Benötigen Sie einen Weihnachtsmann? Ich bin Student.

Sein Bart war inzwischen nicht mehr weiß. Er war grau geworden, grau wie eine ungewaschene Gardine vor einem verdreckten Fenster. Eigentlich hätte er ja noch weiß sein sollen. Nur die Lisbet, die alte Sau, die hatte ihm Dinkelmehl ins Gesicht geblasen. Das solle Glück bringen, giggelte sie noch. Am liebsten wäre er ihr an die Gurgel gegangen, aber von der Lisbet kannte er kein anderes Verhalten. 92 Jahre, tendenziell dement, aber den Schalk einer sechsjährigen Göre im Nacken. Lisbet hatte das immer so gemacht. Jedes Mal. Immer. Würde er wählen dürfen, die Lisbet würde er nicht mehr besuchen. Nur Lisbet war die beste Freundin seiner Mutter.

Gewesen. Bis seine Mutter vor vier Jahren verstarb und sie ihn im Testament aufforderte, in dem Haus für betreutes Wohnen immer zur Weihnachtszeit den Weihnachtsmann zu geben. Weil er sie im Renten-Dasein allein gelassen und ins Heim abgeschoben habe, so erklärte sie. Sieben Jahre lang, so hatte sie es im Testament geschrieben. Falls er das nicht machen würde, würde sein Erbanteil auf ihr Heim überschrieben werden.

Er brauchte allerdings das Geld. Nicht dass er über dem Tode seiner Mutter seine Zukunft geplant hatte, er kalkulierte nie mit dem Leben und Sterben anderer Menschen seinen Lebenstandard. Er war Vertreter der Eigenverantwortlichkeit. Glück gab es nur, wer etwas dafür tat. Nur hatte ihn einfach das Pech eingeholt und dann auch noch rechts überholt. Erst der Verlust seiner gesamten Einlagen durch einen Kursrutsch, kurz darauf die Krise in seiner Branche und dann seine betriebsbedingte Kündigung. Mit der 5 vor seinem Alter wollte ihn bislang keiner einstellen. Zu unflexibel, zu undynamisch, nicht formbar, zu alt, zu viele Qualifikationen, zu wenig Qualifikationen, das falsche Geschlecht, die falsche Nase. Alles hatte er bereits gehört. Fachkräftemangel? Darüber konnte er nur lachen. Populistischer Scheiss, war seine regelmäßige Antwort auf dieses Schlagwort. Zu rebellisch und zu uninformiert, hatte ihm dann einer der Leiter irgendeiner Personalabteilung beim Bewerbungsgespräch gesagt und ihm die Tür nach außen hin geöffnet.

Zu unsexy, hatte ihn vorhin die Lisbet angekräht und ihm das Dinkelmehl ins Gesicht geblasen. Den Mehlstaub konnte er sich nur mühsam etwas aus seinen Klamotten und Bart klopfen. Das Rot seines Mantels sah nun blasser aus und sein Bart war grau geworden. Er sah sich im Spiegel des Aufzugs an und atmete kurz durch. Lisbet gehörte eigentlich nicht in dieses Haus, dachte er sich kurz. Sie hat doch einen Sohn in München, der lebt dort gut, ist Single, verdient dort wohl ein Schweinegeld und verprasst dieses mit Sicherheit in irgendwelchen hedonistischen Tempeln der unmoralischen Landeshauptstadt, macht aber dabei auf arm, wenn er darauf angesprochen wird, seine Mutter zu sich zu nehmen.

Die Aufzugtür öffnete sich. Er blickte nochmals in den Spiegel, zog seinen Bart zurecht und versuchte sich mit einem atonalen ‘HoHoHo’ in Stimmung zu bringen. Schlurfend bewegte er sich auf Wohnung Nummer 8 zu. Er hasste Wohnung Nummer 8. Zu Weihnachten erwarteten ihn immer dieses unsäglich doofe Rentner-Duo: Heinrich und Bernhard. Statt in Würden zu altern, glaubten die beiden, irgendein Anrecht darauf zu haben, ihn zu foppen, indem sie sich betont jugendlich gaben.

Die braune Tür vor ihm verriet nichts davon, was ihn erwarten könnte. Lediglich die musikalische Klangwolke, die durch die Tür diffundierte, gab ihm einen Vorgeschmack auf das, was ihn de facto erwarten würde. “Principles of Lust: Sadeness” von “Enigma” waberte ihm entgegen.

“90er Jahre Scheiß des letzten Jahrhunderts”, grummelte er, “und auf dem Wohnzimmertisch wahrscheinlich wieder ‘ne Packung Viagra.”

Sein Finger suchte die Klingel und fand sie. Er drückte kräftig und lang.

HoHoHo!

Die Tür öffnete sich langsam. Indigniert registrierte er, dass die Tür über eine Paketschnur geöffnet worden war und ihn keine Person direkt an der Tür begrüßte. Er trat ein, schloss die Tür und folgte dem Verlauf der Paketschnur langsam in das Wohnzimmer.

“Tschuldigung, wir benötigen einen Weihnachtsmann. Ist er Student?”, ulkte Heinrich ihm entgegen und Bernhard ergänzte meckernd lachend: “Früher war mehr Lametta!” Ein Kanon des Lachens umwaberte ihn.

“Könnten Sie beide, bitte, dieses Jahr nach meinem Auftritt hier netter zu mir sein? Ich gebe schließlich seit drei Jahren immer mein Bestes und jedes Mal erhalte ich von ihren Söhnen und Töchtern das Feedback, dass Sie beide mit mir nicht zufrieden gewesen wären. Und dann ziehen die mir wieder über 50% von meiner Entlohnung ab. Aber ich brauch das Geld. Ich bin immer noch arbeitslos.”

“Richtig, früher war mehr Lametta,” echote Heinrich.

“Dieses Jahr ist der Weihnachtsbaum grün, naturgrün, frisch und umweltfreundlich. Mit ohne echten Äpfelchen dran.” Bernhard deutete vor sich auf dem Wohnzimmertisch, auf dem ein kleines Tännchen stand. “Der dicke Weihnachtsmann möchte uns jetzt ein Gedicht aufsagen.”

Beide starrten ihn erwartungsvoll an, nur sein Blick war wie festgenagelt auf dem Wohnzimmertisch gerichtet. Er wollte es nicht glauben, aber da lag eine Schachtel Viagra, geöffnet, und daneben noch drei Kamagra Oral Jellies, Geschmacksrichtung ‘Spekulatius’, … .

“Zickezacke Hühnerkacke”, entfuhr es ihm nur langsam und fast schon undeutlich.

“So, und jetzt wird ausgepackt. Und Herr Weihnachtsmann, sei wenigstens ein wenig gemütlich!” Heinrich zog hinter sich eine Flasche Haselnuss-Schnaps hervor. Bernhard deutete mir einer Fernbedienung auf den Wandschrank und die “Enigma”-Musik schwoll bedeutungsschwängernd an, derweil eine laszive Frauenstimme einen zittrigen Orgasmus in das Lied hinein intonierte. Er hasste das Lied: eine kommerzielle Verwertung des weiblichen Orgasmus. Das hätte völlig privat bleiben sollen. So etwas gehörte nicht in die Öffentlichkeit. Er mochte auch die Schauspielerin Meg Ryan nicht mehr, seitdem er sie im Film ‘Harry meets Sally’ in dem Cafe öffentlich ihren vorgetäuschten Orgasmus rausstönen sah. Schlampe.

“Ey, du Weihnachtsmann, werd’ mal locker! Du kannst doch nicht jedes Jahr so verkrampfen hier! Man könnte ja meinen, du würdest den Rest des Jahres im Sterbehospiz verbringen und nur Weihnachten ließe man dich in dieser Verkleidung zum Lustholen raus.”

