Sich im Kosmos herumzutreiben ist doch was für die Jugend, oder?

“Der Weltraum, unendliche Weiten. Wir schreiben das Jahr 2021. Dies sind die Abenteuer des Raumschiffs Enterprise, das mit seiner 400 Mann starken Besatzung 5 Jahre unterwegs ist, um fremde Galaxien zu erforschen, neues Leben und neue Zivilisationen. Viele Lichtjahre von der Erde entfernt dringt die Enterprise in Galaxien vor, die nie ein Mensch zuvor gesehen hat.“

»Jim.«

»Spock?«

»Unser Computer empfängt Frequenzen von einem Planeten der Klasse M.

»Klasse M?«

»Klasse M, Captain.«

»Also humanoides Leben? Faszinierend.«

»Jim?«

»Spock?«

»’Faszinierend’ als Aussage von Ihnen als Vertreter der Humanoiden ist unlogisch.«

»Sie haben recht, Spock. Ich würde sagen, seien wir vorsichtig. Alarmstufe 1. Maschinenraum! Scotty, alles auf Position! Alles bereit für einen potentiellen Alarmstart. Wir haben Kontakt zu einer unlogischen Lebensform. Sind die Warp-Kerne aktiv?«

»Jim, mein zweiter Offizier macht sich gerade einen Earl-Grey. Ich tue mein Bestes, aber 24 Stunden brauche ich mindestens.«

»Scotty, das ist nicht akzeptabel. Versuchen Sie es bitte in der Hälfte der Zeit.«

»Ay,ay, Captain.«

»Sulu! Kurs auf Klasse M Objekt! Ungefähre Ankunft?«

»Jim, Steuermann Sulu hat die korrekte Aussprache unseres R-Konsonanten noch nicht korrekt gelernt. Bis dahin ist ihm vom Kommando untersagt in seiner Rolle als Steuermann R-Worte auszusprechen. Das wäre gegen die achtzehnte Direktive.«

»Spock, das ist nicht witzig!«

»Ich habe einen Witz gemacht? Faszinierend.«

»Spock, wo ist Fähnrich Chekov, unser Navigator?«

»Jim?«

»Pille?«

»Ich muss leider mitteilen, dass ich Fähnrich Chekov zur Weizendestillation eingeteilt habe. Er kennt sich darin am besten aus.«

»Pille, warum? Konntest du nicht jemand anderen dazu einteilen, Pille?«

»Jim, ich war in unserem Vodka-Vorratsraum.«

»Wo warst du, Pille?«

»Im Vodka-Vorratsraum. Er ist tot, Jim. Fast tot, Jim.«

»Pille, sei kein Maschineningenieur, sei ein Arzt! Lieutenant Uhura!«

»Ja, Captain? Soll ich Sie wieder einmal küssen? Black and white, unite, unite?«

»Lieutenant Uhura, übertragen Sie die Kommunikation vom Klasse M Planeten! Frequenzen auf den Äther!«

»Guten Tag. Spreche ich mit dem Gesundheitsamt? Sind Sie Herbert?«

»Ja, hier ist Ihr Gesundheitsamt.«

»Ich brauche eine Quarantänebescheinigung.«

»Eine Quarantänebescheinigung?«

»Genau, eine Quarantänebescheinigung wegen einer Corona-Erkrankung und der von Ihrer Behörde verordneten Quarantäne.«

»Aber Sie haben doch bereits eine Quarantäneverfügung erhalten, da steht doch ihr Quarantäne-Zeitraum drin.«

»Ja, ja, ja. Aber die eigentliche Quarantäne ging länger, als wo da in der Verfügung drin stand. Und laut Gesetz müssen Sie mir eine Bescheinigung ausstellen.«

»Aber nur in begründeten Fällen.«

»Mein Fall ist begründet.«

»Ach ja?«

»Ach ja. Mein Arbeitgeber will das auch so.«

»Wie lang war denn ihre Quarantäne?«

»Zwei Tage länger als in der Verfügung.«

»Und da benötigt ihr Arbeitgeber jetzt eine Bescheinigung? Über diese zwei Tage?«

»Über diese zwei Tage.«

»Greift da nicht die Drei-Karenztage-Regelung für Erkrankungen?«

»Laut Gesetz müssen Sie mir eine Bescheinigung ausstellen.«

»Laut Gesetz muss ich gar nichts.«

»Laut Gesetz sind Sie Staatsbediensteter und somit ein Diener des Volkes! Und ich gehöre zum Volk! Also müssen Sie mir dienen!«

»Laut Gesetz benötigen Sie einen Anwalt.«

»Laut Gesetz werde ich Sie verklagen! Sie Herbert, Sie!«

»Ihren Namen, Geburtsdatum, Adresse.«

»Gebe ich Ihnen nicht! Datenschutz! DSGVO, Sie Analphabet!«

»Und wohin sollen wir dann die Bescheinigung schicken?«

»Ja, haben Sie denn meine Daten nicht? Warum muss ich denn ihrer Behörde alles hundertmal mitteilen? Erfassen Sie unsere Daten etwa doch nicht?«

»Laut Gesetz benötige ich dazu Ihre Daten.«

»Ja, glauben Sie ja nicht, wen Sie vor sich haben! Sie sind ja anmaßend! Ich will nur eine klitzekleine Bescheinigung, die binnen zwei Minuten ausstellt werden kann und Sie machen hier am Telefon nen Ballyhoo, als ob die Sicherheit des Staates in Frage steht! Wir reden bereits schon 125 Sekunden, also über zwei Minuten! Vergessen Sie nicht, wer Sie bezahlt! Und zwar ich von meinen Steuergeldern!«

»Ach ja? Sie zahlen brav Ihre Steuern? Ich würde das gerne mal von unseren Finanzexperten überprüfen lassen. Name? Adresse?«

»…«

»Hallo? Aufgelegt? Arschloch.«

»Ich hab Sie gehört! Sie Herbert, Sie! Geben Sie mir Namen, Geburtsdatum, Adresse, um Sie zu verklagen! Sie hören von meinem Anwalt!«

»Sie mich auch. Und Tschüß.«

»Jim?«

»Spock?«

»War das vom Klasse M-Planeten?«

»Direkt vor uns. Blauer Planet. Scheint bewohnt zu sein. Mit humanoider Lebensform.«

»Faszinierend.«

»Ähhmmm – mir fällt da etwas ein: Warum sagen die eigentlich immer Herbert zu Ihnen, Spock?«

»Jim, ja, wissen Sie, sehr schmeichelhaft ist das nicht, Captain. Herbert war ein mittlerer Beamter, der für seine engstirnige, kleinkarierte Denkweise bekannt war.«

»Dann versuchen Sie eben in Zukunft etwas weniger eng zu denken, Herbert. Scotty?«

»Jim, hier Scotty, alles erledigt, der Whisky ist gelutscht, der Warp-Kern steht bereit. Wir können.«

»Sehr schön, Scotty. Warum nicht gleich so schnell.«

»Ay, ay, Jim. Unmögliches mache ich sofort, nur für Wunder brauch ich länger. «

»Pille?«

»Vodka-Vorräte sind wieder aufgefüllt, Jim. Chekov kommt sehr viel später wieder auf deine Kommandobrücke zurück. Er ist tot, Jim. Noch. Ich muss ihn noch von seiner Vodka-Verkostungstour reanimieren.«

»Er gehört dir Pflaume, ähh… Doktor McCoy.«

»Jim, Wuuzi-wuuzi-kuuzi-kuu, wuuzi-wuuzi-kuuzi-kuu!«

»Pille, wuuzi-wuuzi-kuuzi-kuu? Spock? Weitere geistreiche Bemerkung zum Ergänzen?«

»Wuuzi-wuuzi-kuuzi-kuu, Captain?«

»Wuuzi-wuuzi-kuuzi-kuu, Spock.«

»Faszinierend.«

»Spock, eine anhaltende, humanoide Vorliebe für Irrelevanz. Demonstriert nur für Sie. Sulu, nächste Galaxie mit intelligentem Lebensformen ansteuern. Am besten die dort hinten rechts, die da wo so blau blinkt und leuchtet. Spock?«

»Jim?«

»Eine Runde Scrabble?«

»Faszinierend.«

»Tun wir’s so.«

Ars gratia artis, oder: ein Münchner Nachmittag

Ein Aperol, ein Königreich für einen Aperol! Ein Königreich von hier bis zur eingehaltenen eins fuffzig Abstandregel.

Und über allem die Sonne. Die Sonne des Südens. Blauer Himmel. Eiswürfel im durchsichtigen Plastikbecher. Gedeckelt, in der Mitte führt ein Strohhalm durch eine Öffnung zum Aperol.

Ein Strohhalm. Nicht etwa aus Stroh, sondern einer aus Plastik. Aus wahrhaftigem Plastik. Keiner von diesen ökologisch wertvollen Trinkhalmen, die es jetzt überall zum Cocktail dazu gibt. Jener neuen aus Bambus mittels Kunststoffkleber konstruierten Trinkhalmen. Sondern einer aus purem echten PE, Polyethylen. Wenn man sie anzündet, riechen sie nach Wachs, so wie es sich gehört.

Und jetzt herausragend aus einem Aperol bei einem Cocktails-to-go. Bei jenen Cocktails, mit denen die geschlossene Innengastronomie außen wirbt. Cocktails-to-go.

Cava?, hatte er gefragt.

Cava, hatte die Frau am Tisch vor dem Restaurant lächelnd geantwortet. Das Lächeln war die Offenbarung pur. Nur solch ein Lächeln sagte die Wahrhaftigkeit.

Cava. Aperol mit Cava. Und Spritz? Ja, natürlich mit Spritz. Aus feinstem Alpenwasser. Garantiert. Und nicht jenes 15,8° dH des Sendlinger Viertels. Sondern ehrliches Alpenwasser.

Gut. München hat das beste Trinkwasser aus dem Wasserhahn, unbestreitbar den besten Kraneburger Deutschland-weit. Aber ein Aperol mit 15,8° dH, das ist wie eine Espresso-Maschine mit einem Sieb, welches keine Abstimmung zwischen Lochgröße, Druck und Temperatur hat. Ein Touristenfang. Espresso für Arme.

Ein Aperol benötigt mindestens 21,2° dH. Nicht jene 15,8° dH. Jeder wahrhafte Italiener schwört auf den maßgeblichen Geschmack 21,2° dH. Selbst ein Espresso mit dieser Wasserhärte wird vom Genussmittel zum wahrhaften Erlebnis für jeden Feinschmeckergaumen. Mehr Sinnlichkeit ist kaum darstellbar. Ein Erlebnis wie ein Orgasmus für die Sinne.

Wer Norditaliens handverlesene In-Gastronomen kennt, der weiß um deren Aperol-Geheimnis. Jene schöpfen das passende Wasser aus einer speziellen, geheim gehaltenen Alpenregion, unweit des Dreiländerecks Schweiz, Lichtensteins und Österreichs. Also dort, wo unwissende Deutsche meinen, sie hätten das Paradies entdeckt, genau dort schöpfen die Eingeweihten das Wasser und importieren es unter Umgehung der zollrechtlichen Abfertigung im gefrorenen Zustand an die Tische der wohlig entspannten Toskana. Und gegen Bares im Umschlag auch in der nördlichsten Stadt mit italienischen Flair …

… nein, nicht jene Donau-gespaltene Stadt von Johann Adam Weishaupt, dem Gründer der Erleuchteten, jener Illuminaten, die von Aperol nicht den blassesten Hauch eines gesunden Wissens hatten, haben oder jemals haben werden …

… auch in der nördlichsten Stadt mit italienischen Flair war dieses orphische Know-How vorhanden. Und nur die Crème de la Crème der Hinzugehörigen wusste darum. Sie genoss es im Stillen zufrieden, während das Plebs angesichts rosa gefärbten Sekts bereits in Ektase und Urlaubsschwurblereien geriet. Selbst jene Weltstädte wie Berlin, Stuttgart, Köln, Hamburg und Münster waren hinter dem Wissen des Wissens her, aber liefen kontinuierlich ins Leere und imitierten Aperol-Rezepte für deren eigene Adepten.

Nun. Ganz extrem wurde diese Sehnsucht nach italienischem Flair in jener nördlichen italienischen Exklave unter weiß-blauen Himmelsdach im Februar 2020. Da war es besonders schlimm. Schlimmer noch als das berühmt berüchtigte Stangenfieber in deren Englischem Garten.

Nachforschungen der “Aperol-Società per la verità e la saggezza” musste resignierend konstatieren, dass es kein Restaurant in München mehr gab, welches Aperol auf deren Karten nicht anbot. Schlimmer noch, die ersten Döner-Buden boten sogar veganen Aperol zum Knofi-Zaziki-Falafel-Menü im Knusper-Weissbrotbrötchen an. Dubios anmutende mexikanische Burrito-Food- Anbieter folgten. Als dann sogar ein stadtbekannter Weißwurst-Verwurstler seine biologisch-dynamisch hergestellten Weißwürste mit vegetarischen Aperol aus kontrolliert veganen Raubbau mit naturidentischem Bayer-Düngemittel zu angeblich niedrigen Discount-Preisen auf bekanntem Hartz4-Niveau anbot, da war Gefahr im Verzug. Wenn schon die Schickeria ihren Porsche-Gourmet-Sinn gegen einen Daimler-Smart umtauscht, dann muss etwas faul sein. Mitlaufen ohne Denken kann nicht gut sein, auch nicht für eine gute Sache.

Es musste etwas getan werden. Die Weishaupt-Nachfolgeorganisation konnte nicht eingreifen. Sie war in einem staatlich angezetteltem Rechtsverfahren über Auspuffe verhaftet und musste deren Rechtsvertreter von USA über Stuttgart, München bis Wolfsburg voll beschäftigen.

In diesen Stunden der höchsten Not traf ein Abgesandter der Società auf einen Amerikaner in Schottland, der gerade versuchte, einen kleinen, weißen Golfball in ein etwas größeres, schwarzes Loch einzuputten. Anfangs war jener Amerikaner not amused, aber dann wurde der Pakt geschlossen. Auf Ruhm und Ehre. Klandestiner Ruhm und und noch mehr klandestine Ehre. Lunga vita alla patria plus München leuchtet und dazu noch America first. Nur so gelang der Società im Einklang mit der Schutzmacht Europas für amerikanische Produkte und Ideen, der unkontrollierten Ausbreitung einer Aperol-Mentalität auf unterstem Niveau zu verhindern. Ein voller Erfolg. Auf den Restaurantkarten gab es zwar noch Einträge, aber niemand konnte mehr diese bestellen.

Er sog an seinem Trinkhalm. Er spürte das Prickeln des Aperol Spitz. Die pure Erfrischung. Die Blicke der Vorbeigehenden registrierte er. Es waren neidvolle Blicke. Eindeutig. Neid musste man sich erarbeiten, Respekt gab es dann als Kleinod hinzu.

Er genoss diesen Moment der Unbeschwertheit. Die belebende Wirkung des Cavas, die 21,2° dH, die Bitternis des Zusatzstoffes, das Prickeln des Sodas. Alles war eins. Alles um ihn herum umgab ihn in wohligem Sein.

Die Sonne schien und wärmte den Frühling. Die Passanten, die ihn passierten, gaben ihn das Gefühl der Exklusivität. Ihre Blicke waren  neidvoll und bewundernd. Er fühlte sich als  Ausgewählter, als Kenner der Wahrheit, als Begünstigter seines Wissens. Und alle um ihn herum wussten nicht, was sie verpassten. Sie wussten nicht, was sie mit deren gewöhnlich trainierten Gaumen nie erfahren könnten. Würden sie wissen, wo man den Aperol bekommen könnte und wie er wirklich schmeckte, sie würden es selber erfahren können, wie erhaben er sich fühlte.

Die Sonne schien. Er fühlte sich wohl. Er schwebte. Wie ein Auserwählter. Einer der wahrlich Erleuchteten in der Masse jener, die nur einen Sonntag vor dem nächsten rigiden Lock-Down für deren niederen Intentionen nutzen wollten.

Die Sonne schien. Rot versank sie hinter dem Kirchturm Sendlings.

Er sog noch einmal am Trinkhalm. Ein Genuss mit 21,2° dH. Sowas gibt es nicht alle Tage, nördlich Italiens. Das kann nicht jeder haben. Das muss seitens jedem neidlos anerkannt werden.

Leer. Ein schwungvoller Wurf und der Becher landete im Mülleimer an der Ampel im Schatten des Kirchturms.

Über Hunde, die bellen, …

»Dritte Kasse, bitte!« Ich liebe diesen Moment. Meine Stimme allein im Verkaufsraum. Mit Recht gegen Bequemlichkeit und Kundenfeindlichkeit in einem Drogerie-Markt. Danach nur noch betretene Stille abseits den Verkaufsregalen.

»Dritte Kasse, bitte!« Prinzipiell werden Wünsche immer nur erfüllt, wenn der Nachdruck stimmt. Auf den Nachdruck kommt es an.

»Nu schreien Sie mal nicht so rum, junger Mann«, fiept eine Stimme zu mir rauf. Die alte Seniorin, Typ Hackenporsche-Schlepperin mit internalisierten 5-Promille-PS-DöSchwo-Motor, vor mir hat sich umgedreht und schaut mich jetzt entrüstet an.

»Ich schrei nicht. Ich will nur mein Recht auf schnelles Kassieren. Ich will nicht hier meinen Lebensabend verbringen«, ich tippe dabei auf meine Sportuhr und packe dem noch etwas nachdrücklich einen drauf: »Dritte Kasse, bitte!«

»Ja, is ja gut. Man hat dich gehört, Mann.« Ein junger Hipster in der anderen Schlange schaut mich vorwurfsvoll an. Mit seinen kleinen Finger rührt er in seinem rechten Ohr, als ob er gerade so etwas wie ein Knalltrauma erlebt hätte und sich den Rest vom Knall aus seinen Gehörgängen pömpeln wolle.

»Ja, nee, klar. Die Jugend mal wieder. Wie ihr über unsere restliche Lebenszeit mal wieder verfügen wollt, echt jetzt, das ist doch die reinste Arroganz.«

»Ey, Boomer, ist mir doch egal, ob du hier beim Warten krepierst, Hauptsache du kannst dann nicht mehr so rumtröten. Sei mal cool, Alter!«

»Ach ja? Am Wochenende sich mit R&B die Ohren voll knallen, aber hier auf Sensibelchen machen? Super. Tolle Zukunft. Dritte Kasse, bitte!«

»Wir haben es gehört«, tönt es enerviert von einer der Kassen.

»Ach ja? Und hat das Hören geholfen? Dritte Kasse, bitte!« Zeit für Kundenunfreundlichkeit statt mal etwas für den Kunden zu tun. Service-Wüste Deutschland.

Eine Hand legt sich leicht auf meinen Oberarm: »Ich muss Sie bitte, ein wenig leiser zu sein.« Eine Frau im Business-Outfit dreht mich zu ihr hin. »Wir haben Sie gehört, das hat meine Kollegin doch bereits gesagt. Es ist völlig unnötig, immer wieder das Gleiche zu fordern. Wir sind um unsere Kunden bemüht und …«

»Haben Sie mich angefasst?« Ihre Hand ergreifen, sie ruckartig von meinem Oberarm zu nehmen und weg zu stoßen waren mir ein wohltuender Reflex. »Haben Sie mich etwa angefasst? Sie sollten das unterlassen. Das ist eine Tätlichkeit, sie wissen das, nicht wahr.«

»Und Sie wissen, dass ich die Marktleiterin bin und hier das Hausrecht habe? Das sollten Sie sich merken. Wenn Sie sich nicht ruhig verhalten, sehe ich mich gezwungen, Ihnen Hausverbot zu erteilen.«

»Ach ja? Nur weil Sie uns Kunden mies behandeln wollen und keine dritte Kasse aufmachen wollen? Gewinnmaximierung durch Beschäftigungsminimierung, oder was?«

»Die dritte Kasse wird gleich geöffnet.«

»Und?«

»Und was?«

»Und deswegen müssen Sie gewalttätig werden und mich anfassen? Nur weil Sie sich weigern, eine dritte Kasse zu öffnen?«

»Ich war nicht gewalttätig. Das kann hier jeder erklären. Und ich hatte Ihnen doch bereits gesagt, dass eine dritte Kasse geöffnet wird. Und … «

»Absichtserklärungen, Absichtserklärungen, immer nur Absichtserklärungen! Worte sind schön, nur Hühner legen Eier. Statt Kunden auf solch mieser Weise zu behandeln. Kundenfreundlichkeit geht anders …«

Die Schlange bewegt sich. Die dritte Kasse war geöffnet worden. Die zwei Schlangen erweiterten sich um eine weitere, indem die Wartenden sich schnell an der neuen Kasse einreihten. Durch jene Marktleiterin war ich zu sehr abgelenkt, so dass mir nur wieder einer der letzten Plätze in einer der drei Schlangen blieb.

