Das Corona-Tagebuch: Provinznotizen aus Deutschland Süd bei Südost (20)

Heute gibt es keinen besonderen Eintrag. Ein Tag, an dem nichts besonderes passierte. Eine gewisse Langeweile greift Raum. Zu sehen, dass das Wetter schön ist und die Sonne nur so frühlingshaft strahlt, hat mir nicht wirklich weiter geholfen oder mir einen Kreativitätsschub gegeben. So ist das, das Warten auf Godot.

Das Corona-Tagebuch: Provinznotizen aus Deutschland Süd bei Südost (19)

Einer muss das ja tun. Immer einer. Also muss ich jetzt ein Wort zu unseren Heldinnen und Helden (verkürzt in Folge gesamtheitlich als “Helden” bezeichnet) verlieren. Die Helden, welchen wir vom Balkon immer gegen Sechs mit Applaus beschenken sollen, damit sie nicht aufhören Helden zu sein. Weil, wir könnten das ja nie. Helden sein. So wie jene wahren Helden. Wie gut, dass wir in der Krise eben solche Menschen haben, die nicht immer gleich nur an sich selber denken, sondern an andere. Gemeint sind solche wie Krankenpflegepersonal, Altenpflegekräfte, Verkäuferinnen und Kassierer, Klopapierregalbefüllende, Ärztinnen und Ärzte, Müllwerkende, Buslenkende, verspätetes Bahn-Personal, pünktliche Postbotinnen und Postboten, immer präsente Polizei und Knöllchenverteilende und all jene unbekannten Pizza-Boten, Bierverteiler und Zigarettenautomatenbefüllenden und so weiter und so fort. Working class heros. Ja, eben jene mit Applaus bedachten Menschen unserer Gesellschaft, jene denken nicht nur an sich, so wie wir es von Vorständen, die Bänkerinnen und Bänker, Unternehmensberaterinnen und -berater, Finanzdienstleistungspersonal und so weiter und so fort kennen. Es ist ein erhebendes Glück, dass wir jetzt eben diese Heldinnen und Helden aus den zuerst aufgezählten Bereichen haben. Sie nützen uns. Eben die typischen als Gutmenschen verschrieenen Tu-Wat-Homo-Sapiens-Vertreter. Denn die an anderer Stelle erwähnten Arbeit-Nehmenden ohne Applaus-Spende lebenden Homo-V-Erectus-Vertreter würden sich zuerst einmal einen deftigen Schluck aus der Lohnpulle gönnen, bevor sie nach dem Rülpsen den folgenden Handschlag planen und dann – wenn ihnen nichts mehr einfällt – nach der Beteiligung des Staates schreien würden, weil denen das Geld aus der Lohnpulle fehlt.

Ganz im Gegentum dazu jene anderen. Wie gut wird es sein, wie toll werden wir uns dann daran erinnern und es auf den Titelseiten der Medien jenen entgegenhalten, wenn nach der Krise eben jene Helden und Heldinnen vorgeworfen werden wird, dass deren überzogenen Lohnzuschlagsforderungen das profitorientierte Gesundheitssystem ernsthaft belasten würden und die öffentliche Hand kein Geld mehr hat.

Letztendlich wird dann zudem noch der Chor der Doppelverdienenden deren Leid-Lied anstimmen, dass man in der Corona-Krise – als Kindergärten und Kitas geschlossen wurde – keine billigen rumänische Hausmädchen mehr schwarz unter der Hand als Kinderbetreuung einfliegen lassen konnten, sondern offiziell in Deutschland auf Steuerkarte arbeitende Kindermädchen mit verifizierten Corona-negativ Test für teures Geld nehmen mussten, um nicht auf all jene arbeitslosen rumänischen Frauen zurück greifen zu müssen, deren Bordelle wegen Corona zugemacht wurden. Und nach der Widereröffnung von Kindergärten und Kitas solle doch der Staat jene Kosten über die Lohnkosten senken, weil man müsse auch an eben jene Eltern denken, die nächstes Jahr mit ihren Kleinen endlich mal wieder gemeinsam verdient in den Urlaub an den Strand fliegen wollen und die Kosten für Urlaub seinen ja auch unverständlicherweise gestiegen. Es wird ein Chor-O-Nana-Gesang werden, den die Sirenen im alten Griechenland zu nicht Corona-Zeiten nie besser hinbekommen hatte. Der Staat wird dem unkritisch zustimmen, weil ja Doppelverdiener nach der Krise wieder systemisch geworden sind, senkt deren Einkommenssteuer und Erbsteuer vom Erbe derer Ü70-jährigen Eltern, deckelt Löhne im Sozial- und Gesundheitsbereich und gibt Urlaubsgutscheine für Doppelverdiener raus, weil diese durch die Krise unverhältnismäßig stark finanziell belastet wurden. Nur Alleinerziehende mit Kind, Aufstocker und SGB-II-Bezieher werden den nicht erhalten, weil die wären mit deren Situation ja auch bereits vor der Krise zurecht gekommen. Ich weiß schon, warum ich aus gutem Grunde immer “Adults only”-Hotels gebucht hatte.

