Der Mann ohne Helden-Lizenz, der die Welt rettete

In einem fernen Land und Zeitalter der heutigen Jetztzeit existierten Paralleluniversen. Sie waren zahlreich und wurden immer argwöhnisch beobachtet. Es herrschte immer ein wenig Angst darüber, dass diese Paralleluniversen schädlich für die Zukunft sein könnten. Dass sie deren Bewohner gehirnwaschend verblöden könnten, weil deren Bewohner nicht erreichbar waren und kein Auslieferungsvereinbarungen für jene machbar waren, noch gab es Visen, um diese rechtmäßig zu betreten.

Comics waren so ein Paralleluniversum. Comics waren die Verkörperung der Ausgeburt der Ungebildetheit. Viel schlimmer noch: sie sollten die Bildung schädigen. Wie das Fernsehen. Dass Fernsehen blöd macht, weil es die Menschen amüsiert und vom Ernst des Lebens ablenkt. Vielleicht hatten die Erwachsenen von damals Recht und der Welt ist eine Generation von Einsteins entgangen. Oder neue Führer, welche wie Jeanne d’Arc ihr Heer in die Schlacht werfen, foltern und morden und dann als Märtyrerin, Jungfrau und Heilige verehrt werden.

Helden.

Jede Kindheit hatte ihre Helden. Meine ersten waren Fix und Foxi, zwei kleine bunte Plastikfigürchen. Zusammen mit einem kleinen Würfel und zwei Bleistiften spielten wir drei die KO-Runde der Fußball-WM 1974 nach, bis ins Finale, wo dann Müller den Ball vor sich hatte, in einer Drehung den Ball vorm Elfmeterpunkt, im Fallen, drehend … und der Torwart lang und länger sich machte und der Ball ins Netz und die darauffolgende zweite Halbzeit bang und bänger … . Paralleluniversum. Es ist bewiesen. So etwas schadet. Ich wurde in Folge dessen nie Fußballspieler (maximal -treter) und reckte nie einen bedeutenden Pokal in eine sternenglänzende vibrierende Nacht, wurde nie berühmt und spielte mit Plastikfigürchen, Würfel und Bleistiften auf einem grasgrünen Teppichbodenbelag liegend.

Danach hatte die Firma “Mattel” neue Paralleluniversen geschaffen, Ende der 70er Jahre. Sie brachte “Action Man”-Figuren raus. “Big Jim” hieß eine Reihe. Während die  Mädchen fleißig mit Barbie und Ken die harmonische Welt einer Bilderbuchehe in einem Bilderbuchhaus trainierten, hatte wir Jungen die “Action Man”-Figuren. “Äktschen-Männer” brauchten keine Villa, keinen großes amerikanischen Straßenkreuzer oder eine treu sorgende Hausfrau. Sie hatten die Wildnis als Villa, maximal einen Jeep und ihre Braut war irgendeine Waffe, um sich gegen wilde Tiere zu wehren. Unbesiegbar, erfolgreich und heldenhaft. Aber Helden sterben einsam. Keine Ahnung, was aus meiner “Big Jim”-Figur letztendlich wurde, ob meine Eltern sie verschenkt haben oder ob sie auf einen der illegalen Müllgruben auf dem westfälischen Land in einem tiefen Erdloch verschwanden. “Big Jim” jedenfalls landete da, wo es keine Leidenschaft mehr gibt, wo höchsten Spinnen ihr Netz aufhängen, um anderen Lebewesen heroisch deren Leben das Garaus zu machen, in einer Ecke.

Freunde lasen Comics mit den angesagten Superhelden. Tarzan, Spiderman, Batman oder Superman. Superman vor allem. Der brave Clark Kent, der immer ein wenig so aussah, wie Barbies Ken. Clark Kent, der Journalist, der seine Barbie – jene Lois Lane – anhimmelte und dann eine Telefonzelle betrat, um aus ihr nachher mit einem Arm voraus gestreckt fliegend die Welt vor den Bösen rettete. Das war ein Superheld. Ein Freund überließ mir zwei Comics und ich las sie heimlich, wie es sich gehörte unter der Bettdecke mit meiner Taschenlampe. Meine Eltern mochten keine Comics, erstens weil sie schaden sollen und zweitens auch noch unnötig Geld kosteten. Ich las sie aber trotzdem. … Paralleluniversum. Erneut ist es bewiesen. So etwas schadet definitiv. Ich wurde nie Superheld, flog nie durch sternenglänzende, vibrierende Nächte, wurde nie berühmt und las stattdessen weiterhin gerne Comics unter der Bettdecke.