»Verhalten Sie sich ruhig, bitte. Sie hätten sich Ihr Hausverbot eigentlich redlich verdient gehabt. Ich lass aber noch einmal Gnade vor Recht ergehen. Verhalten Sie sich also ruhig«.

Die Marktleiterin dreht sich weg und verschwindet zwischen zwei Regalen inmitten von Pillen, Tampons, Gummis fürs Haar und achtlagigem Tissue-Klopapier aus grauen Recyclingpapier der Marke »Extra rau«.

Drei Schlangen verharren vor mir und ich starre die Schlangen an. Kaum Bewegung. Der Blick auf meiner Uhr ergibt, dass ich bereits knappe fünf Minuten in diesem Laden verweile, vier allein davon mit drei Deos in beiden Händen an der Kasse.

Vor mir allein diese drei Schlangen. Endlose Schlangen. Jede mindestens aus drei Leute gebildet. Erstarrt wie Salzsäulen eines Kunst-Happenings. Als ob die ganze Welt unendliche Zeit im totalen Überfluss besitzen würde. Als ob jeder die Unendlichkeit gepachtet hätte.

Drei Augenblicke hat diese Szenerie noch verdient. Drei. Mehr nicht. Kriegen die Kassierenden es nicht hin, die Scanner korrekt zu bedienen? Oder sind die Geldstücke für jene zu klein zum Nachzählen? Oder die Bankkarten alle unleserlich? Oder sammeln die Sammelpunktekarten die Punkte zehntelweise? Wissen die dort eigentlich, was die zu tun haben? Wer hat die geschult?

Noch einen weiteren großzügigen Augenblick. Keine Änderungen. Die Schlangen verlängerte sich bereits um jeweils eine weitere Person. Merkt eigentlich niemand, dass an den Kassen Zeitdiebe sitzen? Elendige Zeitdiebe, die die Kunden dafür zusätzlich noch abkassieren? Eigentlich müssten die Kunden für deren Warten bezahlt werden, für deren Geduld, für deren schweigendes Ertragen, für deren Murrenlosigkeit.

Ganz klar. Putative Notlagen hin oder her, so etwas erfordert deutliche und klare Ansagen. In meine Lungenflügel pumpt sich Luft, mein Brustkorb hebt sich, ich drücke den Rücken durch und lasse es vibrierend gen Decke ertönen:

»Vierte Kasse! Bitte!«

Wartebankgeschichte: For we can fly, we can fly up, up and away …

Jetzt sitz ich hier schon seit knapp zehn Minuten und warte auf den Abflug. Die lassen sich heute aber mächtig Zeit, nicht wahr.

Yep. Die haben die Ruhe weg.

Ich bin schon über 60, da hab‘ ich nicht mehr so viel davon übrig, da könnten die ruhig mal ein wenig hinne machen, nicht wahr.

Na, so schnell werden Sie doch wohl nicht sterben, hier am Gate. Zumindest gleich doch nicht.

Weiß man‘s?

Nö.

Na also. Mich nervt es regelmäßig, wenn jemand von diesen jungen Hüpfern sagt, machen Sie ruhig, lassen Sie sich Zeit, nur Geduld, und so. Haben die überhaupt ne Ahnung, worüber die reden?!

Ach, für solche ist alle Zeit ewig.

Dorian Grays der Neuzeit. So verschwenderisch, wie die mit der Lebenszeit anderer Mitmenschen umgehen, das ist ja nicht mehr normal. Das grenzt an vorsätzlicher Nötigung!

Hm. Oder an nötigenden Vorsatz.

Vorhin in der Lounge, … also, ich mein das, das, was vorher sich mal sich Lounge schimpfte …

Senator-Lounge?

Hon-Circle!

Nicht schlecht. War ich auch mal. Aber jetzt bin ich Platin-Card-Member. Dort werden Sie so richtig wertgeschätzt. So richtig in einem Special-Platin-Room. For Members only. Ich hab sogar den Pan-AM-Kugelschreiber in Gold. Eine Rarität als Special Gift for Special-Platin-Members.

Echt? Ich benötige noch vier Flüge, dann erhalte ich auch die Platin-Card. Vier Flüge noch.

Tja, dann werde ich Ihnen persönlich die Hand geben. Jetzt aber nur den Ellenbogengruß. Sie kommen gerade aus der Hon-Circle-Lounge?

Naja, was sich vorher so Lounge schimpfte. Was ich noch dazu erzählen wollte: also, da meinte doch diese Thai, das Service-Mädl in ihrem kackbraunen Lounge-Kostüm, ich solle doch meine Tasse wegräumen. Meinte die. Einfach so. Zu mir.

Ernsthaft? Hat die wirklich gemeint, Tassen als Gast jetzt selber wegzuräumen, wäre okay?

Ja. Echt jetzt. Hey, bin ich etwa Lounge-Jobber?

Das hätte die mal zu mir im Special-Platin-Room sagen sollen, die wäre gefeuert worden. Direkt. Von jetzt auf gleich. Nur schneller. Hat die denn wenigstens noch gelächelt? So als Thai, meine ich?

Ein wenig. Ich hab‘ der Thai gesagt: Mai Ling, habe ich gesagt, Mai Ling, das heißt nicht nur „Bitte“, sondern „Bitte, bitte“, so viel Zeit muss sein, nicht wahr. Und außerdem, habe ich ihr noch gesagt, und außerdem, Mai Ling, dafür wirste doch bezahlt dafür, Mai Ling, nicht wahr, fürs Wegräumen und Putzen, nicht wahr. Oder ist hier auch Servicewüste Deutschland, hab ich gefragt.

Und was meinte sie dazu?

Die wurde doch glatt pampig! Wegen Hygiene-Maßnahmen und Corona und so, meinte die, da soll jetzt jeder Passagier seine eigenen Sachen selber wegräumen.

Nicht wirklich jetzt, oder?

Und außerdem hieße sie nicht „Mai Ling“ sondern „Frau Sibenjürgen“, das stehe doch auf ihrem Namensschild. Ob ich nicht lesen könne, und ich solle sie gefälligst auch so ansprechen.

Typisch. Lounge-Besucher als Analphabeten zu bezeichnen, geht dreimal gar nicht.

Und wegen der Bezahlung, polterte sie noch, wegen der Bezahlung würde sie nicht arbeiten, weil, das wäre ein Hungerlohn. Allein die zusätzlichen Dinge wie vergünstigte Flugangebote und die Trinkgelder würden den Lohn aufwerten.

Echt? So etwas nehmen die sich inzwischen raus? Wirklich dreist! Der Hon-Circle scheint ja inzwischen recht runtergekommen zu sein. Günstig „Urlaub-machen“ wollen, aber dann noch Passagieren deren Geld aus der Tasche schnorren. Unglaublich.

Nicht wahr? Ich versuche schon meine vier Flüge vor zu verlegen. Diese Zustände im Hon-Circle sind unzumutbar. Ich habe zu ihr gesagt: Mai Ling, habe ich zu ihr gesagt, erstens habe ich den Pflicht-Negativ-CoVid-Test der Fluggesellschaft als Lizenz zum Fliegen, habe also kein Corona, und ob sie mir überhaupt einen aktuellen Negativ-Test von sich zeigen könnte, und zwar von heute?

Yep, ich wette, die testen sich erst gar nicht.

Und zweitens, es wäre mir egal, ob sie „Ziegenwürgen“ oder sonst wie hieße, sie solle mal gefälligst honorieren, dass ich überhaupt mit ihr spreche oder dass sie überhaupt den Job in der Lounge erhalten habe.

Es gibt genug Arbeitslose, die sich nach ihrem Job die zehn Finger lecken würden.

Von mir würde sie jetzt kein Trinkgeld erhalten. Dafür erwarte ich besseres Benehmen. Schlechte Kinderstube erfährt von mir keine Wertschätzung. Ihre Mutter solle sich mal für sie schämen.

Haben Sie sich wenigstens über sie beschwert?

Nein, keine Zeit. Musste zum Gate hier, wegen dem Abflug. Nur um dann zu erfahren, dass der Flug Verspätung hat. Im Hon-Circle sagt ja einem keiner was. Und Sie?

Hm. Ich wollte mal ein wenig die reale Welt am Gate kennen lernen. Weil immer nur Special-Platin-Room ist ein wenig zu abgeschottet. Wie in einem schönen Ballon mit Baldachin in der Dämmerung. Trotz den Cocktails und der Schmankerl. Man muss auch offen bleiben für die Welt, Sie verstehen?

Absolut. Immer nur Lounge, immer nur diese Begriffsstutzigen dort, die ihren Job nicht richtig verstehen wollen, das ist nicht wirklich die Realität dieser Welt. Da muss man mal raus, aus dieser Komfortzone, diesem Hon-Circle-Kokon und das Echte genießen, nicht wahr.

Wohin geht’s?

Athen. Verhandlungen. Hoffentlich streiken nicht wieder irgendwelche Piloten. Ich will pünktlich ankommen.

Corona, Piloten, Saftschubsen, Bodenpersonal, Streik. Etwas ist immer. Und dann versagt auch noch vielleicht irgendwo in einem Flugzeug irgendeine Board-Software und dann werden wieder Flüge gestrichen, weil die Fluggesellschaften nicht genug Fliegmaterial haben …

Ja. Leicht hat es nicht in diesen Tagen.

Das Leben wird immer härter. Meine Frau hat neulich die Scheidung eingereicht.

Mein Beileid.

Ach, nicht wirklich tragisch. Sie ist mit einem dieser Millennials der Generation Y liiert.

Generation Yps?

Nein, Generation Y. Also nicht wegen dem damaligen Comic-Heft, sondern das Wort wird englisch ausgesprochen: Why. Weil die jener Generation halt immer so viel fragen.

So einen hat sie sich an Land gezogen?

Yep, Baujahr der 80er/90er. Die stehen ja auf Milfs. Hatte den bereits ein halbes Jahr zuvor zufällig ohne ihr Wissen entdeckt. Nun ja. Aber jetzt, jetzt kann ich endlich mit meiner Freundin ganz offiziell auf Empfänge und in die Clubs oder so.

Clubleben und Empfänge? Ist das alles durch den Lockdown nicht weggebrochen?

Aber sicher gibt’s das noch. Im Platin-Member-Circle haben wir für so etwas eine Anlaufstelle, eine Adresse im Darknet. Da tauschen wir immer unsere aktuellsten Termine für so etwas aus. Wir haben das, wo von andere momentan nur träumen: Spass.

Wie letztens an Silvester in der Bretagne?

Musste ich leider absagen, wegen meiner Scheidungssache. Ich mein, sein wir doch mal ehrlich, keiner will diesen Lockdown, auch wenn er nötig ist. Niemand hier will ihn wirklich. Der Mensch ist ein Gesellschaftstier. Und wenn man, wie ich, auf die 70 zugeht, dann freut man sich über jede bessere Gesellschaft, die man noch bekommen kann.

Keine Angst vor CoVid-Ansteckung?

Iwo. Ich bin der Älteste in unserem Kreis.

Das ist gut, denn die jungen Hüpfer haben weniger Covid-Probleme als Boomer, nicht wahr.

Richtig. In unserem Kreis sind alle in etwa so alt wie meine Freundin, so U45. Also keine dieser alten, grauhaarigen, weißen Männer.

Das ist schön.

Wir sind alle ganz normal, haben auch paar Diverse und auch Colour of People im Kreis. Die Freundin meiner Freundin ist beispielsweise eine junge Brasilianerin aus Sansibar. Ihre Mutter war Deutsche.

Beneidenswert. Meine Frau hätte da was dagegen. Die ist eifersüchtig wie Hölle. Einmal falsch geblickt, schon habe ich ein schlechtes Wochenende. Da sind die Zustände in der Lounge im Vergleich dazu fast schon wieder paradiesisch zu nennen, nicht wahr. Sie kennen sich ja recht gut in Sachen Generationen aus.

Naja, in meiner Branche und im Leben haben Kenntnisse noch nie geschadet. Wussten Sie, dass die meisten Corona-Verschwörungstheoretiker aus der Generation X kommen? Direkt noch vor den Baby-Boomern. Generation X ist die Nachfolgegeneration der Boomer und hat den Ruf, immer vordergründig unabhängig von den Medien und deren Werbung sein zu wollen. “Nur tote Fische schwimmen mit dem Strom” war deren Slogan, damals in den 90ern.

Ich erinnere mich. Nein, ich erinnere mich nicht wirklich gerne an die.

Und auf der Generation X folgten die Millennials, die Generation Y, welche sich über den Streit zwischen Generation X und Boomer lustig machten, und gleichzeitig alles von denen hinterfragten. Eigentlich eine ganz vernünftige Generation, wenn Sie mich fragen. Weil die haben wenigstens noch das hedonistische Element mit einem gesunden Schuss Narzissmus in sich kultiviert.

Und die findet ihre Frau so toll, weil die auf Milfs stehen?

Scheidung, mein Bester, Scheidung hat immer was Gutes. Zum Beispiel ist jetzt der Euro wieder das Doppelte wert. Und der neue Platz im Haus für mich. Unbezahlbar. Habe mir letztens ein paar antike Amphoren aus der Türkei ins Haus gestellt.

Antike Amphoren aus der Türkei?

Original. Sorgfältig ausgegraben und vorsichtig gehändelt. 1a Handarbeit. 1a Antik.

Und? Selbst importiert?

Iwo. Darknet. Alles Darknet. Offiziell kriegt man sowas doch gar nicht. Einfach per Gepäck einführen, das gäbe nur Ärger mit den Behörden, obwohl es ansonsten hier doch jedem völlig egal ist. Außer dieser ‚jedem‘ kann es sich nicht leisten, dann ist das Geschrei groß. Dann kommt der Shit-Storm.

Ich sag nur Neidkultur.

Das können Sie aber mal laut sagen.

NEIDKULTUR!

Nu schreien Sie doch nicht so. Muss doch keiner wissen. Gibt nur Ärger.

Irgendwie ist das Gate recht verwaist.

Hm. Ob der Flug abgesagt wurde? Können Sie lesen was da steht?

Moment, ich muss meine Brille rausholen, ich seh nichts.

Und?

Verlegt zu Gate 12.

Gate 12? Am anderen Ende des Terminals?

Andere Möglichkeit gibt es nicht.

Doch.In drei Stunden geht von diesem Gate der nächste Flieger nach Athen. Lassen Sie uns umbuchen.

Umbuchen?

Ich lad sie in unseren Special-Platin-Room ein, weil Sie’s sind. Bis zum nächsten Flug können wir uns bei Cocktails und Snacks die Zeit vertreiben. Ich zeig Ihnen dann auch ein wenig vom Darknet. Besser als Parship und Tinder. Alle 10 Minuten treffen Sie im Darknet interessante Kontakte. Für jede Vorliebe. Zudem wird sicherlich noch die Bedienung Susanne anwesend sein.

Nettes Mädl?

Gute Kinderstube. Das wird entspannend. Kommen Sie schon, buchen Sie um. Nehmen Sie sich die Zeit, so schnell werden Sie doch wohl nicht sterben, als dass Sie dazu keine Zeit hätten. Fliegen können wir noch immer. Echte Geschäfte sind zeitlos. Selbst in Athen. Und? Wie wär’s? Ist das nicht ein faires Angebot? Die Welt ist ein schönerer Ort im Special-Platin-Room. Los! Auf, auf und weg von hier!

Reportage über einen außerordentlich ausgefallenen Karnevalsumzug

Liebe Närrinnen und Narren und Narrhalesen, sehr verehrte Faschingsmuffel und Faschingsmuffelinnen, liebe geneigte Mitleser*Innen.

Ich befinde mich hier gerade mitten in der Münchner Innenstadt.

IMG_20210203_162417 (1)

Heute feiert die “Narrhalla München Eeh Vau” ihren jährlichen Faschingsumzug. Dazu muss ich mal kurz allen Faschingsmuffel und Faschingsmuffelinnen, den andren Hiatakinda und Zuagroast*Innen erklären: Ja, es heißt hier nicht Karneval, noi, das heißt hier Fasching. Und ihr rheinisch- und preußischen-abstammenden Mitmenschen, euch sei gesagt, “Fastelovend” kenn ma hier net, nich woar. Und “Fasteleer” bezeichnet bei uns in Bayern maximal den Zustand eines fast in einem Zug ge-exten Bierfasserls, woll. Und für dieses “Mai san mia mia” wird Bayern ja auch so geliebt. Nicht nur in der Bundesliga.

Nachdem das jetzt mal geklärt ist und ich jetzt wahrscheinlich 98% der Fußballfans nicht mehr auf meiner Seite am Lesen habe, … ich steh hier auf dem berühmten Münchner Marienplatz, live und livehaftig, da wo der Bayern München demonstrativ den 1860iger Fans fast jedes Jahr mit der Meisterschale und anderem Fußballgold zuwinkt … und wieder 1% weniger Leser …

Es herrscht hier ausgelassene Stimmung bei diesem einmaligen Narrhalla-Umzug. Die Bundesregierung hat auf starkem Zuspruch von Söder und Bayrischer Co.KG – also der Bayrischen CSU-Ordnung mit derer KoalitionsGemeinschaft aus “Aiwanger undsoweiter-unbedeutend-zu-erwähnen” – den Marienplatz per Corona-Verordnung großzügig räumen lassen, damit keinem die Sicht auf das Faschingstreiben genommen wird. Das Publikum ist bereits – wie immer in München – geil, gamsig und hosad. Übersetzen werde ich das nicht, außer Sie schicken mir eine Kopie Ihres Persos oder Ihres Bayrische-Staatshinzugehörigkeit-Ausweis zu, damit Sie die Ü18-Verifikation bei mir bestehen.

Wie gesagt, es herrscht tollste Stimmung. In einer Ecke sieht man sogar zwei Faschingsgesellen, die sich als Straßenbettler verkleidet haben. Richtig real sehen die aus, mit Einkaufstüten als Hausstand zu deren Füß und trinken dort in aller Ruhe ihr Bier aus Flaschen. Ja – und auch das beherrscht der Münchner Fasching grandios – sie schunkeln! Corona-Regel-getreu schunkelt bei den beiden nur jeder zweite mit Abstand. Ja, so ist München. Immer einen Spaß auf der Kante und Bier überm Herzen, zum Gurgeln gegen böse Ansteckungsgefahren. Weitere wartende Zuschauer stehen auf dem Platz und haben lustige Schirmchen mitgebracht, was allerdings ein wenig die Aussicht auf deren phantasievoller Bekleidung erschwert. Das ist nicht so schön, aber was soll’s. Ist halt so. Jeder Jeck ist anders, gell. Hauptsache, Fasching is dahoam. Und dahoam is eh am gmiatlischsten und darum blaim ma ol dahoam und schaun uns an was auf uns zu kommt, woll.

Schaun mer mal, dann sehn mer scho.

IMG_20210203_162502 (1)

Und wie wir sehn, wir sehn erstmal nüscht. Aber das kann sich noch ändern. Im Fasching ist alles möglich. Da steppt der Bär schneller als Söder in Berlin ist, woll. Zumindest lässt der Bär auf sich warten. Er ist noch in Berlin bei den Preußn, habe ich mir sagen lassen.

Zumindest ist der Marienplatz noch tropfnass von der nächtlichen Putz- und Wischaktion “München muss sauber bleiben”, so dass wir locker vom Marienplatz bis zur nächsten Baustelle blicken können. Und das ohne Fön-Wetterlage. Und das ist doch auch schon mal was, oder.

Also warten wir geduldig.

Wir warten.

Und in der Zwischenzeit bis dass der Zug kommt, ein wenig Werbung für Ongomoier und seine neuen Faschingskostüme:

Ongomoiers Faschingskostüme repräsentieren wie nichts auf dieser Welt, das was den Münchner Fasching ausmacht: Ehrlichkeit, Durchblick und Wahrhaftigkeit. Ongomoiers Faschingskostüme sind das wahre Nichts. Sie sind sogar nachhaltig, biologisch einwandfrei ohne Schadstoffe, biologisch abbaubar, waschmaschinentauglich bei 95 Grad und können auf jeder Münchner Schaber-Nackt-Faschingsparty, in jedem Swinger-Club und an jedem FKK-Strand getragen werden. Sie tragen nicht auf, sie fallen überhaupt nicht auf. Selbst politisch sind sie auf bayrischer Linie, sie sind das sündigste Nichts seit Adam und Eva. Ongomoier Faschingskostüme sind so wunderbar wie unsichtbar. Man gönnt sich ja sonst nichts, nicht. Diese Werbung zur Faschingszeit wurde Ihnen präsentiert von Ongomoier. Nichts ist schöner als nichts.

