Wartebankgeschichte: For we can fly, we can fly up, up and away …

Jetzt sitz ich hier schon seit knapp zehn Minuten und warte auf den Abflug. Die lassen sich heute aber mächtig Zeit, nicht wahr.

Yep. Die haben die Ruhe weg.

Ich bin schon über 60, da hab‘ ich nicht mehr so viel davon übrig, da könnten die ruhig mal ein wenig hinne machen, nicht wahr.

Na, so schnell werden Sie doch wohl nicht sterben, hier am Gate. Zumindest gleich doch nicht.

Weiß man‘s?

Nö.

Na also. Mich nervt es regelmäßig, wenn jemand von diesen jungen Hüpfern sagt, machen Sie ruhig, lassen Sie sich Zeit, nur Geduld, und so. Haben die überhaupt ne Ahnung, worüber die reden?!

Ach, für solche ist alle Zeit ewig.

Dorian Grays der Neuzeit. So verschwenderisch, wie die mit der Lebenszeit anderer Mitmenschen umgehen, das ist ja nicht mehr normal. Das grenzt an vorsätzlicher Nötigung!

Hm. Oder an nötigenden Vorsatz.

Vorhin in der Lounge, … also, ich mein das, das, was vorher sich mal sich Lounge schimpfte …

Senator-Lounge?

Hon-Circle!

Nicht schlecht. War ich auch mal. Aber jetzt bin ich Platin-Card-Member. Dort werden Sie so richtig wertgeschätzt. So richtig in einem Special-Platin-Room. For Members only. Ich hab sogar den Pan-AM-Kugelschreiber in Gold. Eine Rarität als Special Gift for Special-Platin-Members.

Echt? Ich benötige noch vier Flüge, dann erhalte ich auch die Platin-Card. Vier Flüge noch.

Tja, dann werde ich Ihnen persönlich die Hand geben. Jetzt aber nur den Ellenbogengruß. Sie kommen gerade aus der Hon-Circle-Lounge?

Naja, was sich vorher so Lounge schimpfte. Was ich noch dazu erzählen wollte: also, da meinte doch diese Thai, das Service-Mädl in ihrem kackbraunen Lounge-Kostüm, ich solle doch meine Tasse wegräumen. Meinte die. Einfach so. Zu mir.

Ernsthaft? Hat die wirklich gemeint, Tassen als Gast jetzt selber wegzuräumen, wäre okay?

Ja. Echt jetzt. Hey, bin ich etwa Lounge-Jobber?

Das hätte die mal zu mir im Special-Platin-Room sagen sollen, die wäre gefeuert worden. Direkt. Von jetzt auf gleich. Nur schneller. Hat die denn wenigstens noch gelächelt? So als Thai, meine ich?

Ein wenig. Ich hab‘ der Thai gesagt: Mai Ling, habe ich gesagt, Mai Ling, das heißt nicht nur „Bitte“, sondern „Bitte, bitte“, so viel Zeit muss sein, nicht wahr. Und außerdem, habe ich ihr noch gesagt, und außerdem, Mai Ling, dafür wirste doch bezahlt dafür, Mai Ling, nicht wahr, fürs Wegräumen und Putzen, nicht wahr. Oder ist hier auch Servicewüste Deutschland, hab ich gefragt.

Und was meinte sie dazu?

Die wurde doch glatt pampig! Wegen Hygiene-Maßnahmen und Corona und so, meinte die, da soll jetzt jeder Passagier seine eigenen Sachen selber wegräumen.

Nicht wirklich jetzt, oder?

Und außerdem hieße sie nicht „Mai Ling“ sondern „Frau Sibenjürgen“, das stehe doch auf ihrem Namensschild. Ob ich nicht lesen könne, und ich solle sie gefälligst auch so ansprechen.

Typisch. Lounge-Besucher als Analphabeten zu bezeichnen, geht dreimal gar nicht.

Und wegen der Bezahlung, polterte sie noch, wegen der Bezahlung würde sie nicht arbeiten, weil, das wäre ein Hungerlohn. Allein die zusätzlichen Dinge wie vergünstigte Flugangebote und die Trinkgelder würden den Lohn aufwerten.

Echt? So etwas nehmen die sich inzwischen raus? Wirklich dreist! Der Hon-Circle scheint ja inzwischen recht runtergekommen zu sein. Günstig „Urlaub-machen“ wollen, aber dann noch Passagieren deren Geld aus der Tasche schnorren. Unglaublich.

Nicht wahr? Ich versuche schon meine vier Flüge vor zu verlegen. Diese Zustände im Hon-Circle sind unzumutbar. Ich habe zu ihr gesagt: Mai Ling, habe ich zu ihr gesagt, erstens habe ich den Pflicht-Negativ-CoVid-Test der Fluggesellschaft als Lizenz zum Fliegen, habe also kein Corona, und ob sie mir überhaupt einen aktuellen Negativ-Test von sich zeigen könnte, und zwar von heute?

Yep, ich wette, die testen sich erst gar nicht.

Und zweitens, es wäre mir egal, ob sie „Ziegenwürgen“ oder sonst wie hieße, sie solle mal gefälligst honorieren, dass ich überhaupt mit ihr spreche oder dass sie überhaupt den Job in der Lounge erhalten habe.

Es gibt genug Arbeitslose, die sich nach ihrem Job die zehn Finger lecken würden.

Von mir würde sie jetzt kein Trinkgeld erhalten. Dafür erwarte ich besseres Benehmen. Schlechte Kinderstube erfährt von mir keine Wertschätzung. Ihre Mutter solle sich mal für sie schämen.

Haben Sie sich wenigstens über sie beschwert?

Nein, keine Zeit. Musste zum Gate hier, wegen dem Abflug. Nur um dann zu erfahren, dass der Flug Verspätung hat. Im Hon-Circle sagt ja einem keiner was. Und Sie?

Hm. Ich wollte mal ein wenig die reale Welt am Gate kennen lernen. Weil immer nur Special-Platin-Room ist ein wenig zu abgeschottet. Wie in einem schönen Ballon mit Baldachin in der Dämmerung. Trotz den Cocktails und der Schmankerl. Man muss auch offen bleiben für die Welt, Sie verstehen?

Absolut. Immer nur Lounge, immer nur diese Begriffsstutzigen dort, die ihren Job nicht richtig verstehen wollen, das ist nicht wirklich die Realität dieser Welt. Da muss man mal raus, aus dieser Komfortzone, diesem Hon-Circle-Kokon und das Echte genießen, nicht wahr.

Wohin geht’s?

Athen. Verhandlungen. Hoffentlich streiken nicht wieder irgendwelche Piloten. Ich will pünktlich ankommen.

Corona, Piloten, Saftschubsen, Bodenpersonal, Streik. Etwas ist immer. Und dann versagt auch noch vielleicht irgendwo in einem Flugzeug irgendeine Board-Software und dann werden wieder Flüge gestrichen, weil die Fluggesellschaften nicht genug Fliegmaterial haben …

Ja. Leicht hat es nicht in diesen Tagen.

Das Leben wird immer härter. Meine Frau hat neulich die Scheidung eingereicht.

Mein Beileid.

Ach, nicht wirklich tragisch. Sie ist mit einem dieser Millennials der Generation Y liiert.

Generation Yps?

Nein, Generation Y. Also nicht wegen dem damaligen Comic-Heft, sondern das Wort wird englisch ausgesprochen: Why. Weil die jener Generation halt immer so viel fragen.

