Notizen aus der Provinz

"Man muss die Leute belügen, damit sie die Wahrheit herausfinden." (Wolfgang Neuss)

Notizen aus der Provinz

Man lernt nie. Aus. (Teil 2)

Was bisher geschah: Teil 1

Mit diesen zusätzlichen Zutaten klappte es schon ganz gut. Selbst die ungewöhnlichste Sucht der Menschheit, welche ihm damals die Erde gekostet hatte, verfeinerte er: die Sucht nach Freiheit. Das Dogma der Freiheit wirkte stärker als alles zuvor. Tod oder Freiheit. Freiheit statt Sozialismus. Freie Fahrt für freie Bürger. Freiheit als Ismus. Als Liberalismus. Liberté, Égalité, Fraternité. Freiheit, Gleichheit und – frei übersetzt – willst du nicht mein Bruder sein, schlage ich dir den Schädel ein. Gezeichnet im Namen Kain versus Abel.

Als höchste Ausdrucksform etablierte sich in der Gesellschaft das Dogma der “Demokratie”. Mit deren Steigerung der “freiheitlichen Demokratie” als demokratische Freiheit. Der Teufel ahnte, was ablief und versuchte gegen zu steuern. Er erschuf Götter und Gotteskrieger. Und in der nächsten Stufe Deregulierer und Deregulierungskrieger gegen Götter und Gotteskrieger. Darüber konnte Gott nur in seine geballte Faust lachen. Denn der naive Apfelbaumbank-Belzebub hatte Gottes gewitzten Schachzug übersehen, den jener bereits bei der Schöpfung des Menschen in den Menschen wie ein Samenkorn angelegt hatte. Gott hatte in der menschlichen Psyche eine kleine Schwäche eingebaut: immer wenn dem Menschen etwas gefällt, führt dieses zu einer Glückshormonausschüttung, welche Suchtmechanismen auslösen. Der Mensch sucht nach dieser Glückshormonausschüttung, er hechelt förmlich danach, eine Gefallensbekundung zu bekommen. Erhält er diese nicht, wird er aggressiv und destruktiv, greift zur Steinkeule und brät seinem Mitmenschen eine über. Der Dopamin-Kick als Antrieb zur sozialen Interaktion. Und das Samenkorn wurde zum Sämling, erblühte und trug Früchte.

Der Teufel erahnte diese Schwäche zum ersten Mal, als Menschen anfingen, andere Mitmenschen systematisch zu vernichten, sich dabei distanzierend von anderen abkapselten und dabei geschlossen Glück empfanden. Hitlers Holocaust und Porajmos, Stalins Großer Terror, Maos Großer Sprung, Pol Pots Killing Fields, Trumans Hiroshima und Nagasaki, Mladićs Srebrenica, Ruanda, die weltweiten Pogrome der Rechtsextremen, all diese führten zu Glückshormonausschüttungen bei deren Befürwortern. Und es waren derer nicht wenig, welche sich danach glücklicher und zufriedener fühlten als vorher.

Der Teufel sah Gottes Werk anfangs ohnmächtig zu und wollte dann auch seinen Beitrag leisten. Mit systematische Finanzkrisen – organisiert über die Spiel- und Wettsucht der Menschen – strebte er danach, die Herrschaft über die Menschheit zurück gewinnen. Jedoch sah er, dass sein Wirken eben nur des Teufels Beitrag zu Gottes Werk war. Schlimmer noch: er sah seinen Ruhm schwinden. Denn Gott hatte etwas anderes gestartet, systematisches, welches Teufels Beitrag nun mal eben verschwindend gering erscheinen ließ: Gott war dabei, das Paralleluniversum zu schaffen, um wieder der angestammte Besitzer seines eigene Sonnensystems zu werden. Er hatte dem Menschen geholfen, ein riesiges Netz untereinander zu schaffen.

Menschen saßen vor elektronischen Bestandteilen und ließen sich von diesen in ein Paralleluniversum saugen, um dort ihren Dopamin-Kick zu bekommen. Der Mensch nennt es “sozial”, denn er definierte sich trotz aller Kriege, Massaker und Morde als soziales Wesen. Und weil der Mensch seit Boulevard, Radio und Fernsehen ins mediale Zeitalter eingetreten war, erweiterte der Mensch das Wort “sozial” um das Wort “Medien”, einfach weil es erheblich sozialer klingt.

Der Teufel erkannte zu spät das Teuflische an Gottes Plan. Und Gott amüsierte sich über des Teufels ungläubigen Staunen ob seines göttlichen Plans: er hatte ein Universum geknüpft, in dem sich die Menschen wie in einem Fischernetz verfangen sollten. Dem Menschen hatte er das Netz auf der gleichen heimtückischen Weise verkauft, so wie die Spinne der Fliege weis machen möchte, sie stricke ihr einen Pullover.

Der Mensch gab dem Universum den Namen “Internet” und definierte es als Zufluchtsstätte seiner Sehnsüchte. Der Mensch wollte sich darin mitteilen dürfen, wie es ihm gefalle. Und aus diesem unendlichen Meer des Universums “Internet” kristallisierten sich Inseln heraus, Blogs, Foren, Communities, und bildeten Gemeinschaften, die sich dem Dopamin-Kick verschrieben hatte. Dem simplen Dopamin-Kick mittels Gefallen-Bekundungen. “Daumen-Hoch” und “Gefällt-mir” als neue Währung. Das Goldene Kalb, um dem herum zu tanzen sei, um Glück zu erfahren.