So.

Wieder zurück auf Sendung und wir warten auf den phantastischen “Narrhalla München Eeh Vau”-Faschingsumzug. Er soll außerordentlich bemerkenswert werden, so wurde mir aus gut unterrichteten Kreisen erzählt. Und ich muss Ihnen gestehen, ich stehe hier schon seit Stunden und sehe wie unermüdlich die Münchner Polizei mit ihren Polizeiwägen mit Bamberger Kennzeichen das Gelände des Faschingszugs umsorgt und absichert. Bislang gab es noch keine Verstöße gegen die allgemeine FFP2-Maskenpflicht und dem Abstandsgebot, wurde mir versichert.

Die Bayrische Bevölkerung hat ja die Bayrischen Hygienemaßnahmen sehr gut angenommen, wie bereits unermüdlich öffentlich Söder betont. Damit luegt Söder richtig. Denn nicht jeder hat 250 Euro (Verstoß gegen die Maskenpflicht) oder 500 Euro (Verstoß gegen die Ausgangssperre zwischen 21 Uhr und 5 Uhr) täglich zur freien Verfügung. Das Lob Söders über die Annahme der Bayrischen Verordnung durch die Bevölkerung gilt somit auch ausnahmslos und uneingeschränkt für die verantwortungsvolle Münchner Stadtbevölkerung, mit Index knapp um die 48 heute. Also auf Hunderttausend Menschen insgesamt, also nicht was Boomer oder grauhaarige, weiße Männer mit Faschingswitzen angeht, woll.

Der Zug lässt noch auf sich warten.

Moment! Ich höre gerade über meinen Kopfhörer, der Zug ist schon vorbei gezogen! Jawohl, liebe Närrinnen und Narren und Narrhalesen, sehr verehrte Faschingsmuffel und Faschingsmuffelinnen, liebe restlichen 1% der geneigten Mitleser*Innen aus dem Fanclub “Bayern München e.V.”, der Faschingszug ist vorhin bereits über den Marienplatz hinweg gefegt! Es war ein atemberaubender Zug mit viel klandestin verteilten Freibier, Weißwürscht, Leberkäs und Lutschbonbons. Ein Umzug verkleidet als echter Geisterzug, wie man ihn noch nie gesehen hatte! Wahnsinn! Eine gelungene Vorstellung des Umzugs. Waaahnsinn! Da können sich die Kölner und Düsseldorfer und auch die Mainzer Faschingstreibenden dicke Scheiben abschneiden. Ein wahrlich gelungener Umzug! Waaaahn-sinnnnn!

Darauf ein dreifaches

Schluck auf Schluck! Muc, Muc, Muc! Narri Narro!

Danke für Ihre Aufmerksamkeit.

Es ist, als ob Engelein singen, wieder von Frieden und Freud’

»Hallo, Careca am Apparat.«

»Opa? Opa, ich bin’s. Wie geht’s? Der Jörg!«

»Jörg! Wie geht’s dir? Lange nicht mehr von dir gehört.«

»Aber Opa, ich hatte dir doch erst im Oktober zum 83. Geburtstag gratuliert. Und dir ein Ständchen gesungen. Hast du das vergessen?«

»Nein, nein, mein Jörg, das habe ich nicht vergessen. Ich erinnere mich gern dran. Aber sonst meldest du dich auch so selten.«

»Ja, da hast du Recht, Opa, das ist mir auch aufgefallen. Seitdem Papa gestorben ist, du weißt, das bedrückt mich noch immer, der Verkehrsunfall. Einfach so. Von gestern auf heute.«

»Ja, mir wird’s noch immer schwer ums Herz, wenn ich dran denke, dass mein Sohn vor mir, von uns gegangen ist.«

»Ja, Opa. Er war schließlich mein Vater, nicht wahr. Auch wenn es bereits dreizehn Jahre her ist. Ich denke noch häufig an ihn. Ihr beide ward ja fast immer unzertrennlich. Drum dachte ich, ich meld’ mich mal.«

»Das ist lieb. Wie geht es dir?«

»Gut. Und dir?«

»Ach ja, ist hier ein wenig einsam im Altersheim in der Isolation, ohne Besuche wegen dieser Krankheit.«

»Ja, ja, das ist schlimm. Hoffentlich ist das alles bald vorbei.«

»Ja, hoffe ich auch.«

»Habt ihr schon mitgeteilt, wann ihr dort alle geimpft werdet? Stehst du schon auf der Impfliste?«

»Seit gestern. Nach Weihnachten soll es losgehen. Ich stehe auf Platz 19 der Impfliste.«

»Das ist schön, Opa. Du mit deinen 83 Jahren. Voll cool. Übrigens, ich habe gehört, dass die ganze Kacke bei jüngeren Männern als Langzeitfolge zu erektiler Dysfunktion führen kann. Haste schon gehört? Ganz schlimm. Wirklich schlimm. Total uncool.«

»Zu was? Erektiler Dysfunktion?«

»Du weißt, das ist das, wozu man nachher Cialis, Sildenafil, Levitra, Avana, Dapoxetine, Viagra und so weiter für teures Geld schlucken muss, damit nachher man als Mann ein Mann sein kann. Die Krankheit macht schlapp, weißte.«

»Echt?«

»Ja, hamse herausgefunden. Opa, ich werd’ im Februar doch erst 33, voll jung,ey. Ich will nicht wegen dieser uncoolen Kack-Krankheit von einer Sahneschnitte von Frau wegen eines Hängers im Bett gekreuzigt werden. Das wäre voll schlimm.«

»Hm. Schön wäre sowas nicht, aber …«

»Opa, heute will die Gesellschaft, dass Männer ihren Mann stehen. Ein Lappen will doch niemand. Noch nicht mal im Bett. Opa, kannst du mir deinen Impfplatz nicht einfach überlassen? Die Großeltern meiner Freunde werden das auch machen, haben die zugesagt. Ich mein, du wirst ja wohl eh kaum Sex im Altersheim haben, und ich bin doch recht jung, nicht wahr. Dann wäre ich gegen diese Kack-Langzeitfolge ‘Erektile Dysfunktion’ immun und ich könnte mich voll für die Gesellschaft einbringen. Niemand will einen Schlappschwanz, einen Lappen als Mann.«

»Also, hier hat es öfters regen Sexualverkehr …«

»Opa, echt jetzt? Das ist ja voll eklig. Außerdem kannst du eh nicht so oft wie ich. Also, wenn das in Ordnung geht und ich deinen Impfplatz bekomme, dann schicke ich dir auch ein Weihnachtsgeschenk, ein richtig dolles, da wird dich jeder drum beneiden: Ein Ipad5, dann können wir auch mal wieder so facetimen und du kannst auch privat im Internet per Apple surfen.«

»Face … was? Hm.«

»Du bist einverstanden, Opa? Danke! Ich bin ja so stolz auf dich! Ich schick dir das Geschenk per Paketdienst zu Weihnachten. Dann facetimen wir, wie wir das nachher machen, so mit deinen Impfplatz mir überlassen und so. Frohes Fest dir auch! Dicke Umarmung!«

»Jörg? Ich möchte, … Jörg? Hm. Aufgelegt. Super! Wahnsinn! Mein Enkel hat mich endlich mal wieder angerufen! Wow!«

Die Feder ist mächtiger als das Schwert, oder: Dummes Geschreibsel ist beängstigender als eine Hiebwaffe

Wir schreiben den 21. Dezember 2020. Der Tag ist grau. Nebelschleier verhindern den Blick zur Sonne. Heute ist einer der kürzesten Tage im Jahr: 8,35 Stunden sollte die Sonne theoretisch zu sehen sein. Dabei werden die Abende bereits seit dem 12. Dezember 2020 wieder länger. Nur mit den früheren Sonnenaufgängen wird es erst wieder ab dem 2. Januar 2021 wieder was werden. Das alles ist nur akademisch interessant. Für die meisten Menschen wäre das zu verwirrend. Darum zählt nur der Längenvergleich und nicht die wissenschaftliche Erklärung dahinter.

Als Kinder auf Klassenausflügen sangen wir in früheren Zeiten – die alten, weißen, grauhaarigen Männer und die alten, faltigen, Mask-Teint-ed Frauen werden sich noch dran erinnern – das Lied der Wissenschaft in hohen Tönen (weil noch kein Stimmbruch):

Die Wissenschaft hat festgestellt […], dass Marmelade Fett enthält, […] drum essen wir auf jeder Reise […] Marmelade eimerweise […].

Die Wissenschaft hat festgestellt […], dass Knackwurst Pferdefleisch enthält, […] drum essen wir auf jeder Reise […] heiße Knackwurst meterweise […]

Die Wissenschaft hat festgestellt […], dass Coca-Cola Schnaps enthält, […] drum trinken wir auf jeder Reise […] heiße Coca-Cola fässerweise […]

Uns so weiter und so fort. Es sollte jetzt ja niemanden wundern, warum aus meiner Generation so viele übergewichtig durch die Gegend schwanken oder beim Urlaub auf den Stränden der Kanaren und Karibik von Walretter-Organisationen ins Meer gerollt werden. Ganz zu schweigen von den Personen, die mit vor Geldscheinen strotzenden Geldklammern durch die Gegend laufen, weil sie gelesen haben, dass Euro-Scheine sehr stark mit Kokain belastet sind, und zu Hause dann jeden Geldschein gründlich ablecken. Nachdem zusätzlich auch noch rausgefunden wurde, dass mehr als 20 Währungen deren Geldscheine mittels tierischen Fetten herstellen, sind die veganen Geldschein-Lutscher ein wenig angefressen, weil sie jetzt deren Kokain beim Schwarzmarkthändler kaufen müssen, der ihnen nicht bestätigen kann, dass dessen weiße Substanz vollkommen vegan produziert wurde …

Es erstaunt mich immer wieder, wie ich es mit meinem Geschreibsel schaffe, in einem Absatz mehr als ein halbes Dutzend Halbwahrheiten und selbstgemachte Annahmen einzustreuen, nur um an den Knackpunkten der Vorstellung des Lesers zu arbeiten. Gut ist das nicht. Andere sind darin aber wesentlich besser.

Die können all ihre Ideen, Überzeugungen und Gedanken in 200 Zeichen packen und die Twitter-Welt überzeugen. Oder in Telegramm-Gruppen über all die Doofen unserer Gesellschaft sich aufregen.

All diese Echo-Kammern haben etwas von Selbst-Therapie-Gruppen. Zumindest wenn es darum geht, dass sich alle im Kreis auf Stühle hocken und deren Weltenjammer-Leid klagen. Sie reden nicht, nein, sie schreiben in ihren Gruppen und lesen Geschreibsel der anderen. Wichtig ist dabei, dass solche Pseudo-Schreibtherapie-Gruppen auch immer einen Gruppenleiter haben. Keinen Gruppenleiter mit einer grundlegenden wissenschaftlichen Ausbildung, nein, sondern einen, der zu wissen glaubt, wo man wissenschaftliche Arbeiten finden kann (und zwar in Buchhandlungen, statt in Universitäten) und der – weil er weiß, wo sich drei Buchhandlungen befinden (eine im Internet, die andere in der Innenstadt und die dritte bei seinem Guru) – schlichtweg Ober-Querdenker nennt. Der wacht dann darüber, dass alle Gruppenteilnehmer quer denken. Und zwar dermaßen querdenkend gleichgeschaltet, damit Gedankenfreiheit auch kontrollierbar wird. Denn wer nicht das Querdenken beherrscht, der ist zwangläufig – per definitionem – Mainstream-Denker und somit Schlecht-Mensch. Und das ist noch schlechter als Gut-Mensch. Im Sinne von quergedacht halt.

Nach unbestätigten Gerüchten sollen alle Gruppentherapie-Teilnehmer gemeinsam in ihren Echokammer das allgemeine Glaubensbekenntnis der Querdenker singen – so wie wir es damals auf den Schulausflügen in den Bussen fleißig zum Leidwesen der Busfahrer geübt hatten – :

Die Querdenker haben festgestellt […], dass Wissenschaft auch Ideologie enthält, […] drum besaufen sie sich auf jeder Reise […] mit ihrer Ideologie fässerweise […]

8,35 Stunden Sonne hinter Hochnebelschwaden. Ab morgen steht mehr Tageslicht zur Verfügung, diesen Hochnebel länger zu bewundern. Länger in den Abendstunden. In der berühmt berüchtigten Herrgottsfrüh wird das erst im nächsten Jahr möglich, wenn die Sonne wieder früher aufgeht. Bis dahin gilt für heute das Gleichgewicht der Kräfte: Tag- und Nachtgleiche. Und dazu: Hochnebelwetterlage ohne Durchblick bis zur Unendlichkeit und noch viel weiter …

Das jüngste Gesicht (Notizen aus der Provinz)

  • Op Schalke ham se nen neuen Trainer. Ohne fiel Federlesen wurde der braunhaarige, junge Mann durch einen beinahe weißhaarigen, alten Mann ersetzt. Dem “Welttrainer” Jürgen Klopp setzt Schalke jetzt den “Jahrhunderttrainer op Schalke” entgegen, Hub Stevens. Der Fußballnachbar aus Dortmund ging eine Woche zuvor den anderen Weg: einen grauhaarigen, alten Mann raus; einen straßenköterblonden, jungen Mann rein. Aber eigentlich hätte Dortmund ja gerne den “Welttrainer” Klopp gerne zurück, das beste aus zwei haarigen Welten: weißbärtig, straßenköterblond und Mid-Ager.
  • Die Regensburger Domspatzen werden an Weihnachten nicht im Regensburger Dom singen. Vielleicht wird eine Leinwand aufgespannt und jeder einzelne Domspatz pfeift von deren eigenen Dächern mittels “ZOOM” oder “TEAMS” oder so per Live-Schalte in den hygienisierten Dom und seine sozial distanzierten Gläubigen. Die mitternächtlichen Christmetten sollen übrigens schon um 19:00 starten. Somit wird manifestiert, was schon eh jeder wusste: in der Kirche gehen die Uhren anders als bei den anderen Menschen.
  • Im Online-Portal der Münchner TZ las ich folgenden Satz über den Münchner Marienplatz:
  • image(Screenshot tz.de am 18-Dez-2020: ”[…] Bis 1972 konnte man sogar noch mit dem Auto über den Platz fahren. Hier zu sehen auf einer Aufnahme um 1958.”)

    Auf einer Aufnahme von 1958 ist 1972 bereits zu sehen. Könnte mal schauen, ob wer auf einer Aufnahme von 2006 den leeren Marienplatz vom Lockdown 2020 sieht? Irgendwelche Fotos von 2020 mit Voraussagen zu 2034?

  • Ein neues Gesicht findet sich in einen der TATORT-Reihen wieder. Eigentlich ein altes Gesicht, aber ein neues als Wiedergänger. Spannend. Aber nicht wirklich neues für die Christenheit. Die hat sich in jährlichen Übungen daran in den letzten 2000 Jahre trainiert und wird den Neujahrs-TATORT gelangweilt anschauen. Nach Angabe von jüngeren Menschen schauen sich die TATORT-Sendungen eh nur die grauhaarigen, alte Menschen an, weil der Begriff “Tat-Ort” dem der “Tot-Art” nicht unähnlich ist. L’art pour l’art. Die Dracula-Geschichten haben sich auch damals schon immer nur die Älteren erzählt. Die Jüngeren haben dafür um so leidenschaftlicher die “Vampire Diaries” und die “Twilight Saga” studiert. Twen-Ager Geschichte für den leichten Schauer am Rücken unter der Bettdecke bei gezuckertem Popcorn, lauwarmen Glibber-Käse und schweißnassen Händchen.
  • Eine Schneebombe rollt auf Deutschland zu und München mitten drin. So lautet die Prognose mehrerer Nachrichtenkanäle für das Weihnachtsfest. Sollte also Süddeutschland in einer Schneekatastrophe eingeschneit werden, keine Sorge: es herrscht eh tagtägliches Ausgehverbot zwischen 21:00 bis 5:00 Uhr. Und in der Zeit dazwischen braucht jeder Mensch triftige Gründe, um als Schlachtenbummler eine Schneebombe anzuschauen zu dürfen. Die Schneeballschlacht-Vorschau in der prophezeiten Schneebombe gehört nicht zu der kriegerisch daher kommenden Wettervorhersage. Dafür erwarten andere Nachrichtenkanäle einen brutal auftretenden Sturm vor Weihnachten: einen An-Sturm auf die Lebensmittel-Discounter. Das ist nichts Neues. Im Westen. Am 24. Dezember noch einen umfassenden Einkauf zu tätigen, ist immer das erstbeste, nervenaufreibende Erlebnis nach Winteranfang. Gehört auf jede Bucket-Liste. Auch ohne Schneebombe.
  • In München gibt es an die 600 Obdachlose. Viele davon trinken dabei auch noch, oder kuscheln sich in der Kälte unter Münchens Brücken zusammen, während ihres Obdachlosen-Daseins. Von_hintenDas ist bekanntlich sowohl ungesund, als auch teuer. Denn: Verstoß gegen die Ausgangssperre des Nachts (500 Euro), dann noch Alkoholkonsum im Freien (150 Euro) und zu guter Letzt Kontaktverbot (150 Euro). Macht mindestens 300.000 Euro ins Münchner Stadtsäckl. Pro Tag. In solch klammen Corona-Zeiten ist jeder Stadtkämmerer um jeden zusätzlichen Euro dankbar. München auch. In den letzten drei Tagen wurden 49 Fälle des Verstoß gegen die Ausgangssperre registriert. Da scheint also noch ordentlich Luft nach oben. Oder sollte München und seine Ordnungsbeamten jetzt doch ein Herz für Obdachlose haben? Nachdem wegen Corona-Hygiene-Anforderungen die Schlafplätze in den Notunterkünften deutlich reduziert wurden? Wegen social distancing. Da wird einem warm ums Herz. Ich hoffe, meine Sätze über die Strafzahlungen wird nicht von einem Offiziellen gelesen und ernst genommen. Weil von jedem Ding nur der Preis und von keinem der Wert zählt (nach Oscar Wilde). Denn das obige, das schrieb nur die Zyne aus mir raus. Aus der Zyne für die Zyne …

Kein Pardon, volle Kraft voraus zurück …

“Kennst du das Land, wo die verwässerte Wüstenrose blüht? Ja? Richtig, nächste Straße halbrechts, zwei Zigarettenpausen geradeaus, an der Straßenlaterne unter dem aufgebockten Trabi immer gen Norden, bis an den Rand des eigenen Horizonts, dort eine Atempause lang bücken und dann steht sie vor dir, das Wüstenröschen. Unscheinbar. Blühend. In einer Pfütze. Zwischen zwei silbernen Kreuzen, unter denen jeweils ein treuer Hund begraben liegt. Und jeder begrabene Hund hat einen goldenen Knochen im Gebiss. Bekanntlich geht der Hund zum Knochen und nicht umgekehrt. Warum die beiden Knochen in den Hunderachen aus Gold sein sollen? Die Legende sagt, dass die Hunde in einem Berliner Varieté der wilden 20er des letzten Jahrhunderts zu Lachsalven von Buster Keaton geheult hätten. Ihr Heulen soll jedem durch Mark und Bein gefahren sein. Auf der tierischen Überholspur. Sie hatten einfach Gold in deren Kehle. Aber keiner hätte jemals nachgesehen und sich davon überzeugt. Deswegen die beiden Goldknochen in den Totenschädelgebissen der Hunde.

Irgendwie der Wahnsinn. Es gibt keine Zufälle. Alles hängt mit allem zusammen, das muss man sich mal klar machen, um es zu verstehen. Auch wenn es keine Sau verstehen will.

Dreimal hatte ich es versucht und mich auf den Weg gemacht, dreimal endete meine Odyssee an einer Stacheldraht-umzäunten Mauer mit seltsamen Schriftzeichen drauf. Beim vierten Mal taten mir dann die Füße weh, die Nase blutete und die Sonne blendete. Das letzte Mal musste ich schließlich abbrechen. Eines Zahnarzttermins wegen. Ich kam zu spät. Weil ich bei meiner Suche schon zu weit fortgeschritten war. Der Rückweg dauerte zu lange. Eigentlich hat die Suche genau genommen nie geklappt.

