Wartebankgeschichte: For we can fly, we can fly up, up and away …

Jetzt sitz ich hier schon seit knapp zehn Minuten und warte auf den Abflug. Die lassen sich heute aber mächtig Zeit, nicht wahr.

Yep. Die haben die Ruhe weg.

Ich bin schon über 60, da hab‘ ich nicht mehr so viel davon übrig, da könnten die ruhig mal ein wenig hinne machen, nicht wahr.

Na, so schnell werden Sie doch wohl nicht sterben, hier am Gate. Zumindest gleich doch nicht.

Weiß man‘s?

Nö.

Na also. Mich nervt es regelmäßig, wenn jemand von diesen jungen Hüpfern sagt, machen Sie ruhig, lassen Sie sich Zeit, nur Geduld, und so. Haben die überhaupt ne Ahnung, worüber die reden?!

Ach, für solche ist alle Zeit ewig.

Dorian Grays der Neuzeit. So verschwenderisch, wie die mit der Lebenszeit anderer Mitmenschen umgehen, das ist ja nicht mehr normal. Das grenzt an vorsätzlicher Nötigung!

Hm. Oder an nötigenden Vorsatz.

Vorhin in der Lounge, … also, ich mein das, das, was vorher sich mal sich Lounge schimpfte …

Senator-Lounge?

Hon-Circle!

Nicht schlecht. War ich auch mal. Aber jetzt bin ich Platin-Card-Member. Dort werden Sie so richtig wertgeschätzt. So richtig in einem Special-Platin-Room. For Members only. Ich hab sogar den Pan-AM-Kugelschreiber in Gold. Eine Rarität als Special Gift for Special-Platin-Members.

Echt? Ich benötige noch vier Flüge, dann erhalte ich auch die Platin-Card. Vier Flüge noch.

Tja, dann werde ich Ihnen persönlich die Hand geben. Jetzt aber nur den Ellenbogengruß. Sie kommen gerade aus der Hon-Circle-Lounge?

Naja, was sich vorher so Lounge schimpfte. Was ich noch dazu erzählen wollte: also, da meinte doch diese Thai, das Service-Mädl in ihrem kackbraunen Lounge-Kostüm, ich solle doch meine Tasse wegräumen. Meinte die. Einfach so. Zu mir.

Ernsthaft? Hat die wirklich gemeint, Tassen als Gast jetzt selber wegzuräumen, wäre okay?

Ja. Echt jetzt. Hey, bin ich etwa Lounge-Jobber?

Das hätte die mal zu mir im Special-Platin-Room sagen sollen, die wäre gefeuert worden. Direkt. Von jetzt auf gleich. Nur schneller. Hat die denn wenigstens noch gelächelt? So als Thai, meine ich?

Ein wenig. Ich hab‘ der Thai gesagt: Mai Ling, habe ich gesagt, Mai Ling, das heißt nicht nur „Bitte“, sondern „Bitte, bitte“, so viel Zeit muss sein, nicht wahr. Und außerdem, habe ich ihr noch gesagt, und außerdem, Mai Ling, dafür wirste doch bezahlt dafür, Mai Ling, nicht wahr, fürs Wegräumen und Putzen, nicht wahr. Oder ist hier auch Servicewüste Deutschland, hab ich gefragt.

Und was meinte sie dazu?

Die wurde doch glatt pampig! Wegen Hygiene-Maßnahmen und Corona und so, meinte die, da soll jetzt jeder Passagier seine eigenen Sachen selber wegräumen.

Nicht wirklich jetzt, oder?

Und außerdem hieße sie nicht „Mai Ling“ sondern „Frau Sibenjürgen“, das stehe doch auf ihrem Namensschild. Ob ich nicht lesen könne, und ich solle sie gefälligst auch so ansprechen.

Typisch. Lounge-Besucher als Analphabeten zu bezeichnen, geht dreimal gar nicht.

Und wegen der Bezahlung, polterte sie noch, wegen der Bezahlung würde sie nicht arbeiten, weil, das wäre ein Hungerlohn. Allein die zusätzlichen Dinge wie vergünstigte Flugangebote und die Trinkgelder würden den Lohn aufwerten.

Echt? So etwas nehmen die sich inzwischen raus? Wirklich dreist! Der Hon-Circle scheint ja inzwischen recht runtergekommen zu sein. Günstig „Urlaub-machen“ wollen, aber dann noch Passagieren deren Geld aus der Tasche schnorren. Unglaublich.

Nicht wahr? Ich versuche schon meine vier Flüge vor zu verlegen. Diese Zustände im Hon-Circle sind unzumutbar. Ich habe zu ihr gesagt: Mai Ling, habe ich zu ihr gesagt, erstens habe ich den Pflicht-Negativ-CoVid-Test der Fluggesellschaft als Lizenz zum Fliegen, habe also kein Corona, und ob sie mir überhaupt einen aktuellen Negativ-Test von sich zeigen könnte, und zwar von heute?

Yep, ich wette, die testen sich erst gar nicht.

Und zweitens, es wäre mir egal, ob sie „Ziegenwürgen“ oder sonst wie hieße, sie solle mal gefälligst honorieren, dass ich überhaupt mit ihr spreche oder dass sie überhaupt den Job in der Lounge erhalten habe.

Es gibt genug Arbeitslose, die sich nach ihrem Job die zehn Finger lecken würden.

Von mir würde sie jetzt kein Trinkgeld erhalten. Dafür erwarte ich besseres Benehmen. Schlechte Kinderstube erfährt von mir keine Wertschätzung. Ihre Mutter solle sich mal für sie schämen.

Haben Sie sich wenigstens über sie beschwert?

Nein, keine Zeit. Musste zum Gate hier, wegen dem Abflug. Nur um dann zu erfahren, dass der Flug Verspätung hat. Im Hon-Circle sagt ja einem keiner was. Und Sie?

Hm. Ich wollte mal ein wenig die reale Welt am Gate kennen lernen. Weil immer nur Special-Platin-Room ist ein wenig zu abgeschottet. Wie in einem schönen Ballon mit Baldachin in der Dämmerung. Trotz den Cocktails und der Schmankerl. Man muss auch offen bleiben für die Welt, Sie verstehen?

