Stuntmen auf E-Scooter

Kaskadendecke. Weiß. Im Blickfeld ein chromglänzenden Halter einer Infusionskatusche. Seine Zehen schauten vor ihm unter der Bettdecke hervor. Dahinter graues Begrenzungsbrett mit chromglänzender Griffstange. Dahinter Vitaldatenmonitor mit chromglänzenden Verzierungselementen. Pulsoxymeter.

Der Monitor als Seismograph der eigenen Vitaldaten mit roter, zackiger Kurve auf grünen Display. Heller Ton, piepender Ton, langer Nachhall. Neuer Ton, hell, piepsig, nachhallend. Erneut.

Piepssss. Piepsss. Piepssss.

“Schwachsinn”, schoss es ihm durch den Kopf, “zu viel der schlechten Filme.”

Das grüne Display des EKGs war lediglich ein Typenschild. Er konzentrierte sich. Nein. Da war kein Ton. Außen jedenfalls nicht außer Kabelgewirr. Aber in seinem Kopf, da war der Ton. Tinitus?

“Solche Geräte piepsen auch nur in Serien wie ‘Emergency Room’ oder ‘Greys Anatomy’. Oder wenn Dr. Stephanie dem Dr. Stefan Frank in aller Freundschaft die Praxis Bülowbogen aufmöbelt,  …”

Er wollte über seinen Gedankengang grinsen. Lediglich seine Gesichtsmuskeln spielten nicht mit.

Krankenhauseinrichtung. Auf seinen Versuch seinen Kopf zu drehen, antwortete sein Körper mit einem stechenden Schmerz. Dafür stürzten plötzlich Erinnerungen auf ihn ein, er sah den Verlauf vor sich, den Unfall, den Krankenwagen …

“Und? Aufgewacht? Alles fit?”, ertönte neben ihm eine Stimme.

“Ja, halbwegs. Wo bin ich hier? Krankenhaus?”

“Yep. Intensivbeobachtung, aber nicht Intensivstaion.”

“Ah, shit, der Unfall.”

“Sie erinnern sich?”

Er seufzte. Ein pochender Schmerz in seinem Kopf meldete sich. Bandagen an seinen Armen meldeten sich, Juckreiz meldete sich. Es juckte unter den … er bewegte seine Arme leicht … Mist, Gips.

“Ja, ich erinnere mich.”

“Was passierte?”

“Ich fuhr mit dem E-Scooter durch die Fahrradstrasse und blickte kurz auf mein Smartphone, um mich zu orientieren, weil ich aus der Straße abbiegen musste.”

“Flachrechnerbenutzung bei Nutzung eines Elektrokleinstfahrzeuges macht 55 Euro und 1 Punkt in Flensburg. Flachrechner wie Smartphones nutzt man in der Regel mit beiden Händen, sie sind also freihändig gefahren, nicht wahr. Macht weitere 10 Euro.”

“Sie kennen sich wohl aus?”, er lachte. “Schon mal freihändig auf einem Tretroller gefahren? Geht gar nicht. Außer man macht auf Stuntman.”

“Mag sein, aber einhändige Benutzung von Smartphones ist heutzutage bereits Legendenbildung, nicht wahr. Wer hat denn noch so ein Mäusekinodisplay in der Tasche.”

“Mann, ich wollte lediglich Abbiegen, weil ich laut Smartphone links abbiegen sollte.”

“Und da haben Sie den Schulterblick gemacht und Handzeichen nach links gegeben, nicht wahr.”

“Häh? Wie soll das denn gehen? Hab ich vorhin nicht schon gefragt, bin ich etwa Stuntman? Haben Sie das mal versucht? Das lässt Sie ihren E-Scooter verreißen, das haut Sie weg. Das ist wie auf nem Tretroller, nicht anders.”

“Also ohne Handzeichen. So etwas kostet 10 Euro.”

“Und dann kam dieser Depp von rechts in seinem Kleinstwagen, so nem alten Fiat Cinquecento, bremste quietschend. Und lautstark rumhupend auch noch. Ich hatte den gar nicht gesehen …”

“Autofahrer behindert, 20 Euro.”

“Und von links dann der Corsa-Fahrer. Dem Fahrer hab ich noch ins Auge gesehen und er mir. Der trug nen Pepita-Hut. Dann knalle es auch schon.”

“Autofahrer behindert, Unfall verursacht, 25 Euro.”

“Behindert? Hätte der nicht mal schauen können? Der hat mich doch kommen gesehen! Der fuhr überhaupt nicht defensiv oder vorausschauend oder auf schwächere Rücksicht nehmend. So einem Verkehrsrowdy gehört mal der Führerschein entzogen! Und diese andere Sau, welche einfach von rechts bremsend und hupend alle Leute verschreckt. Weiß der nicht, dass Leute im Straßenverkehr erschrecken gefährlich ist? Niemand nimmt mehr heute Rücksicht, alle sehen nur sich selber. Immer nur ich, ich, ich und immer nur ich, die reine Ich-Gesellschaft, bis solche wie ich im Krankenhaus liegen …”

“Und? Hast du alles?” Eine neue Stimme meldete sich im Hintergrund

“Ich hab alles”, sagte die erste Stimme. Ein Gekritzel auf Papier eines Kugelschreibers, dessen Mine schon längst ersetzt gehörte, kurz danach ein langgezogenes, kratzende Geräusch, wie wenn ein Zettel von einem Notizblock abgezogen wurde und dann …

“So, ihre Aussage zum Unfall wurde aufgenommen. Zeuge Kollege Oberwachtmeister. Das macht wohl einen Punkt in Flensburg und 120 Euro Bußgeld en top. Ihre letzten Aussage qualifizieren Sie darüber hinaus als Verkehrsrowdy, was wir auch weiter leiten werden. Sie werden von uns in paar Tagen von der Dienststelle noch den offiziellen Binnen-Brief erhalten. ”

“Binnen-Brief? Was ist das?”

“Zahlungsaufforderung über Bußgeld. Zu zahlen binnen Zahlungsfrist. Binnen-Brief.”

Die zweite Stimme stieß ein kehliges Stakkatolachen aus. “Gehen wir. Wir haben alles, was wir brauchen für unseren polizeilichen Unfallbericht.”

“Polizeilich? Sie sind Polizisten? Sie haben mir nichts gesagt! Sie dürfen doch nicht …”

Er hörte, wie sich die beiden entfernten, eine Tür geöffnet und verzögert wieder verschlossen wurde.

Der Bandagierte schaute fassungslos auf die Kaskadendecke und schrie den beiden seine Verwünschung hinterher: “Ihr gottverdammten Arschlöcher! Sausackidioten auf zwei Beinen! Der eine kann nicht lesen, der andere nicht schreiben. Deshalb immer zu zweit!”

Durch die Tür schallte trocken die Rückantwort:

“Das haben wir gehö-hört! Horst, protokollier es …“

Ertrage die Clown (10): Freiheit, die ich meine

Im Jahr 1949 steckte sich der junge Joachim Fest einen Zettel ins Portemonnaie, den er bis zu seinem Tode mit sich führte. Auf dem Zettel stand der Satz:

„Ertrage die Clowns!“

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Der Vortragende salzte nach.

Das Radieschen vor ihm vertrug seiner Meinung noch etwas Salz, bevor er dessen letzte Hälfte in seinem Mund verschwinden ließ. Salz ist das Elixier der Suppe und eines jeden Radieschens, memorierte er still vor sich hin, bevor er zu seinem Mund führte und die Hälfte genießend zerkaute. Es war die bewusste rhetorische Pause seiner Rede. Er konnte es sich leisten und das mitten in einem ausgeklügeltem Vortrag.

In seinem langem leinenem, weißen Gewand stand er vor ihnen und seine Hand fuhr durch deinen langen Bart. Es war ein buschiger, spitz herunter hängender  Bart, der bereits weiß-ergraut war. Er ergriff den Bart immer wieder am Kinn, bündelte ihn mit seiner Hand und fuhr dann damit von Kinn bis zur Brust runter, bis auch das letzte Härchen seinem Griff verlassen hatte. Immer wieder wiederholte er die Prozedur. Seine Schüler hockten im einfachen Baumwollgewand vor ihm und wagten nicht das zu formulieren, was sie dachten: Er melkte eine Kuh und die Kuh war sein Hirn und seine Weisheit kam immer dann, wenn er seine Hand um seinen langen weißen Bart zu legen, um eine neue Weisheit aus seinem Mund zu erzeugen. Sie hingen an seinem Mund und der Bart war ihnen recht gleichgültig. Nur diese Handbewegung, die war das Geheimnis der Erkenntnis. Wohl möglich. Die Handbewegung war seltsam selbstzentriert, irgendwie unklassifizierbar, seltsam egoman. Daher stieß es seinen Anhängern auch immer wieder ungemein ärgerlich auf, wenn jemand diese Handbewegungen mit Onaniehandbewegungen in Verbindung brachte.