So einen hat sie sich an Land gezogen?

Yep, Baujahr der 80er/90er. Die stehen ja auf Milfs. Hatte den bereits ein halbes Jahr zuvor zufällig ohne ihr Wissen entdeckt. Nun ja. Aber jetzt, jetzt kann ich endlich mit meiner Freundin ganz offiziell auf Empfänge und in die Clubs oder so.

Clubleben und Empfänge? Ist das alles durch den Lockdown nicht weggebrochen?

Aber sicher gibt’s das noch. Im Platin-Member-Circle haben wir für so etwas eine Anlaufstelle, eine Adresse im Darknet. Da tauschen wir immer unsere aktuellsten Termine für so etwas aus. Wir haben das, wo von andere momentan nur träumen: Spass.

Wie letztens an Silvester in der Bretagne?

Musste ich leider absagen, wegen meiner Scheidungssache. Ich mein, sein wir doch mal ehrlich, keiner will diesen Lockdown, auch wenn er nötig ist. Niemand hier will ihn wirklich. Der Mensch ist ein Gesellschaftstier. Und wenn man, wie ich, auf die 70 zugeht, dann freut man sich über jede bessere Gesellschaft, die man noch bekommen kann.

Keine Angst vor CoVid-Ansteckung?

Iwo. Ich bin der Älteste in unserem Kreis.

Das ist gut, denn die jungen Hüpfer haben weniger Covid-Probleme als Boomer, nicht wahr.

Richtig. In unserem Kreis sind alle in etwa so alt wie meine Freundin, so U45. Also keine dieser alten, grauhaarigen, weißen Männer.

Das ist schön.

Wir sind alle ganz normal, haben auch paar Diverse und auch Colour of People im Kreis. Die Freundin meiner Freundin ist beispielsweise eine junge Brasilianerin aus Sansibar. Ihre Mutter war Deutsche.

Beneidenswert. Meine Frau hätte da was dagegen. Die ist eifersüchtig wie Hölle. Einmal falsch geblickt, schon habe ich ein schlechtes Wochenende. Da sind die Zustände in der Lounge im Vergleich dazu fast schon wieder paradiesisch zu nennen, nicht wahr. Sie kennen sich ja recht gut in Sachen Generationen aus.

Naja, in meiner Branche und im Leben haben Kenntnisse noch nie geschadet. Wussten Sie, dass die meisten Corona-Verschwörungstheoretiker aus der Generation X kommen? Direkt noch vor den Baby-Boomern. Generation X ist die Nachfolgegeneration der Boomer und hat den Ruf, immer vordergründig unabhängig von den Medien und deren Werbung sein zu wollen. “Nur tote Fische schwimmen mit dem Strom” war deren Slogan, damals in den 90ern.

Ich erinnere mich. Nein, ich erinnere mich nicht wirklich gerne an die.

Und auf der Generation X folgten die Millennials, die Generation Y, welche sich über den Streit zwischen Generation X und Boomer lustig machten, und gleichzeitig alles von denen hinterfragten. Eigentlich eine ganz vernünftige Generation, wenn Sie mich fragen. Weil die haben wenigstens noch das hedonistische Element mit einem gesunden Schuss Narzissmus in sich kultiviert.

Und die findet ihre Frau so toll, weil die auf Milfs stehen?

Scheidung, mein Bester, Scheidung hat immer was Gutes. Zum Beispiel ist jetzt der Euro wieder das Doppelte wert. Und der neue Platz im Haus für mich. Unbezahlbar. Habe mir letztens ein paar antike Amphoren aus der Türkei ins Haus gestellt.

Antike Amphoren aus der Türkei?

Original. Sorgfältig ausgegraben und vorsichtig gehändelt. 1a Handarbeit. 1a Antik.

Und? Selbst importiert?

Iwo. Darknet. Alles Darknet. Offiziell kriegt man sowas doch gar nicht. Einfach per Gepäck einführen, das gäbe nur Ärger mit den Behörden, obwohl es ansonsten hier doch jedem völlig egal ist. Außer dieser ‚jedem‘ kann es sich nicht leisten, dann ist das Geschrei groß. Dann kommt der Shit-Storm.

Ich sag nur Neidkultur.

Das können Sie aber mal laut sagen.

NEIDKULTUR!

Nu schreien Sie doch nicht so. Muss doch keiner wissen. Gibt nur Ärger.

Irgendwie ist das Gate recht verwaist.

Hm. Ob der Flug abgesagt wurde? Können Sie lesen was da steht?

Moment, ich muss meine Brille rausholen, ich seh nichts.

Und?

Verlegt zu Gate 12.

Gate 12? Am anderen Ende des Terminals?

Andere Möglichkeit gibt es nicht.

Doch.In drei Stunden geht von diesem Gate der nächste Flieger nach Athen. Lassen Sie uns umbuchen.

Umbuchen?

Ich lad sie in unseren Special-Platin-Room ein, weil Sie’s sind. Bis zum nächsten Flug können wir uns bei Cocktails und Snacks die Zeit vertreiben. Ich zeig Ihnen dann auch ein wenig vom Darknet. Besser als Parship und Tinder. Alle 10 Minuten treffen Sie im Darknet interessante Kontakte. Für jede Vorliebe. Zudem wird sicherlich noch die Bedienung Susanne anwesend sein.

Nettes Mädl?

Gute Kinderstube. Das wird entspannend. Kommen Sie schon, buchen Sie um. Nehmen Sie sich die Zeit, so schnell werden Sie doch wohl nicht sterben, als dass Sie dazu keine Zeit hätten. Fliegen können wir noch immer. Echte Geschäfte sind zeitlos. Selbst in Athen. Und? Wie wär’s? Ist das nicht ein faires Angebot? Die Welt ist ein schönerer Ort im Special-Platin-Room. Los! Auf, auf und weg von hier!

Abschiedsgedanken

»Ich muss mich dann langsam mal auf den Weg machen.«

»Dann bitte. Reisende soll man nicht aufhalten. Ihre Abschiedsgesuch für jetzt ist schon unterschrieben, gestempelt und abgeheftet.«

»Ah, ja. Mir ist nicht ganz wohl, Sie so alleine zurück zu lassen.«

»Ich komm schon zurecht.«

»Ah. Ihre Aktentasche. Das … vielleicht … können Sie die ja noch gebrauchen.«

»Für wen? Für was?«

»So etwas gibt ja immer ein bisschen Halt, denk ich, oder nicht.«

»Meinen Sie?«

»Vielleicht. Wer hätte das gedacht, dass wir zwei uns so einmal zerstreiten würden, nicht.«

»Wegen einer Pandemie.«

»Das ist es ja eigentlich gar nicht Wert, nicht. Na ja.«

»Übrigens, …«

»Ja?«

»… Sie würden mir mehr fehlen als jene Pandemie.«

»Heißt das, … Sie meinen, dass wir beide noch ne Chance hätten?«

»Wenn Sie das Richtige tun, …«

»Das können Sie sich wirklich vorstellen?«

»… können Sie bleiben. Würde mich freuen.«

»Wir müssen reden. Wissen Sie, was wir jetzt machen? Jetzt machen wir folgendes, passen Sie auf. Als erstes machen wir hier nicht …«

»Wir machen jetzt gar nichts.«

»Nein?«

»Nein. Nur die Biege.«

»Oh Gott, Fünf vor Acht. Die Tageschau.«

»Also später.«

»Später.«

»Bis später. Reservieren Sie mir dann den Platz neben sich auf dieser Parkbank hier.«

