Kneipengespräch: Der schwarze Peter … und wenn er kommt, dann laufen wir …

Am Tresen mit Koelsch

Seit geschlagenen sieben Minuten wimmerte er in sein Kölsch hinein. Er war mir zwar entfernt, aber ich hörte es trotzdem und – das Schlimmste dabei war – ich musste es ertragen.

»Oje, oje, oje.«

Dann nahm er einen Schluck aus seinem Kölsch starrte für knappe 40 Sekunden Löcher in die Luft über der Theke, wimmerte erneut und dann wieder:

»Oje, oje, oje.«

Ich bin ja ein geduldiger Mensch, ein wirklich sehr toleranter Bürger, einer mit dem man auch Pferde stehlen kann, wenn sie niemandem gehören und es zudem legal ist. Aber das sprengte nun doch den Rahmen jeglicher Toleranz.

Nachdem er mit seinem Blick erneut ein Loch mit seinem leeren Blick über der Theke gefüllt hatte und es mit seinem »Oje, oje, oje«-Kit zugeschmiert hatte, riss mir mein eherner Geduldsfaden.

»Sag mal, hast du zuhause keine Klagemauer an der du dein ‘Ojeojeoje’ ablassen kannst? Muss das ausgerechnet hier sein? Das ist ja schrecklich.«

Ich erwartete, dass er mich verblüfft anstarren würde. Aber nein, in seiner Arroganz stierte er weiterhin auf seine Kölsch-Stange und ließ lediglich einen tiefen Seufzer ab.

»Was ist nun, Menne? Etwa weiter rumjammern oder mal ein wenig Kneipenkommunikation anstrengen?«

Der Wirt stellte uns beiden jeweils ein neues Kölsch hin und warf mir einen verwunderten Blick zu.

»Was ist, Herr Oberspielleiter? Mir geht dieses typisch deutsche Gejammere auf den Sack. Immer nur jammern, aber nie das Maul mal aufmachen, um Tacheles zu reden.«

Der Wirt warf mir einen warnenden Blick zu: »Stimmt, ich bin der Oberspielleiter. Und du stehst vor der ersten Gelben Karte. Benimm dich.«

»Ach, geh doch Kölsch einlassen und lass uns in Ruhe!« Ich schaute den Theken-Seufzerer an: »Und? Was ist? Was hast du zu seufzen und zu wimmern?«

»Ich bin Rassist.«

»Ist ja gediegen. Woran machst du das fest?«

»Ich habe den Schwarz-Weiß implizierten Assoziationstest der Harvard Uni gemacht und das Ergebnis war, dass ich eine ausgeprägte Bevorzugung von Weißen gegenüber Schwarzen habe.«

»Was für ein Test? Einen implizierten Assoziationstest? Was soll denn der Schwachsinn sein?«

»Ich habe auch den Homosexuell-Heterosexuell implizierten Assoziationstest gemacht. Ich bevorzuge Heteros moderat vor Homos.«

»Wow. Wer hat den Test entwickelt? Jens Spahn mit Herrn Drosten beim gemeinsamen Virusforschungsumtrunk?«

»Nein, eine indisch-amerikanische Soziologin, ein grauhaariger weißer und ein anderer weißer Yale-Soziologiemensch.«

»Typisch, zwei Weiße und eine Quotenfrau, die auch noch farbig ist. Und die sollen Garanten dafür sein, beurteilen zu können, was und wer Rassist ist? Mit einem Test auf Basis von Assoziationen? Das ich nicht lache!«

»Habe ich anfangs auch. Jetzt nicht mehr.«

»So ein Quatsch. Nur weil so eine Indien-Tussi eine Idee hat, und damit zwei Männer bezirzt, ist das nicht Wissenschaft. Das ist so wie das Triumvirat Drosten-Spahn-RKI.«

»Du hast es nicht verstanden.«

»Doch!« Ich klopfte energisch mein Kölsch auf die Theke. »Doch habe ich! Nur weil ein paar Spinner meinen, uns in Angst und Panik zu versetzen, nur um uns die Luft in der Demokratie zum Atmen zu nehmen und die Atmungsorgane als potentiell lebensbedrohlich einzustufen. Dabei ist wohl die Sterbequote des ganzen nur 0,6% gemessen an der Weltbevölkerung! 0,6%! Das musst du dir mal über die Zunge gehen lassen. Und dafür all die Angst und all den Schrecken, den diese Trinität verbreitet. Das ist doch ein Skandal.«

Mein Atem ging schwer. Zu reden ohne Luft zu holen, ist nicht einfach. Aber die Wahrheit musste raus. Und das Kölsch rein. Ich setzte an und machte es mit einem Schluck nieder. »Oberspielleiter, neues Kölsch!«

Der Wirt schaute mich an: »Noch einmal und du hast die Gelbe Karte. Maat ens höösch.«

Meine Augenlider gingen auf Halbmast. Das Wort verbieten lassen, das musste ich mir nicht gefallen lassen. Als mündiger Bürger nicht. Ich nicht.

»Oje, oje, oje.«

»Ach, du schon wieder. Vergiss diesen Harvard-Assoziationstest-Scheiß . Die haben doch keine Ahnung, diese Wissenschaftler. Die schweben doch Kilometer über dem Boden und reden von Bodenhaftung wie die Politiker. Wie hat schon Einstein richtig bemerkt: ‘Wenn man mit dem Mädchen, das man liebt, zwei Stunden zusammensitzt, denkt man, es ist nur eine Minute; wenn man aber nur eine Minute auf einem heißen Ofen sitzt, denkt man, es sind zwei Stunden – das ist die Relativität.’ Und jetzt wollen die uns erzählen, die wären in dem Besitz der absoluten Wahrheit, diese Drostens und so? Die wollen uns doch nur ins Bockshorn jagen, in jenem Horn, auf dem die uns das Lied vom Tod vor flöten. Nur verängstigte Bürger sind brave Bürger für die da oben.«

»Oje, oje, oje«, seufzte er schon wieder, »ich bin der Sohn von Weißen, ging in den Kindergarten von Weißen, meine Schullehrer waren Weiße, meine Vorbilder waren Weiße und alle haben mir erklärt, wie schön das Leben von uns weißen Menschen ist und wie dreckig und elend die Nicht-Weißen leben. Und dann soll ich kein Rassist sein? Und dann soll ich den strukturellen Rassismus nicht stützen und davon gefeit sein?«

»Was?«

»Ich bin doch geprägt von einer weißen Kultur von Kindesbeinen an. Und dann soll ich kein Rassist sein? Bislang dachte ich, dass ich es nicht wäre. Dass ich meinen Rassismus unten im Keller eingesperrt hätte, so wie ein wildes Tier. Ganz tief unten. Und somit kein Rassist wäre. Dachte ich. Nur der im Internet aufrufbare Test wies mir das Gegenteil nach.«

»Aber diese von der Industrie bezahlten Günstlingswissenschaftler …«

»Der einzige nicht-weiße Mensch in meiner Jugend war der katholische Priester aus der zentral-afrikanischen Diaspora. Wir hatten bei der Kommunion immer insgeheim kritisch kontrolliert, ob es stimme, dass schwarze Priesterhände nicht auf Hostien abfärben. In unserer Gemeinde waren bereits die Evangelen die Randgruppe mit gesellschaftlich, weil religiös seltsamen Ansichten. Nicht-Weiße waren aber die erklärten Nickneger der Gemeinde.«

»Aber jetzt übertreib mal nicht. Ich habe auch in einem erzkonservativen, münsterländischen Dorf meine Jugend verbracht. Und hat es mir geschadet? Nein. Überhaupt nicht! Ich bin weder Rassist, noch Macho. Trotz all der Männer und Weißen und Schullehrer. Aber ich habe mir eine kritische Distanz zu den angeblichen Göttern der Wissenschaft erarbeitet, die ja alle nur im Dienste …«

»Ich hatte immer meiner Freundin, einer Mulattin, vorgeworfen, sie wäre Rassistin. Aber ich bin ja auch nicht besser.«

»Diese Mischlinge, also jene nicht weiß, nicht schwarz, die sind eh die größten Rassisten. Das hat man damals schon in Südafrika unter Pieter Botha gesehen. Die waren noch größere Rassisten als die Weißen. Da sind wir ja die reinsten Engel, während jene komplett rabenschwarze, grausame Ansichten unter deren brauen Haut haben. Da ist das, was ja andere versuchen als Rassismus zu geißeln, in Wahrheit das reinste Gold.«

»Das interessiert mich aber nicht. Wir hatten in unserer Grundschule einen Peter, der hieß der ‘Schwarze Peter’, weil wir ihm immer die Sündenbockrolle zugeschoben hatten.«

»War er dunkel-pigmentiert?«

»Nein, er hatte damals mal vor vierzig Jahren gesagt, dass auch schwarze Menschen Menschen seien und unsere Vorfahren alle auch mal schwarz waren.«

»Und?«

»Wir haben ihn danach dauernd gehänselt und gemobbt. Denn wir waren der Überzeugung unsere Vorfahren waren Adam und Eva und beide waren Weiße. So wie Gott und Jesus und Maria und der Heilige Geist. Der Peter bekam nach seiner Aussage vor der Klasse nur noch den ‘Schwarzen Peter’ zugeschoben. Sogar der Lehrer fand seine Aussage bedenklich.«

»Ach komm! Erzähl doch nicht so einen Schwachsinn. Das hast du dir doch jetzt gerade aus den Fingern gesogen. Und gleich erklärst du auch noch, dass Drosten und Co.KG alle Recht haben. Ich hab dich durchblickt, verzäll nix!«

Ich nahm mein Kölsch, leerte es in einem Zug, hielt es dem Wirt entgegen: »Passt so?«

Der Jammerlappen schaute mich zum ersten Mal direkt an. Ich erwartete einen provozierenden Blick, einen ironischen oder so etwas in der Art. Aber es war wohl der gleiche leere Blick, mit dem er seine in die Decke gestarrten Löcher gefüllt hatte.

