Das Corona-Tagebuch: Provinznotizen aus Deutschland Süd bei Südost (24)

Im Bekanntenkreis gibt es bereits die ersten, die mit ihren Vermietern zwecks Mietstundung in Kontakt getreten sind. Gesetzlich ist “Mietstundung” ermöglicht worden, wobei es doch eher “Mietaufschub mit prozentualen Versäumnisgebühren” heißen müsste. Es hat dann aber auch den Charakter eines Überziehungsspielraum wie beim eigenen Konto. Man zahlt dann halt die vereinbarten Überziehungszinsen. Der Vermieter wird somit zu einer Art “Bank” für den Mieter. Und wenn die “Bank” ziemlich mies drauf ist, dann lernt der Mieter den Begriff “Bad Bank” von einer ganz anderen Seite kennen und zwar in der Leidensform (als Erleidender) und nicht als passiver TV-Zuschauer einer Serie einer Streaming-Mediathek.

Jetzt ist aber nicht jeder Vermieter eine physische Person an sich. Es gibt auch andere Arten von Vermieter, also Immobilien-Gesellschaften, Wohnungskonzerne, Immobilien- und Versicherungsfonds. Gerade in den Innenstadtlagen beherrschen diese “Real Estate”-Immobilien- und Versicherungsfonds den Markt. Nachdem die Zentralbanken die Leitzinsen immer mehr Richtung 0% gesenkt hatten, flüchteten die Sparer in Fonds, welche sich aus Mietzahlungen von Mietern an eben jene Immobilienfonds ernähren. Und der Sparer will seine 7% Marge, damit er sich später einmal von einen solcher “Real Estate”-Konglomerate seine eigenen vier Wände finanzieren kann.

Wenn also Firmen, welche Geschäfts- und Verkaufsräume in bester Innenstadtlage gemietet haben, jetzt ihre Miete nicht mehr zahlen, dann trifft es kaum den privaten Vermieter, sondern vielmehr Immobilienfond-Konzerne. Diese wirtschaften auf Profit ausgerichtet, damit die Rendite derer beteiligten Sparer stimmt. Und der Sparer ist keiner, der auf Wertzuwachs verzichtet.

Fallen im Wohnungsbau Namen von Wohnungskonzerne wie “Vonovia”, “Deutsche Wohnen” oder “LEG”, dann hilft es sich zu vergegenwärtigen, dass dahinter u.a.a. solche Aktionäre wie “BlackRock” (größter Vermögensverwalter der Welt mit über 6,5 Billionen Dollar verwaltetes Vermögen), “Norges Bank” (Norwegens Staatlicher Pensionsfonds, der  größte Staatsfond der Welt) oder “MfS” (Massachusetts Financial Services als eine der ältesten Vermögensverwaltungsgesellschaften der Welt) stehen. Und diese haben das Ziel eines jeden Unternehmens: profitabel zu wirtschaften, um den Shareholder-Value zu steigern und den Shareholdern Dividende zu geben. Es geht nicht um die Allgemeinheit, es geht um den Kreis derer, die mit ihren Einlagen diese Firmen stützen.

Natürlich gibt es in München auch viele “Privat”-Vermieter und einige davon sind hauptberuflich Vermieter und leben davon auch ohne Nebenjob recht komfortabel. In einer Münchner Nachtkneipe begegnete ich kurz vor der Ausgangsbeschränkung jemanden, der mir bierseelig offen gestand, dass er in der Schule schlecht war, trotzdem das Abi mit Hilfe seiner Eltern irgendwie bestand, dann im BWL-Studium nichts zustande brachte, aber eine gesichert Zukunft habe: sein Vater besitze viele vermietete Immobilien in München. Davon könne die Familie sehr gut leben und er übernehme gerade die Verwaltung dieser Immobilien. So funktioniert Wirtschaft und Geldvermehrung. Manche haben halt den Silberlöffel im verlängerten Rücken stecken. Andere müssen den monatlich putzen.