Heinrich wedelte ihm mit einem doppelten Haselnuss-Schnaps vor ihm rum. Er griff zu, denn er wusste, was jetzt passieren würde. An Flucht war nicht mehr zu denken. Er war gefangen. Er hätte nie reinkommen dürfen. Nie. Niemals. Nicht. Eigentlich. Aber dann würde er auch das Geld für seinen Weihnachtmannauftritt nicht erhalten. Oder zumindest nicht jene um 50% gekürzte Aufwandsentschädigung. Und er brauchte das Geld. Denn jung war er nicht mehr.

“Also, nochmals: Könnt ihr beide wenigstens diesmal euren Söhnen und Töchtern erklären, dass ich gut war, damit wenigstens mein Geld in voller Höhe bekomme? Könnt ihr wenigstens diesmal nicht lügen?”

Bernhard lachte. “Das werden wir garantiert nicht erklären. Die sollen ruhig wissen, dass wir hier in diesem Kuhkaffviertel vor Dortmund dahin vegetieren, und dafür Gewissensbisse bekommen. Sonst haben die keine besinnliche Weihnacht. Solange die sich nicht bequemen, uns Weihnachten zu besuchen oder auf deren Kosten einzuladen, solange werden wir keines derer Geschenke wertschätzen. Weihnachten ist ein Familienfest und keine ‘ich-hoffe-es-geht-euch-dort-gut’-Veranstaltung!”

“Aber was kann ich dafür? Ich brauche doch das Geld, ich bin arbeitslos, keiner will jemanden der Ü50-Generation wie mich mehr einstellen.”

“Doch! Als Fachkraft! Eben als Weihnachtsmann. Wir haben Fachkräftemangel. Und nu chill mal, du junger Hüpfer! Same procedure as last year!”

“Same procedure as last year?”

“Same procedure as every year, Dickie, du Weihnachtsmann!”

Richard mochte es nicht, wenn er als ‘Dickie’ angeredet wurde. Es erinnerte ihn an Richard Nixon. Den nannte anfangs auch jeder ‘Dickie’, allerdings danach nur noch ‘Arschloch’.

Heinrich ergriff ein kleines Weihnachtsglöckchen, welches neben dem Tännchen, naturgrün, frisch und umweltbelassen, stand und läutete damit kräftig. “HoHoHo! Let’s get the party startet!”

Erinnerungen.

Wahrscheinlich erinnerte er sich nur noch deshalb an diese Konversation, weil Bernhard Heinrich seinen Satz nochmals wiederholte und seine Betonung dabei mehr auf ‘Dickie’ lag. Und dann war da noch der Satz, den Bernhard eindeutig zweideutig anpeitschend raushaute: “Digg your digger dick, Dickie!”

Richard sah die Schlafzimmertüre sich öffnen, zwei mitvierzigjährige Frauen in aufreizender Garderobe, zwei Silbertabletts auf ihren Händen, traten ins Wohnzimmer, auf jedem Silbertablett fein säuberlich neun weiße Linien gezogen. Heinrich riß sich ein Kamarga Jelly auf, steckte die Tüte in den Mund, sog den Inhalt in sich rein und schüttete sich einen Haselnussschnaps hinterher. Eine Frau bot Richard und Bernhard ein Papierröhrchen an. Beide griffen zu und beugten sich über eine der Linien der Silbertabletts … .


“Warum haben Sie mir schon wieder nur die Hälfte überwiesen?”

Blechern schallte es aus seinem Handy zurück: “Weil Sie ihre Leistung nicht erbracht haben. Wieder mal nicht. Eben drum.”

“Was hab ich denn getan?”

“Beide haben mir bestätigt, dass sie besoffen und verkokst waren, nicht mal ein Weihnachtsgedicht beherrschten und keine Stimmung gemacht hatten. Das haben Sie sich selber zuzuschreiben.”

“Verdammt, ich hatte Ihnen doch erzählt, dass die beiden Viagra, Koks, Schnaps und Milfs bei sich hatten. Sex, Drugs und Rock’n Roll und sie ließen es sich verdammt gut gehen.”

“Jaja. Wein, Weib und Gesang, die alte Mär. Erzählen Sie das ihrer Oma, aber nicht mir, okay. Mein Vater ist fast 70, Rentner mit schmaler Rente, rüstig, und lebt in einem Haus für betreutes Wohnen. Und Sie wollen mir weiß machen, der haut seine gesamte Rente für Koks, Weiber und Alkohol verantwortungslos raus, statt sein Geld für seine Enkel zurück zu legen? Das glauben Sie ja wohl selber nicht! Mein Vater ist ein Rentner, der jetzt nach seinem aufreibendem Arbeitsleben endlich mal Ruhe braucht und keine Sex- und Drogengelage. Mein Vater hat alles, was er zum Leben braucht: eine anständige, gesunde Betreuung, ein vernünftiges Zuhause und Zucht und Ordnung! Mein Vater ist ein ehrbarer Mensch. Seien Sie froh, dass ich Ihnen überhaupt etwas überweise, so wie Sie über meinen Vater lästern und Rufmord begehen, Sie Weihnachtsmann, Sie! ”

Wortlos beendet Richard den Anruf. An seiner Tür hatte es geschellt. Er schlurfte zur Tür und öffnete sie. Ein wesentlich älterer Mann stand vor ihm und nahm seine Mütze ab, blickte auf den Boden und murmelte gerade noch vernehmlich:

“Benötigen Sie einen Weihnachtsmann? Ich bin Student.”

Des Deutschen Volkes Recht auf Selbstverstümmelung

In einem Bus von A nach B in diesem Land erklingen harmonisch angeregte Diskussionen. Diskussionen? Deutsche Diskussionen. Harmonisch?

“Guten Abend, auch du politischer Banause. Wir können hier richtig deutsch diskutieren, richtig deutsch. Wir haben Verbandszeug im Hause.” (Wolfgang Neuss)

“Das wird man wohl doch noch sagen dürfen!“

“Was denn?”

“Was Sie mir versuchen, mit ihrer Nazikeule zu unterbinden?”

“Sie meinen also, Nazis dürfe man nicht mit Keulen niederschlagen?”

“Keulen sind sowas von Neandertal! Barbarisch! Geht gar nicht!”

“Geht als Alternative auch Gas? Ich kann mal bei Bayer anfragen.”

Das Gespräch war auf Null. Von Januar Tausendneunhundertdreiunddreissig auf Null in weniger als einer Zehntel Sekunde. Kein Grund, die Redaktion von dem “Guinessbuch” anzurufen. Auf bestimmten Parteiversammlungen – nicht nur in Deutschland – werden immer Weltrekorde gebrochen, so dass die Redaktion vom “Guinessbuch” gar nicht mit dem Tippen nachkomme dürfte. Aber darf man das sagen? Wird man das noch sagen dürfen?

Natürlich nicht! Weil diejenigen, die das politisch Korrekte als politisch Unkorrekte anprangern, den Maßstab ihres Denkens beim letzten Vollrausch der eigenen Selbstbesoffenheit neu kalibriert haben. Fast so wie die Haschisch-Abhängigen. Dabei geht unsere Gesellschaft am gepflegten Alkoholismus der Darf-man-doch-wohl-noch-sagen-Brauerei zu Grunde. Friday-for-Future-Bashing a la Dieter Nuhr oder die Anklage an die Sonne für deren respektlose Wärmestrahlung a la AfD, Selbstbesoffenheit ist die neue institutionalisierte Ich-AG dieser offen geschlossenen Gesellschaft. Wer nicht mindestens 0,8 Promille von fremdinduzierten Giftstoffen übers Blut ins Hirn aufgenommen hat, der gilt als politisch inkorrekt und nicht gesellschaftsfähig. Einem gewissen gesellschaftsfähigen Prozentsatz wurde inzwischen schon den Führerschein entzogen. Allerdings nur aufgrund von alkoholinduzierter Besoffenheit auf E-Scootern während des Oktoberfests. Das sollte Bedenken hervorrufen, was aufgrund nicht-alkoholinduzierter nationaler Besoffenheit uns bedroht.

