Kneipengespräch: Das Bier und sein Meinungsreinheitsgebot

“Und? Wie isses?”

“Wie soll’s schon sein. Schlecht ist noch geprahlt.”

“Was ist so dringlich?”

“Unser Kölsch soll verboten werden.”

“Red’ keinen Müll.”

“Wenn ich es dir doch sage.”

“Unser Kölsch?”

“Es entspricht nicht dem deutschen Reinheitsgebot. Ich buchstabiere: ein rein, ein Heits, ein Gebot. Es geht um ein reines Lebensmittel. Es entspricht dem nicht. Sagen Biertrinker aus bayrischen Kneipen. Und nicht nur dort.”

“Nicht? Wie kann das sein? Es geht doch rein. Und das zugleich mit jedem Heitsgebot. Oder etwa nicht?”

“Kölsch ist nicht gesellschaftsfähig. Das Reinheitsgebot hat seinen Ursprung in Bayern, nicht in Köln. Das sollte jedem zu Denken geben. Zum Nachdenken.”

“Du machst Witze! Nachdenken über solche Seiten einer Meinung? Welche andere aufziehen wollen? Welche Interessen haben diese? Werden die von wem Speziellen dafür finanziert?”

“Kölsch widerspricht der bayrischen Bierkultur. Und weil das so ist, ist das jetzt ein gesellschaftlich missliebiger Faktor.”

“Hä? Kölsches Obergäriges ist nicht wie obergäriges bayrisches Weißbier zu beurteilen?”

“Es geht darum, welcher gesamtgesellschaftlichen Frage man Priorität einräumt, und wie man das dann gesamtgesellschaftlich löst. Dazu müssen alle Teile der Gesellschaft ihren Beitrag leisten. Auch mit Verzicht. Ansonsten steht eine Infizierung mit dem Kölsch-Virus als Gefahr für das bayrische Bier im Raum.”

“Du redest wie die Klimawarner. Hier geht es um Kölsch. Und nur um Kölsch. Und eben das hat seinen uneigennützigen Status in der einträchtigen Gesellschaft hinsichtlich des Reinheitsgebots.”

“Ein Vergleich mit solidarischem Verhalten bezüglich dem Reinheitsgebot ist absolut treffend. Die Bayern haben dazu eine eindeutig eherne Meinung. Es ist das, was man hier und heute am Tresen besichtigen kann. Das Kölsch in dünnen Stangen-Gläsern versus das bayrische Bier in stabilen Willy-Becher-Gläsern. Das bayrische Bier macht mehr her.”

“Aha.”

“Die Warnung vor dem Kölsch erinnert total an reine Panikmache. Hier wird der Konsum lediglich versucht, durch Angst und negative Gefühle komplett negativ zu beeinflussen. Ohne wissenschaftlich erwiesene Hintergründe, für die man nicht nur ein halbes Jahr analysiert haben muss. Der Bierkonsum und der Kölschkonsum sind gesellschaftlich verankert und bestehen schon länger als nur ein paar Monate. Und eben darum: Ich lass mir nichts verbieten. Ich lass mir meine Freiheit beim Bierkonsum in Bayern nicht einschränken.”

“Aber es gibt genügend Menschen in diesem Lande – und auch in Bayern -, welche Kölsch nicht als Bier klassifizieren. Sondern als pissgelbe Brühe. Menschen, die sich dem sogar vehement verweigern, um deren Gesundheit nicht zu schaden.”

“Ja, ja, jene Sonderlinge mit der Meinung, sie wären es nicht gewesen, Kölsch getrunken zu haben, weil sie nur echtes Bier trinken würden. Maximal waren es immer nur die anderen. Ich kenn keinen, denen ein ehrliches Kölsch nicht geschmeckt hat. Und die, die einmal ein Kölsch ganz unbefangen gekostet hatten, die konnten nicht klagen. Kölsch ist kein Grund sich zu beklagen. Und für die Bayern wird es wohl nicht so schlimm sein.”

“Na gut. Mich trifft’s nicht.”

“Eben. Alles übertrieben. Dass Kölsch kein Bier sein soll, das ist wissenschaftlich nicht erwiesen. Irgendeiner hat’s in die Welt gesetzt, um Kölschtrinker zu unterdrücken. In Wahrheit geht es lediglich darum, Biertrinker zu mainstreamen, zu manipulieren. Des Biertrinkers ehrliche Meinung soll auf perfider Weise unterdrückt werden. Man will die Bayern nur als bierdimpfelnde Mitmenschen vor deren Maßkrug. Intelligente Menschen vor einer Kölsch-Stange in Bayern, das will niemand. Das ist nicht Mainstream. Und der Mainstream unterdrückt diese Wahrheit. Oder hat der Mainstream jemals darüber berichtet? Aus Bayern?”

“Wie du meinst.”

“Ja, so etwas ist lediglich ein offensichtliches Machtinstrument. Ehrlich. Ich hab keinen Bock auf Verzicht. Ich hab auch ein Recht, durch die Welt zu fliegen und Bier zu trinken, wo ich will, wann ich will und mit wem ich will. Kölsch ist sozialer Klebstoff und bringt Menschen eng zusammen. Meine Freiheit ist mein wichtiger sozialer Bier-Fußabdruck in dieser Gesellschaft. Aber da wollen mich wohl ab jetzt die Oberen disziplinieren und reglementieren. Das lass ich nicht zu, dass jene meine Grundrechte einschränken. Sie wollen uns beherrschen. Mit einem Verzicht-Diktat. Mit dem Reinheitsgebot, welches wissenschaftlich gar nicht erwiesen ist.”

“Reden wir nicht lediglich übers Kölsch?”

“Ja. Und über die Leute, die Kölsch und deren Befürworter aus unerfindlichen Gründen falsch beurteilen und deren Meinung mit diktatorischen Mitteln unterdrücken. Oder hast du schon mal jemand im Paulaner-Garten Geschichten über Küppers-Kölsch erzählen gehört? Das ist doch Meinungsdikatur!”

“Echt. Könnte man den Kölschkonsum nicht für sieben Monate mal untersagen, um festzustellen, ob Kölsch wirklich so wichtig für jedermann ist? Es gibt ja auch noch andere obergärige Biersorten.”

“Wie bitte? Du redest gerade über eine Dimension von jetzt ab sieben Monaten. Kölsch wird nichts sein, worauf man nach sieben Monaten Einschränkung keinen Bock mehr haben wird. Kölsch wird es auch noch geben, wenn man es jetzt verbieten wird. Somit ist so ein Verzicht unbegründet und die Forderung danach nichts als pure Meinungsdiktatur.”

“Äh? Wie? Was?”

“Nichts wird Kölsch per Gesetz verbieten können. Die Leute würden es privat im Keller brauen und in der Gesellschaft klandestin verteilen. Kölsch wird immer sein und nicht ausrottbar sein. Das ist Fakt. Somit ist ein Verbot nichts, was des Volkes Meinung entspricht und was man als Wahrheit zu akzeptieren hat. Und das wird man wohl noch sagen dürfen, oder? Oder ist diese Meinung inzwischen auch schon verboten?”

