Ertrage die Clowns (7): Disziplin ist alles!


Im Jahr 1949 steckte sich der junge Joachim Fest einen Zettel ins Portemonnaie, den er bis zu seinem Tode mit sich führte. Auf dem Zettel stand der Satz:

„Ertrage die Clowns!“

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Ein beinahe glatt rasierter Schädel zeigte seinen Kopf, der gnadenlos als Charakterkopf durchgehen könnte. Ein wohlgeformter Schädel wie gemacht für einen Soldatenhelm. Er saß ganz unsoldatisch im Schneidersitz, aber mit makelloser Haltung. Gelernt oder abgeschaut. Buddha wäre neidisch gewesen. Seine Freundin saß neben ihm, aufrecht und zog sich mit beiden Händen einen Pferdeschanz in ihr Haar. Ihre Brust war durchgedrückt und es sah traumhaft aus. Den beiden hockte ein Paar gegenüber und hörte dem Charakterkopf aufmerksam zu. Zumindest machte es den Eindruck. Denn jeder hatte auch seine Aufmerksamkeit vor sich: entweder auf dem Boden oder in der Hand. Ein Dosenbier „Don Miguel“. Eisgekühlt. Die Perlen der Kälte glitzerten auf der Dose in der Sonne von Maspalomas.

„Weißt du, ich bin Oberleutnant und da spielen wir Bier-Pong, wenn wir Dienst am Wochenende haben, nicht wahr. Ihr wisst was Bier-Pong ist? Da werden zwei Kampfgruppen gebildet und die stehen sich gegenüber. Jeder hat vor sich eine Pyramide aus Bierbechern stehen. Also die Halb-Liter-Becher und nicht diese Kleinkinder-Becher. Ihr wisst, was Bier-Pong ist? Vor jeder Kampfgruppe mit so zwei, drei Kameraden stehen Becher stehen in einer Pyramide wie beim Kegelsport zusammen und jeder Becher enthält einen halben Liter Bier. Jetzt wird abwechselnd mit einem Ping-Pong-Ball auf die Becher der Gegner geworfen und wenn er in einen der Becher landet, muss der Becher von einem der Gegner leer getrunken werden. Und wer zum Schluss noch Becher mit Bier hat, hat gewonnen über die, deren Becher leer sind. Und dann gibt es Revanche. Auf alle Fälle. Am Anfang ist da ja jeder noch normal, aber nach den ersten Treffern wird es immer kameradschaftlich lustiger.“

„Da hat man ja schnell einen in der Krone“, warf der Mann des anderen Paares ein.

„Die Alten, also die 50-jährigen und so, die trauen sich ja nicht mehr mitzumachen, die schwächeln ja schon bald dabei. Die schaffen nicht mehr so viel. Aber wir, die Jüngeren, wir haben immer unseren Spaß. Das fördert den Zusammenhalt, die Kameradschaft. Es ist schade, dass Kameradschaft nicht mehr so gelebt wird.“

„Das stimmt“, pflichtete seine Freundin bei, „früher war es wohl besser, wie die Alten erzählen.“

„Die Abschaffung der Wehrpflicht war ein großer Fehler“, redete der Charakterkopf nach einem Schluck aus seiner weißen Miguel-Dose weiter, „da hat die Jugend noch gelernt, was Anstand und Disziplin ist. Heute will ja jeder besser sein als die Älteren und respektiert die nicht mehr. Aber Disziplin wollen sie dabei nicht haben, geschweige denn lernen. Wie wollen wir denn ohne Disziplin in der Welt weiter kommen? Ohne Disziplin lernen die nicht mal wie man im Studium erfolgreich ist. Beim Bund lernt man noch heute mal die Arschbacken zusammen zu kneifen und auf Disziplin, Anstand und Respekt zu achten.“

Das Paar gegenüber trank, schwieg und hörte aufmerksam zu. Es hatte auch keine Gelegenheit, im Sprachschwall ihres Gegenübers eine Lücke zu finden, um Einwände einzufädeln. Falls denen dazu der Sinn überhaupt danach stand.

