Gott des Gehäcksels

A: Sie sind …

B: Internet-Künstler. Und Sie?

A: Internet-Künstler? Wie interessant. Ich selber habe im Internet eine Meinungsseite, erkläre meinen Lesern, wie sie mit den neusten Entwicklungen umgehen können. Wie so etwas auch gesehen werden sollte. Ein Angebot für Tausende von Lesern.

B: Tausende?

A: Abertausende. Mindestens Abertausende. Mehr als nur die Tausende. Ich fühle mich der Aufklärung und des klaren Denkens verpflichtet.

B: Über die neusten Entwicklungen?

A: Wenn bei Entwicklungen Börsenwerte steigen, was als Ausgleich dafür sinkt. Wenn Influencer A sagen, was das unausgesprochene B dazu ist. Wenn da jemand etwas ganz deutlich erklärt, was damit aber in Wahrheit vorsätzlich verschwiegen wird. Wenn jemand investigativen Journalismus betreibt, warum es nur pseudo-investigativ ist. Wer lediglich Mainstream ist und wer sich in Wahrheit um die Aufklärung bemüht. Warum die Verwendung von Adjektiven in Artikeln auf meiner Seite lebenswichtig ist zur Meinungsbildung.

B: Nicht schlecht. Meine Kunst ist es Erregungen aufzunehmen und künstlerisch in Worten umzusetzen.

A: Dann sind Sie also von meiner Branche?

B: Nein, eigentlich nicht. Sie sind Aktivist, ich bin Künstler. Sie wühlen im politischen Dreck, ich überblicke es und berichte darüber.

A: Über mich?

B: Über den Dreck, der Sie umgibt.

A: Sehen Sie, das sehen Sie eindeutig falsch. Ich lasse mich nie drauf ein, mit Schweinen im Dreck zu suhlen. Die sind eindeutig zu dreckig und wer zahlt mir nachher die Reinigungskosten, nicht wahr.

B: Aber Sie setzen sich mit Schweinen auseinander.

A: Sie verstehen meine Position miss. Ich suhle mich nicht im Schlammloch, ich stehe am Spielfeldrand und gebe Hilfe denjenigen, die im Schlamm die Übersicht verlieren. Dafür werde ich respektiert und geachtet.

B: Also so in etwas wie Billigarbeitskräfte aus Bulgarien oder Rumänien im Schlachterbetrieb mit der Kettensäge.

A: Nicht allein die Kettensäge. Erst das Bolzenschussgerät. Dann zum Zerteilen die gute Stihl-Säge. Wir sind inzwischen humanistisch weiterentwickelt. Wir bieten denen auch Jobs zum unblutigen Spargel-Ernten an.

B: Deutsche Wertarbeit. Frisch auf dem Tisch.

A: Nun, ich bin eher wie ein Trainer der internationalen Fußball-Welt. Wer lediglich lokal denkt, kommt nie in den Schlachtbetrieb einer Champions-Ligue. Gute Trainer betätigen sich auf den Feld der Strategen und Positionierungen. Mein Schlachtfeld als Trainer ist das der Narrative.

B: Narrative.

A: Erzählungen. Der Dichtung. Unaufgeklärten, unreflektierte Narrative. Ungenauen Informationen der anderen. Der Gegner. Mit deren gefilterten Informationen. Das Verschwiegene. Das Unausgesprochene, das Gelogene. In einem Schlachthof ist der erste Schritt immer der radikalste. Beim Spargelstechen geht es sogar unter der Oberfläche beim Abstechen. Beim Spargelstechen und im Schlachthof wird gezielt zugestochen.

B: Sie keulen Ihre Gegner gezielt? Mit was?

A: Ja. Mit Nazi-Keulen, Stasi-Keulen, DDR-Keulen, Antifa-Keulen. Hauptsache keulen. Wie es Schweine im Schlachthof verdient haben. Das ist mein Handwerk.

B: Gut, Keulen ist nicht mein Handwerk. Aber das Stechen. Als Internet-Künstler bin ich auch immer darauf erpicht, im Recht beim Stechen zu sein. Auch wenn ich immer wieder als lächerlich wirkender Schwärmer hingestellt werde, dessen Tatendrang an den realen Gegebenheiten scheitert.

A: Als Gutmensch?

B: Nein, als Don Quijote. Das Leben ist voll der Kämpfe gegen der so viel versteckte Dinge. Letzten wurde mir ein neues Notebook mit Trackpad angeboten. Trackpad. Ich lasse mich doch nicht beim Eintippen meiner Internetkunst zurückverfolgen. Warum sollen meine Blogeinträge getrackpad werden? Ich habe den Kauf abgelehnt.

A: Ihre Kritik ist basal. Einfach gut. Man muss nicht alles akzeptieren, was heute so angeboten wird. Eine gewisser gesunder Menschenverstand sollte immer Basis der eigenen Entscheidungsfindungssuche sein. Mündige Bürger bestehen drauf, schreibe ich als Credo.

B: Richtig. Eine Entscheidungssituation sollte bewusst gemacht werden und formuliert werden.

A: Und jener Prozess, seine Beteiligten und deren Verantwortliche definiert sein.

B: Zudem das Risikomanagement. Absolut unentbehrlich. Erst dann besteht Einigkeit, auch über das festgelegte Maß für den Erfolg. Mit allen Informationen, den Optionen und den Risiken. Eine Risikobewertung gemäß der DIN ISO 9001.

A: Yep. Nur so geht es. Die üblich gemachten Fehler durch kognitive Verzerrungen sind bewusst zu vermeiden. Nur dann können Entscheidungen getroffen werden. Und genau das ist zu kommunizieren. Und umzusetzen.

B: Alles gemäß des DEMING-Kreises “PDCA”: plan, do check, act. Planen, durchführen, überprüfen und aus den Ergebnissen handeln.

A: Lenins Leitsatz hat sich in Deutschland bislang immer bewährt: Vertrauen ist gut, Kontrolle ist besser. Aber denke ich an Deutschland in der Nacht, ist Lenin um dessen Schlaf gebracht.

B: Richtig. Ein solcher Leitsatz lässt sich nur als Blockwart-Mentalität ummünzen, wenn es opportun ist. Ich habe dazu ein entsprechendes DIN ISO 9001 Zertifikat erworben. Made in Germany.

A: Als Internet-Künstler.

B: Als Internet-Künstler. Ich bin der erste Internet-Künstler mit PDCA-Zertifizierung. Somit haben Sie und ich einiges gemeinsam, nicht wahr.

A: Meine Meinungsseite baut auf PDCA. Nur bislang ohne Zertifizierung. Weil, wir leben in einer Meinungsdiktatur. Da wird Lenins Meinung nicht akzeptiert. Die Meinung meiner Seite wird klar unterdrückt.

B: Unterdrückt?

A: Verschwiegen. Nicht berücksichtigt. Nicht auf großen Plattformen diskutiert. Und wenn doch, dann wird sie lediglich kritiklos zerpflückt. Von weißen, alten Männern ohne Ahnung.

B: Weißhaarige Dinos.

A: Boomern. Statt meine Meinung als Grundlage zu wertschätzen, wird sie unterdrückt. Oder angegriffen. Man wagt es heute kaum noch seine Meinung zu äußern, weil man dafür angegriffen wird. Wenn ich mal konträre Meinung in den Raum stellen, warum muss sie immer gleich bewertet werden? Warum kann sie nicht mal im Sinne der Meinungsfreiheit als Meinung offen honoriert werden? Warum kann sie nicht auch mal kritiklos übernommen werden?