Das aktuelle Virus kann nicht nur die eigene Gesundheit ernsthaft angreifen, sondern es hat bereits ganz konkret die Wirtschaft infiziert und damit das Auskommen mit dem eigenen Einkommen der Menschen. Während nach dem physischen Gegenmittel zu dem Virus mit Hochdruck geforscht wird, bleibt das Forschen nach wirtschaftlichen Gegenmitteln auf der Strecke. Der Gedankenkorridor, der generell als zulässig erachtet wird, ermöglicht dazu nur ein Reagieren auf Sicht. Einen “Plan B” gibt es nicht, denn solch einer läge nicht im Bereich der zulässigen Ideen.

Die lange Schlange vor der Münchner Tafel von gestern erinnerten mich auch daran, dass Mieten in München alles andere als niedrig sind und der Wegfall des üblichen Einkommens die private Lage von Mietern von einen auf den anderen Tag schlagartig verändern kann. Da klingen mir die in den letzten Jahren und Monaten zuvor geäußerten Phrasen wie “wer arbeiten will, der findet auch einen Job” wie Zynismus. Natürlich fällt gerade in der jetzigen Situation gerne noch die Plattitüde “dass hier in Deutschland auf hohem Niveau gejammert wird”. Denn im Vergleich zu den Arbeitern wie jene in Neu-Delhi, die ihren Niedriglohn-Job verloren haben, jetzt auf der Straße vor den Bahnhöfen schlafen, weil sie deren Miet-Wohnungen verloren haben, und zurück zur eigenen Familie außerhalb Neu-Delhis wollen, nun aber wegen Einstellung des Bahnverkehrs das nicht können und dafür auf den Straßen von den Polizisten verprügelt werden, weil die dortige Ausgangssperre nicht beachtet wurde … das wird dann von denen geäußert, die mit der Krise noch keine Probleme haben, solange deren Aktienfonds sich weiterhin positiv entwickelt. Und sollte dann Mietzahlungen nicht kommen und der eigene Versicherungs- und Immobilienfond nicht den Gewinn produzieren, wie jener geplant wurde, dann ist deren Gezeter groß.

Jede Krise produziert Verwerfungen und macht Dinge sichtbar, welche vorher latent unter der Oberfläche gelauert haben. Bei der Finanzkrise von vor zehn Jahren platzte die Spekulationsblase der Banken, der Immobilien- und Versicherungsbranche und es wurde deutlich, wie sehr unser Leben von Hausse und Baisse der Börsen und deren Leidenschaft, auf unsere Lebensumstände zu wetten, geprägt wurde. Dass dabei Milliarden an Milliarden in systemische Banksysteme gepumpt wurden, zeigte damals bereits, dass Armut keinen systemischen Status hat, Reichtum und Besitz aber sehr wohl.

Vielleicht ist das Zynische an dem jetzigen Virus, dass es sich nicht für Vermögenswerte oder Wirtschaftssysteme interessiert (nebenbei, auch nicht für den Inhalt, den Blogautoren wie ich schreiben) lediglich rein biologisch agiert, und dass alle Menschen vor dem Virus gleich sind. Naja, zumindest was grauhaarige, ältere Männer angeht. Aber die will ja eh niemand mehr. Und da gibt es inzwischen ja genügend, die eh gerne dem “survival of the fittest” anhängen …

Das Corona-Tagebuch: Provinznotizen aus Deutschland Süd bei Südost (23)

Mit “triftigen” Grund war ich heute in der Innenstadt. Ich wollte mir bei Banken (die im Internet als “geöffnet” markiert waren) 50-Cent-Rollen einkaufen. Damit ich die Waschmaschine und den Trockner im Keller nutzen kann. Aber ich war zu gutgläubig. Banken hatten alle zu.

