Das Corona-Tagebuch: Provinznotizen aus Deutschland Süd bei Südost (41): 150 Euro

Der Countdown läuft. In zwei Tagen kann ohne Mund- und Nasenbedeckung weder Einkaufen noch Nah verkehrt werden, ohne dass in Bayern dafür 150 Euro Strafe fällig werden. Ordnungshüter und so weiter wurden inzwischen mit einem neuen Satz Strafzettelblöcke und dokumentenechten Kugelschreiber ausgestattet. Und sie alle zählen den Countdown auf Montag rückwärts. Denn die Kennzahlen für aufgeschriebene Infektionsgesetz-Verletzer sind in der letzten Zeit doch schon ein wenig stagniert. Söder will endlich mal wieder verbesserte Kennzahlen im Ländervergleich und zu Laschet vorlegen können.

150 Euro für das Fehlen von einer Mund- und Nasenbedeckung in Geschäften und ÖPNV ist nebenbei der Betrag, der beim Hartz-IV-Regelsatz für Nahrungsmittel und alkoholfreie Getränke angesetzt wird. Oder eine andere Zahl: mit knapp 158 Euro werden Wohnen, Bekleidung, Haushaltsgegenstände und Gesundheitspflege bemessen. Der Hartz-IV-Regelsatz beträgt 432 Euro (inkl. 1,12 Euro für Bildung). Somit kann sich ein SGB-2-Betroffener in Bayern pro Monat zweimal ohne Mund- und Nasenbedeckung erwischen lassen und hat dabei im Monat noch immer reichliche 132 Euro für Miete, Wasser und Strom zur Verfügung. Das muss reichen. Das meinen auch wirtschaftskompetente Organe wie Regierung, BILD und Co.

Freilich, Schnaps und Rauch sind in dem Regelsatz nicht mit berücksichtigt. Das fällt unter Privatvergnügen eines Hartz-IV-Empfängers. Es heißt ja schließlich “Erst die Arbeit und dann das Vergnügen”. Und wer Arbeit sucht, findet auch welche. Zum Beispiel beim Spargelstechen. Da sollte die alleinerziehende Mutti im Süden Münchens auch mal flexibel sein und mit dem Nahverkehrszug nach Schrobenhausen auf die Spargelfelder fahren. Für Verkehr sind letztendlich auch 35,99 Euro im Regelsatz mit berücksichtigt. Das muss sich doch für uns lohnen, damit wir billigen Spargel aus Schrobenhausen im Supermarkt hier kaufen können.

Nun. Andererseits wissen wir allerdings auch, dass derjenige Mensch, der raucht, ein nicht zu vernachlässigender Aktivposten der deutschen Steuerzahlergesamtheit darstellt. Seit den beiden Tabaksteuererhöhungen in 2002 und 2003 raucht der Mensch aktiv für die Maßnahmen zum Anti-Terror-Kampf in Deutschland. Einfacher konnte man sich nicht am Anti-Terror-Kampf beteiligen. Jede Zigarette ist der Sargnagel für einen bösen Menschen.

Und nicht nur das. In den Jahren 2004 und 2005 erfolgten drei Steuererhöhungen zur finanziellen Unterstützung der Krankenkassen. Denen ging es damals dreimal schlecht. Dafür wurde dann dreimal die Tabaksteuer erhöht.

Wer also acht Zentimeter Tabakstrang, aus einer Schachtel gefummelt, mit Feuer anzündet, der lässt 9,82 Eurocent Steuern wie Phönix aus der Asche erstehen. Damit bekämpft er aktiv alle Terroristen und unterstützt gleichzeitig unser Gesundheitssystem. Günstiger geht es kaum, staatsbürgerliche Pflichten in Rauch aufgehen zu lassen.

Auf einer Internetplattform, namens QUEIOS, welche den Anspruch hat, Wissen aus Forschungen zu verbreiten, findet sich eine Veröffentlichung, dass unter den CoVid-19-Erkrankten nur 5% Raucher sind (auf Queios hier nachzulesen). Also fogten die Forschenden, dass das Rauchen nicht nur die eigene Lunge, den Terroristen und notorische Klammheit von Krankenkassen schädigen könnte, sondern auch dem SARS-CoV-2 Probleme bereiten könnte, auszubrechen und CoVid-19 zu verursachen. Könnte. Wohlgemerkt Konjunktiv, nicht wahr.

Bewiesen ist mit dieser Veröffentlichung nichts. Nur will das ja nichts heißen. Denn Unbewiesenes ist wie Atlantis: es existiert garantiert, nur das “wo”, das ist noch die ungeklärte Frage. Das habe ich inzwischen von den Verschwörungsaposteln gelernt. Daher kam ich auch extrem schwer ins Grübeln. Und weil Aposteln immer eine Kirche haben, hatte ich auch gleich eine aufgesucht. Als ich vor zwei Monaten wieder mal eine Raucherpause einlegte, plagten mich schwerste Gewissensbisse. Weil mit dieser Entscheidung machte ich mich wohl verdächtig, aktiv gegen den Anti-Terror-Kampf und der Förderung des Gesundheitssystems zu sein. In der Münchener Frauenkirche zündete ich deswegen vier Kerzen an. Ich kaufte zwei und brach sie mitten durch, um das Maximalste aus meines Kerzenerwerbs heraus zu holen. Im Scheine der Kerzenstummel hoffte ich, aufgrund meiner aktiven Raucherpause nicht ins Visier von Anti-Terror-Einheiten und Gesinnungsschnüfflern zu geraten. Und bislang war diese Kerzenspende 100% wirksam.

Sollte jetzt festgestellt werden, dass Nikotin ein Gegenmittel zur Heilung von CoVid-19 ist und somit Helmut Schmidt posthum zum neuen Schutzheiligen der Raucher erklärt werden, dann werde ich wohl wieder anfangen zu rauchen. Denn ich möchte mir nicht – wie all jenen dann unsolidarisch zu erklärenden Hartz-IV-Regelsatzempfängern – nachsagen lassen, dass ich erstens nichts für den Anti-Terror-Kampf beitrage, das Gesundheitssystem nicht quarzend unterstütze und dann auch noch selbstmörderisch auf die Glimmstängel verzichte.

Noch sind die Geschäfte geöffnet. Ich geh jetzt los, mir einen Hamster-Vorrat an Zigaretten zu besorgen. Und Feuerzeuge. Für meine Gesundheit ist mir nichts zu Schade. Zigaretten werden das neue Klopapier, da bin ich mir jetzt sicher. Und Feuerzeige die neuen Nudeln. Das hab ich im Urin. So wahr ich ohne Mund- und Nasenbedeckung heute noch einkaufen werde. Amen.

Das Corona-Tagebuch: Provinznotizen aus Deutschland Süd bei Südost (30): 35 qm Deutschland

31 Einträge bislang. Ein Monat später. Liest das überhaupt noch wer? Außer Rupi?

Was hat diese Blog-Serie aus mir gemacht? Was hat es aus allen gemacht? Wo stehen wir? Wo gehen wir hin? Wie oft muss man sich solche Fragen in Blogs durchlesen?

Basis dieses Blog-Eintrags: Prunotto Bansella. DOCG. 2017. 750 ml. 14,5% Vol.

Die Baustelle baut. Das Wetter wettert. Der Himmel himmelt. Die Krise kriselt. Die Wohnung mit Aussicht sichtet aus. Draußen dunkelt es dunkel.

Die monatlich bereinigten Arbeitslosenstatistiken, wie jeden Monat. Die monatlich unbereinigten CoVid-19-Statistiken wie immer. Trau, schau, wem du Expertenmeinung zugestehst.

Nach der Veröffentlichung der LEOPOLDINA-Papiere herrschte auf Twitter das Meinungschaos. Die Wischi-Waschi-Ansicht als pure Meinungsansicht gelesen in Auszügen. Oder über Drittquellen. Es hatte die Mehrheit der Twitter-Gemeinde blasenübergreifend erreicht. Das steht außer Frage. Aber wirklich sich selber jene Papiere durchzulesen, war wohl zu anstrengend, um sich eine differenzierte Meinung zu bilden. Das korrelierte zu der Forderung, die Jugend nicht in die Schulen zurück zu schicken. Weil man sich deswegen selber anstecken könnte. Und das gehe gar nicht.

Was eher konvenierte: den gemeinen Wald auch noch an den restlichen drei Ecken anzünden, um recht zu behalten, dass der Wald an allen vier Ecken lichterloh brennt. Besser er brennt an allen vier Ecken als nur an einer Seite. Es geht um Meinungsgewichtung.

Darf ich überhaupt Zweifel gegen die medialen Veröffentlichungen anmerken? Oder bin ich damit automatisch terroristischer Gefährder? Bin ich gar fehlgeleiteter Denker? Natürlich bin ich fehlgeleiteter Denker. Weil ich der Verfechter der populären These “Ein Geisterfahrer? Hunderte davon kommen mir entgegen!” bin?  Vox populi? Verschwörungstheoretiker? Dazu wird man schneller als ein Sonnenuntergang, wenn man sich eh nicht zuvor unter anderen Sonnen gebräunt hat.

Was ist Wahrheit? Es war vor ein paar Tagen Karfreitag. Also. Reicht mir meine Schale mit Wasser, um meine Hände in Unschuld zu baden. Um mich selber von meinen vorherigen  Entscheidungen frei zu sprechen. Vergesst aber bitte die Seife nicht. Ohne Seife, keine Virenbekämpfung. Das hatte in der Bibel eben jener dubioser Pontius Pilatus vergessen gehabt.

Ich bin kein Experte. Ich bin nur Expertenmeinungsverwutzer. Ist das okay? Nein? Dafür wurde ich inzwischen privat als “unmündiger”, als “Mainstreamgläubiger” wegklassifiziert.

Ich gnage an dieser abschätzigen Wertschätzung und versuche mich allein mir gegenüber, mich trotzdem zu rechtfertigen. Es klappt nicht. Ich stehe mir mit meinen Argumenten alleine gegenüber. Die daraus folgenden Grundsatzdiskussionen sind heftig. Weil, ich hätte ja wohl zuvor und überhaupt, da gab es Hinweise und andere hätten bereits gesagt und dann sind die aktuell anerkannten Experten und dann noch die nicht zu ignorierenden Schlagzeilen und dann die anderen die sowieso und ich bin ja eh dumm und unwissend und ohne hi und hott und dort gelesen zu haben eh unmündig und dann noch alles ohne Punkt und Koma geschrieben ist so wie eine Sahne-Creme-Torte anzurühren …

Ich schau aus dem Fenster. Es ist dunkel.