B: Absolut meine Meinung! Solange unsere Meinungen nicht als Meinungen auf dieser Weise honoriert werden, also kritikfrei, solange gibt es keine echte Meinungsfreiheit.

A: Eben. Kritisierung unserer Meinung ist Meinungsdiktatur! Nicht Meinungsfreiheit.

B: Man darf halt seine Meinung inzwischen nicht mehr ungestraft äußern.

A: Wahrhaft gesprochen! Ihre Meinung ist eine wahrhaftige Meinung. Meinung muss man aushalten dürfen. Und zwar von den anderen! Weil wir halten sie bereits aus.

B: Meine ich auch. Meinung aushalten dürfen. Wie ein Zuhälter. Als Internet-Künstler. Meinungsprostitution ohne legitimen Widerspruch.

A: Dann sind wir uns ja einig. In dieser unerträglichen Meinungsdiktatur.

B: Ich bin stolz auf Sie. Wie war nochmals Ihr Name?

A: Nennen Sie mich Jei-Bi.

B: Gut, Jei-Bi. Ich zieh mich mal kurz zurück. Ich muss mich mal um meine besten Meinungspferdchen im Stall kümmern. Sie müssen endlich mal wieder ertragreicher werden.

A: Sie scheinen mir ein meinungsstarker Meinungscoach zu sein. Kann ich Ihnen mal ein paar meiner besten Pferde im Stall zukommen lassen?

B: Momentan schlecht.

A: Hafer-Rohstoffkrise?

B: Tja, momentan geht der ganze Hafer in die laktosefreie und Gluten reduzierte Hafermilch.

A: Oh.

B: Ich tüftle momentan an einem Programm zum Umgewöhnen meiner Pferdchen auf vegane Mandelmilch. Vegan macht zudem friedlich. Und friedliche Pferdchen ziehen keinen Streitwagen.

A: Ihre Ironie steht Ihnen nicht zu. Zu veganer Mandelmilch kann es keine zwei Meinungen geben. Ihre Ironie setzt aufs falsche Pferd. Satire und Ironie darf nur gegen die Obrigkeit gehen. Ansonsten ist es fehl am Platz.

B: Ich denke einen Monat über ihre Meinung nach. Im Internet. Ich bin Künstler.

A: Dann wünsch ich Ihnen eine gute Meinungsfindungsphase. Mögen Sie in dem Schoße der rechten Meinung zurück kommen.

B: Ich gebe mir rechte Mühe.

A: Habe die Ehre.

Sich im Kosmos herumzutreiben ist doch was für die Jugend, oder?

“Der Weltraum, unendliche Weiten. Wir schreiben das Jahr 2021. Dies sind die Abenteuer des Raumschiffs Enterprise, das mit seiner 400 Mann starken Besatzung 5 Jahre unterwegs ist, um fremde Galaxien zu erforschen, neues Leben und neue Zivilisationen. Viele Lichtjahre von der Erde entfernt dringt die Enterprise in Galaxien vor, die nie ein Mensch zuvor gesehen hat.“

»Jim.«

»Spock?«

»Unser Computer empfängt Frequenzen von einem Planeten der Klasse M.

»Klasse M?«

»Klasse M, Captain.«

»Also humanoides Leben? Faszinierend.«

»Jim?«

»Spock?«

»’Faszinierend’ als Aussage von Ihnen als Vertreter der Humanoiden ist unlogisch.«

»Sie haben recht, Spock. Ich würde sagen, seien wir vorsichtig. Alarmstufe 1. Maschinenraum! Scotty, alles auf Position! Alles bereit für einen potentiellen Alarmstart. Wir haben Kontakt zu einer unlogischen Lebensform. Sind die Warp-Kerne aktiv?«

»Jim, mein zweiter Offizier macht sich gerade einen Earl-Grey. Ich tue mein Bestes, aber 24 Stunden brauche ich mindestens.«

»Scotty, das ist nicht akzeptabel. Versuchen Sie es bitte in der Hälfte der Zeit.«

»Ay,ay, Captain.«

»Sulu! Kurs auf Klasse M Objekt! Ungefähre Ankunft?«

»Jim, Steuermann Sulu hat die korrekte Aussprache unseres R-Konsonanten noch nicht korrekt gelernt. Bis dahin ist ihm vom Kommando untersagt in seiner Rolle als Steuermann R-Worte auszusprechen. Das wäre gegen die achtzehnte Direktive.«

»Spock, das ist nicht witzig!«

»Ich habe einen Witz gemacht? Faszinierend.«

»Spock, wo ist Fähnrich Chekov, unser Navigator?«

»Jim?«

»Pille?«

»Ich muss leider mitteilen, dass ich Fähnrich Chekov zur Weizendestillation eingeteilt habe. Er kennt sich darin am besten aus.«

»Pille, warum? Konntest du nicht jemand anderen dazu einteilen, Pille?«

»Jim, ich war in unserem Vodka-Vorratsraum.«

»Wo warst du, Pille?«

»Im Vodka-Vorratsraum. Er ist tot, Jim. Fast tot, Jim.«

»Pille, sei kein Maschineningenieur, sei ein Arzt! Lieutenant Uhura!«

»Ja, Captain? Soll ich Sie wieder einmal küssen? Black and white, unite, unite?«

»Lieutenant Uhura, übertragen Sie die Kommunikation vom Klasse M Planeten! Frequenzen auf den Äther!«

»Guten Tag. Spreche ich mit dem Gesundheitsamt? Sind Sie Herbert?«

»Ja, hier ist Ihr Gesundheitsamt.«

»Ich brauche eine Quarantänebescheinigung.«

»Eine Quarantänebescheinigung?«

»Genau, eine Quarantänebescheinigung wegen einer Corona-Erkrankung und der von Ihrer Behörde verordneten Quarantäne.«

»Aber Sie haben doch bereits eine Quarantäneverfügung erhalten, da steht doch ihr Quarantäne-Zeitraum drin.«

»Ja, ja, ja. Aber die eigentliche Quarantäne ging länger, als wo da in der Verfügung drin stand. Und laut Gesetz müssen Sie mir eine Bescheinigung ausstellen.«

»Aber nur in begründeten Fällen.«

»Mein Fall ist begründet.«

»Ach ja?«

»Ach ja. Mein Arbeitgeber will das auch so.«

»Wie lang war denn ihre Quarantäne?«

»Zwei Tage länger als in der Verfügung.«

»Und da benötigt ihr Arbeitgeber jetzt eine Bescheinigung? Über diese zwei Tage?«

»Über diese zwei Tage.«

»Greift da nicht die Drei-Karenztage-Regelung für Erkrankungen?«

»Laut Gesetz müssen Sie mir eine Bescheinigung ausstellen.«

»Laut Gesetz muss ich gar nichts.«

»Laut Gesetz sind Sie Staatsbediensteter und somit ein Diener des Volkes! Und ich gehöre zum Volk! Also müssen Sie mir dienen!«

»Laut Gesetz benötigen Sie einen Anwalt.«

»Laut Gesetz werde ich Sie verklagen! Sie Herbert, Sie!«

»Ihren Namen, Geburtsdatum, Adresse.«

»Gebe ich Ihnen nicht! Datenschutz! DSGVO, Sie Analphabet!«

»Und wohin sollen wir dann die Bescheinigung schicken?«

»Ja, haben Sie denn meine Daten nicht? Warum muss ich denn ihrer Behörde alles hundertmal mitteilen? Erfassen Sie unsere Daten etwa doch nicht?«

