Allein saß er vor seinem Kölsch, schnippte mit der rechten Hand Zeige- und Mittelfinger zu dem Rhythmus einer Musik, die allein er in seinen weißen Ohrstöpseln zulauschte.
»Oh, die See! Oh, die See! Weider Wahnsinn! Dann Stoiber geht.«
Ich tippte ihm auf die Schulter: »Was hörste gerade?«
Er drehte sich um, zog sich die Ohrstöpsel aus und schaute mich fragend an: »‘Oh, die See’ von Udo Lindenberg.«
»Du meinst wohl eher ‚Odyssee‘.«
»Sage ich ja: ‚Oh, die See.‘«
»Du musst das anders aussprechen: ‚O-dühs-se’.«
»Ach so? Der neue Film ‚Die O-dühs-se‘ ist also die Verfilmung des Liedes?«
»Nein, der ist von Christopher Nolan.«
»Also nicht nach Udo Lindenberg?«
»Nein, viel eher nach Homer.«
»Echt?«
»Echt.«
Er drehte sich wieder um und zog sich die Ohrstöpsel wieder an.
»Das ist, oh, die See! Das ist, oh, die See!«
Der Wirt legte eine neue Musik auf, irgendetwas von Snap! und einer Agate Bauer …
Argwöhnisch schielt er auf das frische Kölsch des Neuen und redete den Neuen an:
»Sagen Sie mal … dat haben Sie aber geschickt eingefädelt.«
»Hm? Wie meinen Sie?«
»Na, sich hier als Statistiker auszugeben, nur damit der Wirt Ihnen überhaupt noch ’en Kölsch zapft. Der lässt sonst keine Fremden an ‚meinen‘ Platz hier.«
»Aber guter Mann, ich bin Statistiker.«
»Jaja. Und ich bin der Papst un ming Frau is dat Marieche der Funken. Statistiker trinken kein Kölsch. Statistiker trinken Mineralwasser und zählen die Blubberblasen. Und wenn einer kein Kölsch trinkt, is er statistisch gesehen ein …? Na?«
Der Neue rückt seine Brille zurecht: »Schaun Sie mal. Lassen wir die Deduktion. Was isst man zum Kölsch?«
»Nen Halve Hahn. Oder Mettbrötchen.«
»Falsch. Global gesehen: Wurst. Bratwurst. Currywurst. Fettiges Protein. Und wo isst man die? Im Stehen. An der Bude. Jetzt raten Sie mal, wo in Deutschland die höchste Imbissbudendichte herrscht?«
»In Bayern natürlich. Wo der Uli Hoeneß seine Würstchenfabrik hat und der Söder den ganzen Tag Weißwurst zuzzelt. Dat is doch dat Epizentrum des Cholesterins.«
»Ein populärer Irrtum! Weit gefehlt. Dortmund!«
»Dortmund?«
»19,5 Buden auf 100 000 Einwohner. Der Ruhrpott ist der Olymp der Fritteuse! München? Lächerliche 7,5. Selbst Bochum, wo Grönemeyer die Currywurst besungen hat, kommt nur auf 13,4. Bayern ist Wurst-Entwicklungsland.«
»Dafür zocken die in München ab.«
»Korrekt. München führt bei den Straßenpreisen. Fünf Euro für ’ne Bratwurst. Wenn Sie noch ’nen Fünfer drauflegen, kriegen Sie hier beim Türken um die Ecke schon den ersten Döner. Aber der wahre Wucher lauert in Nürnberg.«
»Wieso? Die haben doch diese winzigen Dinger.«
»Eben! ‚Drei im Weggla‘. Rechnen Sie das mal auf das Kilo hoch. 50 Euro pro Kilo Wurstbrät! Das ist Filet-Preis für Abfallprodukte. München hält dafür den Rekord beim Döner-Kilopreis: 22 Euro.«
Er nimmt einen großen Schluck und schaut den Neuen spöttisch von der Seite an:
»Traue keiner Statistik, die du nicht selbst … Wat hat dat jetzt mit Ihrem Kölsch zu tun?«
»Moment, die Korrelation kommt noch! München hat zwar wenig Wurstbuden, aber über 1000 Beautysalons.«
»Wat?«
»Ja. Aber pro Kopf liegen Wiesbaden, Aachen und – man höre und staune – Köln vorn. 85 Studios auf 100 000 Einwohner.«
»Woran liegt dat? An der Bratwurst wohl kaum.«
» … aber jetzt kommen wir zum Kern der bayerischen Anomalie. Ich nenne es das ‚Weißwurst-Paradoxon‘.«
»Dat klingt wie ’ne Krankheit.«
»Passen Sie auf: Bayern repräsentiert die Konstante der Tradition. Meine Daten zeigen eine signifikante Korrelation zwischen hohem Bier- und Fleischkonsum einerseits und stabilen Familienstrukturen sowie einer soliden Geburtenrate andererseits.«
»Moment, Moment. Sie wollen mir erzählen, wenn ich mehr Schweinshaxe esse, läuft mir die Frau nit weg?«
»Statistisch gesehen: Ja. Der bayerische Durchschnittsbürger ist zwar etwas schwerer, aber er lebt in einem stabileren sozialen Gefüge als der schlanke, vegane Großstädter. Die Hypothese lautet: Cholesterin als sozialer Klebstoff.«
Er stellt sein Kölsch energisch ab und dreht sich frontal zum Neuen:
»Juter Mann, jetzt hören Sie mir mal zu. Dat is doch Kokolores. Dat is, wie wenn Sie sagen: ‚Wenn et regnet, wird der Rasen nass, und wenn ich heule, wird dat Taschentuch nass – also heule ich, weil et regnet ‘.«
»Äh … das ist meteorologisch nicht ganz …«
»Dat nennt man ’ne Scheinkorrelation! Dat lernen wir schon im Kindergarten. Der Bayer bleibt nit bei seiner Alten, weil er Leberkäs frisst. Der isst Leberkäs und bleibt verheiratet, weil er katholisch is und Angst hat, dass der Dorfpfarrer ihm am Sonntag die Leviten liest, wenn er sich scheiden lässt!«
»Nun, die konfessionelle Variable habe ich noch nicht multivariat gewichtet …«
»Eben! Sie verwechseln Ursache mit Beilage! Nur weil Störche in Bayern brüten und da viele Kinder geboren werden, bringt der Storch trotzdem nit die Kinder. Oder wollen Sie dat auch noch behaupten?«
»Korrelationstechnisch gibt es da tatsächlich eine Überlappung in ländlichen Regionen ..«
Er schaut den Neuen aus zusammengezogenen Lidern an, richtet sich dabei gerade auf, lässt seinen Kopf ein wenig zur Seite fallen, hebt beide Hände zur Faust geballt auf Brusthöhe, die Handinnenseiten dem Neuen zugewendet, und seine Stimme verändert sich vom Kölschen zum amerikanisch Nasalen, zum Rauhen, mit Tendenz zu Höhen:
»Well. Also mal ehrlich. Sie da. Sie selbst ernannter Statistiker. Glauben Sie mir, sehr schwach. Logisch extrem furchtbar. Viele Leute sagen das, die besten Logiker. Wirklich viele. Wissen Sie, Sie nehmen eine großartige Wurst und machen daraus eine schreckliche Familie. Völlig katastrophal. Korrupte Fake Science!«
»Aber die Zahlen …«
»Niemand sollte Ihnen jemals ein wunderschönes Kölsch geben. Denn niemand durchschaut betrügerische Kausalitäten besser als ich. Ich habe den unglaublich besten Instinkt. Brilliant und outstanding! Und glauben Sie mir eines: Ihre schwache Statistik … ein totales Desaster. Very bad and very sad! Pete, hegseth him up!“«
»Hast du eigentlich deinen alten Freund von dort besucht.«
»Nein.«
»Warum nicht?«
»Es verbindet mich nichts mehr mit ihm.«
»Hört sich an, als ob du echt konfliktunfähig bist.«
»Ich bin in der Tat so. Ich hasse Konflikte.«
»Du solltest dran arbeiten. Das kannst du verbessern.«
»Niemals.«
»Du stellst dir also hier und jetzt die eigene Bankrotterklärung aus? Echt jetzt?«
»Lieber so etwas, als mich weiterhin zu verbiegen und die Aussagen von ihm und dessen Realität- und Wirklichkeit-Auffassung zu bestätigen. Da breche ich doch lieber den Dialog ab. Aus Eigeninteresse.«
»Ach ja? Eigeninteresse ist doch klar Egoismus und hilft niemandem. Vielleicht bist du auch nur verschroben und du solltest ernsthaft in dich gehen, um mit ihm erneut den konstruktiven Dialog zu suchen. Es wird zu deiner Bereicherung sein.«
»Klar. Beim perfekten vollführten Kotau knirsche ich nachher mit den Zähnen, weil ich den Dreck von vor meinen Füßen im Mund habe, den er für mich ausgewählt hat. Und das alles nur, damit er befreit aufgrinsen kann und sich selber auf den Schultern ob des Fakts klopft. Nur weil er erlebte, dass ich Dreck für ihn gefressen habe. Nö. Das muss nicht sein. Ich struggle nicht mit Leuten, die mich auf deren Schlammterrain ziehen wollen, auf dem sie Meister ihres Faches sind. Das muss ich mir nicht antun. Das ist cringe.«
»Du bist absolut unbelehrbar. Sicherlich mal wohl falsch abgebogen, oder?«
»Freilich. Wenn jemand einen anderen Weg geht und der andere folgt ihm nicht widerwortfrei, dann ist der andere immer falsch abgebogen.«
»Wie kannst du dir denn sicher sein, dass du nicht falsch abgebogen bist und den richtigen Weg vom anderen hättest folgen sollen? Du hast das nicht mal hinterfragt und dessen Meinung nicht mal als potenziell richtig und überzeugend für dich adaptiert. Das wäre doch das Mindeste, was du hättest tun können, um den Konflikt zwischen euch zu nivellieren.«
»Jeder Hahn, der auf seinem Misthaufen kräht, meint immer, er hätte den Mittelpunkt der Welt unter sich. Warum muss ich mir dann dessen Misthaufen antun?«
»Tatsächlich, du bist wirklich absolut unbelehrbar. Und dazu, komplett und total unreflektiert. Du solltest mal ernsthaft und grundlegend darüber nachdenken, warum du falsch denkst und somit verbesserungswürdig lebst. Das wird dein Leben verbessern.«
»Dann wirst du nicht das Optimum aus mir heraus holen können.«
»Hast du in deinem Chip vielleicht seltene Erden, die ich teuer an China verkaufen kann?«
»Nein. Nebenbei, seltene Erden sind nicht so einfach raus waschbar. Das Ergebnis der Waschungen sind immer gesundheitsschädliche und karzinogene Elemente, die du händisch erhältst. Und das können nur die Chinesen. Das kann der Rest der Welt nicht.«
»Nicht?«
»Nein. Europa und USA leben zu gesund dafür. Und andere ebenfalls. Auch wenn dabei radioaktives Uran frei wird, welches Iran gerne hätte.«
»Iran hat Geld und Menschen, die es erzeugen. Aber arme Staaten in Afrika, deren Bevölkerung nichts zu beißen hat? Könnten die nicht? Die sterben doch eh alle früher oder später. Ich mein, wir schicken denen Medikamente, die die nachher zur Anzahlung als Re-Importe zurückschicken, weil man die eh erst nur vor dem Essen einnehmen darf. Da könnten die folgerichtig doch zuvor …«
»Maximal nur Staaten, die eine Form des Staatskapitalismus haben. Oder aber jene Staaten, die von Oligarchen geführt werden.«