Absolut. Immer nur Lounge, immer nur diese Begriffsstutzigen dort, die ihren Job nicht richtig verstehen wollen, das ist nicht wirklich die Realität dieser Welt. Da muss man mal raus, aus dieser Komfortzone, diesem Hon-Circle-Kokon und das Echte genießen, nicht wahr.

Wohin geht’s?

Athen. Verhandlungen. Hoffentlich streiken nicht wieder irgendwelche Piloten. Ich will pünktlich ankommen.

Corona, Piloten, Saftschubsen, Bodenpersonal, Streik. Etwas ist immer. Und dann versagt auch noch vielleicht irgendwo in einem Flugzeug irgendeine Board-Software und dann werden wieder Flüge gestrichen, weil die Fluggesellschaften nicht genug Fliegmaterial haben …

Ja. Leicht hat es nicht in diesen Tagen.

Das Leben wird immer härter. Meine Frau hat neulich die Scheidung eingereicht.

Mein Beileid.

Ach, nicht wirklich tragisch. Sie ist mit einem dieser Millennials der Generation Y liiert.

Generation Yps?

Nein, Generation Y. Also nicht wegen dem damaligen Comic-Heft, sondern das Wort wird englisch ausgesprochen: Why. Weil die jener Generation halt immer so viel fragen.

So einen hat sie sich an Land gezogen?

Yep, Baujahr der 80er/90er. Die stehen ja auf Milfs. Hatte den bereits ein halbes Jahr zuvor zufällig ohne ihr Wissen entdeckt. Nun ja. Aber jetzt, jetzt kann ich endlich mit meiner Freundin ganz offiziell auf Empfänge und in die Clubs oder so.

Clubleben und Empfänge? Ist das alles durch den Lockdown nicht weggebrochen?

Aber sicher gibt’s das noch. Im Platin-Member-Circle haben wir für so etwas eine Anlaufstelle, eine Adresse im Darknet. Da tauschen wir immer unsere aktuellsten Termine für so etwas aus. Wir haben das, wo von andere momentan nur träumen: Spass.

Wie letztens an Silvester in der Bretagne?

Musste ich leider absagen, wegen meiner Scheidungssache. Ich mein, sein wir doch mal ehrlich, keiner will diesen Lockdown, auch wenn er nötig ist. Niemand hier will ihn wirklich. Der Mensch ist ein Gesellschaftstier. Und wenn man, wie ich, auf die 70 zugeht, dann freut man sich über jede bessere Gesellschaft, die man noch bekommen kann.

Keine Angst vor CoVid-Ansteckung?

Iwo. Ich bin der Älteste in unserem Kreis.

Das ist gut, denn die jungen Hüpfer haben weniger Covid-Probleme als Boomer, nicht wahr.

Richtig. In unserem Kreis sind alle in etwa so alt wie meine Freundin, so U45. Also keine dieser alten, grauhaarigen, weißen Männer.

Das ist schön.

Wir sind alle ganz normal, haben auch paar Diverse und auch Colour of People im Kreis. Die Freundin meiner Freundin ist beispielsweise eine junge Brasilianerin aus Sansibar. Ihre Mutter war Deutsche.

Beneidenswert. Meine Frau hätte da was dagegen. Die ist eifersüchtig wie Hölle. Einmal falsch geblickt, schon habe ich ein schlechtes Wochenende. Da sind die Zustände in der Lounge im Vergleich dazu fast schon wieder paradiesisch zu nennen, nicht wahr. Sie kennen sich ja recht gut in Sachen Generationen aus.

Naja, in meiner Branche und im Leben haben Kenntnisse noch nie geschadet. Wussten Sie, dass die meisten Corona-Verschwörungstheoretiker aus der Generation X kommen? Direkt noch vor den Baby-Boomern. Generation X ist die Nachfolgegeneration der Boomer und hat den Ruf, immer vordergründig unabhängig von den Medien und deren Werbung sein zu wollen. “Nur tote Fische schwimmen mit dem Strom” war deren Slogan, damals in den 90ern.

Ich erinnere mich. Nein, ich erinnere mich nicht wirklich gerne an die.

Und auf der Generation X folgten die Millennials, die Generation Y, welche sich über den Streit zwischen Generation X und Boomer lustig machten, und gleichzeitig alles von denen hinterfragten. Eigentlich eine ganz vernünftige Generation, wenn Sie mich fragen. Weil die haben wenigstens noch das hedonistische Element mit einem gesunden Schuss Narzissmus in sich kultiviert.

Und die findet ihre Frau so toll, weil die auf Milfs stehen?

Scheidung, mein Bester, Scheidung hat immer was Gutes. Zum Beispiel ist jetzt der Euro wieder das Doppelte wert. Und der neue Platz im Haus für mich. Unbezahlbar. Habe mir letztens ein paar antike Amphoren aus der Türkei ins Haus gestellt.

Antike Amphoren aus der Türkei?

Original. Sorgfältig ausgegraben und vorsichtig gehändelt. 1a Handarbeit. 1a Antik.

Und? Selbst importiert?

Iwo. Darknet. Alles Darknet. Offiziell kriegt man sowas doch gar nicht. Einfach per Gepäck einführen, das gäbe nur Ärger mit den Behörden, obwohl es ansonsten hier doch jedem völlig egal ist. Außer dieser ‚jedem‘ kann es sich nicht leisten, dann ist das Geschrei groß. Dann kommt der Shit-Storm.

Ich sag nur Neidkultur.

Das können Sie aber mal laut sagen.

NEIDKULTUR!

Nu schreien Sie doch nicht so. Muss doch keiner wissen. Gibt nur Ärger.

Irgendwie ist das Gate recht verwaist.

Hm. Ob der Flug abgesagt wurde? Können Sie lesen was da steht?

Moment, ich muss meine Brille rausholen, ich seh nichts.

Und?

Verlegt zu Gate 12.

Gate 12? Am anderen Ende des Terminals?

Andere Möglichkeit gibt es nicht.

Doch.In drei Stunden geht von diesem Gate der nächste Flieger nach Athen. Lassen Sie uns umbuchen.

Umbuchen?

Ich lad sie in unseren Special-Platin-Room ein, weil Sie’s sind. Bis zum nächsten Flug können wir uns bei Cocktails und Snacks die Zeit vertreiben. Ich zeig Ihnen dann auch ein wenig vom Darknet. Besser als Parship und Tinder. Alle 10 Minuten treffen Sie im Darknet interessante Kontakte. Für jede Vorliebe. Zudem wird sicherlich noch die Bedienung Susanne anwesend sein.