»Laut Gesetz benötige ich dazu Ihre Daten.«

»Ja, glauben Sie ja nicht, wen Sie vor sich haben! Sie sind ja anmaßend! Ich will nur eine klitzekleine Bescheinigung, die binnen zwei Minuten ausstellt werden kann und Sie machen hier am Telefon nen Ballyhoo, als ob die Sicherheit des Staates in Frage steht! Wir reden bereits schon 125 Sekunden, also über zwei Minuten! Vergessen Sie nicht, wer Sie bezahlt! Und zwar ich von meinen Steuergeldern!«

»Ach ja? Sie zahlen brav Ihre Steuern? Ich würde das gerne mal von unseren Finanzexperten überprüfen lassen. Name? Adresse?«

»…«

»Hallo? Aufgelegt? Arschloch.«

»Ich hab Sie gehört! Sie Herbert, Sie! Geben Sie mir Namen, Geburtsdatum, Adresse, um Sie zu verklagen! Sie hören von meinem Anwalt!«

»Sie mich auch. Und Tschüß.«

»Jim?«

»Spock?«

»War das vom Klasse M-Planeten?«

»Direkt vor uns. Blauer Planet. Scheint bewohnt zu sein. Mit humanoider Lebensform.«

»Faszinierend.«

»Ähhmmm – mir fällt da etwas ein: Warum sagen die eigentlich immer Herbert zu Ihnen, Spock?«

»Jim, ja, wissen Sie, sehr schmeichelhaft ist das nicht, Captain. Herbert war ein mittlerer Beamter, der für seine engstirnige, kleinkarierte Denkweise bekannt war.«

»Dann versuchen Sie eben in Zukunft etwas weniger eng zu denken, Herbert. Scotty?«

»Jim, hier Scotty, alles erledigt, der Whisky ist gelutscht, der Warp-Kern steht bereit. Wir können.«

»Sehr schön, Scotty. Warum nicht gleich so schnell.«

»Ay, ay, Jim. Unmögliches mache ich sofort, nur für Wunder brauch ich länger. «

»Pille?«

»Vodka-Vorräte sind wieder aufgefüllt, Jim. Chekov kommt sehr viel später wieder auf deine Kommandobrücke zurück. Er ist tot, Jim. Noch. Ich muss ihn noch von seiner Vodka-Verkostungstour reanimieren.«

»Er gehört dir Pflaume, ähh… Doktor McCoy.«

»Jim, Wuuzi-wuuzi-kuuzi-kuu, wuuzi-wuuzi-kuuzi-kuu!«

»Pille, wuuzi-wuuzi-kuuzi-kuu? Spock? Weitere geistreiche Bemerkung zum Ergänzen?«

»Wuuzi-wuuzi-kuuzi-kuu, Captain?«

»Wuuzi-wuuzi-kuuzi-kuu, Spock.«

»Faszinierend.«

»Spock, eine anhaltende, humanoide Vorliebe für Irrelevanz. Demonstriert nur für Sie. Sulu, nächste Galaxie mit intelligentem Lebensformen ansteuern. Am besten die dort hinten rechts, die da wo so blau blinkt und leuchtet. Spock?«

»Jim?«

»Eine Runde Scrabble?«

»Faszinierend.«

»Tun wir’s so.«

König Kunde

»Könnten Sie bitte Ihre Maske aufsetzen? Der Aufenthalt hier ist ohne Maske nicht erlaubt.«

Er reagierte nicht, sah durch sie hindurch. Mit routinierten Handgriffen überprüfte er das, was er glaubte mit seinen eigenen Händen greifen zu können: die Frische der Brötchen.

»Ihre Maske, bitte.« Sie machte eine entsprechende Geste zu ihrem Gesicht und deutete auf ihre eigene FFP2-Maske.

»Was wollen Sie von mir?«

»Mein Herr, ich muss Sie leider nochmals auffordern, Ihre Maske aufzusetzen.«

»Was soll ich?« Sein Blick war weder fragend noch irritiert, er war herausfordernd.

»Der Aufenthalt hier in der Lounge ist ohne Maske nicht erlaubt.«

»Warum sollte ich eine Maske aufsetzen? Ich wurde in den letzten 48 Stunden negativ getestet. Extra für meinen Flug.«

»Würden Sie jetzt bitte Ihre Maske …«

»Warum sollte ich? Mein Test war negativ. Wo bitte ist denn der Ihrige, um mich zu schützen?«

»Wie bitte?«

»Sie quatschen mich hier von der Seite an, meine Maske aufzusetzen, dabei wissen Sie doch, dass jeder Passagier einen Test vorzuweisen hat, der diesen als negativ ausweist. Ansonsten kommt er doch gar nicht erst in den Sicherheitsbereich. Und ich selbst, ich bin negativ. Also brauche ich auch keine Maske hier!«

Er war lauter geworden, hatte sich provokant einen Meter vor ihr aufgebaut und starrte sie jetzt durchdringend an.

»Die Maske hier in der Lounge ist eine Pflicht!«

»Ach ja? Und Sie müssen sich nicht testen lassen? Und haben dann das Recht, mich so schwach von der Seite anreden zu dürfen?«

»Ich …«

»Wer sind Sie überhaupt?«

»Ich arbeite hier.«

»Dann sollten vor allem Sie einen Test vorweisen können, um nachzuweisen, dass Sie kein Risiko für uns Passagiere sind! Wir haben schließlich teuer für unsere Tickets und das Zutrittsrecht zur Lounge bezahlt! Da kann man doch auch wenigstens von den Bediensteten verlangen, …«

»Ich diskutiere nicht mit Ihnen. Sie haben Ihre Maske aufzusetzen oder ich muss Sie von hier entfernen lassen.«

»Ach ja? Und wer gibt Ihnen das Recht dazu? Wollen Sie mich etwa als einen dieser dämlichen Querdenker diffamieren? Oder als irgend so ein Leugner? Ich habe einen negativen Test und Sie konnten mir bislang keinen vorweisen, trotz meiner Aufforderung. Ich möchte umgehend Ihren Vorgesetzten sprechen! Sie behandeln mich unverschämt! Typisch Servicewüste Deutschland, mal wieder!«

Die letzten Worte hat er ihr mit lauter, fester Stimme ins Gesicht geworfen, zu ihr drohend vorgebeugt, mit dem erhobenen Zeigefinger fuchtelte er wie mit einem Degen vor ihren Gesicht erregt hin und her.

Eine uniformierte Frau tippte dem Passagier von hinten auf die Schulter: »Kommen Sie doch bitte mal mit. Ich bringe Sie direkt zu der Vorgesetzten unserer Mitarbeiterin. Kommen Sie bitte mit.« Freundlich, aber bestimmt nahm sie ihm beim Arm und schob ihn Richtung Ausgang.

Die Servicemitarbeiterin atmete tief durch, um ihren Ärger herunter zu schlucken. Die uniformierte Frau drehte sich noch kurz zu ihr um und erinnerte sie freundlich: »Und bitte, werfen Sie bitte alle Brötchen weg, die der Mann hier einfach so angefingert hatte. Die können keinem anderen Passagier mehr zugemutet werden.«

Das Leben ist voller Leid, Krankheit, Schmerz – und zu kurz ist es übrigens auch … (Woody Allen)

Das Spiel ist eröffnet.