Die Zuhörer klebten bereits seit sechs Stunden an seinen Lippen. Nie zuvor hatten eine solche lange Vorlesung an deren Einrichtung gehört, nie hatten sie ähnliches gehört. Und sie waren initiationsgleich instruiert worden, dass er revolutionäres verkünden würde.

“Es gibt verschiedene Prinzipien, die ihr alle jetzt aus meinem Vortag ableiten könnt. Und das erste Prinzip unserer Ethik ist: die Würde des Menschen ist unantastbar. Sie zu achten und zu schützen, ist Verpflichtung aller staatlichen Gewalt.”

Schweigen in dem Auditorium erfüllte den Saal. Hin und wieder war ein Kratzen wie von Federkiel auf Pergament zu hören, aber ansonsten regte sich nichts. ‚Einundzwanzig‘, ‚zweiundzwanzig‘, ‚dreiundzwanzig‘. Die alte Regel, dass die vorgenannten Worte als Regel der Aussprache jener Worte insbesondere im Deutschen jenen zeitlichen Bereich einer Dimension sekundenhaft durchschreitet, materialisierte sich. Niemand sagte etwas, alle stellten sich die andere, unzeitliche Dimension der Worte vor.

“Moment”, ein einzelnes Wort zerschnitt den Vorhang jener scheinbar undurchdringlichen Stille. Nicht ein Kopf drehte sich in Richtung der Wortmeldung. Die Köpfe wiesen weiterhin in Richtung auf des Vortragenden, als ob der Fragende unbedeutend wäre. “Das heißt, einem Nicht-Menschen, also entsprechend einer Definition von ‘Nicht’, kann also jene Würde für sich nicht reklamieren? ‚Nicht‘ im Sinne von ’nicht vorhanden‘.”

Der Vortragende blickte suchend in die Menge der Zuhörerschaft, um den Zwischenrufer auszumachen. Seine Suche blieb aber erfolglos. Daher antwortete er einfach:

“Mensch ist Mensch. Sind wir nicht Menschen? Wie hatte mein Kollege bereits zum Thema verlautbaret: Wir sind, wer wir sind. Menschen. Jeder hat das Recht auf die freie Entfaltung seiner Persönlichkeit, soweit er nicht die Rechte anderer verletzt und nicht gegen die verfassungsmäßige Ordnung oder das Sittengesetz verstößt.”

“Jeder?”, ertönte wieder die Stimme aus dem Auditorium.

Der Vortragende versuchte die Richtung der Stimme zu orten. Der Saal war zwar akustisch für das Auditorium hervorragend, aber für den Vortragenden eine Katastrophe. Beim Aufbau war nie vorgesehen, dass der Vortragende sich Fragen stellen sollte. Dafür gab es kleinere Steinbauten.

“Alle Menschen sind vor dem Gesetz gleich”, antwortete der Vortragende, melkte seinen weißen Spitzbart und blickte in die Runde. Es verwunderte, warum er Gegenfragen erhielt. Seine außerordentliche Position im Senat der Lehranstalt feite ihn normalerweise vor solch Zuhöreragitation. Nur trotz eben solcher konnte er den Zurufer nicht ausmachen. Er sah auch kein Unruhe im Saale der Zuhörer, welche ihm helfen konnte den Störer auszumachen.

Wieder ertönte die Stimme: “Die Freiheit des Glaubens, des Gewissens und die Freiheit des religiösen und weltanschaulichen Bekenntnisses sind also unverletzlich?”

Der Vortragende nickte: “Absolut. Aber könnte der Zwischenrufer sich bitte erheben? Ich mag es nicht, auf anonyme Zwischenrufe zu reagieren.”

Er wartete. Aber niemand erhob sich. Die Masse der Zuhörerschaft reagierte kaum, indem sie den Zwischenrufer durch Blicke markierte. Der Vortragende blickte in eine amorphe Masse, welche seinen Vortrag gleichmütig zu absorbieren schien. Er wurde misstrauisch darüber, ob sein Vortrag überhaupt die Wertschätzung erfuhr, welche er sich erhoffte. Kurz hielt er inne und formulierte den nächsten pragmatischen Satz, den er danach dem Auditorium präsentierte:

“Jeder hat das Recht, seine Meinung in Wort, Schrift und Bild frei zu äußern und zu verbreiten und sich aus allgemein zugänglichen Quellen ungehindert zu unterrichten.”

Stille. Er blickte in die Gesichter vor sich zu seiner Linken, schwenkte seinen Blick prüfend nach rechts. Reihe für Reihe der Zuhörer scannte er entsprechend. Aber nirgend erkannte er einen AHA-Ausdruck in den Gesichtern der Zuhörer. Hatten die ihm überhaupt zugehört?

Er versuchte es mit einem provokanten Zusatz:

“Grund und Boden, Naturschätze und Produktionsmittel können zum Zwecke der Vergesellschaftung durch ein Gesetz, das Art und Ausmaß der Entschädigung regelt, in Gemeineigentum oder in andere Formen der Gemeinwirtschaft überführt werden.”

Eine Stimme aus dem Auditorium erwiderte ihm spontan: “Die Würde des Menschen ist unantastbar? Sie zu achten und zu schützen ist Verpflichtung aller staatlichen Gewalt?”

Der Vortragende strich mit feuchten Händen über seinen leinenden Gewand. Er konnte den Fragenden immer noch nicht identifizieren, wurde daher nervös und bekam feuchte Hände. Warum stellte jenes Individuum solche ketzerischen Fragen? Waren seine Aussagen nicht eineindeutig?

Er versuchte nochmals die Stimme im Zuhörerraum zu orten. Aber vergeblich.

“Das, was Sie sagen, beruht auf die Definition von Menschen, nicht wahr. Akzeptiert. Akzeptieren Sie dafür auch, dass in unserer Gesellschaft verdammt viele Lebensformen leben, auf die das Wort ’Menschen’ nicht angewendet werden kann? Wollen Sie die, welche Minderjährige und andere Sonstige vergewaltigen, also Päderasten und schlimmer, jene fahrlässige oder vorsätzliche Mörder oder jene andersartige Verbrecher mit wirklichen ‚Menschen‘ verglichen werden? Solche sind Tiere. Keine wahre Menschen. Daher buchten wir die auch ein. Oder falls möglich, lynchen jene. Verdient ist verdient.“

“Ich verstehe nicht.”

“Die Würde des Menschen ist unantastbar. Da stimme ich Ihnen komplett zu. Unter der Würde des Menschen darf nicht gehandelt werden. Aber was ist, wenn es sich nicht um Menschen handelt?”

“Sie meinen?”

“Ich meine die Idiotae, den Bodensatz der wertvollen menschlichen Entwicklung, denen, die nicht das Niveau der Menschwerdung erreicht haben. Sie wissen”

”Idiotae?,” seine Augen fuhren die Zuhörerschaft reihenweise ab. Niemand blickte auf den Redner, niemand markierte ihn, alle Augen waren auf ihn gerichtet. Er fühlte sich plötzlich allein gelassen. Das Gefühl, dass er der Vertreter einer Randmeinung statt der Vertreter einer allgemeinen Grundhaltung sei, kroch im von den Fußsohlen hoch bis in seinen Brustkorb. Es ist das Gefühl der Verlierer, die niemand mag. Und das Gefühl schien nicht halt zu machen. Seine Brust erfuhr eine eigentümliche Beklemmung.

”Jene, welche wir mit dem allgemein anerkannten Wort ‘Vollidiot’ bezeichnen. Wenn jene entgegen dem gesunden Volksverstand …”

“Was ist gesund?”, blafft der Vortragende provozierend heraus. Er erhoffte sich, den Fragesteller damit zu identifizieren zu können, indem er von jenem eine emotionale Reaktion bei seinen Repliken hervorrufen könnte. Sein Blick beobachtet aufmerksam das Auditorium, nur die Blicke der Zuhörer waren seine Erwiderung seiner Suche. Ihm schien, als ob sogar seine provozierende Frage von den Blicken komplett neutralisiert würde. Er strich über sein Gewand. Das gab ihm eine gewisse Sicherheit zurück. Der Stoff war kostbar und der Schneider hatte sehr viel Wert darauf gelegt, den Stoff in Bädern richtig geschmeidig zu machen, ohne dass der Vorteil von dem Leinenstoff herab gesetzt wurde. Er war ja schließlich nicht irgendwer, wie jene Zuhörer im Auditorium, sondern er wurde letztendlich für deine Vorträge bezahlt. Seine Auftraggeber waren von dem Wert seiner Vorträgen überzeugt und bezahlten ihm entsprechend. Das Gewand hatte sich bereits nach knapp einem Monat amortisiert und sein Ruf spiegelte sich bereits in den ersten niedergeschriebenen Geschichten wieder.

