Das Corona-Tagebuch: Provinznotizen aus Deutschland Süd bei Südost (31): Kneipengespräch

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“Ich wüsste schon gerne, warum der Lewandowski damals zum Bayern München gegangen ist.”

“Des Geldes wegen. Weswegen sonst?”

“Der schönen Aussicht auf die Alpen bei Fön-Wetterlage vielleicht.”

“Oder er kam wegen der heilenden Quellen an der Staatskanzlei.”

“Heilende Quellen an der Staatskanzlei?”, ich schaute den Wirt zweifelnd an. “Heilende Quellen? Was für heilende Quellen? Wir sind hier in München”, hakte ich nochmals nach, mit einer Spur Tadel und Ungläubigkeit in der Stimme.

“Nicht? Keine heilenden Quellen? Dann hat man mich falsch informiert”, antwortete er lakonisch und zapfte mir ein neues Kölsch.

Die Eingangstür knarzte. Unsere Köpfe wandten sich der Eingangstür zu und erblickten zwei Polizisten, die eintraten. Der Wirt zuckte zusammen und auch ich versuchte mich kleiner zu machen.

“Was ist das hier?”, blaffte der erste.

“Corona-Party?” gab ich vorsichtig als Antwort zurück.

“Falsch!”, kam es postwendend vom zweiten zurück.

“Nu macht doch mal keinen Stress, Jungs. Zwei Kölsch? Aufs Haus oder wieder per Rechnung mit ausgewiesener Mehrwertsteuer an den Herrn Ministerpräsidenten?”

“Richtig. Zwei Kölsch aufs Haus für mich und zwei mit Rechnung für meinen Kollegen, bitte.”

“Nicht zu fassen: von allen Spelunken dieser Welt müsst ihr ausgerechnet in meine kommen. Wie isses denn da draußen?” fragte der Wirt die beiden.

“Der reinste Stress”, seufzte der erste, “immer dieser Zwang zum Abstand, dann die permanente Nachfragerei, wer wie welchen Grund triftig hat. Und dann immer die Jogger, die nie anhalten wollen. Da kommt man schon ins Schwitzen, wenn wir bei diesen immer dann nebenher rennen müssen.”

Nickend bestätigte der andere die Aussage seines Kollegen und griff nach dem Kölsch vor sich. Er schaute mich an und kniff dabei ein Auge zu, als er mir warnend zuflüsterte:

“Seien Sie vorsichtig, diese Stadt ist voller Aasgeier, voller dunkler Elemente, überall lauern sie einem auf.”

Ich zuckte gleichgültig mit der Schulter: “Politik interessiert mich nicht. Die Probleme dieser Welt gehören nicht zu meinem Ressort. Ich bin lediglich Gast einer illegal geöffneten Kölsch-Kneipe”, und blickte konzentriert auf mein Kölsch.

“Welche Nationalität haben Sie?”, schnarrte er mich an.

“Ich bin Trinker”, gab ich zurück.

“Aha, ein Weltenbürger also.”

“Vielleicht nicht heute, vielleicht nicht morgen, aber bald und dann für den Rest meines Lebens”, erwiderte ich leise.

Der erste seufzte und schaute den Wirt an: “So, jetzt kommen wir zum Bedauerlichen, was uns jetzt wieder bevor steht: wir müssen weiter. Die Corona-Regelverletzer aufspüren und mit Strafzettel versehen.” Er griff nach seiner Stange, trank sie leer und blickte den Wirt an.

“Hier, die Rechnung.” Der Wirt reichte ihm einen Bewirtungsbeleg

“Oh, bitte Herr Oberspielleiter. Das ist ein kleines Spiel, das wir hier spielen. Sie setzen alles auf meine Rechnung, ich zerreiße die Rechnung. Das ist sehr befriedigend”, zerriss den Beleg, lachte und verließ mit seinem Kollegen die Kneipe.

Ich schaute den Wirt ungläubig an. “Hab ich das jetzt nur geträumt? Sind die beiden jetzt wirklich gegangen, ohne einen Strafzettel wegen Verstoß gegen aktuelle Bestimmungen?”

Der Wirt zuckte mit der Schulter: “Tja, seit dem Freitag, den Dreizehnten im letzten Monat, seitdem alles mit Corona losging, seitdem kommen die beiden recht verzweifelt hier in meiner Kneipe rein, trinken vier Kölsch und zerreißen die Rechnung. Das reinste Minusgeschäft für mich. Ein echtes Problem. Unglaublich, nicht wahr.” Er hielt ein gerade frisch gespültes Kölschglas unterm Zapfhahn. “Hier in München hat jeder seine Probleme. Deine sind vielleicht zu lösen. Noch ‘n Kölsch?”

“Gerne. Nur, was wird jetzt aus uns?”