Mit dem Bus fuhr ich in die Stadt. Er kam an einer sehr langen Menschenschlange (geschätzt 100 Meter) mit “Hackenporschen” (Einkaufskörbe auf Räder) vorbei. Jeder der in der Schlange stand, hielt den Eins-Fünfzig-Abstand. Und am Kopf der Schlange standen zwei Männer mit Mundschutz und Schürze, welche die Schlange am Kopf instruierten. Auf deren Schürze las ich “Münchner Tafel e.V.”. Mir wurde klar, dass dort nicht die Toilettenpapier-Suchenden sich befanden. Sondern wahrscheinlich vielmehr die, welche jetzt plötzlich noch weniger zu beißen haben. Eigentlich habe ich es doch noch ganz gut erwischt, ging mir als Gedanke durch den Kopf.

Die Fußgängerzone in der Innenstadt erinnerte mich eher an “Sonntagmorgen” als an “Dienstag Nachmittag”. Ich war dort schon mal paar mal an Sonntagmorgen, nachdem ich aus Clubs kam. Im Vergleich zu heute stand damals aber die Sonne noch immer recht tief (oder es war noch dunkel) und nüchtern war ich dabei dann auch kaum. Aber jetzt strahlte die Sonne vom blauen Nachmittagshimmel. Jeder Mensch und jedes Paar in der Fußgängerzone war auf Sicherheitsabstand. Selbst entgegenkommende Polizisten waren näher an sich dran, als manch andere Passanten. Der Stacchus, der sonst vor Personen nur so wimmelt, war spärlich bevölkert von Leuten, die einfach nur die Sonne genössen. Die Imbiss-Geschäfte hatten auf, aber Stress sieht bei dem Personal immer anders aus. Sie verkauften wohl wenig bis nichts. Es stand kein einziger Kunde wartend vor denen. Langeweile beim Verkaufspersonal. Mir fiel die Menschenschlange an der Tafel von vorher wieder ein. Ein Kontrastgedanke.

Mundschutze werden immer häufiger sichtbar. Es gibt die einfachen, die hochwertigen, die Selbstgenähten und dann die stylischen. Und immer mehr erinnern mich solche an einen Maulkorb, so wie die getragen werden. Der Mundschutz als Unterstützung zur Ruhe, der ersten Bürgerpflicht. Es lässt das Seufzen undeutlich werden. Am seltsamsten wirkten Mundschutze jedoch bei diejenigen Menschen, die den Mundschutz runter gezogen haben, um zu rauchen. In deren Sinne gefährden sich jene Raucher doppelt und dreifach: weil sie den Schutz entfernen, weil sie rauchen und weil sie somit zur Risikogruppe zählen. Nur wirklich wichtig ist das nicht. Sonst wäre Rauchen ja auch schon völlig verboten.

Ich habe das Gefühl, es fahren wieder mehr Autos. An meiner Fußgängerampel unweit meiner Wohnung hatte ich diesmal auf mein “Grün” gewartet, welches den Verkehrsfluss der Autos zum Stocken brachte. Vor einer Woche konnte ich locker über die Straße gehen, da benötigte ich die Ampel nicht. In Autos fühlen sich die Menschen wohl sicherer als an der offenen Luft.

Der Tag kam, der Tag ging. Der Blick auf Zahlen ist mittlerweile Routine. Ebenso ihre weitere Entwicklung nach oben. Ansonsten?

Im Südosten nichts Neues.

Das Corona-Tagebuch: Provinznotizen aus Deutschland Süd bei Südost (22)

Haben Sie schon die App? Nicht? Warum nicht? Seien Sie nicht unsolidarisch! Wenn jeder so denken würde wie Sie, können wir diese Pandemie nie besiegen. Und wir wollen dieses Scheiß-CoVid-19 doch besiegen, oder etwa nicht?

Denken Sie nur: die Pocken beispielsweise. Die Pocken tauchten ungefähr 160 n. Chr. in Europa auf und erst am 26. Oktober 1979 erklärte die WHO die Welt für pockenfrei. Pocken ausgerottet. Nach mehr als 1800 Jahren.

Kein Wunder. Die Leute hatten damals der App nicht. Hätten schon die alten Römer diese App gehabt, wären Pocken historisch nie ein Thema gewesen. Die Römer hätten die App aus dem Kapitol vom Jupiter runtergeladen und – zack – wären die Pocken zum Pluto, dem Herrscher der Unterwelt, geschickt worden. Nur, die Römer hatten bekanntlich der App nicht. Und das ist Fakt.