Meine Beleuchtungsanlage dimmt das Licht. “35 Quadratmeter Deutschland”. Null Balkon. Null Garten. Null Wohnungsluxus. Aber mit Blick nach draußen, gen Süden in die Sonne, das ist mein Anrecht an Ausgangsbeschränkung und Kurzarbeit. Hätte ich vormals ordentlich und fleißig gearbeitet, hätte ich wohl jetzt keinen Grund eben diesen anzumäkeln. Ich bin wohl faul, weil ich in der Innenstadt Münchens keinen Balkon oder Garten mir leisten konnte … ich hörte heute, wie großzügig Kollegenschweine dieses erklärten. Nur jene Fete der 50 Studenten wurde verurteilt, jene Party, welche die Münchener Polizei am Sonntag aufgelöst hatte. Unverantwortliches Gesocks. Und alle nickten. Eine normative Kraft des Faktischen ist so leicht herzustellen.

Meine Mutter ist 86. Am Telefon meinte sie, dass ihre Lebensqualität durch die Maßnahmen gekappt wurden. Warum würde ihr niemand deren letzten Jahre mit Kontakt zu anderen gönnen? Durch diese Verordnungen wäre sie noch einsamer als zuvor. Damit sie weiterhin in Isolation leben werde, um dann ohne CoVid-19-Einfluss zu sterben? Sie beklagte sich zuvor über wenige Kontakte. Und jetzt klagt sie durch die Social-Distancing-Parole aller anderen Personen (Bruder, dessen Sohn, dessen Frau, die Nachbarn) noch weniger Kontakte zu haben. Ich versuchte ihr zu erklären, wie brutal der Virus in der Lunge wüten würde und welche irreparablen Schäden der Virus anrichten würde, welche Qualen er hervorrufen könne, dass ihre Abgrenzung ihr paar Lebensjahre mehr bringen würden. Sie meinte, dass sie nicht für die Statistik leben würde, sondern für ihr Leben. Für ihre eigene Lebenserfahrung, für ihren Kontakt von ihr mit der Welt, von ihr Leben in dieser Welt.

Geht es nur darum, die statistischen Zahlen niedrig zu halten? Zahlen vor Kontakte? Ich gerate ins Grübeln. Ich hatte fahrlässig gegenüber meiner Mutter zu erwähnen vergessen, dass durch ihre Einstellung als unverständige 86-jährige die Gesundheitskosten unverantwortlich nach oben getrieben würden. Was nützt mir Tinder, wenn ich es im Sinne der Corona-Maßnahmen nur als reinen gedanklichen Austausch nutzen darf? Tinder ist keine Philosophenplattform, in der man alle elf Minuten seine Meinung wechselt, wenn man ein Foto sieht.

Verdammt. Was ist Gesundheit? Kann mir das mal jemand erklären?

Ist Gesundheit lediglich die Abwesenheit von Krankheit? JA! Genau das ist es. Das Ideal ist Gesundheit, ist die Norm. Und alles was krank ist, ist abnorm. Ausmerzenswert. Hallo? Darum schluck ich Sildenafil, Tadalafil, Vardenafil und andere, damit ich dem Idealbild eines gesunden Mannes entspreche. Schon mal wegen den fehlenden Wirkstoffen der Letzt Genannten von der Bettkante geschubst geworden? Nur mein Problem? Okay. Eure Meinung.

Nein? Nicht? Solltet ihr das nicht einordnen können, dann seid ihr empathisch negativ einzuordnen. Denn deswegen abgeurteilt zu werden, scheint nur für empathisch Unbedarfte ein “normal” zu sein. Denn “normal” braucht das nicht. Nicht in dieser Gesellschaft, welche “empathisch” als Kampfbegriff ohne jegliche Differenzierung nutzt. Wahrscheinlich, um direkt danach die Schublade der narzisstischen Dysfunktionalität zu ziehen.

Was ist gesund? Per definitionem ist “gesund” das, was die Wirtschaft am Wachstum nicht hindert. Seid ihr der gleichen Meinung? Oder habt ihr eine andere Version, welche Neoliberalismus nicht beinhaltet?

Ob man als deutscher apostrophierter abendländischer “Christ” sein Leben einem anderen opfern solle? Also, der Toten-Trage anderer zuvor zu kommen? Über Ostern habe ich die normative Kraft der Argumentation erhalten: Ein Verzicht auf das eigene Leben zugunsten eines anderen Menschen wäre Selbstmord und somit unchristlich. Das wurde mir von berufener christlicher Seite erklärt. Da ich ausgetreten bin, darf ich jene christliche Ansicht eh nicht verstehen. Ich versuchte darauf, gleich Oberst Klein anzurufen und ihm im Sinne des abendländischen Christen-Seins zu seiner Attacke in Afghanistan zu beglückwünschen. “Kein Anschluss unter dieser Nummer.” Der BND hat meinen Anruf wohl registriert.

Egal.

Ich gebe es auf. Es ist mir egal. Genauso wie jene die mir permanent erklärt hatten, ich solle heiraten, weil man dann im Angesichts des Todes nicht alleine sterben würde. Mein Vater starb auf einem Schrottplatz. Da hat es ihm nicht geholfen, dass er zuvor die goldene Hochzeit gefeiert hatte. Er starb einsam an einem Schrotthaufen, wo er wohl etwas für ihn wertvolles entdeckt haben mochte. Die Wiederbelebungsmaßnahmen des Rettungsteam des Rettungswagen kamen eine Stunde zu spät. Muss man heiraten, um sterben zu dürfen? Ab wann ist ein Tod menschenwürdig? Ist das abhängig von einem Virus? Ist menschenwürdig nur dann menschenwürdig, wenn die Statistik keinen Ausschlag zeigt? Was sind die krankheitsbereinigten Corona-Statistiken? Die Arbeitslosen-Statistiken werden immer bereinigt. die der Corona-Erkrankten nicht.

Verzweiflung macht sich bei mir breit. Ich will ja nur verstehen, nur verstehen.Bislang habe ich euch immer und überall verstanden. Nur versteht mich wer? 31 Einträge bislang. Ein Monat später. Liest das überhaupt noch wer?

Ich werde wohl diese täglichen Corona-Blog-Einträge reduzieren. Es ist eh kein Tagebuch-Blog. Nichts bedeutsames. Eher unbedeutsames.

Zudem, weil das kollektive Imperativ nur einen Gedankenkorridor (gemeinhin “framing” genannt) offen lässt.

Ich weiß nicht, ob ich CoVid-19 positiv oder negativ bin, aber in mir reift der Gedanke, als potentieller Muttermörder in die Geschichte einzugehen: indem ich meine Mutter umarme und sie dadurch glücklich mache, aber die Gesellen von Spahn bis hin zu Söder sonst unglücklich mache. Ihr Lebensende soll statistisch positiv in de Daten eingehen, so ist das gesellschaftliche Ansinnen.

Glück ist eine Sache, welche eh auf einem anderem Papier geschrieben steht. Statistisch unerfasst und gesellschaftlich meistzeit als “sektiererisch” gebranntmarkt.

Energie folgt der Aufmerksamkeit.

Ausgangsbeschränkung. Auf 35 Quadratmeter Deutschland.

Will wer tauschen?

Das Corona-Tagebuch: Provinznotizen aus Deutschland Süd bei Südost (28): Tierlieber Ostersontag

Wenn Osterhase mit seinen Eiern … Moment, der Eierhase mit seinem Ostern, … äh, die Ostereier vom Hasen …

Ich krieg es nicht hin. Der Text sollte einfach nur U18 sein, jugendfrei. So etwas darf ich nicht schreiben. Niemals, nie, nicht. Es könnten ja Kinder mitlesen, die gerade Kinderüberraschungseier auspa … Mist! Schon wieder.

So etwas darf ich nicht schreiben. Kann mir jemand die siebenschwänzige Katze zum Selbstauspeitschen wegen unkeuscher Gedankenlage reichen? Wie? Katzen haben jetzt ebenfalls CoVid-19? Echt jetzt? Auch ne Risikogruppe? Per Test nachgewiesen? Ich dachte, es wird nur derjenige getestet, der persönlich einen CoVid-19-positiv Kontakt hatte, also einen Menschen, weil diese Tests so kostbar sind.

Hunde und Großkatzen können auch SARS-CoV-2 bekommen, habe ich jetzt lesen müssen. Zoos wurden ja bereits gesperrt. Wahrscheinlich damit niemand Tiger und Löwen streichelt. CoVid-19 Gefahr! Lediglich Hunde und Katzen laufen weiterhin frei herum. Diese Kotmaschinen auf vier Beinen sind deswegen entwicklungstechnisch tiefer gelegt worden, damit wir uns bücken müssten, um sie zu streicheln. Und wir bücken uns nicht! Wir sind aufrechte Menschen. Immer. Da bücken wir uns nicht. Außer hoch. Dass herausgefunden wurde, dass Hunde SARS-CoV-2 übertragen können wurde wahrscheinlich bei einer “Triage” herausgefunden: deutscher Schäferhund versus Hartz-4-Empfänger. Und das mit den Katzen? Dito. Katzen sind billiger im Unterhalt. Zudem, Hunden und Katzen braucht es schließlich noch, um auf Twitter oder Instagram seine Follower mit süßen Bildern bei der Stange zu halten.

Wobei “Stange halten” geht jetzt ja auch nicht, nicht wahr. Geht gar nicht. Nicht wirklich, weil erstens Kontaktverbot und zweitens latent sexistisch. Vor allem, weil Frühling ist, und da geht weder “Stange”, noch “Fieber” und erst recht nicht beides zusammen.

