Sich im Kosmos herumzutreiben ist doch was für die Jugend, oder?

“Der Weltraum, unendliche Weiten. Wir schreiben das Jahr 2021. Dies sind die Abenteuer des Raumschiffs Enterprise, das mit seiner 400 Mann starken Besatzung 5 Jahre unterwegs ist, um fremde Galaxien zu erforschen, neues Leben und neue Zivilisationen. Viele Lichtjahre von der Erde entfernt dringt die Enterprise in Galaxien vor, die nie ein Mensch zuvor gesehen hat.“

»Jim.«

»Spock?«

»Unser Computer empfängt Frequenzen von einem Planeten der Klasse M.

»Klasse M?«

»Klasse M, Captain.«

»Also humanoides Leben? Faszinierend.«

»Jim?«

»Spock?«

»’Faszinierend’ als Aussage von Ihnen als Vertreter der Humanoiden ist unlogisch.«

»Sie haben recht, Spock. Ich würde sagen, seien wir vorsichtig. Alarmstufe 1. Maschinenraum! Scotty, alles auf Position! Alles bereit für einen potentiellen Alarmstart. Wir haben Kontakt zu einer unlogischen Lebensform. Sind die Warp-Kerne aktiv?«

»Jim, mein zweiter Offizier macht sich gerade einen Earl-Grey. Ich tue mein Bestes, aber 24 Stunden brauche ich mindestens.«

»Scotty, das ist nicht akzeptabel. Versuchen Sie es bitte in der Hälfte der Zeit.«

»Ay,ay, Captain.«

»Sulu! Kurs auf Klasse M Objekt! Ungefähre Ankunft?«

»Jim, Steuermann Sulu hat die korrekte Aussprache unseres R-Konsonanten noch nicht korrekt gelernt. Bis dahin ist ihm vom Kommando untersagt in seiner Rolle als Steuermann R-Worte auszusprechen. Das wäre gegen die achtzehnte Direktive.«

»Spock, das ist nicht witzig!«

»Ich habe einen Witz gemacht? Faszinierend.«

»Spock, wo ist Fähnrich Chekov, unser Navigator?«

»Jim?«

»Pille?«

»Ich muss leider mitteilen, dass ich Fähnrich Chekov zur Weizendestillation eingeteilt habe. Er kennt sich darin am besten aus.«

»Pille, warum? Konntest du nicht jemand anderen dazu einteilen, Pille?«

»Jim, ich war in unserem Vodka-Vorratsraum.«

»Wo warst du, Pille?«

»Im Vodka-Vorratsraum. Er ist tot, Jim. Fast tot, Jim.«

»Pille, sei kein Maschineningenieur, sei ein Arzt! Lieutenant Uhura!«

»Ja, Captain? Soll ich Sie wieder einmal küssen? Black and white, unite, unite?«

»Lieutenant Uhura, übertragen Sie die Kommunikation vom Klasse M Planeten! Frequenzen auf den Äther!«

»Guten Tag. Spreche ich mit dem Gesundheitsamt? Sind Sie Herbert?«

»Ja, hier ist Ihr Gesundheitsamt.«

»Ich brauche eine Quarantänebescheinigung.«

»Eine Quarantänebescheinigung?«

»Genau, eine Quarantänebescheinigung wegen einer Corona-Erkrankung und der von Ihrer Behörde verordneten Quarantäne.«

»Aber Sie haben doch bereits eine Quarantäneverfügung erhalten, da steht doch ihr Quarantäne-Zeitraum drin.«

»Ja, ja, ja. Aber die eigentliche Quarantäne ging länger, als wo da in der Verfügung drin stand. Und laut Gesetz müssen Sie mir eine Bescheinigung ausstellen.«

»Aber nur in begründeten Fällen.«

»Mein Fall ist begründet.«

»Ach ja?«

»Ach ja. Mein Arbeitgeber will das auch so.«

»Wie lang war denn ihre Quarantäne?«

»Zwei Tage länger als in der Verfügung.«

»Und da benötigt ihr Arbeitgeber jetzt eine Bescheinigung? Über diese zwei Tage?«

»Über diese zwei Tage.«

»Greift da nicht die Drei-Karenztage-Regelung für Erkrankungen?«

»Laut Gesetz müssen Sie mir eine Bescheinigung ausstellen.«

»Laut Gesetz muss ich gar nichts.«

»Laut Gesetz sind Sie Staatsbediensteter und somit ein Diener des Volkes! Und ich gehöre zum Volk! Also müssen Sie mir dienen!«

»Laut Gesetz benötigen Sie einen Anwalt.«

»Laut Gesetz werde ich Sie verklagen! Sie Herbert, Sie!«

»Ihren Namen, Geburtsdatum, Adresse.«

»Gebe ich Ihnen nicht! Datenschutz! DSGVO, Sie Analphabet!«

»Und wohin sollen wir dann die Bescheinigung schicken?«

»Ja, haben Sie denn meine Daten nicht? Warum muss ich denn ihrer Behörde alles hundertmal mitteilen? Erfassen Sie unsere Daten etwa doch nicht?«

»Laut Gesetz benötige ich dazu Ihre Daten.«

»Ja, glauben Sie ja nicht, wen Sie vor sich haben! Sie sind ja anmaßend! Ich will nur eine klitzekleine Bescheinigung, die binnen zwei Minuten ausstellt werden kann und Sie machen hier am Telefon nen Ballyhoo, als ob die Sicherheit des Staates in Frage steht! Wir reden bereits schon 125 Sekunden, also über zwei Minuten! Vergessen Sie nicht, wer Sie bezahlt! Und zwar ich von meinen Steuergeldern!«

»Ach ja? Sie zahlen brav Ihre Steuern? Ich würde das gerne mal von unseren Finanzexperten überprüfen lassen. Name? Adresse?«

»…«

»Hallo? Aufgelegt? Arschloch.«

»Ich hab Sie gehört! Sie Herbert, Sie! Geben Sie mir Namen, Geburtsdatum, Adresse, um Sie zu verklagen! Sie hören von meinem Anwalt!«

»Sie mich auch. Und Tschüß.«

»Jim?«

»Spock?«

»War das vom Klasse M-Planeten?«

»Direkt vor uns. Blauer Planet. Scheint bewohnt zu sein. Mit humanoider Lebensform.«

»Faszinierend.«

»Ähhmmm – mir fällt da etwas ein: Warum sagen die eigentlich immer Herbert zu Ihnen, Spock?«

»Jim, ja, wissen Sie, sehr schmeichelhaft ist das nicht, Captain. Herbert war ein mittlerer Beamter, der für seine engstirnige, kleinkarierte Denkweise bekannt war.«

»Dann versuchen Sie eben in Zukunft etwas weniger eng zu denken, Herbert. Scotty?«

»Jim, hier Scotty, alles erledigt, der Whisky ist gelutscht, der Warp-Kern steht bereit. Wir können.«

»Sehr schön, Scotty. Warum nicht gleich so schnell.«

»Ay, ay, Jim. Unmögliches mache ich sofort, nur für Wunder brauch ich länger. «

»Pille?«

»Vodka-Vorräte sind wieder aufgefüllt, Jim. Chekov kommt sehr viel später wieder auf deine Kommandobrücke zurück. Er ist tot, Jim. Noch. Ich muss ihn noch von seiner Vodka-Verkostungstour reanimieren.«

»Er gehört dir Pflaume, ähh… Doktor McCoy.«

»Jim, Wuuzi-wuuzi-kuuzi-kuu, wuuzi-wuuzi-kuuzi-kuu!«

»Pille, wuuzi-wuuzi-kuuzi-kuu? Spock? Weitere geistreiche Bemerkung zum Ergänzen?«

»Wuuzi-wuuzi-kuuzi-kuu, Captain?«

»Wuuzi-wuuzi-kuuzi-kuu, Spock.«

»Faszinierend.«

»Spock, eine anhaltende, humanoide Vorliebe für Irrelevanz. Demonstriert nur für Sie. Sulu, nächste Galaxie mit intelligentem Lebensformen ansteuern. Am besten die dort hinten rechts, die da wo so blau blinkt und leuchtet. Spock?«

»Jim?«

»Eine Runde Scrabble?«

»Faszinierend.«

»Tun wir’s so.«

König Kunde

»Könnten Sie bitte Ihre Maske aufsetzen? Der Aufenthalt hier ist ohne Maske nicht erlaubt.«

Er reagierte nicht, sah durch sie hindurch. Mit routinierten Handgriffen überprüfte er das, was er glaubte mit seinen eigenen Händen greifen zu können: die Frische der Brötchen.

