Kneipengespräch: Krieger, denk mal …


C360_2013-12-12-17-12-54-529_DxO_thumb.jpg Die ganze Zeit saß er schweigsam neben mir und nur hin und wieder entfuhr ihm ein leichter Seufzer. Ansonsten sagte er nichts. Sein Business-Anzug war von edlem Stoffe. Dessen mattes Dunkelgrau strahlte eine Ruhe und Überlegenheit aus, die allerdings kaum zu den Gesten seines Trägers passten. Immer wieder hob er seine Kölsch-Stange auf Mund-Höhe, setzte sie aber unentschlossen ab, spielte darauf mit seinen Fingern an dem Sockel des Glases und trommelten dort einen unhörbaren Rhythmus drauf. Das machte er drei oder viermal, bis es mich störte und ich mich ihm zuwandte.

„Sie müssen das Kölsch schon trinken. Lediglich es in Gedanken zu tun, hilft nichts, denn dann wird’s schal. Prost.“

Ich hielt ihm mein Kölsch zum Anstoßen hin. Aber er sah mich nur an. Wenn Augen der Spiegel zur Seele sind, dann sah ich tief in einem leeren Abgrund. Mit seiner linken ruckelte er kurz seine fliederfarbenen Krawatte in Position, strich vorsichtig über sein weißes Hemd und ergriff sein Kölsch.

„Wissen Sie, da sagen Sie etwas bedeutendes.“

„Prost?“

„Nein, Gedanken.“

„Sie machen sich Gedanken? Ich mach mir lieber einen schönen Abend.“

„Sie denken nicht, okay, sie geben mir aber zu denken. Wissen Sie, was Nekrophilie ist?“

„Ich denke Gedanken, also bin ich. Und Menschen mit nekrophiler Veranlagung fühlen sich von toten Gegenständen angezogen, weil sie Angst vor dem Lebendigen haben.“

„Richtig, mein Bester“, er hob sein Glas und stieß mit mir an, „auf deutsch, solchen Menschen ist ein Blechschaden an der eigenen Karre mehr Aufregung wert als die weltweit an Hunger sterbenden Kinder. Das Blech ist heilig. Und ein Galgen ist solchen Menschen beachtenswerter als jener Mensch, der drunter steht.“

Ich nahm einen Schluck aus meinem Glas und versuchte abzuwiegeln, um das Gespräch in seichtere Gewässer zu führen: „Sind wir nicht alle ein klein bisschen nekrophil?“

„Für jene ist das größte Aphrodisiakum all jenes, was den Geruch von Tod an sich hat: Uniformen, Raketen, Drohnen. Nicht, weil dies lediglich Totes sind, sondern weil sie den Geschmack des Todes bringen. Und der Tod ist das größte Aphrodisiakum der Menschen.“

„Ich habe aufgehört mir Gedanken darüber zu machen, denn es führt in die Gedankenlosigkeit. Können wir das Thema wechseln?“

„Wissen Sie, Gedanken sind so eine Sache. Wer macht sich denn eigentlich Gedanken. Nur wir Menschen. Evolutionstechnisch hat es uns an die Spitze der Nahrungskette dieser Welt gebracht, aber auch Mord und Totschlag haben sie erschaffen.“

„Und die Religionen. Unterschätze nie die Macht dummer Leute, die einer Meinung sind. Tucholsky.“

Er schien, über meine Bemerkung hinweggehört zu haben, und schaute grübelnd auf sein Glas: „Vielleicht ist die Fähigkeit, Gedanken zu entwickeln und zu haben, einfach nur eine eigentümlich Fehlentwicklung der Natur. Spätestens bei der Frage, wer hat das System erschaffen. Selbst auf eine stundenlange Antwort kann locker die postwendende Frage ‚Und wer oder was war der Schöpfer davon?‘ retourniert werden und zeigt, dass dieses sinnlose Spiel unendlich getrieben werden kann, um Menschen in die Anzweiflung dem Sinn ihrer Existenz zu treiben.“

„Der Gedanke als Virus? Ein Gedanke ist wie ein Virus, resistent, hochansteckend und die kleinste Saat eines Gedanken kann wachsen. Er kann Dich aufbauen oder zerstören. Aus dem Film Inception.“

Dummköpfe zu ertragen, ist sicherlich der Gipfel der Toleranz. Voltaire.“

Jedes Monster hat als Mensch begonnen. Ablee.“

Viele Menschen würden eher sterben als denken. Russel.“

Wir schwiegen. Uns fielen keine Zitate mehr zum Auftrumpfen ein.

Er trommelte wieder auf den Sockel seines Glases und schaute mich an: „Wissen Sie, als der Computer DeepBlue 1996 im Schach den Schachweltmeister Garri Kasparov besiegte, waren wir erstaunt. Aber Schach erschien uns berechenbar, weil endlich. Im Februar 2010 schlug der IBM-Computer Watson im Jeopardy die damaligen Rekordhalter dieses Spiel, Jennings und Rutter, sehr deutlich. Die künstliche Intelligenz Watson verstand bereits menschliche Wortspiele und auch Hintersinne. Inzwischen erschuf Watson auch noch einen Film-Trailer, der letztes Jahr ins Kino kam. Die von der Firma Google geschaffene künstliche Intelligenz AlphaGo hat das äußerst komplexe Brettspiel GO durch einfaches Zuschauen erlernt. Vor einem Monat, am 3. März, hat AlphaGo dann den südkoreanischen Go-Weltmeister Lee Sedol mit 5:0 deklassiert. Computer und deren Software lernt das Denken und wir stehen dabei und wundern uns.“

„Na gut, durch künstliche Intelligenz wäre es keinem Piloten mehr möglich eine Passagiermaschine in einen Berg zu steuern oder mit zu knappen Treibstoffvorrat ein weit entferntes Ziel anfliegen. Eine KI würde dem Piloten die Gewalt entziehen und die Maschine darüber hinweg fliegen oder den nächsten Landeplatz ansteuern. All die Kinder aus Haltern und auch die brasilianische Fußballmannschaft würde dann noch leben.“

„Nur was machen wir, wenn die KI das Lebenswichtigste erkennt, was unser Leben steuert? Zum Beispiel in einem Tesla-Fahrzeug“

„Wenn in nicht ferner Zukunft erneut ein Tesla-Fahrzeug bei hohem Tempo einen kreuzenden LKW in seiner Fahrbahn entdeckt, dann wird der analysieren, ob er eher rechts in die Gruppe der Rentner oder links in die Kindergruppe am Straßenrand steuert oder ob der Fahrer doch noch sterben muss, weil alle anderen wertvoller sind. Er wird analysieren, was das geringere Übel sein könnte.“

„Falsch. Er wird reagieren wie wir Menschen. Er wird das Prinzip des Überlebens um jeden Preis wählen. Kein Mensch wird sich überlegen, wer wo am Straßenrand steht, sondern nur, wie er am besten der lebensgefährlichen Situation entkommt. Der Tesla wird sich dieses vom Menschen abschauen und berechnen, mit welcher Kollision er den geringsten Schaden an sich erzeugt. Er wird erlernt haben, was es heißt zu überleben und dass der Mensch in lebensgefährlichen Situationen drei Grundregeln kennt: fliehen, tot stellen oder kämpfen. Der Mensch wird für den Tesla dann zweitrangig.“

„Wir sollten dagegen kämpfen.“

„Ah ja. Krieger, denk mal.“

„Denken. Ich denke, also werde ich sein,“ sinnierte ich vor mich hin.