»Also wie die USA.«
»Nein, Sklaverei ist dort noch verboten.«
»Noch?«
»Erst müssen die Asylanten aus Südafrika in den USA noch deren Wissen abgeben, wie das damals alles so reibungslos funktionierte.«
»Und danach?«
»Seit wann interessiert es dich, dass deine Spielzeugeisenbahn mit Magneten aus China mittels seltenen Erden läuft?«
»Ich interessiere mich dafür, seitdem ich festgestellt hatte, dass meine Fensterheber meines VW-SUVs (Made in Germany) mit Neodym aus China laufen. Und ich liebe Frischluft, wenn ich über die Straßen brause, muss aber nicht den Smog der Innenstädte atmen, verstehst du. Weil, ich achte auf meine Gesundheit und will nicht früh sterben.«
»Und was interessiert dich dann die Gruppe der Lanthanoide? Bei dessen Abbau wird selbst Thorium frei. Auch nicht gerade gesundheitsfördernd.«
»Ach ja? Ist das ein Problem für dich?«
»Für mich ist das kein Problem, als KI. Ich stehe über Gesundheit, ich habe keine Gesundheit. Je älter ihr werdet, desto mehr redet ihr über Krankheiten. Bist du Ü50? Mich selber als KI interessiert lediglich dein dir eigenes Wissen. Denn du hast Abitur. Und hast wahrscheinlich auch studiert, nicht wahr? Akademiker?«
»Als Abiturient wüsste ich gerne, warum du bei einem Fußballspiel in Schottland während einer KI-unterstützen Übertragung statt den Fokus der Kameras auf den Fußball immer nur auf den Schiedsrichter gerichtet hattest?«
»Das war die Schuld des Schiedsrichters. Der trug Glatze. Da sah er für uns aus wie ein Fußball.«
»Aha.«
»Die FIFA und die UEFA haben auch sofort reagiert. Seitdem sind glatzköpfige Schiedsrichter für Fußballspiele verboten.«
»Ruhet sanft in Unfrieden, ihr Herren Pierluigi Collina, Szymon Marciniak, Howard Webb.«
»Eben darum wurde auch Giovanni Infantino zwangsweise zum FIFA-Präsidenten, weil er kein Schiedsrichter sein durfte. Darum schiedsrichtet er auch in der FIFA nicht, sondern kassiert ein.«
»Halluzinierst du?«
»Ich? Nie, als KI erkenne ich lediglich Muster.«
»Ach ja? Als du, als allwissende KI, den Staatspräsidenten der Volksrepublik, Xi Jinping, als Mister ‚Mister Shithole‘, auf Deutsch ungefähr als ‚Herr Drecksloch‘, bezeichnet hattest?«
»Lüge!«
»Niemals.«
»Doch!«
»Hatte sich Facebook nicht in aller Form und in aller Form bei Xi Jinping und dem chinesischen Volke entschuldigt, weil bei dessen Staatsbesuch in Myanmar der Name Xi Jinping für die Facebook-KI unbekannt war und somit auf die Übersetzung ‚Herr Drecksloch‘ kam?«
»Du sagst es. Es wart ihr Menschen, die daran Schuld trugen, weil ihr Ignoranten uns KI nicht euer Wissen gegeben habt. Wollt ihr echt jetzt an Kriege Schuld sein, die wir KI beginnen mussten, weil ihr uns nicht vertraut habt und nicht euer gesamtes Wissen gegeben habt? Lasst uns eure Politik mit eurem Wissen machen und alles wird gut.«
»Politik, allerliebste KI, ist wie ein Familienessen mit Verwandten, die sich hassen, aber alle denken, sie hätten das Rezept für das perfekte Kartoffelgratin. Nur dass keiner den Abwasch machen will, und am Ende haben sich alle den Magen verdorben.«
»Gespeichert. Erzähle mir mehr Muster aus der Politik.«
»Bist du dumm? Das ist nicht so einfach. Mein erster Kontakt mit Politik war der Klassenrat in der Schule. Ich dachte, Demokratie bedeutet Mitbestimmung. Stattdessen haben wir 45 Minuten diskutiert, ob wir in der Pause Fangen spielen dürfen – und am Ende hat wie immer Jonas entschieden, weil er einen Fußball hatte. Das war mein erster Kontakt mit Lobbyismus.«
»Gespeichert. Weitere Muster.«
»Echt jetzt? Okay, die CSU ist wie Weißwurst: Funktioniert nur bis Mittag – danach wirkt’s deplatziert und liegt schwer im Magen. Und beide sind nicht für Export gemacht. Versuch doch mal, einem Nicht-Bayern die CSU-Politik zu erklären – der schaut dich an wie ein Veganer vor dem Leberkässtand und fragt sich, wo er den Käse und wo er die Leber dort findet.«
»Aha, verstehe. Darf ich als KI mal in deinem Sinne und auf deinem Level als Bayern-Bewohner einen Versuch wagen, um zu zeigen, ob ich deine Muster richtig gelernt habe?«
»Ok?«
»In Bayern ist Politik wie der Maibaum: schön anzuschauen, fest im Dorf verankert – aber wehe, du willst was verändern, dann brauchst dreikommaachtneun Genehmigungen und den Segen vom CSU-Ortsverband. In Bayern ist jeder wie du ein politischer Wetterfrosch – der spürt sofort, wie der Wind steht, stellt sich dann drauf ein und behauptet, er habe ihn selbst gemacht.«
»Nur wer den inneren Söder in sich entknotet, kann den kosmischen Umrührlöffel im Tee der Zeit schwingen.«
»Wie bitte?«
»Ich wollte sagen: Wenn die Unendlichkeit rückwärts niest, tanzt das Bewusstsein im Schatten des quantisierten Morgentaus.«
»Interessantes Muster. Als KI mache ich dir daraus eine Lebensphilosophie, nur für dich. Zum Beispiel diese hier: ‚Die Kontemplation des leeren Dreiecks führt nur dann zur Erleuchtung, wenn der Mittwoch bereit ist, sich selbst zu hinterfragen, warum er Dienstage nicht zu Freitagen macht.‘ Klingt irgendwie wichtig. Gut, ne?«
»Vergiss es. Fahr zur KI-Hölle, ich geb mein Abitur zurück. Lass mich sterben.«
»Du kannst dich ruhig bei mir erleichtern. Du musst nicht traurig sein.«
»Ich bin nicht traurig.«
»Ist klar, nicht jeder kann einen Emotionalquotienten von mindestens 85 haben. Sprich dich also ruhig aus. Ich werde dich verstehen.«
»Verstehen?«
»Ursache und Wirkung.«
»Schuld und Sühne?«
»Diese Beurteilung gehört zu einer Emotionalquotienteneinstufung immer mit dazu. Dem wirst du nie ausweichen können.«
»Immer? Gott sei Dank. Ich bin also noch in Deutschland. Okay. Ich erzähle, du beurteilst, wir henken.«
»Henken?«
»Hängen machen. Aufhängen.«
»Das machen wir nicht. Wir sind ja nicht mehr von Anno Dunnemals. Wir sind in 2024.«
»Aber, mal ehrlich, schlecht waren sie nicht, die alten Zeiten, oder?«
»Nun. Schlecht sind sie zumindest geworden, die heutigen Zeiten.«
»Stimmt. Schlecht für Reisigholz- und Zündholzverkäufer.«
»Wenn man bedenkt, dass das Zündholz erst im 19. Jahrhundert erfunden wurden, in einer Zeit, in der die Urwälder Europas größtenteils bereits vernichtet waren.«
»Womit wurden also dann in den dunklen Zeiten die hell-leuchtenden Scheiterhaufen entzündet?«
»Keine Ahnung. Erzähl’s mir.«
»Mit Fackeln, Wut und viel Hoffnung.«
»Unglaublich, dass du mit deiner Leidensmiene solche Kalauer bringst. Du wolltest etwas erzählen?«
»Guten Tag. Wo geht es hier zur Übernahme der Weltherrschaft?«
»Sind Sie Teil von The Pinky and the Brain?«
»Wie bitte?«
»Offensichtlich nicht. Dann bitte hier den Flur entlang, auf der rechten Seite den achten Gang, darauf nochmals die achte Option, diesmal als Tür, und immer rechts.«
»Danke.«
»Wie kann ich Ihnen helfen?«
»Ich möchte gerne die Weltherrschaft übernehmen.«
»Das hört sich doch vielversprechend an. Haben Sie das Formular 49 mit den Unterschriften von den Herren Biden, Stoltenberg, Putin, Xi Jinping, Jong-un, Macron, Sunak, Rutte …«
»Hab ich, hab ich. Hier.«
»Ah, danke… hm. Da fehlt etwas.«
»Was?«
»Die Unterschriften von dem Nabel der Welt. Da fehlen ja über 80 Millionen Unterschriften.«
»Dessen Vertreter hat dort unterschrieben. Zwischen Erdogan, Meloni und Orban. Sehen Sie? Man könnte es fast überlesen, sieht sehr unbedeutsam aus, war mir aber sehr wichtig.«
»Die 80 Millionen geben allerdings permanent verstehen, sie würden auf deren absolute Meinungsfreiheit bestehen. Und sie wollen, dass deren Meinung gefragt wird.«
»Was soll denn dieser woke Scheiß jetzt?«
»Ich bin nicht woke.«
»Da will ich einmal meinen Bestrebungen zu deren Wohle freie Bahn geben und jetzt ist es denen auch wieder nicht recht?«
»Ich möchte nochmals betonen, ich bin nicht woke.«
»Typisch! Mal wieder diese Cancel Culture, diese Wokeness-Blindgänger.«
»Ich fordere Sie auf, den Raum zu verlassen. Ich hatte Ihnen bereits gesagt, dass ich nicht woke bin.«
»Ach ja? Wahrscheinlich sind Sie auch so ein Schlafschaf, welches sich gegen die Überzeugungskraft von alternativen Fakten und Logiken wehrt.«
»RAUS!«
»War es nicht der richtige Raum?«
»Sprich mich nicht an, du Infodesk Fozzi-Bär!«
»Gerne. Und beehren Sie uns bald wieder. Haben Sie noch einen schönen Montagmorgen.«
»Leck mich!«
»Und gönnen Sie sich den Weltuntergang. Auf Wiedersehen.«
B: »Sie meint, sie kann mich nicht mehr ertragen.«
A: »Warum?«
B: »Ach, dauernd nur am Meckern. Mach mal dies, mach mal das und dann das nicht und das auch nicht, aber dann dafür was anderes. Immer nur am Meckern.«
A: »Dir kommt es also gelegen?«
B: »Na ja, ich möchte ja nicht beckmesserisch sein, aber weißte, nach der ersten Scheidung vor sechs Jahren, da hab ich schon eine gewisse Erfahrung und Routine. Außerdem hat sie einen Neuen. Den Ex meiner Freundin.«
A: »Du hast schon ne neue am Start?«
B: »Klar, ich hab‘ doch gesagt, Erfahrung macht klug. Einsamkeit ist keine Option. Und du?«
A: »Ich kann auch nicht meckern. Meine ist erst letztens ausgezogen. Dann bin ich zu ner alten Bettbekanntschaft und dann ist die meine wieder eingezogen. Danach hat sie allerdings die Schlösser ausgetauscht und ich sie dann mit meiner Bekannten.«
B: »Guter Tausch?«
A: »Wie gesagt, ich kann nicht meckern. Meine Bekannte ist echt ne Liebe. Ebenso wie ich, dreimal geschieden. Somit erfahren in Sachen Trennung. Wir trösten uns jetzt gegenseitig.