“Uns bleibt immer noch München aus den Vor-Corona-Zeiten.”

Meine Uhr vibrierte. Sie ging also doch noch. Ich strich paarmal übers Glas, um die Vibration zu beenden. 5:30 Uhr. Zeit zum Aufstehen. Der Fernseher war noch eingeschaltet und zeigte mir das Titelbild von “Casablanca”. Ich muss wohl beim Film eingeschlafen sein.

Kneipengespräch: Hashtag ‘Umweltsau’

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“Warum heulst du?”

“Ich?”

“Ich sehe da doch Tränen auf deinen Backen ins Kölsch laufen.”

“Ach?”

“Ja.”

Ich nahm mein Kölsch und betrachtete es genauer. Langsam verstand ich, warum es salzig schmeckte. Hätte ich eigentlich selber drauf kommen können.

“Und?”

“Und was?”

“Warum heulst du?”

“Ich habe in meinem Leben nie ein Auto besessen.”

“Nie? Wie? Seit mehr als einem halben Jahrhundert ohne eigenes Auto?”

“Ich habe auch keine Immobilie oder je eine besessen.”

“Nie? Biste Hartz Vier’ler, oder was?”

“Ich verdiene gut, bin Hedonist, keine Kinder oder alternativ Kinder-Patenschaften in der Dritten Welt, weder Frau noch Freundin. So isses.”

“Das ist allerdings ein dicker Hund. Aber es ist doch okay, wenn du schwul bist. Schwule sollten eh keine Kinder haben, denn da fehlt dann immer die Mutter.”

“Was?”

“Ich meinte, es gibt bereits eh genügend alleinerziehende Mütter, welche diskriminiert werden und dabei auch noch inzwischen Oma geworden sind.”

“Wie?”

“Nicht falsch verstehen, ich habe nichts gegen alleinerziehende Mütter. So im Spagat zwischen Kind und Beruf. Eine Scheiß-Situation.”

“Scheiß-Situation?”

“Ja. Nicht falsch verstehen. Nur, das ist doch Kacke. Man überlegt doch vor dem Bumsen, ob ich ein Kind gemacht bekommen möchte, oder etwa nicht? Seit wann gibt es Gummi und Pille, oder? Menschen sollten etwas Bildung haben, oder etwa nicht?”

“Was?!?“

“Boah, du verstehst mich komplett falsch. Diese Frauen haben ja immer auch eine Oma, die dann …”

“Was willst du mir erzählen?”

“Willst du noch ein Kölsch?”

“Was meintest du?”

“Also, du hast doch damit angefangen, dass du kein Auto hast.”

“Ja und?”

“Dann hast du auch keine Oma, oder?”

“Und deswegen bin ich schwul?”

“Hättest du als Babyboomer-Generationsangehöriger, also als Ü50iger, deine eigene Immobilie, deine eigene Frau, deine eigenen Kinder, dann hättest du auch deinen eigenen privaten Generationskonflikt mit den ‚friday-for-future‘-Kiddies. Du verstehst, Pubertätsprobleme. Denn nachher wollen die doch alle sein wie Papi oder Mami. Saturiert und wohl gelitten. Aber du hast dich dem ja wohl entzogen, nicht wahr.”

“Hallo? Ist dein Kölsch mit bayrischem Bier gestreckt? Tringst du Noagerl, oder was? Was erzählst du mir da für’nen verdorbenen Leberkäs?”

“Du hast doch Twitter, oder?”

“Ja.”

“Dann hast du doch auch den seit drei Tagen andauernden Shit-Storm wegen ‘Meine Oma ist ne Umweltsau’ mitbekommen.”

“Hab ich.”

“Und dann weißt du auch, was da gerade abgeht. Umweltsau Oma.”

“Okay, ich gestehe. Deswegen heule ich.”

“Ach.”

“Ja. Weil Omma nicht mit Doppel-M geschrieben wird. So wie es sich für Oppa gehört. Da geht ein Stück Kultur den Bach runter, auf den Rücksitzen der SUVs talwärts. So wie der Germanwings-Flug 9525 in den französischen West-Alpen, damals, direkt nach dem Urlaub.”

“Omma mit Doppel-M?”

“Immer mit Doppel-M. Mamma schreibt man schließlich auch mit Doppel-M.”

“Mamma mit Doppel-M ist aber die Brustdrüse und nicht die Mutter, woll.”

“Mir egal. Omma schreibt man gefälligst mit Doppel-M. Und wenn in ihrem Hühnerstall zuvor mit EU-Förderungsmitteln alle Küken geschreddert wurden, und die restlichen der älteren Geflügel zu Chlorhühnchen oder Brustfilets verarbeitet wurden, dann darf Omma auch im Hühnerstall Motorrad fahren, nicht wahr. Gleiches Umweltrecht für alle.”

