Provinznotizen aus Deutschland Süd bei Südost (4): Schau durch mich hindurch

Auf seiner Parkbank hielt er sein Rätselheft und notierte mit seinem Bleistift immer wieder Worte darin, welche Lösungen für die leeren Quadrate waren. Die Sonne lachte, die Vögel tirilierten, der Grashalme streckte ihre Halme der Sonne entgegen, die Maulwürfe buddelten im Verborgenen der Sonne und die Ausgezogenen führten bei Fußgänger bei ihrem Weg zu deren Linken und Rechten durch jene hindurch zu erfreutem Kopfschütteln.

Nur schon seit einiger Zeit hatte er kein Wort mehr in seinem  Heft eingetragen. Seine Lösungskompetenz war ins Stocken geraten. Verzweifelt kaute er auf seinen Bleistift herum. Weiche Mine, hartes Holz.

“’Klarsichtiger’ mit zwölf Buchstaben”, murmelte er vor sich hin. “Klarsichtiger. Hm. Klarsicht. Was ist das?”

Er schaute zu seiner Seite. Ein Mann mit blauer Maske saß neben ihm und schaute auf die Menschen auf dem Rasen. Er rückte näher zu dem Mann hin:

“Entschuldigung, ‘Klarsichtiger’ mit zwölf Buchstaben. Können Sie mir dabei helfen?”

Der Mann schaute ihn fremdelnd an: “Was soll ich? Ich kenne Sie nicht.”

“Können Sie mir vielleicht mit einer Idee weiter helfen?”

“Sie tragen keine Maske. Wollen Sie mich anstecken?”

“Ich bin Single. Und habe kaum Menschenkontakt.”

“Sie tragen keine Maske! Ist Ihnen das klar?”

“Ich …”

Der Mann erhob sich hastig und entfernte sich. Der Kreuzworträtsel blieb ratlos zurück und schaute um sich herum.

Ein älteres Ehepaar passierte gerade seine Bank. Er sprang auf: “Entschuldigung, ‘Klarsichtiger’ mit zwölf Buchstaben. Können Sie mir dabei helfen?”

Der Ehemann blieb stehen und schaute den Rätsler an: “Klarsichtiger? Also jemand mit Erkenntnis?”

“Ja, Egon” antwortete seine Ehefrau, “das muss einer sein, der nachdenkt. Das wird ein Dichter sein. Das will doch der Mann mit dem Rätselheft wissen.”

“Schopenhauer!”

“Ja, Aber auch ‘Aristophanes’ würde gehen, mein Schatz.”

“Aber auch ‘Dichter Dunst’, Liebchen.”

“Nur lediglich, wenn du das Leerzeichen dazwischen mitzählst, Herzilein.”

“Aber Egon, glaubst du, dass hätte ich nicht mit eingerechnet? Sonst hätte ich ja gleich ‘Nebelvorhang’ sagen können. Statt ‘Dichter Dunst’, oder?”

“Agathe, ich sag ja nur. Aber, der Mann ist ja so verzweifelt mit seinem Heft. Junger Mann, wie wäre es mit ‘Hofmannsthal’?”

Der Kreuzworträtsel schüttelte den Kopf: “’Klarsichtiger’ mit zwölf Buchstaben. Das muss etwas mit Perspektive sein. Nicht mit Dichtern.”

Die Ehefrau schüttelte den Kopf: “Da können wir nicht helfen. Kein Dichter, keine Hilfe. Als Rentner ist unsere Perspektive nur begrenzt, unser Ableben ist eine Frage der Zeit im dichten Nebel der Zukunft. Zeit, die wir für so etwas wie Kreuzworträtsel nicht mehr haben”, und beide gingen grußlos weiter.

Der Kreuzworträtsel kaute gedankenverloren auf seinen Bleistift und ließ sich wieder auf seine Bank nieder. Sein Blick nach rechts vermeldete ihm, dass er nicht mehr alleine dort war. Ein junges Paar hatte sich inzwischen dort breit gemacht.

“Alter Mann”, hörte er die Stimme des Mannes, “alter, weißer, weißhaariger Mann, ey. Ein Meter fünfzig Abstand! Und Maske, okay! Gilt auch für dich.”

“Ich löse nur Kreuzworträtsel. Ich suche ‘Klarsichtiger’ mit zwölf Buchstaben.”

“Wissen Sie, was Sie sind? Ein Ignorant!”

“Hm. Eher nicht. Ich suche lediglich ‘Klarsichtiger’ mit zwölf Buchstaben.”

“Ja, nee, ist klar. Aber, alter Mann, Sie sind ein Ignorant. Ohne Respekt. Oder exakter gesagt: ein Nichtswisser. Hat nebenbei auch zwölf Buchstaben. Hey, hab mal Respekt vor uns Jüngeren und lass uns allein hier sitzen!”

Der Kreuzworträtsel stand verunsichert auf. Er wollte doch nur Kreuzworträtsel lösen. Das schadete doch niemanden, oder? Das wäre doch sozialverträglich, oder etwa nicht? Er blickte zu dem Mann, der auf dem Weg ihm entgegen kam. Schlips. Weißer Kragen. Reversnadel. Anzug. Lederschuhe. Nur jener schaute durch ihn hindurch. Erblickte ihn nicht. Blickte durch ihn hindurch.

Der Kreuzworträtsel drehte sich um. Eine Frau ging auf ihn zu. Sonnenbrille. Verspiegelt. Businesshosenanzug. Grau. Zigarillo rauchend. Kühl. Unnahbar. Sexy. Ein Gang wie die Lauren Bacall. Er hob sein Rätselheft, fühlte sich ein wenig wie Humphrey Bogart. Aber sie sah ihn nicht. Blickte durch ihn hindurch. Er fühlte sich transparent. Wie ein Mann ohne Eigenschaften.

Er wendete seinen Blick zur Parkbank. Das Paar hatte sich dort der Länge nach ausgebreitet und schmuste intensiv. Er schaute zurück auf den Weg. Zwei Polizisten kamen ihm entgegen.

“Entschuldigung, ich suche ‘Klarsichtiger’ mit zwölf Buchstaben. Können Sie mir dabei helfen?”

Die beiden Polizisten beachteten ihn nicht, schauten durch ihn hindurch. Er fühlte sich in Schatten verschoben. Dabei wollte er doch nichts unmögliches. Er wollte lediglich ein Kreuzworträtsel lösen. Was war falsch dran?

Zwei Ehepaare kamen auf ihn zu, schoben jeweils einen Kinderwagen, unterhielten sich intensiv und klar vernehmbar.

“Und dann sagte er nur: Verschwörungstheorien. Kannst du das glauben? Abiturient mit Note 1.0 und dann diese Pauschalierung. Der hat sie doch nicht alle.”

“Tja, Abitur schützt vor Doofheit nicht. Nieten in Nadelstreifen, nicht wahr.”

“Und dazu hat er noch Psychologie studiert und hat hier unweit vom Englischen Garten seine Praxis an der Leopoldstraße. Einige Persönlichkeiten sind in seiner Behandlung. Jetzt in der Corona-Zeit sind wohl wieder einige in Krisen gefallen und er verdient sich nen Wolf daran.”

“Jo mei, sollen die Ärmsten sich doch mal ein wenig informieren, nicht wahr. Krise ist ja nicht wirklich und Selbstkrise erst recht nicht. Alles nur Manipulation. Alles. Wer nur dem Mainstream vertraut, der hat sein Hirn an der Garderobe abgegeben, denkt nicht mehr nach. So einer gibt nur zu denken. Hat sein eigenes Nachdenken outgesourct.”

“Ha. Mainstream. Geht gar nicht. Nicht nachdenken, erst dreimal nicht.”

“Überhaupt nicht. Mainstream, alles gelogen. Wie gut, wer Internet zu nutzen weiß. Da finden sich die echten Faktenchecks.”

“Fakten Checker? Das erinnert nur an Orwells Wahrheitsministerium. Fakten Checker sind Manipulierer ersten Grades. Fakten Checker sind nur Meinungschecker. Das ist die echte Wahrheit. Alle akzeptieren, dass jeder jeden manipuliert und sich als Wahrheitsministerium ausgibt. Orwells Vision ist doch hier und heute.”

Der Kreuzworträtsel hob sein Heft den zwei Paaren entgegen und tippte mit seinem Bleistift auf das Quadrat mit der Fragestellung. Aber die beiden fuhren mit ihren Kinderwägen durch ihn hindurch. Ohne ihn zu beachten. Er war wie Luft für sie.

