Münchner Geschichten (Teil 3): Über Gedenkstätten, die keine sind, und sich darüber freuende Schnitzel


Manches Mal findet sich auch völlig Sinn freies am Wegesrand, wovor die Betrachter längere Zeit grübelnd stehen und dabei versuchen, den Sinn des Ganzen zu enträtseln.

IMG_20170907_142556Seit der letzten Winterzeit hat sich in eine S-Bahnunterführung unweit meiner Wohnung ein Obdachloser eingerichtet gehabt. Es war dort nicht wärmer als draußen, aber vor Schnee und Regen geschützt nächtigte er in der Unterführung auf dem Gehweg. Mit der Zeit hatte er verschiedene Decken und Matratzen dort angehäuft, unter denen er sich verbarg wie ein Eskimo im Iglo. Im Frühjahr darauf wurden seine Habseligkeiten regelmäßig von der Stadtreinigung weggeräumt. Die Unterführung hatte es ihm jedoch angetan. Selbst im Sommer kehrte er wiederholt dorthin zurück, um zu übernachten, bis er wohl des Platzes verwiesen wurde. Seine Sachen waren verschwunden. Zurück ließ er lediglich eine Stätte mit Blumen, Grabkerzen und ein auf einem Zettel nieder geschriebenen poetischen Gedanken. Der Ort dafür war eindeutig strategisch gewählt und befand sich bei einer Stelle, an der viele Leute vorüber mussten. Viele von ihnen blieben stehen, schauten sich das Arrangement an und grübelten, um was es sich wohl handeln könnte. Wer wohl dort gestorben sein könnte und ob es sich um jenen Obdachlosen des Winters handeln könnte, war deutlich auf deren Stirn ablesbar. Ich vermute, der Obdachlose, der die Stätte täglich mit frischen Blumen und Grabkerzen vom nahe gelegenen Friedhof betreute, freute sich darüber wie ein Schnitzel.

Die Frage, wie sich denn ein Schnitzel so freue, und wie sich denn so etwas bei einem Schnitzel äußere, ist an dieser Stelle natürlich berechtigt. Auch die Frage, welches sich freuende Schnitzel denn damit gemeint sein könne, ob das Jäger-, das Wiener- oder das Zigeunerschnitzel, das kann ich so nicht beantworten. Obwohl, eigentlich liegt es doch auf der Hand, dass der Obdachlose sich wohl eher wie ein Münchner Schnitzel gefreut haben könnte.

Das Wort „Schnitzel“ leitet sich vom Wort „schnitzen“ ab und das wiederum hat seinen Ursprung im Wort „schneiden“. Die Österreicher haben daraus eine „zum Braten bestimmte dünne Fleischscheibe“ (Wikipedia) gemacht. Die Wiener nahmen einfach ein Kalb her, schnitten es in dünne Schnitzel, panierten diese und voila, das Wiener Schnitzel war geboren. Und weil die Münchener Österreichern nicht mal die Butter in der Brezn gönnen und auch gerne ihr eigenes Schnitzel haben wollten, da haben sie einfach mittels Meerrettich und süßen Senf als Grundlage der Panade ihr „Münchner Schnitzel“ erschaffen. Vom Geschmack ist es leicht süßlich mit saurer Schärfe, umgeben vom altbekannten Schnitzelfettgeschmack.

Ja, genau so wird es wohl gewesen sein. Genau so wird sich der Obdachlose gefreut haben. Wie ein „Münchner Schnitzel“, dabei den Wagner aus Goethes Faust zitierend, als er die Leute nachdenklich an seiner Gedenkstätte sich Gedanken machen sah:

„Ja, deren Reden, die so blinkend sind, in denen ihr der Menschheit Schnitzel kräuselt, sind unerquicklich wie der Nebelwind, der herbstlich durch die dünnen Blätter säuselt.“

So in etwa könnte er aus sicherer Distanz die Betrachter seiner Stätte aus Blumen und Grabkerzen kommentiert haben.

Der Menschheit Schnitzel gekräuselt. Früh krümmt sich, wer ein Häkchen sein möchte. Mit Lachen geht es einfacher. Als letzter hatte er das beste Ende für sich.

Schnitzeltag.

Münchner Geschichten (Teil 2): Über Sonden auf Wanderschaft und andere ausgesetzte Dinge


In der FAZ las ich letztens einen Artikel über die Unwahrscheinlichkeit, dass die von Menschenhand gebauten Erkundungsmaschinen Voyager 1 und Voyager 2 sich selbst dann noch fortbewegen werden, wenn deren Verursacher, die Menschheit also, aufgehört haben sollte zu existieren.


Voyager 1
und Voyager 2 wurden vor 40 Jahren ins All geschossen, um zu schauen, was sonst noch so im All kreucht und fleucht, was nie ein Mensch zuvor gesehen hat. Und so wird in knapp 296.000 Jahren Voyager 2 am Stern Sirius vorbei fliegen. Die Distanz zwischen Voyager 2 und Sirius wird in eine sein, für welche das Licht 4,3 Jahre benötigt, um eben diese Strecke zurückzulegen. Zum Vergleich: die Erde ist nur acht Lichtminuten von der Sonne entfernt. Die Distanz zwischen Sirius und Voyager 2 wird im Vergleich dazu über 280.000 mal so groß sein. Aber erst in 300.000 Jahren. Allerdings ist Voyager 2 dann ein stromloser Metallklumpen.

Es erinnert mich an ein Cartoon der 90er Jahre: ein Mann steht mit einer Kamera in der Hand und erklärt, er habe weltexklusiv Fotos vom Weltuntergang gemacht. Allerdings wüsste er nicht, wo er den Film entwickeln lassen könne. Heute hätte er das Problem nicht. Allerdings säße er mit seinem Smartphone sich bitter an einer Ecke, weil er seine Weltuntergang-Selfies weder auf Facebook noch auf Instagram posten könne, weil deren Server down wären.

Ähnlich wird die Situation sein, wenn Voyager 2 den Sirius passiert. Und niemand wird es erfahren. In 300.000 Jahren

Nicht nur Voyager 2, sondern auch Voyager 1 werden bald für die Menschheit völlig nutzlos und dann für andere unentdeckbar durch die unendlichen Weiten cruisen. Das wird wohl ab 2030 der Fall sein, wenn die nukleare Stromversorgung der Sonden aufgebraucht sein wird.

An Board beider Sonden befinden sich Erinnerungen und Artefakte an eine Menschheit, verewigt u.a.a. in einer goldenen Medienplatte mit Musik von Chuck Berry und Louis Armstrong. „Johnny B. Goode“ mit „Melancholy Blues“ zum Roll over verschiedener Beethoven-Stücke. Vereint in der Unendlichkeit. Keine Sorge. Eine Abspielvorrichtung wurde dazu gelegt. Sollte die Plattenindustrie zuvor Pleite gegangen sein oder sollten die Aliens über keinen gültigen Amazon-Account verfügen, genau hierzu hatten sich gestern einige Menschen Gedanken über das Morgen gemacht, ohne unser Heute gekannt zu haben.

Den Einflussbereich unseres Sonnensystems hat Voyager 1 vor fünf Jahren verlassen. Voyager 2 dagegen befindet sich noch im äußeren Bereich. Wer von den Aliens mag, darf die Sonden mitnehmen und aufmachen. Nur, die Wahrscheinlichkeit, dass diese Sonden gefunden werden, ist genauso gering wie eine Kollision einer der beiden Sonden mit einem kosmischen Gesteinsbrocken oder gar einem Schwarzen Loch. Also höchst unwahrscheinlich, um einmal genau zu sein. Um noch genauer zu sein, von einer Kastanie im Biergarten am Kopf über seinem Bier beim Lesen der FAZ getroffen zu werden, das ist wahrscheinlich wahrscheinlicher.

Allerdings, bei dem momentanen Wetter ist es eh nichts mit der Biergarten-Gemütlichkeit. Der Sommer hat sich längst verabschiedet und ist mit dem Schwalben gen Süden am Fliegen. Und mancher Mensch entledigt sich ebenfalls seinen Sommer-Erinnerungen

Ein beliebter After-Sommer-Sport von Anwohnern ist es jetzt, Sachen einfach auszusetzen. Es geht hierbei nicht um das Aussetzen des Dackels oder der Oma angebunden an einer Leitplanke auf einer einsamen Autobahnraststätten-Ausfahrt, sondern um Dinge aus dem Besitztum des Eigentümers. Verständlich. Denn im heimischen Müllbeutel passt der Krempel nicht und beim Müll-runter-Tragen droht immer die Tüte zu reißen. Also bleibt als einziger Ausweg, das Aussetzen am Gehwegrand. Damit das Ganze nicht so nach illegalen Sperrmüll ausschaut, wird noch ein Zettel dran geklebt: „Zu verschenken“ und schon fühlt sich der Eigentümer der Verantwortlichkeit des regelkonformen Entsorgens entbunden. Ist ja verschenkt. Empfänger unbekannt. Einstweilen.