“Äh, Moment mal. Sich künstlich aufregen und sich laut empörend auf deiner teils abgekupferten und teils selbstgebastelten Argumentation zu berufen, dich dann in Folge beklagend, dass du nicht mehr sagen könntest, was du sagen wolltest, was aber ansonsten eh niemand hören wollte, das ist schräg. Lost. Und dann gar irgendetwas zu sagen oder auch hanebüchen zu fragen, also etwas auf jeden Fall total Provozierendes raus zu hauen, um sich dann als Messias der von dir als Unterdrückten definierten Gesellschaft zu gerieren, weil man als Tabubrecher sich hinstellt, … also, das ist rhetorisch einerseits geschickt, aber andererseits vollkommen mies. Als jemand, der vorgibt, tiefer nachzudenken, so wie du es vorgibst, also mehr zu nachzudenken als jene apostrophierte ‘Null-Acht-Fuffzich-Michel des Mainstreams’, welchen man unterstellt nur zwischen Zwölf und Mittags gedanklich etwas tiefer als die eigene Nasenspitze tauchen zu können, und sich damit sogleich den Orden des gerechten Widerständlers zu verleihen, also mal ehrlich: das ist der wohl kalkulierte, zukünftige Scheisshaussturm für die nicht eigenen Echokammern auf Twitter, Facebook und Instagram. So ein Scheisshaussturm als aufgewärmter Darmwind des eigenen Unverdauten, also, einer, der schlecht im Wasserglas riecht und sogar damit Tote aufwecken müsste, aber als Sturm taugen soll? Also mal ehrlich. Und das alles nur, weil eben jene anderen mit einem schlechten Witz ein angebliches Tabu brechen, um als Helden zu gelten, womit sie im Walhalla der Heldentaten einen Lufthauch von Heldentum aus dem Marvel-Universum an deren Riechkolben vorbeigeweht haben wollen?”

“Hm. Was hast du gesagt? So viele Worte um nichts. Das macht mich pessimistisch, dass die Menschheit so etwas überhaupt verstehen könnte.”

“Davon kannst du ausgehen.”

“Sicher dat.”

“Kölsch?”

“Gerne.”

“Biergartenrevolution?”

“Schon wieder eine in München?”

“Hast recht. Es hatte derer bereits eine in München. Lass stecken. Zuviel davon verdirbt den Mainstream-Charakter.”

“Ja,ja, der Mainstream. Er verdirbt die Menschen. Prost.”

“Jawohl, hast Recht, du Thanos für geistig Arme. Prostata.”

Kneipengespräch: Zwischen Salzgebäck und Bier (2)

DSC00267“Sach mal du, bei all der Begeisterung für unser Kölschgespräche hier, die du hemmungslos im Internet veröffentlichst wie beim letzten Mal (hier), ich muss dich mal was fragen: Findest du nicht auch, dass man in deinem Blog nicht mal auch so aktuellere Themen bearbeiten sollte? So etwas wie den neuen SPD-Kanzlerkandidaten der SPD zum Beispiel.”

“Den neuen SPD-Kanzlerkandidaten der SPD?”

“Wo ist jetzt genau dein Problem?”

“Na, also, na, im Unterschied zum Humor in Deutschland, also der neuen SPD-Kanzlerkandidaten der SPD … wie soll ich das jetzt auch sagen. Du stellst mir aber auch Fragen. Herrgottnochmal, so zwischen Salzgebäck und Bier, also ehrlich …”

“Aber jetzt mal ne persönliche Frage: wovon fühlst du dich mehr bedroht? Vom Olaf Scholz oder dem alten Trinkspruch?”

“Du meinst den, wo man das Kölsch in einem Zug leert, dann rülpst, sich dann mit dem Daumen der rechten Faust auf die Stirn drückt, ‘Scholz’ ruft und dann sein Gegenüber ein Stirnklatscher versetzt?”

“Feuer, Eis und Dosenbier.”

“Schulz!” (hier)

“Falsch. Nicht der Martin, sondern der mit dem O. Der Olaf, der Scholz, der Olaf Scholz. O. O. O. Nicht ‘u’. Du hängst der Geschichte vier Jahre hinter her! ‘O’ statt ‘U’! Der andere Vokal ist nun dran.”

“Echt?”

“Echt.”

“Aber das Kölsch schmeckt immer noch so wie vor vier Jahren.”

“Hm.”

“Zeitmaschine?”

“Eindeutig. DeLorean würde ich sagen.”

“Ich dachte, dass wäre das Auto der anderen. So mit Flux Kompensator und mit Lottoheft in der Hosentasche.”

“Du redest von der FDP?”

“Nein, ich rede von ‘Zurück in die Zukunft’.”

“Okay. Piratenpartei.”

“Eher Republikaner.”

“Echt?”

“Nö.”

“Stößcken.”

“Prost.”

“Wo eine Kölschstange, da ein weg.”

“Wo eine volle Stange, da eine Leere.”

“Wo eine Leere, da ein Wille. Oberspielleiter, mach mal zwei neue!”

Der Wirt schaute kurz auf, räumte die geleerten Stangen weg und stellte zwei frisch schäumende Stangen Kölsch auf deren Deckel.

“Was ist das Bedeutendste für dich in den letzten sechs Monaten?”

“Meine Scheidung. Und deine?”

“Am letzten Freitag, den 13ten, füllte ich einen Lottoschein aus. Am nächsten Tag wurde gezogen und danach hüpfte ich Lotto-King-Karl-gleich durch die Straße.”

“Wie viel?”

“Zwei Träger Augustiner Bier inklusive Pfand im Sonderangebot. 34 Euro.”

“Kein Kölsch?”

“Ich söder halt mal gerne.”

“Ich söder, du söderst, er, sie, es södert, wir södern, ihr södert …”

“Genau, Ihr södert. Södern tun immer die andern.”

“Der hat seinen Nordseeurlaub abgesagt. Zu viel Söderismus im bayrischen Gesundheitssystem. Einfach zu latschert der Söderismus in Bayern.”

“Echt jetzt? Das Öcher Prentejeseech hat Bayern durch die Hintertür intubiert?”

“Hast du gesagt, in den Arsch gekrochen? Niemand benötigt Sauerstoff in den After zum Überleben gepudert.”

“Rektal gepudert? Hab ich gesagt?”

“Nö.”

“In NRW gab es Corona-Zentren wegen Billiglohnkräfte in der Schlachtindustrie.”

“Böse, böse, böse. Geht gar nicht. Genozid an den Tieren. Bestraft halt die Natur.”

“In Bayern gab es Corona-Zentren wegen Billiglohnkräfte in der Gemüseindustrie.”

“Böse, böse, böse. Geht gar nicht. Weil Genozid der Natur am Menschen, äh, also, … ich meine, … Zufall … Besteht da ein Zusammenhang zwischen Veganismus und Karnivorentum? Fleischfresser und Hildmann sind doch die Leuchtfeuer des Anti-Pazifismus, oder“

“Weiß man’s? Ich sag nur eins: södern erklärt alles und macht alles unwichtiger.”

“Dein Kölsch geht zur Neige.”

“Der Krug geht zum Brunnen …”

“… bis er nachbestellt. Herr Oberspielleiter! Zweimal Durststiller aus Köln, bitte!”

“Du, ich habe festgestellt, dass Durst antipropotional zu Heimat ist.”

“Heißt?”

“Je mehr Heimatgefühle, desto weniger Durst.”

“Hä?”

“Genau.”

“Ach so. Durst bindet.”

“Ja. Brauerei-Prinzip. Durst ist schlimmer als Heimweh.”

“Berger-Logik.”

“100 Jens-Punkte für den Nachdenk-Kandidaten. Das ist doch mal einen Schluck aus dem Promilleglas wert, oder?”

“Wolln ma exen?

“Unsere Stangen?”

“Und das Bäuerchen?”

“Jedes geextes Bierchen, sein tönendes Pläsierchen. Et kütt wie et kütt.”

“Na denn. Ex, hopp und weg. … Schulz!”

“Scholz, du Depp!”

“Mein Daumen schmerzt. Ich glaube, ich hab mir gerade beim ‘Schulz’-Rufen den Daumen an der Stirn gebrochen!”

“Echt? Willkommen in Club der linken Knochenbrecher. Warum sollte es dir besser gehen als der SPD beim Kanzlerkandidaten-Ernennen. Solange nur der Daumen bei Hoch-zeigen bricht und nicht beim Hinweisen auf Nachdenkfehler … Also drum! Prostata!”

“Wohl wahr. Deiner Worte sind ein Exen einer Stange würdig. Also, Prost.”

“Auf Söder, Scholz und Schneewittchen, welche durch den Kuss von einer der beiden erlöst werden will.”

“Lass doch mal die Politik hinter Wegs hier.”