Wie kann es sein, dass ich, der ich bin, bevor ich wurde, nicht war, und dass einmal ich, der ich bin, nicht mehr ‚Der-ich-bin‘ sein werde? Vom Engel Damiel aus Der Himmel über Berlin.“

Aber du bist ja nicht da. Ich bin da. Es wäre schön, wenn du da wärst … du könntest mit mir reden. Peter Falk“, seufzte ich meine Erwiderung und schaute beim Aufblicken den Wirt an. In dessen Augen erkannte ich den mir altbekannten Vorwurf der letzten Zeit. Ich blockierte ihm wohl seinen Feierabend.

„Na? Wieder wach? In letzter Zeit säufst du mir zu viel. Ist zwar gutes Geschäft für mich, aber du ruinierst dich noch. Denk mal drüber nach. Ich mach jetzt zu. Feierabend. Du darfst zahlen und gehen. Compañeiro.“

Ich stand auf, legte ihm ein paar Scheinchen auf den Tresen und wankte auf die mir ausweichende Tür zu …

Postfaktische Weihnachten


Ein Kinderkoelsch

„Alles voll.“

„Alles voll?“

„Alles voll. Der Altpapiercontainer, die Biomülltonne, der normale Müllcontainer. Alles voll. Auch der Altglascontainer, der Gelbe und Altmetallcontainer daneben, ebenso am Überlaufen.“

„Weihnachten.“

„Jo. Frohe Weihnachten. Unser Mietsblock ersäuft im Müll.“

„Nur die Häppchen und Schnittchen angeschaut und dann alles weg geschmissen?“

„Schlimmer! Erst das zweistündige Essen und danach all die Verdauungsgetränke. Und kein einziges Kölsch dabei. Grauenhaft.“

„Ich hatte Rindsrouladen an einem Knödel mit Feldsalat und nen passablen Rotwein.“

„Bei uns polnische Hafermastgans und Schweinsbraten in Dunkelbiersoße an Rosmarinbutterkartöffelchen mit Rotkohl und Bio-Gemüse auf Tofu-Schnitzel.“

„Großfamilie?“

„Ach quatsch. Wir haben’s halt. Warum sollten wir nicht, wenn wir können. Wir müssen ja nicht unter unsere Verhältnisse leben. Aber irgendwann ist dann auch wieder gut. Man soll’s ja nicht übertreiben. Und du? Auch Großfamilie?“

„Nein. Dialoge zuvor lediglich mit meiner Textverarbeitung und später in Muße dem Fernseher zugehört. Weihnachten in trauter Einsamkeit. Ist ja auch was schönes.“

„Besinnlich.“

„Absolut. Niemand quatsch einem bei der Tischrede dazwischen und Streit gibt es auch nicht. Und ihr?“

„Unsere Omma hatte Heilig Abend Stress mit der Polizei. Meinte, bei der Anreise mit dem ICE mal laut „Allahu akbar“ im überfüllten Abteil zu rufen. Wurde drei Stunden von SEK-Beamten verhört. Dabei wollte sie mit ihrem Rollator doch einfach nur einen Sitzplatz, weil ihr niemand einen freiwillig angeboten hatte.“

„Aber sonst alles harmonisch?“

„Tochter isst nur noch vegan, Sohn ist Anti-Alkoholiker, Ehefrau Rampensau im katholischen Frauenchor. Und ich dazwischen. Und dann alles über Hafermastgans-Massentierhaltung, Folgen des Alkoholismus und Franziskus, dem Papst. Anstrengende Diskussionen.“

„Auch über Angst und Schrecken?“

„Nein, über Trump haben wir nicht diskutiert.“

„Also kein harmonisches Weihnachten.“

„Hätte besser sein können. Im Nachhinein betrachtet ist Weihnachten sowieso schrecklich. Immer diese Streitereien wegen nichts und wieder nichts.“

„Genau deiner Meinung. Vorher Fest der Liebe. Dann nur noch feste Hiebe. In trauter Umgebung.“

„Hätte Josef alles zugegeben, wäre uns viel erspart geblieben. Weihnachten wird völlig überschätzt.“

„Völlig. Macht nur volle Müllcontainer allerseits. Aber solange die Klos dabei noch nicht überlaufen … .“

„Yep. Darauf ein Weihnachtskölsch, Kollege. Herr Oberspielleiter! Einmal Nachschub bitte!“

Wie ist der Name dieses Spiels?


Reissdorf

Der Jahreswechsel war geglückt. Ich saß in meiner Kneipe und schaute zufrieden von oben in mein gerade leer getrunkenes Kölschglas. Es gibt Momente, da fühlt sich jeder eins mit dem Universum. Und genau das dachte ich mir in jenem Augenblick, dass das Universum und ich …

»Was ist das wieder für eine Kacke!«

»Was’n?«

»Meine Frau kann noch immer nicht den Namen ihres Stechers in Spe korrekt schreiben!« Weiterlesen

Kneipengespräch: Im Deutschen lügt man, wenn man höflich ist


Tresen 0

Ein kehliges Rollen, direkt aus dem Rachen, unterstützt von einem Geräusch von zusammengeklebten Schleim, der Blasen wirft. Ein Geräusch fast von unten aus dem Magen herrührend, gurgelnd aufsteigend in den Hals-Nasen-Rachenbereich. Ein Geräusch wie bei den Zombies aus der Fernsehserie „The Walking Dead“.

»HEY!«

Der Wirt hatte in seiner Zapfbewegung innegehalten und meinen Nachbarn lauthals angeranzt. Jetzt blickte er ihn durchdringend eindringlich an.

»Wage es nicht! Oder ich schmeiß‘ dich raus!«

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Kneipengespräch: Machtverhältnisse


»Hast du was zu sagen?«

Er schaute seinen Trinknachbarn an. Aber jener schwieg. Ich kannte ihn. Er war schon immer ein Schweiger vor dem Herrn. Seit ich ihn vor vierzehn Tagen an der Hotelbar zum ersten Mal getroffen hatte. Ich musste ihm regelrecht jedes Wort aus der Nase herausziehen. Er nannte sich Andreas und war von FORD Köln nach Detroit geschickt worden, um dort Montagearbeiten bei einem Automobilzulieferer zu organisieren.
Andreas war eigentlich kein Schweiger, aber während der Arbeit musste er immer wieder alles erklären. »Von der Ursuppe bis zur Erfindung der Dampfmaschine, und alles jeden Tag erneut in Details« hatte er mir erklärt. Zuerst hatte ich gegrinst. Da war das Volk, das bereits auf dem Mond war, aber nicht fähig war normale Industrieprozesse zu verstehen. Aber Andreas erklärte mir, dass dies nicht nur auf die Amerikaner zu traf. Es machte ihn fertig, dass selbst andere Kollegen aus Deutschland mit technischem Unverständnis wucherten, bei Themen, bei denen er es nie für möglich hielt.
So saß er vor seinem Glas »Blue Moon« und schwieg. Kölsch hatte es ja nicht an der Bar. Und ansonsten waren die angebotenen Biere bescheiden in ihrer Geschmacksrichtung.