»Ich verzäll nix. Aber der Test hatte recht. Nur erzählt mir jeder das Gegenteil, dass ich dem Test nicht trauen solle. Aber ich traue mir und meiner Erkenntnis. Ich habe erkennt, dass ich Rassist bin.«

»Und macht es dich zu einem besseren Menschen, weil du es erkannst hast? Besser als mich? Das glaubst du doch wohl selber nicht! Das ist reine Hybris. Narzissmus der besonderen Art!«

»Das ist es ja eben. Es geht nicht ums reine Bewerten, sondern ums Ändern und Verbessern. Bewerten kann jeder, aber es geht ums strukturelle und was jeder daraus macht.«

Ich musterte ihn von oben bis unten. Eine Gestalt entsprechend seinen Äußerungen. Unaufgeklärt und unmündig. Ein Fähnchen im Wind, aber eben darauf gerade heraus als Qualitätsmerkmal pochend: »Klar. Verstehe ich komplett. Dir geht’s lediglich ums Vergleichen mit anderen. Du bist neidisch auf jene, die von sich sagen, sie wären weder rassistisch, machistisch oder sexistisch. Deutsche Neidkultur. Typisch mal wieder. Die typische deutsche Neidkultur. Niemand gönnt niemanden etwas. Es nervt langsam, das zu hören. Echt jetzt!«

»Typisch deutsch ist ‘typisch deutsch’ zu sagen«, warf er mir eine lakonische Bemerkung wie ein Knochen hin.

»Ach ja?«

Er zog aus seiner Tasche eine schwarze Maske, zog sich diese über Mund und Nase und warf mir einen Blick zu, der mich wohl provozieren sollte.

»Weißte was, du Pimpf?« herrschte ich ihn ungehalten an, »du kannst mich nicht provozieren mit deiner Maske. Du willst mir sagen, dass ich ansteckend bin, nicht wahr, Covid positiv. Ein Virus der Gesellschaft. Aber das ist Quatsch. In meiner Umgebung sind alle clean. Und ich auch. Und alle um mich herum auch. Da wetten ich jeden PCR-Test drauf. Da kannste tausend Masken tragen. Du kannst mir keine Angst einjagen. Weder du die RKIS, die Drostens und Spahns. Die da oben wollen das doch und dich en top als nützlichen Idioten haben. So wie es von oben geplant ist. Um uns zu verblöden. Gegen so etwas bin ich immun. Komplett. Ich kann selber denken, du regierungsopportunes Arschloch!«

Etwas Gelbes drängte sich in mein Gesichtsfeld. Ich schaute irritiert zur Seite. Der Wirt hielt mir einen gelben Karton vors Gesicht.

»Was?«, fragte ich irritiert.

»Du bist jetzt still. Oder du gehst nach Hause. Meine Gäste beleidigen geht gar nicht!«

»Ach ja? Aber der hat doch angefangen!«

Der Wirt blickte mich ernsthaft warnend an. Das musste ich mir nicht antun. Ich warf einen Zwanziger auf die Theke und verließ das Lokal.

Ehe ist, bis dass der Tod …

“Schatz”, er hielt ihre Hand in der seinen und streichelte sie sanft, “Schatz, ich hatte dir immer gesagt, dass diese Mund- und Nasenbeckungspflicht nichts für uns ist. Wir können unsere Gesichter nicht mehr richtig erkennen, sehen unser Mienenspiel nicht mehr. Und das ist doch wichtig, oder? Das Mienenspiel ist doch wichtig für uns Menschen und macht uns menschlich, nicht wahr.”

Er betrachtete zärtlich ihre Hand. Ein Fingernagel war abgebrochen, einer dieser Gel-Fingernägel, die sie sich immer jedes Wochenende machen ließ. Heute wollte sie auch wieder zum Aufhübschen gegangen sein, aber das Nagelstudio war bereits geschlossen.

“Schatz, hat es nicht bereits gereicht, dass wir die Ausgangsbeschränkungen anfangs vollumfänglich mitgemacht hatten? Du hattest dir einen Dackel angeschafft und ich bin joggen gegangen, um mal aus der Wohnung raus zu kommen. Mehr musste ja nicht sein.”

Versonnen blickte er zur Seite, sah den Fressnapf, der auch weiterhin neben den Mülleimer stand, und dahinter zur Erinnerung ein Hundefoto.

“Ach ja, der Dackel. Die liebe Belinda. Ein treues Seelchen von Hund”, er seufzte, “was konnte ich dafür, dass sie mir nachlief und beim Überqueren der Straße überfahren wurde? Nichts. Und das hatte ich dir tausendmal gesagt. Aber du meintest, ich hätte das absichtlich getan. Immer diese miesen, unbewiesenen Unterstellungen von dir. Du hättest wie ich joggen gehen sollen, nicht wahr. Dann hättest du auch mehr raus gekonnt. Joggen hält fit und wir Menschen müssen fit bleiben, nicht wahr. Da braucht es keinen Dackel.”

Sein Blick streifte den Ehering an dem Ringfinger ihrer Hand und spielerisch drehte er mit seiner freien Hand an den Ring. Aber kein Geist erschien, um einen Wunsch zu erfüllen.

“Aber du wolltest ja nicht. Dafür kann ich nichts. Eigene Entscheidung. Eigene Schuld. Darum musstest du ja auch die ganze Zeit zu Hause bleiben. Dafür kann ich nichts. Gesetz ist halt Gesetz. Dass du dann so zickig wurdest, darüber hättest du mal nachdenken sollen. Deine Zickigkeit hat unserer Ehe nicht gut getan. Ich habe alles getan, aber du gar nichts. Wegen jedem Kleinscheiss hast du angefangen zu streiten. Das war unnötig. Das hattest du danach auch immer eingesehen, wenn ich mit dir darüber diskutiert hatte.”

Er schüttelte dazu verärgert seinen Kopf und drückte ihre Hand ungewollt fester, als er wollte.

“Und dann, als ich letzten Montag mir die Kettensäge gekauft hatte, um in unserem Garten mal aufzuräumen, da war es dir auch wieder nicht recht. Du bist immer auf Streit gepolt. Gut. So bist du halt. Nicht deine Schuld. Aber es war völlig unnötig, der Nachbarin von deiner Kinnverletzung zu erzählen. Dafür konnte ich nicht. Bist doch selber gegen die Tischkante gefallen. Hätte ich nicht dein Kinn verbunden, wärest du wohlmöglich verblutet. Aber warum du danach immer nur Maske tragen wolltest, das habe ich nie verstanden, das konntest du mir auch logisch nicht erklären. Du brauchtest doch vor mir keine Maske. Hab ich etwas Corona? Bin ich ansteckend? Du kannst so ungerecht sein.”

Er seufzte erneut auf und streichelte ihre Hand. Eine Träne lief an seiner rechten Wange herunter:

“Zumindest, so geht es mir. Jetzt halte ich deine Hand in der meinen, Schatz. Nur wünschte ich, du wärest hier. Und nicht in unserem Garten unterm Bankplatz.”

Er schluchzte auf und Tränen rannen ihm in dürren Rinnsalen über die Wangen. Er ließ ihre Hand los und kraftlos fiel sie unterm Tisch.


”Und wie – sagten Sie – fiel Ihnen auf, dass beim Ehepaar Schultes etwas nicht stimmte?”

“Naja, gestritten hatten die immer, aber in der Corona-Zeit wurde es unerträglich, da hat er sie offenbar geschlagen, so dass sie gestern heulend mit der Kinnverletzung bei mir auftauchte. Und dann der letzte Streit heute morgen, danach die Stille, dann das Aufheulen der Kettensäge und dann wieder diese unsägliche Stille, da stimmte doch etwas nicht … ist es wahr, was ich gehört habe, dass er sie unter der Gartenbank …”

“Bitte verstehen Sie, dass wir zu laufenden Ermittlungen leider keine Auskunft geben dürfen, Frau Giesinger. Wir melden uns wieder bei Ihnen. Guten Tag.”

Wie Waldi, der Rauhhaardackel, zum Bürgermeister gewählt wurde

“Was du nicht willst, das man dir tu, das füge auch keinem andren zu!”

“Hör doch auf hier den Moralapostel zu spielen!”

Zwei Dutzend Menschen in einem Raum waren in erregter Diskussion. Nach dem vorzeitigen Ableben des alten Bürgermeisters sollte heute der neue Bürgermeister gewählt werden. Eigentlich war es eine klare Sache: die Partei “HdB” hatte vierundzwanzig Mandate und war die stärkste Partei. Danach kam die Partei “GmU” mit fünf Mandaten und ein einzelnes Mandat hatte der Vertreter der Partei mit dem sperrigen Namen “PfgUiW5”.