Ein erneutes Match Mensch gegen Virus. Über vierzehn 24-Stunden-Runden. Der Sieger wird durch das Absterben des anderen gekürt. Ein Remis wird es nicht geben. Kampf ums Überleben.

Was ist der Virus? Was ist der Mensch? Ein Raubtier, ein Karnivor, ein Prädator? Ein unbequemer Gast auf dieser Welt? Die Krone der Schöpfung? Eine mit roten Blutkörperchen vollgestopfte Mammalia gesteuert mit ADHS im Hirn? Ein Attentat der Natur auf sich selbst? Eine schlechte Laune der Natur? Ist der Mensch souverän? Ist der Mensch autonom?

Nach Karl Marx, haben Philosophen immer nur die Welt interpretiert: Veränderung war nicht deren Metier. Allein der Kinder wegen müsste die Welt verändert werden. Nur eine neue Realität, die will keiner. Alle wollen nur die alte Realität. Wat de Buer nich kennt, dat frett he nich.

Und am besten ist, der Mensch partizipiert an der Situation. Die Besten sterben zuerst. Niemand will beim Sterben der Erste sein. Helden, sagt man, Helden sterben immer zuerst. Denn sonst wären es keine Helden. Und Helden sollen immer die anderen sein. Denn man selber hat gerade zu tun. Damit, beim Sterben nicht der Erste zu sein. Erster zu sein, das ist maximal im wirtschaftlichen Leben förderlich. Denn wer Erster ist, der kassiert die ganze Ziffer aus der Bruchrechnung. Und die besteht bekanntlich aus Nenner und Zähler. Die Nenner stehen oben, die Zahler unten und es wird alles gebrochen. Das, was dabei raus kommt, also das Wichtige dabei, das ist der Rest vor dem Komma. Diesen Rest gilt es zu bekommen. Zum Erreichen des Zieles tut es notfalls auch Bestechung.

Das Problem der Bestechung ist nicht das Ungewöhnliche oder das Verwerfliche. Denn eigentlich ist es ja das Normale. Das Ungewöhnliche ist vielmehr bei allen die vielfachen Fragezeichen hinter der Frage: Echt? Hat der so wenig genommen? War der wirklich so bescheiden? Es wird dann auch gar nicht mehr großartig verschleiert. Nein, verschleiern ist ja bekanntlich belügen.

Es wird einfach gemacht, durchgeführt, umgesetzt. Hauptsache, einträchtig einträgig. Immer als Beratertätigkeit abgerechnet. Ist eigentlich bewusst, dass das Justizministerium zur Erstellung von Gesetzen Beraterfirmen beauftragt? Und wenn das Gesetz später kassiert wird, ist die Tätigkeit bereits bezahlt. Und allenthalben erfüllt ein großräumiges Schweigen die enge Sprachlosigkeit darüber, dass sprachgewaltige Experten stumme Experten beauftragen, gemeinsames Experten-Know-How zu simulieren.

Show-Program for customers. Das Handgeschäft der Zauberer. Wenn allerdings echte, also wirkliche Experten komplizierte Sachverhalte einfach erklären, dann ist das Geschrei groß. Denn Zauberer erklären nie deren Tricks. Also ist einer, der erklärt, wie es geht, eben drum allen suspekt.

Denn wer schon alle Herr-der-Ringe-Film-Folgen und alle Avengers-Filme sich einverleibt hat, der gibt sich nicht mehr mit normalen Erklärungen zufrieden. Da ist dann zu wenig Chichi, zu wenig Krach-Bumm-Peng und zu wenig Dutzend tote Affen-Trinitäten. Die Realität ist zu ernüchternd. Und deswegen muss dagegen die eigene Stimme erhoben werde. Gegen die Experten, welche wirklich Ahnung haben. Denn wenn denen keiner widerspricht, dann könnte die Ahnung aufkommen, dass man selber erst recht keine Ahnung habe. Ich frag mich, für wie blöd halten eben solche ihre Mitmenschen eigentlich?

Richtig. Genau für so blöd, wie wir nun mal sind. Wissen ist Macht. Von Experten mit Wissen, davon war ja bei „Wissen ist Macht“ nie die Rede. Es geht darum, Meinung zu äußern. Auch gegen Expertenwissen. Und wenn jene Meinungen kein Gehör finden, dann ist es opportun von Meinungsdiktatur oder Meinungszensur zu reden. Wissen, das ist etwas ganz anderes.

“Ich weiß, dass ich nichts weiß”, sagte irgendwer im alten Griechenland, kurz bevor er den gereichten Schierlingsbecher leer trank

“Ich weiß nicht mehr, was ich gewusst habe”, sagte irgendwer im Mittelalter angesichts der Folterwerkzeuge, die ihm präsentiert wurden.

“Hehehe, mir sollte mal erst jemand beweisen, dass ich etwas gewusst habe”, sagen die Leute von heute, vertreten deren Ansichten felsenfest und pochen auf Meinungsfreiheit.

In der Politik wird immer fatal deutlicher, dass in der Corona-Angelegenheit nie eine einheitliche Linie bestand. Vor zwei Wochen drohte Merkel noch, dass sie sich das Ganze in Deutschland keine vierzehn Tage mehr anschauen und dann reagieren würde. Hat Sie inzwischen auch. Sie denkt jetzt nach. Über eine gemeinsame bundesweite Linie der Länder zur Corona-Frage. Als Physikerin weiß sie, dass die kürzeste Verbindung zwischen zwei Punkten keine gerade Linie ist. Bewusst wird ihr allerdings wohl auch, dass momentan die kürzeste Verbindung zwischen zwei Punkten eher eine unbestimmte amorphe Linie ist.

Und weil eine gerade einheitliche politische Gedankenlinie nicht existiert, wird sie halt erdacht. Von anderen. Vorsätzlich konstruiert. Wo bestimmte Leute ohne Hosen da stehen, gefällt es den Züchtigen nicht und sie dichten denen eine gestrenge Hosennaht als Linie an. Damit dazu deren eigenes Denken quer gelegt werden kann. Eine erdachte Linie wird als real existierend erklärt. Ansonsten würde dem eigenen Querdenken überhaupt eine Orientierung fehlen. Man müsste dann zugeben, dass man im Denken amorph nachzugeben hätte, um gedacht quer zur Regierungslinie zu kommen. Was im Grunde ein ganz unsympathischer Gedanke ist. Eine schwabbelige undefinierte Linie als Basis der eigenen Querdenkerei.

Bereits damals hatten schon immer die Eltern ihren Kindern versucht zu erklären, der Klügere gibt nach. Der Klügere gibt nach und stellt sich nicht in die Quere. Der Klügere gibt nach und gönnt dem Denken das Verquere. Nur, Nachgeben ist ja nur etwas für Schwächlinge. Also jene, denen eben jene Herr-der-Ringe-, DC- und die vielen Marvel-Filme nicht gewidmet worden waren und die die Q-Denker jahrelang begeistert konsumiert hatten.

Das Prinzip “Der Klügere gibt nach” ist dumm, weil dann alle, die sonst nichts zu sagen haben, das Sagen haben werden. Aber nicht die Klügeren. Was den Querdenkern nicht gefällt. Auch wenn es denen nicht auffällt. Oder sollte den Eltern mal recht gegeben werden, dass sie doch recht hatten und die eigene jugendliche Pubertät nichts als die reine Pubertät war? So etwas geht gar nicht. Schließlich erklären bereits Psychologen, dass die Pubertät immer auch die Verneinung der Prinzipien in sich vereint, welche Eltern den Pubertierenden vorhielten, um sie in deren jugendlichen Handlungen zu entmündigen. Oder wie heißt es so schön: wir sind die, vor denen uns unsere Eltern immer gewarnt hatten. Und womit? Mit vollstem Recht.

