Kneipengespräch: Schnitzelwagen

Koelsch

»Das ist, oh, die See! Das ist, oh, die See!«

Allein saß er vor seinem Kölsch, schnippte mit der rechten Hand Zeige- und Mittelfinger zu dem Rhythmus einer Musik, die allein er in seinen weißen Ohrstöpseln zulauschte.

»Oh, die See! Oh, die See! Weider Wahnsinn! Dann Stoiber geht.«

Ich tippte ihm auf die Schulter: »Was hörste gerade?«

Er drehte sich um, zog sich die Ohrstöpsel aus und schaute mich fragend an: »‘Oh, die See’ von Udo Lindenberg.«

»Du meinst wohl eher ‚Odyssee‘.«

»Sage ich ja: ‚Oh, die See.‘«

»Du musst das anders aussprechen: ‚O-dühs-se’.«

»Ach so? Der neue Film ‚Die O-dühs-se‘ ist also die Verfilmung des Liedes?«

»Nein, der ist von Christopher Nolan.«

»Also nicht nach Udo Lindenberg?«

»Nein, viel eher nach Homer.«

»Echt?«

»Echt.«

Er drehte sich wieder um und zog sich die Ohrstöpsel wieder an.

»Das ist, oh, die See! Das ist, oh, die See!«

Der Wirt legte eine neue Musik auf, irgendetwas von Snap! und einer Agate Bauer …

Alles klar auf der Andrea Doria

Es ist ein Spiel des »Müssens«. Ohne Fleiß, keinen Preis, ohne »Müssens«, kein »Können«.

»Soll« heißt »muss«, wenn »kann«.

Kannst du dir gar nicht ausdenken, dass das so ist. Musst da durch. Weil du’s kannst.

Du beabsichtigst, dich für diesen Hinweis zu bedanken? Nicht dafür. Denn, merke dir Folgendes:

Dein Kopf ist rund. Wie ein Ball. Und das Runde muss ins Eckige. Ein Spiel mit Fußball wird im Kopf entschieden, dem runden, dem balligen. Ein Spiel dauert 90 Minuten. Nach dem Spiel ist vor dem Spiel. Das schwerste. Sowieso. Denn das nächste Spiel ist immer das schwerste. Wie der Pokal, es hat seine eigenen Gesetze. Und wichtig: Es gibt keine leichten Gegner. Deswegen denken wir nur von Spiel zu Spiel. Tore entscheiden Spiele. Wer die Tore nicht macht, bekommt sie. Wenn du sie vorn nicht machst, kriegst du sie hinten rein. Und nicht vergessen: Die Wahrheit liegt auf dem Platz. Fußball ist ein Ergebnissport. Ein Spiel hat seine eigene Dynamik.

Und deswegen jetzt zu den unausweichlichen und unnegierbaren »Müssens« des Fußballs:

Wir müssen unsere Hausaufgaben machen.
Wir müssen die Basics auf den Platz bringen.
Wir brauchen die richtige Einstellung.
Jeder muss an seine Leistungsgrenze gehen.
Wir müssen unsere Tugenden auf den Platz bringen.
Wir müssen kompakt stehen.
Wir müssen die Räume eng machen.
Wir müssen den Gegner beschäftigen.
Wir müssen unsere Chancen besser nutzen.
Wir müssen unsere Fehler minimieren.
Wir dürfen den Gegner nicht ins Spiel kommen lassen.
Wir müssen mutig auftreten.
Jeder muss 110 Prozent geben.

Die Null muss stehen.

Am Ende zählt nur der Sieg.
Hauptsache drei Punkte.

Die Mannschaft hat heute gut gearbeitet.
Die Mannschaft hat Charakter gezeigt.
Die Mannschaft lebt.
Aus dem Nichts.
Abhaken.

Mal verliert man, und mal gewinnen die anderen. Und überhaupt:

DAS WAR EIN REGULÄRES TOR!

Schiedsrichterfehler!

Wie damals vor 60 Jahren, als uns Uwe und unser designierter Kaiser Beckenbauer den goldenen WM-Pokal mit seinen eigenen Gesetzen von der WM-Insel hätten mitbringen müssen!

Immer diese Schiris! Schiris! Und dann diese Schiris, im Videokeller an deren Playstations beim letzten herausgebrachten FIFA-Spiel.

Pah! Schiri, wir wissen, wo dein Auto steht! Denn der Parkplatz ist videoüberwacht und wir haben mit Überwachungskameras dein Auto identifiziert. Dann wirst du das sein, was unser weltbester Keeper bei der WM immer war: chancenlos, machtlos, Mund abputzend, weitermachend.

