den Vorteil, dass man einem Doktor immer beweisen muss, dass er unrecht hat, während ein Bachelor-, Master- oder Diplom-gezeichneter Mensch immerzu zu beweisen hat, dass er nicht unrecht habe – nicht weil er so tat, sondern weil er privilegiert, dogmatisch und politisch-agierend war. In jener standrechtlichen lautstarken Föhnung wurde in mir die Erinnerung an Antje, dem NDR-Walross (hier), in Erinnerung gerufen. In dem höchsten Stadium seiner cholerischen Erregung sah er so aus wie jenes Walross, wenn es am Bassin-Rand gemütlich Wasser in den Wasserablauf pumpte. Der Vergleich machte seinen cholerischen Wutausbruch klein für mich. Sehr klein. Unbedeutend für das, was er bezwecken sollte.

„Doktor Eisenbart“ war zusammen in der gleichen Straße wie jener welcher vom Otto Rehhagel aufgewachsen. Und nicht nur in der gleichen Straße sind beide aufgewachsen, sondern auch eben mit jenem griechischen Fussball-Rehakles, jenem allseits bekannten Fußballtrainer Otto Rehhagel. Rehhagel war zwar älter als Doktor Eisenbart und konnte auch erheblich besser Fussball klüten als Eisenbart, aber dafür könnte Eisenbart Produktionsunternehmen auf Spur trimmen.

Und nicht nur deren Straße der Jugend war gleich, nein, – denn das, was noch wichtiger ist – derer beider Sprachduktus war gleich. Dieser Sprachduktus war das, was den Rurpott ausgemacht hat: ehrlich, roh und nie wirklich herzlos unpersönlich. Doktor Eisenbart konnte Geschichten erzählen, er hätte sich wohl auf arabischen Basaren damals ne goldene Nase verdient. Insofern war es gleichgültig, ob er versuchte jemanden zu föhnen oder jemanden Geschichten aus seiner Rurpott-Jugend zum Besten zu geben, was Doktor Eisenbart in jovialen Momenten oder nach Arbeitsschluss gerne machte.

Er stand nun vor mir und es war mir eine Freude ihn wieder zu sehen. Mein Doktor Eisenbart. Er war dick wie eh und je, sein Schweiss war der Kleber für das Hemd auf seiner Haut. Dabei schnaufte er wie Antje. Sein Oberlippenbart wogte zugleich auf und ab. Und wieder sah ich das NDR-Pausenmaskottchen vor mir. Nein, abnehmen würde er nicht, erklärte er mir auf meine ungenierte Nachfrage hin. Er kannte jemand, der war ins Koma gefallen und hatte bis zum Aufwachen nach vier Wochen zwanzig Kilo verloren. Dessen Übergewicht, so sagten nachher die Ärzte, war seine Lebensversicherung im Koma gewesen. Er kniff seine Augen ein wenig zusammen, riss sie sofort wieder auf und blickte mich dann mit seinem typischen „Das kannst du Jungspund überhaupt noch gar nicht wissen“-Blick an. Ich genoss diesen Moment. Ja, da war er wieder, der Doktor Eisenbart. Und ich kam nicht drumherum zu sagen, dass ich diese Begegnung genoss, denn von den meisten Mitarbeitern, die in Rente gingen, fand man oft binnen drei Jahren eine Traueranzeige am schwarzen Brett wieder. Nein, nein, ranzte er mich an, darauf bräuchte ich bei ihm nicht warten. Er lasse es jetzt bewusst langsam angehen. Er lasse sich nicht mehr stressen. Nach seinem Oberschenkelbruch und der Nachricht vom Krebs seines Sohnes (der als Sieger aus diesem mörderischen Zweikampf mit dieser Krankheit hervor ging) könne ihn der Stress mal am Allerwertesten. Nein. Er stehe jetzt zwar noch immer gegen Sechse oder Sieben auf, frühstücke, aber dann lege er sich noch ein zwei Stündchen aufs Ohr und danach sei er fit, den ganzen Tag zu genießen. Sollen doch andere das Geschick der Firma und der Welt lenken. Er sei dafür zu alt. Und das Leben böte noch andere Freuden als Arbeit. Letztens, so erzählte er mir jovial und ein Schalk schlich sich in seinem Augenwinkel ein, letztens habe er wieder einen erfreulichen Brief erhalten. Seine Rente sei gestiegen. So ließe es sich doch leben, lachte er mich an. Aber eines – sein Blick wurde wieder ernster und irgendetwas in mir triggerte, dass er wieder einen Gag vorbereitete – aber eines hätte sich bei ihm eingeschlichen. Wenn er dann so am Tage in seinem Sessel sitzen würde und einfach nur aus dem Fenster schauen würde, dann käme er sich wie der Darsteller in dem berühmten Loriot-Sketch vor. Er fühle sich wie das Loriotsche Knollennasenmännchen Hermann, welches von seiner Frau Berta aus der Küche gefragt werde, was er machen würde (Berta: „Was machst du da?“  Hermann: „Nichts!“  Berta: „Nichts? Wieso nichts?“ Hermann: „Ich mache nichts!“  Berta: „Gar nichts?“).  Und dann, dann hätte er so das unbestimmte Gefühl sich ins Auto zu setzen, den Weg zur Firma zu machen und den Leuten dort einfach nur sadistischerweise das Gefühl zu geben, er wolle sie bevormunden, maßregeln, zurechtweisen und kontrollieren. Aber dann bliebe er einfach im Sessel sitzen und freue sich, dass er mit dem ganzen Scheiß nichts mehr zu tun habe. Und seine Frau in der Küche?, versuchte ich zu kontern. Er klopfte mir lachend nur auf der Schulter und sagte, die sei gerade beim Arzt und er habe nur mal kurz die Zeit genutzt, um hier mal in der Firma reinzuschauen und sich Honig daraus zu saugen, dass er jetzt in Rente sei.