„Ich bin ja Oberleutnant, also nicht Oberst-, sondern Oberleutnant. Und wenn mir dann so ein Gefreiter dumm daher kommt, dann stauch ich den zusammen. Damit er lernt, wer über ihm steht. Damit muss er selber klar kommen. So einer muss lernen, was Respekt ist. Wenn er mich respektiert, kann er von mir auch Achtung bekommen. Mich hat mein Hauptmann auch bereits mehrfach zusammen geschrien. Einmal, einmal hatte ich es gewagt, da habe ich zurück gebrüllt. Dafür habe ich dann gerechterweise meine Strafe erhalten. Drei Tage. War nicht lustig Aber danach habe ich seinen Respekt gewonnen gehabt und bin bis heute bei ihm geachtet. Das lernen die Jungen heutzutage nicht mehr. Die haben deren Jugendcliquen, Hotel Mama und brauchen für ihr Studium nicht mehr arbeiten. Morgens, mittags und abends wollen die Fleisch essen. Aber mal ein Butterbrot, das ist für die schon mal eine Zumutung. Damals im letzten Jahrhundert, da haben die morgens Haferbrei oder so gegessen. Mittags ein Brot mit Käse und Milchsuppe und abends vielleicht mal etwas Brot und etwas warmes wie Kartoffeln oder Gemüse. Lediglich am Wochenende gab es mal höchstens ein Stückchen Fleisch und ein kleines Bier oder so. Und an dieser Ernährung sind die von damals nicht gestorben. Ganz im Gegenteil. Da haben die mehr geleistet, als die meisten Jugendlichen heute. Da haben die noch Sachen gehoben, Dinge hergestellt, wo die heute nur noch einen Knopf drücken müssen. Und wenn dann mal etwas schweres zu heben ist, kommen die gleich immer mit Ergonomie oder so. Wir haben noch damals an unsere Mofas Kraft unseren eigenen Hände geschraubt, heute rooten die maximal ihr Smartphone oder installieren Windows-Rechner neu.“

„Ja, die Zeiten haben sich geändert, aber nicht alles ist schlecht“, warf die Frau des anderen Paares zaghaft ein.

„Ich weiß noch von meinen Eltern, wie die zur Schule gingen, immer zu Fuß, vier Kilometer weit“, meldete sich die Frau des Charakterkopfes, während jener zwei, drei Schlucke seines Bieres trank.

„Da wurde auch alles gegessen, was es gab“, fuhr der Charakterkopf fort, „da ekelte sich keiner vor ein bisschen Speck am Schinken oder Braten. Da war man froh, so etwas zu haben und hat sich nicht beschwert. In den 80ern, da kamen dann diese Grünen und haben erklärt, das wäre alles ungesund und vegetarisch zu leben wäre gesünder. Kein Fleisch mehr, haben die gesagt. Als ob das ungesund wäre. Dabei weiß doch jeder, dass man täglich tierische Proteine benötigt, um gesund zu leben. Und mit deren Vegetarismus und Gesundheitswahn ging die Disziplin den Bach runter. Das war nicht gut für uns. Denn das was richtige Disziplin ist, dass wissen die Jugendlichen von heute deswegen gar nicht mehr.“

„Ja, ein wenig mehr Respekt und Disziplin wäre manchmal nicht schlecht, nicht wahr“, sprach der Mann des anderen Paares, „heute macht ja jeder was er will, nicht wahr.“

„Ein Leben ohne Respekt“, fuhr der Charakterkopf nach einem kräftigen Schluck aus seiner Dose fort, „ist wie das, was man in Swinger Clubs immer wieder sieht: gefüllte und nicht entsorgte Kondome auf den Spielwiesen der Darkrooms in den Swinger Clubs.“

Drei Köpfe zuckten unwillkürlich nach oben. Keine Ahnung, wahrscheinlich meiner auch.

„Ach kommt, das habt ihr auch schon erlebt. Das ist doch ne Sauerei, sowas, nicht wahr. Das macht man doch nicht. Und so ist das auch mit Respekt.“

Schweigen. Der Charakterkopf öffnete eine neue Dose Miguel, nahm den nächsten Schluck und fügte leicht defensiv hinzu: „Gut, das war jetzt ein extremes Beispiel.“

„Du hast Recht. Karl und ich haben das auch schon oft bemerkt, nicht wahr, Karl?“, wandte die Frau des anderen Paares ein.

