Wer nicht hören will, wühlt in fremden Haufen

Ein Gedanke entwickelte sich mir beim Lesen von Jules von der Ley (Trithemius) Blog-Feuilleton-Artikel „Wie alles angefangen hat – ein Ohrenzeugenbericht“: eine Person spricht, die nächste spricht lauter, um dessen Stimme über die der ersten Person zu lagern, was eine dritte Person als Anlass nimmt, seine Stimme über die der zweiten zu legen, während die vierte Person in Folge die dritte übertönt, was die erste Person zu Anlass nimmt, die vierte zu übertönen.

Das Ganze müsste logischerweise in einer brutal akustischen Rückkopplung enden. Klappt aber nicht. Die Biologie hat dem Menschen ungerechterweise stimmliche Grenzen gesetzt. Ist nicht fair, ist aber so. Weswegen diese Grenzen sich auch letztendlich auf Konzerten mit „Brüll-Techno“ im Stile von H. P. Baxxter („How Much Is the Fish?„, „Hyper Hyper„, etc. von Scooter) manifestiert hatten.

Es mag viele Leser geben, die dabei gähnen werden, und müde abwinkend erklären, dass der „Brüll-Techno“ von den teilnehmenden Bands des Wacken Open Airs (seit 1990) stimmlich abgekupfert wurde.

Nur Jules analysierte hierbei profunder, erheblich grundlegender: Diskotheken, Waken Open Air und Brülltechno lassen sich eindeutig auf eine Gruppe von vier Personen zurückführen, die in ihre eigene Stimme verliebt sind und jenes in einem Café ausleben. Somit wären also alle nachfolgenden, rebellenhaften Veranstaltungen entmystifiziert und auf jenen simplen Kaffeeklatsch unserer Mütter und Bierstammtische unserer Väter rückgeführt. Eine ganze Generation von Schrei-Rebellen entmystifiziert. Schön ist das nicht, nicht wahr. Wie soll denn dann rationale Pubertät funktionieren, wenn die Jugend das Gleiche unter gleichen Vorzeichen in stimmlicher Verausgabung mit Hoffnung auf Differenzierung so etwas durchführt? Pubertät ist, wenn Eltern Probleme mit ihren eigens Erzogenen haben. Alles andere wird sowieso eh als Jugendkriminalität klassifiziert. Weiterlesen

Interaktive Fortsetzung eines Traums

Was bisher geschah:

das Geschehen extern aus dem „Teestübchen Trithemius“ der Geschichte „Plötzlich, plötzlich – über die Illusion der Gegenwart

Die eigene Fortsetzung:

„[…] “Dabei ist Gegenwart immer nur plötzlich und dauert nicht länger als die Aussprache von plötzlich. Sobald uns nämlich was bewusst wird, ist es auch schon Vergangenheit.”“

Jules bewegte sich interessiert leicht nach vorne, als wollte er etwas sagen. Oder auch nur, um auf ein erneutes Quietschen von Jeremias Coster mit dessem Bürostuhl zu reagieren. Ich ging an Jeremias vorbei und stellte eine entkorkte Rotweinflasche auf den Schreibtisch.

„Es gibt keine Zeit“, warf ich lapidar ein, während ich hinter meinem Rücken drei Bordeaux-Kelche aus edelstem Glas hervorzauberte. „Zeit ist eine Illusion. Eine Erfindung der Menschen, um das Geschehen um ihn herum einzuordnen. Um damit zu handeln und zu wuchern.“ Ich stellte die Gläser in einem perfekten Dreiecksverhältnis ab. „Manche haben Zeit, andere nicht. Manche vergeuden sie, manche ersparen sie sich. Wieder andere erschlagen oder verbrennen sie. Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft sind nur Hilfskonstrukte. Wir sind die Mähdrescher auf einem eigenen, stetig nachwachsenden Getreidefeld.“ Weiterlesen

Doodeln auf Tapeten

„Wer hat die Tapete beschmiert? Ich will das wissen! Sofort!“

Ihr „Sofort“ hallte in meinen Ohren. Es war scharf, fordernd, unerbittlich. Sie stand vor meinem Bruder mir gegenüber leicht vornüber gebeugt. Ihr Zeigefinger stocherte an uns vorbei und zeigte auf die Wand mit der Tapete, eine Tapete mit gelben Ornamenten, die dem Flur eine heimelige Wärme gab. An der Wand hing fest in die Wand gedübelt das Telefonbänkchen. Auf diesem stand das Telefon. Der klassische „Tischfernsprecher W48“ der Nachkriegszeit: Telefongerät mit der abstehenden Telefongabel, darauf der Telefonhörer, und frontal dem Betrachter zugewendet die Wählscheibe. Dazwischen schlängelten sich die schwarzen, mit textilfaserummantelten Telefonkabel. Damals verfügten die Kabel zur Telefondose noch nicht über den kleinen schlanken „TAE F-Stecker“, sondern das ganze wurde über einen altertümlichen massiven Walzenstecker (Bezeichnung „ADoS ZB 27“) in die Wand mit dem Telefonnetz der Welt verbunden.

„Ich will wissen, wer von euch die Tapete beschmiert hat!“

Weiterlesen

Kneipengespräch: Furchtloses Gespräch mit Bekannten

Tresen 0

Ich schaute auf meine Kaffeetasse und folgte den leicht flüchtigen, dunstigen Kaffeeschwaden.

»Du schreibst nicht präzis genug.«

Ich zuckte zusammmen. Kannte ich die Stimme?

»Du verstehst?«

Ich schaute auf und blickte zu meiner Linken. Da saß er neben mir. Nein, nicht mein üblicher Kneipenkollege. Nein, da saß er. Er höchst selbst. Der Filialleiter vom Teppichhaus Trithemius. Und der schaute mich tadelnd an.

»Hast du verstanden?«
»Wie? Ich schreib zu viel?«
»Du schreibst nicht präzis genug. Du kommst immer von Hölzcken auf Stöckscken.«
»Häh?«
»Du schreibst nicht präzis genug.«

Verwirrt schaute ich auf meine Kaffeetasse. Und zu ihm rüber. Er drehte sein Kölsch-Glas in seinen Fingern und schaute mich durchdringend an.

»Herr Careca, ehrlich gesprochen, da hat Trithemius einfach nur recht. Nicht wahr, Trithemius?«
»Werte Frau Teppichhausfilialleiterin, ich würde nicht zu widersprechen wagen.«

Verwirrt schaute ich erneut.
Ja, da waren beide, unverkennbar, zweifelsfrei eindeutig:
Er, zu meiner Linken: Trithemius.
Sie, zu meiner Rechten: Frau Nettesheim.
TrithemiusWo war mein üblicher oberflächlicher Kneipenplausch? Mein 08-15-Zeitvertreib, mit dem ich immer locker über Gott und die Welt geplauscht hatte. Wer hatte Trithemius und Frau Nettesheim gesteckt, wo die mich aufspüren könnten?
Trithemius lehnte sich entspannt nach vorne und sinnierte mir in meine Kaffeetasse hinein:
»Man möchte glatt sagen: „Zurück in die Welt und schreibe mit einfachen Worten auf, was du siehst!“ Zurück zur Einfachheit, Herr Careca.«
Frau Nettesheim versetzte noch etwas pragmatisches hinzu:
»Und bitte nicht so ein langweiliges Tagebuch wie woanders.«
Süffisant, sarkosant butterte Trithemius noch einen drauf:
„Mach mir nicht den Wolf Schneider, Careca.“

Meine Verwirrtheit stieg.
Schnuppernd versuchte ich meinen Kaffee zu analysieren.
Farbe normal. Fettaugengehalt normal. Geruch normal. Wachmacher-Faktor normal.
Alles normal. Selbst der übliche Kaffeesatz zum Lesen war am Boden auf dem Bodenblümchenmuster vorhanden.

Ich blickte zu meiner Linken. Trithemius holte sich seinen Beutel »Van Nelle« heraus. Intensiver Tabakgeruch stieg in meiner Nase, vermischt mit dem Duft meines Kaffees. Frau Nettesheim holte einen Puderquast mit einem Handspiegel aus ihrer Handtasche und korrigierte tupfend ihr Makeup. Etwas Puderstaub verirrte sich in mein rechtes Nasenloch. Ich musste niesen.
Fasziniert schaute ich dabei auf Trithemius Finger, wie diese aus einem Blatt weißem Papier und dem braunem Krümeln aus dem »Van Nelle«-Beutel eine perfekten Glimmstengel drehte.

Derweil erklärte er mir:
»Herr Careca, auch für Sie gilt, in den Randzonen des Netzwerkes wird die wechselseitige Kommunikation zum Geschwafel. Und Sie schwafeln gerne in den Randzonen des Netzwerkes. Denn unbekannt ist alles voreinander. Hintergründe des Verfassens sind unbekannt. Es wird das beurteilt, was in jenem momentanen Augenblick gesehen wird, ohne sich Zeit zu nehmen, in der Vergangenheit des Blogs zu stöbern. Zu viele andere gehören da ja noch zum Netzwerk und die wollen auch noch angesprochen werden. Das ist gar nicht anders zu schaffen, weil der Aufwand über ein vertretbares Maß hinausginge. Große Netzwerke können nur jene unterhalten, die sich kaum für ihre Leser interessieren. Schreibt einer zu viel Sperrholz zu seinem Inhalt hinzu, schwafelt solch einer dann nur.«
Und Frau Nettesheim ergänzte:
» Die Konsequenz ist wohl, sich vernünftigerweise zu begrenzen. Nur«,
und damit wandte sie sich direkt zu Trithemius,
»das Netzwerk wird bald von selbst schrumpfen, Trithemius. Niemand muss dafür etwas tun. Selbst Herr Careca nicht.«

Verwirrtheit umgab weiterhin meine Gedanken. War da was im Kaffee? Schlechte Ernte 2011? Hat eventuell Kinderarbeit die rote Kaffeebohnenernte vor dem Rösten für uns hier verdorben? War der schwarze Tschibo-Mann gestorben und hat die Röstung rassistisch verröstet?

Tabakstaub stieg diesmal in mein linkes Nasenloch. Erneut nieste ich heftig.

»Aber ich habe erst letzten zwei weitere in meinem blog.de-Freundeskreis begrüßen können«, versuchte ich nach dem Nieser schniefend zaghaft einen Einwand meinen beiden Gesprächspartnern gegenüber.

Aber Trithemius ignorierte diesen und antwortete Frau Nettesheim direkt:
»Bitte erinnern Sie mich daran, dass ich auf Ihr Zeugnis schreibe: „Im Kollegenkreis galt sie als tolerante Mitarbeiterin.“ «
Frau Nettesheim Antwort war lediglich ein indigniertes:
»Unverschämter Patron!«

Es erinnerte mich an etwas. Nur an was? An ein Gespräch zwischen den beiden?
Weiter verwirrt schaute ich von Trithemius zu Frau Nettesheim und von Frau Nettesheim zu Trithemius und von Trithemius zu Frau Nettesheim und umgekehrt.

Und bei meiner Schau von links nach rechts und von rechts nach links und umgekehrt blieb mein Blick auf die goldene Mitte, dem Wirt, hängen. Wie ein Engel erschien er mir, als er mit einem Teller »Halber Hahn« mit »Mettbröttchen« und einer Stange Kölsch auf mich zukam.

»Na? Wieder zu viel am Grübeln?«
»Ich?«
»Ja du, du Grübeljannes. Ich habe dein Blog gelesen.«
»Und?«
»Du schreibst nicht präzis genug. Du kommst immer von Hölzcken auf Stöckscken. «
»Häh?«
»Du schreibst nicht präzis genug.«
»Aber niemand hat meine extensive Schreibe bislang in meinem Blog negativ kommentiert.«
»Du schreibst nicht präzis genug.«
»Aber wenn niemand kommentiert.«
»Du schreibst nicht präzis genug.«

Meine Zähne bohrten sich in das Käseröggelchen und das Kölsch ging sogleich als Verflüssiger den Weg des halven Hahns. Das Mettbrötchen und ihre lasziv drauf sich kringelnde Zwiebelringe riefen mir zudem verlockend ihr »Beiss mich« zu.
Sexy.

Vorsichtig schaute ich von links nach rechts.
Kein Trithemius.
Keine Frau Nettesheim mehr.
Niemand da mehr an meiner Seite.
Uff.
Nur ne Fata Morgana.
Meine Zähne zerteilten erbarmungslos die säuberlich auf dem gepfefferten Mett drapierten Zwiebelringe.
Vorsichtig schaute ich mich nochmals um. Niemand da, der mich kritisieren könnte.
Beruhigt holte ich die vier Schreibblockseiten mit meinen nächsten Blogbeitrag zum Korrigieren aus der Jackentasche raus.

Der springende Gedanke: Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich gelassen?

Inspiriert durch „Der liebe Gott ist an allem schuld“ von Trithemius und den FOCUS-Online-Artikel „Samuel Koch sucht eine Studenten-Bude…“ (15.1.2012), auf den sich Trithemius bezog:

»Na endlich. Ich bin jetzt schon mehrfach bei Ihnen vorstellig geworden. Es wird jetzt wohl Zeit, dass ich mal dran bin.«

Der alte Mann mit dem weißen Bart und dem weißen Gewand schaute von seinem dicken Buch auf. Er tunkte seine Feder in ein kunstvoll verziertes Tintenfass und schaute sich leicht brummend den jungen Mann an, blickte in sein Buch und machte mit schwungvoller Handbewegung eine Notiz auf der aufgeschlagenen Buchseite.

»Name?«

»Koch. Samuel Koch.«

»In welcher Angelegenheit möchten Sie vorsprechen?«

»Vorsprechen? Bin ich hier nicht richtig bei Ihnen?«

»Welche Angelegenheit?«

»Unfall. Sind Sie nicht Gott?«

»Nein, ich bin nur sein Sekretär. Der zu seiner rechten.«

»Zu seiner rechten?«

»Ja, das ist die arbeitsreichste Seite. Alle kommen immer wieder von rechts. Irgendwer muss wohl mal gesagt haben, dass die rechte Seite Gottes die bessere Seite sein soll.«

»Stimmt das etwa nicht? Hat das nicht Jesus gesagt?«

»Stimmt. Genau. Der war’s. Der wollte doch nur seine Seite entlasten, damit er nicht soviel Arbeit hat. Welcher Zufall bringt Sie her, Herr Koch?«

»Zufall? Ich glaube nicht, dass es Zufälle gibt. Aber ich bin da noch im Gespräch mit Gott, weil ich glaube, dass das eigentlich ein Missverständnis war.«

»Was für ein Missverständnis?«, fragte der Sekretär mit gleichmütiger, müder Stimme.

»Ich bin mit eisernen Stelzen über Autos gesprungen, in der Fernseh-Sendung ‚Wetten, dass…‘.«

»Der Samuel!«

Eine vergnügte Frau in einem blütenweißem Gewand und Butterblümchen in der Hand kam heran geschwebt. Ihr jugendliches Gesicht strahlte in einer goldenen Weichheit, eben wie zu jenen Stunden eines junge Morgens, welche von Fotografen auch immer gerne als »Goldene Stunden« beschrieben werden.

»Der Samuel! Wie geht es Dir?«

»Wir kennen uns?« Samuel schaute ein wenig verwirrt.

»Na klar kennen wir uns. Du hast doch immer zu mir gebetet.«

»Ich? Zu Dir?«

»Erkennst du mich nicht? Ich bin Gott.«

Die Frau schwebte fröhlich an dem verdutzten Samuel vorbei auf ihren brummigen Sekretär zu.

»Petrus, den nehmen wir nicht auf. Das war mein Fehler. Eigentlich sollte er tot sein, als er mit seinen Stelzen an dem Auto hängen blieb. Ein Missverständnis von mir. Dieser hübsche Junge und der Gottschalk mit seinen gelösten Haaren! Einfach bezaubernd! Ich war abgelenkt. Nobody is perfect. Dein Glück, Samuel. Aber, Samuel, du machst das schon. Nur nicht aufgeben.«

Sagte es, klopfte Samuel aufmunternd auf dessen Schultern, nahm sich ein wenig Manna vom Tisch ihres Sekretärs, knabberte vergnügt dran und schwebte weiter.

Der Sekretär schaute ihr schulterzuckend nach, blickte dann den Samuel wieder an:

»Gut, das war dein Gespräch mit Gott. Du kannst wieder zurück, Musik, Theater und Medien studieren. Ohne Stelzen zum Springen. Hier ist noch ein Gutschein für ein dpa-Interview. Alles Gute. Samuel, du machst das schon.«

Er überreichte dem Samuel ein Papier, schaute rechts an Samuel vorbei und rief:

»Der nächste, bitte.«

Samuel wachte auf. Ein Nickerchen. Während des Gottesdienstes. Neben ihm hockte der dpa-Journalist mit seinem Notizblock und flüsterte:

»Nur noch eine kleine Frage: Können Sie noch was dazu sagen, wie Sie das bislang alles überstanden haben?«

 

Gedankensuche im Tunnel

Was vorher geschah: Prolog, Teil 1, Teil 2, Teil 3, Teil 4, Teil 5, Teil 6, Teil 7, Teil 8, Teil 9, Teil 10, Teil 11, Teil 12, Teil 13, Teil 14, Teil 15, Teil 16, Teil 17, Teil 18, Teil 19, Teil 20, Teil 21

***

»Ein Gedanke ist wie ein Virus, resistent, hochansteckend und die kleinste Saat eines Gedankens kann wachsen. Er kann dich aufbauen und zerstören.«
Cobb aus dem Film »Inception«

Die Kopfschmerzen machten sich wieder stärker bemerkbar. Eigentlich dachte ich, dass ich sie überwunden hätte. Uneigentlich aber wurde mir jetzt wieder klar, dass die Kopfschmerzen mir nur eine Atempause gegönnt hatten. Ich stellte das Handy aus, denn ich musste mich setzen. Auf dem Absatz am Gleisbett hockte ich mich hin. Mir war schwindelig geworden. Eine leichte Übelkeit umgab mich. Auf der Party musste ich wohl zu viel getrunken haben.

Alkohol. Der Körper verzeiht nie.

Ich stützte meine Stirn zwischen Daumen und Zeigefinger der rechten Hand und versuchte gleichmäßig tief durchzuatmen. Es war die vergebliche Hoffnung, frische Luft in meine Lunge zu pumpen, um die Kopfschmerzen zu verdrängen und einen klaren Gedanken zu fassen.

Nie wieder Alkohol.

Wie oft hatte ich diesen Satz schon gedacht, wenn der Abend zuvor seine Krallen mir noch am nächsten Morgen präsentierte. Ein wenig sehnte ich mich nach den früheren Jahren. Da öffnete ich am nächsten Morgen nur die Fenster und der morgendliche Wind hatte meinen Kater weg geblasen. Danach war ich meistzeit wieder fit wie ein Turnschuh.
Aber heute? Da hilft ein geöffnetes Fenster nicht mehr. Der Körper verzeiht nicht mehr. Kopfschmerztabletten in der Schublade gehörten zu meiner The-Day-After-Behandlung und mindestens ein Liter Wasser.
Aber hier? Die Luft war leicht modrig, abgestanden, wie schon mal geatmet. Und Wasser sah ich weit und breit nirgends.
Wie paralysiert saß ich im Dunkeln und wartete darauf, dass mein Körper aufhören würde, gegen die Alkoholausschweifungen des Vorabends zu rebellieren. Was hatte ich nur getrunken? Bier. Okay. Mehrere Biere. Und, richtig, zwei, drei Gläser Prosecco und dann … es war Ouzo im Spiel. Vor meinen geistigen Augen sah ich mir Ouzo in große Schnapsgläser einschenken und trinken. Ich hatte es mal wieder übertrieben.
Mir wurde erneut übel. Mir schien, als ob der Magen dem inneren Augenkino zugesehen haben müsste, er rebellierte beim Gedanken an den Ouzo. Mit tiefen Atemzügen versuchte ich meinen Magen zu stabilisieren. Es gelang, nur die Kopfschmerzen klopften wie wild . Als ob jedes Schnapsglas Ouzo mir nochmals von innen gegen die Schläfen hämmern würde.

So hockte ich im Dunkeln und ließ meinen Gedanken freien Lauf. Bruchstücke vom Abend kamen mir in Erinnerung zurück. Mir fiel ein Gesicht ein, ein Mann, seine eckige, schwarzumrandete Brille, Schlips und Kragen. Ich erinnere mich nicht mehr an seinen Namen. Grübelnd überlegte ich, aber dessen Name konnte ich mir nicht in meine Gedanken zurück rufen.
Deshalb nenne ich ihn hier Robert.
Also Robert erzählte eine Geschichte. Eine Geschichte über Gedanken.

Robert berichtete, er hätte einen Professor kennengelernt, der hätte Gehirnforschung betrieben. Jener Professor wollte der Natur der Gedanken auf die Spur kommen. Nach dessen Meinung wären Gedanken nichts außer neurologische Produkte von Synapsen. Ein Elektronengewitter in verschiedenen Gehirnbereichen, so erklärte es der Professor. Um diesen Synapsengewittern auf die Spur zu kommen, hätte jener eine Anlage aufgebaut, welche Hirnströme überwachen konnte.

Eigentlich wäre das nichts bedeutsames, so meinte Robert. Und die Erkenntnis, dass Gedanken als elektronenartige Gewitter messbar und darstellbar seinen, wäre ja auch nichts neues. Die Schwierigkeit wäre es nur immer gewesen, den berühmt berüchtigten »Versuchsleitereffekt« bei den Untersuchungen auszumerzen. Dieser Effekt zeige sich dabei, dass jede Messung das zu messende Objekt beeinflussen würde.
In den Naturwissenschaften sei dieser Effekt immer wieder ein Problem. Denn eine Messung sagt immer nur etwas über ein Maß aus der Vergangenheit aus, aber nie über ein Maß der Gegenwart. Werner Heisenberg hatte dieses zum ersten Mal ausgiebig in der Quantenphysik formuliert. Als »Heisenbergsche Unschärferelation« fand jenes seinen Weg in die Lehrbücher.
Klar, in grobstofflicher Umgebung lässt sich eine Messung auch nach der Messung verifizieren, wenn denn die Umgebungsbedingungen gleich blieben. Allerdings komme es immer drauf an, welches Messmittel verwendet würde. Unterschiedliche Messmittel können schon unterschiedliche Ergebnisse bringen. Robert führte als Erklärung die Fertigungstechnik in der Automobilindustrie an. Dort würde bereits der Tausendstel eines Millimeters eine große Rolle spielen. Komme beispielsweise ein Teil aus einem kalten Lager, dann könnte das gemessene Maß Forderungen an dessen Maßhaltigkeit erfüllen. Jedoch, wenn das Teil zu lange in einer Hand gehalten würde, könne es bereits maßlich ein fehlerhaftes Teil werden, welches zu groß, zu lang, zu dick sei. Um diesen Effekt auszuschließen, gibt es feste Richtlinien zu Messungen, unter welchen Bedingungen gemessen werden müsse.

Robert erzählte weiter, dass jener Professor der Meinung gewesen wäre, dass er nur die Natur der Gedanken und deren Gedankenströme im Hirn an sich selber untersuchen könne. Dokumentiert hätte er alles über einen privaten Videoblog. Der Professor ersann Vorrichtungen und Apparaturen, welche eine hohe Messgenauigkeit und Reproduzierbarkeit der Messungen garantierten. Nicht der Professor befestigte Sensoren an seinen Kopf sondern ein programmierte Maschine. Hierzu hatte er seinen Kopf immer wieder über eine Laseranlage exakt bis auf jedes Grübchen vermessen lassen und in sein privates Computernetzwerk eingespeist. Mit der Zeit hatte der Professor seinen Kopf nicht nur äußerlich genau vermessen, sondern durch seine Apparatur und Sensoren hatte er ebenfalls das Innere seines Kopfes in den Computer 1:1 eingespeist gehabt. Der Professor hatte es in mehrjähriger Arbeit geschafft gehabt, auch das komplizierte Nervengeflecht des Hirns sehr genau darin als 3D-Modell abzubilden. Und dann begann er, sich zu konzentrieren, in welchen Gehirnwindungen und Synapsenbereichen bei welchen Worten elektronische Regungen zu messen waren. Schon bald hatte er die Synapsen lokalisiert, die für das Wort »ich« zuständig waren. Es war zwar kein eindeutiger Bereich, aber er konnte sehr gut zwischen »ich« und »du« unterscheiden.

Und so erforschte der Professor sein Gehirn. Mit der Zeit konnte er seine Gedanken fließen sehen, wenn er einfache Sätze dachte. Dann sah er, wie sich verschiedene Synapsenbereiche regten, Ströme flossen und sich vereinigten, sich wieder trennten, in bestimmte Hirnbereiche des vorderen Hirns strömten, sich wieder vereinigten und dann langsam verebten. Robert meinte, dass der Professor es letztendlich so weit brachte, dass er den Satz »ich denke, also bin ich« genau in seiner Entstehung und seiner Verarbeitung am Bildschirm verfolgen konnte.

Irgendwann wäre der Professor dann übergegangen, sich Gedanken darüber zu machen, wie er Gedanken mittels elektronisch induzierten Reizungen verschiedener Synapsenbereiche erzeugen könne. Das ganze war recht kompliziert und seine Zweitwohnung auf dem Lande war eher ein Gewirr von Kabeln und Apparaturen und Sensoren und anderen geheimnisvollen Gerätschaften. Robert sprach dabei davon, dass der Professor einige Apparaturen sich illegal auf dem russischen Schwarzmarkt beschafft hätte. Nach dem Zusammenbruch der UDSSR hatte er sich dort immer wieder Dinge und medizintechnisches Gerät besorgt und nach Deutschand geschmuggelt. Apparaturen und Werkzeuge, die in Deutschland nicht ohne Lizenz erhältlich gewesen wären.

Das ganze Vorhaben war freilich nicht ungefährlich. Ein Gehirn vorsätzlich elektrisch zu manipulieren, barg eine nicht zu unterschätzende Gefahr. Aber eigentlich war es genau der Punkt, den der Professor plante zu erreichen. Insbesondere deswegen hatte er alle Untersuchungen nur an seinem Gehirn durchführen wollen, um nicht andere zu gefährden. Der Professor riskierte ohne Zweifel, sein Gehirn zu schädigen und damit auch gleich den Schlusspunkt seiner Untersuchungen zu setzen. Das Risiko nahm er jedoch wohl voll in Kauf.

Der Professor hatte alles durch gerechnet und startete die ersten Testserien. Der Erfolg dieser Versuche war verblüffend. Per Programmierung seiner Apparaturen steuerte er den Synapsenbereich des »ich«-Zentrums an, induzierte einen winzigen, einen fast schon homöopathischen elektrischen Reiz an den Synapsen: der Professor dachte »ich«.

Andere Menschen wären angesichts des Ergebnisses zu dem Zeitpunkt in einem Rausch verfallen. Aber nicht der Professor. Er analysierte die Aufzeichnungen bei dem Versuch, modifizierte das Programm in mühsamer Programmierarbeit und startete alles nochmals neu, bis er mit dem Ergebnis zufrieden war und definitiv jeglichen Versuchsleitereffekt ausschließen konnte.

Drei oder vier Jahre dauerte es, so erklärte Robert, bis der Professor den Satz »ich denke, also bin ich« in seinem Gehirn induzieren konnte. Das hieß, der Professor regte Synapsen in seinem Hirn an und er dachte das, was er vorher seiner riesigen Apparatur auftrug, ihm als Gedanken zu geben.

Dem Professor war sehr wohl bewusst, was er mit seinen Forschungsergebnissen am Horizont aufzeigte. Ein dunkler Schatten von Aldous Huxleys »Schöne neue Welt«. Denn es schien möglich, ein Gehirn von außen zu veranlassen, innere Gedanken zu reproduzieren, die der Denkende als seine eigenen erachtete.
Eine Einschränkung war dem Professor jedoch bewusst: keines der gemachten Versuchsergebnisse wäre direkt von Gehirn zu Gehirn übertragbar. Jedes Gehirn stellte ein Individuum dar und funktioniere immer ein wenig anders. Je nach Entwicklung des jeweiligen Gehirns würden andere Synapsenbereiche zu reizen sein, um ähnliche Ergebnisse zu reproduzieren. Zumindest hatte der Professor aber für sich nachgewiesen, dass Gehirne prinzipiell von außen steuerbar wären. So wie manch ein Mensch einem Wellensittich das Sprechen beibringe, so lernte der Professor bei sich selber, Gedanken zu induzieren, Gedanken zu erzeugen und diese zu denken. Und gerade hierin sah er dabei das große Manko: Wellensittiche plappern nur nach, was denen vorgesprochen wird. Und sein Gehirn dachte nur die kurzen Gedanken, die sich der Professor zuvor ausgedacht hatte. Der Professor spielte mit seinem Gehirn, wie ein ein Mann sein Klavier nutzte: er drückte Tasten, die mit einem Ton verbunden waren. Und der Ton erklang.