In einem Blumenladen kaufte ich mir Samen der Wüstenrose. Ich zählte die Tage, bis die Samen unterm Licht keimten, wässerte fleißig, mischte vorsichtig Dünger ins Wasser und nahm jede Woche Maß. Sie wurden größer und größer, wuchsen und gediehen. Und dann kamen die Spinnmilben. Ich pumpte Giftschwaden über sie, vernebelte deren Sicht, bis sie aufgaben und gemeinsam mit den Blättern der Wüstenrosen zu Boden fielen. Später trieb lediglich bei einer Wüstenrose neue Blätter aus. Das musste sie also sein. Hundert pro. Es gibt keine Zufälle. Ich packte sie ein, nahm eine Gießkanne mit, pflanzte sie auf einem Hundefriedhof zwischen mit Noten verzierten Grabsteinen zweier brachycephalischen Möpsen, goss das zarte Wüstenröschen, bis sie in einer ordentlichen Pfütze stand. Zu meinem Entsetzen musste ich allerdings feststellen, dass mein Wüstenröschen noch nicht blühte. Alles umsonst. Wenn sie nicht blüht, dann finden sich in den Gebissen der verblichenen Möpse auch keine goldene Knochen. Der Beweis dazu? Dazu brauchte es keines Beweises. Hätte ich in den Mopsgräbern nachgegraben, ich hätte in deren Totenköpfen keine goldene Knochen gefunden. Niemals, nie, nicht, never ever.”

Er schaute mir ins Gesicht.

“Das war aber eine sehr eigenwillige Geschichte.”

Ich nickte. Das Glück ist immer mit den Tüchtigen. Ich war nicht tüchtig genug mit meinem Wüstenröschen. Ein wenig mehr Tüchtigkeit und Streben hätte mir vielleicht geholfen. Mehr Leistung, mehr Einsatz. Und ich wäre jetzt im Besitz der goldenen Knochen.

“Und was ist mit deinem Wüstenröschen passiert?”

“Das Herrchen der beiden verblichenen Möpse tauchte mit drei weißen Lilien an der Grabstätte auf und legte die Lilien dort einzeln nieder. Dabei verdrückte er zwei Tränchen, bekreuzigte sich einmal und rupfte nebenbei mein Wüstenröschen aus. Ganz humorlos. Kein Witz. Jetzt wird sie nicht mehr blühen. Und die goldenen Knochen sind verloren.”

Er nickte nachdenklich.

“Weißt du, dass die Amerikaner eine neue Witzform in den letzten Jahren kreiert haben? Diese Witzform hat sich auch bei uns breit gemacht. Die nachträgliche Verneinung mit dem Wort nicht. Also, so zum Beispiel: Ich frühstücke jeden Morgen drei Clowns. Nicht.”

“Du frühstückst jeden Morgen drei Clowns?”

Nicht.”

“Nicht?”

“Hab ich doch gesagt. Du musst die Pause richtig mithören. Das Nicht ist kein ‘nicht wahr’, sondern die nachträgliche Verneinung des zuvor gesagten.”

“Und das Witzige daran?”

“Der Erzähler ergötzt sich an der Reaktion des Zuhörenden. Der glaubt erst dem Inhalt des Satzes, dann hört er Nicht und versteht, dass das Gegenteil gemeint war. Der Erzähler sieht die Verwirrung beim Zuhörer, findet das witzig, dass er seinen Zuhörer in die Irre geleitet hat, und grinst. Der Zuhörer sieht das Grinsen, versteht, dass das er Opfer eines verbalen Streiches geworden ist, und grinst, weil erstens der Erzähler grinst und zweitens, weil er kein Spielverderber sein möchte. Und das Wichtigste: Grinsen macht gute Stimmung. Grinsen macht glücklich. Alle sind dann happy. Du verstehst?”

“Also am Schluss eine Pause zwischen dem Satz und dem Nicht? So wie bei Zuschauer … Innen? Und alle sind happy? Das ist lustig?”

“Deine Geschichte von den begraben Hunden fand ich voll interessant.”

“Ach?”

Nicht.”

The Masked Singer (Eggnog-reloaded)

Statistischer Statikstatistiker in der künstlerischen Kunstkinetikdynamisierungskreativwerkstatt bei Kaatsheuvel in den Niederlanden. Das liegt in der Nähe von Efteling, dem bekannten Vergnügungspark mit Fahrgeschäften mit Märchenthema, Achterbahnen aus Holz, Wasserfontänen und Lichtshow. Damit war eigentlich alles über ihn gesagt. Wenn er sich so in den Kneipen bei einem Bier anderen Kneipengängern vorstellte, dann war die Reaktion immer die Gleiche:

“Efteling! Ja, da war ich mal, als keines Kind mit meinen Eltern. Toller Freizeitpark. Fast so schön wie ‘Phantasialand’ oder ‘Europapark Rust’. Aber Efteling ist einzigartig. Efteling halt. Frikandel Spezial dort, das war da immer ganz toll!”

Er war immer erstaunt, dass Efteling zusammen mit ‘Phantasialand’ oder ‘Europapark Rust’ in einem Satz verwendet wurde. Die Leute waren in ihrer Kindheit schon viel rumgekommen, so schien es. Mobile Eltern mit ganz viel Freizeit in Bayern. Ein allgemeines Luxusgut der Bayern. Die sind immer so mobil, dass es manch einem bayrischen Ministerpräsidenten der Gegenwart beim Gedanken daran unheimlich wird, eingedenk des Tourismus der Bayern im eigenen Bundesland.

Naja, es wurde nicht nur ‘Frikandel’ genannt. Alternativ zu ‘Frikandel’ waren auch immer wieder Poffertjes mit Puderzucker, Zuckerwatte, Pommes rot-weiß-gelb oder der Gauda von Frau Antje im Munde der Gesprächspartner.

Oder irgend manch einer fühlte sich berufen, originell zu erscheinen, und meinte flapsig guttural:

“Ercht? Chrolland? Chrrrudiekarell!”

Dann haute er immer nur seine Antwort als Gegenfrage raus: “Miereneuken?”

Die befragte Person war dann generell sichtlich ratlos: “Miereneuken?”

Worauf er dann provozierend lässig zurück gab: “Neuken in de Keuken, ne.”

Dann war Stille. Schicht im Schacht. Ruhe im Karton. Und er war wieder mit sich alleine. Und keiner kannte noch immer nicht seinen Namen. Aber es ging manches mal weiter:

“Trinkt ihr eigentlich noch immer Heineken? In Holland?”

“Immer zur EM und WM. Ehrlich. Da sind wir konsequent. Und wenn wir mal nicht dabei sind, dann Grolsch.”

“Ich mag deinen Holländischen Akzent. Er hört sich an wie …”

“Chrrrudiekarell?”

“Nein, eher wie Coffeeshop. Sag mal, haste was dabei?”

“Kriegst hier kostenlos nur auf Drogenfahnderausweis. Ohne kostet es dich die Freiheit.”

“Wieso?”

“Miereneuken?”

Somit war endgültig mit der Konversation Schicht im Schacht. Niemand fragte nach seinen Namen. Alle wollten immer nur standardmäßig wissen “Und? Was machst du so?” Dann sang er ungefragt sein Lied hinter seiner Phrasen-Maske. Und jeder hörte ihm zu, ohne je seinen Namen zu erfragen.

Bis zu dem Tag, wo sie neben ihm stand. Er hatte wieder sein Provozierendes “Neuken in de Keuken, ne” zurück gegeben, worauf sie ihn kühl und gleichzeitig lauernd lasziv von oben bis unten musterte:

“8 Eier, ne.”

“Wie meinst du?”, fragte er etwas positiv irritiert.

“Vanille-Zucker. Ein oder zwei Päckchen, damit es richtig lecker nachher der Kehle runterläuft”, hauchte sie ihm leicht entspannt vorgebeugt ins Ohr, „ja, dann noch 250 Gramm Puderzucker für die acht Eier. Aber nur für das Gelbe vom Ei. Eiklar braucht keiner, wird vollkommen überschätzt. Eiklar kann jeder Hansel. Nur die Wahren verstehen sich auf die Konzentration auf das Wichtige. Auf das Gelbe der Eier, nicht wahr. Und das entscheidende dabei ist doch, diese acht Eigelbe der Eier locker mit aller Liebe aus der rechten Hand schaumig zu schlagen. Das ist alleinige die wahre Kunst.”

Ihr Blick wanderte von seinen Lippen zu seiner Brust. Er verharrte einen Augenblick auf seiner und beschloss dann doch tiefer zu wandern: ”Dann 375 Milliliter Dröpje voor Dröpje Kwaliteit Kondensmilch träufeln lassen. In den Schaum. Ein Traum. Und dann ein gutes Glas Rum. Ein Viertel Liter. Zur Geschmacksveredelung und für die benötigten Umdrehungen. Oder auch etwas mehr. Des Geschmackes wegen. Du verstehst?”

Ihr Blick glitt zurück, aufwärts, zu sein Kinn, zu seinen Lippen, schien sich an diesen festzusaugen: “Und darauf alles im heißen Wasserbad so richtig mit Gefühl rühren, bis die Masse cremig sämig vom Finger runtertropft, wenn es über das Finger … glied … läuft und beim Ablecken auf der Zunge eine heiße Geschmacksexplosion hinterlässt.”

“Du, Sau, du!”

“Neuken in de Keuken? Bei mir?”

Er schluckte erregt und versuchte bei seiner Antwort nicht allzu needy zu erscheinen. Dabei schaute er auf den Bauchnabel von ihr, den ihr Top frei zur Ansicht gab.

In seinen Erinnerungen fühlte er sich in die Zeit der End-Achtziger des letzten Jahrhunderts zurück versetzt, als alle Frauen bauchfrei im Sommer waren. Tops waren ganz groß in Mode bei den Twens und jeder sichtbare Bauchnabel tagsüber ein Versprechen für die nachfolgende Nacht. Zu mindestens für die generell nachfolgende Nacht allein im eigenen Bett.

Sein Kopfkino projizierte ihm jetzt das Wildeste. Die Nacht war jung und er bereit.

Alles, was danach in ihrer Küche passierte, ordnete er als Vorspiel ein. Ein Vorspiel, wie er es sich nie vorgestellt hatte. Nun, in Wahrheit ging seine Vorstellung in eine andere, mehr explizite Richtung. Aber es war okay, wie es war. Kein Mensch glich einem anderen. Jeder Mensch plante sein eigenes Vorspiel mit seinem eingeladenen Partner. Und er, er wollte sich sich drauf einlassen. Er war nicht der Spielregel-Steller, er musste nicht bestimmen. Sie sollte es tun.

Nie zuvor hatte er mit einer Frau zusammen in deren Küche Eierlikör hergestellt und in Flaschen abgefüllt. Es lief alles so locker, so easy-going, so harmonisch ab.

Er fühlte sich zurückversetzt, in die Zeit, als er noch nicht ganz Dreißig war und das Leben unbeschwert von der Zukunft war. Unbelastet. Leger. Ohne Probleme.

Er blickte sie in der Küche an und für einen Moment sah er in ihr eine ehemalige, damalig Liebe von ihm. Jene hatte er damals kennengelernt, in seinen Endzwanzigern und sie war damals in seinem damaligen Alter. Ja, und sie – die jetzt vor ihm in der Küche stand – sie war auch kaum älter.

Die ganze Prozedur des Eierlikör-Brauens war von Vorkosten und Abschmecken mit dem Rum begleitet. Er genoss das Ganze und prägte sich das Rezept ein. Es war simpel und genial. Und das Ergebnis verführerisch lecker. Er war im Flow, zu allem bereit und auch fähig, für was kommen mochte. Sie sollte nur so weiter machen. Er würde mitmachen.

Beide saßen verschnaufend vom vielen Rühren und vom Probieren angeschicktert auf ihren Küchenstühlen und sahen auf ihre Gläser Bessen Jenever, den sie aus dem Küchenregal gezogen und eingeschenkt hatte. Er trank sein Glas gleich in einem Zug leer. Lecker. Bessen Jenever. Gab es nicht auch ein Werbelied von “Chrrrudiekarell”? Auf seiner Schlagermelodie “Goethe war gut”? Er war in Laune zu allem, kicherte angesäuselt und gab sich Mühe, bei seiner Überleitung:

“Das war kolossal. So wie von dir wurde mir noch nie in einer Kneipe auf meine Phrasen geantwortet. Das hatte Klasse. Du bist ne Nummer für sich. Top.”

“Das stimmt. Bislang bist du der Erste, der vorgibt aus Holland zu stammen, mit Worten wie ‘Miereneuken’ um sich wirft, aber mit ‘Dröpje voor Dröpje Kwaliteit’ keine Probleme hat.”

“Naja, Hauptsache der Rum für den Eierlikör war vorhanden, nicht wahr. Und dieser Bessen Jenever ist auch Klasse. Wo haste den her?”

“Tja, Bessen Jenever ist Holländisch. Nur ‘Dröpje’ hat mit Holländisch nichts zu tun, sondern ist Boomer-Slang.

“Bommer-Slang?”

“Kondensdosenmilchwerbung der 70er. Eure Generation. Wenn es das Wort ‘Dröpje’ im Holländischen gäbe, hieße es korrekt ‘Druppeltje’. Aber das wissen die Niederländer sowieso. Aber ihr Boomer, ihr wisst das nicht. Ihr seid ja so Nabelschau-fixiert, dass ihr gar nichts mehr merkt.”

“Was?”

“Du Statistischer Statikstatistiker in der künstlerischen Kunstkinetikdynamisierungskreativwerkstatt bei Kaatsheuvel in den Niederlanden.”

Sie trank ihren Bessen Jenever in einem Zug aus und ergriff danach gleich sein leeres Glas vor ihm, um es wegzuräumen:

”Okay, Boomer, Namenloser-welcher. Danke für deine Hilfe beim Eierlikör-Rühren. Geh jetzt. Und Tschüss.”

Pro contra Contra. Hart, aber fair?

Es ist mir klar, dass das, was ich schreibe, immer auf der Kante genäht ist. Wahrheit ist immer eine Händewaschung eines Pontius Pilatus entfernt. Mit Trinkwasser. Nicht mit Klowasser. Ist zwar das Gleiche, aber diejenigen in den Dürreregionen werden so etwas eh nie verstehen.

Ein “Pro” zieht immer genügend “Contra” nach sich. Ein “Contra” begibt sich immer in die Sturmfluten eines “Pro”s. Und ein “Pro” war schon immer in den Wellenbergen des “Contra” ein Schiff ohne Kapitän und Sextanten. Von mir als konstruktive Kritik gemeinte Kommentare in diversen Bloggen, würden – weil unbequem und noch mehr unbequem – schon mehrfach als destruktiv und aversiv eingestuft. Weil die Blog-Owner es so lesen wollten, statt zu fragen, wenn sie Zweifel hatten. Entsprechend waren die Konsequenzen. Belegt mit einem Bann schmücken mich zweifelhaft diverse herausragende Blogs. Gefragt wurde nie von deren Schreiberlingen, was ich meinte. Reagiert wurde lediglich auf deren eigene Befindlichkeit.

Nie ist ein “Pro”-Anhänger damit zufrieden, worüber ein “Contra”-Adept sich in Applaus überschlagen würde. Und umgekehrt. Wenn sich ein Schlager-Adept dazu entschließt, hinsichtlich einer Begebenheit eine von anderen als seltsam empfundene Meinung zu vertreten, dann ist das erst einmal nichts ungewöhnliches. Wenn aber dann ein Sponsor eines jenen sich von eben jenen zurückzieht, dann wird gleich mit dem Begriff “Zensur” gekartet. Denn der Sponsor entzieht jenem die Gelder, die jener vorher erhalten sollte. Der Sponsor fühlt sich nicht mehr von jenem vertreten und entzieht ihm dessen finanzielle Zuwendung. Kein gleiches Ziel ergibt keine gleiche Loyalität per zuvor gemeinsam geschlossenen Vertrag.

Wenn sich ein Ehepaar bei deren Heirat auf Treue vereinbart hat und dann einer der beiden Ehe-Unterzeichnenden später diesen Begriff der “Treue” anders interpretiert, dann ist also die neue Interpretation unadaptiert. Und beide können ihre Ansichten über die Divergenz derer Ziele äußern. Nur wenn beide nicht die gleichen Sprachrohre habe, ist das ungerecht? Haben dann beide sich selbst überhaupt gemeinsam verstanden?

Ist es ein Fall für den Begriff “Zensur”, wenn der eine Mensch seine Interpretation von “Leben” und “Treue” erklärt, und der andere Mensch sich auf gesellschaftlich mehrheitliche Konventionen beruft? Wenn der eine sich auf den Begriff “Wandlung” beruft, der andere Mensch sich auf das „Wort “Loyalität” beruft? Und beide damit deren eigenes Verständnis von “Treue” meinen? Und somit die Abweichung als “Untreue” bezeichnen? Und die geäußerte und untersagte Meinung zur Deklaration dieser Abweichung als Zensur bezeichnen? Oder wird da “Zensur” mit “Loyalität” durchgemixt?

Kompliziert? Sicher das. Je nach Standpunkt.

Das Wort “Zensur” ist immer recht leicht verwendet. In Deutschland kennen 13 Millionen Mitbürger die Auswirkungen von Zensur vor 30 Jahren. Die anderen kennen es nur noch vom Hören-Sagen derer Elterns-Eltern. Wenn überhaupt, dann ist das Wort “Zensur” so eine Vokabel, welche nolens volens als Schlagwort der “Rhetoriker für Arme” dient. Also jenen, die es nur als empathische Vokabel inkarniert haben. “Zensur” war bislang immer etwas, was staatlicherseits den Untergebenen zwangshaft verordnet wurde.

Und jetzt ist ein beliebiger Begriff, unterworfen der eigenen Überlegung. Ohne Sinn und Verstand. Aber schlagkräftig.

“Zensur” ist inzwischen der Kampfbegriff der Linken, der Rechten und der Mitte, welche privat geäußerte Ansichten nicht in dem eigenen Kontext einordnen wollen. Geschweige überhaupt darüber nachdenken wollen. Der wohlfeile Anwurf, der andere mache sich der Zensur verdächtig, wirkt wie ein Anwurf eines Hundert-Gerechten gegen einen Betrüger.

Hm? Was? Was habe ich da geschrieben? Dass private Menschen für deren Meinung von privaten Menschen haftbar gemacht werden? Das private Anwürfe gegenüber anderer nicht mehr privat sein sollten? Privat? Was ist privat? Wenn Frau Merkel sagen würde, dass die Demokratie ein Scheißdreck wäre und Steinmeier als Bundespräsi erklären würde, es wäre nur Merkels private Meinung gewesen … geht das?

Geht natürlich nicht. Weil Merkel ist per se politisch. Hätte sie das nicht gewollt, hätte sie auch in den Vorstand von DSDS oder so klettern können.

Nur  allein, wenn ein Schnulzensänger sich – angesichts der Tatsache, dass er sich als öffentliche und bedeutsame Person identifiziert hat – dazu entscheidet, seine Hinterlassenschaften auf dem WC des gelben Boulevards (“Yellow Press”) als wichtige Meinung zu hinterlassen, dann ist das “Pulp”. Und was sich daraus entwickelt: “Pulp Fiction”. Trash as trash can. Quentin Tarantino hat bewiesen, dass selbst “pulp” für Niveau bester Güte herhalten kann.

Soweit so lustig. Niemand kann jemand daran hindern, sich als Hahn zu deklarieren,der jeden Morgen auf dem eigenen Misthaufen der aufgehenden Sonne seine Stimme als Protestnote entgegenkräht. …

( … ich bin mir sicher, dass ich mit diesem Satz garantiert 50% Sympathie derer erhalte, die aufgrund ihres Jobs gezwungen sind, vor dem ersten Jesus-Hahnenschrei aufzustehen, obwohl deren Körper das easy-going-Signal “Relax, don’t do it” erhalten … so etwas nennt man wohl Populismus … oder den Reflex der Natur …)

… Also, niemand kann jemand daran hindern, sich als Hahn zu deklarieren, der dreimal kräht, um all deren Jünger aufzuwecken, nur weil er sagt, er habe die nachdenklichen Seiten beim Sonnenaufgang entdeckt.

Das Symbol des Sonnenaufgangs ist ein gängiges. Wie häufig liest man in den Kommentarspalten des Internets den Ruf, dass die anderen aufwachen sollten, weil sie noch schlafen würden. Der Wache ist das Ideal. Im Gegentum zum Un-Wachen. Also, der Wachturm als das Leuchtfeuer der Sektierer.

Man sei ja bereits mehrere Stunden wach und dieser Waschzustand mache nach all diesen Stunden des Wachens müde. Hm, das hör sich nach dem Credo der Frühaufsteher an. Alterssenilität. Grauhaarige, alte Menschen. Ab in die Gruft, ihr Grufties.

Die Sonne geht unter, die Sonne geht auf. Alle anderen starren nach Osten, um das rotierende Rad des Schicksals zu erblicken. Aus den ersten Sonnenstrahlen wird die Zukunft gelesen und als Wahrheit verkauft. Gegenstimmen dienen als Beleg der eigenen Richtigkeit und der Falschheit der anderen. Nachdenken ist nur noch der Reflex auf Einwände der eigenen Seite bezüglich des Nicht-Nachdenkens.