“Was ist gesund?”

“Gesundheit ist bekanntlich die Abwesenheit von Krankheit. Und Krankheit wird über Erkrankungen definiert. Wenn eine Krankheit epidemisch wird, dann ist die Gesundheit in Gefahr. Und zwar nicht nur des einzelnen Menschen, sondern sogar der Gemeinschaft. Entsprechend reagiert der Körper der Gemeinschaft: er stößt das Erkrankte ab, um sich vor dem erkrankten Individuum, dem Iditotum, zu schützen.”

Der Gelehrte atmete tief ein, schnappte nach Luft. Vor seinen Augen schwebte bereits die Conkulsio jenes Gedanken vor. Das hatte er nicht gesagt.

“Ich habe nicht gesagt, …”

“Aus dem von Ihnen gesagten folgere ich: Eine definierte Gemeinschaft bekennt sich darum zu unverletzlichen und unveräußerlichen Menschenrechten als Grundlage jeder menschlichen Gemeinschaft, des Friedens und der Gerechtigkeit in der Welt.”

“Ähem, ja, insofern, ja …”

“Wir sind eine Gemeinschaft. Wir sind Menschen. Wir sind eine menschliche Gemeinschaft. Aber jene anderen sind es nicht. Keine Menschen. Idioten. Nicht von uns abstammend. Und falls doch, dann war es eine miese Laune der Natur.”

“Aber …”

“Sie sagten bereits, würde der Menschen antastbar sein, wäre er nicht zu achten und zu schützen. Würde er unantastbar sein, wäre er achten und schützen derer Verpflichtung aller staatlichen Gewalt. Kein Mensch, keine Verpflichtung!”

“Was?!?”

“Grundlage jeder menschlichen Gemeinschaft, des Friedens und der Gerechtigkeit in der Welt. Und nicht der Affen!”

“Unverschämt! Sie hetzen! Sie drehen den Gedanken meiner Worte ins Gegenteil, Sie Hetzer!”

“Jeder hat das Recht auf die freie Entfaltung seiner Persönlichkeit, soweit er nicht die Rechte anderer verletzt und nicht gegen die verfassungsmäßige Ordnung oder das Sittengesetz verstößt. Und Ihre Ihnen eigenen Ansicht von Persönlichkeit verstößt gegen jegliches Sittengesetz. Und wer Mensch oder Idiot ist, das definieren nicht Sie, sondern das wird von uns definiert. Da können Sie gar nichts dran ändern. Wir sind vox populi. Und das in unserer Gesamtheit der Meinungsäußerung. Jeder hat das Recht auf Leben und körperliche Unversehrtheit. Die Freiheit der Person ist unverletzlich. Und: Jeder hat das Recht, seine Meinung in Wort, Schrift und Bild frei zu äußern und zu verbreiten und sich aus allgemein zugänglichen Quellen ungehindert zu unterrichten. Eine Zensur findet nicht statt. Wer hetzt, das definieren nicht Sie!”

Er stand an seinem Pult und atmete tief durch. Er hörte die Stimme, konnte sie nicht orten, sah die Blicke auf sich gerichtet, hörte die stumme Aufforderung daraus etwas vernünftiges zu sagen. Nur versagte ihm die Stimme einstweilen. Nur ein Wort konnte er rausbrüllen und das schrie er mit aller Macht raus, ohne seinem Wort eine Richtung zu geben, ohne den Adressaten ausfindig gemacht zu haben. Es prescht nur heraus, strapazierte seine Stimmbänder in extremer Weise und knallte kurz und präzis:

”Arschloch!”

Die Wände reflektierten seine Worte mehrfach und versanken in Stille. Es war keine besondere Stille, keine betretende Stille, keine peinliche Stille. Einfach Stille. Einfach. Stille.

Er strich mit seinen Händen sein glattes Gewand entlang, schaute in das Auditorium, versuchte erneut den Gegensprecher ausfindig zu machen und ergriff zum wiederholten Male seinen spitzen weißen Bart, um seinen nächsten allgemein gültigen Gedanken heraus zu melken:

“Und aus all den Prinzipien kann nur das Folgende folgern: Eigentum verpflichtet. Sein Gebrauch soll zugleich dem Wohle der Allgemeinheit dienen.”

Die unbekannte Stimme durchschnitt kalt den Raum: “Aha. Wer die Freiheit der Meinungsäußerung zum Kampfe gegen die freiheitliche demokratische Grundordnung missbraucht, verwirkt diese Grundrechte. Alle Staatsgewalt geht vom Volke aus.”

“Demokratisch?”, stammelte der Vortragende überrascht, “Vom Volke ausgehend?”

“Genau. Wohin geht denn die Staatsgewalt aus? Sie hat sich mir nach ihrem Ausgang nicht zurück gemeldet. Also übernimmt das Volk. Also wir. Und wir sind keine Idioten.”

Er hörte hinter sich ein matschendes Geräusch und drehte sich kurz um. Rot, er sah rot hinter sich. Alles rot. Blut. Blut? Blut! Tod!

“Wir sind das Volk und wir bestimmen, von wo aus die Staatsgewalt ausgeht”, erklärte jene Stimme nüchtern, aber lautstark. “Es ist uns überlassen, wie wir Idioten benennen, weil es – wie Sie zuvor sagten – der Meinungsfreiheit entspricht.”

Wieder hörte er es hinter sich das matschende Geräusch. Er könnte auch weiterhin nicht die Stimme orten. Vor sich sah er die schweigende Menge und in ein paar Händen erkannte er rotes aufblitzen. Tomaten. Er nahm hinter dem Pult Deckung, um sein kostbares Gewand zu schützen. Die Reinigung wäre teuer. Seine Blick suchte den Fluchtweg. Die matschenden Geräusche kamen immer näher. Ihn ergriff Panik.

Ein tiefer, donnernder Ton erfüllte den Hörsaal und instinktiv hielt er sich die Ohren zu, um sich zu schützen. Die Stimme schien übermächtig zu werden:

“Nicht wahr, die Freiheit, sie ist ein furchterregendes Monster, vor deren durchdringender  Stimme man sich die Ohren schützen muss. Bei dessen Ruf man nicht mehr zwischen Meinung und Hetze unterscheiden kann, weil man nicht weiß, ob das Monster ‚Freiheit‘ ein Mensch oder ein Nicht-Mensch ist.”

Mit zugehaltenen Ohren brüllte er in Verzweiflung zurück: “Wer immer Ihr seid, Ihr interpretiert das Menschheitsgesetz stark egoistisch, komplett egozentrisch auf Euch selber bezogen! Ihr betreibt niedrigsten Populismus!”

“Ja, und? Ich bin, der ich bin! Anfang und Ende: ich bin Mensch. Ein wahrhaftiger Mensch. Wie steht es geschrieben: Wenn ihr uns stecht, bluten wir nicht? Wenn ihr uns kitzelt, lachen wir nicht? Wenn ihr uns vergiftet, sterben wir nicht? Und wenn ihr uns beleidigt, sollen wir uns nicht rächen?”

Er verschränkte die Arme um seinen Kopf, versuchte, mit den Ärmeln noch mehr Schallschutz zu erreichen, versuchte, sich zu schützen, warf sich auf den Boden und bemerkte, wie die stummen Zuhörer aufgestanden waren, auf ihn zuschritten und langsam einen immer enger werdenden Kreis um ihn den Vortragenden bildeten, ihn in seinen Versuchen, jener Stimme nicht zuhören zu müssen, sich zu schützen.

Und dann hörte er nur den einen Satz, ausgesprochen von dem zerfurchten Gesicht, das sich zu ihm herunter beugte, ein Mensch aus den 50ern und offenbar mit der totalen Altersweisheit gesegnet. Es war lediglich ein Satz aus drei Worten, nüchtern und klar ausgesprochen, in normaler Zimmerlautstärke und Tonhöhe, die sich in ihn eingruben, die ihn ins innerste seines Herzens trafen, die ihm seinen Glauben an eine rosige Zukunft für immer zerstörten:

“So ein Volldepp.”

Kneipengespräch: Ah, jetzt, ja, eine Insel, zwesche Pissjääl un Kackbrung

Koelsch

WhatsApp oder Kölsch, das ist die Frage an gegebener Ort und Stelle im “hier und jetzt”. Global lokal verbunden? Oder lokal global trinkend? Pissjääl oder Kackbrung? Kackbrung zwinkerte ihn das LED seines Smartphones entgegen. Pissjääl lachte ihn das Kölsch an. Unschlüssig starrte er wechselnd auf Smartphone und Kölsch.

Er entschied sich für das Smartphone. Bierernst war ihm momentan eh nicht. Wischend und tippend öffnete er die Chat-App.