Mir fällt da noch das Comic “YPS” (mit Unterschlagzeile: “Comic mit Gimmick”). Die Comics waren so platt wie die einfach gezeichneten Figuren und das trotz der Geld-Zauber-Maschine oder der Trick-Schiebe-Schachtel (= eine Mark rein und zurück gab es 5 Pfennig). Braucht es noch ein Beweis, wie schädlich Comics sind? Ich wurde nie Millionär trotz der angebotenen Möglichkeit, andere um ihre mühsam ersparten Märker oder 5-Mark-Scheine zu bringen … . Wahre Helden wären damit groß geworden. Wie Ronald Briggs. Oder unsere Helden der Finanzkrise, der Josef Ackermann oder der Peer Steinbrück. Die haben garantiert in ihrer Jugend keine Comics gelesen. Oder fern gesehen. Oder mit Anziehpuppen gespielt.

Irgendwann war die Freundschaft mit den Figuren aus. Sie hatten des Lebens nicht. Der Entscheidung nicht. Es fehlte ein Impuls für weiteres. Dann kamen die “wirklichen” Helden. John Lennon, Mahatma Ghandi. Aber das war den anderen auch nicht recht. Der eine Kommunist, der andere geistiger Spinner, aber beide real von Kugeln ins Herz getroffen, was nach Ansicht der anderen, diese als berechtigte Begründer einer Parallelwelt disqualifizierte. Denn es waren keine “Action”-Helden-Figuren aus der Mattel-Reihe, keine Comic-Heft-Helden, keine Fernsehprodukte. Aber sie wurden eindeutig als “schädlich” für die Zukunft eingeordnet. Denn mit jenen Typus Mensch der beiden “wär der Russe schon in drei Tagen hier” wurde gleichzeitig der Teufel an die Wand gemalt.

Es war die Zeit der Proteste gegen die Aufrüstung und gegen ein institutionalisiertes Feindbild, dem alles untergeordnet wurde. Es war die Zeit Anfang der 80er und in unserem Dorf war nur Platz für die wenigen “wahren” Helden: Kohl, Strauß und der Papst. Alle andere waren entweder Kommunisten, Heiden oder beides. Wer das nicht kapierte, lebte eh in einem Paralleluniversum und war bereits unrettbar geschädigt. So stand ich also mit paar Freunden 1983 jede Woche rund um unseren kleinen Dorfpumpenbrunnen und trug ein Schild um den Hals: “Schweigen für den Frieden” hieß die Aktion und sollte auf den Rüstungswahnsinn der Welt hinweisen. Blicke streiften uns hin und wieder. Freundliche waren kaum dabei. Aber den meisten war wir sowieso egal. Auch der Gruppe von etwas älteren Jugendlichen, bei der eine junge Frau ihr Baby immer wieder leicht in die Höhe warf und das Baby dabei vor Freude gluckste. “Lass es fallen, ich mach dir ein neues”, war die Bemerkung eines der dabei stehenden jungen Männer. Die Szene hat sich in mein Hirn eingegraben und ist mir so lebendig wie damals vor Augen. Und dann eine Vision, was wäre, wenn jetzt über unseren Köpfen eine atomare Rakete explodieren würde, weil das ganze System der atomaren Abschreckung aus dem Gleichgewicht geraten sein würde.

Das Jahr 1983. Mit friedlichen Methoden der Umgebung aufzuzeigen, wie aus dem Freund-Feind-Denken ausgestiegen werden konnte, war recht unwillkommen. Wer das tat, gehörte zu den “Weltfremden”,”Spinnern” und “Träumern”. Wäre der Russe wirklich einmal mit seinen Panzern angerollt gekommen, es hätten alle selbsternannten Realisten ihre PKWs sofort in die eigenen Garagen gefahren, damit das Blech keinen Schaden nehmen würde. Denn Helden, die gab es in unserem Dorfe nicht. Helden gab es auf der Leinwand. Christoper Reeve flog “Superman” ja bereits in der dritten Verfilmung über die Leinwand und rettete mehrfach die Welt. “James Bond” hatte ebenfalls nur eine Aufgabe und zwar heldenhaft die Welt vorm Bösen zu retten. Und dann war da noch “Conan, der Barbar”, jener Boxer “Rocky” und sein wilder Pedant “Rambo”. Die Welt war voll von fiktiven Superhelden.