Seine dicken Pranken ergriffen meine zarten Patschhändchen und drückten sie leicht quetschend. Schwächer hat ihn die Rente nicht gemacht. Lächelnd nickte er mir zu und erklärte, es habe ihn gefreut, mal wieder einen Plausch mit mir halten zu können, ließ meine Hand los und winkte mir mit zwei Fingern an die Schläfen tippend zu. Sein Lächeln unter seinem mächtigen Schneuzer war eindeutig freundlich und wertschätzend. Dann steuerte er auf den Ausgang zu und verschwand aus meinem Blick.

Ich grinste zufrieden. Ein schöner Moment, um gestärkt das Auge des Orkans zu verlassen …

Dem Volk aufs Maul geschaut


„Einen Quarkkuchen, bitte.“

Die Konditorei hier im ehemaligen Scherbenviertel glänzt durch ihre Backwaren, aber ihre Konditorenkunst ist legendär. Hinter der Kasse befindet sich eine Konditoren-Meister-Urkunde. Und das nicht zu unrecht. Deshalb war (und ist) es schwierig, einen Platz in diesem Café zu ergattern. Und wenn es mal geklappt hatte, war es eigentlich auch egal, wo der Platz war und ob man alleine einen der Rundtische für sich hatte.

„Sie wünschen?“

„Einen Quarkkuchen, bitte.“

„Wir haben keinen Quarkkuchen.“

„Doch. Haben Sie. Ich hätte gerne ein Stück Quarkkuchen zum Mitnehmen.“

Es war Samstag Nachmittag, die Sonne strahlte und für einen der ersten Märztage mit 18 Grad  die richtige Entscheidung. Ich saß an solch einem Rundtisch und teilte ihn mit jemandem, der mir noch komplett unbekannt war. Wir beide hatten aber bereits eine Gemeinsamkeit entdeckt: unsere Bestellung.

„Wir haben keinen Quarkkuchen, hatte ich bereits Ihnen erklärt.“

„Doch! Haben Sie.“

Die Bedienung an der Kuchentheke war sichtlich ein wenig enerviert, beherrschte sich aber und deutete einfach mal in die Auslage.

„Sie meinen die dort?“

„Nein. Das sind Pfannkuchen.“

„Wie bitte? Was sollen die sein? Pfannkuchen?“

„Jawohl. Das sind Pfannkuchen.“

„Das sind Krapfen!“

„Pfannkuchen!“

„Vielleicht kennen Sie die als Berliner.“

„Das sind Pfannkuchen.“

Hinter ihr näherte sich die zweite Bedienung und fragte leicht vorsichtig: „Quarkkuchen?“

„Ja. Kuchen, der aus Quark gemacht wird!“

Die zweite Bedienung holte kurzerhand ihr Smartphone hervor und tippte etwas hinein.