“Geht auch ein unpolitischer Zungenkuss?”Dreigestirn

“Okay, ausnahmsweise, aber nur ohne viel Speichel und mit Gesichtsmaske. Auf das Kölsche Dreigestirn vor uns. Voll, halbvoll und ganzganz klitzekleinwenig voll. Statusreport einer Diskussion. Prost.”

“Dito!”

.

Kneipengespräch: Der schwarze Peter … und wenn er kommt, dann laufen wir …

Am Tresen mit Koelsch

Seit geschlagenen sieben Minuten wimmerte er in sein Kölsch hinein. Er war mir zwar entfernt, aber ich hörte es trotzdem und – das Schlimmste dabei war – ich musste es ertragen.

»Oje, oje, oje.«

Dann nahm er einen Schluck aus seinem Kölsch starrte für knappe 40 Sekunden Löcher in die Luft über der Theke, wimmerte erneut und dann wieder:

»Oje, oje, oje.«

Ich bin ja ein geduldiger Mensch, ein wirklich sehr toleranter Bürger, einer mit dem man auch Pferde stehlen kann, wenn sie niemandem gehören und es zudem legal ist. Aber das sprengte nun doch den Rahmen jeglicher Toleranz.

Nachdem er mit seinem Blick erneut ein Loch mit seinem leeren Blick über der Theke gefüllt hatte und es mit seinem »Oje, oje, oje«-Kit zugeschmiert hatte, riss mir mein eherner Geduldsfaden.

»Sag mal, hast du zuhause keine Klagemauer an der du dein ‘Ojeojeoje’ ablassen kannst? Muss das ausgerechnet hier sein? Das ist ja schrecklich.«

Ich erwartete, dass er mich verblüfft anstarren würde. Aber nein, in seiner Arroganz stierte er weiterhin auf seine Kölsch-Stange und ließ lediglich einen tiefen Seufzer ab.

»Was ist nun, Menne? Etwa weiter rumjammern oder mal ein wenig Kneipenkommunikation anstrengen?«

Der Wirt stellte uns beiden jeweils ein neues Kölsch hin und warf mir einen verwunderten Blick zu.

»Was ist, Herr Oberspielleiter? Mir geht dieses typisch deutsche Gejammere auf den Sack. Immer nur jammern, aber nie das Maul mal aufmachen, um Tacheles zu reden.«

Der Wirt warf mir einen warnenden Blick zu: »Stimmt, ich bin der Oberspielleiter. Und du stehst vor der ersten Gelben Karte. Benimm dich.«

»Ach, geh doch Kölsch einlassen und lass uns in Ruhe!« Ich schaute den Theken-Seufzerer an: »Und? Was ist? Was hast du zu seufzen und zu wimmern?«

»Ich bin Rassist.«

»Ist ja gediegen. Woran machst du das fest?«

»Ich habe den Schwarz-Weiß implizierten Assoziationstest der Harvard Uni gemacht und das Ergebnis war, dass ich eine ausgeprägte Bevorzugung von Weißen gegenüber Schwarzen habe.«

»Was für ein Test? Einen implizierten Assoziationstest? Was soll denn der Schwachsinn sein?«

»Ich habe auch den Homosexuell-Heterosexuell implizierten Assoziationstest gemacht. Ich bevorzuge Heteros moderat vor Homos.«

»Wow. Wer hat den Test entwickelt? Jens Spahn mit Herrn Drosten beim gemeinsamen Virusforschungsumtrunk?«

»Nein, eine indisch-amerikanische Soziologin, ein grauhaariger weißer und ein anderer weißer Yale-Soziologiemensch.«

»Typisch, zwei Weiße und eine Quotenfrau, die auch noch farbig ist. Und die sollen Garanten dafür sein, beurteilen zu können, was und wer Rassist ist? Mit einem Test auf Basis von Assoziationen? Das ich nicht lache!«

»Habe ich anfangs auch. Jetzt nicht mehr.«

»So ein Quatsch. Nur weil so eine Indien-Tussi eine Idee hat, und damit zwei Männer bezirzt, ist das nicht Wissenschaft. Das ist so wie das Triumvirat Drosten-Spahn-RKI.«

»Du hast es nicht verstanden.«

»Doch!« Ich klopfte energisch mein Kölsch auf die Theke. »Doch habe ich! Nur weil ein paar Spinner meinen, uns in Angst und Panik zu versetzen, nur um uns die Luft in der Demokratie zum Atmen zu nehmen und die Atmungsorgane als potentiell lebensbedrohlich einzustufen. Dabei ist wohl die Sterbequote des ganzen nur 0,6% gemessen an der Weltbevölkerung! 0,6%! Das musst du dir mal über die Zunge gehen lassen. Und dafür all die Angst und all den Schrecken, den diese Trinität verbreitet. Das ist doch ein Skandal.«

Mein Atem ging schwer. Zu reden ohne Luft zu holen, ist nicht einfach. Aber die Wahrheit musste raus. Und das Kölsch rein. Ich setzte an und machte es mit einem Schluck nieder. »Oberspielleiter, neues Kölsch!«

Der Wirt schaute mich an: »Noch einmal und du hast die Gelbe Karte. Maat ens höösch.«

Meine Augenlider gingen auf Halbmast. Das Wort verbieten lassen, das musste ich mir nicht gefallen lassen. Als mündiger Bürger nicht. Ich nicht.

»Oje, oje, oje.«

»Ach, du schon wieder. Vergiss diesen Harvard-Assoziationstest-Scheiß . Die haben doch keine Ahnung, diese Wissenschaftler. Die schweben doch Kilometer über dem Boden und reden von Bodenhaftung wie die Politiker. Wie hat schon Einstein richtig bemerkt: ‘Wenn man mit dem Mädchen, das man liebt, zwei Stunden zusammensitzt, denkt man, es ist nur eine Minute; wenn man aber nur eine Minute auf einem heißen Ofen sitzt, denkt man, es sind zwei Stunden – das ist die Relativität.’ Und jetzt wollen die uns erzählen, die wären in dem Besitz der absoluten Wahrheit, diese Drostens und so? Die wollen uns doch nur ins Bockshorn jagen, in jenem Horn, auf dem die uns das Lied vom Tod vor flöten. Nur verängstigte Bürger sind brave Bürger für die da oben.«

»Oje, oje, oje«, seufzte er schon wieder, »ich bin der Sohn von Weißen, ging in den Kindergarten von Weißen, meine Schullehrer waren Weiße, meine Vorbilder waren Weiße und alle haben mir erklärt, wie schön das Leben von uns weißen Menschen ist und wie dreckig und elend die Nicht-Weißen leben. Und dann soll ich kein Rassist sein? Und dann soll ich den strukturellen Rassismus nicht stützen und davon gefeit sein?«

»Was?«

»Ich bin doch geprägt von einer weißen Kultur von Kindesbeinen an. Und dann soll ich kein Rassist sein? Bislang dachte ich, dass ich es nicht wäre. Dass ich meinen Rassismus unten im Keller eingesperrt hätte, so wie ein wildes Tier. Ganz tief unten. Und somit kein Rassist wäre. Dachte ich. Nur der im Internet aufrufbare Test wies mir das Gegenteil nach.«

»Aber diese von der Industrie bezahlten Günstlingswissenschaftler …«

»Der einzige nicht-weiße Mensch in meiner Jugend war der katholische Priester aus der zentral-afrikanischen Diaspora. Wir hatten bei der Kommunion immer insgeheim kritisch kontrolliert, ob es stimme, dass schwarze Priesterhände nicht auf Hostien abfärben. In unserer Gemeinde waren bereits die Evangelen die Randgruppe mit gesellschaftlich, weil religiös seltsamen Ansichten. Nicht-Weiße waren aber die erklärten Nickneger der Gemeinde.«

»Aber jetzt übertreib mal nicht. Ich habe auch in einem erzkonservativen, münsterländischen Dorf meine Jugend verbracht. Und hat es mir geschadet? Nein. Überhaupt nicht! Ich bin weder Rassist, noch Macho. Trotz all der Männer und Weißen und Schullehrer. Aber ich habe mir eine kritische Distanz zu den angeblichen Göttern der Wissenschaft erarbeitet, die ja alle nur im Dienste …«