Fußball ist ein Spiel der Fehler, bis der Baum brennt. Und das Momentum kann jederzeit kippen, Schiri! Eiskalt vollstreckt.

Naja, erst hatten wir kein Glück, dann kam auch noch Pech dazu. Wir haben alles gegeben. Wir müssen das Positive mitnehmen. Wir schauen nach vorn. Wir wollten unbedingt gewinnen. Das ist Fußball pur.

Habe ich jetzt eigentlich eine Fußballphrase vergessen? Zum Beispiel als Moral von der Geschicht?

Ach ja, ein KI-Bild meines Geschwafels als Karikaturansicht:

Monogamie als Schicksal? Der Coolidge-Effekt beim Sex

Der Coolidge-Effekt beim Sex

Das nachfolgende fand ich im Internet bei Wikipedia. Ein Ausschnitt für Klick-Bait-Faule:

Das Phänomen heißt Coolidge-Effekt, nach dem 30. US-Präsidenten Calvin Coolidge (1872-1933) benannt.
Nach einer auch in der Fachliteratur kolportierten, aber nie authentifizierten Anekdote besuchte Mr. Coolidge einst mit seiner Gattin eine Farm, wo Mrs. Coolidge auf einen Hahn aufmerksam wurde, der gerade eine Henne bestieg.
Als man ihr mitteilte, der Hahn vollziehe diesen Akt bis zu zwölfmal am Tag, soll sie geantwortet haben: „Sagen Sie das meinem Mann!“
Als der Präsident von den Wundertaten erfuhr, fragte er: „Immer mit der gleichen Henne?“
Nachdem ihm versichert wurde, es sei jedes Mal eine andere, entgegnete er:
„Sagen Sie das meiner Frau!“

So.
Erklärt das nun mal euren Lebensabschnittsgefährten/-gefährtinnen, warum ihr Monogamie für falsch haltet.
Viel Spaß dabei.

Kneipengespräch: Ey, ai, wir haben ein neues Zauberwort!

»Und schau jetzt mal hier: Der humanoide Roboter wurde angerempelt und hat trotzdem das Gleichgewicht gewahrt.«
»Hm, faszinierend.«
»Und dieser Roboter montiert die Steuertriebe für Verbrenner in Motoren auf der einen Seite der Montagelinie und auf der anderen Seite der Linie die Stellmotoren der E‑Fahrzeuge. Fast simultan, zwölf Stunden ohne Pause.«
»Wow.«
»Digitale Verschmelzung von KI-Systemen mit realen Maschinen und Robotern, welche eigenständig lernen, Entscheidungen treffen und komplexe Aufgaben im Produktionsumfeld übernehmen können. Damit ist das Thema Fachkräftemangel oder der Zwang, Mitarbeiter kostspielig zu Fachkräften auszubilden, passé. „Vissikal Ey Ai“ ist die Zukunft.«
»Vissikal Ey Ai?«
»Physische künstliche Intelligenz. Lernwillig und lernfähig, ausdauernd und resilient. Und das Wichtigste: Es verhindert, dass unsere Industrie in Billiglohnländer abwandert, weil physische künstliche Intelligenz die Produktionskosten verringert. Also billiger als Standorte in Rumänien und billiger als chinesische Wanderarbeiter. Selbst nordkoreanische Gefängnisinsassen können da nicht mithalten.«
»Weil?«
»Weil man die auch mit einem Mindestmaß an Nahrungsmitteln versorgen muss. Selbst solche Suizid-Serien wie damals Anfang 2010 beim Apple-Lieferanten Foxconn gehören damit der Vergangenheit an. Keine Suizide mehr, das ist doch menschlich, oder?«
»Und das funktioniert?«
»Bestens! Ey-Ay lernt zwanzigmal gründlicher und schneller als ein Mint-Auszubildender oder ein Mechatroniker augenblicklich einen Job bekommt. Ey-Ay gehört die Zukunft.«
»Das hört sich toll an.«
»Nicht wahr?«
»Wenn künstliche Intelligenz, also KI, so effizient und effektiv lernt, dann können wir ja auch alle unsere CEOs ersetzen. Stell dir mal das Einsparpotenzial vor. Wir müssen die CEOs nicht durch billigere, rumänische Fachkräfte oder chinesische Wanderarbeiter ersetzen, welche den Job als CEO bereits für 10 Promille des Jahresgehalts unserer CEOs machen könnten!«
»Nein. Das geht nicht.«
»Doch, das wäre es doch. Mit Ey-Ay wären die CEO-Jahresbezüge ohne Dienstwagenprivileg sicher bei ca. 1 Promille oder weniger. Der Herr Oliver Blume bei Volkswagen hätte dann mehr Zeit für sein damaliges Hobby, auf der Libero-Position Fußball zu spielen.«
»CEOs kann man nicht mit Ey-Ay ersetzen. Das geht überhaupt nicht. Dafür machen Ey-Ays noch viel zu viele Fehler.«
»Hm. Mehr Fehler als der CEO des Staates USA, jener Donald von Trumphausen? Stell dir mal vor, der würde durch Ey-Ay ersetzt. Der hätte endlich wieder Zeit, fokussiert Golf in Schottland zu spielen, statt demenziell-artig im Golf von Persien sich zu versuchen.«
»Ach ja, und wer würde dann die explodierenden Ölpreise bezahlen?«
»Menschen zahlen jeden Preis, damit deren Heiligs Blechle weiter über die Straßen rollt. Nebenbei, weißt du, was eine Tomahawk-Rakete kostet?«
»Zwei Millionen Euro?«
»Nein. Mindestens 170 Menschenleben. Festgestellt am 28. Februar dieses Jahres beim US-Angriff auf die Grundschule in Minab im Iran. Und das völlig ohne physische künstliche Intelligenz. Dafür mit vollster CEO-Entscheidungskompetenz.«
»CEOs sind leider fehlbar. CEOs sind auch nur Menschen.«
»Na dann. Wie gut, dass Unfehlbarkeit in der Produktion den Menschen ersetzt. Kein CEO mag Fehler in seinem Unternehmen. Das kostet nur Geld. Bei seinen Incentives ….«