Ich atmete kurz durch und fühlte mich ob meiner Argumentation voll logisch. Kurz starrte ich auf mein Kölsch und winkte darauf dem Wirt:

“Oberspielleiter, einmal zahlen, bitte. Kein neues Kölsch, aber Wechselgeld. Und nen Kölsch-Gutschein für meine Omma.”

Mein Nachbar starrte mich an und vermerkte schmallippig:

“Du bist ja nicht wirklich diskussionstauglich. Du hast ja nicht mehr alle. Kein Wunder, dass Deutschland sich abwirtschaftet. Bei der Diskussionseinstellung, die du an den Tag offen legst.”

Ich warf ihm einen scharfen Blick zu, ein Blick so scharf wie eine 50-jährige Rasierklinge halt sein kann:

“Weißt du, diese Twitter-Gockel sind Krähende auf den Gipfeln der eigenen Misthaufen. Und vergiss nie: Kräht der Hahn auf dem Mist, ändert sich’s Wetter oder es bleibt wie es ist. Allerdings kräht der Bauer auf dem Mist, dann der Hahn wohl im Urlaub ist. Und momentan ist nur gesichert, dass momentan nur einer keinen Urlaub hat: der Misthaufen.”

Ich legte den Zehner auf den Tresen.

“Wohin?”

“Ich hole meine Mudda aus Dortmund mit nem CarSharing-SUV nach München. Damit Omma und Umweltsau endlich eine Verbindung eingehen.”

“Du bist eine Ü50ige Umweltsau!”

“Du mich auch. Leck mich.”

Ich verließ die postfaktische Diskussion in meiner Kneipe. Die Lust draußen war klar und kalt.

 

Kneipengespräch: Ah, jetzt, ja, eine Insel, zwesche Pissjääl un Kackbrung

Koelsch

WhatsApp oder Kölsch, das ist die Frage an gegebener Ort und Stelle im “hier und jetzt”. Global lokal verbunden? Oder lokal global trinkend? Pissjääl oder Kackbrung? Kackbrung zwinkerte ihn das LED seines Smartphones entgegen. Pissjääl lachte ihn das Kölsch an. Unschlüssig starrte er wechselnd auf Smartphone und Kölsch.

Er entschied sich für das Smartphone. Bierernst war ihm momentan eh nicht. Wischend und tippend öffnete er die Chat-App.

“Hier scheint die Sonne”, las er.

“Hier auch”, tippte er zurück.

“Ach ja? Du bist doch garantiert in unserer Kneipe. Da scheint die Sonne? Aus dem Allerwertesten?”

“Wo bist du?”

“Kanaren-Insel. Südseite. 24 Grad. Strahlend blauer Himmel. Strand. Wasser plätschert zu meinen Füßen. Feinster Sand kitzelt meine Sohlen.”

“Kölsch-Kneipe mit nur Bayern-Kanaken. Himmelsrichtung egal. Kommen von überall her hier rein. Wollen alle nur Kölsch. 32 Grad hier drinnen, außen eh mehr. Dafür ist kein Himmel zu sehen. Wahrscheinlich eh milchig außerhalb. Innen drinnen handgeschnitzter Kneipentisch. Kein Wasser. Jon mr fott domet. Dafür frisches Kölsch. Prickelt und zischt, das es eine Freude ist.”

“Sackjeseech!”

“Du mich auch.”

“Doh ben isch fies vör. Hier hat es nur ‘Anheuser Busch’-Plörre.”

“Sei doch froh. In Afrika haben die noch nicht mal sauberes Wasser. Der eine Teil der Bedürftigen darf deren Tabletten vor dem Essen nicht mit Wasser zu sich nehmen. Das Wasser können die sich nicht leisten. Als Ausgleich kann der andere Teil der Armen dafür jene Tabletten nach dem Essen nicht einnehmen. Weil, Nahrung können sich jene anderen wiederum nicht leisten. Wird ja alles an der Börse gehandelt. Oder von EU- Regularien geregelt. Aber Müll, der ist günstig, unser Plastikmüll. Den verkaufen wir denen. Den können die dann für uns in den Weltmeeren versenken.”

“Zuviel Kölsch gehabt? Oder warum so böse?”

“Ich hab neulich rausgefunden, warum es in Bayern das Wort ‘Vollbier’ gibt.”

“Vollbier? Voll Bier? Voll in Bayern? Voll normal.”

“Früher also so bis zum 18. Jahrhundert gab es nur Dünnbier. Bier, aus Getreide mal schnell gebraut. War keimfrei und sauberer als Wasser.”

“Sicher. Das hat dann wohl auf die Gene der Bayern geschlagen. Jeden Tag zugelötet durch die Straßen Bayerns wanken. Kein Wunder, dass die restlichen Deutschen die Bajuwaren nur als Freistaatler akzeptierten.”