Derweil die erste Bedienung auf ein anderes Kuchenstück deutete: „Das vielleicht?“

„Sie sind wohl nicht vom Fach, oder? Ich will Quarkkuchen! Ein Stück Quarkkuchen. Ist das hier so unverständlich, oder was?“

Die zweite Bedienung war wohl inzwischen bei ihrer offensichtlichen Suchmaschinenanfrage erfolgreich und zischte hörbar: „Er meint Käsekuchen.“

Käsekuchen?“, fragte die erste Bedienung überrascht zurück.

„Meinetwegen nennt ihr es hier vorsätzlich falscherweise Käsekuchen. Es ist aber Quarkkuchen. Oder wird euer Käsekuchen in Bayern etwa nicht aus Quark sondern aus Käse gemacht? So wie euer Leberkäse?“

„Nein, wir machen ihn in unserer Konditorei aus Original Topfen“, erwiderte sie kurz angebunden und zischte genervt zu ihrer Kollegin: „Jetzt gib dem einfach seinen depperten Käsekuchen.“ Ein heller Glockenklang ertönte und erlöste sie aus dieser skurrilen Situation. Sie ging nach hinten.

Inzwischen schaufelte die erste den Quarkkuchen mit einem Tortenheber auf ein Pappdeckel, packte ihn ein und reichte ihm den Mann rüber. Der hielt ihr einen 5-Euro-Schein entgegen und bemerkte nur:

„Ist schon eine ärmliche Zeit, wenn Leute in Deutschland für deutsche Worte erstmal ein Smartphone bemühen müssen, nicht wahr.“

Die erste Bedienung gab wortlos das Wechselgeld raus und wandte sich dem nächsten Kunden zu. Doch der erste Kunde war noch nicht fertig:

„Ihre ignorante Unfreundlichkeit ist ja der Wahnsinn. Und ich dachte, dass hier wäre die beste Konditorei in dieser Gegend. Ist wohl eher eine Fleischerei, was Eure Sprachkultur hier angeht, nicht wahr. Kein Wunder, dass ihr Smartphone besitzen müsst, sonst wärt ihr sprachlos. Generation Smartphone.“

Die zweite Bedienung taucht mit zwei Tellern an unserem Rundtisch auf und stellte sie vor uns hin: „Jeweils einmal die Spezialität unseres Hauses: Palatschinken mit Vanille-Zimt-Sauce an Kumquat-Sorbet. Kaffee kommt sofort.“

Der erste Kunde hatte gesehen, wie wir unsere Palatschinken erhielten und bemerkte nur noch: „Ich sag doch: Fleischerei. Von wegen Konditorei“, drehte sich um und verließ das Café.

Die Bedienung an unserem Tisch stockte in ihrer Bewegung und schaute uns mit vielsagenden Blicken an, rollte zugleich genervt mit den Augen und bemerkte sehr leise:

„Wissen Sie, was bei der WM 1986 in Deutschland auf meinem Lieblings-T-Shirt stand? Bring mich zum Rasen. Bei solchen gnadenlosen Besserwissern würde ich es am liebsten wieder hervor holen.“

Sprach es und ging zur Kaffeemaschine.

Ach ja. Was ich leider nicht schreiben kann: die Bedienung sprach bayrisch, der Kunde sächsisch. Aber das wird den meisten Lesern hier wohl eh keine Hilfe bei der Erklärung sein, schätze ich …

Da uns schlägt die rettende Stund, Teil 6


[22.12.2016 10:11:21] „Hallo Careca, mit Interesse las ich deine Anzeige, dass auch du Weihnachten nicht allein feiern möchtest. Ist das noch aktuell? Frohe vorweihnachtliche Grüße, Anette“

[22.12.2016 11:21:11] „Hallo Anette, kennen wir uns nicht schon? Bist du nicht die mit den vier lebensfrohen Katzen von vor fünf Tagen?“

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Da uns schlägt die rettende Stund, Teil 5


[21.12.2016 06:01:17] „Hallo Kerstin und Gerd, mit Interesse las ich eure Anzeige, dass ihr Weihnachten nicht allein, sondern in einer größeren Gruppe feiern möchtet. Ist das noch aktuell? Frohe vorweihnachtliche Grüße, Careca“

[21.12.2016 13:21:49] „Hallo Careca! Super! Du bist eingeladen! Wir freuen uns. Grüße Kerstin und Gerd“