“Wer durchblickt, der braucht eh keinen Fakten Checker mehr. So ein Mensch hat sein Hirn benutzt. So ein Mensch ist mündig und weiß, wo der Zug lang fährt und weiß, was kommt. So einer ist immun gegen Manipulation. So einer benötigt keine Impfpflicht mehr. Der ist geimpft.”

“Ja, stimmt, wenn die mal deren eigenes Hirn nutzen würden. Mündig ist doch nur eine Minderheit. Und eben jenen wird der legitime Zugang zur Macht verwehrt. Wir Klugen sind doch immer die Dummen.”

“Deswegen ist auch diese Corona-Krise nur Fake. Klar, es gibt Tote, aber der ganze Ballyhoo drum, das ist doch fieser Fake. Bisschen Hirn zum Durchblicken täte jedem gut.”

“Weißt du, was das Hirn von Albert Einstein kostet? 9 Milliarden. Und weißt du, was das Hirn eines normalen Bürger kostet? 90 Milliarden. Warum? Weil noch nie benutzt.”

Die letzten Worte verloren sich fast in den wehenden Wind, der kurz und heftig den Staub des Weges aufwirbelte. Der Kreuzworträtsel hielt dem Wind verzweifelt sein Heft entgegen. Die beiden Paare hatten durch ihn hindurch geschaut und deren Wägen an ihn vorbei gesteuert, knallhart auf den Zentimeter kalkulierter Weg ohne jeglichen Kontakt zum Kreuzworträtsel. Beachtet hatte ihn allerdings keiner. Nicht mal der Wind.

“’Klarsichtiger’ mit zwölf Buchstaben”, murmelte jener Kreuzworträtsel vor sich hin. “Klarsichtiger. Hm. Klarsicht. Was ist das?”

Er schaute zur Parkbank. Sie war wieder frei. Er setzte sich wieder an das eine Ende und dachte nach. Jemand setzte sich an das andere Ende. Er blickte hinüber. Ein Mensch mit dunklem Trenchcoat und Sonnenbrille. Unnahbar. Und trotzdem wohl alles im Blick. Den Kreuzworträtsel streifte er nur mit einem Blick durch seine schwarz-dunkle Sonnenbrille. Zumindest schien es so.

Der Kreuzworträtsel kaute auf seinem Bleistift. ‘Klarsichtiger’ mit zwölf Buchstaben. Sein Blick war auf die Quadrate des Kreuzworträtsels fixiert. Anfangs. Meditativ. Versunken. Kontemplativ.

Sein Blick verrutschte ins Unendliche. Auf einen Punkt hinter sein Heft. Er blickte durch sein Heft hindurch. So in der Art wie die Leute ihn zuvor ansahen. So wie er es seit dem März immer wieder erfahren hatte. Blicke ohne Bezug.

Und dann sah er die Lösung. Mit seiner freien Hand schlug er sich auf seine Stirn. Ja, klar, das war es. Zu einfach. So simpel. ‘Klarsichtiger’ mit zwölf Buchstaben. Und das in Corona-Zeiten, wo alle auf ihre Auffassungsgabe schwörten.Durch-Blick

(das ‘Magic Eye’-Bild wurde erstellt mit ‘Stereogram Maker 2.1’)

Provinznotizen aus Deutschland Süd bei Südost (3): Stille Wasser sind still

Still. Absolut still.

Ein zweiter Versuch. Etwas kürzer, aber weiterhin lang. Lange Stille.

‘Still sein’ ist wie das neue Rufen im gerodeten Walde. Je stiller man hinein brunft, desto weniger tiriliert es vogelnderweise heraus. Brünftig sein, ist ja nichts schlimmes. Vorausgesetzt, der Vorhang ist zugezogen, die Bettdecke hochgezogen und der Rest vom Toilettenpapier ist in der Nähe griffbereit. Dann ist Stille. Das neue stille Schweigen. In Schweigen gehüllt. Des Kaisers neue Kleider. Du hast nichts zum Anziehen? Hülle dich in Schweigen. Das Normal aller Schweiger.

Das neue Normal ist jetzt das Beaugapfeln. Ist jemand gegen die Kritik an dem System kritisch eingestellt? In der Internet-Galaxis und der Blogosphäre gerät jeder Mensch ins Fadenkreuz der Systemkritiker, wenn nur ein Hauch von Häresie der Systemunkritischheit weht. Bin ich systemkritisch genug? Wenn nein, dann bin ich Systemsympathisant. Mainstream-Schreiber. Mainstream-Presse-Förderer. Fake-News-Unterstützer. Also so eine Art “Erdoğan für Arme” mit dem christlichen Anspruch eines Donald Trump: “Seelig sind jene geistig Armen, denn irrer ist nur das bekloppte Himmelreich”.

Freilich liegt damit die Verwendung des Wortes “Verschwörungstheoretiker” nah. Näher, bei denen, die in Schubladen denken müssen, weil deren Abstellräume das reine Chaos sind. “Rumpelkammern” werden solche Abstellräume auf deutsch gerne genannt. Aber Schubläden sind die hohe Kunst des Einräumens von Chaos auf kleinstem Raum: ein Clustern von klandestinen Ansichten, welche man gerne als Konspiration ansehen möchte, weil es dann kaum Erklärungsbedarf geben soll. Nur eine derartige Verschwörung ist keine Verschwörung mehr, wenn jene Verschwörung bereits überall herum vagabundiert und sich selber implizit anpreist wie sauer Bier. Annahmen über Zusammenhänge, welche den eigenen Horizont übersteigen und zum Zwecke der konsequenten Ablehnung der Existenz eines wie immer auch gearteten Zufalls, also solche Annahmen, sie sind wie Straßenhuren: billig, willig und von allen Seiten mit dem steifen Willen der Überzeugungstäterschaft zu penetrieren.

Hört sich seltsam kompliziert an, aber es ist die geschäftliche Basis der Prostitution durch weiblichen und männlichen Prostituierte. Dass trotzdem dieses kaum einer verstehen will oder möchte, gleicht den Tipps aus jenen Büchern wie “So werde ich in vierzehn Tagen Millionär”. Lediglich der aufmerksame Nachdenker fragt gleich nach, in welcher Einheit der Begriff “Millionär” definiert wird. Als Währung “Bolivar fuerte”? Oder Einheit “Wassertropfen”? Und was mit den verbleibenden vierzehn Nächten in Zeiten der Globalisierung ist, die dann immer noch übrig bleiben würden, das treibt dann jene in Bücher wie “Sixty Shades of Grey”. Hurra, wir lesen noch. Dieser Begeisterungsausruf darf doch wohl noch geschrieben werden, oder etwa nicht?

Oder etwa nicht? Ich erinnere mich an eine Messenger-Nachricht, die ich erhielt, dass der Inhalt der zitierten Nachricht regierungsseitig schon bald zensiert würde und deshalb schnell weiter verteilt werden sollte. Dass meine ersten Nachforschungen mir zeigten, dass der Inhalt der “bald zensierten” Nachricht schon fünf Jahre alt war (Herkunft: AfD), stellt eigentlich den vollkommenen Beweis der Unsinnigkeit der Nachricht dar. Sie erreichte mich aber im Rahmen der “zeitlich nahenden” Zensur mehrmals und wurde mir auf Rückfragen als seriös eingestuft.