And now to something completly different.

Eine Unterhaltung auf einer Parkbank im Münchner Englischen Garten, erlauscht im entlaubten Untergehölz eines Biergartengebüsches: “Opa, erzähl doch mal. Wie war das damals, als die Straßen komplett leer waren.” “Oh, liebstes Engelchen Enkelchen, das war hart. Wirklich hart. Eine Krise beherrschte das Land und machte es sich untertan.” “Krise?” “Eine Krise, liebstes Enkelchen, eine Krise wie ein brutaler Virus.” “Wie ein Virus?” “Alles war komplett lahm gelegt. Nichts ging mehr, nichts bewegte sich mehr, die Welt stand still, urplötzlich von einem Tage auf dem anderen still, weil es die Regierung so wollte.” “Das hört sich nach Horror an, Opa. Weswegen denn? Was war denn da los?” “Das war wie Ausgangssperre. Es war die Ölkrise, mein Enkelchen. Die Ölkrise. Die Sonntage der Siebziger des letzten Jahrhunderts während der Ölkrise waren unglaublich hart.” …


Eine Anmerkung in eigener Sache:

Bereits seit 14 Jahren bin ich hier bei WordPress vertreten. Na und? Schön für mich, woll. Darauf ein Prosecco, dass ich den jetzigen Blog dann seit fünf Jahren hier aktiviert habe. Das heißt, lockere neun Jahre zuvor ohne Kommentare zu all den nicht geposteten Ideen. Wer kann schon so etwas aufweisen? Na also! Stößcken!

“Wo wollen Sie in fünf Jahren stehen, Herr Careca?” Bewerbungsgespräch für die Zukunft. “Ein Blog mit vielen Lesern und noch mehr Kommentaren.” “Okay. Willkommen. Jedoch nur, wenn Sie ersten beiden Ihrer Erwartungen auf Null runter schrauben würden.” “Passt. Aber auch nur, wenn Sie dann mit meiner riesigen Popularität umgehen können.” Ich las damals noch das digitale Lachen auf dem Monitor. Jetzt weiß ich, die Macher von WordPress können mit meiner Wahnsinnspopularität genau so gut umgehen, wie ich mit meiner zuvor. Passt schon.

Motiv meines Geschreibes? In eigener Schreibe. Um der Flasche Wein vor mir und dem gefüllten Glas daneben einer Rechtfertigung zu zuführen. Nach dem Gin-Tonic zuvor. Trinke ich zu viel? Wayne interessiert’s. Wird eh keiner beurteilen können. In der Kontaktsperre bin ich von solchen Aburteilungen gefeit. Im privaten Home Office gibt es keine Alko-Teströhrchen mit denen man mein Geschreibe wegen dem Chinesen Do-Ping für ungültig erklären kann. Nun ja. Vor der Krise war die Arbeit am nächsten Morgen ein Grund, am Abend nichts zu trinken. Wegen der Kurzarbeit fällt dieser Grund weg. Und irgendwie muss ich mir ja die ganzen Zeitungsstatistiken der Corona-Statistik schön saufen. Ob das klappt, könnte ich ernsthaft bezweifeln. Bei Frauen hat es letztendlich ja auch nie gewirkt, woll. Tu ich aber nicht, gell.

Das Corona-Tagebuch: Provinznotizen aus Deutschland Süd bei Südost (18)

Ein weiterer Tag mit einem Wetter, welches einerseits zu schön ist, um zu Hause zu bleiben. Aber andererseits, ich werde nicht anfangen joggen zu lernen, nur weil ich dann raus kann, ohne ein schlechtes Gewissen haben zu müssen. Die Straße ist voll an Joggern.