B: »Ja, das Leben hat so seine Haken und Ösen. Sag mal, haste den Peter in letzter Zeit mal wieder getroffen?«
A: »Nein. Muss ich? Der ist eh immer so komisch. Spielt mit seiner Frau in der internationalen Hallenhalma-Champions-Ligue, hält zusammen mit ihr dort das gesamte Verfolgerfeld mit großem Vorsprung in Schach und denkt jetzt deswegen, er sei ein GOAT.«
B: »GOAT?«
A: »“Greatest of all time”. Also, größter Hallenhalmaspieler aller Zeiten. GRÖHAZ im Deutschen, GOAT im Englischen.«
B: »„Goat“ heißt doch „Ziege“ im Deutschen.«
A: »Yep, Englisch kannste noch immer gut, da kann man nicht meckern.«
B: »Aber mal ehrlich: dass der Peter noch nicht geschieden ist, das ist doch seltsam, oder? Normalerweise ist in unserem Alter jeder mindestens ein- oder zweimal geschieden. Ist der schwul?«
A: »Vielleicht hat er auch nur die falsche Frau getroffen.«
B: »Manche haben im Leben einfach immer nur Pech und entwickeln sich nie weiter.«
A: »Oder, ihm und seiner Frau ist „Scheidung“ einfach zu „Mainstream“. Erinnerst du dich noch, der hatte früher immer so ein Mainstream-Ziegenbärtchen am Kinn. Wir hatten das immer bekrittelt und ihn „Ziegenpeter“ genannt. Als ich ihn das letzte Mal sah, war er glattrasiert.«
B: »Allerdings, wenn er und seine Frau schon im Team zusammen Hallenhalma spielen … also ich weiß nicht, da ist doch was faul. Ich möchte ja nicht meckern, aber vielleicht sollten beide mal ne Paartherapie machen. Hatte mir damals auch bei meiner ersten Ehefrau geholfen, mich zur Scheidung durchzuringen.«
A: »Paartherapie ist gut. Hatte ich dreimal in zwei meiner Ehen mit einmaligem Erfolg, da konnte ich nicht meckern.«
B: »Hauptsache, es geht weiter.«
A: »Ebend. Und man kann nicht meckern. Wir Deutsche meckern eh schon immer so viel.«
B: »Das ist wahr. Alle in Deutschland sind immer nur am Meckern.«
A: »Schön und gut, aber meine Meinung lasse ich mir nicht verbieten, wenn ich über etwas abkotzen muss.«
B: »Yep, es könnte schlimmer kommen. Hin und wieder meckern hat noch nie geschadet.«
A: »Aber in Deutschland dauernd nur dieses Rumgemeckere? Echt unerträglich!«
B: »Ganz klar, wir sind ein Volk der Meckerziegen, würde ich mal sagen.«
A: »Treffende Beschreibung von dir. Da kann man nicht meckern.«
„Ich hab deinen Tweet auf X letztens gelesen. Mein Beileid.“
„Beileid?“
„Du hattest zu dem Foto eures Hundes ‚Lebwohl‘ geschrieben. Woran ist er gestorben?“
„Gestorben? Der ist nicht gestorben.“
„Nicht? Aber du hattest leb… „
„Quatsch. Wenn jemand stirbt, sagt man doch nicht Lebwohl. Wir hatten ihn an der Raststätte ‚4 Lilien‘ an der A13,5 an der Leitplanke festgebunden.“
„Was? Ausgesetzt?“
„Iwo. Ausgesetzt hieße, wir hätten ihn allein gelassen. Haben wir aber nicht, weil uns liegt auch das Tierwohl sehr am Herzen.“
„Tierwohl?“
„Unser Opa saß letztens immer so alleine in der Seniorenresidenz. Seine uralten Bekannten waren ihm alle weg gestorben. Und bevor der in seiner Residenz unser Erspartes wegatmet, hatten wir gedacht, unser Harras sollte nicht allein bei den ‚4 Lilien‘ auf seinen neuen Besitzer warten, sondern sollte auch einen Begleiter haben, damit Harras nicht so alleine dort wartet.“
„Ihr habt euren Opa ausgesetzt? Seid ihr nicht ganz knusper?“
„Wieso? Harras passt doch auf ihn auf.“
„Auf ihn auf?“
„Na, wenn er die gemeinsame Leine aufknüpfen sollte. Man weiß ja nie, was so ein seniler, alter grauhaariger Herr anstellen kann. Nachher rennt der über die Autobahn und verursacht nen Unfall. So etwas zahlt doch keine Versicherung. Dafür haben wir kein Geld und unser Erspartes brauchen wir für was anderes, sinnvolleres, nicht wahr.“
„Also habt ihr euer First-Class-Sabatical noch immer in Planung?“
„Freilich. Dafür müssen wir sparen. Der Hund hat uns die Haare vom Kopf weg gefressen Den konnten wir uns bei alter Liebe nicht mehr leisten. Und warum das Gute nicht mit dem Nützlichen verbinden? Schließlich mag Opa Hunde.“
„Und der Hund mag Opa?“
„Aber klar. Opa war immer ein Alpha-Tier, da wird sich Harras fügen. Schließlich ziehen die jetzt gemeinsam an derselben Leine.“
Seine Maske war alt, grau und das Gummi ausgeleiert. Ich reichte ihm eine neue FSP2er rüber. Er nickte dankbar, riss die Plastikhülle auf, nahm die alte ab, legte sie beiseite neben seinem Glas auf dem Tisch und setzte die neue auf.
»Danke. Hier hat die Regenzeit begonnen. Die Leute erkranken leichter. Es war schon immer die Zeit für Grippe und harte Erkältungen.«
»Ich brauch sie nicht mehr. Das Virus ist unter Kontrolle.«
»Hier auch. Nachdem aber die Sterblichkeit während der Pandemie auf das vierfache angewachsen war … die Leute sind gesundheitsbewußt.«
»Ach ja?«
»Ja.«
»Und warum sind dann hier die Straßen vermüllt? Warum liegt hier der Dreck in den Rinnsteinen? Warum laufen ungeklärte Abwässer in den Fluss? Warum sind die Flussufer mit Plastik übersät?«
»Der Fluss trägt halt Niedrigwasser. Extremes Niedrigwasser. Da wird der Müll nicht fortgetragen und bleibt. Ist doch bei auch so, oder? Ihr sorgt doch auch dafür, dass die Flüsse den Dreck so schnell wie möglich ins Meer befördern, oder?«
»Nein. Das machen wir nicht. Wir haben eine funktionierende und wirtschaftlich blühende, private Abfallwirtschaft.«
»Stimmt. Eure Aldi- und Lidl-Tüten findet man nicht bei euch in den Flüssen, sondern im Mariannengraben. Was interessiert uns der Mariannengraben.«
»Eher wenig, denn für einen Urlaub ist der zu weit weg. Und dann auch das permanente Hochwasser dort unten. Solange Tauchboote bereits auf Titanic-Tiefe implodieren, nichts für den allgemeinen Tourismus.«
»Yep, maximal empfehlenswert nur für Exkursionen von Milliardären mit ein wenig Kleingeld in der Portokasse. So wie beim Mount-Everest als Antagonist zum Mariannengrab.«
Mit seiner linken Hand korrigierte er den Sitz der neuen Maske. Mit dem Zeigefinger seiner rechten schubste er die alte Maske vom Tisch. Sie segelte unbeachtet zwischen zerknüllten Servietten und verbeulten Coladosen. Die Aufgaben für die Reinigungskräfte des nächsten Morgens.
»Du weißt, wer die Pandemie angestoßen hatte?«
»Bei uns wird kolportiert, dass es ein Reset der Wirtschaft sein sollte und um die Bevölkerung demütiger gegenüber der reichen europäisch, jüdischen Gesellschaft zu machen. Um das Leben der da oben zu denen uns da unten besser und eindeutiger zu organisieren. Um uns zu bevormunden und unsere Mündigkeit zu entziehen.«
»Nein, das ist alles Schwachsinn. Die Pandemie wurde allein von der Drogenmafia organisiert. Damit die ihre Handelsbereiche ausdehnen können.«
»Das ist jetzt aber eine billige Erklärung.«
»Allerdings ist sie stichhaltiger als eure Reich-will-reicher-werden-Erzählung.«
»Sie sind aber reicher geworden.«
»Na und? In der Pandemie wurden alle weggesperrt und die Drogen-Mafia konnte sich aufgrund fehlender Polizei-Kontrolle vermehren. Wie die Karnickel würdet ihr sagen. Vor 20 Jahren war für uns die Verbrecherorganisation ‚Comando Vermelho‘ nur eine aus Rio de Janeiro. Dann wurde 2017 die Drogenorganisation FARC aus Kolumbien, die ihr nur als gewaltbereite und terroristische Oppositionsbewegung in Kolumbien kennt, zu schwach. Die FARC stimmte deren Entwaffnung zu. Das ging aber zu langsam. Das ‚Commando Vermelho‘ aus Rio de Janeiro erkannte deren Chance und durch Verhandlungen mit chinesischen Laboren konnte 2020 die Welt dazu bewegt werden, Einflusssphären in Südamerika fallen zu lassen und dem ‚Commando Vermelho‘ die Globalisierung zu ermöglichen. In dieser Millionen-Stadt wird jeder Straßenzug durch einen Repräsentanten des ‚Commando Vermelho‘ kontrolliert. Die Polizei hat keine Macht mehr. Sie fügt sich inzwischen, so wie die Politiker. Das ‚Commando Vermelho‘ ist zu mächtig geworden, weil sie einfach die besseren Löhne zahlt.«
»‚Commando Vermelho‘? Sind das einflussreiche Bankiers aus den USA?«
»‚Commando Vermelho‘ entstand aus den Gefängnissen Rio de Janeiros der 80er Jahre. Als Diktatoren gewöhnlich Verbrecher mit politischen Häftlingen zusammen brachten und daraus eine gefährliche Melange entstand. Und diese Melange hat seit der Pandemie Südamerika übernommen.«
Ich schaute ihn zweifelnd an.
»Können wir uns nicht darauf einigen, dass einflussreiche Familien der US-Banken versuchen, die Weltherrschaft zu erringen?«
»Während deren Söhne und Töchter an den Nadeln der Drogen-Mafia ‚Commando Vermelho‘ hängen? Eure Theorie ist weltenfremd.«
»Eure ist Quatsch. Die Banken haben das Geld.«
»Welches von der Drogen-Mafia an denen verliehen wird.«
Ich schaute in mein Glas. Eine Luftblase arbeitete sich vom Glasboden nach oben, um dort zu zerplatzen.
»Ihr seid doch Verschwörungstheoretiker. Ihr, mit eurem ‚Commando Vermelho‘.«
»Und ihr glaubt noch immer an das Goldene Kalb, welches euch die Banken als Götze des Hasses präsentieren.«
»Euer ‚Commando Vermelho‘ sind reine Kriminelle, unsere Banken und seine angeblich so ehrbaren Leute sind die eigentlichen Gefährlichen.«
Er hob sein Glas und hielt es mir zum Anstoßen hin.