“Hier scheint die Sonne”, las er.

“Hier auch”, tippte er zurück.

“Ach ja? Du bist doch garantiert in unserer Kneipe. Da scheint die Sonne? Aus dem Allerwertesten?”

“Wo bist du?”

“Kanaren-Insel. Südseite. 24 Grad. Strahlend blauer Himmel. Strand. Wasser plätschert zu meinen Füßen. Feinster Sand kitzelt meine Sohlen.”

“Kölsch-Kneipe mit nur Bayern-Kanaken. Himmelsrichtung egal. Kommen von überall her hier rein. Wollen alle nur Kölsch. 32 Grad hier drinnen, außen eh mehr. Dafür ist kein Himmel zu sehen. Wahrscheinlich eh milchig außerhalb. Innen drinnen handgeschnitzter Kneipentisch. Kein Wasser. Jon mr fott domet. Dafür frisches Kölsch. Prickelt und zischt, das es eine Freude ist.”

“Sackjeseech!”

“Du mich auch.”

“Doh ben isch fies vör. Hier hat es nur ‘Anheuser Busch’-Plörre.”

“Sei doch froh. In Afrika haben die noch nicht mal sauberes Wasser. Der eine Teil der Bedürftigen darf deren Tabletten vor dem Essen nicht mit Wasser zu sich nehmen. Das Wasser können die sich nicht leisten. Als Ausgleich kann der andere Teil der Armen dafür jene Tabletten nach dem Essen nicht einnehmen. Weil, Nahrung können sich jene anderen wiederum nicht leisten. Wird ja alles an der Börse gehandelt. Oder von EU- Regularien geregelt. Aber Müll, der ist günstig, unser Plastikmüll. Den verkaufen wir denen. Den können die dann für uns in den Weltmeeren versenken.”

“Zuviel Kölsch gehabt? Oder warum so böse?”

“Ich hab neulich rausgefunden, warum es in Bayern das Wort ‘Vollbier’ gibt.”

“Vollbier? Voll Bier? Voll in Bayern? Voll normal.”

“Früher also so bis zum 18. Jahrhundert gab es nur Dünnbier. Bier, aus Getreide mal schnell gebraut. War keimfrei und sauberer als Wasser.”

“Sicher. Das hat dann wohl auf die Gene der Bayern geschlagen. Jeden Tag zugelötet durch die Straßen Bayerns wanken. Kein Wunder, dass die restlichen Deutschen die Bajuwaren nur als Freistaatler akzeptierten.”

“Nö, nö. Das Dünnbier hatte nur so um die ein, zwei Prozent Alkohol. Das Bier für das Volk. Die waren nie nicht dauernd zugedröhnt.”

“Verstehe, daher konnte man damals auch mit zwei Maß Bier noch Autofahren können. Noch bevor Daimler den Wankelmotor mit software-gesteuerter Abgasregelung erfunden hatte. Und bevor die Bayrischen Motoren-Werke aus dem Nazi-Reich wie Phönix aus der Bierflasche zur Weltmarke aufstiegen. So wie damals Beckstein.”

“Ja, seine Tollität, der Herr von und zu und auf und davon Beckstein. Damals. Heute hat es Söder. Die Steigerung vom Seehofer. Hey. Vollbier war damals nur für die Reichen. Und irgendwann wurde es in den Massen produziert, wurde billiger, so wie die Handytarife, so dass es das Dünnbier fürs Volk verdrängte. Und bald wurde es dann in Maßen ausgeschenkt. Liberalitas Bavariae.

“Sicher. Du hast zu viel der Freizeit. Sich mit solchem Unsinn zu beschäftigen.”

“Trink du dafür nur fleißig deine ‘Anheuser Busch’-Plörre. Deren Reste werden momentan gesammelt und dann in Maßen beim Oktoberfest ausgeschenkt. Das internationale Volk der Besucher liebt es.”

Er starrt auf sein Display und wartete. Es tat sich nichts. Kein “Er schreibt …”, keine blauen Häckchen. Er zuckte die Schultern und widmete sich wieder seinem Kölsch.

’Prickel. Zisch. Gluckgluckgluck’, dachte er bei sich, als er mit schielendem Blick zuschaute, wie das Kölsch unter seiner Nase verschwand. Mag sein damals gestrenger Deutschlehrer noch die Comics als Untergang des Abendlandes verflucht haben, die ‘MAD’-Hefte, die jener von ihm konfisziert hatte, hatte er alle wieder zurück erhalten. Später hatte er erfahren, dass sein Deutschlehrer auch noch einen Nebenjob bei solchen Comic-Heften hatte. Zusätzlich auch noch bei der ‘Titanic’, heimlich, unter Pseudonym mitschreibend.

Jede Dekade kamen jene Spinner vorbei, die das Untergang des Abendlandes in irgendeiner kulturellen Errungenschaft sahen. Und ihrer Besorgnis Ausdruck verliehen. Sei es damals bei den Buchdrucker, sei es bei den ersten Journalisten, sei es bei den ersten Hedonisten, sei es bei Techno-Liebhabern, oder Internetnutzer, oder Smartphonenutzer, sei es bei anderen. Sowieso. Immer die anderen. Immer. Die anderen. Die waren immer Schuld. Immer. Schuld konnten aber auch wir anderen sein. Aber das war unfair. Weil, Schuld abladen verboten. Oder so. Oder nicht.

Er erinnerte sich an die 80er und 90er, als Musik einen internationalen Ausdruck der Kritik gefunden hatte. Simple Minds mit „Belfast Child“ oder „Free Mandela“, U2 mit „Bloody Sunday“, BAP mit „Kristallnaach“, Peter Gabriel mit „Biko“, Genesis mit „Land of Confusion“ oder „Band für Afrika“ mit „Nackt im Wind“ … oder … oder… oder… ihm fiel Pink mit „Dear Mr. President“ und Rammstein mit „Deutschland“ ein und verwarf seine Idee wieder.

Mit fester Hand vollführte er die zielgerichtete Landung seiner Kölschstange auf den Bierdeckel. Ein Versuch, ein Treffer, eine Landung, butterweich. ‘Der Adler ist gelandet’, dachte er sich noch und winkte dem Wirt zu. Apollo 1 war verbrannt und Apollo 11 lebte schließlich auch nicht als Eintagsfliege. Kommunikation ist alles, daher bestellte er mit ‘Houston, isch han a Problem’ sein nächstes Kölsch. Apollo-13-Gedächtnis-Trank. An Apollo 12.

Pissjääl & Kackbrung. Zeitgleich tauchten Smartphone-LED und Kölsch in seinem Sichtfeld auf. Halb interessiert griff er zum Smartphone. ‘Wenn schon Kommunikation, dann mit WhatsApp, hier redet eh keiner mit mir’, dachte er nur, als er wischte und klickte.

Ein Foto. Strandfoto. Obere Hälfte himmelblau und wolkenlos, schmaler türkisgrüner Streifen, wohlmöglich das Meer, davor gelegen ein dicker beiger Streifen, der Sandstrand, und ganz im Vordergrund zwei dicke Onkel, die Zehen seines Kollegen, links und rechts, leicht unscharf, weil wohlmöglich wackelnd. Ein Foto, geleckt wie von einer Postkarte.

Er seufzte. Urlaub. Das wäre etwas, was er gerne hätte, aber der war gestrichen. Krise, sagte der Chef mit ernstem Blick. Man müsse ein Drittel der Belegschaft entlassen und die Fertigung nach Ost-Europa verlagern, um Arbeitsplätze zu retten. Dessen Blick war kompromisslos und der Vortrag messerscharf wie eine Carolina-Reaper-Schote. Am Schluss forderte er jeden auf, kürzer zu treten. Schuld wären eh all die anderen vom Diesel-Gate. Er nickte gehorsam und unterzeichnete den neuen Arbeitsvertrag, der einen Lohnverzicht von 20% beinhaltete. Sein Arbeitnehmeranteil zur Sicherung der eigenen Lebensumstände. Nur fair. Der Arbeitgeber muss halt immer irgendwo mit dem Sparen anfangen.

Er blickte auf sein Display. Die App hatte ihre Nachricht aufgelegt. Unter dem WhatsApp-Bild die Nachricht:

“Oh!!!! Guckstu. Da hinten ein langes Schlauchboot mit vielen Leuten an Bord. Ist wohl vom Mittelmeer abgetrieben!”

Er tippte gelangweilt zurück: “Seh nix! Kauf dir mal n besseres Smartphone, du Hobby-Knipser.”

