Kneipengespräch: Luftige Gedanken


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“Große was?”

“Koalition.”

“Und was ist davon das Gegenteil?”

“Kleinkrieg.”

“Geht alles nicht. Hört sich nach dicke Luft an. Geht gar nicht!”

“Wem sagst du das. Ein Freund hatte letztens einen Job in der Bauleitung am Flughafen BER offeriert bekommen. Im obersten Baucontainer dort.”

“Wow! So ein Job ist zukunftssicher. Job mit Aussicht. Bis zu Rente Vollbeschäftigung. Sofort annehmen.“

“Er hat abgelehnt. Stattdessen ist er zu den Stadtwerken gegangen.”

“Schlechte Entscheidung. Wenn demnächst eh jeder sowieso umsonst fahren darf, im öffentlichen Nahverkehr. Bekloppte Idee. Völlig hirnrissig.”

“Idee ist die Entlastung der Straßen. Das schafft mehr Platz für unsere SUVs und andere Pferdestärken.”

“Ja, sicher. Mehr Parkraum für die Autos. Weil, die Bürgersteige werden nachts bei Schnee und Regen leerer. Wenn die ganzen miefenden Penner und stinkenden Junkies dann U-Bahnen, Busse und Straßenbahnen nutzen und mit ihrem Gestank alles verpesten. Nur, klappt das nicht. Denn so kriegste die Leute nur ruckzuck zurück in ihre SUVs und Diesel-Edeldroschken. Damit schaffste ÖPNV-Abstinenzler. Und wer soll dann das alles wieder zahlen, wenn jeder umsonst fährt? Schwarzfahrer als Gegenfinanzierung fällt ja dann auch weg.”

“In München nicht. Da brauchste ne Bahnsteigkarte, wenn du nicht in die U-Bahn einsteigst. Also, alle Leute ohne 40-Cent-Bahnsteigkarte kriegen wegen ungelöster Bahnsteigkarte ne Rechnung über 60 Euro. Einmal die Aufgänge für drei Stunden kontrollieren, finanziert einen Tag kostenloses U-Bahn-Angebot gegen. Und nach drei Tagen herrscht wieder bessere Luft in den Verkehrsmitteln. Nebenbei, Hamburg hat das gleiche im Angebot für ihren ÖPNV. Luftverbesserung dank kostenlosen ÖPNV dank kostenpflichtiger Bahnsteigkarte.”

”Ich bin begeistert. München ist Lenins Beweis für deutsches Revolutionsverhalten. Bahnsteigkarten als Lösung von Finanzierungsproblemen. Na, da sag ich mal ein Prosit auf die reine Luft. Hauptsache, das Rauchverbot in Kneipen bleibt bestehen, das Reinheitsgebot für unser Bier bleibt unangetastet und das Blech bleibt heilig. Prost.”

“Den Wind zum Trocknen reinholen. Sowas macht uns so leicht niemand nach. Made in Germany. Die letzte Revolution in München war die ‘Biergartenrevolution’, Anno Domini 1995. Da brauchte es aber auch keine Bahnsteigkarten für die U-Bahn. Noch ein Kölsch?”

 

Kneipengespräch: Machtverhältnisse


»Hast du was zu sagen?«

Er schaute seinen Trinknachbarn an. Aber jener schwieg. Ich kannte ihn. Er war schon immer ein Schweiger vor dem Herrn. Seit ich ihn vor vierzehn Tagen an der Hotelbar zum ersten Mal getroffen hatte. Ich musste ihm regelrecht jedes Wort aus der Nase herausziehen. Er nannte sich Andreas und war von FORD Köln nach Detroit geschickt worden, um dort Montagearbeiten bei einem Automobilzulieferer zu organisieren.
Andreas war eigentlich kein Schweiger, aber während der Arbeit musste er immer wieder alles erklären. »Von der Ursuppe bis zur Erfindung der Dampfmaschine, und alles jeden Tag erneut in Details« hatte er mir erklärt. Zuerst hatte ich gegrinst. Da war das Volk, das bereits auf dem Mond war, aber nicht fähig war normale Industrieprozesse zu verstehen. Aber Andreas erklärte mir, dass dies nicht nur auf die Amerikaner zu traf. Es machte ihn fertig, dass selbst andere Kollegen aus Deutschland mit technischem Unverständnis wucherten, bei Themen, bei denen er es nie für möglich hielt.
So saß er vor seinem Glas »Blue Moon« und schwieg. Kölsch hatte es ja nicht an der Bar. Und ansonsten waren die angebotenen Biere bescheiden in ihrer Geschmacksrichtung.

»Hey Andy, wie war dein Tag?«

Sein Trinknachbar blieb beharrlich und schlug ihm freundschaftlich auf die Schulter.
Andreas schaute auf und blickte ihn mit müden Augen an. Zuerst vermutete ich, dass Andreas ein kölsches »Loss mich en Ruh« dem Amerikaner servieren würde. Weiterlesen