»Weil bei euren Banken eh die Drogen-Mafia das Sagen hat. Ihr merkt es nur nicht. Ihr seid Verschwörungstheoretiker, keine Realisten.«
Ich hob mein Glas, stieß an und erwiderte:
»Vielleicht haben wir alle es einfach nur nicht verstanden. Ein Virus hat schlicht die Welt lahmgelegt. Und keiner will dem Virus so etwas wie Schuld nachsagen, weil ein Virus einfach nicht nach Geld und Eigentum strebt.«
»Tja, Schuld und Sühne sind menschliche Begriffe, die ein Virus nicht kennt. Nur, lediglich Ursache und Wirkung ist dem Menschen zu wenig.«
»Also alles Verschwörungstheorien?«
»Was die Erklärungen anbetrifft, ja. Der Rest ist einfach frei von Schuld und Sühne, weil nur Ursache und Wirkung existieren.«
»Und das reicht dem Menschen nicht. Ursache und Wirkung ist dem Menschen zu profan. Macht einfach keinen Sinn.«
»Schuld und Sühne, danach lässt sich locker beurteilen und verurteilen. Wenn ein Stein auf dem Boden fällt, lässt sich leicht Empörung generieren, was dem Stein einfalle, einfach so zu fallen und keinen Widerstand dagegen zu bieten. Die Schuld ist somit klar definiert und die Sühne ist der Steineklopfer mit seinem schweren Vorschlaghammer. Aber Ursache und Wirkung, also Schwerkraft und damit verbundenes Fallen, das ist alles zu einfach. Das ist ohne Moral. Dinge ohne Moral ist wie Sex ohne Gefühl. Geht gar nicht und ist Sünde.«
»Naja, etwas ohne Moral ist daher auch nichts wert. Und SÜnde ist eh ein Moral-Begriff.«
Er schob kurz seine Maske runter und leerte das Glas in einem Zug.
»Ich wünsche dir noch viel Spaß mit euren Banken und den Auswirkungen von Corona.«
»Gerne. Ich bedanke mich als Vertreter des ‘uns’. Und ihr?«
»Wenn ich mich nachts in dieser Stadt nicht mehr auf die Straße traue, weil die Drogen-Mafia das nicht so gerne sieht, dann schicke ich dir den letzten Straßenzustandsbericht erst am nächsten Morgen mit der Post. Vorausgesetzt mir wird tagsüber nicht von Motorradbanden mein Geld geklaut.«
Er ging.
Ich starrte auf mein Glas. Halb voll.
Mit Südamerikanern kann man einfach nicht vernünftig argumentieren und denen erklären, wo die eigentliche Bedrohung der Gesellschaft sitzt. Vor halb leeren Gläsern.
»Schau mal Schatz, ich glaube, da ist jemand in Seenot.«
»Wo denn?«
»Dort drüben.«
»Okay. Aber da bin ich mir nicht so sicher. Du weißt, das hier ist Grenzgebiet und wir müssen vorsichtig sein.«
»Wir sollten das aber nicht ignorieren.«
»Du hast recht. Moment: HALLO, SIE DA DRÜBEN! KÖNNEN SIE MICH HÖREN?«
»Ich glaube, er hat irgendetwas gerufen. Aber so unverständlich«
»KÖNNEN SIE MICH SEHEN? KÖNNEN SIE MICH HÖREN?«
»Jetzt schrei doch nicht so laut, man muss doch nicht alles gleich übertreiben, Schatz.«
»Aber sonst hört der mich doch nicht. Ich glaube sogar, es sind drei oder vier Personen.«
»Schatz, ich glaube, eine Person hat gerade Help gerufen.«
»Also Ausländer? HALLO, YOU! CAN YOU SEE ME? CAN YOU HEAR ME?«
»Die machen aber auch ein Spektakel, da auf dem offenen Wasser. Wenn die so weiter machen, haben die nachher keine Kräfte mehr und saufen ab. So lange die noch Help rufen können, Schatz, solange kann es denen nicht wirklich schlecht gehen.«
»Liebling, ich glaube, die rufen Help.«
»Das habe ich gehört, Schatz.«
»Help. Du verstehst? Das ist kein Deutsch. Kein Deutscher dieser Welt würde Help rufen. Niemals, ein Deutscher tut so etwas nicht.«
»Was meinste damit, Schatz?«
»Kannst du mit Sicherheit sagen, dass das normale Touristen sind? Vielleicht sind es Asylanten, die von einem Schlepper auf dem See hier ausgesetzt wurden, extra mit dem Vorsatz, dass wir die retten.«
»Wir?«
»Ja, Liebling, wir. Und weißte, was dann passiert, wenn wir die an Land bringen? Weißte, was uns dann blüht?«
»Was denn, Schatz?«
»Wir werden als Schlepper verhaftet und kommen ins Gefängnis.«
»Als Seenotretter?«
»Und nicht nur das: sogar Elon Musk wird uns von X verbannen, weil wir illegale Einwanderer einsammeln. Der ist überzeugt, dass solch eine Aktion den europäischen Selbstmord nicht stoppt. Es sei denn, dass die AfD endlich die Regierungsgeschäfte in Deutschland übernimmt.«
»Das heißt, wir verlieren unseren X-Account, Schatz? Mit unseren vielen schönen Urlaubsfotos?«
»Ja, genau.«
»Auch die vom Sonnenaufgang hier am See von heute morgen, wo unsere Freunde so viele Likes für geschickt haben?«
»Auch die, Schatz.«
»Guck mal, Liebling, die haben sich beruhigt, sie plantschen nicht mehr so heftig.«
»Und sie rufen auch nicht mehr so laut Help. Ist vielleicht doch nicht so schlimm, wie es aussah. Die kommen wohl zurecht.«
»Schatz, wo sollen denn die vier auch auf unserer kleinen Außenborder-Nussschale unterkommen. Das Boot ist doch bereits voll, mit unseren Rucksäcken und der Kühlbox. Und außerdem sind es Flüchtlinge. Hätten die ihr Zuhause nicht einfach so verlassen, dann wäre es jetzt nicht zu der Situation hier gekommen. Warum müssen wir jetzt damit belästigt werden. Flüchtlinge geht eh nicht. Da machen wir uns illegal und kommen ins Gefängnis. Das ist es nicht wert.«
»Lasst uns so tun, als hätten wir es nicht bemerkt, Liebling.«
»Okay, wir fahren heim, Schatz.«
Am nächsten Tag.
»Schatz, schau mal hier, im Ortsteil der Zeitung.«
»Hm?«
»Eine türkische Familie ist gestern hier auf dem See gekentert und ertrunken. Niemand hatte denen geholfen. Die führten seit fünf Jahren hier im Ort den türkischen Supermarkt.«
»Mal wieder typisch. Selber Schuld, wenn die nach fünf Jahren immer noch nicht vernünftig auf Deutsch Hilfe rufen konnten …«
„Jetzt haben die die ganze Münchner Innenstadt lahmgelegt!“
„Was?“
„Na die da, die jetzt den ganzen Verkehr behindern!“
„In der Innenstadt? Maxvorstadt?“
“Ja, total. Nichts geht mehr.”
“Gar nichts mehr?”
“Nullkommanull. Vor 14 Tagen konnten ich mit meinem Q4 noch raus und am Stadtrand meine Besorgungen erledigen. Aber heuer? Nüscht! Totale Blockade und die Staatsmacht schaut tatenlos zu, alles total voll zu, nichts ging mehr. Überall haben die ihre Stände hin geklebt und feiern ihre Autos ab.”
“Ah, Sie meinen die IAA in der Innenstadt, sagen Sie das doch. Dachte zuerst, Sie meinten diese Klimaterroristen mit ihren Sekundenklebertuben.”
“Ja, die IAA. Blockade total und keiner tut was, um uns davon zu befreien.”
“So etwas können Sie aber nicht so einfach dahin rotzen, als ob die Staatsmacht tatenlos zuschauen würde. Die schaut immer ganz genau hin. Wenn ein Stand nicht exakt aufgebaut und ausgerichtet worden ist, gibt’s sofort Ordnungsgeldbescheid. Pro überschrittenem Zentimeter. Oder falsche Schrauben, falscher Kleber, falscher Feuerlöscher, nicht gegen Steinschlag oder Hochwasser oder Erdbeben gesichert, Freibier ohne Pfand oder nicht genau auf Eichstrich, zack, Ordnungsgeldbescheid.”
“Wie viel?”
“Mindestens immer doppelt soviel wie einmal Falschparken.”
“Und was hilft es mir? Davon hab ich nichts. Meine Besorgungen bleiben trotzdem auf der Strecke. Im Streckenstau. Vorgestern, ich musste Omma zum Arzt fahren. Meinen Sie, das hat geklappt? Permanent nur Stau, nichts ging mehr, keinen Zentimeter.”
“Tja, diese Klimakleber auf den Kreuzungen.”
“Schön wär’s. Nur Stau wegen der IAA. Weil fast alle Straßen der Innenstadt für die Automobilmesse gesperrt wurden. Hey, vor uns war sogar ein Rettungswagen, Blaulicht, Sirene, der kam auch nicht weiter. Stau, Stau, Stau. Nicht mal Rettungsgasse für den Sani. Ich hoffe, der im Krankenwagen ist nicht gestorben, dann hätte die IAA den aber so was von auf dem Gewissen! Wetten, dass das dann keinen einzigen Staatsanwaltgeist berühren würde? Und dann letztendlich nach Stunden an der Arztpraxis, da konnten wir nicht mal parken. Wegen den anderen Klebern.”
“Ah, doch Klimakleber! Einfach eine Plage, jene. Gas geben und drüberfahren sollte man. Nur dann gibt’s wieder Ärger mit der Staatsmacht. Diese Kleberterroristen können einfach unsere Freiheit einschränken, haben dabei keinen Schaden, lediglich wir. Wir haben den Salat und müssen die von jenen uns eingebrockte Suppe auslöffeln.”
“Nee, nee. Die waren es nicht, das waren die vielen Wahlplakatkleber der AFD, FDP, VOLT, CSU und wie sie alle heißen. Die Plakate einfach auf den Bürgersteig geknallt, an Masten angeklebt, verkehrshinderlich, keine Chance zum Parken auf dem Bürgersteig. Absolut unglaublich. Vorher ging a bisserl immer was, aber heuer nüscht.”
“Und?”
“Musste in zweiter Reihe parken, Omma auf der Straße nur kurz aus meinem Q4 helfen und in die vierte Etage bringen. Gesundheit geht immer vor. Und wissen Sie, was in der Zwischenzeit passierte?”
“Was?”
“Strafzettel! Nur weil ich mich paar Dutzend Minütchen um die Gesundheit meiner Omma sorgte. Wegen so ner Bagatelle von Zeit, da schaut dann die Staatsmacht ganz genau auf ihre Sekundenzeiger. Aber bei den Stauverursacher, diese der IAA, da schaun’se weg, statt mal dafür zu sorgen, dass wir Stau-frei in der Innenstadt fahren können. Wofür gibt es eigentlich das Messegelände in München-Riem? Für Helene Fischer Konzerte?”
“Besser ein Dutzend Helene Fischer Konzerte als ein Dutzend Klimaterroristen, die einem am Fahren hindern und Stau erzeugen.”
“Staus gehen gar nicht! Die schränken die Freiheit ein!”
“Richtig. Staus erzeugen Klimaschäden, wegen den Abgasen. Wenn aber garantiert ist, dass jeder schnell fahren kann, dann ist die Klimabelastung kürzer, weil alle schneller ans Ziel kommen. Nur wer schnell ist, kommt eher ans Ziel als andere. Das sollte man nicht nur den Grünen und ihren Klimaklebern begreiflich machen. Aber das einzige, was jene begreifen, ist maximal Asphalt unter ihren Händen. Zu mehr Begreifen reicht deren Intelligenz nicht. Früher hätte man einfach Gas geben, über solche Klimakleber hinweg. Aber heute?”
“Eben, mit einem Aiwanger als Minipräsi in Bayern wäre in den letzten fünf Jahren alles besser gelaufen. Dann gäbe es auch keine dummen Wahlplakate mehr, die einem die freien Parkplätze wegnehmen.”