Nettes Mädl?

Gute Kinderstube. Das wird entspannend. Kommen Sie schon, buchen Sie um. Nehmen Sie sich die Zeit, so schnell werden Sie doch wohl nicht sterben, als dass Sie dazu keine Zeit hätten. Fliegen können wir noch immer. Echte Geschäfte sind zeitlos. Selbst in Athen. Und? Wie wär’s? Ist das nicht ein faires Angebot? Die Welt ist ein schönerer Ort im Special-Platin-Room. Los! Auf, auf und weg von hier!

Gebäck in heißem Fett aufgebacken in Zeiten der Grippe (Westfalenland außer Rand und Band)

“Und jetzt gilt es!”, der Showmaster legt mir zu meinen Fingerspitzen ein Gebäckteilchen. Ich spüre ihn den Hauch von Zucker, wie er meinen Fingern sein ‘Greif mich! Pack mich!’ zuruft.

“Ihre Aufgabe: Erraten Sie, woher dieses rundliches Fettgebäck, das mit feinem Zucker bestäubt oder einer Glasur überzogen ist und mit Marmelade gefüllt ist, stammt.”

Ich konzentriere mich und öffne meine Augen. Kurz schaue ich nochmals ins Publikum.

Oder besser gesagt auf die Rundleinwand, auf denen die Zuschauer abgebildet sind. Je nach finanziellem Entschädigungsbeitrag der Zuschauer werden deren Gesichter dort dargestellt. Die SD-Zuschauer erhalten maximal 16 Pixel Platz, die HD-Zuschauer 64 Pixel, die Full-HD Zuschauer 128 Pixel, die UHD-Zuschauer 256 Pixel und die 8K-Zuschauer werden mit bevorzugten 1.024 Pixel dargestellt. Premium-Zuschauer, also Prominente der Kategorie A-D, erhalten bis zu 1.048.576 Pixel; Prominente der Kategorie E-T bis zu 102.400 Pixel und die Kategorie U-Z den Rest über 1.024 Pixel. Zumindest wurde es mir erklärt und jeder Mensch werde scharf dargestellt aufgrund der hochauflösenden Pixeltechnologie.

Ich konnte vier 1.048.576 Pixel-Promis mit einem Seitenblick erhaschen, einer davon war Diether Rossmann, der erfolgreiche deutschstämmige Jung-Milliardär aus der Traum-Metropole Hollywood, der sowohl schauspielert, singt, show-mastert  und ein erfolgreiches Start-Up in der Virologie vor einem Jahr aufgemacht hat.

“Ich hoffe, Sie sind bereit?”

Ich ergreife den Fettgebäckballen und beisse vorsichtig hinein.

“Hm, leicht und fluffig. Schmeckt heiter. Irgendwie südlich.”

“Aha, und woher stammt der?”

Ich zögere. Aber die Erinnerung an den Münsteraner Karneval steigt in mir hoch.

Westfalenland, Westfalenland ist wieder aus Rand und Band.

Als mein Mitschüler mir beim Umzug so ein Ding auf meinen Kopf zerdrückte und die Kirschmarmelade mir über mein Winnetou-Kostüm lief. Und dann war die Erinnerung an den Kölner Umzug. Als ich mit zwei Kölsch in den Händen vor mir, einen Turm dieses Spritzgebäcks, süß, verführerisch, lasziv, und ich mir mit dem Mund einen davon heraus biss und dann selig besoffen rief …

Berliner! Eindeutig Berliner! Rheinland, Münsterland, westlich vom Rhein dazu, könnte auch aus Bern sein”, laut meine Antwort.

“Münsterland ist richtig! Hervorragend!”

Der Showmaster klatschz in die Hände und dreht sich vor der Leinwand Applaus-heischend herum.

Applaus erschallt aus verschiedensten Lautsprechern und ich sehe die Pixelgesichter lachen und freundlich nickend. Ein weitere Blick von mir zu den 1.048.576 Pixel-Promi-Bildern. Konnte ich dort Boris Becker erkennen? Oder war das seine Tochter? Der Showmaster nahm meine Aufmerksamkeit zu sich.

“Der nächste Ballen. Wieder ist die Frage, woher kommt er, wie heißt er und schaffen Sie es auch diesen einzuordnen? Schließen Sie die Augen.”

Die Augen zu schließen, war eigentlich Kappes. Es war so im Vertrag bestimmt und diente lediglich dazu, dem Showmaster das Suspense-Momentum zu geben und beim Zuschauer Spannung aufzubauen.

Ich spüre, wie der Showmaster mir erneut so ein Ding vor meine Finger legt. Wieder spüre ich den Hauch des Zuckers, der meinen Fingerspitzen sein ‘Worauf wartest du, du Sau!’ vermittelt. Es ist leicht karnevalistisch, aber irgendwie nicht rheinisch.

“Sie dürfen jetzt schauen.”

Ich öffne die Augen und blicke zuerst wieder auf die Leinwand. Sehe ich dort Thomas Gottschalk? Nein, das war der garantiert nicht, aber das Pixelgesicht sah so aus. ‚Konzentriere dich nicht so sehr auf die Mega-Pixel-Bilder, suche die Bedeutsamen in den unbedeutsamen Pixel-Gesichtern‘, ermahne ich mich innerlich und blicke auf das Fettgebäckbällchen vor mir.

“Können Sie mir sagen, was Sie vor sich haben. Und vergessen Sie nicht, es schauen Ihnen heute Abend Millionen zu. Das ist eine Eurovisionssendung. Wir grüßen auch unsere Zuschauer aus der Schweiz, Österreich und aus Tirol.”

Tirol? Sagte er ‘Tirol’? Aha! Erwischt. Eigentlich wollte ich etwas anderes sagen, aber diese karnevalistische, langsame Anmutung des Ballens vor mir und dann dieser Hinweis auf Tirol …

“Das ist ein Faschingskrapfen aus der Gegen von Tirol”, erkläre ich und schaue den Showmaster provozierend offen an. Sein Gesicht läuft leicht rot an. Ihm fällt sein Fehler auf. Und er versucht, ihn zu vertuschen.