Aber das zu erkennen, würde bedeuten, dass Superman, die Hobbits und die Avengers in Ricks Café in Casablanca sich bei einem alten Cognac unter den Augen eines Kommandanten nie die üblichen Verdächtigen zur Brust nehmen würden. So sitzen sie einträglich mit deren Experten am gleichen Tisch und planen die nächsten Predigten für deren Gläubige. Die Bergpredigt über Thanos seinen Finger-Schnipp.

Es werden keine “Glorreichen Sieben” am Horizont zu meinem Kampf “Against all odds” auftauchen und mir helfen. Kein Avengers, kein Batman, keine Wonder Woman, kein Superman wird sich neben mir stellen. Allein.

Der Sauerstoffgehalt liegt bei 98%, Puls bei 79, Temperatur erhöht, leichter Husten, der Blutdruck wie immer zu hoch und das Konto für mein 14-Runden-Match noch gedeckt. Wie geschaffen für ein Duell mit einem Virus, der mit N501Y klassifiziert wird.

Los geht’s.

Lebe geht wieder.

Ich hasse die Wirklichkeit, aber es ist der einzige Ort, wo man ein gutes Steak bekommt. (Woody Allen)

Warteschleifen

Wie lange ist Warten? Ist Warten länger, wenn es kürzer dauert? Das ist natürlich eine schwachsinnige Frage. Zeit hat eine konstante Beschleunigung. Und zwar keine. Zeit steht für sich alleine. Wäre Zeit variabel, dann gäbe es keine Uhren.

Als in der Gegend von Manchester zur Zeiten des Manchester Kapitalismus festgestellt wurde, dass Terminlieferungen aufgrund unterschiedlicher Zeitdefinitionen nie zuverlässig funktionierten, da führten die Engländer Zeitzonen ein. So wurde einigermaßen sichergestellt, dass der 16-Uhr-Nachmittags-Tee immer von allen zur gleichen Unzeit begangen wurde. Okay, es ging nicht um “tea time”, sondern “just in time”-Lieferungen, aber egal. Prinzip ist Prinzip.

In Deutschland wurde darauf einerseits die kostenlose Zeitansage per Telefonnummer eingeführt, andererseits diente das Signal der “heute”-Sendung oder der “Tagesschau” immer zur genauen Kalibrierung der stoisch ungenauen Küchenuhr.

Mein Vater stellt immer die Uhr um fünf Minuten vor, nur um sicher zu gehen, dass alle nachher auch pünktlich waren. Später aber studierten zwei seiner Söhne, und aus den “nur-fünf-Minuten-zu-spät” wurde gleich eine akademische Verspätungsviertelstunde. Danach stellte er die Uhr immer passend zum “Tagesschau”-Gong. Er war “Tageschau”-Schauer. Der “Tagesschau”-Gong war seine zeitliche Orientierung. Das Zeitalter der Internet-Uhren und die damit einhergehende Reduzierung der analogen Signalübermittlungsverzögerung lernte er nicht mehr kennen.

Der Zettel vor mir sah aus wie ein Kassenzettel. Oder eher so einer, den man an Kassen erhält, wenn man seine Telefonkarte aufladen möchte. Benutzername plus PIN.

Warten. Jeder Versuch des Runterladens des Ergebnis resultierte in der Information, dass die Information noch nicht vorliegt. Eine gewissermaßen validierte Nullinformation.

Von dem Ernst der Lage erfuhr ich durch meine Kontaktperson. Den Beweis erhielt ich direkt auf mein Smartphone. Direkt meldete ich mich auf meiner Arbeit krank. Krank oder potentiell krank sind ernste Angelegenheiten, die über Tod und Leben entscheiden können. Seit dem Germanwings-Flug 9525 von Barcelona nach Düsseldorf, der für deren Passagiere nicht auf der Düsseldorfer Kö, sondern an einer Gebirgswand der Westalpen endete, wurde jedem Menschen blutig vor Augen geführt, dass kranke Menschen oder Menschen, die vor der Gefahr des krank-Werdens stehen, nicht mehr arbeiten sollten. Auch nicht bei leichtem Schnupfen oder zartem schleimigen Husten. Oder einem leichten Unwohlsein.

Wer vor 16 Uhr getestet wurde, sollte das Ergebnis noch am gleichen Tag erhalten. So stand es im Internet. Um Mitternacht gab ich es auf. Immer wieder war die Antwort ein Hinweis, dass Warten angesagt wäre.

Warten war auch vor dem Testzentrum angesagt. Trotz Terminvereinbarung reihte ich mich in eine zwanzig-Meter langen Schlange ein. Zwanzig Meter bedeutete hier 10 Leute vor mir. An Supermarkt-Kassen bedeuten momentan 10 Leute kaum 10 Meter, inklusive natürlich dem Ruf nach einer weiteren Kasse.

Zwei Rumänen vor mir fragten mich, ob ich Ihnen den Platz vor mir frei halten würde. Sie sahen am Ende des Platzes des Verkehrsmuseums eine riesige, putzige in Stein gehauene Schnecke. Sie wollten dort noch ein paar Selfies machen. Erst habe ich verneint. Jeder würde halt warten müssen und warum sollten die gerade ihre Selfies nicht auch nach dem Testen erledigen können. Die Schnecke würden denen schon nicht weggekrochen sein. Aber dann war es mir egal. Ich sagte denen zu, sie vor mir wieder rein zu lassen. Auf die zwei Minuten mehr Warten käme es auch nicht an. Mein Sterbedatum würde von den zwei Minuten nur unwesentlich bis gar nicht abhängen. Außer es würde mir der Himmel auf den Kopf fallen. Mein Blick nach oben zeigte den kalten, grauen April-Himmel. Es roch nach Schnee.

Die beiden verließen die Schlange in Richtung Schnecke. Unweit davon saß eine Gruppe Menschen zusammen. Vielleicht sechs, vielleicht sieben. Ein Hinzukommender wurde per Handschlag begrüßt. Nein, kein Alkohol, keine Musik, keine Feierei oder Party. Smalltalk in der Gruppe. Und wir hier in der Schlange. Wartend. Stumm. Schweigsam. Egal.

In der Schlange fiel mir ein, dass ich vergessen hatte, die von mir zu Hause zuvor ausgefüllten Fragebögen mitzunehmen. Ärgerlich. Ich hatte diese extra mit der passenden Software am Rechner ausgefüllt, ausgedruckt, unterschrieben, auffällig an meiner Wohnungstür platziert und dann dort vergessen. Warum auch nicht.  Hätte ich sie nicht so auffällig platziert, wahrscheinlich wäre mir aufgefallen, dass mir was fehlte … Meine kurz aufkommende Sorge, man würde mich ohne diese Fragebögen abweisen, verwies ich nach kurzem logischen Nachdenken ins Reich der Legenden. Die Basis für solch einen Test kann nicht das Besitzens eines Druckers sein. Wenn jemandem so etwas aufgefallen wäre, dann doch den Schnellmerkern der Querdenkern. Aber die hatte nie darauf hingewiesen. Cui bono? QED.