“Nö, nö. Das Dünnbier hatte nur so um die ein, zwei Prozent Alkohol. Das Bier für das Volk. Die waren nie nicht dauernd zugedröhnt.”

“Verstehe, daher konnte man damals auch mit zwei Maß Bier noch Autofahren können. Noch bevor Daimler den Wankelmotor mit software-gesteuerter Abgasregelung erfunden hatte. Und bevor die Bayrischen Motoren-Werke aus dem Nazi-Reich wie Phönix aus der Bierflasche zur Weltmarke aufstiegen. So wie damals Beckstein.”

“Ja, seine Tollität, der Herr von und zu und auf und davon Beckstein. Damals. Heute hat es Söder. Die Steigerung vom Seehofer. Hey. Vollbier war damals nur für die Reichen. Und irgendwann wurde es in den Massen produziert, wurde billiger, so wie die Handytarife, so dass es das Dünnbier fürs Volk verdrängte. Und bald wurde es dann in Maßen ausgeschenkt. Liberalitas Bavariae.

“Sicher. Du hast zu viel der Freizeit. Sich mit solchem Unsinn zu beschäftigen.”

“Trink du dafür nur fleißig deine ‘Anheuser Busch’-Plörre. Deren Reste werden momentan gesammelt und dann in Maßen beim Oktoberfest ausgeschenkt. Das internationale Volk der Besucher liebt es.”

Er starrt auf sein Display und wartete. Es tat sich nichts. Kein “Er schreibt …”, keine blauen Häckchen. Er zuckte die Schultern und widmete sich wieder seinem Kölsch.

’Prickel. Zisch. Gluckgluckgluck’, dachte er bei sich, als er mit schielendem Blick zuschaute, wie das Kölsch unter seiner Nase verschwand. Mag sein damals gestrenger Deutschlehrer noch die Comics als Untergang des Abendlandes verflucht haben, die ‘MAD’-Hefte, die jener von ihm konfisziert hatte, hatte er alle wieder zurück erhalten. Später hatte er erfahren, dass sein Deutschlehrer auch noch einen Nebenjob bei solchen Comic-Heften hatte. Zusätzlich auch noch bei der ‘Titanic’, heimlich, unter Pseudonym mitschreibend.

Jede Dekade kamen jene Spinner vorbei, die das Untergang des Abendlandes in irgendeiner kulturellen Errungenschaft sahen. Und ihrer Besorgnis Ausdruck verliehen. Sei es damals bei den Buchdrucker, sei es bei den ersten Journalisten, sei es bei den ersten Hedonisten, sei es bei Techno-Liebhabern, oder Internetnutzer, oder Smartphonenutzer, sei es bei anderen. Sowieso. Immer die anderen. Immer. Die anderen. Die waren immer Schuld. Immer. Schuld konnten aber auch wir anderen sein. Aber das war unfair. Weil, Schuld abladen verboten. Oder so. Oder nicht.

Er erinnerte sich an die 80er und 90er, als Musik einen internationalen Ausdruck der Kritik gefunden hatte. Simple Minds mit „Belfast Child“ oder „Free Mandela“, U2 mit „Bloody Sunday“, BAP mit „Kristallnaach“, Peter Gabriel mit „Biko“, Genesis mit „Land of Confusion“ oder „Band für Afrika“ mit „Nackt im Wind“ … oder … oder… oder… ihm fiel Pink mit „Dear Mr. President“ und Rammstein mit „Deutschland“ ein und verwarf seine Idee wieder.

Mit fester Hand vollführte er die zielgerichtete Landung seiner Kölschstange auf den Bierdeckel. Ein Versuch, ein Treffer, eine Landung, butterweich. ‘Der Adler ist gelandet’, dachte er sich noch und winkte dem Wirt zu. Apollo 1 war verbrannt und Apollo 11 lebte schließlich auch nicht als Eintagsfliege. Kommunikation ist alles, daher bestellte er mit ‘Houston, isch han a Problem’ sein nächstes Kölsch. Apollo-13-Gedächtnis-Trank. An Apollo 12.

Pissjääl & Kackbrung. Zeitgleich tauchten Smartphone-LED und Kölsch in seinem Sichtfeld auf. Halb interessiert griff er zum Smartphone. ‘Wenn schon Kommunikation, dann mit WhatsApp, hier redet eh keiner mit mir’, dachte er nur, als er wischte und klickte.

Ein Foto. Strandfoto. Obere Hälfte himmelblau und wolkenlos, schmaler türkisgrüner Streifen, wohlmöglich das Meer, davor gelegen ein dicker beiger Streifen, der Sandstrand, und ganz im Vordergrund zwei dicke Onkel, die Zehen seines Kollegen, links und rechts, leicht unscharf, weil wohlmöglich wackelnd. Ein Foto, geleckt wie von einer Postkarte.