Ertrage die Clowns (18): You’ll Never Walk Alone

Im Jahr 1949 steckte sich der junge Joachim Fest einen Zettel ins Portemonnaie, den er bis zu seinem Tode mit sich führte. Auf dem Zettel stand der Satz:

„Ertrage die Clowns!“

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Nachdem sich die Fußball-WM in den letzten Zügen befindet und wir Deutschen wie die Jürgen-B-Klopp-ten wieder mit uns selbst beschäftigen können, fällt schon auf, dass sich dieser Plebejer-Sport verändert hat. Als sich unsere Patrizier Deutschlands noch bei Tennis, Pferderennen und Golf von den »Arbeitersportarten« distanzierten, hat sich seit den Boris-Becker-Fäusten und -Hechtsprüngen in Wimbledon 1985 einiges verändert.

Die Plebejer probten den Aufstand und die Patrizier rächten sich. Ein deutliches Beispiel ist der Umgang mit der damaligen »Punk«-Bewegung. Nachdem jene Bewegung weder beim After-Eight-4-Uhr-Tee übersehen geschweige denn verbieten konnte, wurde »Punk« einfach assimiliert und als neue Modebewegung einverleibt. Gloria von Thurn und Taxis hat »Punk« auch in den oberen Gesellschaftsschichten hoffähig gemacht. »Popper« und »Teds« als Jugendkultur kamen und gingen, nur der »Punk« an sich blieb als subversives Vergnügen der oberen Schicht, die sich beim gegenseitigen Einlochen derer Bälle in offenen Löchern anfing zu langweilen.

Und heute? Bei der diesjährigen Fußball-WM hat sich das Publikum in seiner Zusammensetzung deutlich verschoben. »Plebejer aller Länder, bleibt gefälligst draußen!« Wenn bei den Spielen Spielern applaudiert wird, dann hört man es deutlich.

Der Applaus ist anders geworden. Die Leute auf den billigen Plätzen klatschen wohl noch manuell, also mit ihren Händen. Jene Herrschaften auf den teuren Plätzen aber rasseln mit deren Juwelen. Das macht eine ganz andere Akustik. Dies klingt wie Musik in den Ohren der Infantinos und Trumps.

Und wer die Stunde 13,90 Euro brutto in Deutschland verdient, der bleibt lieber zu Hause und schaltet zum Zuschauen das Free-TV ein. Oder hat ein Abo bei Magenta-TV für einen Monat nur. Denn auch Public-Viewing-Plätze verlangen inzwischen Eintritt.