»Wie jedes Mal. Und Sie mir etwas vom Eiswein.«

»Bringe ich mit. Wie jedes Mal. Mit zwei Pappbechern. Weiß-blau-quergestreift.«

» Und heißes Wasser in der Thermoskanne. Zum Anwärmen. Wie jedes Mal. Ade.«

»Ade.«

Es ist, als ob Engelein singen, wieder von Frieden und Freud’

»Hallo, Careca am Apparat.«

»Opa? Opa, ich bin’s. Wie geht’s? Der Jörg!«

»Jörg! Wie geht’s dir? Lange nicht mehr von dir gehört.«

»Aber Opa, ich hatte dir doch erst im Oktober zum 83. Geburtstag gratuliert. Und dir ein Ständchen gesungen. Hast du das vergessen?«

»Nein, nein, mein Jörg, das habe ich nicht vergessen. Ich erinnere mich gern dran. Aber sonst meldest du dich auch so selten.«

»Ja, da hast du Recht, Opa, das ist mir auch aufgefallen. Seitdem Papa gestorben ist, du weißt, das bedrückt mich noch immer, der Verkehrsunfall. Einfach so. Von gestern auf heute.«

»Ja, mir wird’s noch immer schwer ums Herz, wenn ich dran denke, dass mein Sohn vor mir, von uns gegangen ist.«

»Ja, Opa. Er war schließlich mein Vater, nicht wahr. Auch wenn es bereits dreizehn Jahre her ist. Ich denke noch häufig an ihn. Ihr beide ward ja fast immer unzertrennlich. Drum dachte ich, ich meld’ mich mal.«

»Das ist lieb. Wie geht es dir?«

»Gut. Und dir?«

»Ach ja, ist hier ein wenig einsam im Altersheim in der Isolation, ohne Besuche wegen dieser Krankheit.«

»Ja, ja, das ist schlimm. Hoffentlich ist das alles bald vorbei.«

»Ja, hoffe ich auch.«

»Habt ihr schon mitgeteilt, wann ihr dort alle geimpft werdet? Stehst du schon auf der Impfliste?«

»Seit gestern. Nach Weihnachten soll es losgehen. Ich stehe auf Platz 19 der Impfliste.«

»Das ist schön, Opa. Du mit deinen 83 Jahren. Voll cool. Übrigens, ich habe gehört, dass die ganze Kacke bei jüngeren Männern als Langzeitfolge zu erektiler Dysfunktion führen kann. Haste schon gehört? Ganz schlimm. Wirklich schlimm. Total uncool.«

»Zu was? Erektiler Dysfunktion?«

»Du weißt, das ist das, wozu man nachher Cialis, Sildenafil, Levitra, Avana, Dapoxetine, Viagra und so weiter für teures Geld schlucken muss, damit nachher man als Mann ein Mann sein kann. Die Krankheit macht schlapp, weißte.«

»Echt?«

»Ja, hamse herausgefunden. Opa, ich werd’ im Februar doch erst 33, voll jung,ey. Ich will nicht wegen dieser uncoolen Kack-Krankheit von einer Sahneschnitte von Frau wegen eines Hängers im Bett gekreuzigt werden. Das wäre voll schlimm.«

»Hm. Schön wäre sowas nicht, aber …«

»Opa, heute will die Gesellschaft, dass Männer ihren Mann stehen. Ein Lappen will doch niemand. Noch nicht mal im Bett. Opa, kannst du mir deinen Impfplatz nicht einfach überlassen? Die Großeltern meiner Freunde werden das auch machen, haben die zugesagt. Ich mein, du wirst ja wohl eh kaum Sex im Altersheim haben, und ich bin doch recht jung, nicht wahr. Dann wäre ich gegen diese Kack-Langzeitfolge ‘Erektile Dysfunktion’ immun und ich könnte mich voll für die Gesellschaft einbringen. Niemand will einen Schlappschwanz, einen Lappen als Mann.«

»Also, hier hat es öfters regen Sexualverkehr …«

»Opa, echt jetzt? Das ist ja voll eklig. Außerdem kannst du eh nicht so oft wie ich. Also, wenn das in Ordnung geht und ich deinen Impfplatz bekomme, dann schicke ich dir auch ein Weihnachtsgeschenk, ein richtig dolles, da wird dich jeder drum beneiden: Ein Ipad5, dann können wir auch mal wieder so facetimen und du kannst auch privat im Internet per Apple surfen.«

»Face … was? Hm.«

»Du bist einverstanden, Opa? Danke! Ich bin ja so stolz auf dich! Ich schick dir das Geschenk per Paketdienst zu Weihnachten. Dann facetimen wir, wie wir das nachher machen, so mit deinen Impfplatz mir überlassen und so. Frohes Fest dir auch! Dicke Umarmung!«

»Jörg? Ich möchte, … Jörg? Hm. Aufgelegt. Super! Wahnsinn! Mein Enkel hat mich endlich mal wieder angerufen! Wow!«

Die Feder ist mächtiger als das Schwert, oder: Dummes Geschreibsel ist beängstigender als eine Hiebwaffe

Wir schreiben den 21. Dezember 2020. Der Tag ist grau. Nebelschleier verhindern den Blick zur Sonne. Heute ist einer der kürzesten Tage im Jahr: 8,35 Stunden sollte die Sonne theoretisch zu sehen sein. Dabei werden die Abende bereits seit dem 12. Dezember 2020 wieder länger. Nur mit den früheren Sonnenaufgängen wird es erst wieder ab dem 2. Januar 2021 wieder was werden. Das alles ist nur akademisch interessant. Für die meisten Menschen wäre das zu verwirrend. Darum zählt nur der Längenvergleich und nicht die wissenschaftliche Erklärung dahinter.

Als Kinder auf Klassenausflügen sangen wir in früheren Zeiten – die alten, weißen, grauhaarigen Männer und die alten, faltigen, Mask-Teint-ed Frauen werden sich noch dran erinnern – das Lied der Wissenschaft in hohen Tönen (weil noch kein Stimmbruch):

Die Wissenschaft hat festgestellt […], dass Marmelade Fett enthält, […] drum essen wir auf jeder Reise […] Marmelade eimerweise […].

Die Wissenschaft hat festgestellt […], dass Knackwurst Pferdefleisch enthält, […] drum essen wir auf jeder Reise […] heiße Knackwurst meterweise […]

Die Wissenschaft hat festgestellt […], dass Coca-Cola Schnaps enthält, […] drum trinken wir auf jeder Reise […] heiße Coca-Cola fässerweise […]

Uns so weiter und so fort. Es sollte jetzt ja niemanden wundern, warum aus meiner Generation so viele übergewichtig durch die Gegend schwanken oder beim Urlaub auf den Stränden der Kanaren und Karibik von Walretter-Organisationen ins Meer gerollt werden. Ganz zu schweigen von den Personen, die mit vor Geldscheinen strotzenden Geldklammern durch die Gegend laufen, weil sie gelesen haben, dass Euro-Scheine sehr stark mit Kokain belastet sind, und zu Hause dann jeden Geldschein gründlich ablecken. Nachdem zusätzlich auch noch rausgefunden wurde, dass mehr als 20 Währungen deren Geldscheine mittels tierischen Fetten herstellen, sind die veganen Geldschein-Lutscher ein wenig angefressen, weil sie jetzt deren Kokain beim Schwarzmarkthändler kaufen müssen, der ihnen nicht bestätigen kann, dass dessen weiße Substanz vollkommen vegan produziert wurde …

Es erstaunt mich immer wieder, wie ich es mit meinem Geschreibsel schaffe, in einem Absatz mehr als ein halbes Dutzend Halbwahrheiten und selbstgemachte Annahmen einzustreuen, nur um an den Knackpunkten der Vorstellung des Lesers zu arbeiten. Gut ist das nicht. Andere sind darin aber wesentlich besser.