Er seufzte. Urlaub. Das wäre etwas, was er gerne hätte, aber der war gestrichen. Krise, sagte der Chef mit ernstem Blick. Man müsse ein Drittel der Belegschaft entlassen und die Fertigung nach Ost-Europa verlagern, um Arbeitsplätze zu retten. Dessen Blick war kompromisslos und der Vortrag messerscharf wie eine Carolina-Reaper-Schote. Am Schluss forderte er jeden auf, kürzer zu treten. Schuld wären eh all die anderen vom Diesel-Gate. Er nickte gehorsam und unterzeichnete den neuen Arbeitsvertrag, der einen Lohnverzicht von 20% beinhaltete. Sein Arbeitnehmeranteil zur Sicherung der eigenen Lebensumstände. Nur fair. Der Arbeitgeber muss halt immer irgendwo mit dem Sparen anfangen.

Er blickte auf sein Display. Die App hatte ihre Nachricht aufgelegt. Unter dem WhatsApp-Bild die Nachricht:

“Oh!!!! Guckstu. Da hinten ein langes Schlauchboot mit vielen Leuten an Bord. Ist wohl vom Mittelmeer abgetrieben!”

Er tippte gelangweilt zurück: “Seh nix! Kauf dir mal n besseres Smartphone, du Hobby-Knipser.”

“Hm. Mist. Sehe gerade, abgesoffen, kurz vor meinem Foto. Das es die mit dem Kentern auch immer so eilig haben … wollen wohl in deren romantischen Freiheitsdrang nicht fotografiert werden. Schade eigentlich. Wird wohl nichts mit dem Preis ‘Foto des Jahres’ für mich dieses Jahr. Schnüff. …”

“Eigentlich nennt man so etwas ‘makaber’.”

“Wie? Abrakadabramakabar? Und uneigentlich?”

“Ist EU-gewollt. Keine Front. Front tunixgut. Weil besser ex, hopp und weg mit dem Problem.”

“Ich liebe FrontEx. Die haben so schöne Dinge zur Seenotrettung an Bord, die auch nach Jahren noch Neupreise auf dem Second-Hand-Markt erzielen. Weil noch nie benutzt.”

“Front ex. Hört sich nach Insektenvertilgungsmittel an. Ist hier nicht notwendig. Hat kaum Kakerlaken.”

“Wozu auch Kakerlaken, wenn das Volk eh schon aus Lakenkacker besteht …”

“Pass nur auf deiner EU-Insel der Glückseeligen auf! Wenn nur einer von diesen Flüchtlingen schwimmen kann, kommt der gleich an deinen Strand und schnappt dir die Bikini-Bräute wech!”

“Ach komm. Die beschweren sich doch hier andauernd, dass deren Männer eh so sind, wie die vor der Ehe versprochen hatte, danach nie zu werden.”

“Das ist wechselseitig. Oder kommen die aus dem Rheinland?”

“Hatte vor zwei Tagen ein Tête-à-Tête mit einer schwarzen Weiß-Russin. Der ging auch das Gebalzte der deutschen Männer und Frauen auf den Keks. Sie meinte, im Frühling sei’s besonders schlimm, drum ist’s ihr im Winter lieber. Allerdings hätte es für Deutsche von Brusthaartoupet bis Botoxmaske alle Angebote, aber die wären sich zu etepetete ihr Geld dafür auszugeben. Die geben ihr Geld lieber für Reklamationen und Beschwerden aus. Weil im Krieg und in der Liebe ist alles erlaubt. Und an Liebe glauben nur die Gutmenschen.”

“Weiß-Russin. Aha. Und zitiert auch noch Bonaparte. Apart. Du bist mein Held.”

“Jep, die hat mir sogar ihren grünen Reisepass gezeigt.”

“Echt? Der Russische Reisepässe sind EU-rot, westafrikanische grün.”

“Grüne hat es hier keine. Grüne gibt es hier nicht.”

“Ich weiß. EU-Polizeifarben wurden reguliert. Alle blau. Und immer zu zweit unterwegs. Weil, der eine kann nicht lesen, der andere nicht schreiben.”

“Hallo? Um Inklusion geht es hier nicht. Es geht um Minderheitenschutz, du Sexist. Streifen haben gemischtgeschlechtlich zu sein. Damit Frauen auch mal zum Schuss kommen.”

“Damit Frauen auch mal zum Schuss kommen? Und warum machen die dann Urlaub auf deiner Kanaren-Insel, bei all den Deutschen dort?”

Er starrte auf sein Smartphone. Die Häkchen wollten nicht blau werden. Er starrte intensiver, aber das Starren half nicht. Keine blauen Häkchen.