Die Sonne wanderte vorm Fenster von links nach rechts. Der Backfisch von oben nach unten. Sein Verpackungsmaterial von oben nach unten in den Altpapiercontainer. Und ich bewegte mich von hinten nach vorne zum Monitor, um Daten aus dem Internet genauer zu lesen. Mit Brille wäre das nicht passiert. Ein Leben in drei Dimensionen. Ein Kontrollblick aus dem Fenster: ja, sie lebt. Ansonsten herrscht Frieden im Land. Oder Ruhe. Die erste Pflicht eines Bürgers. Ruhe, nicht Langeweile. Aber das letztere kann man auch stattdessen empfinden.

Und irgendwo da draußen hocken die Nanopartikel in deren biologisch-dynamischen Transportmittel und warten auf den nächsten Umsteigebahnhof. Ich habe das Fenster geöffnet und eine Fliege will rein. Hektisch wedelnd schaffe ich es, ihr den Einflug zu vermiesen. Sie zieht ab zum neuen Nachbarn. Der vorherige ist weitergezogen. Offenbar hatte er eine Frau kennengelernt. Unüberhörbar waren deren gemeinsame Zeiten beim Sex. Anfangs sehr häufig, dann immer seltener und – als ich bereits vermutete, er hätte sich von ihr getrennt – letztendlich hat er sie geheiratet und eine neue gemeinsame Wohnung bezogen. Eine, welche wohl den immer selten werdenden Sex kompensieren soll. Toi, toi toi.

Wie geht eigentlich jetzt casual sex in Zeiten von Corona? Gegen HIV half noch ein Gummi, aber jetzt? Eine Freundin hat ihren 50-jährigen Lover den Laufpass gegeben. Er gehöre zu einer Risikogruppe: Ü50 und männlich. Sie habe jetzt ihre Präferenz gewechselt, sie suche jetzt Männer U40. Er solle es sich nicht so sehr zu Herzen nehmen, er finde sicherlich eine andere. Als ich am Telefon schwieg, erhielt ich die Bewertung, dass es mir erheblich an Empathie mangele, und er legte darauf auf. In der Tendenz aus dem Gespräch mit ihm zurück schließend wollte er wohl sagen, ich hätte eine narzisstische Persönlichkeitsstörung. Keine Ahnung, ob er Recht hat.

Ist ein Blogger narzisstisch, der zudem aus einem allgemeinen Thema sein tägliches Drama niederschreibt?

Das Corona-Tagebuch: Provinznotizen aus Deutschland Süd bei Südost (17)

Sie hatte fristgerecht im letzten Jahr gekündigt: Mietvertrag, Arbeitsvertrag, Versicherungen. Verkauft in den letzten zwei Monaten: Möbel, Auto, Motorrad. Das gleiche tat ihr Mann. Gekauft: Ein Flugticket für zwei nach Australien. Geplant war ein Sabbatical. Und dann kam Freitag, der dreizehnte, im letzten Monat. Der Traum zerschlug sich danach.

Ein guter “Grillo” aus Sizilien passt hervorragend zum selbstgemachten Risotto. Sowohl zum Ablöschen des Arborio, als auch danach. Manchmal hat man im Leben Glück, jemanden kennen zu lernen, der einem die hohe Küchenkunst des Risottos beibringt. Risotto ist nicht lediglich machbar, wie Milchreis mit Milch. Risotto ist mehr als nur das, damit Risotto mehr als nur “Reis mit Gemüsebrühe bis zur Cremigkeit aufgekocht” wird. Für die Herstellung eines richtig guten Risottos muss man sich schon eine Stunde Zeit nehmen. Einen guten “Grillo” aus Sizilien kann man aber auch ohne Risotto trinken. Heute mach ich kein Risotto.

Die Baustelle lebt und entwickelt sich weiter zu einem Gebäude. Ein Zettel im Hausflur verkündet, dass eine Wohnung über mir kernsaniert wird. Es wird die Wohnung desjenigen sein, der am 24. Dezember hier verstarb. Für den Dreck und Lärm entschuldigt sich die Hausverwaltung gleich im Voraus. Mir wird klar, einen Wecker ist momentan so das Unnützeste, was ich mir momentan zulegen muss. Vorgestern starb erneut eine ältere Person. Ich wette, in einem Viertel Jahr gibt es den nächsten Aushang. Ausschlafen wird auch komplett von mir überschätzt. Sechs Uhr Fünfundvierzig ist das neue Sieben Uhr der nächsten Zeit.

Heute ist der 1. April und eigentlich gehören wir alle in den April geschickt. Aber keiner hat Lust dazu. Woran liegt’s? Selbst ich werde jetzt nicht irgendeinen April-Witz hier verbreiten.