»Ich hatte immer meiner Freundin, einer Mulattin, vorgeworfen, sie wäre Rassistin. Aber ich bin ja auch nicht besser.«

»Diese Mischlinge, also jene nicht weiß, nicht schwarz, die sind eh die größten Rassisten. Das hat man damals schon in Südafrika unter Pieter Botha gesehen. Die waren noch größere Rassisten als die Weißen. Da sind wir ja die reinsten Engel, während jene komplett rabenschwarze, grausame Ansichten unter deren brauen Haut haben. Da ist das, was ja andere versuchen als Rassismus zu geißeln, in Wahrheit das reinste Gold.«

»Das interessiert mich aber nicht. Wir hatten in unserer Grundschule einen Peter, der hieß der ‘Schwarze Peter’, weil wir ihm immer die Sündenbockrolle zugeschoben hatten.«

»War er dunkel-pigmentiert?«

»Nein, er hatte damals mal vor vierzig Jahren gesagt, dass auch schwarze Menschen Menschen seien und unsere Vorfahren alle auch mal schwarz waren.«

»Und?«

»Wir haben ihn danach dauernd gehänselt und gemobbt. Denn wir waren der Überzeugung unsere Vorfahren waren Adam und Eva und beide waren Weiße. So wie Gott und Jesus und Maria und der Heilige Geist. Der Peter bekam nach seiner Aussage vor der Klasse nur noch den ‘Schwarzen Peter’ zugeschoben. Sogar der Lehrer fand seine Aussage bedenklich.«

»Ach komm! Erzähl doch nicht so einen Schwachsinn. Das hast du dir doch jetzt gerade aus den Fingern gesogen. Und gleich erklärst du auch noch, dass Drosten und Co.KG alle Recht haben. Ich hab dich durchblickt, verzäll nix!«

Ich nahm mein Kölsch, leerte es in einem Zug, hielt es dem Wirt entgegen: »Passt so?«

Der Jammerlappen schaute mich zum ersten Mal direkt an. Ich erwartete einen provozierenden Blick, einen ironischen oder so etwas in der Art. Aber es war wohl der gleiche leere Blick, mit dem er seine in die Decke gestarrten Löcher gefüllt hatte.

»Ich verzäll nix. Aber der Test hatte recht. Nur erzählt mir jeder das Gegenteil, dass ich dem Test nicht trauen solle. Aber ich traue mir und meiner Erkenntnis. Ich habe erkennt, dass ich Rassist bin.«

»Und macht es dich zu einem besseren Menschen, weil du es erkannst hast? Besser als mich? Das glaubst du doch wohl selber nicht! Das ist reine Hybris. Narzissmus der besonderen Art!«

»Das ist es ja eben. Es geht nicht ums reine Bewerten, sondern ums Ändern und Verbessern. Bewerten kann jeder, aber es geht ums strukturelle und was jeder daraus macht.«

Ich musterte ihn von oben bis unten. Eine Gestalt entsprechend seinen Äußerungen. Unaufgeklärt und unmündig. Ein Fähnchen im Wind, aber eben darauf gerade heraus als Qualitätsmerkmal pochend: »Klar. Verstehe ich komplett. Dir geht’s lediglich ums Vergleichen mit anderen. Du bist neidisch auf jene, die von sich sagen, sie wären weder rassistisch, machistisch oder sexistisch. Deutsche Neidkultur. Typisch mal wieder. Die typische deutsche Neidkultur. Niemand gönnt niemanden etwas. Es nervt langsam, das zu hören. Echt jetzt!«

»Typisch deutsch ist ‘typisch deutsch’ zu sagen«, warf er mir eine lakonische Bemerkung wie ein Knochen hin.

»Ach ja?«

Er zog aus seiner Tasche eine schwarze Maske, zog sich diese über Mund und Nase und warf mir einen Blick zu, der mich wohl provozieren sollte.

»Weißte was, du Pimpf?« herrschte ich ihn ungehalten an, »du kannst mich nicht provozieren mit deiner Maske. Du willst mir sagen, dass ich ansteckend bin, nicht wahr, Covid positiv. Ein Virus der Gesellschaft. Aber das ist Quatsch. In meiner Umgebung sind alle clean. Und ich auch. Und alle um mich herum auch. Da wetten ich jeden PCR-Test drauf. Da kannste tausend Masken tragen. Du kannst mir keine Angst einjagen. Weder du die RKIS, die Drostens und Spahns. Die da oben wollen das doch und dich en top als nützlichen Idioten haben. So wie es von oben geplant ist. Um uns zu verblöden. Gegen so etwas bin ich immun. Komplett. Ich kann selber denken, du regierungsopportunes Arschloch!«

Etwas Gelbes drängte sich in mein Gesichtsfeld. Ich schaute irritiert zur Seite. Der Wirt hielt mir einen gelben Karton vors Gesicht.

»Was?«, fragte ich irritiert.

»Du bist jetzt still. Oder du gehst nach Hause. Meine Gäste beleidigen geht gar nicht!«

»Ach ja? Aber der hat doch angefangen!«

Der Wirt blickte mich ernsthaft warnend an. Das musste ich mir nicht antun. Ich warf einen Zwanziger auf die Theke und verließ das Lokal.

Provinznotizen aus Deutschland Süd bei Südost (5): Kneipengespräch und Ringo Starrs Trommelsolo

Am Tage des 16. März 2020. Der Start eines vergeblichen Versuchs eines Corona-Pandemi-Tagebuch.

Pandemi. Pandemi? Wie schreibt man Pandemi?

Mit “i” am Schluss oder mit “ie”? Google? Duden? Blog-Leser?

Deutschlehrer? Nachdenkseiten? Wikipedia?

Meine eigene Intelligenz?

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Koelsch

“Du hier?”

“Ja. Nicht in Hollywood.”

“Das ist ja toll. Hollywood ist down under, helter skelter, alle in CoVid-19-Torschusspanik nach Verlängerung und Unentschieden.”

“Ach ja?”

“Ja.”

“Jaja.”

“Du mich auch.”

Der Wirt schaute mich an: “Noch ein Gin Tonic?”

Ich nickte. Mein Nachbar blickte erstaunt auf und mopperte:

“Typisch, Schickimicki München. Statt ein gutes Kölsch, jetzt nur noch Luxus-Getränke.”

“Für jeden Gin-Tonic muss ich vier Kölsch trinken, um auf den gleichen Effekt zu kommen. Und Gin-Tonic macht keine Darmprobleme.”

“”Jaja, sagen alle. Entgegen besseren Wissens. Kölsch macht sozial, Gin-Tonic elitär”

“So, so, was du wolle?”, ich versuchte meinen Worten einen tödlichen Blick hinzuzufügen. Aber irgendwie gelang mir dieser SUPERMAN-Blick nicht. Es war eher ein Bad-Boy-Blick. Ohne Effekte, ohne Wirkung.

“Entgegen besseren Wissens.”

“Du mich auch.”

Ich schaute auf meinen Gin-Tonic und in meinem Kopf bildeten sich Gedankenbilder. Abstrakt, aber konkret. Konkret abstrakt. Abstrakt konkret. Eine Art Impressionismus des neuen Jahrtausends. So wie Nolde damals. Emil. Nolde. Im letzten Jahrtausend.

“Was macht die Baustelle vor deinem Fenster?”

“Baut vor sich hin.”

“Baut vor sich hin?”

“Seit drei Wochen passiert nicht mehr viel. Entweder gibt es keinen Termin zur Bauabnahme oder die Bauherren haben Finanzknappheit.”

“Das ist schlecht.”

“Keine Ahnung.”

Ich schaute auf mein Gin-Tonic-Glas. Kondenswasser hatte sich außen gebildet. Darin unterschied sich Kölsch nicht von Gin-Tonic. Inhaltlich dafür um so mehr.