»Ihre Maske, bitte.« Sie machte eine entsprechende Geste zu ihrem Gesicht und deutete auf ihre eigene FFP2-Maske.

»Was wollen Sie von mir?«

»Mein Herr, ich muss Sie leider nochmals auffordern, Ihre Maske aufzusetzen.«

»Was soll ich?« Sein Blick war weder fragend noch irritiert, er war herausfordernd.

»Der Aufenthalt hier in der Lounge ist ohne Maske nicht erlaubt.«

»Warum sollte ich eine Maske aufsetzen? Ich wurde in den letzten 48 Stunden negativ getestet. Extra für meinen Flug.«

»Würden Sie jetzt bitte Ihre Maske …«

»Warum sollte ich? Mein Test war negativ. Wo bitte ist denn der Ihrige, um mich zu schützen?«

»Wie bitte?«

»Sie quatschen mich hier von der Seite an, meine Maske aufzusetzen, dabei wissen Sie doch, dass jeder Passagier einen Test vorzuweisen hat, der diesen als negativ ausweist. Ansonsten kommt er doch gar nicht erst in den Sicherheitsbereich. Und ich selbst, ich bin negativ. Also brauche ich auch keine Maske hier!«

Er war lauter geworden, hatte sich provokant einen Meter vor ihr aufgebaut und starrte sie jetzt durchdringend an.

»Die Maske hier in der Lounge ist eine Pflicht!«

»Ach ja? Und Sie müssen sich nicht testen lassen? Und haben dann das Recht, mich so schwach von der Seite anreden zu dürfen?«

»Ich …«

»Wer sind Sie überhaupt?«

»Ich arbeite hier.«

»Dann sollten vor allem Sie einen Test vorweisen können, um nachzuweisen, dass Sie kein Risiko für uns Passagiere sind! Wir haben schließlich teuer für unsere Tickets und das Zutrittsrecht zur Lounge bezahlt! Da kann man doch auch wenigstens von den Bediensteten verlangen, …«

»Ich diskutiere nicht mit Ihnen. Sie haben Ihre Maske aufzusetzen oder ich muss Sie von hier entfernen lassen.«

»Ach ja? Und wer gibt Ihnen das Recht dazu? Wollen Sie mich etwa als einen dieser dämlichen Querdenker diffamieren? Oder als irgend so ein Leugner? Ich habe einen negativen Test und Sie konnten mir bislang keinen vorweisen, trotz meiner Aufforderung. Ich möchte umgehend Ihren Vorgesetzten sprechen! Sie behandeln mich unverschämt! Typisch Servicewüste Deutschland, mal wieder!«

Die letzten Worte hat er ihr mit lauter, fester Stimme ins Gesicht geworfen, zu ihr drohend vorgebeugt, mit dem erhobenen Zeigefinger fuchtelte er wie mit einem Degen vor ihren Gesicht erregt hin und her.

Eine uniformierte Frau tippte dem Passagier von hinten auf die Schulter: »Kommen Sie doch bitte mal mit. Ich bringe Sie direkt zu der Vorgesetzten unserer Mitarbeiterin. Kommen Sie bitte mit.« Freundlich, aber bestimmt nahm sie ihm beim Arm und schob ihn Richtung Ausgang.

Die Servicemitarbeiterin atmete tief durch, um ihren Ärger herunter zu schlucken. Die uniformierte Frau drehte sich noch kurz zu ihr um und erinnerte sie freundlich: »Und bitte, werfen Sie bitte alle Brötchen weg, die der Mann hier einfach so angefingert hatte. Die können keinem anderen Passagier mehr zugemutet werden.«

Das Leben ist voller Leid, Krankheit, Schmerz – und zu kurz ist es übrigens auch … (Woody Allen)

Das Spiel ist eröffnet.

Ein erneutes Match Mensch gegen Virus. Über vierzehn 24-Stunden-Runden. Der Sieger wird durch das Absterben des anderen gekürt. Ein Remis wird es nicht geben. Kampf ums Überleben.

Was ist der Virus? Was ist der Mensch? Ein Raubtier, ein Karnivor, ein Prädator? Ein unbequemer Gast auf dieser Welt? Die Krone der Schöpfung? Eine mit roten Blutkörperchen vollgestopfte Mammalia gesteuert mit ADHS im Hirn? Ein Attentat der Natur auf sich selbst? Eine schlechte Laune der Natur? Ist der Mensch souverän? Ist der Mensch autonom?

Nach Karl Marx, haben Philosophen immer nur die Welt interpretiert: Veränderung war nicht deren Metier. Allein der Kinder wegen müsste die Welt verändert werden. Nur eine neue Realität, die will keiner. Alle wollen nur die alte Realität. Wat de Buer nich kennt, dat frett he nich.

Und am besten ist, der Mensch partizipiert an der Situation. Die Besten sterben zuerst. Niemand will beim Sterben der Erste sein. Helden, sagt man, Helden sterben immer zuerst. Denn sonst wären es keine Helden. Und Helden sollen immer die anderen sein. Denn man selber hat gerade zu tun. Damit, beim Sterben nicht der Erste zu sein. Erster zu sein, das ist maximal im wirtschaftlichen Leben förderlich. Denn wer Erster ist, der kassiert die ganze Ziffer aus der Bruchrechnung. Und die besteht bekanntlich aus Nenner und Zähler. Die Nenner stehen oben, die Zahler unten und es wird alles gebrochen. Das, was dabei raus kommt, also das Wichtige dabei, das ist der Rest vor dem Komma. Diesen Rest gilt es zu bekommen. Zum Erreichen des Zieles tut es notfalls auch Bestechung.

Das Problem der Bestechung ist nicht das Ungewöhnliche oder das Verwerfliche. Denn eigentlich ist es ja das Normale. Das Ungewöhnliche ist vielmehr bei allen die vielfachen Fragezeichen hinter der Frage: Echt? Hat der so wenig genommen? War der wirklich so bescheiden? Es wird dann auch gar nicht mehr großartig verschleiert. Nein, verschleiern ist ja bekanntlich belügen.

Es wird einfach gemacht, durchgeführt, umgesetzt. Hauptsache, einträchtig einträgig. Immer als Beratertätigkeit abgerechnet. Ist eigentlich bewusst, dass das Justizministerium zur Erstellung von Gesetzen Beraterfirmen beauftragt? Und wenn das Gesetz später kassiert wird, ist die Tätigkeit bereits bezahlt. Und allenthalben erfüllt ein großräumiges Schweigen die enge Sprachlosigkeit darüber, dass sprachgewaltige Experten stumme Experten beauftragen, gemeinsames Experten-Know-How zu simulieren.

Show-Program for customers. Das Handgeschäft der Zauberer. Wenn allerdings echte, also wirkliche Experten komplizierte Sachverhalte einfach erklären, dann ist das Geschrei groß. Denn Zauberer erklären nie deren Tricks. Also ist einer, der erklärt, wie es geht, eben drum allen suspekt.

Denn wer schon alle Herr-der-Ringe-Film-Folgen und alle Avengers-Filme sich einverleibt hat, der gibt sich nicht mehr mit normalen Erklärungen zufrieden. Da ist dann zu wenig Chichi, zu wenig Krach-Bumm-Peng und zu wenig Dutzend tote Affen-Trinitäten. Die Realität ist zu ernüchternd. Und deswegen muss dagegen die eigene Stimme erhoben werde. Gegen die Experten, welche wirklich Ahnung haben. Denn wenn denen keiner widerspricht, dann könnte die Ahnung aufkommen, dass man selber erst recht keine Ahnung habe. Ich frag mich, für wie blöd halten eben solche ihre Mitmenschen eigentlich?

Richtig. Genau für so blöd, wie wir nun mal sind. Wissen ist Macht. Von Experten mit Wissen, davon war ja bei „Wissen ist Macht“ nie die Rede. Es geht darum, Meinung zu äußern. Auch gegen Expertenwissen. Und wenn jene Meinungen kein Gehör finden, dann ist es opportun von Meinungsdiktatur oder Meinungszensur zu reden. Wissen, das ist etwas ganz anderes.