Und kommen Sie mir jetzt nicht mit Platon “Politeia” und seinem Sokrates. Als jener erklärte, nach der Demokratie entstehe aus deren Untergang die Tyrannenherrschaft, da gab es noch kein Internet. Daher kann der Plato gar nicht mitreden. Der hat die Pocken auch nicht mitgemacht.

Und kommen Sie mir jetzt nicht mit Grundrechten! Die Regierung denkt mit und hat das Bundesministerium für Gesundheit am 23. März dazu ermächtigt, durch Allgemeinverfügung oder durch Rechtsverordnung Vorkehrungen zum Schutz der Bevölkerung zu treffen und die Gesundheitsversorgung sicher zu stellen. Darunter fallen dann auch Vorschriften für den Reiseverkehr, für Melde- und Untersuchungspflichten. Das passierte alles zu dem Schutze Ihrer Grundrechte! Und wenn dann der Held der Helden, der Jens Spahn, erst einmal seine App auf unseren Smartphone hat, dann wird er in weniger als 1800 Jahre – wie weiland die WHO über die Pocken – stolz verkünden: “SARS-CoV-2 ist ausgerottet!” Und wir alle sollten dann dankbar applaudieren und uns den von angeblich auf Rechtswegen entledigten Rechte nicht grämen. Das ist halt Demokratie und die ist für alle da.

Installieren Sie jetzt? Wollen gerade Sie sich der App verweigern? Haben Sie etwa zu verbergen, mit wem sie sich immer treffen? Sind Sie etwa Terrorist, dass Sie die App nicht herunter laden wollen? Wenn jeder nur an sich denkt, dann denkt keiner mehr an jeden und das ist schlecht für uns alle. Und somit den Staat. Und wer ist der Staat? L’état c’est moi! Und lassen Sie sich meine freie Meinung ehrlich und schonungslos sagen: Sie sind ein unsolidarischer Egoist!

Würden Sie also jetzt bitte die App auf ihrem Smartphone laden? Oder haben Sie etwas zu verbergen? Ich meine, wenn Sie nichts zu verbergen haben, wohin Sie gehen, mit wem Sie sich treffen auf ein Bier oder zum Seitensprung, und welche amoralischen Orte Sie sonst noch so besuchen, dann können Sie sich die App ja herunter laden. Falls nicht, muss ich annehmen, Sie treiben illegales, unmoralisches, unsolidarisches. Und das kann ich nicht erlauben. Also. Entweder Sie installieren jetzt die App oder ich muss Sie leider melden!

Und dann wissen wieder alle
alles besser wia i.
Moana immer nur sich selber,
doch mitm Finger zoagns auf mi.
Koaner laßt si neischaugn,
manchmal kanntst as neihaun,
und i spür jetzt mehr und mehrer,
was bei uns im argen ist:
A jeder Deutsche is a Lehrer
und a Freizeitpolizist

(aus “Laß mi wieder falln” von Konstantin Wecker, 1986)

(geschrieben nach einer Idee von H.G.Butzko)

Das Corona-Tagebuch: Provinznotizen aus Deutschland Süd bei Südost (21)

“Komm mal her, hey. Was ist das hier? Was ist das hier? Hm?”

“Ehrlich, es tut mir leid, wirklich. Ich habe extra alles veranlasst gehabt, dass du hier unerkannt ankommen kannst.”

“Und? Was ist das hier? Was soll das?”

“Keine Ahnung.”

“Überall Leute. Hatte ich nicht ausdrücklich angeordnet, keine großes Gewese um meine Ankunft zu machen? Hm, wozu bist du eigentlich nütze, hä?”

“Aber ich weiß doch auch nicht, warum es nicht funktioniert hat. Bitte, verzeih mir.”

“Ach ja? Und warum dann das schöne Wetter, diese frühlingshaften Temperaturen und diese klare, weite Luft? Weißt du überhaupt, für welchen Tag du das jetzt alles arrangiert hast?”