Allerdings – so erklärte Robert – gab es einen Unterschied zwischen dem Klavierspieler am Flügel und dem Professor am Gehirn: Der Professor musste zuvor viele Fehlversuche hin nehmen, viele negative Ereignisergebnisse erzeugen, bevor er ein positives Resultat erhielt. Der Professor reduzierte mit der Zeit die Fehlversuche und erhöhte mit der Zeit die Erfolgsquote. Er lernte aus seinen negativen Ergebnissen.
Um sich selber den Satz »ich denke, also bin ich« denken zu lassen, benötigte er anfangs über 50 Versuche. Später waren es maximal ein Dutzend. Fehlversuche brachten entweder unvollständige Sätze oder manchmal ganz andere Sätze. Das tat jedoch dem Forschergeist des Professors keinen Abbruch, sich Gedanken über seine Gedanken zu machen.

Robert lachte dabei an jener Stelle seiner Geschichte unvermittelt laut auf:
»Versteht ihr, der Professor erzeugte eine Situation, in der sich ein eigener Gedanke sich Gedanken über sich diesen statt findenen Prozess des Gedanken-Machens Gedanken macht. Das hat doch etwas von der Geschichte des Kretaners, der behauptete, alle Kretaner seien Lügner, nicht wahr.«

Als Robert merkte, dass niemand diesen Vergleich auf Anhieb verstand, fuhr er mit seiner Geschichte fort.
Der Professor war also an einem Punkt angekommen, an dem er ein wirklich schwer kontrollierbares Experiment durchführen wollte: Er wollte sein Gehirn eine von außen elektrisch induzierte Frage stellen und dann die Antwort verfolgen. Bislang hatte der Professor immer die Gedanken vorgedacht, die sein Gehirn denken sollte. Er hatte nur die lineare Funktionsweise seines Hirns überprüft gehabt. Also die rein statische Funktionalität. Aber jeder weiß – so merkte Robert an –, dass Gedankenvorgänge dynamisch seinen. Gedanken bestehen mehr als aus nur aus gerade entstehenden Gedanken.
»Der Kopf ist rund, damit er seine Richtung wechseln könne«, heißt es im Volksmund. Und diese Dynamik wollte der Professor nachvollziehen. In Gedanken geht sowohl in der Vergangenheit Gelerntes völlig spontan und unkontrolliert ein. Der Professor bezeichnete es als die nächste Stufe seiner Nachforschungen. Dass er fähig werden würde, diese Dynamik von außen ebenfalls entsprechend zu induzieren, damit rechnete er nicht. Aber er erhoffte sich doch die ein oder andere Regelmäßigkeit zu finden. Sollte er wider erwarten es aber schaffen, diese Dynamik systematisch zu erfassen, so könnte es möglich sein, Lernprogramme von außen in das Hirn einzuspeisen und mit den Gedanken dynamisch zu verankern. Es hätte dann etwas von dem MATRIX-Film gehabt, in welchem die Frau Trinity schnell mal erlernt, wie ein Hubschrauber geflogen oder ein Motorrad gefahren wird.

Meine Erinnerung legte eine Pause ein. Mein Kopf schmerzte zu sehr ob dieser Erinnerung an den Abend zuvor. Roberts Geschichte erschien unglaublich, aber mit einem Bier in den Händen hatte sich dort alles leichter verstehen lassen. Auch wenn es unglaubwürdig erklang. Alkohol ermöglicht es.
Und so hörte eine Gruppe von vier Leuten dem Robert zu, den niemand von uns kannte oder zuvor gesehen hatte. Seine Geschichte war für uns wie eine intellektuell philosophische Partyunterhaltung.

Robert fuhr fort, uns zu beschreiben, wie der Professor sich auf seinen Tag X vorbereitete. Der Professor hatte versucht, alle Eventualitäten und Notsituationen abzudecken. Dem Ausgang des nächsten Schrittes seiner Gedankenforschung sollte das Risiko genommen werden. Einerseits war er zuversichtlich, dass ihm von seiner Apparaten-Landschaft keine Gefahr drohte. Er kannte sie bis ins Detail und vertraute ihr. Aber, was er befürchtete, war, dass er einen neuronalen Spannungsüberschlag in seinem Hirn erzeugen könnte, wenn er die von außen induzierten Dynamik der Eigendynamik seiner Gedanken aussetzen würde. Und an diesem Punkt war er sich nicht sicher, was das Resultats eines überhöhten neuronalen Gewitters in seinem Hirn mit den Synapsen anstellen könne. Er hatte das Risiko mehrfach abgeschätzt und kam auf ein kleines Restrisiko, welches er aber nicht qualitativ erfassen konnte.

Und eines Abends war es dann so weit, erklärte uns Robert. Der Professor schloss sich in seiner Wohnung ein, richtete alles her und ließ das Experiment starten. Der Apparatur hatte er 500 Fragen vorprogrammiert und sie sollte völlig zufällig eine dieser Fragen aussuchen, ihm ins Gehirn induzieren und dann die Reaktionen und die Antwort der Gedanken registrieren. Hauptsächlich handelte es sich um einfache Fragen. Zum Beispiel wie solche aus dem kleinen Ein-mal-eins. Und um dem Gehirn nicht nur einfach Wissensabfragen zu stellen, wurde jeder Frage eine persönliche Anrede hinzugefügt. Entsprechend lautete eine Frage nicht einfach »Wie viel ist zwei plus drei?« sondern vielmehr »Weißt du, Gehirn, wie viel denn zwei plus drei ist?«
Von dieser personalisieren Frage erhoffte er sich ein Ansprechen verschiedener Bereiche seines Hirns und entsprechende Aufschlüsse über den dynamischen Prozess der Beantwortung.

Robert erzählte, dass der Professor das Experiment startete. Er beschränkte sich für das Experiment auf eine einzige Frage, die die Apparatur zufällig auswählen sollte und sein Hirn induzieren sollte. Das Experiment startete mit der recht einfachen Frage:

»Hallo, Gehirn, wo bin ich?«

Nach den Aufzeichnungen des Professors verstrich eine Zeit von vielleicht fünf Sekunden, ohne dass die Apparatur eine Reaktion des Gehirn des Professors feststellen konnte. Erst leicht, dann aber immer heftiger strömte es von seiner Stirn über der Nasenwurzel ausgehend in verschiedene Gehirnbereiche. Die Sensoren zeichneten ein neuronales Gewitter im Hirn des Professors auf. Und erst dann, darauf erst baute sich aus den Signalen auf dem Monitor zur Darstellung der Gedanken ein Satz auf. Er formte sich vor den Augen des Professors. Ein einfacher Satz mit einer simplen Gewalt, die den Professor später an sein Gehirn und dessen Gedanken verzweifeln ließ. Ein Satz, der den Professor später seine gesamte Versuchseinrichtung zerstören lies. Ein Satz, der wohl auch an dem Suizid des Professors am darauf folgenden Tag entscheidend mitgewirkt haben musste. Polizisten lasen den Satz bei der Auswertung der Videokameraaufzeichnung, welche die sich in dem Raum abspielende Raserei des Professors dokumentierte.
Ein einfacher Satz mit großer Sprengkraft, der auch oft bei Eheleuten vor deren Scheidung fällt:

»Du verstehst mich nicht mehr.«

Eingepfercht zwischen Chomsky, PentAgrion, Metterling, Coster und dem eigenen Sprachvermögen

Was vorher geschah: Prolog, Teil 1, Teil 2, Teil 3, Teil 4, Teil 5, Teil 6, Teil 7, Teil 8, Teil 9, Teil 10, Teil 11, Teil 12, Teil 13, Teil 14, Teil 15, Teil 16, Teil 17, Teil 18, Teil 19, Teil 20

***

»Der Anfang ist die Hälfte vom Ganzen.« Aristoteles

Meine Bemühungen, mich durch die Papiere des PentAgrion zu arbeiten, waren enorm. Die eigenwillige Groß- und Kleinschreibung, die verwendeten Worte, das verwirrte mich schon erheblich.Zaun Hatte der Autor der Papiere keine normale Schreibmaschine, als er die Papiere niedertippte? Der Buschstabe »ß« oder Umlaute oder Kommasetzung waren dem Autor entweder unbekannt oder die Schreibmaschine klemmte bei diesen Buchstaben, als er den Text tippte. Es blieb mir nichts anderes üblich, als mir mehrfach einzelne Sätze laut vorzulesen, um das Beziehungsgeflecht der Worte auf der Spur zu kommen. Manches Mal kamen mir schon erhebliche Zweifel, ob ich wirklich ein Manuskript von PentAgrion vor mir haben könnte.

Im Grunde las ich es wie ein Pawlowscher Hund: Das Manuskript vor mir wollte ich nur lesen, weil ich glaubte zu wissen, dass dort für mich etwas großartig geheimnisvolles auf mich wartete. So wie man von Büchern mit dem Untertitel »Biographie« bei dem Leser automatisch erlesbare Lebensweisheiten vermutet, so vermutete ich wohl in den Papieren das Ei des Kolumbus zu finden. So wie das Klingeln den Speichelfluss bei dem Pawloschen Hund bewirkte, weil der mit dem Klingeln Essen verband, so glaubte ich, das große unbekannte Geheimnis unserer Zeit vor mir zu halten. Mittels den klassischen Theorien des »Behaviorismus« könnte dieses Verhalten wohl eingeordnet werden. Umso größer war denn meine Verwirrung, weil ich nichts von dem wiederfinden konnte, was ich bereits im Vorfeld dieser Papiere erfahren hatte.

Wer war der Autor dieses Traktaks? Hätte es nicht PentAgrion sein müssen? Ich fand keinen Hinweis drauf. Weder auf PentAgrion als Autor noch im Inhalt auf den selbigen. Erhofft hatte ich mir auch, eventuell mehr über Stijn Van de Voorde, jenem Radiomoderator des flämischen Senders »studio brussel«, zu erfahren. Aber noch nicht mal auf diesen Radiomoderator fand ich Hinweise.

Einen dunklen Zusammenhang zwischen dem flämischen Radiomoderator und den Papieren des PentAgrion erkannte ich nur in einem Punkt, dass Schreibmaschinen in Belgien wohl keine deutsche Sonderbuchstaben besitzen. Ohne Zweifel hatte ich vor mir eine Materialsammlung, die es in sich hatte. Eine Sammlung, die durchdrungen werden wollte, die aber ihr Geheimnis nicht einfach für umme rausgeben wollte. Mir fiel dabei Avram Noam Chomsky ein, der Antipode des »Behaviorismus« (manche nennen ihn auch den Totengräber eben dieser selben). Avram Noam Chomsky ging davon aus, dass alle Menschen mit der Fähigkeit zum Spracherwerb geboren werden, weshalb Kinder das größte Potential haben, um Sprachen zu erlernen. Dafür bedarf es allerdings eine bei der Geburt vorhandenen Konstitution, einen Spracheninstinkt. Auf dieser Annahme hin hat er auch versucht, die Sprache nicht aus einer Zusammensetzung von Worten zu sehen, sondern aus als ein einheitliches Gesamtes mit gemeinschaftlichen Strukturen zu betrachten. Diese Art, eine Art Reverse Engineering mit der Sprache zu betreiben, musste auch PenAgrion bereits aufgefallen sein, so wie ich es bereits bei meiner Suche nach dessen Papieren erfahren hatte.

Und ebenso versuchte ich nun an dem Text heranzugehen, der vor mir lag. Notfalls laut lesend. Mehrfach. Aufsplitternd. Zerlegend. Erneut zusammensetzend. Eine andere Chance sah ich für mich nicht. Oder wie sollte ich Sätze verstehen wie die folgenden:

Definition von Wirklichkeit in aktueller Besetzung ist Wechselwirkung des aktuellem Potentials der Denkbarkeit von Tatsaechlichem mit Tatsachen die in der Zeit entstehen aus aktuellem Potential Annaeherungsmoeglichkeit von Tatsaechlichem der Wuenschbarkeit fuer Tatsaechliches.

oder

Totalitaerespirale bezieht sich darauf dass in der Zeit identisch ist abnehmende Denkbarkeit von Tatsaechlichem der Minderung des Beeinflussungspotentials von Tatsaechlichem. Phaenomen das Begriff Totaliaerespirale bezeichnet ist, dass Verschlechterung der Verhaeltnisse in der Zeit implizit ist im Zusammenfallen von Zunahme aktueller Nachvollziehbarkeit gesetzter Wuenschenswertheit der Denkbarkeit der Verhaeltnisse und aktueller Abnahme der Denkbarkeit der Verhaeltnisse.

Der Kopf rauchte mir. Hatte ich etwas übersehen? Was sollte mir der Text sagen? Sollte er mir überhaupt was sagen? Mir fiel eine Geschichte von Woody Allen ein, über »Die Metterling-Listen«. Das Leben von Metterling wurde anhand von seiner Wäscheliste rekonstruiert. Metterlings Lebensabschnitte wurden mit sechs seiner Wäschelisten rekonstruiert. 25 Taschentücher auf einer seiner Wäscheliste ließen sich problemlos dem Zeitraum zuordnen, als Metterling bei Sigmund Freud auf dem roten Sofa lag und sich seiner Beziehung zu seinem Vater Gedanken machte.

Zusammenhänge, die offensichtlich sind, können wie abstrakte Gebilde in den Gedanken hängen und sich zu unwirrschen Gebilden formen. Dabei ist das Offensichtliche manchmal doch so nah. Vielleicht las nicht richtig und interpretierte alles nur falsch: Vielleicht sollte ich alles so annehmen wie es in den Papieren geschrieben stand:

Annahme von Objektivität ist in jedem Verhaltensmoment neu zu motivieren.

Ich gestehe, ich habe nach diesem Satz die Papiere so genommen, wie sie waren, und sie diagonal durch den Raum in die entfernteste Ecke gepfeffert. Spontan. Verärgert. Sauer.

Wie konnte jemand nur so etwas schreiben, der sich über unsere menschlichen Versuche der multilingualen Kommunikation Gedanken gemacht haben soll? Der – wie ich einmal von einem Freund erfuhr – spöttisch über die ungelenken Versuche der Menschen philosophiert haben sollte, mit Hilfssprachen wie Volapük, Esperanto, dessen Weiterentwicklung Ido und dergleichen Universalsprachen internationale Kommunikation zu ermöglichen. Solchen Weltsprachen schwingt immer die Drohung mit, dass kulturelle Unterschiedliche dabei unterm Tisch fallen und verschwinden. Diese kulturelle Gleichmacherei über eine Hochsprache zeigt sich wie beim Kölsch in Köln oder beim Bayrisch in Bayern, wo sich immer mehr das Hochdeutsch durchsetzt. Nein, es ist nun nicht so, dass niemand mehr diese Dialekte haben will. Vielmehr sehnen sich viele danach, an diese besondere sprachliche Charakteristik. Sie versuchen den Dialekt zu imitieren, scheitern aber.

Kabarettisten, die einen Dialekt, eine sprachliche Eigenart beherrschen, steigen mit dieser Ausdrucksweise in der Gunst der Zuschauer. Diese Eigenart ermöglicht immer den inneren Überdruck einer beschriebenen Situation wegzulachen. Das Lachen als ein biologisches Überdruckventil ausgelöst durch eine von der Hochsprache abweichende Eigenart. Kurz nach der Wiedervereinigung war die Anwendung der sprachlichen Masche deutlich zu beobachten. Wollte ein Filmemacher Humor in seinen Filmen ausdrücken, dass ließ er jemanden auftreten, der sagte nur zwei belanglose Sätze in sächsisch und schon lagen alle Wessis vor Lachen am Boden.
Der Effekt hat sich allerdings abgenutzt. Unsere Wahrnehmungsstrukturen haben sich dahin gehend geändert, dass inzwischen Legasthenie-artiger Humor sich durchgesetzt hat, der assoziativ bei Hartz-4-Empfängern angesiedelt ist, und schon mit einer Stadionfüllung das Guiness Buch der Rekorde füllte.

Der eigentliche echte Politik-Kabarettist erfreut sich üblen Anfeindungen der Presse. Die hält solchen Kabarett-Humor nicht humorvoll sei. Mit dem seltsamen Verweis auf Werner Finck wird die polit-kabarettistische Kritik an bestehenden Verhältnissen inzwischen als ungehörig abqualifiziert und in die Meckerbubenecke verschoben. Zwischen Cindy von Marzahn und Dieter Nuhr bewegt sich eine neue journalistisch hofierte humoristische Welle. Ein Priol, Schramm, Pisper oder Schmickler sind nicht mehr die Gefeierten sondern das Ziel abwertender Kritik geworden. Überbringer schlechter Botschaften waren schon immer in der Bedrohung dafür zumindest übelst geschlagen zu werden. Wie Werner Finck.

Dem Flug des gehefteten Papierstapels zu verfolgen, wie jede einzelne Seite plötzlich mit seinen Eselsecken in der Luft ruderte und den Flug zu verlängern schien, das Geräusch wie von einem aufgescheuchten Taubenclan und dann das hell-dumpfe Aufklatschen an der Wand, das ratschende Geräusch des Runterfallens, der Aufprall … dann die Stille. Ein kleiner Zettel hatte sich aus dem Verbund gelöst und flatterte als Nachzügler ohne Eile dem Boden entgegen.
Stille.

Nein, auf besonderem Papier waren die mutmaßlichen Papiere des PentAgrions nicht getippt gewesen. Und der Flug der Papiere haben mir auch keine neue Offenbarung gegeben. Ich hockte in meinem Schreibtischsessel und schaute auf das Papiergewusel in der Ecke. Die Papiere bewegten sich nicht mehr. So konnten sie aber nicht liegen bleiben. Seufzend stand ich auf, ging in die Ecke und hob den Papierstapel auf, ordnete ihn, stellte fest, dass die Papiere des PentAgrions sogar eingeschränkt flugtauglich sind und schlug willkürlich eine Seite auf:

Die Artikulierungsfaehiger sind, fuer die Potential von Wirklichkeit groesser ist, leben emotional davon darum zu wissen und damit rechnen zu koennen, wie weniger artikulationsfaehige sich an der Begrenztheit ihrer Wirklichkeit stossen: Schmerzen des sichstossens sind Negativ der Lebensform von Artikulationsfaehigerem. (…) Im Ausmass in dem Artikuationsfaehigkeit nicht gegeben ist, kann eigenes Leiden nicht mit Etikett versehen werden. Im Leiden ohne Etikett vergroessert sich psychischer Raum ins Unendliche und nimmt den der Summe von Abscheidung von Sichentfernen an, das ist von Wirklichkeit. Ausbeutung besteht darin negative Emotionen zu provozieren, Psyche davon zu naehren: sich die Wirklichkeit eigener Existenz bestaetigen zu lassen.

Schön.
Fast ganz verstanden.
Toll.
Aber immer wieder diese Sätze ohne Punkt, Komma, Groß- und Kleinschreibung.
Nervend.

Mein Blick fiel auf den kleinen Zettel am Boden. Ich hob ihn auf.
»Jeremias Coster, Professor für Pataphysik an der Technischen Hochschule Aachen« stand drauf zu lesen. Von Jeremias Coster hatte ich bereits im Internet gelesen. War es nicht im Zusammenhang mit Stijn Van de Voorde? Ich versuchte mir den Zusammenhang ins Gedächtnis zu rufen. Aber meine Gedanken kamen nur bis zu jenem Gebilde, was sich mir wie ein schwarzes Loch vorkam.
Schwarz?
Schwarz.
Da war doch was.
Das schwarze Internet?

Nochmals schaute ich auf den Zettel. Unter dem Namen war die Adresse zu lesen und beinahe unleserlich eine Telefonnummer: 0241… . Ja, es war eine Aachener Telefonnummer. Ich ergriff den Telefonhörer und wählte die Nummer. Die Leitung blieb stumm. Ein erneuter Versuch. Der gleiche Effekt. Unwillig tippte ich auf dem Ziffernblock und plötzlich erhielt ich ein Rufzeichen. Ich unterbrach den Anruf und schaute genauer auf den Zettel. Mir waren die letzten beiden Ziffern nicht aufgefallen. Allerdings waren sie auch unleserlich. Mir wurde klar, dass diese beiden Ziffern mir die Leitung zu Jeremias Coster herstellen würden.

Im Internet schaute ich auf den Seiten der RWTH Aachen nach. Aber ich fand dort kein Jeremias Coster an einem pataphysischen Institut der RWTH Aachen, geschweige denn fand ich überhaupt ein pataphysisches Institut. Ich tippte »Jeremias Coster« und das Wort »PentAgrion« in den Eingabebereich der Suchmaschine ein, drückte die ENTER-Taste und erstarrte: Die erste Seite war voll von Ergebnissen mit beiden Begriffen! Was war das? Das schwarze Internet?
In meinen Hirnwindungen kam eine Erinnerung zurück. Die Erinnerung zu den Anfängen meines PentAgrion-Fiebers und die Suche nach den Papieren.

Ich schaute nochmals auf den Zettel und drehte ihn um. PlanEine Skizze, ein Plan. Ein Lageplan mit einer markierten Stelle. Eine Bahnstrecke. Ich drehte den Zettel erneut um und hielt ihn unter meiner Schreibtischlampe. Aber ich konnte die letzten beiden Zahlen der Telefonnummer nicht entziffern. Absolut unleserlich. Gefrustet knüllte ich den Zettel zusammen, steckte ihn in meine Hosentasche und ergriff wieder die Papiere. Erneut wollte ich den Kampf mit der seltsamen Sprache des Dokuments aufnehmen. Durchatmend schlug ich eine Seite auf und fing einfach an zu lesen:

Zweijährige Arbeit am Konzept waere nicht anzufangen und zu Ende zu bringen gewesen, wenn nicht einige Leute ausserhalb ihres Weges gegangen waeren. Diesen Leuten wird hier dank ausgesprochen. Ansatz waere nicht zu entwickeln gewesen ohne die Arbeit von Karl Schneider der bis zu seinem Tode 1980 an Gruppentheorie gearbeitet hat.

Karl Schneider.
Später verbrachte ich Tage in Hochschulbibliotheken, aber einen Karl Schneider – gestorben im Jahr 1980 – in Zusammenhang mit Gruppentheorien fand ich nicht. Im Internet? Ebenfalls nichts. Karl Schneider. Ein Allerweltsname. Eine Spur, von der ich dachte, sie wäre heiß, diese Spur war kalt.

Da lag es also vor mir, das lang gesuchte Dokument. Aber es sprach nicht zu mir. Papier ist geduldig, sagt man. Aber ich bin nicht aus Papier. Frust scheint wohl ein steter Begleiter bei der Suche nach dem Geheimnis von PentAgrion zu sein.

Fortsetzung Teil 22

Zweigleisig

Was vorher geschah: Prolog, Teil 1, Teil 2, Teil 3, Teil 4, Teil 5, Teil 6, Teil 7, Teil 8, Teil 9, Teil 10, Teil 11, Teil 12, Teil 13, Teil 14, Teil 15, Teil 16, Teil 17, Teil 18, Teil 19

***

„Wenn jemand sucht, dann geschieht es leicht, dass sein Auge
nur noch das Ding sieht, das er sucht, dass er nichts zu finden,
nichts in sich einzulassen vermag,
weil er nur an das Gesuchte denkt, weil er ein Ziel hat,
weil er vom Ziel besessen ist.
Finden aber heißt: frei sein, offen stehen, kein Ziel haben.“
(Hermann Hesse, Siddhartha)

Ich erwachte aus einem unruhigen Schlaf. Die Bettdecke lastete feucht auf meinem Körper. Ein eigenwilliger Traum, das war es, an was ich mich erinnerte. Wie ein Echo aus der Dunkelheit des Schlafes. Ein Alp war er, der mir vorspiegelte, ich hätte in einem Schacht gelegen. Einem Bahnhofsschacht. Einen Schacht von nur einem halben Meter Breite. Und Erinnerungen an einen Fahrradunfall echoten in meinen Erinnerungen vom Traum, einen Unfall, den ich als Kind einmal hatte.

Eine wohlige feuchte Wärme umgab mich. Ich wollte mich in diese hinein strecken, mich in ihr aufgehen lassen, mir einen guten Start in den Tag bereiten. Meine Augenlider waren schlafverklebt und weigerten meinen Gedanken Folge zu leisten. Mein Wille war aber stärker. Lediglich, als ich die Augen öffnete, sah ich nichts. Dunkelheit bohrte sich in meine Netzhaut.
Langsam registrierte ich, dass ich gar nicht in meinem Bett lag. Und das Weiche war auch keine Bettdecke. Ich spürte, dass ich auf hartem Untergrund lag und offenbar in meiner Kleidung geschlafen hatte. Meine Bettdecke war lediglich meine Jacke.
Wie der Geist der Erkenntnis sein Licht in meine Dunkelheit raus sandte, da riss der stechende Schmerz in meinem Kopf mich komplett aus dem halbwachem Zustand. Die wattige Müdigkeit war wie weggeblasen, der stechende Kopfschmerz erfüllte mich komplett, die Erinnerung an meinem Zustand war zurück gekehrt: Ich befand mich noch immer in dem Schacht in der Dunkelheit fest.
Allein, warum dachte ich dauernd nur »Bahnhofsschacht«?

Mein Versuch meine Hände zu bewegen, schlug fehl. Beide lagen eingeklemmt von meinem Oberschenkel auf dem Boden. Es musste Beton sein. Ich bewegte meine Schultern und spürte, dass auch diese eingeklemmt waren. Zwischen zwei Betonwänden, wie ich vermutete. Meine ganzer Körper schien zwischen den Betonwänden eingeklemmt zu sein. Es waren keine senkrechten Wände, es waren schräg abfallende Wände, was mir das Gefühl gab in einer Art »Schraubzwinge« zu stecken. Ich hob meinen Po an, um Platz für meine Hände und Unterarme zu gewinnen. Mein Kopf drückte dabei auf den Betonboden und die Kopfschmerzen nahmen mir fast die Luft. Aber ich schaffte es, meine Arme so in Position zu bringen, dass ich meinen Körper hoch hebeln konnte. Vorsichtig richtete ich mich auf. Je höher ich kam, desto breiter wurde der Schacht. Irgendwann hörten die Wände auf, ich vermutet, dass sie an der oberen Stelle einen halben Meter voneinander entfernt waren. Meine Füße hatten wenig Platz zum Stehen, trotzdem bekam ich einen einigermaßen stabilen Stand. Halb aufgerichtet suchte ich links und rechts neben mir Halt, griff aber ins Leere. Einen Moment überlegte ich. »Mein Handy«, war mein erster Gedanke. Es hatte ein helles Display. Ich könnte es als Taschenlampe verwenden. Von diesem Gedanken ermutigt richtete ich mich komplett auf. Noch während des Aufrichtens spürte ich, wie mein Kopf gegen etwas metallenes stieß. Zu spät. Zu ungestüm hatte ich mich aufgerichtet. Mein Kopf rächte sich, die Schmerzen im Kopf wurden durch Schmerzen auf dem Kopf ergänzt. Gegen irgendetwas metallenes war ich gestoßen. Jetzt quietschte es und schien zu schwingen. Meine Hände ertasteten eine Nennröhrenhalterung.

In meinen Jackentaschen suchte ich mein Hände. Meine Vorliebe sind Jacken mit vielen Taschen. Was der Frau ihre Handtasche ist, das ist mir eine Jacke mit vielen Taschen. Das hat den Vorteil, dass ich alle wichtigen Dinge in der Jacke transportieren kann und keine extra Herrenhandtasche benötige. Es hat allerdings den Nachteil, dass einerseits die Jacke an entscheidenden Stellen recht bald ausgebeult ist, aber zu anderem auch, dass ich manchmal bestimmte Dinge nicht wiederfinde.
So wie jetzt. Geldbörse, Kinokarten, Notizzettel, Kugelschreiber, Bleistift, Schlüsselanhänger, Cent-Münzen, lose Papiertaschentücher, all das fand ich sofort und ohne langes Suchen. Nur mein Handy wollte einfach nicht von mir entdeckt werden. Hatte ich es verloren? Nochmals tastete ich alle Jackentaschen ab. Nichts? Wirklich nichts? Ich hielt inne und überlegte. Wann hatte ich es zuletzt verwendet? Und wo? Vergeblich suchte ich Antworten zu diesen Fragen, ratlos steckte ich eine Hand in meine vordere Hosentasche und stieß auf was hartes. Da war es. Erleichtert zog ich es hervor. Es war ausgeschaltet. Ich drückte länger auf den Einschaltknopf und mit einem Summen schaltete es sich ein. Gebannt blickte ich aufs Display. Es leuchtete auf, blendete mich, meine Augen musste ich zusammen kneifen.
Mein Handy suchte unterdessen Netzanschluss, suchte Verbindung zum Server. Nichts. Kein Netz. Ich hatte kein Netz. Ein Hauch von Ärger wollte Konkurrenz zu meinen Kopfschmerzen bilden.
Darauf ließ ich mich nicht ein. Ich wollte wissen, wo ich war, und hielt mein Handy wie eine Laterne hoch. Das Display beleuchtete fahl die Umgebung. Mit Verblüffung stellte ich fest, dass ich mich in einem Tunnel befand. Es musste ein Eisenbahntunnel sein. Etwas über zwei Meter war der Tunnel breit. Ich selber stand in einer U-förmigen, halben Meter tiefen Rinne, die sich vor mir im Dunkeln verlor. Rechts und links von mir befand sich eine Trasse, auf der jeweils Gleise lagen. Rostig waren die Gleise, also war schon länger kein Zug mehr auf den beiden Gleisen gefahren. Es waren keine gewöhnlichen Gleise. Die Spurbreite schätzte ich mit knapp einem halben Meter ab. An der Decke über den Trassen zwischen Spinnweben erblickte ich eine Installation, welche mich an Stromleitungen erinnerte. Die Trasse selber hatte eine lichte Höhe von knapp über einem Meter über den Gleisen.