“Ich weiß, dass ich nichts weiß”, sagte irgendwer im alten Griechenland, kurz bevor er den gereichten Schierlingsbecher leer trank

“Ich weiß nicht mehr, was ich gewusst habe”, sagte irgendwer im Mittelalter angesichts der Folterwerkzeuge, die ihm präsentiert wurden.

“Hehehe, mir sollte mal erst jemand beweisen, dass ich etwas gewusst habe”, sagen die Leute von heute, vertreten deren Ansichten felsenfest und pochen auf Meinungsfreiheit.

In der Politik wird immer fatal deutlicher, dass in der Corona-Angelegenheit nie eine einheitliche Linie bestand. Vor zwei Wochen drohte Merkel noch, dass sie sich das Ganze in Deutschland keine vierzehn Tage mehr anschauen und dann reagieren würde. Hat Sie inzwischen auch. Sie denkt jetzt nach. Über eine gemeinsame bundesweite Linie der Länder zur Corona-Frage. Als Physikerin weiß sie, dass die kürzeste Verbindung zwischen zwei Punkten keine gerade Linie ist. Bewusst wird ihr allerdings wohl auch, dass momentan die kürzeste Verbindung zwischen zwei Punkten eher eine unbestimmte amorphe Linie ist.

Und weil eine gerade einheitliche politische Gedankenlinie nicht existiert, wird sie halt erdacht. Von anderen. Vorsätzlich konstruiert. Wo bestimmte Leute ohne Hosen da stehen, gefällt es den Züchtigen nicht und sie dichten denen eine gestrenge Hosennaht als Linie an. Damit dazu deren eigenes Denken quer gelegt werden kann. Eine erdachte Linie wird als real existierend erklärt. Ansonsten würde dem eigenen Querdenken überhaupt eine Orientierung fehlen. Man müsste dann zugeben, dass man im Denken amorph nachzugeben hätte, um gedacht quer zur Regierungslinie zu kommen. Was im Grunde ein ganz unsympathischer Gedanke ist. Eine schwabbelige undefinierte Linie als Basis der eigenen Querdenkerei.

Bereits damals hatten schon immer die Eltern ihren Kindern versucht zu erklären, der Klügere gibt nach. Der Klügere gibt nach und stellt sich nicht in die Quere. Der Klügere gibt nach und gönnt dem Denken das Verquere. Nur, Nachgeben ist ja nur etwas für Schwächlinge. Also jene, denen eben jene Herr-der-Ringe-, DC- und die vielen Marvel-Filme nicht gewidmet worden waren und die die Q-Denker jahrelang begeistert konsumiert hatten.

Das Prinzip “Der Klügere gibt nach” ist dumm, weil dann alle, die sonst nichts zu sagen haben, das Sagen haben werden. Aber nicht die Klügeren. Was den Querdenkern nicht gefällt. Auch wenn es denen nicht auffällt. Oder sollte den Eltern mal recht gegeben werden, dass sie doch recht hatten und die eigene jugendliche Pubertät nichts als die reine Pubertät war? So etwas geht gar nicht. Schließlich erklären bereits Psychologen, dass die Pubertät immer auch die Verneinung der Prinzipien in sich vereint, welche Eltern den Pubertierenden vorhielten, um sie in deren jugendlichen Handlungen zu entmündigen. Oder wie heißt es so schön: wir sind die, vor denen uns unsere Eltern immer gewarnt hatten. Und womit? Mit vollstem Recht.

Aber das zu erkennen, würde bedeuten, dass Superman, die Hobbits und die Avengers in Ricks Café in Casablanca sich bei einem alten Cognac unter den Augen eines Kommandanten nie die üblichen Verdächtigen zur Brust nehmen würden. So sitzen sie einträglich mit deren Experten am gleichen Tisch und planen die nächsten Predigten für deren Gläubige. Die Bergpredigt über Thanos seinen Finger-Schnipp.

Es werden keine “Glorreichen Sieben” am Horizont zu meinem Kampf “Against all odds” auftauchen und mir helfen. Kein Avengers, kein Batman, keine Wonder Woman, kein Superman wird sich neben mir stellen. Allein.

Der Sauerstoffgehalt liegt bei 98%, Puls bei 79, Temperatur erhöht, leichter Husten, der Blutdruck wie immer zu hoch und das Konto für mein 14-Runden-Match noch gedeckt. Wie geschaffen für ein Duell mit einem Virus, der mit N501Y klassifiziert wird.

Los geht’s.

Lebe geht wieder.

Ich hasse die Wirklichkeit, aber es ist der einzige Ort, wo man ein gutes Steak bekommt. (Woody Allen)

Warteschleifen

Wie lange ist Warten? Ist Warten länger, wenn es kürzer dauert? Das ist natürlich eine schwachsinnige Frage. Zeit hat eine konstante Beschleunigung. Und zwar keine. Zeit steht für sich alleine. Wäre Zeit variabel, dann gäbe es keine Uhren.

Als in der Gegend von Manchester zur Zeiten des Manchester Kapitalismus festgestellt wurde, dass Terminlieferungen aufgrund unterschiedlicher Zeitdefinitionen nie zuverlässig funktionierten, da führten die Engländer Zeitzonen ein. So wurde einigermaßen sichergestellt, dass der 16-Uhr-Nachmittags-Tee immer von allen zur gleichen Unzeit begangen wurde. Okay, es ging nicht um “tea time”, sondern “just in time”-Lieferungen, aber egal. Prinzip ist Prinzip.

In Deutschland wurde darauf einerseits die kostenlose Zeitansage per Telefonnummer eingeführt, andererseits diente das Signal der “heute”-Sendung oder der “Tagesschau” immer zur genauen Kalibrierung der stoisch ungenauen Küchenuhr.

Mein Vater stellt immer die Uhr um fünf Minuten vor, nur um sicher zu gehen, dass alle nachher auch pünktlich waren. Später aber studierten zwei seiner Söhne, und aus den “nur-fünf-Minuten-zu-spät” wurde gleich eine akademische Verspätungsviertelstunde. Danach stellte er die Uhr immer passend zum “Tagesschau”-Gong. Er war “Tageschau”-Schauer. Der “Tagesschau”-Gong war seine zeitliche Orientierung. Das Zeitalter der Internet-Uhren und die damit einhergehende Reduzierung der analogen Signalübermittlungsverzögerung lernte er nicht mehr kennen.

Der Zettel vor mir sah aus wie ein Kassenzettel. Oder eher so einer, den man an Kassen erhält, wenn man seine Telefonkarte aufladen möchte. Benutzername plus PIN.

Warten. Jeder Versuch des Runterladens des Ergebnis resultierte in der Information, dass die Information noch nicht vorliegt. Eine gewissermaßen validierte Nullinformation.

Von dem Ernst der Lage erfuhr ich durch meine Kontaktperson. Den Beweis erhielt ich direkt auf mein Smartphone. Direkt meldete ich mich auf meiner Arbeit krank. Krank oder potentiell krank sind ernste Angelegenheiten, die über Tod und Leben entscheiden können. Seit dem Germanwings-Flug 9525 von Barcelona nach Düsseldorf, der für deren Passagiere nicht auf der Düsseldorfer Kö, sondern an einer Gebirgswand der Westalpen endete, wurde jedem Menschen blutig vor Augen geführt, dass kranke Menschen oder Menschen, die vor der Gefahr des krank-Werdens stehen, nicht mehr arbeiten sollten. Auch nicht bei leichtem Schnupfen oder zartem schleimigen Husten. Oder einem leichten Unwohlsein.

Wer vor 16 Uhr getestet wurde, sollte das Ergebnis noch am gleichen Tag erhalten. So stand es im Internet. Um Mitternacht gab ich es auf. Immer wieder war die Antwort ein Hinweis, dass Warten angesagt wäre.

Warten war auch vor dem Testzentrum angesagt. Trotz Terminvereinbarung reihte ich mich in eine zwanzig-Meter langen Schlange ein. Zwanzig Meter bedeutete hier 10 Leute vor mir. An Supermarkt-Kassen bedeuten momentan 10 Leute kaum 10 Meter, inklusive natürlich dem Ruf nach einer weiteren Kasse.