Aber niemand gab etwas auf denjenigen, der wirklich die Welt rettete und weder durch Comic-Heftseiten, noch über Leinwände jagte, noch die Fernsehzuschauer an der Mattscheibe kleben ließ, geschweige denn einen Friedensnobelpreis erhielt:

Stanislaw Jewgrafowitsch Petrow.

Sein Name ist kaum jemanden ein Begriff. Auch Menschen in meinem Altersbereich sagt der Name nichts. Er konnte nicht mit voraus gestrecktem Arm atomare Raketen umlenken, er durchschnitt kein Kabel einer Atombombe, während er mit einem Lächeln auf den Lippen einen bösen, machthungrigen General per Blattschuss aus seiner Walther PPK mit Brausch-Schalldämpfer erledigte. Er ritt auch nicht bis an die Zähne bewaffnet ins Feindgebiet, um dort jeden Bösewicht ins Jenseits zu befördern, damit die Frommen in Frieden leben können.

Nein, Stanislaw Jewgrafowitsch Petrow hat sich dadurch zum Retter der Welt gemacht, indem er einmal einfach das tat, was von Helden nicht erwartet wird. Oder besser gesagt: indem er nicht das tat, was von ihm erwartet wurde: nicht nachzudenken, sondern einfach zu handeln. Petrow war vor 35 Jahren (1983) Oberstleutnant der Sowjetarmee. Am 26. September 1983 meldeten die Frühwarnsysteme einen amerikanischen Angriff durch Atomraketen. Da Petrow den Systemen nicht traute und lieber abwartete statt die Meldung direkt weiterzuleiten, stellte es sich heraus, dass es sich um einen Fehlalarm gehandelt hatte. Hätte er nicht abgewartet und pflichtgemäß gehandelt, der atomare Holocaust wäre 1983 eingetreten.

Stanislaw Jewgrafowitsch Petrow war im übrigen nicht der erste, der die Welt rettete. Es gab vor ihm auch noch Wassili Alexandrowitsch Archipow, der in der Kuba-Krise seine Zustimmung zu einem atomaren Torpedo-Abschusses an Bord seines U-Boots verweigerte, obwohl bereits die amerikanischen Streitkräfte das U-Boot mit Übungswasserbomben attackierten und die U-Boot-Mannschaft davon ausging, dass sich die Kuba-Krise in einen Krieg ausgeweitet hätte.

Petrow und Archipow passen irgendwie nicht in unser Superhelden-Raster und auch nicht in die Freund-Feind-Denke, was den “bösen” Feind in Russland angeht. Sie haben weder Hollywood-mäßig spektakulär gehandelt, noch waren sie herausragende Menschen. Petrow beispielsweise war wohl eher einer, den man auch mal als “Stinkstiefel” bezeichnen würde. Als sich der Angriffsalarm des Frühwarnsystems als Fehlalarm herausgestellt hatte, ging jeder in seiner Einheit davon aus, dass Petrow hoch dekoriert werden würde. Bei dem Alarm handelte es sich um einen Systemsoftware-Fehler und eine Auszeichnung Petrows wäre ein Zeichen der Demütigung anderer hochdekorierter Generäle empfunden worden. Und daher wurde Petrow auch nicht ausgezeichnet. Er wurde nicht zum Superhelden. Er wurde wegen seiner weltrettenden Entscheidung nicht bekannt. Er wurde nicht berühmt und zeitnah weltweit in Zeitungen und Fernsehen geehrt. Es wurde kein Hollywood-Film über seine Tat gedreht. Lediglich ein dänischer Dokumentarfilmer, Peter Anthony, nahm sich des Stoffes an und dokumentierte ihn, als Petrow 20 Jahre später ein wenig bekannter und in der UN geehrt wurde. Aber selbst das wurde nie wirklich an die große Glocke gehangen. Denn die wurde im Jahre 2006 bereits als Todesglocke für Militäreinsätze in Irak, Pakistan und Afghanistan benötigt.