So erhielt ich international in meinem Messenger auf meinem Smartphone die Warnung wegen CoVid-19 das Medikament “Ibuprofen” zu nutzen. Auf meinen provokative Antworten, dass diese Nachricht aus dem Bodensatz der Aluhutträger stamme, kamen dann nur Antworten, die vergleichbar sind mit Deos mit Aluminium und Deos ohne Aluminium. Dabei gibt es doch so viele Forschungen ohne Peer-Review, die vor Aluminium in Deos warnen. Weil jenes dann duhn in den Köpfen machen soll. Und die logischen Rückfolgerungen, dass Aluminium schon seit Gottes Schöpfung gefährlich für den Menschen sei. Ergo schuf Gott schon das Mittel der Zerstörung für das Lebewesen, welches sich als die Krone der göttlichen Schöpfung ansieht

Moment, ich wollte jetzt keine religiöse Überzeugung beleidigen. Was ich gerade schrieb, würde bedeuten Gott/Allah/Jehova/etc. hätte schon die intellektuelle Vernichtung des Menschen bei dessen Schöpfungsakt mit eingeplant gehabt …andererseits haben die ganzen Gottesdienste und Gebete bis jetzt noch keine Problemlösung gebracht … Gottesbeweis? …

Seitdem jenem Freitag, dem letzten 13ten, den wir in diesem März hatten, zwei Tage vor den Iden des Märzes, an dem Gaius Julius Caesar vor 2064 Jahren das Opfer einer Verschwörung (und nicht lediglich Opfer einer Verschwörungstheorie) wurde, seit es also an jenem Freitag, dem 13ten, mit bundesstaatlichen Verordnungen losging, konnte ich folgendes feststellen: es hat weniger Flieger in der Luft, somit hat es weniger Chemtrails, hat es jetzt immer mehr Gesichtsmasken und dazu immer mehr Verschwörungstheoretiker. Aber kaum Verschwörungen. Das ist doch auffällig. Oder etwa nicht?

Und dann ist jetzt auch noch heute die Alufolie im Supermarkt gegenüber ausverkauft. Aber da klingelt es bei niemanden. Weder bei Verschwörungstheoriegegnern, noch bei Verschwörungserzählern, die jetzt mit Alubällchen am Rucksack durch die Gegend laufen. Einfach kein Klingeln, Null klingelingeling. Fällt das nur mir auf? Meine erste Intention war: Ich geh dann mal runter und klingle bei allen in der Straße, damit die endlich mal aufwachen. Klingelstreich.

Was sich in diesen Zeiten rauskristallisiert, ist ein Standes-Denken vieler Mitbürger. “Ich bin Akademiker!”, “Ich bin Lehrer!”, “Ich hab nen Doktortitel!”, “Ich habe allen drei schon mal für nen Fuffi einen geblasen!” Das letztere bezog sich freilich auf einen Marsch, den wütende Mitbürger gerne blasen, und nicht auf eine sexuelle Praktik. Diese sexuelle Praktik geht eh nicht. Unhygienisch. CoVid-19- und HIV-Befürchtungen lassen grüßen.

HIV war Mitte der 80er das gesundheitliche Angstthema. Bayern wollte damals einen HIV negativ-Test von seinen Staatshinzugehörigen als Standard haben. So etwas könnte als Pawlowsche Experiment unter der freien Sonne bezeichnet werden. Menschen massiv zu ängstigen und gleichzeitig als Retter zu einem Gegenpol aufzubauen. Jene “Retter” lassen sich in Folge leicht zu Tätern umfirmieren. Und weil sich Situationen immer stetig ändern und das Vergangene aus einer Gegenwart generell anders beurteilt werden kann (und das in unterschiedlicher Weise), ist alles im Fluss. In dynamischer Bewegung. Und generiert Gewinner und Verlierer, Helden und Opfer.

Wie schrieb mir jemand recht angepisst über seine Einstellung zur aktuellen Situation: “Zum Dank für die Rettung durch unserer Helden werden wir ihnen die Füße lecken.” Eine Einschätzung, die eine dezidierte Gedankenwelt und Disposition wieder spiegelt. Mit dem “wir” wollte er mich vereinnahmen. Nur musste ich es zurückweisen, weil ich nicht so pauschalierend systemnegativkritisch denke. Daher erhielt ich auf meine Rückweisung auch eine negatives Reaktion.

Ich verstehe, dass es Kritik an der Berichterstattung über die Corona-Sachlagen gibt. Es ist auch nur zu verständlich. Waren vor sechs Wochen die “Johns Hopkins University & Medicine”-Zahlen noch die begehrtesten Statistiken, die wie Medaillenspiegel bei einer Olympiade behandelt wurden, so langweilt es die Menschen, diese Tabellen weiterhin anzuschauen (“Crisis? What crisis?”). Unter den Top-5 ist letztendlich nur ein EU-Land. Und zweieinhalb der Top-5 lassen sich nicht einmal dem Kontinent Europa zuordnen.

Who cares? Wayne interessiert’s, dass in Brasilien nicht nur der Regenwald niederbrennt, sondern auch die Leute im Bundesstaate Amazonas in deren Bundeshauptstadt Manaus wegen CoVid-19 flach liegen und sterben? Wie die Fliegen? Fake News? Hauptsache, es nervt niemanden. Und auch mich nicht, mit jenen Abstandsregeln im Biergarten oder an der Isar …

Während der Gouverneur von Manaus und der Präsident von Brasilien so populär wie eine Furunkel am aller wertesten After erscheinen, so erscheint Markus Söder wie der Fackelträger von Gesundheit und Ordnung in Deutschland.

Was haben Karl Lauterbach, Christian Drosten und Markus Söder gemeinsam? Brief-Post mit Inhalt. Einen Umschlag mit einer mit Flüssigkeit gefüllten Phiole und dem Hinweis “trink das – dann wirst du immun”. Das ist freilich ein gutes Fundament, auf welches Söder bundesweit bauen kann und welches nützliche Idioten mit solchen hirnverbrannten Aktionen zementieren. Trotzdem hat eben dieser Wahnsinn einzelner, die derartige Bedrohungen verschicken, nichts mit dem zu tun, was wirklich bedeutsam ist.

Da wird man still. Stad wurds, wie der Bayer zu sagen pflegt. Knistern tuts. Und dem stillen Pfeifen im Walde wird leise nachgehorcht.

Und dann fang ich an, die Gegenreaktion einzuordnen, zu klassifizieren. Und egal ob sie von links, rechts, oben, unten oder diametral digital kommt, ich konnte sie nur auf einem Nuhr-Level verorten. Freilich mit der Gefahr, für meine stille Dieter-Nuhr-Verortung einen lauten Ordnungsruf zu erhalten. Wegen Systemkritik-Kritik. Ich mag es nicht, wenn auf unterstem Niveau unter dem Deckmantel des eigenen Satireverständnisses andere das Nachdenken anderer mit dem hauseigenen, röhrenden Rasenmäher niedergemeuchelt werden. Denn erst wenn fremdes Nachdenken als Nicht-Nachdenken ab klassifiziert wird, kann die eigene Argumentation auf dem wichtigen Begriff “Nachdenken” aufgebaut werden. Auch wenn die eigene Argumentation kaum über die beliebte Dieter-Nuhr-Niveau-Messlatte in jenem Moment herausragen mag. Auch wenn sie von Nachdenkseiten stammen mögen. Ich bin still. Die jetzige Zeit erinnert mich an das Verhältnis von Hans Wolfgang Otto Neuss, Franz Josef Degenhardt, Hans Dieter Hüsch und Dieter Süverkrüpp mit der damaligen Studentenbewegung und deren SDS. Freies Nachdenken versus Dogmatismus.

Es gibt Seiten im Internet, welchem sich dem Nachdenken verschrieben haben. Auf der einen Seite ist das positiv zu werten. Jedoch wenn die Kritik an das System in ihrer Systematik sich hinsichtlich deren eigenen Kritik in den Arsch beißt, dann tut da mir weh. Hic Rhodus, hic salta! Hier ist Rhodos, hier springe! Nur wenn der Kritiker immer von sich aus zu verstehen gibt, dass seine auf Rhodos getätigte Kritik generell “Rhodos exterritorial” sei, dann wird es seltsam. Ich selber bin nicht perfekt, von der Unfehlbarkeit Lichtjahre entfernt, aber auf der Brennsuppe, die andere köcheln, daher geschwommen, das bin ich nicht. Da gehe ich nicht mit denjenigen konform, die – egal ob christlich oder nicht – immer im Geiste aus der Bibel des zweiten Teils “Das neue Testament” jenen Autor “Matthäus” im Kapitel 12, Absatz 30, monologisieren.

Es ist eine Binse, dass das Wort “Nachdenken” immer in einem Zusammenhang verwendet wird, in dem es dem Schreibenden mundet. Ich denke auch nach. Und meine Nachdenk-Ergebnisse munden mir. Andere mögen sich dadurch angewidert fühlen, ohne meine Nachdenk-Gedanken durchzudenken, weil sie entweder keinen Nerv, keine Zeit oder keine Lust dazu haben (sprich: empathisch negativ leben). Für deren gelebte Ignoranz würde einem schon mal der Hut hochgehen. Aber jener bleibt unten. Um des lieben Friedens willens und aufgrund der bitteren und der daraus folgenden unergiebigen Diskussionserfahrung “es bringt nix”. Da bleibste lieber still. Lebenserfahrung macht den Unterschied dazu.