Die NASA macht das ja mit ihren Sonden im Kosmos, dem Weltall, auch so, nicht wahr. Warum sollte es dann Klein-Schmitz in seinem Mikrokosmos nicht auch so handhaben.

IMG_20170907_085218KopieSo findet sich schon mal ein Grill oder sommerlich bunte Fenstermalfarben am Gehwegrand. Oder ein alter Radiorecorder, ein Röhrenfernseher, Geschirr mit hässlichem Zwiebelmuster oder Biergläser. Neulich traf ich auf dieser Weise ein Bierglas mit einem Motiv der Olympischen Sommerspiele 1972 in München. Unter dem Logo der damaligen Olympischen Spiele war ein stilisiert dargestellter Gewichtheber. Das Glas habe ich nicht mitgenommen. Staubfänger besitze ich reichlich. Und in den Biergarten kann ich es nicht verwenden. Es ist weder en vogue, noch erlaubt.

Jedoch, würde die Mitnahme eigener Biergefäße in einen Biergarten aus unerfindlichen Gründen morgen erlaubt werden, wäre das Mitbringen eines eigenen Bierglases eine echte Bedrohung für das bayrischen Gleichgewicht aus Wirt, Bier und Gast. Dieses gottgegebene Biotop würde massivst aus den Fugen geraten mit üblen Folgen für den Häretiker. Der Wirt würde das Glas nicht ausspülen, sondern das Bier in das ungewaschene Glas füllen, das Bier würde deswegen nicht schäumen, die Bayern unter den Gästen im Biergarten würden das sofort bemerken, in schallendem Gelächter ausbrechen und die Kastanienbäume unter deren Gelächter erzittern. Aus den Bäumen würde es Kastanien regnen.

Da ich inzwischen das fatale Beziehungsdreieck Bier-Kastanie-Notaufnahme (siehe auch Teil 1) kenne, aber dann wahrscheinlich trotzdem das Ganze zuvor mit einer fehlerhafterer Wahrscheinlichkeit bewertet hätte, würde ich als Glasmitbringer dann gerade unter jenem Kastanienbaum sitzen, aus denen die Kastanienfrüchte herunter fallen würden. Es wäre eine fatale Fehleinschätzung dieses Beziehungsdreiecks. So eine Blutvergiftung durch eine Verletzung aufgrund einer nicht hygienisch einwandfreien Kastanie, auf den Kopf niederdonnernd, aus einem Kastanienbaum, das ist kein Spaß und bedrohlicher als jede Zombie-Apokalypse.

Als Biergarten-Häretiker würde ich in bitterster Konsequenz zu einem Biergartenwiedergänger mutieren. Als gewesener Biergartenbesucher und gewordener Biergartenwiedergänger wäre das recht übel für mich. Denn für tägliche Biergartenwiedergängerei hätte ich nicht genügend Kontodeckung im Himmel, weil ich zu oft betrunken in Biergärten herum saß, statt mein himmlisches Konto mit guten Taten zu aufzufüllen.

Darum habe ich das Glas dort stehen lassen.

Das ist die wirkliche, einzige Wahrheit.

Fromm und gottesfürchtig.

So einfach ist das.

Münchner Geschichten (Teil 1): Über Beckenbauer, Biergärten, Bäume und Blätter


Als ich heute morgen gegen 7 Uhr meine Wohnung verließ, stand er vor der Tür meines Hauses, eine Sporttasche neben sich auf dem Boden, und bearbeitete die Klingelanlage.

„Hallo? Hallo! Ich bin der Honigmann. Hätten Sie gerne frischen Honig?“

Seine Sporttasche war offen und ich konnte Einmachgläser erkennen, die wohl mit Honig gefüllt waren.

Der Mann erschien mir leicht wirr. Mit seinen ungekämmten Haaren wirkte er auf mich, als wäre er gerade eben aus dem Bett gefallen. Und seine Bewegungen waren eher hektisch und nicht locker entspannt. Vielleicht hatte er auch noch im Kopf ein wenig Honig.

Als ich an ihm vorbei ging, blickte er mich fragend an: „Honig?“

Verneinend schüttelte ich den Kopf.

„Ich muss zur Arbeit, mein Job ruft“, schob ich wie zur Entschuldigung hinterher und ließ ihn mit paar Schritten hinter mir.

Das war natürlich gelogen. Mein Job hatte mich nicht gerufen. Um bei der Wahrheit zu bleiben, ich habe zu keiner Zeit nie meinen Job jemals rufen hören, egal wie angestrengt ich auch lauschte. Es heißt zwar „Beruf“, aber selbst wenn er „Aaruf“ hieße, rufen tut der nicht. Klar, wer „Aaruf“ sagt, muss auch „Beruf“ sagen. Sonst ist am Monatsende recht schnell Essig mit dem eigenen Ruf bei Banken, Versicherungen, Geschäften, Vermieter und Freunden. Aber rufen, nein, das tut ein Job nicht, auch wenn es der Beruf ist.

„Franz Beckenbauer ist tot!“, hörte ich hinter mir her rufen, während ich meine ‚Ruf‘-Gedanken zu Ende dachte.

„Haben Sie schon gehört, der Franz Beckenbauer ist tot,“ rief mir der Honigmann nochmals wesentlich lauter hinterher. Ich drehte mich um und hob leicht hilflos meine beiden Arme, um ihm anzudeuten, dass mich das Thema nicht wirklich berührte. Eigentlich lies es mich sogar ratlos und eher kalt.

Anfangs lag mir ein spontanes „Gibt es heute Abend dazu einen ARD-Brennpunkt mit Sigmund Gottlieb?“ auf der Zunge. Aber ich unterließ es. Es wäre öffentliches Verspotten gewesen und das musste nicht sein. Er wollte lediglich Honig verkaufen. Ihm mit Spott seinen Elan und seine Verkaufsstimmung zu vermiesen, das würde nur sein Geschäft für heute beeinträchtigen.

Vorsichtshalber prüfte ich trotzdem noch in meinem Smartphone die lokale, nationale und internationale Nachrichtenlage ab. Man weiß ja nie, ums Verrecken nie. Aber ein „Schaun mer nimma mal“ war nirgendwo ein Aufmacher. Ja, äh, ich sag mal so, der Holzmichel Beckenbauer lebt dann wohl noch.

Und in vier Tagen, am 11. September (den berühmt berüchtigten), wird er seinen 72. Geburtstag feiern. Darum an dieser Stelle:

„Ja, äh, ich sag mal, ‚FIFAt, FIFAt‘, lieber Franzl“ , bevor es der Blatter oder ein Infantino vor mir macht, woll.

Die morgendlichen Straßen wirken inzwischen herbstlich als noch vor einer Woche. Vor acht Tagen reichte es noch zu wohligen Temperaturen um die 31 Grad Celsius. Und morgens war es noch über 20 Grad. Inzwischen bin ich bereits froh, wenn um die frühe Stunde bereits die Hälfte davon erreicht wird.

Dass der Sommer bereits Geschichte ist, lässt sich in München an den Kastanienbäumen ablesen. Ihr Blätter zeigen braune Ränder und die ersten reifen Fruchtkapseln öffnen sich. Bayerns wucherndes Pfund der Biergärten sind die Kastanienbäume in eben diesen Biergärten. Zu den Gründungszeiten muss wohl in Bayern eine Klosterverordnung existiert haben, welches übermäßigen Bierkonsum und Bierräusche nur in Biergärten unter Kastanienbäumen erlaubte. Das war kein nettes Gesetz, denn in den abgeholzten Tallandschaften Bayerns gab es keine Bäume, aber wohl eine gewisse Gier nach Bier. Denn seit dieser Verordnung ist Bayern voll von Kastanienbäumen. Vielleicht könnte das auch als Aufforstungsmaßnahme in anderen Ländern (u.a.a. Amazonas oder so) helfen.

Nun ja. Der Sommer ist passé und das Sitzen in Biergärten unter Kastanienbäumen eine Erinnerung. Im Herbst macht es weniger Spaß, dort zu sitzen. Es ist kühl, die Sonne ist nicht mehr so kräftig, das Grün der Blätter ist eher bräunlich und es ist irgendwie lästig, alle zehn Minuten eine Kastanie aus seinem Bier zu fischen.

Alle zehn Minuten.

