Stuntmen auf E-Scooter

Kaskadendecke. Weiß. Im Blickfeld ein chromglänzenden Halter einer Infusionskatusche. Seine Zehen schauten vor ihm unter der Bettdecke hervor. Dahinter graues Begrenzungsbrett mit chromglänzender Griffstange. Dahinter Vitaldatenmonitor mit chromglänzenden Verzierungselementen. Pulsoxymeter.

Der Monitor als Seismograph der eigenen Vitaldaten mit roter, zackiger Kurve auf grünen Display. Heller Ton, piepender Ton, langer Nachhall. Neuer Ton, hell, piepsig, nachhallend. Erneut.

Piepssss. Piepsss. Piepssss.

“Schwachsinn”, schoss es ihm durch den Kopf, “zu viel der schlechten Filme.”

Das grüne Display des EKGs war lediglich ein Typenschild. Er konzentrierte sich. Nein. Da war kein Ton. Außen jedenfalls nicht außer Kabelgewirr. Aber in seinem Kopf, da war der Ton. Tinitus?

“Solche Geräte piepsen auch nur in Serien wie ‘Emergency Room’ oder ‘Greys Anatomy’. Oder wenn Dr. Stephanie dem Dr. Stefan Frank in aller Freundschaft die Praxis Bülowbogen aufmöbelt,  …”

Er wollte über seinen Gedankengang grinsen. Lediglich seine Gesichtsmuskeln spielten nicht mit.

Krankenhauseinrichtung. Auf seinen Versuch seinen Kopf zu drehen, antwortete sein Körper mit einem stechenden Schmerz. Dafür stürzten plötzlich Erinnerungen auf ihn ein, er sah den Verlauf vor sich, den Unfall, den Krankenwagen …

“Und? Aufgewacht? Alles fit?”, ertönte neben ihm eine Stimme.

“Ja, halbwegs. Wo bin ich hier? Krankenhaus?”

“Yep. Intensivbeobachtung, aber nicht Intensivstaion.”

“Ah, shit, der Unfall.”

“Sie erinnern sich?”

Er seufzte. Ein pochender Schmerz in seinem Kopf meldete sich. Bandagen an seinen Armen meldeten sich, Juckreiz meldete sich. Es juckte unter den … er bewegte seine Arme leicht … Mist, Gips.

“Ja, ich erinnere mich.”

“Was passierte?”

“Ich fuhr mit dem E-Scooter durch die Fahrradstrasse und blickte kurz auf mein Smartphone, um mich zu orientieren, weil ich aus der Straße abbiegen musste.”

“Flachrechnerbenutzung bei Nutzung eines Elektrokleinstfahrzeuges macht 55 Euro und 1 Punkt in Flensburg. Flachrechner wie Smartphones nutzt man in der Regel mit beiden Händen, sie sind also freihändig gefahren, nicht wahr. Macht weitere 10 Euro.”

“Sie kennen sich wohl aus?”, er lachte. “Schon mal freihändig auf einem Tretroller gefahren? Geht gar nicht. Außer man macht auf Stuntman.”

“Mag sein, aber einhändige Benutzung von Smartphones ist heutzutage bereits Legendenbildung, nicht wahr. Wer hat denn noch so ein Mäusekinodisplay in der Tasche.”

“Mann, ich wollte lediglich Abbiegen, weil ich laut Smartphone links abbiegen sollte.”

“Und da haben Sie den Schulterblick gemacht und Handzeichen nach links gegeben, nicht wahr.”

“Häh? Wie soll das denn gehen? Hab ich vorhin nicht schon gefragt, bin ich etwa Stuntman? Haben Sie das mal versucht? Das lässt Sie ihren E-Scooter verreißen, das haut Sie weg. Das ist wie auf nem Tretroller, nicht anders.”

“Also ohne Handzeichen. So etwas kostet 10 Euro.”

“Und dann kam dieser Depp von rechts in seinem Kleinstwagen, so nem alten Fiat Cinquecento, bremste quietschend. Und lautstark rumhupend auch noch. Ich hatte den gar nicht gesehen …”

“Autofahrer behindert, 20 Euro.”

“Und von links dann der Corsa-Fahrer. Dem Fahrer hab ich noch ins Auge gesehen und er mir. Der trug nen Pepita-Hut. Dann knalle es auch schon.”

“Autofahrer behindert, Unfall verursacht, 25 Euro.”

“Behindert? Hätte der nicht mal schauen können? Der hat mich doch kommen gesehen! Der fuhr überhaupt nicht defensiv oder vorausschauend oder auf schwächere Rücksicht nehmend. So einem Verkehrsrowdy gehört mal der Führerschein entzogen! Und diese andere Sau, welche einfach von rechts bremsend und hupend alle Leute verschreckt. Weiß der nicht, dass Leute im Straßenverkehr erschrecken gefährlich ist? Niemand nimmt mehr heute Rücksicht, alle sehen nur sich selber. Immer nur ich, ich, ich und immer nur ich, die reine Ich-Gesellschaft, bis solche wie ich im Krankenhaus liegen …”

“Und? Hast du alles?” Eine neue Stimme meldete sich im Hintergrund

“Ich hab alles”, sagte die erste Stimme. Ein Gekritzel auf Papier eines Kugelschreibers, dessen Mine schon längst ersetzt gehörte, kurz danach ein langgezogenes, kratzende Geräusch, wie wenn ein Zettel von einem Notizblock abgezogen wurde und dann …

“So, ihre Aussage zum Unfall wurde aufgenommen. Zeuge Kollege Oberwachtmeister. Das macht wohl einen Punkt in Flensburg und 120 Euro Bußgeld en top. Ihre letzten Aussage qualifizieren Sie darüber hinaus als Verkehrsrowdy, was wir auch weiter leiten werden. Sie werden von uns in paar Tagen von der Dienststelle noch den offiziellen Binnen-Brief erhalten. ”

“Binnen-Brief? Was ist das?”

“Zahlungsaufforderung über Bußgeld. Zu zahlen binnen Zahlungsfrist. Binnen-Brief.”

Die zweite Stimme stieß ein kehliges Stakkatolachen aus. “Gehen wir. Wir haben alles, was wir brauchen für unseren polizeilichen Unfallbericht.”

“Polizeilich? Sie sind Polizisten? Sie haben mir nichts gesagt! Sie dürfen doch nicht …”

Er hörte, wie sich die beiden entfernten, eine Tür geöffnet und verzögert wieder verschlossen wurde.

Der Bandagierte schaute fassungslos auf die Kaskadendecke und schrie den beiden seine Verwünschung hinterher: “Ihr gottverdammten Arschlöcher! Sausackidioten auf zwei Beinen! Der eine kann nicht lesen, der andere nicht schreiben. Deshalb immer zu zweit!”

Durch die Tür schallte trocken die Rückantwort:

“Das haben wir gehö-hört! Horst, protokollier es …“

Kneipengespräch: Ah, jetzt, ja, eine Insel, zwesche Pissjääl un Kackbrung

Koelsch

WhatsApp oder Kölsch, das ist die Frage an gegebener Ort und Stelle im “hier und jetzt”. Global lokal verbunden? Oder lokal global trinkend? Pissjääl oder Kackbrung? Kackbrung zwinkerte ihn das LED seines Smartphones entgegen. Pissjääl lachte ihn das Kölsch an. Unschlüssig starrte er wechselnd auf Smartphone und Kölsch.

Er entschied sich für das Smartphone. Bierernst war ihm momentan eh nicht. Wischend und tippend öffnete er die Chat-App.

“Hier scheint die Sonne”, las er.

“Hier auch”, tippte er zurück.

“Ach ja? Du bist doch garantiert in unserer Kneipe. Da scheint die Sonne? Aus dem Allerwertesten?”

“Wo bist du?”

“Kanaren-Insel. Südseite. 24 Grad. Strahlend blauer Himmel. Strand. Wasser plätschert zu meinen Füßen. Feinster Sand kitzelt meine Sohlen.”