Faschingskrapfen? Sie sind sich sicher? Es könnte ja auch ein Berliner sein. Er sieht ja aus wie der vorherige.”

Faschingskrapfen aus Tirol.”

“Unsere Zuschauer kennen nur den Anton aus Tirol.”

“Ich bleibe dabei: Faschingskrapfen aus Tirol.”

“Ob das richtig ist?” Er blättert in seinen Kartenset, welches er in den Händen hält und hebt eine davon in der Höhe:

“DAS IST RICHTIG! Super! Hervorragend.”

Wieder dreht er sich Applaus-heischend zu der Rundleinwand. Die Pixel bewegen sich wie orchestriert in Begeisterung und aus den vielen Minilautsprechern erschallt begeisterter Applaus. Ich konzentriere mich auf einen der mir nahen SD-Pixelgesichter. Eine ältere Frau lächelt begeistert und tupft sich mit einem Taschentuch eine Träne aus ihren Augenwinkeln.

“Das war sehr gut! Sie sehen, die Zuschauer sind begeistert! Sie lieben Sie! An dieser Stelle möchte ich doch unseren prominenten Gast und Zuschauer Diether Rossmann fragen, wie er die letzten Minuten erlebt hatte.”

Diether Rossmanns Pixelgesicht wird groß rausgeblasen und drängt alle anderen ins kleinste SD-Format der Rundumleinwand.

”Bin ich live auf Sendung?”

“Diether Rossmann, ja du bist live auf Sendung und jetzt in Großaufnahme! Diether, wie siehst du die Leistung unseres Gastes? Was haben die letzten Sekunden mit dir gemacht? Sag es uns“”

“Hervorragend! Aber es hätte den Hinweis mit Tirol nicht bedurft, um den letzten Ballen einzuordnen, nicht wahr. Das hätte er auch so geschafft. Übrigens, an dieser Stelle möchte ich meine Fans aus dem Eurovisionssendegebiet grüßen. Ich freue mich, wenn Sie nächsten Mittwoch sich in meine Show ‘Livehaftig’ einschalten. Ich habe übrigens gesehen, der Boris ist auch Zuschauer?”

Der Showmaster reagiert leicht indisponiert: “Nein, Boris ist gerade in Tirol bei den Open-Tennis-Masters in der neuen geheizten Showroom-Halle und kommentiert das Tennis-Abstiegsduell zwischen Andorra und Deutschland. Von dieser Stelle auch ein ToiToiToi an unser Davis-Cup-Team. Ihr schafft das schon. Diether Rossmann, ich danke dir und wir sehen uns nächstes Wochenende auf der Media-Messe in Garmisch-Partenkirchen zum ‚winterhaften Sommer-Fernsehgarten‘.”

Er wendee sich mir wieder zu. Der Ballen zuvor war bereits wieder abgeräumt, ohne dass ich einen Bissen nehmen konnte. Aber ich trauerte dem nicht hinterher. Wenn der Showmaster schon zu blöd war, die Lösung in der Frage nicht zu verraten, ersparte mir somit Kalorien.

“Und nun zu dem nächsten. Wieder ein rundliches Fettgebäck, das mit lieblich-feinem Zucker bestäubt oder einer aparten Glasur überzogen ist und mit köstlicher Marmelade gefüllt ist. Bitte die Augen schließen.”

Ich tat, wie mir geheißen. Kurz darauf spüre ich wieder diesen durchdringenden Appell des Zuckers des Fettgebäcks an meine Fingerspitzen ‘Du willst es doch auch, nicht wahr!’. Und dann sind da noch diese Vibes, welche mich stutzig machen.

“Sie können die Augen öffnen.”

Da liegt er vor mir. Weiß überzuckert mit braun gebackenem Körper. Ein typisches Fettgebäck. Ich greife zu und drücke ihn. Er lässt sich leicht drücken. Trotzdem ist er nicht leicht und fluffig. Er hat eine leichte Gegenreaktion gezeigt und ruft mir eine leichte Erinnerung an Gonzo-Pornos hervor.

Gonzo-Pornos?!?

“Na? Das ist nicht so einfach, nicht wahr?”, versucht mich der Showmaster in meiner Konzentration zu stören.

Gonzo-Pornos? Da war Sonja. Die mochte solche Dinge nicht. Sie fand sie ekelig. Man konnte fast meinen, sie wäre sex-abstinent. Aber dabei war sie eine Granate in der körperlichen Kommunikation. Ein Traum, den Tausend-Millionen Männer in ihren Schlaf schwitzend träumten, bevor sie aufwachten und an ihrer Seite Leere feststellten.

Gonzo-Pornos? Gonzo? Der aus der Muppet-Show, der Stuntman mit der langen Nase? Der Außerirdische, welcher auf der Erde zurück gelassen werden musste, und sich dann den Muppets anschloss, um auf seiner Trompete einen klaren Ton zu blasen? Einen klaren Ton? Mit Trompete? Und ohne? A capella. Gonzo? Gonsheim? Gonsbachlerchen? Wie es singt und lacht? Lacht? Die Gonsbachlerchen? Mainz bleibt Mainz? Wie es sinkt und trotzdem lacht? Die immer lacht? Hessisch? Jaaa! Das musste es sein.

Ich beiße kurz in den Ballen rein und die Marmelade verteilt sich auf meiner Zunge. Südhang. Bembel. Hieß deren David Bowie nicht Heinz Schenk?

“Das ist ein Kräppel! Oder auch Kräpfel! Aus Hessen!” kommt es aus mir hervor.

“Richtig! Wahnsinn! Das stimmt! Ein Kräppel! Super!”

Der Saal erschallt in Applaus, die Pixelgesichter wogen in Begeisterung auf und ab. Und es droht nicht zu enden.

Seit der Grippe-Pandemie, welche durch Europa wütete und unzählige Opfer unter den Ü50-Menschen kostete, wurde keine Show mehr vor Publikum ausgestrahlt. Man baute anfangs Leinwände auf, auf denen das Publikum projiziert wurde. Nach der zweiten großen Pandemie in Europa wurden dann Fußballspiele für das öffentliche Publikum gesperrt. Aber da Fußball ohne Auditorium eine fade Sache geworden wäre, hatten die millionenschweren Clubs ihre Stadions mit billigen Tablets ausgerüstet. Auf jedem Sitz des Stadions stand ein Tablet und ein Zuschauer wurde direkt mit dem Tablet verbunden und konnte dann das Spiel von dem entsprechenden Sitz aus über jenes Tablet fast so sehen, wie er es im Stadion gesehen hätte, wäre er Inhaber jenes Sitzes für ein Spiel lang gewesen. Mit dem Vorteil, dass ein Riese vor ihm die Sicht eventuell versperrt hätte.