Das ist natürlich übertrieben. Die Wahrscheinlichkeit, das eine Kastanie in ein Bierglas plumpst, ist sehr gering. Wenn dem der Fall so wäre, gäbe es auch signifikant mehr Menschen mit Kopfverletzungen in Biergärten. Nur mal so angenommen: selbst wenn so eine stachelige Kastanienfrucht Macht eines ihr irgendwie gearteten Willens vorhaben würde, also, ein Wollen haben würde, in ein gefülltes Bierglas zu landen, dann würde sie es dennoch nicht schaffen: es wäre doch immer über dem Glas ein Kopf, welcher bierdimpfelnd sich Gedanken darüber macht, wie sein Bier effektiv vor fallenden Kastanien zu schützen wäre.

Während laut Zeitungsverlag FAZ sich hinter deren Zeitung immer ein kluger Kopf befindet, ist es nun mal beim Bier der Kopf darüber. Und das ist auch nicht unklug. Denn zum Schutze des bayerischen Reinheitsgebotes des Bieres sollte eigentlich einem klugen Kopf kein Preis zu hoch sein. Andererseits, es hat nie jemals ein Rauschen in den Zeitungsblättern dieser Nation gegeben, weil massenhaft blutige Köpfe in den Notaufnahmen verbunden wurden, eben weil es in bayrischen Biergärten zu einer gefühlten Bombardierung der Biertrinker durch Kastanienbäume mit deren stachelige Früchte gekommen wäre.

Ein Zusammenstoß zwischen Kopf und Kastanie ist somit als recht unwahrscheinliches Ereignis einzuordnen. Zumindest kenne ich niemanden, der jemanden kennt, der von so einem Fall gehört hat und zu berichten weiß, dass jemanden Kopfes wegen Kastanienfrüchte genäht oder geklammert werden musste.

Sollte trotzdem wer vor so einer schmerzhaften Begegnung Angst haben, ein kleiner privater Tipp von mir: die Wahrscheinlichkeit, dass so ein Ereignis eintritt, kann verringert werden, indem man gleichzeitig hinter dem Bierglas noch eine FAZ studiert. Ich weiß, ich bin ein kluger Kopf. Findet ja auch die FAZ. Aber nur wenn ich deren Zeitung kaufe, um mich vor fallenden Kastanien beim Biertrinken zu schützen. Darüber hinaus haben die Blätter solch einer Zeitung noch einen weiteren Vorteil.

„Trinken Sie das Bier noch aus, oder soll ich es abräumen?“

„Ach, nein, danke, ich trinke es hier nicht mehr. Die Rechnung, bitte. Und, können Sie mir den Rest vom Fass dann zum Mitnehmen bitte in meiner Zeitung hier eindrehen?“

Sollte der Kellner ja sagen, dann würde ich allerdings auch in Erwägung ziehen, dass nach dem Überreichen der FAZ ein spontanes Kastanienbombardement des Baumes über mir einsetzen könnte.

Ja, äh, ich sag mal, das war jetzt Biergartenwahrscheinlichkeitsrechnung praktisch durchdacht.

Königsgambit


C: Ich krieg dich, du Arsch! Pass auf!

D: Nein, Sie kriegen mich nicht. Niemand kriegt mich.

C: Doch. Heute bist du dran. Damals hatten wir nur 3-86-Computer, aber heute haben wir die ganze Power der Zentrale zusammen geschlossen, um dich dingfest zu machen! Wir werden dir das Handwerk legen.

H: Chef, er ist im Zentrum aufgetaucht.

C: Wo ist er jetzt?

H: Chef, er bewegt sich auf Planquadrat D3 zu.

C: D3? Das ist nicht logisch. Was sucht er da? Das wird ihm nichts bringen.

H: Chef! Korrektur, Planquadrat E4! Übertragungsfehler! E4 ist korrekt!

C: E4, he? Jetzt fühlst du dich stark, nicht wahr? Willst mal wieder im Mittelpunkt aller stehen, nicht wahr?

D: Stört Sie das? Aber in der Mitte ist doch immer die meiste Luft. Nach allen Seiten hin.

C: Du fühlst dich wohl besonders schlau, nicht wahr. Aber mach dir keine Sorgen, bald haben wir dich und dann kenn ich kein Pardon!

D: Kein Pardon? Vorsicht, Sie engagieren sich zu sehr emotional. Das könnte auf Befangenheit hindeuten. Ihnen könnte die Objektivität abhanden kommen.

C: Red‘ kein Blech, Dunderhead! Du weißt, wie ich es sehe. Du gehörst wieder zurechtgestutzt auf das, was du vorher warst. Du kannst nicht immer gewinnen!

D: Nicht? Hören Sie mich lachen? Ich werde gewinnen und ich werde mir immer mehr holen.

C: Du hast also auch die junge Frau aus Belgien hinweg gefegt!

D: Ich weiß. Aber sie war noch so unschuldig. Einer musste es ihr doch mal beibringen zu erfahren, wo ihre wahre Stellung ist.

C: Und was war mit den beiden Jungen, die sich dir stellten?

D: Die beiden Buben? Ein Kinderspiel! Die vermisst keiner.

C: Halte dein Mundwerk im Zaum, Dunderhead!

D: Jihaaah! Sie legen mir kein Zaumzeug an. Sie nicht! Ich bin doch nicht ihr Gaul Niemandes Gaul!

C: Das werden wir sehen. Heute ist dein Ende gekommen. Ich mach dich fertig! Ich werde dir dein Handwerk legen. Du hinterlässt keine Spur der Zerstörung mehr!

H: Chef, unsere Computer melden wieder Bewegung.

C: Bewegung? Wohin?

H: Chef, Planquadrat …

C: Lass mich raten, er bewegt sich zielgerichtet in Richtung F2, nicht wahr?

H: Jawohl, Chef!

C: F2. Jetzt habe ich dich dort, wo ich dich hin haben wollte. Fast an dem Rand. Dunderhead, du begibst dich aus dem Zentrum raus? Hast wohl Schiss, gib es zu!

D: Schiss? Das ist das, was ich auf Ihre Planpapiere hinterlasse. Und zwar einen ganzen dicken, mein Bester. Meine Planpapiere sind besser, größer, weitreichender als ihre Mickrigen.

C: Ich bin nicht dein Bester, merk dir das.

D: Ach ja? Haben Sie etwa den Vorfall mit Ihrem Bruder vergessen?

C: Meinen Bruder? Was soll ich vergessen haben?

D: Als ich ihn niedergemäht hatte. Erbarmungslos. Ausradiert. Einfach so.

C: Mein Bruder wurde nie niedergemäht. Von niemanden! Hätte er sich nicht umgebracht, ich würde ihn als Zeuge dafür benennen!

D: Sich nicht selbst umgebracht? So, so. Ihre werte Meinung. Wenn Sie meinen. Sind eigentlich alle aus Ihrer Familie solche geistigen Flachpfeifen, die sich nicht zu verteidigen wissen?

C: Was hattest du mit meinem Bruder gemacht?

D: Das selbe wie mit Ihrem Vater vorher. Sie erinnern sich noch? Man fand ihn leblos über den Tisch gesunken. Mein Bester, Sie envolvieren sich zu sehr. Denken Sie an meinen Ratschlag. Lassen Sie es nicht persönlich werden. Sonst werden Sie wegen Befangenheit das Spiel verlassen.

C: Dunderhead, du denkst wohl, du bist ein Oberschlauer, nicht wahr. Mein Vater hatte einen unentdeckten Tumor, an dem er starb.
Ich werde jetzt Einheiten auf diesen Gauner vorrücken lassen! Es reicht.

H: Chef, er hat sich wieder bewegt.

C: Wohin?

H: Chef, Planquadrat H1.

C: H1? H1?! Wieso H1? Was sucht er in der Ecke? Das macht doch keinen Sinn! Was heckt der wieder aus? Der springt mir zu sehr.

H: Chef, das ist sein Naturell.

C: Willst du mich belehren? Das weiß ich selber!

H: Nein, Chef, nein, das wollte ich nicht, ich wollte …

C: Schnauze halten! Jetzt werden wir ihm eine verpassen, ihn matt setzen, den Kaffeehausspieler. Alles bereit und warte auf meine Anweisungen!

D: Wie war das nochmal mit dem Spanier? Sie erinnern sich an den Spanier?

C: Der Spanier? Der geschlossene Spanier?

D: Naja, so geschlossen war er nicht. Ich habe ihn aufgemacht, fein seziert und zerlegt. Und dann zurück gelegt. Er hat nie wieder sich gegen mich erhoben. Es sah so natürlich aus, als man ihn mit verdrehten Augen fand.