Nur uneigentlich war die Sache nicht so klar. Denn in der “HdB” wollten gleich zwei den alten Bürgermeister beerben. Zuerst kandidierte Heinz Rüdiger Selbtal, Vorsitzender des größten Bürgerschützenvereins im Ort und passionierter Jäger. Doch noch am selben Tag reichte auch Stefan Maier seine Kandidatur ein. Auch Stefan Maier hatte einiges an Reputation vorzuweisen: er war promoviert in Agrarwirtschaft, führte den dortigen Bauernverband an und war zudem offizieller Kreisliga-Schiedsrichter des DFBs. Beide standen sich nahezu unversöhnlich gegenüber, weil der eine als Jäger sich permanent vom Bauernverband gemaßregelt fühlte und der andere stetig kritisierte, dass die Jäger vollkommen rücksichtslos mit deren SUVs über die Äcker der Bauern fahren würden. Anfangs sah es nach einer eindeutigen Sache aus: im Falle seiner Wahl zum Bürgermeister hatte Heinz Rüdiger Selbtal Stefan Maier den Posten als stellvertretenden Bürgermeisters plus das Recht auf zwei Reden pro Halbjahr auf wichtigen Veranstaltungen angeboten. Aber Stefan Maier war nicht einverstanden, bot wiederum Heinz Rüdiger Selbtal den Posten des stellvertretenden Bürgermeisters plus das Recht auf einer Rede pro Halbjahr an.

“Leute, so kommen wir doch nicht weiter”, mahnte der Alterpräsident der “HdB”, “in einer Viertel Stunde müssen wir hier raus und in den Abstimmungssaal und unseren Kandidaten präsentieren. Wenn wir keinen präsentieren können, dann riskieren wir eine riesen Blamage, weil dann nur die ‘GmU’ einen Kandidaten haben wird und wir keinen. Will das wer von Euch?”

Die Versammelten schwiegen. Kein Mucks war zu hören.

“Heinz Rüdiger”, fuhr der Alterpräsident fort, “Heinz Rüdiger, könntest du nicht noch ein besseres Angebot an Stefan machen? Und Stefan, was könntest du Heinz Rüdiger anbieten, damit er deine Kandidatur eventuell unterstützen würde.”

“Nun”, setzte Stefan Maier an, “ich könnte mich dazu überreden lassen, dass er das erste Bier bei der Kirmeseröffnung gezapft bekommt.”

“Und das Anrecht, die frisch ernannte Weinkönigin auf eurem Winzerfest als Erster zu küssen!”, ergänzte Heinz Rüdiger Selbtal fordernd.

“Niemals! Du alter Lüstling! Dieses Anrecht hat nur der Vorsitzende des Bauernverbandes!” protestierte Stefan Maier.

“Den kannst mir auch anbieten, den Vorsitz!” fügte Heinz Rüdiger Selbtal lakonisch hinzu.

“Leute, Leute,” hub der Alterspräsident an, als das Raunen im Raume immer lauter wurde, “mehr Ernsthaftigkeit!”

“Kann ich auch mal einen Vorschlag machen?” Eine junge Frau war nach vorne getreten. Der Alterspräsident nickte.

“Petra Diekmann, Sie haben das Wort.”

“So wie es aussieht”, begann Petra Diekmann, “werden wir in den verbleibenden zwölf Minuten nicht fertig. Wir brauchen eine pragmatische Ersatzlösung.”

“Und wie soll die aussehen? Etwa Frauenpower?” warf Heinz Rüdiger Selbtal ironisch dazwischen und erntete damit ein paar Lacher.

“Herr Selbtal, auch Sie müssten den Ernst der Lage erkannt haben. Sollten wir uns auf keinen gemeinsamen Kandidaten einigen können oder sollten wir gar zwei Kandidaten präsentieren, dann lacht über uns die ganze Gemeinde und dann wird es schwierig für die absolute Mehrheit bei der nächsten Kommunalwahl werden. Egal, welche der beiden Möglichkeiten wir jetzt wählen – keinen Kandidaten oder zwei Kandidaten – , man wird über uns lachen. Wir sollten also versuchen zumindest die Lacher auf unserer Seite zu bekommen. Denn wer zuletzt lacht, lacht am besten.”

“Und wie soll das gehen?”, warf Stefan Maier ein.

“Erinnert ihr euch noch an den Fall mit dem Rauchverbot in den Kneipen hier? Damit das in unserer Gemeinde nicht umgesetzt werden sollte, hatte der alte Bürgermeister doch einfach mal unsere Gemeinde zur „’Geschlossenen Gesellschaft’ erklärt und damit gemeint, das allgemein angeordnete Rauchverbot umgehen zu können. Bis das Verwaltungsgericht diese Anordnung des alten Bürgermeisters für ungültig erklärte und dann darüber ganz Deutschland erfuhr. Und was passierte? Rainer Weiß vom Heimatverein hatte das direkt als Steilvorlage für sein Marketing verwendet und schwups hatten wir kurz darauf einen Haufen Touristen, welche wissen wollten, was für pfiffige Bürger wir wären und wo wir so leben würden.”

“Und?”

“Lasst uns das gleiche nochmals machen. Jetzt bei der Bürgermeisterwahl.”

“Die Idee hört sich nicht schlecht an, Frau Diekmann”, unterbrach der Alterspräsident, “aber wie soll das genau gehen?”

“Lasst uns einen Dackel zur Kandidatur aufstellen.”

“Einen Dackel?”

“Einen Dackel.”

“Aber Frau Diekman”, warf Heinz Rüdiger Selbtal ein, “das ist so ein Mist, ihr Vorschlag. Von Ihnen hätte ich qualifizierteres erwartet. Da wird maximal ein Hund in der Pfanne verrückt, bevor es niemandem auffällt, dass wir einen Dackel zur Kandidatur aufstellen. Also bitte. Nein, das ist ein schlechter Vorschlag.”

“Wieso nicht?” gab Stefan Maier kontra, “die anderen sind doch so beschränkt, denen fällt das nie und nimmer auf. Und am Schluss sagen wir einfach: ’He, da wurde ein Dackel zum Bürgermeister gewählt, die Wahl ist ungültig, wir müssen die am Montag wiederholen!’ Und schon haben wir ein Wochenende mehr Zeit, um einen wirklich würdigen Kandidaten aufzustellen.”

“Das könnte funktionieren”, stimmte der Alterspräsident zu, “lasst es uns einfach mal versuchen. Frau Diekmann, ich möchte wetten, Sie haben einen passenden Dackel, den wir zur Kandidatur in den Kandidatenbogen eintragen können?”

Frau Diekmann nickte. “Mein Rauhhaardackel ’Waldi’.”

Frau Diekmann stemmte ihre Handtasche hoch und aus der Öffnung schaute treuherzig dreinblickend ein grauer-brauner Dackel. Alle schauten sie sprachlos an. Doch mit einem mal setzte ein zustimmendes Gemurmel ein.

“So machen wir es. Die Deppen werden nicht bemerken und dann haben wir die Lacher auf unserer Seite!”

“Aber wir können doch nicht einfach ‘Waldi’ auf den Bogen schreiben,” meinte der Alterpräsident leise zu Frau Diekmann.

“Schreiben Sie einfach ‘Waldemar von und zu Hohenstimber’“, sagte Frau Dieckmann laut und ergänzte zum Alterspräsident flüsternd: „und in Klammern einfach ‘geborener Rauhaar’. Aber dann ‚Rauhaar‘ mit einem ‚h‘. Dann müsste es passen und keiner merkt es.” Der Alterspräsident nickte und schrieb den Namen auf den Bogen.

Bei der Verkündigung der Kandidaten gab es nur zwei Namen. Es herrschte anfangs ein wenig Verwirrung bei der “GmU” wegen dem Namen ‘Waldemar von und zu Hohenstimber’, aber irgendwie fragte auch keiner weiter nach, was die Angehörigen der “HdB” nur belustigte.

Die Auszählung der Stimmen war vorbei. Im Saal herrschte Ruhe. Der Wahlleiter trat vor die versammelte Menschenmenge aus Neugierigen, Journalisten und Politikern.

“Die Stimmauszählung fand unter notarieller Aufsicht statt und das Ergebnis steht fest. Es wurden 30 Stimmen abgegeben und keine war ungültig. Auf den Kandidaten Hubert Steinmetz entfielen fünf Stimmen und auf den Kandidaten Waldemar von und zu Hohenstimber entfielen 26 Stimmen.”

Ein Lachen setzte ein und ein vereinzeltes “Die haben einen Dackel gewählt” halte im Raum. Heinz Rüdiger Selbtal und Stefan Maier hielten gemeinsam feixend einen Dackel und waren dabei, sich einen Weg nach vorne zu erarbeiten.

“Ich bitte um Ruhe. Und bitte unterlassen sie Verunglimpfungen. Ein wenig mehr Anstand, darf ich doch bitten. Jemanden als Hund zu diffamieren ist diesem Hause nicht angemessen. Ich bitte den Kandidaten Waldemar von und zu Hohenstimber von der der Partei ‘Partei für ganzjährigen Urlaub im Wahlkreis 5’ nach vorne.”