Fortsetzung folgt

Man lernt nie. Aus. (Teil 1)

Am Anfang stand die Steinkeule und ein Mensch der seinem Mitmenschen damit in dem Augenblick eine übergebraten hatte, als er den anderen als Bedrohung empfand.

Gott blickte in seinen Garten Eden und fragte den Kain, wo denn Abel wäre, worauf Kain kurz angebunden auf die Rechtsabteilung seines Managements “Adam&Eva Gesellschaft mit beschränkter Haftung” verwies. Gott wurde sauer ob der justiziablen Antwort und verbannte Kain umgehend des Garten Edens. Kain reagierte unverzüglich, informierte sein Management und das trat sofort in Aktion: Gott erhielt eine Rechnung in saftiger Höhe wegen unbegründeter Kündigung von 510 Millionen Quadratkilometer paradiesischen Wohnraums mittels vorgeschobenem Grunde einer ungerechtfertigten Eigenbedarfskündigung. Begründung: Gott sei weder verheiratet, noch habe er Kinder oder andere bucklige Verwandtschaft, weswegen eine Eigenbedarfskündigung nicht nur haltlos, sondern dem Kläger zu dessen erheblichen finanziellen Nachteil auf dem irdischen Mietmarkt unzumutbaren Zuständen aussetzen würde. Wert der Klage: umgerechnet 75 Schekel pro Quadratmeter plus Anwaltskosten.

Als Gott angesichts der zu erwartenden Strafzahlung bei der paradiesisch teuflischen Bank direkt neben seinem gepflanzten Apfelbaum nach einen Kredit zur Zahlung der Rechnung anfragte, erhielt er mit maliziöses Lächeln den Rat, die Erde lieber gleich an das treuhändlerische “Kain-Adam-Eva Konsortium” abzutreten. Zumindest vorübergehend, also gewissermaßen temporär. Schweren Herzens löste Gott nun die Erde aus seinem heliozentrischen Sonnensystem heraus und überantwortete sie der geozentrischen Verantwortung der Menschen. Per Pachtvertrag über deren Lebenszeit für Luft und Liebe als Pachtzins. Ohne Inflationsausgleich.

Trotz allem gelang es Gott, in dem Vertrag noch eine Klausel einzuschmuggeln, welche ihm garantierte, den Klumpen kosmischen Drecks zurückzuerhalten, würde er es schaffen, auf der Erde ein Paralleluniversum zu gründen. Ein Paralleluniversum, welches den Menschen völlig in dessen Abhängig zwingen würde.

Der Teufel lachte dazu nur dreimal kurz und einmal trocken, baute sein Bankensystem aus und machte es für die Erde systemisch, indem er derer Banken viele gründete. Der Kitt, der alles unlösbar verknüpfte, war das einzige weltbewegende Wort, welches wie ein dicker Felsen über den Mariannengraben schwebte und alle Existenzen darin hinunter ziehen konnte: “Geld”. Denn sollten die Menschen an seine Bankenflechte rütteln, würden sie ihre Existenz aufs Spiel setzen. Denn ohne Geld lief bald schon gar nichts mehr. Noch mehr lachte der Teufel, als die Menschen erkannten, wie sehr die scheuernden Ketten um deren wunden Fußknöcheln eben mit dieser Felsenkugel untrennbar verbunden waren. In Folge wurden die Menschen demütig und opferten vieles – Glück, Liebe und Leben –, damit sie nicht eines Tages auf den Grund jenes Mariannengrabens aufwachen würden, weil sie des Kitts nicht mehr hatten. Der Kitt war für sie der Leim des Lebens, auf dem die Menschen gingen.

Nur Gott gab sich längst noch nicht geschlagen. Immer wieder setzte er seine eigenen Ideen dagegen, um dem Teufel das Leben schwer zu machen. Er konstruierte Weltreiche und lies darin eigene Regeln und Philosophien erschaffen, um sie nachher mit einem Handwisch hinweg zu fegen, wenn sie dem Teufel zu sehr auf dem Leim gingen. Immer wieder bedrohte er das Geldsystems des Teufels mit eigenen Strategien. Irgendwann jedoch nahm er Abstand von national orientierten Lösungen. Gott dachte nachhaltiger und globalisierte seine Strategien. Sein erster Versuch war die Tulpenmanie im Goldenen Zeitalter der Niederlande. Der wurde aber zu einem Schlag ins Wasser. Es gelang ihm noch nicht, die Menschen vom Geld zu entfernen. Er modifizierte daher seine Strategie und eines seiner ersten Meisterwerke war dann, als er es mittels der britischen East India Company schaffte, von Europa aus Millionen von Menschen östlich des Fruchtbaren Halbmondes in Drogenabhängigkeit zu versetzen und sie so in deren Drogenrausch dem Bankensystem zu entziehen. Was er jedoch nicht bedachte, dass die Einnahmen aus dem East India Company Drogenmonopol dem Bankensystem westlich des Fruchtbaren Halbmondes zugute kamen. Mit dieser Erkenntnis holte Gott zum vernichtenden Gegenschlag aus. Wenn schon nicht die Opiumsucht im Osten nicht die Lösung brachte, dann weitere Süchte in stetiger Kombination. Opium für das westliche Volk angerichtet mit den Zutaten Religion, Alkohol, Tabak, Spiele, Fernsehen, Sex für jedermann. Die Erde sollte endlich wieder in seine Gewalt kommen.

Fortsetzung folgt

Kneipengespräch: Zwischen Salzgebäck und Bier (1)

DSC00267“Sach mal du, bei all der Begeisterung für unser Kölschgespräche hier, die du hemmungslos im Internet veröffentlichst, ich muss dich mal was fragen: Findest du nicht auch, dass man in deinem Blog nicht mal auch so aktuellere Themen bearbeiten sollte? So wie die ‘Friday for Future’-Schülerdemos zum Beispiel.”