“Kölsch-Kneipe mit nur Bayern-Kanaken. Himmelsrichtung egal. Kommen von überall her hier rein. Wollen alle nur Kölsch. 32 Grad hier drinnen, außen eh mehr. Dafür ist kein Himmel zu sehen. Wahrscheinlich eh milchig außerhalb. Innen drinnen handgeschnitzter Kneipentisch. Kein Wasser. Jon mr fott domet. Dafür frisches Kölsch. Prickelt und zischt, das es eine Freude ist.”

“Sackjeseech!”

“Du mich auch.”

“Doh ben isch fies vör. Hier hat es nur ‘Anheuser Busch’-Plörre.”

“Sei doch froh. In Afrika haben die noch nicht mal sauberes Wasser. Der eine Teil der Bedürftigen darf deren Tabletten vor dem Essen nicht mit Wasser zu sich nehmen. Das Wasser können die sich nicht leisten. Als Ausgleich kann der andere Teil der Armen dafür jene Tabletten nach dem Essen nicht einnehmen. Weil, Nahrung können sich jene anderen wiederum nicht leisten. Wird ja alles an der Börse gehandelt. Oder von EU- Regularien geregelt. Aber Müll, der ist günstig, unser Plastikmüll. Den verkaufen wir denen. Den können die dann für uns in den Weltmeeren versenken.”

“Zuviel Kölsch gehabt? Oder warum so böse?”

“Ich hab neulich rausgefunden, warum es in Bayern das Wort ‘Vollbier’ gibt.”

“Vollbier? Voll Bier? Voll in Bayern? Voll normal.”

“Früher also so bis zum 18. Jahrhundert gab es nur Dünnbier. Bier, aus Getreide mal schnell gebraut. War keimfrei und sauberer als Wasser.”

“Sicher. Das hat dann wohl auf die Gene der Bayern geschlagen. Jeden Tag zugelötet durch die Straßen Bayerns wanken. Kein Wunder, dass die restlichen Deutschen die Bajuwaren nur als Freistaatler akzeptierten.”

“Nö, nö. Das Dünnbier hatte nur so um die ein, zwei Prozent Alkohol. Das Bier für das Volk. Die waren nie nicht dauernd zugedröhnt.”

“Verstehe, daher konnte man damals auch mit zwei Maß Bier noch Autofahren können. Noch bevor Daimler den Wankelmotor mit software-gesteuerter Abgasregelung erfunden hatte. Und bevor die Bayrischen Motoren-Werke aus dem Nazi-Reich wie Phönix aus der Bierflasche zur Weltmarke aufstiegen. So wie damals Beckstein.”

“Ja, seine Tollität, der Herr von und zu und auf und davon Beckstein. Damals. Heute hat es Söder. Die Steigerung vom Seehofer. Hey. Vollbier war damals nur für die Reichen. Und irgendwann wurde es in den Massen produziert, wurde billiger, so wie die Handytarife, so dass es das Dünnbier fürs Volk verdrängte. Und bald wurde es dann in Maßen ausgeschenkt. Liberalitas Bavariae.

“Sicher. Du hast zu viel der Freizeit. Sich mit solchem Unsinn zu beschäftigen.”

“Trink du dafür nur fleißig deine ‘Anheuser Busch’-Plörre. Deren Reste werden momentan gesammelt und dann in Maßen beim Oktoberfest ausgeschenkt. Das internationale Volk der Besucher liebt es.”

Er starrt auf sein Display und wartete. Es tat sich nichts. Kein “Er schreibt …”, keine blauen Häckchen. Er zuckte die Schultern und widmete sich wieder seinem Kölsch.

’Prickel. Zisch. Gluckgluckgluck’, dachte er bei sich, als er mit schielendem Blick zuschaute, wie das Kölsch unter seiner Nase verschwand. Mag sein damals gestrenger Deutschlehrer noch die Comics als Untergang des Abendlandes verflucht haben, die ‘MAD’-Hefte, die jener von ihm konfisziert hatte, hatte er alle wieder zurück erhalten. Später hatte er erfahren, dass sein Deutschlehrer auch noch einen Nebenjob bei solchen Comic-Heften hatte. Zusätzlich auch noch bei der ‘Titanic’, heimlich, unter Pseudonym mitschreibend.

Jede Dekade kamen jene Spinner vorbei, die das Untergang des Abendlandes in irgendeiner kulturellen Errungenschaft sahen. Und ihrer Besorgnis Ausdruck verliehen. Sei es damals bei den Buchdrucker, sei es bei den ersten Journalisten, sei es bei den ersten Hedonisten, sei es bei Techno-Liebhabern, oder Internetnutzer, oder Smartphonenutzer, sei es bei anderen. Sowieso. Immer die anderen. Immer. Die anderen. Die waren immer Schuld. Immer. Schuld konnten aber auch wir anderen sein. Aber das war unfair. Weil, Schuld abladen verboten. Oder so. Oder nicht.

Er erinnerte sich an die 80er und 90er, als Musik einen internationalen Ausdruck der Kritik gefunden hatte. Simple Minds mit „Belfast Child“ oder „Free Mandela“, U2 mit „Bloody Sunday“, BAP mit „Kristallnaach“, Peter Gabriel mit „Biko“, Genesis mit „Land of Confusion“ oder „Band für Afrika“ mit „Nackt im Wind“ … oder … oder… oder… ihm fiel Pink mit „Dear Mr. President“ und Rammstein mit „Deutschland“ ein und verwarf seine Idee wieder.

Mit fester Hand vollführte er die zielgerichtete Landung seiner Kölschstange auf den Bierdeckel. Ein Versuch, ein Treffer, eine Landung, butterweich. ‘Der Adler ist gelandet’, dachte er sich noch und winkte dem Wirt zu. Apollo 1 war verbrannt und Apollo 11 lebte schließlich auch nicht als Eintagsfliege. Kommunikation ist alles, daher bestellte er mit ‘Houston, isch han a Problem’ sein nächstes Kölsch. Apollo-13-Gedächtnis-Trank. An Apollo 12.

Pissjääl & Kackbrung. Zeitgleich tauchten Smartphone-LED und Kölsch in seinem Sichtfeld auf. Halb interessiert griff er zum Smartphone. ‘Wenn schon Kommunikation, dann mit WhatsApp, hier redet eh keiner mit mir’, dachte er nur, als er wischte und klickte.

Ein Foto. Strandfoto. Obere Hälfte himmelblau und wolkenlos, schmaler türkisgrüner Streifen, wohlmöglich das Meer, davor gelegen ein dicker beiger Streifen, der Sandstrand, und ganz im Vordergrund zwei dicke Onkel, die Zehen seines Kollegen, links und rechts, leicht unscharf, weil wohlmöglich wackelnd. Ein Foto, geleckt wie von einer Postkarte.

Er seufzte. Urlaub. Das wäre etwas, was er gerne hätte, aber der war gestrichen. Krise, sagte der Chef mit ernstem Blick. Man müsse ein Drittel der Belegschaft entlassen und die Fertigung nach Ost-Europa verlagern, um Arbeitsplätze zu retten. Dessen Blick war kompromisslos und der Vortrag messerscharf wie eine Carolina-Reaper-Schote. Am Schluss forderte er jeden auf, kürzer zu treten. Schuld wären eh all die anderen vom Diesel-Gate. Er nickte gehorsam und unterzeichnete den neuen Arbeitsvertrag, der einen Lohnverzicht von 20% beinhaltete. Sein Arbeitnehmeranteil zur Sicherung der eigenen Lebensumstände. Nur fair. Der Arbeitgeber muss halt immer irgendwo mit dem Sparen anfangen.

Er blickte auf sein Display. Die App hatte ihre Nachricht aufgelegt. Unter dem WhatsApp-Bild die Nachricht:

“Oh!!!! Guckstu. Da hinten ein langes Schlauchboot mit vielen Leuten an Bord. Ist wohl vom Mittelmeer abgetrieben!”

Er tippte gelangweilt zurück: “Seh nix! Kauf dir mal n besseres Smartphone, du Hobby-Knipser.”

“Hm. Mist. Sehe gerade, abgesoffen, kurz vor meinem Foto. Das es die mit dem Kentern auch immer so eilig haben … wollen wohl in deren romantischen Freiheitsdrang nicht fotografiert werden. Schade eigentlich. Wird wohl nichts mit dem Preis ‘Foto des Jahres’ für mich dieses Jahr. Schnüff. …”

“Eigentlich nennt man so etwas ‘makaber’.”