Fußball, das war mal eine Sportart für die Leute von unten. Inzwischen wird es von oben gemanagt und für die Vermögenden mundgerecht vorbereitet. Wenn bei solchen das Geld bündelweise zu Hause herumliegt, dann freuen die sich, dass es eine Gelegenheit gibt, es auszugeben, um Vermögenden (also Ihresgleichen) beim Einlochen von Bällen in vertikalen, quadratischen Löchern zuzuschauen.

Und einen smarten Effekt hat das Ganze auch noch: Bei den vermögenden Zuschauern ist es eher unwahrscheinlich, dass die als Hooligans nach dem Spiel marodierend durch die Straßen ziehen.

Niemand schaut Hooligans beim Verprügeln anderer Leute gerne zu. Außer die vermögenden Zuschauer freilich: Prügelnde in einem Drahtkäfig, sich mit bloßen Fäusten die Birne für ein Geburtstagskind vor dem Weißen Haus in den USA einschlagend, das ist en vogue.

Dafür zahlen Vermögende gerne, um live dabei zu sein. Oder wie jene Vermögenden, die im großen Krieg in Ex-Jugoslawien auf eine eigenwillige Art Safari gingen: per Barzahlung in Srebrenica mittels Scharfschützengewehr Straßenpassanten abzuknallen.

Man könnte meinen, das dynamic ticket pricing wäre unfair, weil somit die Eintrittspreise bei den WM-Spielen für Normalverdienende nicht mehr bezahlbar wären. Aber das System folgt nur den Marktprinzipien von Angebot und Nachfrage. Und wenn nach teuren Tickets eine Nachfrage besteht, dann gibt es kein Angebot für niedrigpreisige Eintrittskarten.

Bleibt nur zu hoffen, dass die Nachfrage bei denen da unten erheblich sinkt, damit die da oben sich bald wieder langweilen und zurück auf deren Golf- und Ternnisplätze gehen. Dann könnte auch Fußball für den 08/15-Bürger wieder interessanter werden. Aber das wird nicht passieren. Geld und Fußball sind ein Januskopf, so etwas wird sich wohl nicht trennen lassen.

Früher! War! Alles! Besser!

So eine Überschrift geht so einfach von der Hand.

Besser. Besser ist der Feind des Guten. Eben darum war besser früher anders. Nicht, dass das Heute schlechter wäre als früher, aber das Heute ist anders als das frühere Gestern.

Gestern wurde während eines Fußballspiels eine analoge Uhr (Hinweis: Das Wort »analog« war damals noch ohne weite Verbreitung) eingeblendet und zeigte die 30. Minute der zweiten Halbzeit an. Kaum zehn Sekunden später sagte Mister »Gutenabend-allerseits« (Heribert Fassbender): »Es sind in der zweiten Halbzeit 30 Minuten gespielt. Noch fünfzehn Minuten sind zu spielen.« Jetzt kommt maximal der Kommentar: »Noch fünfzehn Minuten! Kommt es noch zum Lucky Punch in der Box des Gegners vor dem aufziehenden Shoot-out?«

Heutzutage stellt sich immer die fußballerische Frage einer emotionalen Prokrastination statt nüchterner Fakten. Seit jener Rudi Völler dessen Bemerkung »Du sitzt hier locker und in aller Ruhe und hast schon drei Weizenbier getrunken…« auf die vorherige, emotionslose Feststellung eines unvollendeten Verständnisvorgangs von Waldemar Hartmanns »Ich verstehe die Schärfe nicht …« hat sich die Welt über hundertmal weitergedreht.

Im Nachgang der vorherigen Spiele der aktuellen WM fassen umstrittene Reporter von MagentaTV diese am nächsten Tag zusammen. Sie tun es in einer Weise, als ob das Spiel gerade erst vor vier Minuten in totaler Dramatik beendet worden wäre. Das Faszinierende dabei ist nicht, dass sie diese Aufgabe mit der Emotionalität einer Live-Berichterstattung durchführen. Das eigentlich Faszinierende ist am nächsten Morgen der vortragende Reporter nach seiner Pult-Live-Kommentierung der Bilder. Denn danach ist er wieder – ganz der alte – schlafmützig und in einer Tonlage tiefer weiterredend. Aber Hauptsache Emotionen. Darüber wird immer gerne geredet.

»Emotionale Intelligenz« und seine daraus abgeleiteten Schlagworte »Empathie« und »Empathiefähigkeit« gelten heutzutage für jeden Deutschen als die höchste Auszeichnung an sich. Das wird höher wertgeschätzt als das »Bundesverdienstkreuz« oder das »Eiserne Kreuz«. Wer jenes Level einer »Empathiefähigkeit« nicht erreicht, ist in den Augen jener nur »Schmutz«. Passend werden dann noch Schlagworte wie »Verrohung der Gesellschaft« ausgepackt und dann wogen die Emotionen an den Mauern der gesellschaftlichen Moral hoch.