Offensichtlich war ich in einem Bahntunnel. Aber das war kein gewöhnlicher Bahntunnel. Für einen normalen Zug war der Tunnel zu klein. Irgendetwas sagte mir, dass ich nicht durch Zufall hier wäre, und dass ich den Tunnel gesucht hätte. Die Kopfschmerzen ließen mir aber für Erinnerungsarbeit nicht viel Gelegenheit.

Ich schaute auf das Display. Kein Netz. Inzwischen wunderte mich das nicht mehr. Allein die Frage drängte sich mir in den Vordergrund, wo ich denn wäre. Sicher. In München. Aber in einem Tunnel? Vielleicht in einem Geheimtunnel? Aus der Zeit der Naziregierung? Oder …

Einer Intuition folgend suchte ich auf meinem Handy das Dateiverzeichnis meiner Speicherkarte. Ich öffnete den Ordner mit den Fotos und blätterte uninspiriert durch die Fotos. Dort fand ich Fotos von einer Party. Während in mir irgend eine Ahnung hoch stieg, wo ich den Abend zuvor war, stieß ich beim Durchblättern auf einen Plan:
Lageplan von 1927
»Juli 1927«. Ein alter Lageplan. »Elektrische Bahnen«. »Früheres Verkehrsministerium« las ich. Aber auch »Haupt-Bahnhof« und »Arnulf-Straße«. Dick im Plan eingezeichnet war eine doppelte Linie, welche an »Station I.« über »Zentrales Briefpostamt« zur »Station II.« führte.
Ohne Zweifel.
Der Plan zeigte eine Bahnlinie in der Stadt München.
1927. Aber es war keine normale Bahnlinie. Sie lag am Hauptbahnhof, an dem Bahnhofsflügel, der auch heute den Namen »Starnberger Bahnhof« trägt.

Meine Kopfschmerzen hatte ich fast vergessen. Gedankenverloren starrte ich auf das Foto von jenem Lageplan. Es war zwischen all den Party-Fotos, die ich mit meiner Handykamera geschossen hatte. Ich blätterte durch die Fotos. Die Gesichter der Menschen auf den Fotos sagten mir nichts. Auf zwei der Fotos war auch ich abgebildet. Einmal mit einem Glas Absynth – allein die gedankliche Formulierung des Wortes trieb mir direkt den Geschmack wieder auf die Zunge – zusammen mit einer mir unbekannten Frau und einmal mit einem Rotweinglas über geheftetes Papier. Ich vergrößerte das Foto, konnte aber nicht erkennen, um was es sich dabei handeln mochte. Ich kramte in meinen Erinnerungen, aber da war nichts. Filmriss. Ja, ich hatte wohl einen Filmriss. Keine Erinnerung mehr. Die Fotos interessierten mich immer weniger, ich scrollte schnell durch und fast hätte ich das letzte Foto übersehen.
Fast.
Die abgebildete Person erinnerte mich an etwas. Es war ein Mann im mittleren Alter. Er machte mit der rechten Hand das Victory-Zeichen und hielt ein getipptes Manuskript im Schnellhefter in mein Handykamera. Fast routinemäßig vergrößerte ich das Bild und stockte. Das Manuskript konnte ich nicht lesen. Nur der Aufbau der Seite erinnerte mich an ein Manuskript, welches bei mir zu Hause herum lag. Die erste Seite von meinem Manuskript war ebenfalls getippt und mit handschriftlichen Bemerkungen ergänzt. So wie auf dem Foto. Da war ich mir sicher. Auf dem Foto war zusätzlich noch unter den handschriftlichen Anmerkungen jener Lageplan von 1927 geklebt, welchen ich wohl zuvor abfotografiert haben musste.
Ich wählte die maximale Vergrößerung des Fotos. Sie erbrachte die maximale Verpixelung. Augenfeindlich. Unansehbar.
Aber trotzdem. Ein Wort der Randbemerkungen sprang mir ins Auge. Mit krakeliger Handschrift war das Wort zwischen Lageplan und Getipptem vermerkt.
Andere würden sicherlich das Wort als anderes gelesen haben. Lediglich für mich war es klar. Es war mir zu bekannt. Es konnte nur ein Wort sein. Das Wort auf dem Foto, es war unzweideutig und eindeutig.
Nur ein Wort:

PentAgrion!

Fortsetzung Teil 21

Das Manuskript der Papiere des PentAgrions

Was vorher geschah: Prolog, Teil 1, Teil 2, Teil 3, Teil 4, Teil 5, Teil 6, Teil 7, Teil 8, Teil 9, Teil 10, Teil 11, Teil 12, Teil 13, Teil 14, Teil 15, Teil 16, Teil 17, Teil 18

***

Denn die einen sind im Dunkeln
Und die andern sind im Licht.
Und man siehet die im Lichte
Die im Dunkeln sieht man nicht.
Berthold Brecht, Die Moritat von Mackie Messer, 1930

Herbsttage können lang sein. Sehr lang. Wenn es draußen regnet und der nächste Job auf sich warten lässt, gibt es keine bessere Zeit zum Lesen. Zeit hatte ich genug. Viel Zeit.
Und eines Abends fielen mir die Papiere wieder entgegen. Direkt aus dem Regal. Als mir das Papierbündel entgegenkam, fiel mir ein Satz ein, welche eine Frau mir einmal in einer Bibliothek sagte:

»Du suchst keine Bücher. Bücher suchen immer nur dich.«

Bücher haben mich aber kaum gesucht. Eher immer nur die anderen. Eine Freundin von mir fiel ein Buch aus dem Regal, direkt vor ihre Füße. Einfach so. Es muss wohl schlecht ins Regal eingeräumt worden sein. Aber das interessierte sie nicht. Sie las es einfach. Seitdem war sie überzeugte CDU-Anhängerin. Das gefallene Buch war eine Biografie Helmut Kohls. Seit jenem Zwischenfall schaute ich immer vorher, an welche Regale ich vorbei ging.

Ich mied politische Regale und hielt mich meistzeit in der Erotikabteilung auf. Aber nie fiel mir dort ein Buch entgegen. Ich musste sie immer verstohlen selber aus dem Regal ziehen. Sie fielen mir nie entgegen. Somit werde ich auch nie erfahren, was mir aufgrund solch eines nicht eingetretenen Ereignisses an sexueller Zukunft entgangen sein mag. Das Aha-Erlebnis bei einem Zusammenstoß mit einem Erotikratgeber wollte einfach nicht passieren. PentAgrion-Kodachrome
Stattdessen fiel mir aus meinem heimischen Regal die zusammengehefteten und bereits vergessen Papiere entgegen:

PentAgrion.

Die Papiere des PentAgrion.

Als ich sie suchte, wollte ich sie lesen.
Als ich sie fand, las ich sie nicht.
Zwischen Adolf Tegtmeier und Haruki Murakami packte ich das Geheftete. Und jetzt fanden sie mich wieder, sprangen mich direkt aus dem Regal an. Einfach so. Vielleicht hätte ich das Regal nicht rempeln sollen. Aber ich nahm die Herausforderung an, räumte Tegtmeier und Marukami wieder ins Regal und nahm mir die Papiere in meine Leseecke mit.

Ich erwartete alles und nichts. Einiges hatte ich bereits ja erfahren gehabt. Und Neugierde war bei mir latent vorhanden, das gebe ich offen zu. Eine Kanne Tee, ein paar Schokoladenkekse und mein obligatorischer Kugelschreiber, um mir Randnotizen zu machen. Die Blätter waren mit Schreibmaschine getippt, das Schriftbild unregelmäßig. Mal stärker, mal schwächer. So als ob das Farbband der Schreibmaschine schon aufgebraucht wäre. Beim Querblättern registrierte ich, dass Satzzeichen eher sporadisch verwendet wurden. Auch fehlten mir die Umlaute »ä«, »ö« und »ü«. Stattdessen fanden sich die Ersatzbuchstabenkombinationen »ae«, »oe« und »ue«.
Auf der jeder Seite fand sich die gleiche Überschrift:

»AHORNSIRUP AUF STRAGULA ODER COLABUECHSE AM WESTWALL«

Ahornsirup? Hatte ich noch nie.
Und was ist »Stragula«?
Und »Westwall«?
Ich befragte meinen Computer.

Stragula: »eine mit Teer imprägnierte Pappe«. So etwas diente als kostengünstiger Bodenbelag, bis der PVC-Bodenbelag Stragula in den 70er Jahren vom Markt verdrängte.
Westwall: »mit Panzersperren und Bunkern aufgerüstete Westgrenze des Deutschen Reiches«

Die Überschrift ergab keinen Sinn. In welchem Zusammenhang sollte eine klebrige Masse auf einem Bodenbelag mit einer Getränkedose auf militärischen Sperranlagen stehen? Es ergab weder inhaltlich noch bildlich einen Zusammenhang. Ich hoffte darauf, dass mir der Inhalt der Papiere die Antwort zu der Frage geben würde. Mir erschien es wahrscheinlich, dass es sich um eine Metaphorik handeln müsse.
Nur, die erste Seite hinterließ weitere Ratlosigkeit bei mir:

»- Potential von Erotik ist Abscheidung von materialisiertem sichentfernen.
– Erotik spannt Raum auf.
– Rechtsfreiheit loest Raum auf.
– Wirklichkeit steht zu Raum in dem Verhaeltnis dass Raum ihr Potential ist.
– Wirklichkeit ist was in Raum aktuell fixiert ist,
– Wirklichkeit in aktueller Besetzung ist Summe in der Zeit geleisteter Abscheidung des Sichentfernens.
– Manifestwerden von Wirklichkeit ist Funktion der Erwartungskonstanz von Energiefluss der zwischen Personen fliesst (Konstellation Energiefluss).
– Ueberall da wo Energie fliesst ist rechtsfreier Raum entstanden (abgekoppelt definierter Raum).
– Wirklichkeit wird sichtbar mit zusammenfallen der Groessen Verletztsein und Rechtsfreiheit.
– Verletzt zu werden heisst sich schuldig zu fuehlen.«

Verwirrt legte ich die Papiere beiseite. Die fehlenden Satzzeichen, die eigenwillige Groß- und Kleinschreibung und die verwendeten Worte. Das verwirrte mich stark. Und verstanden hatte ich fast gar nichts. Waren das logische Schlussfolgerungen, die aufeinander aufbauen sollten? Es las sich wie eine Mischung aus Physik, Mathematik und Psychologie.
Der Text erschien mir fremder als jenes, was ich bislang über die Papiere des PentAgrions gelesen hatte. Die Sprache erschien mir ebenfalls eine andere.
Andererseits, das was ich bislang über PentAgrion wusste, war auch nicht einfacher Natur.

»Verletzt zu werden heisst sich schuldig zu fuehlen.«
Der letzte Satz des Gelesenen hatte es in sich. Er erschien mir wie der passive Bruder zu der aktiven Phrase »Wer sich verteidigt, klagt sich an«. Wer verletzt wird, fühlt sich schuldig. Weswegen? Warum? Sollte das stimmen?

Ich atmete den Duft meines Tees ein, um klarere Gedanken zu finden, mit denen ich den Faden in den ersten Sätzen dieses Traktats finden konnte.
Erotik, Raum, Rechtsfreiheit, Wirklichkeit, Energiefluss, Verletzt-sein.
Ich blätterte paar Seiten weiter, um zu prüfen, ob der Text in diesem Staccato der Begriffe weitergehen würde.

»Auf Kopfgeldjägerniveau wird Straßenraum gepflastert.«

Zweimal musste ich den Satz lesen, um mir sicher zu sein, dass ich mich nicht verlesen hatte. Er klang zu profan, zu ironisch, zu leicht.

Ich legte die Papiere zur Seite.

Wollte ich das wirklich lesen? War das nicht eher ein Traktat aus den Hirnwindungen eines einzelnen, welches für Fremde überhaupt noch nachvollziehbar sein würde?

In Gedanken versunken, stand ich auf und beschloss eine Dusche zu nehmen. Am Abend wollte ich zu der Vernissage eines Künstlers. Ein Bekannter hatte mir seine Einladung überlassen. Vernissagen – so meinte er – hätten als Höhepunkt immer nur eines: Prosecco und Schnittchen als Maßstab der Bedeutung der Vernissage: Je unbedeutender die Kunst, um so mehr Prosecco und Schnittchen gäbe es. Und jene Vernissage wäre unbedeutend und würde nicht in seinen Diätplan passen. Er wollte abnehmen. Daher drückte er mir die Einladung in die Hand.

»Geh ruhig hin, dann siehst du mal was anderes.«

Gut, ich beschloss, was anderes zu sehen. Das Traktat konnte noch warten.
Nur noch einen Satz wollte ich lesen. Und auch begreifen. Eine ganz einfache Herausforderung. Nicht mehr, nicht weniger.

»Wirklichkeit ist eine Fortsetzung des Maennergespraechs und wird durch koerperliches Interesse von Frauen an Maennern in Gang gehalten.«

Unter der Dusche war ich mir nicht mehr sicher, ob die Papiere zuvor zwischen Tegtmeier und Murakami gestanden haben könnten. Vielleicht standen sie auch zwischen Anaïs Nin und Pease. Ich musste bei nächster Gelegenheit einfach weiter lesen, war mein Beschluss. Ich würde mich schon noch durch das Traktat durchbeißen …

Fortsetzung

Schwarze Löcher und Grüße aus dem Schwarzen Internet

Was vorher geschah:
Prolog, Teil 1, Teil 2, Teil 3, Teil 4, Teil 5, Teil 6, Teil 7, Teil 8, Teil 9, Teil 10, Teil 11, Teil 12, Teil 13, Teil 14

***

Geduldig hatte ich auf eine Reaktion von Herrn Küfer gewartet. Aber es kam nichts. Nicht eine Reaktion. Ich beschloss, Herrn Küfer erneut aufzusuchen. Schließlich war ich mit 50 Euro für die Kopierkosten in Vorleistung gegangen. Und ich wollte langsam aber sicher etwas dafür sehen. Kopien der PentAgrion-Papiere.

Wieder saß ich in dem Bus, der mich zu der Wohnung von Herrn Küfer bringen sollte. Die Bushaltestelle hatte sich nicht verändert. Selbst der Schneematsch schien so auszuschauen wie vor einem Monat. Der Weg führte mich wieder zu dem Gebäude, wo der Herr Küfer wohnte. Mein Blick wanderte erneut zur ersten Etage hoch. Die Wohnung erschien mir heller. Eigentlich zu hell für meine Erinnerung. Und dann fiel mir auf, wieso die Wohnung heller war: die Wohnung war offensichtlich leer. Beunruhigt beschleunigte ich meine Schritte. An der Eingangstür suchte ich das Klingelschild von Herrn Küfer. Ich fand den Namen nicht mehr. Stattdessen fand ich ein leeres Klingelschild. Eine dumpfes Gefühl beschlich mich. Ein Bewohner verließ das Gebäude und ich nutzte die Gelegenheit, ihn zu fragen, ob in dem Haus eine Wohnung frei sei. Er nickte. In der ersten Etage sei seines Wissens kürzlich etwas frei geworden. Ich solle mich an die Wohnungsgesellschaft wenden, sollte ich Interesse haben.

Wieder zu Hause rief ich die Wohnungsgesellschaft an und erkundigte mich nach der Wohnung in jenem Gebäude. Ja, die Wohnung sei frei geworden, aber noch nicht vermietbar. Auf meine Frage, was mit dem Vormieter geschehen sei, kam nur ein schlichtes „Keine Ahnung“ als Antwort. Offenbar sei der Vermieter urplötzlich Ende Dezember ausgezogen. Die Wohnungsgesellschaft hatte wohl ein handschriftliches Kündigungsschreiben mit allen Wohnungsschlüsseln erhalten. Als der Hausverwalter nachsah, war die Wohnung leer und besenrein. Das Seltsame an der Geschichte – so die Frau der Wohnungsgesellschaft – sei gewesen, dass der Vermieter keine Kontaktdaten angegeben habe. Schließlich sei die Frage der Rückzahlung der Genossenschaftsanteile an den Herren ja noch offen.

Ich fühlte mich wie Sysiphos, der kurz vorm Ziel wieder von vorne anfangen muss. Herr Küfer war also weggezogen. Aus welchen Gründen auch immer. Damit blieben mir wieder nur die Kontaktdaten aus Remagen.

»Guten Abend, Jürgen, hier ist Careca. Wie geht’s?«
Jürgen erinnerte sich erst, nachdem ich ihm wieder in Erinnerung rief, dass wir uns damals in Begleitung seiner Frau in Köln getroffen hatte. Als ich ihn auf PentAgrion ansprach, verwies er mich auf den Herrn Küfer.
»Herr Küfer wohnt dort nicht unter der Adresse, die Sie mir gegeben hatten.«
»Verzogen?«
»Unbekannt verzogen.«
Am anderen Ende der Leitung wurde es still. Ich glaubte von Jürgen einen leisen Fluch zu vernehmen, sicher war ich mir aber nicht.
»Stimmt was nicht, Jürgen?«
»Nichts. Alles in Ordnung. Nur dass mir Herr Küfer noch die Kopien der Pentagrion-Papiere zahlen sollte.«
»Er sagte so etwas in der Art.«
»Ich hatte ihm eine komplette Kopie zugeschickt. Aber er faselte nachher etwas von Transportschaden und das er nicht zahlen würde.«
»Er hatte mir seine Kopie gezeigt. Sie war nicht vollständig.«
»Du hast sie gesehen? Und sie war nicht vollständig?«
Ich bestätigte es ihm und erzählte von meinem Besuch. Ich erzählte ihm von der ehemaligen S-Bahnstation Oberwiesenfeld am Olympiapark, von den ›Nuru‹ und dass nach Meinung von Herrn Küfer Verbindungen der ›Nuru‹ zu Stonehenge,Choquequirão und Machu Picchu geben sollte.
Jürgen lachte.

»Ja, ja, die ›Nuru‹-Geschichte. Schon gehört? Letzte Woche wurde Machu Picchu evakuiert. Regenfälle hatten Touristen dort oben eingeschlossen und es drohte denen, dass Erdrutsche sie verschütten konnten. Aber zurück: Stonehenge,Choquequirão und Machu Picchu sind schon immer ein Faible von Herrn Küfer gewesen. Hat er Ihnen auch über PentAgrions erweiterte Theorie über Schwarzen Löcher erzählt?«

Ich verneinte. Jürgen holte aus und begann mit Steven Hawkins und dessen Theorien über Schwarze Löcher. Er erzählte mir, dass nach der lang läufigen Meinung der Physiker keine Information verloren gehe. Eine Information verschwindet nicht einfach. Das Wissen, welches die Menschheit durch ihre Individuen erlangt habe, verschwinde nicht einfach mit dem Tode der Individuen. Sie wird nur transformiert. Es wäre wie mit einen Würfel, der mit einem Hammer zerschlagen würde. Mit den dadurch entstandenen Einzelteilen – seien sie noch so klein und pulverisiert – könne der Würfel rekonstruiert werden. Das wäre natürlich mühsam und zeitaufwendig, aber nicht unmöglich. Ebenso wie es heute bereits gelänge antike Schriftarten zu dechiffrieren und so den Inhalt erfahrbar zu machen, so würden die Informationen auch mit dem menschlichen Tod nicht einfach verfallen. Klar, es fehle noch der Code, um diese Informationen zurück zu gewinnen. Aber wer möge behaupten, dass es unmöglich sei? Ebenso wie man letztens herausfand, welche Hautfarbe die Dinosaurierechsen hatten, und ebenso wie inzwischen aus Genen liest, so werde es möglich sein werden, alte Informationen zurück zu gewinnen.

Jürgen hielt kurz inne und lachte.

»Mitte der 90er hatte ich meinen ersten Computer. Einen 386er mit 40 Mega-Hertz. ›Mega-Hertz‹, wohlgemerkt, nicht Gigahertz. Und meine Festplatte hatte noch 20 Megabyte und der Speicher war üppig mit 2 Megabyte bestückt. Knapp 15 Jahre später habe ich jetzt schon Schwierigkeiten, meine Kopien des damaligen Betriebssystems jetzt noch zu nutzen. Aber mit den entsprechenden Kniffen ist es möglich. In weiteren 10 Jahren vielleicht nicht mehr. Und dann habe ich endgültig einige meiner auf CD lagernden Daten für immer verloren. Und das in nur einem Viertel Jahrhundert. Aber mit entsprechenden Tricks werden die Daten auch in der Zukunft auslesbar sein. Fragt sich nur, wen es dann noch interessiert. Meine damals angelegten Daten scheinen von ein Schwarzes Loch verschlungen zu werden. Aber wirklich verloren sind sie nie.«

Wieder lachte er. Er fuhr fort, mir von den Theorien der Schwarzen Löcher zu erzählen.

Steven Hawkins war der Wissenschaftler, der immer davon ausging, dass allein Schwarze Löcher die Macht hätten, Informationen zu zerstören. Letztendlich habe aber dieser Steven Hawkins dann seine Theorie – Informationen würden mit Hilfe eines Schwarzen Loches für immer verschwinden – widerrufen.

Ich versuchte Jürgen zu unterbrechen, denn ich verstand nicht wirklich, was er mir erzählen wollte. Jürgen war aber nicht mehr aufzuhalten.

»Stell dir vor, ein dicker, fetter Elefant käme in die Nähe eines Schwarzen Lochs. Der Elefant würde also im Begriffe sein, verschluckt zu werden. Automatisch würden die Körperteile des Elefanten, die dem Schwarzen Loch näher lägen, stärker angezogen als seine entfernteren. Angenommen wir hätten den Elefant im Fokus unseres Teleskops, wir würden sehen wie der Elefant sich zu einer Spaghetti verformen würde. Während einige Körperteile mit hoher Geschwindigkeit in das Schwarze Loch hineingezogen würden, hätten andere diese Geschwindigkeit noch nicht erreicht. Der Elefant würde in die Länge gezogen. Irgendwann würde dann der Elefant vom Schwarzen Loch verschluckt und absorbiert worden sein. Aber bereits als Spaghetti würden wir dem Elefanten den physischen Tod bescheinigen. Nur jetzt kommt das Phantastische.«

Er machte eine Kunstpause und ich stellte mir den Elefanten als Spaghetti vor, wie dessen Blutgefäße platzen würden, wie sich dessen das Elefantenhirn in die Länge ziehen würde, bevor es in viele kleine Fitzelchen in das Schwarze Loch fallen würde. Ein wenig von der imaginierten Filmwelt von Roberto Rodriguez, eine Prise Quentin Tarantino Vorstellungen und einen Schuss Splatter-Movie. Und alles vermixt in einem Schwarzen Loch im unendlichen Weltall. Mühsam konnte ich ein Gähnen unterdrücken.

»Der Elefant wird sich definitiv nie als Spaghetti sehen. Während wir meinen, er sei schon Tod, denkt sich der Elefant, er sei noch quicklebendig.«

Noch quicklebendig? Irgendwann hatte ich schon mal ähnliches gehört, dass die einen meinten, etwas sei tot, während es aber nicht wirklich tot war.

»Aber wird der Elefant nicht spüren, wie es ihn auseinander zieht, wie er zur Spaghetti wird?«

»Vielleicht wird er sich unwohl fühlen, vielleicht hat er Schmerzen, aber er wird sich als Einheit sehen, so wie er vorher war. Als dicker, fetter Elefant und nicht als Spaghetti.«

Mir erschien das unlogisch.

»Nein, das ist nicht unlogisch. Kennst du die Einsteinsche Relativitätstheorie?«

»Für die er den Nobelpreis erhielt?«

»Nein, dafür erhielt er nicht den Nobelpreis. Den erhielt er für was anderes. Die Relativitätstheorie handelt davon, dass von zwei unterschiedlichen Standpunkten aus, die Zeit unterschiedlich schnell vergehen kann.«

»Stimmt. Als Kind dachte ich die Vorweihnachtszeit bis Heilig Abend würde nie vorbei gehen. Als Erwachsener rast die Vorweihnachtszeit dahin und am 24. stehe ich dann immer in den letzten Einkaufsschlangen der Geschäfte mit meinen Last-Minute-Geschenken in der Händen.«

»Nein, das mein ich nicht. Ich meine, dass für den, der sich mit annähernd Lichtgeschwindigkeit bewegt andere Zeiten gelten, als der der den Sich-Bewegenden beobachtet. Der, der fliegt, für den dauern 10 Sekunden 10 Sekunden, was dem Beobachter mit festem Standpunkt aber als ein Jahr erscheint.«

»Sag ich doch. Vorweihnachtszeit.«

»Gleiches passiert auch in einem Schwarzen Loch sowohl mit der Zeit als auch mit der Dimension. Während die außenstehenden Beobachter meinen, der Elefant sei bereits tot, macht der Elefant gerade noch Pläne für einen Porzellanladenbesuch.«

Porzellanladenbesuch. So, so.

»Ähnliches hatte ich schon mal gehört. Jetzt fällt es mir wieder ein: Schrödingers Katze.«

»Ja, beide Themen sind miteinander verwandt.«

»Aber bei den Schwarzen Löchern, hast du gesagt, bleibt jede Information erhalten, ist rekonstruierbar.«

»Wenn man den Schlüssel dazu hat. Die Antagonisten zu Steven Hawkins haben darauf hingewiesen, dass Schwarze Löcher Materieklumpen mit höchster Dichte und höchster Anziehung sind. Informationen, die solch ein gieriger Materieklumpen verschluckt, wird auf der Hülle abgebildet werden und könne theoretisch rekonstruiert werden.«

»Theoretisch.«

»Theoretisch schon, weil die Informationen nicht verloren sind.«

»Also, wird es möglich sein, Goethes Faust in einem Schwarzen Loch zu archivieren?«

»Theoretisch schon. Ein Schwarzes Loch ist wie ein Informationsspeicher der Materie, die es verschluckt hat.«

»Und Steven Hawkins?«

»Er meinte anfangs, die Informationen würden zerstört und durch die Hawkinsstrahlung in die Unendlichkeit des Weltalls unrettbar und unwiederherstellbar abgestrahlt werden, weil Materie und Information voneinander endgültig getrennt würden. Erst 2004 hat er diese Ansicht widerrufen, weil er diese These selber nicht mehr halten konnte. Er hatte sich in seinen Berechnungen selber widerlegt gehabt und dieses dann öffentlich eingestanden. Seit 2004 sind also unsere Informationen von uns allen nicht mehr verloren.«

Ich schnitt am Telefon Grimassen. Wie gut, dass mich Jürgen nicht sehen konnte. Er würde das Gespräch sofort beendet haben. Jürgen meinte, ich würde ihm folgen. So richtig schaffte ich das aber nicht mehr. Mehrfach hatte ich mich erwischt, wie ich gedanklich weggedriftet war. Beim Quentin Tarantino und den Hirnfitzelchen dachte ich unwillkürlich an die Szene, als die Gangster das Fahrzeug in ›Pulp Fiction‹ säuberten. Mühsam hatte ich mich aus diesem Gedanken wieder herausgerissen und versuchte Jürgen erneut zu folgen. Aber es war schwierig.

Was hatte er gesagt? Was wird zerstrahlt? Was von wem getrennt? Verschlucken Schwarze Löcher nicht alles?