Die können all ihre Ideen, Überzeugungen und Gedanken in 200 Zeichen packen und die Twitter-Welt überzeugen. Oder in Telegramm-Gruppen über all die Doofen unserer Gesellschaft sich aufregen.

All diese Echo-Kammern haben etwas von Selbst-Therapie-Gruppen. Zumindest wenn es darum geht, dass sich alle im Kreis auf Stühle hocken und deren Weltenjammer-Leid klagen. Sie reden nicht, nein, sie schreiben in ihren Gruppen und lesen Geschreibsel der anderen. Wichtig ist dabei, dass solche Pseudo-Schreibtherapie-Gruppen auch immer einen Gruppenleiter haben. Keinen Gruppenleiter mit einer grundlegenden wissenschaftlichen Ausbildung, nein, sondern einen, der zu wissen glaubt, wo man wissenschaftliche Arbeiten finden kann (und zwar in Buchhandlungen, statt in Universitäten) und der – weil er weiß, wo sich drei Buchhandlungen befinden (eine im Internet, die andere in der Innenstadt und die dritte bei seinem Guru) – schlichtweg Ober-Querdenker nennt. Der wacht dann darüber, dass alle Gruppenteilnehmer quer denken. Und zwar dermaßen querdenkend gleichgeschaltet, damit Gedankenfreiheit auch kontrollierbar wird. Denn wer nicht das Querdenken beherrscht, der ist zwangläufig – per definitionem – Mainstream-Denker und somit Schlecht-Mensch. Und das ist noch schlechter als Gut-Mensch. Im Sinne von quergedacht halt.

Nach unbestätigten Gerüchten sollen alle Gruppentherapie-Teilnehmer gemeinsam in ihren Echokammer das allgemeine Glaubensbekenntnis der Querdenker singen – so wie wir es damals auf den Schulausflügen in den Bussen fleißig zum Leidwesen der Busfahrer geübt hatten – :

Die Querdenker haben festgestellt […], dass Wissenschaft auch Ideologie enthält, […] drum besaufen sie sich auf jeder Reise […] mit ihrer Ideologie fässerweise […]

8,35 Stunden Sonne hinter Hochnebelschwaden. Ab morgen steht mehr Tageslicht zur Verfügung, diesen Hochnebel länger zu bewundern. Länger in den Abendstunden. In der berühmt berüchtigten Herrgottsfrüh wird das erst im nächsten Jahr möglich, wenn die Sonne wieder früher aufgeht. Bis dahin gilt für heute das Gleichgewicht der Kräfte: Tag- und Nachtgleiche. Und dazu: Hochnebelwetterlage ohne Durchblick bis zur Unendlichkeit und noch viel weiter …

Kein Pardon, volle Kraft voraus zurück …

“Kennst du das Land, wo die verwässerte Wüstenrose blüht? Ja? Richtig, nächste Straße halbrechts, zwei Zigarettenpausen geradeaus, an der Straßenlaterne unter dem aufgebockten Trabi immer gen Norden, bis an den Rand des eigenen Horizonts, dort eine Atempause lang bücken und dann steht sie vor dir, das Wüstenröschen. Unscheinbar. Blühend. In einer Pfütze. Zwischen zwei silbernen Kreuzen, unter denen jeweils ein treuer Hund begraben liegt. Und jeder begrabene Hund hat einen goldenen Knochen im Gebiss. Bekanntlich geht der Hund zum Knochen und nicht umgekehrt. Warum die beiden Knochen in den Hunderachen aus Gold sein sollen? Die Legende sagt, dass die Hunde in einem Berliner Varieté der wilden 20er des letzten Jahrhunderts zu Lachsalven von Buster Keaton geheult hätten. Ihr Heulen soll jedem durch Mark und Bein gefahren sein. Auf der tierischen Überholspur. Sie hatten einfach Gold in deren Kehle. Aber keiner hätte jemals nachgesehen und sich davon überzeugt. Deswegen die beiden Goldknochen in den Totenschädelgebissen der Hunde.

Irgendwie der Wahnsinn. Es gibt keine Zufälle. Alles hängt mit allem zusammen, das muss man sich mal klar machen, um es zu verstehen. Auch wenn es keine Sau verstehen will.

Dreimal hatte ich es versucht und mich auf den Weg gemacht, dreimal endete meine Odyssee an einer Stacheldraht-umzäunten Mauer mit seltsamen Schriftzeichen drauf. Beim vierten Mal taten mir dann die Füße weh, die Nase blutete und die Sonne blendete. Das letzte Mal musste ich schließlich abbrechen. Eines Zahnarzttermins wegen. Ich kam zu spät. Weil ich bei meiner Suche schon zu weit fortgeschritten war. Der Rückweg dauerte zu lange. Eigentlich hat die Suche genau genommen nie geklappt.

In einem Blumenladen kaufte ich mir Samen der Wüstenrose. Ich zählte die Tage, bis die Samen unterm Licht keimten, wässerte fleißig, mischte vorsichtig Dünger ins Wasser und nahm jede Woche Maß. Sie wurden größer und größer, wuchsen und gediehen. Und dann kamen die Spinnmilben. Ich pumpte Giftschwaden über sie, vernebelte deren Sicht, bis sie aufgaben und gemeinsam mit den Blättern der Wüstenrosen zu Boden fielen. Später trieb lediglich bei einer Wüstenrose neue Blätter aus. Das musste sie also sein. Hundert pro. Es gibt keine Zufälle. Ich packte sie ein, nahm eine Gießkanne mit, pflanzte sie auf einem Hundefriedhof zwischen mit Noten verzierten Grabsteinen zweier brachycephalischen Möpsen, goss das zarte Wüstenröschen, bis sie in einer ordentlichen Pfütze stand. Zu meinem Entsetzen musste ich allerdings feststellen, dass mein Wüstenröschen noch nicht blühte. Alles umsonst. Wenn sie nicht blüht, dann finden sich in den Gebissen der verblichenen Möpse auch keine goldene Knochen. Der Beweis dazu? Dazu brauchte es keines Beweises. Hätte ich in den Mopsgräbern nachgegraben, ich hätte in deren Totenköpfen keine goldene Knochen gefunden. Niemals, nie, nicht, never ever.”

Er schaute mir ins Gesicht.

“Das war aber eine sehr eigenwillige Geschichte.”

Ich nickte. Das Glück ist immer mit den Tüchtigen. Ich war nicht tüchtig genug mit meinem Wüstenröschen. Ein wenig mehr Tüchtigkeit und Streben hätte mir vielleicht geholfen. Mehr Leistung, mehr Einsatz. Und ich wäre jetzt im Besitz der goldenen Knochen.

“Und was ist mit deinem Wüstenröschen passiert?”

“Das Herrchen der beiden verblichenen Möpse tauchte mit drei weißen Lilien an der Grabstätte auf und legte die Lilien dort einzeln nieder. Dabei verdrückte er zwei Tränchen, bekreuzigte sich einmal und rupfte nebenbei mein Wüstenröschen aus. Ganz humorlos. Kein Witz. Jetzt wird sie nicht mehr blühen. Und die goldenen Knochen sind verloren.”