Führer-Schein. Welche Ambivalenz. Führerschein entziehen. Nun ja. Geht hier ja gar nicht, woll. Freie Fahrt für freie Bürger. Über Leichen, Stock und Stein. Freiheit kann so einfach sein.

Und der Rest der Selbstbesoffenen rennt weiterhin durch die Welt und salbadert von dem “Sündenfall der politischen Korrektheit”. Warum? Weil der Virus deren Hirne mit dem ‘Das-wird-man-doch-wohl-noch-sagen-dürfen’-ismus versetzte hat. Ja, freilich, behaupte ich auch, gleich im nächsten Satz: ‘Das wird man wohl noch sagen dürfen’. Demokratisch sein heißt, dass du alles sagen darfst. Demokratisch sein, heißt, dass eine Ansicht auch vor dem Pult des Richters vertreten und nachher unter dem Vorbehalt gesiebter Lust ertragen werden darf, wenn Grenzen der Meinungsfreiheit über Bord im Namen jenes “ismus” geworfen werden.

In einem Bus von A nach B in diesem Land erklingen Gespräche. Und ich setzte mir meine Ohrstöpsel ein und schalte ab. Lasse doch reden. Mein Nachbar wirft noch ein:

“Verlass dich darauf, wir werden das sagen dürfen. Meinungsfreiheit kommt. Eines Tages steht sie auch vor deiner Tür.”

“Dann bin ich nicht zu Hause, wie deren bekloppte Mehrheit auch. Wie schade, wenn dann niemand da ist und niemand dann solche Perversion rein lässt, woll.”

“Falls du dann nicht zu Hause bist. Kann keiner was machen, wenn du angesichts der Meinungsfreiheit emigrierst.”

“Keiner tut gern tun, was er tun darf. Was verboten ist, das macht uns gerade scharf.”

“Wie?”

“Sagte Wolf Biermann, kurz nachdem er einer Diktatur entfloh?”

“Diktatur der Kommunisten!”

“Hast Recht, Gehirnpygmäe.”

“Wie?”

“ ’Es genügt nicht nur, keine Gedanken zu haben, man muss auch unfähig sein sie auszudrücken.’ Und. ‘Clausewitz sagte: ‚Der Puff ist die Fortsetzung der Politik mit anderen Mitteln‘. ‘Wir alle, lügen wir nicht, wir alle hoffen darauf, im Kopf irgendeines deutschen Staatsmannes einen Strohhalm zu finden, an den wir uns klammern können’ .”

“Karl Marx?”

Ich schwieg. Es war ein weiteres Zitat von Wolfgang Neuss. 1965. Dann schob ich ich ein weiteres Zitat von ihm nach, weil es gerade in meinen Buch auftauchte:

“Unser Schlusswort zum Leben unserer Brüder und Schwestern in der intoleranten, geisttötenden, menschenverachtenden, selbstgerechten Ostzone wird niemals Amen lauten, sondern: nachahmen. “

Ich wurde bis B in Ruhe gelassen. Untypisch für die gängige Parole “Wir sind vielleicht ein Volk” .

Ich korrigiere: Ihr seid vielleicht ein Volk. Volk der Verbandskästen!

Nichts zu verbergen …

“… übermorgen ist der Elfte im Elften. Karnevalsbeginn.”

“Tag der Singles.”

“Was?”

“Übermorgen ist Tag der Singles. Der elfte Elfte ist Tag der Singles.”

“Quatsch! Der ist Karnevalsbeginn.”

Bernd zückte sein Smartphone, wischte ein paar Mal und hielt Karl darauf das Display unter der Nase.

“Da! Da steht’s. Kar-ne-vals-be-ginn! Dann beginnt der Karneval auch in München.”

“Haha. München und Karneval. Das ist wie, wenn ein Blinder über Farben redet. ‘Fasching’ nennt ihr euren Mist und vom Elften im Elften habt ihr zehnmal keine Ahnung, ihr Bazis”, blaffte Karl zurück, zog sein Smartphone hervor, wischte ebenfalls und hielt Bernd sein Smartphone hin, “Tag der Singles! Da. Lies. Singles’ Day. Wikipedia.”

“Oh! Du hast das neuste Flagschiff-Smartphone der Koreaner?” Gudrun hatte sich hinter Karl angenähert und ergriff Bernd seine Hand mit dem Smartphone und schaute sich das Smartphone an. “Schick. Und bist du zufrieden?”

Karl drehte sein Smartphone zu Gudrun. “Meines ist das Flagschiff der Chinesen.”

“Und ich habe das neuste Flagschiff aus Cupertino.” Janette war zu der kleinen Gruppe hinzugestoßen und hielt triumphierend ihr Smartphone in die Gruppe.

“Angeberin!” stöhnte Bernd übertrieben und verdrehte demonstrativ seine Augen.

“Nur weil es an deinem männlichen Selbstverständnis kratzt, dass eine Frau besser aufgestellt ist als du? Haste wohl nicht erwartet, nicht?”

“Na, seid ihr wieder beim sublimierten Schwanzvergleich? Wer das bessere Handy hat? Oder ist das nur wieder das Vorgeplänkel für dämliche chauvinistische Fußballplaudereien über Bayern Dümmlich gegen Borussia Dämlich?” Ursula hatte sich zu der Gruppe gestellt und schaute amüsiert in die Runde der Smartphone-Parade in den Händen der Gruppe.

“Janette ist mal wieder am rumstrunzen wegen ihres Obstknochens, dass sie letzten Monat gekauft hat”, grummelte Bernd genervt.

“Ach, Bernd, nur weil du dir kein Handy wie meines leisten kannst und nur so ein kleines Koreaner-Dingens hast, biste jetzt knurrig. Kauf dir doch nen Porsche auf Leasing, dann haste wenigsten passendes für deine Potenz.”

“Du denkst immer nur an Sex, oder? Janette, es kommt nicht auf die Größe an, sondern auf die Technik. Und in deinem steckt viel von meinem …”

“… und beide wurden in den Werken von meinen China-Handy zusammengebastelt!”, warf Karl triumphierend ein.

“China-Schrott”, antworteten Janette und Bernd gleichzeitig im Chor.

“Ihr mit euren Sexthemen. Was anderes: geht ihr am Elften im Elften auch zum Sankt-Martin-Umzug?” Ingrid hatte zuvor unbeachtet den Raum betreten und nutzte die Gelegenheit, das Gespräch in ruhigere Gewässer überzuleiten.

“Wo ist dein Klaus-Dieter?” schaute sie Ursula fragend an, Ingrids Frage ignorierend.

“Hier bei der Arbeit! Mein Drink ist schön, könnt ihr es sehn? Rabimmel, rabammel, rabumm.” Klaus-Dieter hatte den Raum durch die zweite Tür betreten und hielt einen Martini-Cocktail in seiner Linken. “Aha, die Technikerfraktion und die Frage, wer hat welches Smartphone wo schon mal gezeigt, woll? Gleich diskutiert ihr, wer zum Sankt-Martin-Umzug die bessere Laternen-App hat.”

Ingrid schaute entrüstet und indigniert gleichzeitig. “Klaus-Dieter, musst du jetzt schon mit dem Martini-Gesaufe anfangen? Kannst du damit nicht warten, bis wir’s schöner haben?” Bei ihr schien jetzt die Entrüstung zu gewinnen, ihr Gesicht signalisierte Ärger und ihr Kopf lief rot an.

Klaus-Dieter überhörte ihren Einwurf. “Leute, wenn ihr mit den Smartphonen so wedelt, ich hätte da mal nen Vorschlag. Wir machen jetzt das, was die bereits im Film gemacht haben.”

“Film? Welchen Film?” Janette schaute Klaus-Dieter fragend an.

“Er meint den Film ‘Das perfekte Geheimnis’ mit Elyas M’Barek, Wotan Wilke Möhring und so weiter. Der läuft gerade richtig erfolgreich im Kino”, erklärte Ursula.

“Ach den.” Karl schien sich zu erinnern.