Das Schwarze Loch als Archivschrank des Weltalls. Faszinierend. Die Idee gefiel mir. Da eröffneten sich ganz andere Dimensionen: Sollte ich mal etwas verlegt haben, dann bräuchte ich nur zum nächsten Schwarzen Loch und dort würde ich es … stimmt, ich könnte mal mein Schlafzimmer aufräumen. Noch immer lebte ich seit dem Umzug aus meinen Koffern. Den neue Kleiderschrank hatte ich noch nicht benutzt.

Bekannt war mir schon, dass Körper sich in quantenmechanische Begriffe zerlegen lassen. Masse, Ladung, Drehimpuls stellen einige Definitionsgrößen dar und beschreiben die Natur einer Information. Selbst dieser niedergeschriebene Satz ließe sich mittels Masse, Ladung und Drehimpuls kleinster Teilchen nachstellen. Und das was ich gerade denke, ebenfalls.

»Und was haben Schwarze Löcher mit PentAgrion zu tun?«

»Es geht um Informationen. Wo verbleiben diese? PentAgrion hatte in diesem Zusammenhang auch vom Schwarzen und vom Weißen Internet gesprochen.«

Das Schwarze Internet. Und das weiße Internet. Stimmt. Davon hatte ich gelesen.

»Und das Schwarze Internet ist jetzt nichts anderes als eines Schwarzen Lochs?«

Jürgen lachte auf.

»Beide haben etwas gemein. Die Eigenschaft als Informationsspeicher.«
»Wobei, wenn ich mich erinnere, dass es da eine These des Pataphysikers Costers gibt. Costers These ist, dass die wirklich wichtigen Informationen Zug um Zug ins schwarze Internet abwandern würden, soweit sie nicht vorher schon da waren.«

»Stimmt. Costers These. Er hatte sie auch in Hinblick auf den Belgier Stijn Van de Voorde erstellt. Stijn Van de Voorde …«

»… hatte die Papiere des PentAgrions ins Internet gestellt gehabt.«

Es wurde kurz still. Jürgens darauf an mich gerichtete Frage war von einer Atemlosigkeit begleitet, die mich gruselte:

»Du weißt davon?«

»Ich las im Internet davon. Und dass das von Stijn Van de Voorde ins Internet hineingesetzte Traktat von PentAgrion wieder verschwunden ist. Als ob es in ein schwarzes Internet abgewandert sei. Wie in einem Schwarzen Loch.«

Jürgen schwieg. Die Leitung war still, fast wie tot.

»Jürgen?«

Keine Antwort.

»Jürgen??«

Und dann wie aus einem Nebel dringend, hörte ich seine Stimme:

»Es existiert, es existiert.«

»Was existiert?«

»Das Schwarze Internet.«

»Okay. Mag sein. Aber was ist mit PentAgrion?«

»Er hatte darüber geschrieben.«

»Ich möchte es lesen. Im Original.«

Ich hatte meinen Wunsch ganz unverblümt wie eine Forderung gestellt und wartete auf eine Reaktion.

»Ich brauche von dir Adresse, Telefon- und Faxnummer.«

»Bitte nicht per Fax. Das killt nur meine Papiervorräte und Faxkartuschen. Schick mir die Papiere per Post.«

»Und wer zahlt mir die Kopie der Papiere?«

Das alt-bekannte Thema. Ich gab ihm meine Adresse, Telefon- und Faxnummer und im Gegenzug erhielt ich von ihm seine Kontonummer. Vereinbart hatte ich mit ihm, einen Vorschuss zu zahlen. 80 Euro. Den Rest würde ich nach Erhalt der Papiere überweisen. Er wollte mir die Papiere Mitte Februar schicken.

»Aber mach mir keinen Scheiß wie der Herr Küfer, Careca.«

»Dann schicke mir das ganze als Einschreiben mit Rückschein. Ich zahle das ebenfalls.«

»Okay.«

Jürgen und ich verabschiedeten uns. Überraschend schnell verlief der Abschied. Eigentlich sehr schnell, wenn ich mir das vergangene Telefongespräch dazu vergegenwärtige. Der Blick auf meine Uhr verriet mir, dass wir beide wohl an die drei Stunden telefoniert hatten. Mein rechtes Ohr glühte leicht.

Seufzend ließ ich mich in meinem neuen Fernsehsessel nieder. Hatte ich es jetzt endgültig geschafft, die Papiere des PentAgrions zu erhalten?
Das Surren meines Faxgerätes ließ mich aufschrecken. Offenbar wollte Jürgen meine Faxnummer wohl verifizieren. Mühsam stand ich aus meinem Sessel auf und nahm das Faxblatt in Empfang:

»Sehr geehrter Careca,
ich musste leider aus privaten, persönlichen Gründen die Stadt München verlassen. Ich habe sie nicht vergessen. Sie werden wie vereinbart die versprochene Kopie der PentAgrion Papiere erhalten. Sobald diese per Post bei Ihnen eingetroffen sein werden, bitte ich Sie mir die noch ausstehende Zahlung auf folgendes Konto [KNR. … BLZ …] anzuweisen.
Mit freundlichen Grüßen
Aloisius Küfer«

Wow.
Küfer lebte. Er war nicht spurlos verschwunden. Ich schaute auf den Kopf des Faxes, um die Nummer des Sender-Faxgerätes zu lesen.

»Copy-Laden Leineblick – Ihr Spezialist für Reproduktionsdienstleistungen – 051154«

Der Rest war unleserlich.
Küfer lebte. Und bald sollte ich zwei Exemplare der Papiere des PentAgrion in den Händen halten.

Erneut summte das Fax-Gerät. Während ich das vorherige Fax nochmals las – es war nicht von Herrn Küfer unterschrieben – nahm ich das neue Fax aus der Ablage. Flüchtig schaute ich über das Blatt und stockte. Ein auf der Spitze stehendes Pentagramm sprang mir entgegen und darunter in kleinen Buchstaben:

»Grüße aus dem Schwarzen Internet, dem Schwarzen Loch der -6Destruktiv—Informationen.«

Die Absenderfaxnummer lautete 0841-4071776. Die Nummer musste aus Ingolstadt stammen. Neben der Nummer konnte ich noch kryptisch die Buchstaben »MdCclxxvi« entziffern? Ein Rätsel?

Ich nahm das Blatt, schrieb schnell ein »Danke, wir kaufen nix« drauf und tippte die Ingolstädter Nummer ein. Mein Faxgerät zog das Blatt ein, surrte, wählte die Nummer und fing an, mit der Gegenstelle zu kommunizieren.

Ich ging mit dem Fax vom Küfer in die Küche, holte mir eine Cola aus dem Kühlschrank und schaute das Fax an. Bald würde ich in Besitz der Papiere des PentAgrions sein.

Im Wohnzimmer hörte ich mein Faxgerät wieder summen. Kurz darauf fiepste es zweimal. Ich ging zurück und schaute auf die Ablage. Dort lag wieder ein Fax mit einem Pentagramm. Ich hob es auf und schaute genauer drauf. Es war das Fax, welches ich mit meiner Anmerkung weggefaxt hatte. Unter meinem »Danke, wir kaufen nix« fand ich eine Zusatzanmerkung vom Absender. Ich hielt das Fax gegen eine Lampe. Die feinen Buchstaben wurden jetzt besser entzifferbar. Ich holte mir gerade eine Information aus dem Schwarzen Loch des Faxens zurück, dachte ich leicht ironisch und lächelte in mich hinein.
Anfangs glaubte ich nur Grüße zu lesen. Dann jedoch entzifferte ich immer mehr Buchstaben, bis ich letztendlich den Satz zusammen hatte.
Meine Überraschung war groß. Zweimal musste ich den Satz lesen, bis ich ihn nicht nur verstanden hatte, sondern auch dessen Inhalt erfasst hatte:

»Viele Grüße aus Ingolstadt.
Dein PentAgrion«

(Fortsetzung)

Weiße Flächen und eine S-Bahnstation

Was vorher geschah:
Prolog, Teil 1, Teil 2, Teil 3, Teil 4, Teil 5, Teil 6, Teil 7, Teil 8, Teil 9, Teil 10, Teil 11, Teil 12, Teil 13

***

Durch die Fenster des Wohnzimmers drang das fahle Dämmerungslicht des endenden Tages. Die dunkelbraune Schrankwand des Wohnzimmers schien das gedämpfte Licht der Tütenständerlampe in der Wohnzimmerecke aufzusaugen. Bereits unten von der Straße aus war die alles dominierende Schrankwand des Wohnzimmers sichtbar.

Mein Gastgeber war ein fast 60-jähriger, grauhaariger Herr. Sein Name war Aloisius Küfer. Dessen Adresse hatte ich von dem Ehepaar aus Remagen per Email geschickt bekommen.

Oder besser gesagt, mein alter Arbeitgeber hatte mein Email-Postfach eingesehen, jene Mail ausgedruckt und sie mir mit meinem Entlassungsschreiben zugeschickt. Die private Nutzung meiner Firmen-Email-Adresse wäre mir per Arbeitsvertrag nicht erlaubt. Und nachdem ich bereits eine erste Abmahnung wegen privater Nutzung von Firmeneigentum erhalten hatte, kam jetzt die fristlose Kündigung.
Mein Rechtsanwalt ist inzwischen mein bester Freund und meine Rechtsschutzversicherung sein Liebling. Nachdem meine Frau die Scheidung gefordert hat, ich darauf in eine eigene 1 1/2-Zimmer-Wohnung umzogen bin, hatte sie über ihren Rechtsanwalt 30% meiner Einkünfte für sich als Lebensunterhalt gefordert. Sie argumentierte damit, dass ich wegen meines Umzugs erheblich geringere Lebenshaltungskosten hätte und ich dementsprechend die Zahlung problemlos leisten könne.

Der Duft von Kaffee riss mich aus meiner Betrachtung der Schrankwand. 13 Türen und sieben Schubladen hatte ich gezählt. Alle waren geschlossen. Die gesamte Schrankwand wirkte auf mich erdrückend, monolithisch. Der Ausdruck »Schalker Barock« kam mir in den Sinn.

Aloisius Küfers hatte mir einen Kaffee hingestellt. In seinem dunkelgrauen Pullunder mit jenen Bürokraten-Ärmelschoner, dem darunter getragenen weißen Hemd mit der grau-gemusterten Krawatte wirkte er auf mich wie aus dem Heinz-Erhard-Zeitalter. Eine Kopie der Lieblingsfigur von Heinz Erhard, jenem Büroangestelltem ›Willy Winzigs‹. Küfers hellgraue Stoffhose war einwandfrei gebügelt. Die haarscharfe Bügelfalten in der Mitte der Hosenbeine ließen keinen Zweifel aufkommen: Küfer wollte ein ordentlicher Mensch sein. Als er sich in dem Cocktailsessel neben dem Sofa niederließ, zupfte er seine Hosenbeine hoch. Lange dunkelgraue Socken in seinen Filzpantoffeln kamen zum Vorschein.

Bis auf seine Schrankwand schien der Mann ein Faible für Grautöne zu haben. Seine Haare waren sauber gescheitelt und mittels Haarpomade auf seinem Kopf enganliegend, aber sie waren ebenfalls grau und deshalb machte Herr Küfer nicht wirklich einen strengen Eindruck. Trotz seines sauberen Scheitels und der grauen Hosenbügelfalten. Selbst sein Cocktailsessel und das Sofa, auf dem ich saß, waren grau. Und ebenso der Aktenordner, den er aus einem Nebenraum geholt hatte, er war grau. Herr Küüfer hatte ihn mir auf dem Nierentisch geöffnet hingelegt. Das niedrige Sofa machte es mir schwierig, in den geöffneten Ordner zu schauen.

»Sind das jetzt die Papiere des PentAgrion?«, wollte ich wissen.
»Nicht ganz.«
»Was heißt ›nicht ganz‹?«
»Es sind Ausschnitte. Wenn Sie sich vor Augen führen, dass der Ethnologe PentAgrion zehn Jahre in seinen Aufzeichnungen niedergeschrieben hatte, dann wird Ihnen klar sein, dass dies nicht das Gesamtwerk ist.«

Ich schaute mir die Seiten im Ordner an. Es waren zweifelsohne Ausdrucke aus dem Internet, versehen mit dem Druckdatum und der Quelle, also der Internet-Adresse.

»Das Ehepaar aus Remagen meinte, dass Sie eine komplette Kopie aller Papiere des PentAgrion vorliegen hätten.«
»Nicht ganz. Sie hatten mir zwar alle Papiere kopiert zugeschickt, aber es gab wohl einen Transportschaden bei der Post. Die an mich gerichtete Sendung war jedenfalls in Unordnung. Mein Paket war aufgerissen und viele Papiere sind in Folge des Transportschadens verloren gegangen.«
»Warum haben Sie es nicht nochmals aus Remagen schicken lassen?«
»Eine komplizierte Geschichte. Ich bin mit dem Ehepaar in Streit geraten. Wegen einer Kleinigkeit.«
»Geld? Ging es um Geld für die Papiere?«
»So in etwa. Aber darüber möchte ich jetzt nicht reden. Wichtig ist erst einmal, dass die hier vorliegenden Kopien eh schon verdammt umfangreich sind. Und das ganze ist nicht einfach zu lesen.«

Ich blätterte in dem Ordner und überflog ein paar der Seiten sehr grob. »Der Gottesbeweis durch vollständige Induktion« hieß die Überschrift eines Kapitels:

»Es gilt zu beweisen, dass aus der Menge der natürlichen Zahlen für die Zahl n erst einmal n=1 gilt und dass damit die Eins-Existenz Gottes belegt wird. Auf dieser Basis hin ist dann lediglich noch zu zeigen, dass Gott für alle Zahlen n auch mit n+1 existiert. Denn existiert immer eine um eins größere Menge Gottes, dann ist einwandfrei mathematisch bewiesen, dass Gott existiert und gegen unendlich strebt. Somit wäre bewiesen, dass Gott allumfassend und größenunabhängig sein würde.«

Es folgten eine Reihe mathematischer Konvergenzkriterien und Formeln. Ich las nicht mehr, sondern versuchte das Ende dieser vollständigen mathematischen Induktion zu finden. Eine mathematische Antwort auf die einfache Frage des Gottesbeweises. Wie verführerisch.

»Hm. Ich finde das Ende der vollständigen Induktion nicht. Haben Sie das zufälligerweise irgendwo?«
Aloisius zuckte mit den Achseln.
»Ich bedaure. Leider gehört das Ende des Beweises zu den Seiten, die verloren gingen.«
»Hatten Sie mal in Remagen nachgefragt, ob der Gottesbeweis mit der vollständigen Induktion geglückt ist?«
Er schüttelte wortlos den Kopf. Offenbar hatte auch er keine Information dazu. Vielleicht auch wegen dem Streit zwischen ihm und den beiden aus Remagen. Der Streit war wohl wichtiger als die Antwort auf die Gottesbeweisfrage, sonst wäre die Antwort im Ordner abgeheftet gewesen.

Ich blätterte weiter. Auf einer Seite stach mir die Überschrift »Unter dem Pflaster liegt der Strand« ins Auge. Hieß nicht mal so eine Zeitschrift von dem jetzigen EU-Abgeordneten Daniel Kohn-Bendit und dem ehemaligen Außenminister Joschka Fischer?

Seiten später fiel mir unvermittelt ein Satz auf: »Auf Usjh gab es das nicht« Usjh? War das nicht der Planet, von dem PentAgrion stammen sollte? Ich las mir den Absatz quer. Er handelte über die Sucht von Ski-Fahrer, sich im Winter einer besonders verhassten menschlichen Tätigkeit hinzugeben: dem Sich-anstellen in Warteschlangen. Gerade im Winter erfreuten sich Menschen daran, lange Zeit in Warteschlangen zu verharren, nur um nachher einen Hügel oder Berg hochgezogen zu werden, um dem dann noch schneller wieder herunter zu kommen. PentAgrion hatte den Eindruck, der Mensch wolle das Weiße der Hügel auf diese Weise abtragen. Denn einen tieferen Sinn in dieser Handlung konnte er nicht erkennen. Auf ›Usjh‹ war ihm dieses irrationale Verhalten unbekannt. Weiß erschien PentAgrion als eine für die Menschheit verhasste Farbe. So verbannten die Menschen täglich unzählige Mengen weißer Stengel, ja sie entfachten die Glut der Stengel zielgerichtet durch das tiefe Luftholen der Menschen. Sie nutzten sogar zum eigenen Schutz Filter, um die Gefährlichkeit des inhalierten Rauches zu mindern.

RasenschildAndererseits fand PentAgrion heraus, dass auch die Farbe ›grün‹ als Bedrohung der Menschheit angesehen wird. Denn er traf oft Schilder, die das Betreten von Grünflächen gemeinhin als unerwünscht erklärten. Was PentAgrion dann allerdings überhaupt nicht verstand, war, dass die Ski-Fahrer solange ihrer Tätigkeit nachgingen, bis dass das ›weiߋ durch ›grün‹ weggefahren worden war. Kam ›grün‹ zum Vorschein hörten die Ski-Fahrer sofort auf zu fahren und betraten die grüne Fläche mit ihren Brettern nicht mehr. Andererseits streben die Menschen auf die höchsten Berge dieser Welt, um dort im tödlichen Weiß der Berggipfel als Eissäulen zu verenden. Das Betreten weißer Flächen ist bei den Menschen aber gemeinhin nicht unerwünscht. »Auf Usjh gab es das alles so etwas nicht« schrieb PentAgrion dazu noch einmal als Quintessenz.

»Was hat es eigentlich mit dem Planeten ›Usjh‹ auf sich?«
»Nun, es ist der Planet, von dem PentAgrion gekommen sein soll.«
»Ja, das weiß ich. Nur was bedeutet es? Steht zu diesem Planeten genaueres in den Papieren drin?«
Der Mann schüttelte verneinend seinen Kopf.
»Die Papiere geben nicht viel Informationen dazu. Der Planet ›Usjh‹ wird immer wieder erwähnt, mehr nicht.«
»Kein einziger Hinweis?«
»Nicht direkt. PentAgrion erwähnt, dass die Erde schon in früheren Zeiten von Bewohnern des Planeten ›Usjh‹ Besuch erhalten hat.«
»Wann früher?«
»Er gibt keine genauen Zeiten dazu an. Aber er erwähnt immer wieder das Volk der ›Nuru‹.«
»›Nuru‹? Etwa Sarah Nuru?«
Der Mann lachte.
»Immer wenn der Name ›Nuru‹ fällt, denken jetzt alle an das letzte ›Germans Next Topmodel‹ Sarah Nuru. Nein. Das Wort ›Nuru‹ kommt eigentlich aus dem Japanischen und heißt soviel wie ›schlüpfrig, glitschig‹. In Japan gibt es eine Form der Massage, die ›Nuru‹-Massage. Die Massierende ölt den Klientel ein und massiert ihn dann mit ihrem ganzen nackten Körper.«
»Also sind die ›Nuru‹ die Erfinder der erotischen Ganzkörpermassage?«
»Nein, nein. Überhaupt nicht. Das Volk der ›Nuru‹ erhielt seinen Namen vielmehr wegen ihrer Fähigkeit sich anzupassen. Unter Dicken waren sie dick, unter Dünnen dünn, unter Intelligenten intelligent und unter Dummen dumm. Die perfekten Chamäleons. Einige sollen den Inkas von Machu Picchu und Choquequirão angehört haben, andere sollen an den Kulthandlungen bei Stonehenge beteiligt gewesen sein. PentAgrion hat aber auch Hinweise gefunden, dass ›Nuru‹ bei den alten Germanen gelebt haben sollen.«
»Wer sagt das? Gibt es dafür Beweise?«
»Nein. Nur äußerst schwache Indizien, die PentAgrion zusammen getragen hatte.«
»Welche?«
»Die Einbeziehung der Astronomie in Kulthandlungen, Kultur und Philosophie.«
»Das soll spezifisch für die ›Nuru‹ sein?«
»Nein. Aber ›Nuru‹ waren wohl meistzeit darin involviert.«
»Die Spuren der ›Nuru‹ finden sich nur im Altertum?«
»Indizien, nicht Spuren. Denn jene Kulturen haben keine schriftlichen Aufzeichnungen hinterlassen. Jedenfalls keine, die in der heutigen Zeit dechiffrierbar sind. Nein, nicht nur im Altertum. PentAgrion fand Hinweise, dass die ›Nuru‹ auch in unserer Zeit noch leben. Selbst hier in Deutschland.«

Bei mir stellte sich ein hohles Gefühl in der Magengegend ein. Mein Bauchgefühl sagte mir, dass diese Geschichte zu absonderlich wurde. Die Papiere des PentAgrions erschienen mir anfangs wie ein philosophisches Werk, aber jetzt erschien mir das ganze eher wie die Geschichte von Sektierern. ›Usjh‹. ›Nuru‹.

»Ich wette, Sie glauben, dass ich anfange zu phantasieren, nicht wahr.«

Ich schüttelte hastig verneinend meinen Kopf. Nur nicht unhöflich werden, dachte ich zu mir selber und versuchte interessiert drein zu schauen. Herr Küfer fuhr fort:

»Es wirkt alles recht unwirklich. Gerade wir Deutsche sind doch in Sachen Völkerfragen immer so sensibel. Das ist ja auch kein Wunder, denn wir sind ein ziemlich pluralistisches Volk: Bayern, Preußen, Schwaben, Badenser, Schlesier, Sudeten, Sachsen, Westfalen, Rheinländer, Ostfriesen und so weiter und so fort. Jedes deutsches Völkchen beruft sich offen auf seine Traditionen und das Recht, diese leben zu müssen und zu dürfen. Die ›Nuru‹ lassen sich aber nicht so offensichtlich in solchen Forderungen wiederfinden. Wie ich bereits schrieb, sie sind Chamäleons.«
»Sie meinen die ›Nuru‹ sind ein Volk nicht im Sinne eines Volksstammes sondern im Sinne einer Abstammung?«
»So in etwa. Sie sind ein Volk mehr in geistiger Hinsicht. Sie verstehen?«
»So wie das Volk der Dichter und Denker?«
»So in etwa.«
»Haben Sie Beweise?«
»Nein.«

Herr Küfer zuckte bedauernd mit den Schultern, während ich den Ordner weiter durchblätterte. Beim Blättern stieß ich auf Fotos. Eines zeigte eine alte Betonkonstruktion, es erschien mir wie eine alte trostlose Bahnstation. In der Bildunterschrift stand »S-Bahn Station ›Oberwiesenfeld‹« geschrieben.

»S-Bahn Station ›Oberwiesenfeld‹? Ist das hier in München?«
Herr Küfer nickte.
»Jene S-Bahn Station ›Oberwiesenfeld‹ ist besser bekannt unter dem Namen ›Olympiastadion‹. Sie war zwischen 1972 und 1988 in Betrieb. Seit der Fußball-EM 1988 verfällt sie. Inzwischen ist sie eine Ruine.«

Oberwiesenfeld

»Die Fotos sind aber nicht von PentAgrion.«
»Nein, sie sind von mir. Ich habe sie in den letzten Wochen gemacht. Die Bahnstation ist nicht so leer wie sie ausschaut. Schauen Sie mal hier.«
Er deutete auf das unterste Foto. Es zeigte eine Seite der mit Graffitis besprühten Wand des Betongebäudes.

Bahnhof

»Sehen Sie das? Da waren nicht nur Obdachlose, da existiert eine intelligente Untergrundkultur.«

Er erzählte mir darauf, dass er selber der Spurensuche des PentAgrions verfallen sei. Und er meinte inzwischen auch Spuren der ›Nuru‹ gefunden zu haben. Die Plakate an den un-einsehbaren Wänden der verfallenen S-Bahnstation stellten für ihn so ein Indiz dar.

Ich wusste nicht, wie ich auf dieses reagieren sollte. Innerlich spottete ich über den heiligen Ernst des Herrn Küfers. Nicht nur die haarscharfen Bügelfalten seiner Hose auch die ausgeprägten Kniffe in den grauen Sofakissen zeigten mir, dass Herr Küfer pedantischer Natur sein müsse. Was seine Lebensweise als auch seinen Forschungsdrang anbetrafen. ›Nuru‹. ›Usjh‹. Das erschien mir eher wie ein Auswuchs der Phantasie. Eine Manie. Der Versuch in allem ›PentAgrion‹ zu sehen, wo PentAgrion nicht drin war.

Ich fragte Herrn Küfer, ob ich eine Kopie seiner PentAgrion-Traktats erhalten könne. Die Kopierkosten würde ich ihm auch im Voraus auslegen. Die Papiere des PentAgrion waren es, weswegen ich den Herrn Küfer aufgesucht hatte. Nicht mehr und nicht weniger. Herrn Küfer stimmte mir zu, meinte aber, dass er es in diesem Jahr nicht mehr schaffen würde. Im Januar könne er mir sicherlich die Kopie aushändigen. Ich war einverstanden und reichte ihm 50 Euro mit einen Zettel meiner Telefonnummer. Herr Küfer nickte bedächtig, als ich den Ordner wieder schloss und ihm überreichte. Mit seinem Ärmelschoner wischte er sorgsam über den Ordner, als ob er Fingerabdrücke von mir wegwischen wollte.

»Also dann bis im Januar, Herr Küfer?«
»Bis im Januar. Es hat mich gefreut, ihre Bekanntschaft gemacht zu haben.«

Draußen auf der Straße war es regnerisch kalt. Ich schlug meinen Jackenkragen hoch und stapfte durch den Schneematsch zur Bushaltestelle. Bis zum Januar, dachte ich mir und ich warf nochmals einen Blick zurück auf das Gebäude und die erste Etage, wo Herr Küfer wohnte.

Das Fenster schimmerte in der Dunkelheit. Es war mir, als ob der monolithische Schrankwandblock durch die Dunkelheit hindurch mir nachstarren würde. Aber in Wahrheit war da nichts.
Überhaupt nichts.
Nichts außer meine Einbildung.

(Fortsetzung)

Neugierde tötete Schrödingers Katze (Kneipengespräch)

Was vorher geschah:
Prolog, Teil 1, Teil 2, Teil 3, Teil 4, Teil 5, Teil 6, Teil 7, Teil 8, Teil 9, Teil 10, Teil 11, Teil 12

***

Tresen1

Ich starrte auf den Tresen. Er hatte mir geduldig zugehört. Bis seine Kölsch-Stange leer war. Dann orderte er eine neue, nahm einen Schluck daraus und schaute mich an.

– Wie furchtbar ist Wissen, wenn es dem Wissendem keinen Gewinn bringt.
– Du zitierst Lui Cifre aus dem Film „Angel Heart“?
– Ja. Und noch ein Zitat aus dem Film: Wie geschickt du dich an einen Spiegel heranschleichst, das Spiegelbild schaut dir direkt ins Auge.
– Ich bin nicht geschlichen.

Meine Kölsch-Stange war noch halb voll. Nur der restliche Schaum auf dem Kölsch schien mir eher „halb leer“ zu erzählen.

– Ich hatte dir ja erzählt, dass das Traktat von PentAgrion existiert. Du hast es ja selbst vor deinen Augen gehabt und auszugsweise gelesen.
– Es hat mir kein Glück gebracht. Es stand viel zu lesen drin.
– Und du hast viel erfahren, bei deiner Suche.
– Ich hab nicht gesucht.
– Stimmte, es hat dich gefunden.
– Gesucht. Gefunden. Wir haben uns getroffen. Zufällig.

Er leerte sein Kölsch mit einem weiteren Schluck. Der Wirt brachte ihm sofort ein neues und schaute mich dabei ironisch grinsend an.

– Und? Auch in Amsterdam nach PentAgrion gefahndet?
– Arsch.

Er lachte und entfernte sich wieder. Mein Nachbar setzte fort:

– Du hast einen Teil der Wahrheit gefunden.
– Meine Ehe ist ruiniert. Meine Frau will sich scheiden lassen. Momentan wohnt sie bei ihrer Mutter.
– Weil deine Frau eine der Möglichkeiten, warum man sich in einem Puff aufhalten kann, als die einzige Wahrheit gehalten hat.
– Ich meine, ich verstehe sie ja, dass sie glaubt, ich wollte dort. Aber sie glaubt mir nicht, dass ich nicht hatte.
– Sie sieht eine der Möglichkeiten als Wahrheit an.
– Was ist schon Wahrheit.
– Du zitierst den Statthalter Jerusalems, als er Jesus zum Kreuzigen verurteilt hatte.
– Na und?
– Angenommen ich werfe jetzt mein Kölschglas hoch, was passiert dann?
– Es wird auf dem Boden zerbersten.
– Warum sollte es so sein? Wenn ich das Glas hoch werfe und es zu Boden gefallen ist, dann weiß ich – ohne wenn und aber – ob es zerbrochen ist.
– Schön. Und was willst du damit sagen?
– Solange ich das Glas nicht geworfen habe, gibt es unter anderen die folgenden Möglichkeiten: das Glas zerbricht, das Glas bleibt ganz, das Glas erhält nur einen Sprung, das Glas bleibt oben, das Glas bleibt in der Luft stehen, das Glas löst sich in seine Atome auf, das Glas fällt ewig durch ein Loch ins Universum …
– Jetzt bleib mal auf dem Teppich. Das Glas wird auf den Boden fallen und zerbrechen.
– Nicht wahr? Das Ergebnis raubt uns alle Möglichkeiten, die ich mir gerade überlegt hatte, nicht wahr. Das Ergebnis macht arm.
– Schön. Und nochmals: Was willst du mir damit sagen?
– Die Wahrheit raubt uns alle Möglichkeiten. Das Ist an sich ist einfältig. Das Kommende, das Zukünftige, dagegen aber ist vielfältig. Nur die Wirklichkeit, also das Ergebnis, ist ohne Möglichkeit.
– Herr Oberspielleiter! Nochmals ein Kölsch für zwei! Der hier neben mir will in meinen Synapsen einen Kurzschluss verursachen.