[21.12.2016 14:41:14] „Hallo Kerstin und Gerd, das ist schön. Was habt ihr denn geplant?“

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Da uns schlägt die rettende Stund, Teil 4


[20.12.2016 07:31:52] „Hallo sehr geehrte Familie, mit Interesse las ich ihre Anzeige, dass Sie Weihnachten einem einsamen Menschen anbieten, mit Ihnen Weihnachten zu feiern. Ist die Anzeige noch aktuell? Frohe vorweihnachtliche Grüße, Careca“

[20.12.2016 22:35:02] „Hallo Careca, das stimmt. Sie ist noch aktuell. Können Sie mehr zu sich schreiben? Aufgrund der Entwicklung in Deutschland der letzten Zeit müssen wir auf die Beantwortung der nachfolgenden Fragen bestehen: Weiterlesen

Da uns schlägt die rettende Stund, Teil 3


[19.12.2016 09:07:49] „Hallo, mit Interesse las Ihre Anzeige, dass Sie Leute suchen, die Weihnachten nicht allein feiern möchten und mit denen was unternehmen möchten. Ist das noch aktuell? Frohe vorweihnachtliche Grüße, Careca“

[19.12.2016 09:07:59] „Sehr geehrter Interessent. Vielen Dank für Interesse. Weiterlesen

Da uns schlägt die rettende Stund, Teil 1


[17.12.2016 09:16:31] „Hallo Anette, mit Interesse las ich deine Anzeige, dass auch du Weihnachten nicht allein feiern möchtest. Ist das noch aktuell? Frohe vorweihnachtliche Grüße, Careca“

[17.12.2016 11:12:11] „Lieber Careca, schön, dass du dich auf meine Anzeige gemeldet hast. Könntest du dich vielleicht ein wenig beschreiben? Anette“

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Wo man alles sagt, da fällt kein Wort …


Herr Kiki-Jouzu ist gestorben. Eigentlich sollte ich besser „Kiki-Jouzu-san“ schreiben, denn er ist Japaner und Japaner verwenden die Anrede „Herr“, indem sie dem Namen ein wertschätzendes „-san“ anfügen.

Yasashii Kiki-Jouzu-san ist also tot. Er lebt nicht mehr. Er hat die Löffel abgegeben. Er ist sowohl über den Jordan, als auch über die Wupper gegangen. Er hat abgedankt und das Zeitliche gesegnet. Er biss in Gras und streift jetzt durch die ewigen Jagdgründe. Er hat aufgehört zu existieren. Sein Leben endete tödlich. Yasashii Kiki-Jouzu-sans Leben war ungewöhnlich, so wie sein Sterben gewöhnlich war.

Ich sah ihn zum ersten Mal auf einer Tagung der „Freunde künstlerisch geschnitzter Go-Steine“, im Sommer 2002 in Bern. Er begleitete einen Vertreter einer winzigen Go-Steine Manufaktur aus Chindougu der Provinz Dokomo. Diese Manufaktur hielt damals noch 85% der globalen Kunst-Go-Steine-Geschäfte. Für Spieler des Brettspiels Go waren jene Steine das Edelste auf dem Markt. Und das Geschäft lief glänzend, bis jedoch ein Student aus Süd-Korea fünf Jahre später jener Manufaktur alle derer Geschäfte mittels eines 3D-Druckers in Vaters Garage entriss. Jener Vertreter und Redner der Kunst-Go-Steine-Manufaktur war ein gewisser Seki-san und eine bekannte Größe in der Go-Brettspiel-Szene. Und er hielt vor dem Publikum eine 45-minütige Rede über die Bedeutung einer Go-Stein-Kette, welche nur noch eine Freiheit besaß, und darüber, welche Macht dabei handgeschnitzte Go-Steine haben können, um aus solche unangenehmer Situation zu entkommen. Seki-sans Rede wurde von einem Kasachen auf unsere Kopfhörer simultan übersetzt. Leider aber aß der Kasache schwedisches Trockenbrot, weswegen ich irgendwann entnervt den Kopfhörer absetzte und einfach dem Klang der japanischen Sprache nachhorchte. Dabei fiel mir Yasashii Kiki-Jouzu-san auf. Er saß neben Seki-san und warf immer Zwischenbemerkungen in Seki-sans Rede ein: „Hai!“, „Ochin harasho!“, „A so“ und „Kyou-mi shin-shin!“ waren die Worte, die ich immer wieder identifizieren konnte. Yasashii Kiki-Jouzu-san war ein kleiner, hagerer, weißhaariger Mensch, unscheinbar. Und immer schien er leicht mit dem Kopf zu wackeln, wobei er ohne Unterlass lächelte. Seine Brille im John-Lennon-Stil hat ihn für mich aber unverwechselbar gemacht.