“Wie? Abrakadabramakabar? Und uneigentlich?”

“Ist EU-gewollt. Keine Front. Front tunixgut. Weil besser ex, hopp und weg mit dem Problem.”

“Ich liebe FrontEx. Die haben so schöne Dinge zur Seenotrettung an Bord, die auch nach Jahren noch Neupreise auf dem Second-Hand-Markt erzielen. Weil noch nie benutzt.”

“Front ex. Hört sich nach Insektenvertilgungsmittel an. Ist hier nicht notwendig. Hat kaum Kakerlaken.”

“Wozu auch Kakerlaken, wenn das Volk eh schon aus Lakenkacker besteht …”

“Pass nur auf deiner EU-Insel der Glückseeligen auf! Wenn nur einer von diesen Flüchtlingen schwimmen kann, kommt der gleich an deinen Strand und schnappt dir die Bikini-Bräute wech!”

“Ach komm. Die beschweren sich doch hier andauernd, dass deren Männer eh so sind, wie die vor der Ehe versprochen hatte, danach nie zu werden.”

“Das ist wechselseitig. Oder kommen die aus dem Rheinland?”

“Hatte vor zwei Tagen ein Tête-à-Tête mit einer schwarzen Weiß-Russin. Der ging auch das Gebalzte der deutschen Männer und Frauen auf den Keks. Sie meinte, im Frühling sei’s besonders schlimm, drum ist’s ihr im Winter lieber. Allerdings hätte es für Deutsche von Brusthaartoupet bis Botoxmaske alle Angebote, aber die wären sich zu etepetete ihr Geld dafür auszugeben. Die geben ihr Geld lieber für Reklamationen und Beschwerden aus. Weil im Krieg und in der Liebe ist alles erlaubt. Und an Liebe glauben nur die Gutmenschen.”

“Weiß-Russin. Aha. Und zitiert auch noch Bonaparte. Apart. Du bist mein Held.”

“Jep, die hat mir sogar ihren grünen Reisepass gezeigt.”

“Echt? Der Russische Reisepässe sind EU-rot, westafrikanische grün.”

“Grüne hat es hier keine. Grüne gibt es hier nicht.”

“Ich weiß. EU-Polizeifarben wurden reguliert. Alle blau. Und immer zu zweit unterwegs. Weil, der eine kann nicht lesen, der andere nicht schreiben.”

“Hallo? Um Inklusion geht es hier nicht. Es geht um Minderheitenschutz, du Sexist. Streifen haben gemischtgeschlechtlich zu sein. Damit Frauen auch mal zum Schuss kommen.”

“Damit Frauen auch mal zum Schuss kommen? Und warum machen die dann Urlaub auf deiner Kanaren-Insel, bei all den Deutschen dort?”

Er starrte auf sein Smartphone. Die Häkchen wollten nicht blau werden. Er starrte intensiver, aber das Starren half nicht. Keine blauen Häkchen.

Stattdessen tauchte eine Meldung auf dem Display und erklärte seinem besorgten Beobachter, dass das Smartphone seine 40-Stunden-Woche bereits gesetzlich erfüllt hätte, dessen Akku nun leer sei und sich somit das Smartphone ins Wochenende verabschieden würde.

Das Display wurde schwarz. Schwarz hatte was. Einen Schimmer von Braun. Darin spiegelte sich sein restliches Kölsch gelb. Dazwischen der Bierdeckel als unbestimmte Insel des Landeflughafens für neue Kölsch. Zwesche Pissjääl un’ Kackbrung.

Er griff zu, führte seine Kölschstange zielgerichtet zum Mund und schüttete den Rest kompromisslos in seinen Mund, damit er den Hals voll hatte und dieser damit allein zurecht käme. Zeitgleich winkte er mit dem leeren Kölschglas dem Wirt:

“Herr Oberspielleiter, auf ein neues. Und bring mir das Akkuladegerät, bitte.”

Wo kommst du her, wohin willst du: das Hexeneinmaleins

0:
Es ist der Ursprung. Der Ursprungspunkt. Undefinierbar. Wenn es keine anderen Standpunkte gibt, dann ist der Punkt nicht räumlich definierbar. Er ist überall und nirgends. Er wird als Beobachterposition gebraucht. Er ist da, aber hat keine Dimension, keine Ausdehnung. Einfach nur ein Punkt. Einfach nur anwesend. Mehr nicht. Er zählt nicht.

1:
Durch den zweiten Punkt ist es möglich, auf diesen aus der Richtung vom ersten Punktes aus zu schauen. Der zweite Punkt existiert, weil er vom Ursprung aus gesehen werden kann. Aber es fehlt die Möglichkeit den ersten Punkt zu beschreiben, es fehlt der objektivierbare Vergleich. Ob der zweite Punkt groß oder klein ist, ob er weit oder nah entfernt, all das ist nicht beschreibbar. Denn diese dimensionellen Begrifflichkeiten fehlen mangels Vergleichbarkeit.

2:
Erst mit dem dritten Punkt lässt sich der vorherige Punkt vergleichen. Wer von beiden größer ist, kann jetzt vom Ursprungspunkt aus beschrieben werden. Und es ist jetzt auch möglich die erste Verbindung herzustellen. Eine Linie kann zwischen diesen beiden Punkten definiert werden. Aber diese Linie ist ohne definierte Lage.

3:
Mittels des nächsten Punktes ist es möglich den ersten vorherigen Punkten eine definierte Lage zu geben. Der dritte Punkt ermöglicht Entfernungen zu vergleichen. Die Längen der Linien, die jeweils immer zwei Punkte verbinden, können jetzt untereinander verglichen werden. Zum ersten Mal ist es möglich zu sagen, wie weit die Punkte untereinander entfernt liegen. Die Begriffe „näher“ und „weiter“ bekommen einen Sinn.
Auch spannen zum ersten Mal alle drei Punkte über diese Linien eine Fläche auf: Das Dreieck.

4:
Wird ein neuer Punkt in das obige System eingefügt, wird damit die dritte Dimension ermöglicht. Natürlich ist es möglich, mit dem vierten Punkt ein Viereck aufzuspannen. Aber dann würde der Punkt in der Ebene der drei Punkte nur eine Position einnehmen, die auch jeder der drei anderen Punkte einnehmen könnte.
Mittels des neuen Punktes außerhalb der Ebene der drei anderen Punkte kann die Neigung der Ebene bestimmt werden, sollte die Entfernung der anderen drei zum letzten neuen Punkt unterschiedlich sein. Mit diesem Punkt ist es möglich einen Raum aufzuspannen, den ersten dimensionellen Körper auf, den Tetraeder, eine dreiseitige Pyramide. Der Körper nennt sich auch Vierflächner, weil deren vier Punkte mit ihren sechs Verbindungslinien vier Dreiecksflächen erzeugen, welche einen Raum umschließen. Das erste dreidimensionale Gebilde wurde geschaffen.

5:
Der nächste Punkt wird heikel. Denn vom Ursprungspunkt aus betrachtet können mit den anderen drei Punkten jede neue Punkt in dessen Lage beschrieben werden. Jeder Punkt ist so verschiebbar, dass der nun sechste Punkt ersetzbar ist. Dieser Punkt benötigt eine neue Dimension. Eine Dimension, die unabhängig von den anderen fünf Punkten ist. Dieser Punkt wird in die Zeit ausgelagert. Es ist der Zeitpunkt „0“. Er erinnert an den ersten Nullpunkt, den Ursprungspunkt „0“. Der sechste Punkt eröffnet lediglich die neue Dimension.

6:
Ein weitere Punkt muss der Zeit-Dimension hinzugefügt werden. Zusammen mit dem vorherigen Punkt kann ein Zeitstrahl errichtet werden. Die Lage der anderen geometrischen Punkte kann nun von verschiedenen Zeitpunkten aus betrachtet werden. Noch fehlen aber die Begrifflichkeiten wie „vorher“ oder „nachher“, „früher“ oder „später“. Daher wird es notwendig, einen weiteren Punkt in der Dimension der Zeit einzufügen.