Okay.

Gelogen.

Einen versuch ich euch Lesern doch unterzujubeln:

“BILD-Zeitungsredaktion vor Damaskus vom Pferd gefallen. Redaktion brütet ab jetzt das sensationelle Osterei aus. Ab jetzt nur noch liebe Schlagzeilen ohne Panikmache. gez.: Ex-Saulus”.

Gehabt euch wohl und gesund.

Das Corona-Tagebuch: Provinznotizen aus Deutschland Süd bei Südost (16)

Österreich führt die Gesichtsmaskenpflicht für den Aufenthalt in Supermärkte ein. Der Supermarkt als Begründung den eigenen vier Wänden zu entgehen soll kein Argument mehr sein, sich Maßnahmen zu entziehen.

Ein Besuch im Supermarkt ist immer wieder interessant. Wenn im Obst- und Gemüsebereich die Leute mit Mundmaske jeder einzelnen Gurke die Hand schütteln und die kräftigste dann mit weiteren Kontrollgriffen auswählen, warum tragen die dann eigentlich Mundschutz? Und dann rüber zu den Tomaten und Äpfeln gehen, um dort wieder jedem einzelnen Früchtchen “Hallo” per Händedruck zu sagen. Waschen die nachher das gekaufte Obst gründlich in Spüli, Domestos oder anderen Desinfektionsbädern, wenn sie an deren Gesundheit denken? Oder wenn man von Leuten leicht aber hartnäckig beiseite geschoben wird, nur damit jene dann eine Minute unschlüssig an der von mir freigemachten Stelle herum stehen, muss ich selber dann die Eins-Fünfzig einhalten und zurück treten? Ich meine fast ja, das muss ich. Denn der Klügere gibt nach, und bei so viel maskierter Intelligenz wagt man als unmaskierter Dummer ja auch nicht unbedingt zu widersprechen.

Ein Gesetz, welches den Menschen vorschreiben würde, Gesichtsmasken in der Öffentlichkeit zu tragen, würde der Polizei die Arbeit wohl stark erleichtern. Wenn einer ohne Maske rumläuft, kann die den gleich per Gesichtserkennung ausfindig machen, wenn der sich der Verhaftung entziehen sollte. Und sollten mehr als nur zwei Leute mit einer Maske zusammen stehen, kann die Polizei gleich das Demonstrationsstrafrecht anwenden und die Leute verhaften (alternativ: Wasserwerfer-Einsatz mit Chlorreizgasbeimischung zur gleichzeitigen Desinfektion). Denn es gilt das Vermummungsverbot auch bei nicht angemeldeten Demonstrationen. Und die Wahrung der geforderten Kontaktsperren von Individuen untereinander.

Irgend so ein Donald Trump hat dem Automobilhersteller GM auf Basis eines Kriegsgesetzes befohlen, Beatmungsgeräte herzustellen. Wie das klappen soll, in einer Automobilindustrie, bei der Fahrzeuge an Fließbändern hergestellt werden, welche zum Teil hochautomatisiert sind? Wie das aussehen soll? Das ist überhaupt nicht so schwierig, wie alle meinen. Das Ergebnis werden dann amerikanische 6- und 8-Zylinder-Pick-Up-Fahrzeuge ohne geregeltem 3-Wege-Katalysator, dafür aber mit Bi-Turbo plus Anhängerkupplung sein. Und hinter jedem Fahrzeug wird ein Krankenbett mit einem zu beatmenden Patienten eingehängt. Vom Fahrzeug geht dann direkt vom Auspuff aus ein Schlauch in die Luftröhre des Patienten, und der erhält dann somit vom Pick-Up eine Druckbetankung als Atemversorgungsdienstleistung. Freilich wird die Abluft vom Auspuff auch mit ausreichend Sauerstoff angereichert werden, denn der Amerikaner an sich ist ja kein Unmensch. Und der Patient hat zusätzlich zum Sauerstoff auch noch den Duft von der freien Fahrt für freie Bürger in seinen Lungen. Der Sauerstofftank lässt sich praktischerweise beim  Pick-Up einfach auf dessen Ladefläche verstauen. Für Trump gewissermaßen eine Win-Win-Win-Situation. Denn wenn dabei ein Patient stirbt, war es garantiert GM oder ein Demokrat am Steuer, der alles falsch gemacht hat.