Zwei Rumänen vor mir fragten mich, ob ich Ihnen den Platz vor mir frei halten würde. Sie sahen am Ende des Platzes des Verkehrsmuseums eine riesige, putzige in Stein gehauene Schnecke. Sie wollten dort noch ein paar Selfies machen. Erst habe ich verneint. Jeder würde halt warten müssen und warum sollten die gerade ihre Selfies nicht auch nach dem Testen erledigen können. Die Schnecke würden denen schon nicht weggekrochen sein. Aber dann war es mir egal. Ich sagte denen zu, sie vor mir wieder rein zu lassen. Auf die zwei Minuten mehr Warten käme es auch nicht an. Mein Sterbedatum würde von den zwei Minuten nur unwesentlich bis gar nicht abhängen. Außer es würde mir der Himmel auf den Kopf fallen. Mein Blick nach oben zeigte den kalten, grauen April-Himmel. Es roch nach Schnee.

Die beiden verließen die Schlange in Richtung Schnecke. Unweit davon saß eine Gruppe Menschen zusammen. Vielleicht sechs, vielleicht sieben. Ein Hinzukommender wurde per Handschlag begrüßt. Nein, kein Alkohol, keine Musik, keine Feierei oder Party. Smalltalk in der Gruppe. Und wir hier in der Schlange. Wartend. Stumm. Schweigsam. Egal.

In der Schlange fiel mir ein, dass ich vergessen hatte, die von mir zu Hause zuvor ausgefüllten Fragebögen mitzunehmen. Ärgerlich. Ich hatte diese extra mit der passenden Software am Rechner ausgefüllt, ausgedruckt, unterschrieben, auffällig an meiner Wohnungstür platziert und dann dort vergessen. Warum auch nicht.  Hätte ich sie nicht so auffällig platziert, wahrscheinlich wäre mir aufgefallen, dass mir was fehlte … Meine kurz aufkommende Sorge, man würde mich ohne diese Fragebögen abweisen, verwies ich nach kurzem logischen Nachdenken ins Reich der Legenden. Die Basis für solch einen Test kann nicht das Besitzens eines Druckers sein. Wenn jemandem so etwas aufgefallen wäre, dann doch den Schnellmerkern der Querdenkern. Aber die hatte nie darauf hingewiesen. Cui bono? QED.

Nebenbei: Wer momentan Drucker kaufen will, wird überrascht sein. Es gibt nur noch wenige günstige. Falls überhaupt. Überall ist Home Office angesagt. Darum sind alle Drucker ausverkauft und die Druckerindustrie kann nicht mehr ausreichend liefern. Entweder sind die wenigen Billig-Drucker überteuert oder ausverkauft.

Es ist beileibe nicht die einzige Hardware auf dem Markt, welche momentan Mangelware ist. Preisgünstige Grafikkarten gibt es momentan auch nicht mehr. Wer eine sucht, um seine Videos zu bearbeiten oder um Spiele zu spielen, guckt bei schlecht gefüllter Börse in die Röhre. Aber das hängt nicht mit der Pandemie zusammen. Auch nur sekundär mit der Rohstoff-Krise am Weltmarkt, welche die Automobilindustrie momentan am Rande des Produktionsstopps treibt.

Es hängt mit den Bitcoin-Währungen zusammen. Viele der Grafikkarten werden inzwischen verwendet, um nach diesen Bitcoins zu “minen”. Das heißt, die Grafikkarten werden mit Rechenaufgaben (Algorithmen) beschäftigt, die immer wieder virtuelles Geld erzeugen. Wer genug Bitcoins geschürft hat, der hat die Kosten seiner Grafikkarten bald wieder raus. Rechner dienen somit der Vermehrung des eigenen Vermögens. Und verbrauchen dabei Unmengen an Strom. Daher wird inzwischen auch drüber nachgedacht, ob Bitcoins wirklich so umweltfreundlich sind, wie es zuvor erscheinen mag. Sicherlich ist es menschlicher, PCs mit Grafikkarten nach Bitcoins “schürfen” zu lassen, als Kinder in afrikanischen Goldgräberminen oder auf asiatischen Schrotthaufen mit Quecksilber Gold zu waschen … aber so richtig überzeugend sind beide Lösungen nicht.

Warten. Im Innern vom Museum lasse ich mich an einen der fünf Stellen für den Test registrieren, erhalte den Kassenzettel und ein Aufkleber-Etikett und reihe mich in der Schlange vor dem Test-Zelt wieder ein. Im Austausch zum Klebeetikett erhalte ich ein Stäbchen in den Hals und gehe wieder. Die beiden Rumänen sehe ich nirgends mehr, weder in der Schlange zur Registration, noch in der vom Test-Zelt, noch in der Nähe der Schnecke.

Die Gruppe hat sich vergrößert. Jetzt sitzen an die neun Leute auf dem kalten Boden und quatschen miteinander. Ich schaue in den Himmel. Es braut sich etwas zusammen. Der Geruch von Schnee wird penetranter. Eine Flocke segelt auf mich zu.

Um Mitternacht versuchte ich es zum letzten Mal. Direkt nach der Wiedergabe des Film “Fantomas” mit Luis de Funes aus der ARD-Mediathek. Als der damals zum ersten Mal im ZDF lief, war ich noch quietschjung und fand den Film oberspannend und komplett lustig. Wiedersehen macht Freude. Wahrscheinlich kamen auch 50% meiner Lacher daher. Die anderen Fantomas-Filme warten noch aufs Streamen.

Morgens dann, nach dem Aufwachen, der erste Griff zum Smartphone und nach dem Abrufen bin ich noch immer in der Warte-Schleife. Gut Ding will Weile haben. Guten Wein trinkt man auch nicht direkt nach dem Abfüllen aus der Flasche. Okay. Beaujolais Primeur schon.

Auf der Arbeit war man über meine erneute Krankmeldung genau so begeistert wie am Tage zuvor. Wann ich denn vorhätte, wieder zur Arbeit zu kommen. Und dass ich am dritten Tage eine Krankschreibung benötigen würde. Die Schnelltests dort in meiner Abteilung waren bereits durchgeführt. Alle negativ. Warum sollte ich denn bitteschön positiv sein?

Der Guten-Morgen-Kaffee war wie ein Dunlop-Reifen: stark, schwarz und schaumig schön. Mit ein wenig Zucker erhielt er die richtige Süße. Mein innerer Motor startete und hinterließ nach dem ersten Schluck Gummi auf dem Asphalt des morgentlichen Daseins.

Ich malte mir aus, was es bedeuten würde, wenn der Fall der Fälle eintreten würde. Eine ganze Abteilung könnte dann sofort ins Wochenende abtreten. Ich konnte mir das mephistophelische Grinsen nicht verkneifen. Nur danach: Formulare, Formulare, Formulare von der Wiege bis zur Bahre. Jedes Grinsen hat seinen Preis.

Gegen Zehne zeigte mir das heruntergeladene Dokument noch immer nur eine Botschaft: Warten. Der vierte Espresso tröpfelt in meiner Tasse. Etwas Zucker und dann: genießen. Diesen Geschmack aus süßer Bitternis.

Zwischen zwei Kapiteln meines aktuellen Hörbuchs “Die Hungrigen und die Satten” versuchte ich es noch einmal: Seite aufrufen, Benutzername eingeben, PIN reintackern, den Button drücken und dann … das Telefon klingelte:

“Hast du schon dein Testergebnis?”

“Moment.”

“Ja?”

“Hm. N501Y“.

“Was?”

“Warte mal. Ich ruf dich gleich zurück. Warte, okay?”

Reportage über einen außerordentlich ausgefallenen Karnevalsumzug

Liebe Närrinnen und Narren und Narrhalesen, sehr verehrte Faschingsmuffel und Faschingsmuffelinnen, liebe geneigte Mitleser*Innen.

Ich befinde mich hier gerade mitten in der Münchner Innenstadt.

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Heute feiert die “Narrhalla München Eeh Vau” ihren jährlichen Faschingsumzug. Dazu muss ich mal kurz allen Faschingsmuffel und Faschingsmuffelinnen, den andren Hiatakinda und Zuagroast*Innen erklären: Ja, es heißt hier nicht Karneval, noi, das heißt hier Fasching. Und ihr rheinisch- und preußischen-abstammenden Mitmenschen, euch sei gesagt, “Fastelovend” kenn ma hier net, nich woar. Und “Fasteleer” bezeichnet bei uns in Bayern maximal den Zustand eines fast in einem Zug ge-exten Bierfasserls, woll. Und für dieses “Mai san mia mia” wird Bayern ja auch so geliebt. Nicht nur in der Bundesliga.