Anfangs waren alle reserviert und niemand sagte diesem Model eine Zukunftschance voraus.

Als allerdings beim Champions-League-Finale zwischen PSG Paris St. Germain und Preußen Münster urplötzlich alle Tablets ausverkauft waren und die Streaming-Gebühren ins Astronomische stiegen, wurden alle Dämme gebrochen so wie damals beim Wiehnachtshochwasser in Köln. Anfangs war es für die Fußballspieler ungewohnt, da der Sound der Tabletts nicht dem Sound wirklich existenter Zuschauer im Stadion entsprach, aber danach war es für die Spieler immer ein Höhepunkt zu sagen, dass er von jenem oder jenem oder einem Promi über Tablett beim Spielen gesehen wurde. Es war den Spielern eine Auszeichnung, wenn denen ein Promi zusah.

Das Tragen von Mundschutz oder Handschuhen war zu dem Zeitpunkt schon längst kein Diskussionspunkt für die Spieler. Sie wollten alleinig Wertschätzung für deren Auftritte auf dem Rasengrün. Und sie erhielten durch die Anzahl der eingeschalteten Tablets auf den Zuschauersitzen jene einverlangte Wertschätzung, welche denen mehr galt als der schnöde Mammon. Das war eine skurrile Situation, aber Fußballspieler wurden im Verlauf der Geschichte als die hygienischsten Sportler aufgrund aller Maßnahmen in Zeiten der Grippe eingestuft.

Die Live-Shows im Fernsehen passten sich an und hatten dann jenes Tablet-Model der Fußball-Zuschauer perfektioniert. Die Showbühnen waren umrundet von einer Leinwand, auf denen die Zuschauer als Pixelbilder dargestellt wurden. Die Technologie machte es möglich, Abstufungen zwischen Wenig-Zahler und Viel-Zahler bis hin zu Promi-Faktoren zu erzielen.

Nebenbei, die von Jugendlichen verehrte, musikalische Jugend-Combo ‘Live-Hack’ hatte ihren ersten millionenfach ausverkauften Gig in einer eigentlich als Abstellkammer dienendem Raum in Tirol, welches nachher zur Tiroler Showroom-Halle ausgebaut wurde, in der jetzt das deutsche Davis-Cup-Team Bälle über ein gespanntes Netz prügelte.

“Wir sind noch nicht am Ende. Es geht weiter. Sie haben bislang ein paar Ballen nach deren Herkunft erraten. Aber jetzt wird es schwierig. Der nächste kommt. Schließen Sie ihre Augen.”

Wieder spüre ich den Ruf der Puderzuckerschicht ‚Scheiss auf Kalorien, ich bin dein Sweetie! Fick mich!‘ in meinen Fingerspitzen. Aber das sagt ja jede Zuckerschicht. Am schlimmsten sind hierbei sowieso die brasilianischen Schokoladenbällchen, ‘Brigadeiros’ genannt. Eine Dose gezuckerte Kondensmilch, ein Ei, Butter, 4 Esslöffel süßes Milchkakaopulver. Und dann die ganze Masse nach dem Erhitzen und Stocken erkaltet als keine Kügelchen geformt in Hagelzucker gewälzt. Serviert zu einem zuckersüßen Caipirinha. Oder zu einem Schokoladenkuchenstückchen mit Zuckerlimonade. Mach mich dick. No sex, please. You do not need to sex me up, but give me Brigadeiros …

Ich öffne meine Augen. Dort liegt weiterhin dieses rundliche Fettgebäck, das mit feinem Zucker bestäubt und mit Marmelade gefüllt ist. Ich schaue es mir an. Es sieht identisch wie die anderen aus. Ich greufe zu und spüre gleich, außen weich, innen härter. Der Ballen fühlt sich separatistisch an. Da schwingt etwas eigenes mit. Eine Eigenart, welche auf ein Individualcharakteristik-Gefühl hinweist. Nein, da spielt kein Nord- oder Südhang oder Schieferboden eine Rolle. Da steckt eine Identität dahinter. Eine Identität, welche sogar die Römer nicht mochten und deshalb keine bedeutsame Stadt der Gegenwart gründeten. Aber trotzdem noch einen Limes! Paderborn? Bielefeld? Nein, es war nihilistischer, südlicher. Ich beisse rein. Da ist er, der Geschmack. Nach Freiheit und Abenteuer. Nach Wildheit und Unberechenbarkeit. Mit einem Hauch verruchten Pulverdampf, der meinem preußischem Gemüt entgegenwirkt.

“Das ist ein Krapfen. Eindeutig. Ein Krapfen aus Bayern. Ich würde sagen, aus dem Ort wo die Bayern zum letzten Mal auf die Preußen schießen durften!”

“RICHTIG! Hervorragend! Sogar der Ort ist richtig geschätzt. Er wurde in der bayrischen Staatskanzlei in München aufgebacken! Vom ewigen Ministerpräsident persönlich! Und den dürfen wir heute Abend persönlich bei dieser Show höchstselbst begrüßen! Hallo, Herr Ministerpräsident!”

Die Leinwand wird aufgeräumt. Alle Pixelgesichter werden auf weniger als 16 Pixel reduziert und den Rest erfüllt ein einzelnes Gesicht in 16K-Auflösung.

“Meine Damen und Herren an den Fernsehbildschirmen, sie dürften es gerade mitbekommen haben”, der Showmaster macht eine dramatische Pause, “Sie sehen das erste 16K-Bild in der Fernsehgeschichte. Ich weiß, dass auf dem Markt nur 8K-Fernseher gibt, aber zusammen mit unserem Sponsor ‘OljaPraPorra’ verlosen wir heute den ersten 16K-Bildschirm der Geschichte und unser Bayrischer Ministerpräsident wird die Glücksfee spielen!”