“Hm. Mist. Sehe gerade, abgesoffen, kurz vor meinem Foto. Das es die mit dem Kentern auch immer so eilig haben … wollen wohl in deren romantischen Freiheitsdrang nicht fotografiert werden. Schade eigentlich. Wird wohl nichts mit dem Preis ‘Foto des Jahres’ für mich dieses Jahr. Schnüff. …”

“Eigentlich nennt man so etwas ‘makaber’.”

“Wie? Abrakadabramakabar? Und uneigentlich?”

“Ist EU-gewollt. Keine Front. Front tunixgut. Weil besser ex, hopp und weg mit dem Problem.”

“Ich liebe FrontEx. Die haben so schöne Dinge zur Seenotrettung an Bord, die auch nach Jahren noch Neupreise auf dem Second-Hand-Markt erzielen. Weil noch nie benutzt.”

“Front ex. Hört sich nach Insektenvertilgungsmittel an. Ist hier nicht notwendig. Hat kaum Kakerlaken.”

“Wozu auch Kakerlaken, wenn das Volk eh schon aus Lakenkacker besteht …”

“Pass nur auf deiner EU-Insel der Glückseeligen auf! Wenn nur einer von diesen Flüchtlingen schwimmen kann, kommt der gleich an deinen Strand und schnappt dir die Bikini-Bräute wech!”

“Ach komm. Die beschweren sich doch hier andauernd, dass deren Männer eh so sind, wie die vor der Ehe versprochen hatte, danach nie zu werden.”

“Das ist wechselseitig. Oder kommen die aus dem Rheinland?”

“Hatte vor zwei Tagen ein Tête-à-Tête mit einer schwarzen Weiß-Russin. Der ging auch das Gebalzte der deutschen Männer und Frauen auf den Keks. Sie meinte, im Frühling sei’s besonders schlimm, drum ist’s ihr im Winter lieber. Allerdings hätte es für Deutsche von Brusthaartoupet bis Botoxmaske alle Angebote, aber die wären sich zu etepetete ihr Geld dafür auszugeben. Die geben ihr Geld lieber für Reklamationen und Beschwerden aus. Weil im Krieg und in der Liebe ist alles erlaubt. Und an Liebe glauben nur die Gutmenschen.”

“Weiß-Russin. Aha. Und zitiert auch noch Bonaparte. Apart. Du bist mein Held.”

“Jep, die hat mir sogar ihren grünen Reisepass gezeigt.”

“Echt? Der Russische Reisepässe sind EU-rot, westafrikanische grün.”

“Grüne hat es hier keine. Grüne gibt es hier nicht.”

“Ich weiß. EU-Polizeifarben wurden reguliert. Alle blau. Und immer zu zweit unterwegs. Weil, der eine kann nicht lesen, der andere nicht schreiben.”

“Hallo? Um Inklusion geht es hier nicht. Es geht um Minderheitenschutz, du Sexist. Streifen haben gemischtgeschlechtlich zu sein. Damit Frauen auch mal zum Schuss kommen.”

“Damit Frauen auch mal zum Schuss kommen? Und warum machen die dann Urlaub auf deiner Kanaren-Insel, bei all den Deutschen dort?”

Er starrte auf sein Smartphone. Die Häkchen wollten nicht blau werden. Er starrte intensiver, aber das Starren half nicht. Keine blauen Häkchen.

Stattdessen tauchte eine Meldung auf dem Display und erklärte seinem besorgten Beobachter, dass das Smartphone seine 40-Stunden-Woche bereits gesetzlich erfüllt hätte, dessen Akku nun leer sei und sich somit das Smartphone ins Wochenende verabschieden würde.

Das Display wurde schwarz. Schwarz hatte was. Einen Schimmer von Braun. Darin spiegelte sich sein restliches Kölsch gelb. Dazwischen der Bierdeckel als unbestimmte Insel des Landeflughafens für neue Kölsch. Zwesche Pissjääl un’ Kackbrung.

Er griff zu, führte seine Kölschstange zielgerichtet zum Mund und schüttete den Rest kompromisslos in seinen Mund, damit er den Hals voll hatte und dieser damit allein zurecht käme. Zeitgleich winkte er mit dem leeren Kölschglas dem Wirt:

“Herr Oberspielleiter, auf ein neues. Und bring mir das Akkuladegerät, bitte.”

Die Ermittlungen Stand jetzt

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Nach aufwendigen Ermittlungen, diversen Datenbankabgleichen und Profiling-Analysen verkündigte ein Mitarbeiter des Polizei-Beamtenkreises, dass jetzt eine entscheidende Spur gefunden worden sei.

Der Mord an den CDU-Politiker Walter Lübcke sei in einer Linie mit den „Dönermorden“ zu sehen. Auch damals sei bereits eine individuellste Minoritäten-Randgruppe an den später als gemeinhin „NSU“-Morden bezeichneten Vorkomnissen widerlichster Art beteiligt gewesen.

Aufmerksame Polizei-Ermittler fanden jetzt unleugbare Parallelen zwischen jenen  Dönermorden und der Tötung des CDU-Politiker Walter Lübcke, welcher zuvor offenbar zu einer nicht näher begründeten Emigration auffordert hatte. Jenes politisch tätige Individuum aus einem deutschen Dorf sollte sich nachweisbar der vorherrschend mehrheitlich demokratischen Mentalität in Deutschland nicht mehr angepasst haben.

Wie aus informierten Kreisen einiger Privat-Ermittler zu erfahren war, handelt es sich bei dem Todesfall jenes Politikers nur um eine Privatfehde im rechtsgerichteten Milieu, welche keine Gefahr für die allgemeine Bevölkerung darstellt. Die Ursachen der Privatfehde sind noch nicht klar eruiert, könnten aber mit ungeäußerten  Immobilienvorhaben im Dorf zu tun haben, Vorhaben, welche es noch grundlegend als Mordmotiv zu analysieren gäbe. Diese Art der Motivation könnte man eventuell somit in einer Linie mit den damaligen deutschlandweiten Dönermorden sehen. Denn deren Hauptzeugen der damals von Ermittlern verfolgten „Dönermord“ könne sich ebenso wie Lübcke dazu nicht mehr äußern.

Festgestellt sei somit, dassalso kein Grund zur Besorgnis bestehe, so ein selbsternannter Vertreter der PI-News für die internationale, interessierte Presse erklärend vor seiner Wohnung auf Mallorca als auch ein weiterer auf den Kanaren, wo die ungehemmte Einwanderung von Schein-Asylanten ein sehr großes Problem geworden ist. Von beiden Stellen wurde unisono verkündet, man habe alles im Blick der Ermittlungen und werde in der Aufmerksamkeit nicht nachlassen. Aber alles wäre nur halb so wild.

Allerdings empfehle man der besorgten Bevölkerung ob solcher unangenehmen Vorfälle wie in der hessischen Kleinstansiedlung Wolfhagen von knapp 13.000 Einwohnern sich von linken, von linksradikalen und von linksextremistischen Gruppierungen fern zu halten, da jene ob deren Ablehnung demokratischer Mehrheitsäußerung und eigener Radikalität immer ein Problem für die Sicherheit jedes Bürgers darstellen.

Sobald neue Nachrichten durch die Bedrohung der Unterwanderung durch die AntiFa aufgedeckt worden sei, werde dies bereits morgen in den PI-News verkündet.

In der Zwischenzeit wird empfohlen dem ehrenwerten, ehemaligen Bundespräsidenten Joachim Gauck seiner Worte Folge zu leisten und die gleiche Toleranz, die momentan für jeden Schein-Asylanten eingefordert wird, auch erst recht für gute tradierte rechte und konservative Gedanken zu üben. Unser Land braucht dieses angesichts der Bedrohungen von außen mehr als sonst. Der Christdemokrat Joachim Gauck stellt sich mit seiner Besorgnis somit in einer Linie wie der Sozialdemokrat Thilo Sarrazin und der Mehrheit der demokratischen Bevölkerung.

Also, besorgter Bürger: stay tuned!

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Nö, keine Sorge. Mit obigen habe ich euch freilich belogen. Komplett. Lediglich ein schlechter Versuch einer hanebüchenen Satire. Und? Wer von euch Lesern hat es erkannt? Klar. Keiner. Weil es eine so schlechte, miese bis gar keine Satire ist  ….

Wo kommst du her, wohin willst du: das Hexeneinmaleins

0:
Es ist der Ursprung. Der Ursprungspunkt. Undefinierbar. Wenn es keine anderen Standpunkte gibt, dann ist der Punkt nicht räumlich definierbar. Er ist überall und nirgends. Er wird als Beobachterposition gebraucht. Er ist da, aber hat keine Dimension, keine Ausdehnung. Einfach nur ein Punkt. Einfach nur anwesend. Mehr nicht. Er zählt nicht.