»Hey Andy, wie war dein Tag?«

Sein Trinknachbar blieb beharrlich und schlug ihm freundschaftlich auf die Schulter.
Andreas schaute auf und blickte ihn mit müden Augen an. Zuerst vermutete ich, dass Andreas ein kölsches »Loss mich en Ruh« dem Amerikaner servieren würde. Weiterlesen

Schmonzes zum Jahresstart 2014


Tresenbild #3

Der Jahreswechsel war geglückt. Ich saß in meiner Kneipe und schaute zufrieden von oben in mein gerade leer getrunkenes Kölschglas. Es gibt Momente, da fühlt sich jeder eins mit dem Universum. Und genau das dachte ich mir in jenem Augenblick, dass das Universum und ich …

»Was ist das wieder für eine Kacke!«

Ungefragt nahm er an meiner Seite Platz und winkte dem Wirt zu.

»Zwei Kölsch!«, und schaute mich fragend an: »Du trinkst doch auch noch eins, oder?«

Ich nickte stumm. Sollte er den Preis in Naturalien zahlen, sich so einfach neben mir hocken zu dürfen.

»Mach gleich drei«, rief er dem Wirt korrigierend zu. »Für ihn hier eins«, und deutete dabei auch mich. »Mann, Mann, Mann, ist das wieder für eine Kacke.«

Eigentlich wollte ich den Gedanken an das Universum fortsetzen, nur …

»Und wie war dein Silvester?«
»Mein Silvester verlief ausgesprochen …«
»Haste auch so viel geballert?«
»Ich habe …«
»Silvester ist der reinste nationale Umweltvermüllungstag. Jeder bringt seine Plastiktüten und sein Altglas und seine PET-Flaschen mit raus, qualmt dann mit Raketen in der Luft rum und geht dann weg, ohne um sich um den Müll zu kümmern. Die Straße als Silvester-Müllhalde.«
»Aber das …«
»Und dann erst der Lärm. Denkt eigentlich wer an die vielen Haustiere? Die springen doch vor Angst im Achteck. Das ist vorsätzliche Tierquälerei!«

Der Wirt brachte die drei bestellten Kölsch. Mein Nachbar ergriff sich sofort eines davon und setzte an.
Ich versuchte die Gelegenheit auszunutzen:

»Ach ja, du trägst im Sommer also auch die Kröten einzeln über jede Landstraße, oder?«

Er setzte sein Glas ab.
Leer.
Schaum lief am Glasinnern runter.
Er ergriff das Zweite.

»Laich nicht solchen Unsinn ab. Du hilfst doch sicherlich nicht mal einer Oma über die Straße.«
»Warum sollte ich? Jeder ist für sich selbst verantwortlich.«
»Aha, der Herr hat den demographischen Wandel im Blick. Vor der Rente dürfen Ältere über viel befahrene Straßen gehen. Nach der Rente müssen sie. Selbstverantwortlich halt.«

Es war so ein schöner Tag gewesen. Ich hatte zuvor meinen Lottoschein eingelöst und mir das Geld für die drei Richtigen plus Zusatzzahl abgeholt gehabt. Davon wollte ich mich einfach mal selbst belohnen. Doch dann kam er, dieser …

»Mann, Mann, ist das eine Kacke.«
»Hör mal, ich hab dich nicht gebeten, dich an meinen Tisch zu setzten und mir die Ohren mit Kokolores vollzujammern.«
»Das ist kein Kladderadatsch.«
»Quatsch, Mumpitz!«
»Ach, Papperlapapp.«
»Schmarrn!«
»Von wegen Pillepalle.«
»Absoluter Käse!«
»Gute Idee!« Er winkte dem Wirt zu: »Mach mir nen Halven Hahn.« Er schaute mich fragend an: »Du auch?«
»Nein, danke. Kein so’n Firlefanz. Mir ist nach was Herzhaftem«, und rief zum Wirt: »Und mir ein Mettbrötchen. Aber mit einer doppelten Portion frischer Zwiebeln.«
Mein Nachbar schaute mich an: »Noch ein Date mit deiner Frau?«

Ich schüttelte energisch den Kopf.

»Schütteln ist immer gut. Na, dann geh ich mal für Königstiger.«

Er stand auf, griff noch mal nach seinem zweiten Kölsch, leerte es in einem Zug und entfernte sich Richtung dem entsprechend riechenden Königstiger-Männerklo. Hoffentlich entledigte er sich dort seiner Kacke, dachte ich mir dabei noch, als ich ihm nachschaute.
Es war wieder ruhig.
Im Hintergrund lief Musik von Jean-Michel Jarre. Sphärenklänge der 80er in einem dreißig Jahre späteren Jahrzehnt. Sphärenklänge.
Sphären.
Klänge.
Wo war nochmals das Universum?
Es hatte sich aufgelöst. Nur ich saß noch immer in dessen Zentrum. Versuchte zu vergessen und vergaß, was ich vergessen wollte. Ich atmete tief ein und war mir sicher, wieder zuhause zu sein. Hier war mein Revier …
Ich schaute in mein leeres Glas und spürte dessen kalte Leere. Da war es wieder, das Universum. Mein Zuhause.

So ein Quatsch.
So ein Humbug.
Nippes?
Stuss.
Geraffeltes Glumpertes etwas.

Ich drehte mich zur Theke und schaute dem Wirt mit eiserner, grimmiger Entschlossenheit in die Augen. Es musste sein. Wenn das Jahr 2014 weiter gehen sollte, dann war das folgende Verlangen unausweichlich:

»Herr Oberspielleiter, noch ’n Kölsch bitte.«

Kneipengespräch: Witzigkeit kennt keine Grenzen


Tresen2

»Du kannst mir alles sagen, was du möchtest, aber diese Bevormundung seitens gesellschaftlicher Randgruppen geht mir auf den Zeiger!«

Es durchzuckte mich ein Blitz der Aufmerksamkeit. Mein starrer Blick auf die einfallende Schaumkrone meines Kölsch wurde uninteressant und ich schaute nach links zu meinem Sitznachbarn.