C: Du meinst wohl, wir spielen hier ein Gambit, Dunderhead? Du liebst es, Opfer vor dir liegen zu sehen?

D: Was denn sonst? Gambit ist die höchste Kunst der Künste. Königsgambit. Und Sie, mein Bester, sind ein König. Sie sind heute dran. Heute sind Sie mein Ziel, mein Opfer. Niemals werde ich ruhen, bis dann alle Könige vor mir zu Kreuze kriechen werden.

C: Du kommst dir wohl ganz groß und mächtig vor, Dunderhead, nicht wahr. Aber wir beide hier verfolgen dich, wir kennen jeder deiner Schritte und wir berechnen alle deine zukünftigen im Voraus. Wir kriegen dich, bevor du überhaupt in meine Nähe kommst. Überhaupt in mein Quartier eindringen kannst. Du Superhirn für Arme! Und dich werden wir …

D: Kennen Sie die Aljechin-Pulaski-Variante des Doppel-Turm-Gambits?

C: Aljechin war Großmeister des 20. Jahrhunderts. Und wer soll Pulaski sein?

D: Der Begründer der amerikanischen Kavallerie des 18. Jahrhunderts..

C: Aljechin und Pulaski haben nicht im Geringsten etwas miteinander zu tun!

D: Nichts? Sicher?

C: Und was soll ein Doppel-Turm-Gambit sein? Wieder so eine Erfindung von dir, Dunderhead?

D: Doppel-Turm-Gambit ist, wenn alle Türme gleichzeitig fallen. Kennen Sie das nicht? Und noch etwas: Sie sollten mich nicht immer „Dunderhead“ nennen. Sie wissen, das macht mich wütend. Und wenn ich wütend bin, dann bin ich gefährlich und unberechenbar.

C: Ach ja, Dunderhead? Was Sie nicht sagen, Dunderhead.

H: Chef. Er ist verschwunden, wir haben ihn verloren!

C: Was haben wir?

H: Chef, vorhin war er noch klar lokalisierbar in Planquadrat H1. Aber jetzt ist er weg.

C: Weg? Wie „weg“?

H: Chef, weg, einfach weg, fort, futschikato, verschwindikowski, Chef.

C: Ich verstehe nichts. Dunderhead! Dunderhead, Du lausiger Springer! Was hast du vor? Glaube ja nicht, wer du bist! Wir kriegen dich! Dunderhead, du mieser Schachbrettfigurenschubser!

D: Nun ich bin noch nicht fort. Sie kennen den Rösselsprung, mein Bester?

C: Rösselsprung?

D: Der Springer beherrscht ihn. Tja, und jetzt ist ihr lieber „Dunderhead“ einfach mal so vom Brett gesprungen, ihr geliebter Springer „Dunderhead“. Einfach so. Von H1 direkt neben das Brett neben der dritten Reihe. Und wissen Sie, was ihr geliebter „Dunderhead“ jetzt machen wird?

C: Dunderhead! Unterstehe dich! Lass das!

H: Mein Bester, jetzt beginnt das Königsgambit kombiniert mit dem Doppel-Turm-Gambit, das Tödlichste und Vernichtenste aller Schachgambits.

C: Dunderhead! Spiele fair! Ich gebe Dir auch ne Chance, ich nehme dort vorne auch meinen Bauern vor der Grundlinie weg. Einfach so. Ist das nicht ein faires Angebot? Dunderhead? Dunderhead!

H: Chef, das Brett kippt. Dunderhead kippt das Brett!

C: Was? Dunderhead! Dunderhead!

H: Chef, wir kippen! Die ersten Schachfiguren fallen bereits vom Brett!

C: Dunderhead, Du charakterloses Arschloch! Lass das! Spiele fair! Dunderhead, höre damit auf, Daaaan-daaaa-heeeeeeeeee ….

 


 

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Wie verschiedene Presseagenturen in etwa gleichlautend mitteilten, soll nach noch nicht bestätigten Berichten wieder ein Schachspieler beim internationalen Schachturnier gegen die künstliche Internetintelligenz „AlphaOmega“ verstorben sein. Diesmal handele es sich offenbar gar um den englischen Schachgroßmeister „Blacky Klein“. Berichten entsprechend wurde „Blacky Klein“ leblos vor seinem Schachrechner-Clusterverbund aus zwanzig Großrechnern von seinem Helfer und Adjutanten Emanuel Reksal aufgefunden worden sein. Tragisch daran ist besonders, dass „Blacky Klein“ wohl schon das dritte Mitglied einer Familie von mehreren Schachgroßmeistern ist, welches bei dem derzeit stattfinden, internationalen Schachturnier im Internet gegen „AlphaOmega“ gestorben ist. Schätzungen gehen davon aus, das in den letzten beiden Wochen bislang zu dreißig Todesfällen bei diesem Turnier gekommen sein könnte. Politiker vieler Nationen forderten bereits das Abschalten von „AlphaOmega“. Jedoch wird das von führenden Wirtschaftsexperten vehement abgelehnt. Ein Eliminieren von „AlphaOmega“ würde gleichzeitig bedeuten, dass das Internet komplett über Tage abgeschaltet und danach neu aufgebaut werden müsste. Dieses brächte der Weltwirtschaft unverantwortbare Auswirkungen und unabsehbare Negativkonsequenzen für den Wohlstand der führenden Industrienationen. Eine Expertenkomission aus bedeutenden Software-Programmierern soll nächste Woche in New York gegründet werden, die sich des Themas annehmen, um eine Lösung zu finden.

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Immer wieder Donnerstags das jährliche Gemeinschaftsevent


„Guten Tag, der Herr. Wie kann ich Ihnen behilflich sein?“

„Ich hätte gerne einen Tisch.“

„Einen Tisch. Davon haben wir viele. Haben Sie irgendwelche besonderen Vorstellungen?“

„Ja. Dreizehn Personen müssen dran Platz haben.“

„Dreizehn? Na, wenn das nicht mal Unglück bringt. Da hätten wir dort drüben unser Modell ‚Großfamilie‘ aus importiertem Eichenholz und spezial behandelter Oberfläche …“

„Nein, nein, der ist zu klein. Es müssen dreizehn Leute auf einer Seite passen.“

„Auf einer Seite? Lassen Sie mich mal überlegen.“

„Das war der Wunsch der Gruppe. Alle auf einer Seite und der, der in der Mitte sitzt, so, dass er im Lichte der Abendsonne beleuchtet sitzen kann. Soll übrigens ein Mann vom Fach sein. Der kennt sich angeblich aus. Sein Vater war auch Tischler. Also mir heute keinen Schrott andrehen, okay.“

„Was ist denn das für eine Gruppe, wenn ich mal fragen dürfte?“

„Keine Ahnung. Sie bringen noch vier Hobby-Autoren und einen Auftragsmaler mit.“

„Künstler?“

„Vielleicht.“

„Hoffentlich nichts, was nachher meinen Ruf als Tischler schädigt. Ich liefere nichts für Terroristen, Sex-Orgien oder Verschwörungstheoretiker. Ich muss auch an meinen Ruf denken.“

„Keine Sorge. Es ist sogar angeblich ein Banker dabei. Die Autoren sollen alles aufschreiben und der Maler bringt seine Staffelei mit, um die Szene auf Leinwand festzuhalten. Also wird es schon nichts weltbewegendes werden.“

„Banker? Sind das nicht Geldwäscher? Hm. Also, wir hätten dann noch das Modell ‚Abendmahl‘. Der letzte Tisch, den ich davon noch hier habe, handgetischlert aus Zedernholz. 1a Qualität. Edel und dem Zwecke angemessen. Ein sehr lang gestreckter Tisch, dafür aber schmal. Ich hoffe, es wird in der Gruppe nicht üppig geschlemmt? Ansonsten ist die Breite kritisch.“

„Nein, nein, die wollen angeblich nur Wasser und Brot haben. Der Maler an der Staffelei beherrscht die bildliche Darstellung komplexer Gerichte noch nicht so, soll aber unheimlich gut Portraits malen können. Einer aus Rom. Nennt sich Leonardo. Malt am liebsten lächelnde Menschen.“

„Nur Wasser wollen die? Ich hätte da noch paar guten Wein aus der Gegend nördlich von Rom im Lager. Ich könnte ….“

„Nein, nein. Nur Wasser und Brot war deren ausdrücklicher Wunsch. Haben Sie übrigens Wasser aus den Bergen vorrätig? Die Leute wollen das normale Wasser nicht. Die meinen, das wäre verschmutzt durch die vielen Abwässer und bestanden aus Bergwasser. Biologisch und vegan muss es sein.“