Das Corona-Tagebuch: Provinznotizen aus Deutschland Süd bei Südost (15)

Der erste Tag in Kurzarbeit. Bad geputzt, Wohnung aufgeräumt und sonst nichts getan, außer den Pflanzen beim Wachsen und der Baustelle beim Bauen zugeschaut und die neusten Zahlen durchgehechelt. Morgens fiel noch Schnee, jetzt scheint die Sonne. Ansonsten nichts Neues.

Außer vielleicht bei Netflix. Die Serie zur Corona-Ausgangssperre. Man packe neun Kandidaten in neun Apartments und verbinde diese mit einem Chat-Kommunikationssystem, in welchem der Text per Stimme diktiert wird. Viele kennen das: “Alexa, mach mal Licht”, “Alexa, packe Notizbuch auf meine Einkaufsliste”, “Alexa, wie spät war es vor 10 Minuten?” So ähnlich funktioniert das System auch in der Serie.

Das System nennt sich “Circle” und die geskriptete Serie wurde in Brasilien gedreht. Zwei der neun Kandidaten verkörpern Fake-Personalitäten und jeder muss den anderen anhand des Diktierten abschätzen.Direkten Kontakt gibt es nicht und verlassen werden darf das Apartment nur, wenn die Spielleiter es aus triftigen Gründen erlauben oder fordern. Also, wie hier bei uns Ausgangsbeschränkung und Kontaktsperre. Die perfekte Corona-Serie.

Unterhaltsam ist die Serie, wie Farbe beim Trocknen zuzuschauen. Nur mit dem Unterschied, hier kann die Farbe in den neun Apartments auch noch sprechen, wenn auch kaum wirklich sinnvolles, und dann auch noch Caipirinha trinken.

Nach zwei Folgen war bei mir Ende Gelände und der Fernseher ging wieder auf Standby.

Auf der Baustelle wird gemauert. Sie rühren nicht nur Beton an, nein, sie ziehen das perfekte Verteidigungsbollwerk hoch: exakt ausgerichtet, lotrecht und schnurgerade. Und immer wieder mal ein Rüttler, der Erde verfestigt und hier alles zum Erzittern bringt. Sollte niemand meinen, mein Körper würde keine Bewegung erfahren.

Morgen geht es wieder zur Arbeit. Ich darf wieder raus. Hoffentlich rütteln die da unten alles zu Ende.

Und jetzt ein wenig Musik von Torfrock (https://www.youtube.com/watch?v=dlcn0WlFSG0)

Das Corona-Tagebuch: Provinznotizen aus Deutschland Süd bei Südost (14)

Lebbe geht weider.

Das Zitat ist von Dragoslav Stepanović, ehemaliger Bundesligatrainer von Eintracht Frankfurt, nachdem die Meisterschaft gegen Hansa Rostock verspielt wurde.

Lebbe geht weider.

Nie mehr Mutter Beimer beim Spiegeleier-Braten als Übersprungshandlung beobachten, nie mehr Lindenstraße. Na und? In der letzten Szene wurde klar, die Straße liegt in Schwabing. Computerrechenpower machte es möglich. Schöne, alte Fernsehrealität

Lebbe geht weider.

Ich höre im Umfeld inzwischen die ersten Klagen, dass Corona das wesentlich Wichtige des Lebens überdeckt: Genderismus, Klima-Debatte, Ausländer und Kriminalität, deutsche Kultur, Religion, Lügenpresse waren einige Themen. Klar, ich kann Themen blocken, die mir nicht gefallen, und wenn nicht, werden sie an mich heran getragen. Jeder darf sich bei mir blamieren, wie er möchte. Es gibt kein Anrecht von mir darauf, dass sie es nicht dürfen. Nur wird mir vorgeworfen, unmündig zu sein oder Mainstream zu folgen oder nichts zu tun oder das Falsche zu glauben. Interessanterweise sind auch Expats darunter, die erst dann wieder zurück kehren wollen, wenn das bereinigt wurde, was jene als Missstände empfinden. Und ich soll deren Vorkämpfer sein, damit sie zurück kehren können. Ich bin aber kein Held. Helden sterben immer als erste und ich will nicht Märtyrer für irgendwelche geistig Benachteiligten außerhalb Deutschlands werden. Auch nicht für mich, der innerhalb lebt. Davon habe ich nichts. Ich tauge nicht zum Helden.

Lebbe geht weider.