»Warum, frage ich dich, warum muss ich mir von denen sagen lassen, was ich zu tun und zu lassen habe?!«
»Tun die das?«
»Ja. Sie wollen, dass wir nicht mehr unsere Musik hören dürfen.«
»Ach ja?«
»Ja!«
»Ja? Erzähl mir ein Beispiel.«
»Ja? Gut, da passierte letztens in Österreich folgendes: Ein Türke steigt in Innsbruck in ein Taxi. Kaum Platz genommen, ersucht er den Taxifahrer, das Radio auszuschalten. ‚Ich möchte diese Musik nicht hören. Unsere Religion verbietet das und in der Zeit des Propheten gab es noch keine Musik, vor allem diese Volksmusik ist nur für Euch Ungläubige.‘ Der Taxifahrer schaltete darauf das Radio aus, blieb stehen und öffnete die hintere Tür. Der Moslem schaute ihn an und fragte: ‚Wieso bleibst du stehen?‘ Der Taxifahrer antwortete: ‚In der Zeit des Propheten gab es noch kein Taxi, also steig aus und warte auf dein Kamel!‘ Und jetzt, mein Bester, sage mir nochmals, die wollen uns nicht Bevormunden.«

Er schaute mich triumphierend an. Mein Blick wanderte zurück auf die zusammenfallende Schaumkrone meines Kölsch. Kölsch in München, ja, geht’s noch? Kölsch? Bei den Münchner Brauereien vor Ort?
Die Geschichte meines Nachbarn belastete mein Gemüt, aber ich konnte nicht umhin, nachzuhaken:

»Sie haben sicherlich auch von den Fakten gehört, dass viele Juden in den Finanzbereichen sitzen und im Diamantenhandel schwer involviert sind, nicht wahr?«
»Kommen Sie mir nicht damit, okay? Erstens stimmt es und zweitens ist es nachweisbar, wie stark die Juden im Geld- und Bankenbereich verwurzelt sind.«
»Das bestreite ich nicht.«
»Dann bestreiten Sie auch nicht, dass in der Finanzkrise 2008 diese ihre Finger im Spiel hatten.«
»Nein, das bestreite ich nicht. Viele hatten ihre ungewaschenen Finger im Spiel. Auch Juden. Aber im Bereich Finanzwesen, da kennen sich auch Christen genauso gut aus. Ein Bischof namens Tebartz van Elst ist das neuste Synonym finanzieller Kompetenz in eigenen öffentlichen Angelegenheiten.«
»Ich bin ausgetreten. Für die zahle ich nicht.«
»Kennen Sie Robbin Williams? Den Schauspieler?«
»Die Schnapsnase?«
»Der hat mal bei einem deutschen Journalisten auf die Frage ‚Mr. Williams, warum gibt es nicht so viel Comedy in Deutschland?‘ tiefsinnig geantwortet: ‚Schon mal drüber nachgedacht, dass die Deutschen all die komischen Leute umgebracht haben?‘«
»Diese Amerikaner! Die denken, sie seien der Nabel der Welt, haben aber noch nicht mal für 5 Cent Verstand. Die sind so dermaßen ignorant. Idioten? Kennen nur deren eigene vier Quadratmeter! Und jene Schnapsnase wirft uns die Ermordung der Juden vor. Aber deren eigenen Verbrechen ignoriert der einfach! Der soll mal vor der eigenen Haustüre kehren!«

Jetzt war er auf 150:

»Nach fast einem Jahrhundert! Der sollte weniger saufen, dann kriegt er auch einen klareren Blick!«

Mein Blick auf mein zehntes Kölsch war ein wenig eingetrübt. Aber verstehen konnte ich ihn noch ohne Probleme. Allerdings anders, denn in der Nazizeit wurde nicht nur das Judentum ausgerottet, sondern es wurde auch der jüdische Humor aus dem deutschen Humorverständnis getilgt. Humor wurde generell als ‚subversiv“ und verfolgungswürdig erklärt. Das wurde mir ganz verstärkt klar, als er intensiv noch nachsetzte:

»Wir brauchen keine Dinge wie Judentum oder Islam! Was haben die uns schon gebracht? Nur Blut, Leid und Tränen.«
»Auch kein Christentum?«
„Ich hab doch bereits gesagt, ich bin ausgetreten. Zahlungen für Religionen? Ich bin doch nicht blöd.«
»Doch, Sie zahlen.«
»Ich zahl nicht!«
»Aber sicher doch! Mit den monatlich abgeführten Steuergeldern. Christliche Würdenträger wie Tebartz van Elst, Joachim Meisner, Margot Käsmann oder Nikolaus Schneider werden wie Beamte behandelt und bezahlt. Die schwören nicht nur auf die Bibel. Sondern auf die Verfassung der Bundesrepublik Deutschland. Sie werden mit normalen Steuergeldern bezahlt, von Moslems, Juden, Christen und selbst von Scientologisten. Da macht der Staat kein Unterschied. Lediglich der Bürger denkt realitätsfremdes. Aber den interessiert es sowieso keine Fakten. Hauptsache alles ist christlich fundamentiert.«
»He, hey, hey, jetzt gehen Sie aber zu weit!«
»Nein, ich gehe noch weiter. Erzählt jemand, dass der jüdische Humor im Deutschen Reich sein Ende fand, dann schreien die Humorlosen auf und bezichtigen den Herrn Williams des Alkoholkonsums und wollen sich den Fakten nicht mehr erinnern. Jüdische Comedy und dessen Humor war subtil und phänomenal. In Deutschland war dieser nach dem Zweiten Weltkrieg so gut wie ausgerottet. Lubitsch? Billy Wilder? Unverstanden. Wenn es jemanden nicht mehr passt, dann wurden und werden die anderen entweder als Alkoholiker, Terroristen, Moslems oder Juden diffamiert. Aber nie als Christen.«
»Glaubenskriege? Das müssen Sie gerade als Kölsch-Trinker sagen. Hier in München! Es gilt immer noch die Wertegemeinschaft.«
»Wertegemeinschaft? Wenn es dieser dann aber nicht passt und sich jene auch noch als christlich bezeichnen, dann nennen sie deren Entscheidung als ‚alternativlos‘. Das gilt dann sogar als anerkanntes Kanzlerinnenwort. Fraktions- und gesellschaftsweit.«

Er schaute mich mit einem feindlichen Blick an. Offenbar hatte ich Grenzen des guten Kneipengeschmacks überschritten. Allerdings hatte ich mich gerade erst warm geredet.