Heinz Rüdiger Selbtal und Stefan Maier stockten und ließen den Dackel zu Boden gleiten. Ihnen fiel wieder ein, woher sie diesen sperrigen Namen schon mal gehört hatten. Bleich waren sie geworden und als sie in die Gesichter ihrer Kollegen blickten, waren auch diese erheblich blasser geworden.

Der Kandidat Waldemar von und zu Hohenstimber stellte sich an das Rednerpult: “Sehr verehrter Wahleiter, lieber Wahlkreis 5, liebes Publikum, ich nehme diese Wahl an. Und besonders möchte ich mich für die Stimmen der Kollegen  der Partei “Hoch die Bürger” bedanken. Zudem möchte ich auch gleich eine Personalie bekannt geben: Frau Petra Diekmann ist vorhin in meine Partei eingetreten und ich setze sie hiermit als stellvertretende Bürgermeisterin ein. Petra, kannst du mal nach vorne kommen.”

Zehn Sekunden war es still. Mausestill. Man konnte Stecknadeln fallen hören. Doch dann brach etwas los, was in den überregionalen Tageszeitungen als “Rathaussturm” beschrieben wurde. Es soll dabei mehrere Verletzte gegeben haben. Die Polizei musste diesen “Sturm” mit Schlagstockeinsatz beenden. Festgenommen wurden dabei zwei Politiker, die sowohl wegen erheblicher Körperverletzung als auch wegen Widerstand gegen die Staatsgewalt auffielen. Gegen beide wird noch ermittelt. Sie sollen inzwischen ihre Posten und Ämter aufgegeben haben und auch nicht mehr in der Gemeinde leben.

Waldemar von und zu Hohenstimber (geborener „Rauhaar“) und Petra Diekmann heirateten noch im gleichen Jahr.

Was aus dem Rauhhaardackel wurde, ist unbekannt.

Als der Nordpol nahe eines beschaulichen Dorfs im Münsterland weiter wanderte – Teil 5 / 5

Was vorher geschah: Teil 1, Teil 2, Teil 3, Teil 4

Thomas saß auf der Polizeistation in dem beschaulichen Dorf Davensberg und lass nochmals das Protokoll durch. Der Polizist musterte ihn abwartend.

“Und das wollen Sie wirklich so zu Protokoll geben? Eine Frau am Spinnrad? Ein Zwerg, der Sie wegen Ihrem ‘ho-ho’ überfallen und gewürgt haben soll? Ein Mann und zwei Frauen, die Dirty-Dancing getanzt haben? Und dann eine Kutsche mit drei Verfluchten drinne?”

“Ja, so war es. Wenn ich es Ihnen doch sage.”

“Sehr verehrte Herr Thomas Pollde. Ich gebe Ihnen noch eine letzte Chance. Sollten Sie darauf bestehen, dass alles so gewesen sein soll, wie Sie hier zu Protokoll gegeben haben, dann werden wir Sie in Münster in die Klappse einweisen. Dann gehen Sie nicht über Los und ziehen auch keine 4000 Euro ein. Sondern dann geht es direkt hinter gesiebte Luft der Psychischen. Ich versteh ja, dass Sie damals unter erhöhter Belastung standen, wegen Beruf, Scheidung und ihrem Drogenkonsum. Und wir wissen auch, dass Sie Schauermärchen lieben. Aber das, was Sie hier uns gerade erzählt haben, dass reicht, Sie für längere Zeit aus dem Verkehr zu ziehen. Dabei waren Sie doch in den drei Monaten Krankenhaus gemäß ärztlicher Beurteilung ein völlig zurechnungsfähiger Mensch.”

Thomas blickte den Polizeibeamten an. Der Polizist wollte ihn nicht verstehen. Warum nahm er die Geschichte nicht so auf, so wie sie sich zugetragen hatte? Was hatte sein Beruf damit zu tun? Ja, es gab Druck, aber das war doch normal für seinen Job. Thomas war krisenerprobt und für sein Krisenmanagement in der Firma immer wieder gefragt und belobigt worden. Und wenn seine Frau die Scheidung einreichte, weil sie ihm vorwarf, dass sie zwischen Beruf und seinem Hobby Geocaching kaum noch einen Platz für ihn übrig gelassen bekommen hatte, dann änderte es doch nichts an den Fakten. Und Drogenkonsum? Thomas hatte außer Wein, Kaffee und Tee noch nie andere Drogen konsumiert. Was redete der Polizist denn nur?

“Lieber Herr Pollde, war es nicht eher so, dass Sie an jenem Tag zum Geocaching zwar aufgebrochen waren, aber dann ein ruhiges Plätzchen suchten, um sich dort psychoaktive Pilze zu suchen und sie dort zu konsumieren? Und als Sie ihre magic mushrooms gefunden hatten, verzehrten Sie diese in der Davert unter der Teufelseiche. Dabei hatten Sie – weil es Nacht und kalt war – noch ein kleines Feuerchen an der Eiche gezündet, welches aber glücklicherweise recht schnell erlosch. Sie sind dann aber auf die andere Seite der Lichtung gegangen, kletterten jene Buche hoch und stürzten sich runter, weil Sie dachten, Sie könnten fliegen, schlugen dabei auf einen Findling auf, brachen sich den Ellenbogen, kugelten sich ein Bein aus, zerschlugen sich beide Knöchel, verletzen sich erheblich im Gesicht und blieben bewegungslos liegen. Hätten unsere Kollegen Sie nicht zufällig dort gefunden – übrigens fuhren unsere Kollegen einen schwarzen SUV, was Sie dann wohl als Kutsche wahrnahmen – sie wären wahrscheinlich dort elendig verreckt. Und ohne Rettungshubschrauber wäre Ihre Überlebenschance gleich Null gewesen.”

“Ich habe keine magic mushrooms konsumiert.”

“Ja, nee, is klar. Und das was, man aus ihrem Mund gefischt hat, waren wohl 1a-Champignons aus dem Demeter-Laden, oder? Jetzt lauschen Sie mal genau zu: Ich habe hier das Protokoll vorbereitet, so wie es wirklich war. Das Protokoll liegt zu Ihrer Rechten. Das Protokoll, welches Sie haben wollen, das Protokoll mit all den Spökenkiekereien und Schauermärchen liegt zu Ihrer Linken. Ich gehe jetzt mal kurz raus und mache mir einen Milchkaffee. Und wenn Sie auch einen wollen, dann haben Sie doppelt so viel Zeit, Ihre Unterschrift unter einen der beiden Protokolle zu setzen. Fürs rechte droht Ihnen maximal eine Geldstrafe und Sie erhalten von mir den Gratis-Milchkaffee, fürs linke kriegen Sie Klappse und keinen Milchkaffee, für mindestens eine längere Zeit nicht. Überlegen Sie es sich gut. Herr Thomas Pollde, Sie haben die Wahl.”

Der Polizist stand auf und ging nach hinten in den Nebenraum. Thomas hörte das Klappern von Kaffeetassen und dann das Aufheulen des Mahlwerks einer Kaffeemaschine. Er zog beide Protokolle zu sich heran und überflog sie, nahm den Kugelschreiber vom Tisch, unterzeichnete ein Protokoll und schob beide zusammen zurück.

Kurze Zeit später kam der Beamte mit zwei Kaffeebechern zurück und überreichte Thomas einen Becher.

“Ich hoffe doch ohne Zucker? Wir haben nämlich keinen mehr. Sie haben weise entschieden. So unvernünftig sind Sie doch gar nicht, wie Sie sich mir anfangs gegeben haben. Wären Sie nicht vernünftig gewesen, dann hätte Sie jetzt keinen Milchkaffee vor sich, sondern eine Einlieferungsverfügung.”

“Sie haben doch noch gar nicht geschaut, wo ich unterschrieben habe.”

“Glauben Sie, ich würde Sie hier unbeobachtet lassen? In der Kaffeeküche gibt es auch einen Monitor und dort konnte ich sehen, wo sie unterschrieben hatten.”

“Nur eines noch. Die Feuerstelle. Habe ich dort wirklich unter der Eiche gezündelt?”

“Nun, da Sie es vorhin unterschrieben haben, dass Sie unter der Eiche ein Feuer gemacht haben, kann ich es Ihnen ja jetzt sagen: Nein.”

“Nein?”

“Nein. Wir fanden etwas, was so ausschaute wie eine Feuerstelle. Aber es war keine. Es war eine Vertiefung, die geschwärzt war, und es roch dort irgendwie nach faulen Eiern, also so leicht schwefelig. Wir haben keine Erklärung. Aber Feuer war es nicht.”

“Und wieso sollte ich mich wegen etwas schuldig bekennen, was nicht passierte?”

“Weil die Stelle sich unter der Teufelseiche befindet. Sie verstehen? Teufelseiche und Schwefelgeruch? Das kommt gar nicht gut. Insbesondere, da es sich bei der Davert laut den vielen Erzählungen um einen Ort der bösen Geister und Gespenster handeln soll. Wir können es nicht riskieren, dass nachher einige Erzkatholiken die Teufelseiche anzünden, nur weil die dort den Zugang zur Hölle vermuten. Eine über 200 Jahre alte Eiche mit mehr als drei Meter Umfang? Dann ist es doch schon besser, man erzeugt Empörung in der einheimischen Bevölkerung, weil angeblich ein Drogenkonsument unter jener Eiche gezündelt hat. Dann kommt keiner der Dorfbewohner auf dumme Gedanken und nimmt den Namen ‚Teufelseiche‘ für bare Münze.”