Stattdessen tauchte eine Meldung auf dem Display und erklärte seinem besorgten Beobachter, dass das Smartphone seine 40-Stunden-Woche bereits gesetzlich erfüllt hätte, dessen Akku nun leer sei und sich somit das Smartphone ins Wochenende verabschieden würde.

Das Display wurde schwarz. Schwarz hatte was. Einen Schimmer von Braun. Darin spiegelte sich sein restliches Kölsch gelb. Dazwischen der Bierdeckel als unbestimmte Insel des Landeflughafens für neue Kölsch. Zwesche Pissjääl un’ Kackbrung.

Er griff zu, führte seine Kölschstange zielgerichtet zum Mund und schüttete den Rest kompromisslos in seinen Mund, damit er den Hals voll hatte und dieser damit allein zurecht käme. Zeitgleich winkte er mit dem leeren Kölschglas dem Wirt:

“Herr Oberspielleiter, auf ein neues. Und bring mir das Akkuladegerät, bitte.”

Kneipengespräch: The day after – brennen muss Lady of Paris …

Sie brennt. Notre Dame, the Lady of Paris, brennt. Und wie sie brennt. Da sitzen sie nun da und glotzen. ntv. Der Wirt hat ntv geschaltet.

“Die Franzosen mal wieder. Kaum wird bekannt gegeben, dass gegen Winterkorn wegen den Abgasen bei VW ermittelt wird, zünden die vor Jubel gleich Notre Dame an. Wer sagt denen, dass Osterfeuer erst am Ostersonntag gezündet werden …”

“Das waren die Gelbwesten! Endlich mal ne Demo für die Abschaffung der Kirchen.”

“Vielleicht findet man ja einen Personalausweis vor der Kirche. Wir sind ja inzwischen aufgeklärt worden, dass muslemische Attentäter immer deren Ausweisdokumente am Tatort verlieren … man sollte jetzt mal die AfD-Twitter-Accounts verfolgen. Die haben doch immer solche Informationen als erste. Oder den Account von A. Schwarzer. Die ist ja auch immer voll im BILDe …”

“Wo saufen wir denn das nächste mal, wenn wir wieder nach Paris trampen?”

“An der Seine. Weil übernachten tun wir dann im Baugelände der Notre Dame. Und dann frühstücken mit Flics …”

“Wer rettet jetzt den Glöckner? Oder hat der sich schon wieder heimlich zu Esmeralda geschlichen?”

“Nicht der Glöckner. Sondern diesen Abend Grisu, der kleine Drache. Passend zur achten Staffel von Games of Thrones. Action!”

“Diese Live-Übertragung auf ntv. Da ist das Bild der brennende Kathedrale. Richtig ruhig gefilmt, viel ruhiger… einfach nur eine Einstellung … ungeheure Spannung … stürzt die alte Bude ein … bleiben die Glocken hängen. Aber kein Wort zum Glöckner und seine Esmeralda.”

“Der kommt erst in die Kamera, wenn jener Kessel mit erhitzten Pech auf die Feuerwehrleute kippt … ”

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Kneipengespräch: Kinderspiel

»Daten sind wichtig, Daten und Informationen sind die neue Währung. Ich kann Ihnen ein attraktives Angebot machen. Der DataFilius 2020, die Geheimwaffe, um endlich in Frieden zu leben. Sind Sie fromm?«

Er schaute von seinem Kölsch auf.

»Lammfromm.«

»Es kann der frömmste Mensch nicht in Frieden leben, wenn es dem bösen …«

»Nachbarn?«

»… nicht gefällt. Genau. Und genau dort setzt unser DataFilius 2020 an. Wir wollen doch alle in Frieden leben, oder etwa nicht?«

»Aber immer. Ich jedenfalls. Auch ein Kölsch?«

»Gerne. Da sind wir doch einer Meinung. Nichts schmeckt besser, als ein Kölsch unter sympathischen Menschen in netter Runde.«

»Nicht Nachbarn?«

»Sie müssen das mal pragmatisch sehen, mein Lieber. Jesus sagte bereits, liebe deinen Nächsten. Redete er dabei über Nachbarn? Ihre Nachbarn? Wer sind ihre Nachbarn? Es sind doch auch nur Menschen. Und als solche Subjekte können die einem das Leben schon ganz schön schwierig machen, nicht wahr? Menschen können furchtbar gefährlich sein. Der Mensch ist dem Menschen ein Wolf und somit sollten Sie sich ebenfalls vorsehen, dass Sie nicht unter Wölfe fallen. Wölfe sind nicht ihre Nächsten, das hat Jesus jedenfalls nie gesagt.«

»Der rechte Nachbar von mir, dessen Dackel hatte mir neulich vor der Garage geschissen und meine Frau wäre fast mit dem rechten Vorderrad ihres SUVs voll rein in die Kacke und die ganze Garage hätte eklig gestunken. Der Nachbar hatte uns nur den Stinkefinger gezeigt, als wir uns wegen dessen Mist-Töle beschweren wollten.«

Angewidert ob seines Erlebnisses nahm er einen Schluck aus seinem Kölsch und verzog sein Gesicht.