»Die Deutschen schwören auf ihre christlichen Feiertage und ihre christlichen Wurzeln. Auf die im Namen Gottes geschlachteten Bauern, Wissenschaftler und Religionskritiker. Säßen alle, die im Namen der christlichen Wertegemeinschaft vernichtet wurden, säßen all jene also zu Rechten Gottes, als Grabbeigabe wäre ein sehr starker Feldstecher eine gute Idee. Stattdessen ist das Leichenhemd immer recht dünn und luftig. Soll ja heiß sein in der christlichen Hölle!«

Der Wirt warf mir einen besorgten Blick zu. Er schien zu fragen, ob mit mir alles in Ordnung sei. Innerlich beantwortete ich die Frage mit einem „Nein“ und fuhr ungehemmt weiter mit der Kölsch-Stange in meiner Rechten:

»Und zu Ihrem Pseudo-Witz am Anfang, den mit dem Türken in Österreich und der Musik im Taxi: Ja, ich wäre auch ausgestiegen! Volksmusik ist für mich mein Brechmittel. Die Hai-Ti-Tai-Musik kotzt mich an. Dazu muss ich nicht erst Türke sein. Und ganz unter uns Intelligenzbolzen, interessant ist es, dass ein Volk, welches entscheidend osmanisch geprägt wurde, sich gegen seine eigene Geschichte auflehnt. Entweder entspricht der Pseudo-Witz einer Geschichtskenntnis in Höhe einer Plateausohle oder der Erzähler will gezielt vordergründige Stimmung schaffen. In beiden Fällen hat er das Letztere erreicht und bewegt sich damit auf dem Niveau einer Amöbe! Scheiß Neo-Nazis!«

Viele Erinnerungen an den weiteren Verlauf jenes Abends habe ich nicht mehr.
Filmriss. Zu viel Kölsch womöglich.
Nach Aussagen der Polizei muss ich wohl danach eine Schlägerei angezettelt haben. Dabei bin ich doch eine recht friedliebende Natur. Mein Gegenüber konnte eine Platzwunde an seiner Stirn verhindern. Meine wurde im Krankenhaus geklammert.
Im Laufe der Ermittlungen verzichtete der Wirt auf Hausverbot und Anzeige gegen mich, obwohl ich angefangen haben soll. So mehrere Zeugen. Von meinem Gegenüber kassierte ich eine Anzeige wegen Körperverletzung, Beleidigung und übler Nachrede.
Die Staatsanwaltschaft ermittelt jetzt wegen Anfangsverdacht. Allerdings stehen meine Chancen gut. Mein Rechtsanwalt versucht, mit der Staatsanwaltschaft einen Deal zu machen, weil keiner der Kneipenbesucher etwas gesehen haben wollte.

Für mich lautet mein Kampfspruch ab heute: Nie wieder Alkohol. Zumindest kein Bier vor vier.

So denn Gott will.

Meine Tröstung: Kölsch ist nach langläufiger Meinung kein Bier.

Stößcken.

In eigener Sache, weil in eigener Schreibe


Mein neustes Ebook ist gerade frisch erschienen. Bei Amazon ist es unter http://www.amazon.de/dp/B00GG1725I/ erhältlich.

Ab und zu Gehörtes

Worum geht es?

Ab und zu merken Frauen beiläufig an, dass Männer nie zuhören können. Und wenn sie dann ab und zu mal zuhören, dann ist es denen auch wieder nicht recht. So erging es letztens unserer Bundeskanzlerin Angela Merkel im Zuge der Enthüllungen durch den ehemaligen NSA-Mitarbeiter Edward Snowden über die Geheimdiensttätigkeiten der NSA. Allerdings läuft das Ganze nicht unter Zuhören, sondern unter Abhören. Zumindest nicht ab und zu.

Die Bevölkerung sieht der ganzen Überwachungs- und Spionageaffäre des Jahres 2013 mit gemischten Gefühlen zu. Einerseits ist es sicherlich positiv zu sehen, wenn überhaupt mal eine staatliche Behörde seinen Bürgern im Detail zuhört. Andererseits aber, abgehört zu werden, ist etwas, was man letztendlich nur ab und zu durch dem eigenen Hausarzt erfahren möchte. Denn wenn der eigene Hausarzt abhört, droht eine Krisenmeldung, was den eigenen Zustand angeht. Ab und zu jedenfalls.

In „Ab und zu Gehörtes“ berichten eineinhalb Dutzend satirische Erzählungen aus dem Leben, Politik und Wirtschaft von vor, während und nach der Krise. Ab und zu gehörte Gedankengänge und Philosophien zeigen unsere Krisengesellschaft in einem aktiven, amüsanten Krisenslalom. „Krisenmanager“ zu sein, hat sich inzwischen zu einem Job mit gesicherter Zukunft gemausert.
Die Weisheiten eines Sepp Herbergers gelten inzwischen auch für unsere wirtschaftliche Lage: „Nach der Krise ist vor der Krise“ und „Die nächste Krise ist immer der schwerste“. Nur, dass eine Krise selten nur 90 Minuten dauert, das ist noch immer keine gültige Regel geworden.

„Ab und zu Gehörtes“ ist ein Buch aus der Satire für die Satire.

Zum ab und zu Amüsieren.

Hinweis:
Es benötigt kein Kindle-Reader um das Buch zu lesen. Auch eine Smartphone-App ist nicht erforderlich. Es gibt für den PC/Mac auch eine Anwendung, mit der Ebücher von Amazon zu lesen sind. Hier der Link zu der Anwendung: http://tinyurl.com/nkfabxl

Kneipengespräch: Neoliberales Tresenlesen zum Treffen der Finanzinvestoren in Chicago


Tresen2

»Halunken! Alles Halunken!«

Er saß wieder neben mir. Sein Deckel zeigte diverse Striche. Er stirrte in sein Kölsch und ich ging der Verführung ein, seiner Bemerkung Wert zu geben. Hätte ich gewusst, was danach kam, ich hätte ihm gleich einen ganzen Kranz Kölsch bestellt, um das Gespräch gleich zu ersäufen.