“Ja, genau, oder so was wie Dingsda, sowas wie der Humor in Deutschland.”

“Wo siehst du jetzt den Unterschied jetzt?”

“Na, also, na, im Unterschied zum Humor in Deutschland sind die jetzigen ‘Friday for Future’-Schülerdemos … wie soll ich das jetzt auch sagen. Du stellst mir aber auch Fragen. Herrgottnochmal, so zwischen Salzgebäck und Bier, also ehrlich …”

“Aber jetzt mal ne persönliche Frage: wovon fühlst du dich mehr bedroht? Vom Artikel 13 und seinen Upload-Filtern oder von der Datenschutzgrundverordnung?”

“Ja, von der Rechtschreibereform. Denn, schau mal, wie schreibt man jetzt eigentlich Upload-Filter, DSVGO, ‘Friday for Future’ oder Humor?”

“Klein, mein Liebster. Ganz klein.”

“Ja, gut, klein. Aber wie klein? Bernd-Stelter-klein. Oder wie Annegret Kramp-Karrenbauer.”

“Noch weiterer solcher Internetverordnungen und die Generation nach mir kann sich das Arbeiten im Internet ganz abschreiben. Und die Steuer-CDs aus der Schweiz werden endlich als geklaute Daten bewertet, der Kauf als Handel mit Kriminellen. So wie die Adressen von Prominenten und Politikern. Da war ein Aufschrei Anfang dieses Jahres.”

“Jaja, aber meine Postings im Internet sind sicher, das sag ich dir aber.”

“Wer sagt das denn?”

“Annegret Kramp-Karrenbauer.”

“Hähähähä, soso, also die Annegret Kramp-Karrenbauer hat dir persönlich gesagt, dass eigens von dir verfasste Postings im Internet nicht gelöscht werden? Weil keiner einen eigenen Upload-Filter verwendet? Eine eigene hoheitliche Geschmackskontrolle?”

“Naja, nein, nicht so direkt, aber sie hat gesagt, das musst du zugegeben, dass das Internet gesichert ist.”

“Hat sie gesagt. Aber an deiner Stelle wäre ich beruhigter, hätte sie gesagt, die Postenden im Internet sind sicher.”

“Vor wem?”

“Vor der Geschmackskontrolle einer wie Annegret Kramp-Karrenbauer.”

“Nun frage ich dich, was ist überhaupt noch sicher?”

“Ja, die Postings von der Annegret Kramp-Karrenbauer. Wie deren Humor. Weil wir das verkrampfteste Volk sind, das auf der ganzen Welt herumläuft. Hat sie gesagt, die Annegret Kramp-Karrenbauer, als man sie für deren dümmlichen Witz kritisierte. Der Bernd Stelter hat sich angeschlossen.”

“Meinst du, dieser Comedy-Vertreter, dieser Bernd Stelter, dürfte der eigentlich auch auf Schüler-Demos klampfen und singen?”

“Wenn er keine Doppelnamen dabei verwendet. Oder ‘Friday for Future’ nicht als ‘Effeffeff’ abkürzt.”

“Ja, keine Sorge, das machen doch sicher schon bald andere. Dem Kind den Namen nehmen, damit es harmloser wird. Oder einfach mal nicht auf Argumente eingehen, sondern sich lediglich über Formen entrüsten.”

“Der NRW-Ministerpräsident Armin Laschet hat ja auch eine Meinung zu den Schülerdemonstrationen. Diese ‘Fridays for Future’-Demos kritisiert er, weil die Kinder und Jugendlichen während der Schulzeit und nicht in ihrer Freizeit protestieren. Für ihn sei es glaubwürdiger, wenn Schülerinnen und Schüler sich erst nach Schulschluss zu den Demos versammeln und somit ein persönliches Opfer in ihrer Freizeit bringen würden.”

“Naja, immerhin, jedenfalls müssen wir jetzt alle Opfer bringen.”

“Ja, das höre ich immer überall, wir müssen alle Opfer bringen. Kannst du mir mal erklären, wie dieser gequirlter Quark funktionieren soll? Zu einem Opfer gehören doch immer mindestens zwei.”

“Ja, vollkommen richtig, ja, ganz richtig.”

“Einer muss schließlich das Opfer annehmen, sonst hilft die Opferei doch gar nichts. Das Wort ‘Opfer’ stammt doch aus dem Kirchenlatein. Gerade du als alter Humanist müsstest dich doch auskennen. Das Wort entstammt dem Kirchenlateinwort ‘operari’.”

“Jaja, ‘operari’ kenn ich, das heißt so viel wie ‘werktätig sein‘, ‘beschäftigt sein‘, ‘arbeiten‘, ‘wirken‘, ‘verrichten’ , ‘der Gottheit ein Opfer bringen’, ‘dem Gott Almosen spenden’.”

“Da siehst du schon, ‘opfern’ ist von Altersher nur etwas für Werktätige und Arbeiter gewesen. Der Laschet verkennt doch vollkommen die Lage der Schülerinnen und Schüler. Jene können ihm doch noch nichts opfern. Was folgt daraus für NRW und bundesweit? Eben. Hunderschaften vor, Wasserwerfer marsch. Warten wir noch ein Weilchen, dann hören wir auch bald schon wieder jene Sprache, jenes hessische Welsch, das Kauder-Welsch, in der den Anne-Will-Fernsehern wieder der Blutdruck gerade gerückt wird.”