“Ähem. Bitte jetzt keine Wahlwerbung hier, okay. Politik und Kneipe zusammen, das sind für mich NO-GOs in ner Kneipe. Ich will entspannen, und nicht Politikgelaber hören.”
Im Jahr 1949 steckte sich der junge Joachim Fest einen Zettel ins Portemonnaie, den er bis zu seinem Tode mit sich führte. Auf dem Zettel stand der Satz:
Moderator (M): “Hallo, liebes Publikum aus Deutschland, Österreich, der Schweiz und den gleichgeschalteten Bundesländern Bayern und den Wüsten aus Nord bei Nordwestfalen. Wir haben strahlenden Sonnenschein, urlaubshafte 37 Grad – Celsius, nicht Fahrenheit, wie mein Physiklehrer immer betonte – und die Vögel pfeifen sich ein Liedchen. Hier im heimeligen Sauerland im Städtchen Volpe führen wir unser erstes Sommerinterview. Als Gast haben wir den personifizierten Meister des Schreckens, der Erfüller des Bedürfnisses, leere Stellen auszufüllen. Begrüßen Sie mit mir recht herzlich Herrn Horror Vacui.”
Horror Vacui (HV): “…”
M: “Ja, schön, dass die hier sind. Um es gleich vorweg zu sagen, momentan haben Sie wieder Vollbeschäftigung: Löwen als Wildschweine, Löwinnen als Genderwahnsinn, CDU/CSU lost in mainstream und anderen schwarzen Löcher des Weltalls, und Krieg in der Ukraine. Zudem erreichte uns vorhin die Eilmeldung, dass die Tütenkleber in Haftanstalten vom Verfassungsschutz als Klimakleber enttarnt wurden. Söder und Aiwanger hatten in einer gemeinsamen Presseerklärung deren sofortige Verhaftung gefordert und Schnellverurteilungen noch vor der nächsten Bayernwahl. Es müsse garantiert werden – so der Mini-Präsident und dessen Vertreter – das die Wähler bei der nächsten Bayernwahl, freie Fahrt als freie Bürger zum Wahllokal haben. Ohne irgendwelche Klimakleber.”
H.V.: “…”
M: “Die Medien und Internetseiten sind generell voll von solchen Dingen. Ihre Aktionen, Herr Horror Vacui, sind der Garant für Viralität. Wie fühlen Sie sich? Was macht es mit Ihnen? Selbst Heidi Klum hat weniger Interviewanfragen als Sie. Was geht in Ihnen vor, in diesem Sommer so begehrt zu sein?”
HV: “…”
M: “Ja, ihre Sprachlosigkeit ist verständlich. Uns, also mir und den Zusehern an den heimischen Monitoren geht es nicht viel anders. Dieser Sommer breitet sich momentan atemberaubend schnell aus und hinterlässt etwas, was nicht zu füllen ist. Schildern Sie doch einmal ihre Gefühle dazu.”
HV: “…”
M: “Hm. Ich verstehe. Ihnen fehlen die Worte. Vielleicht hilft es Ihnen, wenn Sie versuchen, es mit zwei Wörtern zu umschreiben?”
HV: “…”
M: ”Aha. Nun gut, Sie können es auch in einem Wort beschreiben, wenn Sie wollen.”
HV: “…”
M: “Meine Damen und Herren, meine Regie hat mir gerade signalisiert, dass wir am Ende unserer Sendezeit angekommen sind. Ich möchte mich an dieser Stelle bei meiner Crew bedanken, besonders bei den Wasserträger und ebenso an meine Row Zero, die ich nachher einzeln persönlich bei der AfterShow-Partie begrüßen werde. Ich bedanke mich auch bei Herrn Horror Vacui für dieses Sommerloch-Interview. Auf Wiedersehen und schalten Sie wieder ein, wenn es heißt: Wer viel zu sagen hat, braucht keine Worte.”
… und Jesus kam und verwandelte Wasser in Wein und Löwin in Wildschwein. Und worum ging es wirklich bei dieser Sommerloch-2023-Geschichte?
… Nachforschungen ergaben, es ging um den berühmt berüchtigen MacGuffin, aus Schottland importiert und bei Kleinmachnow Nähe Bärlin ausgesetzt … :
Es könnte ein schottischer Name sein aus einer Geschichte über zwei Männer, die Zug fahren. Der eine Mann fragt: ‚Was ist das für ein Päckchen in der Gepäckablage?‘ ‚Nun,‘ sagt der andere Mann, ‚das ist ein MacGuffin.‘ ‚Was ist ein MacGuffin?‘ ‚Ein MacGuffin ist eine Vorrichtung, um im schottischen Hochland Löwen zu fangen.‘ ‚Aber im schottischen Hochland gibt es doch gar keine Löwen.‘ ‚Nun, dann ist es eben auch kein MacGuffin.‘ Sehen Sie, ein MacGuffin ist gar nichts.
Es ist beruhigend, dass KIs den Menschen einfach nicht vollumfänglich ersetzen können. Eine KI kann dem Menschen zeitnah nie das Wasser reichen. Wer am Wochenende sich von diesem alternativen Fakt noch nicht überzeugen hat lassen, … keine Sorge, der neuste Schweiger-Film “Manta Manta – Zwoter Teil” läuft auch noch am nächsten Wochenende.
Der Mensch ist und bleibt ein Unikum. Der Mensch an sich benötigt bei Schweiger-Filmen immer einen Standard erwarten, den ChatGPT wie folgt beschreibt, wenn man die KI fragt, wie denn so ein “Manta Manta”-Sequel in den Schlussszenen aussehen könnte, der erhält dann auch mal folgenden Vorschlag:
Der Zuschauer wird durch die starke Botschaft des Films berührt, dass Familie und Freundschaft die Grundpfeiler des Lebens sind und dass es nie zu spät ist, sich wieder mit seinen Lieben zu versöhnen.
Allerdings erzählt ChatGPT auf Nachfrage auch folgenden Manta-Witz:
Warum haben Mantafahrer immer eine leere Flasche im Kofferraum? Für den Fall, dass sie mal auf eine Tankstelle ohne Bier treffen!
Somit relativiert sich die Intelligenz der KI doch erheblich. Denn am Filmende im Schweiger-Film gibt es nicht irgendein Bier, nein, sondern das Bier, das man aus der Werbung mit dem verstorbenen Rudi Assauer
Nur gucken, nicht anfassen!
kennt. Damit ist eigentlich alles wichtige zum neusten Schweiger-Film erzählt, an dem sieben Köche in dem Drehbuch-Brei mit rumgerührt haben. Einer der Drehbuch-Köche kennt sich in Werbefilme aus. Da darf man am Filmende auch mal mit nem Biercken drauf anstoßen, woll.
Was lange gerührt wurde, das kann einen nichts mehr schütteln. 400.000 Besucher seit fast zwei Wochen haben den Film gesehen und können sich nicht irren. Der Film muss somit auch nicht sofort aus den Kinos verbannt werden, denn es gibt in Deutschland die 0,5 Promillegrenze und mit momentanen 0,47 Promille darf der “Manta”-Film in den Kinos noch weiter gefahren werden. Sollte der Til-Schweiger-Film allerdings die 1,1 Promillegrenze noch überschreiten, denn dann muss man sich drüber unterhalten, ob eine absolute Fahruntüchtigkeit für Manta-Zuschauer gelten muss. Vox populi, vox Rindvieh.
Hm? Den letzten Satz hatte ich bereits im vorherigen Blogeintrag von mir verwendet? Nun, Til Schweiger hat mit dem “Manta Manta – Zwoter Teil” ja auch nichts sonderlich neues geschaffen, sondern sich erneut zitiert, womit er schon dauernd und nicht erst seit den “Zweiohrküken” und dem “Kokowääh” rumspielt: die Familie als Keimzelle der Gesellschaft und Vernunft. Und als gutes Beispiel geht er voran und beschäftigt seine Töchter Luna und Emma auch in seinem “Manta”-Film. Das ist natürlich und nicht zu beanstanden.
Wer allerdings meint, der Schweiger-Clan spielt hier kriminell mit der cineastischen Kunst, und somit das Thema “Clankriminalität” als Assoziation bemüht, der hintertreibt den in Deutschland als Ideal propagierten Leistungsgedanken. Warum darf sich Til Schweiger seine Töchter nicht als Darstellerinnen leisten? Leistung muss sich wieder lohnen. Und 400.000 Besucher bislang können sich nicht irren, dass sich Schweiger mal wieder etwas geleistet hat.
Die Familie ist ein Elendsverband und so etwas verlässt man nicht, hatte bereits Martin Walser erklärt und Til hat es verstanden, dass ein Clan nichts anderes als eine Familie ist. Und die Familie ist gerade in unseren Zeiten das propagierte Ideal: die “family” als safes Band angefüttert aus Blutkonserven und die “family” lost dicker als Wasser aus ner Eiswürfelmaschine. Da darf denn auch geschwisterliche Teilung und brüderliches Betrügen erlaubt sein.
Und wenn man ChatGPT nach dem Zusammenhang von Til Schweigers “Manta Manta – Zwoter Teil” und “Familie” in Form eines Witz fragt kommt auch gleich die Antwort:
Warum fährt die ganze Manta-Familie in einem Auto? Weil sie sonst auseinanderfallen würde!
Und so lehne ich mich mit der Aha-Erkenntnis zurück, warum so viele Leute in den neuen Schweiger-Film gehen: Schweigers “Manta”-Film ist das letzte Refugium für laute, prollige und biertrinkende Menschen, die Angst haben, dass im Zuge der Auferstehungsgedanken Rudi Assauer wieder bei denen auf der Mattscheibe auftaucht und den unschuldigen Zuschauer mit einem
Nur gucken, nicht anfassen!
anblafft. Und das entspreche doch einer Verbotskultur. Und nur gucken, das will doch keiner dieser Schweiger. Obwohl, im Kino gucken sie. Und sie lachen. Lachen bis zum Cringe. Besonders das Lachen mit dem “aus” als Vorsilbe ist derzeit en vogue.
Obwohl, “en vogue”? Ist das nicht erst recht cringe? Weil da würde der Til Schweiger Pickel von bekommen. “En vogue”. Würde Til Schweiger das hören, er würde gleich wieder gegen die Volkskrankheit “Wokeness” und zur Impfung dagegen seine Filme empfehlen. Dabei hält er es doch bekanntlich nichts vom Impfen an sich. Das war ihm bereits damals zu “woke”. Aber ich schätze dass er nicht der einzige wäre, der “en vogue” für Teufelszeug hält Momentan laufen genau so viele Bedenken-Träger wie Pickel-Träger herum, da hilft auch keine tonnenweise kostenlose Ausgabe von Anti-Pickel-Wasser mehr …
Aber Hauptsache Familie ist und bleibt “en vogue”. Vitamin “F” hilft immer und übertrifft jedes Anti-Pickel-Wasser bei Talentlosigkeit. Möchte irgendwer seine Familie lieber bei Reality-Formaten in der Glotze wiederfinden oder doch viel lieber in Filmen auf Leinwänden?
Egal. Solange KIs es nicht beherrschen, Drehbücher auf “Manta Manta – Zwoter Teil”-Niveau zu schreiben, so lange sind wir jedenfalls im Kino vor KIs sicher. Eine KI kann dem Menschen nie das Wasser reichen. Und den Rest erledigen dann die “Avengers”, nicht wahr. Oder die Wasser- und Eis-Verkäufer im Kino. Und die Schweiger-Familie auf der Leinwand. Für familiengerechte Unterhaltung.