Ich bin still. In diesen stillen Momenten beim Lesen der Bußgeldbescheide in Zeiten des bayrischen Kontaktverbotes errechne ich Einnahmen von mindestens einer Viertel Millionen Euro allein für die Stadt München, weil Leute ohne “triftige Gründe” raus gingen oder ohne “triftige Gründe” mit einer anderen fremden Person in deren eigenen Haushalt einen Abend verbrachten. Und dann erinnere ich mich, dass hier das Markus-Söder-Land ist, in denen diese Bußgelder sich aufsummierten. Und dann sehe ich seine Popularität und ganz intuitiv kommt es mir in dem Sinn, dass eben deswegen so viele den Herrn Söder bundesweit mögen, weil er fähig war, aus billigstem bayrischem Stroh Gold für die Bundesstaatskasse Bayerns zu stricken. Und jeder weiß, die deutschen Kommunen sind klamm. Somit sind Bußgeldbescheide das Manna des Volkes, welches aus Ägypten geführt wurde, um ein Land zu erobern, wo Smarties, Schweinshaxe und gefüllte Bier-Seidel permanent den Bürgern zum Greifen nah vor den Augen herum schweben.

Wenn der Stalinismus eines hervorgebracht hat, dann ein semantisches Konstrukt, was auch hier für viele Bundesbürger komplett funktioniert: Von Söder lernen heißt, siegen lernen. Masochismus ist halt en vogue.

Als damals der Stoiber in Bayer scheinbar primär negatives in Bayern für dessen Bevölkerung vor der Landtagswahl verordnete (z.B. weil er für Eltern die Schulgeldzuschüsse zusammen strich, so dass die Eltern mehr für Schulausgaben zahlen mussten), holte er im September 2003 für die CSU die 2/3-Mehrheit im Landtag.

Nun hat Söder das rigideste Programm in CoVid-19-Krise für sein Bundesland aufgelegt gehabt. Dafür liebt ihn der Rest Deutschlands. Was allerdings klar sein sollte, denn alles, was nördlich des Weißwurst-Äquators liegt, ist gleich Schweden. Und Schweden hat mit deren Politik in der CoVid-19-Krise miserabel abgeschnitten. Wer will da schon als Südschwede nicht doch lieber zu Nord-Bayern gehören?!? Das sind verdammt viele. Sogar von denen, die man zu den Verschwörungserzählern zählt.

Das frustriert. Das frustriert unheimlich. In Bayern gibt es das PaG (Polizeiaufgabengesetz). Im Vergleich zu den CoVid-19-Verordnungen sind jene Aufgabengesetze alles andere als Pille-Palle. Aber außerhalb Bayerns war das allen komplett Wurst. Weißwurst. So wie Stuttgart-21 keine Rolle in Aachen, Bielefeld, Hannover oder Berlin spielte … Gab es für Stuttgart-21 in jenen Regionen mehr als ein Schulterzucken, so ist dass das PaG in Bayern für jene komplett unwichtig erachtet wurde? So heuer Sexismus in Indien. Das PaG betrifft allerdings alleinigst nur Bayern.

CoVid-19-Verordnungen stellen für viele den Untergang derer Existenz dar. Nur Herr Söder hat die Korona einer männliche “Jeanne d’Arc”, Held der Republik. Und das PaG als unbedeutendes Übel, welches Rest-Deutschland nicht interessiert. Dafür hat man dann aber den Krankenpflegenden, den Bahnmitarbeitern und den anderen Systemrelevanten mehrfach auf den Balkonen Deutschlands als “Helden” eine Ludwig vans Ode “An die Freude” gespielt. Mit der Textzeile “alle Menschen werden Brüder” (wohl auch Schwestern). Die offizielle EU-Europahymne. Gespielt und beklatscht von seinen Brüdern und Schwestern.

Das Ergebnis der Beklatschungen: paar Groschen extra für Krankenpfleger und dazu inzwischen Entlassungspläne bei der DB vom Herrn B. Scheuer (“Maut? Wasn das? CO2 relevant? Kann man das auch Maßkrug weise trinken?”). Gott mit Dir, du Land der Bayern. Frohe Arbeit, frohes Feiern, reiche Ernten jedem Gau. Gott mit Dir, du Land der Bayern. Den anderen möge das Geleut auf deren Flure unterm Himmel, weiß und blau, Zeitvertreib bieten. …

Ich läute nicht. Ich verbleibe still. Mein vormaliges Corona-Tagebuch starb an den Widersprüchen der Gesellschaft, in der ich lebe. Widersprüche, die ich nicht erfassen konnte, weil sie nicht so ernsthaft empor ploppten und den anderen wichtigen Themen das Wasser abgruben.

Es hat sich nichts an meiner privaten Solitär-Stellung verändert. Ich konnte feststellen, dass in den Zeiten des Kontaktverbots und der Ausgangsbeschränkung bestimmte Menschen auf dicke Hose gemacht hatten, also sich als jene generierten, die die Ausgangsbeschränkung und das Kontaktverbot großzügig für sich ausgelegt hatten. Aber letztendlich hielten sie sich genauso an die gesetzlichen Vorschriften, wie ich es auch tat. Sie beaugapfelten ihre Umgebung genauso auf Verstöße, wie ich es tat. Und sie meldeten jene Verstöße genau so oft, wie ich es tat, nämlich gar nicht. Aber sie beklagen sich darüber, genau so wie ich. Die anderen verhielten sich immer falsch.

Wir dagegen, waren immer die Guten. Und die Dummen. Weil die Guten ja immer die Dummen sein sollen. Sagt der Volksmund. Volksmund, nicht Kindermund. Wer tut nur die Wahrheit kund? Gemäß Boëthius hätte ich in diesem nicht so viel schreiben sollen. Wenn ich geschwiegen hätte, wäre ich vorm Leser ein Philosoph geblieben.

Ich bin still. Absolut still. Stille Wasser sind über allen Dächern Ruh. Und aller tiefer Laster Anfang.

Still …

Provinznotizen aus Deutschland Süd bei Südost (2): Extreme-Corona-Beergardening

Alois Hingerl – Dienstmann Nr. 172 am Münchner Hauptbahnhof mit göttlichen Ratschlägen an die Bayerischen Regierung als Brief in seiner Tasche – führte sein Weg am 18. Mai 2020 aus der himmlischen Quarantäne einer alten Gewohnheit gemäß herunter zum Münchner Hofbräuhaus. Und er fand seinen Stammplatz wieder, fand den Stammplatz leer, die Kellnerin, die Kathi, kam auf ihn zu … und er b’stellte sich a Maß … und b’stellte sich noch a …

Kathi reichte ihm einen Kugelschreiber und Zettel. Stumm, aber bestimmt deutete sie Alois an, dass er darauf seinen Namen, seine private Telefonnummer und ebenfalls seine voraussichtliche Verweildauer im Hofbräuhaus-Biergarten eintragen müsse, bevor er überhaupt irgendetwas bestellen könne.

„So – hmhm – ja, wann kriag na i wos z’trinka?“

Kathi tippte enerviert energisch auf den Zettel. „Sie werden Ihr Manna schon bekommen“ und drückte dem Alois den Kugelschreiber in seine Hand.

“Waas? Z’trinka kriagat i überhaupts nix? Mei Liaber: a Manna hat se g’sagt, a Manna kriagat i! Mei Liaber, da wennst ma net gehst mit Dei’m Manna, gell, den kennts selber saufa, des sag i Eich, aber i trink koan Manna, daß Di auskennst!“

Kathi schüttelte ihren Kopf und meinte lediglich:

„Ja, was ist denn das für ein Lümmel“,

ließ darauf zwei private schwarzgewandetet Sicherheitsdienstmänner (Nr. 42 und Nr. 98) den Alois packen und raus aus dem inneren Biergarten des Hofbräuhaus vor die Tür des Hofbräuhaus schleppen. Dort stellten ihn beide ab und gaben ihm noch einen Schubs.

“Ja, sagen Sie mal, warum plärr’n Sie denn auch da herinne so unanständig?”, merkte Nr. 42 kopfschüttelnd an und zog seine schwarze Gesichtsmaske ein wenig höher über seine hohe, weiße Nase.