Karl nickte sofort heftig: „Eine absolute Schweinerei, stimmt. Können die denn ihre Gummis nicht selber wegräumen. Ist ekelhaft, wenn ich mit meiner Frau auf der Matte bin und dann die ganzen gebrauchten Gummis so sehe, die nicht entsorgt wurden.“

„Also, wenn ich so etwas mitbekomme“, pflichtete die Freundin vom Charakterkopf ein, „dann gehe ich gleich wieder. Wir waren letztens auf einem Swinger-Treff hier in Maspalomas im Jupiter-Club und mussten auf der Matte manchen Singlemann beiseite schieben, um an ein Paar zu kommen und da war einiges auf der Matte los. Gabi, erinnerst du dich an jene Renata, die aus Wolbeck, die mit ihrem Freund dort war und sich vordrängelte, um …“

Es war mir egal, was die Frau auf den Swinger-Treff im Jupiter-Club erlebt hatte. Einem starken Drang folgend verließ ich mein Handtuch und ging Richtung Meer. Abkühlung. Hätte ich jetzt noch Details aus deren Swingerleben anhören müssen, es hätte hart werden können. Ich hätte zum rettenden Meer robben müssen. Oder aber der Charakterkopf hätte wieder angefangen zu reden und es wäre anders hart geworden, was meine Disziplin und meinen Respekt für Diskretion anderen gegenüber betroffen hätte.

Das Meer und seine Wellen nehmen einem nicht nur manche Last von den eigenen Schultern, auch fühlt sich das eigene Gewicht nicht mehr so schwer gewichtig an. Die Wellen umspülten meinen Kopf, die Sonne streichelte meine Haut, Wärme umgab mich, Raum und Zeit gingen gemeinsam in der Unendlichkeit des Meeresrauschen baden.

Ich ließ mich auf dem Rücken treiben und aus purer Übermut von der Sonne gekitzelt, mit viel Lust und Laune rezitierte ich vor mich hin den alten Goethe und seine berühmten Wandrer-Nachtliedverse für Nichtschwimmer, hinein rezitierend, in den blauen Himmel, einen köstlichen Himmel mit seinen paar unscheinbaren bretterwandartigen Wolken:

Über allen Wellengipfeln ist des Meeresruh,
In allen Wellenwipfeln spürest du
Kaum einen Hauch;
Die Vögelein schweigen im Wellenwalde.
Warte bedächtig schwimmend nur, balde
Ruhest du auch.

„Also, wenn der da eben noch weiter geredet hätte, ich war kurz vorm explodieren. Ich sag dir, ganz im Ernst, noch ein paar Sätze von dem, Schatz, und ich hätte dem eine reingelangt, Schatz.“

Die Stimme kannte ich.

„Ich habe die ganze Zeit vorhin nur da gesessen und ihn angeschaut. Ganz ernst. Erst unterbricht er mich und dann hat er die ganze Zeit nur ohne Punkt und Komma geredet. Nur weil er einmal in einem Swinger-Club war. Der hat doch keine Ahnung. Er hätte uns fragen sollen, wir sind da doch die besseren Experten. Und als er beschrieb, wie er im Darkroom … also da wäre ich beinahe explodiert.“

Ja, da war er wieder. Der Oberleutnant. Ich drehte mich kurz um und erblickte ihn in seiner ganzen Herrlichkeit mit seiner Freundin. Wie konnte man nur so schamlos durchtrainiert sein, obwohl er während seines eigenen Vortrags zwei Dosen Miguel vernichtet hatte. Ich dagegen brauche heutzutage nur noch den Schaum eines Bieres anzuschauen und schon muss ich wieder zwei Kilometer joggen gehen. Aber dieses erledigte wohl der Charakterkopf – in dessen Rechten knapp überm Meeresspiegel ein neu geöffnetes Dosenbier – durch ununterbrochenes Reden mit seinem Unterkiefer. Er redete wie ein Wasserfall:

„Weißt du Schatz, ich bin der typische Antiheld. Ich bin immer da, wenn sich jemand in einer Schlange vordrängeln oder sich nicht anstellen will, dann bin ich da. Egal, wie lang oder wie kurz die Schlange ist. Da, wo der Staat nicht eingreifen darf, da sorge ich für Gerechtigkeit.“

Aufgeregt wie ein junger Hund strampelte ich auf den Strand zu: mit allen vieren versuchte ich Rückstoß zu erzeugen und nutzte jede Welle.Weg. Einfach nur weg. Ganz schnell. Höchster Alarm schrillte in mir. Denn ich hatte es gesehen. Knappe sechsunddreissig Meter von mir entfernt. Dieses Dreieck auf dem Wasser: schmal, schwarz, stark. Ganz ohne Zweifel, eine Flosse.