Eigentlich weine ich dem Superhelden “Superman” ein wenig hinter her, wenn er über die Leinwand fliegt. Die Verbindung zu seinem Paralleluniversum wurde zerstört. Er ist nur noch in Lichtspielhäusern willkommen. Die Telefonzellen wurden abgeschafft.

Sie machen heuer sehr viel massenhaft Überstunden, die Superhelden in den Kinos dieser Welt, um eben diese Welt für die Kinobesucher zu retten. Eine schöne Illusion. Die unbekannten Helden eben eher in deren unbekannten Raum eines wirklichen Universums, in jenen Räumen, auf denen nur hin und wieder kurz ein kleines Licht fällt. Superhelden stehen immer im Licht und leben davon. Die unbekannten Helden spekulieren nie auf ein Rampenlicht und taugen daher nicht für Heldenepen. Deswegen kennt sie auch nie jemand … .

Danke, Petrow, und alles Gute!

In Memoriam Stanislaw Jewgrafowitsch Petrow (*1939,+ 2017)

 

All that happened didn’t matter to me—it was my job. I was simply doing my job, and I was the right person at the right time, that’s all. My late wife for 10 years knew nothing about it. ‚So what did you do?‘ she asked me. ‚Nothing. I did nothing.‘

(Petrow)

Ertrage die Clown (8): Zur Lage der Nation

Im Jahr 1949 steckte sich der junge Joachim Fest einen Zettel ins Portemonnaie, den er bis zu seinem Tode mit sich führte. Auf dem Zettel stand der Satz:

„Ertrage die Clowns!“

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Die beiden letzten Fußballspiele der deutschen Nationalmannschaft vor der WM? Und das ohne deutschen Bundespräsidenten? Und wen kümmert’s? Egal.

 

Danke für das Weglesen dieses meines Blogeintrages.

Herzlichst

Careca

Wo man alles sagt, da fällt kein Wort …

Herr Kiki-Jouzu ist gestorben. Eigentlich sollte ich besser „Kiki-Jouzu-san“ schreiben, denn er ist Japaner und Japaner verwenden die Anrede „Herr“, indem sie dem Namen ein wertschätzendes „-san“ anfügen.

Yasashii Kiki-Jouzu-san ist also tot. Er lebt nicht mehr. Er hat die Löffel abgegeben. Er ist sowohl über den Jordan, als auch über die Wupper gegangen. Er hat abgedankt und das Zeitliche gesegnet. Er biss in Gras und streift jetzt durch die ewigen Jagdgründe. Er hat aufgehört zu existieren. Sein Leben endete tödlich. Yasashii Kiki-Jouzu-sans Leben war ungewöhnlich, so wie sein Sterben gewöhnlich war.

Ich sah ihn zum ersten Mal auf einer Tagung der „Freunde künstlerisch geschnitzter Go-Steine“, im Sommer 2002 in Bern. Er begleitete einen Vertreter einer winzigen Go-Steine Manufaktur aus Chindougu der Provinz Dokomo. Diese Manufaktur hielt damals noch 85% der globalen Kunst-Go-Steine-Geschäfte. Für Spieler des Brettspiels Go waren jene Steine das Edelste auf dem Markt. Und das Geschäft lief glänzend, bis jedoch ein Student aus Süd-Korea fünf Jahre später jener Manufaktur alle derer Geschäfte mittels eines 3D-Druckers in Vaters Garage entriss. Jener Vertreter und Redner der Kunst-Go-Steine-Manufaktur war ein gewisser Seki-san und eine bekannte Größe in der Go-Brettspiel-Szene. Und er hielt vor dem Publikum eine 45-minütige Rede über die Bedeutung einer Go-Stein-Kette, welche nur noch eine Freiheit besaß, und darüber, welche Macht dabei handgeschnitzte Go-Steine haben können, um aus solche unangenehmer Situation zu entkommen. Seki-sans Rede wurde von einem Kasachen auf unsere Kopfhörer simultan übersetzt. Leider aber aß der Kasache schwedisches Trockenbrot, weswegen ich irgendwann entnervt den Kopfhörer absetzte und einfach dem Klang der japanischen Sprache nachhorchte. Dabei fiel mir Yasashii Kiki-Jouzu-san auf. Er saß neben Seki-san und warf immer Zwischenbemerkungen in Seki-sans Rede ein: „Hai!“, „Ochin harasho!“, „A so“ und „Kyou-mi shin-shin!“ waren die Worte, die ich immer wieder identifizieren konnte. Yasashii Kiki-Jouzu-san war ein kleiner, hagerer, weißhaariger Mensch, unscheinbar. Und immer schien er leicht mit dem Kopf zu wackeln, wobei er ohne Unterlass lächelte. Seine Brille im John-Lennon-Stil hat ihn für mich aber unverwechselbar gemacht.