Aufgeregtheit ist das neue Ideal, weil es sich so einfach mit dem diffusen Dunstkreis »Emotionale Intelligenz« verknüpfen lässt. Damit lassen sich Dinge konstruieren, die aus einem Zusammenhang gerissen wurden, um jemanden vorsätzlich zu schädigen, der eh schon einen dubiosen Ruf im Bereich Comedy hat. Dazu muss man sich auch nicht damit beschäftigen, in welchem Zusammenhang jener es gesagt hatte. Das ist vollkommen unnötig. Wenn es darum geht, eine unbedeutende Person zu beschuldigen, sich über niederträchtig ermordete Menschen lustig zu machen, warum hofieren dann all jene Kritisierenden solche Menschen wie Merz, Trump und so weiter, welche zum Thema »Niedertracht« eine zweite von eben jenen andere Meinung haben? Nun, Schnappatmung ist das neue Ideal. Es erhöht beim Luftschnappen den inneren Druck aufs Ohr, vermindert gleichzeitig die eigen Hörleistung, entzieht dem Hirn den Sauerstoff zum Nachdenken und gibt der Lunge den rohen Powerstoff zum Belegen der maßgeblich eigenen »Empathiefähigkeit«.

Früher war das anders. Sollte der Sohn des Ehepaars, welches jemanden besuchte, einfach mal die teuren Acryl- und Wasserfarben der Staffelei leer schlürfen, dann erforderte es bei vorsichtigem Protest (entsetzte Blicke waren das maximal Tolerierte, was damals akzeptiert wurde) mit dem Argument umzugehen, dass jenes Söhnchen die Freiheit haben sollte, in seinem Leben eigene Erfahrungen zu machen.

Hieß es früher noch »Bürger, lasst das Glotzen sein, reiht euch mit uns auf der Straße ein«, so heißt es bei den heutigen Älteren der damaligen Zeit nur noch prägnant: »Glotz nicht, oder Anzeige ist raus!« Vormals warnten sie noch: »Vorsicht, Big Brother is watching you«. Heute warnen sie lediglich: »Vorsicht, ich hab dich im Visier.«

Wurde bei den WM-Endturnieren vormals seitens Deutschland von deren Mannschaft Rumpelfußball gespielt und damit das Finale erreicht, dann akzeptierte es jeder der Babyboomer. Heute rumpelt es in der Mannschaft andauernd und die Gegner der Deutschen wissen nach dem Schlusspfiff nicht, wohin mit deren Freude darüber. Den Kindern der Babyboomer ist das egal. Für jene zählt nur das Ergebnis.

Das Wichtigste nach dem Ausscheiden bei der WM 2026 wurde uns jetzt klar präsentiert: verzagte Rumpelfußballer müssen gleich am ersten Tag ihres Erkrankens eine Krankschreibung vorlegen. Ansonsten scheiden sie sofort und unverzüglich aus. Und riskieren erhöhte Empörung, begleitet von Schnappatmung beim Normalbürger mit niedrigen Steuersätzen.

Hieß es vormals noch, dass man eine Erkrankung zu Hause kurieren sollte, um Kollegen nicht anzustecken, ist jetzt der Tenor, dass keine Krankheit so hart wie das Leben ist. Krankheit? So etwas darf keine Krankschreibung rechtfertigen. Und all die üblichen Verdächtigen bekommen dabei überhaupt keine Schnappatmung und verfallen auch nicht in Monologe zu einer überall erkennbaren »Verrohung der Gesellschaft«.

Arbeitsmoral. Im nächsten Atemzug sollte dann gleich das Totschlagwort der »Deutschen Tugenden« genannt werden. Als da wären: Pünktlichkeit, Disziplin, Fleiß, Ordnungssinn, Sparsamkeit und Pflichtbewusstsein. In der Sprache von »My-Baby-Fussball-balla-balla«, übersetzt für die Dutzenden Millionen deutschen Trainer an den heimischen TV-Geräten: Laufbereitschaft, Einsatzwille, physische Robustheit und mentale Stärke.

Und alle nicken dazu verständnisvoll, von jung bis alt. Weil früher hatten die deutschen Mannschaften das. Den früher?

Da war alles anders.

Als Feind des Guten.