»Sehen Sie, und genau da setzt unser DataFilius 2020 ein. Zur Befriedung Ihrer Nachbarschaft. Wir installieren Ihnen an ihren neuralgischen Positionen Ihres Hauses kleinste, höchstauflösende Minikameras, welche jede Änderung und Bewegung registrieren, mit 256-bit-Verschlüsselung an den Server in ihrem Haus senden, und wird dort mittels der von uns mitgelieferten Software diese Daten per Akustik-, Objekt- und Gesichtserkennung auswertet.«

»Echt?«

»In Echtzeit. Darüber hinaus sammelt der DataFilius 2020 alle wichtige Daten ihrer Nachbarn ein, sowohl deren Internetsurfprofile, deren Bewegungsprofile über deren Handys, wenn die sich in verschiedene Sendemasten einloggen, und mittels deren Bankkarteneinsätze. Wir haben sogar eine Softwareroutine in dem Datenpaket eingesetzt, welche es ermöglicht festzustellen, ob auf deren Handys oder Computer bereits der Staatstrojaner installiert wurde. Falls ja, lässt sich dieser Vorteil zu ihren Nutzen verwenden. Sie werden herausfinden, ob der nerdige Sohn des Nachbarn im Internet Daten von Prominenten, Politikern und Schauspielern sammelt und zwecks Aufmerksamkeitsdefizit dann zur Adventszeit veröffentlicht. Selbst die Datensammlungen von Microsoft, Google, Apple, Amazon und anderen Online-Shops werden Ihnen offen stehen. Natürlich alles strengstens vertraulich nur. Denn jeder muss die DSGVO beachten, nicht wahr, ohne Ausnahme. Und wir auch. Wir sehen es als unsere höchste Aufgabe an, sicher zu stellen, dass Ihnen kein Unrecht widerfährt.«

»Ich will kein Ärger.«

»Werden Sie nicht haben. Ganz im Gegenteil. Sie werden erfahren, mit wem die Nachbarsfrau verkehrt, wenn der Mann arbeitet ist. Und ob der Mann auch ihrer Nachbarsfrau auch wirklich arbeite oder mit einer Mitarbeiterin in einem Münchner Motel Überstunden schnackselt. Und ob deren Tochter promisk ist und deren Sohn außer Computerhackereien noch andere Talente hat. Vielleicht spricht er gar russisch und steckt als Hacker mit Putin unter einer Decke.«

»Hacker sind alle von Russland gesteuert. Das weiß doch jedes Kind.«

»Sogar Prognosen sind mit unserem DataFilius 2020 möglich. Und das nicht nur zu Wetter, Börse und dem Ausgang von Serien wie IBES oder DSDS oder …«

»Lottozahlen?«

»Nein, Lottozahlen nicht. Lottokugeln haben kein Gedächtnis und verhalten sich daher irrational. Aber über das Verhalten von Menschen, Tiere und andere Naturgewalten. Alles lässt sich bequem auf ihr Smartphone senden, so dass Sie den Überblick über alle Informationen und Daten immer griffbereit in Ihrer Jackentasche haben. Und das alles schafft unsere hochpotente Software, welche wir auf dem ‘Raspberry Pi 3 B+’ als Server. Den können Sie sogar auf den Wohnzimmerschrank platzieren, da findet es niemals eine SEK mit Hausdurchsuchungsbeschluss.«

»Ich will aber nichts illegales.«

»Wer sagt denn, dass das illegal ist? Sie? Sie sollten sich selber nicht so wichtig nehmen, denn ansonsten kann unser DataFilius 2020 nicht für ihren Frieden in Freiheit garantieren. Denken Sie immer dran, es kann der Frömmste nicht in Frieden leben, …«

»… wenn der Nachbar eine vierbeinige Kotmaschine vor unserer Garage austreten lässt.«

»So isses. Sie haben es verstanden. Ihr Nachbar hat – nebenbei erwähnt – auch den DataFilius 2020 erworben, um mehr Frieden in Freiheit zu haben. Da sollten Sie nicht zurück stehen. Wäre irgendwie uncool, der einzige in der Reihenhaussiedlung zu sein, der zwar zwei SUVs hat, aber keinen DataFilius 2020.«

»Hm, ich muss doch nicht jeden Quatsch mitmachen. Allerdings will ich auch nicht mit der Nachbarschaft fremdeln, Außenseiter werden. Ich will doch nur meinen Frieden.«

»Schauen Sie mal hier auf mein Smartphone. Ich habe während unseres Gesprächs nebenbei ihre Daten an unseren ‘Raspberry Pi 3 B+’-Server bei uns im Office eingegeben. Und wissen Sie, unser Server hat sofort eine Alarmmeldung an mich geschickt, die ich Ihnen ausrichten soll.«

»Eine Alarmmeldung?«

»Höchster Dringlichkeitsstufe!«

»Und was ist die Botschaft ihres DataFilius 2020 an Sie für mich?«

»Ihr Nachbarsdackel hat wieder vor Ihrer Garage geschissen.«

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Zitat Aldous Huxley:

Der Glaube an eine größere und bessere Zukunft ist einer der mächtigsten Feinde gegenwärtiger Freiheit.