“Also glauben Sie meiner Version?”

“Ihre Version ist doch nur eine Zusammenschau alter Schauermärchen der Davert, die Sie nutzen wollten, um von Ihrem Drogenkonsum abzulenken.”

“Und die Absturzstelle der zwei Weltkriegsmaschinen?”

“Die gibt es wirklich. Samt Kreuze und Gedenksteine. Aber ich werde den Teufel tun, Ihnen zu verraten, wo Sie diese finden. Sehen Sie lieber zu, dass Sie Land gewinnen und nicht mehr hierher kommen. Die Landbevölkerung hat Ihr Foto in der Zeitung gesehen und sollten Sie in einen der Wälder der Davert gesehen werden, dann kann ich für nichts garantieren. Dann könnte die Davert eine weitere Schauergeschichte hinzugefügt bekommen. Diese Davertnickel hier sind nicht zimperlich, diese Eingeborenen hier.”

Thomas verließ die Polizeistation und ging zu seinem Fahrzeug, welches seit dem Unfall dort von der Polizei abgestellt worden war. Er hatte den Schlüssel zum Abschied vom Beamten erhalten und schloss das Fahrzeug auf.

Ein Zettel klebte unter dem Scheibenwischer. Thomas zog ihn hervor und setzte sich hinters Lenkrad. Er warf einen Blick auf den Zettel. Unter einem Drudenfuß und dem Wahrzeichen des Ortes, dem Davert-Burgturm, stand in dünnen Lettern geschrieben:

Als der Nordpol nahe Davensberg in der Davert unter die Teufelseiche wanderte

Je mehr geologische Anomalien entstehen, desto stärker die erfolgt eine Verlagerung des Nordpols. Sollte sich beispielsweise irgendwo das Erdinnere öffnen – also Vulkane, Erdspalten mit Magma oder das Tor zur Hölle öffnet sich – und somit die Materialströme im Erdkern sich dadurch verändern, dann hat das Einfluss auf die Lage des Nordpols. Und der Nordpol lag vor kurzer Zeit erst direkt unter der Davert’schen Teufelseiche. Beweise dafür wollen Geologen nicht herausrücken, weil sie somit Beweise für die Existenz des Leibhaftigen liefern würden. Sie verschweigen die Wahrheit. Das Böse existiert und ist immer wieder mitten unter uns. Es gab kein von Drogensüchtigen gelegtes Feuer unter der Teufelseiche. Der Geist der Finsternis hatte sich wieder in der Davert gezeigt und die Eiche war sein Tor. Die Herausgabe der Daten, wo sich der magnetische Nordpol vor kurzem befand, würde das eindeutig beweisen. Stattdessen weitere Davert-Märchen und Fabeln …

Thomas kramte sein Smartphone hervor. Die Polizei hatte es freundlicherweise aufgeladen und mit den Fahrzeugschlüsseln ihm ausgehändigt. Er öffnete die Foto-App und blätterte zu den Fotos jener Nacht. Die Fotos der Waldlichtung. Zwei scharf, eines unscharf.

Auf einem der scharfen Fotos erkannte er Schatten, im Hintergrund, unscheinbar, aber vorhanden. Vier Schatten. Thomas öffnete die Datei-Eigenschaften des Bildes, um sich die Metadaten des Fotos anzeigen zu lassen.

Die App blendete eine kleine Karte ein, um den Standort des Fotos anzuzeigen. Die Karte baute sich auf. Der Aufbau war beendet. Doch alles was Thomas erblickte, war lediglich das weiße Zentrum der Karte …

Ende

Als der Nordpol nahe eines beschaulichen Dorfs im Münsterland weiter wanderte – Teil 4 / 5

Was vorher geschah: Teil 1, Teil 2, Teil 3

Befremdet schaute sich Thomas die Szenerie an und fühlte sich recht unwohl dabei. Was ging da ab? Wer waren diese Gestalten? War das ein altes Davert-Ritual im Mondenschein? Er überlegte, das Ganze zu filmen, kramte sein Smartphone hervor und richtete es auf die drei. Dabei bemerkte er, dass sogar noch eine vierte Person um die Dreien herumtanzte. Er erkannte die Person wieder. Es war dieser kleinwüchsige Mann, dieses Hoho-Männchen, welches ihn von oben aus einem Baum angefallen hatte. Unwillkürlich griff sich Thomas an den Hals, als ihm dieser Überfall wieder einfiel. Sein Hals schmerzte noch immer und auf seinem Kopf spürte er die Beule, die sich von dem Aufprall des Hoho-Männchens gebildet haben musste. Thomas war klar, er musste das Ganze filmen oder ansonsten würde ihm das nachher niemand glauben.

Er legte sich flach hin, schob sein Smartphone auf dem Boden in Position und wischte auf dem Display um die Kamera-App zu aktivieren. Jedoch erwischte er zuerst wieder seine Karten-App. Und offensichtlich hatte er wieder Netz, denn die Karte zog Daten aus dem Internet. Thomas wartete. Zu gerne wollte er jetzt doch wissen, wo er sich genau befand. Die Karte baute sich langsam auf und dann sah er nur eine weiße Gegend. Irgend etwas stimmte nicht. Er wartete, die Karte zeigte lediglich eine weiße Umgebung und in der Mitte seinen Standort als blauen Punkt. Mit zwei Fingern zoomte er aus der Karte heraus … Das konnte nicht sein. Das war unmöglich. Die Karte hatte seinen Standort Mitten auf dem Nordpol verortet. Was sollte das? Er lag hier definitiv irgendwo in der Davert, unweit des Dorfes Davensberg und nicht auf dem Nordpol. Das passte weder vom Wetter her noch die Temperaturen stimmten und die Erderwärmung hatte sich auch nicht stark beschleunigt …

“Diese verteufelte Sch-scheiss-Software”, entfuhr es Thomas unterdrückt. Jedoch kaum war ihm dieser Fluch entwischt, bereute er ihn. Er wollte unentdeckt bleiben und senkte seinen Kopf zu Boden. Aber offenbar hatten ihn die vier Gestalten gehört, denn er vernahm ein leises “Ho ho”, und als er aufblickte sah er den Kerl mit großen Schritten und ineinandergeschlagenen Armen auf ihn zukommen. Thomas war erstarrt, er wollte sich bewegen, konnte es aber nicht. Der Kerl näherte sich ihm, verlor einen seiner Holzschuhe und Thomas bemerkte den nackten, verkrüppelten Fuß, der darin verborgen war. Thomas wollte sich zusammenreißen, um zumindest noch die Kamera-App zu starten, aber er hatte jegliche Gewalt über seinen Körper verloren. Er fühlte sich wie zu Stein erstarrt. Sein Smartphone entglitt seinen Händen und kippte mit dem Display nach unten aufs Laub.

“Kiek an, ‘n Pottkieker!” Der Mann hatte sich jetzt direkt neben Thomas gestellt. Dessen Mondschatten fiel auf Thomas Gesicht, so dass Thomas kaum das Gesicht des Mannes erahnen konnte. Und in dem Moment als Thomas den Mann in seiner ganzen Größe neben sich stehen sah, bemerkte er, dass er die Kontrolle über seinen Körper zurück gewonnen hatte. Er rappelte sich auf seine Knie und wollte sich aufrichten. Aber der Mann drückte ihn mit einer Hand auf seiner Schulter wieder nach unten.

“So, so. Biätter in’n Stall äs in’n Bedde?”, meinte der Mann mit leicht gönnerhaften Einschlag in der Stimme. Thomas verstand nichts von dem und schaute den Mann unverständig an.

“Kannst du Platt küern?”

Thomas schüttelte verneinend den Kopf und versuchte dem Druck auf seiner Schulter zu entweichen.

“Nein? Du kommst nicht von hier, oder? Dann rede ich mal hochdeutsch mit dir. Du liegst hier einfach so unter meiner Eiche und versperrst mir gerade meine Tür nach unten.”

“Deine Tür? Nach unten? Unter welchem Stein bist du denn hervor gekrochen gekommen? Und lass meine Schulter los, du Brutalo!” Thomas wollte dem Mann etwas entgegensetzen, und wenn es nur paar drohend wirkende Sprüche sein sollten. So ließ er sich von niemanden behandeln.

“Meine Eiche, meine Tür. Und deine Höflichkeit ist eines Gastes unwürdig. Erst provozierst du das Hoho-Männeken, dann spielst du Voyeur, als ich mit meinen Geliebten tanze und jetzt stellst du auch noch Ansprüche, mich beleidigen zu dürfen, ohne mich zu kennen? Das lasse ich dir nicht durchgehen. He is dumm geboren un hett nix da tolehrt. Ik will di wiesen, wor de Timmermann ´n Gatt laten hett.“

Der Mann sprach es und seine Hand zog Thomas komplett nur an der Schulter hoch. Thomas versuchte, Boden unter seine Füße zu bekommen, und als ihn die Hand des Mannes losließ, taumelte er ein wenig. Er wollte sich zum Mann drehen, um in eine Verteidigungshaltung zu kommen, denn irgendetwas sagte ihm, dass der Mann etwas Übles im Schilde führte. Zudem nahm er auch noch den Geruch des Mannes war, ein strenges und seltsames Parfum. Thomas konnte es nicht zuordnen. Und er hatte auch keine Zeit mehr dazu. Denn der Mann holte mit der anderen Hand aus und ließ diese mit voller Wucht in seinen Rücken klatschen. Thomas verspürte einen scharfen Schwerz in seiner Wirbelsäule, hatte das Gefühl zu fliegen, glaubte auch zu sehen, wie er flog, über die erleuchtete Lichtung hinweg auf die beiden alten Frauen zu. Ihre Gesichter wurden immer deutlicher und er blickte in alte zerfurchte Gesichter, in kalte leblose Augen. Er spürte den harten Aufprall, wie er sich überschlug, mit seinem Ellenbogen auf einen Stein aufschlug und ein brutal stechender Schmerz im seine Sinne raubte.