“Mit dem können wir hier nichts anfangen”, stimmte ihm Nr. 98 zu und nahm dem Alois den Kugelschreiber und den unausgefüllten Antrag auf eine persönliche und nicht übertragbar eingeschenkte Maß ab.

“So hat denn auch jene liebe Seele ihre Ruhe”, flachste Sicherheitsdienstmann Nr. 42, maß mittels Zollstock sicherheitshalber den Sicherheitsabstand zwischen allen drei Beteiligten aus und bewegte sich 23,81 Zentimeter von seinem Kollegen Nr. 98 nach rechts.

Alois Hingerl – Dienstmann Nr. 172 am Münchner Hauptbahnhof und eingedenk seines Auftrages, einen göttlichen Brief zu überbringen – sank vom Schlag getroffen zu Boden und verstarb nun endgültig.

Und so wartet Söder – mit 1 Meter 50 Sicherheitsabstand zu seiner Vernunft – bis heute weiterhin vergeblich auf göttliche Eingebungen.

frei nach nach einer Geschichte von Ludwig Thoma (1867 – 1921)

Provinznotizen aus Deutschland Süd bei Südost (1): Letzte Neuigkeiten

Eff Fünf. Eff Fünf ist die Taste des Lebens. Im Internet. Oberste Tastaturreihe mit dem genannten Buchstaben und der entsprechenden Ziffer. “F5”. Ich drücke und du aktualisierst dich. Du Browser. Fast wia im richtigen Leben.

“F5”, “F5”, “F5”.

Aber je mehr ich die Taste drücke, desto größer der Frust. Der Browser aktualisiert sich zwar, aber neues kommt dabei nicht rum.

“F5”, “F5”.

Ich steh auf, geh raus (weil, Ausgangsbeschränkung ist ja nicht mehr), steige in die U-Bahn, fahre zum Odeonsplatz, schreite vorbei an die Corona-verwaisten Stühle der Gastro-Location “Tambosi” (Übersetzung für Nicht-Münchner: “Bussi-Bussi-Social-Meeting-Platzl”), lustwandle durch den Hofgarten auf die bayrische Staatskanzlei zu und gehe zum Hintereingang.

“Zum Söder, bitte!”

Der Pförtner schaut mich auf seinen Monitor wohl streng an.

“Termin? Besuchserlaubnis? Autorisierung?”

“Ich war sein Wähler!”

“Kann jeder sagen”, schallt es aus der quäkenden Gegenanlage zurück.

“Nein, das kann nicht jeder sagen”, korrigiere ich den unsichtbaren Sicherheitsbeamten, “Das kann nur ich sagen. Denn nur ‘ich’ bin ich und das kann ich belegen! Das kann garantiert nicht jeder. Oder die PAs sind generell für den Hugo.”

Ich halte meinen Personalausweis vor der Kamera.

“Kann ich jetzt zum Söder?”

“Sind Sie angemeldet?”

“Freilich! Ich verfüge über einen festen Wohnsitz in München und das KVR hat bei meiner Anmeldung meine Adresse. Steht aber alles auch auf meinen PA.”

Ich drehe meinen Personalausweis und halte meine Meldeadresse in die Kamera.

“Mit ‘angemeldet’ war ein Termin gemeint. Sie sagten, Sie persönlich hätten Söder gewählt. Das ist falsch. Sie selber können den Söder nicht gewählt haben. Sein Wahlkreis ist nicht München, sondern der ist Nürnberg-Ost. Sie haben eine Falschaussage getätigt.”

“Okay, okay. Aber mit meiner Zweitstimme …”

“Das behauptet jeder.”

“Ich habe doch schon nachgewiesen, dass ich nicht ‘jeder’ bin. Was verlangen Sie denn noch von mir?”

“Den bayrischen Staatshinzugehörigkeitsausweis, bitte.”

Ich krame aus meiner Brieftasche meinen weiß-blauen Ausweis hervor, öffne ihn und halte jede Seite einzeln in die Kamera.

“Soso, einen bayrischen Staatshinzugehörigkeitsausweis hat der auch”, höre ich die Stimme undeutlich murmeln. Und dann deutlicher: “Ich bedaure, der Herr Söder ist gerade im Keller der Staatskanzlei und huldigt mit seinem Kabinett am Ehrendenkmal vom GröBaz Franz-Josef Strauß. Wie jeden Morgen. Kommen Sie morgen wieder.”

“Morgen? Oder später?”

“Morgen. Oder später.”

“Und ist er dann da?”

“Morgen.”

Neben der Eingangsklingel sehe ich einen kleinen Knopf. Darunter ein noch kleineres Schild, darauf winzig kleine Buchstaben. “Eff fünf” kann ich mühsam entziffern.

“Ha!”, lache ich innerlich auf und drücke instinktiv auf den Knopf. Die Welt wird kurz dunkel und baut sich darauf pixelweise Zeile für Zeile erneut auf. Etwas türmt sich hinter mir auf. Einen kurzen Blick hinter mir und ich sehe einen frisch frisierten kurzhaarigen einsneunundvierziger Hühnen mit brauner Jacke, rosa Krawatte, weißes Hemd und spitzbübigem Gesicht, dessen Augen mich scharf fixieren.

“Kann ich Ihnen behilflich sein?”

“Herr Söder! Na sowas, dass ich Sie mal persönlich treffe, hier an der Staatskanzlei!”

“Ich arbeite hier. Und wenn Sie jetzt bitte mal zurücktreten würden, ich muss zur Arbeit.”

“Herr Söder, Augenblick bitte, ich wollte Sie etwas fragen, Herr Söder.”

“Pressekonferenztermine erfahren Sie bei meinem Pressereferenten per Anfrage mittels Email. Akkreditierung nur mit Ausweis.”

“Herr Söder, wir brauchen ein neues Bay-i-eff-ess-gee.”

“Ein was bitte?”

“Ein neues Bayerisches Infektionsschutzgesetz. Bay-i-eff-ess-gee ist die Abkürzung dafür, die von ihrem Ministerium dafür verwendet wird.”

“Und warum brauchen wir ein neues?”

“Weil ein neues immer besser ist, als das alte. Wer aufgehört hat, besser zu werden, hat aufgehört, gut zu sein.”

“Aha, ein Spruch aus der Automobilindustrie. Wer schickt Sie? Frau Quandt? Oder Dr. Herbert Diess?”

“Herr Söder, die Lage ist ernst! Besorgte Bürger erwarten für morgen einen Impfzwang und das passende Gesetz dazu. Enttäuschen sie diese nicht. Sonst müssen jene ihre Aussagen korrigieren und das macht alles nur komplizierter.”

“Sie sind ja ein ganz ausgeschlafenes Bürschchen. Wer hat Sie denn denn aus Zwangsjacke entlassen? Gehen Sie mal wieder nach Hause, nehmen Sie Ihre Pillen und lassen Sie mich dafür meine Politik machen, okay?”

Ein Türsummer ertönt, er drückt an die Tür und verschwindet im Innern. Mein Blick fällt erneut auf den “Eff Fünf”-Knopf. Zögernd hebe ich meinen Zeigefinger und bewege ihn auf den Knopf. Der Knopf fühlt sich so gut an, so kupfern, so glänzend, so kalt, so machtvoll, so richtig nach social distancing.

“Finger weg!”, schnarrt es aus der Gegensprechanlage. “Unterstehen Sie sich! Ich gebe Ihnen fünf Sekunden, sich umgehend zu entfernen. Ansonsten wird unser spezielles Spezial-SEK-Team zur Gefahrenabwehr sich binnen fünf Sekunden vom Dach herab abseilen und Sie wie ein Schluck Wasser einkassieren. Fünf.”

“Ich wollte doch nur …”

“Vier.”

“Hören Sie bitte …”

“Drei.”

“Ich dachte …”

“Zwei.”

“Also …”

“Eins.”

Ich drücke den Knopf. Einmal, zweimal, dreimal, viermal, mehrmals. Wie im Wahn. Eff Fünf, Eff Fünf, Eff Fünf, Eff Fünf …

Eine weibliche Computerstimme schnarrt: “System thread exception not handled. System service exception. Watchdog violation. Das System wird neu gestartet. Bitte warten. Das System wird neu gestartet. Bitte warten.”

Pause.

Der Morgen ist blau, der Himmel lau,
Alle Theorie grau,
Grün des Lebens goldner Bau,
Genau, jetzt ganz schlau
Nen Kakao.
Spaghetti.