Er nickte nachdenklich.

“Weißt du, dass die Amerikaner eine neue Witzform in den letzten Jahren kreiert haben? Diese Witzform hat sich auch bei uns breit gemacht. Die nachträgliche Verneinung mit dem Wort nicht. Also, so zum Beispiel: Ich frühstücke jeden Morgen drei Clowns. Nicht.”

“Du frühstückst jeden Morgen drei Clowns?”

Nicht.”

“Nicht?”

“Hab ich doch gesagt. Du musst die Pause richtig mithören. Das Nicht ist kein ‘nicht wahr’, sondern die nachträgliche Verneinung des zuvor gesagten.”

“Und das Witzige daran?”

“Der Erzähler ergötzt sich an der Reaktion des Zuhörenden. Der glaubt erst dem Inhalt des Satzes, dann hört er Nicht und versteht, dass das Gegenteil gemeint war. Der Erzähler sieht die Verwirrung beim Zuhörer, findet das witzig, dass er seinen Zuhörer in die Irre geleitet hat, und grinst. Der Zuhörer sieht das Grinsen, versteht, dass das er Opfer eines verbalen Streiches geworden ist, und grinst, weil erstens der Erzähler grinst und zweitens, weil er kein Spielverderber sein möchte. Und das Wichtigste: Grinsen macht gute Stimmung. Grinsen macht glücklich. Alle sind dann happy. Du verstehst?”

“Also am Schluss eine Pause zwischen dem Satz und dem Nicht? So wie bei Zuschauer … Innen? Und alle sind happy? Das ist lustig?”

“Deine Geschichte von den begraben Hunden fand ich voll interessant.”

“Ach?”

Nicht.”

Das Schweigen des Mummenschanz

“Es geht dir gut?”

“Mir geht es gut.”

“Und trotzdem so schweigsam?”

“Verlustgewinnmaximierungsvermeidung. Schweigen ist das Gold der Stimmlosen.”

“Worüber möchtest du nicht reden?”

“Über das Fragen. Jede Frage will eine Antwort. Und der Volksmund sagt, dass es keine dumme Fragen, sondern nur dumme Antworten gibt. Ich möchte nicht reden. Es gibt keine Antworten, auf die ich eine Frage stellen möchte.”

“Wenn es keine dumme Fragen gibt, dann ist es wohl besser, nur zu fragen, oder? Ist der Fragen stellende Mensch dann nicht der Intelligentere einer Unterhaltung?”

“Sicher. Der Vorteil des Fragenden ist immer, dass er erst aufgrund der Antwort des Befragten bewertet wird und im Volksmund erst einmal jede Frage berechtigt ist. Kann der Befragte nicht antworten, dann ist der Fragende immer der Gewinner und der Befragte der Verlierer. Kann der Befragte antworten, dann hat der Fragende maximal eine nicht durchdachte Frage gestellt.”

“Oder er ist oberstrunzendumm.”

“Nun ja, dann ist das aber auch gleichzeitig wieder der Beweis, dass die Gesellschaft so dumm ist, deren Dumme nicht aufzuschlauen. Der Oberstrunzendumme ist somit ein Opfer des Systems, der ignoranten Gesellschaft.”

“Dann hat also niemand nichts zu verlieren, wenn jemand fragt. Entweder bin ich als Fragender der nachdenkende Mensch, der Nachdenker, der somit in Wahrheit ein Schlauer ist. Oder aber als Resultat ein Dummer, ein Opfer einer intelligenzverachtenden Gesellschaft, ohne Bildung und Kultur, welche die Gesellschaft wohl dann auch nicht verkörpert. Der ehrlich Fragende ist somit per se der Dumme, ohne seine Ehrlichkeit überhaupt unter Beweis stellen zu müssen.”

“Richtig. Denn man wird ja wohl noch mal fragen dürfen, nicht wahr. Und fragen kostet nichts.”

“Was genau ist eins plus eins?”

“Die Antwort auf ‘man wird ja noch mal fragen dürfen’, nicht wahr.”

“Korrekt. Wer nicht fragt, bleibt dumm. Der, die, das. Wer, wie, was? Wieso, weshalb, warum?”

“51 Jahre Sesamstraße können an die Ü50-Menschen nicht wirkungslos vorbei gegangen sein. Die Langzeitfolgen einer ‘Nicht-fragen-dumm-bleiben’-Generation generiert Scherereien für die Gegenwart. Viel Lärm um nichts. Viel Antwort-Geben auf unnütze Fragerei, welche intelligent ausschauen soll, lediglich aber nur Zeit frisst, um den wirklichen Fragen eine angeblich Maske runter zu reißen.”

“Leben ist Schwierigkeit. Nur der Tod ist es nicht. Leben heißt, den Gürtel festschnallen und ausschauen nach Schwierigkeit. Weißt du, was es heißt ein lebendiger Mensch zu sein? Den anderen zum Kampf herauszufordern.”

“Du zitierst aus dem Film ‘Alexis Sorbas’, nach dem Buch vom Schriftsteller Nikos Kazantzakis.”

“Ja. Als der Film endet, lehrt Anthony Quinn Griechenland eine angepasste Version des Sirtaki. Und alle Touristen bis in die Gegenwart trainieren jährlich mit den griechischen Ureinwohner dort diesen Sorbas-Sirtaki, damit sie es nicht vergessen, was Anthony Quinn ihnen vorgetanzt hatte.”

“Ja, mein Lieber, wie tief ist doch die Menschheit gesunken, hol’s der Teufel! Man hat den Körper zum Schweigen gebracht, und nur der Mund redet noch. Aber was kann der Mund sagen?”

“Fragen, mein Lieber. Fragen. Wer nicht fragt, bleibt dumm.”

“Dann verbleibe ich diesmal im Schweigen. Schweigsam zu sein, mag der stumme Applaus für Marktschreier sein, von denen jene vorgeben, sich mühsam wie Eichhörnchen zu ernähren, jene welche aber von den Heiseren immer wegen deren Lautstärke kritisiert werden. Und in der Kritik gegen jene mit eingepackt: die Schweigenden gleich mit.”

“Sagt wer?”

“Weil die Heiseren zuvor so viel geschrien hatten, dass der Satz ‘Wer schreit, hat Recht’ von denen gleich stimmlos bewiesen wurde. Denn – so palavern jene – wer schweigt, stimmt zu. Immer.”

“Irgendwie habe ich das Gefühl, der Worte ist genug gewechselt.”

“Taten?”

“Warten.”

“Auf Godot?”

“Auf die nächste Frage, die sich selber als ernsthaft intelligent klassifiziert. Ich frage mich, …”

“Genau der richtige Fragenansatz. Man wird ja noch mal fragen dürfen. Auch sich selber. Als rhetorische Frage. Wirkt intelligent. Ist aber nur ein Offenbarungseid, sich selber seine Heuchlerei zum Hang des Besserwissens nicht eingestehen zu wollen. Weil einem die Antwort, die Reaktion, die Meinung anderer eh nicht interessiert. Und das im Namen der Meinungsfreiheit.”

“Also Fragen ohne Antwortgarantie. Maskerade der eigenen Unwissenheit. Verschweigend in einer Frage gepackt, um wenigstens als nachdenkender Kritiker zu gelten. Ist diese, meine letzte Bemerkung in sich eigentlich nicht gelogen?”