Der Wirt blickte maliziös lachend zu uns herüber und fuhr fort, Gläser zu spülen. Mein Nachbar versuchte meinen Blick aufzufangen.

– Deine Frau hat eine Möglichkeit als Wahrheit ergriffen und damit dem Kommenden alle Zukunft beraubt. Sie hat euch eurer zukünftigen Vielfalt beraubt.
– Stimmt. Sie ist Schuld, dass ich im Puff war!
– Quatsch. Ich rede nicht von Schuld, sondern Verursachung und Ursache. Schuld ist eine moralische Frage.
– Aber darum geht es doch.
– Okay für dich schon. Aber nicht bei den Papieren von PentAgrion.
– Sondern?
– Gewissheit und Wissen machen arm. Das wurde bereits auch schon in der Bergpredigt der christlichen Bibel geschrieben: „Selig sind die, die geistig arm sind, denn ihrer ist das Himmelreich.“ Anders ausgedrückt formuliert: Wissende werden mit Glücksentzug bestraft. So wurden auch Adam und Eva gleich aus dem Paradies geschmissen.
– „Sie wussten zu viel.“ Hört sich ja an wie in einem Mafia-Film. Der letzte Satz bevor der Schuss fällt und der Mitwisser röchelnd stirbt.
– Mag sein. Aber das Fehlen oder der Entzug von Glück hat die Menschheit weiter gebracht. Jemand, der immer ausgeglichen, zufrieden und selbstgenügsam ist, der empfindet niemals den Drang nach Forschung und Wissen. Und zu allem Verhängnis kommt auch noch hinzu, dass das Gefundene und Entdeckte nur kurzfristig zufrieden stellt.
– Und das heißt jetzt?
– Hättest du die Papiere von PentAgrion jetzt vor dir liegen gehabt, dann hätte dich diese Wahrheit aller Möglichkeiten beraubt gehabt.
– Und weil ich sie nicht vor mir habe, erlebe ich jetzt ein Chaos in meinem Leben?
– Eine Zukunft mit vielen Möglichkeiten.
– Super. Mir stehen wieder alle Frauen der Welt offen? In meinem Job kann ich wieder von vorne anfangen? Sind das die vielfältigen Möglichkeiten?

Ich griff nach meinem Kölsch und leerte es ärgerlich.

– Die Wissenschaftler haben für deine Situation ein herrliches Gedankenexperiment.
– Welches?
– Schrödingers Katze.
– Was für ne Pussy?
– In der Quantentheorie der Physik gibt es den Satz, dass Messungen physikalische Zustände beeinflussen. Beispielsweise hat jedes Wasserstoffatom ein Elektron, welches sich in einer Art Hülle um das Atom herum bewegt. Zusätzlich hat das Elektron auch noch eine Eigenrotation. Aber jedes Mal wenn dieser sogenannte Spin gemessen wird, kann der sich ändern. Es ist daher nur eine Momentan-Aussage über den Zustand möglich.
– Sind wir in einer Kneipe oder im Chemieunterricht?
– Warte. Schrödinger hatte aufgrund dieser Sache in einem Gedankenexperiment eine Katze in einer Holzkiste mit einer definierten Menge instabiler Atome gesetzt. Zerfällt jetzt ein Atom in der Kiste, löst dieses einen Mechanismus aus, der wiederum eine Zyankali-Kapsel zerstört, womit die Katze getötet wird.
– Danach hat Schrödinger sicherlich Probleme mit PeTA erhalten.
– Es scheint also nur zwei Zustände zu geben. Zustand 1: Atom ganz, Katze lebt. Zustand 2: Atom zerfallen, Katze tot. Jetzt befinden wir uns also auf Atomebene und das Atom befindet sich auf dem Weg zum Zerfall. Also befindet sich auch die Katze in einem Zwischenstadium aus Tod und Leben.
Aber dann brauch ich ja nur die Kiste zu öffnen, und schon sehe ich, ob die Katze tot oder lebendig ist.
– Genau. Und da greifst du in dem Experiment mit deiner Messung ein und veränderst die Realität. Tot ODER lebendig, während sie vor deiner Messung Tot UND Lebendig war.
– Curiosity kills the cat. Neugierde tötet die Katze.
– Richtig. Die Messung und die Befriedung des eigenen Wissens bestimmt den Zustand der Katze. Sie greifen in die Wirklichkeit ein und rauben vielfältige Zukunftsmöglichkeiten.
– Wie? Sollte die Katze etwa spurlos aus der abgeschlossenen Kiste verschwinden? Sie kann doch nur tot oder lebendig sein. Die Chancen sind 50:50.
– Mit dieser Annahme und Erzwingung der Wirklichkeit raubst du dir die Zukunft. Deine Frau nimmt an, dass du im Puff zum Vögeln warst. Sie wird dir nie glauben, dass du in Architektur und mathematischen Verhältnissen weiter gebildet wurdest.
– So ein Quatsch!
– Bestimmten Heiligen wird die Fähigkeit der Bilokation nachgesagt. Sie sollen zeitgleich an zwei verschiedenen Orten aufgetaucht sein.
– Das kenne ich von Handwerkern. Wenn man die braucht, sind die überall und nirgends. Aber nur nicht dort, wo man sie braucht.
– Andere Heilige sollen über die Fähigkeit des Fliegens, der Levitation, verfügt haben. Schließt man dieses aber von vornherein aus, dann bleibt nur der Schluss, dass es sich hierbei um fromme Legenden handeln muss.
– Du glaubst doch nicht etwa an den Quatsch?

Er schaute mich lächelnd an. Doch, er glaubte daran. Diese Antwort schien ihm auf der Stirn gemeisselt.

– Was wäre, wenn es kein Quatsch wäre?
– Dann müsste Bilokation und Levitaion reproduzierbar sein. Warum sollte es nur von Heiligen beherrschbar sein?
– Im alten Ladakh in Tibet gibt es Mönche, die von sich behaupten, dass sie es beherrschen.
– Und warum tun sie es dann nicht, um Zweifel auszuräumen?
– Weil es denen nicht wichtig ist. Weil es die ganzen anderen Materialisten in die Verzweiflung treiben würde. Denn deren existentialistisches Leben bar jeder vielfältigen Zukunft ist nicht nicht das der Mönche. Wie furchtbar ist Wissen, wenn es dem Wissendem keinen Gewinn bringt?

Ich rollte mit den Augen. Mein Kölsch neigte sich wieder dem Ende entgegen. Proportional zu meinem Unverständnis dem gegenüber, was er mir da so erzählte.
Ich setzte noch einen neuen Versuch ihn zu verstehen:

– Und die Papiere von PentAgrion?
– Wären sie Realität geworden, hättest du sie vor dir, dann hätten sie dein Leben einfältiger und einfarbiger gemacht.
– Eintöniger?
– Du hast die Messung nicht vollzogen, die Kiste zu Schrödingers Katze noch nicht geöffnet. Du kannst nicht definitiv sagen, das Atom sei zerfallen und die Katze deswegen tot. Die Katze schwebt für dich noch immer zwischen tot und lebendig.
– Tot oder lebendig?
– Tot UND lebendig! Erst wenn du in die Kiste hinein schaust kannst du das Wort ODER nutzen. Vorher ist der Zustand zwischen den beiden Extremen.
– Soll das heißen, nur wenn ein höheres Wesen uns beobachtet, dann kann damit etwas über unseren Zustand ausgesagt werden? Jemand, der unser Biotop wie unter einem Mikroskopenauge betrachtet, und dann seine Erfahrungen vom aktuellen Zustand niederschreibt ? Damit wir es lesen? Damit wir wissen, wer wir sind?
– Du sagst es. Wie PentAgrions Papiere, die PentAgrion in seiner zehnjährigen Aufenthaltsphase zusammengestellt hatte.
– Und solange diese Papiere nicht der Öffentlichkeit wieder zugänglich sind, sondern lediglich bei einigen wenigen herum fliegen, solange interpretieren wir nur unsere Welt unzulänglich?
– Die Philosophen haben die Welt verschieden interpretiert. Letztendlich kommt es ja darauf an, sie zu gestalten.
– Jetzt hast du fast Karl Marx zitiert. Aber der Marx hat in Schrödingers Kiste auch nicht hinein blicken können.
– Einige haben es vor 20 Jahren aber getan.
– Und dann haben sie festgestellt, dass die Katze nicht gefüttert wurde, der Sozialismus tot verhungert war.
– Dafür haben sie sich konsequent des „Oder“s angenommen und die Mauer fallen lassen.
– Eine Warnung für uns heute. Wir sollten den Blick in der Kiste Schrödingers dem Kapitalismus verbieten. Sonst bliebe uns wieder nur ein ODER.
– Wiederholungen gefallen nicht.
– Und wer weiß dann schon, vielleicht existiert die Kiste mit Schrödinger seiner Katze auch gar nicht. Vielleicht ist unsere Kiste zum Öffnen lediglich die verkleidetet Büchse der Pandorra und alles käme noch schlimmer.
– Ja, wer weiß.

Das Thema war zerredet.
Wir saßen schweigend nebeneinander.
Während ich meine Kölschstange schweigend auf dem Tresen drehte, fragte ich mich, ob sich mir ein zweites Mal die Chance bieten würde, nach Remagen zu reisen, um an die Papiere des PentAgrion zu gelangen.

Draußen wurde es dunkel. Ich zahlte. Um 18:00 hatte ich noch einen Termin beim Scheidungsanwalt.

PentAgrion und seine Papiere.
Ich wurde das Thema nicht los.

(Fortsetzung hier)

Auf den Weg zu den Papieren des PentAgrions

Was vorher geschah:
Prolog, Teil 1, Teil 2, Teil 3, Teil 4, Teil 5, Teil 6, Teil 7, Teil 8, Teil 9, Teil 10, Teil 11

***

Längst sitze ich nicht mehr am Hotelfenster, wenn ich jetzt aus einem Fenster hinaus schaue. Mueder_JesusDas Hotelzimmer konnte ich wieder mit meinen eigenen vier Wänden tauschen. Irgendwie geht das Leben weiter. Nur, getrennt in den eigenen vier Wänden zu leben, ist schwierig. Im Endeffekt ist ein gemeinsames Leben manchmal wie ein Ausziehtisch: Ausgezogen gibt es für alle mehr Platz.

Die Suche nach dem PentAgrion-Traktat habe ich für mich beendet. Meine letzte Hoffnung, noch eine Kopie der Papiere zu erhalten, war hinüber, als ich meine Hose in dem Waschsalon in die Waschmaschine schob. Ich zog es beim Bügeln sauber gefaltet und gewaschen aus der linken Hosentasche. Das Faltblatt, welches ich in Köln erhalten hatte, vom Jürgen aus Remagen, der mir eine Kopie zuschicken wollte. Lediglich der Goethe Text vom Hexen-Einmaleins war dort noch zu entziffern:

„Du mußt versteh’n! / Aus Eins mach Zehn, / Und Zwei laß geh’n, / Und Drei mach gleich, / So bist Du reich. / Verlier die Vier! / Aus Fünf und Sechs, / So sagt die Hex’, / Mach Sieben und Acht, / So ist’s vollbracht: / Und Neun ist Eins, / Und Zehn ist keins. / Das ist das Hexen-Einmaleins!“

Auch ohne dieses faustische Gedicht hatte ich bereits Probleme „eins“ und „eins“ zusammen zu bringen. Die Fülle der Informationen hatte mich im wahrsten Sinne des Wortes überwältigt, aber dem Ziel, dass zu erkennen, was sich dahinter verbarg, ein Stückchen näher zu kommen. Mir erging es wie dem Jesus, den ich über einer Dominikanerkirche in Rottweil antraf: Ratlos. Da saß ich nun ich armer Tor, klüger war ich nicht geworden. Diese Situation frustrierte, weil das ganze Wissen ohmächtig machte. Was nützt das ganze Wissen, wenn man damit nichts anfangen kann.

Hermann Hesse hatte mal geschrieben:

„Echte Bildung ist nicht Bildung zu irgendeinem Zwecke, sondern sie hat, wie jedes Streben nach Vollkommenen, ihren Sinn in sich selbst.“

Vielleicht lag ja hierin der Schlüssel zu den Papieren des PentAgrions.

Goethe verfasst einen Brief an Karl Ludwig von Knebel, dem Hofmeister des Prinzen Konstantin in Weimar, mit folgenden Sätzen:

„Die rechte Art, ihm beizukommen, es zu beschauen und zu genießen, ist die, welche Du erwählt hast: es nämlich in Gesellschaft mit einem Freunde zu betrachten. Überhaupt ist jedes gemeinsame Anschauen von der größten Wirksamkeit; denn indem ein poetisches Werk für viele geschrieben ist, gehören auch mehrere dazu, um es zu empfangen; da es viele Seiten hat, sollte es auch jederzeit vielseitig angesehen werden.“
(Brief vom 14. November 1827)

Philosophenweg

Vielleicht müsste das Traktat von PentAgrion genauso behandelt werden. Vernetzt betrachtet, wäre dem auf die Spur zu kommen. Auf mich allein gestellt konnte die Suche nach dem Wissen um die Papiere des PentAgrions nur sinnlos sein und in einer privaten Katastrophe enden. Alleine und zu Fuß war der Weg zu den Papieren nicht beschreitbar.

Diese Erkenntnis vermochte mich allerdings nicht wirklich zu trösten. Jenes Gefühl, einen Zipfel der Erkenntnis zu erlangt zu haben und das dieser mir dann entwischt ist, dieses Gefühl war nicht wirklich erbaulich. Wie gewonnen, so zerronnen. Der Weg zu den Papieren des PentAgrions hatte sich mir verschlossen.

Es bleibt nur noch die letzte Hoffnung, dass sich der Zipfel von jenem Mantel der Geschichte noch wiederfindet, der den Blick auf die Papiere des PentAgrion verschleiert.
In der Hoffnung, dass sich bei solch einer Gelegenheit erklärt, was es mit den Papieren des PentAgrion nun wirklich noch auf sich hat, leite ich an dieser Stelle die Einladung zur langen Deniere-Lesenacht bei Trithemius weiter:

Einladung-Lesenacht

Fortsetzung

Maxwells Silberhammer

Was vorher geschah: Prolog, Teil 1, Teil 2, Teil 3, Teil 4, Teil 5, Teil 6, Teil 7, Teil 8, Teil 9, Teil 10

***

Draußen ist Vollmond, während ich diese Zeilen in meinem Zimmer schreibe, der 2. November 2009.

Dem Vollmond werden starke Kräfte nachgesagt. Hexen reiten dann auf ihren Besen, einsame Werwölfe streifen durch nebelverschleierte Wälder, Eulen haben besonders große Augen und Fledermäuse fleddern im Lichte des Vollmondes außer Motten und Mücken auch noch Kühe, Ratten und Menschen. Hunde jaulen wehmütig den Vollmond an, weil sie vermuten, was wir bereits seit Langem wissen: Da oben wohnt kein Mensch. Eine menschenfreie Zone.

Ich sitze hier und lecke mir meine Wunden. Heulen könnte ich wie ein Hund. Die Ereignisse hatten sich mit jener Polizeikontrolle verselbständigt. Die Polizei nahm mich mit, weil ich meinen Personalausweis nicht dabei hatte. „Wir müssen Ihre Personalien auf dem Revier überprüfen. Kommen Sie bitte mit“, waren die Worte des Polizeibeamten. Unter Aufsicht durfte ich mich anziehen und nach etlichen Stunden des Wartens wurde ich gegen vier Uhr morgens in ein Polizeirevier gefahren. Eine knappe halbe Stunde später stand ich wieder an der frischen Luft, orientierungslos nach einem Taxi Ausschau haltend.

Bei meinem Abschied vom Revier meinte der protokollierende Polizeibeamte nur noch:
„Sie erhalten einen Anhörungsbogen von uns geschickt. Wir brauchen noch weitere Angaben von Ihnen. Sie sollten es Ihrer Frau beichten, damit ihr Schock nicht zu groß wird.“

Das war jetzt allerdings mein kleineres Problem. Ich war hundemüde und hatte zu allem Überfluss auch noch den Geschäftstermin in Wuppertal-Elberfeld vor mir. Im Hotel angekommen war mein erster Gang zur Kaffeemaschine vom Frühstücksbuffet. Ich schenkte mir eine große Tasse ein und ging Richtung Aufzug. Den ersten Schluck nahm ich noch vor dem Aufzug, den Zweiten im Aufzug, den Letzten, als ich die Code-Karte in den Türschlitz zu meinem Zimmer schob. Den Mischhebel der Dusche hatte ich auf „kalt“ gestellt. Trotz heißem Kaffee und kalter Dusche war ich noch immer nicht so richtig wach. Eine halbe Stunde später stand ich erneut vor dem Kaffeeautomat.

Kurz vor sieben. Der Termin war für elf angesetzt. Ich setzte mich in der Hotellobby in eine der Sessel, um noch bis zur Abfahrt ein wenig Zeitung zu lesen. Als mich der Hotelangestellte weckte, war es bereits fast zehn Uhr. Meine Kalkulation, rechtzeitig vor elf in Wuppertal einzutreffen, wurde am Leverkusener Kreuz gründlich zunichtegemacht. Entsprechend begeistert war dann der Anruf meines Chefs.

„Da spendiere ich dir einen Wellness-Abend und du übertreibst es. Hast du wenigstens den Mietwagen heil gelassen?“
„Ich konnte nichts dafür, ich bin in eine Polizeikontrolle geraten.“
„Ja, ja, ja, Ausreden hast du dauernd auf Lager. Aber erst die Arbeit und dann das Vergnügen, Junge!“
„Das ist keine Ausrede!“
„Und noch was: Wenn du jemanden unsere Faxnummer gibst, dann stelle vorher sicher, dass damit kein Faxspam geschickt wird. Einer deiner sauberen Freunde hat 50 Seiten Müll übers Pentagon gefaxt. Einen Termin schmeißen und dann noch geschäftliche Nummern für Privates nutzen, du kannst dich auf eine scharfe Abmahnung einstellen.“

Mein Chef warte meine Antwort nicht mehr ab und legte auf. Na, toll. Ich befürchtete, dass das, was mein Chef „Pentagon-Faxspam“ nannte, offensichtlich die Papiere des PentAgrion gewesen waren. Ich versuchte, unsere Teamassistentin anzurufen, um in Erfahrung zu bringen, ob die 50 Seiten noch aufbewahrt oder bereits weggeschmissen waren. Nach fünf Minuten hatte ich die Teamassistentin am Telefon. Sie reagierte kühl und distanziert. Ja, sie hatte das Fax entsorgt. Nein, es wäre ihr egal, ob es „Pentagon-“ oder „PentAgrion“-Papiere seien, sie würde die Papiere nicht wieder aus dem Müll fischen. Und süffisant fügte sie hinzu, zudem könne sie nicht mehr weiter telefonieren. Sie würde gerade an einer Abmahnung für denjenigen schreiben, der das Wuppertal-Projekts geschmissen hätte. Noch bevor ich mich rechtfertigen konnte, hatte sie aufgelegt. Ich schien beliebt wie die Pest.

Den dunkelblauen Audi TT neben mir auf der Autobahn hatte ich nicht beachtet gehabt. Erst als aus dessen Seitenfenster energisch winkend eine rote Polizeikelle auftauchte, merkte ich, dass es etwas Besonderes mit den beiden Fahrern auf sich hatte. Nach dem Vollstrecken der Formalitäten (ein Punkt in Flensburg und 40 Euro für das Telefonieren hinterm Steuer) und der Bemerkung, dass ich etwas übermüdet aussehe, konnte ich weiter fahren.

Drei Staus später kam ich am Kölner Flughafen an. Die Fahrzeugrückgabe zog sich in die Länge. Der Mann an der Rückgabestation ließ sich beim Begutachten der Karosserie Zeit. Der Mann war einer der gründlicheren Sorte. Sorgen machte ich mir deswegen aber keine, denn mein Flug ging am frühen Abend und Zeit hatte ich ja genug.

Zeit. Kaum hatte ich das Wort gedacht, wurde mir klar, dass ich die mir verbliebene nicht richtig genutzt hatte. Das Mietfahrzeug hatte ich nicht vollgetankt zurückgegeben. Somit erhöhte der Mann die Rechnung pauschal um 100 Euro. Super. Wie sollte ich das meinem Chef erklären? Die 100 Euro durfte ich selber tragen, da war ich mir sicher.

Zeit. Zu allem Überfluss hatte der Flieger auch noch Verspätung. Eine Stunde. Da konnte ich die Personenüberprüfung innerlich für mich zum Sicherheitsbereich des Flughafens schon als soziale Zuwendung wegbuchen. Der Sicherheitskontrolleur meinte es besonders gründlich mit mir. Dreimal schickte er mich durchs Metalldetektor-Portal. Beim zweiten Mal ohne Schuhe, beim dritten Mal ohne Gürtel. Aber das Portal wollte nicht schweigen. Danach griff er mich manuell ab. Letztendlich musste ich meine Krawattennadel abgeben. Er meinte, ich könne sie als Waffe verwenden. Meine Proteste blieben wirkungslos. Selbst sein Chef war der Meinung, mit meiner Krawattennadel würde ich die Flugzeugsicherheit gefährden.

Zeit. Von der erhielt ich im Laufe des Abends noch genügend. Der Flug wurde wegen technischer Probleme annulliert und ich auf den ersten Flieger am nächsten Morgen gebucht. Ich beschloss am Flughafen zu bleiben, denn ich befürchtete, würde ich in ein Hotel gehen, ich könnte verschlafen. An einem Kiosk kaufte ich mir ein Buch, eine Ersatzkrawattennadel und drei Flaschen Kölsch als Einschlafhilfe. Eine Sitzreihe diente mir als Schlafgelegenheit. Der Weckdienst kam pünktlich gegen fünf Uhr morgens: Ein Schäferhund begleitet von zwei Polizeibeamten. Eine Personalausweiskontrolle später erhielt ich den Hinweis, dass mein Schnarchen Lärmbelästigung gewesen wäre und ich nicht mehr weiterschlafen dürfe.
An einem Kiosk organisierte ich mir Kaffee.

Das Warten auf meinen Flieger in zwei Stunden hatte begonnen. Ist es erwähnenswert, dass mein Flieger mit einer Stunde in München landete? Oder interessiert es wen, dass der Triebwagen meiner S-Bahn für weitere Verspätung sorgte? Oder dass mir mein Chef kurz angebunden per Handy Urlaub bis zum Ende der Woche verordnete? Der nächste Schicksalsschlag erwartete mich dann zu Hause. Im Grunde war es aber nicht wirklich eine Überraschung. Die Polizei arbeitete schneller, als ich mir dachte. Meine Frau hatte den Briefumschlag bereits geöffnet gehabt und las das Schreiben und den Anhörungsbogen. Sie erwartete mich bereits am Wohnzimmertisch, den Brief vor sich liegend. Es war ihr gleichgültig, ob ich nur Kölsch getrunken hatte oder ob ich eine Frau gebucht hatte. Für sie zählte allein die Absicht und der Wunsch mich nicht mehr in der Wohnung zu haben.

Draußen ist Vollmond, während ich diese Zeilen schreibe, an diesem 2. November. Durch das Hotelzimmerfenster starre ich hinaus in die Nacht. Der Mond erleuchtet den Hinterhof. Am Fenster gegenüber konnte ich ein Pärchen ausmachen. Und das gibt sich jetzt bei geöffnetem Fenstervorhängen dem klassischen Akt hin, worum mich wahrscheinlich jetzt alle Spanner dieser Welt beneiden werden.
Im Hintergrund startete das kleine Nachttischradio, ein altes Beatles-Lied zu spielen. Ein Déjà-vu der letzten Tage:

Joan was quizzical / Johanna war skeptisch
Studied pataphysical / studierte pataphysische
Science in the home. / Wissenschaft zu Hause.
Late nights all alone / Nachts mutterseelenallein
With a test tube. / mit einem Reagenzglas
Oh, oh, oh, oh.

Maxwell Edison
Majoring in medicine / Studienschwerpunkt Medizin
Calls her on the phone. / rief sie an
„Can I take you out to the pictures, / Kann ich dich ins Kino ausführen?
Joa, oa, oa, oan?“

But as she’s getting ready to go, / Als sie sich aber zum Ausgehen fertig macht
A knock comes on the door. / klopf es an ihrer Tür.

Bang! Bang! Maxwell’s silver hammer / Bäng! Bäng! Maxwells Silberhammer
Came down on her head. / traf sie auf ihren Kopf

Bang! Bang! Maxwell’s silver hammer / Bäng! Bäng! Maxwells Silberhammer
Made sure she was dead. / stellte sicher, dass sie tot war.

quoted lyric by The Beatles

(Fortsetzung hier)

Le Corbusier und der Versuch, einem weißen Kaninchen zu folgen

Was vorher geschah: Prolog, Teil 1, Teil 2, Teil 3, Teil 4, Teil 5, Teil 6, Teil 7, Teil 8, Teil 9

***

Ich kam zurück zum Hotel. Mein Kampf mit dem Mietwagen zuerst über den völlig zugestauten Kölner Ring und dann noch über den Kölner Hohenzollernring hatte ich mit stoischer Geduld gemeistert. Direkt gegenüber dem Hotel am Waschsalon hatte ich auch einen kostenlosen Parkplatz ergattern können.

So ganz hatte ich die Ereignisse nicht verdaut. Zuerst das Aufwachen mit der Erinnerung an die Träume, dann der Besuch bei Jürgen und den Papieren, die ich gelesen hatte, und dann noch jene Frau in der Appolinaris-Kirche.

Die Frau sagte, dass ich einem Phantom hinterher jage. Bei meinem Besuch zuvor schien ich entweder auf die Papiere oder deren Fragment gestoßen zu sein. Zumindest wollte Jürgen mir eine Kopie davon schicken. Und dann war da auch noch mein Kneipenkollege, der mich einen Abend lang über PentAgrion, Illuminaten, Volkswagen, Hannover und einem Trithemius zugetextet hatte.

Wenn es das Traktat oder die Papiere des PentAgarion wirklich geben sollte, dann müsste ich ja bald eine Kopie in den Händen halten, so vermutete ich. Denn Jürgen hatte ja am Schluss eindeutig „Papiere des PentAgrion“ gesagt gehabt.

Auf dem Hotelzimmer schaute ich auf mein Handy. Eine SMS von meinem Chef:
„Wuppertal-Elberfeld morgen gegen elf ist bestätigt. Viel Spaß noch beim Wellness. Ich empfehle das ‚Samya‘. Lass aber den Mietwagen ganz!“

Wellness. Fast hätte ich das vergessen. Es kam mir jetzt irgendwie gelegen. Vielleicht konnte ich diesmal entspannen und das ganze PentAgrion-Gesummse vergessen. Schlecht wäre das nicht. Ich nahm eine freundliche Dusche und zog mir legere Kleidung an und fuhr in die Hotellobby hinunter.

Nur, wo gab es in Köln diese Wellness-Gelegenheit ‚Samya‘? Ich fragte die Hotelangestellte an der Rezeption.

