Kneipengespräch: The day after – brennen muss Lady of Paris …

Sie brennt. Notre Dame, the Lady of Paris, brennt. Und wie sie brennt. Da sitzen sie nun da und glotzen. ntv. Der Wirt hat ntv geschaltet.

“Die Franzosen mal wieder. Kaum wird bekannt gegeben, dass gegen Winterkorn wegen den Abgasen bei VW ermittelt wird, zünden die vor Jubel gleich Notre Dame an. Wer sagt denen, dass Osterfeuer erst am Ostersonntag gezündet werden …”

“Das waren die Gelbwesten! Endlich mal ne Demo für die Abschaffung der Kirchen.”

“Vielleicht findet man ja einen Personalausweis vor der Kirche. Wir sind ja inzwischen aufgeklärt worden, dass muslemische Attentäter immer deren Ausweisdokumente am Tatort verlieren … man sollte jetzt mal die AfD-Twitter-Accounts verfolgen. Die haben doch immer solche Informationen als erste. Oder den Account von A. Schwarzer. Die ist ja auch immer voll im BILDe …”

“Wo saufen wir denn das nächste mal, wenn wir wieder nach Paris trampen?”

“An der Seine. Weil übernachten tun wir dann im Baugelände der Notre Dame. Und dann frühstücken mit Flics …”

“Wer rettet jetzt den Glöckner? Oder hat der sich schon wieder heimlich zu Esmeralda geschlichen?”

“Nicht der Glöckner. Sondern diesen Abend Grisu, der kleine Drache. Passend zur achten Staffel von Games of Thrones. Action!”

“Diese Live-Übertragung auf ntv. Da ist das Bild der brennende Kathedrale. Richtig ruhig gefilmt, viel ruhiger… einfach nur eine Einstellung … ungeheure Spannung … stürzt die alte Bude ein … bleiben die Glocken hängen. Aber kein Wort zum Glöckner und seine Esmeralda.”

“Der kommt erst in die Kamera, wenn jener Kessel mit erhitzten Pech auf die Feuerwehrleute kippt … ”

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Stefanus wird gesteinigt

aus Richard Bach „Illusionen“ zum Zweiten Weihnachtstag:

Hier ist ein Test, um herauszufinden, ob deine Mission auf Erden schon beendet ist: Solange du noch lebendig bist, ist sie es nicht.

Weihnachtszeit ist beeindruckend relativ …

Erinnerst du dich noch an die wunderbare Zeit, als du Kind warst? Da schlich das bezaubernde Weihnachten nur so heran:

Erster Advent. Okay. Wir erinnern uns. Nach dem ersten Advent, danach kam immer ein Montag. Muss so sein. War immer so. Danach ein Dienstag, dann ein … . Ein Nikolaus-Tag kam. Immer am gleichen Tag, aber nie am gleichen Wochentag. Der obligatorische Blick auf den Kalender der wissenden Kinder half. Darauf der nächste Tag. Irgendwann dann auch ein Samstag.

Zweiter Advent. Dann wiederum ein Montag. Montag. Okay. Herrje, aber das dauert auch. Echt jetzt. Dienstag. Hm. Verdammich. Okay. Ein Mittwoch. Langweilt das. Gähn. … gähn … gähn … ein Samstag. Endlich. Endlich. ENDLICH!

Dritte Advent. Was? Erst der dritte? Noch ein weiterer Advent bis Heilig Abend? Echt jetzt? Denkt man als Erwachsener immer so unpraktisch und langsam? Sapralot. So wird das nie was mit dem Fortschritt. Montag. Montag. Hört der denn nie auf? Ist doch schon Abendszeit. Und dritter Advent. Okay, einmal einen Samstag schlafen. Dienstag. Sicher? Ist nicht bereits Mittwoch? Echt Dienstag? Ich bin mir sicher heute ist Mittwoch. „NEIN!“ Okay. Dienstag. Dienstag. Mittwoch? Nein. Dienstag. Nächster Tag. Übernächster Tag. Danach … . … Samstag. Hört das denn nie auf? Was soll der Scheiss?! Wir hatten doch gestern bereits Freitag! Da bin ich mir sicher. Jetzt wirklich! Frag jeden auf der Straße, der wird’s dir bestätigen. Samstag! „Ist schon Weihnachten?“ „Nein, morgen ist erst der vierte Advent.“ „Echt?“ „Ja.“ „Nein!“ „Doch!“