Ich schaue aus dem Fenster. Wie immer seit dem Lockdown im Frühjahr dieses Jahres. Gestern wurde der Kran abgebaut und somit dessen Leuchtfeuer, welches den Werkern am Morgen halfen zu sehen, wo sie arbeiten mussten. Der Kran ist weg. Die Rohbauten werden gerade verputzt. Seit fast einem viertel Jahr erscheint es, als ob die Bautätigkeiten nur noch mir halben Dampf laufen. Ich muss die Fenster mal wider putzen.

Ich schau nach draußen und beobachte die “90/100000 Einwohner”-Auswirkungen. Ich hoffe, es hat keine Auswirkungen. Freundliche Hoffnung. In meiner Firma hatte ein Mensch einen Covid-19 positiv Test und die ganze Abteilung mit 94 Mitarbeitern wurde herunter gefahren. Berechtigt?

Damals hatte auch jemand ein Testergebnis HIV-positiv und es wurde nicht gleich die ganze Sozialabteilung vom hauseigenen Swinger-Club in Quarantäne geschickt. Obacht: HIV, nicht Cov-19. Ficken, statt küssen.

Ich schaue aus dem Fenster meiner Firma in den Sonnenaufgang. Ein Mitarbeiter erinnert mich daran, dass meine Maske nicht korrekt sitzt. Ich entschuldige mich. Home-Office ist halt nicht meine Möglichkeit. Aber ich lese dann, dass meine aufmerksamtrue Kadavergehorsam sei. Treue. Schon wieder das Wort, wo so viele aufschreien. Aufschreie. Durch die allgemeine Zensur unterdrückt?

Ich verfalle ins Grübeln. Es wird mir klar, dass das, was ich schreibe, immer auf der Kante genäht ist. Hart, aber fair? Keine Ahnung.

Kneipengespräch: Das Bier und sein Meinungsreinheitsgebot

“Und? Wie isses?”

“Wie soll’s schon sein. Schlecht ist noch geprahlt.”

“Was ist so dringlich?”

“Unser Kölsch soll verboten werden.”

“Red’ keinen Müll.”

“Wenn ich es dir doch sage.”

“Unser Kölsch?”

“Es entspricht nicht dem deutschen Reinheitsgebot. Ich buchstabiere: ein rein, ein Heits, ein Gebot. Es geht um ein reines Lebensmittel. Es entspricht dem nicht. Sagen Biertrinker aus bayrischen Kneipen. Und nicht nur dort.”

“Nicht? Wie kann das sein? Es geht doch rein. Und das zugleich mit jedem Heitsgebot. Oder etwa nicht?”

“Kölsch ist nicht gesellschaftsfähig. Das Reinheitsgebot hat seinen Ursprung in Bayern, nicht in Köln. Das sollte jedem zu Denken geben. Zum Nachdenken.”

“Du machst Witze! Nachdenken über solche Seiten einer Meinung? Welche andere aufziehen wollen? Welche Interessen haben diese? Werden die von wem Speziellen dafür finanziert?”

“Kölsch widerspricht der bayrischen Bierkultur. Und weil das so ist, ist das jetzt ein gesellschaftlich missliebiger Faktor.”

“Hä? Kölsches Obergäriges ist nicht wie obergäriges bayrisches Weißbier zu beurteilen?”

“Es geht darum, welcher gesamtgesellschaftlichen Frage man Priorität einräumt, und wie man das dann gesamtgesellschaftlich löst. Dazu müssen alle Teile der Gesellschaft ihren Beitrag leisten. Auch mit Verzicht. Ansonsten steht eine Infizierung mit dem Kölsch-Virus als Gefahr für das bayrische Bier im Raum.”

“Du redest wie die Klimawarner. Hier geht es um Kölsch. Und nur um Kölsch. Und eben das hat seinen uneigennützigen Status in der einträchtigen Gesellschaft hinsichtlich des Reinheitsgebots.”

“Ein Vergleich mit solidarischem Verhalten bezüglich dem Reinheitsgebot ist absolut treffend. Die Bayern haben dazu eine eindeutig eherne Meinung. Es ist das, was man hier und heute am Tresen besichtigen kann. Das Kölsch in dünnen Stangen-Gläsern versus das bayrische Bier in stabilen Willy-Becher-Gläsern. Das bayrische Bier macht mehr her.”

“Aha.”

“Die Warnung vor dem Kölsch erinnert total an reine Panikmache. Hier wird der Konsum lediglich versucht, durch Angst und negative Gefühle komplett negativ zu beeinflussen. Ohne wissenschaftlich erwiesene Hintergründe, für die man nicht nur ein halbes Jahr analysiert haben muss. Der Bierkonsum und der Kölschkonsum sind gesellschaftlich verankert und bestehen schon länger als nur ein paar Monate. Und eben darum: Ich lass mir nichts verbieten. Ich lass mir meine Freiheit beim Bierkonsum in Bayern nicht einschränken.”

“Aber es gibt genügend Menschen in diesem Lande – und auch in Bayern -, welche Kölsch nicht als Bier klassifizieren. Sondern als pissgelbe Brühe. Menschen, die sich dem sogar vehement verweigern, um deren Gesundheit nicht zu schaden.”

“Ja, ja, jene Sonderlinge mit der Meinung, sie wären es nicht gewesen, Kölsch getrunken zu haben, weil sie nur echtes Bier trinken würden. Maximal waren es immer nur die anderen. Ich kenn keinen, denen ein ehrliches Kölsch nicht geschmeckt hat. Und die, die einmal ein Kölsch ganz unbefangen gekostet hatten, die konnten nicht klagen. Kölsch ist kein Grund sich zu beklagen. Und für die Bayern wird es wohl nicht so schlimm sein.”

“Na gut. Mich trifft’s nicht.”

“Eben. Alles übertrieben. Dass Kölsch kein Bier sein soll, das ist wissenschaftlich nicht erwiesen. Irgendeiner hat’s in die Welt gesetzt, um Kölschtrinker zu unterdrücken. In Wahrheit geht es lediglich darum, Biertrinker zu mainstreamen, zu manipulieren. Des Biertrinkers ehrliche Meinung soll auf perfider Weise unterdrückt werden. Man will die Bayern nur als bierdimpfelnde Mitmenschen vor deren Maßkrug. Intelligente Menschen vor einer Kölsch-Stange in Bayern, das will niemand. Das ist nicht Mainstream. Und der Mainstream unterdrückt diese Wahrheit. Oder hat der Mainstream jemals darüber berichtet? Aus Bayern?”

“Wie du meinst.”

“Ja, so etwas ist lediglich ein offensichtliches Machtinstrument. Ehrlich. Ich hab keinen Bock auf Verzicht. Ich hab auch ein Recht, durch die Welt zu fliegen und Bier zu trinken, wo ich will, wann ich will und mit wem ich will. Kölsch ist sozialer Klebstoff und bringt Menschen eng zusammen. Meine Freiheit ist mein wichtiger sozialer Bier-Fußabdruck in dieser Gesellschaft. Aber da wollen mich wohl ab jetzt die Oberen disziplinieren und reglementieren. Das lass ich nicht zu, dass jene meine Grundrechte einschränken. Sie wollen uns beherrschen. Mit einem Verzicht-Diktat. Mit dem Reinheitsgebot, welches wissenschaftlich gar nicht erwiesen ist.”

“Reden wir nicht lediglich übers Kölsch?”

“Ja. Und über die Leute, die Kölsch und deren Befürworter aus unerfindlichen Gründen falsch beurteilen und deren Meinung mit diktatorischen Mitteln unterdrücken. Oder hast du schon mal jemand im Paulaner-Garten Geschichten über Küppers-Kölsch erzählen gehört? Das ist doch Meinungsdikatur!”

“Echt. Könnte man den Kölschkonsum nicht für sieben Monate mal untersagen, um festzustellen, ob Kölsch wirklich so wichtig für jedermann ist? Es gibt ja auch noch andere obergärige Biersorten.”

“Wie bitte? Du redest gerade über eine Dimension von jetzt ab sieben Monaten. Kölsch wird nichts sein, worauf man nach sieben Monaten Einschränkung keinen Bock mehr haben wird. Kölsch wird es auch noch geben, wenn man es jetzt verbieten wird. Somit ist so ein Verzicht unbegründet und die Forderung danach nichts als pure Meinungsdiktatur.”

“Äh? Wie? Was?”

“Nichts wird Kölsch per Gesetz verbieten können. Die Leute würden es privat im Keller brauen und in der Gesellschaft klandestin verteilen. Kölsch wird immer sein und nicht ausrottbar sein. Das ist Fakt. Somit ist ein Verbot nichts, was des Volkes Meinung entspricht und was man als Wahrheit zu akzeptieren hat. Und das wird man wohl noch sagen dürfen, oder? Oder ist diese Meinung inzwischen auch schon verboten?”

“Äh, Moment mal. Sich künstlich aufregen und sich laut empörend auf deiner teils abgekupferten und teils selbstgebastelten Argumentation zu berufen, dich dann in Folge beklagend, dass du nicht mehr sagen könntest, was du sagen wolltest, was aber ansonsten eh niemand hören wollte, das ist schräg. Lost. Und dann gar irgendetwas zu sagen oder auch hanebüchen zu fragen, also etwas auf jeden Fall total Provozierendes raus zu hauen, um sich dann als Messias der von dir als Unterdrückten definierten Gesellschaft zu gerieren, weil man als Tabubrecher sich hinstellt, … also, das ist rhetorisch einerseits geschickt, aber andererseits vollkommen mies. Als jemand, der vorgibt, tiefer nachzudenken, so wie du es vorgibst, also mehr zu nachzudenken als jene apostrophierte ‘Null-Acht-Fuffzich-Michel des Mainstreams’, welchen man unterstellt nur zwischen Zwölf und Mittags gedanklich etwas tiefer als die eigene Nasenspitze tauchen zu können, und sich damit sogleich den Orden des gerechten Widerständlers zu verleihen, also mal ehrlich: das ist der wohl kalkulierte, zukünftige Scheisshaussturm für die nicht eigenen Echokammern auf Twitter, Facebook und Instagram. So ein Scheisshaussturm als aufgewärmter Darmwind des eigenen Unverdauten, also, einer, der schlecht im Wasserglas riecht und sogar damit Tote aufwecken müsste, aber als Sturm taugen soll? Also mal ehrlich. Und das alles nur, weil eben jene anderen mit einem schlechten Witz ein angebliches Tabu brechen, um als Helden zu gelten, womit sie im Walhalla der Heldentaten einen Lufthauch von Heldentum aus dem Marvel-Universum an deren Riechkolben vorbeigeweht haben wollen?”

“Hm. Was hast du gesagt? So viele Worte um nichts. Das macht mich pessimistisch, dass die Menschheit so etwas überhaupt verstehen könnte.”

“Davon kannst du ausgehen.”

“Sicher dat.”

“Kölsch?”

“Gerne.”

“Biergartenrevolution?”

“Schon wieder eine in München?”

“Hast recht. Es hatte derer bereits eine in München. Lass stecken. Zuviel davon verdirbt den Mainstream-Charakter.”

“Ja,ja, der Mainstream. Er verdirbt die Menschen. Prost.”

“Jawohl, hast Recht, du Thanos für geistig Arme. Prostata.”

Das Schweigen des Mummenschanz

“Es geht dir gut?”

“Mir geht es gut.”

“Und trotzdem so schweigsam?”

“Verlustgewinnmaximierungsvermeidung. Schweigen ist das Gold der Stimmlosen.”

“Worüber möchtest du nicht reden?”

“Über das Fragen. Jede Frage will eine Antwort. Und der Volksmund sagt, dass es keine dumme Fragen, sondern nur dumme Antworten gibt. Ich möchte nicht reden. Es gibt keine Antworten, auf die ich eine Frage stellen möchte.”

“Wenn es keine dumme Fragen gibt, dann ist es wohl besser, nur zu fragen, oder? Ist der Fragen stellende Mensch dann nicht der Intelligentere einer Unterhaltung?”

“Sicher. Der Vorteil des Fragenden ist immer, dass er erst aufgrund der Antwort des Befragten bewertet wird und im Volksmund erst einmal jede Frage berechtigt ist. Kann der Befragte nicht antworten, dann ist der Fragende immer der Gewinner und der Befragte der Verlierer. Kann der Befragte antworten, dann hat der Fragende maximal eine nicht durchdachte Frage gestellt.”

“Oder er ist oberstrunzendumm.”

“Nun ja, dann ist das aber auch gleichzeitig wieder der Beweis, dass die Gesellschaft so dumm ist, deren Dumme nicht aufzuschlauen. Der Oberstrunzendumme ist somit ein Opfer des Systems, der ignoranten Gesellschaft.”

“Dann hat also niemand nichts zu verlieren, wenn jemand fragt. Entweder bin ich als Fragender der nachdenkende Mensch, der Nachdenker, der somit in Wahrheit ein Schlauer ist. Oder aber als Resultat ein Dummer, ein Opfer einer intelligenzverachtenden Gesellschaft, ohne Bildung und Kultur, welche die Gesellschaft wohl dann auch nicht verkörpert. Der ehrlich Fragende ist somit per se der Dumme, ohne seine Ehrlichkeit überhaupt unter Beweis stellen zu müssen.”

“Richtig. Denn man wird ja wohl noch mal fragen dürfen, nicht wahr. Und fragen kostet nichts.”

“Was genau ist eins plus eins?”

“Die Antwort auf ‘man wird ja noch mal fragen dürfen’, nicht wahr.”

“Korrekt. Wer nicht fragt, bleibt dumm. Der, die, das. Wer, wie, was? Wieso, weshalb, warum?”

“51 Jahre Sesamstraße können an die Ü50-Menschen nicht wirkungslos vorbei gegangen sein. Die Langzeitfolgen einer ‘Nicht-fragen-dumm-bleiben’-Generation generiert Scherereien für die Gegenwart. Viel Lärm um nichts. Viel Antwort-Geben auf unnütze Fragerei, welche intelligent ausschauen soll, lediglich aber nur Zeit frisst, um den wirklichen Fragen eine angeblich Maske runter zu reißen.”

“Leben ist Schwierigkeit. Nur der Tod ist es nicht. Leben heißt, den Gürtel festschnallen und ausschauen nach Schwierigkeit. Weißt du, was es heißt ein lebendiger Mensch zu sein? Den anderen zum Kampf herauszufordern.”

“Du zitierst aus dem Film ‘Alexis Sorbas’, nach dem Buch vom Schriftsteller Nikos Kazantzakis.”

“Ja. Als der Film endet, lehrt Anthony Quinn Griechenland eine angepasste Version des Sirtaki. Und alle Touristen bis in die Gegenwart trainieren jährlich mit den griechischen Ureinwohner dort diesen Sorbas-Sirtaki, damit sie es nicht vergessen, was Anthony Quinn ihnen vorgetanzt hatte.”

“Ja, mein Lieber, wie tief ist doch die Menschheit gesunken, hol’s der Teufel! Man hat den Körper zum Schweigen gebracht, und nur der Mund redet noch. Aber was kann der Mund sagen?”

“Fragen, mein Lieber. Fragen. Wer nicht fragt, bleibt dumm.”

“Dann verbleibe ich diesmal im Schweigen. Schweigsam zu sein, mag der stumme Applaus für Marktschreier sein, von denen jene vorgeben, sich mühsam wie Eichhörnchen zu ernähren, jene welche aber von den Heiseren immer wegen deren Lautstärke kritisiert werden. Und in der Kritik gegen jene mit eingepackt: die Schweigenden gleich mit.”

“Sagt wer?”

“Weil die Heiseren zuvor so viel geschrien hatten, dass der Satz ‘Wer schreit, hat Recht’ von denen gleich stimmlos bewiesen wurde. Denn – so palavern jene – wer schweigt, stimmt zu. Immer.”

“Irgendwie habe ich das Gefühl, der Worte ist genug gewechselt.”

“Taten?”

“Warten.”

“Auf Godot?”

“Auf die nächste Frage, die sich selber als ernsthaft intelligent klassifiziert. Ich frage mich, …”

“Genau der richtige Fragenansatz. Man wird ja noch mal fragen dürfen. Auch sich selber. Als rhetorische Frage. Wirkt intelligent. Ist aber nur ein Offenbarungseid, sich selber seine Heuchlerei zum Hang des Besserwissens nicht eingestehen zu wollen. Weil einem die Antwort, die Reaktion, die Meinung anderer eh nicht interessiert. Und das im Namen der Meinungsfreiheit.”

“Also Fragen ohne Antwortgarantie. Maskerade der eigenen Unwissenheit. Verschweigend in einer Frage gepackt, um wenigstens als nachdenkender Kritiker zu gelten. Ist diese, meine letzte Bemerkung in sich eigentlich nicht gelogen?”

“Die Antinomie des Lügners.”

“Die Bemerkung war falsch. Mummenschanz.”

“Ja, mag sein. Das Schweigen der Lämmer in der Kakophonie der Metzger.”

“Määäh. Auf zur Schlachtbank.”

“Schweig!”

“War nur ein Gedankensplitter im Scherbenhaufen des Porzellans, von Elefanten meinungsbestimmend als deren Recht auf Verbreitung deren privaten Lebenserfahrung zurück gelassen.”

“Si tacuisses, philosophus mansisses.”

“Hic Rhodus, hic salta!”

Das Corona-Tagebuch: Provinznotizen aus Deutschland Süd bei Südost (55): Die Wahrheit und nichts als die Wahrheit

Liebes Corona Tagebuch.

Ich bin unschlüssig. Jetzt habe ich so viel Information, dass ich fast platze vor Informationen. Es muss aus mir raus. Und rein in dir.

Da war doch erst neulich vor einer Woche eine riesen Demonstration. 1,3 Trillionen Leute. Das ist belegt. Da gibt es ein YouTube Video. Es dauert 84 Minuten (hier). Das kann sich man als Zeitraffer in zwei Minuten anschauen. Ungeschnitten. Denn das Zeitraffervideo von diesen 84 Minuten gibt es auch auf YouTube. Das heißt, – einfach einmal nachrechnen und du merkst, liebes Corona Tagebuch, dass ich bestimmt nicht lüge – das Zeitraffer-Video (hier) ist 42 Mal schneller, als die Demo es war. Die Polizei versteift sich trotz des Videos auf der Behauptung, es wären 20.000 Demonstranten. Nur, 42 mal 20.000, das sind doch fast an die 900.000 Menschen. Und wenn man da noch überlegt, dass dann eventuell noch 50% zusätzlich auf anderen Wegen zu den Demos erschienen sind, dann bin ich bei 1,3 Millionen Leute.

Gut. Dann habe ich mit den 1,3 Trillionen Leuten wohl ein wenig übertrieben.

Nur, wenn man davon ausgeht, dass ein normaler Mensch sich mit 3,6 Kilometer pro Stunde durchschnittlich bewegt, dann entspricht dieses einer Wegstrecke von 5 km. Und wenn dann zwischen den Reihen so 75 cm Abstand gelassen wurde, um dem Vormarschierenden nicht in dessen Haxen zu treten, und dann die Reihen so mit 15 Leuten in einer Reihe annimmt (20 Meter breite Straße an der U-Bahnstation Friedrichstraße, auf Höhe von Haus Nr. 147), ja, dann komme ich schon fast auf eine Millionen Menschen.

Das heißt somit nach Adam Riese und Eva Winzig, die Schätzung der Polizei mit 20.000 ist völlig fehl am Platz.

Und dann gab es noch das Foto. Das Beweisfoto. Okay, es war ein Screenshot (hier und hier im Detail). Ein Screenshot von jemanden von “Querdenken 711”. Das belegt völlig, dass es 1,3 Millionen mindestens waren. Aber das wurde als Beweismittel gelöscht. Und wer hat es gelöscht? Es war „Presse.online“. Die haben ihren Sitz im „Haus der Bundespressekonferenz“. Auf der Zunge zergehen lassen: „Haus der Bundespressekonferenz“. Also ganz offiziell.

Gut. Der Screenshot zeigte, dass die Browser-URL von „Presse online“ auf das Archiv vom 28.7.2020 hin wies. Nur, die Demo, die war am 1. August 2020. Aber über solche unwichtigen Details auf dem Beweis-Screenshot (hier) können sich nur Kleingeister wie ich echauffieren. Wichtig daran ist doch, dass dieses Presseorgan mit Sitz im regierungseigenen, offiziellen „Haus der Bundespressekonferenz“ es zuerst gepostet hat. Und danach wohl wieder gelöscht. Weil es garantiert die Regierung so wollte.
Und die Polizei hat die Zahl ja wohl auch gesagt. Das haben zumindest die Sprecher auf den Bühnen immer wieder betont. Und man sollte es ganz schnell im Internet posten, damit es nicht gelöscht würde. Damit es niemand verneinen kann. Damit die Fakten jeder nachlesen könne. Weil nachher der Mainstream es alles löschen würde. Diese Oberzensoren!