„Habe ich, habe ich. Erst gestern ist eine neue Ladung reingekommen. Geht immer weg wie warmes Fladenbrot.“

„Nun gut, dann nehme ich diesen Tisch hier, Ihren letzten ‚Abendmahl‘-Tisch, dazu achtzehn einfach Schemel und einen Behälter Bergwasser.“

„Gerne. Bis wann soll ich liefern?“

„Bis heute Abend um fünf vor Sonnenuntergang. Die wollen sich um sechse treffen und danach noch ein wenig in den Garten hier um der Ecke.“

„Bereiten die sich etwa auch auf das morgen stattfindende alljährlich Freitag-Nachmittag Casting auf dem Marktplatz vor? Es wird wieder spannend, welcher der Kandidaten ausscheidet und nach Hause gehen muss. Wenn der Pontius Pilatus dann wieder sein berühmte Verzögerungstaktik anwendet, dieses ‚und du mein lieber Gefangener, du bist es … du bist es …. heute leider nicht, du darfst in die letzte Runde zur Kreuzigung‚. Das ist jedes Jahr immer die gleiche Show. Barnabas ist wieder dieses Jahr dabei. Vielleicht schafft er es diesmal endlich mal in die letzte Runde. Verdient hätte er es.“

„Ich interessiere mich nicht für dieses ‚Jerusalem sucht den Superstar‚. Langweilt mich. Immer diese Theatralik. Ist doch alles gescriptet. Alles nur Show. Also, dann ist es abgemacht? Ich krieg den Tisch bis spätestens heute um fünfe, damit die Gruppe dort ihre Abendessen durchführen kann?“

„Geht in Ordnung.“

„Okay, dann bis später.“

„Bis später.“

Kneipengespräch: Krieger, denk mal …


C360_2013-12-12-17-12-54-529_DxO_thumb.jpg Die ganze Zeit saß er schweigsam neben mir und nur hin und wieder entfuhr ihm ein leichter Seufzer. Ansonsten sagte er nichts. Sein Business-Anzug war von edlem Stoffe. Dessen mattes Dunkelgrau strahlte eine Ruhe und Überlegenheit aus, die allerdings kaum zu den Gesten seines Trägers passten. Immer wieder hob er seine Kölsch-Stange auf Mund-Höhe, setzte sie aber unentschlossen ab, spielte darauf mit seinen Fingern an dem Sockel des Glases und trommelten dort einen unhörbaren Rhythmus drauf. Das machte er drei oder viermal, bis es mich störte und ich mich ihm zuwandte.

„Sie müssen das Kölsch schon trinken. Lediglich es in Gedanken zu tun, hilft nichts, denn dann wird’s schal. Prost.“

Ich hielt ihm mein Kölsch zum Anstoßen hin. Aber er sah mich nur an. Wenn Augen der Spiegel zur Seele sind, dann sah ich tief in einem leeren Abgrund. Mit seiner linken ruckelte er kurz seine fliederfarbenen Krawatte in Position, strich vorsichtig über sein weißes Hemd und ergriff sein Kölsch.

„Wissen Sie, da sagen Sie etwas bedeutendes.“

„Prost?“

„Nein, Gedanken.“

„Sie machen sich Gedanken? Ich mach mir lieber einen schönen Abend.“

„Sie denken nicht, okay, sie geben mir aber zu denken. Wissen Sie, was Nekrophilie ist?“

„Ich denke Gedanken, also bin ich. Und Menschen mit nekrophiler Veranlagung fühlen sich von toten Gegenständen angezogen, weil sie Angst vor dem Lebendigen haben.“

„Richtig, mein Bester“, er hob sein Glas und stieß mit mir an, „auf deutsch, solchen Menschen ist ein Blechschaden an der eigenen Karre mehr Aufregung wert als die weltweit an Hunger sterbenden Kinder. Das Blech ist heilig. Und ein Galgen ist solchen Menschen beachtenswerter als jener Mensch, der drunter steht.“

Ich nahm einen Schluck aus meinem Glas und versuchte abzuwiegeln, um das Gespräch in seichtere Gewässer zu führen: „Sind wir nicht alle ein klein bisschen nekrophil?“

„Für jene ist das größte Aphrodisiakum all jenes, was den Geruch von Tod an sich hat: Uniformen, Raketen, Drohnen. Nicht, weil dies lediglich Totes sind, sondern weil sie den Geschmack des Todes bringen. Und der Tod ist das größte Aphrodisiakum der Menschen.“

„Ich habe aufgehört mir Gedanken darüber zu machen, denn es führt in die Gedankenlosigkeit. Können wir das Thema wechseln?“

„Wissen Sie, Gedanken sind so eine Sache. Wer macht sich denn eigentlich Gedanken. Nur wir Menschen. Evolutionstechnisch hat es uns an die Spitze der Nahrungskette dieser Welt gebracht, aber auch Mord und Totschlag haben sie erschaffen.“

„Und die Religionen. Unterschätze nie die Macht dummer Leute, die einer Meinung sind. Tucholsky.“

Er schien, über meine Bemerkung hinweggehört zu haben, und schaute grübelnd auf sein Glas: „Vielleicht ist die Fähigkeit, Gedanken zu entwickeln und zu haben, einfach nur eine eigentümlich Fehlentwicklung der Natur. Spätestens bei der Frage, wer hat das System erschaffen. Selbst auf eine stundenlange Antwort kann locker die postwendende Frage ‚Und wer oder was war der Schöpfer davon?‘ retourniert werden und zeigt, dass dieses sinnlose Spiel unendlich getrieben werden kann, um Menschen in die Anzweiflung dem Sinn ihrer Existenz zu treiben.“

„Der Gedanke als Virus? Ein Gedanke ist wie ein Virus, resistent, hochansteckend und die kleinste Saat eines Gedanken kann wachsen. Er kann Dich aufbauen oder zerstören. Aus dem Film Inception.“

Dummköpfe zu ertragen, ist sicherlich der Gipfel der Toleranz. Voltaire.“

Jedes Monster hat als Mensch begonnen. Ablee.“

Viele Menschen würden eher sterben als denken. Russel.“

Wir schwiegen. Uns fielen keine Zitate mehr zum Auftrumpfen ein.

Er trommelte wieder auf den Sockel seines Glases und schaute mich an: „Wissen Sie, als der Computer DeepBlue 1996 im Schach den Schachweltmeister Garri Kasparov besiegte, waren wir erstaunt. Aber Schach erschien uns berechenbar, weil endlich. Im Februar 2010 schlug der IBM-Computer Watson im Jeopardy die damaligen Rekordhalter dieses Spiel, Jennings und Rutter, sehr deutlich. Die künstliche Intelligenz Watson verstand bereits menschliche Wortspiele und auch Hintersinne. Inzwischen erschuf Watson auch noch einen Film-Trailer, der letztes Jahr ins Kino kam. Die von der Firma Google geschaffene künstliche Intelligenz AlphaGo hat das äußerst komplexe Brettspiel GO durch einfaches Zuschauen erlernt. Vor einem Monat, am 3. März, hat AlphaGo dann den südkoreanischen Go-Weltmeister Lee Sedol mit 5:0 deklassiert. Computer und deren Software lernt das Denken und wir stehen dabei und wundern uns.“

„Na gut, durch künstliche Intelligenz wäre es keinem Piloten mehr möglich eine Passagiermaschine in einen Berg zu steuern oder mit zu knappen Treibstoffvorrat ein weit entferntes Ziel anfliegen. Eine KI würde dem Piloten die Gewalt entziehen und die Maschine darüber hinweg fliegen oder den nächsten Landeplatz ansteuern. All die Kinder aus Haltern und auch die brasilianische Fußballmannschaft würde dann noch leben.“

„Nur was machen wir, wenn die KI das Lebenswichtigste erkennt, was unser Leben steuert? Zum Beispiel in einem Tesla-Fahrzeug“

„Wenn in nicht ferner Zukunft erneut ein Tesla-Fahrzeug bei hohem Tempo einen kreuzenden LKW in seiner Fahrbahn entdeckt, dann wird der analysieren, ob er eher rechts in die Gruppe der Rentner oder links in die Kindergruppe am Straßenrand steuert oder ob der Fahrer doch noch sterben muss, weil alle anderen wertvoller sind. Er wird analysieren, was das geringere Übel sein könnte.“

„Falsch. Er wird reagieren wie wir Menschen. Er wird das Prinzip des Überlebens um jeden Preis wählen. Kein Mensch wird sich überlegen, wer wo am Straßenrand steht, sondern nur, wie er am besten der lebensgefährlichen Situation entkommt. Der Tesla wird sich dieses vom Menschen abschauen und berechnen, mit welcher Kollision er den geringsten Schaden an sich erzeugt. Er wird erlernt haben, was es heißt zu überleben und dass der Mensch in lebensgefährlichen Situationen drei Grundregeln kennt: fliehen, tot stellen oder kämpfen. Der Mensch wird für den Tesla dann zweitrangig.“

„Wir sollten dagegen kämpfen.“

„Ah ja. Krieger, denk mal.“

„Denken. Ich denke, also werde ich sein,“ sinnierte ich vor mich hin.