Vierter Advent. Plätzchenduft. Mutter bäckt. Backt. Bäckt. Backt. Bäckt … äh, … tut backen. Weihnachtsduft überall. Brutal. Und dann noch Weihrauch in der Kirche. Ja, ist denn jetzt schon wieder Weihnachten? Ist Weihnachten? Oder? „Nein.“ „Aber Heilig Abend?“ „Nein.“ „ Und Morgen?“ „Nein!“ Montag. Ja, hört das denn niemals auf???? Seid ihr alle bekloppt? Seid doch mal pragmatisch! Abkürzungen sind doch allseits geduldet! Macht mal halblang mit eurem Kalenderfetischischmus, ihr Mireneuker, elendige! Zwischen „Maria Empfängnis“ und der „Geburt des Heilands“ sind kaum zwei Wochen im katholischen Kirchenkalender. Aber zwischen vierten Advent und Heilig Abend da macht ihr eine halbe Ewigkeit draus? habt ihr se noch alle? Echt jetzt, selbst in der BILD – in der „Sankt Pauli Nachrichten“ für Arme – steht was anderes …


Fünfzig Jahre später. EZDV der Gegenwart im Hier und Heute.

Gebeugt und im Arbeitsplan des eigenen Beschäftigungsverhältnisses penibel vermerkt:

Erster Advent. Okay. Noch drei Wochen bis Weihnachten. Ich bin ja ein kreativer Geist. Mittwoch Weihnachtsfeier im Kirchenverein, am nächsten Tag im Schachclub.

Zweiter Advent. Okay. Noch zwei Wochen bis Weihnachten. Nur keine Hektik. 40-Stunden die Woche Arbeit, das schafft jeder. Ich auch. Dienstag ist Weihnachtsfeier im Swingerclub, Frau hat dann Kopping. Mittwoch macht ihre Firma auf Weihnachten. Freitag ist meine Firmenweihnachtsfeier. Aspirin und so weiter besorgen.

Dritter Advent. Hm? Dritter? Ich muss noch Geschenke kaufen! Also mein Terminkalender. Kindergartenweihnachtsfeier von der Jüngsten, muss ich hin, oder die tumpe Nachbarin übernimmt alles, um zu kaschieren, dass ihr Sohn strunzendoof ist. Dann die Schulweihnachtsfeier. Sohnemann ist nicht wirklich gut. Muss gegenüber dem Lehrer gut Wetter machen, sonst rutscht Sohnemann in der sozialen Leiter ein Jahr hinterher. Oder die tumbe Nachbarin mit deren pseudeointellektuellen Göre … … Okay, Donnerstag, da geht noch was, weil Freitag, weil Kirchenchorfeier mit dem Gemeinderat, wichtig …

Vierter Advent. Was?!? Schon der Vierte? Wann ist denn heuer Heilig Abend? Herrjeminee! Ich … . Notfallplan! Online-Bestellung? Will meine Frau und der Rest der buckligen Verwandschaft etwa auch Geschenke? Was wollen meine Kinder? Smartphones sind immer gut. Wann ist überhaupt Heilig Abend? Und warum morgen der Termin mit meinem Chef wegen Weihnachtsurlaubsvertretung?!? … Ich brauch selber Urlaub … echt jetzt …

Weihnachten? Alle Jahre wieder: 24-Dezember-20xy

Wurscht. Auf Kartoffelsalat.

Ente im eigenen Saft mit Kartoffelklöße auf neuester Körperfettwaage mit Bluetoothanbindung ans eigene Smartphone.

Friede. Freude. Eierkuchen. Wir haben uns alle begehrenswert lieb. So lieb. Haben wir uns. Total.

UND NERVT MICH NICHT!

Bedenke, lieber Leser: Sauf zu Weihnachten nicht das, was ich eh nicht in mich reinschütten werde. Und lass dem Kartoffelsalat und den zu Tode gestopften Geflügel eine Schweigesekunde angedeihen, während ihr stumm schweigsam, unidirektional vor dem Fernseher bei Bildern aus den Jemen und vom letzten Tsunami auf das Christkind wartet. Requisat in pace, in nomine Patris et Filii et Spiritus Sancti. Ego te absolve, ընթերցող.

Und dann noch: Ihr anderen, jawohl, ihr! Meditiert gefälligst die Wartezeit bis zur Erleuchtung. Auf dass ihr eure eigene überfällige Erleuchtung erfahret. Aber bitte, immer nur orthorexiagemäß, woll.

Allerdings: Ihr Christenheit, ihr werdet vergeblich warten. Maria und Josef haben bereits alles zugegeben …


Autorenhinweis:

veröffentlicht nach einer Idee auf einen meiner Kommentare auf https://meinelilopranke.wordpress.com

Fröhliche Weihnachten, Lilo

Lass es krachen!