Als Thomas wieder zu sich kam, hatte er den Geschmack von feuchter Erde und verrottetem Laub im Mund. Im ersten Moment dachte er an einen Alptraum, aber als er seinen Kiefer bewegte, kaute er in der Tat auf eine Mischung aus Erde und Laub. Er versuchte seine Arme zu bewegen, aber ein Schmerz in seinem rechten Ellbogen ließ ihn Stille halten. Er öffnete vorsichtig ein Auge und schloss es sofort wieder. Was er gesehen hatte, konnte er nicht glauben. Seine Gehirn weigerte sich einfach zu glauben, was ihm das Auge als Information vermittelt hatte.

“Das kann nicht sein! Das kann nicht sein!”, durchzuckte ihn die ersten Gedanken. “Nein, das glaub ich nicht!”

Er wollte das andere Auge öffnen, um das Gesehene zu verifizieren. Aber das Auge reagierte nicht. Vielmehr spürte er eine pochende Schwellung, welche ihm das Auge zuhielt. Erneut öffnete er langsam das erste Auge. Er sah die Welt vom tiefsten Punkt aus, direkt vom Boden her. Und was er sah, beruhigte ihn ganz und gar nicht. Unter der Eiche stand ein Vierspänner: zwei schwarze Rappenpaare waren vor einer schwarzen Kutsche gespannt. Die Türe der Kutsche war offen und er sah dort zwei Personen drin sitzen. Eine dritte Person kam auf ihn zu, schwarz verhüllt mit einer Kapuze, schwarz ebenfalls, und mitten auf der Kapuze ein rot-weißes Emblem. Die Person beugte sich zu ihn herunter und packte ihn bei den Schultern, rüttelte an ihn. Thomas versuchte zu schreien, bewegen konnte er sich nicht, sein ganzer Körper war wie nicht vorhanden, er bestand nur noch aus Angst und Panik. Die Kutsche! Die Kutsche des Rentmeisters und die Kapuzinermönche! Zudem vernahm er auf einmal das Dröhnen von Flugzeugmotoren, begleitet von einem anschwellenden Heulton. Sie kamen von oben! Dröhnende Motoren eines abstürzenden Flugzeuges! Um Gottes willen! Vielleicht hatte es noch eine Bombe an Bord! Einen Blindgänger, der beim Aufprall dann explodieren würde!

“Bom-be”, mühsam formte sein Mund durch den Dreck hindurch das Wort. “Bom-be.” Thomas konnte das Gesicht des Kapuzinermönchs jetzt direkt vor sich sehen. Er war verwirrt. Das Gesicht sah recht lebendig aus. Er versuchte erneut das Gesehene gedanklich zu verarbeiten. Irgend etwas stimmte hier überhaupt nicht. Ihm wurde schwarz vor den Augen, Stille setzte um ihn herum ein, er hatte das Gefühl hochgehoben zu werden und zu fliegen …

Fortsetzung folgt

Als der Nordpol nahe eines beschaulichen Dorfs im Münsterland weiter wanderte – Teil 3 / 5

Was vorher geschah: Teil 1, Teil 2

“Ho-ho“, intonierte Thomas wie ein Weihnachtsmann diese Buchstaben, hauchte sie atonal aus seiner Kehle heraus, “ja ist denn schon wieder Weihnachten?”

“Ho! Ho!”

Thomas zuckte zusammen. Hatte ihm jemand geantwortet? Er schaute sich um: “Ist da jemand?”

In dem Moment verfing sich die dornige Ranke in seinen Strumpf. Er spürte schmerzhaft wie die Dornen über seinen Knöchel ritzten.

So saß er also dort über seinen Rucksack, starrte auf sein Smartphone, blickte erneut auf seine Karte und den Aufzeichnungen seines Notizbuches und überlegte, ob er noch auf den richtigen Weg wäre. Konzentriert schaute er sich nochmals um. Den Unterstand konnte er nicht mehr sehen. Dafür sah er nicht unweit vor ihm einen Schlagbaum und darauf eine Frau sitzend. Hinter dem Schlagbaum schien es einen Weg zu geben. Thomas packte seine Sachen in den Rucksack, stand auf und ging zu der Frau hinüber. Je näher er kam, desto mehr erkannte er, dass die Frau eine alte Haspel vor sich stehen hatte, auf der sie einen Faden abwickelte.

Haspel? Spinnleonore? Thomas musste grinsen. Was sollte das denn? Kulturgutpflege? In dieser Gegend? Für einzelne Wanderer? Das konnte er nicht glauben. Wahrscheinlich hatte war sie es, welche seinen Ruf beantwortet hatte. Übermütig rief er der Frau zu: “Hey, sind Sie die Spinnleonore? Leonore, sind Sie es? Ho-ho!”

Die Frau blickte auf und ein weiteres “Ho-ho” ertönte als Antwort. Aber es kam nicht von der Frau. Thomas tippte auf ein Echo.

“Ho-ho, Spinnleonore. Hier soll es eine Absturzstelle aus dem Zweiten Weltkrieg geben. Wissen Sie, wo ich die hier finde?“ rief er der Frau zu.

“Ho-ho”, antwortete es, diesmal näher als zuvor. Nur, die Spinnleonore war es nicht. Sie saß weiter dort und haspelte ungerührt, gleichwohl sie ihn trotzdem anblickte. Ihr Mund formten Worte, die er so nie zuvor gehörte hatte: “Ick häör et auk. Ick häör et auk.” Eine Stimme hinter der Frau antwortete: “Awat, du bis nich wies!” “Ick nich wies? Dann luster doch äs up!”, schien die Frau zu antworten. “Alles dumm Tüg! Alles dumm Tüg!” “Dat Viennmöerken halt die!”

Thomas war verwirrt. Was wurde da geredet? Wohin musste er? Wies? Luster? Tüg? Und wo soll jenes Viennmöerken halten? Er verstand nur noch Bahnhof. Zögerlich rief er es nochmals mit der Stimme eines heiseren Weihnachtsmann ein “ho-ho”, als es über ihn krachte. Er konnte noch erkennen, dass er unter einer knorrigen Eiche stand und ein kleinwüchsiger Mann auf ihn zu fallen drohte. Fallen? Der fiel nicht! Wenn Fall, dann Überfall, waren seine panischen Gedanken. Gleichzeitig spürte er wie dieser Zwerg-Mann im Fall auf seinen Kopf traf, dabei dessen Hände um Thomas Hals legte und zudrückte. Verflucht! Heimtückische Davert …

Thomas öffnete langsam seine Augen. Sein Kopf schmerzte, sein Hals tat ihm weh. Er lag unter einem Baum, einer Eiche, einer knorrigen Eiche. Es war dunkel und die Astlöcher der Eiche sahen wie Augen aus, die ihn kalt musterten. Zum Teufel nochmal! Sein Rucksack. Er tastete um sich und atmete erleichtert auf, als er ihn erfasste. Gott, sei Dank, er wurde nicht geraubt. Thomas richtete sich auf, zog ihn zu sich, öffnete ihn und zog sein Smartphone hervor. Er musste wohl schon einige Zeit lang gelegen haben, denn die Uhr zeigte ein Uhr nachts an. Der Akkustand war niedrig, aber reichte noch aus. Netz hatte er keines, Funkloch offenbar. Obwohl, er hatte doch vorher … . Er zuckte mit den Schultern. Seine Karten dieser Gegend funktionierten auch offline. Er hatte sie sich zuvor herunter geladen. Verwirrt richtete er sich auf und erblickte vor sich eine hell erleuchtete Waldlichtung. Er schaute auf seine Smartphonekarte, um sich zu orientieren. Es dauerte ein wenig, bis das GPS ihn lokalisiert hatte. Er wartete noch etwas. Aber die Karte baute sich auf seinem Smartphone nicht auf, sondern die App verlangte nach Internetzugang. Er wedelte kurz mit seinem Smartphone in alle Himmelsrichtungen, um irgendwie einen Zugang zu erhalten, aber es war nutzlos. Kein Netz.

Er schaute zu einer Waldlichtung rüber. Sie lag in einem fahlen Licht getaucht. Im Geäst über sich konnte Thomas den Mond ausmachen, der die Szenerie beleuchtete. Offensichtlich der Vollmond. In der Lichtung erstreckte sich eine Wiese, deren helles Grün eigentümlich verführerisch leuchtete. Thomas wechselte auf die Kamera-App, stützte das Smartphone auf sein Knie ab und hielt es auf die Szenerie. Er atmete tief ein und aus, um eine ruhige Hand zu bekommen und löste aus. Dreimal wiederholte er das Ganze. Er wollte sicher gehen, dass zumindest ein Foto nicht verwackelt sein würde. Mit ein paar Wischen kontrollierte er die Fotos. Zwei erschienen ihm unverwackelt, das dritte wollte er löschen, als er von einer Bewegung auf der Lichtung abgelenkt wurde. Er kniff seine Augen zusammen, um besser sehen zu können.