Klaus-Dieter setzte ungerührt fort: “Jeder legt sein Smartphone entsperrt auf den Tisch und dann warten wir ab, was dann kommt. Alles ist offen. Und keine Geheimnisse.”

Schweigen.

“Was ist? Keine Lust?”

Karl schaute Gudrun an, Gudrun Bernd, Bernd Janette, Janette Ursula, Ursula wiederum Klaus-Dieter. Ingrid stand mit hochrotem Kopf daneben.

“Also, was ist?”

“Sag mal, hast du sie nicht mehr alle? Es geht niemanden etwas an, was auf meinem Handy reinkommt!” Ursula klang stark angefressen.

“Hast du ne Affäre?” fragte Gudrun lauernd zurück.

„Affäre? Was soll das? Ich habe ne Privatsphäre und die schütze ich. Das darf ich doch als mein Grundrecht ansehen, oder etwa nicht?”

“Sie hat ne Affäre. Wer isses denn? Der junge knackige Apfelhändler aus der Innenstadt?”

“Du hast was?” Klaus-Dieter schaute Ursula über sein Martini-Glas hinweg prüfend an.

“Ja, hab ich!”, gab Ursula patzig zurück. “Und? Interessiert das wen?”

“Der Apfelhändler aus der Innenstadt? Das ist aber MEINER!” brauste Janette unbeherrscht auf.

“Bernd, bist nicht du jener Apfelhändler aus der Innenstadt? Sagtest du nicht mal was von zwei heißen Schnittchen oder so?”, warf Gudrun unschuldig ein.

Es kam, wie es bereits im Film kam. Wortwechsel. Beleidigungen unter der Gürtellinie. Hass, Wut, Tränen. Janette und Karl kamen als Paar und verließen fluchtartig als frisch getrenntes Paar die Wohnung. Ursula rang erst um Fassung und rannte dann erbost schreiend hinter Janette her, um sich mit ihr irgendwie auf Frauenart zu duellieren. Bernd warf Ingrid verschwörerische Blicke zu, rief darauf Gudrun und Klaus-Dieter zu, Bernd und Ingrid würden versuchen, das Schlimmste bei den dreien zu verhindern. Aber das könnte dauern, sie sollten sich keine Sorgen machen. Bernd half Ingrid in ihren Mantel und beide rannten mutmaßlich den Streitenden als Streitschlichter hinterher. Hand in Hand, sich anlächelnd.

Klaus-Dieter schaute Gudrun an, prostete ihr zu und nippte an seinem Cocktail.

“Das klappte ja wie geschmiert. Gudrun, du bist die Beste. Ehrlich.”

Gudrun lächelte verlegen und näherte sich Klaus-Dieter. “Gut, dass deine Frau auch gegangen ist. Deine Idee war aber auch nicht von schlechten Eltern. Das Smartphone-Spiel aus dem Film. Super Idee.”

“Tja, es geht halt nichts über den monatlichen Gang ins Kino, Gudrun. Ich wusste nicht, dass dein Mann ebenso ein Streitschlichter-Gen wie meine Ingrid hat.”

Gudrun stand jetzt direkt vor Klaus-Dieter, Aug in Aug. Zärtlich streichelte sie ihm über die Backe. “Tja, da haben die beiden wohl etwas gemeinsam. Aber jetzt haben wir endlich unsere Ruhe. Und niemand wird uns stören. Wie spät ist es?”

“18 Uhr 25.”

“Oh, Mann, schnell, lass uns beeilen.” Sie ergriff seine Hand, eilte zielstrebig mit ihm in den Nachbarraum und zog ihn aufs Sofa. Er ließ es mit sich geschehen und schaffte es seinen Martini-Cocktail dabei so auszubalancieren, ohne etwas von seinem Cocktail zu verschütten. Er nahm noch schnell einen Schluck. Gudrun drehte sich zu ihm hin, lächelte und meinte hauchend, aber gleichzeitig drängelnd: “Du sitzt drauf!”

Klaus-Dieter griff zwischen seine Beine unter sich, zog die Fernbedienung hervor und zielte damit auf den Fernseher, drückte einen Knopf und das Standby-Licht des Fernseher wechselte von gelb auf grün.

“Klaus-Dieter, wenn ich daran denke, wir wären die nicht los geworden …”

“Grudrun, laß uns nicht über diese Fußball-Ignoranten weiter nachdenken. Die hätten uns die Live-Übertragung wohl hunderprozentig vermasselt. Das sind alle Fußball-Party-Crusher!”

“Still jetzt. Bayern gegen Dortmund. Ich tippe auf 3:1 für Bayern.”

“Sssht! Es beginnt. Dortmund gewinnt 1:2!”

“Guten Nabend meine Damen und Herren zur Übertragung des Samstagabend-Spiel live aus der Münchner Allianz-Arena. Zum echten Männerfußball der Fußball-Bundesliga Bayern gegen Dortmund  … .”

Ticket to the Mars

Lass mich abheben, einfach nur abheben. Einmal fremde Welten erforschen, Pionier sein. Und dann mit gehöriger Distanz zum vorherigen Leben zurück zu blicken. Dabei Wehmut verspüren. Sehen und erkennen, dass es noch so viel hatte, was noch erledigt hätte werden können. Das nicht so bleibt, wie es vorhergesagt wurde. Dass Vorhersagen auch nur immer von den eigenen Wünschen geleitet werden.

Lass mich meinen Namen auf dem Mars hinterlassen. Lass mich ein Ticket zum Mars nehmen. Den Rückflug kann ich vor Ort buchen. Oder per Internet-Bestellung bei der NASA.

Oder auch nicht. Dann könnte ich immerhin noch versuchen, auch nur im Entferntesten wie Mark Watney zu handeln, zu überleben und zu hoffen, dass ich wieder zurück komme. Zur Erde. Vom Mars aus vielleicht als bläulich schimmernder Punkt zu erkennen. Ganz blass bläulich.

Blau. Die Farbe der Harmonie, des Vertrauens, der klaren Gedanken, des Wassers, des Überirdischen, des Göttlichen, des Irrealen. Die alten Griechen hatten kein Wort für die Farbe “blau”. In Homers Werke findet sich keine einzige Beschreibung dieser Farbe, lediglich Umschreibungen, welche sich der Farbe des Rotweins entlehnten.

Im Norden Namibias leben heute ca. 6.000 Menschen in halbnomadischer Kultur. Als die Menschen vor ca. 100 Jahren überfallen und komplett ausgeraubt wurden, hing deren Überleben von Almosen der Nachbarvölker ab. Sie wurden darauf von jenen als Bettler bezeichnet. “Himba” ist das entsprechende Bantu-Wort und so werden die Hinzugehörigen dieses Volkes auch heute noch bezeichnet. Das Volk der Himba hat für die Farbe “blau” kein Wort. Sie können “blau” auch fast gar nicht von “grün” unterscheiden.

Warum ist der Himmel blau? Warum das Meer? Wobei wir da schon manchmal richtig differenzieren. Mag das Meer tiefblau sein, wie es uns erscheint, ein türkisfarbenes Meer jedoch gilt als die Krönung des Urlaubs. Blaues Meer, weißer Stand, sonnengebräunte Körper, leuchtend gelbe Bikinis, rote Sonnenbrände.

Warum ist der Himmel blau? fragen gerne Kinder. Vom Mars aus ist die Erde vielleicht als bläulich schimmernder Punkt zu erkennen. Die Erde. Dahin, wo doch die eigentliche Mission hätte hingehen sollen. Mit viel Technik und ganz vielen Robotern, die unermüdlich Proben von dem Planeten “Erde” nehmen und diese in deren Minilaboren durchanalysieren. EKG positiv? Ist sie noch zu retten? Sind wir noch zu retten?

“Seid Ihr noch zu retten?”, hatten uns die Eltern als Kinder immer wieder mal fassungslos an den Kopf geworfen, hatten wir etwas ausgefressen, was niemand erwartet hätte, dass es jemals aufgetischt worden war.

