Münchner Geschichten (Teil 3): Über Gedenkstätten, die keine sind, und sich darüber freuende Schnitzel


Manches Mal findet sich auch völlig Sinn freies am Wegesrand, wovor die Betrachter längere Zeit grübelnd stehen und dabei versuchen, den Sinn des Ganzen zu enträtseln.

IMG_20170907_142556Seit der letzten Winterzeit hat sich in eine S-Bahnunterführung unweit meiner Wohnung ein Obdachloser eingerichtet gehabt. Es war dort nicht wärmer als draußen, aber vor Schnee und Regen geschützt nächtigte er in der Unterführung auf dem Gehweg. Mit der Zeit hatte er verschiedene Decken und Matratzen dort angehäuft, unter denen er sich verbarg wie ein Eskimo im Iglo. Im Frühjahr darauf wurden seine Habseligkeiten regelmäßig von der Stadtreinigung weggeräumt. Die Unterführung hatte es ihm jedoch angetan. Selbst im Sommer kehrte er wiederholt dorthin zurück, um zu übernachten, bis er wohl des Platzes verwiesen wurde. Seine Sachen waren verschwunden. Zurück ließ er lediglich eine Stätte mit Blumen, Grabkerzen und ein auf einem Zettel nieder geschriebenen poetischen Gedanken. Der Ort dafür war eindeutig strategisch gewählt und befand sich bei einer Stelle, an der viele Leute vorüber mussten. Viele von ihnen blieben stehen, schauten sich das Arrangement an und grübelten, um was es sich wohl handeln könnte. Wer wohl dort gestorben sein könnte und ob es sich um jenen Obdachlosen des Winters handeln könnte, war deutlich auf deren Stirn ablesbar. Ich vermute, der Obdachlose, der die Stätte täglich mit frischen Blumen und Grabkerzen vom nahe gelegenen Friedhof betreute, freute sich darüber wie ein Schnitzel.

Die Frage, wie sich denn ein Schnitzel so freue, und wie sich denn so etwas bei einem Schnitzel äußere, ist an dieser Stelle natürlich berechtigt. Auch die Frage, welches sich freuende Schnitzel denn damit gemeint sein könne, ob das Jäger-, das Wiener- oder das Zigeunerschnitzel, das kann ich so nicht beantworten. Obwohl, eigentlich liegt es doch auf der Hand, dass der Obdachlose sich wohl eher wie ein Münchner Schnitzel gefreut haben könnte.

Das Wort „Schnitzel“ leitet sich vom Wort „schnitzen“ ab und das wiederum hat seinen Ursprung im Wort „schneiden“. Die Österreicher haben daraus eine „zum Braten bestimmte dünne Fleischscheibe“ (Wikipedia) gemacht. Die Wiener nahmen einfach ein Kalb her, schnitten es in dünne Schnitzel, panierten diese und voila, das Wiener Schnitzel war geboren. Und weil die Münchener Österreichern nicht mal die Butter in der Brezn gönnen und auch gerne ihr eigenes Schnitzel haben wollten, da haben sie einfach mittels Meerrettich und süßen Senf als Grundlage der Panade ihr „Münchner Schnitzel“ erschaffen. Vom Geschmack ist es leicht süßlich mit saurer Schärfe, umgeben vom altbekannten Schnitzelfettgeschmack.

Ja, genau so wird es wohl gewesen sein. Genau so wird sich der Obdachlose gefreut haben. Wie ein „Münchner Schnitzel“, dabei den Wagner aus Goethes Faust zitierend, als er die Leute nachdenklich an seiner Gedenkstätte sich Gedanken machen sah:

„Ja, deren Reden, die so blinkend sind, in denen ihr der Menschheit Schnitzel kräuselt, sind unerquicklich wie der Nebelwind, der herbstlich durch die dünnen Blätter säuselt.“

So in etwa könnte er aus sicherer Distanz die Betrachter seiner Stätte aus Blumen und Grabkerzen kommentiert haben.

Der Menschheit Schnitzel gekräuselt. Früh krümmt sich, wer ein Häkchen sein möchte. Mit Lachen geht es einfacher. Als letzter hatte er das beste Ende für sich.

Schnitzeltag.

2 Gedanken zu „Münchner Geschichten (Teil 3): Über Gedenkstätten, die keine sind, und sich darüber freuende Schnitzel

    • Ich kannte diese Redewendung aus meiner Kindheit und hatte sie verdrängt. Ein ehemaliger Arbeitskollege, der wie ich aus dem Münsterland stammt, hatte es benutzt. Ein anderer Arbeitskollege, ein Franzose, hatte diese Redewendung nicht verstanden und wollte sie erklärt haben. Wie freut sich denn nu ein Schnitzel? Diese Art des Sich-freuens ist garantiert nicht ein Torjubel, wie beim Fußball. Auch fühlt es sich seltsam an, würde man sagen, der Hochzeitspartner würde sich über das Ja-Wort der anderen Person wie ein Schnitzel freuen. Diese Art der Freude ist eher etwas internes, eine starke klammheimliche Freude, vielleicht auch in Richtung Schadenfreude. „Schnitzel“ als kleiner Teil vom Ganzen, vom ganz Großem. „Schnitzeljagd“ ist ja auch keine Tour durch die Restaurants der Umgebung. Es ist eine innere Freude, die nicht unbedingt nach außen getragen wird. So wie sich ein Loch in den Bauch freuen. Oder wie der Berliner sagt „sich wie Bolle freuen“.

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