Nebenbei: Wer momentan Drucker kaufen will, wird überrascht sein. Es gibt nur noch wenige günstige. Falls überhaupt. Überall ist Home Office angesagt. Darum sind alle Drucker ausverkauft und die Druckerindustrie kann nicht mehr ausreichend liefern. Entweder sind die wenigen Billig-Drucker überteuert oder ausverkauft.

Es ist beileibe nicht die einzige Hardware auf dem Markt, welche momentan Mangelware ist. Preisgünstige Grafikkarten gibt es momentan auch nicht mehr. Wer eine sucht, um seine Videos zu bearbeiten oder um Spiele zu spielen, guckt bei schlecht gefüllter Börse in die Röhre. Aber das hängt nicht mit der Pandemie zusammen. Auch nur sekundär mit der Rohstoff-Krise am Weltmarkt, welche die Automobilindustrie momentan am Rande des Produktionsstopps treibt.

Es hängt mit den Bitcoin-Währungen zusammen. Viele der Grafikkarten werden inzwischen verwendet, um nach diesen Bitcoins zu “minen”. Das heißt, die Grafikkarten werden mit Rechenaufgaben (Algorithmen) beschäftigt, die immer wieder virtuelles Geld erzeugen. Wer genug Bitcoins geschürft hat, der hat die Kosten seiner Grafikkarten bald wieder raus. Rechner dienen somit der Vermehrung des eigenen Vermögens. Und verbrauchen dabei Unmengen an Strom. Daher wird inzwischen auch drüber nachgedacht, ob Bitcoins wirklich so umweltfreundlich sind, wie es zuvor erscheinen mag. Sicherlich ist es menschlicher, PCs mit Grafikkarten nach Bitcoins “schürfen” zu lassen, als Kinder in afrikanischen Goldgräberminen oder auf asiatischen Schrotthaufen mit Quecksilber Gold zu waschen … aber so richtig überzeugend sind beide Lösungen nicht.

Warten. Im Innern vom Museum lasse ich mich an einen der fünf Stellen für den Test registrieren, erhalte den Kassenzettel und ein Aufkleber-Etikett und reihe mich in der Schlange vor dem Test-Zelt wieder ein. Im Austausch zum Klebeetikett erhalte ich ein Stäbchen in den Hals und gehe wieder. Die beiden Rumänen sehe ich nirgends mehr, weder in der Schlange zur Registration, noch in der vom Test-Zelt, noch in der Nähe der Schnecke.

Die Gruppe hat sich vergrößert. Jetzt sitzen an die neun Leute auf dem kalten Boden und quatschen miteinander. Ich schaue in den Himmel. Es braut sich etwas zusammen. Der Geruch von Schnee wird penetranter. Eine Flocke segelt auf mich zu.

Um Mitternacht versuchte ich es zum letzten Mal. Direkt nach der Wiedergabe des Film “Fantomas” mit Luis de Funes aus der ARD-Mediathek. Als der damals zum ersten Mal im ZDF lief, war ich noch quietschjung und fand den Film oberspannend und komplett lustig. Wiedersehen macht Freude. Wahrscheinlich kamen auch 50% meiner Lacher daher. Die anderen Fantomas-Filme warten noch aufs Streamen.

Morgens dann, nach dem Aufwachen, der erste Griff zum Smartphone und nach dem Abrufen bin ich noch immer in der Warte-Schleife. Gut Ding will Weile haben. Guten Wein trinkt man auch nicht direkt nach dem Abfüllen aus der Flasche. Okay. Beaujolais Primeur schon.

Auf der Arbeit war man über meine erneute Krankmeldung genau so begeistert wie am Tage zuvor. Wann ich denn vorhätte, wieder zur Arbeit zu kommen. Und dass ich am dritten Tage eine Krankschreibung benötigen würde. Die Schnelltests dort in meiner Abteilung waren bereits durchgeführt. Alle negativ. Warum sollte ich denn bitteschön positiv sein?

Der Guten-Morgen-Kaffee war wie ein Dunlop-Reifen: stark, schwarz und schaumig schön. Mit ein wenig Zucker erhielt er die richtige Süße. Mein innerer Motor startete und hinterließ nach dem ersten Schluck Gummi auf dem Asphalt des morgentlichen Daseins.

Ich malte mir aus, was es bedeuten würde, wenn der Fall der Fälle eintreten würde. Eine ganze Abteilung könnte dann sofort ins Wochenende abtreten. Ich konnte mir das mephistophelische Grinsen nicht verkneifen. Nur danach: Formulare, Formulare, Formulare von der Wiege bis zur Bahre. Jedes Grinsen hat seinen Preis.

Gegen Zehne zeigte mir das heruntergeladene Dokument noch immer nur eine Botschaft: Warten. Der vierte Espresso tröpfelt in meiner Tasse. Etwas Zucker und dann: genießen. Diesen Geschmack aus süßer Bitternis.

Zwischen zwei Kapiteln meines aktuellen Hörbuchs “Die Hungrigen und die Satten” versuchte ich es noch einmal: Seite aufrufen, Benutzername eingeben, PIN reintackern, den Button drücken und dann … das Telefon klingelte:

“Hast du schon dein Testergebnis?”

“Moment.”

“Ja?”

“Hm. N501Y“.

“Was?”

“Warte mal. Ich ruf dich gleich zurück. Warte, okay?”

Sire, geben Sie Gedanken …

»Schwingen. Ottoschwingen. Unser Dorf heißt Ottoschwingen. Nicht Wringen, also nicht Ottowringen. Im Dreiländereck von Oberbayern, Franken und Schwaben. Nördlich der Donau, südlich vom Großen Brombrachsee.«

»Ah, ja so, ja, okay. Verstanden. Sie als Bürgermeister von Ottoschwingen haben ein vollkommen, neues Konzept, wie Sie und ihr Ort auf die Corona-Krise reagieren wollen.«

»Ja, das haben wir. Wir wollen mit Schwung in den wirtschaftlichen Aufschwung. Eine win-win-Situation für jedermann. Und erst recht wirtschaftlich für Ottoschwingen.«

»Könnten Sie unseren Hörern am Radio ein wenig ihr Konzept erläutern. Wie sind Sie dazu gekommen?«

»Nun, in unserem Rat hatten wir die letzten Umfragen vorliegen.«

»Die Infratest-Umfrage vom 1. April?«

»Also wo da Leute andere 100% der Leute gefragt hatten, was sie meinen, was andere über die Corona-Krise meinen. 24% von den 100% waren der Meinung, die Maßnahmen auf sich selbst angewendet müssen nicht erweitert werden. 48% meinten, die Maßnahmen für die anderen sind noch nicht weit genug.«

»Und 24% gingen sie zu weit.«

»Was verständlich ist. Bekanntlich stecken sich die einen ja immer von den anderen an. Wenn somit jenen 24% die eigenen Maßnahmen für sich selber verringert würden, und diese dann auf die anderen 74% der Spreader umgelegt werden würden, dann wäre allen 100% geholfen.«

»Worin besteht nun ihr Konzept in Ottoschwingen?«

»Wir bauen ein komplett neues Open-Air-Sportcenter für unseren Ort.«

»Ein neues Stadion?«

»Mit Blick von der Haupttribüne auf das neue Impfcenter. Wir verkaufen dazu Dauerkarten. Dauerkartenbesitzer können 24 Stunden pro Tag Impfcenter Binge Watching betreiben.