Und wenn Tote zu Ostern auferstehen, dann hat das nichts mit Sex in Corona-Zeiten zu tun, sondern mit … nein, die Statistikzahlen sind heute auch nicht zurück gegangen …

Nur, Osterwunder passieren selten dann, wenn man sie braucht. Glaubt daran. Oder streichelt mal wieder ne Katze. Oder kommt auf nen Hund. Aber lasst sie vorher auf SARS-CoV-2 testen …

Das Corona-Tagebuch: Provinznotizen aus Deutschland Süd bei Südost (25): Gründonnerstag

Jetzt ist es wieder so weit. Das Letzte Abendmahl am Gründonnerstag. Aber es kann nicht statt finden. Versammlungsverbot, Kontaktverbot, Bewirtungsverbot und dann auch nur die Fußwaschung mit Wasser, statt Hände mit Wasser und Seife.

Daher kann dieses Event gemäß des §32 des Infektionsschutzgesetzes (IfSG ) eindeutig nur untersagt werden. Denn §32 des IfSG besagt, dass die Grundrechte der Freiheit der Person (Artikel 2 Abs. 2 Satz 2 Grundgesetz), der Freizügigkeit (Artikel 11 Abs. 1 Grundgesetz), der Versammlungsfreiheit (Artikel 8 Grundgesetz), der Unverletzlichkeit der Wohnung (Artikel 13 Abs. 1 Grundgesetz) und des Brief- und Postgeheimnisses (Artikel 10 Grundgesetz) insoweit eingeschränkt werden können. Denn es könnte zur Übertragung einer Krankheit gemäß §7 IfSG, Satz 1, Nummer 31a kommen und somit kann §73, §74, §75 und §76 des IfSG Anwendung finden.

Oder auf Deutsch: Abendmahl geht schon mal gar nicht. Das könnte sich bitter anfühlen für die 46 Millionen Christen, also der 55%-Mehrheit in Deutschland. Als Ausgleich gibt es jedoch zwei arbeitsfreie Tage, einen Frei-Tag und einen Montag, welche aber bitte dann in den eigenen vier Wänden zu verbringen sein sollten. Und die gibt es gnädiger Weise unter gleichen Bedingungen auch für die andere, jene 45%ige Minderheit.

Und weil das Abendmahl ausfällt, gibt es als Surrogat die Talkrunde am Sonntag Abend. Ein Pastor, ein Pfarrer und dazu ein einfühlsamer Moderator: “Wie haben Sie sich gefühlt, als Sie Gründonnerstag vorne am Altar standen, mit der Ausgangsbeschränkung und dem Versammlungsverbot, und dann nur leere Kirchenbänke sahen? Was hat das mit Ihnen gemacht?” “Ach, nichts besonderes. Leere Kirchenbänke waren bei uns schon immer die Regel.” “Aber es war doch Gründonnerstag.” “Ja und? Es wird ja nicht das letzte Letzte Abendmahl mit leeren Plätzen sein.”

Aber weg von leeren Plätzen jetzt zur vollen Allgemeinbildung. Wir deklinieren das Wort “Triage”. Das Wort “Triage“ kommt aus dem Französischen, bedeutet “Auswahl“ oder “Sichtung“ und ist bereits in aller Munde. Ergo muss es auch korrekt genutzt werden, nicht wahr. Also. Die Deklination – den Fachbegriff, ganz unter uns Kloster-Insassen mit Ausgangsbeschränkung gesprochen, können alle anderen Mitinsassen auch Flexion nennen –, also, die Deklination bedeutet, ein Hauptwort verbal durch die vier Kasus Nominativ, Genetiv, Dativ und Akkusativ zu jagen. Singular (Einzahl): die Triage, der Triage, der Triage, die Triage. Plural (Mehrzahl): die Triagen, der Triagen, den Triagen, die Triagen.

Sehr gut. War doch einfach, nicht wahr. Und jetzt zu Günther Jauch in “Wer weiß denn sowas”? Moment. Das Wort lässt sich ebenfalls wie ein Verb konjugieren. Man muss es nur wollen. Und genau dieser Wille wird momentan in den Medien durchkonjugiert: “Ich will nicht sterben”, “Du könntest statt meiner sterben”, “Don Giuseppe stirbt” …

Augenblick mal. Don Giuseppe? Richtig. So hieß der Priester, der katholische Erzpriester von Casnigo in Italien, der im Krankenhaus von Lovere aus eigenem Willen auf sein Beatmungsgerät verzichtete, um dieses einem jüngeren Menschen zur Verfügung zu stellen. Der Priester starb, der jüngere überlebte. Tja, das ist wahres Christentum.

Christen glauben an ein Leben nach dem Tode. Und nicht nur jene alleine. Lediglich 15% der Bevölkerung sind erklärtermaßen Atheisten und für die ist dann mit dem Ableben endgültig Schluss. Besonders, wenn sie kein Beatmungsgerät erhalten. Warum sollten also die 85% nicht dem Beispiel eines Don Giuseppes folgen? Nach dem Tod geht es ja weiter. Oder sollte es so sein, dass bei denen die Nächstenliebe nur von Zwölf bis Mittags eine Rolle spielt, ansonsten jeder andere auch gefühlter Atheist ist, aber im Grunde gerne nur viele Feiertage vom Staat erhalten und somit mehr Freizeit haben möchte?

Als am 1. November 1755 Lissabon durch ein Erdbeben und den dadurch erzeugten Tsunami getroffen wurde, darauf auch noch die Feuersbrünste fast alles in Schutt und Asche legten, war das Entsetzen groß. Wie konnte ein Gott einem so gottesfürchtiges Stadtvolk dermaßen hart bestrafen? Waren jene nicht fromm genug? Aber das Schlimmste an dieser Katastrophe war nicht diese Sache allein, sondern es war der Fakt, dass das Viertel der Sexarbeiterinnen “Alfama” weder durch Erdbeben, Tsunami noch Feuer zerstört wurde. Der “Sündenpfuhl” blieb verschont. Wie konnte Gott das nur zulassen? Vielleicht hatten die Prostituierten dort aber auch nur mit Erfolg zu St. Florian gebetet: „Heiliger Sankt Florian / Verschon’ mein Haus, zünd’ and’re an!

Doch zurück zur Gegenwart: “Triage” hat seinen Ursprung in den Lazaretten der Militärs, damit die fittesten Soldaten unter den Verletzten schnell wieder gesund gepflegt werden konnten, um sie dann zurück an die Front zu schicken. “Triage” ist jetzt die neue Heilsidee in Zeiten von Corona. Zusammengefasst werden kann das Wort “Triage” im Englischen unter dem Begriff “Survival of the fittest”, einen Begriff, welcher von Herbert Spencer, ein englischer Philosoph und Soziologe, geprägt wurde. Hierzulande sagt man einfach “Sozialdarwinismus” dazu.

Aber “Sozialdarwinismus” hört sich so negativ an. Lasst uns “Triage” stattdessen verwenden. Das hat eine edle Pseudo-Noblesse-oblige, einen Hauch von verpflichtende Verantwortung dem eigentlich “Lebenswerteren” gegenüber, gewissermaßen den diskreten Charme der Bourgeoise. Genauso hieß auch der Film von Luis Buñuel im Jahre 1972, der darauf dessen Fortsetzung “Das Gespenst der Freiheit” ins Kino brachte.

Wobei ich mit Luis Buñuel jetzt wieder beim Letzten Abendmahl wäre. Elf Jahre vor dem Film “Der diskrete Charme der Bourgeoise” drehte er “Viridiana” mit der unübersehbaren Abendmahl-Szene. Dreizehn Bettler sitzen um einen Tisch und verzehren ein üppiges Mahl. Dreizehn sind es auch auf Leonardo da Vincis „Abendmahl“-Gemälde, eine exakte Parodie. Aus einem Grammophon tönt Händels „Halleluja“. Und dann sprengt das Mahl die erträglichen Grenzen eines Abendmahls.

(verlinkte Bild-Quelle: http://festivalcinesevilla.eu/en/films/viridiana)

Soweit wird es heuer nicht kommen. Abendmahl ist bekanntlich verboten: Versammlungsverbot, Kontaktverbot, Bewirtungsverbot und dann auch nur die Fußwaschung mit Wasser, statt Hände mit Wasser und Seife. Geht gar nicht.

Dafür aber wohltemperierte Triage-à-deux, statt heißer Ménage-à-trois. Den ersteres ist keine Ursünde, sondern ein militärischer Begriff für eine Entscheidung – wir befinden ja uns im Kriegszustand gegen Corona, nicht wahr – und zwotes ist erstens heuer verboten und dann auch eh noch eine der Wurzelsünden.

Denkt daran, wenn ihr euch zum Dreier heute verabreden solltet. Denn es ist Gründonnerstag.

Mahlzeit miteinander. Und: wohl bekommt’s.

 

Das Corona-Tagebuch: Provinznotizen aus Deutschland Süd bei Südost (22): Corona-App

Haben Sie schon die App? Nicht? Warum nicht? Seien Sie nicht unsolidarisch! Wenn jeder so denken würde wie Sie, können wir diese Pandemie nie besiegen. Und wir wollen dieses Scheiß-CoVid-19 doch besiegen, oder etwa nicht?

Denken Sie nur: die Pocken beispielsweise. Die Pocken tauchten ungefähr 160 n. Chr. in Europa auf und erst am 26. Oktober 1979 erklärte die WHO die Welt für pockenfrei. Pocken ausgerottet. Nach mehr als 1800 Jahren.

Kein Wunder. Die Leute hatten damals der App nicht. Hätten schon die alten Römer diese App gehabt, wären Pocken historisch nie ein Thema gewesen. Die Römer hätten die App aus dem Kapitol vom Jupiter runtergeladen und – zack – wären die Pocken zum Pluto, dem Herrscher der Unterwelt, geschickt worden. Nur, die Römer hatten bekanntlich der App nicht. Und das ist Fakt.

Und kommen Sie mir jetzt nicht mit Platon “Politeia” und seinem Sokrates. Als jener erklärte, nach der Demokratie entstehe aus deren Untergang die Tyrannenherrschaft, da gab es noch kein Internet. Daher kann der Plato gar nicht mitreden. Der hat die Pocken auch nicht mitgemacht.