Wie kann es sein, dass ich, der ich bin, bevor ich wurde, nicht war, und dass einmal ich, der ich bin, nicht mehr ‚Der-ich-bin‘ sein werde? Vom Engel Damiel aus Der Himmel über Berlin.“

Aber du bist ja nicht da. Ich bin da. Es wäre schön, wenn du da wärst … du könntest mit mir reden. Peter Falk“, seufzte ich meine Erwiderung und schaute beim Aufblicken den Wirt an. In dessen Augen erkannte ich den mir altbekannten Vorwurf der letzten Zeit. Ich blockierte ihm wohl seinen Feierabend.

„Na? Wieder wach? In letzter Zeit säufst du mir zu viel. Ist zwar gutes Geschäft für mich, aber du ruinierst dich noch. Denk mal drüber nach. Ich mach jetzt zu. Feierabend. Du darfst zahlen und gehen. Compañeiro.“

Ich stand auf, legte ihm ein paar Scheinchen auf den Tresen und wankte auf die mir ausweichende Tür zu …

Dem Volk aufs Maul geschaut


„Einen Quarkkuchen, bitte.“

Die Konditorei hier im ehemaligen Scherbenviertel glänzt durch ihre Backwaren, aber ihre Konditorenkunst ist legendär. Hinter der Kasse befindet sich eine Konditoren-Meister-Urkunde. Und das nicht zu unrecht. Deshalb war (und ist) es schwierig, einen Platz in diesem Café zu ergattern. Und wenn es mal geklappt hatte, war es eigentlich auch egal, wo der Platz war und ob man alleine einen der Rundtische für sich hatte.

„Sie wünschen?“

„Einen Quarkkuchen, bitte.“

„Wir haben keinen Quarkkuchen.“

„Doch. Haben Sie. Ich hätte gerne ein Stück Quarkkuchen zum Mitnehmen.“

Es war Samstag Nachmittag, die Sonne strahlte und für einen der ersten Märztage mit 18 Grad  die richtige Entscheidung. Ich saß an solch einem Rundtisch und teilte ihn mit jemandem, der mir noch komplett unbekannt war. Wir beide hatten aber bereits eine Gemeinsamkeit entdeckt: unsere Bestellung.

„Wir haben keinen Quarkkuchen, hatte ich bereits Ihnen erklärt.“

„Doch! Haben Sie.“

Die Bedienung an der Kuchentheke war sichtlich ein wenig enerviert, beherrschte sich aber und deutete einfach mal in die Auslage.

„Sie meinen die dort?“

„Nein. Das sind Pfannkuchen.“

„Wie bitte? Was sollen die sein? Pfannkuchen?“

„Jawohl. Das sind Pfannkuchen.“

„Das sind Krapfen!“

„Pfannkuchen!“

„Vielleicht kennen Sie die als Berliner.“

„Das sind Pfannkuchen.“

Hinter ihr näherte sich die zweite Bedienung und fragte leicht vorsichtig: „Quarkkuchen?“

„Ja. Kuchen, der aus Quark gemacht wird!“

Die zweite Bedienung holte kurzerhand ihr Smartphone hervor und tippte etwas hinein.

Derweil die erste Bedienung auf ein anderes Kuchenstück deutete: „Das vielleicht?“

„Sie sind wohl nicht vom Fach, oder? Ich will Quarkkuchen! Ein Stück Quarkkuchen. Ist das hier so unverständlich, oder was?“

Die zweite Bedienung war wohl inzwischen bei ihrer offensichtlichen Suchmaschinenanfrage erfolgreich und zischte hörbar: „Er meint Käsekuchen.“

Käsekuchen?“, fragte die erste Bedienung überrascht zurück.

„Meinetwegen nennt ihr es hier vorsätzlich falscherweise Käsekuchen. Es ist aber Quarkkuchen. Oder wird euer Käsekuchen in Bayern etwa nicht aus Quark sondern aus Käse gemacht? So wie euer Leberkäse?“

„Nein, wir machen ihn in unserer Konditorei aus Original Topfen“, erwiderte sie kurz angebunden und zischte genervt zu ihrer Kollegin: „Jetzt gib dem einfach seinen depperten Käsekuchen.“ Ein heller Glockenklang ertönte und erlöste sie aus dieser skurrilen Situation. Sie ging nach hinten.

Inzwischen schaufelte die erste den Quarkkuchen mit einem Tortenheber auf ein Pappdeckel, packte ihn ein und reichte ihm den Mann rüber. Der hielt ihr einen 5-Euro-Schein entgegen und bemerkte nur:

„Ist schon eine ärmliche Zeit, wenn Leute in Deutschland für deutsche Worte erstmal ein Smartphone bemühen müssen, nicht wahr.“

Die erste Bedienung gab wortlos das Wechselgeld raus und wandte sich dem nächsten Kunden zu. Doch der erste Kunde war noch nicht fertig:

„Ihre ignorante Unfreundlichkeit ist ja der Wahnsinn. Und ich dachte, dass hier wäre die beste Konditorei in dieser Gegend. Ist wohl eher eine Fleischerei, was Eure Sprachkultur hier angeht, nicht wahr. Kein Wunder, dass ihr Smartphone besitzen müsst, sonst wärt ihr sprachlos. Generation Smartphone.“

Die zweite Bedienung taucht mit zwei Tellern an unserem Rundtisch auf und stellte sie vor uns hin: „Jeweils einmal die Spezialität unseres Hauses: Palatschinken mit Vanille-Zimt-Sauce an Kumquat-Sorbet. Kaffee kommt sofort.“

Der erste Kunde hatte gesehen, wie wir unsere Palatschinken erhielten und bemerkte nur noch: „Ich sag doch: Fleischerei. Von wegen Konditorei“, drehte sich um und verließ das Café.

Die Bedienung an unserem Tisch stockte in ihrer Bewegung und schaute uns mit vielsagenden Blicken an, rollte zugleich genervt mit den Augen und bemerkte sehr leise:

„Wissen Sie, was bei der WM 1986 in Deutschland auf meinem Lieblings-T-Shirt stand? Bring mich zum Rasen. Bei solchen gnadenlosen Besserwissern würde ich es am liebsten wieder hervor holen.“

Sprach es und ging zur Kaffeemaschine.

Ach ja. Was ich leider nicht schreiben kann: die Bedienung sprach bayrisch, der Kunde sächsisch. Aber das wird den meisten Lesern hier wohl eh keine Hilfe bei der Erklärung sein, schätze ich …

Rosenmontag war gestern, heute ist Nelkendienstag!


Rosenmontag ist passé und der Südosten Deutschlands bereitet sich schon auf den politischen Aschermittwoch vor, um darauf natlos sich in der Starkbierzeit dem Vergessen des vorherigen Faschingstreibens hingeben zu können.

In der Zwischenzeit wurden kleine güldene Statuen an Personen für deren filmische Machenschaften von einem amerikanischen Elferrat mit Code-Namen „Filmender Frohsinn“ aus Los Angeles überreicht. Und während der Verleihung schauten unterdessen alle auf Twitter nach, was denn der @realDonaldTrump zu jener Oskarverleihung so zu sagen hätte. Aber es kam nichts von ihm. Hatte er etwa seinen Fernseher nicht an? Oder war er überhaupt im Weißen Haus oder seinem Trump Tower? Spekulationen um seinen Gesundheitszustand schossen ins Kraut.