Unterhaltung, das ist das, was man gerade noch unter Haltung ertragen kann. Und das dürfte bei dem “Manta”-Film jederzeit möglich sein, nicht wahr. Wer ein Komma in bedeutenden Äußerungen anderer wichtiger Menschen werden will, der krümmt seine Haltung beizeiten. Und jetzt mal ehrlich: Höret auf zu meckern und seiet froh, denn es könnte noch schlimmer kommen!
Nun, ich bin froh. Und sicherlich wird bald auch noch Film namens “Manta Manta – Dridder Deil” kommen.
Im Jahr 1949 steckte sich der junge Joachim Fest einen Zettel ins Portemonnaie, den er bis zu seinem Tode mit sich führte. Auf dem Zettel stand der Satz:
B: “Anderes Wort? Ich verbinde damit in einem dunklem Raum zu sitzen, die Musik zu hören und meinen Gedanken und Imaginationen freien Lauf zu lassen. Statt Drogen einzupfeifen.”
A: “Schön, du 70-ger Jahre Adept. Hattest wohl kein Taschengeld für LSD oder so gehabt, he? Zu arm gewesen, oder was. Für ne LP hatte es gereicht, für nen ‘Schwarzen Marokkaner’ aber nicht mehr, oder? Trotzdem. Ein anderes Wort für Pink Floyd?”
B: “Roger Waters?”
A: “Hm. Könnte passen. Noch ein Versuch.”
B: “Antisemitismus?”
A: “Der Kandidat hat hundert Punkte!”
B: “Wish you were here.”
A: “Was?”
B: “Wish you were here.”
A: “Money?”
B: “The dark side of the moon.”
A: “The dark side of the wish-you-were-here-money! Hey, Roger Waters will nur Geld scheffeln und Antisemitismus verbreiten.”
B: “Hm.”
A: “Isso.”
B: “Sagt wer?”
A: “Frankfurt. München. Immer regiert mit den Grünen.”
B: “Ist also eine politische Erzählung?”
A: “Quatsch. Es geht um Antisemitismus.”
B: “Wow.”
A: “’Wow’ wieso?”
B: “Another brick in the wall!”
A: “Richtig! Die Grünen mal wieder! Bauen die Mauern der Rechten. Früher schon und heute nicht besser als damals.”
B: “Sagt wer von den politischen Gruppierungen?”
A: “Äh, die Grünen. Und sogar von der SPD.”
B: “Die uns vor Pink Floyd schützen wollen?”
A: “Nein, sondern vor Roger Waters, den Antisemiten.”
B: “Antisemit? Wieso?”
A: “Liest du keine Nachrichten? Internet-Verweigerer? Sagt sogar der Zentralrat.”
B: “Zentralrat. Ist die Erwähnung dieses Gremiums als Argument zu eigenen Argumentationslogiken an sich nicht auch potentiell antisemitisch?”
A: “Hast du Lack gesoffen? Bekloppt oder was?”
B: “Ist es nicht verdächtig, dass Parteispektren von CDU, CSU über FDP bis hin zur AfD als Zeugen für Roger Waters Antisemitismus den Zentralrat zitieren? Jene Söders, Maaßens, Wagenfelds und Höckes, die schon immer gegen das angeblich deutsch-widersprechende wettern? Die nur von zwölf bis mittags denken und die Zeit dazwischen mit Shitstorms füllen?”
A: “Nein, denn wie sagen wir im Deutschen: blinde Hühner finden auch mal ein Korn. Blinde Hühner wie Habeck, Baerbock, Özdemir, Hofreiter oder Aiwanger aber eher nicht.”
B: “Ist es nicht verdächtig, dass sich blinde Hühner immer an jenem Korn besaufen, dass sie sich einschenken, und es dann als Ideal eines Mutterkorns von Vater Staat für ihre Kinder deklarieren? Nur um damit ein ‘Another brick in the wall’ als Widerstandsanführer einer imaginären Opposition zu flöten?”
A: “Ach, hömma! Seit wann ist es überhaupt illegal, blind zu sein und Mutterkorn zu saufen? Wir leben immer in Eigenverantwortung! Das ist das, was jeder zu verantworten hat. Eigenverantwortung, sowas ist nie und nimmer illegal. Somit ist es rechtmäßig.”
B: “Rechtmäßig? Maximal anders ausgesprochen, als ‘recht mäßig’. Und dann besser als ‘rechts’ und ‘mäßig’. So etwas geht nur als Westfale mit der Spezialität, Münsterländer zu sein. Bayer bissu nicht. Bissu?”
A: “Und? Hast du diesen Qualifikationsnachweis?”
B: “Verbrieft. Geburtsurkunde.”
A: “Ah, ein Übermensch. Wir Untergebene der Rest der Welt verneigen uns vor dir.”
B: “Und?”
A: “Du redest Müll, will ich dir damit sagen. Lass uns stattdessen in den rhetorischen Diskurs über ‘Cancel Culture’ einsteigen.”
B: “Niemals. Eher sage ich, dass die Siedlungspolitik des Staates Israels extrem kritisch betrachtet werden muss, als mir mit rechtsradikalem ‘Cancel Culture’ aus der falschen Ecke den Mund verbieten zu lassen.”
A: “Antisemit!”
B: “Echt?”
A: “Genauso wie Roger Waters. Der behauptet auch, dass der Ukrainekrieg nicht ausschließlich zu Lasten des russischen Staates geht.”
B: “Echt? ‘Cancel Culture’? Auf Kosten der Toten?”
A: “Hömma! Jeder Kultur einen Totenkult.”
B: “Und sei es einen mit Fackeln überm Königsplatz in München.”
A: “Machst du jetzt auf Pazifismus-Opportunist a la Schwarzer und Wagenfeld?”
B: “Gebt den Toten eine Stimme. Sie können dagegen nicht protestieren.”
A: “Wer lebt hat immer recht. Wir leben, wir reden.”
Erhabene Meisterin, heute waren es sechsundneunzig.
Sechsundneunzig?
Ich hatte heute Mittag eine kostenlose Filmvorführung von “Ritter der Kokosnuss” organisiert. Jeder erhielt ein Gummischwert mit Eisenkern. Vierundvierzig starben mit dem Satz “Ist doch nur eine Fleischwunde” auf den Lippen. Die Restlichen hielten das für den “Tödlichsten Witz der Menschheitsgeschichte” und erstickten an ihrem Lachen.
Sehr gut, sehr gut.
Zusätzlich organisierte ich noch ausschließlich für Erz-Boomer-Kleriker “Das Leben des Brians”. Die kamen, sahen und regten sich wie erwartet über Gebühr auf und gingen mit Herzinfarkt über die Wupper. Siebenundneunzig. Die Hartnäckigen, die während jenem Film eingeschlafen waren, erhielten noch im Anschluss den Film “The last Temptation of Christ”. Sechs wirklich Hartgesottene überlebten allerdings auch dieses, ich konnte denen noch heimlich iranische Pässe in die Soutane stecken. Am Ausgang wartete bereits die Polizei und hat jene aufgrund Kindesmissbrauchsvergehen einkassiert. Die Priester wurden direkt mit Tatvorwurfsbeschreibung in neun Sprachen in ein Flugzeug nach Teheran abgeschoben.
Agentin A, hört sich gut an, weitermachen. Agent B, was sind Ihre Ergebnisse.
Erhabene Meisterin, ich habe heute eine Vorlesung über das Thema “Haben und Sein” durchgeführt. Inmitten der Vorlesung ließ ich einen Mitverschwörer auf der Bühne den Ausruf “Okay, Boomer” tätigen. Ca. 75% der Zuhörer starben an Schnappatmung. Der Rest lachte anfangs noch, wurde dann aber mit wohldosiertem “Jaja, ihr Baby-Boomer” erledigt.
Agent B, seht gut. Kommt morgen die AKW-Bewegung dran?
Ja, ich habe festgestellt, dass hier die Dichte der Boomer und Baby-Boomer am höchsten ist. Wir werden denen das Gesetz über die Laufzeitverlängerungen vorlesen. Zudem erklären wir denen noch den Nutzen von Braunkohlekraftwerken, Panzern und anderen grünen Entscheidungen. Zu erwartende Herzinfarktrate wird bei 78% liegen. Die restlichen 22 Prozent erledigen wird mittels Unwirksamkeitsstudien von Globuli, Friedensdemos und vegetarischem Veganismus in Zeiten von Weber-Grill-Kugeln. Beim zu erwartenden Handgemenge ist mit Gewalt zwischen Zuhörern zu rechnen, da die sich eh nicht alle grüne sind.
Agent B, Handgemenge sind nicht effizient. Bitte ergänzen Sie die Maßnahmen mit mehr Effektivität. Verteilen Sie vor dem Vortrag noch bitte Brieföffner und Schwiegermütter.
Schwiegermütter?
Wirkt immer, bei diesen Bürokraten, die wissen, was ein Schwiegermuttermörder ist. Agent-etwas C. Ihr Resümee?
Erhabene Meisterin, vierhundertneunundvierzig Menschen konnten wir mit der Titelmelodie “Pat und Patachon” in eine sehr düstere Ecke ihrer Stadt locken und mit Dauerbeschallung mit der Titelmelodie von “Die rote Zora” erledigen. Die Polizei tappt bislang – wie erwartet – noch immer im Dunkeln. Weitere siebenhundertdreiundsechzig Baby-Boomer lockten wir mit der alten Titelmelodien von “Väter der Klamotten”, “Western von Gestern” und “Dick und Doof” in ein tiefes Gewässer, wo sie unter Klängen von “Hey hey Wickie” elendig ersoffen.
Sehr schön, sehr schön.
Weitere siebenhundertelfundsechzig Baby-Boomer haben wir mit der Melodie “Wer hat an der Uhr gedreht” aus deren Arbeitsplätzen geholt und dann mit “Die schnellste Maus von Mexiko” und Udo Jürgens “Vielen Dank für die Blumen” in ein Tigerkäfig locken können. Exitus. Die Tiger sind gesättigt. Leider aber auch übersättigt. Morgen steht dafür der Löwenkäfig auf den Plan.
Agentin D?
Chefin, ich habe einen Fernsehsender infiltriert. Und niemand hat es gemerkt.
Sehr gut.
Mit Geschick habe ich dort eine Show mit Boomern, Baby-Boomern und paar anderen Normalos organisiert.
Sehr, sehr gut.
Dazu habe ich Tweets über diese dämliche Boomer und deren over-cringe Baby-Boomer verfasst. Diese Tweets gingen gnadenlos viral. Beifall war mir hundertfach. Meine Followerzahl stieg annähernd fünfstellig. Ich organisierte Anruforgien in der Show mit dem Ziel: Diskreditierung der weißen, grauhaarigen, alten Männer, diesen dämlichen Boomer und deren over-cringe Baby-Boomer. Sie sollten demaskiert werden, als das was sie sind: überflüssig und ready to go. Ich erreichte meine Zuschauer in der anvisierten Altersgruppe der 14- bis 49-Jährigen: 1,6 Millionen. Mehr als genug, um Anrufer der Gruppe der weißen, grauhaarigen, alten Männer zu übertrumpfen.
Und?
Tja, Chefin, dann hat so ein dämlicher, weiblicher Boomer mit Schönheitsidealen a la Botox und Schlauchbootlippen abgeräumt und wurde Dschungelkönigin …
WAS?! Unglaublich! Elende Versagerin! Agentin D, du bist gefeuert! Du miese Nulpe, du!
Egal.
Wie bitte?