“Für einen schönen Sonntag Morgen?”

“Dummkopf! Palmensonntag!”

“Palmensonntag.”

“Ja, dämmert dir was? Bei solch einem Wetter wollen Leute raus und alles für den jährlichen Empfang bereiten. Und? Was meinst du, warum jetzt hier um uns so viele Menschen herum laufen, hä?”

“Keine Ahnung, es tut mir leid.”

“Das musst du doch wissen! Hast du etwa in der Schule nicht aufgepasst, oder was? Bin ich denn eigentlich nur von Ignoranten und Ungebildeten umgeben?”

“Verzeihe mir, aber ich hatte doch alles so geschickt eingefädelt gehabt. Der Virus, die weltweiten Ausgangsbeschränkungen und -sperren, …”

“Jajaja. Geschickt. Das ich nicht lache. Und jetzt geht das wieder los. Immer das Gleiche. Heute huldvoll von einem Steckenpferd lächeln, während ihr Kokosnüsse gegeneinander schlagt, Donnerstag gemeinsames Abschlussdinner, Freitag Kreuzigung, Samstag Ausruhen und Sonntag den Houdini geben. Langweilt mich, langweilt mich. Denkt ihr immer nur an euer Wohl? Typisch Egoisten. Warum gönnt mir nur keiner ein ganz normales Osterfest? Warum musst du immer dafür sorgen, dass ich im Mittelpunkt stehe?”

“Ich, äh, entschuldigung, äh, also, eigentlich war diesmal alles perfekt vorgeplant, äh, ich ..”

Das Gespräch konnte nicht mehr bis zum Ende verfolgt werden. Polizei betrat die Szene, verlangte die Ausweispapiere, weil gegen das Versammlungsverbot, die Ausgangsbeschränkung und die Kontaktsperre verstoßen wurde. Weil sich aber alle als mittellos ausgaben und für die Anzeige der Polizei keinen festen Wohnsitz vorweisen konnten, wurden sie einzeln abgeführt..

Und auf einer Mauer unweit der zuvor von Polizisten umringten Gruppe saß ein kleines Männlein und fragte mit piepsiger Stimme noch in sein Handy: “Kann ich mir die Belohnung nicht auch in bar bei Ihnen abholen?”

Ich glaube, Ostern wird dieses Jahr ausfallen.

Das Corona-Tagebuch: Provinznotizen aus Deutschland Süd bei Südost (20)

Heute gibt es keinen besonderen Eintrag. Ein Tag, an dem nichts besonderes passierte. Eine gewisse Langeweile greift Raum. Zu sehen, dass das Wetter schön ist und die Sonne nur so frühlingshaft strahlt, hat mir nicht wirklich weiter geholfen oder mir einen Kreativitätsschub gegeben. So ist das, das Warten auf Godot.

Das Corona-Tagebuch: Provinznotizen aus Deutschland Süd bei Südost (19)

Einer muss das ja tun. Immer einer. Also muss ich jetzt ein Wort zu unseren Heldinnen und Helden (verkürzt in Folge gesamtheitlich als “Helden” bezeichnet) verlieren. Die Helden, welchen wir vom Balkon immer gegen Sechs mit Applaus beschenken sollen, damit sie nicht aufhören Helden zu sein. Weil, wir könnten das ja nie. Helden sein. So wie jene wahren Helden. Wie gut, dass wir in der Krise eben solche Menschen haben, die nicht immer gleich nur an sich selber denken, sondern an andere. Gemeint sind solche wie Krankenpflegepersonal, Altenpflegekräfte, Verkäuferinnen und Kassierer, Klopapierregalbefüllende, Ärztinnen und Ärzte, Müllwerkende, Buslenkende, verspätetes Bahn-Personal, pünktliche Postbotinnen und Postboten, immer präsente Polizei und Knöllchenverteilende und all jene unbekannten Pizza-Boten, Bierverteiler und Zigarettenautomatenbefüllenden und so weiter und so fort. Working class heros. Ja, eben jene mit Applaus bedachten Menschen unserer Gesellschaft, jene denken nicht nur an sich, so wie wir es von Vorständen, die Bänkerinnen und Bänker, Unternehmensberaterinnen und -berater, Finanzdienstleistungspersonal und so weiter und so fort kennen. Es ist ein erhebendes Glück, dass wir jetzt eben diese Heldinnen und Helden aus den zuerst aufgezählten Bereichen haben. Sie nützen uns. Eben die typischen als Gutmenschen verschrieenen Tu-Wat-Homo-Sapiens-Vertreter. Denn die an anderer Stelle erwähnten Arbeit-Nehmenden ohne Applaus-Spende lebenden Homo-V-Erectus-Vertreter würden sich zuerst einmal einen deftigen Schluck aus der Lohnpulle gönnen, bevor sie nach dem Rülpsen den folgenden Handschlag planen und dann – wenn ihnen nichts mehr einfällt – nach der Beteiligung des Staates schreien würden, weil denen das Geld aus der Lohnpulle fehlt.