Nachdem das jetzt mal geklärt ist und ich jetzt wahrscheinlich 98% der Fußballfans nicht mehr auf meiner Seite am Lesen habe, … ich steh hier auf dem berühmten Münchner Marienplatz, live und livehaftig, da wo der Bayern München demonstrativ den 1860iger Fans fast jedes Jahr mit der Meisterschale und anderem Fußballgold zuwinkt … und wieder 1% weniger Leser …

Es herrscht hier ausgelassene Stimmung bei diesem einmaligen Narrhalla-Umzug. Die Bundesregierung hat auf starkem Zuspruch von Söder und Bayrischer Co.KG – also der Bayrischen CSU-Ordnung mit derer KoalitionsGemeinschaft aus “Aiwanger undsoweiter-unbedeutend-zu-erwähnen” – den Marienplatz per Corona-Verordnung großzügig räumen lassen, damit keinem die Sicht auf das Faschingstreiben genommen wird. Das Publikum ist bereits – wie immer in München – geil, gamsig und hosad. Übersetzen werde ich das nicht, außer Sie schicken mir eine Kopie Ihres Persos oder Ihres Bayrische-Staatshinzugehörigkeit-Ausweis zu, damit Sie die Ü18-Verifikation bei mir bestehen.

Wie gesagt, es herrscht tollste Stimmung. In einer Ecke sieht man sogar zwei Faschingsgesellen, die sich als Straßenbettler verkleidet haben. Richtig real sehen die aus, mit Einkaufstüten als Hausstand zu deren Füß und trinken dort in aller Ruhe ihr Bier aus Flaschen. Ja – und auch das beherrscht der Münchner Fasching grandios – sie schunkeln! Corona-Regel-getreu schunkelt bei den beiden nur jeder zweite mit Abstand. Ja, so ist München. Immer einen Spaß auf der Kante und Bier überm Herzen, zum Gurgeln gegen böse Ansteckungsgefahren. Weitere wartende Zuschauer stehen auf dem Platz und haben lustige Schirmchen mitgebracht, was allerdings ein wenig die Aussicht auf deren phantasievoller Bekleidung erschwert. Das ist nicht so schön, aber was soll’s. Ist halt so. Jeder Jeck ist anders, gell. Hauptsache, Fasching is dahoam. Und dahoam is eh am gmiatlischsten und darum blaim ma ol dahoam und schaun uns an was auf uns zu kommt, woll.

Schaun mer mal, dann sehn mer scho.

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Und wie wir sehn, wir sehn erstmal nüscht. Aber das kann sich noch ändern. Im Fasching ist alles möglich. Da steppt der Bär schneller als Söder in Berlin ist, woll. Zumindest lässt der Bär auf sich warten. Er ist noch in Berlin bei den Preußn, habe ich mir sagen lassen.

Zumindest ist der Marienplatz noch tropfnass von der nächtlichen Putz- und Wischaktion “München muss sauber bleiben”, so dass wir locker vom Marienplatz bis zur nächsten Baustelle blicken können. Und das ohne Fön-Wetterlage. Und das ist doch auch schon mal was, oder.

Also warten wir geduldig.

Wir warten.

Und in der Zwischenzeit bis dass der Zug kommt, ein wenig Werbung für Ongomoier und seine neuen Faschingskostüme:

Ongomoiers Faschingskostüme repräsentieren wie nichts auf dieser Welt, das was den Münchner Fasching ausmacht: Ehrlichkeit, Durchblick und Wahrhaftigkeit. Ongomoiers Faschingskostüme sind das wahre Nichts. Sie sind sogar nachhaltig, biologisch einwandfrei ohne Schadstoffe, biologisch abbaubar, waschmaschinentauglich bei 95 Grad und können auf jeder Münchner Schaber-Nackt-Faschingsparty, in jedem Swinger-Club und an jedem FKK-Strand getragen werden. Sie tragen nicht auf, sie fallen überhaupt nicht auf. Selbst politisch sind sie auf bayrischer Linie, sie sind das sündigste Nichts seit Adam und Eva. Ongomoier Faschingskostüme sind so wunderbar wie unsichtbar. Man gönnt sich ja sonst nichts, nicht. Diese Werbung zur Faschingszeit wurde Ihnen präsentiert von Ongomoier. Nichts ist schöner als nichts.

So.

Wieder zurück auf Sendung und wir warten auf den phantastischen “Narrhalla München Eeh Vau”-Faschingsumzug. Er soll außerordentlich bemerkenswert werden, so wurde mir aus gut unterrichteten Kreisen erzählt. Und ich muss Ihnen gestehen, ich stehe hier schon seit Stunden und sehe wie unermüdlich die Münchner Polizei mit ihren Polizeiwägen mit Bamberger Kennzeichen das Gelände des Faschingszugs umsorgt und absichert. Bislang gab es noch keine Verstöße gegen die allgemeine FFP2-Maskenpflicht und dem Abstandsgebot, wurde mir versichert.

Die Bayrische Bevölkerung hat ja die Bayrischen Hygienemaßnahmen sehr gut angenommen, wie bereits unermüdlich öffentlich Söder betont. Damit luegt Söder richtig. Denn nicht jeder hat 250 Euro (Verstoß gegen die Maskenpflicht) oder 500 Euro (Verstoß gegen die Ausgangssperre zwischen 21 Uhr und 5 Uhr) täglich zur freien Verfügung. Das Lob Söders über die Annahme der Bayrischen Verordnung durch die Bevölkerung gilt somit auch ausnahmslos und uneingeschränkt für die verantwortungsvolle Münchner Stadtbevölkerung, mit Index knapp um die 48 heute. Also auf Hunderttausend Menschen insgesamt, also nicht was Boomer oder grauhaarige, weiße Männer mit Faschingswitzen angeht, woll.

Der Zug lässt noch auf sich warten.

Moment! Ich höre gerade über meinen Kopfhörer, der Zug ist schon vorbei gezogen! Jawohl, liebe Närrinnen und Narren und Narrhalesen, sehr verehrte Faschingsmuffel und Faschingsmuffelinnen, liebe restlichen 1% der geneigten Mitleser*Innen aus dem Fanclub “Bayern München e.V.”, der Faschingszug ist vorhin bereits über den Marienplatz hinweg gefegt! Es war ein atemberaubender Zug mit viel klandestin verteilten Freibier, Weißwürscht, Leberkäs und Lutschbonbons. Ein Umzug verkleidet als echter Geisterzug, wie man ihn noch nie gesehen hatte! Wahnsinn! Eine gelungene Vorstellung des Umzugs. Waaahnsinn! Da können sich die Kölner und Düsseldorfer und auch die Mainzer Faschingstreibenden dicke Scheiben abschneiden. Ein wahrlich gelungener Umzug! Waaaahn-sinnnnn!

Darauf ein dreifaches

Schluck auf Schluck! Muc, Muc, Muc! Narri Narro!

Danke für Ihre Aufmerksamkeit.

Hundert Jahr

Gabi, Horst, Edgar und seine neue Freundin, die beiden Kleinen, Etienne und … und … verdammt, wie hieß nochmals der Ex von ihr? Und wird er kommen? Was hatte sie mir dazu am Telefon gesagt? Mir fällt sein Namen nicht ein. Als wär ich hundert Jahr.

Die beiden Kleinen. Wegen denen wurde doch alles aufgezogen. Diese kleinen Nervensägen. Nervensägen? Darf ich das denken? Darf ich überhaupt fragen, ob sie es sind? Ich frag doch nur. Der Weihnachtsbaum, der extra wegen den beiden Kindern aufgebaut wurde. Okay, auch wegen Etienne. Die wollte auch einen.

“Wir sollten eh nicht großartig feiern. Lass uns keine Keimzelle der Corona-Viren werden. Wir könnten es dieses Jahr auch mal ruhiger angehen lassen. Also ohne Großfamilie, oder so.”

“Bist du bekloppt? Weihnachten ist der einzigste Ruhepol im Jahr voller Hektik, in der man es zusammen heimelig und gemeinsam besinnlich haben kann. Und du willst den letzten sozialen Anker der Familie zerstören?”