Und kommen Sie mir jetzt nicht mit Grundrechten! Die Regierung denkt mit und hat das Bundesministerium für Gesundheit am 23. März dazu ermächtigt, durch Allgemeinverfügung oder durch Rechtsverordnung Vorkehrungen zum Schutz der Bevölkerung zu treffen und die Gesundheitsversorgung sicher zu stellen. Darunter fallen dann auch Vorschriften für den Reiseverkehr, für Melde- und Untersuchungspflichten. Das passierte alles zu dem Schutze Ihrer Grundrechte! Und wenn dann der Held der Helden, der Jens Spahn, erst einmal seine App auf unseren Smartphone hat, dann wird er in weniger als 1800 Jahre – wie weiland die WHO über die Pocken – stolz verkünden: “SARS-CoV-2 ist ausgerottet!” Und wir alle sollten dann dankbar applaudieren und uns den von angeblich auf Rechtswegen entledigten Rechte nicht grämen. Das ist halt Demokratie und die ist für alle da.

Installieren Sie jetzt? Wollen gerade Sie sich der App verweigern? Haben Sie etwa zu verbergen, mit wem sie sich immer treffen? Sind Sie etwa Terrorist, dass Sie die App nicht herunter laden wollen? Wenn jeder nur an sich denkt, dann denkt keiner mehr an jeden und das ist schlecht für uns alle. Und somit den Staat. Und wer ist der Staat? L’état c’est moi! Und lassen Sie sich meine freie Meinung ehrlich und schonungslos sagen: Sie sind ein unsolidarischer Egoist!

Würden Sie also jetzt bitte die App auf ihrem Smartphone laden? Oder haben Sie etwas zu verbergen? Ich meine, wenn Sie nichts zu verbergen haben, wohin Sie gehen, mit wem Sie sich treffen auf ein Bier oder zum Seitensprung, und welche amoralischen Orte Sie sonst noch so besuchen, dann können Sie sich die App ja herunter laden. Falls nicht, muss ich annehmen, Sie treiben illegales, unmoralisches, unsolidarisches. Und das kann ich nicht erlauben. Also. Entweder Sie installieren jetzt die App oder ich muss Sie leider melden!

Und dann wissen wieder alle
alles besser wia i.
Moana immer nur sich selber,
doch mitm Finger zoagns auf mi.
Koaner laßt si neischaugn,
manchmal kanntst as neihaun,
und i spür jetzt mehr und mehrer,
was bei uns im argen ist:
A jeder Deutsche is a Lehrer
und a Freizeitpolizist

(aus “Laß mi wieder falln” von Konstantin Wecker, 1986)

(geschrieben nach einer Idee von H.G.Butzko)

Gebäck in heißem Fett aufgebacken in Zeiten der Grippe (Westfalenland außer Rand und Band)

“Und jetzt gilt es!”, der Showmaster legt mir zu meinen Fingerspitzen ein Gebäckteilchen. Ich spüre ihn den Hauch von Zucker, wie er meinen Fingern sein ‘Greif mich! Pack mich!’ zuruft.

“Ihre Aufgabe: Erraten Sie, woher dieses rundliches Fettgebäck, das mit feinem Zucker bestäubt oder einer Glasur überzogen ist und mit Marmelade gefüllt ist, stammt.”

Ich konzentriere mich und öffne meine Augen. Kurz schaue ich nochmals ins Publikum.

Oder besser gesagt auf die Rundleinwand, auf denen die Zuschauer abgebildet sind. Je nach finanziellem Entschädigungsbeitrag der Zuschauer werden deren Gesichter dort dargestellt. Die SD-Zuschauer erhalten maximal 16 Pixel Platz, die HD-Zuschauer 64 Pixel, die Full-HD Zuschauer 128 Pixel, die UHD-Zuschauer 256 Pixel und die 8K-Zuschauer werden mit bevorzugten 1.024 Pixel dargestellt. Premium-Zuschauer, also Prominente der Kategorie A-D, erhalten bis zu 1.048.576 Pixel; Prominente der Kategorie E-T bis zu 102.400 Pixel und die Kategorie U-Z den Rest über 1.024 Pixel. Zumindest wurde es mir erklärt und jeder Mensch werde scharf dargestellt aufgrund der hochauflösenden Pixeltechnologie.

Ich konnte vier 1.048.576 Pixel-Promis mit einem Seitenblick erhaschen, einer davon war Diether Rossmann, der erfolgreiche deutschstämmige Jung-Milliardär aus der Traum-Metropole Hollywood, der sowohl schauspielert, singt, show-mastert  und ein erfolgreiches Start-Up in der Virologie vor einem Jahr aufgemacht hat.

“Ich hoffe, Sie sind bereit?”

Ich ergreife den Fettgebäckballen und beisse vorsichtig hinein.

“Hm, leicht und fluffig. Schmeckt heiter. Irgendwie südlich.”

“Aha, und woher stammt der?”

Ich zögere. Aber die Erinnerung an den Münsteraner Karneval steigt in mir hoch.

Westfalenland, Westfalenland ist wieder aus Rand und Band.

Als mein Mitschüler mir beim Umzug so ein Ding auf meinen Kopf zerdrückte und die Kirschmarmelade mir über mein Winnetou-Kostüm lief. Und dann war die Erinnerung an den Kölner Umzug. Als ich mit zwei Kölsch in den Händen vor mir, einen Turm dieses Spritzgebäcks, süß, verführerisch, lasziv, und ich mir mit dem Mund einen davon heraus biss und dann selig besoffen rief …

Berliner! Eindeutig Berliner! Rheinland, Münsterland, westlich vom Rhein dazu, könnte auch aus Bern sein”, laut meine Antwort.

“Münsterland ist richtig! Hervorragend!”

Der Showmaster klatschz in die Hände und dreht sich vor der Leinwand Applaus-heischend herum.

Applaus erschallt aus verschiedensten Lautsprechern und ich sehe die Pixelgesichter lachen und freundlich nickend. Ein weitere Blick von mir zu den 1.048.576 Pixel-Promi-Bildern. Konnte ich dort Boris Becker erkennen? Oder war das seine Tochter? Der Showmaster nahm meine Aufmerksamkeit zu sich.

“Der nächste Ballen. Wieder ist die Frage, woher kommt er, wie heißt er und schaffen Sie es auch diesen einzuordnen? Schließen Sie die Augen.”

Die Augen zu schließen, war eigentlich Kappes. Es war so im Vertrag bestimmt und diente lediglich dazu, dem Showmaster das Suspense-Momentum zu geben und beim Zuschauer Spannung aufzubauen.

Ich spüre, wie der Showmaster mir erneut so ein Ding vor meine Finger legt. Wieder spüre ich den Hauch des Zuckers, der meinen Fingerspitzen sein ‘Worauf wartest du, du Sau!’ vermittelt. Es ist leicht karnevalistisch, aber irgendwie nicht rheinisch.

“Sie dürfen jetzt schauen.”

Ich öffne die Augen und blicke zuerst wieder auf die Leinwand. Sehe ich dort Thomas Gottschalk? Nein, das war der garantiert nicht, aber das Pixelgesicht sah so aus. ‚Konzentriere dich nicht so sehr auf die Mega-Pixel-Bilder, suche die Bedeutsamen in den unbedeutsamen Pixel-Gesichtern‘, ermahne ich mich innerlich und blicke auf das Fettgebäckbällchen vor mir.

“Können Sie mir sagen, was Sie vor sich haben. Und vergessen Sie nicht, es schauen Ihnen heute Abend Millionen zu. Das ist eine Eurovisionssendung. Wir grüßen auch unsere Zuschauer aus der Schweiz, Österreich und aus Tirol.”

Tirol? Sagte er ‘Tirol’? Aha! Erwischt. Eigentlich wollte ich etwas anderes sagen, aber diese karnevalistische, langsame Anmutung des Ballens vor mir und dann dieser Hinweis auf Tirol …

“Das ist ein Faschingskrapfen aus der Gegen von Tirol”, erkläre ich und schaue den Showmaster provozierend offen an. Sein Gesicht läuft leicht rot an. Ihm fällt sein Fehler auf. Und er versucht, ihn zu vertuschen.

Faschingskrapfen? Sie sind sich sicher? Es könnte ja auch ein Berliner sein. Er sieht ja aus wie der vorherige.”

Faschingskrapfen aus Tirol.”

“Unsere Zuschauer kennen nur den Anton aus Tirol.”

“Ich bleibe dabei: Faschingskrapfen aus Tirol.”

“Ob das richtig ist?” Er blättert in seinen Kartenset, welches er in den Händen hält und hebt eine davon in der Höhe:

“DAS IST RICHTIG! Super! Hervorragend.”

Wieder dreht er sich Applaus-heischend zu der Rundleinwand. Die Pixel bewegen sich wie orchestriert in Begeisterung und aus den vielen Minilautsprechern erschallt begeisterter Applaus. Ich konzentriere mich auf einen der mir nahen SD-Pixelgesichter. Eine ältere Frau lächelt begeistert und tupft sich mit einem Taschentuch eine Träne aus ihren Augenwinkeln.

“Das war sehr gut! Sie sehen, die Zuschauer sind begeistert! Sie lieben Sie! An dieser Stelle möchte ich doch unseren prominenten Gast und Zuschauer Diether Rossmann fragen, wie er die letzten Minuten erlebt hatte.”

Diether Rossmanns Pixelgesicht wird groß rausgeblasen und drängt alle anderen ins kleinste SD-Format der Rundumleinwand.

”Bin ich live auf Sendung?”

“Diether Rossmann, ja du bist live auf Sendung und jetzt in Großaufnahme! Diether, wie siehst du die Leistung unseres Gastes? Was haben die letzten Sekunden mit dir gemacht? Sag es uns“”

“Hervorragend! Aber es hätte den Hinweis mit Tirol nicht bedurft, um den letzten Ballen einzuordnen, nicht wahr. Das hätte er auch so geschafft. Übrigens, an dieser Stelle möchte ich meine Fans aus dem Eurovisionssendegebiet grüßen. Ich freue mich, wenn Sie nächsten Mittwoch sich in meine Show ‘Livehaftig’ einschalten. Ich habe übrigens gesehen, der Boris ist auch Zuschauer?”

Der Showmaster reagiert leicht indisponiert: “Nein, Boris ist gerade in Tirol bei den Open-Tennis-Masters in der neuen geheizten Showroom-Halle und kommentiert das Tennis-Abstiegsduell zwischen Andorra und Deutschland. Von dieser Stelle auch ein ToiToiToi an unser Davis-Cup-Team. Ihr schafft das schon. Diether Rossmann, ich danke dir und wir sehen uns nächstes Wochenende auf der Media-Messe in Garmisch-Partenkirchen zum ‚winterhaften Sommer-Fernsehgarten‘.”