Ich fahre zurück nach Hause, hocke mich vor dem Computer, rufe die Seite “Bayern.Recht” auf, drücke zur Kontrolle Eff Fünf und starre auf die Seite, wie sie sich neu aufbaut.

Im Deutschlands Süden bei Südosten nichts Neues.

Wir warten.

Das Corona-Tagebuch: Provinznotizen aus Deutschland Süd bei Südost (54): Over and out

Es wird immer schwieriger etwas neues aus “Süd bei Südost” zu schreiben. SARS-CoV-2 ist noch immer ein bestimmender Aktivposten im täglichen Leben. Nicht, dass der Virus aufgegeben hätte, er wird nicht mehr so stark verbreitet. Nur wird man es mit der Zeit auch müde, immer die neusten Zahlen, Daten, Fakten zu verfolgen. Geschweige denn zu kommentieren. Das ist kein Gewöhnungsprozess, sondern ein Entwöhnungsprozess. Nichts passives, sondern aktives. Eine Art der vorsätzlichen Verdrängung.

In den Supermärkten laufen vereinzelt Menschen ohne Maske mit einem zelebrierten Selbstbewusstsein von hier bis Alaska herum. Bei denen scheint es ein Coolness-Faktor sein. Nur hat es etwas von den Autofahrern, die im Auto keinen Gurt anlegen, und dann mit Vollgas durch die Landschaft preschen. Etwas, was Rennfahrer nie machen würden.

Klar, der erste Gedanke zu den Mund- und Nasenbedeckungsverweigerern mag schon sein “Wehe, wenn du dann auf der Intensivstation liegst und nach Luft schnappst”. Aber darum geht es eher weniger, denn die wenigsten erkranken ernsthaft an SARS-CoV-2. Nicht jeder, der keinen Gurt im Auto anlegt, wird kurz darauf in einem Sarg zu seiner Beerdigung angeliefert. Es ist schon richtig, wenn jemand mit Vollgas ohne Gurt den Serpentinen lang braust und es ihn dann aus einer Kurve gegen Fels, Baum oder in den freien Fall haut. Dann können wir schon alle sehr empört nicken und hämisch sagen: “Selber Schuld”. Dumm gelaufen ist allerdings nur, wenn dieser Vollkaskodesperado jemanden anderen mit sich nimmt.

Gut, nicht jeder ist von der Mund- und Nasenbedeckungspflicht begeistert, weil damit ein Gefühl der Fremdbestimmung einhergeht. Dass in der Kommunikation mit den Leuten an Wurst- und Käsetheke und der Kasse erhebliches fehlt, stört dann schon eher. Ohne diesem obligatorischen Utensil war es möglich, allein durch Mimik den Verkäufer zu weiterem zu inspirieren. Oder einfach nur zu verneinen. Nur jetzt ist es schon erforderlich, sich verbal deutlich zu äußern.

Seltsamer erscheinen dabei die Mitarbeiter der Sub-Unternehmen, welche für ein paar Euro fuffzig pro Stunde in den Supermärkten die Regale einzuräumen haben. Deren Bedeckungen hängen oftmals auf Halbmast oder bedecken lediglich deren Bärte. Ich nehme es schulternzuckend hin. Klar, ich könnte locker zum Marktleiter durchstapfen und ihn darauf hinweisen, dass in Bayern so etwas dem Geschäft 5.000 Euro kosten könnte. Und den Mitarbeitern des Sub-Unternehmens könnte deren Niedriglohn-Einkommen eines Tages verlustige gehen . … Aber, würde ich das? Ich nehme es mit einem Schulternzucken hin. Ich muss nicht alles, was ich kann.

Wobei, für den letzten Satz wurde ich bereits schon privat gerüffelt, weil ich so einfach auf meine Rechte verzichten würde. Ich zucke erneut innerlich mit den Schultern und hoffe, dass das Gespräch dazu bald vorbei gehe. Denn wenn der andere immer das perfekte Leben führt und ich mit meinem Leben seiner Ansicht nach komplett daneben haue, dann umgibt mich das Gefühl der Niedergeschlagenheit, der Wertlosigkeit. Bis ich mir dann vergegenwärtige, dass es genau das ist, was der andere erzielen wollte: Demütigen und sich selber durch die Herabwürdigung des anderen aufgewertet fühlen. Wirkliche menschliche Wertschätzung geht anders.

Demütigung und Herabwürdigung ist ja auch die Sprache der Verschwörungstheoretiker, der Populisten, der Hate-Speecher, der Aufwiegler, der Hetzer. Für jene muss es immer einen geben, auf den man herabblicken kann, ansonsten hat man keine erhabene Position. Herabblicken auf andere, koste, was es wolle. Selbst wenn man sich vollkommen entblödet.

Bemerkenswert finde ich, dass in diesem Zeitalter momentan etwas in dieser Richtung Hand in Hand geht: Hate-Speech und die Betonung der Empathiefähigkeit. Zwei Seiten wie von einer Münze. Bist du empathiefähig? Eine manipulative Frage aus dem Lehrbuch der Rhetorik. “Empathische Intelligenz” oder auch „emotionale Intelligenz“ als Phrase in den Rang stilisiert zu einen brutalen Ausgrenzungsmerkmal. Hautfarbe, Nationalität oder auch Religion ist zu billig. “Empathische Intelligenz” oder auch „emotionale Intelligenz“ ist die neuste Masche für ein neues Klassifizierungsmerkmal zur abschätzigen Behandlung von Mitmenschen.

Momentan geht eine ähnliche Phrase durch die Gesellschaft, die genau diesem Muster folgt: “Ob du Lack gesoffen hast, habe ich gefragt!” Diese Aussage gebündelt mit einer anderen Behauptung knallt wie wie ein kalter Waschlappen in jedes Gesicht und schon hängt etwas im Raum, was vorher so nie angedacht war und sich dann auch aufgrund des Überraschungsmoments nur schlecht verteidigen lässt: Erst nicht zuhört haben oder gar schwerhörig und somit alt zu sein, gefährliche Dinge ohne Nachdenken massenhaft zu konsumieren und dann auch noch die Antwort auf einer Frage schuldig geblieben zu sein. Das klappt im privaten Leben, aber verstärkt erst recht im Internet, weil es originell und schlagfertig erscheint.

In dieser Krisenzeit wurden viele Argumente ausgetauscht hinsichtlich der Sinnhaftigkeit von dem Lock-down und über die Bedrohlichkeit von SARS-CoV-2 an sich. Die eine Seite wirft den Politikern vor, sich unter der Diktatur der Virologen begeben zu haben. Die nächste Seite wettert wegen der angestachelten Panik und wegen den wirtschaftlichen Niedergang aufgrund eines unbedeutenden Grippchens. Und die übernächste verweist auf Populisten wie Wodarg und Co, deren einziges Handwerk darin besteht, ein akademischen Titel – wie weiland Brians Anhänger jene Sandale – vor sich herzutragen, um damit Behauptungen aufzustellen, für denen anderen bereits gerechtfertigterweise deren akademische Titel entzogen wurde (s.a. beispielsweise Theodor zu Gutenberg). Erstaunlicherweise glauben viele an solche Bedenkenträger, weil die Gedanken jener in deren eigene finstere Vorstellung vom sinnlosen Sinn des eigenen Lebens passt. Sie werden auch dann nicht von den eigenen Überzeugungen lassen, wenn sie bereits mehrmals widerlegt wurden.

Das hat ein wenig vom Gleichnis über das brennende Haus. Am Fenster standen noch Bewohner und schrien um Hilfe. Die Feuerwehr breitete Sprungtücher aus und forderte die verbliebenen Bewohner auf, zu springen. Worauf dann einer nachfragte, ob es denn regnen würde. Falls ja, dann solle die Feuerwehr ihn doch gefälligst über der Treppe retten. Er hätte keine Lust wegen der Faulheit der Feuerwehr auch noch nass zu werden, da er schon genug Probleme mit dem Feuer habe. Loriot hatte gleiches schon mal mit seinem Sketch “Die neue HS Zwo” (hier) beschrieben.

Es geht nicht mehr um die Sache, sondern ums Prinzip. Und das Prinzip ist heilig. Dem aufrechten Deutschen scheinen Prinzipien heilig zu sein. Und von den aufrechten Deutschen gibt es viele. Denn wer nicht aufrecht ist, ist in deren Augen lediglich ein Affe. Heiliges Prinzip. Das Auto ist beispielsweise so ein Prinzip. Das Blech ist heilig. Weil es für viele gleichbedeutend mit Freiheit ist. Blech gleich Freiheit. Heilig’s Blechle. Da fliegt mir doch das Blech weg.