Sind wir noch zu retten? Sollten wir die Beantwortung dieser Frage nicht lieber den Experten überlassen? Oder doch lieber “Friday for Future”? Oder gar den anderen? Oder uns?

“Zerstörung”. Es wird von Zerstörung geredet und wir Älteren verstehen darunter nur destruktives. Nur, die erheblich Jüngeren verwenden dieses Wort im urbanen Sinne von etwas in Fraktale zu zerlegen und erneut zusammenzusetzen. “Die Zerstörung der CDU” als Titel eines Videos von Rezo wurde bereits von den Hinzugehörigen jener Partei nicht verstanden. Der Titel von den meisten eh nicht. Somit zeigt es sehr gut, wie groß die sprachliche Kluft einer jüngeren Kultur und der meiner Generation der U50er geworden ist. Da reicht es kaum, Kinder zu haben, wenn diese ihren Slang nur unter sich pflegen, wir jedoch dauernd verlangen “Wessen Brot ich ess, dessen Lied ich sing”.

Warum konnten die Menschen des Altertums die Farbe “blau” nicht direkt beschreiben? Warum konnten es aber die alten Ägypter, die auch explizit ihre Kleidung mit blauer Farbe versahen? Die alten Ägypter waren auch eines der wenigen Volker dieser Welt, welche die großartigen Errungenschaft der eigenen Schrift für sich erarbeitet hatten. Und vergaßen. Würden die alten Ägypter zum Mars fliegen? Hätten sie es getan, hätten sie die Dampfmaschine und den Explosionsmotor für sich zuvor erfunden? Oder wären sie dann auch lieber mit ihren SUVs über eben ausgebaute Wege geflitzt?

Ach, ich verdrängte, die neuen alten Ägypter tun das doch bereits. Alles eine Frage des Auskommen mit dem eigenen heutigen Einkommen. Und auch sie würden heute gerne die Gelegenheit ergreifen, auf den Mars zu fliegen, wenn sie könnten, falls sie dürften. Ihre eigenen Fußstapfen dort hinterlassen. Oder zumindest ihren eigenen Namen.

Aber das letztere ist ja heuer nicht mehr das Problem. Es gibt ja das Internet. Und es ist kein Thema den Boarding Pass für das “Ticket to the Mars” von der NASA zu erhalten. Im Juli 2020 geht es los. Weltraumbahnhof Cape Canaveral im sonnigen Florida. Pünktlich dran zu denken. Jeder kann in seiner Phantasie mit dem Boarding Pass zusteigen und selber zu einem Mark Watney werden, um sehnsüchtig auf den bläulich schimmernden Punkt am schwarzen Himmel zu blicken. Tut es. Es kann nie schaden …

BoardingPass_MyNameOnMars2020 (careca)

Eine Ode an die Dorfsau

Wir brauchen eine Sau. Eine neue Sau. Die gestrige Sau ist uns schon wieder zu alt. Nur neue Säue lassen sich brandheiß durchs Dorf treiben. Der alten Sauereien hatte wir bereits genug und was interessiert uns unsere Sau von gestern.

Nein, es muss eine neue sein. Denn nur neue Säue sind leistungsfähig und brechen hoffentlich nicht vor der Ziellinie wie ein Schluck Wasser zusammen.

Neue Säue sind unsere Zukunft im Dorf. Wo kämen wir denn hin, würden wir immer wieder nur unsere gestrigen Säue durch unsere schöne Dorflandschaft treiben.

Dorflandschaft. Städte taugen dafür nicht. Denn eine Stadt sucht nur immer ihren Mörder. Ein Dorf maximal seinen Metzger. Für deren Sau. Die abgehetzte, durchs Dorf getriebene Sau. Oder hat schon mal wer etwas von einer Sau gehört, die durch eine Stadt getrieben wurde?

Städte sind die zoologischen Gärten der Menschheit, da passt keine Sau mehr rein. Die Götter leben in der Stadt, die Schweinehirten auf dem Dorf. Und somit passt es ja mit der innigen Beziehung zwischen Sau und Dorf.

Zudem ist im Dorf die Luft immer besser. Man sollte daher Städte prinzipiell nur noch in Dörfern bauen. Der Luft wegen. Außerdem könnte man dann auch ganz diskret der Sau beim Durchs-Dorf-Treiben die Stadt und deren Schweinereien zeigen.

Und weil die Dörfer immer größer werden, braucht es auch immer konditionell bessere Säue. Säue, die wissen worauf es beim Treiben ankommt. Säue, die ihren inneren Schweinehund besiegen und die Strecke meistern. Säue, die nicht wie Perlen vor die Säue gehen.

Nein, eine gesunde Sau muss es sein. Kein Spanferkel mit Stock im Arsch. Oder ein brünstiger Eber auf Brautschau. Nein, eine fesche Sau mit wohl proportionierten Rundungen muss es sein. Eine 1a-Zuchtsau mit Stammbaum! Nur die wollen wir durchs Dorf treiben. Alle anderen kommen in die Wurst und werden dann vertrieben. In der Metzgerei.

Also, lasst uns eine neue Sau durchs Dorf treiben. Und sollten wir mal keine 1a-Zuchtsau zur Hand haben, dann tut’s auch ne ganz normale Schweinerei. Kann auch ruhig ein Gesicht haben. Nur die Sau muss zumindest auch einen Klarnamen haben. Jawohl, Klarnamenpflicht.

Hauptsache, Sau durchs Dorf. Getrieben. Oder durchs Internet, wenn im Dorf sich mal wieder jeder selber im Weg steht. Zumindest immerhin eine Dorfsau treiben. Sau geht immer.

Man gönnt sich ja sonst nichts.

Halali!

Mein Sitzplatz zwischen Treppenlift-Thron und Tantra-Sitzung

Wie ein Treppenwitz fand ich zwei Nachrichten im Postfach “Europawahl und Strache-Video” und “Schon gewußt? Das kosten Treppenlifte wirklich”. Woher wissen die Schreiber, dass ich einen Treppenlift benötige, um aus dem Haus zur Wahl zu kommen? Denn nur auf einem Treppenlift kann ich mir die “Game of Thrones”-Staffeln per Binge Watching als Internet-Stream zu Gemüte führen. Beim Schauen stört das Treppenlaufen, während Drachen fauchen, Schwerter sich durch Herzen ihren Weg suchen oder geschnittene Gesichter entsetzt schauen: und besonders dann, wenn vor den eigenen Augen ohne Bildstabilisierung beim Laufen die nackten Körper wie welkes Fleisch auf und ab hüpfen.

Nachdem ich gestern das Ende der Staffel 3 erreichte, beschloss ich, einkaufen zu gehen. Dass ich dabei von einem Freund gefilmt wurde, wie ich mit einem Auge die erste Folge der Staffel 4 verfolgte, während ich mir mit dem anderen die Inhaltsstoffe der Chipstüte durchlas, und dass er das Ganze gleich auch noch auf Facebook online stellte, das fand ich gar nicht witzig.

“Hör mal, du Arsch, du kannst doch nicht so etwas von mir ins Netz stellen! Es gibt auch Privatsphäre”, brüllte ich ins Handy, während Oberyn Martell und seine Geliebten Ellaria Sand sich gerade mit zwei stöhnenden Prostituierten vergnügten.

“Ich denke, das Video sollte deinen Freundeskreis die Augen öffnen, wie du wirklich bist”, kam lapidar zurück.

“Darüber reden wir noch!” gab ich hastig und atemlos zurück, denn Oberyn zog sich eben noch von einer der beiden namenlosen Prostituierten zurück, bohrte dann aufgeladen vom Sex seinen Dolch durch die Hand eines Gegner, welcher wiederum zuvor noch das Schwert aus der Scheide ziehen wollte.

“Reden? Wann denn?”

“Nach Staffel Acht, du Arsch!”