1:
Durch den zweiten Punkt ist es möglich, auf diesen aus der Richtung vom ersten Punktes aus zu schauen. Der zweite Punkt existiert, weil er vom Ursprung aus gesehen werden kann. Aber es fehlt die Möglichkeit den ersten Punkt zu beschreiben, es fehlt der objektivierbare Vergleich. Ob der zweite Punkt groß oder klein ist, ob er weit oder nah entfernt, all das ist nicht beschreibbar. Denn diese dimensionellen Begrifflichkeiten fehlen mangels Vergleichbarkeit.

2:
Erst mit dem dritten Punkt lässt sich der vorherige Punkt vergleichen. Wer von beiden größer ist, kann jetzt vom Ursprungspunkt aus beschrieben werden. Und es ist jetzt auch möglich die erste Verbindung herzustellen. Eine Linie kann zwischen diesen beiden Punkten definiert werden. Aber diese Linie ist ohne definierte Lage.

3:
Mittels des nächsten Punktes ist es möglich den ersten vorherigen Punkten eine definierte Lage zu geben. Der dritte Punkt ermöglicht Entfernungen zu vergleichen. Die Längen der Linien, die jeweils immer zwei Punkte verbinden, können jetzt untereinander verglichen werden. Zum ersten Mal ist es möglich zu sagen, wie weit die Punkte untereinander entfernt liegen. Die Begriffe „näher“ und „weiter“ bekommen einen Sinn.
Auch spannen zum ersten Mal alle drei Punkte über diese Linien eine Fläche auf: Das Dreieck.

4:
Wird ein neuer Punkt in das obige System eingefügt, wird damit die dritte Dimension ermöglicht. Natürlich ist es möglich, mit dem vierten Punkt ein Viereck aufzuspannen. Aber dann würde der Punkt in der Ebene der drei Punkte nur eine Position einnehmen, die auch jeder der drei anderen Punkte einnehmen könnte.
Mittels des neuen Punktes außerhalb der Ebene der drei anderen Punkte kann die Neigung der Ebene bestimmt werden, sollte die Entfernung der anderen drei zum letzten neuen Punkt unterschiedlich sein. Mit diesem Punkt ist es möglich einen Raum aufzuspannen, den ersten dimensionellen Körper auf, den Tetraeder, eine dreiseitige Pyramide. Der Körper nennt sich auch Vierflächner, weil deren vier Punkte mit ihren sechs Verbindungslinien vier Dreiecksflächen erzeugen, welche einen Raum umschließen. Das erste dreidimensionale Gebilde wurde geschaffen.

5:
Der nächste Punkt wird heikel. Denn vom Ursprungspunkt aus betrachtet können mit den anderen drei Punkten jede neue Punkt in dessen Lage beschrieben werden. Jeder Punkt ist so verschiebbar, dass der nun sechste Punkt ersetzbar ist. Dieser Punkt benötigt eine neue Dimension. Eine Dimension, die unabhängig von den anderen fünf Punkten ist. Dieser Punkt wird in die Zeit ausgelagert. Es ist der Zeitpunkt „0“. Er erinnert an den ersten Nullpunkt, den Ursprungspunkt „0“. Der sechste Punkt eröffnet lediglich die neue Dimension.

6:
Ein weitere Punkt muss der Zeit-Dimension hinzugefügt werden. Zusammen mit dem vorherigen Punkt kann ein Zeitstrahl errichtet werden. Die Lage der anderen geometrischen Punkte kann nun von verschiedenen Zeitpunkten aus betrachtet werden. Noch fehlen aber die Begrifflichkeiten wie „vorher“ oder „nachher“, „früher“ oder „später“. Daher wird es notwendig, einen weiteren Punkt in der Dimension der Zeit einzufügen.

7:
Dieser Punkt ermöglicht den Vergleich der verschiedenen Zeitpunkte. Genauso wie der Punkt „3“ es uns ermöglichte Vergleiche anzustellen. „Vorher“ oder „nachher“, „früher“ oder „später“ erhalten einen Sinn.Die geometrischen Punkte lassen sich im Wandel der Zeit betrachten.

8:
Nehme ich mir noch einen weiteren Punkt in der Zeitdimension hinzu, dann habe ich die Möglichkeit einen „Zeitraum“ zu errichten. Jetzt kann ich die geometrischen Figuren innerhalb eines Zeitraumes betrachten

9:
Bislang waren alle Punkte in den geometrischen und in den zeitlichen Dimensionen verteilbar. Beide Dimensionen sind vollständig darstellbar. Der neunte Punkt kann also nicht in diesen beiden Dimensionen liegen. Er liegt außerhalb unserer normalen Vorstellungswelt. Es ist der Punkt der alle Dimensionen umfasst. Die Abstraktion der Punkte zuvor. Das eigene Erleben.

Und somit wird man mit dem nächsten Punkt wieder auf Ursprungspunkt und dem ersten Punkt zurück geworfen:

Die 10


Zu schwierig?

Dann gehe ich mal das ganze rückwärts.

9:
9 Musen gibt es. Genauso viele Köpfe hat die mythische Hydra. Im Alten Testament bezeichnet die „9“ die Vollendung des Schicksal. Im Neuen Testament starb Jesus in der 9. Stunde. König Arthur brachten 9 Könige ihre Gaben dar. Die Germanen hatten 9 Beurteiler eingesetzt, die eine Frist zum Urteilen von 9 Tagen hatten.

8:
Im Islam gibt es 8 Himmel, weil Allahs Barmherzigkeit um eins größer ist als sein Zorn (7 Höllen). Der Buddhismus kennt einen achtfachen Pfad, der zum Nirvana führt. In Israel wird am 8. Tag nach der Geburt die Beschneidung vorgenommen. 8 Menschen wurden in der Arche Noah gerettet. 8 steht im Neuen Testament für die Auferstehung. Das Jahresrad der Germanen hat 8 Speichen. Die Zahl 8 steht für die Unendlichkeit, denn wird sie hingelegt zeigt sich das Symbol, was auch in der Mathematik für die Unendlichkeit verwendet, die Lemniskate.

7:
7 Tage hat die Woche. Am 7. Tag ruhte Gott nach der Schöpfung der Erde aus. 7 Erzengel bevölkern den Himmel. Der Pharao sah 7 fette und 7 magere Kühe, 7 dicke und 7 dünne Ähren. Allahs Zorn hat 7 Höllen. Die Eröffnungssure des Korans hat 7 Verse. Alchemisten müssen zur Herstellung von Gold 7 Arbeiten durchführen. Die 7 Todsünden. 7 Chakras. 7 Teufel treibt Jesus aus Maria Magdalena aus.

6:
6 ist nach Meinung der griechischen Mathematiker eine vollkommene Zahl, da sie durch die ersten drei zahlen darstellbar ist. Gott erschuf binnen 6 Tagen die Welt und Jesus wurde am 6. Wochentag zur 6. Stunde gekreuzigt. Der Himmel der Chinesen ist 6-stufig. Das Druidenjahr beginnt am 6. Tag des Vollmondes. 6 Druiden schneiden den Mistelzweig.

5:
5 Finger hat die Hand. Der 5-zackige Stern, das Pentagramm, wird zur Abwehr des Bösen verwendet. Der Islam kennt fünf Säulen (Bekenntnis, 5-maliges Beten am Tag, Almosen, Fasten, Hadsch). Die Chinesen kennen 5 Richtungen (die vier Himmelsrichtungen plus der Mitte). Die Pythagoreer sahen die 5 als Zeichen der Ehe und geistigen Vervollkommnung.

4:
Es gibt 4 Temperamente, 4 Evangelisten, 4 Jahreszeiten, 4 Kasten der altindischen Sozialordnung, 4 Wahrheiten im Buddhismus, 4 Kardinaltugenden, 4 Elemente, 4 Himmelsrichtungen

3:
Die 3 gilt als die heilige Zahl schlechthin. Vater, Sohn und Heiliger Geist. Anfang, Mitte, Ende. Vergangenheit, Gegenwart, Zukunft. Wodan, Donar, Ziu. Weihnachten, Ostern, Pfingsten. Caspar, Melchior, Balthasar.

2:
Die Dualität, die Zweiheit. Ying und Yang. Männlich und Weiblich. Himmel und Erde. Gott und Mensch. Gut und Böse. Salzgebäck und Bier. Tag und Nacht. Das Alte und das Neue Testament. Zwitter. Zweifel. Zwietracht. Zwillinge. Vishnu und Shiva.
2 ist die Abspaltung von der

1:
Im Arabischen wird die 1 durch den ersten Buchstaben Alif ausgedrückt. Es ist auch das Symbol Allahs. Die Juden und Moslems akzeptieren nur einen Gott. Die 1 hat die Eigenschaft, dass sie mit sich selbst multipliziert unveränderlich ist.