“Da bin ich ja froh”, schallt der Bayrischer Ministerpräsident aus den Lautsprechern, “dass ich als erster Mann eine Fee sein darf. Das fügt sich hervorragend in das Bild von uns Bayern in Trachtenuniform mit HighTech. Wir sind halt das Bundesland …”

“Herr Bayrischer Ministerpräsident, würden Sie jetzt bitte den Knopf drücken, damit unsere Software aus dem Datenbestand der Cookies unserer Zuschauer den entsprechenden wählt, damit derjenige über seinen Sprachassistenten …”

Ich nutze diese Pause, um meine Entspannungsübung durchzuführen. Ich erwarte noch die ultimative Frage. Die alles-oder-nichts Frage. Das letzte Fettgebäck vor mir. Nervosität steigt in mir auf. Denn eigentlich bin ich ein Mister Nobody. Freunde hatten mich zu dem Quiz angemeldet. Aus reinem Jux und Dollerei.

Gut. Das stimmte so nicht. Ich war denen wohl dauernd zu vorlaut. Und während der letzten Grippe-Pandemie hatte ich mich dauernd geweigert, meine Hände mit dem Sterilisierungsmittel zu waschen. Und dann war gerade mein Gegenüber an der bedrohlichen Grippe erkrankt. Für alle war klar, dass ich dran Schuld hatte. Aber ich war nie krank. Nicht mal eine virologische Untersuchung konnte Anti-Körper in mir feststellen. Aber für meine Arbeitskollegen war ich schuldig. Ganz klar. Ich fühlte mich in der Firma wie ein Bakterium in Penizillin. Oder wesentlich konkreter: wie ein Schwarzer unter Weißen, wie ein Jude unter Katholiken, wie ein Linker unter AfD-Fanboys- and -girlies.

Und als ich dann in der dabei herrschenden Faschingsperiode denen spöttisch hinwarf, ich könnte am Fettgebäck immer auch deren Herkunft feststellen und wäre deswegen immun gegen deren Krankheiten, war der Ofen aus. Klar. Herkunft und Immunität gegen Krankheiten bei Faschingsgebäck, das hat so viel Sinn wie immer ein Bier mehr zu trinken, um den Effekt ‘das-letzte-Bier-war-schlecht’ zu verhindern. Aber diese Dumpfdödel hatten es nicht kapiert, was ich sagen wollte. Ich erntete, was ich säte: eine Einladung zu der Show als Fettgebäck-Sommelier.

Das war natürlich quätscher als quatsch, wie weiland bereits Herbert Wehner zu sagen pflegte. Aber wen interessiert schon das Gequatsche der Verstorbenen von gestern bei den Leuten von heute. Und wenn jener, weshalb der Hintersinn für vordergründige Geschichten aus dem breiten Mittelmaß.

Meine Teilnahme an der Show hatte ich vor Monaten bereits in den sozialen Medien kund getan, aber es interessierte niemanden. Ein Leser imitierte sogar einen weiteren  Shit-Storm, weil er mich wohl nach 5-Minuten-Ruhm gieren sah. Ich fühlte mich deswegen trotzdem geehrt. Nur an jenem Tag, als jene Knödel-Dödel-Rundschau-Zeitung darüber berichtete, stiegen meine Accounts der Social-Media-Welt auf eine Popularität auf ein Maß, welches ich nie kennen gelernt hatte. Sogar mein blödesten Blog-Einträge, die ich vergaß zu löschen, wurden geliked und kommentiert, als ob es morgen keinen Morgen gäbe.

Es gründete sich sogar ein Fähnlein Fieselschweif ‚Pro-Fettgebäck-Sommelier‘ und sammelte für mein Bahn-Ticket in der ersten Klasse. Crowdfunding übers Internet. Es kam nebenbei ein Ticket für einen Flug mit der A380 in der ersten Klasse dabei heraus. Um es zu nutzen, musste ich allerdings von München über Dubai nach Berlin fliegen. Zwischenstopp Hannover. Wegen der Crowdfunding-Leute. Das war dann exakt vier Tage langsamer als ein Bahnticket, obwohl der ICE von München nach Berlin an jenem Tag sogar 45 Minuten Verspätung hatte. Aber es war eine 380. Das nur am Rande.

“Die letzte Frage. Es geht um den Hauptpreis. Championship-Frage. Sind Sie bereit?”

“Was steht auf Spiel?”

”Die richtige Beantwortung der letzten Frage bringt Ihnen folgenden Gewinn!”

Trommelwirbel.

Trommelwirbel? Wie altmodisch.

“Einen Traumurlaub auf der Insel Sal der Kap Verden in einem zwölf Sterne Luxus-Hotel der Klasse Premium mit All-Inclusive. Dazu eine Rundreise über die Insel zu allen Stränden binnen 24 Stunden mit abschließendem Abendessen in der einheimischen 8-Sterne-Fisch-Bar ‘NuncaMaisNaMinhaVida’. Und das beste daran ist, ihre Begleitperson zahlt den super-vergünstigten Preis von nur 25% vom doppelten Katalog-Preis, den normalerweise nur Luxusreisende mit Einkommenssteuerbefreiung zahlen müssten. Na? Ist das nichts?”

Das ist klar. Geizen, wo es nur möglich sei. Da bin ich immer Fan von. Da bin ich dabei. Ich verdien halt nicht so viel wie andere, aber wir müssen ja alle sparen, da möcht ich nicht außen vor stehen, wenn ich ein Ticket gewinne.

Nur, im Programm gibt es immer sich wiederholende Werbung bis zum Abwinken für die Leinwandzuschauer. Jene, die eh nur auf werbefreie Programme fluchen, weil die öffentlich finanziert werden und kein Niveau haben. Aber Werbung ist für die auch eine Katastrophe als Finanzierungsmodell, weil für den Zuschauer nicht kostenneutral.

Vor meinen Augen tauchen die Zuschauerinnen der Telekolleg®-Programme auf: Hausfrauen mit Hoffnung durch Fernseh-Fortbildung öffentlich-rechtlich einem Bildungsauftrag mehr als nur das Jodel-Diplom a la Loriot zu erlangen.