Ganz im Gegentum dazu jene anderen. Wie gut wird es sein, wie toll werden wir uns dann daran erinnern und es auf den Titelseiten der Medien jenen entgegenhalten, wenn nach der Krise eben jene Helden und Heldinnen vorgeworfen werden wird, dass deren überzogenen Lohnzuschlagsforderungen das profitorientierte Gesundheitssystem ernsthaft belasten würden und die öffentliche Hand kein Geld mehr hat.

Letztendlich wird dann zudem noch der Chor der Doppelverdienenden deren Leid-Lied anstimmen, dass man in der Corona-Krise – als Kindergärten und Kitas geschlossen wurde – keine billigen rumänische Hausmädchen mehr schwarz unter der Hand als Kinderbetreuung einfliegen lassen konnten, sondern offiziell in Deutschland auf Steuerkarte arbeitende Kindermädchen mit verifizierten Corona-negativ Test für teures Geld nehmen mussten, um nicht auf all jene arbeitslosen rumänischen Frauen zurück greifen zu müssen, deren Bordelle wegen Corona zugemacht wurden. Und nach der Widereröffnung von Kindergärten und Kitas solle doch der Staat jene Kosten über die Lohnkosten senken, weil man müsse auch an eben jene Eltern denken, die nächstes Jahr mit ihren Kleinen endlich mal wieder gemeinsam verdient in den Urlaub an den Strand fliegen wollen und die Kosten für Urlaub seinen ja auch unverständlicherweise gestiegen. Es wird ein Chor-O-Nana-Gesang werden, den die Sirenen im alten Griechenland zu nicht Corona-Zeiten nie besser hinbekommen hatte. Der Staat wird dem unkritisch zustimmen, weil ja Doppelverdiener nach der Krise wieder systemisch geworden sind, senkt deren Einkommenssteuer und Erbsteuer vom Erbe derer Ü70-jährigen Eltern, deckelt Löhne im Sozial- und Gesundheitsbereich und gibt Urlaubsgutscheine für Doppelverdiener raus, weil diese durch die Krise unverhältnismäßig stark finanziell belastet wurden. Nur Alleinerziehende mit Kind, Aufstocker und SGB-II-Bezieher werden den nicht erhalten, weil die wären mit deren Situation ja auch bereits vor der Krise zurecht gekommen. Ich weiß schon, warum ich aus gutem Grunde immer “Adults only”-Hotels gebucht hatte.

And now to something completly different.

Eine Unterhaltung auf einer Parkbank im Münchner Englischen Garten, erlauscht im entlaubten Untergehölz eines Biergartengebüsches: “Opa, erzähl doch mal. Wie war das damals, als die Straßen komplett leer waren.” “Oh, liebstes Engelchen Enkelchen, das war hart. Wirklich hart. Eine Krise beherrschte das Land und machte es sich untertan.” “Krise?” “Eine Krise, liebstes Enkelchen, eine Krise wie ein brutaler Virus.” “Wie ein Virus?” “Alles war komplett lahm gelegt. Nichts ging mehr, nichts bewegte sich mehr, die Welt stand still, urplötzlich von einem Tage auf dem anderen still, weil es die Regierung so wollte.” “Das hört sich nach Horror an, Opa. Weswegen denn? Was war denn da los?” “Das war wie Ausgangssperre. Es war die Ölkrise, mein Enkelchen. Die Ölkrise. Die Sonntage der Siebziger des letzten Jahrhunderts während der Ölkrise waren unglaublich hart.” …