2007 begegnete ich Yasashii Kiki-Jouzu-san wieder. Es war eine kleine Klima-Konferenz über „Abholzung von Wäldern“ in Bologna. Der Japaner Hashi-san erklärte wie seine Firma in einem eigenen Biotop Bäume anbaute, um japanische Essstäbchen für den Weltmarkt zur produzieren. Kiki-Jouzu-san saß neben Hashi-san auf einem Rednerpult. Wieder gab es Kopfhörer und erneut einen unfähigen Übersetzer, den ich mir nicht antun wollte. Also lauschte ich dem Klang der Sprache. Und wieder warf Kiki-Jouzu-san in Hashi-sans Rede seine Zwischenbemerkungen ein.

Erneut vier Jahre später sah ich Yasashii Kiki-Jouzu-san in einem Hotelkonferenzsaal in Wanne-Eickel neben einem Japaner mit dem großen Namensschild Nejimakidori-san. Es war die Jahreshauptversammlung eines überregionalen Brieftaubenzüchtervereins, und irgendwer musste es wohl für eine geniale Idee gehalten haben, einen Gastredner zu arrangieren. Aber es gab keine Simultanübersetzung und Nejimakidori-san hielt selbstbewusst seine Rede komplett in Japanisch. Am Anfang war es im Publikum still und nur Yasashii Kiki-Jouzu-sans leises „Hai!“, „Ochin harasho!“ und „A so“ war zu hören. Aber dann rief jemand „Hey, tu mal Übersetzung!“ und ein anderer rotzte ein „Versteh nix!“ in die Rede. Nejimakidori-san schienen diese Einwürfe zu beflügeln. Seine Brust wurde breiter, seine Haltung aufrechter, seine Augen strahlten und seine Stimme wurde wesentlich lebendiger. „Wat sacht der Spakko?“, rief der nächste Zuhörer und ein anderer: „Kann der Zwerg neben dem nicht mal übersetzen tun?“ Nejimakidori-san redete sich offensichtlich in einen Rausch rein. Nur war die Reaktion des Publikums eine andere. Die ersten verließen den Saal. Bevor die Peinlichkeit des Publikumsschwund überhand nehmen konnte, trat der Veranstaltungsleiter applaudierend auf die Bühne, nahm Nejimakidori-san das Mikro weg und erklärte bedauernd, dass Yasashii Kiki-Jouzu-san wohl zur Übersetzung unfähig wäre. Nejimakidori-san und Kiki-Jouzu-san verließen kurz darauf das Podium. Nejimakidori-san zwar noch mit geschwellter Brust, aber bereits sichtlich ein wenig irritiert, und Kiki-Jouzu-san gebeugt, ihm hinterher laufend mit offensichtlich bekümmerten Blick.

Am gleichen Abend am Dortmunder Flughafen sah ich Kiki-Jouzu-san dann wieder. Er stand an einem Würstchenstand und stocherte mit einem Holzgäbelchen in einer Currywurst rum. Ich fasste die Gelegenheit beim Schopfe, ging zu ihm hin, stellte mich auf englisch vor und erklärte ihm, woher ich ihn kennen würde. Er schaute mich unangenehm berührt an.

„Careca-san? Sie sind Careca-san? Ich kenne Sie nicht.“

„Aber ich Sie. So oft habe ich Sie auf Podien gesehen und mich gefragt, was Ihre Aufgabe sei. Sie sitzen da immer neben dem Redner und das einzige, was sie sagen ist ‚Ja‘, ‚Sehr gut!‘, ‚Ach so‘ oder ‚Sehr interessant!‘. Warum machen Sie das? Was hat das für eine Bedeutung?“

Er musterte mich über den Rand seiner John-Lennon-Brille an und ein Lächeln huschte über seinen Lippen. „Doch jetzt erkenne ich Sie wieder. Hatten Sie nicht mal auf einem Go-Kongress ‚Smörrebröd-dump-ass-Junkie‘ gerufen und ihren Kopfhörer weggeworfen?“