Abgelöst wurden diese Telekolleg®-Programme auf den Dritten Programmen für Hausfrauen dann allerdings unbemerkt durch Frau Ministerin Ursula Gertrud von der Leyen, weiland die absolute Familien-Mini (vulgo: Bundesministerin für Familie, Senioren, Frauen und Jugend), welche dann ihre Anhängerinnen zu Arbeit und Soziales umschulte (Patronin: Mini für Arbeit und Soziales Frau Ministerin Ursula Gertrud von der Leyen), bevor sie jene zu wehrhaften Frauen im Kriegsministerium eines unilateralen solo-kosmopolitisch-orientierten Landes fortbildete. Bandwurmsatz und kompliziert verschwurbelt? Nö. Nur der Karriere von der niedersächsischen Albrecht-Tochter angepasst.

Und freudestrahlend begleiten jene Uschi nicht auf der Strecke gebliebenen Schlecker-Frauen gen Europa-Parlament, wo jene dann als Chor der Putzfrauen (“Mensch Uschi, mach kein Quatsch”) ihre Jobs für die Gleichberechtigung als Vielvölkerstatt (Obacht: ‘tt’ am Schluss statt ‘at’) für Uns-Uschi wahr nehmen.

So sitz ich nun als Repräsentant der Fettballen-Sommeliers auf dem Quizsessel und die Leinwand starrt mich an.

Die letzte Frage. Die Eine-Million-Frage.

Eine-Million-Zuschauer.

Pro Zuschauer 1 Euro. Umsatzsteuerreduziert. Der Rest vor Gewinn-Steuern soll an mich gehen. Geldwerter Vorteil. Finanzamt-Süd grüßt. Für ein Fettgebäck.

Auf meinem Schreibtisch liegt noch der Brief der zuckererzeugenden Industrie, die mich für mein Wohlwollen plus Wissen mit Werbeverträgen honorieren möchte. Ich solle nichts kritisches gegen sie zuvor und danach äußern. In meinen Fingerspitzen juckt es.

“Die letzte Frage. Es wird spannend. Erneut haben Sie ein rundliches Fettgebäck, das mit feinem Zucker bestäubt oder einer Glasur überzogen ist und mit Marmelade gefüllt ist.“

Ich schließe die Augen und lege meine beiden Hände – die Finger abgespreizt – vor dem Teller, auf dem das Objekt des Rätsels gelegt werden wir. Ich spüren den Lufthauch. Ein Ballen wird auf den Teller gelegt. Meine Finger vibrieren. Eine entfernte Vibration erinnert mich an Rosenmontag.

“Sie haben das letzte Kunststück deutscher, einheimischer Bäckerei vor sich.”

Der Showmaster lässt seine Stimme vibrieren. Ich muss ihm zugestehen, Spannung, das kann er. Einwandfrei. Gelernt ist gelernt.

Meine Nase erschnuppert Puderzucker. Sauber. Sauber weiß. Wie eine Linie im Münchener P1, wo alle ihre Linien ziehen. Unweit von der bayrischen Staatskanzlei. Genauer gesagt eine Steinwurf-Weite entfernt. Gleich zu gleich gesellt sich gern.

Folglich wurde der Ballen kurz zuvor bestäubt. Mit frisch gemahlenem Zucker. Aber … zu süßlich, einen Hauch zu süßlich. Betörend süßlich. Gut. Das gab es auch woanders, nur, so süßlich, das war nicht mehr so richtig bio. Kein wirklich biologisch gewirktes Produkt. Obwohl auch nicht un-bio. Es war irgendwie bio-deutsch, aber auch wieder nicht bio-deutsch.

Versteht jemand überhaupt meine Gedankengänge, sollte ich sie äußern?, schießt es mir durch den Kopf. Aber das alles ist de facto süß. Verführerisch.

Es schmeckt nach Gelsenkirchen. Es schmeckt nach dem Ursprungsort von İlkay Gündoğan und Mesut Özil. Gelsenkirchener Barock der Neuzeit. Einer verachteten Neuzeit. Aber da war ein Beigeschmack, als ob da ein Bitterstoff reingemischt wurde und dem gesamtdeutschen Geschmacksbild angepasst wurde. Vor mir tauchten die Bank-Vorderen auf, die Mesut Özils Integrationsprojekt in Gelsenkirchen nicht unterstützen, weil rechte Parteiobere dagegen gewirkt hatten. Ein Bild tauchte auf, von dem Deutschland-“Fan” der nach einem WM-Spiel Özil rassistisch beleidigt hat.

Rassistische Beleidigungen? Da sind die Fußballfans vor. Da müssen die mit Millionen bezahlten Profis drüber stehen. Dafür werden sie bezahlt und dürfen den Fußballplatz nicht verlassen. Persönliche Anfeindung entgegen der gesellschaftlichen Räson. Und die ist eher rassistisch ignorierend. So wie beim Schlacke 09 Präsi, der sich mit populistischem Allgemeingut entschuldigte. Wie gut, dass Antonio „Toni“ Rüdiger nie ob Schlacke 09 spielte. Er wäre heulend wegen nichts nach Hause gekrochen, statt das gleiche jetzt bei FC Chelsea wimmernd durchzuführen. Heulsuse. Rassismus gehört zu jedem anständigen Fußballspiel, nicht wahr, auch wenn es anständig unanständig ist … Geld sollte bei Fußballspielern das Pflaster für offene Sphären der Gesellschaft sein … wir leben nun mal halt nicht im Kommunismus, woll

Bin ich zynisch? Ja. Sicher. Auch rassistisch. Ich wuchs auf in einer Familie von Weißen, ging in einer katholischen Kirche von Weißen, wo Nick-Neger als politisch korrekt am Kirchenausgang dienten, ging auf einer Schule von Weißen, wo ich die Geschichte von Weißen lernte und ihr, liebe Leser, wollt mich nicht als rassistisch einordnen? 

“Es geht um die Wurst. Das Kunststück deutscher, einheimischer Bäckerei. Was ist es?”

Ich zucke zusammen. Wurst? Geht es nicht um Fettgebäck? Also, Hefeballen? Er hatte mich aus meinem Gedankenpalast gerissen. Meine Fresse, jetzt hätte ich gerne ein Glas Riesling. Spätlese von der Mosel. Einfach, um meine Nerven zu glätten. Einfach, um meinen Puls zu beruhigen.

Ich blicke den Moderator an. In meinen Gedanken vermischen sich Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft. Klar, Zukunft ist immer die richtige Antwort. Zukunftsorientiert. Nur die Gegenwart ist die Frage. Und Vergangenheit interessiert sowieso keinen Menschen mehr als Antwort. Vor allem nicht in meiner Situation vor dem Showmaster. Jeder will die perfekte Antwort auf die perfekte Antwort. Fragen sind überflüssig. Passend zur Jahreszeit. Go for it.