Tanzten dort zwei Frauen? Er schloss kurz seine Augen, schüttelte seinen Kopf rasch hin und her, um wacher zu werden und öffnete sie wieder. In der Tat, er sah zwei nicht mehr so junge Frauen. Tanzende Frauen in weißen Nachtgewändern. Sicher war sich Thomas nicht, denn er bemerkte auch, dass die Wiese dampfte, dass aus ihr Nebelschleier aufstiegen, die aussahen wie Spinnweben. Und das Tanzen der Frauen bestand eher aus seltsamen Sprüngen. Zudem er glaubte auch Gesang zu vernehmen. Dem, was er sah, traute er jedoch nicht. Er hatte vor, sich bemerkbar zu machen und ihm lag schon wieder dieses “ho-ho” auf der Zunge. Aber instinktiv verbiss er sich es. Dieses “ho-ho” erschien ihm nicht geheuer.

Ein Ast knackte. Thomas duckte sich und bemerkte wie eine Gestalt sich den Frauen näherte. Verwundert schaute er zweimal hin. Die Gestalt war die eines Kiepenkerls. Zumindest hatte er eine Kiepe auf seinen Rücken geschnallt, trug offensichtlich Holzschuhe und hielt eine leicht rauchende Pfeife in seiner Hand. Die Frauen bemerkten ihn und tanzten den Kiepenkerl an. Der leise Gesang der Frauen wurde ein wenig lauter, aber Thomas verstand nicht wirklich, was sie sangen. Er hatte sich inzwischen flach hingelegt und beobachtete, das seltsame Treiben. Die beiden alten Frauen betanzten den starken stämmigen Kerl und irgendwie hatte er das Gefühl, dass das Ganze wie eine der Szenen aus dem Film “Dirty Dancing” ausschaute. Die Frauen rieben sich beim Tanzen sichtbar mit Vergnügen an dem Mann.

Fortsetzung folgt

Als der Nordpol nahe eines beschaulichen Dorfs im Münsterland weiter wanderte – Teil 2 / 5

Was vorher geschah: Teil 1

Thomas ergriff sich das nächste laminierte Papier:

“Rentmeister Schenkewald war ein abartig böser Mensch. Als Rentmeister und somit als mittelalterlicher Finanzverwalter lebte er damals im Schloß Nordkirchen – dort, wo heute Studenten Finanzwesen studieren. Schenkewalds Leidenschaft bestand darin, die Bauern der Umgebung übel zu misshandeln und deren Abgabenlast stetig über Gebühr zu erhöhen. Dass er unbeliebt und auch verhasst war, stachelte ihn immer weiter an, aus den Bauern mehr als nur die letzten Abgaben mit allen erlaubten und unerlaubten Mitteln heraus zu pressen. Als der Rentmeister schließlich eines Tages starb, war zwar der nutznießende Geldadel traurig, aber durch die Bauernschaften ging ein allgemeiner Seufzer der Erleichterung. Jedoch verwehrte Gott dem Rentmeister den Eintritt in den Himmel und auch dem Teufel war der Halunke nicht geheuer. So blieb der Rentmeister also zwischen den Welten gefangen und spukte weiter am Orte seines Ablebens, im Schloss Nordkirchen. Viele Leute sahen ihn dort, wie er unstet des Nachts herumlief, an Tischen saß, schaurig heulte und dabei Geld zählte, darüber hinaus unwissenden Besuchern diese um deren Barschaft erleichterte, sobald diese nicht aufpassten, und fromme, das Schloss aufsuchende Bauern zu Tode erschreckte.

Diese setzte sich fort, bis letztendlich in einer sehr finsteren Nacht eine Kutsche gezogen von vier dunkelschwarz glänzenden Rappen vorfuhr und zwei Kapuzinermönche die Kutsche Richtung Schloss verließen. Sie kamen, um ihn zu holen. Sie nahmen ihn in ihrer Mitte, verließen das Schloss und setzten sich in die schwarze Kutsche. Und als der kalte Regen einsetzte und die dumpfe Totenglocke vom Schloss Nordkirchen ertönte, sollen sie das Schloss in der Kutsche mit dem Ziel der Davert verlassen haben. Und in jener Kutsche sitzt bis heute der Rentmeister zwischen den beiden schweigenden Kapuzinermönchen und fährt in der Davert des Nachts herum. Viele Leute haben die Kutsche gesehen und näherten sie sich ihr, so flog sie davon. Solltest du auf deinen Wanderungen ein altes Weib antreffen, welche haspelt, dann frage jene ‘Spinnleonore’ ruhig mal nach jener Kutsche. Aber Vorsicht: traue der Frau nicht, denn schon damals hatte sie mit einer zur kurzen Haspel gearbeitet und damit alle betrogen. Das vorgeschriebenen Eichmaß von zwei Metern hatte sie immer wieder um bis zu einem Viertel gekürzt.”

Thomas lächelte. Er liebte Schauermärchen. Auf dem Land davon gab es viele. Besonders, wo es morastig war und Kutschen nur langsam voran kamen. Nach einem deutlichen Absatz auf dem Papier setzte das Geschriebene fort:

“Im Zweiten Weltkrieg hatte eine Bomberstaffel der US-Airforce im Februar 45 den Auftrag, die Bahnstrecke Dortmund-Münster zu zerstören. Nachdem die Bomberstaffel ihren Auftrag erfolgreich ausgeführt hat, geriet sie ins Visier des deutschen Jagdgeschwaders 27. Eine Maschine der Bomberstaffel wurde abgeschossen. Es starben mehrere G.I.‘s, darunter Lieutenant Alfred Brush Ford, dessen Maschine in der Nähe des Hofes Westerholt abstürzte. Auf der Gegenseite wurde ebenfalls eine Maschine abgeschossen und eine Messerschmitt Me-109 bohrte sich unweit des beschaulichen Dorfes Davensberg tief in den Boden der Davert. Ihr Pilot der Maschine war Otto Balluff, der Sohn des damaligen Aalener Bürgermeisters. Über ein Jahr später wurden die Überreste des Piloten und seine Maschine ausgegraben.

Kinder berichteten danach immer wieder mal, dass sie in der Davert des Nachts ein abstürzendes Flugzeug gehört oder gesehen hätten. Die Erwachsenen führten das jedoch immer wieder auf den hohen Radio- oder Fernsehkonsum ihrer Kleinen zurück. Niemand maß deren Berichte je Ernst bei. An jener Stelle des Absturz befindet sich heute ein Kreuz unter Rhododendron-Büsche. Zudem erinnert zusätzlich unweit der Stelle ein Gedenkstein an die vielen Opfer des Krieges.”

Thomas zuckte ein wenig erschrocken und blickte auf den Stein. Aber dort war nichts eingraviert und um ihn herum gab es auch keine Rhododendron-Büsche. Er las noch den Hinweis, das Blatt zu wenden und las:

“Das Kreuz des Alfred Brush Ford jedoch ist inzwischen schon stark verwittert und nur noch wenigen bekannt. Suche es. Aber sei auf der Hut vor den Geistern der Davert. Löse das Rhebusrätsel auf dem dritten Blatt. Die fünf Worte ergeben die vier Koordinaten, die du nach Eingabe auf meiner Geocaching-Seite im Internet erhältst. Diese vier bilden ein Kreuz. Suche die Mitte des Kreuzes für den nächsten Hinweis auf.”

Thomas nahm das dritte Blatt und schaute sich das Rätsel an. Ein Kinderspiel für ihn. Über seinem Smartphone gab er die Worte ein und erhielt die Koordinaten. Er nahm eine Landkarte aus seinem Rucksack, zeichnete die Koordinaten ein und verband sie. Als er den Zielpunkt sah, überlegte er, ob er sein Auto nehmen oder zu Fuß gehen solle. Er schaute das Ziel auf sein Smartphone an und entschied sich fürs Wandern. Warum auch nicht. Pättkes, also Pfade, hatte es ja im Wald genug.

Er verstaute alle Folien wieder in das Kästchen, wickelte es in die Kunststofftüte, legte sie in das Loch und schob den flachen Stein wieder drüber. Danach fegte er ein wenig die Umgebung mit seinem Ast, so dass alles unberührt aussah und der nächste Geocacher genau so viel Energie wie er selber aufbringen musste, um den Stein zu finden.

Unschlüssig schlenderte er langsam Richtung Unterstand zurück. Dämmerung hatte eingesetzt und er spürte die klamme Feuchte der Davert aus dem Boden aufsteigen. Zeitlich war noch alles im Rahmen. Er hatte nicht damit gerechnet, dass er vor Sonnenuntergang mit diesem Geocache fertig sein würde. Dafür war es zu umfangreich und vom Schwierigkeitsgrad zu kniffelig. Und da er jetzt die Zielkoordinaten hatte, sollte er das Licht des Tages auch nicht mehr unbedingt benötigen. Er blickte nochmals zum Unterstand, dann auf seine Karte vom Smartphone und beschloss, dass Rätsel abzuschließen. Der Weg würde ihn vom Unterstand wegführen, durch den Wald hindurch. Als er sich umdrehte, um den Weg in Angriff zu nehmen, fiel ihm zwischen den Laubblättern ein weißes Stück Papier auf. Er bückte sich und hob es auf. Es war beschrieben, nur war die Schrift verblasst. Trotzdem konnte er das Geschriebene noch entziffern. Und während er weiterging, las er:

„Ein kleines Männeken bin ich und haus’ im Davertwald,

antwort’ nur meinen Rufen und dich hol’ ich dann alsbald!