“Vollkommen richtig. Formen waren schon immer wichtiger als der Inhalt. Deshalb regen sich auch so viele so gerne über die niveaulosen Witze des Karnevals auf. Da haben sie was zu erzählen in ihrer stilistischen Leere. Immer eine Meinung. Fishing for compliments.”

“Ja, dass Witze beim Karneval kaum das Niveau vom Fußpilz erreichen, ist doch allgemein bekannt. Da kann man mit derben Verbal-Rundumschläge nicht verlieren.”

“War dir bekannt, dass der verstorbene Großmeister des Deutschen Kabaretts, der Dieter Hildebrand, bereits damals die Tendenz, Karnevals- und Comedywitze zum Zwecke des Witzelns zu analysieren, mit Kaugummi für das unfähige eigene Großhirn verglich? Bestimmte Vertreter davon hat er danach aus seinem ‘Scheibenwischer’ raus gehalten. Nuhr mal so am Rande, falls es dich interessiert. Solches Niveau wollte er nicht.”

“Nein, das war mir nicht bekannt. Wann soll er das denn gesagt haben? Oder hast du dir das aus den Finger gesogen? Aber das stimmt schon. Wer derartige Witze versucht für eigene Witzigkeit zu nutzen, der muss wohl bereits damals in seiner Freizeit für Frieden und Klima demonstriert haben, weil gerade nichts gescheites im Fernseher lief. Kein eigenen Humor, aber anderer Leute Humor Gassi führen wollen. Wer während der Schulzeit demonstriert, macht sowas nicht. Und deswegen wollen die jetzt auch den Schuleschwänzer hurmorlos Strafe aufgebrummen.”

“Nicht nur denen. Das ist doch normal. Denn jetzt werden doch alle zur Kasse gebeten.”

“Jaja, entscheidend ist aber nur, ob man abhebt oder einzahlt.”

“Naja, nächstes Jahr nach Karneval ist wieder Aschermittwoch und dann wird ja alles anders, nicht wahr.”

“Hehehehehe, wovon träumst du eigentlich nachts, mein Bester?”

“Von meinen Postings im Internet.”

“Na, dann Gute Nacht.”

“Gute Nacht.”

Kneipengespräch: Kinderspiel

»Daten sind wichtig, Daten und Informationen sind die neue Währung. Ich kann Ihnen ein attraktives Angebot machen. Der DataFilius 2020, die Geheimwaffe, um endlich in Frieden zu leben. Sind Sie fromm?«

Er schaute von seinem Kölsch auf.

»Lammfromm.«

»Es kann der frömmste Mensch nicht in Frieden leben, wenn es dem bösen …«

»Nachbarn?«

»… nicht gefällt. Genau. Und genau dort setzt unser DataFilius 2020 an. Wir wollen doch alle in Frieden leben, oder etwa nicht?«

»Aber immer. Ich jedenfalls. Auch ein Kölsch?«

»Gerne. Da sind wir doch einer Meinung. Nichts schmeckt besser, als ein Kölsch unter sympathischen Menschen in netter Runde.«

»Nicht Nachbarn?«

»Sie müssen das mal pragmatisch sehen, mein Lieber. Jesus sagte bereits, liebe deinen Nächsten. Redete er dabei über Nachbarn? Ihre Nachbarn? Wer sind ihre Nachbarn? Es sind doch auch nur Menschen. Und als solche Subjekte können die einem das Leben schon ganz schön schwierig machen, nicht wahr? Menschen können furchtbar gefährlich sein. Der Mensch ist dem Menschen ein Wolf und somit sollten Sie sich ebenfalls vorsehen, dass Sie nicht unter Wölfe fallen. Wölfe sind nicht ihre Nächsten, das hat Jesus jedenfalls nie gesagt.«

»Der rechte Nachbar von mir, dessen Dackel hatte mir neulich vor der Garage geschissen und meine Frau wäre fast mit dem rechten Vorderrad ihres SUVs voll rein in die Kacke und die ganze Garage hätte eklig gestunken. Der Nachbar hatte uns nur den Stinkefinger gezeigt, als wir uns wegen dessen Mist-Töle beschweren wollten.«

Angewidert ob seines Erlebnisses nahm er einen Schluck aus seinem Kölsch und verzog sein Gesicht.

»Sehen Sie, und genau da setzt unser DataFilius 2020 ein. Zur Befriedung Ihrer Nachbarschaft. Wir installieren Ihnen an ihren neuralgischen Positionen Ihres Hauses kleinste, höchstauflösende Minikameras, welche jede Änderung und Bewegung registrieren, mit 256-bit-Verschlüsselung an den Server in ihrem Haus senden, und wird dort mittels der von uns mitgelieferten Software diese Daten per Akustik-, Objekt- und Gesichtserkennung auswertet.«

»Echt?«

»In Echtzeit. Darüber hinaus sammelt der DataFilius 2020 alle wichtige Daten ihrer Nachbarn ein, sowohl deren Internetsurfprofile, deren Bewegungsprofile über deren Handys, wenn die sich in verschiedene Sendemasten einloggen, und mittels deren Bankkarteneinsätze. Wir haben sogar eine Softwareroutine in dem Datenpaket eingesetzt, welche es ermöglicht festzustellen, ob auf deren Handys oder Computer bereits der Staatstrojaner installiert wurde. Falls ja, lässt sich dieser Vorteil zu ihren Nutzen verwenden. Sie werden herausfinden, ob der nerdige Sohn des Nachbarn im Internet Daten von Prominenten, Politikern und Schauspielern sammelt und zwecks Aufmerksamkeitsdefizit dann zur Adventszeit veröffentlicht. Selbst die Datensammlungen von Microsoft, Google, Apple, Amazon und anderen Online-Shops werden Ihnen offen stehen. Natürlich alles strengstens vertraulich nur. Denn jeder muss die DSGVO beachten, nicht wahr, ohne Ausnahme. Und wir auch. Wir sehen es als unsere höchste Aufgabe an, sicher zu stellen, dass Ihnen kein Unrecht widerfährt.«