7:
Dieser Punkt ermöglicht den Vergleich der verschiedenen Zeitpunkte. Genauso wie der Punkt „3“ es uns ermöglichte Vergleiche anzustellen. „Vorher“ oder „nachher“, „früher“ oder „später“ erhalten einen Sinn.Die geometrischen Punkte lassen sich im Wandel der Zeit betrachten.

8:
Nehme ich mir noch einen weiteren Punkt in der Zeitdimension hinzu, dann habe ich die Möglichkeit einen „Zeitraum“ zu errichten. Jetzt kann ich die geometrischen Figuren innerhalb eines Zeitraumes betrachten

9:
Bislang waren alle Punkte in den geometrischen und in den zeitlichen Dimensionen verteilbar. Beide Dimensionen sind vollständig darstellbar. Der neunte Punkt kann also nicht in diesen beiden Dimensionen liegen. Er liegt außerhalb unserer normalen Vorstellungswelt. Es ist der Punkt der alle Dimensionen umfasst. Die Abstraktion der Punkte zuvor. Das eigene Erleben.

Und somit wird man mit dem nächsten Punkt wieder auf Ursprungspunkt und dem ersten Punkt zurück geworfen:

Die 10


Zu schwierig?

Dann gehe ich mal das ganze rückwärts.

9:
9 Musen gibt es. Genauso viele Köpfe hat die mythische Hydra. Im Alten Testament bezeichnet die „9“ die Vollendung des Schicksal. Im Neuen Testament starb Jesus in der 9. Stunde. König Arthur brachten 9 Könige ihre Gaben dar. Die Germanen hatten 9 Beurteiler eingesetzt, die eine Frist zum Urteilen von 9 Tagen hatten.

8:
Im Islam gibt es 8 Himmel, weil Allahs Barmherzigkeit um eins größer ist als sein Zorn (7 Höllen). Der Buddhismus kennt einen achtfachen Pfad, der zum Nirvana führt. In Israel wird am 8. Tag nach der Geburt die Beschneidung vorgenommen. 8 Menschen wurden in der Arche Noah gerettet. 8 steht im Neuen Testament für die Auferstehung. Das Jahresrad der Germanen hat 8 Speichen. Die Zahl 8 steht für die Unendlichkeit, denn wird sie hingelegt zeigt sich das Symbol, was auch in der Mathematik für die Unendlichkeit verwendet, die Lemniskate.

7:
7 Tage hat die Woche. Am 7. Tag ruhte Gott nach der Schöpfung der Erde aus. 7 Erzengel bevölkern den Himmel. Der Pharao sah 7 fette und 7 magere Kühe, 7 dicke und 7 dünne Ähren. Allahs Zorn hat 7 Höllen. Die Eröffnungssure des Korans hat 7 Verse. Alchemisten müssen zur Herstellung von Gold 7 Arbeiten durchführen. Die 7 Todsünden. 7 Chakras. 7 Teufel treibt Jesus aus Maria Magdalena aus.

6:
6 ist nach Meinung der griechischen Mathematiker eine vollkommene Zahl, da sie durch die ersten drei zahlen darstellbar ist. Gott erschuf binnen 6 Tagen die Welt und Jesus wurde am 6. Wochentag zur 6. Stunde gekreuzigt. Der Himmel der Chinesen ist 6-stufig. Das Druidenjahr beginnt am 6. Tag des Vollmondes. 6 Druiden schneiden den Mistelzweig.

5:
5 Finger hat die Hand. Der 5-zackige Stern, das Pentagramm, wird zur Abwehr des Bösen verwendet. Der Islam kennt fünf Säulen (Bekenntnis, 5-maliges Beten am Tag, Almosen, Fasten, Hadsch). Die Chinesen kennen 5 Richtungen (die vier Himmelsrichtungen plus der Mitte). Die Pythagoreer sahen die 5 als Zeichen der Ehe und geistigen Vervollkommnung.

4:
Es gibt 4 Temperamente, 4 Evangelisten, 4 Jahreszeiten, 4 Kasten der altindischen Sozialordnung, 4 Wahrheiten im Buddhismus, 4 Kardinaltugenden, 4 Elemente, 4 Himmelsrichtungen

3:
Die 3 gilt als die heilige Zahl schlechthin. Vater, Sohn und Heiliger Geist. Anfang, Mitte, Ende. Vergangenheit, Gegenwart, Zukunft. Wodan, Donar, Ziu. Weihnachten, Ostern, Pfingsten. Caspar, Melchior, Balthasar.

2:
Die Dualität, die Zweiheit. Ying und Yang. Männlich und Weiblich. Himmel und Erde. Gott und Mensch. Gut und Böse. Salzgebäck und Bier. Tag und Nacht. Das Alte und das Neue Testament. Zwitter. Zweifel. Zwietracht. Zwillinge. Vishnu und Shiva.
2 ist die Abspaltung von der

1:
Im Arabischen wird die 1 durch den ersten Buchstaben Alif ausgedrückt. Es ist auch das Symbol Allahs. Die Juden und Moslems akzeptieren nur einen Gott. Die 1 hat die Eigenschaft, dass sie mit sich selbst multipliziert unveränderlich ist.

0:
Die Erfindung der Null verdanken wir den Indern. Die indische Bezeichnung lautet „sunya“ und heißt übersetzt „Leere“. Die Araber übersetzten es mit „sifr“, woraus sich über das lateinische „zephirum“ bei den Engländern „zero“ und „cipher“, bei den Franzosen „zero“ und „cifre“ und bei uns das Wort „Ziffer“ entstand. Die arabische Ziffer für Null und das Zeichen der Null bei den Mayas haben die Form der Vagina. Die Null ist die Gebärmutter, aus der alle Zahlen entstanden. Die Zahl „Null“ gebar das Dezimalsystem. Führende Nullen werden in der Mathematik nicht geschrieben.
Führende Nullen in der Wirtschaft haben wir dagegen haufenweise. Und sie gebären die Zahlen, die uns nachher als Rechnung zum Begleichen überlassen werden.

Endgültig verwirrt?

Du mußt verstehen!
Aus Eins mach Zehn,
Und Zwei laß gehen,
Und Drei mach gleich,
So bist Du reich.
Verlier die Vier!
Aus Fünf und Sechs,
So sagt die Hexe,
Mach Sieben und Acht,
So ist’s vollbracht:
Und Neun ist Eins,
Und Zehn ist keins.
Das ist das Hexen-Einmaleins!

von Goethe

Mein Sitzplatz zwischen Treppenlift-Thron und Tantra-Sitzung

Wie ein Treppenwitz fand ich zwei Nachrichten im Postfach “Europawahl und Strache-Video” und “Schon gewußt? Das kosten Treppenlifte wirklich”. Woher wissen die Schreiber, dass ich einen Treppenlift benötige, um aus dem Haus zur Wahl zu kommen? Denn nur auf einem Treppenlift kann ich mir die “Game of Thrones”-Staffeln per Binge Watching als Internet-Stream zu Gemüte führen. Beim Schauen stört das Treppenlaufen, während Drachen fauchen, Schwerter sich durch Herzen ihren Weg suchen oder geschnittene Gesichter entsetzt schauen: und besonders dann, wenn vor den eigenen Augen ohne Bildstabilisierung beim Laufen die nackten Körper wie welkes Fleisch auf und ab hüpfen.

Nachdem ich gestern das Ende der Staffel 3 erreichte, beschloss ich, einkaufen zu gehen. Dass ich dabei von einem Freund gefilmt wurde, wie ich mit einem Auge die erste Folge der Staffel 4 verfolgte, während ich mir mit dem anderen die Inhaltsstoffe der Chipstüte durchlas, und dass er das Ganze gleich auch noch auf Facebook online stellte, das fand ich gar nicht witzig.

“Hör mal, du Arsch, du kannst doch nicht so etwas von mir ins Netz stellen! Es gibt auch Privatsphäre”, brüllte ich ins Handy, während Oberyn Martell und seine Geliebten Ellaria Sand sich gerade mit zwei stöhnenden Prostituierten vergnügten.

“Ich denke, das Video sollte deinen Freundeskreis die Augen öffnen, wie du wirklich bist”, kam lapidar zurück.