Er wendee sich mir wieder zu. Der Ballen zuvor war bereits wieder abgeräumt, ohne dass ich einen Bissen nehmen konnte. Aber ich trauerte dem nicht hinterher. Wenn der Showmaster schon zu blöd war, die Lösung in der Frage nicht zu verraten, ersparte mir somit Kalorien.

“Und nun zu dem nächsten. Wieder ein rundliches Fettgebäck, das mit lieblich-feinem Zucker bestäubt oder einer aparten Glasur überzogen ist und mit köstlicher Marmelade gefüllt ist. Bitte die Augen schließen.”

Ich tat, wie mir geheißen. Kurz darauf spüre ich wieder diesen durchdringenden Appell des Zuckers des Fettgebäcks an meine Fingerspitzen ‘Du willst es doch auch, nicht wahr!’. Und dann sind da noch diese Vibes, welche mich stutzig machen.

“Sie können die Augen öffnen.”

Da liegt er vor mir. Weiß überzuckert mit braun gebackenem Körper. Ein typisches Fettgebäck. Ich greife zu und drücke ihn. Er lässt sich leicht drücken. Trotzdem ist er nicht leicht und fluffig. Er hat eine leichte Gegenreaktion gezeigt und ruft mir eine leichte Erinnerung an Gonzo-Pornos hervor.

Gonzo-Pornos?!?

“Na? Das ist nicht so einfach, nicht wahr?”, versucht mich der Showmaster in meiner Konzentration zu stören.

Gonzo-Pornos? Da war Sonja. Die mochte solche Dinge nicht. Sie fand sie ekelig. Man konnte fast meinen, sie wäre sex-abstinent. Aber dabei war sie eine Granate in der körperlichen Kommunikation. Ein Traum, den Tausend-Millionen Männer in ihren Schlaf schwitzend träumten, bevor sie aufwachten und an ihrer Seite Leere feststellten.

Gonzo-Pornos? Gonzo? Der aus der Muppet-Show, der Stuntman mit der langen Nase? Der Außerirdische, welcher auf der Erde zurück gelassen werden musste, und sich dann den Muppets anschloss, um auf seiner Trompete einen klaren Ton zu blasen? Einen klaren Ton? Mit Trompete? Und ohne? A capella. Gonzo? Gonsheim? Gonsbachlerchen? Wie es singt und lacht? Lacht? Die Gonsbachlerchen? Mainz bleibt Mainz? Wie es sinkt und trotzdem lacht? Die immer lacht? Hessisch? Jaaa! Das musste es sein.

Ich beiße kurz in den Ballen rein und die Marmelade verteilt sich auf meiner Zunge. Südhang. Bembel. Hieß deren David Bowie nicht Heinz Schenk?

“Das ist ein Kräppel! Oder auch Kräpfel! Aus Hessen!” kommt es aus mir hervor.

“Richtig! Wahnsinn! Das stimmt! Ein Kräppel! Super!”

Der Saal erschallt in Applaus, die Pixelgesichter wogen in Begeisterung auf und ab. Und es droht nicht zu enden.

Seit der Grippe-Pandemie, welche durch Europa wütete und unzählige Opfer unter den Ü50-Menschen kostete, wurde keine Show mehr vor Publikum ausgestrahlt. Man baute anfangs Leinwände auf, auf denen das Publikum projiziert wurde. Nach der zweiten großen Pandemie in Europa wurden dann Fußballspiele für das öffentliche Publikum gesperrt. Aber da Fußball ohne Auditorium eine fade Sache geworden wäre, hatten die millionenschweren Clubs ihre Stadions mit billigen Tablets ausgerüstet. Auf jedem Sitz des Stadions stand ein Tablet und ein Zuschauer wurde direkt mit dem Tablet verbunden und konnte dann das Spiel von dem entsprechenden Sitz aus über jenes Tablet fast so sehen, wie er es im Stadion gesehen hätte, wäre er Inhaber jenes Sitzes für ein Spiel lang gewesen. Mit dem Vorteil, dass ein Riese vor ihm die Sicht eventuell versperrt hätte.

Anfangs waren alle reserviert und niemand sagte diesem Model eine Zukunftschance voraus.

Als allerdings beim Champions-League-Finale zwischen PSG Paris St. Germain und Preußen Münster urplötzlich alle Tablets ausverkauft waren und die Streaming-Gebühren ins Astronomische stiegen, wurden alle Dämme gebrochen so wie damals beim Wiehnachtshochwasser in Köln. Anfangs war es für die Fußballspieler ungewohnt, da der Sound der Tabletts nicht dem Sound wirklich existenter Zuschauer im Stadion entsprach, aber danach war es für die Spieler immer ein Höhepunkt zu sagen, dass er von jenem oder jenem oder einem Promi über Tablett beim Spielen gesehen wurde. Es war den Spielern eine Auszeichnung, wenn denen ein Promi zusah.

Das Tragen von Mundschutz oder Handschuhen war zu dem Zeitpunkt schon längst kein Diskussionspunkt für die Spieler. Sie wollten alleinig Wertschätzung für deren Auftritte auf dem Rasengrün. Und sie erhielten durch die Anzahl der eingeschalteten Tablets auf den Zuschauersitzen jene einverlangte Wertschätzung, welche denen mehr galt als der schnöde Mammon. Das war eine skurrile Situation, aber Fußballspieler wurden im Verlauf der Geschichte als die hygienischsten Sportler aufgrund aller Maßnahmen in Zeiten der Grippe eingestuft.

Die Live-Shows im Fernsehen passten sich an und hatten dann jenes Tablet-Model der Fußball-Zuschauer perfektioniert. Die Showbühnen waren umrundet von einer Leinwand, auf denen die Zuschauer als Pixelbilder dargestellt wurden. Die Technologie machte es möglich, Abstufungen zwischen Wenig-Zahler und Viel-Zahler bis hin zu Promi-Faktoren zu erzielen.

Nebenbei, die von Jugendlichen verehrte, musikalische Jugend-Combo ‘Live-Hack’ hatte ihren ersten millionenfach ausverkauften Gig in einer eigentlich als Abstellkammer dienendem Raum in Tirol, welches nachher zur Tiroler Showroom-Halle ausgebaut wurde, in der jetzt das deutsche Davis-Cup-Team Bälle über ein gespanntes Netz prügelte.

“Wir sind noch nicht am Ende. Es geht weiter. Sie haben bislang ein paar Ballen nach deren Herkunft erraten. Aber jetzt wird es schwierig. Der nächste kommt. Schließen Sie ihre Augen.”

Wieder spüre ich den Ruf der Puderzuckerschicht ‚Scheiss auf Kalorien, ich bin dein Sweetie! Fick mich!‘ in meinen Fingerspitzen. Aber das sagt ja jede Zuckerschicht. Am schlimmsten sind hierbei sowieso die brasilianischen Schokoladenbällchen, ‘Brigadeiros’ genannt. Eine Dose gezuckerte Kondensmilch, ein Ei, Butter, 4 Esslöffel süßes Milchkakaopulver. Und dann die ganze Masse nach dem Erhitzen und Stocken erkaltet als keine Kügelchen geformt in Hagelzucker gewälzt. Serviert zu einem zuckersüßen Caipirinha. Oder zu einem Schokoladenkuchenstückchen mit Zuckerlimonade. Mach mich dick. No sex, please. You do not need to sex me up, but give me Brigadeiros …

Ich öffne meine Augen. Dort liegt weiterhin dieses rundliche Fettgebäck, das mit feinem Zucker bestäubt und mit Marmelade gefüllt ist. Ich schaue es mir an. Es sieht identisch wie die anderen aus. Ich greufe zu und spüre gleich, außen weich, innen härter. Der Ballen fühlt sich separatistisch an. Da schwingt etwas eigenes mit. Eine Eigenart, welche auf ein Individualcharakteristik-Gefühl hinweist. Nein, da spielt kein Nord- oder Südhang oder Schieferboden eine Rolle. Da steckt eine Identität dahinter. Eine Identität, welche sogar die Römer nicht mochten und deshalb keine bedeutsame Stadt der Gegenwart gründeten. Aber trotzdem noch einen Limes! Paderborn? Bielefeld? Nein, es war nihilistischer, südlicher. Ich beisse rein. Da ist er, der Geschmack. Nach Freiheit und Abenteuer. Nach Wildheit und Unberechenbarkeit. Mit einem Hauch verruchten Pulverdampf, der meinem preußischem Gemüt entgegenwirkt.

“Das ist ein Krapfen. Eindeutig. Ein Krapfen aus Bayern. Ich würde sagen, aus dem Ort wo die Bayern zum letzten Mal auf die Preußen schießen durften!”

“RICHTIG! Hervorragend! Sogar der Ort ist richtig geschätzt. Er wurde in der bayrischen Staatskanzlei in München aufgebacken! Vom ewigen Ministerpräsident persönlich! Und den dürfen wir heute Abend persönlich bei dieser Show höchstselbst begrüßen! Hallo, Herr Ministerpräsident!”

Die Leinwand wird aufgeräumt. Alle Pixelgesichter werden auf weniger als 16 Pixel reduziert und den Rest erfüllt ein einzelnes Gesicht in 16K-Auflösung.

“Meine Damen und Herren an den Fernsehbildschirmen, sie dürften es gerade mitbekommen haben”, der Showmaster macht eine dramatische Pause, “Sie sehen das erste 16K-Bild in der Fernsehgeschichte. Ich weiß, dass auf dem Markt nur 8K-Fernseher gibt, aber zusammen mit unserem Sponsor ‘OljaPraPorra’ verlosen wir heute den ersten 16K-Bildschirm der Geschichte und unser Bayrischer Ministerpräsident wird die Glücksfee spielen!”

“Da bin ich ja froh”, schallt der Bayrischer Ministerpräsident aus den Lautsprechern, “dass ich als erster Mann eine Fee sein darf. Das fügt sich hervorragend in das Bild von uns Bayern in Trachtenuniform mit HighTech. Wir sind halt das Bundesland …”

“Herr Bayrischer Ministerpräsident, würden Sie jetzt bitte den Knopf drücken, damit unsere Software aus dem Datenbestand der Cookies unserer Zuschauer den entsprechenden wählt, damit derjenige über seinen Sprachassistenten …”

Ich nutze diese Pause, um meine Entspannungsübung durchzuführen. Ich erwarte noch die ultimative Frage. Die alles-oder-nichts Frage. Das letzte Fettgebäck vor mir. Nervosität steigt in mir auf. Denn eigentlich bin ich ein Mister Nobody. Freunde hatten mich zu dem Quiz angemeldet. Aus reinem Jux und Dollerei.