“Und sonst so?”

“Leck mich!”

Ich mochte noch nie diese allgemeinen Anfragen wie ‘Und sonst so’ oder ‘Alles gut’. Für mich die Gesprächskiller par excellence. Aber da stehe ich wohl dem gesellschaftlichen Gedanken diametral gegenüber. Wenn der Reinländer sein ‘Wie isses?’ raushaut, dann will er ein ‘Joot‘ hören und nicht, dass du gerade mit deiner Frau über die Ablage von getragenen Slüppers diskutierst und zur Klärung einen Rechtsbeistand angedroht hattest. Oder dass der Nachbar im Haus nebenan dauernd die TOTEN HOSEN über Zimmerlautstärke hört, was du als nachteilig für deine Tomaten im eigenen Garten ansiehst.

“Okay, sag mir Ort und Zeit und ich leck dich mit meiner Freundin. Sie meint, du wärst eh’ ein Leckerchen.”

Ich schaute zu ihm rüber:

“Polyamor?”

“Weißt du, warum es immer weniger Gruppen gibt, die auch unplugged gut klingen?”

“Ohne Strom?”

“In Wahrheit gibt es solche kaum noch. Weißte wieso? Kaum ein Band-Mitglied kann sich Eigentumshäuser leisten. Und Proberäume sind für einzelne kaum erschwinglich. Somit gibt es kaum noch Schlagzeug-Soli oder Gitarren-Soli auf Veröffentlichungen, weil so etwas nur Geld kostet Und an dem ‘Ordnung-Paragraf’ Ruhestörung kratzt.. Elektronische Unterstützung ist wohlfeil. Wer würde heute einen Ringo Starr bei seinen miserablen Trommel-Übungen ertragen wollen?”

“Ringo Starr wurde heute 80.”

“Ennio Morricone 91. Gestern hieß es dazu R.I.P.”

“Du bist ja eine Leuchte des Positivismus.”

“Nur weil jemand gestorben ist, der bedeutend war? Und einer sich wie Ringo Starr, so wie Paul McCartney oder Michael Jagger oder Keith Richard , die sich biologisch weigern, in einer Saure-Gurken-Zeit zu sterben?”

“Was hat Tod mit ’Saure-Gurken-Zeit’ zu tun?”

“Mainstream-Media?”

“Danke. Dass Tod nur eine Sache von Mainstream ist. Der Begriff ‘Mainstream-Media’ ist doch nur das Schlagargument jener, denen es nicht passt, wer welche Geschichte schreibt.”

“Na und? Was ist schlimm daran, wenn es nicht von den Mainstream-Medien kommt? Geschichte wird eh in Hundert Jahren später so beurteilt, wie es benötigt wird.”

“Ach ja? So wie Barbarossa, der nachweislich Päderast war, aber geschichtlich historisch positiv verkauft wird? Barbarossas Grabstätte bring erhebliche Eintrittsgelder zur Finanzierung seiner Grabstätte.”

Ich nahm eine Schluck aus meinem Glas. Ein wenig bitter, aber pseudo-erfrischend. Berauschend. Der Effekt danach. Alkohol halt.

“Hast du ein Corona-Pandemie-Tagebuch geschrieben?”

Ich nickte.

“Und was ist das Ergebnis?”

“Keines. Individuell unbedeutend, historisch nullinger, lediglich situationsbedingtes.”

“Aha.”

“Ja.”

“Aha.”

“Und?”

Ich schaute in mein Glas. Ein Seitenblick zeigte mir, dass er wieder mit seinem Smartphone beschäftigt war und wohl kaum auf eine Antwort Interesse legte.

Der Gin stieg mir zu Kopfe. Die letzten vier Monate gingen mir durch den Kopf. In meiner Umgebung gab es keinen Covid-19-Fall. Kurzarbeit ja. Hinweise auf die aktuelle bundesstaatliche Gesetzgebung, ja. Auswirkungen dazu in meinem Leben, nein.  Wenn man inmitten einer Großstadt eh als Eremit lebt, weil München eh wie eine Kirsche ist (weiche Schale, harter Kern), im Vergleich zum anderen Norddeutschland (harte Schale, weicher Kern), dann ist es unerheblich, ob man eine Maske trägt oder nicht. Denn Maske als Gesicht war schon vor Corona immer schon ein Faktor von Herrn Schick und Frau Micki.

Ich schaute auf mein Glas. Der Blick erschlich sich in meinem Hirn als ‘unwichtig’. Was ist schon der Blick auf einem persönlichen Trinkgefäß in Hinblick auf das Weltgeschehen.

Ich starre vor mich hin. Durch das Kneipenfenster. Süd bei Südost

Der Wirt winkt mit einem Kölschglas unterm Zapfhahn. Ich nicke ihm zu und kippe den Rest Gin-Tonic vor mir weg. Gin oder Kölsch, es macht keinen Unterschied, wo man es trinkt.

Meine Hand ergreift das frisch eingeschenkte Kölsch.

Corona. So eine glücksverschaffende Krankheit für Solo-Trinker.

Prost. Hau weg, die Kacke.

Ich trommel in Gedanken. So wie Ringo nie getrommelt hatte, so wie ich immer wollte , dass er trommelte, obwohl er nie mehr getrommelt hatte, als ich an sein Trommeln dachte … Ringo Starr


Das Corona-Tagebuch: Provinznotizen aus Deutschland Süd bei Südost (31): Kneipengespräch

Tresen 0

“Ich wüsste schon gerne, warum der Lewandowski damals zum Bayern München gegangen ist.”

“Des Geldes wegen. Weswegen sonst?”

“Der schönen Aussicht auf die Alpen bei Fön-Wetterlage vielleicht.”

“Oder er kam wegen der heilenden Quellen an der Staatskanzlei.”

“Heilende Quellen an der Staatskanzlei?”, ich schaute den Wirt zweifelnd an. “Heilende Quellen? Was für heilende Quellen? Wir sind hier in München”, hakte ich nochmals nach, mit einer Spur Tadel und Ungläubigkeit in der Stimme.

“Nicht? Keine heilenden Quellen? Dann hat man mich falsch informiert”, antwortete er lakonisch und zapfte mir ein neues Kölsch.

Die Eingangstür knarzte. Unsere Köpfe wandten sich der Eingangstür zu und erblickten zwei Polizisten, die eintraten. Der Wirt zuckte zusammen und auch ich versuchte mich kleiner zu machen.

“Was ist das hier?”, blaffte der erste.

“Corona-Party?” gab ich vorsichtig als Antwort zurück.

“Falsch!”, kam es postwendend vom zweiten zurück.

“Nu macht doch mal keinen Stress, Jungs. Zwei Kölsch? Aufs Haus oder wieder per Rechnung mit ausgewiesener Mehrwertsteuer an den Herrn Ministerpräsidenten?”

“Richtig. Zwei Kölsch aufs Haus für mich und zwei mit Rechnung für meinen Kollegen, bitte.”

“Nicht zu fassen: von allen Spelunken dieser Welt müsst ihr ausgerechnet in meine kommen. Wie isses denn da draußen?” fragte der Wirt die beiden.

“Der reinste Stress”, seufzte der erste, “immer dieser Zwang zum Abstand, dann die permanente Nachfragerei, wer wie welchen Grund triftig hat. Und dann immer die Jogger, die nie anhalten wollen. Da kommt man schon ins Schwitzen, wenn wir bei diesen immer dann nebenher rennen müssen.”

Nickend bestätigte der andere die Aussage seines Kollegen und griff nach dem Kölsch vor sich. Er schaute mich an und kniff dabei ein Auge zu, als er mir warnend zuflüsterte:

“Seien Sie vorsichtig, diese Stadt ist voller Aasgeier, voller dunkler Elemente, überall lauern sie einem auf.”

Ich zuckte gleichgültig mit der Schulter: “Politik interessiert mich nicht. Die Probleme dieser Welt gehören nicht zu meinem Ressort. Ich bin lediglich Gast einer illegal geöffneten Kölsch-Kneipe”, und blickte konzentriert auf mein Kölsch.