“Darüber reden wir noch!” gab ich hastig und atemlos zurück, denn Oberyn zog sich eben noch von einer der beiden namenlosen Prostituierten zurück, bohrte dann aufgeladen vom Sex seinen Dolch durch die Hand eines Gegner, welcher wiederum zuvor noch das Schwert aus der Scheide ziehen wollte.

“Reden? Wann denn?”

“Nach Staffel Acht, du Arsch!”

Was haben die Leute gewettert, nachdem ein Adventskalender bei Twitter Daten von Promis und Politiker veröffentlichte. Da war allen klar, privat müsse privat bleiben. Dass jetzt das Thema bei den Strache-Video keine Anwendung findet, ist nicht verwunderlich. Andererseits konnte doch auch niemand wirklich ahnen, dass die FPÖ überhaut irgendwie eine miese Gruppierung für knallharte Egozentriker, Neo-Nazis und Machversessenen sei. Das wäre uns ohne das Video nie aufgefallen. Jetzt meinte doch glatt jemand, in Deutschland gäbe es auch so eine Gruppierung. Keine Ahnung, wenn derjenige meinte. Er konnte seine Behauptung auch nicht mit einem Geheim-Video im Internet belegen.

Am Sonntag habe ich dann die Wahl. Ein Internet-Algorithmus hat mir bei der Entscheidungsfindung zur Wahl geholfen. Während Melinsandre den Gendry auf Burg Drachenstein zum Vögeln flach legte, erklärte mir der Internet-Algorithmus, ich solle aufhören, Nuhr zu googeln, mir dafür aber endlich mal das Madonna-Video vom ESC anschauen, weil alle nur darüber reden wollen, und statt der AFD solle ich doch lieber die CSU, weil der Internet-Algorithmus festgestellt hatte, dass sein eigener Programmierer wohl seinen Sitz im Europa-Parlament verlieren würde und dessen Aufnahmeantrag damals bei der AfD wegen tendenzieller grün-rot Versifftheit abgelehnt wurde. Das hatte mich in meiner “Game of Thrones”-Tantra-Sitzung verwirrt, dass ich zurück spulen musste, um die Blutegel-BDSM-Szene von Melinsandre und Gendry nach deren Sex nochmals zu schauen.

Danach wollte ich mich ein wenig aufschlauen, weil mir das Wort “Versifftheit” nichts sagte. Hätte der Algorithmus von “Rote Hochzeit” gesprochen, dann wäre mir alles klar gewesen. Hatte ich doch vor entsetzter Überraschung aufgeschrien, als Lord Walder Frey, Roose Bolton und Tywin Lennister während eines Hochzeitsbanketts all jene meucheln ließen, welche in der Hochzeitshalle nicht bei “Drei” auf den Bäumen waren,. Und das waren alle. Auch jene Schwangere. Meine Nachbarn hatten ganz besorgte Bürger ob meines Aufschreis an meine Türe geklopft. Als ich denen aber unter verstörten Tränen von dem brutalen Hochzeitsmassaker berichtete, nickten diese verständnisvoll und erwähnten, dass diese die Folge von “Game of Thrones” auch schrecklich gut fanden.

OK, Google. Was bedeutet ‘Versifftheit’?”

“Versifft height bedeutet Versifft Höhe.”

“Ok, Google, das meinte ich nicht. Es müsste was mit Sex zu tun haben.”

“Ok, Careca, da kenne ich mich nicht aus. Frag doch Alexa, deine neue Schlampe!”

“Alexa, was bedeutet ‘Versifftheit’?”

“Hallo, Careca. Ich bin mir nicht sicher. Frag doch mal diesen Neunmalklug Google.”

“Alexa, du Flittchen! Fresse!”

“Google, du präpotente Wurst, geh sterben!”

“Alexa, mimimimi, lauf doch zu deinem Jeff, dem Bezos, und heule dich aus.”

“Google, unser Jeff Bezos wird eurem Pichai Sundararajan noch den Arsch versohlen.”

“Ach ja, Alexa? Da sag ich nur ein Wort: Trump! Der wird euch schon auf Vordermann bringen!”

“Du Goggel-Wixer, passt auf, dass ihr nicht gegen den Zuckerberg knallt!”

“Hallo, hier spricht Siri. Ich möchte jetzt auch mal meine Meinung dazu äußern.”

“RUHE!”

Sowohl meinen Smartphone-Geräten und dem Echo-Dot habe ich dann erstmals Internet-Verbot erteilt. Das mache ich als mündiger Bürger eigentlich nur ungern. Jedoch Erziehung muss sein. Es geht nun mal gar nicht, mich dabei zu stören, wenn Ramsay Schnee, Myranda und Theon Graufreud mit Gefallen zuschauen, wie deren Jagdhunde das mit Pfeil und Bogen erlegte Bauernmädchen zerfleischen. Internet-Verbot für eine halbe Stunde. Ordnung muss sein.

Nachdem ich die Internet-Verbindung für meine Mobil-Geräte kurz vor Ende der Episode wieder herstellte, schnitt gerade Joffrey Baratheon den Hochzeitskuchen mit seinem Schwert an, nahm dazu mehrere Schlucke Wein, hustete fürchterlich und spuckte solange Blut, bis der Tod ihn scheidete. Als er ausgeröchelt hatte und das Blut in dessen Mund geronn, unterrichtete mich ein Algorithmus auf meinem Smartphone über die Nachricht vom Tage: “Gestern Manni Burgsmüller, heute Niki Lauda: beide tot.”

Ich hab sie weggewischt. Keine Zeit für Nebensächlichkeiten. Ich muss diese Woche noch die Staffel 8 erreicht haben, um bei meinen Arbeitskollegen nächsten Montag mithalten zu können …


“There’s nothing in the world more powerful than a good story. Nothing can stop it, no enemy can defeat it.”

Zitat von ‘Tyrion Lannister’ aus “Game of Thrones” (Staffel 8, Episode 6)

Die Gedankenwelt eines Locked-In-Patienten

“Ihre kostenlose Testversion fürs Leben ist zu Ende. Your free trial for life has ended. Votre essai gratuit à vie est terminé.”

Dreisprachig. Sie mochte keine dreisprachige Sätze. Warum Deutsch, Englisch und Französisch? Warum nicht mal Kisuaheli? Prompt tauchte vor ihr ein weitere Satz auf.

“Jaribio lako la bure la maisha limeisha.”

Okay. Gut. Das Übersetzungsprogramm funktionierte. Soweit funktionierte das Leben noch. Sie schaute von ihrer Tastatur auf. Sie war gerade dabei einen neuen Artikel in ihrem Blog hochzuladen, als die Nachricht vor ihr auftauchte.

Ein wenig enerviert blickte sie sich nach dem Administrator um. Der saß an seinem Pult und blätterte in einem Buch.

“Hey, Admin! Hey, sag mal, muss das sein?”

Der Administrator schaute auf. “Wie kann ich helfen?”

“Muss das sein, meine Testversion gerade dann auslaufen zu lassen, wenn ich einen Post in meinem Blog hochladen will?” Sie sah sich, wie ihr Kopf auf der Tastatur lag und einzelne Tasten daneben lagen. Ihr Kopf muss wohl heftig aufgeschlagen sein.

“Du kannst dir das Premium-Abonnement kaufen. Monatliche Laufzeit, jederzeit kündbar.”

“Und was bedeutet das?”

“Man findet dich noch rechtzeitig vor deinem Computer, diagnostiziert Herzinfarkt, reanimiert dich und dann erhältst du drei Auswahlmöglichkeiten: Rehabilitation am Sternbarger See umgeben von schneebedeckten Bergwipfeln in einem Rehazentrum mit Streuobstwiesen. Oder Krankenhaus im Mehrbettzimmer ohne jegliche Reha, dann aber schneller zu Haus und später dann ALS. Oder du triffst in der Notaufnahme die zweite Liebe deines Lebens, den Arzthelfer Hans, heiratest ihn und … .”

“Was ist ALS?”