Eine Anmerkung in eigener Sache:

Bereits seit 14 Jahren bin ich hier bei WordPress vertreten. Na und? Schön für mich, woll. Darauf ein Prosecco, dass ich den jetzigen Blog dann seit fünf Jahren hier aktiviert habe. Das heißt, lockere neun Jahre zuvor ohne Kommentare zu all den nicht geposteten Ideen. Wer kann schon so etwas aufweisen? Na also! Stößcken!

“Wo wollen Sie in fünf Jahren stehen, Herr Careca?” Bewerbungsgespräch für die Zukunft. “Ein Blog mit vielen Lesern und noch mehr Kommentaren.” “Okay. Willkommen. Jedoch nur, wenn Sie ersten beiden Ihrer Erwartungen auf Null runter schrauben würden.” “Passt. Aber auch nur, wenn Sie dann mit meiner riesigen Popularität umgehen können.” Ich las damals noch das digitale Lachen auf dem Monitor. Jetzt weiß ich, die Macher von WordPress können mit meiner Wahnsinnspopularität genau so gut umgehen, wie ich mit meiner zuvor. Passt schon.

Motiv meines Geschreibes? In eigener Schreibe. Um der Flasche Wein vor mir und dem gefüllten Glas daneben einer Rechtfertigung zu zuführen. Nach dem Gin-Tonic zuvor. Trinke ich zu viel? Wayne interessiert’s. Wird eh keiner beurteilen können. In der Kontaktsperre bin ich von solchen Aburteilungen gefeit. Im privaten Home Office gibt es keine Alko-Teströhrchen mit denen man mein Geschreibe wegen dem Chinesen Do-Ping für ungültig erklären kann. Nun ja. Vor der Krise war die Arbeit am nächsten Morgen ein Grund, am Abend nichts zu trinken. Wegen der Kurzarbeit fällt dieser Grund weg. Und irgendwie muss ich mir ja die ganzen Zeitungsstatistiken der Corona-Statistik schön saufen. Ob das klappt, könnte ich ernsthaft bezweifeln. Bei Frauen hat es letztendlich ja auch nie gewirkt, woll. Tu ich aber nicht, gell.

Das Corona-Tagebuch: Provinznotizen aus Deutschland Süd bei Südost (18)

Ein weiterer Tag mit einem Wetter, welches einerseits zu schön ist, um zu Hause zu bleiben. Aber andererseits, ich werde nicht anfangen joggen zu lernen, nur weil ich dann raus kann, ohne ein schlechtes Gewissen haben zu müssen. Die Straße ist voll an Joggern.

Die Sonne wanderte vorm Fenster von links nach rechts. Der Backfisch von oben nach unten. Sein Verpackungsmaterial von oben nach unten in den Altpapiercontainer. Und ich bewegte mich von hinten nach vorne zum Monitor, um Daten aus dem Internet genauer zu lesen. Mit Brille wäre das nicht passiert. Ein Leben in drei Dimensionen. Ein Kontrollblick aus dem Fenster: ja, sie lebt. Ansonsten herrscht Frieden im Land. Oder Ruhe. Die erste Pflicht eines Bürgers. Ruhe, nicht Langeweile. Aber das letztere kann man auch stattdessen empfinden.

Und irgendwo da draußen hocken die Nanopartikel in deren biologisch-dynamischen Transportmittel und warten auf den nächsten Umsteigebahnhof. Ich habe das Fenster geöffnet und eine Fliege will rein. Hektisch wedelnd schaffe ich es, ihr den Einflug zu vermiesen. Sie zieht ab zum neuen Nachbarn. Der vorherige ist weitergezogen. Offenbar hatte er eine Frau kennengelernt. Unüberhörbar waren deren gemeinsame Zeiten beim Sex. Anfangs sehr häufig, dann immer seltener und – als ich bereits vermutete, er hätte sich von ihr getrennt – letztendlich hat er sie geheiratet und eine neue gemeinsame Wohnung bezogen. Eine, welche wohl den immer selten werdenden Sex kompensieren soll. Toi, toi toi.