In einem Internetforum las ich, wie jemand eine flammende Rede zum Thema “Reisefreiheit” hielt. Freiheit wäre ein hohes Gut und bedeute, freie Reisen durchführen zu können. Daher – so die nachfolgende Folgerung – solle jeder dafür kämpfen, dass die Fluggesellschaften die Reisefreiheit nicht durch hohe Preise abstellen würden. Sie sollten preislich da weitermachen, wo sie vor der Krise aufgehört haben und nicht jetzt auch noch Forderungen stellen, ansonsten würden sie sich gegen unsere Freiheit stellen.

Das Virus existiert weiter.

In den Nachrichten erscheint es wie eine biologische Lebenseinheit. Ein Virus ist allerdings kein Lebewesen. Es ist eine Sache mit Informationseinheiten umgeben von Proteine und Fett, welche mit deren Informationseinheiten (RNA-Stränge) den menschlichen Organismus zur Selbstzerstörung bringen können. Trotzdem dichtet man den Viren ein bewusstes Dasein, einen Lebenssinn an. Dabei sind Viren eher wie Bärenfallen: tappt ein Bär rein, schnappt sie zu. Aber Bärenfallen werden von Menschen aufgestellt, um dem Bären nachher das Fell über die Ohren zu ziehen. Aber Viren? Wer hat die denn dann aufgestellt? Wer hat vor, den Menschen zu häuten und zu skalpieren? Will da wer seinen Kaminsims statt mit Elch- und Hirschgeweihen an der Wand mit Menschenköpfen zieren?

Und da kommen die Verschwörungstheoretiker mit ihren geballten Lebenspessimismus und erklären uns die Welt, wie sie sie ihnen maximal gefällt. Da ist kein Platz mehr für positives. Oder Wertschätzung. Wertschätzung ist eh bei denen etwas Sektiererhaftes, Entmündigendes. Weil es sie selber nicht betrifft. Und wenn die neusten Zahlen, Daten, Fakten nicht passen, dann kommt bei denen als Nächstes “Mainstream-Medien”, “Lügenpresse”, “Fake-News” und so weiter auf den Tisch. Auch wenn sie es bestreiten werden, Donald Trump ist deren Verkörperung eines perfekten Jongleurs mit solchen Ausdrücken.

Inzwischen haben jene sich mit ihrem Zukunftspessimismus in einer Partei namens “Widerstand 2020” vereinigt. Wahrscheinlich die Alternative zu der besorgte-Bürger-“AfD”. Eine Partei für Pandemie-Wissenschaft-Widerständler. Und dann möchte man eigentlich in die unterste Schublade langen und denen ein “Ob du Lack gesoffen hast, habe ich gefragt!” um die Ohren knallen.

Wie hatte Erich Kästner bereits einmal gesagt:

“Nie dürft ihr so tief sinken, von dem Kakao, durch den man euch zieht, auch noch zu trinken.“

Nebenbei, die Münchner Polizei hatte seit dem Beginn der Ausgangsbeschränkungen immer einen Bericht mit dem Titel “Einsätze der Münchner Polizei im Kontext mit der Corona-Pandemie” veröffentlicht. Hier wurde dann immer vermerkt, wie viele Kontrollen gemäß des bayrischen Infektionsschutzgesetzes durchgeführt wurden und wie viele Verstöße gegen die Ausgangsbeschränkung (“triftige Gründe”) geahndet wurden. Am 6. Mai wurde der letzte Pressebericht (hier) veröffentlicht. Seitdem berichtet die Polizei nur noch über die verbleibende Kriminalität, welche nicht gleich mit mindestens 150 Euro bestraft werden kann.

Somit kehrt wieder eine gewisse Routine auf allen Seiten zurück. Es lockert sich alles. Wir tragen zwar noch Mund- und Nasenbedeckung, die auch manchmal nur zur Bartabdeckung genutzt wird (sind Bärte selbstredend?). Jedoch das kann auch nicht verhindern, dass hinter den Masken noch ganz andere Viren (Bärenfallen) lauern können, mit denen Menschen anderen zumindest verbal die Haut über den Ohren ziehen können.

Es braucht auch kein Corona-Tagebuch mehr. Es ist so überflüssig wie ein Kropf geworden und hat sich selbst überlebt. Weil es nichts mehr bringt und auch nichts bewegt. Weil es bedeutet, lediglich Eulen nach Athen tragen. Und wer will schon Eulen?

Ob ich Lack gesoffen habe, hast du gefragt? Nein. Das habe ich nicht. Denn meinen Kakao suche ich mir schon selber und allein aus.

Over and out.

Das Corona-Tagebuch: Provinznotizen aus Deutschland Süd bei Südost (52): Warum Verschwörungstheorien überleben (frei nach Ovid)

Es war einmal ein Jäger, der hatte zwei Hunde. Den einen nannte er “Recht”, den anderen wiederum “Ordnung”. So konnte er endlich in seinem eigenen Umfeld für “Recht” und “Ordnung” sorgen.

Der Jäger war jetzt nicht ein profaner Jäger, dem es um das alltägliche Abendmahl mit Wildbret ging. Nein, ihm ging es eher um Meinungen, von denen er meinte, sie wären weder in Ordnung, noch hätten sie Recht. Es war ihm daher ein wohlfeiler Spaß, wenn er jagend etwas erhaschte und es mit “Recht” und “Ordnung” zur Strecke bringen konnte. Er empfand es als seine Mission, für Aufklärung bei anderen Meinung zu sorgen. Die anderen konnten ja seiner wohlüberlegten eigenen Meinung folgen, ansonsten würde er sie mit deren Meinung mit Hilfe seiner beiden Hunde jagen.

So streifte der Jäger mit seinen beiden Hunden durch das Dickicht der Meinungen und traf auf eine Grotte. Er fragte sich verwundert, welche eigensinnige Meinung denn hier beherbergt sei. Und er beschloss diese zu Recht und Ordnung zu verhelfen. Er gehieß seinen getreuen Begleitern vor der Höhle Wache zu halten und betrat danach dieselbige. Nach dem Durchschreiten eines kurzen Ganges erreichte er das Zentrum und erspähte den Glauben an das Wirken finsterer Mächte, wie eben jener in einer Quelle sich volle Blöße geben badete. Der Jäger war fasziniert und erotisiert. Wer so nackt vor ihm stand, der musste einfach die wahre Quelle der Meinung gefunden haben, so dachte er sich. Während er den Glauben so anstarrte, errötete dieser, bespritzte den Jäger mit Wasser aus der Quelle und rief ihm zu:

“Magst du es jetzt kund tun, dass ohne Gewand du mich schautest, wenn du es kund tun kannst.”

Der Jäger spürte das Wasser des Glaubens auf seinem Haupte, verspürte, wie ihm ein Elchgeweih aus dem bespritzten Kopfe wuchs, wie seine Ohren sich spitzten, sein Hals länger wurde, seine Hände und Füße zu Hufe wurden, seine Haut sich zu gegerbtes Elchenleder wandelte. Der Jäger verließ die Höhle und starrte verwirrt in eine Regenpfütze. Als ihm ein Elch daraus entgegenstarrte, wollte er ein “Weh mir!” rufen, aber seinem Maul entfuhr nur ein zitterndes Röhren. Nicht mal seine Stimme hatte er behalten. Lediglich sein Geist war ihm geblieben und erklärte ihm, dass der Glauben dran Schuld wäre.

Er wollte zurück, um den Glauben an das Wirken finsterer Mächte zur Rede zu stellen und jenem seine eigene Meinung zu geigen, damit jenem Glauben an das Wirken finstere Mächte Unrecht nachzuweisen. Doch in jenem Moment spürte der ehemalige Jäger, wie “Recht” und “Ordnung” ihn mit wohlgezieltem Sprung anfielen

“Ich bin’s! Erkennt doch euren Gebieter!”, wollte er in seiner Verzweiflung rufen. Indessen röhrte er nur jämmerlich, wie wohl niemand zuvor einen Elche so hat röhren hören. Doch “Recht” und “Ordnung” zerfleischen im Bilde des trügenden Elches ihren Herrn, bis jener sein Leben ausgehaucht hatte und gerächt der Glauben an das Wirken finsterer Mächte wieder seinem eigentlichen Geschäft nachgehen konnte. Der Glauben begab sich von seiner Quelle frisch gebadet wieder unters gemeine Volk und fuhr fort, Mahnungen vor finsteren Mächten, die nur Schaden anrichten wollen, zu verbreiten.