»Verbrecher! Alles Verbrecher!«
»Wie meinen?«
»Halunken! Unsicherheit und Schrecken verbreiten! Mit miesen und hinterhältigen Methoden Sympathie und Unterstützungsbereitschaft erzeugen, weil jeder meint, es gäbe keine Alternative.«
»Sie meinen die organisierte Kriminalität? Die Ölmultis und deren Benzinpreise?«
»Sie wollen unser System stürzen. Menschen zu Dingen zwingen, die sie von sich aus nicht wollen.«
»Terroristen?«
»Sie tagen gerade in Chicago.«
»Al Capone-Fanclub?«
»Al Capone müssen wir uns als einen Waisenknaben vorstellen. Es tagt heute die ISDA.«
»ISDA?«
»Die ‚International Swaps and Derivatives Association, Inc.‘. Die Organisation der Finanzverbände, welche sich für sicher und effizientere Finanztransaktionen einsetzt«
»Die was? Wer sind die?«
»Sie tagen seit heute in Chicago. Für drei Tage vom 30. April bis 2. Mai. Sie wollen aktiv an einem neuem Gesellschaftsmaodell mitwirken. Ein Modell, das alle Institutionen der Gesellschaft und Politik umformt. Eine Undurchschaubarkeit der Wirtschaft, …«
»Undurchschaubarkeit? Wie das Regieren auf Sicht, welches in der damaligen Krise als alternativlos propagiert wurde?«
»Lass mich ausreden! Sie wollen ein Verbot des Strebens nach Gemeinwohl. Weil derer Meinung nach eine grundlegenden Ungleichheit zwischen den Menschen existiert. Eine Ungleichheit, welche vertieft werden muss, damit das System des freien Marktes funktioniert.«
»Eine neue Denke?«
»Die Gedanken der Zukunft. Allein Profitgedanke und Konsum sollen das Leben der Menschen bestimmen. Staatliche Intervention und Bürokratie im Dienste der Freiheit der Wirtschaft.«
»Die Freiheit? Das hat doch die FDP auf ihrem letzten Parteitag als Fahne ihrer Philosophie geschwenkt.«
»Ja, die Fahne der Freiheit des Marktes. Der Markt regelt die Gesellschaft. Und nicht umgekehrt. Der Wettbewerb bestimmt das Leben miteinander. Und nicht umgekehrt.«
»Sie beziehen sich jetzt auch noch auf die Betreuungsgelddiskussion, nicht wahr? Hat deswegen auch Hannelore Kraft für die Zwangsbetreuung zwischen dem 1. und 3. Lebensjahr plädiert?«
»Eben weil mit der Befreiung vom eigenen Kinde die Frau und der Mann wieder dem Wettbewerb zugeführt werden können.«
»Das hat etwas von dem ‚Lebensborn‘ der Nazis. Und den Erziehungsmethoden der Chinesen und Nord-Koreaner.«
»Nazis waren bekanntlich national und auch eigenwillig sozial agierend: Grundlegende Ungleichheiten wurden vorsätzlich vertieft. Begleitet von einem System des freien Wettbewerbs um die billigsten Arbetskräfte. Die anderen wurden vernichtet, um irgendeinen Eindruck eines Gemeinwohlgedankens zu verhindern: Religiöse, Behinderte, Frauen und Kinder, unproduktives Humankapital.«
»Sie meinen doch wohl nicht, Hannelore Kraft sei ein verhinderte Neonazi?! Und die Schroeder das Bollwerk der Freiheit, nur weil diese das Betreuungsgeld will?!«
»Das Betreuungsgeld verhindert doch nur die Einrichtung einer Gemeinwohl-Institution. Im Sinne eines unentgeltlichen Gemeinschaftsgedankens.«
»Das heisst Kraft und Schröder sind nur die gemünzten Seiten der gleichen Medaille?«
»Individuen sollen die Form eines Unternehmens haben. Entsprechend werden sie entlohnt. Gemeinwohlgedanken wurden bereits als „Gutmenschen“-Denke hinlänglich diskreditiert, so dass kaum einer mehr in die Richtung zu denken wagt. Frei nach „Don’t ask, what your country can do for you, ask what you can do for your country“.«
»Also folglich mit einer Haltung gegen das Betreuungsgeld? Und für Kitas?«
»Nein, lediglich fern ab gedacht von Betreuungsgeld und Kitas. Das ganze ist lediglich ein Nebenkriegsschauplatz zum Verwirren der Aussenstehenden. Auf jenen Plätzen lassen sich aber die Protagonisten für die Freiheit des Marktes identifizieren.«
»Nebenkriegsschauplätze sind auch Märkte. Freiheitsplätze der Eitelkeiten.«
»Nur ist das unwichtig. Denn der freie Markt formt bereits heute unser Denken. Wer unternehmerische Ideale und freiheitliches Unternehmertum verinnerlicht hat, der lebt richtig.«
»Also wie in jener Werbung, wo eine Frau sagt, sie sei Unternehmerin und Führungskraft in einem kleinen erfolgreichen, vierköpfigen Familienunternehmen, bestehend aus Frau, Mann und zwei Kindern?«
»Im Unternehmersinne funktioniert das Indiviuum integriert in die Markwirtschaft. Angebot, Nachfrage, Investition, Kosten, Gewinn. Im Fokus beständig die Ungleichheiten zwischen den Menschen.«
»Weswegen Hartz-4-Empfänger auch keinen Gewinn am Betreuungsgeld erhalten sollen.«
»Gewinn bestimmt das Denken. Leistung soll sich wieder lohnen. Das ist die Lebensrichtlinie, welche seitens liberaler Politiker der Bevölkerung eingebimst wird. In den 90ern gab es bereits die Sparkassen-Philosophie von ‚Mein Haus, mein Auto mein Boot, meine Dusche, meine Badewanne, mein Schaukelpferdchen, mein Anlageberater‘. Hartz-4-Empfänger belasten nur die Kasse, welche die Banken für sich reklamieren. Daher müssen wir die auch bekämpfen, die Feinde der Freiheit des Marktes, jene Nutznießer der noch vorhandenen Staatsquote, die zurück gehen soll.«
»Ich verstehe. Ein neues Denken und Verstehen des Begriffs der Freiheit.«
»Liberal ist nicht liberal im liberalen Sinne sondern im Sinne einer freiheitlichen Wirtschaft, welche nicht staatlich reglementiert ihre Mittel nutzen kann. Deswegen benötigt eine freiheitlichen Wirtschaft auch den Staat. Denn um jene Freiheit des Konsums zu garantieren und aufzubauen, müssen andere Freiheiten beschränkt werden.«
»Von Rosa Luxemburg lernen, heißt siegen lernen, oder?«
»Richtig. Freiheit ist immer Freiheit der Andersdenkenden. Und gänzlich anders denken die neuen Liberalen und fordern daher ihre Freiheit auf Kosten der anderen ein. Ganzheitlich wirtschaftlich. Und nicht nur in großen Dimensionen. Sondern auch bis runter zum Individuum.«
»Aber wenn allen aufgenötigt wird, das gleiche zu denken …«
»’Gleichschaltung der Meinungen‘? Sie wollten das doch wohl jetzt nicht in den Ring werfen, oder? Sie werden es nicht wagen.«
»Ein wenig Grass und schon setzt es was … .«
»Ein, der von seiner Mission durchdrungen ist, der will auch immer andere Unerleuchtete zur Erkenntnis des Lichtes zu führen. Die Gläubiger der wirtschaftlichen Liberalität sind nicht anders als die Salafisten und zeugen Yehovas. Sie glauben an etwas. Unsere Wirtschaftsgläubigen wollen ebenfalls immer auch bei anderen die Vorteile der Freiheit der Wirtschaft geben. Jene sollen profitieren, woran unsere Wirtschaftexperten glauben: sie sollen erkennen, was gut ist. Selbst wenn wir unsere Freiheit woanders dafür mit Waffengewalt verteidigen müssen. Die Freiheit des Konsums, der Märkte.«
»Kuwait befreien, hieß, der freien Wirtschaft Markt zu verschaffen? China benötigt keine Freiheit des Individuums, weil bereits die Freiheit der Wirtschaft existiert? Kuba ist Feind der Freiheit, weil dort keine liberale staatsunabhängige Wirtschaft vorhanden ist? Freiheit des Konsums?«
»Gedankenfreiheit ist zweitrangig und selbst in den Industrienationen hinderlich. Außer man holt sich das Urheberrecht an der eigenen Freiheit als Unterkapitel des ganz großen Buches der zugeteilten Freiheit. Urheber als Autor des eigenen Lebens.«
»Autor des eigenen Lebens? Von den Medien vorgeschrieben?«
»Die Medien sind gleichzeitig Lektor, Verkäufer und moralische Instanz der Zuteilung der Freiheit des Konsums. Die sind die Erzeuger eines permanenten Angstzustandes, in dem Besitzstandswahrung und die Ängste an den Verlust die treibende Kraft der Empörung sind. Wenn BILD darüber urteilt, ob jemand auf rechtlicher Basis beurteilt kein Unterstützungsgelder erhalten darf, weil er nicht die richtige Meinung derer meinung hat, dann wird recht zum reinen Willkürrecht,w elches Nazis und Stalinisten perfekt angewendet hatten. Mit Moral hat das nichts mehr zu tun. Oder verbietet wer das Rauchen, nur weil dran Menschen sterben?«
»Es erinnert mich an die Postkarten mit dem Jungen und seiner Bommelmütze und daneben der Satz: ‚Du fragst mich, was soll ich tun? Und ich sage: Lebe wild und gefaehrlich, Arthur.’«
»Das ist der heutige Neoliberalismus.«
»Hört sich an wie ein ‚Survivaltrainingskurs für Manager‘. Charles Darvins ‚Survival of the fittest‘.«
»Der meiner Meinung nach Flachdenker Dieter Nuhr drückte es mal unter Twitter so aus, dass es unverständlich sei, dass ‚Neoliberalismus‘ inzwischen ein Schimpfwort sei.«
»Ist ‚Neonazi‘ ein Schimpfwort?«
»Wenn der Beschimpfte es nicht ist, dann Ja. Eindeutig.«
»Und wenn Nein?«
»Ansonsten ist es die Wahrheit. ‚Ich bin der Geist der stets verneint! / Und das mit Recht; denn alles was entsteht / Ist werth daß es zu Grunde geht; / Drum besser wär’s daß nichts entstünde. / So ist denn alles was ihr Sünde, / Zerstörung, kurz das Böse nennt, / Mein eigentliches Element.’«
»Oh, wie schön. Ein wenig Schulbildung an der Theke. Das schmückt. Prost.«
»Wer hat’s erfunden?«
»Goethe.«
»Falsch. Die deutsche Marktwirtschaft, insbesondere die von Ludwig Erhard. Dann kamen die 80er mit Helmut Kohl und seiner antisozialen Politik. Die Ungleichheit der Menschen wurde vertieft, um der liberalen Marktwirtschaft Nachhaltigkeit zu geben. Und selbst Sozialdemokraten und Grüne waren sich nicht zu Schade, daran entscheidend mitzuwirken. ‚Deregulierung des Marktes‘ war das Zauberwort.«
»Ich weiß, ‚Deregulierung des Marktes‘, das war das Axiom des neuen Jahrtausends.«
»Mit dieser Phrase wurde die Gesellschaft zur Akzeptanz der neuen Armut verhext. ‚Deregulierung‘, dieses Wort lässt sich auch mit dem bekannteren Wort ‚Anarchie‘ übersetzen. Punks und Hausbesetzer forderten das bereits vor den Neoliberalen. Aber der Markt will ihre eigene Anarchisierung erhalten. Nicht die der Punks.«
»Die Anarcho-Szene als Vorläufer der neoliberalen Philosophie. Wenn die FDP das wüsste.«