Wie geht eigentlich jetzt casual sex in Zeiten von Corona? Gegen HIV half noch ein Gummi, aber jetzt? Eine Freundin hat ihren 50-jährigen Lover den Laufpass gegeben. Er gehöre zu einer Risikogruppe: Ü50 und männlich. Sie habe jetzt ihre Präferenz gewechselt, sie suche jetzt Männer U40. Er solle es sich nicht so sehr zu Herzen nehmen, er finde sicherlich eine andere. Als ich am Telefon schwieg, erhielt ich die Bewertung, dass es mir erheblich an Empathie mangele, und er legte darauf auf. In der Tendenz aus dem Gespräch mit ihm zurück schließend wollte er wohl sagen, ich hätte eine narzisstische Persönlichkeitsstörung. Keine Ahnung, ob er Recht hat.

Ist ein Blogger narzisstisch, der zudem aus einem allgemeinen Thema sein tägliches Drama niederschreibt?

Das Corona-Tagebuch: Provinznotizen aus Deutschland Süd bei Südost (17)

Sie hatte fristgerecht im letzten Jahr gekündigt: Mietvertrag, Arbeitsvertrag, Versicherungen. Verkauft in den letzten zwei Monaten: Möbel, Auto, Motorrad. Das gleiche tat ihr Mann. Gekauft: Ein Flugticket für zwei nach Australien. Geplant war ein Sabbatical. Und dann kam Freitag, der dreizehnte, im letzten Monat. Der Traum zerschlug sich danach.

Ein guter “Grillo” aus Sizilien passt hervorragend zum selbstgemachten Risotto. Sowohl zum Ablöschen des Arborio, als auch danach. Manchmal hat man im Leben Glück, jemanden kennen zu lernen, der einem die hohe Küchenkunst des Risottos beibringt. Risotto ist nicht lediglich machbar, wie Milchreis mit Milch. Risotto ist mehr als nur das, damit Risotto mehr als nur “Reis mit Gemüsebrühe bis zur Cremigkeit aufgekocht” wird. Für die Herstellung eines richtig guten Risottos muss man sich schon eine Stunde Zeit nehmen. Einen guten “Grillo” aus Sizilien kann man aber auch ohne Risotto trinken. Heute mach ich kein Risotto.

Die Baustelle lebt und entwickelt sich weiter zu einem Gebäude. Ein Zettel im Hausflur verkündet, dass eine Wohnung über mir kernsaniert wird. Es wird die Wohnung desjenigen sein, der am 24. Dezember hier verstarb. Für den Dreck und Lärm entschuldigt sich die Hausverwaltung gleich im Voraus. Mir wird klar, einen Wecker ist momentan so das Unnützeste, was ich mir momentan zulegen muss. Vorgestern starb erneut eine ältere Person. Ich wette, in einem Viertel Jahr gibt es den nächsten Aushang. Ausschlafen wird auch komplett von mir überschätzt. Sechs Uhr Fünfundvierzig ist das neue Sieben Uhr der nächsten Zeit.

Heute ist der 1. April und eigentlich gehören wir alle in den April geschickt. Aber keiner hat Lust dazu. Woran liegt’s? Selbst ich werde jetzt nicht irgendeinen April-Witz hier verbreiten.

Okay.

Gelogen.

Einen versuch ich euch Lesern doch unterzujubeln:

“BILD-Zeitungsredaktion vor Damaskus vom Pferd gefallen. Redaktion brütet ab jetzt das sensationelle Osterei aus. Ab jetzt nur noch liebe Schlagzeilen ohne Panikmache. gez.: Ex-Saulus”.

Gehabt euch wohl und gesund.