“Welche Nationalität haben Sie?”, schnarrte er mich an.

“Ich bin Trinker”, gab ich zurück.

“Aha, ein Weltenbürger also.”

“Vielleicht nicht heute, vielleicht nicht morgen, aber bald und dann für den Rest meines Lebens”, erwiderte ich leise.

Der erste seufzte und schaute den Wirt an: “So, jetzt kommen wir zum Bedauerlichen, was uns jetzt wieder bevor steht: wir müssen weiter. Die Corona-Regelverletzer aufspüren und mit Strafzettel versehen.” Er griff nach seiner Stange, trank sie leer und blickte den Wirt an.

“Hier, die Rechnung.” Der Wirt reichte ihm einen Bewirtungsbeleg

“Oh, bitte Herr Oberspielleiter. Das ist ein kleines Spiel, das wir hier spielen. Sie setzen alles auf meine Rechnung, ich zerreiße die Rechnung. Das ist sehr befriedigend”, zerriss den Beleg, lachte und verließ mit seinem Kollegen die Kneipe.

Ich schaute den Wirt ungläubig an. “Hab ich das jetzt nur geträumt? Sind die beiden jetzt wirklich gegangen, ohne einen Strafzettel wegen Verstoß gegen aktuelle Bestimmungen?”

Der Wirt zuckte mit der Schulter: “Tja, seit dem Freitag, den Dreizehnten im letzten Monat, seitdem alles mit Corona losging, seitdem kommen die beiden recht verzweifelt hier in meiner Kneipe rein, trinken vier Kölsch und zerreißen die Rechnung. Das reinste Minusgeschäft für mich. Ein echtes Problem. Unglaublich, nicht wahr.” Er hielt ein gerade frisch gespültes Kölschglas unterm Zapfhahn. “Hier in München hat jeder seine Probleme. Deine sind vielleicht zu lösen. Noch ‘n Kölsch?”

“Gerne. Nur, was wird jetzt aus uns?”

“Uns bleibt immer noch München aus den Vor-Corona-Zeiten.”

Meine Uhr vibrierte. Sie ging also doch noch. Ich strich paarmal übers Glas, um die Vibration zu beenden. 5:30 Uhr. Zeit zum Aufstehen. Der Fernseher war noch eingeschaltet und zeigte mir das Titelbild von “Casablanca”. Ich muss wohl beim Film eingeschlafen sein.

Kneipengespräch: Hashtag ‘Umweltsau’

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“Warum heulst du?”

“Ich?”

“Ich sehe da doch Tränen auf deinen Backen ins Kölsch laufen.”

“Ach?”

“Ja.”

Ich nahm mein Kölsch und betrachtete es genauer. Langsam verstand ich, warum es salzig schmeckte. Hätte ich eigentlich selber drauf kommen können.

“Und?”

“Und was?”

“Warum heulst du?”

“Ich habe in meinem Leben nie ein Auto besessen.”

“Nie? Wie? Seit mehr als einem halben Jahrhundert ohne eigenes Auto?”

“Ich habe auch keine Immobilie oder je eine besessen.”

“Nie? Biste Hartz Vier’ler, oder was?”

“Ich verdiene gut, bin Hedonist, keine Kinder oder alternativ Kinder-Patenschaften in der Dritten Welt, weder Frau noch Freundin. So isses.”

“Das ist allerdings ein dicker Hund. Aber es ist doch okay, wenn du schwul bist. Schwule sollten eh keine Kinder haben, denn da fehlt dann immer die Mutter.”

“Was?”

“Ich meinte, es gibt bereits eh genügend alleinerziehende Mütter, welche diskriminiert werden und dabei auch noch inzwischen Oma geworden sind.”

“Wie?”

“Nicht falsch verstehen, ich habe nichts gegen alleinerziehende Mütter. So im Spagat zwischen Kind und Beruf. Eine Scheiß-Situation.”

“Scheiß-Situation?”

“Ja. Nicht falsch verstehen. Nur, das ist doch Kacke. Man überlegt doch vor dem Bumsen, ob ich ein Kind gemacht bekommen möchte, oder etwa nicht? Seit wann gibt es Gummi und Pille, oder? Menschen sollten etwas Bildung haben, oder etwa nicht?”

“Was?!?“

“Boah, du verstehst mich komplett falsch. Diese Frauen haben ja immer auch eine Oma, die dann …”

“Was willst du mir erzählen?”

“Willst du noch ein Kölsch?”

“Was meintest du?”

“Also, du hast doch damit angefangen, dass du kein Auto hast.”

“Ja und?”

“Dann hast du auch keine Oma, oder?”

“Und deswegen bin ich schwul?”

“Hättest du als Babyboomer-Generationsangehöriger, also als Ü50iger, deine eigene Immobilie, deine eigene Frau, deine eigenen Kinder, dann hättest du auch deinen eigenen privaten Generationskonflikt mit den ‚friday-for-future‘-Kiddies. Du verstehst, Pubertätsprobleme. Denn nachher wollen die doch alle sein wie Papi oder Mami. Saturiert und wohl gelitten. Aber du hast dich dem ja wohl entzogen, nicht wahr.”

“Hallo? Ist dein Kölsch mit bayrischem Bier gestreckt? Tringst du Noagerl, oder was? Was erzählst du mir da für’nen verdorbenen Leberkäs?”

“Du hast doch Twitter, oder?”

“Ja.”

“Dann hast du doch auch den seit drei Tagen andauernden Shit-Storm wegen ‘Meine Oma ist ne Umweltsau’ mitbekommen.”

“Hab ich.”

“Und dann weißt du auch, was da gerade abgeht. Umweltsau Oma.”

“Okay, ich gestehe. Deswegen heule ich.”

“Ach.”

“Ja. Weil Omma nicht mit Doppel-M geschrieben wird. So wie es sich für Oppa gehört. Da geht ein Stück Kultur den Bach runter, auf den Rücksitzen der SUVs talwärts. So wie der Germanwings-Flug 9525 in den französischen West-Alpen, damals, direkt nach dem Urlaub.”

“Omma mit Doppel-M?”

“Immer mit Doppel-M. Mamma schreibt man schließlich auch mit Doppel-M.”

“Mamma mit Doppel-M ist aber die Brustdrüse und nicht die Mutter, woll.”

“Mir egal. Omma schreibt man gefälligst mit Doppel-M. Und wenn in ihrem Hühnerstall zuvor mit EU-Förderungsmitteln alle Küken geschreddert wurden, und die restlichen der älteren Geflügel zu Chlorhühnchen oder Brustfilets verarbeitet wurden, dann darf Omma auch im Hühnerstall Motorrad fahren, nicht wahr. Gleiches Umweltrecht für alle.”

Ich atmete kurz durch und fühlte mich ob meiner Argumentation voll logisch. Kurz starrte ich auf mein Kölsch und winkte darauf dem Wirt:

“Oberspielleiter, einmal zahlen, bitte. Kein neues Kölsch, aber Wechselgeld. Und nen Kölsch-Gutschein für meine Omma.”

Mein Nachbar starrte mich an und vermerkte schmallippig:

“Du bist ja nicht wirklich diskussionstauglich. Du hast ja nicht mehr alle. Kein Wunder, dass Deutschland sich abwirtschaftet. Bei der Diskussionseinstellung, die du an den Tag offen legst.”

Ich warf ihm einen scharfen Blick zu, ein Blick so scharf wie eine 50-jährige Rasierklinge halt sein kann:

“Weißt du, diese Twitter-Gockel sind Krähende auf den Gipfeln der eigenen Misthaufen. Und vergiss nie: Kräht der Hahn auf dem Mist, ändert sich’s Wetter oder es bleibt wie es ist. Allerdings kräht der Bauer auf dem Mist, dann der Hahn wohl im Urlaub ist. Und momentan ist nur gesichert, dass momentan nur einer keinen Urlaub hat: der Misthaufen.”