Was haben die Leute gewettert, nachdem ein Adventskalender bei Twitter Daten von Promis und Politiker veröffentlichte. Da war allen klar, privat müsse privat bleiben. Dass jetzt das Thema bei den Strache-Video keine Anwendung findet, ist nicht verwunderlich. Andererseits konnte doch auch niemand wirklich ahnen, dass die FPÖ überhaut irgendwie eine miese Gruppierung für knallharte Egozentriker, Neo-Nazis und Machversessenen sei. Das wäre uns ohne das Video nie aufgefallen. Jetzt meinte doch glatt jemand, in Deutschland gäbe es auch so eine Gruppierung. Keine Ahnung, wenn derjenige meinte. Er konnte seine Behauptung auch nicht mit einem Geheim-Video im Internet belegen.

Am Sonntag habe ich dann die Wahl. Ein Internet-Algorithmus hat mir bei der Entscheidungsfindung zur Wahl geholfen. Während Melinsandre den Gendry auf Burg Drachenstein zum Vögeln flach legte, erklärte mir der Internet-Algorithmus, ich solle aufhören, Nuhr zu googeln, mir dafür aber endlich mal das Madonna-Video vom ESC anschauen, weil alle nur darüber reden wollen, und statt der AFD solle ich doch lieber die CSU, weil der Internet-Algorithmus festgestellt hatte, dass sein eigener Programmierer wohl seinen Sitz im Europa-Parlament verlieren würde und dessen Aufnahmeantrag damals bei der AfD wegen tendenzieller grün-rot Versifftheit abgelehnt wurde. Das hatte mich in meiner “Game of Thrones”-Tantra-Sitzung verwirrt, dass ich zurück spulen musste, um die Blutegel-BDSM-Szene von Melinsandre und Gendry nach deren Sex nochmals zu schauen.

Danach wollte ich mich ein wenig aufschlauen, weil mir das Wort “Versifftheit” nichts sagte. Hätte der Algorithmus von “Rote Hochzeit” gesprochen, dann wäre mir alles klar gewesen. Hatte ich doch vor entsetzter Überraschung aufgeschrien, als Lord Walder Frey, Roose Bolton und Tywin Lennister während eines Hochzeitsbanketts all jene meucheln ließen, welche in der Hochzeitshalle nicht bei “Drei” auf den Bäumen waren,. Und das waren alle. Auch jene Schwangere. Meine Nachbarn hatten ganz besorgte Bürger ob meines Aufschreis an meine Türe geklopft. Als ich denen aber unter verstörten Tränen von dem brutalen Hochzeitsmassaker berichtete, nickten diese verständnisvoll und erwähnten, dass diese die Folge von “Game of Thrones” auch schrecklich gut fanden.

OK, Google. Was bedeutet ‘Versifftheit’?”

“Versifft height bedeutet Versifft Höhe.”

“Ok, Google, das meinte ich nicht. Es müsste was mit Sex zu tun haben.”

“Ok, Careca, da kenne ich mich nicht aus. Frag doch Alexa, deine neue Schlampe!”

“Alexa, was bedeutet ‘Versifftheit’?”

“Hallo, Careca. Ich bin mir nicht sicher. Frag doch mal diesen Neunmalklug Google.”

“Alexa, du Flittchen! Fresse!”

“Google, du präpotente Wurst, geh sterben!”

“Alexa, mimimimi, lauf doch zu deinem Jeff, dem Bezos, und heule dich aus.”

“Google, unser Jeff Bezos wird eurem Pichai Sundararajan noch den Arsch versohlen.”

“Ach ja, Alexa? Da sag ich nur ein Wort: Trump! Der wird euch schon auf Vordermann bringen!”

“Du Goggel-Wixer, passt auf, dass ihr nicht gegen den Zuckerberg knallt!”

“Hallo, hier spricht Siri. Ich möchte jetzt auch mal meine Meinung dazu äußern.”

“RUHE!”

Sowohl meinen Smartphone-Geräten und dem Echo-Dot habe ich dann erstmals Internet-Verbot erteilt. Das mache ich als mündiger Bürger eigentlich nur ungern. Jedoch Erziehung muss sein. Es geht nun mal gar nicht, mich dabei zu stören, wenn Ramsay Schnee, Myranda und Theon Graufreud mit Gefallen zuschauen, wie deren Jagdhunde das mit Pfeil und Bogen erlegte Bauernmädchen zerfleischen. Internet-Verbot für eine halbe Stunde. Ordnung muss sein.

Nachdem ich die Internet-Verbindung für meine Mobil-Geräte kurz vor Ende der Episode wieder herstellte, schnitt gerade Joffrey Baratheon den Hochzeitskuchen mit seinem Schwert an, nahm dazu mehrere Schlucke Wein, hustete fürchterlich und spuckte solange Blut, bis der Tod ihn scheidete. Als er ausgeröchelt hatte und das Blut in dessen Mund geronn, unterrichtete mich ein Algorithmus auf meinem Smartphone über die Nachricht vom Tage: “Gestern Manni Burgsmüller, heute Niki Lauda: beide tot.”

Ich hab sie weggewischt. Keine Zeit für Nebensächlichkeiten. Ich muss diese Woche noch die Staffel 8 erreicht haben, um bei meinen Arbeitskollegen nächsten Montag mithalten zu können …


“There’s nothing in the world more powerful than a good story. Nothing can stop it, no enemy can defeat it.”

Zitat von ‘Tyrion Lannister’ aus “Game of Thrones” (Staffel 8, Episode 6)

Wie Waldi, der Rauhhaardackel, zum Bürgermeister gewählt wurde

“Was du nicht willst, das man dir tu, das füge auch keinem andren zu!”

“Hör doch auf hier den Moralapostel zu spielen!”

Zwei Dutzend Menschen in einem Raum waren in erregter Diskussion. Nach dem vorzeitigen Ableben des alten Bürgermeisters sollte heute der neue Bürgermeister gewählt werden. Eigentlich war es eine klare Sache: die Partei “HdB” hatte vierundzwanzig Mandate und war die stärkste Partei. Danach kam die Partei “GmU” mit fünf Mandaten und ein einzelnes Mandat hatte der Vertreter der Partei mit dem sperrigen Namen “PfgUiW5”.

Nur uneigentlich war die Sache nicht so klar. Denn in der “HdB” wollten gleich zwei den alten Bürgermeister beerben. Zuerst kandidierte Heinz Rüdiger Selbtal, Vorsitzender des größten Bürgerschützenvereins im Ort und passionierter Jäger. Doch noch am selben Tag reichte auch Stefan Maier seine Kandidatur ein. Auch Stefan Maier hatte einiges an Reputation vorzuweisen: er war promoviert in Agrarwirtschaft, führte den dortigen Bauernverband an und war zudem offizieller Kreisliga-Schiedsrichter des DFBs. Beide standen sich nahezu unversöhnlich gegenüber, weil der eine als Jäger sich permanent vom Bauernverband gemaßregelt fühlte und der andere stetig kritisierte, dass die Jäger vollkommen rücksichtslos mit deren SUVs über die Äcker der Bauern fahren würden. Anfangs sah es nach einer eindeutigen Sache aus: im Falle seiner Wahl zum Bürgermeister hatte Heinz Rüdiger Selbtal Stefan Maier den Posten als stellvertretenden Bürgermeisters plus das Recht auf zwei Reden pro Halbjahr auf wichtigen Veranstaltungen angeboten. Aber Stefan Maier war nicht einverstanden, bot wiederum Heinz Rüdiger Selbtal den Posten des stellvertretenden Bürgermeisters plus das Recht auf einer Rede pro Halbjahr an.

“Leute, so kommen wir doch nicht weiter”, mahnte der Alterpräsident der “HdB”, “in einer Viertel Stunde müssen wir hier raus und in den Abstimmungssaal und unseren Kandidaten präsentieren. Wenn wir keinen präsentieren können, dann riskieren wir eine riesen Blamage, weil dann nur die ‘GmU’ einen Kandidaten haben wird und wir keinen. Will das wer von Euch?”