Der einzigste Ruhepol. Diesem gestelzten Empathie-Komparativ war nichts entgegen zu setzen. Und dann noch das Adjektiv sozial. Sozial. Der Mensch dein soziales Wesen. Mit sozialem Abstand. Eins fünfzig. Sozial. Ich hatte es kurz mal versucht, den Abstand nicht sozial zu halten. Das hatte mir gar nicht gefallen. “Du hast es nicht richtig versucht. Du musst dir klar machen, dass dieser soziale Abstand nur Methode der Oberen ist, dich einzuschläfern, dich zum Schlafschaf zu machen. Du musst da nicht mitmachen, erwachen musst du aber erwachen”, erklärte mir auf der Demonstration ein Teilnehmer (ohne Wachturm in der Hand). Erwachen du musst, junger Padawan, so flüsterte es in mir. Ich gab mir dann wirklich Mühe; aber das war nicht meins. Es wurde sogar richtig stressig. Auch wenn ich Lob von jenem Menschen für meine Mühe erhielt. Ich beließ es dann konsequent bei dem sozialen Abstand. Asoziale Nähe ist auch nicht die Lösung. Auch nicht bei Demonstrationen. Dann lieber social distancing zu solchen Mitmenschen.

“Chef, ich brauche dringend morgen einen freien Tag. Dringend.”

“Echt? Willst du vor dem neuen Lockdown noch wohl ein wenig Frischluft schnuppern? Gefällt dir unsere Büroluft nicht mehr?”

“Chef, Weihnachten steht vor der Tür!”

“Und? Du musst jetzt nicht unbedingt noch vor dem Lockdown noch Weihnachtseinkäufe machen. Das hättest du ja auch schon vor Wochen erledigen können, oder?”

“Chef! Woher sollte ich wissen, dass am 24ten Dezember wieder Weihnachten ist?!? Warum hat mir niemand vorher was gesagt?”

“Okay, okay. Aber bring uns keine Andenken in die Firma, okay?!”

Gestern hörte ich noch der mahnenden Worte. Man müsse doch nicht den letzten Tag vor dem Lockdown zu Einkäufen nutzen. Ich atmete tief durch, füllte meine Lungenflügel mit Frischluft. Die Ruhe vor dem Sturm. Für den Sturm vor der Ruhe. Sicherlich werden sich sowieso alle dran halten und nicht rausgehen. Ich meine, ich bin halt so doof und es passiert auch nur mir, dass ich dran erinnert werden muss, wann Weihnachten ist.

Geschenke. Gabi, Horst, Edgar, seine biedere neue Freundin, die beiden kleinen Nervensägen, sexy Etienne und … und … verdammt, wie hieß nochmals der Ex von ihr? Ob er kommt? Ich musste grinsen. In deren Ehe soll er ja nie gekommen sein, hatte Etienne immer danach erklärt. Wie hieß er? Pretox hatte sie zu ihm gesagt? Oder Prätorix? Pretorius? Mir fällt sein Namen einfach nicht ein. Als wär ich hundert Jahr.

“Wie alt sind denn die beiden?”

“Fünf und neun. Ich brauch irgendetwas, was die aufsaugt. Damit die mal nicht vor dem Tablet oder Computer hocken.”

“Oh, das ist schlimm.”

“Ja, deren Mutter hat aber nichts dagegen, dann hat sie ihre Ruhe. Hat meine Mutter auch damals immer gemacht.”

“Echt? Gab es in ihrem Alter überhaupt schon ein Nachmittagsprogramm außer den Telekolleg im Dritten?”

“Naja, meine Familie war nicht so reich. Meine Mutter hatte mich immer auf nem Stuhl vor dem Fenster gesetzt und dann habe ich den Blüten beim Blühen zugeschaut, den Fliegen beim Fliegen und den Vögeln beim … Völlern im Kirschbaum und dem Gras nun mal beim Wachsen. Geschadet hat es mir nicht, wie sie sehen. Ich habe meine Lehren draus gezogen, bin quietschfidel, lebensfroh und kinderlos. Das Leben muss ja nicht immer von Leid durchzogen sein, nicht wahr.”

Sie zeigte mir eine Art Blasebalg. Wenn man drauf hüpft, fliegt eine Gummirakete gen Decke. Also fast so schön wie ein Atomkraftwerk zum Selberbasteln. Nur halb so spannend.

“Das hält ihre Nervensägen bei Trapp und macht sie müde. Also elternfreundlich.”

“Echt? Ich dachte, es müsste fiepen, tröten und krachen, damit mich die Eltern in deren nächtliches Hassgebet mit einschließen.”

“Sie sind mir sympathisch. Wir sollten uns mal treffen.”

“Nein, keine Zeit, ich streiche bald meine vier Wände und schaue dann der Farbe beim Trocknen zu. Das erweckt Kindheitserinnerungen bei mir, Sie verstehen?”

Über meiner Schulter hängt mein Stadtrucksack, an meiner linke Hand zieht schmerzhaft eine Tüte und mit der rechten Hand versuche ich mir einen Weg durch die Menge zu schaufeln. Warum hat keiner dieser Vollspacken einen Fernseher zu Hause? Hat da nicht wer ganz klipp und klar und deutlich gesagt, man solle Rücksicht auf andere nehmen und zu Hause bleiben? Unsäglich, diese Massen von Querdenker! Rücksicht auf andere nehmen, das liegt denen nicht. Und wer sind diese anderen? Ich nun mal! Denn ich bin nicht wie die anderen, also bin ich ich! Einer der arbeitenden Bevölkerung, die sich mit Müh und Not beim Chef einen freien Tag nimmt, um in Ruhe seine Weihnachtseinkäufe zu erledigen. Und was machen die anderen? Warum wollen die mir alle beim Einkaufen zuschauen, diese Vollspacken? Haben wir denn nicht schon genug Covid-19-Infizierte, Erkrankte, Tote und sonstige Querdenker? Himmel. Vor hundert Jahr hätt’s das nicht gegeben! Hundert Jahr.

So langsam werde ich ungemütlich. Ich muss schließlich an meine Nächsten denken, statt wie an mich selbst. Da gibt es wichtigere Personen. Gabi, Horst, Edgar, seine ranzige Neu-Partnerin, die beiden nervenden Nervensägen, sexy Etienne und … und … Präkoxius? Prä … ach, quatsch. Predrag. Stimmt. Serbe mit serbischen Vornamen, den er damals als Baby in Serbien auf serbisch von seinen serbischen Eltern erhalten hatte. Der war eigentlich okay, aber ansonsten immer der viel zu nette. Immer freundlich, immer lächelnd. Keiner dieser schwarmdementen Spießer. Kein der Pharisäer, die gern drauf pochen, scheinheiliges Weihwasser zu pissen, um zu betonen, dass das die anderen nicht könnten. Keiner dieser, die die Wörter “Narrativ” und “Framing” mit Weihrauch und Talaren umgarnen, damit derer Zuhörer in unverständiger Bewunderung verharren und leichter zu verführen sind. Keiner dieser Denker neuer Quergeschäftsmodelle, um auf querdenkender Weise sich über Schenkungen Geld einzuverleiben, um sich dann jammernd auf hohem Niveau als unverstandener Heilsbringer bei der Mehrheit zu gerieren. Wohlbeleibt wie ein Buddha auf einem ohen Anstrengung bei anderen eingesammelten Batzen Geld. Money for nothing. Geld horten, wo es nur geht. Auf das eigene Konto. So wie schon vor hundert Jahren auch. Hundert Jahr.

“Darf ich Ihnen eine Parfümprobe geben?”

“Hm?”

“Der brandneue Volksduft. Riecht nach Blut, Schweiß und Tränen.”

“Wie riecht denn das? Mit Blut, Schweiß und Tränen kenn ich mich nicht so aus, verstehen Sie.”

“Ja, verstehe ich vollkommen. Aber das heißt ja nicht, dass man es nicht kennenlernen kann, nicht wahr. Zum Drangewöhnen. Ist ganz groß im Kommen.”

“Echt jetzt?”

“Echt. Besonders bei Männern.”

“Im Kommen? Oder beim Kommen?”

“Schnuppern Sie doch einfach mal. Der neue Zeitgeist. Frauen finden den Duft auch sexy. Riecht nach Tod. Und der Tod ist das beste Aphrodisiakum ever.”