Ich legte den Zehner auf den Tresen.

“Wohin?”

“Ich hole meine Mudda aus Dortmund mit nem CarSharing-SUV nach München. Damit Omma und Umweltsau endlich eine Verbindung eingehen.”

“Du bist eine Ü50ige Umweltsau!”

“Du mich auch. Leck mich.”

Ich verließ die postfaktische Diskussion in meiner Kneipe. Die Lust draußen war klar und kalt.

 

Kneipengespräch: Ah, jetzt, ja, eine Insel, zwesche Pissjääl un Kackbrung

Koelsch

WhatsApp oder Kölsch, das ist die Frage an gegebener Ort und Stelle im “hier und jetzt”. Global lokal verbunden? Oder lokal global trinkend? Pissjääl oder Kackbrung? Kackbrung zwinkerte ihn das LED seines Smartphones entgegen. Pissjääl lachte ihn das Kölsch an. Unschlüssig starrte er wechselnd auf Smartphone und Kölsch.

Er entschied sich für das Smartphone. Bierernst war ihm momentan eh nicht. Wischend und tippend öffnete er die Chat-App.

“Hier scheint die Sonne”, las er.

“Hier auch”, tippte er zurück.

“Ach ja? Du bist doch garantiert in unserer Kneipe. Da scheint die Sonne? Aus dem Allerwertesten?”

“Wo bist du?”

“Kanaren-Insel. Südseite. 24 Grad. Strahlend blauer Himmel. Strand. Wasser plätschert zu meinen Füßen. Feinster Sand kitzelt meine Sohlen.”

“Kölsch-Kneipe mit nur Bayern-Kanaken. Himmelsrichtung egal. Kommen von überall her hier rein. Wollen alle nur Kölsch. 32 Grad hier drinnen, außen eh mehr. Dafür ist kein Himmel zu sehen. Wahrscheinlich eh milchig außerhalb. Innen drinnen handgeschnitzter Kneipentisch. Kein Wasser. Jon mr fott domet. Dafür frisches Kölsch. Prickelt und zischt, das es eine Freude ist.”

“Sackjeseech!”

“Du mich auch.”

“Doh ben isch fies vör. Hier hat es nur ‘Anheuser Busch’-Plörre.”

“Sei doch froh. In Afrika haben die noch nicht mal sauberes Wasser. Der eine Teil der Bedürftigen darf deren Tabletten vor dem Essen nicht mit Wasser zu sich nehmen. Das Wasser können die sich nicht leisten. Als Ausgleich kann der andere Teil der Armen dafür jene Tabletten nach dem Essen nicht einnehmen. Weil, Nahrung können sich jene anderen wiederum nicht leisten. Wird ja alles an der Börse gehandelt. Oder von EU- Regularien geregelt. Aber Müll, der ist günstig, unser Plastikmüll. Den verkaufen wir denen. Den können die dann für uns in den Weltmeeren versenken.”

“Zuviel Kölsch gehabt? Oder warum so böse?”

“Ich hab neulich rausgefunden, warum es in Bayern das Wort ‘Vollbier’ gibt.”

“Vollbier? Voll Bier? Voll in Bayern? Voll normal.”

“Früher also so bis zum 18. Jahrhundert gab es nur Dünnbier. Bier, aus Getreide mal schnell gebraut. War keimfrei und sauberer als Wasser.”

“Sicher. Das hat dann wohl auf die Gene der Bayern geschlagen. Jeden Tag zugelötet durch die Straßen Bayerns wanken. Kein Wunder, dass die restlichen Deutschen die Bajuwaren nur als Freistaatler akzeptierten.”

“Nö, nö. Das Dünnbier hatte nur so um die ein, zwei Prozent Alkohol. Das Bier für das Volk. Die waren nie nicht dauernd zugedröhnt.”

“Verstehe, daher konnte man damals auch mit zwei Maß Bier noch Autofahren können. Noch bevor Daimler den Wankelmotor mit software-gesteuerter Abgasregelung erfunden hatte. Und bevor die Bayrischen Motoren-Werke aus dem Nazi-Reich wie Phönix aus der Bierflasche zur Weltmarke aufstiegen. So wie damals Beckstein.”

“Ja, seine Tollität, der Herr von und zu und auf und davon Beckstein. Damals. Heute hat es Söder. Die Steigerung vom Seehofer. Hey. Vollbier war damals nur für die Reichen. Und irgendwann wurde es in den Massen produziert, wurde billiger, so wie die Handytarife, so dass es das Dünnbier fürs Volk verdrängte. Und bald wurde es dann in Maßen ausgeschenkt. Liberalitas Bavariae.

“Sicher. Du hast zu viel der Freizeit. Sich mit solchem Unsinn zu beschäftigen.”

“Trink du dafür nur fleißig deine ‘Anheuser Busch’-Plörre. Deren Reste werden momentan gesammelt und dann in Maßen beim Oktoberfest ausgeschenkt. Das internationale Volk der Besucher liebt es.”

Er starrt auf sein Display und wartete. Es tat sich nichts. Kein “Er schreibt …”, keine blauen Häckchen. Er zuckte die Schultern und widmete sich wieder seinem Kölsch.

’Prickel. Zisch. Gluckgluckgluck’, dachte er bei sich, als er mit schielendem Blick zuschaute, wie das Kölsch unter seiner Nase verschwand. Mag sein damals gestrenger Deutschlehrer noch die Comics als Untergang des Abendlandes verflucht haben, die ‘MAD’-Hefte, die jener von ihm konfisziert hatte, hatte er alle wieder zurück erhalten. Später hatte er erfahren, dass sein Deutschlehrer auch noch einen Nebenjob bei solchen Comic-Heften hatte. Zusätzlich auch noch bei der ‘Titanic’, heimlich, unter Pseudonym mitschreibend.

Jede Dekade kamen jene Spinner vorbei, die das Untergang des Abendlandes in irgendeiner kulturellen Errungenschaft sahen. Und ihrer Besorgnis Ausdruck verliehen. Sei es damals bei den Buchdrucker, sei es bei den ersten Journalisten, sei es bei den ersten Hedonisten, sei es bei Techno-Liebhabern, oder Internetnutzer, oder Smartphonenutzer, sei es bei anderen. Sowieso. Immer die anderen. Immer. Die anderen. Die waren immer Schuld. Immer. Schuld konnten aber auch wir anderen sein. Aber das war unfair. Weil, Schuld abladen verboten. Oder so. Oder nicht.

Er erinnerte sich an die 80er und 90er, als Musik einen internationalen Ausdruck der Kritik gefunden hatte. Simple Minds mit „Belfast Child“ oder „Free Mandela“, U2 mit „Bloody Sunday“, BAP mit „Kristallnaach“, Peter Gabriel mit „Biko“, Genesis mit „Land of Confusion“ oder „Band für Afrika“ mit „Nackt im Wind“ … oder … oder… oder… ihm fiel Pink mit „Dear Mr. President“ und Rammstein mit „Deutschland“ ein und verwarf seine Idee wieder.

Mit fester Hand vollführte er die zielgerichtete Landung seiner Kölschstange auf den Bierdeckel. Ein Versuch, ein Treffer, eine Landung, butterweich. ‘Der Adler ist gelandet’, dachte er sich noch und winkte dem Wirt zu. Apollo 1 war verbrannt und Apollo 11 lebte schließlich auch nicht als Eintagsfliege. Kommunikation ist alles, daher bestellte er mit ‘Houston, isch han a Problem’ sein nächstes Kölsch. Apollo-13-Gedächtnis-Trank. An Apollo 12.

Pissjääl & Kackbrung. Zeitgleich tauchten Smartphone-LED und Kölsch in seinem Sichtfeld auf. Halb interessiert griff er zum Smartphone. ‘Wenn schon Kommunikation, dann mit WhatsApp, hier redet eh keiner mit mir’, dachte er nur, als er wischte und klickte.