»Ich will kein Ärger.«

»Werden Sie nicht haben. Ganz im Gegenteil. Sie werden erfahren, mit wem die Nachbarsfrau verkehrt, wenn der Mann arbeitet ist. Und ob der Mann auch ihrer Nachbarsfrau auch wirklich arbeite oder mit einer Mitarbeiterin in einem Münchner Motel Überstunden schnackselt. Und ob deren Tochter promisk ist und deren Sohn außer Computerhackereien noch andere Talente hat. Vielleicht spricht er gar russisch und steckt als Hacker mit Putin unter einer Decke.«

»Hacker sind alle von Russland gesteuert. Das weiß doch jedes Kind.«

»Sogar Prognosen sind mit unserem DataFilius 2020 möglich. Und das nicht nur zu Wetter, Börse und dem Ausgang von Serien wie IBES oder DSDS oder …«

»Lottozahlen?«

»Nein, Lottozahlen nicht. Lottokugeln haben kein Gedächtnis und verhalten sich daher irrational. Aber über das Verhalten von Menschen, Tiere und andere Naturgewalten. Alles lässt sich bequem auf ihr Smartphone senden, so dass Sie den Überblick über alle Informationen und Daten immer griffbereit in Ihrer Jackentasche haben. Und das alles schafft unsere hochpotente Software, welche wir auf dem ‘Raspberry Pi 3 B+’ als Server. Den können Sie sogar auf den Wohnzimmerschrank platzieren, da findet es niemals eine SEK mit Hausdurchsuchungsbeschluss.«

»Ich will aber nichts illegales.«

»Wer sagt denn, dass das illegal ist? Sie? Sie sollten sich selber nicht so wichtig nehmen, denn ansonsten kann unser DataFilius 2020 nicht für ihren Frieden in Freiheit garantieren. Denken Sie immer dran, es kann der Frömmste nicht in Frieden leben, …«

»… wenn der Nachbar eine vierbeinige Kotmaschine vor unserer Garage austreten lässt.«

»So isses. Sie haben es verstanden. Ihr Nachbar hat – nebenbei erwähnt – auch den DataFilius 2020 erworben, um mehr Frieden in Freiheit zu haben. Da sollten Sie nicht zurück stehen. Wäre irgendwie uncool, der einzige in der Reihenhaussiedlung zu sein, der zwar zwei SUVs hat, aber keinen DataFilius 2020.«

»Hm, ich muss doch nicht jeden Quatsch mitmachen. Allerdings will ich auch nicht mit der Nachbarschaft fremdeln, Außenseiter werden. Ich will doch nur meinen Frieden.«

»Schauen Sie mal hier auf mein Smartphone. Ich habe während unseres Gesprächs nebenbei ihre Daten an unseren ‘Raspberry Pi 3 B+’-Server bei uns im Office eingegeben. Und wissen Sie, unser Server hat sofort eine Alarmmeldung an mich geschickt, die ich Ihnen ausrichten soll.«

»Eine Alarmmeldung?«

»Höchster Dringlichkeitsstufe!«

»Und was ist die Botschaft ihres DataFilius 2020 an Sie für mich?«

»Ihr Nachbarsdackel hat wieder vor Ihrer Garage geschissen.«

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Zitat Aldous Huxley:

Der Glaube an eine größere und bessere Zukunft ist einer der mächtigsten Feinde gegenwärtiger Freiheit.

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Weisheit zur Weihnacht

„Wenn ein Kind geboren wird, kommt ein Engel und berührt sein Gesicht. Wissen Sie, warum?

Damit es die Wahrheit vergisst, die es im Augenblick der Geburt weiß. Würde das Kind die Wahrheit nicht vergessen, dann wäre sein späteres Leben unerträglich. So heißt es im Talmud.“

Dieser Satz stammt von der Grande Dame des deutschen Kabaretts Lore Lorentz.

Da uns schlägt die rettende Stund, Teil 6

[22.12.2018 10:11:21] „Hallo Careca, mit Interesse las ich deine Anzeige, dass auch du Weihnachten nicht allein feiern möchtest. Ist das noch aktuell? Frohe vorweihnachtliche Grüße, Anette“

[22.12.2018 11:21:11] „Hallo Anette, kennen wir uns nicht schon? Bist du nicht die mit den vier lebensfrohen Katzen von vor fünf Tagen?“

[22.12.2018 11:23:23] „Na und? Darf ich nicht mal fragen? Musst du gleich so ausfallend werden?“

[22.12.2018 11:59:13] „Hallo Anette, wo bin ich denn ausfallend geworden? Gruß Careca“

[22.12.2018 12:13:59] „Careca, ich fand schon deine vorherigen Mails an mich unverschämt. Du scheinst mich wohl zu stalken. Dir ist doch wohl klar, dass dieses strafbar ist?“

[22.12.2018 12:59:59] „Anette, ich stalke nicht. Du hast mich angeschrieben! Gruß Careca“

[22.12.2018 15:12:04] „Jaja, das sagen alle. Aber ich habe es schwarz auf weiß in meinem E-Mail-Postfach. Du hattest mich letzten Sonntag als erster angeschrieben. Du bist doch dieser notgeile Über-50-Jährige, mit dem es keine Frau paar Dutzend Jahre aushält? Du hast es doch auf einsame Frauen abgesehen, um dann zu Weihnachten deren Notlage auszunutzen und diese zu belästigen!“