Ich zuckte zusammen. Ja, offenbar hatte er mich wohl wieder erkannt. Er lächelte erneut und fuhr fort: „Ich bin ein guter Zuhörer.“

„Das tut mir leid, damals. Ich dachte, ich wäre damals dabei leise gewesen. Sie scheinen mir wirklich ein guter Zuhörer zu sein.“

„Nein, nein, Sie verstehen nicht. Meine Aufgabe ist, ein guter Zuhörer zu sein.“

„Ich verstehe nicht.“

„Ich werde dafür bezahlt, meine Auftraggeber bei deren Reden durch aktives Zuhören zu unterstützen.“

„Aktives Zuhören?“

„Schauen Sie. Ich gebe Ihnen ein Beispiel. Angenommen Sie führen einen Blog im Internet, dann wollen Sie doch wissen, ob er gelesen wird, nicht wahr. Sie bauen einen Besucherzähler in ihrem Blog ein, der Ihnen zeigt, wie viele Besucher sie hatten. Aber das reicht Ihnen nicht. Sie wollen aktive Resonanz. Sie wollen wissen, ob ihr Blogeintrag dem Leser gefallen hat. Sie wollen nicht nur Besucher des Besuches willen, oder. Sie wollen aktive Wertschätzung, nicht wahr.“

„Und was hat das mit aktivem Zuhören zu tun?“

„Meine Aufgabe ist es, dem japanischen Redner während seiner Rede eine Rückmeldung zu geben, dass ihm mindestens einer zuhört. In Japan wird mein Job nicht benötigt. Dort übernehmen das die Zuhörer. So etwas gehört zum guten Ton, zu unseren Sitten und Gebräuchen. Aber das Problem mit euch Europäern ist, dass ihr immer zu ruhig seid, bei den Reden anderer Leute. Nie weiß man, ob ihr nicht bereits eingeschlafen seid oder ob euch die Rede interessiert. So wie jemand bei seinem Blog ‚Mag ich‘-Klicks oder Kommentare haben will, so benötigen wir Japaner bei unseren Reden in Europa Rückmeldungen, dass man ihnen zuhört. Ansonsten können wir keine Reden halten.“

„War deswegen der Referent der Brieftaubensitzung so begeistert, weil ihn keiner verstand, er aber meinte, er bekäme positive Rückmeldung auf seine Rede?“

Kiki-Jouzu-san seufzte. „Das, was da heute geschah, war anfangs für Nejimakidori-san unglaublich. Er hatte sich auf das normale Schweigen von euch Europäer eingestellt. Und als die ersten dazwischenriefen, glaubte er, seine Rede würde die Zuhörer mitreißen.“

„Hatte er nicht gemerkt, dass niemand ihn verstehen konnte, dass es keine Simultanübersetzung gab?“

„Er glaubte, alle hätten diese neuen Knöpfe im Ohr, jene die man nicht mehr sieht und trotzdem so unglaublich gut funktionieren. Jene mit dem japanischen Technik-Know-How.“

„Aber doch nicht in Wanne-Eickel!“

„Das hatte er nachher auch erfahren. Auf Englisch. Vom Veranstalter. Und Nejimakidori-san hat es mir angelastet, weil ich dem Veranstalter angeblich nicht richtig zugehört hatte. Nejimakidori-san hat meinen Vertrag gekündigt. Jetzt darf ich noch nicht mal ‚Gefällt mir‘-Klicks generieren, wenn er wie üblich auf seiner Firmen-Facebook-Seite und in seinem privaten Blog Zitate von Dōshō und Lehrmeister Kong veröffentlicht. Diese Referenz wird mir fehlen in meiner Aufgabe als aktiver Zuhörer.“

„Wo ist Nejimakidori-san jetzt?“

„Er ist dort hinten in der Senator-Lounge. Ich durfte ihn nicht begleiten und muss hier warten, denn sonst würde ich ihm unendliche Schande bringen und er sein Gesicht verlieren.“

Kiki-Jouzu-san hielt inne und schob sich eine Scheibe Currywurst in den Mund. Belustigt bemerkte ich, dass er in seiner Hand zwei Holzgäbelchen dazu benutzte, wie japanische Essstäbchen.