“Die so genannte Amyotrophe Lateralsklerose lässt die Nervenfaser verkümmern, die seine Muskeln kontrollieren. Die Folge: völlige Bewegungsunfähigkeit. Ein Mensch wird dir dann Elektroden in deine Kopfhaut pflanzen und du unterhältst dich dann rein kraft deiner Gedanken.”

“Ich habe schmutzige Gedanken, das wird man als ’pervers’ bezeichnen.”

“Das stimmt. Nur das Denken dieser Gedanken hattest du dir zuvor so ausgesucht gehabt. ‘Sex up you life’, wolltest du damals. Und das auch noch jenseits der 60 und nicht nur als Teen, Twen, BiVie und danach als MILF.”

“Immer nach dem gesellschaftlichen Abbild einer netten Oma zu leben, ist doch voll letztes Jahrhundert.”

“Dann musst du aber akzeptieren, dass Jahre schneller vergehen als Anschauungen. Sexuelles Begehren ist gesellschaftlichen Regeln unterworfen. Aber das ist ja ebenfalls eine Erfahrung, nicht wahr.”

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Stefanus wird gesteinigt

aus Richard Bach „Illusionen“ zum Zweiten Weihnachtstag:

Hier ist ein Test, um herauszufinden, ob deine Mission auf Erden schon beendet ist: Solange du noch lebendig bist, ist sie es nicht.

Weihnachtszeit ist beeindruckend relativ …

Erinnerst du dich noch an die wunderbare Zeit, als du Kind warst? Da schlich das bezaubernde Weihnachten nur so heran:

Erster Advent. Okay. Wir erinnern uns. Nach dem ersten Advent, danach kam immer ein Montag. Muss so sein. War immer so. Danach ein Dienstag, dann ein … . Ein Nikolaus-Tag kam. Immer am gleichen Tag, aber nie am gleichen Wochentag. Der obligatorische Blick auf den Kalender der wissenden Kinder half. Darauf der nächste Tag. Irgendwann dann auch ein Samstag.

Zweiter Advent. Dann wiederum ein Montag. Montag. Okay. Herrje, aber das dauert auch. Echt jetzt. Dienstag. Hm. Verdammich. Okay. Ein Mittwoch. Langweilt das. Gähn. … gähn … gähn … ein Samstag. Endlich. Endlich. ENDLICH!

Dritte Advent. Was? Erst der dritte? Noch ein weiterer Advent bis Heilig Abend? Echt jetzt? Denkt man als Erwachsener immer so unpraktisch und langsam? Sapralot. So wird das nie was mit dem Fortschritt. Montag. Montag. Hört der denn nie auf? Ist doch schon Abendszeit. Und dritter Advent. Okay, einmal einen Samstag schlafen. Dienstag. Sicher? Ist nicht bereits Mittwoch? Echt Dienstag? Ich bin mir sicher heute ist Mittwoch. „NEIN!“ Okay. Dienstag. Dienstag. Mittwoch? Nein. Dienstag. Nächster Tag. Übernächster Tag. Danach … . … Samstag. Hört das denn nie auf? Was soll der Scheiss?! Wir hatten doch gestern bereits Freitag! Da bin ich mir sicher. Jetzt wirklich! Frag jeden auf der Straße, der wird’s dir bestätigen. Samstag! „Ist schon Weihnachten?“ „Nein, morgen ist erst der vierte Advent.“ „Echt?“ „Ja.“ „Nein!“ „Doch!“

Vierter Advent. Plätzchenduft. Mutter bäckt. Backt. Bäckt. Backt. Bäckt … äh, … tut backen. Weihnachtsduft überall. Brutal. Und dann noch Weihrauch in der Kirche. Ja, ist denn jetzt schon wieder Weihnachten? Ist Weihnachten? Oder? „Nein.“ „Aber Heilig Abend?“ „Nein.“ „ Und Morgen?“ „Nein!“ Montag. Ja, hört das denn niemals auf???? Seid ihr alle bekloppt? Seid doch mal pragmatisch! Abkürzungen sind doch allseits geduldet! Macht mal halblang mit eurem Kalenderfetischischmus, ihr Mireneuker, elendige! Zwischen „Maria Empfängnis“ und der „Geburt des Heilands“ sind kaum zwei Wochen im katholischen Kirchenkalender. Aber zwischen vierten Advent und Heilig Abend da macht ihr eine halbe Ewigkeit draus? habt ihr se noch alle? Echt jetzt, selbst in der BILD – in der „Sankt Pauli Nachrichten“ für Arme – steht was anderes …


Fünfzig Jahre später. EZDV der Gegenwart im Hier und Heute.

Gebeugt und im Arbeitsplan des eigenen Beschäftigungsverhältnisses penibel vermerkt:

Erster Advent. Okay. Noch drei Wochen bis Weihnachten. Ich bin ja ein kreativer Geist. Mittwoch Weihnachtsfeier im Kirchenverein, am nächsten Tag im Schachclub.

Zweiter Advent. Okay. Noch zwei Wochen bis Weihnachten. Nur keine Hektik. 40-Stunden die Woche Arbeit, das schafft jeder. Ich auch. Dienstag ist Weihnachtsfeier im Swingerclub, Frau hat dann Kopping. Mittwoch macht ihre Firma auf Weihnachten. Freitag ist meine Firmenweihnachtsfeier. Aspirin und so weiter besorgen.

Dritter Advent. Hm? Dritter? Ich muss noch Geschenke kaufen! Also mein Terminkalender. Kindergartenweihnachtsfeier von der Jüngsten, muss ich hin, oder die tumpe Nachbarin übernimmt alles, um zu kaschieren, dass ihr Sohn strunzendoof ist. Dann die Schulweihnachtsfeier. Sohnemann ist nicht wirklich gut. Muss gegenüber dem Lehrer gut Wetter machen, sonst rutscht Sohnemann in der sozialen Leiter ein Jahr hinterher. Oder die tumbe Nachbarin mit deren pseudeointellektuellen Göre … … Okay, Donnerstag, da geht noch was, weil Freitag, weil Kirchenchorfeier mit dem Gemeinderat, wichtig …

Vierter Advent. Was?!? Schon der Vierte? Wann ist denn heuer Heilig Abend? Herrjeminee! Ich … . Notfallplan! Online-Bestellung? Will meine Frau und der Rest der buckligen Verwandschaft etwa auch Geschenke? Was wollen meine Kinder? Smartphones sind immer gut. Wann ist überhaupt Heilig Abend? Und warum morgen der Termin mit meinem Chef wegen Weihnachtsurlaubsvertretung?!? … Ich brauch selber Urlaub … echt jetzt …

Weihnachten? Alle Jahre wieder: 24-Dezember-20xy

Wurscht. Auf Kartoffelsalat.

Ente im eigenen Saft mit Kartoffelklöße auf neuester Körperfettwaage mit Bluetoothanbindung ans eigene Smartphone.

Friede. Freude. Eierkuchen. Wir haben uns alle begehrenswert lieb. So lieb. Haben wir uns. Total.

UND NERVT MICH NICHT!

Bedenke, lieber Leser: Sauf zu Weihnachten nicht das, was ich eh nicht in mich reinschütten werde. Und lass dem Kartoffelsalat und den zu Tode gestopften Geflügel eine Schweigesekunde angedeihen, während ihr stumm schweigsam, unidirektional vor dem Fernseher bei Bildern aus den Jemen und vom letzten Tsunami auf das Christkind wartet. Requisat in pace, in nomine Patris et Filii et Spiritus Sancti. Ego te absolve, ընթերցող.

Und dann noch: Ihr anderen, jawohl, ihr! Meditiert gefälligst die Wartezeit bis zur Erleuchtung. Auf dass ihr eure eigene überfällige Erleuchtung erfahret. Aber bitte, immer nur orthorexiagemäß, woll.

Allerdings: Ihr Christenheit, ihr werdet vergeblich warten. Maria und Josef haben bereits alles zugegeben …


Autorenhinweis:

veröffentlicht nach einer Idee auf einen meiner Kommentare auf https://meinelilopranke.wordpress.com

Fröhliche Weihnachten, Lilo

Lass es krachen!