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Kneipengespräch: Dumm gelaufen, Ehrlicher!

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Er brabbelte vor sich hin. Nicht laut, aber störend.

“Hey, kannste mal damit aufhören, hier rumzubrabbeln?”

Er stirrte mich verwundert an. Wahrscheinlich schon im Dilirium Tremens. Ich seufzte und wollte mir gerade das nächste Kölsch bestellen, als er loslegte:

“Alles Clowns, alles Clowns. Alle miteinander. Sie schwätzen dir das Rosarote vom Himmel und wollen es dir als Sonnenaufgang verkaufen.”

“Stattdessen ist es wohl nur dein aufgehender Säufermond, woll”, versuchte ich zu kontern.

“Stell dir vor, heute hat man mir in der Firma erklärt, ich sei zu alt und zu erfahren für eine andere Position. Man würde lieber jemanden Jüngeren die Chance geben. Die wäre noch formbar, auch wenn sie keine Erfahrung hat.”

In meiner Tasche kramte ich nach den Ohrenstöpseln, die ich mir am Nachmittag aus einem Krankenhaus habe mitgehen lassen. WO hatte ich die nochmals hingesteckt? Innentasche der Jacke? Oder Außentasche? Weiterlesen

Kneipengespräch: Postfaktische Ostereier

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“Und?”

“Genau.”

“Aber?”

“Ich habe es noch nicht verstanden.”

“Dem Manne kann geholfen werden. Herr Oberspielleiter, ein Kölsch für den Grübler an meiner Seite!”

Der Wirt blickte nur kurz auf, polierte eine Kölsch-Stange, füllte sie und schob sie neben dem anderen halbvollem Kölsch und widmete sich danach einer anderen Stange.

“Bassemauff. Da ist auf der einen Seite der US-Milliardär Robert Mercer”, er schob das volle Kölsch direkt neben dem halbvollem, “und da ist Cambridge Analytica und so”, er nahm das volle Glas, schüttete etwas in das halbvolle. Von dem nun aufschäumenden fast vollem Glas schüttete er wieder etwas in das jetzt dreiviertel Volle. Beide schüttelte er noch vorsichtig und schon schauten die Kölsch wie frisch gezapft aus, “und beide sollen die amerikanische Wahl beeinflusst haben?”

“Ja”, der andere schaute auf die beiden schäumenden Kölsch-Stangen, “die haben über Facebook die Wähler manipuliert.”

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Kneipengespräch: Luftige Gedanken

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“Große was?”

“Koalition.”

“Und was ist davon das Gegenteil?”

“Kleinkrieg.”

“Geht alles nicht. Hört sich nach dicke Luft an. Geht gar nicht!”

“Wem sagst du das. Ein Freund hatte letztens einen Job in der Bauleitung am Flughafen BER offeriert bekommen. Im obersten Baucontainer dort.”

“Wow! So ein Job ist zukunftssicher. Job mit Aussicht. Bis zu Rente Vollbeschäftigung. Sofort annehmen.“

“Er hat abgelehnt. Stattdessen ist er zu den Stadtwerken gegangen.”

“Schlechte Entscheidung. Wenn demnächst eh jeder sowieso umsonst fahren darf, im öffentlichen Nahverkehr. Bekloppte Idee. Völlig hirnrissig.”

“Idee ist die Entlastung der Straßen. Das schafft mehr Platz für unsere SUVs und andere Pferdestärken.”

“Ja, sicher. Mehr Parkraum für die Autos. Weil, die Bürgersteige werden nachts bei Schnee und Regen leerer. Wenn die ganzen miefenden Penner und stinkenden Junkies dann U-Bahnen, Busse und Straßenbahnen nutzen und mit ihrem Gestank alles verpesten. Nur, klappt das nicht. Denn so kriegste die Leute nur ruckzuck zurück in ihre SUVs und Diesel-Edeldroschken. Damit schaffste ÖPNV-Abstinenzler. Und wer soll dann das alles wieder zahlen, wenn jeder umsonst fährt? Schwarzfahrer als Gegenfinanzierung fällt ja dann auch weg.”

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