„’Samya‘? Das liegt in Köln-Rodenkirchen. Soll ich Ihnen ein Taxi rufen?“
„Ja, bitte.“

Samya. Komischer Name. Er hörte sich arabisch an. Vielleicht eines der neuen Hamam-Bäder. Sollte mir recht sein. Das würde mich auf andere Gedanken bringen.
Das Taxi kam recht bald. Ich nannte ihm den Namen, der Taxifahrer nickte und und schon ging die Fahrt los. Die Fahrt war recht schweigsam und es gab nur eine kurze Konversation:

„Was heißt eigentlich ‚Samya‘?“
„Das ist arabisch und heißt ‚der Schein‘.“
„Aha. Und wieso heißt es ‚der Schein‘?“
„Ihr habt vielleicht komische Fragen.“

Mehr Gespräch war nicht. Selbst das Bezahlen lief beinahe beängstigend schweigend ab.
Vor mir lag ein fast quadratischer Bau mit einem versteckten Parkplatz und ebenso verstecktem Eingang. Mit ausgestrecktem Zeigefinger drückte ich den kupfernen Klingelknopf und der Türsummer antwortete. Ich trat ein. Eine Frau empfing mich und erklärte mir, dass sich die Saunen mit dem Swimming-Pool im Keller befänden. Handtücher, Getränke und Abendessen wären im Preis von 50 Euro inbegriffen. Massagen und so müsse ich extra mit dem Service-Personal verrechnen. Sie redete so emotionslos, fast so, als ob es nicht sie wäre, die reden würde, sondern eine Sprachpuppe. Sie schaute mich auch nicht an. Ich hatte das Gefühl irgendwie nicht wirklich anwesend zu sein. Als ich den Fünfziger auf den Tresen legte, griff sie mechanisch zu und reichte mir ein weißes Bündel. Ein großes Handtuch. Sie wies mir den Weg zu den Umkleiden und den Duschen und verschwand danach wieder.

Um es kurz zu machen: Ich musste feststellen, nicht in einem Wellness-Club zu sein. Als ich den Bereich der Kasse verlassen hatte, war mir sofort klar, dass das ‚Samya‘ nicht wirklich ein Wellness-Club war. Und wenn, dann war der nur für Männer gedacht. „Bordell“ wird so etwas ganz desillusionierend bezeichnet. „Wellness-Club“ ist für so etwas eine beschönigende Bezeichnung. „Puff“ trifft es besser.

Ich erinnerte mich an ein Zitat von Clark Gable, warum er den Service von Prostituierten in Anspruch nehmen würde: „Weil ich sie danach heimschicken kann …“. Hier war es auch nicht schwer: Weil ich danach einfach gehen kann und dann hast du sie nicht mehr gesehen.

Ich überlegte kurz, ob ich mein Eintrittsgeld zurückfordern sollte, um dann zu gehen, oder ob ich bleiben sollte. Es erscheinen Engelchen und Teufelchen auf meiner Schulter: Engel links, Teufel rechts und fingen an, in mein Gewissen zu reden. Ich hatte mich inzwischen umgezogen und stand unter der Dusche. Irgendwie müssen die dabei von meinen Schultern weggespült worden sein. Ich hörte beide nicht mehr, als ich mich im Erdgeschoss an die Theke setzte.

„Kölsch?“

Der Kellner wedelte mir mit einer leeren Kölschstange vor der Nase herum. Ich nickte. In Sichtweite lag das Buffet. Ein Blick zeigte mir Kroketten, Reis, Geschnitzeltes, Würstchen, Suppe und Brot.

Es mag vielleicht sich extrem seltsam anhören, aber die ganzen PentAgrion-Gedanken waren wie weggewischt. Meine Gedanken waren bei den Mädchen, die hier am Tresen saßen oder die an mir vorbei liefen. Mir kam das Ganze irgendwie paradiesisch vor. Schickt die ganzen Gotteskrieger hier her, da finden die ihre Jung-Frauen und können mit dem vielen Geld, von dem die Bomben und Granaten kaufen, hier paradiesische Zustände erleben. Und die anderen Menschen könnten ihr Leben unbeschadet weiterleben.

Ein Mädchen setzte sich zu mir. Sie stellte sich als ‚Fabiana‘ vor. Wir kamen ins Gespräch. Es war trotz der Situation in dem Bordell vollkommen asexuel. Anfangs. Denn wie in jedem deutschen Gespräch fällt nach den ersten Anschnuppersätzen die Frage nach dem „was machst du denn so“.

So erklärte ich ihr, was ich so tagsüber trieb und sie erzählte mir, dass sie Studentin sei. Sie würde Architektur in Aachen studieren. Ja, nee, is klar, Studentin. Musste ja so sein. Mir fielen die zahlreichen deutschen 70er Jahre Jodelpornos ein. Dort waren die Darstellerinnen alle Studenten und sexbesessen. So etwas zieht immer als Legende und auch hier zur perfekten Illusionserfüllung.

„Und was behandelt ihr so gerade? Irgendetwas spezielles?“
„Meier.“
„Meier?“
„Richard Meier. Wir nennen ihn bei uns Studenten scherzhaft auch immer wieder mal ‚Privatsekretär Meier‘.“
„Wer ist das?“
„Ein US-amerikanischer Architekt.“
„Erzähl.“
„Er konstruierte weiße Einfamilienhäuser und Villen, die die Ideen von Le Corbusier verwirklichen.“
„Welche Ideen?“
„Die Ideen, die Goldene Zahl so oft wie möglich in den Gebäuden einzuarbeiten.“

Goldene Zahl? Nein, bitte nicht. Nicht schon wieder. Sie meinte doch wohl nicht die Fibonacci-Folge?

„Du weißt, was die Goldene Zahl ist?“

Ich verneinte probeweise.

„Die Goldene Zahl ist eine Konstante, welche das Verhältnis zweier Zahlen zueinander regelt. Sie taucht sowohl in der Natur auf, ist aber nicht so offensichtlich wie die Kreiskonstante Pi. Aber man kann sie auch mittels einer Zahlenreihe bestimmen. Der sogenannten Fibonacci-Folge.“

Ich hatte das Gefühl, verfolgt zu werden. Wollte ich mich hier erholen? Meinetwegen auch Sex haben? Oder mich gleich wieder PentAgrion-Theorien aussetzen? Wenn eine Idee jemanden verfolgt, dann wohl entsprechend Murphys Gesetzen: dort, wo du es nie erwartest. In meinem Fall überall.

„Sagt dir ‚Le Corbusier‘ etwas?“

Nein, den Namen hatte ich noch nie gehört.

„Le Corbusier war einer der bedeutendsten Architekten des 20. Jahrhunderts. Aber viele kennen ihn nicht.“
„Hat er Bedeutsames hinterlassen?“

Sie lachte.

„Und wenn schon. Viele werden es nicht bemerken. Er hat sogar versucht, das menschliche Wesen auf ein Maßsystem zurückzuführen. Er nannte das System ‚Modulor‘.“
„Modulor? Hm. Nie gehört.“
„Kennst du Josephine Baker?“
„Die mit den Bananen-Röckchen?“
„Genau die. Le Corbusier hatte die in Brasilien kennnen gelernt und ist ihr dann auf einen Dampfer von São Paulo nach Montevideo gefolgt. In Le Corbusiers Kabine hat sie dann für ihn gesungen und sich von Le Corbusier nackt zeichnen lassen.“
„Wann war das?“
„1928. Ich wette, die hat sich nicht nur nackt zeichnen lassen. Der hat die auch gepoppt.“
„Aber die Baker war doch verheiratet.“
„Na und? Hier kommen doch auch verheiratete Männer und Frauen ins ‚Samya‘. Du glaubst doch nicht, dass Le Corbusier und die Baker sich die Situation haben entgehen lassen, mal so ordentlich ne Nummer zu schieben.“

Bei ihren letzten Worten sah sie mich eindeutig zweideutig an. Sie hatte mir gerade eine Offerte gemacht, dessen war ich sicher. Aber noch wollte ich nicht drauf eingehen.

„Was war das mit Le Corbusiers Modulor?“
„Le Corbusier nahm als menschliches Standardmaß ein Meter dreiundachtzig an. Und mittels der Goldenen Zahl entwickelte er dann die sogenannte „rote Zahlenreihe“ und die „blaue Zahlenreihe“. Jede nachfolgende Zahl stand zu ihrer Vorgängerzahl in dem Verhältnis der Goldenen Zahl. Und mit diesen Zahlenreihen werden Räume und Möbel konstruiert und errichtet.“
„Die rote und die blaue Pille.“

(In his left hand, Morpheus shows a blue pill.)
Morpheus: You take the blue pill and the story ends. You wake in your bed and believe whatever you want to believe. (a red pill is shown in his other hand) You take the red pill and you stay in Wonderland and I show you how deep the rabbit-hole goes. (Long pause; Neo begins to reach for the red pill) Remember — all I am offering is the truth, nothing more.
(Neo takes the red pill and swallows it with a glass of water)

Sie lachte.

„Ja, der Film „Matrix“ und die beiden Pillen.“
„Ich hatte von der Goldenen Zahl und der Fibonacci-Folge schon gehört. Fibonacci hat doch die Folge mittels populationsfreudigen Hasen entwickelt, oder nicht?“
„Hat er. Mit poppfreudigen Hasen. Die haben nicht viel gelabert, die kamen gleich zur Sache. Darum jetzt meine Frage an dich, mein Bester: Willst du dem weißen Kaninchen folgen?“
„Wie?“
„Im Buch ‚Alice im Wunderland‘ lockt das weiße Kaninchen Alice in seinem Kaninchenbau. Ich habe ein weiße Kaninchen auf meinen Schultern. Wollen wir in meinem Kaninchenbau der Fibonacci-Folge näher auf den Grund gehen?“

Sie drehte ihre Schulter mir zu. Wirklich, sie hatte ein weißes Kaninchen auf ihrem Schulterblatt tätowiert. Ich wollte antworten. In dem Moment ging das Licht an. Geblendet schloss ich meine Augen. Links von mir sah ich uniformierte Menschen in den Raum strömen. Auf der anderen Seite entstand kurz eine Hektik, ein Mann und eine Frau rannten die Treppe nach unten. Vier Uniformierte folgten sofort.

Dem weißen Kaninchen konnte von mir nicht mehr gefolgt werden. Das weiße Kaninchen saß erstarrt vor der Schlange. Fabiana hockte bleich geworden auf ihrem Barhocker. Sie erinnerte mich an mich selber, wie ich letztens in Remagen selber auf der Straße stand: Wie Loths Frau.

Aus dem Pulk der Uniformierten links von uns löste sich ein Individuum in Zivil und schaute in die Runde von uns Halbnackten:

„Polizeikontrolle. Jeder bleibt an seinem Platz. Wir werden jeden nacheinander bei jedem die Identität feststellen. Bleiben Sie bitte ruhig.“

(Fortsetzung hier)

Ist Wasser verdünnbar?

Was vorher geschah: Prolog, Teil 1, Teil 2, Teil 3, Teil 4, Teil 5, Teil 6, Teil 7, Teil 8

***

Ich saß auf einem Felsvorsprung. Lange Zeit war ich gewandert, um mich hier hinsetzen zu können. Das heißt, ich bin nicht aus eigenem Verlangen hierher gewandert. Vielmehr hat mich irgendetwas hierhin getrieben. Obwohl ich jetzt hier auf diesem Felsvorsprung saß und glaubte, ans Ziel gelangt zu sein, fühlte ich, dass es jetzt erst richtig rund gehen würde.

Unter mir lag so eine Art brodelnder Sumpf. Immer wieder schlug er Blasen. Und trotzdem erschien mir, da unten noch etwas mehr als nur bloßer Sumpf zu sein. Angestrengt schaute ich in den Sumpf und nach einiger Zeit erkannte ich, dass dort unten noch anderes Leben war. Irgendwas versuchte da unten, sich dem Ufer entgegen zu arbeiten. Manche Lebewesen schafften es, bis zum Ufer zu gelangen. Hatten sie jedoch gerade eine Hand auf das rettende Ufer gelegt, wurden sie von einer unsichtbaren Macht in die Mitte zurückgezogen.

Solange ich auch zuschaute, keiner schaffte es, je das Ufer zu erreichen.
Doch.
Jetzt.
Ein Lebewesen zog sich mit allerletzter Kraft aufs rettende Ufer und richtete sich auf.
Mein Gott, es war ein Mensch!

Jetzt sah ich auch andere, die sich ans Ufer zogen. Anscheinend haben die sich die ganze Zeit ans Ufer gezogen, aber mir war das wahrscheinlich wehen ihrer braunen, drecküberzogenen Körper und ihrer langsamen Bewegungen in diesen braunen Pfuhl entgangen. Jetzt entdeckte ich auch noch andere mitten in diesem Sumpf, die wie einige andere Menschen in dem See verbissen um ihr Leben kämpften, resignierend aber aufgaben, um dann zu versinken.

Mir war übel. Ich fühlte mich elend. Hier oben ich und da unten die. Und ich konnte nichts für sie tun. Wankend drehte ich mich um. Ich tat einen unsicheren Schritt nach vorne und dann sah ich ihn. Er kam auf mich zu.

„Du? Du hier?“
„Wo du bist, bin auch ich.“
„Und das als PentAgrion?“
„Nenn mich, wie dir beliebt.“
„Wer hat dir gesagt, dass ich hier bin?“
„Nur du.“
„Was soll das heißen?“
„Siehst du den Sumpf da unten?“
„Ja.“
„Es ist der Sumpf der Erkenntnis.“
„Der Sumpf der … Was?!?“
„Jeder Mensch muss in den Sumpf der Erkenntnis.“
„Sag mal, bist du blöd im Kopf?“

Er sah mich lächelnd an.

„Wieso sagst du nichts?“

Er lächelte mich immer noch an und machte einen Schritt auf mich zu. Unwillkürlich wich ich zurück. Was hatte er vor?

„Lass mich in Ruhe!“

Doch offensichtlich hörte er nicht mehr auf mich. Lächelnd machte er erneut einen Schritt auf mich zu.

„Bleib, wo du bist!“

Er hörte nicht. Nochmals trat ich einen Schritt zurück. Ich merkte sofort, dass dieser Schritt einer zu viel war. Wie eine dünne Eisschicht brach der Boden unter mir weg. Ich stürzte ab.
Immer wieder sah ich, entweder wie der immer noch lächelnde PentAgrion sich von mir entfernte oder wie mir der Sumpf in rasendem Flug entgegen kam.
Als Letztes sah ich den Sumpf, wie er mir entgegen raste. Oder besser gesagt, ich sah eine braune Fläche, deren Oberflächenstruktur mir immer deutlicher wurde und dann knallte ich auf.

Es war nur so ein dumpfes Gefühl, aber dies genügte, um mich vollständig aus den Träumen in die Realität zurückzuholen.

Mit offenen Augen lag ich im Hotelbett. Der Schreck saß mir noch in den Knochen. Nachdenken über den Traum, konnte ich jedoch nicht mehr lange, da ich bald wieder ruhig eingeschlafen war.

Wo Berge sind, da sind auch Täler und manche sind ziemlich sumpfig. Nun hatte ich eines dieser Täler gesehen, war dem entkommen und hatte mich wieder auf den nächsten Berg hochgekämpft. Oben war es kalt, aber auch die dünne Luft klar.

„Na endlich hast du es geschafft.“
„Ich kann nicht mehr.“
„Schau, Careca, da unten das Tal!“
„Tal?“
„Vor dir.“
„Ach so.“
„Hey, du bist nicht gerade begeistert davon?“
„PentAgrion, ich bin kaputt. Ich bin unaufhörlich gewandert. Mehrmals ausgerutscht und den Berg runtergerutscht, ich hab mir Wunden zugezogen, die gerade erst geheilt sind und jetzt da ich diesen verdammten Berg, den du einen ‚Hügel‘ nennst, bezwungen habe, da willst du mich schon wieder für ein Tal begeistern, eine ‚Untiefe‘ wie du so etwas sprachlich dauernd beschönigst, nur damit ich nachher wieder herabsteige? Und wenn ich da unten bin, was dann? Dann werde ich vielleicht feststellen, dieses Tal ist total versumpft, dass es eine einzige Sumpfblase ist? So wie das Letzte, wo ich hineinstürzte? Nein, mein Freund, ich will hier oben bleiben, die Aussicht genießen, mich erholen, an der kühlen klaren, dünnen Luft berauschen, in den Tag hinein träumen, die Sonne genießen.“
„Du genießt die Aussicht, erholst dich, träumst in den Tag hinein, genießt die Sonne und vergisst, dass es vor dir etwas viel Aufregenderes gibt, was vielleicht Überraschungen für dich bereithält. Schau dich um, Careca. Du siehst hier viele andere Menschen, die nicht über diesen Berg gekommen sind, die in deiner kühlen klaren, dünnen Luft berauscht der Höhenkrankheit erlegen und erfroren sind. Menschliche Eissäulen, festgefroren auf diesem Berg hockend. Irgendwann, wenn du von dem vielen Träumen, Erholen und Genießen müde bist und du versuchst dich davon zu erholen, dann wirst du das Tal vielleicht sehen und plötzlich träumst du von einem grünen Tal, voll von Bäumen, von einem Sonnenuntergang hinter den Bergen, davon, dass sich im Tal bestimmt mehr Leben abgespielt hätte, dass dort alles eine Veränderung, eine wirklich permanente Veränderung durchmacht und dass nicht das Tal morgen genauso aussieht, wie hier oben diese ungastliche Stein- und Schneewüste, sondern ein völlig anderes Gesicht hat. Aber deine Träume werden Träume bleiben, da du zu müde bist, hinabzusteigen. Ein besseres Zuhaus als hier oben findest du unten allemal. Komm mit ins Tal hinab.“
„Ich bin im Augenblick zu müde, PentAgrion.“
„Oder vielleicht einfach nur berauscht durch diese unwirkliche Welt hier oben?“
„Nein, das nicht. Aber wieso können wir hier auf diesem Berg keinen Wald anpflanzen? Denselben Plan wie mit dem Tal hier oben auf den Berg übertragen?“
„Weil hier oben keine Bäume in den Himmel wachsen können.“
„Woher willst du also wissen, dass es da unten im Tal klappt?“
„Ich vertrau darauf.“
„Du vertraust darauf? Gut, PentAgrion, aber gesetzt den Fall, dort unten befindet sich kein nährreicher Boden, kein Sumpf, den man urbar machen könnte? Gesetzt den Fall wir treffen da unten nur eine zweite Steinwüste an?“
„Du wirst keine Steinwüste antreffen. Das ganze Regenwasser, das diesen Berg herab floss, hat sich dort unten gesammelt und mit dem Wasser potenten Nährboden für Pflanzen herausgeschwemmt, direkt aus den Ritzen dieses Berges. Der Weg dahin ist nie umsonst. Sollte wirklich da unten nur Steinwüste sein, dann bist du so oder so verloren. Denn ohne Regenwasser, das dann nie gefallen wäre, verdurstet du auch hier oben wie da unten.“
„Aber wenn da unten nur Wasser ist und kein Boden? Woher willst du wissen, dass das Tal fruchtbar ist?“
„Schau nach unten, Careca. Du siehst nur eine braune Fläche. Keine sandfarbene oder bläulich schimmernde Fläche.“
„Aber, wenn da unten schon einer ist, der dieses Tal beschlagnahmt hat?“
„Glaub mir, Careca, du bist nicht umsonst über diesen Berg gekommen. Glaub mir das.“
„Und wenn es eine Sumpfblase ist, dieses Tal?“
„Das Tal ist eine Sumpfblase und es wartet nur auf eine Hand, die es befruchtet, die es ergrünen lässt. Es wartet auf dich. Es wartet darauf, dass du in diesem Tal Leben rein bringst. Dieses Tal gehört dir. Ganz allein dir. Du wirst eins werden mit diesem Tal und irgendwann wirst du in die anderen Täler reinblicken können, weil es dir nichts mehr ausmacht, die anderen Berge zu überwinden.
„Du hast mich verwirrt, PentAgrion. Du redest so irr, aber doch auch so logisch. Ich werde dir vertrauen. Kommst du mit runter?“

Der Wecker fiepte unerbittlich.
Mühsam wälzte ich mich aus der Hotelbettwäsche.
7:30 Uhr.
Die Zeit für den ausgeschlafenen Angestellten.
Guten Morgen, Arbeit.
Zuerst jedoch eine freundliche Dusche. Aufwachen findet bei mir unter fließendem Wasser statt.

Ich hatte krude Träume gehabt. Nicht nur die beiden, von denen ich oben schrieb. Da war auch noch der Traum mit den Papieren. Normalerweise erinnere ich mich nicht an solche. Aber diesmal hingen mir einige Traumfetzen wie Gemälde in meiner Erinnerung nach. In einer Straße lief ich auf und ab. Papier umwehte mich. Bedrucktes Papier. Ich hatte versucht ein Papier zu ergreifen, aber es rutschte mir immer wieder aus meinen Händen. Auf einem konnte ich ein Pentagramm erkennen, auf einem meinte ich, das Wort „PentAgrion“ zu lesen. Auf wieder einem anderen las ich das Wort „Vanderford“. Ich hatte es versucht mit einem Kugelschreiber zu korrigieren, aber der Kugelschreiber in meiner Hand war ohne Miene und mein Versuch das Wort in „van de Voorde“ zu ändern, führte dazu, dass ich das Blatt zerstörte. Weitere Blätter umwehten mich, ich las das Wort „Usjh, König von Juda“ auf ihnen, sie bildeten mit ihren Seiten ein Fünfeck.

Darauf wachte ich auf. Die Dusche war für mich die Gelegenheit, mich von diesen irren wirren Traumbildern frei zu waschen.

(Fortsetzung hier)

Pythagoras wissenschaftliche Zahlen, Alexanders unwissenschaftliche Reise und eine Loseblattsammlung

Was vorher geschah: Prolog, Teil 1, Teil 2, Teil 3, Teil 4, Teil 5, Teil 6, Teil 7

***

Panorama Rhein Remagen

Remagen. Stadt am Rhein. Ein weißer Fleck auf meiner privaten Landkarte. Die Stadt sagte mir nicht. Na gut, fast nichts. Von dem Hollywood-Schinken „Die Brücke von Remagen“ hatte ich gehört. Nur gesehen hatte ich den Film nie.

Die Fahrt verlief ohne Komplikationen. Es herrschte kaum Verkehr. Ich passierte Städte, deren Namen ich zuvor maximal einmal gehört hatte. Bad Breisig. Niederbreisig. Sinzig. Nett anzuschauen. Aber sie sagten mir nichts. Links Eichenwald, rechts der Rhein.

„Sie ist raus in den Wald zu einer alten Eiche gegangen, um ihre Monatsblutung vor Mondaufgang im Moos zu lassen. Dort sammelt sie auch immer ihren Reisig und schneidet Misteln und Kräuter.“

Eine beschauliche Landschaft mit mutmaßlichen Herrenhäusern und Einfamilienhäusern zog an mir vorüber. Die vielen Schilder „Zimmer frei“ verrieten mir, dass jetzt wohl gerade keine Hauptsaison herrschte.

Auf der Höhe von Remagen bog ich in die Stadt ein. Mein GPS-Führer hatte das Haus von der Kölner Bekanntschaft in der Nähe der Kirche „St. Peter und Paul“ angegeben. Unterhalb der Kirche fand ich einen freien Parkplatz. Ohne lange zu überlegen, parkierte ich mein Fahrzeug direkt vor einer recht jungen Eiche.

„In der Eiche wohnt auch ein Raabe. Man sagt, dass er ausschließlich zu Vollmond immer und immer wieder nur ein Wort krächzt. Es soll ‚Ascher‘ heißen. Warum er nach einem Aschenbecher verlangt, kann aber niemand wirklich erklären.“

Ich schloss mein Fahrzeug ab und nahm die Treppe, die steil hoch zur Kirche führte. Umgeben war sie von alten Grabkreuzen verstorbener Remagener zu einer Zeit, in der der Kirchhof der Friedhof bestimmter Remagener war. Mein Weg führte an einem Torbogen vorbei, der mir seltsame Szenen zeigte. Eine prägte sich mir stark ein. Es war ein König mit Ratten in den Händen, in einem Korb sitzend, gehoben von zwei Vögeln. Kurz danach passierte ich ein archäologisches Museum. Ich war auf dem richtigen Weg und etwas später drückte ich einen Klingelknopf.

Jürgen war zu Hause. Er war überrascht und fragte mich, warum ich mich telefonisch vorher nicht gemeldet hätte, aber andererseits meinte er, ich wäre ihm auf alle Fälle willkommen. Er führte mich ins Wohnzimmer zu einer hellbraunen Sitzecke mit einem Glastisch davor. Im kurzen Small-Talk erklärte ich, dass ich zufälligerweise in der Nähe zu tun gehabt habe und dass ich mich an deren Einladung am gestrigen Abend erinnert hatte. Er nickte verstehend.

„Normalerweise sehen wir die Bekanntschaften nicht mehr wieder, wenn meine Frau denen das Faltblatt gegeben hatte. Am Anfang sind ja noch alle begeistert, aber wenn sie das Blatt denn gelesen haben, dann verschwinden die. Im seltensten Fall rufen die an und erklären uns, dass wir auf dem Pfade des Teufels seien.“
„Im Schatten der Kirche ‚St. Peter und Paul‘ sollte der Teufel doch keine Chance haben, oder?“, versuchte ich das Gespräch in leichtere Fahrgewässer zu ziehen.

Meine Lust an philosophische Exkursionen war gering. Von philosophischen Diskussionen verstehe ich nicht so viel und meistens enttarne ich mich dabei immer als philosophisches Leichtgewicht. Das wollte ich vermeiden. Aber ich sollte keine Chance haben.

„Der Schatten der Kirche? Aber dahin hat die Kirche doch ihre Teufel verbannt. Ins Dunkle hinein, da wo die Kirche ihre Schatten wirft.“

Ich nickte. Soviel wusste ich auch noch aus meiner Schulzeit. Luzifer war der gefallene Engel, der eigentlich ein Lichtbringer sein sollte. Weil er aber nicht brav genug war, hat ihn der Erzengel Michael mit dem Flammenschwert aus dem Himmel geschmissen. Seitdem muss Luzifer sein Reich der Schatten in Eigenregie organisieren und managen, während seine ehemaligen Kollegen das bereits organisierte Paradies Eden verwalten durften.

„Hast du das Faltblatt meiner Frau gelesen?“
„Nicht ganz.“
„Nicht ganz?“

Ich erklärte ihm ein wenig verlegen, dass ich keine Gelegenheit hatte, das Blatt zu lesen. Zumindest hätte ich aber bemerkt, dass dort Pentagramme zu finden seine. Er lachte.

„Ja, die Pentagramme, die bemerkt jeder. Du weißt, was Pentagramme sind?“

Klar weiß ich, was Pentagramme sind. Fünfzackige Sterne. Ein Endlossymbol wie das Haus vom Nikolaus, was ich als Kind mit meinen Fingern so oft in den Wintern innen an beschlagenen Busscheiben gemalt hatte. Und ein Symbol der Hexen. Und Wikka leite sich doch wohl irgendwie von Hexen ab, fügte ich hinzu. Wo denn seine Frau sei, wollte ich wissen. Er lächelte ironisierend und antwortete, sie sei da, wo man Hexen vermute. Unter Eichenbäumen ihre Rituale verfolgend und Reisigbesen schnitzend. Er meinte es offensichtlich nicht ernst, aber wieso er mir diese Antworten gab, erschloss sich mir nicht. Daher fragte ich auch nicht weiter nach. Und Jürgen verlor auch darüber kein weiteres Wort.

Stattdessen griff er hinter sich in ein Regal und nahm fünf gleichlange Holzstäbe heraus. Ich solle eine einfache Figur auf dem Tisch damit legen. Ich überlegte nur kurz und legte ein Fünfeck. Er erklärte mir nun, dass die Diagonalen im Fünfeck – die dann das Pentagramm bilden – jeweils immer um den Faktor „1,618“ länger seien. Das sei erstmal nichts Besonderes. Aber dieser Faktor „1,618“ sei in Wahrheit eine Zahl, die nicht ganzzahlig mit Brüchen darstellbar sei. Und das Besondere sei an ihr, dass der Kehrwert (also 1 geteilt durch „1,618“) das gleiche Ergebnis habe, wie wenn man dem Faktor einfach „1“ abziehen würde. Mathematiker bezeichnen diese Zahl als die Goldene Zahl. Sie habe die Bezeichnung Φ (sprich: Phi).
Jeder kenne die Zahl π (sprich: Pi) und jeder wisse, dass diese Zahl notwenig sei, um Flächeninhalte oder Umfänge von Kreisen zu berechnen. Und gewiefte Leute würden statt mit der exakten Kreiszahl π mit dem Bruch „355/113“ hinreichend genau rechnen.
Auch die Konstante Φ ist mittels eines Bruches aus zwei ganzen Zahlen darstellbar. Eine davon ist die Berechnung mittels einer bestimmten Zahlenreihenfolge. In dieser Folge wird die jeweils nächste Zahl mit der Summe der beiden vorangehenden gebildet. Begonnen wird mit „0“ und „1“. Somit ergibt sich die folgende Reihe:
0, 1, 1, 2, 3, 5, 8, 13, 21, 34, 55, 89, 144, 233, 377, 610 ...
Diese recht einfache Folge wird auch als „Fibonacci“-Zahlenfolge bezeichnet. Bildet man nun das Verhältnis aus den jeweils letzten beiden Zahlen, dann erhält man immer eine bessere Annäherung an die Konstante Φ .