“Die Antinomie des Lügners.”

“Die Bemerkung war falsch. Mummenschanz.”

“Ja, mag sein. Das Schweigen der Lämmer in der Kakophonie der Metzger.”

“Määäh. Auf zur Schlachtbank.”

“Schweig!”

“War nur ein Gedankensplitter im Scherbenhaufen des Porzellans, von Elefanten meinungsbestimmend als deren Recht auf Verbreitung deren privaten Lebenserfahrung zurück gelassen.”

“Si tacuisses, philosophus mansisses.”

“Hic Rhodus, hic salta!”

Maskenparade, oder: Jeopardy for life für Mündige

Herzlich willkommen bei Jeopardy for the Up-Cleared-Ones. Wir gehen gleich ins Volle. Weil wir sind direkt und nehmen kein Blatt vor dem Mund. We are Up-Cleared-Ones. Kandidat 1, nennen sie einen Satz ohne Maske.

Ohne Maske?


Möp. Leider verloren. Kandidatin Nummer 2, nennen sie stattdessen einen ohne Maske

Trump?


Möp. Das war falsch! Das war kein vollständiger Satz! Kandidat Numero 3 nennen sie einen Satz ohne Maske.

Henry Maske boxte immer ohne Maske.


Bling Bling Bling Bling Bling. Das war richtig. Kandidatin Nummer vier. Einsatz ohne Maske?

Ruhe ist des Bürgers erste Pflicht. Und ohne Maske ist alles nichts.


Bling Bling Bling Bling. Richtig. Kandidat 1 und Kandidatin 2 haben jetzt leider nichts auf den Saldo. Es geht für beide ums Ganze. Stechen. Kandidat 1: was ist bunt und hängt unter der Nase?

Ohne Maske?


Möp, leider wieder falsch. Kandidatin 2: Sie gehen in einen Supermarkt und was haben sie immer dabei?

4711? Echt Kölnisch Wasser?


Möp. Leider wieder falsch. Ein spannendes Stechen. Die letzte Frage. Wer hat die als erster korrekt beantwortet, ist weiter. Wenn keiner sie korrekt beantwortet, sind beide draußen. Alles klar?

Ja.

Jo.


Wunderbar. Also. Sie gehen im Rheinland in einer Fußgängerzone spazieren und schauen in die Schaufensterauslagen dieser am Rhein gelegenen Stadt. Sie treffen dort jemand mit einem roten T-Shirt, der auf seiner rechten Brust ein Emblem trägt, auf dem ein Geißbock auf den zwei Türmen eines rheinischen Doms seine Vorderfüße stolz abgelegt hat. Kandidat 1, was ist das für ein Mensch?

Fußballfan?


Hmmmm. Nicht schlecht. Noch etwas genauer?

Fortuna-Düsseldorf-Anhänger?


Möp. Leider falsch. Kandidatin 2, was ist Ihre Antwort?

Also rotes T-Shirt mit Emblem auf rechter Brust, der ein Geißbock darstellt, mit zwei Türmen eines Doms und darauf der Geißbock seine Vorderfüße balanciert?


Ja, genau, das ist es.

Ich kenne die Stadt.


Wie lautet der Name der Stadt?

Sag ich nicht.


Wie?

Sag ich nicht. Ich komm aus Gladbach.


Und?

Das ist unter meiner Ehre. Das sage ich nicht. Niemals.


Möp. Sensationell, Kandidat 1 und Kandidatin 2 sind ausgeschieden. Und damit gehen wir jetzt direkt ins Finale
.

[Dschingel-Musik. Licht-Orgel.]

Kandidat Numero 3, alles easy?

Alles paletti.


Und Kandidatin Nummer 4, alles locker?

Alles gut.


Okay. Es geht um Masken. Kandidat Nummer 3, welche Masken tragen Sie?

Ich bin Internet-Künstler. Schreibenderweis. Blog mit Niveau. Ich trage keine Masken.


Bling Bling Bling Bling. Richtig. Drei Punkte. Kandidatin Nummer 4: Welche Maske tragen Sie?

Ich bin rechtschaffend, urdemokratisch, total antirassistisch, 100% vegetarisch, absolut veganisch, mag Attila Hildmanns seine Rezepte, und willst du nicht mein Bruder sein, so schlag ich dir die Gesichtserker ein.


Bling Bling Bling Bling. Richtig. Drei Punkte. Ein spannendes Finish. Kandidat Nummer 3: Ihre Maske zeigt Risse. Was machen Sie?

Ich pflanze heute noch ein Apfelbäumchen!


Bling Bling Bling Bling. Richtig. Erneut 3 Punkte. Das macht sechs. Kandidatin Nummer 4: Ihre Maske zeigt Risse. Was machen Sie?

Ich pflanze ein Apfelbäumchen, ein Birnenbäumchen, ein Sisalbäumchen und packe meinen Weber-Grill in einen Koffer, um mit meinen SUV in den Urlaub zu fahren.


Bling Bling. Leider nur zwei Punkte. Das Sisalbäumchen war eins zu viel. Es steht 6 zu 5 und die Person mit der niedrigen Punktzahl startet. Kandidatin Nummer 4: Ein Zeit-Reporter trifft Sie auf offener Straße und fragt Sie für seine Zeitung, warum Sie keine Maske tragen. Was antworten Sie?

Ich habe Asthma und kann mir jeder Zeit ein Attest von meinem Arzt dazu holen. Der meinte, dass ich angstfrei ohne Maske herumlaufen darf. Zudem liegt der R-Wert unter 1 und die Ansteckungsrate unter 50 pro 100.000. Und außerdem bin ich nicht Corona-Positiv. Meine Umgebung auch, laut App.


Uuuuh. Nein, das kann ich so nicht ganz gelten lassen. Dafür kann ich nur einen Punkt vergeben. Kandidat 3, Sie haben jetzt die Match-Frage. Nervös? Keine Sorge. Bleiben Sie locker. Die gleiche Frage: Ein ZEIT-Reporter trifft sie auf offener Straße und fragt Sie für seine Zeitung, warum Sie keine Maske tragen. Was antworten Sie?

Nichts. Aussageverweigerungsrecht! Und meine Meinung. Hier herrscht Meinungsfreiheit!


Möp. Das kann ich nicht gelten lassen. Liebe Zuschauer, lieber Zuschauerinnen, liebe Fernsehsehende aus Schweiz, Österreich, der deutschen Diaspora in Ischgl, den Balearen und Kanaren und den angeschlossenen Sendeanstalten aus Niedersachsen, Nordrhein-Westfalen, Bayern und Baden-Württemberg. Es ist jetzt spannend, wie lange nicht mehr. Aber unsere Sendezeit geht langsam zu Ende und deshalb die Stichfrage für unser beide Kandidaten. Liebe Kandidaten, geben Sie bitte Ihre Antwort auf meine Frage unabhängig von jeweils des anderen. Meine Frage: Sie sehen feiernde Menschen. Sie sind fröhlich. Sie haben Spaß. Sie fühlen sich gut. Sie sehen glücklich aus. Sie selber stehen am Rande, schauen über ihre Maske, denken sich ihren Teil und rufen denen etwas zu. Was rufen Sie denen zu? Kandidat Nummer 3?