Das sagten diejenigen auf der Bühne. Und die haben wohl ihre Quellen bei der Polizei. Also muss das stimmen. Dass die Berliner Polizei, das wieder zurückgezogen hat, das zeigt, wie der Mainstream doch Einfluss nimmt. Da wird zensiert auf Teufel komm raus. Und, Zensur, das weiß jeder Mensch, ist dann, wenn eine offizielle Behörde der Regierung Meinungen löschen lässt. Und jeder weiß, dass der Mainstream der Regierung folgt.

Ach ja, liebes Corona-Tagebuch, Mainstream, das ist ARD, ZDF, also die Öffentlich-Rechtlichen, die großen Zeitungen, die gegen uns schreiben. Die schaue ich überhaupt nicht, und lesen erst recht nicht. Die kann man sich nicht antun. All diese Lügen, diese Zensur und so. Zum Beispiel die Bilder von der Demo. Warum müssen jene die Bilder zeigen, die unsere Bilder, deren Ausschnitt, welchen wir sorgsam gewählt hatten, angeblich widerlegen sollen. Wenn da Lücken waren, vom Brandenburger Tor bis zur Siegessäule, dann doch nur, weil alle sich im angrenzenden Tiergarten im Schatten gestapelt hatten. An die 1,3 Millionen Demonstranten. Und warum dürfen wir keine Bilder als Symbol von der Zürcher Loveparade nehmen? Das machte die Presse doch auch, wenn die von Ballermann-Zustände auf Mallorca berichtet hatte. Einfach Symbolbilder, um zu zeigen, was man meint. Das dürfen wir doch auch, oder? Gut, von Essen hatten wir jetzt keines zur Hand und in Berlin waren wegen den Drohnenverbot keine Bilder von oben machbar …

Aber in Berlin gab es auch die Loveparade. Und die Bilder als Vergleich gehen doch, oder? Auch wenn die in Berlin bei der Demo jetzt alle nicht so eng gedrängt standen. Oder wollen jene Besserwisserischen, dass jene auf der Demo wie bei der Loveparade sich eng auf der Pelle rücken, stinkend, ohne Deo, im Schweiße des eigenen Angesichts? Aufgeputscht durch Drogen, um die Hitze und Sonne durchzustehen? Nur, damit Mainstreamler bessere Fotos haben? Eben jene sind die wirklichen Wirklichkeitsverweigerer. Zeigt doch lieber, ihr Mainstreamler, dass es Menschen gab, die in der Sonne vor der Bühne standen. Das waren schier unglaubliche Menschenmengen. Hättet ihr eure Teleobjektive aus euren Fototaschen verwendet, man hätte deutlich gesehen, wie dicht alle standen. Eure 500 mm Objektive, die ihr sonst immer griffbereit habt. Dann hätte sich abschätzen lassen, wie viele es waren. Auf alle Fälle keine „nur 20.000“. Oder 13.000 Demonstranten in 84 Minuten auf einem YouTube-Video.

Liebes Corona-Tagebuch.

Ich habe letztens eine Studie gelesen, in der Wissenschaftler vor über neun Jahren festgestellt haben, dass zu einer Meinungsführerschaft mindestens 10% einer Bevölkerung eine andere Meinung haben müssen, damit sich die Mehrheit der Minderheit anschließt (hier). Das heißt, wenn die Minderheit es schafft, die 10% Schwelle zu überschreiten, dann ist ein Meinungswechsel machbar. 10% gilt gewissermaßen als kritische Masse in der Meinungsbildung, wenn man etwas als Mehrheitsmeinung etablieren will. Dann wird der Wechsel von Minderheitsmeinung zur Mehrheitsmeinung machbar, Herr Nachbar. Unabhängig von irgendwelchen postulierten Faktenlagen.

Darum sind auch die 1,3 Millionen Demonstranten so wichtig. Das wissen auch die Organisatoren von „Querdenken 711“. Und falls denen dieses wissenschaftliche Wissen fehlen sollte, so habe sie diese magische 10% Grenze wenigstens im Urin, nicht wahr. Darum haben sie jetzt auch heute über Twitter den Meister des Postfaktischen, den Donald Trump, eingeladen (hier; Screenshot hier). Er solle doch bitte auf der nächsten Berlin-Demonstration am 29. August 2020 eine Rede zu halten. Denn Donald Trump ist der einzige Präsident der USA, der in seiner Amtszeit keinen Krieg begonnen habe, so „Querdenken 711“. Und der POTUS weiß, was Fake-News sind. Der kämpft mit “Fox-TV” schließlich auch gegen den Mainstream.

Nur, warum ausgerechnet Donald Trump? Weil der auch nicht daran glaubt, dass das Coronavirus gefährlich sein soll und all die Maßnahmen dazu überhaupt sinnvoll sind. Die Einladung finde ich sinnvoll. Nur habe ich nicht verstanden, warum „Querdenken 711“ seine Twitter-Einladung nicht auch an Bolsonaro, also an Brasiliens Präsident, heraus geschickt hatte. Der ist auch bei Twitter. Und der ist auch gegen Corona-Maßnahmen. Dafür aber wie Thomas Berthold (Fußballweltmeister; hier) für das „alte Normal“, statt des diktatorisch „neuen Normal“s. Donald Trump und Bolsonaro sind ja damit im Sinne von „Querdenken 711“ die Verfechter von Freiheit und Abenteuer. Und nicht Verfechter eines „neuen Normal“s, wie es unsere Regierung und Mainstream-Parteien so gerne hätten.

Liebes Corona-Tagebuch, „Querdenken 711“ hat Donald Trump die Einladung aus vollem Kalkül gemacht. Weil der so ein kluger Kopf ist. Genauso wie die Köpfe bei „Querdenken 711“. Natürlich, ist Meinungsfreiheit ein wichtiges Gut. Deshalb wurde auch Florian Schröder nach Stuttgart eingeladen. Dort durfte er doch seine Meinung kundtun (hier). Hat es geschadet? Hat er nicht gezeigt, wie der fremd-mainstream-gesteuert agiert? Wie rief einer im Publikum: “Lasst ihn doch reden. Das ist doch nur ein Komiker.”

Nun gut, Schröder war jetzt eigentlich nicht wirklich im Sinne von „Querdenken 711“, was jener dort als typisches Propaganda-verbreitendes Regierungsfähnchen im Wind ab lies. Aber Meinungsfreiheit, gilt für jeden. Nur nicht für die Mainstream-Medien. Die sich jetzt auch noch darüber lustig machen. Diese Sackgesichter. Die gehören eingesperrt und verboten! Weil sie immer alles benoten wollen und die Zensoren in diesem Land sind. Und wir brauchen keine Zensuren. Äh, Zensoren.

Liebes Corona-Tagebuch, ich frage mich, ob ich nicht über Twitter auch Putin, Russian Today und KenFM einladen sollte. Im Namen von „Querdenken 711“. Am 29. August bei der Demo als Redner über Skype oder Microsoft Teams oder Facebooks WhatsApp dabei zu sein. Damit die Leute endlich zum Nachdenken kommen. Damit alle einmal neue Seiten zum Nachdenken bei solchen Reden entdecken. Wie bitte? Russian Today und KenFM sind eh schon dabei? Oh. Entschuldigung. Dann ist ja die Authentizität total garantiert.

Und als Zwischenprogramm könnte ich mir noch Dieter Nuhr, Lisa Eckhart und Mario Barth vorstellen. Ein wenig Satire muss doch möglich noch sein. Das Publikum will lachen. Statt dauernd immer nur zu grübeln, nachzudenken. Und mitzudenken. Statt so wie bei Florian Schröder. Es gilt der „Cancel Culture“ die Stirn zu bieten! Wer Dieter Nuhr, Lisa Eckhart und Mario Barth nicht mag, der ist für „Cancel Culture“, jene Kehrseite der Medaille, welche zuvor als „Political Correctness“ bekannt wurde. Die die Liebe-erfüllten Schreiber der Seite für „Political Incorrectness“ geboren hatte. Eigentlich sind die ja jetzt in Ordnung, weil die ja auch gegen all den Corona-Scheiß sind und auch in Berlin dabei waren, diese PI-Fans. Nur leider sind die noch politisch ein klitzeklein wenig inkorrekt. Aber diese Distanz kriegen wir auch noch überwunden. Wir rücken einfach näher an die ran, nicht wahr.

Liebes Corona-Tagebuch, ich habe dich aufgeschlagen, obwohl ich dich schon längst zugemacht hatte. Ich wollte dich nicht mehr öffnen. Aber etwas in mir sagte, schreibe. Schreibe! Denn es wird eh keine Sau lesen. Und als Satire geht so etwas eh nie durch.

Moment, Sau und Satire geht gar nicht. Sorry. Denn damit bin ich real wieder bei Tönnies. Und den Schlachtereien. Den Werksverträgen. Mit denen die Leute geknebelt werden und als Lohn dafür kaum Geld, aber zumindest Coronaviren als Bonus bekommen (… geldwerter Vorteil?!? …). Wären Menschen Vegetarier, gäbe es das nicht. Außer jene Kranken im Landkreis Landshut, bei deren Gemüseernteeinsatz. Und dann in jener Konservenfabrik für das geerntete Gemüse. Die Erntehelfer aus Rumänien und so haben auch Werksverträge. Aber das interessiert nicht weiter. Schließlich arbeiten die nicht in nicht-veganen Schlachtbetrieben. Da, wo Tiere abgeschlachtet werden. Wie in Nordrhein-Westfalen. Nicht wie in Bayern. Wo alles södergesteuert ist. Nicht so laschetmäßig.

Liebes Corona-Tagebuch, für mich ist jetzt klar, ich bin gegen die Corona-Maßnahmen. Ich werde jetzt dagegen sein. Ich werde nach Berlin fahren.

Berlin! Berlin! Ich fahre nach Berlin!

Liebes Corona-Tagebuch, ich hoffe, du findest jetzt keinen nachdenklichen Seiten mehr bei mir. Ich gebe mir jetzt dafür den Berger. Denn der mag auch Monty Python. Und wer Monty Python mag, der kann nicht schlecht argumentieren. Nein, nicht den Jens meine ich, sondern den Helmut Berger. In seiner Rolle der ersten Staffel in Folge 19 von „Simon Templar – Ein Gentleman mit Heiligenschein„. Das war, bevor er in einem der Nicht-Mainstream-Medien in das Dschungelcamp abstieg. Aber das ist jetzt eine andere Nicht-Mainstream-Information, die hier erstmal keinen Wert hat …

Liebes Corona-Tagebuch, ich fand es gut, mich in deinen Seiten auskotzen zu dürfen. Papier ist geduldig. Mehr als diese Mainstreammedien erlauben.

Jetzt werde ich dich wieder zuschlagen.

Und später wird jemand diese vollgekotzte Seite aufschlagen und sich damit einen Rorschach-Test geben, mit dem dann meine Psyche analysiert werden wird.

Später?

Eigentlich direkt nach der Veröffentlichung dieser Satire …

Provinznotizen aus Deutschland Süd bei Südost (6): Statement von Benjamin Blümchen aus dem Porzellanladen im Schweinsgalopp

Wenn ihr damit nicht aufhört, spaltet ihr die Gesellschaft! Und eben drum, weil ihr darauf beharrt, obwohl doch jeder nachlesen kann, dass es falsch ist! Ihr seid die wahren Spalter. Nicht wir. Ihr treibt die Keile in Freundschaften, Familien und Bruderschaften mit eurer verblendeten Meinung.

Quizfrage: Wer hat das gesagt?

Richtig! Immer die anderen.

Die Uneinsichtigen. Jene, die gerne Haare spalten. Auf dem Kopf der anderen. Mit einem ordentlich geschärften Beil. Ordentlich geschärft muss sein, denn Respekt und Anstand sind unabdingbar. Nur Barbaren und Nulpen nehmen stumpfe Beile. So viel Zeit muss sein für eine ordentliche Beziehung zwischen verfeindeten Parteien.

Gut. Nicht jedes Beil ist geschärft. Schärfen kostet Zeit, und Zeit ist Geld. Und wer hat heute noch Geld für so etwas übrig? Wozu schärfen, wenn man mit dem Beil auch Hobeln imitieren kann? Und so werden im Galopp Späne erzeugt. Auf jeder Ebene. Von jedem. Jeglicher Couleur. Galopp der Argumentationen im Dorf, als Peripherie des eigenen Gedankenpalasts. Das ist erforderlich. Niemand führt seinen Hund in den eigenen vier Wänden Gassi. Darum muss der Galopp im umgebenden Dorf durchgeführt werden, durch der man das eigene Schwein dann treibt.

Dem Schweinsgalopp der Antreibenden im Sulky kann ich nicht mithalten und kann dem nichts entgegenhalten. Seit Tönnies weiß ich, wohin so ein Schweinsgalopp führt: von 20 Kraftwerke, die verhindern könnten, dass die Afrikaner aufhören würden, Bäume zu fällen, und aufhören, wenn’s dunkel ist, Kinder zu produzieren, hinüber zu den miesen Werksvertrögen.

Ja, richtig. Vertröge. Nicht Verträge. Denn Tröge ernähren Schweine, die von deren Züchter und Halter im Galopp zum Bolzenschussgerät getrieben werden. Und weswegen? Weil diese die A-Karte haben, auf unseren Grillstationen zu brutzeln, bis sie schwarz werden. Schwarz bis zum Rassismus. Sie erkennen diese auch an deren schwarzen Gewand auf den Fußballplätzen dieser Welt. Die allgemein bei Fußballfans und -Hooligans bekannte „schwarze Sau“. Weil diese zu viel und zu gern schnackselnden Schwarzen – analysierte damals unsere Hochwohlgeborene Mariae Gloria Prinzessin von Thurn und Taxis – damit Probleme machen, kommt man diesen Schweinen nie auf einen grünen Zweig. Grüne Zweige enden sowieso als Holzkohle, um eben jene Schweine zu grillen, die vorher durchs Dorf getrieben wurden. Halali, die Sau ist tot. Die Sau hat sowieso immer den Schwarzen Peter. Trotz aller “Black Live Matters”-Diskussionen und trotz aller Sprachmoralisten, die entrüstet bei der Erwähnung vom Begriff “Schwarzen Peter” in Schnappatmung verfallen, statt etwas anderes zu begreifen.

Wie Sie, geneigter Leser, erkennen werden, gilt auch hier das anerkannte Peter-Prinzip, welches besagt, dass in einer Hierarchie jeder Beschäftigte dazu neigt, bis zu seiner Stufe der Unfähigkeit aufzusteigen.

Warum sollte dieses Peter-Prinzip sich nur auf Weiße beziehen? Warum gibt es kein Schwarzer-Peter-Prinzip?

Eben. Weil jene im Sulky beim Sprachgalopprennwettbewerb somit plötzlich weitere Konkurrenz bekommen würden. Dann ist es nichts mehr mit den 20 Kraftwerken, einer gut dotierten Position beim „Schlacke 05“, und geregelter Sex kommt so oft, wie Komet Neowise an der Erde vorbei kommt, um sich dann voller Grausen für die nächsten siebentausend Jahre schnell zu verabschieden. Und letztendlich will doch jeder Sex, 20 Kraftwerke, eine Schwarze Sau, die dem Schwarzen-Peter-Prinzip folgend, die Arschkarte hat, um Mitspieler vom Platz zu stellen.

Hatte ich das aus meinen Kommentaren von mir selber kopiert? Echt? Ich verletzte meine eigenen Copyright-Rechte bei mir selber? Egal. Weiter.

Wie heißt es doch schon im Deutschen: wo gehobelt wird, fallen auch Späne. Alte Zimmermannsweisheit des christlichen Abendlandes, gelebt von dessen Sohne, der damals aggressiv gewalttätig alle aus den Tempel peitschte, die ihn nicht angebetet hatten. Also ihn. Somit eigentlich seinen Vater. Also nicht den Zimmermann, ihr versteht, nicht wahr. Sein Stief-Vater ist gemeint, der aus jener damaligen Patch-Work-Family mit der Jungfrau Maria. Also, jenen mit mehr Chuzpe als Verstand. Und danach mit noch viel mehr Massel-tov, dass mit Hilfe seiner ein neues Goldenes Kalb gegossen wurde.

Nun, heute ist das auf eine Person reduziert worden. So wie heute die DDR, die BRD und der Geist auf gemeinsame Ideale eines christlichen Abendlandes sich reduziert haben. So wie die vier Evangelisten, die folgende drei waren: Peter und Paul. Kurz gesagt: Heilandsack.

Mit dem Beil in der Hand ist es vom Land der “Dichter und Denker” zu den der “Richter und Henker” ein großer Schritt für die Menschheit. Aber nur ein kleiner Schritt für jeden Spalter mit dem Hackebeil. Beim Ritt auf dem Hackebeil bleibt selten eine Backe heil. Egal auf welcher Seite.

Fakt ist, dass – als der schwarze Urmensch Afrika verließ – ein Teil der Auswanderer nach Europa kam, dort auf Wälder und Neandertaler stieß und als erstes deswegen den Spalthammer erfand. Wie wir wissen, Neandertaler gibt es nicht mehr und der Spalthammer wurde danach seinen eigentlichen Zweck zugeführt. Haare der anderen Falschdenker gab es nicht mehr. Dafür aber immerhin noch ein paar deutsche Eichen zum Spalten, damit sich daran keine Sau mehr dran reiben sollte.

Es ist eigentlich egal, wer jene Beile in seinen Händen hält, entsprechend der Bibel des christlichen Abendlandes sollte immer nur der andere gekreuzigt werden. Derjenige, der im Tempel randaliert hat und die eigenen Geschäfte gestört hatte. Also des Zimmermanns Judenbengel. Als Stellvertreter für die miesen Geschäfte danach. Stellvertreterkreuzigung als Vorform der modernen Kriege im aktuellen Jahrhundert. Wenn das der biblische Gott gewusst hätte. Er hätte die Welt zu seinem Salzsäulenkammergut gemacht.

Schuld abladen verboten. Bei mir gibt es auch ein klares Schuttabladestellenverbot. Auch wenn die langläufige Meinung herrscht, Schuld sind immer wir anderen, die sich nicht einer Meinung zuschlagen lassen wollen. Ob wir für oder gegen Maske sind, wir sind die Schuldigen. Ein wenig zu fröhlich alkoholisiert durch die Gegend gelaufen? Verantwortungsloser Corona-Party-Rebell. Oder jemand, der nicht für seine Freiheit den genügenden Ernst aufbringt, weil er keinen Anlass hat zu feiern und deshalb nicht feiern dürfte. Zum Thema “Maske” keine messerscharfe Meinung zu haben? Dann ist man schlichtweg jemand, der sich einfach keine Meinung machen will und somit der Grabschaufler der freiheitlichen Menschheit ist. Oder folgsamer, braver Bürger, der dann wie ein krummbeiniger Dackel gestreichelt wird.

Wer wie all jene, die wie Altmeier schärfe Strafen für Leute fordern, die sich nicht an die Eins Fuffzig und die Einhaltung der Maskenpflicht halten, jene haben genauso viel Berechtigung für das Anrecht auf Verstand, als auch wie jene, die alle, die Masken tragen oder auf Eins Fuffzig bestehen, als Mainstream-Uninformierte klassifizieren, alle beiden dieser jenen haben sich einen Rang im Olymp der Hardliner verdient. Gott erhalte sie. Möglichst schnell. Die braucht kein Mensch dieser Welt. Auf mit denen nach Wallhalla

Wenn einer mit Vergnügen zu einer Musik in Reih und Glied marschieren kann, dann hat er sein großes Gehirn nur aus Irrtum bekommen, da für ihn das Rückenmark schon völlig genügen würde.

Albert Einstein

Einstein hat das auf Soldaten bezogen. So wie Tucholsky sein berühmtes angefeindetes Zitat.

Ich münze es um.

Analog ist es mit den Standpunkten jener beiden Parteien im Corona-Streit pro und contra der Maßnahmen, jene Parteien, die sich selber vor jeweils den anderen warnen. Um Keile zu treiben. Weil nur die anderen die Beratungsresistenten, die Sich-der-echten-Information-Widersetzenden, die Spalter der Gesellschaft sind. Immer die anderen, die immer zu einer Musik in Reih und Glied marschieren. Dafür reicht wirklich nur Rückenmark. Zu mehr erfordert es nun mal Hirn.