Meine Mutter rief mich an. Meine Mutter ist weit über 80 Jahre (86 Jahre) und lebt über 600 km im Norden. Ich habe keine Chance, sie zu Ostern besuchen. Ihr geht es soweit so gut. Bis auf die fehlenden Gottesdienste. Die fehlen ihr. Und dass der Papst inzwischen mehr im Internet als im Fernsehen zu sehen sei. Sie weiß gar nicht, was das sei, das “Internet” und sie wolle es auch gar nicht mehr lernen, aber den Papst, den würde sie gerne häufiger sehen, weil er ihr Kraft gäbe. Im Altersheim gegenüber dürfe sie nicht mehr.

Zuvor war sie schon nicht mehr gern gesehen. Weil die neue Abteilungsleiterin ihr vorwarf, sie käme Sonntags nur, um ein Mittagessen abzustauben. Sie war vormals immer Sonntags da und hat den gleichaltrigen Menschen geholfen, ihr Mittagessen zu sich zu nehmen. Das hat die Pflegekräfte entlastet und sie erhielt dafür lobende Worte. Sie traf dort in einem Bett ihre ehemalige Nachbarin vom Lande wieder. Jene hatte sie zu Lebzeiten geschmäht und schlecht gemacht. Meiner Mutter war das jetzt egal, denn die Nachbarin ist inzwischen dement und erkannte meine Mutter nicht mehr. Sie erinnert sich auch im Gegensatz zu meiner Mutter auch nicht mehr an damals. Beide sind im gleichen Alter. Die eine ist nicht nachtragend, weil sie es nicht mehr kann. Die andere ist nicht nachtragend, weil sie das Gefühl für sich als für überflüssig erkannt hat. Und da die Familie (die drei Töchter und Ehemann) jener Frau sie mittags nicht mehr besuchen, so fütterte die einstige Feindin ihre damalige Integrantin. Und beide fühlten sich wohl. Meine Mutter hatte längst Frieden mit ihr geschlossen und sah die damalige Situation als komplett sinnlos an. “Und was hat sie jetzt von ihrem Triumph? Alle hat sie gegen mich mobilisiert und unsere Familie als Sündenböcke dargestellt, damit deren Familie die staatlichen Fördergelder erhalten konnte. Und was hat sie jetzt davon? Ihre Kinder kommen nur einmal im Monat. Und ich jeden Sonntag, um ihr das Mittagessen zu reichen.”

Für ihren Dienst erhielt sie immer ein freies Mittagessen und niemand hatte es ihr geneidet oder missgönnt. Eher ganz im Gegentum. Mit der neuen Abteilungsleiterin wehte der Wind aus einer anderen Richtung. Jene stellte meine Mutter zu Rede und warf ihr vor, für deren Fütter-Dienste vorsätzlich ein freies Mittagessen abzustauben. Meine Mutter solle ab sofort dafür zahlen. Schließlich müsse das Altersheim auf die Kosten achten und habe zu sparen und nichts zu verschenken. Meine Mutter bedankte sich für das Einspar-Angebot und entzog dem Altersheim ihren freiwilligen Dienst. Unter Bedauern, wie sie mir sagte, denn sie hatte gesehen, wie die Pflegekräfte mit den alten Menschen beim Füttern umgehen. Pro Fütter-Dienst hatten sie nur eine bestimmte Zeitspanne zur Verfügung und daher erinnerte meine Mutter deren Fütter-Dienst-Aktionen eher an eine Art Zwangsernährung, welche effizient zu sein habe, und somit die zu-fütternden Person lediglich als Störfaktor für die maximal zugestandenen Fütter-Zeit sehen musste. Patienten, die nicht schnell genug schluckten, waren immer diejenigen, die alle Zeitpläne der Pflegekräfte störten. Und Zeit war Geld. Und das galt es zu sparen. Und es könnte nicht sein, so die neue Abteilungsleiterin, dass altersheimfremde Personen versuchen würden auf Kosten andere sich Leistungen zu erschleichen.

Inzwischen dürfte meine Mutter eh nicht mehr dort mithelfen. Die neuen Infektionsschutzgesetze erlauben es ihr nicht mehr. Sie hat mit mir inzwischen eines gemeinsam: 35 qm Deutschland aufgrund der Ausgangsbeschränkung. Mein Bruder stellt ihr die Lebensmittelpakete vor deren Tür ab, weil auch er nicht will, dass er derjenige sein könnte, der durch eine Viruserkrankung ihren Tod herbeiführen würde. Eigentlich wollte ich sie zu Ostern besuchen. Daraus wird nichts mehr werden.