Immer diese Feierei. Muss das denn sein? Haben wir den nicht schon genug Probleme? Ich meine, wenn andere sterben oder wegen Corona krank sind, dürfen wir doch nicht feiern, oder? Das ist doch pietätlos. Feiern aus Tradition ist doch etwas anderes, etwas würdiges. Aber das ist doch ehrlos. Kein Selbstrespekt. Feiern nur aus just-for-fun. Das ist doch hirnbefreit. Werdet mal erwachsen, ihr mit dem Peter-Pan-Syndrom! Ihr seid Schuld mit eurem Frohgemut, wenn andere leiden! Das geht gar nicht. Überhaupt nicht, ihr Empathie-Agnostiker!


Kandidatin Nummer 4. Was rufen Sie denen zu?

Ihr seid doch unglaublich! Wir haben damals zwar auch gefeiert, aber dazu hatten wir wenigstens einen Grund. So wie 1970 jene Tage und die Bilder davon, wie das chilenische Volk den Wahlsieg Salvador Allendes und der Unidad Popular im Jahr 1970 feierte. Jener echte Freiheitstraum machte dort alle freundlich, die Gesichter offen und die Augen strahlend. So etwas haben wir hier nie gehabt. Südamerikanische Fröhlichkeit. Echtes öffentliches Glück. Nicht so wie die heutige Vergnüglichkeit, welche lediglich eigene Submission belegt und mit dem real existierenden massenhaften Unglück problemlos nebeneinander her lebt. Aber ihr, ihr feiert doch wegen Anlass! Ihr konstruiert doch dauernd eure Motive, um glücklich feiern zu können. Das ist gedankenlos. Übt euch in Askese. Ihr feiert über eure Verhältnisse und wollt dabei auch noch glücklich sein! Das geht nicht! Wir haben schließlich Corona!


Danke, Kandidat 3, Kandidatin 4. Liebe Kandidatin und lieber Kandidat, wir haben Ihre Antworten in den Tele-Dialog, genannt TED, eingespeist und unsere Zuschauer und Zuschauerinnen werden jetzt anrufen und ihre Antworten über deren Analog-Telefonanschlüsse bewerten. Und in der Zwischenzeit ein wenig Fahrstuhlmusik.


[Dschingel-Musik. Licht-Orgel.]


Liebe Zuschauer, liebe Zuschauerinnen, liebe geschlechtlich Divergenten, … übrigens, soll ich erwähnen, dass die Reihenfolge der Nennung der Zuschauenden keine Bewertung deren Geschlechtlichkeit darstellt, denn wir sind hier keine Rassisten oder sonstige gesellschaftlich verwerflichen Menschen … Moment, ich bekomme gerade einen Anruf der Regie … Regie? Ja? Ja? Okay! Ja? Okay! Gut. Meine Damen und Herren, hier ist das Ergebnis der TED Entscheidung
:


[Dschingel-Musik. Licht-Orgel.]

Meine Damen und Herren, leider müssen wir Ihnen mitteilen, dass wir unseren Sendeplatz an einen Konkurrenten mit mehr Geld verloren haben, der weniger zahlt, aber dafür immerhin auch weniger investiert, weil effektiver. Seien Sie beruhigt, Ihre Fernsehgebühren sind davon in keinster Weise nicht betroffen. Empfehlenswert unsererseits sind unser gesponserten YouTube-Kanäle, die sich reger Beliebtheit erfreuen, weil sie kostenfrei für ihr Herz, Hirn und Haushaltsausgaben sind. Wir wünschen ihnen noch einen schönen Do-it-yourself-Jeopardy-Abend mit Ihren eigen Macken und Masken. Guten Abend.

Und vergessen Sie nicht: Tragen Sie immer ihre übliche Maske, wenn Sie anderen begegnen. Und denken Sie nach. Auf allen Seiten Ihres Lebens. Wie damals in den Vor-Corona-Zeiten.

Das Corona-Tagebuch: Provinznotizen aus Deutschland Süd bei Südost (49): The Director’s Cut

Die Spatzen hüpften um die Wette. Die Hunde lagen faul in der Sonne. Der Himmel strahlte sein schönstes 1.-Mai-Strahlen. Der Betontisch zwischen uns diente normalerweise dem Dame-Spiel. Oder einem Schach-Spiel. Seine Quadrate waren unbesetzt, nur in der Mitte stand die Gin-Flasche und eine Flasche Tonic-Water.

“Ohne Eis”, fragte ich vorsichtig.

Er schaute mich kurz an, ganz kurz. Seine Augen erschienen leer und leicht verheult. “Eis braucht es nicht.”

“Alkohol ist keine Lösung, Mann.”

“Kein Alkohol ist auch keine.” Mit seiner rechten Hand machte er eine wegwerfende Bewegung hinter sich.

“So schlimm?”

“Schlimmer.”

“Wie schlimm?”

“Kennen Sie den Film ‘Nuovo Cinema Paradiso’ ?”

Klar kannte ich ihn. Philippe Noiret spielte eine hervorragende Rolle. Die Rolle eines alten Filmvorführers, der dem jungen Toto das Kino näher brachte. Ich nickte. “Ein grandioser Film in den 80ern. Freilich kenne ich den. Ein Oskar als Bester fremdsprachlicher Film.”

“Bester fremdsprachiger Film”, korrigierte er mich, “1990 erhielt er den. Vor 30 Jahren. Ins Kino kam er hier 1989, als das erste große Kinosterben stattfand. Wegen Fernsehen und Videos.”

Ich nickte erneut. “Ja, dieser Lockdown momentan wird wieder ein Kinosterben erzeugen. Streaming Dienste schleifen gerade die Sargnägel für viele Lichtspielhäuser.”

Lichtspielhäuser. Schön hast du das gesagt. Ich wollte den Film ‘Nuovo Cinema Paradiso’ auf einen der Streaming Dienste anschauen. Aber kein Streaming Dienst führt den Film.”

“Echt?”

“Keiner. Vielleicht, weil der bei der Weinstein-Company in Lizenz steht und mit Weinstein keiner mehr in Verbindung gebracht werden will. Selbst als DVD- oder Blueray-Neuware fand ich ihn nirgendwo. Ich habe mir den Film im Gebrauchtwaren-Handel bestellt. Deluxe Edition. Redux. The Director’s Cut. Der dauert knapp 49 Minuten länger als die Version, die damals im Kino gezeigt wurde.”

“Die Weinstein-Company ist in die Insolvenz gegangen. Vielleicht deswegen? Lohnt sich die längere Version?”

Er schaute mich kurz prüfend an. “Du erinnerst dich doch noch an die Liebesgeschichte im Film zwischen Toto und Elena?”

“Ja, klar. Als Alfredo starb, erinnerte sich Toto an seine damalige Freundin Elena. Er sah sich bei seiner Mutter in dem Dorf Giancaldo noch den 8-mm-Film von Elena an. Durchlebte die Erinnerung mit seinen alten Schwarm als Film. Aber das Hauptstück vom Film ist doch letztendlich die Schlussszene, der von Alfred zusammengeschnittene mit seinen Kussszenen.”

“Nein, das ist nur eine Schlusspointe. Im Director’s Cut kriegt der Film eine neue Perspektive, was Alfredo, Toto und Elena angeht.”

“Welche?”

Er schüttete sich wieder ein Gemisch aus Gin und Tonic in seinem Plastikbecher zusammen, nahm einen intensiven Schluck, drehte seine Hand mit dem Becher vor seiner Brust ein und schaute mich an.