0:
Die Erfindung der Null verdanken wir den Indern. Die indische Bezeichnung lautet „sunya“ und heißt übersetzt „Leere“. Die Araber übersetzten es mit „sifr“, woraus sich über das lateinische „zephirum“ bei den Engländern „zero“ und „cipher“, bei den Franzosen „zero“ und „cifre“ und bei uns das Wort „Ziffer“ entstand. Die arabische Ziffer für Null und das Zeichen der Null bei den Mayas haben die Form der Vagina. Die Null ist die Gebärmutter, aus der alle Zahlen entstanden. Die Zahl „Null“ gebar das Dezimalsystem. Führende Nullen werden in der Mathematik nicht geschrieben.
Führende Nullen in der Wirtschaft haben wir dagegen haufenweise. Und sie gebären die Zahlen, die uns nachher als Rechnung zum Begleichen überlassen werden.

Endgültig verwirrt?

Du mußt verstehen!
Aus Eins mach Zehn,
Und Zwei laß gehen,
Und Drei mach gleich,
So bist Du reich.
Verlier die Vier!
Aus Fünf und Sechs,
So sagt die Hexe,
Mach Sieben und Acht,
So ist’s vollbracht:
Und Neun ist Eins,
Und Zehn ist keins.
Das ist das Hexen-Einmaleins!

von Goethe

Ticket to the Mars

Lass mich abheben, einfach nur abheben. Einmal fremde Welten erforschen, Pionier sein. Und dann mit gehöriger Distanz zum vorherigen Leben zurück zu blicken. Dabei Wehmut verspüren. Sehen und erkennen, dass es noch so viel hatte, was noch erledigt hätte werden können. Das nicht so bleibt, wie es vorhergesagt wurde. Dass Vorhersagen auch nur immer von den eigenen Wünschen geleitet werden.

Lass mich meinen Namen auf dem Mars hinterlassen. Lass mich ein Ticket zum Mars nehmen. Den Rückflug kann ich vor Ort buchen. Oder per Internet-Bestellung bei der NASA.

Oder auch nicht. Dann könnte ich immerhin noch versuchen, auch nur im Entferntesten wie Mark Watney zu handeln, zu überleben und zu hoffen, dass ich wieder zurück komme. Zur Erde. Vom Mars aus vielleicht als bläulich schimmernder Punkt zu erkennen. Ganz blass bläulich.

Blau. Die Farbe der Harmonie, des Vertrauens, der klaren Gedanken, des Wassers, des Überirdischen, des Göttlichen, des Irrealen. Die alten Griechen hatten kein Wort für die Farbe “blau”. In Homers Werke findet sich keine einzige Beschreibung dieser Farbe, lediglich Umschreibungen, welche sich der Farbe des Rotweins entlehnten.

Im Norden Namibias leben heute ca. 6.000 Menschen in halbnomadischer Kultur. Als die Menschen vor ca. 100 Jahren überfallen und komplett ausgeraubt wurden, hing deren Überleben von Almosen der Nachbarvölker ab. Sie wurden darauf von jenen als Bettler bezeichnet. “Himba” ist das entsprechende Bantu-Wort und so werden die Hinzugehörigen dieses Volkes auch heute noch bezeichnet. Das Volk der Himba hat für die Farbe “blau” kein Wort. Sie können “blau” auch fast gar nicht von “grün” unterscheiden.

Warum ist der Himmel blau? Warum das Meer? Wobei wir da schon manchmal richtig differenzieren. Mag das Meer tiefblau sein, wie es uns erscheint, ein türkisfarbenes Meer jedoch gilt als die Krönung des Urlaubs. Blaues Meer, weißer Stand, sonnengebräunte Körper, leuchtend gelbe Bikinis, rote Sonnenbrände.

Warum ist der Himmel blau? fragen gerne Kinder. Vom Mars aus ist die Erde vielleicht als bläulich schimmernder Punkt zu erkennen. Die Erde. Dahin, wo doch die eigentliche Mission hätte hingehen sollen. Mit viel Technik und ganz vielen Robotern, die unermüdlich Proben von dem Planeten “Erde” nehmen und diese in deren Minilaboren durchanalysieren. EKG positiv? Ist sie noch zu retten? Sind wir noch zu retten?

“Seid Ihr noch zu retten?”, hatten uns die Eltern als Kinder immer wieder mal fassungslos an den Kopf geworfen, hatten wir etwas ausgefressen, was niemand erwartet hätte, dass es jemals aufgetischt worden war.

Sind wir noch zu retten? Sollten wir die Beantwortung dieser Frage nicht lieber den Experten überlassen? Oder doch lieber “Friday for Future”? Oder gar den anderen? Oder uns?

“Zerstörung”. Es wird von Zerstörung geredet und wir Älteren verstehen darunter nur destruktives. Nur, die erheblich Jüngeren verwenden dieses Wort im urbanen Sinne von etwas in Fraktale zu zerlegen und erneut zusammenzusetzen. “Die Zerstörung der CDU” als Titel eines Videos von Rezo wurde bereits von den Hinzugehörigen jener Partei nicht verstanden. Der Titel von den meisten eh nicht. Somit zeigt es sehr gut, wie groß die sprachliche Kluft einer jüngeren Kultur und der meiner Generation der U50er geworden ist. Da reicht es kaum, Kinder zu haben, wenn diese ihren Slang nur unter sich pflegen, wir jedoch dauernd verlangen “Wessen Brot ich ess, dessen Lied ich sing”.

Warum konnten die Menschen des Altertums die Farbe “blau” nicht direkt beschreiben? Warum konnten es aber die alten Ägypter, die auch explizit ihre Kleidung mit blauer Farbe versahen? Die alten Ägypter waren auch eines der wenigen Volker dieser Welt, welche die großartigen Errungenschaft der eigenen Schrift für sich erarbeitet hatten. Und vergaßen. Würden die alten Ägypter zum Mars fliegen? Hätten sie es getan, hätten sie die Dampfmaschine und den Explosionsmotor für sich zuvor erfunden? Oder wären sie dann auch lieber mit ihren SUVs über eben ausgebaute Wege geflitzt?

Ach, ich verdrängte, die neuen alten Ägypter tun das doch bereits. Alles eine Frage des Auskommen mit dem eigenen heutigen Einkommen. Und auch sie würden heute gerne die Gelegenheit ergreifen, auf den Mars zu fliegen, wenn sie könnten, falls sie dürften. Ihre eigenen Fußstapfen dort hinterlassen. Oder zumindest ihren eigenen Namen.

Aber das letztere ist ja heuer nicht mehr das Problem. Es gibt ja das Internet. Und es ist kein Thema den Boarding Pass für das “Ticket to the Mars” von der NASA zu erhalten. Im Juli 2020 geht es los. Weltraumbahnhof Cape Canaveral im sonnigen Florida. Pünktlich dran zu denken. Jeder kann in seiner Phantasie mit dem Boarding Pass zusteigen und selber zu einem Mark Watney werden, um sehnsüchtig auf den bläulich schimmernden Punkt am schwarzen Himmel zu blicken. Tut es. Es kann nie schaden …

BoardingPass_MyNameOnMars2020 (careca)

Eine Ode an die Dorfsau

Wir brauchen eine Sau. Eine neue Sau. Die gestrige Sau ist uns schon wieder zu alt. Nur neue Säue lassen sich brandheiß durchs Dorf treiben. Der alten Sauereien hatte wir bereits genug und was interessiert uns unsere Sau von gestern.

Nein, es muss eine neue sein. Denn nur neue Säue sind leistungsfähig und brechen hoffentlich nicht vor der Ziellinie wie ein Schluck Wasser zusammen.

Neue Säue sind unsere Zukunft im Dorf. Wo kämen wir denn hin, würden wir immer wieder nur unsere gestrigen Säue durch unsere schöne Dorflandschaft treiben.

Dorflandschaft. Städte taugen dafür nicht. Denn eine Stadt sucht nur immer ihren Mörder. Ein Dorf maximal seinen Metzger. Für deren Sau. Die abgehetzte, durchs Dorf getriebene Sau. Oder hat schon mal wer etwas von einer Sau gehört, die durch eine Stadt getrieben wurde?

Städte sind die zoologischen Gärten der Menschheit, da passt keine Sau mehr rein. Die Götter leben in der Stadt, die Schweinehirten auf dem Dorf. Und somit passt es ja mit der innigen Beziehung zwischen Sau und Dorf.

Zudem ist im Dorf die Luft immer besser. Man sollte daher Städte prinzipiell nur noch in Dörfern bauen. Der Luft wegen. Außerdem könnte man dann auch ganz diskret der Sau beim Durchs-Dorf-Treiben die Stadt und deren Schweinereien zeigen.

Und weil die Dörfer immer größer werden, braucht es auch immer konditionell bessere Säue. Säue, die wissen worauf es beim Treiben ankommt. Säue, die ihren inneren Schweinehund besiegen und die Strecke meistern. Säue, die nicht wie Perlen vor die Säue gehen.