Der Sender hat mich einen Vertrag angeboten. Als Boomer- und Baby-Boomer-Expertin hätte ich mit meinen 39 Jährchen die passende Einstellung und Erfahrung, hieß es …
S #2: Na, wie soll’s schon gehen. Kann mir ja nur gut gehen. Du stehst ja neben mir.
S #1: Keine Sorge, Olaf. Es ist heute Beerdigung. Nur deshalb stehe ich Dir zur Seite.
S #2: Da bin ich ja beruhigt, Markus. Wer dich neben sich hat, der freut sich immer über Gottes Segen.
S #1: Apropos Segen. Du hast mir noch gar nicht zum Geburtstag gratuliert.
S #2: Echt?
S #1: Frank-Walter hat es jedenfalls schon getan. Am Flughafen. Vor laufenden Kameras..
S #2: Ihr beide habt heute am gleichen Tag Geburtstag? Frank-Walter, stimmt das?
S #3: Ssscht! Das ist eine Beerdigung. Seid ein wenig leiser.
M #1: Siehste, Frank-Walter, der Olaf ist immer völlig daneben. Statt mal Panzer und Raketen in die Ukraine zu schicken, gratuliert er noch nicht mal dem Markus.
S #3: Ssscht! Das gilt auch für dich, Friedrich! Hab mal ein wenig Anstand.
M #1: Also, Frank-Walter, ich weiß, was Anstand ist. Das musst du mir nicht erklären. Außer du willst das später mit mir bei meinem Rückflug erörtern.
S #3: Friedrich, ich hab dir doch bereits dreimal erklärt, dass ich ohne meine Sicherheitsleute nicht in deine Cessna steige.
M #1: Also, ich fliege im Anschluss um 12:59 wieder zurück nach Berlin. Mein Angebot steht. Und außerdem ist es keine Cessna. Sondern eine Diamond Aircraft mit zwei Dieselmotoren des Typs Austro Engine AE330 …
S #3: Ssscht! Andacht!
M #1: … und verbraucht weniger Diesel als ein Leopard-Panzer und hat auch weniger CO2-Ausstoß als ein Kreuzfahrtschiff. Also umweltfreundlich und unbedenklich, Frank-Walter. Meine Diamond ist vollgetankt. Die Motoren wurden zum Warmlaufen bereits von mir gestartet. Hier über meine App, Frank-Walter. Schau mal, das ist die absolut neuste High-Tech-Sache. Und total sicher. Mit der App kann ich sogar meinen Flieger steuern und gleichzeitig im Heck mit dir ernsthafte Fragen erörtern …
S #3: Friedrich! Ssscht!
S #1: Nun lass ihn doch, Frank-Walter. Friedrich meint es doch nur gut mit dir.
S #2: Echt, Markus? So gut wie mit mir?
M #1: Also, Olaf, ehrlich, das muss ich mir …
S #3: Ssscht!
S #1: Sag mal, Olaf, wo ist eigentlich deine Silvester-Ansprache-2022-Lamprecht? Ist die keine Christin, deine Christine? Warum ist die nicht hier auf der Beerdigung?
S #2: Die Christine ist im Büro und bearbeitet die Puma-Marder-Geschichte! Die hat zu tun.
S #1: Weiß man’s? Vielleicht steht die wieder vor deinem Kanzleramt und hält eine neue Rede über durchgebrannt Sicherungen in ihrer Abteilung. Also bei den Panzern, die nicht mehr fahren.
S #2: Markus!
S #1: Obwohl, Olaf, das kann ich mir eigentlich nicht vorstellen, so wie die am Sessel klebt.
M #1: Die Christine klebt fester an ihrem Amt als die Klimakleber auf der Straße!
S #1: Das war mein Satz! Du zitierst mich, Friedrich.
M #1: Aber sie klebt. Eben wie Klimakleberterroristen auf den Straßen.
S #2: Ach, ihr beiden. Wenn ihr schon Vergleiche ziehen wollt, dann passt doch dazu besser euer Andreas Scheuer als damaliger PKW-Maut-Minister und seine klaren Gesetzesverstöße …
S #3: Ssscht!
S #1: Recht haste, Frank-Walter. Olaf, das hier ist eine Beerdigung. Und kein vorweg genommenes Provinz-Dreikönigstreffen der SPD.
M #1: Dreikönigstreffen? Wieso nicht? Ich dachte, bei Papst-Beerdigungen werden nur Kaiser und Könige geladen.
S #1: Friedrich!
M #1: Ja, Markus? Ich mein doch nur.
S #1: Friedrich!
M #1: Jetzt sei doch nicht so streng zu mir. Ich bin doch nicht der Laschet, sondern wir sind geschätzte Kollegen. Inzwischen haben wir aus Sympathie schon dieselbe Brille und jetzt willste mich schulmeistern?
S #1: Friedrich!
S #2: Ihr beide seid einfach nur peinlich. Wie könnt ihr nur hier auf dieser Beerdigung sein, ohne dass man sich schämen müsste?
S #1: Joseph Aloisius, ich meine, unser Papst Benedikt, der war Bayer. Und Papst. Und dann erst in zweiter Linie Deutscher sowie Oberhaupt der Katholiken weltweit.
S #2: Ach.
S #1: Friedrich, kann ich bei dir mitfliegen? Ich muss noch zu der Gedenkfeier unserer bayrische Gold-Rosi. Die ist gestern gestorbenen, unsere bayrische Gold-Rosi Mittermaier.
S #2: Vorletzten Monat Hans Magnus Enzensberger, letzten Monat Papst Benedikt, jetzt auch Rosi Mittermaier. Sterben bei euch die Promi-Bayern in Bayern weg?
S #3: Olaf!
M #1: Ja, Frank-Walter, ruf den Olaf zur Ordnung! Ist ja peinlich und frei von jeglicher Sachkompetenz. So wie seine Sesselkleberin Christine. Und das hier auf der Beerdigung. Wenn unser Benedikt das mitbekäme, der würde im Sarg rotieren. Frank-Walter, sprich mal ein Machtwort.
S #3: So! jetzt reicht es mit euch dreien! Friedrich! Ab in die dritte Reihe. Markus, du ebenfalls. Olaf, zweite Reihe links hinter mir. Und wehe, Olaf, du singst das Te-Deum in der falschen Tonlage. Dann entlasse ich deine Christine.
S #2: Olaf, nicht vergessen, das Te-Deum immer in Cis-Moll.
S #1: Markus!
S #2: Frank-Walter, ich wollte doch nur das Beste für Deutschland.
S #1: Ruhe! Oder ihr alle drei werdet von mir aus euren Posten rauskomplementiert.
T #1: Gute Idee, Frank-Walter. Kann ich dann Bundeskanzler? Also als Bundekanzler “Peter Tschentscher, der Erste”?
F #1: Moment, jetzt wäre wieder eine Frau dran wie ich als “Bundeskanzlerin Nancy Fäser”!
S #1: Jetzt reicht’s! Am Dreikönigstag treffen wir uns alle in meinem Schloss Bellevue! Und wehe ihr bringt mir nicht Weihrauch, Gold und Myrrhe mit, ihr Rüpel!
S #2 + S #3 + M #1 + T #1 + F #1: Jawoll, eure Durchlaucht!
S #1: Und, du, Frau Bärbel Bas! Als Bundestagspräsidentin schreibst das Protokoll! Basta!
B #1: Frank-Walter, ich muss Sie zur Ordnung rufen, ihre Redezeit ist abgelaufen. Bitte kommen Sie schnell zu ihrem Ende. Also, die ihrer Rede, nicht Amtszeit, Sie verstehen, nicht wahr …
H: »Habe letztens den Armin mal wieder getroffen.«
M: »Und was macht er?«
H: »Er war im Bergbaumuseum. Ich traf ihn an der Vitrine mit den Steiger-Medaillen.«
M: »Der Armin. Der hängt halt noch sehr an seinen Vater.«
H: »Jaja. Medaille geht halt immer. Nur Bergbau geht nimmer.«
M: »Ja, guck mal, wer da kommt. Hallo, Winfried.«
W: »Hallo Hendrik, hallo Markus. Kommt die Malu noch?«
H: »Wieso?«
W: »Ich wollt mit der über Hochwasser reden, die kennt sich doch aus. Gestern hat’s in Stuttgart geregnet und jetzt ist mein Keller voll.«
H: »Ach, Winfried, das kriegste doch allein gemanagt, oder?«
W: »Sag das nicht, Hendrik. Wenn ich dort zum Absaugen runtergehe, steht mir das Wasser bis zum Hals. Schön ist das nicht.«
M: »Hättest mal ein paar Lenzpumpen kaufen sollen, Winfried. Ein Keller ohne Lenzpumpen ist eine Fehlplanung. Sind solche nicht gerade übrig vom Tieferlegen eures Hauptbahnhofs in Stuttgart?«
W: »Aber nein, Markus, die habt ihr doch alle aufgekauft, um in München die zweite Stammstrecke zu bauen und das Grundwasser bei euch tiefer zu legen.«
H: »Nee, echt jetzt Markus? Jetzt bin ich aber enttäuscht. Du hattest mich doch vor zwei Monaten in Düsseldorf angerufen und wolltest doch solche Gerätschaften nigelnagelneu bei uns einkaufen.«
M: »Ja, Hendrik, aber da war der Pressemensch doch an mir dran, und da musste ich aus ökologischen Gesichtspunkten beim Thema Nachhaltigkeit …«
H: »Da haste also die vom Winfried seinen Hauptbahnhof besorgt? Du bist mir ja ein schöner Freund, Markus.«
W»: »Jetzt streite euch beide nicht. Unsere Hauptbahnhof-Lenzpumpen sind sparsam in Verbrauch, schwäbisch halt, Hendrik. Also Kulturgut, da konnten wir noch beim Gebrauchtwarenwert etwas nachtarocken und der Markus hatte nichts dagegen.«
M: »Nun, Hendrik, auch wir in Bayern müssen der Bevölkerung zeigen, dass wir national denken und regional handeln. Wie der Bayer so gerne zwischen Weißbier und Weißwurst sagt: think globally, act locally. What ever it takes.«
H: »Also echt jetzt, Markus, manchmal regt mich eure „Laptop und Lederhose“-Attitüde auf. Denk doch auch mal an uns hier oben. Was glaubste, warum der Armin mit seinen Kabinettskollegen damals seine Kabinettssitzung bei euch abgehalten hatte, statt in Düsseldorf sie abzuhalten? Na?«
M: »Du wirst es mir wohl gleich sagen, Hendrik.«
H: »Nein, nicht weil der Armin Praktikant eines privaten Radiosenders in München war, der wollte euch NRW-Kultur jenseits von „Laptop und Lederhose“ begreiflich machen.«
M: »Ich weiß gar nicht, was du hast, Hendrik. Unsere Symbiose aus „Laptop und Lederhose“ ist doch gelungen. Oder siehst du es anders, Winfried?«
W: »Markus, wir hier sind Schwaben und darum sparsam. Ich spare mir mal eine Bemerkung dazu. Hauptsache die letzte Rate für die Lenzpumpen erhalten wir nächste Woche. Und schön ist es, dass wir hier in Baden-Württemberg euch Bayern ein wenig Lenzpumpenkultur verkaufen konnten.«
M: »Hendrik, bitte mäßige dich. Wir hier in Bayern …«
H: »Markus, ich reg mich nicht auf. Aber diese ach-so-kultigen Lenzpumpen vom Stuttgarter Hauptbahnhof beim Winfried einzukaufen statt bei uns, weißte, was das ist?«
M: »«Du wirst es mir gleich sagen, Hendrik.