In deinem Nacken beiß’ ich mich fest,

wenn du dein Rufen nicht unterlässt.

Und kannst du dem Verlangen nicht widerstehn,

dann Liebster, werd’ ich dir den Hals umdrehn!“

 

Verständnislos schaute Thomas auf dieses merkwürdige Gedicht. Er drehte den Zettel um und sah dort mit ungelenker Kinderhandschrift vier Buchstaben notiert: „HOHO“ und darunter den Satz

Dat Viennmöerken halt die!

 

Fortsetzung folgt

Als der Nordpol nahe eines beschaulichen Dorfs im Münsterland weiter wanderte – Teil 1 / 5

“Verdammte Hacke! Diese stacheligen Ranken, ich hasse sie!”

Mit spitzen Fingern entfernte Thomas einen dornigen Ast aus seinem Strumpf. Die Dornen sträubten sich, so dass Thomas feine Fäden beim Entfernen aus seinem Strumpf zog. Schimpfend drehte Thomas den Ast weg und blickte auf die zwei kleinen Löcher in seinem Strumpf.

“Da reden die von der Wichtigkeit der Forstwirtschaft und schaffen es nicht mal die Pfade hier im Wald einigermaßen begehbar zu machen. Sackgesichter.”

Mit dem Smartphone in seiner Rechten überprüfte er nochmals die Richtung. Mit seiner Linken holte einen Notizblock aus seiner Hosentasche. Darin hatte er sich mit Bleistift Zahlen notiert, die er jetzt mit den GPS-Koordinaten auf seinem Smartphone verglich.

“Ich verstehe das nicht. Was stimmt da nicht? Das waren vorher doch andere Koordinaten. Als ob sich die Karte ändert. Verdammte Software.”

Ratlos hielt er inne, nahm seinen Rucksack ab, öffnete ihn und holte eine Karte hervor. Sorgsam entfaltete er diese und blickte während dessen immer wieder auf sein Notizblock.

“Oder habe ich mich verrechnet? Oder die Aufgabe stimmt nicht. Moment.”

Mit seinem Zeigefinger strich er ein paarmal über das Display und las leise:

“Betrete das Tor zur Davert. Geografisch durchfliest der beschauliche Emmerbach diese Davert-Senke von Südosten nach Nordwesten. Passiere die Haselburg, deren Reste unter einem Wäldchen verborgen liegen. Ziehst du von der Haselburg aus eine Linie über die ‘Hohe Heide’, findest du einen Rastplatz. Besucher des Rastplatzes vergraben manchmal ihre Hinterlassenschaften direkt hinter Hütten, manche nicht. Und manche Geocacher vergraben ihre Hinweise etwas weiter unter einem Stein in einem Holzkistchen, etwa ein Dutzend Ruten entfernt.”

Den Rastplatz hatte er über Umwege erreicht. Er war nicht schwer zu finden, nur sein Navi-Gerät funktionierte in der Gegend nicht mehr so genau. Die erwähnte Hütte glich jedoch eher einem Holzunterstand mit einer Holzbank. Sie diente wohl den Pättkesfahrern und Wanderern als Schutz vor Regengüssen und als Pausenplatz. Die vielen Papiertaschentuchfetzen im Bereich hinter dem Unterstand kündete von den erwähnten Hinterlassenschaften. Der Ort diente mutmaßlich wohl als Toilettenersatz.

Den Ort, an dem sich das Holzkästchen vergraben lag, fand er nicht sofort, denn der Boden war mit Laub bedeckt und ließen keinen Stein sehen. Anfangs suchte er vergeblich. Dann grübelte Thomas darüber nach, was im Hinweis mit den ‘Dutzend Ruten’ gemeint sein könnte. Haselnusssträucher oder Weiden erblickte er nirgends. Beim Suchen auf den Boden kam ihm die Idee, einen alten verzweigten Ast als Laubrechen zu verwenden.

Geocaching war sein Hobby und das Lösen der Rätsel ließ manches Mal seine Ideen sprudeln. Es gab ihm das Gefühl einer Mischung von “MacGyver” und “Die 3 Fragezeichen”. Als er den Ast zum Fegen des Waldbodens vorbereitete, fühlte er sich dieses Mal wie “MacGyver”. Es dauerte zwar seine Zeit, bis er fündig wurde, als er aber einen ellengroßen Stein auf dem Boden vom Laub frei gefegt hatte, war ihm die verstrichene Zeit egal. Die Entfernung zum Unterstand schätzte Thomas auf fast 50 Meter ab. Wie lang musste nach Meinung des Verfasser dieses Geocaching denn somit eine Rute sein? 3 Meter 80? Oder meinte der Verfasser die Größe eines kleinen Baums? Thomas kniete nieder, schob den flachen Stein beiseite. In dem Loch darunter fand er in einer schwarzen Tüte das gesuchte Kästchen. Er befreite das Kästchen aus der Tüte und klappte den Deckel auf. Nach kurzem Durchschauen des Inhalts entdeckte er in dem Kästchen einen laminierte Zeitungsausschnitt und mehrere andere einfolierte Papiere.

“Die Erde besteht im Innern aus einem über 5000 Kelvin heißen Kern aus Eisen und Nickel”, las Thomas aus dem Zeitungsausschnitt leise vor. “Die Temperaturunterschiede vom Kern zur äußeren Hülle führen zu thermischen Materialströme innerhalb des Kerns. Diese werden bei deren Aufsteigen zur Kruste hin als auch nach deren Abkühlung beim Absinken wiederum von der Corioliskraft abgelenkt. Die Magnetfeldlinien der Erde sind an diese Ströme gekoppelt. Da das Erdinnere und seine Prozesse nicht wirklich ausreichend erforscht sind, bleibt zur Berechnung der Magnetfeldlinien nur die Anwendung von lineare Modellen. Und so wird das Model mit der Lage von Nord- und Südpol alle fünf Jahre mit den aktuellen Daten auf den neusten Stand gebracht. Dieser Stand ist wichtig für die satellitengestützte Navigation und anderen GPS-Geräten. 2016 etwa, nur ein Jahr, nachdem die Forscher ihr Modell zuletzt aktualisiert hatten, trat unter Südamerika ein heftiger geomagnetischer Impuls auf, der die tatsächliche Entwicklung von der Voraussage abweichen ließ. Schon vor fast 200 Jahren hatte Alexander von Humboldt festgestellt, dass das Magnetfeld über dem Südatlantik, Südamerika und Südafrika besonders schwach ist. Satelliten sind ebenso wie die Lebewesen am Boden in diesen Gegenden einer erhöhten Strahlung aus dem All ausgesetzt. Dieses wird als die ‘südatlantische Anomalie’ bezeichnet. Ähnlich wie die Beschleunigung des Nordpols könnte auch solch eine Anomalie eine Umpolung der Erde ankündigen. In den 90er Jahren des letzten Jahrhunderts hatte sich die Wanderung des magnetischen Nordpols bereits von 15 auf 50 Kilometer pro Jahr beschleunigt gehabt. Und diese Beschleunigung geht weiter. Je mehr geologische Anomalien entstehen, desto stärker die Beschleunigung. Sollte sich beispielsweise irgendwo das Erdinnere öffnen – also Vulkane, Erdspalten mit Magma, oder sollte sich gar das Tor zur Hölle öffnen – und somit die Materialströme im Erdkern sich dadurch verändern, dann hat das Einfluss auf die Lage des Nordpols. Wenn dann der Flieger von Düsseldorf nach Gran Canaria plötzlich mit Kerosinmangel in Cap Verde landet, dann könnte es an einer fehlenden Aktualisierung der Magnetfeldmodelle liegen und somit mit der Satellitennavigation zu tun haben. Denn Navigationsgeräte interpretieren Daten nicht, sie nehmen die Daten als bare Münze für ihre mathematischen Algorithmen.”

Thomas blickte nachdenklich auf den Zeitungsausschnitt und las ihn sich erneut still durch. Er schüttelte den Kopf. Was sollte dieser Ausschnitt? Er nahm das nächste ebenfalls sorgsam laminierte Blatt Papier aus dem Kästchen.

“Du hast bislang alles gut gemeistert. Ich hoffe, du hast nicht die letzten Haselnusssträucher oder Weiden geplündert, um ein Dutzend Ruten daraus zu gewinnen. Denn bei ‘Rute’ handelt es sich um eine alte Entfernungseinheit. Sie umfasste 12 Fuß, also in etwa drei Meter achtzig. Aber jetzt zur nächsten Aufgabe. Die Davert ist eine verwunschene Flachsenke im Kernmünsterland und sie war ein unwirtlich mooriges Gebiet, denn sie stand damals immer größtenteils unter Wasser. Und diesen schaurigen Charakter hat die Davert bis heute nicht verloren. Es soll hier spuken.”

Fortsetzung folgt