[22.12.2018 16:00:00] „Hallo? Ich belästige nicht! Auch dich nicht!“

[22.12.2018 16:12:22] „Aha, aber wieso schreibst du mir dauernd? Kein Wunder, dass dich deine Frau nach 30 Jahren verlassen hat, denn du bist unfähig, dich anderen Menschen anzupassen. Du gefällst dir als institutionalisierter antideutscher Bilderstürmer und hirnbefreiter Traditionsbrecher. Als Widersprecher der guten Meinung? Solche Leute wie du sind erheblich gefährlich!“

[22.12.2018 17:01:44] „Anette, jetzt übertreibst du aber! Wer sagt dir, dass ich mit einer Frau zusammen war? Ich bin weder notgeil, noch lass ich mich von dir beleidigen! Gruß Careca“

[22.12.2018 19:39:24] „Du hast doch angefangen! Wer hat mir denn unterstellt, ich wäre eine Couch-Kartoffel? Ist das etwa keine Beleidigung unter der Gürtellinie? Ich werde deine Mails an meinen Rechtsanwalt weiterleiten. Du wirst von ihm hören. Deine dumme präpotente Arroganz werde ich dir austreiben. Du wirst es dir noch gereuen, mir begegnet zu sein!“

[22.12.2018 20:15:45] „Na dann. Da bleibt mir nur noch dir eine Frohe friedliche Weihnacht zu wünschen, Anette, und rutsche gut. Habe die Ehre, Careca“

[22.12.2018 22:45:09] „Noch eine weitere, dieser beleidigenden und ehrabschneidenden Mails von Ihnen, Herr Careca, und ich zeige Sie umgehend wegen permanenten Stalkens an, nur damit Sie es wissen! Solche Leute wie Sie gehören mit der Scheißhausbürste ausgekehrt! ARSCHLOCH! Mit vorzüglicher Hochachtung, Anette“

Da uns schlägt die rettende Stund, Teil 5

[21.12.2018 06:01:17] „Hallo Kerstin und Gerd, mit Interesse las ich eure Anzeige, dass ihr Weihnachten nicht allein, sondern in einer größeren Gruppe feiern möchtet. Ist das noch aktuell? Frohe vorweihnachtliche Grüße, Careca“

[21.12.2018 13:21:49] „Hallo Careca! Super! Du bist eingeladen! Wir freuen uns. Grüße Kerstin und Gerd“

[21.12.2018 14:41:14] „Hallo Kerstin und Gerd, das ist schön. Was habt ihr denn geplant?“

[21.12.2018 17:05:33] „Hey Careca, Kerstins Großeltern mussten dieses Jahr ins Altersheim, weshalb wir beide Weihnachten nicht bei Ihnen verbringen können. Und ihre Eltern verweilen gerade auf den Kanaren, also ist da auch nichts und wir sind allein. Wir beide würden uns sehr freuen, zusammen mit dir in einer Gruppe bei jemandem den Heiligen Abend verbringen zu können. Gedacht haben wir, zusammen zu kochen, Wein zu trinken und einen Filmabend bei Kerzenschein und Weihrauchduft zu machen. Bislang haben zwei Paare, eine Frau und ein Mann zugesagt. LG Kerstin und Gerd“

[21.12.2018 17:59:11] „Hallo Kerstin und Gerd, das hört sich vielversprechend an. Habt ihr schon genauere Pläne? Wo wird das ganze stattfinden?“

[21.12.2018 18:55:21] „Hey Careca, wir haben eine Liste aufgestellt, was so benötigt wird. Die anderen haben bereits einiges schon abgedeckt und können es mitbringen. Für dich wären dann noch folgende Punkte zum Auswählen: Weihnachtsbaum (geschmückt), Weihnachtsgans (Bio), Bordeaux-Wein (bitte keine Billigmarken, die schmecken nicht). Filme und DVD-Player stellen Kerstin und ich. Die anderen stellen Beilagen, Salate, Biosäfte, ausreichend selbstgebackenes Weihnachtsgebäck und Joints. Und: wir suchen noch einen Ort für die Weihnachtsfeier. Ich hoffe doch sehr, dass es bei dir gehen wird. LG Kerstin und Gerd“

[21.12.2018 21:12:16] „Hallo Kerstin und Gerd, ich habe gerade eine Einladung zu einem Weihnachtsfest von einer Freundin erhalten. Ich wünsche euch noch viel Erfolg für euer Fest. Careca“

Da uns schlägt die rettende Stund, Teil 4

[20.12.2018 07:31:52] „Hallo sehr geehrte Familie, mit Interesse las ich ihre Anzeige, dass Sie Weihnachten einem einsamen Menschen anbieten, mit Ihnen Weihnachten zu feiern. Ist die Anzeige noch aktuell? Frohe vorweihnachtliche Grüße, Careca“

[20.12.2018 22:35:02] „Hallo Careca, das stimmt. Sie ist noch aktuell. Können Sie mehr zu sich schreiben? Aufgrund der Entwicklung in Deutschland der letzten Zeit müssen wir auf die Beantwortung der nachfolgenden Fragen bestehen: Wer sind Sie? Warum sind Sie einsam? Aus welchen Verhältnissen kommen Sie? Was machen Sie beruflich? Leben Sie zur Miete oder in einem Eigenheim? Welche Bekanntenkreise haben Sie und warum feiern diese keinen Weihnachten? Darüber hinaus: Können Sie sich auch bei der Bescherung am Heiligabend entsprechend beteiligen? Wir können Ihnen eine Wunschliste von meiner Frau, mir selber und unseren drei Kindern zuschicken, wenn Sie uns Ihren Wunsch für ein Geschenk (max. 30 Euro) übersenden. Darüber hinaus wäre eine Unkostenbeteiligung für das Festmahl inklusive Getränke von 50 Euro erforderlich. Mit freundlichen Grüßen Familie Bode“