2007 begegnete ich Yasashii Kiki-Jouzu-san wieder. Es war eine kleine Klima-Konferenz über „Abholzung von Wäldern“ in Bologna. Der Japaner Hashi-san erklärte wie seine Firma in einem eigenen Biotop Bäume anbaute, um japanische Essstäbchen für den Weltmarkt zur produzieren. Kiki-Jouzu-san saß neben Hashi-san auf einem Rednerpult. Wieder gab es Kopfhörer und erneut einen unfähigen Übersetzer, den ich mir nicht antun wollte. Also lauschte ich dem Klang der Sprache. Und wieder warf Kiki-Jouzu-san in Hashi-sans Rede seine Zwischenbemerkungen ein.

Erneut vier Jahre später sah ich Yasashii Kiki-Jouzu-san in einem Hotelkonferenzsaal in Wanne-Eickel neben einem Japaner mit dem großen Namensschild Nejimakidori-san. Es war die Jahreshauptversammlung eines überregionalen Brieftaubenzüchtervereins, und irgendwer musste es wohl für eine geniale Idee gehalten haben, einen Gastredner zu arrangieren. Aber es gab keine Simultanübersetzung und Nejimakidori-san hielt selbstbewusst seine Rede komplett in Japanisch. Am Anfang war es im Publikum still und nur Yasashii Kiki-Jouzu-sans leises „Hai!“, „Ochin harasho!“ und „A so“ war zu hören. Aber dann rief jemand „Hey, tu mal Übersetzung!“ und ein anderer rotzte ein „Versteh nix!“ in die Rede. Nejimakidori-san schienen diese Einwürfe zu beflügeln. Seine Brust wurde breiter, seine Haltung aufrechter, seine Augen strahlten und seine Stimme wurde wesentlich lebendiger. „Wat sacht der Spakko?“, rief der nächste Zuhörer und ein anderer: „Kann der Zwerg neben dem nicht mal übersetzen tun?“ Nejimakidori-san redete sich offensichtlich in einen Rausch rein. Nur war die Reaktion des Publikums eine andere. Die ersten verließen den Saal. Bevor die Peinlichkeit des Publikumsschwund überhand nehmen konnte, trat der Veranstaltungsleiter applaudierend auf die Bühne, nahm Nejimakidori-san das Mikro weg und erklärte bedauernd, dass Yasashii Kiki-Jouzu-san wohl zur Übersetzung unfähig wäre. Nejimakidori-san und Kiki-Jouzu-san verließen kurz darauf das Podium. Nejimakidori-san zwar noch mit geschwellter Brust, aber bereits sichtlich ein wenig irritiert, und Kiki-Jouzu-san gebeugt, ihm hinterher laufend mit offensichtlich bekümmerten Blick.

Am gleichen Abend am Dortmunder Flughafen sah ich Kiki-Jouzu-san dann wieder. Er stand an einem Würstchenstand und stocherte mit einem Holzgäbelchen in einer Currywurst rum. Ich fasste die Gelegenheit beim Schopfe, ging zu ihm hin, stellte mich auf englisch vor und erklärte ihm, woher ich ihn kennen würde. Er schaute mich unangenehm berührt an.

„Careca-san? Sie sind Careca-san? Ich kenne Sie nicht.“

„Aber ich Sie. So oft habe ich Sie auf Podien gesehen und mich gefragt, was Ihre Aufgabe sei. Sie sitzen da immer neben dem Redner und das einzige, was sie sagen ist ‚Ja‘, ‚Sehr gut!‘, ‚Ach so‘ oder ‚Sehr interessant!‘. Warum machen Sie das? Was hat das für eine Bedeutung?“

Er musterte mich über den Rand seiner John-Lennon-Brille an und ein Lächeln huschte über seinen Lippen. „Doch jetzt erkenne ich Sie wieder. Hatten Sie nicht mal auf einem Go-Kongress ‚Smörrebröd-dump-ass-Junkie‘ gerufen und ihren Kopfhörer weggeworfen?“