Maskenparade, oder: Jeopardy for life für Mündige

Herzlich willkommen bei Jeopardy for the Up-Cleared-Ones. Wir gehen gleich ins Volle. Weil wir sind direkt und nehmen kein Blatt vor dem Mund. We are Up-Cleared-Ones. Kandidat 1, nennen sie einen Satz ohne Maske.

Ohne Maske?


Möp. Leider verloren. Kandidatin Nummer 2, nennen sie stattdessen einen ohne Maske

Trump?


Möp. Das war falsch! Das war kein vollständiger Satz! Kandidat Numero 3 nennen sie einen Satz ohne Maske.

Henry Maske boxte immer ohne Maske.


Bling Bling Bling Bling Bling. Das war richtig. Kandidatin Nummer vier. Einsatz ohne Maske?

Ruhe ist des Bürgers erste Pflicht. Und ohne Maske ist alles nichts.


Bling Bling Bling Bling. Richtig. Kandidat 1 und Kandidatin 2 haben jetzt leider nichts auf den Saldo. Es geht für beide ums Ganze. Stechen. Kandidat 1: was ist bunt und hängt unter der Nase?

Ohne Maske?


Möp, leider wieder falsch. Kandidatin 2: Sie gehen in einen Supermarkt und was haben sie immer dabei?

4711? Echt Kölnisch Wasser?


Möp. Leider wieder falsch. Ein spannendes Stechen. Die letzte Frage. Wer hat die als erster korrekt beantwortet, ist weiter. Wenn keiner sie korrekt beantwortet, sind beide draußen. Alles klar?

Ja.

Jo.


Wunderbar. Also. Sie gehen im Rheinland in einer Fußgängerzone spazieren und schauen in die Schaufensterauslagen dieser am Rhein gelegenen Stadt. Sie treffen dort jemand mit einem roten T-Shirt, der auf seiner rechten Brust ein Emblem trägt, auf dem ein Geißbock auf den zwei Türmen eines rheinischen Doms seine Vorderfüße stolz abgelegt hat. Kandidat 1, was ist das für ein Mensch?

Fußballfan?


Hmmmm. Nicht schlecht. Noch etwas genauer?

Fortuna-Düsseldorf-Anhänger?


Möp. Leider falsch. Kandidatin 2, was ist Ihre Antwort?

Also rotes T-Shirt mit Emblem auf rechter Brust, der ein Geißbock darstellt, mit zwei Türmen eines Doms und darauf der Geißbock seine Vorderfüße balanciert?


Ja, genau, das ist es.

Ich kenne die Stadt.


Wie lautet der Name der Stadt?

Sag ich nicht.


Wie?

Sag ich nicht. Ich komm aus Gladbach.


Und?

Das ist unter meiner Ehre. Das sage ich nicht. Niemals.


Möp. Sensationell, Kandidat 1 und Kandidatin 2 sind ausgeschieden. Und damit gehen wir jetzt direkt ins Finale
.

[Dschingel-Musik. Licht-Orgel.]

Kandidat Numero 3, alles easy?

Alles paletti.


Und Kandidatin Nummer 4, alles locker?

Alles gut.


Okay. Es geht um Masken. Kandidat Nummer 3, welche Masken tragen Sie?

Ich bin Internet-Künstler. Schreibenderweis. Blog mit Niveau. Ich trage keine Masken.


Bling Bling Bling Bling. Richtig. Drei Punkte. Kandidatin Nummer 4: Welche Maske tragen Sie?

Ich bin rechtschaffend, urdemokratisch, total antirassistisch, 100% vegetarisch, absolut veganisch, mag Attila Hildmanns seine Rezepte, und willst du nicht mein Bruder sein, so schlag ich dir die Gesichtserker ein.


Bling Bling Bling Bling. Richtig. Drei Punkte. Ein spannendes Finish. Kandidat Nummer 3: Ihre Maske zeigt Risse. Was machen Sie?

Ich pflanze heute noch ein Apfelbäumchen!


Bling Bling Bling Bling. Richtig. Erneut 3 Punkte. Das macht sechs. Kandidatin Nummer 4: Ihre Maske zeigt Risse. Was machen Sie?

Ich pflanze ein Apfelbäumchen, ein Birnenbäumchen, ein Sisalbäumchen und packe meinen Weber-Grill in einen Koffer, um mit meinen SUV in den Urlaub zu fahren.


Bling Bling. Leider nur zwei Punkte. Das Sisalbäumchen war eins zu viel. Es steht 6 zu 5 und die Person mit der niedrigen Punktzahl startet. Kandidatin Nummer 4: Ein Zeit-Reporter trifft Sie auf offener Straße und fragt Sie für seine Zeitung, warum Sie keine Maske tragen. Was antworten Sie?

Ich habe Asthma und kann mir jeder Zeit ein Attest von meinem Arzt dazu holen. Der meinte, dass ich angstfrei ohne Maske herumlaufen darf. Zudem liegt der R-Wert unter 1 und die Ansteckungsrate unter 50 pro 100.000. Und außerdem bin ich nicht Corona-Positiv. Meine Umgebung auch, laut App.


Uuuuh. Nein, das kann ich so nicht ganz gelten lassen. Dafür kann ich nur einen Punkt vergeben. Kandidat 3, Sie haben jetzt die Match-Frage. Nervös? Keine Sorge. Bleiben Sie locker. Die gleiche Frage: Ein ZEIT-Reporter trifft sie auf offener Straße und fragt Sie für seine Zeitung, warum Sie keine Maske tragen. Was antworten Sie?

Nichts. Aussageverweigerungsrecht! Und meine Meinung. Hier herrscht Meinungsfreiheit!


Möp. Das kann ich nicht gelten lassen. Liebe Zuschauer, lieber Zuschauerinnen, liebe Fernsehsehende aus Schweiz, Österreich, der deutschen Diaspora in Ischgl, den Balearen und Kanaren und den angeschlossenen Sendeanstalten aus Niedersachsen, Nordrhein-Westfalen, Bayern und Baden-Württemberg. Es ist jetzt spannend, wie lange nicht mehr. Aber unsere Sendezeit geht langsam zu Ende und deshalb die Stichfrage für unser beide Kandidaten. Liebe Kandidaten, geben Sie bitte Ihre Antwort auf meine Frage unabhängig von jeweils des anderen. Meine Frage: Sie sehen feiernde Menschen. Sie sind fröhlich. Sie haben Spaß. Sie fühlen sich gut. Sie sehen glücklich aus. Sie selber stehen am Rande, schauen über ihre Maske, denken sich ihren Teil und rufen denen etwas zu. Was rufen Sie denen zu? Kandidat Nummer 3?


Immer diese Feierei. Muss das denn sein? Haben wir den nicht schon genug Probleme? Ich meine, wenn andere sterben oder wegen Corona krank sind, dürfen wir doch nicht feiern, oder? Das ist doch pietätlos. Feiern aus Tradition ist doch etwas anderes, etwas würdiges. Aber das ist doch ehrlos. Kein Selbstrespekt. Feiern nur aus just-for-fun. Das ist doch hirnbefreit. Werdet mal erwachsen, ihr mit dem Peter-Pan-Syndrom! Ihr seid Schuld mit eurem Frohgemut, wenn andere leiden! Das geht gar nicht. Überhaupt nicht, ihr Empathie-Agnostiker!


Kandidatin Nummer 4. Was rufen Sie denen zu?

Ihr seid doch unglaublich! Wir haben damals zwar auch gefeiert, aber dazu hatten wir wenigstens einen Grund. So wie 1970 jene Tage und die Bilder davon, wie das chilenische Volk den Wahlsieg Salvador Allendes und der Unidad Popular im Jahr 1970 feierte. Jener echte Freiheitstraum machte dort alle freundlich, die Gesichter offen und die Augen strahlend. So etwas haben wir hier nie gehabt. Südamerikanische Fröhlichkeit. Echtes öffentliches Glück. Nicht so wie die heutige Vergnüglichkeit, welche lediglich eigene Submission belegt und mit dem real existierenden massenhaften Unglück problemlos nebeneinander her lebt. Aber ihr, ihr feiert doch wegen Anlass! Ihr konstruiert doch dauernd eure Motive, um glücklich feiern zu können. Das ist gedankenlos. Übt euch in Askese. Ihr feiert über eure Verhältnisse und wollt dabei auch noch glücklich sein! Das geht nicht! Wir haben schließlich Corona!


Danke, Kandidat 3, Kandidatin 4. Liebe Kandidatin und lieber Kandidat, wir haben Ihre Antworten in den Tele-Dialog, genannt TED, eingespeist und unsere Zuschauer und Zuschauerinnen werden jetzt anrufen und ihre Antworten über deren Analog-Telefonanschlüsse bewerten. Und in der Zwischenzeit ein wenig Fahrstuhlmusik.


[Dschingel-Musik. Licht-Orgel.]


Liebe Zuschauer, liebe Zuschauerinnen, liebe geschlechtlich Divergenten, … übrigens, soll ich erwähnen, dass die Reihenfolge der Nennung der Zuschauenden keine Bewertung deren Geschlechtlichkeit darstellt, denn wir sind hier keine Rassisten oder sonstige gesellschaftlich verwerflichen Menschen … Moment, ich bekomme gerade einen Anruf der Regie … Regie? Ja? Ja? Okay! Ja? Okay! Gut. Meine Damen und Herren, hier ist das Ergebnis der TED Entscheidung
:


[Dschingel-Musik. Licht-Orgel.]

Meine Damen und Herren, leider müssen wir Ihnen mitteilen, dass wir unseren Sendeplatz an einen Konkurrenten mit mehr Geld verloren haben, der weniger zahlt, aber dafür immerhin auch weniger investiert, weil effektiver. Seien Sie beruhigt, Ihre Fernsehgebühren sind davon in keinster Weise nicht betroffen. Empfehlenswert unsererseits sind unser gesponserten YouTube-Kanäle, die sich reger Beliebtheit erfreuen, weil sie kostenfrei für ihr Herz, Hirn und Haushaltsausgaben sind. Wir wünschen ihnen noch einen schönen Do-it-yourself-Jeopardy-Abend mit Ihren eigen Macken und Masken. Guten Abend.

Und vergessen Sie nicht: Tragen Sie immer ihre übliche Maske, wenn Sie anderen begegnen. Und denken Sie nach. Auf allen Seiten Ihres Lebens. Wie damals in den Vor-Corona-Zeiten.

Ertrage die Clowns (13): Huh, because I’m happy

Im Jahr 1949 steckte sich der junge Joachim Fest einen Zettel ins Portemonnaie, den er bis zu seinem Tode mit sich führte. Auf dem Zettel stand der Satz:

„Ertrage die Clowns!“

++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++

“Alter?”

“54.”

“Familienstand?”

“Ledig.”

“Zumindest geschieden?”

“Nein.”

“Kinder?”

“Null.”

“Glücklich?”

“Ja.”

„Wie?”

“Ja.”

“Was ‘ja’?”

“Ja wie ja.”

“Sie wollen mich vergackeiern?”

“Nein.”

“Hört sich aber so an. Nochmals von vorne. Verheiratet? Kinder?”

“Nein. Nein. Nein. Nein. Nein. Ja. Ja.”

“Was ‘nein’?”

“Weder verliebt, verlobt, verheiratet, geschieden, verkindert. Und glücklich.”

“Wofür stand das letzte ‘Ja’?”

“Ob ich Hedonist bin.”

“Aha. Also Ballermann all night long, was?“

“Wie bitte?”

“Sie sind garantiert einer dieser Urlauber, die sich verantwortungslos daneben benehmen, wenn sie rausgehen. Sei es Leopoldstraße, Berlin-City, Ibiza, Balearen, Ballermann, Las Palmas, Kanaren, Cap d’Agde, Oktoberfest, Ibiza.”

“Ich verstehe nicht. Sie erwähnen so völlig indiskret meine Verhältnisse und Destination. Ist das üblich?”

“Ledig, unverbandelt, ohne Verantwortung, in den 50ern mit 50mal 200er-Viagra im Gepäck, ohne Nachdenken ob der Probleme von Familien. Hirn frei, aber feierwütig. Und dann alles ohne Mundschutz. Und Bussi Bussi.”

“Heißt es nicht ‘Feiern in Bayern’? Wer braucht dazu plärrende Kinder, die einem die ganze Feierstimmung auf im heißen Wasser platzende Weißwürste reduzieren?”

Er holte Atem: ”Ganz am Rande meine Meinung: Echt gut, dass bald eine Vermögenssteuer für Singles eingeführt werden soll. Bin ich voll für.”

“Wer will das?”

“Ich. Und viele andere werktätigen, rechtschaffende deutsche Bürger, die Familie haben. Die jeden Euro umdrehen müssen, weil die Corona-freien Länder so weit weg sind zum Urlauben, weil unverantwortliche alte weiße Sackgesichter Ü50 wie Sie die klassischen Urlaubsgegenden mit Covid-19 verseuchen..”

“Soso.”

“Jaja. Jetzt ist mal Schluss mit der billigen Bums- und Feiermeile aufm Ballermann. Einfach feiern und Bier saufen, während …”

“… unsere Soldaten und Jungs in Afghanistan oder sonst wo erschossen werden?Recht so.”

“Wie meinen?”

“Dass Kriege mehr Opfer fordert als Covid-19, aber keine Sau wegen einem Krieg jemals einen Lock-Down hier durchgeführt hat, wenn im Bundestag Bundeswehrmandate für Auslandseinsätze verabschiedet wurden.”

“Was hat das mit einer Pandemie zu tun, Sie elender Honk von Ritchie Rich? Haben wir hier Kriege in Deutschland, Sie Tatsachenwämser? Ihr Whataboutism nervt!”

“Die größte Pandemie dieses schmutzigen Klumpens Weltraumsdreck mit humaner Atmosphäre ist das Virus des Bellizismus.”

“Oh Gott. Schon wieder so ein weltenentrückter und weltfremder Pazifist. Könnt ihr euch nicht eigentlich alle eine Rakete Richtung Mars kaufen? Dann wären wir euch Pazifistengesocks für immer los. Haben Sie überhaupt eine Vorstellung davon, wie viel Leben unsere Bundeswehr bewahrt hat? Ohne den Armeen dieser Welt gäbe es mehr ungerichteten Mord und Totschlag als ohne.”

“Lassen Sie Gott aus dem Spiel. Um Himmelswillen, das hat den Soldaten mit deren Koppel in Stalingrad damals auch nicht das Leben gerettet.”

“Arschloch!”

“Because I’m happy. Falls Sie überhaupt wissen, was happy ist.”

“Ich weiß, was Glück ist, aber deswegen werde ich nicht applaudieren, nur damit Sie besoffen, fickend und glücklich überm Ballermann wanken können, um alle mit Corona zu infizieren! Nochmals! Wir sind hier hart arbeitende Menschen, denen es nur gut geht, wenn es unserer Wirtschaft gut geht. Ohne gut gehender Wirtschaft, ist Glück lediglich eine Illusion zwischen dem Ausfüllen zweier Lottoscheine und der Ziehung im Fernsehen.”

“Das haben Sie aber schön gesagt. Und wohin geht die Wirtschaft, wenn es ihr gut geht? Schon mal drüber nachgedacht?”

“Nee, nö. Solche wie Sie gilt es zu bekämpfen. Wer Sie als Freund hat, braucht keine Feinde mehr. Es kann nicht sein, dass das Glück des Einzelnen wie Ihrem dem Glück aller entgegensteht.”

“Warum denn nicht?”

“Ins Hirn geschissen, oder was? Die Kette ist nur so stark, wie ihr schwächstes Glied es ist!”

Ich nickte freundlich aufmunternd dem jungen Mann am Schalter zu. Es erfreute mich, dass es offensichtlich mehr differenziert denkende Menschen in systemischen Jobs gibt, als ich dachte. Nun gut. Jener war nicht gerade ein ideal mündig denkender Bürger, weil er mein bescheidendes großes Vermögen in Frage stellte, aber er war immerhin auf den Weg dahin. Er musste halt noch lernen. Junger Hüpfer.

Zumindest war er jemand, der meine Interessen nicht gleich in Bausch und Bogen verdammt hatte. Und das, obwohl er locker erkennen konnte, wie viel mehr ich als er verdiene. Ihm musste doch beim Check-In aufgefallen sein, dass sein Jahresgehalt gerade die Charterkosten meines Jet decken würden. Nur, dass er deswegen nicht gleich die Revolution ausgerufen hatte, das hielt ich ihm als Bonus entgegen. Kein Revoluzzer eben. Den Sozialismus in seinem Lauf kommt  für mich weiter eine Stufe weiter rauf, dank der unermüdlichen, systemischen Servicekraft am Check-in …

Ich nahm mein Smartphone und telefonierte, ob mein Charterjet gen Ibiza schon vollgetankt wäre und ließ den planlosen Meckerer am Check-In allein in seinem München zurück.

Auf zum Feiern in erlauchter Runde. Senhor St. Rache hatte sich auch zu Besuch gemeldet. Er benötigte mal wieder ne Auszeit von den Journalisten, schrieb er mir per Threema. Ein paar sexy Doppel-D-Russinnen oder langhaarige Rumäninnen als Serviererinnen könnte er sich nach der geschäftlichen Besprechung vorstellen. Nur vorher sollten jene gefälligst mittels PCR kontrolliert werden, ansonsten könne er nicht kommen. Seine Frau ließe das nicht zu. Sie wolle schließlich nicht 14 Tage in Quarantäne wegen seiner Feierei …

Ehe ist, bis dass der Tod …

“Schatz”, er hielt ihre Hand in der seinen und streichelte sie sanft, “Schatz, ich hatte dir immer gesagt, dass diese Mund- und Nasenbeckungspflicht nichts für uns ist. Wir können unsere Gesichter nicht mehr richtig erkennen, sehen unser Mienenspiel nicht mehr. Und das ist doch wichtig, oder? Das Mienenspiel ist doch wichtig für uns Menschen und macht uns menschlich, nicht wahr.”

Er betrachtete zärtlich ihre Hand. Ein Fingernagel war abgebrochen, einer dieser Gel-Fingernägel, die sie sich immer jedes Wochenende machen ließ. Heute wollte sie auch wieder zum Aufhübschen gegangen sein, aber das Nagelstudio war bereits geschlossen.

“Schatz, hat es nicht bereits gereicht, dass wir die Ausgangsbeschränkungen anfangs vollumfänglich mitgemacht hatten? Du hattest dir einen Dackel angeschafft und ich bin joggen gegangen, um mal aus der Wohnung raus zu kommen. Mehr musste ja nicht sein.”

Versonnen blickte er zur Seite, sah den Fressnapf, der auch weiterhin neben den Mülleimer stand, und dahinter zur Erinnerung ein Hundefoto.

“Ach ja, der Dackel. Die liebe Belinda. Ein treues Seelchen von Hund”, er seufzte, “was konnte ich dafür, dass sie mir nachlief und beim Überqueren der Straße überfahren wurde? Nichts. Und das hatte ich dir tausendmal gesagt. Aber du meintest, ich hätte das absichtlich getan. Immer diese miesen, unbewiesenen Unterstellungen von dir. Du hättest wie ich joggen gehen sollen, nicht wahr. Dann hättest du auch mehr raus gekonnt. Joggen hält fit und wir Menschen müssen fit bleiben, nicht wahr. Da braucht es keinen Dackel.”

Sein Blick streifte den Ehering an dem Ringfinger ihrer Hand und spielerisch drehte er mit seiner freien Hand an den Ring. Aber kein Geist erschien, um einen Wunsch zu erfüllen.

“Aber du wolltest ja nicht. Dafür kann ich nichts. Eigene Entscheidung. Eigene Schuld. Darum musstest du ja auch die ganze Zeit zu Hause bleiben. Dafür kann ich nichts. Gesetz ist halt Gesetz. Dass du dann so zickig wurdest, darüber hättest du mal nachdenken sollen. Deine Zickigkeit hat unserer Ehe nicht gut getan. Ich habe alles getan, aber du gar nichts. Wegen jedem Kleinscheiss hast du angefangen zu streiten. Das war unnötig. Das hattest du danach auch immer eingesehen, wenn ich mit dir darüber diskutiert hatte.”

Er schüttelte dazu verärgert seinen Kopf und drückte ihre Hand ungewollt fester, als er wollte.

“Und dann, als ich letzten Montag mir die Kettensäge gekauft hatte, um in unserem Garten mal aufzuräumen, da war es dir auch wieder nicht recht. Du bist immer auf Streit gepolt. Gut. So bist du halt. Nicht deine Schuld. Aber es war völlig unnötig, der Nachbarin von deiner Kinnverletzung zu erzählen. Dafür konnte ich nicht. Bist doch selber gegen die Tischkante gefallen. Hätte ich nicht dein Kinn verbunden, wärest du wohlmöglich verblutet. Aber warum du danach immer nur Maske tragen wolltest, das habe ich nie verstanden, das konntest du mir auch logisch nicht erklären. Du brauchtest doch vor mir keine Maske. Hab ich etwas Corona? Bin ich ansteckend? Du kannst so ungerecht sein.”