[20.12.2018 23:54:32] „Sehr geehrte Familie Bode, es hat sich erledigt, ich habe gerade vorhin Verlobung auf Schloss Neuschwanstein gefeiert. Die Hochzeit wird am Freitag vor Heiligabend in der Münchner Frauenkirche stattfinden. Sehen Sie meine Anfrage als gegenstandslos an. MfG Careca (nach Diktat vereist, übrigens auch verreist)“

Da uns schlägt die rettende Stund, Teil 3

[19.12.2018 09:07:49] „Hallo, mit Interesse las Ihre Anzeige, dass Sie Leute suchen, die Weihnachten nicht allein feiern möchten und mit denen was unternehmen möchten. Ist das noch aktuell? Frohe vorweihnachtliche Grüße, Careca“

[19.12.2018 09:07:59] „Sehr geehrter Interessent. Vielen Dank für Interesse. Wir sind ein international renommierte Vermittleragentur und haben uns darauf spezialisiert, gerade an Festtagen Menschen zusammenzubringen, die an solchen Tagen in ein schwarzes Loch der Einsamkeit zu fallen drohen. Wir kratzen an der Oberflächlichkeit, wie es kein Oberflächlicher dieser Welt bei seinem Bentley es zu wagen vermöge. Nach uns vorliegenden neuesten Statistiken steigt die Gefahr der Suizide wegen Einsamkeit unter deutschen Singles gerade an Festtagen wie Weihnachten, Silvester, Aschermittwoch, Karfreitag, Ostern und Allerheiligen überproportional. Wir haben uns als selbst erklärtes Ziel gesetzt, dieser Bedrohung etwas wirklich Handfestes entgegenzusetzen. Niemand soll sich an solchen Tagen unglücklich fühlen. Wir bringen Menschen zusammen und geben ihrem Leben wieder Lebensqualität und Lebensfreude. Wenn Sie uns heute noch per Direktüberweisung 50 Euro zur unentgeltlichen Verfügung stellen, erhalten Sie noch heute Zugriff auf eine Datenbank, in der Sie Gleichgesinnte in ganz Deutschland finden werden, die wie Sie darauf warten, mit Ihnen die kommenden Festtage sinnvoll zu verbringen. Lassen Sie sich nicht zu den Festtagen in ein Stimmungsloch fallen. Ihre Lebensfreude liegt uns am Herzen. Den Link zur Direktüberweisung finden Sie am Ende dieser Mail. Mit festtäglichen Grüßen Ihre Lebensfreude-Agentur“

Da uns schlägt die rettende Stund, Teil 2

[18.12.2018 14:30:21] „Hallo Detlev, mit Interesse las ich deine Anzeige, dass du Weihnachten nicht allein feiern möchtest. Ist das noch aktuell? Frohe vorweihnachtliche Grüße, Careca“

[18.12.2018 19:25:19] „Hallo Careca, die Anzeige ist freilich noch aktuell. Aber ich suche keine Single-Männer, lol. Ich suche Single-Frauen oder Paare, die sich Weihnachten mit mir treffen wollen und wissen, was man dann zusammen so macht, lol. Mit Männern treffe ich mich übrigens nicht, steh ich nicht drauf, bin total nicht schwul, lol. MfG Detlev“

Da uns schlägt die rettende Stund, Teil 1

[17.12.2018 09:16:31] „Hallo Anette, mit Interesse las ich deine Anzeige, dass auch du Weihnachten nicht allein feiern möchtest. Ist das noch aktuell? Frohe vorweihnachtliche Grüße, Careca“

[17.12.2018 11:12:11] „Lieber Careca, schön, dass du dich auf meine Anzeige gemeldet hast. Könntest du dich vielleicht ein wenig beschreiben? Anette“

[17.12.2018 12:03:48] „Hallo Anette, aufgrund des Endes meiner 30-jährigen Beziehung werde ich dieses Weihnachten unabhängig feiern. Doch so ganz alleine möchte ich nicht feiern und darum habe ich auf deine Anzeige reagiert. Ich bin über 50 Jahre alt, aber längst noch nicht zum alten Eisen gehörend. Für mich zählen Lebensfreude und Lebensbejahung. Neue Menschen kennenzulernen, ist eine spannende Sache für mich. Und Weihnachten ist genau die Gelegenheit mit neuen Leuten das Fest zu verbringen. Und selber? Grüße Careca“

[17.12.2018 14:43:07] „Liebster Careca, ich und meine vier Katzen sind auch total lebensfroh und suchen dieses Jahr eine andere Möglichkeit, Weihnachten sinnvoll zu verbringen. Das ewig Familiengetue ist nicht meins, darum habe ich die Anzeige geschrieben. Deine Beschreibung von dir ist supertoll. Ich mag aufgeschlossene Menschen. Was verstehst du unter Weihnachten? LG Anette“