„Noch eine letzte Frage: Was um Himmels willen hatte Nejimakidori-san auf jener überregionalen Jahresversammlung von Brieftaubenzüchtern des Ruhrgebiets zu suchen?“

„Nejimakidori-san hat im Norden Japans eine sehr erfolgreiche Produktion von mechanischen Aufziehvögeln. Man nennt ihn deswegen in seinem Ort auch achtungsvoll ‚Mister Aufziehvogel‘. Er war zufällig in Europa und erhielt über Internet eine Einladung, weil die Brieftaubenzüchter ihrerseits dachten, dass ‚Aufziehvogel-Experte‘ für den Begriff ‚Aufzucht‘ stehen würde.“

Ich hatte erfahren, was ich wissen wollte und somit begann ich mich, zu verabschieden. Während der Verabschiedung und dem Austausch der Business-Karten kramte er noch schnell in seiner Aktentasche, um mir eine Doppel-CD zu überreichen. Er sagte, es wäre seine neuste Geschäftsidee: eine CD für japanische und europäische Anwender zur Unterstützung bei einer zu haltenden Rede.

Drei Wochen nach der Fukushima-Katastrophe glaubte ich Kiki-Jouzu-san während einer Podiumsdiskussion in Wackersdorf im Bayrischen Fernsehen wieder erkannt zu haben. Er saß dort neben einem japanischen Manager, der einer schweigenden Menge erklärte, warum Europas Energieunternehmen sichere Bündnispartner für Japans Energieunternehmen seien. Danach sah ich Kiki-Jouzu-san nie wieder.

Während meines Zwischenaufenthalts in einem billigen Hotel in Kölleda fiel mir eine alte Zeitung vom vergangenen Sommer in die Hand. In dem Lokalteil stand ein kurzer Bericht über ein japanisches Konsortium, welches Geld in einen Freizeitpark bei Sömmerda investieren wollte. Das ganze endete jedoch als ein Fehlschlag. Ein schlechtes Ohmen und Menetekel sollte wohl gewesen sein, dass ein Delegationsmitglied, ein gewisser Herr Yasashii Kiki-Jouzu, während des Vortrags des japanischen Redners offenbar verstorben wäre. Es fiel dem Publikum aus Presse und Zuschauern zuerst gar nicht auf, denn er verschied schlafend in aller Stille auf dem Podium. Allerdings – so meinte der Schreiber des Artikels – wäre der Name nicht gesichert, denn der Name wurde von den Japanern genannt, hieße allerdings übersetzt „der wohlwollende gute Zuhörer“ und man wisse nicht, ob jenes nicht doch eher dessen Funktion statt Name gewesen wäre.

Vor der Weiterfahrt in meinem Auto am nächsten frühen Morgen fiel mir bei der Suche nach Musik die Doppel-CD vom Dortmunder Flughafen in der Hand. Ich hatte sie achtlos in der Seitentasche der Tür verstaut gehabt. Als Verkäufer, der die kometenhaften Popularität der letzten Jahre dieser neuartigen Jojo-Kartuschen mit doppelwandigem Magnetzipper nach dem bilokativen Mirosions-Verfahren auf dem Lande verursacht hat und worüber jeder Landwirt momentan schwärmend spricht, dafür benötigte ich keine Unterstützung für Reden. Ich bin Verkäufer. Kein Redenschwinger.

Vorsichtig nahm ich die eine CD mit der Aufschrift „Effective support for Japanese Speaker (45 minutes)“ heraus und schob sie in den CD-Player. Die Zeit im Display lief los und kurz danach vernahm ich in kurzen Abständen Kiki-Jouzu-sans Stimme:

„Hai!“, „Ochin harasho!“, „A so“, „Hai!“, „Kyou-mi shin-shin!“, „Hai!“, „Ochin harasho!“, …

Ich nahm die CD wieder heraus und legte die zweite CD ein: „Effective support for European Speaker (45 minutes)“. Wieder lief die Zeit im Display los und ich lauschte intensiv, aber ich hörte nichts. 45 Minuten lang ertönte kein Ton aus dem Lautsprecher. Nur Stille. Dr. Murkes gesammeltes Schweigen.

Nach 45 Minuten Tonlosigkeit wurde die CD automatisch ausgeworfen. Ich ergriff sie und steckte sie in die CD-Hülle zurück und legte die CD in meine Aktentasche.

Den Rest des Tages verbrachte ich in Schweigen.