Italien und Spanien haben gerade deswegen so viele Tote, weil durch die Finanzkrise Deutschland darauf gedrängt hat, dass beide Länder gerade im Gesundheitsbereich Einsparungen zu treffen hatten, um deren internationale Schuldendienste zurück zu fahren. Ich denke gerade an Griechenland

Lebbe geht weider.

In der Firma hörte ich einen Mann, welcher vorgestern (am Freitag) erklärte, er würde an diesem Wochenende zu dessen Zweitwohnung ins Allgäu fahren. Er bräuchte das jetzt. Verständlich. Er wohnt in einen der teuersten Gegenden Münchens. Da kann man ihm nicht zumuten, zu Hause zu bleiben, wo um ihn herum alle Corona-positiv seien. Ihm als Besserverdienender so etwas zuzumuten, wäre doch nicht sachlich. Klar. Wea ko, dea ko. Und wieder fiel der rechte Anteil des gespaltenen Haares in die Populärdeutung von Ausgangsbeschränkung: die anderen müssen sie endlich mal befolgen, weil man selber ja gesund wäre. Und auch die Familie als Kernzelle Deutschlands solle endlich wieder an jene Bedeutung gelangen, die sie bekommen müsse. Und mit seiner Familie würde er ins Allgäu fahren. Die Großeltern würden sie bereits für dieses Wochenende erwarten. Nebenbei war er auch in Tirol Ski-Fahren. Zu der Zeit, wo der Virus noch hemmungslos sich im After-Ski-Bereich ausbreiten konnte. Aber er und seine Familie hätte den Virus ja sicherlich nicht eingefangen, ansonsten wäre ja mindestens einer mit leichten Symptomen erkrankt gewesen. Ein Einwand wurde von einem Umstehenden schüchtern geäußert, dass das nach dem Infektionsschutzgesetz kein triftiger Grund wäre, aber mit der Macht des Vorgesetzten weggewischt: nach vierzehn Tagen wäre der Virus garantiert ausgebrochen und in seiner Familie sei seitdem keiner erkrankt gewesen. Basta.

Lebbe geht weider.

Morgen beginnt meine erste 3-Tage-Woche. Kurzarbeit bedeutet jetzt mehr Zeit in den eigenen vier Wänden verbringen zu müssen. 35 qm Deutschland. Und vom Fenster aus den Bautätigkeiten als Abwechselung zuschauen zu können. Die fangen mit deren “Krach” immer um Viertel vor Sieben (für diejenigen, die das nicht verstehen: dreiviertel Sieben) an. Ich trinke gerade an einer Flasche Wein. Normalerweise mache ich das Sonntags nicht, weil ich Montags raus muss. Es lässt ein wenig vergessen, wie beschissen es doch ist, zu Hause auf wenig Quadratmeter festgenagelt zu sein, ohne triftigen Grund die Wohnung verlassen zu dürfen. Ob das gut ist? Keine Ahnung. Ob ich zum Alkoholiker werde, werde ich nach dem Ende der Kurzarbeit und Ausgangsbeschränkung wohl dann erfahren haben. Es ist aber dann zum Wohle aller. Meins war eh niemand wirklich wichtig.

Lebbe geht weider.

Das Corona-Tagebuch: Provinznotizen aus Deutschland Süd bei Südost (13)

Fragen gehen mir durch den Kopf. Wie geht es mir mit der Ausgangsbeschränkung? Ändert sie mich? Ändere ich mich?

Solange ich zur Arbeit gehen kann, geht es für mich. Diese tägliche Routine, die ich nicht reflektieren mag, erleichtert es, nicht ins Grübeln verfallen zu müssen. Ich stehe auf, dusche, richte meine ActionCam auf die Baustelle vor meinem Fenster, um eine 10-Stündige Zeitrafferaufnahme zu erstellen, trinke zwei Espresso, mache mir eine Portion Flüssignahrung, packe eine weitere ein und mache mich auf den Weg. Auf dem Weg hole bei Nachfrage der Streifenpolizei meinen Passierschein raus und beantworte deren Fragen. Stemple ein, arbeite, stemple aus. Nach der Arbeit geht es zurück in die Wohnung, wo ich verbleibe und aus dem Fenster auf die Hinterhof-Baustelle starre, dabei das Zeitraffervideo auswerte, im Internet surfe und auch mal in einem Computerspiel dem Recht durch Verprügeln von Bösewichten zu seinem Recht verhelfe. Hin und wieder gehe ich gezielt einkaufen. „Gezielt“ heißt, ich spaziere nicht mehr ziellos durch die Lebensmittelgeschäfte und kaufe rein nach gusto ein, sondern ich suche nur bestimmte Dinge des Lebens in den Regalen. Und versuche dabei nicht anderen in deren Eins fünfzig-Sicherheitszone einzudringen. Dass Abstand jetzt sein muss, das sehe ich ein. Dass jeder Mensch jetzt erst recht ein potentieller Krankmacher oder gar Totmacher ist, das schwebt über jedem jetzt als unausweichliches Damokles-Schwert, bewusster als zuvor.