Er nahm einen tiefen Schluck aus seinem Kölsch-Glas.

»Halunken! Alles Halunken!«
»Wie war das nochmals mit der ISDA?«
»Es ist das Forum der Kassierer. Sie tagen heute. Am Vor-Tage des ‚Tages der Arbeit‘, am ‚Tages der Arbeit‘ selber und danach. Gesponsert unter anderem von der Bank ‚Stanley Morgan‘. Mit Rekordteilnahme. 850 verschiedene Finanzverbände werden dort zugegen sein und darüber beraten, wie finanzielle Transktionen sicherer und effizienter gemacht werden können.«
»Nehmen Politiker teil?«
»Politiker sind für diejenigen nur Mittel zum Zweck. Handlanger, die im entscheidenen Augenblick ihre Alternativlosigkeit bei Entscheidungen erklären. Damit das Volk folgt. Die ISDA steuert die Zentralbanken und die Zentralbanken die Regierungen. So ist deren Ablauforganisation. Der Putsch der Finanzwelt gegenüber die Demokratien dieser Welt. Unterstützt mit finanziellen Massenvernichtungswaffen, deren Einsatz bereits in der letzten Bankenkrise 2008 deutlich wurden.«
»Willst du mir Angst machen?«
»Die Auswirkungen der Waffen wirken. Weiterhin. Wie damals das Zünden der Atombomben im kalten Krieg. Sie haben ihre Finanzwaffen bereits einmal vor vier Jahren gezündet. Und jetzt heißt es für uns: sparen, sparen, sparen. Zum Wohle des Finanzstandortes. Auf Kosten der Völker. Verordnet von Politikern aller politischer Seiten. Begründet als ‚alternativlos‘.«
»Hört sich an nach Auswirkung von Terror. Jemanden für Banken sparen zu lassen. Oder für Subventionen zugunsten denjenigen, die das Geld eh schon haben. Das macht doch keiner freiwillig.«
»Das Betreuungsgeld ist nur ein netter Nebenkriegsschauspielplatz derjeniger, die immer schon einen Rückgang der Staatsquote in der produktiven Wirtschaft befürworteten, den Staat aber als Wohlfahrtsorganisation bei wirtschaftlichen Misserfolgen der Finanzwelt sehen.«
»Ich dachte, der Staat als Wohlfahrtsorganisation ist ein Relikt des Kommunismus.«
»Nicht nur. Er war es auch als Relikt des Kapitalismus.«
»Und jetzt?«
»Neoliberalismus. Das hat mit Kapitalismus nichts mehr gemein. Es ist komplett etwas neues, das was weder Kapitalismus noch Kommunismus vorher gesehen hatte. Eine neue Gesellschaftsform.«
»Und die Antwort?«
»Bestell mir noch ein Kölsch.«

Ich tat es.

Kneipengespräch: Furchtloses Gespräch mit Bekannten


Tresen 0

Ich schaute auf meine Kaffeetasse und folgte den leicht flüchtigen, dunstigen Kaffeeschwaden.

»Du schreibst nicht präzis genug.«

Ich zuckte zusammmen. Kannte ich die Stimme?

»Du verstehst?«

Ich schaute auf und blickte zu meiner Linken. Da saß er neben mir. Nein, nicht mein üblicher Kneipenkollege. Nein, da saß er. Er höchst selbst. Der Filialleiter vom Teppichhaus Trithemius. Und der schaute mich tadelnd an.