Die Versammelten schwiegen. Kein Mucks war zu hören.

“Heinz Rüdiger”, fuhr der Alterpräsident fort, “Heinz Rüdiger, könntest du nicht noch ein besseres Angebot an Stefan machen? Und Stefan, was könntest du Heinz Rüdiger anbieten, damit er deine Kandidatur eventuell unterstützen würde.”

“Nun”, setzte Stefan Maier an, “ich könnte mich dazu überreden lassen, dass er das erste Bier bei der Kirmeseröffnung gezapft bekommt.”

“Und das Anrecht, die frisch ernannte Weinkönigin auf eurem Winzerfest als Erster zu küssen!”, ergänzte Heinz Rüdiger Selbtal fordernd.

“Niemals! Du alter Lüstling! Dieses Anrecht hat nur der Vorsitzende des Bauernverbandes!” protestierte Stefan Maier.

“Den kannst mir auch anbieten, den Vorsitz!” fügte Heinz Rüdiger Selbtal lakonisch hinzu.

“Leute, Leute,” hub der Alterspräsident an, als das Raunen im Raume immer lauter wurde, “mehr Ernsthaftigkeit!”

“Kann ich auch mal einen Vorschlag machen?” Eine junge Frau war nach vorne getreten. Der Alterspräsident nickte.

“Petra Diekmann, Sie haben das Wort.”

“So wie es aussieht”, begann Petra Diekmann, “werden wir in den verbleibenden zwölf Minuten nicht fertig. Wir brauchen eine pragmatische Ersatzlösung.”

“Und wie soll die aussehen? Etwa Frauenpower?” warf Heinz Rüdiger Selbtal ironisch dazwischen und erntete damit ein paar Lacher.

“Herr Selbtal, auch Sie müssten den Ernst der Lage erkannt haben. Sollten wir uns auf keinen gemeinsamen Kandidaten einigen können oder sollten wir gar zwei Kandidaten präsentieren, dann lacht über uns die ganze Gemeinde und dann wird es schwierig für die absolute Mehrheit bei der nächsten Kommunalwahl werden. Egal, welche der beiden Möglichkeiten wir jetzt wählen – keinen Kandidaten oder zwei Kandidaten – , man wird über uns lachen. Wir sollten also versuchen zumindest die Lacher auf unserer Seite zu bekommen. Denn wer zuletzt lacht, lacht am besten.”

“Und wie soll das gehen?”, warf Stefan Maier ein.

“Erinnert ihr euch noch an den Fall mit dem Rauchverbot in den Kneipen hier? Damit das in unserer Gemeinde nicht umgesetzt werden sollte, hatte der alte Bürgermeister doch einfach mal unsere Gemeinde zur „’Geschlossenen Gesellschaft’ erklärt und damit gemeint, das allgemein angeordnete Rauchverbot umgehen zu können. Bis das Verwaltungsgericht diese Anordnung des alten Bürgermeisters für ungültig erklärte und dann darüber ganz Deutschland erfuhr. Und was passierte? Rainer Weiß vom Heimatverein hatte das direkt als Steilvorlage für sein Marketing verwendet und schwups hatten wir kurz darauf einen Haufen Touristen, welche wissen wollten, was für pfiffige Bürger wir wären und wo wir so leben würden.”

“Und?”

“Lasst uns das gleiche nochmals machen. Jetzt bei der Bürgermeisterwahl.”

“Die Idee hört sich nicht schlecht an, Frau Diekmann”, unterbrach der Alterspräsident, “aber wie soll das genau gehen?”

“Lasst uns einen Dackel zur Kandidatur aufstellen.”

“Einen Dackel?”

“Einen Dackel.”

“Aber Frau Diekman”, warf Heinz Rüdiger Selbtal ein, “das ist so ein Mist, ihr Vorschlag. Von Ihnen hätte ich qualifizierteres erwartet. Da wird maximal ein Hund in der Pfanne verrückt, bevor es niemandem auffällt, dass wir einen Dackel zur Kandidatur aufstellen. Also bitte. Nein, das ist ein schlechter Vorschlag.”

“Wieso nicht?” gab Stefan Maier kontra, “die anderen sind doch so beschränkt, denen fällt das nie und nimmer auf. Und am Schluss sagen wir einfach: ’He, da wurde ein Dackel zum Bürgermeister gewählt, die Wahl ist ungültig, wir müssen die am Montag wiederholen!’ Und schon haben wir ein Wochenende mehr Zeit, um einen wirklich würdigen Kandidaten aufzustellen.”

“Das könnte funktionieren”, stimmte der Alterspräsident zu, “lasst es uns einfach mal versuchen. Frau Diekmann, ich möchte wetten, Sie haben einen passenden Dackel, den wir zur Kandidatur in den Kandidatenbogen eintragen können?”

Frau Diekmann nickte. “Mein Rauhhaardackel ’Waldi’.”

Frau Diekmann stemmte ihre Handtasche hoch und aus der Öffnung schaute treuherzig dreinblickend ein grauer-brauner Dackel. Alle schauten sie sprachlos an. Doch mit einem mal setzte ein zustimmendes Gemurmel ein.

“So machen wir es. Die Deppen werden nicht bemerken und dann haben wir die Lacher auf unserer Seite!”

“Aber wir können doch nicht einfach ‘Waldi’ auf den Bogen schreiben,” meinte der Alterpräsident leise zu Frau Diekmann.

“Schreiben Sie einfach ‘Waldemar von und zu Hohenstimber’“, sagte Frau Dieckmann laut und ergänzte zum Alterspräsident flüsternd: „und in Klammern einfach ‘geborener Rauhaar’. Aber dann ‚Rauhaar‘ mit einem ‚h‘. Dann müsste es passen und keiner merkt es.” Der Alterspräsident nickte und schrieb den Namen auf den Bogen.

Bei der Verkündigung der Kandidaten gab es nur zwei Namen. Es herrschte anfangs ein wenig Verwirrung bei der “GmU” wegen dem Namen ‘Waldemar von und zu Hohenstimber’, aber irgendwie fragte auch keiner weiter nach, was die Angehörigen der “HdB” nur belustigte.

Die Auszählung der Stimmen war vorbei. Im Saal herrschte Ruhe. Der Wahlleiter trat vor die versammelte Menschenmenge aus Neugierigen, Journalisten und Politikern.

“Die Stimmauszählung fand unter notarieller Aufsicht statt und das Ergebnis steht fest. Es wurden 30 Stimmen abgegeben und keine war ungültig. Auf den Kandidaten Hubert Steinmetz entfielen fünf Stimmen und auf den Kandidaten Waldemar von und zu Hohenstimber entfielen 26 Stimmen.”

Ein Lachen setzte ein und ein vereinzeltes “Die haben einen Dackel gewählt” halte im Raum. Heinz Rüdiger Selbtal und Stefan Maier hielten gemeinsam feixend einen Dackel und waren dabei, sich einen Weg nach vorne zu erarbeiten.

“Ich bitte um Ruhe. Und bitte unterlassen sie Verunglimpfungen. Ein wenig mehr Anstand, darf ich doch bitten. Jemanden als Hund zu diffamieren ist diesem Hause nicht angemessen. Ich bitte den Kandidaten Waldemar von und zu Hohenstimber von der der Partei ‘Partei für ganzjährigen Urlaub im Wahlkreis 5’ nach vorne.”

Heinz Rüdiger Selbtal und Stefan Maier stockten und ließen den Dackel zu Boden gleiten. Ihnen fiel wieder ein, woher sie diesen sperrigen Namen schon mal gehört hatten. Bleich waren sie geworden und als sie in die Gesichter ihrer Kollegen blickten, waren auch diese erheblich blasser geworden.