Gut. Das stimmte so nicht. Ich war denen wohl dauernd zu vorlaut. Und während der letzten Grippe-Pandemie hatte ich mich dauernd geweigert, meine Hände mit dem Sterilisierungsmittel zu waschen. Und dann war gerade mein Gegenüber an der bedrohlichen Grippe erkrankt. Für alle war klar, dass ich dran Schuld hatte. Aber ich war nie krank. Nicht mal eine virologische Untersuchung konnte Anti-Körper in mir feststellen. Aber für meine Arbeitskollegen war ich schuldig. Ganz klar. Ich fühlte mich in der Firma wie ein Bakterium in Penizillin. Oder wesentlich konkreter: wie ein Schwarzer unter Weißen, wie ein Jude unter Katholiken, wie ein Linker unter AfD-Fanboys- and -girlies.

Und als ich dann in der dabei herrschenden Faschingsperiode denen spöttisch hinwarf, ich könnte am Fettgebäck immer auch deren Herkunft feststellen und wäre deswegen immun gegen deren Krankheiten, war der Ofen aus. Klar. Herkunft und Immunität gegen Krankheiten bei Faschingsgebäck, das hat so viel Sinn wie immer ein Bier mehr zu trinken, um den Effekt ‘das-letzte-Bier-war-schlecht’ zu verhindern. Aber diese Dumpfdödel hatten es nicht kapiert, was ich sagen wollte. Ich erntete, was ich säte: eine Einladung zu der Show als Fettgebäck-Sommelier.

Das war natürlich quätscher als quatsch, wie weiland bereits Herbert Wehner zu sagen pflegte. Aber wen interessiert schon das Gequatsche der Verstorbenen von gestern bei den Leuten von heute. Und wenn jener, weshalb der Hintersinn für vordergründige Geschichten aus dem breiten Mittelmaß.

Meine Teilnahme an der Show hatte ich vor Monaten bereits in den sozialen Medien kund getan, aber es interessierte niemanden. Ein Leser imitierte sogar einen weiteren  Shit-Storm, weil er mich wohl nach 5-Minuten-Ruhm gieren sah. Ich fühlte mich deswegen trotzdem geehrt. Nur an jenem Tag, als jene Knödel-Dödel-Rundschau-Zeitung darüber berichtete, stiegen meine Accounts der Social-Media-Welt auf eine Popularität auf ein Maß, welches ich nie kennen gelernt hatte. Sogar mein blödesten Blog-Einträge, die ich vergaß zu löschen, wurden geliked und kommentiert, als ob es morgen keinen Morgen gäbe.

Es gründete sich sogar ein Fähnlein Fieselschweif ‚Pro-Fettgebäck-Sommelier‘ und sammelte für mein Bahn-Ticket in der ersten Klasse. Crowdfunding übers Internet. Es kam nebenbei ein Ticket für einen Flug mit der A380 in der ersten Klasse dabei heraus. Um es zu nutzen, musste ich allerdings von München über Dubai nach Berlin fliegen. Zwischenstopp Hannover. Wegen der Crowdfunding-Leute. Das war dann exakt vier Tage langsamer als ein Bahnticket, obwohl der ICE von München nach Berlin an jenem Tag sogar 45 Minuten Verspätung hatte. Aber es war eine 380. Das nur am Rande.

“Die letzte Frage. Es geht um den Hauptpreis. Championship-Frage. Sind Sie bereit?”

“Was steht auf Spiel?”

”Die richtige Beantwortung der letzten Frage bringt Ihnen folgenden Gewinn!”

Trommelwirbel.

Trommelwirbel? Wie altmodisch.

“Einen Traumurlaub auf der Insel Sal der Kap Verden in einem zwölf Sterne Luxus-Hotel der Klasse Premium mit All-Inclusive. Dazu eine Rundreise über die Insel zu allen Stränden binnen 24 Stunden mit abschließendem Abendessen in der einheimischen 8-Sterne-Fisch-Bar ‘NuncaMaisNaMinhaVida’. Und das beste daran ist, ihre Begleitperson zahlt den super-vergünstigten Preis von nur 25% vom doppelten Katalog-Preis, den normalerweise nur Luxusreisende mit Einkommenssteuerbefreiung zahlen müssten. Na? Ist das nichts?”

Das ist klar. Geizen, wo es nur möglich sei. Da bin ich immer Fan von. Da bin ich dabei. Ich verdien halt nicht so viel wie andere, aber wir müssen ja alle sparen, da möcht ich nicht außen vor stehen, wenn ich ein Ticket gewinne.

Nur, im Programm gibt es immer sich wiederholende Werbung bis zum Abwinken für die Leinwandzuschauer. Jene, die eh nur auf werbefreie Programme fluchen, weil die öffentlich finanziert werden und kein Niveau haben. Aber Werbung ist für die auch eine Katastrophe als Finanzierungsmodell, weil für den Zuschauer nicht kostenneutral.

Vor meinen Augen tauchen die Zuschauerinnen der Telekolleg®-Programme auf: Hausfrauen mit Hoffnung durch Fernseh-Fortbildung öffentlich-rechtlich einem Bildungsauftrag mehr als nur das Jodel-Diplom a la Loriot zu erlangen.

Abgelöst wurden diese Telekolleg®-Programme auf den Dritten Programmen für Hausfrauen dann allerdings unbemerkt durch Frau Ministerin Ursula Gertrud von der Leyen, weiland die absolute Familien-Mini (vulgo: Bundesministerin für Familie, Senioren, Frauen und Jugend), welche dann ihre Anhängerinnen zu Arbeit und Soziales umschulte (Patronin: Mini für Arbeit und Soziales Frau Ministerin Ursula Gertrud von der Leyen), bevor sie jene zu wehrhaften Frauen im Kriegsministerium eines unilateralen solo-kosmopolitisch-orientierten Landes fortbildete. Bandwurmsatz und kompliziert verschwurbelt? Nö. Nur der Karriere von der niedersächsischen Albrecht-Tochter angepasst.

Und freudestrahlend begleiten jene Uschi nicht auf der Strecke gebliebenen Schlecker-Frauen gen Europa-Parlament, wo jene dann als Chor der Putzfrauen (“Mensch Uschi, mach kein Quatsch”) ihre Jobs für die Gleichberechtigung als Vielvölkerstatt (Obacht: ‘tt’ am Schluss statt ‘at’) für Uns-Uschi wahr nehmen.

So sitz ich nun als Repräsentant der Fettballen-Sommeliers auf dem Quizsessel und die Leinwand starrt mich an.

Die letzte Frage. Die Eine-Million-Frage.

Eine-Million-Zuschauer.

Pro Zuschauer 1 Euro. Umsatzsteuerreduziert. Der Rest vor Gewinn-Steuern soll an mich gehen. Geldwerter Vorteil. Finanzamt-Süd grüßt. Für ein Fettgebäck.

Auf meinem Schreibtisch liegt noch der Brief der zuckererzeugenden Industrie, die mich für mein Wohlwollen plus Wissen mit Werbeverträgen honorieren möchte. Ich solle nichts kritisches gegen sie zuvor und danach äußern. In meinen Fingerspitzen juckt es.

“Die letzte Frage. Es wird spannend. Erneut haben Sie ein rundliches Fettgebäck, das mit feinem Zucker bestäubt oder einer Glasur überzogen ist und mit Marmelade gefüllt ist.“

Ich schließe die Augen und lege meine beiden Hände – die Finger abgespreizt – vor dem Teller, auf dem das Objekt des Rätsels gelegt werden wir. Ich spüren den Lufthauch. Ein Ballen wird auf den Teller gelegt. Meine Finger vibrieren. Eine entfernte Vibration erinnert mich an Rosenmontag.

“Sie haben das letzte Kunststück deutscher, einheimischer Bäckerei vor sich.”

Der Showmaster lässt seine Stimme vibrieren. Ich muss ihm zugestehen, Spannung, das kann er. Einwandfrei. Gelernt ist gelernt.

Meine Nase erschnuppert Puderzucker. Sauber. Sauber weiß. Wie eine Linie im Münchener P1, wo alle ihre Linien ziehen. Unweit von der bayrischen Staatskanzlei. Genauer gesagt eine Steinwurf-Weite entfernt. Gleich zu gleich gesellt sich gern.

Folglich wurde der Ballen kurz zuvor bestäubt. Mit frisch gemahlenem Zucker. Aber … zu süßlich, einen Hauch zu süßlich. Betörend süßlich. Gut. Das gab es auch woanders, nur, so süßlich, das war nicht mehr so richtig bio. Kein wirklich biologisch gewirktes Produkt. Obwohl auch nicht un-bio. Es war irgendwie bio-deutsch, aber auch wieder nicht bio-deutsch.

Versteht jemand überhaupt meine Gedankengänge, sollte ich sie äußern?, schießt es mir durch den Kopf. Aber das alles ist de facto süß. Verführerisch.

Es schmeckt nach Gelsenkirchen. Es schmeckt nach dem Ursprungsort von İlkay Gündoğan und Mesut Özil. Gelsenkirchener Barock der Neuzeit. Einer verachteten Neuzeit. Aber da war ein Beigeschmack, als ob da ein Bitterstoff reingemischt wurde und dem gesamtdeutschen Geschmacksbild angepasst wurde. Vor mir tauchten die Bank-Vorderen auf, die Mesut Özils Integrationsprojekt in Gelsenkirchen nicht unterstützen, weil rechte Parteiobere dagegen gewirkt hatten. Ein Bild tauchte auf, von dem Deutschland-“Fan” der nach einem WM-Spiel Özil rassistisch beleidigt hat.