Als später der zerfleischte Elch aufgefunden wurde – so sagt die unbewiesene Legende –, kam wohl ein Dichter namens “F. W. Bernstein” vorbei und notierte angesichts der zerfledderten Gestalt in der Regenpfütze in seinem Gedichtband die bedeutenden Worte:

Die größten Kritiker der Elche waren früher selber welche.

Das Corona-Tagebuch: Provinznotizen aus Deutschland Süd bei Südost (51): Haarige Zeiten

She asks me why I’m just a hairy guy
I’m hairy noon and night Hair that’s a fright
I’m hairy high and low
Don’t ask me why. Don’t know
It’s not for lack of bread. Like the Grateful Dead (*)

Was ist der Unterschied zwischen einem Besuch beim Friseur und in einem Haus für religiösen Menschen? Beim Friseur werden deine persönlichen Daten für drei Wochen gespeichert, beim Gotteshausbesuch nimmt der jeweils zuständige Gott deine Daten auf. Während dich also im Infektionsfall im ersteren Fall der Staat für vierzehn Tage in Quarantäne verhaften wird, wird dich der jeweilige Gott für die Ewigkeit grillen.

Wo geht man also im Zweifelsfalle hin? Freilich zum Friseur. Denn wer will schon ohne passende Frisur eine Ewigkeit im Fegefeuer verbringen? Ach ja, stimmt. Die Katholiken. Ohne Fegefeuer fehlt denen was. Für die restlichen der Religiösen ist es ja die Hölle und ewige Verdammnis, worauf die schwören.

Flow it, show it
Long as God can grow it
My hair, hair, hair, hair, hair, hair, hair … (*)

„Waschen, schneiden, legen?“

„Ach ja, bitte.“

„Und ein wenig Remdesivir als Apres-Lotion nach dem Schnitt ins Haar? Alternativ gäbe es da auch noch ein wenig Des-in-Fekti-Waxing, wenn sie wünschen?“

My hair like Jesus wore it
Hallelujah I adore it
Hallelujah Mary loved her son
Why don’t my hair stylist love me? (*)

In München fuhr gestern mal der Innenminister Bayerns mit der U-Bahn ins Rathaus. Ganz unfrisiert. Das macht der sonst nie, also die U-Bahn zu nutzen, natürlich. Er wollte wohl mal seine eigene Maske allen in der U-Bahn präsentieren. Erkannt hat den Joachim Hermann dabei niemand.

Und schon sieht man darin auch gleich den Vorteil einer Mund- und Nasenabdeckung: Man muss das ganze Gesicht eines ungeliebten Menschen nicht vollends ertragen. Die Maske dient einerseits der Anonymisierung. Andererseits wird einer Person, deren Gesicht durch eine Maske halbwegs verdeckt ist, seines lebendigen Ausdrucks beraubt ist und erscheint wie tot. Wünscht man sich mit so einer Person näheren sexuellen Kontakt, könnte das auch als eine Form der Nekrophilie angesehen werden.

Womit damit auch erklärbar werden könnte, warum ein Innenminister Bayerns in München U-Bahn fährt, statt sich allein in seiner Dienstlimousine zum Rathaus fahren zu lassen. Und das, obwohl er ja im Gegensatz zur Normal-Michel-Gesellschaft eine gewisse Immunität besitzt. Also die diplomatische, nicht virologische.

Übrigens. Vor einem Jahr hatte sich schon mal ein bayrischer Spitzenpolitiker in den Münchener öffentlichen Nahverkehr getraut. Markus Söder. Damals bereits todesmutig ganz ohne Maske. Aber so wie heuer Joachim Hermann erkennen musste, so musste vor einem Jahr auch Söder erkennen, man erkannte ihn nicht.

Und wenn man sich die Fotos von Söder von vor einem Jahr anschaut und von heute, dann erkennt man: da war kein Friseur vorher tätig. Der Deutsche erkennt nur wohl frisierte Menschen wieder.

Tja, Pech, Herr Hermann. Also, demnächst öffentlich U-Bahn-Fahren nur nach einem Friseurtermin, woll.

A home for fleas. A hive for bees.
A nest for birds. There ain’t no words.
For the beauty, the splendor, the wonder
Of my … (*)


Anmerkung: Die mit (*) gekennzeichnete englische Verse stammen aus dem Lied „Hair“ vom gleichnamigen Musical

Das Corona-Tagebuch: Provinznotizen aus Deutschland Süd bei Südost (50): Tages ShowBiz

“Und wer sind jetzt Sie, werter Herr?”

“Wissenschaftler. Ich bin Wissenschaftler.”

“Wissenschaftler. Soso. Als Wissenschaftler wissen Sie sicherlich, wer ich bin?”

“Ich vermute Bischof, nach Ihrer Kleidung zu urteilen.”

“Soso. Sie vermuten. Mein lieber Herr Wissenschaftler, ich bin nicht nur geistlicher Würdenträger, sondern auch Politiker.”

“Oh, das konnte ich nicht erkennen.”

“Das macht nichts. Deshalb sag ich es ja Ihnen auch, nicht wahr. Mein Leben besteht nicht nur darin, das Seelenheil der Menschen zu ermöglichen, nein, ich trage auch noch die Verantwortung für das Leben der tausenden mir untergebenen Menschen. Sie wissen, was das ist, Verantwortung?”

“Ich …”

“Und weil ich Verantwortung habe, ist es auch erforderlich, dass ich immer ganz genau weiß, was vor sich geht, nicht wahr. Und dann kann es nicht sein, dass mir ein halbes Leben lang von der Wissenschaft erklärt wird, die Erde sei eine Kreisscheibe, und dann kommt jemand daher, die Erde sei eine Kugel, dann kommt wieder einer und sagt, sie wäre eine ovale Scheibe und jetzt erklären Sie mir über meine Kanäle, dass die Erde wahrscheinlich eine Kartoffel sei.”

“Nun … .”

“Was ist sie denn nu? Eine Scheibe, eine Kugel, eine Kartoffel? Wann kommt dann noch der nächste und erklärt mir, unsere geliebte Erde wäre nur eine Scheibenwelt mit vier Elefanten getragen von Schildkröten unter deren Füßen? Gestern kam wieder einer, der mir glaubhaft erklärte, die Erde sei doch eine quadratische Scheibe. Könnt Ihr Wissenschaftler, denn nicht mal konstant in eurer Forschung sein? Da ist überhaupt nichts einheitliches bei euch. Immer dieses hin und her. Das geht nicht.”

“Aber …”

“Wenn ich heute Schiffe ausschicke und die segeln munter drauf los, weil ich denen befehle, dass die Erde eine Kugel sei und dann fallen die doch über den Scheibenrand runter, wie soll das gehen? Ich hab die Verantwortung für Tausende! Ich muss doch auch mal verlässliche Entscheidungen treffen können.”

“Wir …”

“Da haben wir euch Wissenschaftler in die Politik geholt und jetzt bringt ihr alles durcheinander. Ihr Wissenschaftler könnt doch nicht einfach über unsere Köpfe hinweg sagen, was wir glauben sollen. Und dann könnt ihr euch doch auch nicht dauernd untereinander streiten. Das macht man doch nicht. Wir brauchen Fakten. Könnt ihr nicht mal einer Meinung sein?”

“Aber, Hochwürden, …”

“Raus! Geht mir aus den Augen! Ich kann auch Politik ohne euch Un-Wissenschaftler. Von euch erwarten wir Antworten. Und keine Streitgespräche oder keine neuen Fragen. Ihr seid übermütig geworden. Raus!”

Der Wissenschaftler ging mit gesenktem Kopfe hinaus.

“Hochwürden, was machen wir mit dem Subjekt? Weiterhin eingesperrt lassen, bis er widerruft? Oder auf dem Marktplatz vierteilen lassen? Oder gleich lebendig auf den Scheiterhaufen?”

“Och, pfählen wäre doch mal neues. Das Volk will nicht immer das Gleiche sehen. Wiederholungen gefallen denen einfach nicht. Gönnt denen doch mal auch eine Abwechselung.”