Die der Fake News völlig unverdächtige Klatschpresse um Fox News und so hatte gleich heraus gefunden, was wirklich geschehen war:

Donald Trump versuchte sich in Begleitung eines Secret Service Agenten im Kölner Karneval beim Rosenmontagszug zu amüsieren. Unter den vielen anderen Menschen mit Trump-Masken fiel er, der @realDonaldTrump, ja eh nicht weiter auf. Jedoch – so soll Fox News berichtet haben – als @realDonaldTrump das zwölfte Küppers-Kölsch ge-ex-t haben sollte, brach er wohl zusammen. Er schien nicht mehr zu atmen, seine Augen waren verdreht, Schaum quoll ihm aus dem Mund und sein Smartphone wies kaum noch Akkuladung auf. Der Secret Service Agent griff zu seinem eigenem Smartphone und wählt die Nummer der Amerikanischen Botschaft in Berlin. „Ich glaube, der Präsident ist tot“, schrie er panisch in sein Handy, „was soll ich machen?“ In der Amerikanischen Botschaft versuchte man wohl zuerst, den Mann zu beruhigen: „Regen Sie sich nicht auf, wir werden Ihnen helfen. Stellen sie erst mal sicher, dass er wirklich tot ist.“ Am anderen Ende der Leitung herrschte einen Augenblick Stille. Dann fiel ein Schuss. „Erledigt“, sagte der Agent, „was jetzt?“

Der Agent hatte wohl nicht sorgfältig genug gezielt, wusste Breitbart News Network gleich aus gut unterrichteten Kreisen danach zu berichten. Der Präsident wurde per Luftfracht direkt in die Berliner Charité verfrachtet und dort notoperiert. So lag der @realDonaldTrump erschöpft, aber glücklich, weil lebend, in seinem Bett, als sein Vize Mike Pence auftauchte, um ihn zu besuchen. Mike Pence sah den Präsidenten vor sich liegend, verbunden an eine Unzahl von Schläuchen, die an der Decke und über den Boden liefen. Plötzlich fing der Präsident an zu keuchen. Da er nicht sprechen konnte, bat er Pence in Zeichensprache um einen Stift. Der @realDonaldTrump kritzelt auf einen Zettel einen Satz und fiel anschließend in ein tiefes Koma. Mike Pence sah den Zettel und reagierte sofort: „Das geht mich nichts an, weil nicht getwittert“ und brachte den Zettel umgehend der Frau des Präsidenten. Die studierte den Zettel und fiel in Ohnmacht. Daraufhin nahm Mike Pence den Zettel an sich und las: „Du Idiot, geh von meinem Schlauch runter!“

Berühmt berüchtigte Fake News-Vertreter aus den USA, also die New York Times, CNN und Buzzfeed, meinten dagegen berichten zu wollen, dass es sich bei der ganzen angeblichen Geschichte lediglich um mutmaßliche „Fake News“ handeln würde.

Gesichert ist jedoch laut diverser Teilnehmer der wöchentlichen Narrenveranstaltung in Sachsen, der PEGIDA-Dresden, dass von den berühmt berüchtigten Fake News-Vertretern aus Deutschland (wie SZ, FAZ, Zeit, Stern, Spiegel, taz und Bild) verschwiegen wird, dass an einem Reststück der Berliner Mauer am Berliner Wannsee offensichtlich eine Kinderhand in roter Farbe ein „Gott erhalte Donald Trump“ hinschmierte. Und in kleinen blauen Kleinbuchstaben drunter ein „möglichst bald“ kritzelte. Die Polizei wollte das bislang weder bestätigen noch dementieren, da ihr am Wannsee bislang keine Berliner Mauer bekannt sei. Sie vermutet berechtigterweise nicht „Fake News“, aber eine Ente verkleidet als ultrawichtige Nachricht vom Berliner Wannsee.

Und an dieser Stelle fragt sich der geneigte Karnevalsabstinenzler:

Ist das Humor?

Oder kann das weg?

Über das Lachen: Was lachst du? Rosenmontag?


Lachen ist gesund. Gesund Lachen. Lachen. Gesund.

Lachen ohne Humor ist genauso existent wie Humor ohne Lachen. Humor hat mit Lachen nur indirekte Verbindungen. Genauso wie umgekehrt. Die Beweisführung liegt jedes Jahr in den Händen des Aachener Karnevalsvereins mit seinem Orden „Wieder den tiereischen Ernst“. Laachen verboten. Oder in Mainz. Wenn der Karneval beim Sinken lacht. Oder wenn in München die Feierbiester am Faschingsdienstag punkt Mitternacht den Kehraus in Sachen Lachen erleben. Beim Zahlen der eigenen Zeche. Wenn nur noch das Bargeld lacht und am nächsten Tag im Fischbrunnen am Marienplatz der leere Geldbeutel geschwenkt wird. Quod erat demonstrandum.

Lachen kann tödlich sein. Absolut. Wer zuletzt lacht, lacht am besten. Die letzten werden die ersten sein. Wenn dem Menschen dabei das Lachen nicht im Halse stecken bleibt, beim Heraushauen von Plattitüden über das Lachen. Lachen kann tödlich enden. Wie das Leben generell.

Erstrebenswert?

Vor 55 Jahren kam es in einem Landstrich am Viktoriasee im heutigen Tanzania zu einer Lach-Epedemie. In einer Mädchenschule für Zwölf- bis Achtzehnjährige setzte sie ein und führte zu Schulschließungen. Unbeweglichkeit und Inkontinenz bis hin zur Unfähigkeit zum Sprechen und Essen waren die Auswirkungen. Symptome wie Schwindel, Atemnot und Ohnmacht wurden immer zuerst bei heranwachsenden Frauen in christlichen Schulen dokumentiert. Von diesen christlich unterrichteten Frauen sprang der Funke auf Mütter und weibliche Bekannte über. Je intensiver die weiblichen Verbindungen, desto höher die Ansteckungsgefahr. Männer, Väter und andere Lebensabschnittsgefährten waren nie betroffen.

Lachen ist für Frauen lebensbedrohend?

Vor 60 Jahren, 1957, wurde der „lachende Tod“ bereits wissenschaftlich dokumentiert. Aber Beachtung erhielt dieser „lachende Tod“ erst bei der Diskussion um degenerative Hirnerkrankungen wie Alzheimer- und Parkinson-Krankheit Aufmerksamkeit. Der „lachende Tod“ ist eine Prionenkrankheit und wird als „Kuru“ bezeichnet. Festgestellt wurde sie auf Papua-Neuguinea und bei Sansibar. Zurück geführt wurde die Krankheit bei den Menschen von Papua-Neuguinea auf das Verspeisen von toten Stammesangehörigen (Endokanibalismus). Ein Symptom der Krankheit war das unnatürliche Lachen, die Lachkrankheit. Wissenschaftlicherseits wurde festgestellt, dass Männer von dieser Lachkrankheit weniger betroffen waren. Frauen davon um so mehr.

Lachen und Frauen. Eine ungute Verbindung?

Absolut. Bereits Homer hatte vor 2800 Jahren drei nicht enden wollende Gelächter der Götter aufgeschrieben. Jenes unlöschbare Gelächter der Götter, asbestos gelos, benannt nach dem Lachgott Gelos. Bei der ersten Gelegenheit ging es um eine nicht akzeptable sexuelle Affäre der Aphrodite, dann um einen Konflikt der Hera mit ihrem Mann, dem Zeus, und zu guter Letzt ein Gelächter der Freier, ausgelöst von der Athene im Hause Odysseus. Dreimal Frauen, dreimal göttliches Gelächter über jene.

Wesentlich geschlechterneutraler ging es vierhundert Jahre später zu: Plato nahm sich des Lachens an und identifizierte es als staatszersetzend und subversiv. Schadensfreude ist nach Plato Böswilligkeit, welche anderen Schmerz zufügt. Weitere hundert Jahre danach befindet Aristoteles, dass der Witz eine Form der gebildeten Frechheit bis gar Unverschämtheit sei. Lachen allerdings empfindet er als wünschenswert, wobei er ein zu viel des Guten als vulgär und possenreisserisch verurteilt. Lachen als rhetorisches Mittel allerdings befürwortet er zum Zwecke der Überzeugung, der Missbilligung und der Kontrolle.

Vor über 370 Jahren erklärte der Philosoph Decartes, dass das Lachen eine physische Fehlfunktion darstelle. Selbst Hobbes erklärt, dass Lachen einer der schlimmsten Eigenschaften des Menschen zur Steigerung des Selbstgefühls wäre. Lachen ist für ihn ein Zeichen von Hass und Verachtung gegenüber den anderen, den Gegnern.

Das 18. Jahrhundert brachte Philosophen hervor, die das Lachen unterschiedlich beurteilten. Kant sah eine Erklärung zum Lachen in psychosomatische Effekte, nach der Körper und Verstand mittels dem Gefühl in Balance gebracht werden. Hegel  erkannte in dem Lachen eine entäußerte Inkarnation des Inneren. Schopenhauer vertrat die Ansicht der Inkongruenz: Wahrnehmungen einer Sache, Person oder Aktion und deren abstrakten Darstellung wiesen Abgründe auf, die mit dem Lachen überbrückt wurden. Bergson betrachtete das Lachen als ein soziales Regulativ, in welchem die Mitglieder einer Gruppe durch Demütigung zur Einhaltung von Normen gebracht werden.