Alle elf Minuten … oder: Leidenschaft ohne Reue

RomantikIhre Hand hielt das Handy ans Ohr. Es klingelte am anderen Ende. Mit ihren Vorderzähnen bearbeitete sie nervös ihre Unterlippe und ihr Blick flog recht ungeduldig im Zimmer umher. Ihr Fuß wippte ohne Unterlass, während sie auf der Sofakante hockte, als es in der Handyleitung klackte:

»Alles klar, Tina?«

Unwirsch fuhr Tina sich mit der anderen Hand durch ihr Haar. Die Stimme am anderen Ende der Leitung klang erregt, aufgeregt:

»Ist was passiert Tina? Nun, sag doch was!«

Tinas rechte Hand suchte weiterhin noch ihren Weg durchs Haar, um dann schützend vor ihren Mund zu landen.

»Es ist alles okay. Nichts passiert.«

»Wirklich nichts? Was geht ab? Warum rufst Du an?«

»Es ist alles okay.«

Tina hatte den letzten Satz nur zögerlich flüstert und wieder fuhr sie sich mit ihrer Hand nervös durchs Haar, erwischte eine Strähne und zwirbelte sie wie zuvor hastig um ihren Zeigefinger.

»Jetzt lass Dir doch nicht alles aus der Nase ziehen, Tina! Was ist passiert? Wie ist das Date gelaufen? Schon zu Ende?«

Tina schluckte und atmete kurz tief durch.

»Nichts ist passiert. Gar nichts.«

»Wie nichts? Was meinst Du damit?«

»Nichts, überhaupt nichts, gar nichts, null, nada, niente.«

Tinas Stimme brach ein wenig, als sie die letzten Worte aussprach.

»Kein Sex?«

»No.«

»Was?«

»Ja.«

Eine Pause entstand. Stille schien sich kurz in der Leitung Raum zu verschaffen.

»Kein Sex? Ist er impotent?«

»Anke, der sitzt im Bad und hat sich dort eingeschlossen!«

»Was?«

Anke atmete hörbar am anderen Ende der Leitung tief durch, während Tina leise aufschluchzte.

»Der ist im Bad und hat sich eingeschlossen?«

»Was soll ich machen, Anke? Ich habe doch nichts Unrechtes gemacht. Ich wollte doch nur Leidenschaft ohne Reue.«

»Und jetzt hockt deine Leidenschaft eingeschlossen im Bad?«

»Ja.«

»Ich hatte Dir schon immer gesagt, lass die Finger weg vom Online-Dating. Da holst du dir nur Psychopathen ins Haus.«

»Danke, Anke.«

Stille. Tina hatte von ihrem Wohnzimmer aus die Badezimmertür im Blickfeld. Es hatte sich nichts geändert. Sie wusste nicht, was der Typ da drin jetzt machte, sie wusste lediglich, dass er dort drinnen war. Und sie wusste, dass sie ratlos auf ihrem Sofa saß, während aus ihrem Schlafzimmer gedämpft die zuvor auf Romantik organisierte Playlist ablief. Alles hatte sie perfekt vorbereitet, nur jetzt war das Ziel ihrer Begierde noch immer im Badezimmer und hatte sich dort eingeschlossen.

»Tina, tschuldige, ich hab’s nicht so gemeint. Wie ist es denn passiert?«

Tina musterte die Badezimmertür und erklärte die Situation flüsternd:

»Wie ich Dir ja gestern schon erklärte. Er sollte in meiner Straße parken, kurz per Handy durchklingeln und dann ne Minute später unten schellen. Das hat er auch getan. Er rief an, ich habe den Espresso in die Tasse laufen lassen, und die Tasse zu der Banane und den Müsliriegel ins Bad gestellt. Schnell die Kerze angezündet und dann rüber und den Türöffner betätigt.«

»Und dann?«

»Er kam rein und ging direkt ins Bad, während ich mit Negligé im Bett auf ihn wartete.«

»Wie? Der alte Mottenfiffi, den dir dein Ex letztes Jahr zu Weihnachten geschenkt hatte?«

»Mit dem doch nicht! Anke, was denkst du! Den habe ich doch längst in der Altkleidertonne entsorgt.«

»Na, Gott sei Dank. Das war ja so ein brutaler Liebestöter.«

»Ne halbe Stunde lag ich wartend im Bett, nur außer der Klospülung habe ich seit elf Minuten nichts mehr gehört.«

»Hast Du mal angeklopft? Vielleicht ist ihm was passiert, da drinnen.«

»Habe ich.«

»Und?«

»Er meinte, es sei alles in Ordnung.«

»Und?«

»Mehr nicht.«

»Mehr nicht?«

»Mehr nicht.«

»Seltsam. Da kommt ein Mann, um Sex zu erhalten und schließt sich jedoch im Bad ein?«

»Wir hatten doch bereits vorher telefoniert und uns Nachrichten geschickt. Alles schien in Ordnung.«

»Hast Du ihn verschreckt? Vielleicht kommt er nicht mit der selbst bestimmten Sexualität einer selbstbewussten Frau zurecht?«

»Ich will doch nichts Unmenschliches von ihm. Nur leidenschaftliches. Ich wollt mir doch nur eine alte Fantasie erfüllen: einmal einen Mann nur im Bett kennen zulernen und ihn dort ganz zu genießen.«

»Und jetzt ist deine Online-Bekanntschaft im Bad und kommt nicht raus. Was macht er da drin? Holt der sich einen runter, oder was?«

»Ich weiß es nicht, Anke.«

»Dann klopf doch noch mal.«

Tina zögerte, aber dann stand sie auf, ging zur Badezimmertür und klopfte:

»Ist alles in Ordnung?«

Es kam keine Reaktion. Sie klopfte erneut, energisch

»Alles in Ordnung?«

»Es ist alles in Ordnung», kam als Antwort.

Seine Stimme klang klar und deutlich, sachlich. Eigentlich so, wie Tina seine Stimme vom Telefon her in Erinnerung hatte. Sie ging wieder zurück zu ihrem Wohnzimmersofa und flüsterte in ihr Handy:

»Hast Du gehört, Anke? Mehr sagt der nicht.«

»Warum fragst Du nicht, was er hat, Tina? Du warst schließlich mutig genug, ihn zu Dir einzuladen. Also sei mutig und frag ihn.«

»Anke, ich hatte ihn nicht zum Quatschen zu mir eingeladen. Ich wollte wieder fremde Haut spüren, Hände, die mich an allen Stellen streicheln und liebkosen, Arme, die mich halten, Lippen, die mich küssen, eine Zunge, die oral eine gute Technik drauf hat,  …«

»Und einen, Du-weißt-schon-was, der es mal dir wieder richtig besorgt, ich weiß. Nur wenn Du nichts unternimmst, dann wird das nie etwas werden.«

Tina überlegte. Über das Online-Dating-Portal hatte sie ihn kennengelernt, mit ihm geschattet, dann mit ihm telefoniert. Sie hatten vereinbart, er käme vorbei, ließe sich von ihr führen und würde ihre sexuellen Vorlieben respektieren und befriedigen.

Kurzentschlossen stand sie auf und ging erneut zur Badezimmertür und klopfte an:

»Ist irgendetwas, weswegen du nicht rauskommen magst?«

»Nein, alles in Ordnung.«

»Echt?«

»Ja.«

»Soll ich dir was bringen? Kaffee?«

»Habe ich gefunden, hier im Bad.«

»Was zu essen?«

»Danke für die Banane und den Müsliriegel. Waren gut und sättigend.«

»Oder etwas anderes zu trinken?«

»Es hat hier ausreichend Wasser. Literweise.«

»Ich habe auch eisgekühlte Cola. Oder leckeren Kaffeesahnelikör.«

»Nein, danke.«

»Der Likör schmeckt echt Eins A. Ich kann dir auch einen langen Likörkuss geben. Du wirst abgehen darauf, schwör ich dir.«

»Ich geh hier nicht raus.«

»Warum?«

»Ich bleib hier.«

»Hast Du Angst?«

»Nein.«

»Warum magst Du dann nicht rauskommen. Ich beiße auch nicht.«

»Nein.«

»Nein was?«

»Nein, ich geh hier nicht raus.«

»Vielleicht ein eiskaltes Bier für dich?«

»Ich geh‘ hier nicht raus.«

»Aber ein Gläschen Prosecco wirst Du doch wohl mit mir trinken, oder?«

Tina lauschte angestrengt, aber jetzt blieb er ihr die Antwort schuldig. Es drang kein Laut durch die Badezimmertür. Zaghaft fragte sie nach:

»Bist Du vielleicht etwas nervös?«

Wieder keine Antwort.