Ich zuckte zusammen. Ja, offenbar hatte er mich wohl wieder erkannt. Er lächelte erneut und fuhr fort: „Ich bin ein guter Zuhörer.“

„Das tut mir leid, damals. Ich dachte, ich wäre damals dabei leise gewesen. Sie scheinen mir wirklich ein guter Zuhörer zu sein.“

„Nein, nein, Sie verstehen nicht. Meine Aufgabe ist, ein guter Zuhörer zu sein.“

„Ich verstehe nicht.“

„Ich werde dafür bezahlt, meine Auftraggeber bei deren Reden durch aktives Zuhören zu unterstützen.“

„Aktives Zuhören?“

„Schauen Sie. Ich gebe Ihnen ein Beispiel. Angenommen Sie führen einen Blog im Internet, dann wollen Sie doch wissen, ob er gelesen wird, nicht wahr. Sie bauen einen Besucherzähler in ihrem Blog ein, der Ihnen zeigt, wie viele Besucher sie hatten. Aber das reicht Ihnen nicht. Sie wollen aktive Resonanz. Sie wollen wissen, ob ihr Blogeintrag dem Leser gefallen hat. Sie wollen nicht nur Besucher des Besuches willen, oder. Sie wollen aktive Wertschätzung, nicht wahr.“

„Und was hat das mit aktivem Zuhören zu tun?“

„Meine Aufgabe ist es, dem japanischen Redner während seiner Rede eine Rückmeldung zu geben, dass ihm mindestens einer zuhört. In Japan wird mein Job nicht benötigt. Dort übernehmen das die Zuhörer. So etwas gehört zum guten Ton, zu unseren Sitten und Gebräuchen. Aber das Problem mit euch Europäern ist, dass ihr immer zu ruhig seid, bei den Reden anderer Leute. Nie weiß man, ob ihr nicht bereits eingeschlafen seid oder ob euch die Rede interessiert. So wie jemand bei seinem Blog ‚Mag ich‘-Klicks oder Kommentare haben will, so benötigen wir Japaner bei unseren Reden in Europa Rückmeldungen, dass man ihnen zuhört. Ansonsten können wir keine Reden halten.“

„War deswegen der Referent der Brieftaubensitzung so begeistert, weil ihn keiner verstand, er aber meinte, er bekäme positive Rückmeldung auf seine Rede?“

Kiki-Jouzu-san seufzte. „Das, was da heute geschah, war anfangs für Nejimakidori-san unglaublich. Er hatte sich auf das normale Schweigen von euch Europäer eingestellt. Und als die ersten dazwischenriefen, glaubte er, seine Rede würde die Zuhörer mitreißen.“

„Hatte er nicht gemerkt, dass niemand ihn verstehen konnte, dass es keine Simultanübersetzung gab?“

„Er glaubte, alle hätten diese neuen Knöpfe im Ohr, jene die man nicht mehr sieht und trotzdem so unglaublich gut funktionieren. Jene mit dem japanischen Technik-Know-How.“

„Aber doch nicht in Wanne-Eickel!“

„Das hatte er nachher auch erfahren. Auf Englisch. Vom Veranstalter. Und Nejimakidori-san hat es mir angelastet, weil ich dem Veranstalter angeblich nicht richtig zugehört hatte. Nejimakidori-san hat meinen Vertrag gekündigt. Jetzt darf ich noch nicht mal ‚Gefällt mir‘-Klicks generieren, wenn er wie üblich auf seiner Firmen-Facebook-Seite und in seinem privaten Blog Zitate von Dōshō und Lehrmeister Kong veröffentlicht. Diese Referenz wird mir fehlen in meiner Aufgabe als aktiver Zuhörer.“

„Wo ist Nejimakidori-san jetzt?“

„Er ist dort hinten in der Senator-Lounge. Ich durfte ihn nicht begleiten und muss hier warten, denn sonst würde ich ihm unendliche Schande bringen und er sein Gesicht verlieren.“

Kiki-Jouzu-san hielt inne und schob sich eine Scheibe Currywurst in den Mund. Belustigt bemerkte ich, dass er in seiner Hand zwei Holzgäbelchen dazu benutzte, wie japanische Essstäbchen.