Gestern war ich bei meinem Wein-Händler, um meine Vorräte aufzustocken. Er lässt nur noch zwei Kunden gleichzeitig in seinem großen Geschäft. Nach meinem Einkauf stellte ich fest, dass ich beim Bezahlen versucht hatte, den Weinhändler in ein Gespräch zu verwickeln, um festzustellen, was ihn so umtreibt, wie er mit der Situation umgeht. Das ist nicht meine Art, wenn ich einkaufen gehe. Den Weinhändler in ein Gespräch zu verwickeln, das war jetzt wohl nicht im Sinne der wartenden Kunden draußen vor der Tür. Jeder will noch rein, bevor er regulär abschließt. Aber das fiel mir erst später ein, als ich in einem andren Supermarkt in der Eins fünfzig-Abstand-Warteschlange an der Kasse stand.

Eins fünfzig. Der neue normative Begriff, der Fakten schafft. Eins fünfzig. Anderthalb. Zwei halbe Anderthalbe machen kein ganzes, sondern wieder nur ein Anderthalbes. Eins fünfzig. Die verordnete Kurzarbeit wird mich die Ausgangsbeschränkung intensiver verspüren lassen. In meiner Wohnung gilt keine Eins-Fünfzig-Regelung einzuhalten. Nur schleicht sich die verordnete Kontaktsperre dann intensiver in meine Welt. Einfach mal rausgehen und von einem Café aus die Welt zu beobachten (wie vor zehn Jahren), funktioniert nicht mehr. Kein Café, kein Rausgehen. Wie heißt es doch so schön? Keine Arme, keine Kekse. Die Welt spielt sich mir dann verstärkt nur noch auf der Baustelle vor meinem Fenster und auf dem Monitor als Ausguck ins Internet ab. Living in a bubble.

Wie hieß es noch in dem Lied „Living in a bubble“ von Eiffel65 aus dem Jahre 1999?

Die Blasen sind keine Realität, aber sie sind in deinem Kopf. Sie lassen vergessen, woher du kommst und was dahinter steckt. Die Blase erschafft nicht dich, sondern du erschaffst die Blase. Und das vergegenwärtigst du besser in deiner Vorstellung. Wir leben in einer Blase. Aber das ist nicht der Ort, wo wir sein sollten. Weil es ein Ort der Lügen und eine Welle oberflächlicher Begeisterung ist. Vertraue der Blase nicht, denn sie ist nichts als ein Traum, und wenn sie platzt, bist du allein.

Die Busse sind leer. Die U-Bahnen bietet ausreichend Platz für jeden Passagier. Zumindest orientieren sich die Öffentlichen-Nahverkehr-Versorger nicht an der momentanen Nachfrage, welche zum Einschränken des Angebots führen könnte. Noch nicht. Die Zeitungskästen werden weiterhin regelmäßig von Lesern geleert und vom Zeitungsverteiler aufgefüllt. Des Tags die Straßen zu queren ist problemlos möglich. Es kommen nur selten Autos, denen das eigene Verhalten beim Überqueren angepasst werden muss.

Ich sitze am Fenster und schaue auf die Baustelle. Die Arbeiter sind bereits nach Hause. Die Baustelle liegt leblos brach. Eine Taube landet auf einen Sandhaufen, sucht nur kurz nach Essbaren und fliegt weiter. Die trockene Kälte der letzten Tage hat von dem Beton und dem Aushub den Staub abgetrocknet, welcher der Wind jetzt aufwirbelt. Der Kran dreht sich langsam in den Wind, seine Kabine leuchtet kurz in den Strahlen der nicht sichtbaren Sonne auf. Sie wirft noch die Schatten an den anderen Häuserfronten, um ihren Untergang anzuzeigen. Von meinem Fenster aus sehe ich nur noch sehr selten die Kondensstreifen der Flugzeuge, die München überfliegen. Warum – um Himmelswillen – spielt meine Anlage gerade in diesem Moment aus meiner Playlist „La vie en rose“?

Voilà le portrait sans retouche.