So sind die Werte der Kreiszahl π wie auch die Konstante Φ nicht mittels Brüchen darstellbar, sondern maximal annäherbar. Dieses wurde schon damals bei den alten Griechen entdeckt, erklärte mir Jürgen. Insbesonders bei der Gruppe der damaligen Pythagoreer. Diese Menschen hatten sich damals der reinen Mathematik verschrieben und waren der Meinung, dass jegliche Zahl mittels einer Bruchzahl aus zwei ganzzahligen Zahlen darstellbar wäre. Auf dieser Annahme fußte deren göttliche Weltordnung und viele vertrauten den Pythagoreern. Die Welt erschien berechenbar und göttlich geordnet. Nach Pythagoras leiten sich alle Harmonien aus dem Verhältnis ganzer Zahlen ab. Je einfacher, desto schöner.
Selbst in der Musik schien diese Harmonie zu gelten.
Aber Pythagoras hatte bereits entdecken müssen, dass die verbindende Gerade bei einem gleichschenkligen Dreieck nicht mittels ganzzahligen Zahlen darstellbar ist. Und dann tauchte noch das Fünfeck und mit dem Fünfeck das Pentakel auf. Und gerade das bei der Zahl „5“, welche den Pythagoreern als Zeichen der Vervollkommnung stand. Jene Zahl „5“, welche mit seinem Punkt den bestehenden drei Dimensionen eine neu hinzufügte (die Zeit; s.a. hier).

Pythagoras konnte mit der Konstante Φ nicht rechnen, aber er erkannte ebenfalls, dass es sich bei der Konstante Φ um eine Goldene Zahl handelte. Und sie tauchte nicht nur als Verhältnis bei verschiedenen Strecken auf. Es wurde auch noch herausgefunden, dass es einen Goldenen Winkel gibt: Ψ (sprich: Psi). Dieser ergibt sich, wenn man die 360° des Vollkreises im Verhältnis des Goldenen Schnittes der Konstante Φ teilt. Dieser Goldene Winkel beträgt ungefähr 137,5 °.

Und dieser Winkel findet sich auch in der Natur wieder: Sonnenblumenblütenblätter sind in diesem Winkel angeordnet. Selbst Rosenblätter weisen diese Winkelanordnung auf, und das, obwohl sie nachweislich die Konstanten nicht errechnen können.

Stellt die goldene Zahl Φ ein reines mathematisches Konstrukt dar? Oder ist sie Ausdruck einer höheren Ordnung? Die Pythagoreer konnten sich das nicht erklären, denn diese Zahlen widersprachen deren Ordnungsverständnis. Widersprach diese Zahl dann auch der göttlichen Ordnung?

Schließlich mussten die Pythagoreer auch noch erkennen, dass selbst Musik nicht den einfachen ganzzahligen Zahlen folgt. Dieses Problem kennen die Klavierstimmer. Die Noten „Fis“ und „Ges“ liegen auf der gleichen Taste des Klaviers, haben aber nicht die gleiche Frequenz. Der Quintenzirkel in der Tonreihe schließt sich nicht. Dieses Problem und das fehlende Bindeglied im Quintenzirkel wird entsprechend „das pythagoreische Komma“ genannt. Die Tonreihe besteht aus 11 Quinten und einer um das „pythagoreische Komma“ verringerten Quinte, die unter dem Namen „Wolfsquinte“ bekannt wurde. Problematisch ist das für normale Kompositionen nicht, wenn die Tonart nicht gewechselt wird und diese Quinte vermieden wurde. Johann Sebastian Bach schrieb jedoch Kompositionen, in denen er dauernd die Tonart wechselte, und hatte daher mit der schräg klingenden „Wolfsquinte“ einen Störfaktor. Also ging er dieses Problem aktiv an und schaffte es, dieses mit seiner „wohltemperierten“ Klavierstimmung unter Kontrolle zu bekommen. Bis heute allerdings rätselt man immer noch, wie er diese Klavierstimmung durchführte. Es fehlt hierzu eine schlüssige Erklärung.

Bei der heutigen populären Musik spielt „pythagoreische Komma“ kaum eine Rolle. Elektronische Synthesizer sind nicht dafür gedacht, Klassik zu spielen. Und bei den Tonfolgen kommt es auch nicht auf die Tonfolge an, sondern eher auf Rumms und Bumms der Musik. Und alles andere wird durch Equalizer gnadenlos auf eigene Ansprüche vom Hörer nivelliert.

Jürgen machte eine Pause. Er hatte die ganze Zeit ununterbrochen geredet. Erstaunlicherweise konnte ich ihm in seinen Ausführungen folgen. Auch wenn mir vor lauter Psi, Pi und Phis der Kopf ein wenig schwirrte.

„Und was hat das nun mit dem Faltblatt deiner Frau zu tun?“

Jürgen stützte kurz sein Kinn mit seiner rechten Hand, um nachzudenken.

„Der Wikka-Kult ist die Antwort auf die Frage der Menschen, ob der Mensch das Recht hat, die Grenzen der Welt zu erkunden und gar zu überschreiten.“
„Welche Grenzen?“
„Bist du vom Rathaus hier hergekommen? Oder von der Kirche aus?“
„Von der Kirche.“
„Dann kamst du an dem Torbogen der Kirche vorbei?“
„Ja.“
Kreuz„Der Torbogen war schon erbaut, bevor überhaupt Pläne für die Kirche existierten. Die Wissenschaftler streiten sich über die dort dargestellten Figuren, ob es sich hierbei um die acht Todsünden handeln soll. Nur über eine Darstellung ist man sich einig. Sie stellt Alexander den Großen dar. Alexander hatte die Welt erobert gehabt und war am Horizont angekommen. Also überlegte er sich, den Himmel zu erkunden. Also setzte er sich in einem Korb und bandzwei Vögel mit Löwenkörpern und Adlerköpfen an seinen Korb. Denen hielt er dann zwei Ratten vor die Schnäbel. Als die seltsamen Vögel danach schnappten, hob der Korb ab und Alexander startete wohl das erste fremd-getriebene Fliegzeug der Welt. Schließlich begegnete Alexander einem Engel, der ihn fragte, was er denn dort im Himmel wolle. Er solle doch zuerst einmal die Erde besser kennenlernen. Alexander wurde beschämt, landete auf der Erde und buchte dort erstmal paar Bildungsreisen mit seinem Militär.“
„Schöne Geschichte.“
„Der Wikka-Kult will nicht Grenzen überschreiten, sondern die Erde besser kennenlernen.“
„Was ist der Wikka-Kult?“

Ein Telefon klingelte. Jürgen entschuldigte sich und reichte mir eine Mappe, die er ebenfalls aus dem Regal genommen hatte.

„Tschuldige nen Moment, ich muss zum Telefon. Ließ dir mal die Mappe durch.“

Ich ergriff die Mappe. Jürgen stand auf und verließ das Wohnzimmer.

Die Mappe bestand sowohl aus geheftetem Material als auch aus einer Loseblattsammlung. Ich schlug die erste Seite auf. Mir fiel auf, dass am Rand der Seite handschriftlich etwas geschrieben in Rot war:

„Usja im Buch 2.Chronik; je nach Übersetzung auch Usjh; war König von Juda.“

Usjh?
Mir kam das Wort bekannt vor. Wo war ich dem Wort schon begegnet? „Usjh“. Mir lag es auf der Zunge, nur half es mir nicht weiter.

Meine Überlegungen wurden unterbrochen, weil mir eines der losen Blätter aus der Mappe auf den Boden gefallen war. Ich hob es auf. Eine Stelle des Textes war grün umkringelt und mit Ausrufezeichen versehen:

Wenn du meist mit dem Auto unterwegs bist, spürst du davon nichts. Doch ich frage mich: Was ist das? Unsere Alten, die noch näher an der Natur waren, sie hatten diese Wahrnehmung stark. Sie wussten, es gibt in der Welt schlechte und gute Stellen und Plätze. Sie haben Kult oder Religion aus dieser Wahrnehmung gemacht. Sie pflanzten Eichen, stellten Standbilder und Tempel auf, wo es gut war. Später setzte man die Kreuze, Kapellen, Kirchen und Abteien darauf.

Deshalb – es hat nichts mit Religion zu tun, wenn du keine hast. Es ist Ergebnis einer schlichten Wahrnehmung in der Natur:
Es gibt auf der Welt schlechte und zum Glück auch gute Plätze.
Finde einen guten Platz in der Welt, dann hast du Macht über dich.

Macht. Ein zentrales Wort. Jeder Kult will eine Konzentration der Macht. Das war mir schon klar. Warum sollte es bei den Wikka anders sein? Die mir vorliegende Notiz durch den „Wikka“-Kult bestätigte meinen Gedanken.

Ich nahm ein anderes Blatt und mein Blick blieb an der folgenden Textstelle hängen:

Sprachliche Kompetenz bedeutet, dass ein Mensch in der Lage ist, zwischen verschiedenen Sprachebenen zu wählen. Viele Menschen in unserer Gesellschaft sind nur sicher in ihrem Soziolekt und haben enorme Schwierigkeiten mit der differenzierteren Hochsprache. Da Sprache das Denken strukturiert, ist das nicht nur ein verbales Problem, – solche Menschen tun sich generell schwer damit, abstrakte Sachverhalte zu verstehen.

War das eine Wikka-Analyse? Ich verstand es nicht. Mir erschien das Ganze eher wie eine Beschreibung eigener Eindrücke. Beim Weiterblättern stieß ich auf ein weiteres Blatt mit einer markierten Stelle:

Das ist keine Kraft, mit der Menschen sich messen dürfen.
Bemessen, du hast recht, das können wir. Im Messen ist der Mensch allen Dingen der Welt überlegen. Ob es Sinn hat oder nicht, der Mensch misst. Dazu hat er die gewaltige Mathematik.
Man kann sie anbeten. In ihren oberen Regionen scheint sie sich im Göttlichen zu verlieren.
Doch die Anbetung der niedrigen Regionen der Mathematik ist Götzendienst: Statistik, zum Beispiel, was kann man für einen Schindluder mit ihr treiben. Ach, und die simpelste Mathematik beten wir Computernutzer an. Sie beruht nur auf eins und null.

Ich wurde unruhig. Irgendetwas hatte ich hier vor mir, aber es war nicht das, was Jürgen meinte, mir gegeben zu haben. Schnell blätterte ich weiter und fand wieder eine markierte Stelle:

Goethe dachte sich die Erde als Organismus. Ich dachte sofort an eine Landschaft wie das Hohe Venn, als ich seine Erklärung für die Hochs und Tiefs in der Atmosphäre las. Ich habe es nicht wörtlich präsent, doch es geht etwa so: Goethe sagt, wenn der Organismus Erde ausatmet, verneint er das Wasser. Das ist das Hoch. Dann wieder ist die Erde wasserbejahend, sie atmet ein, wir bekommen ein Wettertief.

Das Hohe Venn? Das Hohe Venn, wo liegt das nochmal?
Ich fühlte plötzlich Stress in mir aufsteigen. Adrenalin. Was hatte ich hier vor mir? Wikka-Kult? Oder etwas, was …Der Gedanke erschreckte mich.
Im Hintergrund hörte ich Jürgen hektisch telefonieren. Er war beschäftigt.
Ich blätterte schnell weiter und fand eine blau markierte Stelle:

„Jünger der schwarzen Kunst“

Schwarze Magie? Handelten die Blätter über den Umgang mit schwarzer Magie? „Schwarze Kunst“?
Meine Augen blieben an einem Bonmont hängen.

“das Glück ist eine kurze Decke, die mal hierhin, mal dahin gezogen wird. Wer freiliegt unter dem gnadenlosen Himmel, hat eben Pech. Schamanen und Druiden werden gerufen. Sie sollen die Götter beschwören, damit sie Wasser schicken oder die Fluten hemmen. Doch ich höre sie gar nicht. Sie können ihren Mummenschanz ruhig treiben, es ist mir egal. Ich mache es gerade, wie ich lustig bin.“

Also doch. Wikka.
Ich nahm mir das nächste Blatt vor.

Das Nikolaushaus ist eine Endlosfigur. Solche Figuren haben magische Kräfte. Das jedenfalls glaubten die Alten. Die berühmteste Endlosfigur ist das Pentalpha, auch Drudenfuß oder Pentagramm genannt. Dieser Fünfstern hat einige Namen, denn er war in vielen Kulturen verbreitet. Er ist ein Glückssymbol. Stellst du das Pentagramm allerdings auf den Kopf, ist es schwarzmagisch.
Man kann das Pentagramm übrigens wie ein Kreuz schlagen. Vermutlich ist auch das sich bekreuzigen daher entlehnt.
Traust du dich, das Pentagramm zu schlagen? Oder denkst du, du bist eine Heidin, wenn du das tust? Ich kann dich beruhigen, das Pentagramm ist auch bei frühen Christen auf Amuletten gefunden worden. So ist es allenfalls Aberglaube, wenn du das Pentagramm schlägst, nicht heidnisch. Du darfst es jedoch nicht verkehrt herum schlagen, sonst fliegen uns die bösen Geister um die Ohren.
Bist du bereit? Nimm deine rechte Hand und führe sie zum Herzen. Dort beginnst du:
Vom Herzen zur Stirn,
zur rechten Brust,
zur linken Schulter,
zur rechten Schulter,
zurück zum Herzen.
Siehst du, es ist eine Endlosfigur. Du hast sie im Raum vollzogen, hast mit der Hand dein Herz und deinen Kopf verbündet.
Als zweidimensionale Zeichenspur hat das Pentagramm die gleiche Bedeutung.
Das Nikolaushaus hat große Ähnlichkeit mit dem Pentagramm. Doch es ist schwieriger zu zeichnen, denn es gelingt nur auf eine bestimmte Weise. Es ist die verspielte Variante. Man braucht den Kopf, die Hand und ein bisschen Glück, damit sie gelingt. Eigentlich braucht man jedoch nur eine Regel zu kennen.

Was zur Hölle hatte ich hier? Das war keine Religions- oder Kultbeschreibung. Das war was anderes. Was total anderes.
Das nächste Blatt, die nächste Markierung:

Ich stieg eine Allee zwischen hohen Hausreihen hinauf. Ganz oben am Schluss der Allee wusste ich eine große neugotische Kirche, in der ich schon gewesen war. Dort fand ich jedoch nur noch einen glatt asphaltierten Platz. Die Kirche war spurlos verschwunden. Nur an einer Stelle war ein Streifen zu sehen, wo vielleicht eine Mauer gelastet hatte. Der Platz, nun der Kirche ledig, schien mir jetzt viel kleiner als zuvor. Wo aber war die Kirche abgeblieben? Da kam niemand, den ich fragen konnte.

Literaturschnipsel waren das und keine wissenschaftliche Analyse. Das war mir klar. Aber was war es genau? Prosa? Autobiographie? Hatte ich hier einen Schlüssel? Wenn ja zu welchem Schloss?

Jürgen kam zurück.

„Es tut mir leid. Ich muss dich verabschieden. Meine Frau braucht mich im Geschäft?“
„Geschäft?“
„Ja, sie hat eine Bäckerei und dort gibt es momentan Probleme mit einem Ofen.“

Er schaute auf die Mappe in meinen Händen.

„Und alles gelesen?“
„Ich möchte eine Kopie davon. Von der ganzen Mappe. Das sind aber nicht alles Papiere über Wikka, oder?“
„Nein. Ich schätze nur das abgeheftete handelt von der Wikka. Die losen Blätter hat sie eingelegt, weil sie meinte, sie passen dazu.“
„Was sind das für Texte?“
„Sie hatte mal Seiten ausgedruckt. Irgendwelche Erlebnisberichte. Die sind jetzt im Netz verschwunden. Liest sich sehr interessant. Ebenfalls kopieren?“
„Ja, das wäre nicht schlecht.“

Ich übergab ihm die Mappe und reichte meine Visitenkarte. Er warf einen Blick auf die Karte.

„So jetzt muss ich dich leider rauswerfen. Wir bleiben in Kontakt.“

Rostiges Schloss Er begleitete mich zur Tür. Wir schüttelten unsere Hände und ich trat auf die Straße. Er winkte mir noch kurz zu. Während ich mich anschickte, die Straße herunter zu gehen, fiel ihm ein Blatt aus der Mappe. Er bückte sich und hob es auf. Es schien das Titelblatt zu sein.

„Ich sollte diese Papiere des PentAgrion endlich mal abheften, nicht wahr“, rief er mir noch zu. Er warf mir noch ein freundliches Abschiedslächeln zu, bevor die Haustüre schloss. Wie erstarrt stand ich auf der menschenleeren Straße. Wie Loths Frau einer Salzsäule gleich.

Was hatte er gesagt?
Wie bitte?
Was?

(Fortsetzung hier)

Der Tag, an dem ich Asterix überfuhr

Was vorher geschah: Prolog, Teil 1, Teil 2, Teil 3, Teil 4, Teil 5, Teil 6

***

Mühsam wälzte ich mich aus der Hotelbettwäsche. Der Wecker fiepte unerbittlich.
7:30 Uhr.
Die Zeit für den ausgeschlafenen Angestellten.
Guten Morgen, Arbeit.
Zuerst jedoch eine freundliche Dusche. Aufwachen findet bei mir unter fließendem Wasser statt.

Ich hatte krude Träume gehabt. Normalerweise erinnere ich mich nicht an solche. Aber diesmal hingen mir einige Traumfetzen wie Gemälde in meiner Erinnerung nach. In einer Straße lief ich auf und ab. Papier umwehte mich. Bedrucktes Papier. Ich hatte versucht ein Papier zu ergreifen, aber es rutschte mir immer wieder aus meinen Händen. Auf einem konnte ich ein Pentagramm erkennen, auf einem meinte ich, das Wort „PentAgrion“ zu lesen. Auf wieder einem anderen las ich das Wort „Vanderford“. Ich hatte es versucht mit einem Kugelschreiber zu korrigieren, aber der Kugelschreiber in meiner Hand war ohne Miene und mein Versuch das Wort in „van de Voorde“ zu ändern, führte dazu, dass ich das Blatt zerstörte. Weitere Blätter umwehten mich und bildeten mit ihren Seiten ein Fünfeck. Letztendlich wachte ich auf. Und die Dusche war für mich die Gelegenheit mich von diesen wirren Traumbildern frei zu waschen.

Kaum war ich aus der Dusche raus, als das Handy läutete.

„Hör mal, nicht mehr Königswinter. Ich habe gerade einen Anruf erhalten, der kann nicht. Du musst nach Koblenz.“
„Koblenz?“
„Koblenz. Liegt auf dem Weg, etwas weiter als Königswinter.“
„Dahinter?“
„Ich glaub schon. Mietwagenschäden?“
„Null.“
„Sonst alles klar?“

Natürlich war alles klar. Ich notierte mir die neue Adresse, warf mich in Schlips und Kragen, und nahm die Jacke locker über den Arm gehängt mit. An der Hotel-Rezeption war der Schlüssel von der Mietwagenfirma bereits hinterlegt. Das Fahrzeug parkte direkt vor dem Hoteleingang. Minuten später gab mir das GPS-Gerät die Richtungsbefehle. Zwischenzeitlich hielt ich an einer Bäckerei und ließ mir zwei Croissants und Cafe-to-go aushändigen. Der Kaffeebecher passte wunderbar in dem Becherhalter. Nicht so gut war allerdings, dass kurz drauf mein Vordermann so hart in die Eisen stieg, dass auch mein Kaffee aus dem Becher schwappte und sich die der Kaffee über die Mittelkonsole verteilte. Der einzige Vorteil, dem ich dieser Sache abgewinnen konnte, war darauf der frische Kaffeeduft im ganzen Fahrzeug.

Knapp zwei Stunden und einem Raststättenaufenthalt später hatte ich Koblenz erreicht. Allerdings wurde mir dann an der Adresse mitgeteilt, dass man mich nun doch nicht erwarten würde, weil mein Kontaktpartner dringend fort musste. Kurz danach klingelte mein Handy.

„Hi, ich wollte dir nur Bescheid geben, der Termin in Koblenz hat sich erledigt. Mach dir einen schönen freien Tag. Mach dir nen Tag in einem Wellness-Club. Und dein Abendessen übernehme ich auch, okay?“
„Klar, Chef, mach ich.“
„Aber keine Schäden mit dem Mietwagen. Sonst übernehme ich nichts!“
„Verstanden, Chef, geht in Ordnung.“

Manche Chefs sind selbst in Krisenzeiten recht sympathisch, wenn sie den passenden Ton finden. Zumindest das beherrschte mein Chef. Wellness-Club?
Mal sehen, was mir Google dazu auf meinem Handy erzählen kann. So beschloss ich, auf eine Autobahn nach Köln zu verzichten und entspannt nahm die Bundesstraße B9 am Rhein entlang.

Seher.jpg Ich fuhr an einem Bundesstraßenrastplatz raus. Der Rhein lag unterhalb des Rastplatzes. Ich ging um mein Mietfahrzeug herum und sah, dass ich Asterix überfahren hatte oder vielmehr den Band „Asterix – Der Seher“. Mein rechtes Vorderrad hatte das Heft perfekt überrollt. Mit spitzen Fingern schaute ich nach, was von meinem Opfer noch zu retten war. Da war allerdings nichts mehr zu machen. Asterix‘ Seher lag schon länger auf dem nassen Asphalt. Die Seiten klebten aneinander. Ich überließ das Opfer dem natürlichen, zellulosen Verwesungsprozess.
R.I.P., Asterix und sorry dir auf dieser Weise zu deinem 50sten zu gratulieren. Aber auf dem Asphalt herrschen die Regeln des automobilen Gummis. Das ist nun mal halt so.

Ich ging an der Begrenzungsmauer entlang, bis ich zu einer Treppe kam, die zum Rheinufer führte. Rechts und links der Treppe lag Zivilisationsmüll. Ein halber Staubsauger, Zeitungen mit den Nachrichten von Vorvorgestern, Trinkflaschen, Papiertaschentüchern und noch andere Dinge, die von Menschen einfach entsorgt wurden. Aus den Augen, aus den Sinn und ab in die Rheinuferböschung. Beinahe direkt an der Wasserlinie erblickte ich eine Matraze. Ideales Strandgut der Kölner Rheinuferterassen, wenn der Rhein in nächster Zeit wieder Hochwasser führen sollte.

Ich hockte mich ans Ufer und schaute auf den Rhein, wie er in aller Ruhe sich in seinem Bett wälzte.
Ruhe. Keine Hektik
Als kleiner Knirps war ich einmal mit meinen Eltern bei Xanten am Rhein. Und mein Vater hatte mich mit meinem Bruder genau dann fotografiert gehabt, wenn sich ein sehr großer Lastkahn flussauf- oder flussabwärts kämpfte. Später hatte ich erfahren, dass diese Kulisse „Familienbild mit Schleppkahn auf Rhein“ zum Standardfotoprogramm vieler Familien gehörte.

Rheinschifffahrt
Einmal am Rhein und schon kommen die Erinnerungen wieder hoch: wie ich mit meinem Bruder breit lächelnd, brav gescheitelt, bildgerecht gekämmt in unseren damaligen Schlaghosen in Positur standen und hinter uns sich die Schiffe den Rhein lang kämpften …

Die Erinnerungen von damals waren in mir wieder lebendig geworden. Das Lachen mit meinem Vater, die Besorgnisse meiner Mutter, die Nickeligkeiten mit meinem Bruder, alles war wieder vor meinen Augen lebendig geworden.

Verträumt griff ich in meine Jackentasche. Meine Hand stieß auf Papier. Irritiert holte ich das Papier hervor und schaute es an. Es war das Faltblatt von gestern Abend. Unwillig drehte ich es hin und her. Mein Blick fiel auf die Rückseite, wo sich ein Pentagramm befand. Dort entdeckte ich in feinen Buchstaben ein „V.i.S.d.P.“ und den Ortsnamen „Remagen“.

Remagen.
Lag das nicht auf meiner Strecke der B9?
Remagen. Wieso nicht? Die Einladung von gestern Abend stand doch wohl noch.
Ich stand auf und ging die wilde Müllkippenstraße zum Fahrtzeug zurück.

(Fortsetzung hier)

Pech und Pentakel

Was vorher geschah: Prolog, Teil 1, Teil 2, Teil 3, Teil 4, Teil 5

***

Dass ich nicht rheinabwärts nach Düsseldorf fuhr – wie von meinem Chef vorgesehen – sondern rheinaufwärts nach Remagen, das hatte einen besonderen Grund.

„Ich habe gerade den Anruf erhalten, dass Sie nicht in Düsseldorf sondern in Königswinter gebraucht werden.“
„Königswinter. Jawohl. Nicht davor und nicht dahinter. Wird gemacht, Chef. Irgendwelche Ratschläge oder Anweisungen?“
„Ja. Keine Schäden mit dem Mietwagen verursachen.“
„Wird gemacht, Chef.“

So ändern sich Pläne ganz spontan. Und als heutige Arbeitskraft ist man stets flexibel. Und wenn der Chef will, fahr ich auch nach Königswinter. In meiner Reiseplanung war eh der Wurm drin. Hindernisse pflasterten meinen Weg:

Es begann schon in München. Im strammen Dauerlauf von der verspäteten S-Bahn erreichte ich in letzter Minute den Check-In, um dann zu erfahren, dass mein Flieger vom Flugplan gestrichen worden war. Ich erhielt einen jener „Tut-uns-Leid“-Gutscheine im Gegenwert von Bockwurst mit Kartoffelsalat und einen Mittelplatz in der Maschine für den späten Nachmittag. Das Einsteigen im Flieger verlief noch problemlos. Nur als dann alle saßen, gab es ein „klitzekleines technisches Problem“. „Klitzeklein“ ließ sich zeitlich erfassen. Mit 40 Minuten Verspätung hob unser Flieger ab.

Am Kölner Flughafen erwartete mich dann die nächste Freude. Ja, ein Mietfahrzeug wäre gebucht. Nur, momentan sei keines in meiner Mietklasse verfügbar. Das wäre kein Problem, ich nähme auch ein Mietfahrzeug höherer Klasse, war meine Antwort. Aber dann gab es den Klassiker: „Ein Upgrade in einer höheren Klasse ist leider nicht machbar.“ Schön. Das weitere Gespräch enthielt nicht wirklich etwas, was der Nachwelt als Zitierbares erhalten bleiben sollte.
Ich hinterließ meine Handy-Nummer und mir war klar, wenn ich Mercedes fahren will, dann nehme ich mir ein Taxi.

So stand ich also nach der Taxi-Fahrt vor meinem Hotel in dem festen Glauben den Namen „Stijn van de Voorde“ gehört zu haben, als mein Handy klingelte. Ein freundlicher Herr am anderen Ende erklärte mir, dass mir ein Mietfahrzeug zu ermäßigten Sonderkonditionen zum Hotel zugestellt würde.

Später am Abend saß ich dann in dem Restaurant „Rodizio-Pantanal“ am Kölner Mediapark. Alleine. Mein Gastgeber rief mich an, er sei durch einen Termin verhindert. Er käme später. Ich solle schon mal ohne ihn anfangen. Überraschen konnte mich sowieso nichts mehr. Alles schien ja an mir vorbei zu laufen. Sollte ich an diesem Abend als einziger mit Lebensmittelvergiftung aus dem Restaurant rausgetragen werden – so redete ich mir ein –, es würde mich nicht sonderlich überraschen. Bei diesem Lauf, den ich an dem Tag hatte, wäre das voll normal.

Der weitere Abend verlief ohne besondere Vorkommnisse. Außer vielleicht dem, dass ich nach einer halben Stunde das untrügliche Verlangen verspürte, dem Kellner das Zeichen zu geben, dass ich beim „All you can eat“-Fleischspieß-Essen nicht mehr teilnehmen konnte, auch wenn ich gerne weiter gemacht hätte. Aber irgendwann ist jeder Magen vollkommen gefüllt.
Und „natürlich“, dass mein Gastgeber sich entschuldigte, er könne nicht mehr kommen seiner Frau wegen.
Perfekt.

Ich ließ mir die Rechnung geben, zahlte und ging in den sozialen Bereich des Restaurants, einen vom Restaurant abgetrennten Bereich mit separatem Eingang. Ich ließ mich auf einem Barhocker am Tresen nieder. Der Kellner polierte geschäftig einige Gläser und nahm nebenbei meine Bestellung einer Guarana auf.

Es war nicht viel los am Tresen. Außer mir saßen noch drei andere Personen auf ihren Hocker. Alle waren wohl zuvor aus dem Restaurant und wie ich vollstens gesättigt.