»Hast du verstanden?«
»Wie? Ich schreib zu viel?«
»Du schreibst nicht präzis genug. Du kommst immer von Hölzcken auf Stöckscken.«
»Häh?«
»Du schreibst nicht präzis genug.«

Verwirrt schaute ich auf meine Kaffeetasse. Und zu ihm rüber. Er drehte sein Kölsch-Glas in seinen Fingern und schaute mich durchdringend an.

»Herr Careca, ehrlich gesprochen, da hat Trithemius einfach nur recht. Nicht wahr, Trithemius?«
»Werte Frau Teppichhausfilialleiterin, ich würde nicht zu widersprechen wagen.«

Verwirrt schaute ich erneut.
Ja, da waren beide, unverkennbar, zweifelsfrei eindeutig:
Er, zu meiner Linken: Trithemius.
Sie, zu meiner Rechten: Frau Nettesheim.
TrithemiusWo war mein üblicher oberflächlicher Kneipenplausch? Mein 08-15-Zeitvertreib, mit dem ich immer locker über Gott und die Welt geplauscht hatte. Wer hatte Trithemius und Frau Nettesheim gesteckt, wo die mich aufspüren könnten?
Trithemius lehnte sich entspannt nach vorne und sinnierte mir in meine Kaffeetasse hinein:
»Man möchte glatt sagen: „Zurück in die Welt und schreibe mit einfachen Worten auf, was du siehst!“ Zurück zur Einfachheit, Herr Careca.«
Frau Nettesheim versetzte noch etwas pragmatisches hinzu:
»Und bitte nicht so ein langweiliges Tagebuch wie woanders.«
Süffisant, sarkosant butterte Trithemius noch einen drauf:
„Mach mir nicht den Wolf Schneider, Careca.“

Meine Verwirrtheit stieg.
Schnuppernd versuchte ich meinen Kaffee zu analysieren.
Farbe normal. Fettaugengehalt normal. Geruch normal. Wachmacher-Faktor normal.
Alles normal. Selbst der übliche Kaffeesatz zum Lesen war am Boden auf dem Bodenblümchenmuster vorhanden.

Ich blickte zu meiner Linken. Trithemius holte sich seinen Beutel »Van Nelle« heraus. Intensiver Tabakgeruch stieg in meiner Nase, vermischt mit dem Duft meines Kaffees. Frau Nettesheim holte einen Puderquast mit einem Handspiegel aus ihrer Handtasche und korrigierte tupfend ihr Makeup. Etwas Puderstaub verirrte sich in mein rechtes Nasenloch. Ich musste niesen.
Fasziniert schaute ich dabei auf Trithemius Finger, wie diese aus einem Blatt weißem Papier und dem braunem Krümeln aus dem »Van Nelle«-Beutel eine perfekten Glimmstengel drehte.

Derweil erklärte er mir:
»Herr Careca, auch für Sie gilt, in den Randzonen des Netzwerkes wird die wechselseitige Kommunikation zum Geschwafel. Und Sie schwafeln gerne in den Randzonen des Netzwerkes. Denn unbekannt ist alles voreinander. Hintergründe des Verfassens sind unbekannt. Es wird das beurteilt, was in jenem momentanen Augenblick gesehen wird, ohne sich Zeit zu nehmen, in der Vergangenheit des Blogs zu stöbern. Zu viele andere gehören da ja noch zum Netzwerk und die wollen auch noch angesprochen werden. Das ist gar nicht anders zu schaffen, weil der Aufwand über ein vertretbares Maß hinausginge. Große Netzwerke können nur jene unterhalten, die sich kaum für ihre Leser interessieren. Schreibt einer zu viel Sperrholz zu seinem Inhalt hinzu, schwafelt solch einer dann nur.«
Und Frau Nettesheim ergänzte:
» Die Konsequenz ist wohl, sich vernünftigerweise zu begrenzen. Nur«,
und damit wandte sie sich direkt zu Trithemius,
»das Netzwerk wird bald von selbst schrumpfen, Trithemius. Niemand muss dafür etwas tun. Selbst Herr Careca nicht.«

Verwirrtheit umgab weiterhin meine Gedanken. War da was im Kaffee? Schlechte Ernte 2011? Hat eventuell Kinderarbeit die rote Kaffeebohnenernte vor dem Rösten für uns hier verdorben? War der schwarze Tschibo-Mann gestorben und hat die Röstung rassistisch verröstet?

Tabakstaub stieg diesmal in mein linkes Nasenloch. Erneut nieste ich heftig.

»Aber ich habe erst letzten zwei weitere in meinem blog.de-Freundeskreis begrüßen können«, versuchte ich nach dem Nieser schniefend zaghaft einen Einwand meinen beiden Gesprächspartnern gegenüber.

Aber Trithemius ignorierte diesen und antwortete Frau Nettesheim direkt:
»Bitte erinnern Sie mich daran, dass ich auf Ihr Zeugnis schreibe: „Im Kollegenkreis galt sie als tolerante Mitarbeiterin.“ «
Frau Nettesheim Antwort war lediglich ein indigniertes:
»Unverschämter Patron!«

Es erinnerte mich an etwas. Nur an was? An ein Gespräch zwischen den beiden?
Weiter verwirrt schaute ich von Trithemius zu Frau Nettesheim und von Frau Nettesheim zu Trithemius und von Trithemius zu Frau Nettesheim und umgekehrt.

Und bei meiner Schau von links nach rechts und von rechts nach links und umgekehrt blieb mein Blick auf die goldene Mitte, dem Wirt, hängen. Wie ein Engel erschien er mir, als er mit einem Teller »Halber Hahn« mit »Mettbröttchen« und einer Stange Kölsch auf mich zukam.

»Na? Wieder zu viel am Grübeln?«
»Ich?«
»Ja du, du Grübeljannes. Ich habe dein Blog gelesen.«
»Und?«
»Du schreibst nicht präzis genug. Du kommst immer von Hölzcken auf Stöckscken. «
»Häh?«
»Du schreibst nicht präzis genug.«
»Aber niemand hat meine extensive Schreibe bislang in meinem Blog negativ kommentiert.«
»Du schreibst nicht präzis genug.«
»Aber wenn niemand kommentiert.«
»Du schreibst nicht präzis genug.«

Meine Zähne bohrten sich in das Käseröggelchen und das Kölsch ging sogleich als Verflüssiger den Weg des halven Hahns. Das Mettbrötchen und ihre lasziv drauf sich kringelnde Zwiebelringe riefen mir zudem verlockend ihr »Beiss mich« zu.
Sexy.

Vorsichtig schaute ich von links nach rechts.
Kein Trithemius.
Keine Frau Nettesheim mehr.
Niemand da mehr an meiner Seite.
Uff.
Nur ne Fata Morgana.
Meine Zähne zerteilten erbarmungslos die säuberlich auf dem gepfefferten Mett drapierten Zwiebelringe.
Vorsichtig schaute ich mich nochmals um. Niemand da, der mich kritisieren könnte.
Beruhigt holte ich die vier Schreibblockseiten mit meinen nächsten Blogbeitrag zum Korrigieren aus der Jackentasche raus.