»Impfcenter Binge Watching?«

»Auf die Menschen in den Impfschlangen. Eine spannende Sache. Man weiß nie, wie es weiter geht, wie die Menschen reagieren, wenn wieder ein Impfstoff ausfällt. Wir planen schräg gegenüber des Impfcenters ein Supermarktcenter mit angeschlossenem neuartigem Übernachtungscenter.«

»Ein Hotel?«

»Nun, geplant sind modernste, gestapelte Komfort-Schlafkabinen inklusiver selbst reinigender Nasszelle nach neusten, hygienischen Standards.«

»Neuste, hygienische Standards?«

»Sie könnten darin beispielsweise reihenweise Leprakranke und Pestkranke unterbringen, der nächste Übernachtende wird davon nichts bemerken. Weder gesundheitlich, noch anderswie. Alles wird picobello sein. Vorher, wie nachher. Excellence ist unser Standard. Der Gast steht an erster Stelle.«

»Mit welchen Gästen rechnen Sie denn?«

»Nun, wir werden überregional zu Demonstrationen einladen, um zum Anti-Corona-Demo-Zentrums Deutschlands zu werden. Auf dem Sportplatz vor der Haupttribüne können jene ihre Demonstrationen auf nächster Distanz vor dem Impfzentrum ausüben. Die Journalisten erhalten schlagsichere, mobile Reporterkabinen, um hautnah von den Demonstrationen weltweit berichten zu können.«

»Organisierte, überregionale Demos in Ottoschwingen?«

»Es wird auch ein Blockadetrainingscenter geben, in der Übungen für Blockadeschulungen vor dem Impfcenter trainiert werden. Schwerpunkt: “Wie verhindere ich gewaltfrei mit aller Macht, dass Menschen gechipt werden und nachher zur Zombieapokalypse der Impfindustrie erwachen”. Der Bedarf ist enorm, die Nachfrage vorhanden, wie wir auf anderen Corona-Demos erfahren konnten. Organisiert ist die halbe Miete zum Erfolg und für internationale Beachtung. Der brasilianische Samba konnte auch nur mittels des Samabdromos in Rio seinen weltweiten Siegeszug durchführen.«

»Wie bitte? Sie wollen Blockadeschulungen …«

»Ich als Bürgermeister muss betonen, dass Demonstranten für uns Menschen sind. Selbst, wenn es jetzt lediglich die breite gut situierte Mittelschicht der wütenden Freiberufler und Selbständigen sind. Aber die sind es nun mal. Und nicht irgendwelche daher gelaufene Linke mit Stangenzelte, die auf morastigen Wiesen campieren. Nein. Es sind in erster Linie Menschen. Ja, Menschen! Und genau so werden wir sie behandeln. Wie Menschen. Also als Kunden und Konsumenten. Darum wird es neben dem Blockadetrainingscenter auch ein Eroscenter geben.«

»Sie meinen einen Puff gegenüber dem Impfcenter?«

»Und weil heutzutage Sexualität und Glaube eng miteinander verbunden sind, weil viele glauben, dass Sex nun mal wichtig ist, haben wir dort um der Ecke ein Glaubenscenter geplant.«

»Eine Kirche?«

»Und zusätzlich für alle Glaubenscenter-Anhänger, ganz in der Nähe, dort hinten neben der neuen, modernen Polizeistation, also dort hinten, da gibt es gleich die angeschlossene, einmalige heilige Wunderquelle.«

»Eine Wunderquelle zwischen Kirche und Puff?«

»Das musste so sein. Auf Anordnung vom bischöflichen Ordinariat. Sonst hätten es beim Eroscenter nicht zugestimmt. Und unserem Ort wären Fördergelder der katholischen Kirche entgangen.«

»Es wurde also die Lage der aufzubauenden Kirche anhand des Standorts der Eroscenters bestimmt?«

»Nun, wie Sie wissen, sind in heutiger Zeit, Kirche und Sexualität eng untrennbar miteinander verwoben. Ohne Sex, keine Sünde. Ohne Sünde, keine Beichte. Ohne Beichte, keinen Beichtstuhl. Ohne Beichtstuhl, keine Kirche. Unser Dorf hätte dann somit einen arbeitslosen Theologen und seine gesamte Entourage durchzufüttern. Solche Kosten kann sich niemand leisten. Zusätzlich hinter der Kirche entsteht auch noch eine Schule unter Leitung und mit Fördermitteln der Kirche. Ist so vertraglich abgemacht.«

»Aber dort, wo die Wunderquelle geplant ist, da soll doch das Entsorgungscenter errichtet werden. Das hatte mir zumindest ihr Stellvertreter im Vorgespräch am Telefon erklärt.«

»Entsorgungscenter?«

»Fäkaliencenter. Öffentliches Klo. Also die noch aufzustellenden, blauen Toilettenhäuschen, die mobilen Toilettenhäuschen mit Sickergrube für die Kirch- und Puffgänger.«

»Hm. Echt? Dann ist aber Kacke mit den Wunderquellen … und mit unserem Aufschwung.«

»Ach, kommense. Drauf geschissen. Danke für das Interview. Und damit gebe ich wieder ab, zurück in die Sendeanstalt. Auf Wiederhören.«

Ars gratia artis, oder: ein Münchner Nachmittag

Ein Aperol, ein Königreich für einen Aperol! Ein Königreich von hier bis zur eingehaltenen eins fuffzig Abstandregel.

Und über allem die Sonne. Die Sonne des Südens. Blauer Himmel. Eiswürfel im durchsichtigen Plastikbecher. Gedeckelt, in der Mitte führt ein Strohhalm durch eine Öffnung zum Aperol.

Ein Strohhalm. Nicht etwa aus Stroh, sondern einer aus Plastik. Aus wahrhaftigem Plastik. Keiner von diesen ökologisch wertvollen Trinkhalmen, die es jetzt überall zum Cocktail dazu gibt. Jener neuen aus Bambus mittels Kunststoffkleber konstruierten Trinkhalmen. Sondern einer aus purem echten PE, Polyethylen. Wenn man sie anzündet, riechen sie nach Wachs, so wie es sich gehört.

Und jetzt herausragend aus einem Aperol bei einem Cocktails-to-go. Bei jenen Cocktails, mit denen die geschlossene Innengastronomie außen wirbt. Cocktails-to-go.

Cava?, hatte er gefragt.

Cava, hatte die Frau am Tisch vor dem Restaurant lächelnd geantwortet. Das Lächeln war die Offenbarung pur. Nur solch ein Lächeln sagte die Wahrhaftigkeit.

Cava. Aperol mit Cava. Und Spritz? Ja, natürlich mit Spritz. Aus feinstem Alpenwasser. Garantiert. Und nicht jenes 15,8° dH des Sendlinger Viertels. Sondern ehrliches Alpenwasser.

Gut. München hat das beste Trinkwasser aus dem Wasserhahn, unbestreitbar den besten Kraneburger Deutschland-weit. Aber ein Aperol mit 15,8° dH, das ist wie eine Espresso-Maschine mit einem Sieb, welches keine Abstimmung zwischen Lochgröße, Druck und Temperatur hat. Ein Touristenfang. Espresso für Arme.

Ein Aperol benötigt mindestens 21,2° dH. Nicht jene 15,8° dH. Jeder wahrhafte Italiener schwört auf den maßgeblichen Geschmack 21,2° dH. Selbst ein Espresso mit dieser Wasserhärte wird vom Genussmittel zum wahrhaften Erlebnis für jeden Feinschmeckergaumen. Mehr Sinnlichkeit ist kaum darstellbar. Ein Erlebnis wie ein Orgasmus für die Sinne.