Der Kandidat Waldemar von und zu Hohenstimber stellte sich an das Rednerpult: “Sehr verehrter Wahleiter, lieber Wahlkreis 5, liebes Publikum, ich nehme diese Wahl an. Und besonders möchte ich mich für die Stimmen der Kollegen  der Partei “Hoch die Bürger” bedanken. Zudem möchte ich auch gleich eine Personalie bekannt geben: Frau Petra Diekmann ist vorhin in meine Partei eingetreten und ich setze sie hiermit als stellvertretende Bürgermeisterin ein. Petra, kannst du mal nach vorne kommen.”

Zehn Sekunden war es still. Mausestill. Man konnte Stecknadeln fallen hören. Doch dann brach etwas los, was in den überregionalen Tageszeitungen als “Rathaussturm” beschrieben wurde. Es soll dabei mehrere Verletzte gegeben haben. Die Polizei musste diesen “Sturm” mit Schlagstockeinsatz beenden. Festgenommen wurden dabei zwei Politiker, die sowohl wegen erheblicher Körperverletzung als auch wegen Widerstand gegen die Staatsgewalt auffielen. Gegen beide wird noch ermittelt. Sie sollen inzwischen ihre Posten und Ämter aufgegeben haben und auch nicht mehr in der Gemeinde leben.

Waldemar von und zu Hohenstimber (geborener „Rauhaar“) und Petra Diekmann heirateten noch im gleichen Jahr.

Was aus dem Rauhhaardackel wurde, ist unbekannt.

Eine Welt mit Artikel 13

„Guten Tag.“

„Guten Tag. Sie wünschen?“

„Ich wollte eigentlich eine Todesanzeige für ihre Zeitung aufgeben. Sowas ging doch früher bei Ihnen über Internet. Aber ich hatte auf Ihren Seiten nichts gefunden.“

„Artikel 13.“

„Artikel 13?“

„Jemand muss kontrollieren, ob der von Ihnen per Anzeige verkündete Tod nicht ein Copyright verletzt.“

„Copyright verletzt?“

„Letztens hatte wer bei uns im Internet seine Todesanzeige mit dem Text von ‚Stairway to Heaven‘ veröffentlicht. Das kostete unsere Zeitung 1500 Euro plus Anwaltskosten.“

„Was?“

„Dann war da noch die Familie, welche seine Todesanzeige derer Oma mit dem Hesse Gedicht ‚Stufen‘ per Internet aufgegeben hatte. Kostete uns 2000 Euro, weil Hesse erst 1969 starb. Und dann noch der Rückgang der Anzeigen und der Schwund der Auflagen. Das kann sich keine Zeitung leisten. Wir müssen ja auch von etwas leben, nicht wahr, wenn wir Todesanzeigen aufgeben.“

„Äh, ja. Okay. Ich wollte eine Todesanzeige aufgeben.“

„Familienangehörig?“

„Treu sorgende und ehrbare Schwiegermutter. Too old for Rock’n Roll, too young to die.“

„Totenschein und Identitätsnachweis bitte.“

„Warum?“

„Wir müssen uns absichern.“

„Wogegen?“

„Ist ihre Schwiegermutter Person des öffentlichen Lebens?“

„Nein.“

„Sehen Sie. Es gibt viele Schwiegermütter. Das kann also jeder behaupten. Jeden Tag sterben Schwiegermütter. Berechtigt oder nicht. Hat sie was geleistet, bevor Sie jetzt hierher gekommen sind?“

„Was wollen Sie? Sie war eine treuliebende, herzliche Schwiegermutter, beliebt bei deren Enkeln!“

„Deren Enkeln? Das wollen Sie so in der Anzeige geschrieben haben? Liegt dazu die Einverständniserklärung derer Enkeln vor?“

„Warum? Berührt das ein Copyright?“

„Nein, aber wir müssen jede Geschichte auf deren Kohärenz überprüfen. Unser Ziel ist es, dieses Jahr die Anwaltskosten auf 50% zu reduzieren, um unseren Gewinn um 4,5% zu steigern. Von diesem Gewinn geht ein Zehntel in die Gehaltserhöhungen und neun Zehntel in die Shareholder-Value-Kasse.“

„Und Sie sind der Buchhalter, der diese 4,5% ausgerechnet hat?“

„Nein, mein Herr. Ich bin der berühmt berüchtigte ‚Upload-Filter‘ meiner Zeitung. Jener, welcher jeder seit Ratifizierung des Artikels 13 dafür zu sorgen hat, dass einhundert Mitarbeiter meiner Firma nicht wegrationalisiert werden müssen, nur weil jemand darauf besteht, ein Karl-Valentin-Zitat in seiner Todesanzeige zu haben.“

„Was hat der Tod meiner Schwiegermutter mit Karl Valentin am Hut?“

„Für unsere Zeitung viel und Ihrer Todesanzeige im Speziellen. Sie wissen? Mögen täten wir schon wollen, aber dürfen haben wir uns nicht getraut.“

„Sie sind eine Kirchenzeitung!“

„Na und? Nur weil wir eine Kirchenzeitung sind, haben wir das Erbrecht auf das Copyright von unserem Schöpfer nicht gepachtet. Hebräisch ist älter als Griechisch und trotzdem mussten wir Anleihen bei Alpha und Omega machen, um unser Buch zu beginnen. Sie verstehen? Aber für diese Copyright-Verletzung können wir nicht mehr belangt werden. 70 Jahre nach dem Tod des ursprünglichen Verfassers werden solche Dinge gemeinfrei. Sie verstehen?“

„Was?“

„Zu kompliziert? Noch einmal zum Mitschreiben: Wir stehen niemals über dem Gesetz. Besonders nicht als publizierendes Organ einer Glaubensgemeinschaft, welche Steuergelder in nicht unerheblichen Maße empfängt. Wenn wir nicht mit dem Gesetz gehen, müssen wir gehen. Gnadenlos und vogelfrei. Sie verstehen?“

„Ich will doch nur den Tod meiner Schwiegermutter im Kirchenblatt veröffentlichen lassen, damit sich nachher in unserer Gemeinde niemand auf den Schlips getreten fühlt, weil jemand keinen Totenbrief erhalten haben könnte.“

„Ist das unser Problem?“

„Nein. Aber ich dachte, ich wäre bei Ihnen richtig.“

„Der Mensch denkt, Gott lenkt. Der Mensch dachte, Gott lachte. Sie sind ein Gutgläubiger. Ganz nebenbei: Haben Sie eine Einverständniserklärung Ihrer Schwiegermutter dabei, dass sie nichts dagegen hat, dass Sie sie jetzt bei uns öffentlich machen? Sie verstehen schon, DSGVO und so.“

„Was? Sie starb völlig überraschend mit ihrem Lover beim Abfahren und Knutschen auf einer Skipiste. Lawine.“

„Kein Testament?“

„Nein.“

„Das ist schade.“

„Sie sind echt ein ‚Upload-Filter‘? Was haben Sie überhaupt studiert?“

„Jura. Staatsexamen. Note 1,4.“

„Nicht Menschenrecht?“

„Was soll Ihr Fall mit Menschenrecht zu tun haben, wenn sich die betroffene Schwiegermutter und deren Lover jetzt nicht mehr wehren können?“

„Ich will nur eine Totenanzeige in Ihrem Kirchenblatt aufgeben. Nur für meine Schwiegermutter. Nicht mehr und nicht weniger!“

„Und das alles nur wegen dem 15-Minuten-Ruhm für ihre Schwiegermutter in unserer Kirchenzeitung, von der sie nichts mehr hat?“

„Nichts mehr hat? Hallo, Sie Christ? Leben nach dem Tod? Schon mal gehört?“

„Ach ja? Und das alles nur, um Artikel 13 zu ignorieren und nicht zu respektieren?“

„Verstehen Sie nicht? Wissen Sie was? Sie können mich mit ihrem Artikel 13 und der DSGVO am …“

„Das garantiert nicht. Anale Dienstleistungen bieten wir nicht. Der Nächste, bitte!“

Er gab ihm ein Zeichen beiseite zu treten und winkte den nächsten zu sich an der Glasscheibe heran.