“Toto entdeckte, dass Elena wieder in Giancaldo lebte. Nach Alfredos Beerdigung traf er sie wieder und erfuhr, dass Alfredo einen großen Anteil damals nahm, dass sich Toto und Elena nie wieder sahen. Er erklärte Elena, sie sollte ihn vergessen, weil sowohl Toto als auch Elena ein eigenes Leben haben werden. Und Elena erklärte Toto, dass ihr Wiedersehen in Giancaldo der perfekte Schlusspunkt ihrer alten Liebesbeziehung wäre. Sie hätte ihr Leben. Toto sah das nicht so. 30 Jahre war er ohne längere Beziehung und in jeder Frau suchte er nur einen Ersatz für seine Elena von damals. Unverheiratet, ohne Kinder. Das Gegenteil von Elena. Toto hätte gerne die Beziehung wieder gestartet, aber für Elena war es eine Geschichte von damals. Toto fuhr zurück nach Rom, enttäuscht, weil er sah, dass er seine alte Liebe wieder gefunden hatte, aber seine alte Liebe sah ihn nicht als neue Liebe, sie hatte keine Zukunft. So sass er im Kino und ließ sich das Vermächtnis vom Filmvorführer Alfredo den Kussszenen-Film vorführen. Aber ihm war klar, dass seine Vergangenheit für immer Vergangenheit bleiben würde. Alle Hoffnungen der letzten 30 Jahre waren passé und es blieben ihm lediglich Kussszenen aus der Vergangenheit, an die er sich erinnerte.”

Er machte eine Pause und nahm erneut einen Schluck aus seinem Becher.

“Das ist der Unterschied zum Kino-Film?”

“Ich hatte den Film bestellt, weil ich über den Soundtrack gestolpert bin. Gestern traf er mit der Post ein.”

“Hm.”

“Vor vier Tagen erhielt ich allerdings eine andere Nachricht. Privat. Als ich jung war, hatte ich eine große Liebe. Ich liebte sie abgöttisch, verbrachte damals stundenlang damit ihr Liebesbriefe zu schreiben. Irgendwann hatte ich bemerkt, dass sie nicht mehr wollte, also hörte ich damit auf, schrieb nicht mehr. Aber dafür schrieb ich umso mehr in meinem Tagebuch über sie. Führte Dialoge mit ihr, erklärte ihr darin, was ich so tat und wie sehr ich sie verehrte. Sie lernte jemand aus meinem Bekanntenkreis kennen und heiratete ihn. So vor einem Viertel Jahrhundert. Er war erfolgreicher als ich, aber Eifersucht fühlte ich keine. Ich dachte mir nur, wenn sie irgendwann von ihm genug haben sollte, dann wäre ich da und dann könnten wir … Ein dummer Traum, dummer Jungentraum. Was soll’s. Ich hielt zu ihm noch Kontakt, denn er ist ein wirklich sympathischer netter Mensch. Aber zu ihr verlor ich den Kontakt. Sie reagierte nicht mehr auf mich. Aber das war mir egal. Ich hatte ja noch Kontakt zu ihm. Klar, ich war mir im Klaren, dass ich mit ihr niemals mehr zusammen kommen würde. Ich wollte der letzte sein, die ihre Ehe in Frage stellte oder sie zu etwas drängen würde. Vielleicht war dennoch insgeheim auf Rückkehr vorhanden. Aber mit jedem Jahr wurde das nur noch ein diffuser Traum. Nach dreißig Jahren erhielt ich jetzt von ihrem Ehemann die Nachricht, dass sich beide voneinander haben scheiden lassen und getrennte Wege gehen würden. Das einzige Bindeglied zwischen den beiden wäre nur noch deren beider Kinder.”

Er machte eine Pause. Ich schwieg. Er goss sich eine neue Mischung ein. Ich sah ihm dabei zu.

“Ich wusste nicht, wie ich auf seine Email reagieren sollte. Und dann kam der Film an. ‘Nuovo Cinema Paradiso’. The Director’s Cut. Nach zwei Wochen des Wartens. Ich schaute ihn mir an und es kam wieder alles in mir hoch. Alles von damals. Damals hatte ich die Kino-Version gesehen und ich sah Toto als mein Ebenbild an, so wie er für seine Elena von damals schwärmte. Unerreichbar und unkontaktierbar. Eine Erinnerung von damals aus seiner Jugend. Und dann sah ich den Director’s Cut.”

Er hielt inne, starrte vor sich hin, nahm einen Schluck aus seinem Becher und verzog sein Geischt.

”Warum muss dieser verdammte Director’s Cut das Ende haben, welches ich jetzt erlebe? Warum? Warum muss Film und Leben diese Parallelen haben?”

“Ruf sie doch an. Lass dir ihre Nummer von dessen Ex geben. Sie wird sich vielleicht freuen.”

“Du bist nicht ganz dicht, oder? Das, was ich damals erlebte, meine Liebe zu ihr, die ist passé. Wie die von Toto im Film. Das war kein 30 Jahren warten, das waren 30 Jahre bis zur Erkenntnis, was ich mit meinem Leben in der Hinsicht gemacht hatte. Warten auf etwas, was es gar nicht mehr gibt. Sie. Das Leben ging weiter und ich habe es verstreichen lassen für alte Erinnerungen.”

“Und das haben Sie erst durch die längere Version eines Filmes verstanden?”

Seine Blick war leer, in seinen Augen lag Leere, als er mich ansah. Und langsam fingen sie an zu schimmern. Er war dabei, in Tränen auszubrechen. Er nahm einen weiteren hastigen Schluck aus seinem Becher und blickte vor sich auf den Boden.

“Ja, vielleicht. Und? Ist das schlimm? Nur, als ich den Film bestellte, da dachte ich gar nicht an sie, da dachte ich nur an einen wunderbaren Film mit der traumhaften Musik von Ennio Morricone. An eine intensive Liebesgeschichte. An ein altes Kino in meiner Nachbarstadt, einem Kino mit großem Saal, in dem ich ‘Spiel mir das Lied vom Tod’ sah. Das Kino war alt und wurde abgerissen, um dort einen Parkplatz zu errichten. So wie in dem Film ‘Nuovo Cinema Paradiso’. Ich sah den Abriss, bevor ich aus der Gegend wegzog. Ich wollte nur eine alte Zeit der großen Kinosäle mit dem Film zurück holen. Aber dann erhielt ich die Mail und der Film traf ein.”

Ich nickte ihm verstehend zu. Zumindest versuchte ich mein Nicken das Attribut ‘verstehend’ zu geben.

“Wir müssen gehen. Dahinten kommen zwei Streifenpolizisten. Und es existiert noch das Kontaktverbot und die Ausgangsbeschränkung.”

Er nickte, verstaute seine beiden Flaschen in den Rucksack und stand auf, den Becher in seiner rechten Hand umklammert. Er war trunken und schwankte. Er drehte sich zu mich um und bemerkte noch:

“Und Alkohol ist doch eine Lösung!”

Dann schwankte er von dannen.

Die beiden Polizisten gingen an mir vorbei dem trunkenen Mann hinter her. Sie beachteten mich mit keinem Blick. Sie unterhielten sich locker entspannt über diesen sonnigen, sommerlich warmen 1. Mai.

Ich blickte vor mir auf den Betontisch. Der Tisch war wieder leer. Die Quadrate unbelegt. Das darauf eingravierte Spielbrett wartete auf seine Steine. Oder auf Schach-Spielfiguren, damit diese erneut aufgestellt werden. Für ein neues Spiel. Neues Leben. Neues Glück.