Er seufzte erneut auf und streichelte ihre Hand. Eine Träne lief an seiner rechten Wange herunter:

“Zumindest, so geht es mir. Jetzt halte ich deine Hand in der meinen, Schatz. Nur wünschte ich, du wärest hier. Und nicht in unserem Garten unterm Bankplatz.”

Er schluchzte auf und Tränen rannen ihm in dürren Rinnsalen über die Wangen. Er ließ ihre Hand los und kraftlos fiel sie unterm Tisch.


”Und wie – sagten Sie – fiel Ihnen auf, dass beim Ehepaar Schultes etwas nicht stimmte?”

“Naja, gestritten hatten die immer, aber in der Corona-Zeit wurde es unerträglich, da hat er sie offenbar geschlagen, so dass sie gestern heulend mit der Kinnverletzung bei mir auftauchte. Und dann der letzte Streit heute morgen, danach die Stille, dann das Aufheulen der Kettensäge und dann wieder diese unsägliche Stille, da stimmte doch etwas nicht … ist es wahr, was ich gehört habe, dass er sie unter der Gartenbank …”

“Bitte verstehen Sie, dass wir zu laufenden Ermittlungen leider keine Auskunft geben dürfen, Frau Giesinger. Wir melden uns wieder bei Ihnen. Guten Tag.”

Provinznotizen aus Deutschland Süd bei Südost (5): Kneipengespräch und Ringo Starrs Trommelsolo

Am Tage des 16. März 2020. Der Start eines vergeblichen Versuchs eines Corona-Pandemi-Tagebuch.

Pandemi. Pandemi? Wie schreibt man Pandemi?

Mit “i” am Schluss oder mit “ie”? Google? Duden? Blog-Leser?

Deutschlehrer? Nachdenkseiten? Wikipedia?

Meine eigene Intelligenz?

———————————————————————————————————————–

Koelsch

“Du hier?”

“Ja. Nicht in Hollywood.”

“Das ist ja toll. Hollywood ist down under, helter skelter, alle in CoVid-19-Torschusspanik nach Verlängerung und Unentschieden.”

“Ach ja?”

“Ja.”

“Jaja.”

“Du mich auch.”

Der Wirt schaute mich an: “Noch ein Gin Tonic?”

Ich nickte. Mein Nachbar blickte erstaunt auf und mopperte:

“Typisch, Schickimicki München. Statt ein gutes Kölsch, jetzt nur noch Luxus-Getränke.”

“Für jeden Gin-Tonic muss ich vier Kölsch trinken, um auf den gleichen Effekt zu kommen. Und Gin-Tonic macht keine Darmprobleme.”

“”Jaja, sagen alle. Entgegen besseren Wissens. Kölsch macht sozial, Gin-Tonic elitär”

“So, so, was du wolle?”, ich versuchte meinen Worten einen tödlichen Blick hinzuzufügen. Aber irgendwie gelang mir dieser SUPERMAN-Blick nicht. Es war eher ein Bad-Boy-Blick. Ohne Effekte, ohne Wirkung.

“Entgegen besseren Wissens.”

“Du mich auch.”

Ich schaute auf meinen Gin-Tonic und in meinem Kopf bildeten sich Gedankenbilder. Abstrakt, aber konkret. Konkret abstrakt. Abstrakt konkret. Eine Art Impressionismus des neuen Jahrtausends. So wie Nolde damals. Emil. Nolde. Im letzten Jahrtausend.

“Was macht die Baustelle vor deinem Fenster?”

“Baut vor sich hin.”

“Baut vor sich hin?”

“Seit drei Wochen passiert nicht mehr viel. Entweder gibt es keinen Termin zur Bauabnahme oder die Bauherren haben Finanzknappheit.”

“Das ist schlecht.”

“Keine Ahnung.”

Ich schaute auf mein Gin-Tonic-Glas. Kondenswasser hatte sich außen gebildet. Darin unterschied sich Kölsch nicht von Gin-Tonic. Inhaltlich dafür um so mehr.

“Und sonst so?”

“Leck mich!”

Ich mochte noch nie diese allgemeinen Anfragen wie ‘Und sonst so’ oder ‘Alles gut’. Für mich die Gesprächskiller par excellence. Aber da stehe ich wohl dem gesellschaftlichen Gedanken diametral gegenüber. Wenn der Reinländer sein ‘Wie isses?’ raushaut, dann will er ein ‘Joot‘ hören und nicht, dass du gerade mit deiner Frau über die Ablage von getragenen Slüppers diskutierst und zur Klärung einen Rechtsbeistand angedroht hattest. Oder dass der Nachbar im Haus nebenan dauernd die TOTEN HOSEN über Zimmerlautstärke hört, was du als nachteilig für deine Tomaten im eigenen Garten ansiehst.

“Okay, sag mir Ort und Zeit und ich leck dich mit meiner Freundin. Sie meint, du wärst eh’ ein Leckerchen.”

Ich schaute zu ihm rüber:

“Polyamor?”

“Weißt du, warum es immer weniger Gruppen gibt, die auch unplugged gut klingen?”

“Ohne Strom?”

“In Wahrheit gibt es solche kaum noch. Weißte wieso? Kaum ein Band-Mitglied kann sich Eigentumshäuser leisten. Und Proberäume sind für einzelne kaum erschwinglich. Somit gibt es kaum noch Schlagzeug-Soli oder Gitarren-Soli auf Veröffentlichungen, weil so etwas nur Geld kostet Und an dem ‘Ordnung-Paragraf’ Ruhestörung kratzt.. Elektronische Unterstützung ist wohlfeil. Wer würde heute einen Ringo Starr bei seinen miserablen Trommel-Übungen ertragen wollen?”

“Ringo Starr wurde heute 80.”

“Ennio Morricone 91. Gestern hieß es dazu R.I.P.”

“Du bist ja eine Leuchte des Positivismus.”

“Nur weil jemand gestorben ist, der bedeutend war? Und einer sich wie Ringo Starr, so wie Paul McCartney oder Michael Jagger oder Keith Richard , die sich biologisch weigern, in einer Saure-Gurken-Zeit zu sterben?”

“Was hat Tod mit ’Saure-Gurken-Zeit’ zu tun?”

“Mainstream-Media?”

“Danke. Dass Tod nur eine Sache von Mainstream ist. Der Begriff ‘Mainstream-Media’ ist doch nur das Schlagargument jener, denen es nicht passt, wer welche Geschichte schreibt.”

“Na und? Was ist schlimm daran, wenn es nicht von den Mainstream-Medien kommt? Geschichte wird eh in Hundert Jahren später so beurteilt, wie es benötigt wird.”

“Ach ja? So wie Barbarossa, der nachweislich Päderast war, aber geschichtlich historisch positiv verkauft wird? Barbarossas Grabstätte bring erhebliche Eintrittsgelder zur Finanzierung seiner Grabstätte.”

Ich nahm eine Schluck aus meinem Glas. Ein wenig bitter, aber pseudo-erfrischend. Berauschend. Der Effekt danach. Alkohol halt.

“Hast du ein Corona-Pandemie-Tagebuch geschrieben?”

Ich nickte.

“Und was ist das Ergebnis?”

“Keines. Individuell unbedeutend, historisch nullinger, lediglich situationsbedingtes.”

“Aha.”

“Ja.”

“Aha.”

“Und?”

Ich schaute in mein Glas. Ein Seitenblick zeigte mir, dass er wieder mit seinem Smartphone beschäftigt war und wohl kaum auf eine Antwort Interesse legte.

Der Gin stieg mir zu Kopfe. Die letzten vier Monate gingen mir durch den Kopf. In meiner Umgebung gab es keinen Covid-19-Fall. Kurzarbeit ja. Hinweise auf die aktuelle bundesstaatliche Gesetzgebung, ja. Auswirkungen dazu in meinem Leben, nein.  Wenn man inmitten einer Großstadt eh als Eremit lebt, weil München eh wie eine Kirsche ist (weiche Schale, harter Kern), im Vergleich zum anderen Norddeutschland (harte Schale, weicher Kern), dann ist es unerheblich, ob man eine Maske trägt oder nicht. Denn Maske als Gesicht war schon vor Corona immer schon ein Faktor von Herrn Schick und Frau Micki.

Ich schaute auf mein Glas. Der Blick erschlich sich in meinem Hirn als ‘unwichtig’. Was ist schon der Blick auf einem persönlichen Trinkgefäß in Hinblick auf das Weltgeschehen.

Ich starre vor mich hin. Durch das Kneipenfenster. Süd bei Südost

Der Wirt winkt mit einem Kölschglas unterm Zapfhahn. Ich nicke ihm zu und kippe den Rest Gin-Tonic vor mir weg. Gin oder Kölsch, es macht keinen Unterschied, wo man es trinkt.

Meine Hand ergreift das frisch eingeschenkte Kölsch.

Corona. So eine glücksverschaffende Krankheit für Solo-Trinker.

Prost. Hau weg, die Kacke.

Ich trommel in Gedanken. So wie Ringo nie getrommelt hatte, so wie ich immer wollte , dass er trommelte, obwohl er nie mehr getrommelt hatte, als ich an sein Trommeln dachte … Ringo Starr


Provinznotizen aus Deutschland Süd bei Südost (4): Schau durch mich hindurch

Auf seiner Parkbank hielt er sein Rätselheft und notierte mit seinem Bleistift immer wieder Worte darin, welche Lösungen für die leeren Quadrate waren. Die Sonne lachte, die Vögel tirilierten, der Grashalme streckte ihre Halme der Sonne entgegen, die Maulwürfe buddelten im Verborgenen der Sonne und die Ausgezogenen führten bei Fußgänger bei ihrem Weg zu deren Linken und Rechten durch jene hindurch zu erfreutem Kopfschütteln.

Nur schon seit einiger Zeit hatte er kein Wort mehr in seinem  Heft eingetragen. Seine Lösungskompetenz war ins Stocken geraten. Verzweifelt kaute er auf seinen Bleistift herum. Weiche Mine, hartes Holz.

“’Klarsichtiger’ mit zwölf Buchstaben”, murmelte er vor sich hin. “Klarsichtiger. Hm. Klarsicht. Was ist das?”

Er schaute zu seiner Seite. Ein Mann mit blauer Maske saß neben ihm und schaute auf die Menschen auf dem Rasen. Er rückte näher zu dem Mann hin:

“Entschuldigung, ‘Klarsichtiger’ mit zwölf Buchstaben. Können Sie mir dabei helfen?”

Der Mann schaute ihn fremdelnd an: “Was soll ich? Ich kenne Sie nicht.”

“Können Sie mir vielleicht mit einer Idee weiter helfen?”

“Sie tragen keine Maske. Wollen Sie mich anstecken?”

“Ich bin Single. Und habe kaum Menschenkontakt.”

“Sie tragen keine Maske! Ist Ihnen das klar?”

“Ich …”

Der Mann erhob sich hastig und entfernte sich. Der Kreuzworträtsel blieb ratlos zurück und schaute um sich herum.

Ein älteres Ehepaar passierte gerade seine Bank. Er sprang auf: “Entschuldigung, ‘Klarsichtiger’ mit zwölf Buchstaben. Können Sie mir dabei helfen?”

Der Ehemann blieb stehen und schaute den Rätsler an: “Klarsichtiger? Also jemand mit Erkenntnis?”

“Ja, Egon” antwortete seine Ehefrau, “das muss einer sein, der nachdenkt. Das wird ein Dichter sein. Das will doch der Mann mit dem Rätselheft wissen.”

“Schopenhauer!”

“Ja, Aber auch ‘Aristophanes’ würde gehen, mein Schatz.”

“Aber auch ‘Dichter Dunst’, Liebchen.”

“Nur lediglich, wenn du das Leerzeichen dazwischen mitzählst, Herzilein.”

“Aber Egon, glaubst du, dass hätte ich nicht mit eingerechnet? Sonst hätte ich ja gleich ‘Nebelvorhang’ sagen können. Statt ‘Dichter Dunst’, oder?”

“Agathe, ich sag ja nur. Aber, der Mann ist ja so verzweifelt mit seinem Heft. Junger Mann, wie wäre es mit ‘Hofmannsthal’?”

Der Kreuzworträtsel schüttelte den Kopf: “’Klarsichtiger’ mit zwölf Buchstaben. Das muss etwas mit Perspektive sein. Nicht mit Dichtern.”

Die Ehefrau schüttelte den Kopf: “Da können wir nicht helfen. Kein Dichter, keine Hilfe. Als Rentner ist unsere Perspektive nur begrenzt, unser Ableben ist eine Frage der Zeit im dichten Nebel der Zukunft. Zeit, die wir für so etwas wie Kreuzworträtsel nicht mehr haben”, und beide gingen grußlos weiter.

Der Kreuzworträtsel kaute gedankenverloren auf seinen Bleistift und ließ sich wieder auf seine Bank nieder. Sein Blick nach rechts vermeldete ihm, dass er nicht mehr alleine dort war. Ein junges Paar hatte sich inzwischen dort breit gemacht.

“Alter Mann”, hörte er die Stimme des Mannes, “alter, weißer, weißhaariger Mann, ey. Ein Meter fünfzig Abstand! Und Maske, okay! Gilt auch für dich.”

“Ich löse nur Kreuzworträtsel. Ich suche ‘Klarsichtiger’ mit zwölf Buchstaben.”

“Wissen Sie, was Sie sind? Ein Ignorant!”

“Hm. Eher nicht. Ich suche lediglich ‘Klarsichtiger’ mit zwölf Buchstaben.”

“Ja, nee, ist klar. Aber, alter Mann, Sie sind ein Ignorant. Ohne Respekt. Oder exakter gesagt: ein Nichtswisser. Hat nebenbei auch zwölf Buchstaben. Hey, hab mal Respekt vor uns Jüngeren und lass uns allein hier sitzen!”

Der Kreuzworträtsel stand verunsichert auf. Er wollte doch nur Kreuzworträtsel lösen. Das schadete doch niemanden, oder? Das wäre doch sozialverträglich, oder etwa nicht? Er blickte zu dem Mann, der auf dem Weg ihm entgegen kam. Schlips. Weißer Kragen. Reversnadel. Anzug. Lederschuhe. Nur jener schaute durch ihn hindurch. Erblickte ihn nicht. Blickte durch ihn hindurch.

Der Kreuzworträtsel drehte sich um. Eine Frau ging auf ihn zu. Sonnenbrille. Verspiegelt. Businesshosenanzug. Grau. Zigarillo rauchend. Kühl. Unnahbar. Sexy. Ein Gang wie die Lauren Bacall. Er hob sein Rätselheft, fühlte sich ein wenig wie Humphrey Bogart. Aber sie sah ihn nicht. Blickte durch ihn hindurch. Er fühlte sich transparent. Wie ein Mann ohne Eigenschaften.

Er wendete seinen Blick zur Parkbank. Das Paar hatte sich dort der Länge nach ausgebreitet und schmuste intensiv. Er schaute zurück auf den Weg. Zwei Polizisten kamen ihm entgegen.

“Entschuldigung, ich suche ‘Klarsichtiger’ mit zwölf Buchstaben. Können Sie mir dabei helfen?”

Die beiden Polizisten beachteten ihn nicht, schauten durch ihn hindurch. Er fühlte sich in Schatten verschoben. Dabei wollte er doch nichts unmögliches. Er wollte lediglich ein Kreuzworträtsel lösen. Was war falsch dran?

Zwei Ehepaare kamen auf ihn zu, schoben jeweils einen Kinderwagen, unterhielten sich intensiv und klar vernehmbar.

“Und dann sagte er nur: Verschwörungstheorien. Kannst du das glauben? Abiturient mit Note 1.0 und dann diese Pauschalierung. Der hat sie doch nicht alle.”

“Tja, Abitur schützt vor Doofheit nicht. Nieten in Nadelstreifen, nicht wahr.”

“Und dazu hat er noch Psychologie studiert und hat hier unweit vom Englischen Garten seine Praxis an der Leopoldstraße. Einige Persönlichkeiten sind in seiner Behandlung. Jetzt in der Corona-Zeit sind wohl wieder einige in Krisen gefallen und er verdient sich nen Wolf daran.”

“Jo mei, sollen die Ärmsten sich doch mal ein wenig informieren, nicht wahr. Krise ist ja nicht wirklich und Selbstkrise erst recht nicht. Alles nur Manipulation. Alles. Wer nur dem Mainstream vertraut, der hat sein Hirn an der Garderobe abgegeben, denkt nicht mehr nach. So einer gibt nur zu denken. Hat sein eigenes Nachdenken outgesourct.”

“Ha. Mainstream. Geht gar nicht. Nicht nachdenken, erst dreimal nicht.”

“Überhaupt nicht. Mainstream, alles gelogen. Wie gut, wer Internet zu nutzen weiß. Da finden sich die echten Faktenchecks.”

“Fakten Checker? Das erinnert nur an Orwells Wahrheitsministerium. Fakten Checker sind Manipulierer ersten Grades. Fakten Checker sind nur Meinungschecker. Das ist die echte Wahrheit. Alle akzeptieren, dass jeder jeden manipuliert und sich als Wahrheitsministerium ausgibt. Orwells Vision ist doch hier und heute.”

Der Kreuzworträtsel hob sein Heft den zwei Paaren entgegen und tippte mit seinem Bleistift auf das Quadrat mit der Fragestellung. Aber die beiden fuhren mit ihren Kinderwägen durch ihn hindurch. Ohne ihn zu beachten. Er war wie Luft für sie.

“Wer durchblickt, der braucht eh keinen Fakten Checker mehr. So ein Mensch hat sein Hirn benutzt. So ein Mensch ist mündig und weiß, wo der Zug lang fährt und weiß, was kommt. So einer ist immun gegen Manipulation. So einer benötigt keine Impfpflicht mehr. Der ist geimpft.”

“Ja, stimmt, wenn die mal deren eigenes Hirn nutzen würden. Mündig ist doch nur eine Minderheit. Und eben jenen wird der legitime Zugang zur Macht verwehrt. Wir Klugen sind doch immer die Dummen.”

“Deswegen ist auch diese Corona-Krise nur Fake. Klar, es gibt Tote, aber der ganze Ballyhoo drum, das ist doch fieser Fake. Bisschen Hirn zum Durchblicken täte jedem gut.”

“Weißt du, was das Hirn von Albert Einstein kostet? 9 Milliarden. Und weißt du, was das Hirn eines normalen Bürger kostet? 90 Milliarden. Warum? Weil noch nie benutzt.”

Die letzten Worte verloren sich fast in den wehenden Wind, der kurz und heftig den Staub des Weges aufwirbelte. Der Kreuzworträtsel hielt dem Wind verzweifelt sein Heft entgegen. Die beiden Paare hatten durch ihn hindurch geschaut und deren Wägen an ihn vorbei gesteuert, knallhart auf den Zentimeter kalkulierter Weg ohne jeglichen Kontakt zum Kreuzworträtsel. Beachtet hatte ihn allerdings keiner. Nicht mal der Wind.

“’Klarsichtiger’ mit zwölf Buchstaben”, murmelte jener Kreuzworträtsel vor sich hin. “Klarsichtiger. Hm. Klarsicht. Was ist das?”

Er schaute zur Parkbank. Sie war wieder frei. Er setzte sich wieder an das eine Ende und dachte nach. Jemand setzte sich an das andere Ende. Er blickte hinüber. Ein Mensch mit dunklem Trenchcoat und Sonnenbrille. Unnahbar. Und trotzdem wohl alles im Blick. Den Kreuzworträtsel streifte er nur mit einem Blick durch seine schwarz-dunkle Sonnenbrille. Zumindest schien es so.

Der Kreuzworträtsel kaute auf seinem Bleistift. ‘Klarsichtiger’ mit zwölf Buchstaben. Sein Blick war auf die Quadrate des Kreuzworträtsels fixiert. Anfangs. Meditativ. Versunken. Kontemplativ.

Sein Blick verrutschte ins Unendliche. Auf einen Punkt hinter sein Heft. Er blickte durch sein Heft hindurch. So in der Art wie die Leute ihn zuvor ansahen. So wie er es seit dem März immer wieder erfahren hatte. Blicke ohne Bezug.

Und dann sah er die Lösung. Mit seiner freien Hand schlug er sich auf seine Stirn. Ja, klar, das war es. Zu einfach. So simpel. ‘Klarsichtiger’ mit zwölf Buchstaben. Und das in Corona-Zeiten, wo alle auf ihre Auffassungsgabe schwörten.Durch-Blick

(das ‘Magic Eye’-Bild wurde erstellt mit ‘Stereogram Maker 2.1’)