Wer Norditaliens handverlesene In-Gastronomen kennt, der weiß um deren Aperol-Geheimnis. Jene schöpfen das passende Wasser aus einer speziellen, geheim gehaltenen Alpenregion, unweit des Dreiländerecks Schweiz, Lichtensteins und Österreichs. Also dort, wo unwissende Deutsche meinen, sie hätten das Paradies entdeckt, genau dort schöpfen die Eingeweihten das Wasser und importieren es unter Umgehung der zollrechtlichen Abfertigung im gefrorenen Zustand an die Tische der wohlig entspannten Toskana. Und gegen Bares im Umschlag auch in der nördlichsten Stadt mit italienischen Flair …

… nein, nicht jene Donau-gespaltene Stadt von Johann Adam Weishaupt, dem Gründer der Erleuchteten, jener Illuminaten, die von Aperol nicht den blassesten Hauch eines gesunden Wissens hatten, haben oder jemals haben werden …

… auch in der nördlichsten Stadt mit italienischen Flair war dieses orphische Know-How vorhanden. Und nur die Crème de la Crème der Hinzugehörigen wusste darum. Sie genoss es im Stillen zufrieden, während das Plebs angesichts rosa gefärbten Sekts bereits in Ektase und Urlaubsschwurblereien geriet. Selbst jene Weltstädte wie Berlin, Stuttgart, Köln, Hamburg und Münster waren hinter dem Wissen des Wissens her, aber liefen kontinuierlich ins Leere und imitierten Aperol-Rezepte für deren eigene Adepten.

Nun. Ganz extrem wurde diese Sehnsucht nach italienischem Flair in jener nördlichen italienischen Exklave unter weiß-blauen Himmelsdach im Februar 2020. Da war es besonders schlimm. Schlimmer noch als das berühmt berüchtigte Stangenfieber in deren Englischem Garten.

Nachforschungen der “Aperol-Società per la verità e la saggezza” musste resignierend konstatieren, dass es kein Restaurant in München mehr gab, welches Aperol auf deren Karten nicht anbot. Schlimmer noch, die ersten Döner-Buden boten sogar veganen Aperol zum Knofi-Zaziki-Falafel-Menü im Knusper-Weissbrotbrötchen an. Dubios anmutende mexikanische Burrito-Food- Anbieter folgten. Als dann sogar ein stadtbekannter Weißwurst-Verwurstler seine biologisch-dynamisch hergestellten Weißwürste mit vegetarischen Aperol aus kontrolliert veganen Raubbau mit naturidentischem Bayer-Düngemittel zu angeblich niedrigen Discount-Preisen auf bekanntem Hartz4-Niveau anbot, da war Gefahr im Verzug. Wenn schon die Schickeria ihren Porsche-Gourmet-Sinn gegen einen Daimler-Smart umtauscht, dann muss etwas faul sein. Mitlaufen ohne Denken kann nicht gut sein, auch nicht für eine gute Sache.

Es musste etwas getan werden. Die Weishaupt-Nachfolgeorganisation konnte nicht eingreifen. Sie war in einem staatlich angezetteltem Rechtsverfahren über Auspuffe verhaftet und musste deren Rechtsvertreter von USA über Stuttgart, München bis Wolfsburg voll beschäftigen.

In diesen Stunden der höchsten Not traf ein Abgesandter der Società auf einen Amerikaner in Schottland, der gerade versuchte, einen kleinen, weißen Golfball in ein etwas größeres, schwarzes Loch einzuputten. Anfangs war jener Amerikaner not amused, aber dann wurde der Pakt geschlossen. Auf Ruhm und Ehre. Klandestiner Ruhm und und noch mehr klandestine Ehre. Lunga vita alla patria plus München leuchtet und dazu noch America first. Nur so gelang der Società im Einklang mit der Schutzmacht Europas für amerikanische Produkte und Ideen, der unkontrollierten Ausbreitung einer Aperol-Mentalität auf unterstem Niveau zu verhindern. Ein voller Erfolg. Auf den Restaurantkarten gab es zwar noch Einträge, aber niemand konnte mehr diese bestellen.

Er sog an seinem Trinkhalm. Er spürte das Prickeln des Aperol Spitz. Die pure Erfrischung. Die Blicke der Vorbeigehenden registrierte er. Es waren neidvolle Blicke. Eindeutig. Neid musste man sich erarbeiten, Respekt gab es dann als Kleinod hinzu.

Er genoss diesen Moment der Unbeschwertheit. Die belebende Wirkung des Cavas, die 21,2° dH, die Bitternis des Zusatzstoffes, das Prickeln des Sodas. Alles war eins. Alles um ihn herum umgab ihn in wohligem Sein.

Die Sonne schien und wärmte den Frühling. Die Passanten, die ihn passierten, gaben ihn das Gefühl der Exklusivität. Ihre Blicke waren  neidvoll und bewundernd. Er fühlte sich als  Ausgewählter, als Kenner der Wahrheit, als Begünstigter seines Wissens. Und alle um ihn herum wussten nicht, was sie verpassten. Sie wussten nicht, was sie mit deren gewöhnlich trainierten Gaumen nie erfahren könnten. Würden sie wissen, wo man den Aperol bekommen könnte und wie er wirklich schmeckte, sie würden es selber erfahren können, wie erhaben er sich fühlte.

Die Sonne schien. Er fühlte sich wohl. Er schwebte. Wie ein Auserwählter. Einer der wahrlich Erleuchteten in der Masse jener, die nur einen Sonntag vor dem nächsten rigiden Lock-Down für deren niederen Intentionen nutzen wollten.

Die Sonne schien. Rot versank sie hinter dem Kirchturm Sendlings.

Er sog noch einmal am Trinkhalm. Ein Genuss mit 21,2° dH. Sowas gibt es nicht alle Tage, nördlich Italiens. Das kann nicht jeder haben. Das muss seitens jedem neidlos anerkannt werden.

Leer. Ein schwungvoller Wurf und der Becher landete im Mülleimer an der Ampel im Schatten des Kirchturms.

Jede Zeit hat ihre Helden

»Früher da hatte ich einen Bagger, damit konnte man rechts kurbeln und dann hatte der Bagger gebaggert. Den ganzen Sandkasten hatte ich damals damit weggebaggert. Den Sand von links nach rechts. Und wieder zurück. Als ich noch richtig junger Jüngling mit viel Zeit war.«

»Und was biste heute?«

»Älter ohne Zeit.«

»Warum gehste nicht zum Suezkanal? Mit deinem Sandkastenbagger? 400 Meter Stahl versperren momentan 200 Meter Kanalbreite.«

»Über 400 Meter wurde vor fünf Jahren bei der Olympiade in Rio de Janeiro der Weltrekord aufgestellt. Mit 43 Sekunden.«

»Über 200 Meter steht er bei knappe 19 Sekunden durch Ursain Bolt. Das ist die Zeit die ein jagender Gepard für 400 Meter braucht.«

»Solange benötige ich zum Überlegen, um den Gedanken an Leistungssport gleich wieder zu verwerfen. Sollen die anderen doch.«

»So siehste auch aus.«

»Willste sagen, ich wäre dick?«

»Nein, nur langsam im Denken.«

»Blitzmerker.«

»Danke.«