Vor mir saß eine Frau, den Rücken mir zugewandt. Ein hübscher Rücken. Sie unterhielt sich mit einem anderen Gast. Nach dem Dialekt zu urteilen, war er ein Kölner. Ich schätzte ihn auf Ende 50, Anfang 60. Kurze Haare, dunkelgrau wie sein Oberlippenbart, normal gekleidet, mit deutlicher Bauchauswölbung. Die Frau vor ihm war deutlich jünger. Sie war definitiv keine Deutsche, dafür wies ihre Stimme den deutschuntypischen Klang auf. Offensichtlich war sie Brasilianerin. Sie drehte sich kurz, um zu sehen, wer sich hinter ihren Rücken gesetzt hatte und musterte mich. Weiche Gesichtszüge, ein Grübchen auf der linken Wange. Ihre hohe Stirn wurde von ihren Haaren umrahmt und ließ meine Augen tiefer gleiten. Ihre Augenbrauen waren gezupft, ihre Wimpern sauber sorgfältig moduliert, ihre Augen ließen mich innerlich nach Atem schnappen. Sie leuchteten in einem bezaubernden Hellgrün, wie es bei Brasilianerinnen aus dem mittleren Nordosten immer wieder vorkommt. Die Nase klein und fein ließ meinen Blick auf ihre Lippen rutschen. Blassrosa waren diese nachgezogen und dahinter leuchteten in einem makellosen Weiss ihre Zähne. Ich schätzte sie auf Ende 20 Anfang 30. Als sie sich von mir wieder abwendete, setzte ich meine Musterung ihres Profils fort. Ihr gelocktes kastanienfarbenes Haar fiel auf ihre hellbraunen Schultern. Sie besaß schöne schmale Schultern, einen festen kleinen Busen, schlanke Taille, schmale Hüften und einen runden sexy Po. Das trägerlose, blassgrüne Kleid gab ihre lange leicht muskulösen, glatten Beine preis. Ihre bloßen Arme waren venushaft schön mit zierlich kräftigen Händen.

Meine Blicke fielen erneut auf ihre Schultern. Von ihren Haaren leicht verdeckt auf ihrer rechten Schulter schaute ein kunstvoll verziertes Pentagramm hervor. Meine Blicke verfolgten die schwarzblauen Linien. Alle fünf Linien waren sauber ohne Übergang miteinander verbunden. Eine unendliche Strecke, ohne Anfang ohne Ende. Eine Spitze deutete auf ihren Kopf, während sich die unteren beiden Spitzen auf ihrem Schulterblatt abzustützen schienen.

Es war vielleicht nur eine kurze Zeit vergangen, in denen ich das Pentagramm angestarrt haben musste, das Zeichen hatte mich in seinen Bann geschlagen. Denn als die Frau sich erneut umdrehte und mich aus ihren zu Schlitzen verengten grünen Augen anblitzte, zuckte ich zusammen, als ob ich schon seit Stunden über jenes Pentagramm meditiert hätte.

„Was starren Sie mich an? Bin ich nur ein Objekt, das man einfach so anstarren darf?“

Ihre Sätze hatte sie mir furios scharf entgegengeschleudert. Ich fühlte mich ertappt wie ein Schuljunge beim Abschreiben. Aus mir kam nur ein Stottern.

„Was? Was ist? Könne Sie nicht vernünftig sprechen?“

Mir versagte die Stimme. Ihr Gesicht war ebenartig, ein Traum. Mir fehlten jegliche Worte. Sie blitzt mich erneut aus ihren Augen an, griff ihr Handtäschchen und ging Richtung Toilette.
Der Mann lächelte.

„Woll, die ist ne Wucht, nich?

Ich nickte.

„Meine Frau. Wir sind jetzt schon zehn Jahre verheiratet. Das Beste, was mir in meinem Leben passierte.“

Wir kamen ins Gespräch, während seine Frau auf dem Klo verweilte. Er hieß Jürgen und lebte mit seiner Frau südlich von Bonn, in der Stadt Remagen. Kölner war er nicht, aber er verstand es, den Dialekt zu imitieren. Wie er mir erzählte, lernte er seine Frau auf einem vierwöchigen Brasilienurlaub kennen und lieben, als er 54 Jahre war. Sie war damals 24. Wegen der Beziehung hätte er viele seiner Freunde verloren. Denn viele fanden nicht nur den Altersunterschied zu hoch, sondern verstanden auch nicht, dass er sich nicht eine deutsche Frau suchte, sondern eine Exotin. Viele hätten schon versucht, einen Keil zwischen ihn und seine Frau zu treiben, weil sie beide beneideten. Leider würden beide immer wieder solche Neider treffen. Er selbst sei schon deswegen häufig angefeindet worden, insbesondere weil er nicht die Figur eines Adonis habe.
Und dann gäbe es noch die, die meinen, die beiden wären doch nur wegen des Sex zusammen. Würden die beiden das aber bejahen, dann sei es solchen Leuten auch wieder nicht recht.
Die Toleranz der Leute sei zum Lachen und Heulen gleichzeitig.

Beide seien eine Einheit und wer das nicht akzeptieren würde, der sei unwillkommen. Diese Offenheit ließ meine Verlegenheit wachsen. Schließlich gestand ich ihm, dass mich das Pentagramm auf ihren Schultern verwirrt hatte.

„Ja, ja, das Pentagramm.“

Er lachte. Und er erzählte, wie oft schon dieses Pentagramm schon Anlass von Animositäten, Diskriminierungen und Streitereien geworden war. Insbesonders in Rheinland würden beide immer wieder auf erzkonservative Katholiken treffen, die offensichtlich damit ein Problem zu haben scheinen. Was hätte seine Frau nicht schon für Probleme bekommen, nur wegen des Pentagramms.

„Was bedeutet es denn bei Ihrer Frau?“, fragte ich vorsichtig.
„Wikka.“
„Was? Wicker?“
„Nein, Wikka geschrieben mit zwei ‚k‘ und am Ende ein ‚a‘.“
„Was ist das?“
„Eine religiöse Bewegung.“
„Eine Sekte?“
„Wie man will. Aber diese Bewegung hält sich nicht durch äußere Bande wie Aufpasser und Geldeintreiber zusammen.“
„Sondern?“
„Der innere Glaube. Die Einstellung.“
„Welche? Woher kommt diese Bewegung?“
„Es gibt sie überall. Sie ist global. Auch in Deutschland. Aber es gibt verschiedene spirituelle Ausrichtungen. In Brasilien schließen deren Anhänger aber die Existenz des christlichen Gottes nicht aus. Beiden gemein ist aber ein starker feministischer Zweig. Es ist zumindest keine patriarchalische Bewegung.“

Er erzählte mir, dass diese Bewegung sicherlich seltsam anmute. Insbesondere für Brasilien erscheint diese ungewöhnlich, weil sie auch keltische Elemente verwenden würde. Zudem verwirre der Begriff, weil im Portugiesischen kaum Wörter mit ‚k‘ existieren und erst recht nicht Doppel-‚k‘.
Und das Pentagramm? Es diene einerseits als Erkennungszeichen der Wikkana und symbolisiere Erde, Luft, Feuer, Wasser und Geist, das Zeichen für Unendlichkeit, Ewigkeit und andererseits vermittele es auch Schutz und positive Energie.

In dem Moment schob sich mir ein Faltblatt ins Gesichtsfeld.

„Lies das hier. Da steht alles über uns Wikkana.“

Sie war von der Toilette zurückgekehrt und offenbar hatte eine Zeit lang unser Gespräch zugehört. Ich ergriff das Faltblatt und klappte es auf. Es war eng beschrieben, immer wieder unterbrochen von Pentakeln und Fünfecken.

„Schatz, gehen wir?“

Jürgen nickte, zahlte und beide verabschiedeten sich von mir.

„Und sollten Sie mal nach Remagen kommen, dann besuchen Sie uns. Unsere Adresse finden Sie auf der Rückseite.“

Die Einladung kam einerseits für mich überraschend, andererseits ist das aber nichts Ungewöhnliches bei deutsch-brasilianischen Ehepaaren. Beide verließen das Lokal.

Ich schaute mich in dem Kneipenbereich um. Es war leer geworden, ich war der Einzige dort. Der Restaurantbereich hatte sich auch schon stark geleert. Das Faltblatt steckte ich ungelesen in meine Jackentasche. Ich war müde und entschloss ich mich, ebenfalls zu zahlen und zu gehen.
Der Abend endete versöhnlich. Keine weiteren Katastrophen waren auf meiner Reise zu verzeichnen. Selbst die Taxifahrt zum Hotel verlief unspektakulär.
An der Hotelbar nahm ich mir noch ein Schlummertrunk, ein „Kölsch“, mit hoch und stellte es auf das Nachtschränkchen.

Das letzte, woran ich mich noch erinnerte, war, dass ich mich aufs Bett legte, mit der Fernbedienung den Fernseher angestellt hatte und den Abspann von „Beckmann“ studierte.
Ich fiel in einen unruhigen Schlaf.

(Fortsetzung hier)

Kopflos in Düsseldorf und kopflastig in Remagen

Was vorher geschah: Prolog, Teil 1, Teil 2, Teil 3, Teil 4

Remagens Appolinariskirche

Der Moment der Ruhephase gleicht einem Waffenstillstand. Alles um einen herum wird ausgeblendet. Es existiert nur noch das „ich“ und das, was das „ich“ erlaubt. In deutschen Kirchen lässt sich eine Vermischung aus dem Imaginären, Symbolischen und Realen studieren.

Mächtig schaut er ja schon aus, so wie er mich da aus der Kuppel grüßt. Mit seinem Buch in der Hand. Gut. Ihn jetzt mal kleiner darzustellen, das hätte sich der Maler wohl nicht getraut. Wenn er schon mächtig sein soll, dann muss auch seine Darstellung in dieser Weise realisiert werden.

Goldener Hintergrund und schon ist eine beeindruckende Kuppelmalerei erzeugt. Trotzdem sollte man nicht gänzlich kopflos zur Kuppel gehen, denn davor lauert die Krypta. Und da liegt der Kopf von dem, dessen Rest in Düsseldorf liegt.

Nun, der zuletzt genannten Version entgegen steht handfester Protest rheinischer Würdenträger. So fuhr ein gewisser Rainald von Dassel – seines Zeichens Erzbischof von Köln und Erzkanzler Italiens ernannt durch Kaiser Friedrich I. Barbarossa – im Jahre 1162 rheinabwärts. Auf seinem Schiff hatte er außer drei Königen auch noch eine Ladung Beute aus Ravenna dabei. Erst hieß es ja, jene Beute wäre am 23. Juli in Remagen vom Schiff gelöscht und am gleichen Tag etwas später auch noch die drei Könige in Köln. Rein logistisch gesehen ist das für jene Zeit mehr als nur eine absolute Meisterleistung. Der Erzbischof will beim Löschen in Remagen außer einer Prozession noch einen Gottesdienst abgehalten haben. Eine oberirdische Leistung für jene Zeit. Drum wurde dann auch die Entladung der Drei Könige auf den 24. Juli korrigiert.

Nebenbei: Rainald von Dassel kann wohl als einen ausgesprochenen pathologischen Fall eines Diebes bezeichnet werden: Außer den Gebeinen des „Apollinaris “ und der „Drei Könige“ hatte er auch noch die von den als Heilige verehrte „Gervasius“ und „Protasius“ geraubt und diese beiden letzteren Raubgüter in Breisach am Rhein abgeladen. „Gervasius“ und „Protasius“ waren vor dem Diebstahl die Schutzheilige der Stadt Mailands. Nach deren Raub wurden sie es auch noch von Breisach.
Ironie des Schicksals: Außer gegen Harn- und Blutfluss sollen „Gervasius“ und „Protasius“ auch gegen Diebstahl schützen. Dass sie nach deren Raub nicht fristlos von deren Aufgabe enthoben wurden, mag auf dem ersten Blick verwundern. Dieses ist aber ein Phänomen, welches sich schon vom frühen Mittelalter bis in unsere Tage erhalten hat. Top-Manager können nun einmal soviel in ihren Aufgabenbereiche versagen, wie sie wollen, sie werden nie wirklich arbeitslos. Eine schöne Tradition.

Die Vermischung aus dem Imaginären, Symbolischen und Realen fasziniert nicht nur heute. Daher haben die Gebeine von Heiligen auch so eine große Bedeutung im Christentum der Katholiken. „Apollinaris“ ist ja auch so ein Fall. Als Gestorbener wurde er zum Patron von Ravenna befördert, erhielt dann noch die Stadt Remagen und letztendlich Düsseldorf-Stadt zu seinem Aufgaben im Kampfe gegen Gallen- und Nierensteine, Gicht, Geschlechtskrankheiten und Epilepsie.

Düsseldorf? Richtig. D-Dorf-Stadt. Die wollten auch etwas Bedeutsames in ihrer Stadt. Drum nahm Herzog Wilhelm I. von Jülich an einer Wallfahrt im Jahre 1383 nach Remagen teil und brachte ein Souvenir seiner Wallfahrt mit: die Gebeine vom Heiligen „Apollinaris“ hübsch verpackt. Als er dann alles an D-Dorf-Stadt weiter verschenkte, stellten die Beschenkten beim Öffnen entsetzt fest, dass die Remagener alles bis auf den Kopf eingepackt hatten. Düsseldorf hatte somit plötzlich einen Kopflosen mehr. Um dem entgegen zu wirken, wurde Düsseldorf zur Landeshauptstadt von Nord-Rhein-Westfalen ernannt. Das Motiv war Hoffnung. Des Düsseldorfers Kopflosigkeit sollte mit politischem Intellekt entgegnet werden. Aber inzwischen weiß man, dass auch hier der berühmte Lehrsatz „Gleich zu gleich gesellt sich gern“ gilt.
Remagen dagegen hatte somit seinen ersten Kopf, gut behütet in einem Sarkophag. Anfang des 20. Jahrhunderts erhielt Remagen noch einen zweiten Kopf auf Drängen der deutschen Generalität: einen Brückenkopf. Zusammen mit dem anderen Brückenkopf auf der anderen Rheinseite wurde eine Brücke über den Rhein gespannt. 27 Jahre fand die deutsche Generalität diese Idee aber nun doch nicht mehr so gut und zerstörte die Brücke.

Somit hat Remagen heutzutage zwei Pilgerorte: den Brückenkopf von Remagen und den Kopf des „Apollinaris“. Letzterer soll gegen Kopfprobleme helfen, der andere gegen eine leere Stadtkasse. Gesichert ist die touristische Wirkung des Brückenkopfes auf die Stadtkasse, beim „Apollinaris“ bleibt der Glaube.

„Nicht wahr, eine beeindruckende Malerei?“

Jene Frau war mir bereits beim Betreten der Kirche aufgefallen. Nicht etwa, weil sie der einzige Mensch in den Kirchenbänken der Apollinaris-Kirche war, sondern weil sie die Akustik der Kirche nutzte, ein Kirchenlied zu summen.
Ich blickte mich nochmals versichernd in dem Kirchenraum um. Überall waren die Wände mit ausdrucksvollen Farbgemälden überzogen.

„Es scheint, dass die Kirchenfürsten sich hier vor einem ‚Horror Vacui‘ der Wände fürchteten.“
„Horror vacui?“
„Die Angst, dass eine Wand noch weiße unbemalte Flecken aufweist.“
„Ja, die Angst ist nie ohne Objekt. Manchmal reicht ein Objekt klein a, um große Dinge zu erzeugen.“
„’Ein Objekt klein a‘?“
„Eine Schneekugel beispielsweise.“
„Eine Schneekugel?“
„Rosebud.“
„Ach so, sie beziehen sich auf Orson Welles Film ‚Citizen Kane‘.“
„Ein kleines unbedeutendes Wort hat einen großartigen Film erzeugt. Ein Objekt klein a. Die Schnittmenge aus dem Imaginären, dem Symbolischen und dem Realen.“

Ich schaute mich um.

„Wie die Gemälde hier.“
„Wissen Sie, der Appolinaris hier, der wurde durch die Gier seiner Räuber zu einem Kephalophor gemacht.“
„Sie meinen einen ‚Kopfträger‘? Soweit ich weiß, wurde der aber nie enthauptet.“
„Nun ein Kephalophor zeichnet sich letztendlich dadurch aus, dass der Enthauptete mit dem Kopf vor dem Körper zu seiner Grabstätte geht.“
„Hört sich ein wenig nach dem ‚Gespenst von Canterville‘ an.“

In meinen Gedanken fiel mir noch Störtebecker ein. Der hatte es aber einfacher, denn der rannte unbelastet ohne seinen Kopf an 11 seiner Piraten-Kameraden vorbei, bis er vom Henker klassisch weggegrätscht wurde. Und da ist noch die Geschichte des Raubritters Dietrich von Hohenfels. Der wurde zusammen mit seinen Söhnen anderthalb Jahrhunderte zuvor Ende des 13. Jahrhunderts wegen seiner Räubereien ebenfalls zum Tode verurteilt. Wie Störtebecker nach ihm rannte der Raubritter kopfbefreit an seinen Söhnen vorbei, um ihnen das gleiche Schicksal zu ersparen. Er brachte es auf alle seiner neun Söhne, womit also dem Störtebecker eindeutig der Eintrag im Guiness-Buch der Rekorde in der Disziplin „kopfloses Jogging“ gehört. Was aber den Fairness-Preis anbetrifft, so muss dieser dem Henker vom Raubritter Dietrich von Hohenfels zuerkannt werden. Dem Henker Störtebeckers gebührt nachträglich nur eine lebenslange Sperre, ein Berufsverbot, wegen Unfairness am Gegner.

„Die Patrone der Stadt Zürich, Felix und Regula, sind Kephalophoren. Als sie enthauptet wurden, sind beide schnurstracks den Kopf unterm Arm noch den Bergen hochgerannt, um den Enthauptern den letzten Wunsch nach deren Begräbnisstätte zu zeigen.“
„Geköpft den Berg hoch? Wie soll das gehen?“
„Auch der heilige Dionysius soll nach seiner Enthauptung seinen Kopf aufgenommen haben und dann mit dem Kopf unterm Arm sieben Meilen marschiert sein, eben bis zu jener Stelle, wo er begraben sein wollte. Das war in Paris. Der fränkische König Dagobert I. 623/624 baute dann dort die Benediktinerabtei Saint-Denis, wo sich später 25 Könige, 10 Königinnen und 84 Adlige beisetzen ließen.“
„Ich schätze mal, als der heilige Dionysius seinen Grabstätte erreicht hatte, führte er vor Freude mit seinem Kopf einen fußballerischen Torwart-Abschlag durch. Und dort, wo der Kopf aufschlug, da befindet sich heute der Anstoßpunkt des Stadions Saint-Denis.“

Sie überhörte meine Bemerkung geflissentlich.

„Kephalophoren tauchen historisch zwischen dem 8. und 17. Jahrhundert vornehmlich bei den Christen und im Gebiet links des Rheins und in Oberitalien auf. Apollinaris ist zwar nicht wirklich ein Kephalophor, aber er hilft ja wie alle anderen Kephalophoren bei Kopfschmerzen.“
„Ich finde die Geschichte interessant, wie die Apollinaris-Reliquien nach Remagen kamen.“
„Sie kennen die Geschichte des Überbringers Rainald von Dassel?“
„Ich hab davon gehört. Er war ein Erzkanzler Barbarossas und zugleich Erzbischof.“
„Sie wissen, welche Gebeine er angeblich den Rhein hinunter ins Heiligen Römischem Reiches Deutscher Nationen gebracht hatte?“

Ich nickte. Sie lächelte.

„Nicht wahr, es waren fünf Gebeine.“
„Waren es nicht sechs? Zweimal für Breisach, einmal für Remagen und dreimal für Köln.“
„Nicht ganz. Im Jahre 1175 wurden die Gebeine des Apollinaris in Ravenna zweifelsfrei wiedergefunden. 13 Jahre, nachdem sie angeblich in Remagen von Rainald von Dassel gebracht wurden.“
„Und was für Gebeine liegen dann hier?“
„Welche liegen in Köln?“
„Nach den wissenschaftlichen Untersuchungen der letzten Jahre sind es definitv keine Knochen aus dem Jahrhundert in dem Jesus, gelebt haben soll.“
„Böse Stimmen behaupten, in dem Sarkophag lagern Jahrhunderte alten Hühnerknochen, die Pilger früher heimlich darin entsorgt haben sollen.“
„Also hat Rainald von Dassel nur wertlose Knochen mit auf seinem Schiff gehabt und diese dann mittels geschicktem Marketing den Städten untergejubelt?“
„Es ging vielleicht gar nicht so sehr um die Gebeine. Die Gebeine sind nur ‚Ein Objekt klein a‘. Das ‚Rosebud‘ für eine Jahrhundert-lang währende finanzielle Einnahmequelle. Die Gebeine hier kommen wahrscheinlich aus dem ehemaligen Apollinarisabtei des Ortes Burtscheid, jetzt ein Stadtteil Aachens, wo der Kaiser Otto III. im Jahre 1003 den Verehrungskult und irgendwelche Gebein-Reliquien aus Reims mitbrachte. Reims und Ravenna hatten damals ein Bündnis und tauschten auch Reliquien aus. Aber sie waren nicht katalogisiert, weswegen Otto dachte, er hätte die Apollinaris-Gebeine. In Wahrheit befanden die sich noch weiterhin in Ravenna. Und hierher wurden dann nur irgendwelche Gebeine zur Pilgerverehrung gebracht, aber jedenfalls nicht die von Apollinaris. Das ist aber nicht so wichtig, denn Hauptsache die Pilger hinterlassen ihr Geld im Klingelbeutel.“

Mir erschien die Geschichte plausibel. Warum sollte es damals anders gewesen sein, als es heute ist? Unwissenheit gepaart mit der Suche nach finanziellen Quellen, das kennen wir auch heute noch.

Die Frau hielt ein Gebetbuch in den Händen. Mit einem Finger hielt sie eine Stelle geöffnet, wahrscheinlich jene, in der sie vor unserem Gespräch las. Mit den mir gerade gemachten Erklärungen verstand ich eigentlich, warum sie überhaupt noch in der Kirche war.

„Sagen Sie mir eines: Warum sind Sie hier? Sie sehen mir nicht wie ein Pilgerer aus.“

Ihre Frage war herausfordernd an mich gerichtet. Ich zuckte mit den Achseln.

„Eigentlich wollte ich nach bestimmten Symbolismen Ausschau halten. Irgendwelche Hinweise auf mystische Symbole oder so.“
„Pentagramme?“
„Vielleicht.“
„Was genau?“
„Spuren der menschlichen Kreativität.“
„Kreativität? Die menschliche Art ist in der Erzeugung von Destruktivem besser, als es für die kosmische Ordnung gut wäre. Kurz gesagt: Der Mensch produziert zu viel Mist.“

Was hatte die Frau da gesagt? Den Satz hatte ich doch schon mal gehört. Aber wo nur? Ich versuchte, mich zu konzentrieren. Wo hatte ich den Satz schon mal gehört?

„Wissen Sie, der Mensch liebt es, seinen Werken zuzuschauen und in Vergangenheit zu schwelgen. Denn mit seiner Sprache ist er immer nur fähig, das Vergangene einigermaßen zu beschreiben.“
„Das stimmt nicht. Wir Menschen sind fähig, die Zukunft auch sprachlich auszudrücken.“
„Nachdem wir sie gedacht haben. Die Zukunft ist beim Aussprechen schon wieder Vergangenheit. Das Reale entzieht sich dem Sprechen.“
„Die Realität entzieht sich dem Sprechen?“
„Ich sagte nicht ‚Realität‘, ich sagte ‚das Reale‘.“
„Das ist eine Spitzfindigkeit.“
„Nein, überhaupt nicht. Überlegen Sie sich doch den Unterschied. Das Reale ist weder imaginär noch symbolisierbar. Dafür ist das Symbolische wie eine Sprache strukturiert, und das Imaginäre liegt im bildhaften Bereich. Alles zusammen wird durch ‚Ein Objekt klein a‘ angetrieben, dem unerreichbaren Objekt, welches der Mensch begehrt. ‚Das Objekt klein a‘ ist die mindeste kleinste gemeinsame Schnittmenge, welches das Reale, das Symbolische und das Imaginäre für immer mindestens verkettet hält.“
„Und was ist dieses Objekt?“
„Antrieb und Auslöser von Handlungen.“
„Was beispielsweise?“
„Sie kennen den Film ‚Casablanca‘ von Michael Curtis?“

Na klar, wer kennt den schon nicht.
It’s still the same old story, a fight for love and glory, a case of do or die. The world will always welcome lovers, as time goes by. Innerlich summte ich leise Sams Lied.

„Niemand sieht die Transit-Visa in dem Film. Aber sie funktionieren. Papiere sind immer ein Antrieb und Auslöser von Handlungen.“

Papiere? Sagte sie Papiere?

„Ich kenne da einen Fall, wo es um solche Papiere geht. Sie handeln über die Desktruktivtät und der Unvollkommenheit der menschlichen Sprache.“

Ihre Mimik veränderte sich schlagartig. Sah sie vorher gutmütig aus, so hatte ich den Eindruck, sie sei von dem, was ich vorhin gesagt hatte, in einer gewissen Weise angewidert worden. Sie musterte mich kurz abschätzig.

„Ach, Sie reden doch nicht etwa von den Papieren des PentAgrions?“
„Sie kennen die?“
„Da scheint ja momentan ein regelrechter Hype nach diesen Papieren ausgebrochen zu sein.“

Ihre Gesicht spiegelte Verachtung.

„Was steht in denen drin? Kennen Sie die?“
„Wie ich schon sagte, die menschliche Art ist in der Erzeugung von Destruktivem besser, als es für die kosmische Ordnung gut wäre. Und dabei hilft ihm die Sprache, der Antrieb und Auslöser sich unbedingt darstellen zu wollen. Der Versuch, sich in einem Spiegel wieder zu finden, den man glaubt, verloren zu haben.“
„Sie meinen die Suche nach dem Ich? Ist es das, was die Papiere des PentAgrions beschreiben? Das Finden des Ichs mittels einer Weltformel?“
„Wie bitte?“
„Die Weltformel. Eine Suche nach dem Baum der Erkenntnis.“
„Eine Gralssuche? Sie suchen die Papiere des PentAgrions?“
„Gibt es sie?“
„Es gibt sie nicht. Das ist ein Trugschluss. Sie jagen einem Phantom hinterher.“
„Es soll sie aber im Internet gegeben haben. Aber jetzt ist es nicht mehr auffindbar. Nicht mal über Archivdatenbanken.“
„Vielleicht gibt es ein zweites Internet? Eine zweite Realität aus Elektronen und Ladungsausgleichträgern, die nicht allen zugänglich ist?“
„Wie meinen Sie das?“
„Warum sollte es zu dem für jeden sichtbaren Internet nicht auch ein nicht-sichtbares Internet geben? Wie Materie und Anti-Materie. So etwas wie Antipoden des Internets?“
„Etwa ein weißes und ein schwarzes Internet?“
„Vielleicht.“
„Wo finde ich dort die Papiere des PentAgrion? Wissen Sie es?“

Die Kirchentür öffnete sich. Ein Gruppe Schulkinder quetschten sich durch die schwere Holztür. Deren Stimmen hallten in dem Kirchengewölbe wieder. Zwei erwachsene Begleiter folgten der Gruppe und versuchten durch diverse „Scht“-Laute die Ruhe des Ortes zu erhalten. Eine Seitentür öffnete sich und ein Pfarrer trat aus ihr hervor. Er ging auf die Gruppe zu. Die Frau hatte sich ebenfalls erhoben und schritt auf den Pfarrer zu, um ihn zu grüßen.

Ich blickte auf meine Uhr. Es war später Nachmittag. Es wurde Zeit für mich nach Köln ins Hotel zurückzukehren. Als ich die Kirchentür erreichte, warf ich einen Blick zurück. Die Frau stand mit dem Pfarrer und der Gruppe zusammen. Offensichtlich wurde denen gerade erklärt, wer in der Krypta begraben liegt. Oder zumindest, was man glauben sollte, wer dort liegt.

Auf meinem Leihwagen lag das erste Herbstlaub. Als ich die Wagentür öffnete, wehte der Wind das Laub vom Fahrzeugdach herunter. Die Luft war klar, es war leicht windig.

Lediglich in meinen Gedanken herrschten Sturm und Nebel zugleich. Ein Gefühl beschlich mich, immer ein wenig zu spät zu kommen, wenn es darum ging, Informationen zu bekommen. Worauf hatte ich mich eingelassen?

Sollten mich die Papiere des PentAgrions nicht mehr loslassen?
PentAgrion-Manie oder PentAgrion-Phobie?
Ich hoffe doch, weder das eine noch das andere.

(Fortsetzung hier)