Ich versuche die Umgebung, um mich herum auszublenden. Fußballspieler haben es einfacher. Spielen sie in einem Stadion und die Tablets auf den Sitzen übertragen deren Spiel und aus den Lautsprechern schallen Jubel-Arien, dann ist das einfacher für die Spieler. Spieler leben und wachsen mit Jubel-Arien. Klar, es ist gewöhnungsbedürftiger für die Generation ‘Live’ oder ‘TV’ der 10er-Jahre, also jener nach der ‘Generation Y’, denen welche man mit ‚OK, Boomer‘ mundtot macht. Aber andere Umstände, andere Konsequenzen. The show must go on. Wir sind ja schließlich nicht von gestern, woll. Die Zukunft ist heute. Vergangenheit ist für die Ewig-Gestrigen.

Ok, Boomer.

Die letzte Virus-Epidemie hatte nicht nur zur Konsolidierung der internationalen Rentenkassen durch den unpopulären Fakt des eintretenden Tods beigetragen, weil Virus-Epidemien verstärkt eher die Ü50-Generationen und die Armuts-Klasse signifikant betroffen haben. Wer starb am Virus? Die Armen und Schwachen und Alten. Richtig so. Auslese. Survival of the fittest. Es war das eingetroffen, was der damalige Reichtums- und Muss-so-sein-Vertreter Warren Buffet erklärte (“There’s class warfare, all right,” Mr. Buffett said, “but it’s my class, the rich class, that’s making war, and we’re winning.”)

Ich sitze allein auf dem Stuhl. Der Showmaster schaut mich weiterhin prüfend an. Ich vermute, allein wegen dem prüfendem Blick wurde er damals ausgewählt. Jeder muss sein Allein-Stellungsmerkmal haben.

Nur das Wissen hilft es mir jetzt nicht.

Ich grüble. Berliner. Eigentlich heißen die ’Berliner Pfannkuchen’. Mir kommt ein Bekannter in den Sinn. Aus Sachsen. Er hatte mich damals im Social Media angefeindet, weil ich ‘Pfannkuchen’ mit dem Wort ‘Crêpes’ gleich gesetzt hatte. Ich wäre deswegen ein typischer ‘Gutmensch’. Den Begriff ‘typischer Deutscher’ hatte er wohl vermieden. Ein erster privater Social-Media-Shitstorm. Der gesamte Freundes-Kreis, den das Social-Media-Konstrukt mir als mein Freundeskreis erklärte, schlug auf mich ein. Ich. Böser Mensch. Doppelplusungut. Auch wenn es nur um Fett-Gebäcke ging, schien es, um Grundsätzliches zu gehen.

“Was ist es?” wiederholt der Showmaster. “Sie haben bislang alles richtig erraten und Ihnen winkt der Hauptpreis. Was ist es?!”

Es ist ein Berliner, ein Faschingskrapfen, ein Kräppel, ein Krapfen. Was kann es denn noch sein?

In meinen Gedanken erschien mir der Ur-Bayer: Lederhosen, Wams, gezwirbelten Schnurrbart, Hut und daran eine Gamsfeder, eingeölt und biergestärkt. Ich saß ihm im Ur-Bayer-Zelt vom Oktoberfest gegenüber. Er schaute mich an. Sein Gesicht spiegelte nur eine Frage wieder: woher einermeiner denn so komme. Ungefragt hob ich meine Maß und erklärte, ich käme aus der konservativen Gegend, welche sich Davert nenne würde. Das war ihm egal. Er erwiderte nur etwas wie ‘Damischer Preis’ und stemmte sein Maß, blickte dabei voll der Verachtung auf mich nieder. Allerdings musste er dazu aufstehen und auf seine Sitzbank klettern. Zwergenschiksal halt, wenn die mal größer sein wollen, als sie sind. In jenem Moment fragte ihn sein Lederhosen-kostümierter Nachbar nur mit einem Wort: “Broiler?” und er antwortet lediglich mit einwandfreiem sächsischem “Nu”.

Ich schaue den Moderator an, lecke kurz an dem Ballen vor mir und wusste sofort die Antwort.

Pfannkuchen. Ist im ostdeutschen Bereich die Verkürzung für Berliner Pfannkuchen. Was somit Ost und West wieder verbindet. Über Abkürzungen. Also Pfannkuchen.”

Es herrscht kurze Stille. Es knackt kurz in den Leinwänden vor Spannung

Ein spontanes Jubeln bricht aus. Aus den Leinwänden. Alle wussten es wohl zuhaus bereits zuvor. Wikipedia. Nur ich musste es wohl noch raten.

Ich schaue auf den Berliner vor mir auf dem Teller. Es regnet Konfetti auf ihn herab. Den Jackpot hatte ich wohl abgeräumt. Der sächsische Pfannkuchen versinkt wie die Anrea Doria unter einer Konfetti-Flut der Fernsehgesellschaft. Auf der Leinwand sehe ich die zugeschalteten Zuschauer.

Immer mehr der hoch-pixelige Zuschauerfotos verschwinden dabei. Zuschauer, die sich abschalten. Hatte gerade Gottschalk abgeschaltet? Ich erkenne noch einen Darsteller von “Let’s dance”, rechtzeitig bevor jener verschwindet.

Ein Werbespot erscheint. Händewaschen im Kampf gegen tödliche Virus-Bedrohungen. Washing for future. An meine Haut lasse ich nur Osmose-Wasser und hygienische Waschlotion. Dazwischen Werbespots der Automobilindustrie und der Stromversorger. For future. Against any special Friday. Against all odds.

Die Security des Programms deutet mir an, mich in die Garderoben zu entfernen. Ich folge der herrischen Geste des Security-Personals. Ich bin ein folgsamer Untertan. Auch wenn ich nicht AfD wähle. Aber ich bin ein folgsamer Untertan.

In meiner Garderobe zeigt mir der Abreiskalender, das es Rosenmontag ist.

Das muss wohl so sein.

Bring mich zum Rasen, äh, Rosen, äh Rosenmontag.

Gute Ausrede für mich.

Ich mache mir zuhaus eine Kölsch-Flasche auf …