Rassistische Beleidigungen? Da sind die Fußballfans vor. Da müssen die mit Millionen bezahlten Profis drüber stehen. Dafür werden sie bezahlt und dürfen den Fußballplatz nicht verlassen. Persönliche Anfeindung entgegen der gesellschaftlichen Räson. Und die ist eher rassistisch ignorierend. So wie beim Schlacke 09 Präsi, der sich mit populistischem Allgemeingut entschuldigte. Wie gut, dass Antonio „Toni“ Rüdiger nie ob Schlacke 09 spielte. Er wäre heulend wegen nichts nach Hause gekrochen, statt das gleiche jetzt bei FC Chelsea wimmernd durchzuführen. Heulsuse. Rassismus gehört zu jedem anständigen Fußballspiel, nicht wahr, auch wenn es anständig unanständig ist … Geld sollte bei Fußballspielern das Pflaster für offene Sphären der Gesellschaft sein … wir leben nun mal halt nicht im Kommunismus, woll

Bin ich zynisch? Ja. Sicher. Auch rassistisch. Ich wuchs auf in einer Familie von Weißen, ging in einer katholischen Kirche von Weißen, wo Nick-Neger als politisch korrekt am Kirchenausgang dienten, ging auf einer Schule von Weißen, wo ich die Geschichte von Weißen lernte und ihr, liebe Leser, wollt mich nicht als rassistisch einordnen? 

“Es geht um die Wurst. Das Kunststück deutscher, einheimischer Bäckerei. Was ist es?”

Ich zucke zusammen. Wurst? Geht es nicht um Fettgebäck? Also, Hefeballen? Er hatte mich aus meinem Gedankenpalast gerissen. Meine Fresse, jetzt hätte ich gerne ein Glas Riesling. Spätlese von der Mosel. Einfach, um meine Nerven zu glätten. Einfach, um meinen Puls zu beruhigen.

Ich blicke den Moderator an. In meinen Gedanken vermischen sich Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft. Klar, Zukunft ist immer die richtige Antwort. Zukunftsorientiert. Nur die Gegenwart ist die Frage. Und Vergangenheit interessiert sowieso keinen Menschen mehr als Antwort. Vor allem nicht in meiner Situation vor dem Showmaster. Jeder will die perfekte Antwort auf die perfekte Antwort. Fragen sind überflüssig. Passend zur Jahreszeit. Go for it.

Ich versuche die Umgebung, um mich herum auszublenden. Fußballspieler haben es einfacher. Spielen sie in einem Stadion und die Tablets auf den Sitzen übertragen deren Spiel und aus den Lautsprechern schallen Jubel-Arien, dann ist das einfacher für die Spieler. Spieler leben und wachsen mit Jubel-Arien. Klar, es ist gewöhnungsbedürftiger für die Generation ‘Live’ oder ‘TV’ der 10er-Jahre, also jener nach der ‘Generation Y’, denen welche man mit ‚OK, Boomer‘ mundtot macht. Aber andere Umstände, andere Konsequenzen. The show must go on. Wir sind ja schließlich nicht von gestern, woll. Die Zukunft ist heute. Vergangenheit ist für die Ewig-Gestrigen.

Ok, Boomer.

Die letzte Virus-Epidemie hatte nicht nur zur Konsolidierung der internationalen Rentenkassen durch den unpopulären Fakt des eintretenden Tods beigetragen, weil Virus-Epidemien verstärkt eher die Ü50-Generationen und die Armuts-Klasse signifikant betroffen haben. Wer starb am Virus? Die Armen und Schwachen und Alten. Richtig so. Auslese. Survival of the fittest. Es war das eingetroffen, was der damalige Reichtums- und Muss-so-sein-Vertreter Warren Buffet erklärte (“There’s class warfare, all right,” Mr. Buffett said, “but it’s my class, the rich class, that’s making war, and we’re winning.”)

Ich sitze allein auf dem Stuhl. Der Showmaster schaut mich weiterhin prüfend an. Ich vermute, allein wegen dem prüfendem Blick wurde er damals ausgewählt. Jeder muss sein Allein-Stellungsmerkmal haben.

Nur das Wissen hilft es mir jetzt nicht.

Ich grüble. Berliner. Eigentlich heißen die ’Berliner Pfannkuchen’. Mir kommt ein Bekannter in den Sinn. Aus Sachsen. Er hatte mich damals im Social Media angefeindet, weil ich ‘Pfannkuchen’ mit dem Wort ‘Crêpes’ gleich gesetzt hatte. Ich wäre deswegen ein typischer ‘Gutmensch’. Den Begriff ‘typischer Deutscher’ hatte er wohl vermieden. Ein erster privater Social-Media-Shitstorm. Der gesamte Freundes-Kreis, den das Social-Media-Konstrukt mir als mein Freundeskreis erklärte, schlug auf mich ein. Ich. Böser Mensch. Doppelplusungut. Auch wenn es nur um Fett-Gebäcke ging, schien es, um Grundsätzliches zu gehen.

“Was ist es?” wiederholt der Showmaster. “Sie haben bislang alles richtig erraten und Ihnen winkt der Hauptpreis. Was ist es?!”

Es ist ein Berliner, ein Faschingskrapfen, ein Kräppel, ein Krapfen. Was kann es denn noch sein?

In meinen Gedanken erschien mir der Ur-Bayer: Lederhosen, Wams, gezwirbelten Schnurrbart, Hut und daran eine Gamsfeder, eingeölt und biergestärkt. Ich saß ihm im Ur-Bayer-Zelt vom Oktoberfest gegenüber. Er schaute mich an. Sein Gesicht spiegelte nur eine Frage wieder: woher einermeiner denn so komme. Ungefragt hob ich meine Maß und erklärte, ich käme aus der konservativen Gegend, welche sich Davert nenne würde. Das war ihm egal. Er erwiderte nur etwas wie ‘Damischer Preis’ und stemmte sein Maß, blickte dabei voll der Verachtung auf mich nieder. Allerdings musste er dazu aufstehen und auf seine Sitzbank klettern. Zwergenschiksal halt, wenn die mal größer sein wollen, als sie sind. In jenem Moment fragte ihn sein Lederhosen-kostümierter Nachbar nur mit einem Wort: “Broiler?” und er antwortet lediglich mit einwandfreiem sächsischem “Nu”.

Ich schaue den Moderator an, lecke kurz an dem Ballen vor mir und wusste sofort die Antwort.

Pfannkuchen. Ist im ostdeutschen Bereich die Verkürzung für Berliner Pfannkuchen. Was somit Ost und West wieder verbindet. Über Abkürzungen. Also Pfannkuchen.”

Es herrscht kurze Stille. Es knackt kurz in den Leinwänden vor Spannung

Ein spontanes Jubeln bricht aus. Aus den Leinwänden. Alle wussten es wohl zuhaus bereits zuvor. Wikipedia. Nur ich musste es wohl noch raten.

Ich schaue auf den Berliner vor mir auf dem Teller. Es regnet Konfetti auf ihn herab. Den Jackpot hatte ich wohl abgeräumt. Der sächsische Pfannkuchen versinkt wie die Anrea Doria unter einer Konfetti-Flut der Fernsehgesellschaft. Auf der Leinwand sehe ich die zugeschalteten Zuschauer.

Immer mehr der hoch-pixelige Zuschauerfotos verschwinden dabei. Zuschauer, die sich abschalten. Hatte gerade Gottschalk abgeschaltet? Ich erkenne noch einen Darsteller von “Let’s dance”, rechtzeitig bevor jener verschwindet.

Ein Werbespot erscheint. Händewaschen im Kampf gegen tödliche Virus-Bedrohungen. Washing for future. An meine Haut lasse ich nur Osmose-Wasser und hygienische Waschlotion. Dazwischen Werbespots der Automobilindustrie und der Stromversorger. For future. Against any special Friday. Against all odds.

Die Security des Programms deutet mir an, mich in die Garderoben zu entfernen. Ich folge der herrischen Geste des Security-Personals. Ich bin ein folgsamer Untertan. Auch wenn ich nicht AfD wähle. Aber ich bin ein folgsamer Untertan.

In meiner Garderobe zeigt mir der Abreiskalender, das es Rosenmontag ist.

Das muss wohl so sein.

Bring mich zum Rasen, äh, Rosen, äh Rosenmontag.

Gute Ausrede für mich.

Ich mache mir zuhaus eine Kölsch-Flasche auf …

Ticket to the Mars

Lass mich abheben, einfach nur abheben. Einmal fremde Welten erforschen, Pionier sein. Und dann mit gehöriger Distanz zum vorherigen Leben zurück zu blicken. Dabei Wehmut verspüren. Sehen und erkennen, dass es noch so viel hatte, was noch erledigt hätte werden können. Das nicht so bleibt, wie es vorhergesagt wurde. Dass Vorhersagen auch nur immer von den eigenen Wünschen geleitet werden.

Lass mich meinen Namen auf dem Mars hinterlassen. Lass mich ein Ticket zum Mars nehmen. Den Rückflug kann ich vor Ort buchen. Oder per Internet-Bestellung bei der NASA.

Oder auch nicht. Dann könnte ich immerhin noch versuchen, auch nur im Entferntesten wie Mark Watney zu handeln, zu überleben und zu hoffen, dass ich wieder zurück komme. Zur Erde. Vom Mars aus vielleicht als bläulich schimmernder Punkt zu erkennen. Ganz blass bläulich.

Blau. Die Farbe der Harmonie, des Vertrauens, der klaren Gedanken, des Wassers, des Überirdischen, des Göttlichen, des Irrealen. Die alten Griechen hatten kein Wort für die Farbe “blau”. In Homers Werke findet sich keine einzige Beschreibung dieser Farbe, lediglich Umschreibungen, welche sich der Farbe des Rotweins entlehnten.

Im Norden Namibias leben heute ca. 6.000 Menschen in halbnomadischer Kultur. Als die Menschen vor ca. 100 Jahren überfallen und komplett ausgeraubt wurden, hing deren Überleben von Almosen der Nachbarvölker ab. Sie wurden darauf von jenen als Bettler bezeichnet. “Himba” ist das entsprechende Bantu-Wort und so werden die Hinzugehörigen dieses Volkes auch heute noch bezeichnet. Das Volk der Himba hat für die Farbe “blau” kein Wort. Sie können “blau” auch fast gar nicht von “grün” unterscheiden.