„Wenn sich schon keiner drum kümmert, dann tue ich es. Und ich erwarte dafür keine Anerkennung, weil ich tue es für das Allgemeinwohl.“

Die Flosse zerteilte fast lautlos das Wasser. Fast lautlos. Aber auch nur fast. Es war ein leichtes Zischen zu hören, das Zerteilen der Fluten. Wie ein Messer, das durch das Wasser der heimischen Badewanne fährt, um den Weihnachtskarpfen zu erlegen. Kaum hörbar, aber sehr deutlichvernehmlich. Ein leichtes Zischen in Fis-Moll mit leichten Anklängen an C-Dur.

Ich hatte bereits das flache Wasser des Strandes erreicht. Eine leichte Welle drückte mich nach vorne und ich machte einen gewaltigen Satz ins Trockene, in den feinen Sandstrand hinein.

„Das ist mir Anerkennung genug. Es geht mir nicht um Ruhm und Ehre, sondern das die Welt wieder gerächter wird …“

Am Stand liegend drehte ich mich um und sah gerade noch, wie der Oberleutnant komplett im Rachen des Hais verschwand, während er seine letzten Worte der aufrechten, felsenfesten Überzeugung, die er noch an seiner Freundin richtete, zu mir rüber drangen. Der Felsen verschwand im Bauch des Hais und der Hai im Meer und die Frau stand allein im Wasser.

Ein lautes, sirenenhaftes Geschrei der Frau übertönte das Rauschen des Meeres.

Und leise schaukelte eine halbvolle Dose Miguel undiszipliniert auf der Wasseroberfläche.

Ertrage die Clowns (6): À tout de suite!


Im Jahr 1949 steckte sich der junge Joachim Fest einen Zettel ins Portemonnaie, den er bis zu seinem Tode mit sich führte. Auf dem Zettel stand der Satz:

„Ertrage die Clowns!“

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Charlie Abdullah ist tot. „König“ Charlie Abdullah. So viel Zeit muss sein.
Die Legende besagt, dass dieser letzte großherzigste Herrscher vor Gram starb, weil sein 1.000 PS Bugatti wegen Sand im Getriebe nicht mehr ansprang.
Charlie Wulf ging zu dessen Trauerfeier, weil Charlie Merkel und Charlie Gauck keine Zeit hatten. Charlie Abdullah soll es aber nicht bemerkt haben. Charlie Gabriel wäre auch ganz gerne dahin, aber irgendwie hatte er ein Date wegen Charlie Bachmann und Charlie Oertel und musste absagen. Charlie Obama, Charlie Cameroon und Charlie Hollande haben Charlie Abdullah gleich ihre Meinung verkündet und ihn über den grünen Klee gelobt. Wohlgemerkt „über“, denn ihn unter den grünen Klee zu belobigen, das hätte er schon verdient gehabt. Allein schon dafür, dass er die Freiheit des Bloggens mit 1000 Peitschenhiebe auf den Blogger Raif Badawi (kein Charlie) unterstütze, und dem gestürzten und politisch verfolgten tunesischen Diktator Charlie Ben Ali ein saudisches Asyl-Refugium zugestand. Diese beiden Fakten waren es dann auch, warum Charlie Merkel dessen „Klugheit, Weitsicht und großem persönlichen Einsatz“ […] „für eine behutsame Modernisierung seines Landes“ gepriesen hatte. Fast ähnlich hatte es Charlie Putin formuliert. Selbst UN-Generalsekretär Charlie Ban Ki Moon hat ihn posthum verbal geadelt. Haben eigentlich auch Charlie Netanjahu, Malis Präsident Charlie Keita, EU-Ratspräsident Charlie Tusk, Palästinenserpräsident Charlie Abbas und das Asterix-Imitat Charlie Sarkozy offiziell zitierbares zu dem Tod des Königs von sich gegeben? Weiterlesen