Ein Foto. Strandfoto. Obere Hälfte himmelblau und wolkenlos, schmaler türkisgrüner Streifen, wohlmöglich das Meer, davor gelegen ein dicker beiger Streifen, der Sandstrand, und ganz im Vordergrund zwei dicke Onkel, die Zehen seines Kollegen, links und rechts, leicht unscharf, weil wohlmöglich wackelnd. Ein Foto, geleckt wie von einer Postkarte.

Er seufzte. Urlaub. Das wäre etwas, was er gerne hätte, aber der war gestrichen. Krise, sagte der Chef mit ernstem Blick. Man müsse ein Drittel der Belegschaft entlassen und die Fertigung nach Ost-Europa verlagern, um Arbeitsplätze zu retten. Dessen Blick war kompromisslos und der Vortrag messerscharf wie eine Carolina-Reaper-Schote. Am Schluss forderte er jeden auf, kürzer zu treten. Schuld wären eh all die anderen vom Diesel-Gate. Er nickte gehorsam und unterzeichnete den neuen Arbeitsvertrag, der einen Lohnverzicht von 20% beinhaltete. Sein Arbeitnehmeranteil zur Sicherung der eigenen Lebensumstände. Nur fair. Der Arbeitgeber muss halt immer irgendwo mit dem Sparen anfangen.

Er blickte auf sein Display. Die App hatte ihre Nachricht aufgelegt. Unter dem WhatsApp-Bild die Nachricht:

“Oh!!!! Guckstu. Da hinten ein langes Schlauchboot mit vielen Leuten an Bord. Ist wohl vom Mittelmeer abgetrieben!”

Er tippte gelangweilt zurück: “Seh nix! Kauf dir mal n besseres Smartphone, du Hobby-Knipser.”

“Hm. Mist. Sehe gerade, abgesoffen, kurz vor meinem Foto. Das es die mit dem Kentern auch immer so eilig haben … wollen wohl in deren romantischen Freiheitsdrang nicht fotografiert werden. Schade eigentlich. Wird wohl nichts mit dem Preis ‘Foto des Jahres’ für mich dieses Jahr. Schnüff. …”

“Eigentlich nennt man so etwas ‘makaber’.”

“Wie? Abrakadabramakabar? Und uneigentlich?”

“Ist EU-gewollt. Keine Front. Front tunixgut. Weil besser ex, hopp und weg mit dem Problem.”

“Ich liebe FrontEx. Die haben so schöne Dinge zur Seenotrettung an Bord, die auch nach Jahren noch Neupreise auf dem Second-Hand-Markt erzielen. Weil noch nie benutzt.”

“Front ex. Hört sich nach Insektenvertilgungsmittel an. Ist hier nicht notwendig. Hat kaum Kakerlaken.”

“Wozu auch Kakerlaken, wenn das Volk eh schon aus Lakenkacker besteht …”

“Pass nur auf deiner EU-Insel der Glückseeligen auf! Wenn nur einer von diesen Flüchtlingen schwimmen kann, kommt der gleich an deinen Strand und schnappt dir die Bikini-Bräute wech!”

“Ach komm. Die beschweren sich doch hier andauernd, dass deren Männer eh so sind, wie die vor der Ehe versprochen hatte, danach nie zu werden.”

“Das ist wechselseitig. Oder kommen die aus dem Rheinland?”

“Hatte vor zwei Tagen ein Tête-à-Tête mit einer schwarzen Weiß-Russin. Der ging auch das Gebalzte der deutschen Männer und Frauen auf den Keks. Sie meinte, im Frühling sei’s besonders schlimm, drum ist’s ihr im Winter lieber. Allerdings hätte es für Deutsche von Brusthaartoupet bis Botoxmaske alle Angebote, aber die wären sich zu etepetete ihr Geld dafür auszugeben. Die geben ihr Geld lieber für Reklamationen und Beschwerden aus. Weil im Krieg und in der Liebe ist alles erlaubt. Und an Liebe glauben nur die Gutmenschen.”

“Weiß-Russin. Aha. Und zitiert auch noch Bonaparte. Apart. Du bist mein Held.”

“Jep, die hat mir sogar ihren grünen Reisepass gezeigt.”

“Echt? Der Russische Reisepässe sind EU-rot, westafrikanische grün.”

“Grüne hat es hier keine. Grüne gibt es hier nicht.”

“Ich weiß. EU-Polizeifarben wurden reguliert. Alle blau. Und immer zu zweit unterwegs. Weil, der eine kann nicht lesen, der andere nicht schreiben.”

“Hallo? Um Inklusion geht es hier nicht. Es geht um Minderheitenschutz, du Sexist. Streifen haben gemischtgeschlechtlich zu sein. Damit Frauen auch mal zum Schuss kommen.”

“Damit Frauen auch mal zum Schuss kommen? Und warum machen die dann Urlaub auf deiner Kanaren-Insel, bei all den Deutschen dort?”

Er starrte auf sein Smartphone. Die Häkchen wollten nicht blau werden. Er starrte intensiver, aber das Starren half nicht. Keine blauen Häkchen.

Stattdessen tauchte eine Meldung auf dem Display und erklärte seinem besorgten Beobachter, dass das Smartphone seine 40-Stunden-Woche bereits gesetzlich erfüllt hätte, dessen Akku nun leer sei und sich somit das Smartphone ins Wochenende verabschieden würde.

Das Display wurde schwarz. Schwarz hatte was. Einen Schimmer von Braun. Darin spiegelte sich sein restliches Kölsch gelb. Dazwischen der Bierdeckel als unbestimmte Insel des Landeflughafens für neue Kölsch. Zwesche Pissjääl un’ Kackbrung.

Er griff zu, führte seine Kölschstange zielgerichtet zum Mund und schüttete den Rest kompromisslos in seinen Mund, damit er den Hals voll hatte und dieser damit allein zurecht käme. Zeitgleich winkte er mit dem leeren Kölschglas dem Wirt:

“Herr Oberspielleiter, auf ein neues. Und bring mir das Akkuladegerät, bitte.”

Kneipengespräch: The day after – brennen muss Lady of Paris …

Sie brennt. Notre Dame, the Lady of Paris, brennt. Und wie sie brennt. Da sitzen sie nun da und glotzen. ntv. Der Wirt hat ntv geschaltet.

“Die Franzosen mal wieder. Kaum wird bekannt gegeben, dass gegen Winterkorn wegen den Abgasen bei VW ermittelt wird, zünden die vor Jubel gleich Notre Dame an. Wer sagt denen, dass Osterfeuer erst am Ostersonntag gezündet werden …”

“Das waren die Gelbwesten! Endlich mal ne Demo für die Abschaffung der Kirchen.”

“Vielleicht findet man ja einen Personalausweis vor der Kirche. Wir sind ja inzwischen aufgeklärt worden, dass muslemische Attentäter immer deren Ausweisdokumente am Tatort verlieren … man sollte jetzt mal die AfD-Twitter-Accounts verfolgen. Die haben doch immer solche Informationen als erste. Oder den Account von A. Schwarzer. Die ist ja auch immer voll im BILDe …”

“Wo saufen wir denn das nächste mal, wenn wir wieder nach Paris trampen?”

“An der Seine. Weil übernachten tun wir dann im Baugelände der Notre Dame. Und dann frühstücken mit Flics …”

“Wer rettet jetzt den Glöckner? Oder hat der sich schon wieder heimlich zu Esmeralda geschlichen?”

“Nicht der Glöckner. Sondern diesen Abend Grisu, der kleine Drache. Passend zur achten Staffel von Games of Thrones. Action!”

“Diese Live-Übertragung auf ntv. Da ist das Bild der brennende Kathedrale. Richtig ruhig gefilmt, viel ruhiger… einfach nur eine Einstellung … ungeheure Spannung … stürzt die alte Bude ein … bleiben die Glocken hängen. Aber kein Wort zum Glöckner und seine Esmeralda.”

“Der kommt erst in die Kamera, wenn jener Kessel mit erhitzten Pech auf die Feuerwehrleute kippt … ”

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