Warum ist der Himmel blau? Warum das Meer? Wobei wir da schon manchmal richtig differenzieren. Mag das Meer tiefblau sein, wie es uns erscheint, ein türkisfarbenes Meer jedoch gilt als die Krönung des Urlaubs. Blaues Meer, weißer Stand, sonnengebräunte Körper, leuchtend gelbe Bikinis, rote Sonnenbrände.

Warum ist der Himmel blau? fragen gerne Kinder. Vom Mars aus ist die Erde vielleicht als bläulich schimmernder Punkt zu erkennen. Die Erde. Dahin, wo doch die eigentliche Mission hätte hingehen sollen. Mit viel Technik und ganz vielen Robotern, die unermüdlich Proben von dem Planeten “Erde” nehmen und diese in deren Minilaboren durchanalysieren. EKG positiv? Ist sie noch zu retten? Sind wir noch zu retten?

“Seid Ihr noch zu retten?”, hatten uns die Eltern als Kinder immer wieder mal fassungslos an den Kopf geworfen, hatten wir etwas ausgefressen, was niemand erwartet hätte, dass es jemals aufgetischt worden war.

Sind wir noch zu retten? Sollten wir die Beantwortung dieser Frage nicht lieber den Experten überlassen? Oder doch lieber “Friday for Future”? Oder gar den anderen? Oder uns?

“Zerstörung”. Es wird von Zerstörung geredet und wir Älteren verstehen darunter nur destruktives. Nur, die erheblich Jüngeren verwenden dieses Wort im urbanen Sinne von etwas in Fraktale zu zerlegen und erneut zusammenzusetzen. “Die Zerstörung der CDU” als Titel eines Videos von Rezo wurde bereits von den Hinzugehörigen jener Partei nicht verstanden. Der Titel von den meisten eh nicht. Somit zeigt es sehr gut, wie groß die sprachliche Kluft einer jüngeren Kultur und der meiner Generation der U50er geworden ist. Da reicht es kaum, Kinder zu haben, wenn diese ihren Slang nur unter sich pflegen, wir jedoch dauernd verlangen “Wessen Brot ich ess, dessen Lied ich sing”.

Warum konnten die Menschen des Altertums die Farbe “blau” nicht direkt beschreiben? Warum konnten es aber die alten Ägypter, die auch explizit ihre Kleidung mit blauer Farbe versahen? Die alten Ägypter waren auch eines der wenigen Volker dieser Welt, welche die großartigen Errungenschaft der eigenen Schrift für sich erarbeitet hatten. Und vergaßen. Würden die alten Ägypter zum Mars fliegen? Hätten sie es getan, hätten sie die Dampfmaschine und den Explosionsmotor für sich zuvor erfunden? Oder wären sie dann auch lieber mit ihren SUVs über eben ausgebaute Wege geflitzt?

Ach, ich verdrängte, die neuen alten Ägypter tun das doch bereits. Alles eine Frage des Auskommen mit dem eigenen heutigen Einkommen. Und auch sie würden heute gerne die Gelegenheit ergreifen, auf den Mars zu fliegen, wenn sie könnten, falls sie dürften. Ihre eigenen Fußstapfen dort hinterlassen. Oder zumindest ihren eigenen Namen.

Aber das letztere ist ja heuer nicht mehr das Problem. Es gibt ja das Internet. Und es ist kein Thema den Boarding Pass für das “Ticket to the Mars” von der NASA zu erhalten. Im Juli 2020 geht es los. Weltraumbahnhof Cape Canaveral im sonnigen Florida. Pünktlich dran zu denken. Jeder kann in seiner Phantasie mit dem Boarding Pass zusteigen und selber zu einem Mark Watney werden, um sehnsüchtig auf den bläulich schimmernden Punkt am schwarzen Himmel zu blicken. Tut es. Es kann nie schaden …

BoardingPass_MyNameOnMars2020 (careca)

Eine Welt mit Artikel 13

„Guten Tag.“

„Guten Tag. Sie wünschen?“

„Ich wollte eigentlich eine Todesanzeige für ihre Zeitung aufgeben. Sowas ging doch früher bei Ihnen über Internet. Aber ich hatte auf Ihren Seiten nichts gefunden.“

„Artikel 13.“

„Artikel 13?“

„Jemand muss kontrollieren, ob der von Ihnen per Anzeige verkündete Tod nicht ein Copyright verletzt.“

„Copyright verletzt?“

„Letztens hatte wer bei uns im Internet seine Todesanzeige mit dem Text von ‚Stairway to Heaven‘ veröffentlicht. Das kostete unsere Zeitung 1500 Euro plus Anwaltskosten.“

„Was?“

„Dann war da noch die Familie, welche seine Todesanzeige derer Oma mit dem Hesse Gedicht ‚Stufen‘ per Internet aufgegeben hatte. Kostete uns 2000 Euro, weil Hesse erst 1969 starb. Und dann noch der Rückgang der Anzeigen und der Schwund der Auflagen. Das kann sich keine Zeitung leisten. Wir müssen ja auch von etwas leben, nicht wahr, wenn wir Todesanzeigen aufgeben.“

„Äh, ja. Okay. Ich wollte eine Todesanzeige aufgeben.“

„Familienangehörig?“

„Treu sorgende und ehrbare Schwiegermutter. Too old for Rock’n Roll, too young to die.“

„Totenschein und Identitätsnachweis bitte.“

„Warum?“

„Wir müssen uns absichern.“

„Wogegen?“

„Ist ihre Schwiegermutter Person des öffentlichen Lebens?“

„Nein.“

„Sehen Sie. Es gibt viele Schwiegermütter. Das kann also jeder behaupten. Jeden Tag sterben Schwiegermütter. Berechtigt oder nicht. Hat sie was geleistet, bevor Sie jetzt hierher gekommen sind?“

„Was wollen Sie? Sie war eine treuliebende, herzliche Schwiegermutter, beliebt bei deren Enkeln!“

„Deren Enkeln? Das wollen Sie so in der Anzeige geschrieben haben? Liegt dazu die Einverständniserklärung derer Enkeln vor?“

„Warum? Berührt das ein Copyright?“

„Nein, aber wir müssen jede Geschichte auf deren Kohärenz überprüfen. Unser Ziel ist es, dieses Jahr die Anwaltskosten auf 50% zu reduzieren, um unseren Gewinn um 4,5% zu steigern. Von diesem Gewinn geht ein Zehntel in die Gehaltserhöhungen und neun Zehntel in die Shareholder-Value-Kasse.“

„Und Sie sind der Buchhalter, der diese 4,5% ausgerechnet hat?“

„Nein, mein Herr. Ich bin der berühmt berüchtigte ‚Upload-Filter‘ meiner Zeitung. Jener, welcher jeder seit Ratifizierung des Artikels 13 dafür zu sorgen hat, dass einhundert Mitarbeiter meiner Firma nicht wegrationalisiert werden müssen, nur weil jemand darauf besteht, ein Karl-Valentin-Zitat in seiner Todesanzeige zu haben.“

„Was hat der Tod meiner Schwiegermutter mit Karl Valentin am Hut?“

„Für unsere Zeitung viel und Ihrer Todesanzeige im Speziellen. Sie wissen? Mögen täten wir schon wollen, aber dürfen haben wir uns nicht getraut.“

„Sie sind eine Kirchenzeitung!“

„Na und? Nur weil wir eine Kirchenzeitung sind, haben wir das Erbrecht auf das Copyright von unserem Schöpfer nicht gepachtet. Hebräisch ist älter als Griechisch und trotzdem mussten wir Anleihen bei Alpha und Omega machen, um unser Buch zu beginnen. Sie verstehen? Aber für diese Copyright-Verletzung können wir nicht mehr belangt werden. 70 Jahre nach dem Tod des ursprünglichen Verfassers werden solche Dinge gemeinfrei. Sie verstehen?“

„Was?“

„Zu kompliziert? Noch einmal zum Mitschreiben: Wir stehen niemals über dem Gesetz. Besonders nicht als publizierendes Organ einer Glaubensgemeinschaft, welche Steuergelder in nicht unerheblichen Maße empfängt. Wenn wir nicht mit dem Gesetz gehen, müssen wir gehen. Gnadenlos und vogelfrei. Sie verstehen?“

„Ich will doch nur den Tod meiner Schwiegermutter im Kirchenblatt veröffentlichen lassen, damit sich nachher in unserer Gemeinde niemand auf den Schlips getreten fühlt, weil jemand keinen Totenbrief erhalten haben könnte.“

„Ist das unser Problem?“

„Nein. Aber ich dachte, ich wäre bei Ihnen richtig.“

„Der Mensch denkt, Gott lenkt. Der Mensch dachte, Gott lachte. Sie sind ein Gutgläubiger. Ganz nebenbei: Haben Sie eine Einverständniserklärung Ihrer Schwiegermutter dabei, dass sie nichts dagegen hat, dass Sie sie jetzt bei uns öffentlich machen? Sie verstehen schon, DSGVO und so.“

„Was? Sie starb völlig überraschend mit ihrem Lover beim Abfahren und Knutschen auf einer Skipiste. Lawine.“

„Kein Testament?“

„Nein.“

„Das ist schade.“

„Sie sind echt ein ‚Upload-Filter‘? Was haben Sie überhaupt studiert?“

„Jura. Staatsexamen. Note 1,4.“

„Nicht Menschenrecht?“

„Was soll Ihr Fall mit Menschenrecht zu tun haben, wenn sich die betroffene Schwiegermutter und deren Lover jetzt nicht mehr wehren können?“

„Ich will nur eine Totenanzeige in Ihrem Kirchenblatt aufgeben. Nur für meine Schwiegermutter. Nicht mehr und nicht weniger!“

„Und das alles nur wegen dem 15-Minuten-Ruhm für ihre Schwiegermutter in unserer Kirchenzeitung, von der sie nichts mehr hat?“

„Nichts mehr hat? Hallo, Sie Christ? Leben nach dem Tod? Schon mal gehört?“

„Ach ja? Und das alles nur, um Artikel 13 zu ignorieren und nicht zu respektieren?“

„Verstehen Sie nicht? Wissen Sie was? Sie können mich mit ihrem Artikel 13 und der DSGVO am …“

„Das garantiert nicht. Anale Dienstleistungen bieten wir nicht. Der Nächste, bitte!“

Er gab ihm ein Zeichen beiseite zu treten und winkte den nächsten zu sich an der Glasscheibe heran.