Andere Philosophen hatten noch weiter gehende Ansichten, aber immer war eines zu erfassen: das Lachen wurde im Zusammenhang mit dem Komischen besonders im Mittelalter als negativ bewertet, weil es dazu diente, Überlegenheit zu zeigen und gesellschaftlich erwünschte Normen zu stabilisieren. Lachen war immer das Störende gegenüber der Vernunft.

Umberto Eco beschrieb dieses in seinem Buch „Der Namen der Rose“. Dort ging es um ein Buch von Aristoteles, in welchem Aristoteles sich mit dem Lachen als Befreiung von Zwängen auseinandersetzte. Lachen als eine Kunst, als eine Philosophie. Im Roman fiel das Buch den Flammen eines gestrengen Klosters zum Opfer.

Nur, wo blieben die Frauen in der Geschichte des Lachens? Sie verbleiben bei der Thales-Anekdote von Plato: ein Denker und Sternendeuter schaut nur nach oben zum Himmel und fällt dabei in ein Loch. Eine Magd, als hübsch und witzig beschrieben, spottet darüber, dass der Denker immer nur nach oben schaute, für das wesentliche zu seinen Füßen aber keinen Blick übrig hatte. Die Magd spielte danach keine weitere Bedeutung mehr bei Plato. Ihr Lachen verhallte ohne großes weiteres Echo bei Platos Betrachtungen.

Frauen und Lachen. Frauen lächeln und lachen zur Konfliktregelung und zur Konfliktvermeidung. Sicherlich dient Lachen zur Stressreduzierung und hat auch einen Anteil an der Prävention von Krankheiten. Frauen lachen situativ und selbstbezogen mit einem Bestreben zum ausgleichenden Humor. Dabei werden Humor und Lachen oft gleichwertig benutzt. Das Lachen selber wird weitgehend als reflexartige und willkürliche Körperreaktion auf empfundene Emotionen definiert. Dabei leitet sich das Wort „Humor“ sprachlich von Körpersäften ( lateinisch von „humores“) ab,  nämlich Schleim, Blut, schwarze und gelbe Galle. Die Auffassung  der Säfte im ausgeglichenen Verhältnis („guter Sinn  für Humor“) im Hinblick auf mögliche Unausgeglichenheit („humorlose Person“) hat sich heutzutage gewandelt. Humor wird als die geistige Fähigkeit der Grenzüberschreitung angesehen, die sich in Lächeln oder Lachen ausdrücken kann. Gelacht wird allerdings auch über das, was eigentlich Angst macht. Somit wird ein inneres Gleichgewicht geschaffen, was verhindert, dass Aggressionen offen ausbrechen können. Lachen als Überdruckventil der eigenen Emotionen.

Von den Weltreligionen Buddhismus, Judentum, Christentum und Islam sticht das Christentum als die heraus, die sich vom Lachen am weitesten befreit und distanziert hat. Buddha war ein Meister des Lachens. Mohamed hat nachgewiesenermaßen gelacht. Im Alten Testament lachte Gott ein paar Mal lediglich im Buch Genesis, allerdings nicht mit den Menschen sondern über diese. Nur der Jesus des Neuen Testaments wandelt ohne Lachen durch seine Geschichte von Geburt über Kreuzigung bis zu hin zu seiner Auferstehung. Kein Lachen. Kein Lächeln. Nichts. Im Christentum wurde das Lachen eine Eigenschaft des Teufels, weil Lachen die Seele zerstört. Der Ernst war heilig und des Himmels. Lachen symbolisiert dagegen niedrige Weltlichkeit und Sünde. Nur ganz ohne Lachen lebt der Mensch nicht. Weswegen es in gelenkte Bahnen gebracht werden sollte. Bestimmte Zeiträume wurden dem Lachen zur Kanalisierung zugestanden. Der Karneval als Zeitraum des instituierten Lachens. Der Straßenkarneval als Zugeständnis der Belustigung des niederen Menschen und seiner Sündhaftigkeit. Seit den ersten Kapitel der Bibel ist die Ursprung der Sünde bei Menschen schon immer die Frau. Die immer lacht.

Und am Aschermittwoch ist dann alles vorbei, so erklärt der Mann dem „Immer wieder lockt das“-Weib, dass es am Mittwoch Schluss mit Lustig zu sein hat. Die Frau als das verführende Subjekt, jene Unersättliche, die immer das Böse im Manne hervorlockt, der sie darauf mit ewiger Potenz zu bedienen hat. Lachen war das Zeichen der unersättlichen sexuellen Begierde der Frau, das Zeichen der sich unkontrolliert öffnenden und zuschnappenden Vulva der Frau. Und die hatte der Mann unter Kontrolle zu halten. Kastrationsängste.

Lachen? Pygmäen liegen vor Lachen hemmungslos auf dem Boden, während bei den Dobuans in Neuguinea das Lachen als negativ angesehen wird. Für Thais gilt lautes Lachen als vulgär, was in mediterranen Ländern Europas mit erheblichen Unverständnis quittiert wird. Nur noch Kinder und die ärmeren Klassen Mitteleuropas lachen ausgelassen mit dem ganzen Körper. Darum wird Comedy oftmals mit dem angeblichen Humor von Hartz-4-Empfängern gleich gesetzt. Comedy als soziales Zugeständnis an das Lachbedürfnis der Armen. Im Gegensatz dazu wurde Kabarett immer als Spielwiese für Akademiker und anderen Intellektuelle deklariert. Wohlgemerkt, deklariert von vielen Akademikern und Pseudo-Intellektuellen, aber nicht von den Kabarettisten an sich. Wer etwas auf sich hält und nicht mit den Unterschichten einer Gesellschaft in Verbindung gebracht werden möchte, der hält sich von der Comedy und dessen Humor fern. Der spuckt ostentativ auf deren Humor oder was man selber dafür hält, weil man sich selber als etwas besseres beurteilt. Es gibt eine klare Trennung von lustig und nicht lustig, angemessenes und nicht angemessenes Lachen. Das gilt auch für Satire. Und wer diese Trennung nicht akzeptiert, der wird notfalls vors Gericht gebracht. Was gerichtsmäßig verwertbar ist, bleibt unterschiedlich.

Frauen lachen doppelt so häufig wie Männer, Kinder bis zu zehnmal häufiger als Erwachsene. Lautes Lachen bei Frauen gilt jedoch als unschicklich. In deren Pubertät wird es aber gerade noch geduldet. Lautes Lachen hatte schon immer etwas von Rebellion gegen soziale Normen und ist deshalb unerwünscht. Bis in den sechziger Jahren galt lautes Lachen von Frauen in Deutschland noch als Indiz für Wahnsinn oder als eindeutige sexuelle Erklärung. Die weibliche Rolle sieht Bescheidenheit und Passivität vor. Lachen in Anwesenheit von Männern wird auch noch heute als sozial-inkompatibel angesehen. Und je höher der gesellschaftliche Rang der Frau desto weniger wird gelacht. Darum ist die Queen auch nur noch maximal „amused“, aber öffentlich laut gelacht hat sie noch nie.

Bis Aschermittwoch werden im Fernsehen die Aufzeichnungen des diesjährigen Sitzungskarnevals heraus gehauen. Jede freie Minute wird dazu verwendet und kann als Beleg dafür gewertet werden, dass das Lachen in dieser Zeit als männliche Domäne gilt. Frauen haben dort wenig zu suchen. Selbst die Kölner Stunksitzung – ein Überbleibsel eines Karnelvalsansatzes der 80er Jahre, welcher sich als „alternativ“ zum „konventionellen Karneval“ definierte – kommt aus diesem Dilemma nicht raus, selbst wenn dort der Frauenanteil der aktiven Bühnenteilnehmer erheblich über dem der konventionellen Karnelvalssitzungen liegt. Auch dort tankt sich immer wieder das Bild der Frau als „Immer wieder lockt das“-Weib durch. Ein Bild, welches am Aschermittwoch „Schluss mit Lustig“ nach sich zieht.

Beruhigend ist, dass der Karneval  bald vorbei ist und dass dann Frauen auch weiterhin bei beim Lachen der Massen mitwirken werden. Auch wenn es bei einigen Frauen der Humorszenen zu Schmerzen beim Zuhören führt. Aber solange bestimmte männliche Comedians und Pseudo-Kabarettisten versuchen, das Volk zu bespassen, dürfen Frauen ruhig mitmachen. Mit dem Aschermittwoch endet längst noch nicht alles lachhaftes, was so einem zum Schlucken genötigt wird … aber das ist eine andere Geschichte über Kröten, die einem im Halse stecken bleiben …