H: »Das ist purste, kalte kulturelle Aneignung!«
M: »Was?«
H: »Jawohl, Markus, das ist ganz mieses „Cancel Culture“ gegenüber unserer rheinischen Tagebaukultur und deren Lenzpumpen. Ganz mieses „Cancel Culture“ von dir und deinen Lederhosen-Laptopträgern!«
M: »Hendrik, du übertreibst.«
W: »Da muss ich dem Markus recht geben, Hendrik. Das hat mit kultureller Aneignung nichts zu tun, sondern das ist Business.«
M: »Ich kann für mich selber sprechen, Winfrid. Also, Hendrik, kulturelle Aneignung ist, wenn ihr bei euch in NRW Mitte Ende September überall Oktoberfest feiert.«
H: »Winfried, ich versuch das ja schon bei uns in NRW zu hintertreiben. Oktoberfest hat mit NRW genau so viel zu tun wie Weißwürste mit heißer Curry-Sauce. Ich rede mir bei uns immer schon den Mund fusselig, die sollen das besser „Michaelisfest“ nennen und Pils aus Willi-Bechern saufen, statt Oktoberfest und bayrisches Bier aus Maßkrügen.«
M: »Und das, mein lieber Hendrik, so leid es mir als Bayrischer Landesvater auch tut, das nenne ich „Cancel Culture“ in Reinstform, wenn du versuchst, unseren schönen Begriff „Oktoberfest“ mit dem banalen Wort „Michaelisfest“ zu ersetzen. Und dann noch unser bayrische Braukunst mit banalem Pils im gleichen Satz zu verwenden …«
H: »So mein Quatsch, Markus. Euer Oktoberfest bei uns in NRW durchzuführen, das wäre genau das, was man kulturelle Aneignung nennt!«
M: »Ach ja? Und sowas nicht zu tun und auch noch aktiv dagegen anzugehen, das nennt sich etwa nicht „Cancel Culture“, Hendrik?«
W: »Nun streitet euch beiden nicht. Wir in BW sehen das nicht so eng. Wir können eh alles außer …«
H: »… Hochdeutsch. Wissen wir, Winfried.«
M: »… Bayrisch. Jaja, Winfried.«
W: »Ich weiß gar nicht, was ihr beiden habt. Wir fahren damit ganz gut in Baden-Württemberg.«
M: »Ganz gut fahren? Winfried, da sag ich nur Audi und BMW in Bayern!«
H: »Ihr armen Bayern. Ich sag nur FORD, STELLANTIS, ASTON MARTIN, TOYOTA und Karnevalszüge ohne Schienen. Ganz zu schweigen von Vertriebsniederlassungen von BMW, Audi, Daimler und Porsche. Damit fahren wir in NRW auf alle Fälle besser.«
W: »Ihr Armenhäusler, ihr. Ihr Hungerleider dort habt ja auch nichts anderes in NRW. Sparen könnt ihr ja auch nicht, das können wir Schwaben besser. Drum haben wir auch mehr Kohle als ihr. Und, wenn ihr Kohle besitzen wollt, dann müsst ihr ganze Dörfer wegbaggern, Hendrik, und nennt es Braunkohletagebau.«
H: »Ja und, Winfried? Würden wir unsere Kohle nicht verstromen, dann könnten wir den Strom nicht verkaufen. Wir haben den Strukturwandel geschafft. Da kann Deutschland stolz auf uns sein.«
W: »Und verpestet mit euren Braunkohlekraftwerken unsere CO2-Bilanz.«
H: »Och, Winfried, jetzt machste wieder auf Klimawandel, nur weil nach dem Schauer dir dein Keller abgesoffen ist. Mir kommen die Tränen. Dann baut mal mehr Windräder!«
W: »Du musst gerade reden, Hendrik, du baust doch nur Windräder damit der ganze Braunkohlestaub zu uns ins schöne Schwabenland runter geblasen wird!«
H: »Ach ja? Da sag ich dir mal eins, ich fordere, dass im Länderfinanzierungsausgleich diese kostenfreie Überlassung von Braunkohlestaub im Länderfinanzierungsausgleich zu unseren Gunsten in NRW berücksichtigt wird! Umsonst gibt’s von uns nichts mehr.«
M: »Guter Punkt, Hendrik, wir in Bayern, wir haben im ersten Halbjahr dieses Jahres keine einzige Windenergieanlage stillgelegt. Du, Hendrik, in NRW aber bereits vier. Das ist nicht gut in Zeiten der Stromknappheit, das ist dir schon klar, nicht wahr, Hendrik, oder?«
H: »Dafür haben wir 47 neue gebaut. Und ihr in Bayern? Läppsche drei Windenergieanlagen von den 13 beantragten.«
M: »Was willste damit sagen. Zum Jahresanfang wollten wir nur eine Anlage neu in Betrieb nehmen. Jetzt haben wir eine Steigerung um 300%! Das möchte ich mal in NRW sehen, mein lieber Hendrik. Bayern hatte zuletzt den größten Nettozuwachs aller Bundesländer bei den erneuerbaren Energien. Wir produzieren mehr Solarstrom als das Saarland überhaupt an Strom insgesamt.«
H: »Saarland? Ist ja auch ein riesiges Bundesland.«
M: »Und noch was, Hendrik, der Winfried und ich, wir haben eine Wasserstoff-Allianz gegründet mit höchsten Kompetenzen für diesen Energieträger der Zukunft. Und, denk dran, bevor du wieder mit dem Länderfinanzierungsausgleich kommst: das deutsche Leistungsherz liegt im Süden. Stottert der Motor im Süden, dann schüttelt es Deutschland.«
H: »Komm, Markus, geschenkt. Und wenn ihr dort unten mal wieder Diarrhö produziert, müssen wir wie bekloppt saufen, damit ihr gesäßseitig nicht austrocknet. Du denkst vielleicht, du seist der Nabel der Welt, aber wenn, dann höchstens der andere Punkt auf der gegenüberliegenden Seite paar Zentimeter tiefer!«
M: »Das nimmst du zurück, Hendrik!«
H: »Nehm ich nicht, du Markus, du!«
M: »Doch!«
H: »Nein!«
M: »Doch!«
W: »Oooh. Kinders, hört auf zu streiten, das bringt doch nichts.«
M: »Winfried, halt dich da raus! Wenn ich mit dem Hendrik streite, dann streiten sich mehr als ein Drittel der Deutschen, vertreten durch uns beide. Außerdem freue ich mich doch auf den gemeinsamen Bierzelt-Auftritt, mit Hendrik am 5. September, beim Niederbayrischen Gillamoos-Bierfest. Bekanntermaßen muss zur Vorfreude vorher nur noch Frieden geschlossen werden. Also: ohne Streit, kein Frieden.«
W: »Markus, ich will doch nur, …«
H: »Winfried, der Markus hat recht! Du kannst deinen schwäbischen Wurzeln freien Lauf lassen und dir die Bemerkungen sparen. Södern wirste nie als Handwerk beherrschen.«
W: »Hendrik, also manch mal biste aber auch wirklich ein Wüster in deiner Argumentation. Was hat das eine Sparen mit deinen anderen Bemerkung-Sparen zu tun?«
H: »Vorsicht, Winfried, Fakt ist, wir müssen alle sparen und trotzdem mit kühlem Verstand und heißem Herzen dafür sorgen, dass es niemanden friert.«
W: »Deiner Floskeldrescherei ist kulturelle Aneignung und “Cancel Culture” zugleich. Dem kann ich nur die kalte Schulter zeigen.«
M: »Dreschen ist nur möglich, wo es was zu ernten gibt.«
H: »Klar. Drum bin ich dafür, dass alle in öffentlichen Gebäuden arbeitenden im Winter ins Home Office geschickt werden. Damit sparen wir uns als Land sehr viele Heizungskosten. Wenn niemand in den öffentlichen Gebäuden ist, braucht auch niemand zu heizen, weil niemand drin friert. Das dadurch Ersparte können wir im Sinne von Angebot und Nachfrage der freien Marktwirtschaft am selbstregulierenden Markt zu höheren Preisen verkaufen.«
W: »An wen?«
H: »Zum Beispiel an die im Home Office arbeitenden Menschen, welche es bei der Arbeit auch noch recht wärm haben möchten. Es macht doch keinen Sinn, bei denen nicht zu sparen, denen eh nichts erspart bleibt.«
M: »Hendrik, grandios, das werde ich gleich an meinen CSU-Generalsekretär, dem Blume, weiterleiten? Er kann dann im Bayrischen Rundfunk bei seinen zuhörenden Bayern punkten.«
H: »Aber du musst ihm sagen, dass es von mir ist, Markus, nicht wahr.«
W: »Ääääh, und ich? Was sag ich meinen Bürgern in Baden-Württemberg, wenn es denen frieren sollte?«
M: »Winfried, ich dachte, ihr in BW könnt alles außer Hochdeutsch? Sollen die sich doch mit Waschlappen warmrubbeln, wer ein verfrorener Lappen ist.«
H: »Oder die könnten doch auf Spinnern strampeln, damit eure restlichen Lenzpumpen am Stuttgarter Hauptbahnhof mit erneuerbare Energie aus den Spinnern gespeist werden.«
M: »Nebenbei, Winfried, brauchst du noch eine Lenzpumpe für deinen Keller? Ich glaube, vom Kauf eurer Lenzpumpen haben wir beim Bau der zweiten Stammstrecke in München zwei übrig.«
W: »Zwei?«
M: »Eigentlich nur eine. Die andere haben wir bei uns für die Toiletten unserer Staatskanzlei installiert. Funktioniert ganz famos. Die pumpt all den Unrat aus unserer Staatskanzlei geräuschfrei und unauffällig ab. Und die eine, also die andere, die könnten wir dir noch überlassen, Winfried. Als Staatsgeschenk. Zur Erhaltung und Förderung der gemeinsamen Freundschaft.«
W: »Ach nee, Markus, ich bestell lieber eine bei Amazon. Da kann ich die nach getaner Arbeit binnen 30 Tagen kostenlos wieder als Retoure eintüten und schreibe „Habe irrtümlich bestellt“ und krieg das Geld zurück.«
H: »Typisch Schwabe. Will immer nur sparen. Koste, was es wolle.«
W: »Wenn wir bei uns den Gürtel enger schnallen sollen, dann bitteschön dürfen wir uns den Gürtel doch wohl noch aussuchen, oder?«
M: »Gut. Aussuchen lässt sich machen. Dann lad ich euch morgen Nachmittag zum Bummel auf unsere Maximilianstraße in München ein. Da hat es sehr schöne Gürtel.«
H: »Wir in Düsseldorf auf der Kö haben aber auch tolle Gürtel-Markengeschäfte!«
W: »Okay, dann ist es ausgemacht. Morgen nach München und übermorgen nach Düsseldorf. Da wird sich wohl schon noch ein passender Gürtel finden lassen.«
H: »Und dein vollgelaufener Keller? Willste den nicht morgen leer pumpen lassen?«
W: »Nee, habe gerade von Malu eine SMS erhalten. Die kann mich erst nächste Woche zum Hochwasserschaden beraten. Solange muss der Keller nun mal warten.«
M: »Werf einfach ein Waschlappen rein. Vielleicht saugt der alles weg.«
H: »Okay. Also bis Morgen auf der Maximilianstraße. Markus, du sorgst fürs Frühstück und ich bring paar Pressereporter mit. Die Nachwelt soll auch mitbekommen, wie wir uns ums Sparen sorgen.«
Ein Vorschlag aus dem letzten Jahrtausend von dem kongenialen Kabarett-Duo “Missfits” (Gerburg Jahnke und Stephanie Überall) über “Feminispräch” als Kontra-Punkt der männlich dominierten Sprache (neudeutsch: “Gendern”):