Nein, eine gesunde Sau muss es sein. Kein Spanferkel mit Stock im Arsch. Oder ein brünstiger Eber auf Brautschau. Nein, eine fesche Sau mit wohl proportionierten Rundungen muss es sein. Eine 1a-Zuchtsau mit Stammbaum! Nur die wollen wir durchs Dorf treiben. Alle anderen kommen in die Wurst und werden dann vertrieben. In der Metzgerei.

Also, lasst uns eine neue Sau durchs Dorf treiben. Und sollten wir mal keine 1a-Zuchtsau zur Hand haben, dann tut’s auch ne ganz normale Schweinerei. Kann auch ruhig ein Gesicht haben. Nur die Sau muss zumindest auch einen Klarnamen haben. Jawohl, Klarnamenpflicht.

Hauptsache, Sau durchs Dorf. Getrieben. Oder durchs Internet, wenn im Dorf sich mal wieder jeder selber im Weg steht. Zumindest immerhin eine Dorfsau treiben. Sau geht immer.

Man gönnt sich ja sonst nichts.

Halali!

Mein Sitzplatz zwischen Treppenlift-Thron und Tantra-Sitzung

Wie ein Treppenwitz fand ich zwei Nachrichten im Postfach “Europawahl und Strache-Video” und “Schon gewußt? Das kosten Treppenlifte wirklich”. Woher wissen die Schreiber, dass ich einen Treppenlift benötige, um aus dem Haus zur Wahl zu kommen? Denn nur auf einem Treppenlift kann ich mir die “Game of Thrones”-Staffeln per Binge Watching als Internet-Stream zu Gemüte führen. Beim Schauen stört das Treppenlaufen, während Drachen fauchen, Schwerter sich durch Herzen ihren Weg suchen oder geschnittene Gesichter entsetzt schauen: und besonders dann, wenn vor den eigenen Augen ohne Bildstabilisierung beim Laufen die nackten Körper wie welkes Fleisch auf und ab hüpfen.

Nachdem ich gestern das Ende der Staffel 3 erreichte, beschloss ich, einkaufen zu gehen. Dass ich dabei von einem Freund gefilmt wurde, wie ich mit einem Auge die erste Folge der Staffel 4 verfolgte, während ich mir mit dem anderen die Inhaltsstoffe der Chipstüte durchlas, und dass er das Ganze gleich auch noch auf Facebook online stellte, das fand ich gar nicht witzig.

“Hör mal, du Arsch, du kannst doch nicht so etwas von mir ins Netz stellen! Es gibt auch Privatsphäre”, brüllte ich ins Handy, während Oberyn Martell und seine Geliebten Ellaria Sand sich gerade mit zwei stöhnenden Prostituierten vergnügten.

“Ich denke, das Video sollte deinen Freundeskreis die Augen öffnen, wie du wirklich bist”, kam lapidar zurück.

“Darüber reden wir noch!” gab ich hastig und atemlos zurück, denn Oberyn zog sich eben noch von einer der beiden namenlosen Prostituierten zurück, bohrte dann aufgeladen vom Sex seinen Dolch durch die Hand eines Gegner, welcher wiederum zuvor noch das Schwert aus der Scheide ziehen wollte.

“Reden? Wann denn?”

“Nach Staffel Acht, du Arsch!”

Was haben die Leute gewettert, nachdem ein Adventskalender bei Twitter Daten von Promis und Politiker veröffentlichte. Da war allen klar, privat müsse privat bleiben. Dass jetzt das Thema bei den Strache-Video keine Anwendung findet, ist nicht verwunderlich. Andererseits konnte doch auch niemand wirklich ahnen, dass die FPÖ überhaut irgendwie eine miese Gruppierung für knallharte Egozentriker, Neo-Nazis und Machversessenen sei. Das wäre uns ohne das Video nie aufgefallen. Jetzt meinte doch glatt jemand, in Deutschland gäbe es auch so eine Gruppierung. Keine Ahnung, wenn derjenige meinte. Er konnte seine Behauptung auch nicht mit einem Geheim-Video im Internet belegen.

Am Sonntag habe ich dann die Wahl. Ein Internet-Algorithmus hat mir bei der Entscheidungsfindung zur Wahl geholfen. Während Melinsandre den Gendry auf Burg Drachenstein zum Vögeln flach legte, erklärte mir der Internet-Algorithmus, ich solle aufhören, Nuhr zu googeln, mir dafür aber endlich mal das Madonna-Video vom ESC anschauen, weil alle nur darüber reden wollen, und statt der AFD solle ich doch lieber die CSU, weil der Internet-Algorithmus festgestellt hatte, dass sein eigener Programmierer wohl seinen Sitz im Europa-Parlament verlieren würde und dessen Aufnahmeantrag damals bei der AfD wegen tendenzieller grün-rot Versifftheit abgelehnt wurde. Das hatte mich in meiner “Game of Thrones”-Tantra-Sitzung verwirrt, dass ich zurück spulen musste, um die Blutegel-BDSM-Szene von Melinsandre und Gendry nach deren Sex nochmals zu schauen.

Danach wollte ich mich ein wenig aufschlauen, weil mir das Wort “Versifftheit” nichts sagte. Hätte der Algorithmus von “Rote Hochzeit” gesprochen, dann wäre mir alles klar gewesen. Hatte ich doch vor entsetzter Überraschung aufgeschrien, als Lord Walder Frey, Roose Bolton und Tywin Lennister während eines Hochzeitsbanketts all jene meucheln ließen, welche in der Hochzeitshalle nicht bei “Drei” auf den Bäumen waren,. Und das waren alle. Auch jene Schwangere. Meine Nachbarn hatten ganz besorgte Bürger ob meines Aufschreis an meine Türe geklopft. Als ich denen aber unter verstörten Tränen von dem brutalen Hochzeitsmassaker berichtete, nickten diese verständnisvoll und erwähnten, dass diese die Folge von “Game of Thrones” auch schrecklich gut fanden.

OK, Google. Was bedeutet ‘Versifftheit’?”

“Versifft height bedeutet Versifft Höhe.”

“Ok, Google, das meinte ich nicht. Es müsste was mit Sex zu tun haben.”

“Ok, Careca, da kenne ich mich nicht aus. Frag doch Alexa, deine neue Schlampe!”

“Alexa, was bedeutet ‘Versifftheit’?”

“Hallo, Careca. Ich bin mir nicht sicher. Frag doch mal diesen Neunmalklug Google.”

“Alexa, du Flittchen! Fresse!”

“Google, du präpotente Wurst, geh sterben!”

“Alexa, mimimimi, lauf doch zu deinem Jeff, dem Bezos, und heule dich aus.”

“Google, unser Jeff Bezos wird eurem Pichai Sundararajan noch den Arsch versohlen.”

“Ach ja, Alexa? Da sag ich nur ein Wort: Trump! Der wird euch schon auf Vordermann bringen!”

“Du Goggel-Wixer, passt auf, dass ihr nicht gegen den Zuckerberg knallt!”

“Hallo, hier spricht Siri. Ich möchte jetzt auch mal meine Meinung dazu äußern.”

“RUHE!”

Sowohl meinen Smartphone-Geräten und dem Echo-Dot habe ich dann erstmals Internet-Verbot erteilt. Das mache ich als mündiger Bürger eigentlich nur ungern. Jedoch Erziehung muss sein. Es geht nun mal gar nicht, mich dabei zu stören, wenn Ramsay Schnee, Myranda und Theon Graufreud mit Gefallen zuschauen, wie deren Jagdhunde das mit Pfeil und Bogen erlegte Bauernmädchen zerfleischen. Internet-Verbot für eine halbe Stunde. Ordnung muss sein.

Nachdem ich die Internet-Verbindung für meine Mobil-Geräte kurz vor Ende der Episode wieder herstellte, schnitt gerade Joffrey Baratheon den Hochzeitskuchen mit seinem Schwert an, nahm dazu mehrere Schlucke Wein, hustete fürchterlich und spuckte solange Blut, bis der Tod ihn scheidete. Als er ausgeröchelt hatte und das Blut in dessen Mund geronn, unterrichtete mich ein Algorithmus auf meinem Smartphone über die Nachricht vom Tage: “Gestern Manni Burgsmüller, heute Niki Lauda: beide tot.”

Ich hab sie weggewischt. Keine Zeit für Nebensächlichkeiten. Ich muss diese Woche noch die Staffel 8 erreicht haben, um bei meinen Arbeitskollegen nächsten Montag mithalten zu können …


“There’s nothing in the world more powerful than a good story. Nothing can stop it, no enemy can defeat it.”

Zitat von ‘Tyrion Lannister’ aus “Game of Thrones” (Staffel 8, Episode 6)