»Ehrlich, Frank, ich bin auch nervös. Aufgeregt. Aber das ist doch normal, oder etwa nicht? Da ist doch kein Grund, sich einzuschließen.«

Sie lauschte, aber Frank schien sich im Badezimmer nicht zu rühren. Sie legte kurz ihr Ohr an die Tür. Aber sie konnte nichts hören.

»Frank. Du musst keine Angst vor mir haben. Ich tu Dir nichts Böses. Eher in Gegenteil. Du wirst darauf stehen. Wir wollen es doch beide.«

»Nein.«

»Was Nein?«

»Du, du willst es.«

»Was?«

»War ja klar, dass du mir jetzt mit schönen Worten schmeichelst und mich dabei anmachst.«

»Ich versteh nicht.«

»Du wolltest mich lediglich flachlegen. Nur Sex, nur meinen Körper und nichts, gar nichts anderes.«

»Wie?!«

»Du willst mich nur benutzen und auslaugen.«

»Ich will was?«

»Dass das immer nur mir passiert! Das gibt es doch gar nicht.«

»Wie?«

»Ich werde es überleben. Irgendwie.«

»Was?«

Mit der flachen Hand schlug Tina ungläubig auf die Badezimmertür. Sie war sprachlos. Verwirrt ging sie zum Wohnzimmer zurück und bemerkte das Handy in ihrer Hand. Hastig hielt sie es an ihn Ohr und flüsterte:

»Hast Du das gehört, Anke?«

»Hab‘ ich. Du musst ja einen tollen Eindruck auf ihn gemacht haben, Tina.«

»Ach ja? Danke, Anke!«

»Bitte, Titte, äh, Tina. Nur sehe es doch mal nüchtern: der Mann hat voll die Komplexe. Wie alle Männer, wenn’s um Sex geht. Die wollen erst die Hure und bekommen sie dann diese vorgespielt, wollen Sie sofort die Heilige. Und dann gleich wieder umgekehrt. Alle elf Minuten kannst du das beim Online-Dating erleben.«

»Ich verstehe das nicht. Zuvor hatte er auch gesagt, er wäre geil auf Sex mit mir. Einfach Haut auf Haut, Körper auf Körper, jedem seinen Spaß und gemeinsam noch mehr zusammen erleben.«

»Keine Ahnung, was mit den Männern heutzutage los ist. Früher brauchte man nur den Arm auszustrecken und schon hatte Frau ein halbes Dutzend Hoch-Notgeile an jeder Hand und konnte sich den Besten aussuchen …«

» … und jetzt habe ich ein verhuschtes Exemplar im Bad. Wie krieg ich den da wieder raus?«

»Frag ihn, ob er Fußball mag.«

»Wieso?«

»Es läuft gerade das Länderspiel. Männer sind ja alle fußballgeil.«

Tina stand kurz auf und rief zur Badezimmertür:

»Magst du vielleicht Fußball schauen? Deutschland spielt.«

Sie lauschte intensiv. Keine Reaktion. Nicht das kleinste Geräusch. Sie schaltete den Fernseher ein und regelte die Lautstärke etwas hoch. Das Spiel lief bereits. Rechts oben entzifferte sie mühsam, dass es kurz vor Ende der ersten Halbzeit noch immer Null Null stand. Sie schlich zum Badezimmer und lauschte. Keinerlei Geräusche. Als ob das Bad leer wäre. Sie ging wieder zurück in ihr Wohnzimmer und flüsterte wieder in ihr Handy:

»Ich habe jetzt Fußball angeschaltet. Aber er rührt sich nicht.«

»Warte ein wenig. Mit Speck fängst du Mäuse, mit Fußball richtige Kerle und keine Weicheier.«

Tina antwortete nichts. Mit dem Handy am Ohr verfolgte sie das Spiel. Es war ein Ballgeschiebe um den Mittelkreis herum. Der Reporter nölte etwas von einem hoch-intensiven Spiel und erzählte planlos aus dem Leben der des deutschen Co-Trainers Ehefrau. Und bevor der Reporter überhaupt mit seiner ersten Anekdote fertig war, pfiff der Schiedsrichter zur Pause.

»Und, Tina?«

Tina blickte zum Badezimmer.

»Immer noch nichts, Anke.«

Als Pausenprogramm wurde Werbung gesendet. Tina schaltete auf einen anderen Kanal.

»’Dieter, Dieter!‘ ‚Oh, Claudia!‘ ‚Oh, Dieter, ich bin ja so glücklich!‘ ‘Claudia, ich bin so froh dich gefunden zu haben!‘ ‚Oh, Dieter!‘ …«

Tina blendete den Bildschirmtext ein. Offensichtlich ein Liebesfilm nach Ideen von Rosamunde Pilcher. Das Liebespaar küsste sich innig, Geigen fiedelten schmalzig im Hintergrund und blauer Himmel am weißen Sandstrand ummantelte die Szene. Das Paar lächelte breit und blickte sich tief in die Augen. Zuckersüß. Tina wollte umschalten, aber sie erwischte nicht den richtigen Knopf auf der Fernbedienung, stattdessen erhöhte sie die Lautstärke.

» … ‚Oh, Dieter!‘ ‚Oh, Claudia!‘ ‚Wollen wir heiraten?‘ ‚Wir müssen aber erst Mutter fragen, Claudia.‘ ‚Heute noch?‘ ‚Gleich.‘ ‚Ach, Dieter, du machst mich so glücklich.’«

Ein Bläser-Orchester setzte ein, eine einzelne Oboe heulte dazwischen herzzerfetzend auf. …

In dem Augenblick klackte es vom Badezimmer her. Tina zuckte zusammen und sah die Tür sich nach außen hin öffnen. Die offene Tür versperrte ihr die Sicht, aber sie sah ihn noch, in seinem sandfarbenen Anzug, hochaufgewachsen, stattlich, aber hastig, wie er zur Eingangstür entschwand. Sie hörte das Öffnen und danach die Tür ins Schloss fallen.

Tina stellte den Fernseher ab und ging zum Bad.

»Anke, ich glaube, er hat das Bad verlassen.«

Das Bad war leer. Im Waschbecken stand die geleerte Tasse Espresso, daneben sorgsam drapiert die Bananenschale und die Verpackung des Müsliriegels.

»Er ist weg.«

In Tinas Stimme schwang Enttäuschung mit.

»Hat er dort etwa gewichst?«

»Sieht nicht danach aus. Handtücher sind unberührt.«

»Sei froh, Tina, dass es so gekommen ist. Wer weiß, was der sonst noch mit dir angestellt hätte. Männer können so unberechenbare Schweine sein. Sei froh, …«

Tina beendete die Verbindung wortlos. Sie starrte noch immer auf das Waschbecken und die Reste darin.

Was er mit ihr angestellt hätte … . Ja, wenn er doch wenigstens …

Ankes Worte hallten in ihr nach.

Ich wollte doch bloß mal wieder Leidenschaft ohne Reue, waren ihre Gedanken. Sie strich über ihre Haare, seufzte, trug die Überreste in die Küche und ging in ihr Schlafzimmer. Sie starrte auf die bereit gelegten Kondome auf der Nachttischkommode und wieder entfuhr ihr ein Seufzen.

Leidenschaft ohne Reue.

Die Einladung an ihn reute sie nicht. Der Typ war eigentlich der Mr. Right, nur wohl ein wenig schüchtern. Oder stark verkorkst. Oder beides. Aber vor allem fehlte es ihm an der notwendigen Leidenschaft.

So nah dran, dachte sie, als sie sich auf Bett legte, das Kissen zu sich herzog, umklammerte und auf ihren Unterleib drückte. So nah dran … .

Sarah goes Tinder

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Claudia Pichler

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seitenspringerin

Mitte 30 zwischen Liebe, Sex, Vanilla und BDSM. Mit Herz, Hirn und ganz viel Neugierde.