„Noch eine letzte Frage: Was um Himmels willen hatte Nejimakidori-san auf jener überregionalen Jahresversammlung von Brieftaubenzüchtern des Ruhrgebiets zu suchen?“

„Nejimakidori-san hat im Norden Japans eine sehr erfolgreiche Produktion von mechanischen Aufziehvögeln. Man nennt ihn deswegen in seinem Ort auch achtungsvoll ‚Mister Aufziehvogel‘. Er war zufällig in Europa und erhielt über Internet eine Einladung, weil die Brieftaubenzüchter ihrerseits dachten, dass ‚Aufziehvogel-Experte‘ für den Begriff ‚Aufzucht‘ stehen würde.“

Ich hatte erfahren, was ich wissen wollte und somit begann ich mich, zu verabschieden. Während der Verabschiedung und dem Austausch der Business-Karten kramte er noch schnell in seiner Aktentasche, um mir eine Doppel-CD zu überreichen. Er sagte, es wäre seine neuste Geschäftsidee: eine CD für japanische und europäische Anwender zur Unterstützung bei einer zu haltenden Rede.

Drei Wochen nach der Fukushima-Katastrophe glaubte ich Kiki-Jouzu-san während einer Podiumsdiskussion in Wackersdorf im Bayrischen Fernsehen wieder erkannt zu haben. Er saß dort neben einem japanischen Manager, der einer schweigenden Menge erklärte, warum Europas Energieunternehmen sichere Bündnispartner für Japans Energieunternehmen seien. Danach sah ich Kiki-Jouzu-san nie wieder.

Während meines Zwischenaufenthalts in einem billigen Hotel in Kölleda fiel mir eine alte Zeitung vom vergangenen Sommer in die Hand. In dem Lokalteil stand ein kurzer Bericht über ein japanisches Konsortium, welches Geld in einen Freizeitpark bei Sömmerda investieren wollte. Das ganze endete jedoch als ein Fehlschlag. Ein schlechtes Ohmen und Menetekel sollte wohl gewesen sein, dass ein Delegationsmitglied, ein gewisser Herr Yasashii Kiki-Jouzu, während des Vortrags des japanischen Redners offenbar verstorben wäre. Es fiel dem Publikum aus Presse und Zuschauern zuerst gar nicht auf, denn er verschied schlafend in aller Stille auf dem Podium. Allerdings – so meinte der Schreiber des Artikels – wäre der Name nicht gesichert, denn der Name wurde von den Japanern genannt, hieße allerdings übersetzt „der wohlwollende gute Zuhörer“ und man wisse nicht, ob jenes nicht doch eher dessen Funktion statt Name gewesen wäre.

Vor der Weiterfahrt in meinem Auto am nächsten frühen Morgen fiel mir bei der Suche nach Musik die Doppel-CD vom Dortmunder Flughafen in der Hand. Ich hatte sie achtlos in der Seitentasche der Tür verstaut gehabt. Als Verkäufer, der die kometenhaften Popularität der letzten Jahre dieser neuartigen Jojo-Kartuschen mit doppelwandigem Magnetzipper nach dem bilokativen Mirosions-Verfahren auf dem Lande verursacht hat und worüber jeder Landwirt momentan schwärmend spricht, dafür benötigte ich keine Unterstützung für Reden. Ich bin Verkäufer. Kein Redenschwinger.

Vorsichtig nahm ich die eine CD mit der Aufschrift „Effective support for Japanese Speaker (45 minutes)“ heraus und schob sie in den CD-Player. Die Zeit im Display lief los und kurz danach vernahm ich in kurzen Abständen Kiki-Jouzu-sans Stimme:

„Hai!“, „Ochin harasho!“, „A so“, „Hai!“, „Kyou-mi shin-shin!“, „Hai!“, „Ochin harasho!“, …

Ich nahm die CD wieder heraus und legte die zweite CD ein: „Effective support for European Speaker (45 minutes)“. Wieder lief die Zeit im Display los und ich lauschte intensiv, aber ich hörte nichts. 45 Minuten lang ertönte kein Ton aus dem Lautsprecher. Nur Stille. Dr. Murkes gesammeltes Schweigen.

Nach 45 Minuten Tonlosigkeit wurde die CD automatisch ausgeworfen. Ich ergriff sie und steckte sie in die CD-Hülle zurück und legte die CD in meine Aktentasche.

Den Rest des Tages verbrachte ich in Schweigen.