“Hm. Riecht irgendwie nach nichts, aber jetzt, jetzt geht der monstermäßig ab.”

“Richtig. The familiar calm before the storm. You know.”

“Nö.”

“Der letzte Schrei vor der Ruhe vorm Sturm. Sozusagen die Ernte vom zuvor gesäten Wind.”

“Kostet?”

“So viel wie hundert Jahr zuvor auch. Lediglich den Verstand.”

“Okay, nehm ich.”

Der Platz in der U-Bahn ist eng bemessen. Ich blicke auf meine Füße. Wenn ich etwas in der Schule gelernt hatte, dann das auf-die-eigenen-Schuhe-Blicken. Hausaufgaben nicht gemacht? Vokabeln nicht gelernt? Formel vergessen? Wenn der Lehrer forschend in die Runde der Schülerschaft schaute und sich sein Opfer suchte, blickten nur die Streber den Lehrer erwartungsfroh an. Alle anderen blickten dann nur auf ihre Schuhe. Um unsichtbar zu werden. Um nicht aufgerufen zu werden. So sitze ich nun denn in der U-Bahn, schaue auf meine Schuhe und hoffe so dem Corona-Virus zwischen all den vielen Leuten um mich herum zu entkommen. Einfach nicht aufschauen. So wie vor zweimal hundert Tag, als der erste Lockdown auslief. Nicht hundert Jahr, nur zwei Hundert Tag.

Morgen startet der nächste Lockdown. Dann sind nur noch Lebensmittelgeschäfte geöffnet. Weihnachtseinkäufe gehen dann nur noch per Internet. Nur dass die Paketdienstleister dann die Pakete nicht mehr rechtzeitig ausliefern werden. Gut ist, dass mein Weinfachhändler geöffnet haben wird. Für Nachschub ist bei mir also gesorgt, den neuen Lockdown wein-seelig zu überstehen. Allein, die Dauer des neuerlichen Lockdowns ist zwar angekündigt, wird aber sicherlich nicht am 10. Januar enden. Das wird uns das Virus nicht gönnen. Dem ist es sowieso egal, welches Datum unsere Kalender anzeigen.

Vor Hundert Jahr endete eine Pandemie erst nach ihrer dritten Welle. Kurz darauf folgte jener Pandemie eine andere Epidemie, die sich zur Pandemie ausweitete. Kein physischer Virus, sondern die Idee einer Minderheit, die sich ungerecht behandelt fühlte und mit Legenden, Verschwörungs- und Verschwurbelungsgeschichten einen viralen Virus in Europa schuf, durch den dann mehrere Millionen Menschen starben. Weil die Menschen zu diesem grassierenden Virus in den Hirnen der Menschen kein social distancing haben wollten, sondern asoziale Nähe zu skrupellose Bauernfängern aufstrebend aus derer Minderheit, die sich an der Mehrheit erfolgreich ranwanzten, alle infizierten und zu begeisterten Tätern werden ließen.

Hundert Jahr.

Hundert Jahr.

War da was?

“Die Ruhe vorm Sturm. Sozusagen die Ernte des zuvor gesäten Windes.”

“Und kostet?”

“So viel wie hundert Jahr zuvor auch. Lediglich den Verstand.”

“Okay, nehm ich. Dann bitte jeweils einmal für Gabi, Horst, Edgar, seine ranzige Schranze, den beiden lieblichen Eltern-Nervensägen, für die Sexbombe Etienne und den impotenten Predrag. Der Weihnachtsgeschenk-Verpackungsservice ist hier doch auch gratis, oder?”

Komm zu mir

Komm mir nicht zu nahe. Aber bleibe nicht zu weit weg. Denke dran, alle elf Minuten verliebt sich ein Internet-Dater. Und alle zwölf Minuten wird ein Internet-Hating wegen Ghostings der Nicht-Antwort geboren.

Internet-Dater

Internet-Hater.

Internet-Dater

Internet-Hater.

Kommst du nicht zu mir, kommen wir zu dir. Influencer. Tictoc. Tictoc. Tictoc. Knock, knock. Who is there?

Leaf.

Leaf who?

Leaf me alone.

Das versteht kein Deutscher.Warum auch? Klopfen ist lautmalerisch.

Knock, knock, who is there?

Maradona?

Hand of God.

Give it back.

Mission fullfilled.

Geht nicht. Verstorben erst vorgestern. Herzinfarkt.

Mist! Echt jetzt? Nur ein “Verstorben erst vorgestern. Herzinfarkt”? Hast du nicht 36 Jahre zuvor am 4:3-Monitor gehangen und ihn bestaunt, du Sack? Und jetzt nur ein “Mission fullfilled”? Diego? Maradona? Fernsehstar der Fußball-Übertragungen?

Wer sonst nicht? Schlägt er nicht in deiner Magengrube als postmoderner Gangsterjogger Europas? Ist zwar schon 30 Jahre her. Aber biste kein ‘Okay-Boomer’ mehr? Die Jugend interessiert sich für Maradona weniger.

Egal.

Alle Boomer sind heuer eh Kandidaten für Schlaganfall und Herzinfarkt. Ist es besser mit 80 zu sterben? Oder mit einem Glas Schaumwein in der Rechten beim sexuellen Erlebnis? Katholisch, evangelisch, protestantisch, christlich, moslemisch? Oder evtl. atheistisch lustvoll?

Lautstarke Gegenposition. Unbedeutende, aber lautstarke Minderheit:

“Hallo? ‘It-Girl’? Hallo? Das ist wie ‘Sexworker’, aka wie ‘Hure’, wie ‘Nutte’, wie ‘Untergang des Abendlandes’, wie ‘das können wir noch eventuell in Unterausschüssen über minder schwere Verfehlungen’ erörtern und aburteilen. Aber bitte die aktuellen etablierten It-Girls der aktuellen Live- Camps berücksichtigen, okay.”

Ich grüble. Aus meinen Lausprechern erklingt Rammstein (ohne dich). Ich fixiere die Tastatur vor mir und deren einzelne Buchstaben. Rechtschreibung ist in der heutigen Zeit so imminent wichtig. Es kann in der Covid-19-Situation den Unterschied zwischen unglaubwürdige Systemopportunisten und Demokratie-Lügnern bei Querdenkern erklären. Die achten auf alle Signale, selbst die vom Himmel.

Ich atme durch. Unbegründet. Weil alle Argumentationen noch nicht durchanalysiert.

Mein Kühlschrank ist auf meinem Weg und ich kontrolliere zuvor meine Corona-App. Zwei Treffer. Aber ohne Besorgnis für mich. Es waren wohl Supermarkt-Begegnungen. Oder in der Weinhandlung, wo mir eh keiner näher als eine Armlänge kam.

Ich schau aus dem Fenster. Es ist fast 3 Uhr Nachts. Was glaubt ihr, was ich sehen könne?

Nichts.

Nullinger.

Nada.

Niente.

Niet.

Careca allein zu Haus.

Wen interessieren in der Situation noch Eierlikör-Rezepte, deren Ergebnisse der Autor selber kurz danach weggeschlürft hat? Ist anonym-gebloggter Alkoholismus gesellschaftsfähig? Oder wollt ihr BiVies eure Kinder so etwas unreines überhaupt lesen lassen?

Hasta la Vista.

Pro contra Contra. Hart, aber fair?

Es ist mir klar, dass das, was ich schreibe, immer auf der Kante genäht ist. Wahrheit ist immer eine Händewaschung eines Pontius Pilatus entfernt. Mit Trinkwasser. Nicht mit Klowasser. Ist zwar das Gleiche, aber diejenigen in den Dürreregionen werden so etwas eh nie verstehen.

Ein “Pro” zieht immer genügend “Contra” nach sich. Ein “Contra” begibt sich immer in die Sturmfluten eines “Pro”s. Und ein “Pro” war schon immer in den Wellenbergen des “Contra” ein Schiff ohne Kapitän und Sextanten. Von mir als konstruktive Kritik gemeinte Kommentare in diversen Bloggen, würden – weil unbequem und noch mehr unbequem – schon mehrfach als destruktiv und aversiv eingestuft. Weil die Blog-Owner es so lesen wollten, statt zu fragen, wenn sie Zweifel hatten. Entsprechend waren die Konsequenzen. Belegt mit einem Bann schmücken mich zweifelhaft diverse herausragende Blogs. Gefragt wurde nie von deren Schreiberlingen, was ich meinte. Reagiert wurde lediglich auf deren eigene Befindlichkeit.

Nie ist ein “Pro”-Anhänger damit zufrieden, worüber ein “Contra”-Adept sich in Applaus überschlagen würde. Und umgekehrt. Wenn sich ein Schlager-Adept dazu entschließt, hinsichtlich einer Begebenheit eine von anderen als seltsam empfundene Meinung zu vertreten, dann ist das erst einmal nichts ungewöhnliches. Wenn aber dann ein Sponsor eines jenen sich von eben jenen zurückzieht, dann wird gleich mit dem Begriff “Zensur” gekartet. Denn der Sponsor entzieht jenem die Gelder, die jener vorher erhalten sollte. Der Sponsor fühlt sich nicht mehr von jenem vertreten und entzieht ihm dessen finanzielle Zuwendung. Kein gleiches Ziel ergibt keine gleiche Loyalität per zuvor gemeinsam geschlossenen Vertrag.

Wenn sich ein Ehepaar bei deren Heirat auf Treue vereinbart hat und dann einer der beiden Ehe-Unterzeichnenden später diesen Begriff der “Treue” anders interpretiert, dann ist also die neue Interpretation unadaptiert. Und beide können ihre Ansichten über die Divergenz derer Ziele äußern. Nur wenn beide nicht die gleichen Sprachrohre habe, ist das ungerecht? Haben dann beide sich selbst überhaupt gemeinsam verstanden?

Ist es ein Fall für den Begriff “Zensur”, wenn der eine Mensch seine Interpretation von “Leben” und “Treue” erklärt, und der andere Mensch sich auf gesellschaftlich mehrheitliche Konventionen beruft? Wenn der eine sich auf den Begriff “Wandlung” beruft, der andere Mensch sich auf das „Wort “Loyalität” beruft? Und beide damit deren eigenes Verständnis von “Treue” meinen? Und somit die Abweichung als “Untreue” bezeichnen? Und die geäußerte und untersagte Meinung zur Deklaration dieser Abweichung als Zensur bezeichnen? Oder wird da “Zensur” mit “Loyalität” durchgemixt?

Kompliziert? Sicher das. Je nach Standpunkt.

Das Wort “Zensur” ist immer recht leicht verwendet. In Deutschland kennen 13 Millionen Mitbürger die Auswirkungen von Zensur vor 30 Jahren. Die anderen kennen es nur noch vom Hören-Sagen derer Elterns-Eltern. Wenn überhaupt, dann ist das Wort “Zensur” so eine Vokabel, welche nolens volens als Schlagwort der “Rhetoriker für Arme” dient. Also jenen, die es nur als empathische Vokabel inkarniert haben. “Zensur” war bislang immer etwas, was staatlicherseits den Untergebenen zwangshaft verordnet wurde.

Und jetzt ist ein beliebiger Begriff, unterworfen der eigenen Überlegung. Ohne Sinn und Verstand. Aber schlagkräftig.

“Zensur” ist inzwischen der Kampfbegriff der Linken, der Rechten und der Mitte, welche privat geäußerte Ansichten nicht in dem eigenen Kontext einordnen wollen. Geschweige überhaupt darüber nachdenken wollen. Der wohlfeile Anwurf, der andere mache sich der Zensur verdächtig, wirkt wie ein Anwurf eines Hundert-Gerechten gegen einen Betrüger.

Hm? Was? Was habe ich da geschrieben? Dass private Menschen für deren Meinung von privaten Menschen haftbar gemacht werden? Das private Anwürfe gegenüber anderer nicht mehr privat sein sollten? Privat? Was ist privat? Wenn Frau Merkel sagen würde, dass die Demokratie ein Scheißdreck wäre und Steinmeier als Bundespräsi erklären würde, es wäre nur Merkels private Meinung gewesen … geht das?

Geht natürlich nicht. Weil Merkel ist per se politisch. Hätte sie das nicht gewollt, hätte sie auch in den Vorstand von DSDS oder so klettern können.

Nur  allein, wenn ein Schnulzensänger sich – angesichts der Tatsache, dass er sich als öffentliche und bedeutsame Person identifiziert hat – dazu entscheidet, seine Hinterlassenschaften auf dem WC des gelben Boulevards (“Yellow Press”) als wichtige Meinung zu hinterlassen, dann ist das “Pulp”. Und was sich daraus entwickelt: “Pulp Fiction”. Trash as trash can. Quentin Tarantino hat bewiesen, dass selbst “pulp” für Niveau bester Güte herhalten kann.

Soweit so lustig. Niemand kann jemand daran hindern, sich als Hahn zu deklarieren,der jeden Morgen auf dem eigenen Misthaufen der aufgehenden Sonne seine Stimme als Protestnote entgegenkräht. …

( … ich bin mir sicher, dass ich mit diesem Satz garantiert 50% Sympathie derer erhalte, die aufgrund ihres Jobs gezwungen sind, vor dem ersten Jesus-Hahnenschrei aufzustehen, obwohl deren Körper das easy-going-Signal “Relax, don’t do it” erhalten … so etwas nennt man wohl Populismus … oder den Reflex der Natur …)

… Also, niemand kann jemand daran hindern, sich als Hahn zu deklarieren, der dreimal kräht, um all deren Jünger aufzuwecken, nur weil er sagt, er habe die nachdenklichen Seiten beim Sonnenaufgang entdeckt.

Das Symbol des Sonnenaufgangs ist ein gängiges. Wie häufig liest man in den Kommentarspalten des Internets den Ruf, dass die anderen aufwachen sollten, weil sie noch schlafen würden. Der Wache ist das Ideal. Im Gegentum zum Un-Wachen. Also, der Wachturm als das Leuchtfeuer der Sektierer.

Man sei ja bereits mehrere Stunden wach und dieser Waschzustand mache nach all diesen Stunden des Wachens müde. Hm, das hör sich nach dem Credo der Frühaufsteher an. Alterssenilität. Grauhaarige, alte Menschen. Ab in die Gruft, ihr Grufties.

Die Sonne geht unter, die Sonne geht auf. Alle anderen starren nach Osten, um das rotierende Rad des Schicksals zu erblicken. Aus den ersten Sonnenstrahlen wird die Zukunft gelesen und als Wahrheit verkauft. Gegenstimmen dienen als Beleg der eigenen Richtigkeit und der Falschheit der anderen. Nachdenken ist nur noch der Reflex auf Einwände der eigenen Seite bezüglich des Nicht-Nachdenkens.

Ich schaue aus dem Fenster. Wie immer seit dem Lockdown im Frühjahr dieses Jahres. Gestern wurde der Kran abgebaut und somit dessen Leuchtfeuer, welches den Werkern am Morgen halfen zu sehen, wo sie arbeiten mussten. Der Kran ist weg. Die Rohbauten werden gerade verputzt. Seit fast einem viertel Jahr erscheint es, als ob die Bautätigkeiten nur noch mir halben Dampf laufen. Ich muss die Fenster mal wider putzen.

Ich schau nach draußen und beobachte die “90/100000 Einwohner”-Auswirkungen. Ich hoffe, es hat keine Auswirkungen. Freundliche Hoffnung. In meiner Firma hatte ein Mensch einen Covid-19 positiv Test und die ganze Abteilung mit 94 Mitarbeitern wurde herunter gefahren. Berechtigt?

Damals hatte auch jemand ein Testergebnis HIV-positiv und es wurde nicht gleich die ganze Sozialabteilung vom hauseigenen Swinger-Club in Quarantäne geschickt. Obacht: HIV, nicht Cov-19. Ficken, statt küssen.

Ich schaue aus dem Fenster meiner Firma in den Sonnenaufgang. Ein Mitarbeiter erinnert mich daran, dass meine Maske nicht korrekt sitzt. Ich entschuldige mich. Home-Office ist halt nicht meine Möglichkeit. Aber ich lese dann, dass meine aufmerksamtrue Kadavergehorsam sei. Treue. Schon wieder das Wort, wo so viele aufschreien. Aufschreie. Durch die allgemeine Zensur unterdrückt?

Ich verfalle ins Grübeln. Es wird mir klar, dass das, was ich schreibe, immer auf der Kante genäht ist. Hart, aber fair? Keine Ahnung.