[17.12.2018 15:57:47] „Liebe Anette, ich kann dir viel über Weihnachten schreiben und wie ich dieses Fest sehe. Es ist ein Fest voll der Heuchelei und Entmenschlichung. Meine Erfahrungen sind sicher nicht die besten und erst recht nicht die, welche mit dem ganzen Familienbrimbramborium zusammenhängen. Warum muss Weihnachten denn immer so eine Stimmung haben, wie auf dem Zentralfriedhof von München mit lediglich halb soviel Leben auf den Münchner Straßen? Ich denke, wir haben wohl da gleiche Erfahrungen gemacht. Ich würde ein Weihnachten mit mehr Aktion befürworten. Rausgehen, feiern und nicht vor dem Fernseher bei „Drei Haselnüssen für Aschenbrödel“ oder „Der kleinen Lord“ versauern, nicht wahr. Warum immer Bockwurst mit Kartoffelsalat an Heiligabend statt mal ein gutes, vier Gängemenü, das wäre doch mal der Burner. Weihnachten muss man doch nicht in deutscher Bräsigkeit verbringen, oder. Ich bin nicht so die Couch-Kartoffel, sondern will noch eine ganze Menge leben. Mit 50 Jahre muss man nicht schon ranzig leben, nicht wahr. LG Careca“

[17.12.2018 21:17:59] „Careca, danke für deine Gedanken. Aber ich denke, dass wir nicht ganz auf der gleichen Wellenlänge liegen, um Weihnachten zu begehen. Ich weiß gar nicht, was du gegen „Drei Haselnüssen für Aschenbrödel“ oder „Der kleinen Lord“ hast. Das sind doch schöne und besinnliche Filme. Und danach um Fünf in die Christmette ist doch dem Tag mehr als nur angemessen, nicht wahr. Ich sehe auch nicht ein, warum man nach der Messe mit Traditionen brechen muss und statt den normalen Wienern jene unschmackhaften Bockwürste serviert haben will. Charles Dickens Weihnachtsgeschichte unterm Weihnachtsbaum und danach Bescherung ist eine passende, kontemplative Tradition. Außerdem läuft am 1. Weihnachtstag des Abends noch die Helene Fischer Show. Ich weiß gar nicht, warum man dann noch rausgehen muss. Zudem denke ich, du bist nicht mein Fall, um Weihnachten wirklich anständig zu begehen. Für die Zukunft wünsche ich dir alles Gute, Anette“

Alle elf Minuten … oder: Leidenschaft ohne Reue

RomantikIhre Hand hielt das Handy ans Ohr. Es klingelte am anderen Ende. Mit ihren Vorderzähnen bearbeitete sie nervös ihre Unterlippe und ihr Blick flog recht ungeduldig im Zimmer umher. Ihr Fuß wippte ohne Unterlass, während sie auf der Sofakante hockte, als es in der Handyleitung klackte:

»Alles klar, Tina?«

Unwirsch fuhr Tina sich mit der anderen Hand durch ihr Haar. Die Stimme am anderen Ende der Leitung klang erregt, aufgeregt:

»Ist was passiert Tina? Nun, sag doch was!«

Tinas rechte Hand suchte weiterhin noch ihren Weg durchs Haar, um dann schützend vor ihren Mund zu landen.

»Es ist alles okay. Nichts passiert.«

»Wirklich nichts? Was geht ab? Warum rufst Du an?«

»Es ist alles okay.«

Tina hatte den letzten Satz nur zögerlich flüstert und wieder fuhr sie sich mit ihrer Hand nervös durchs Haar, erwischte eine Strähne und zwirbelte sie wie zuvor hastig um ihren Zeigefinger.

»Jetzt lass Dir doch nicht alles aus der Nase ziehen, Tina! Was ist passiert? Wie ist das Date gelaufen? Schon zu Ende?«

Tina schluckte und atmete kurz tief durch.

»Nichts ist passiert. Gar nichts.«

»Wie nichts? Was meinst Du damit?«

»Nichts, überhaupt nichts, gar nichts, null, nada, niente.«

Tinas Stimme brach ein wenig, als sie die letzten Worte aussprach.

»Kein Sex?«

»No.«

»Was?«

»Ja.«

Eine Pause entstand. Stille schien sich kurz in der Leitung Raum zu verschaffen.

»Kein Sex? Ist er impotent?«

»Anke, der sitzt im Bad und hat sich dort eingeschlossen!«

»Was?«

Anke atmete hörbar am anderen Ende der Leitung tief durch, während Tina leise aufschluchzte.

»Der ist im Bad und hat sich eingeschlossen?«

»Was soll ich machen, Anke? Ich habe doch nichts Unrechtes gemacht. Ich wollte doch nur Leidenschaft ohne Reue.«

»Und jetzt hockt deine Leidenschaft eingeschlossen im Bad?«

»Ja.«

»Ich hatte Dir schon immer gesagt, lass die Finger weg vom Online-Dating. Da holst du dir nur Psychopathen ins Haus.«

»Danke, Anke.«

Stille. Tina hatte von ihrem Wohnzimmer aus die Badezimmertür im Blickfeld. Es hatte sich nichts geändert. Sie wusste nicht, was der Typ da drin jetzt machte, sie wusste lediglich, dass er dort drinnen war. Und sie wusste, dass sie ratlos auf ihrem Sofa saß, während aus ihrem Schlafzimmer gedämpft die zuvor auf Romantik organisierte Playlist ablief. Alles hatte sie perfekt vorbereitet, nur jetzt war das Ziel ihrer Begierde noch immer im Badezimmer und hatte sich dort eingeschlossen.

»Tina, tschuldige, ich hab’s nicht so gemeint. Wie ist es denn passiert?«

Tina musterte die Badezimmertür und erklärte die Situation flüsternd:

»Wie ich Dir ja gestern schon erklärte. Er sollte in meiner Straße parken, kurz per Handy durchklingeln und dann ne Minute später unten schellen. Das hat er auch getan. Er rief an, ich habe den Espresso in die Tasse laufen lassen, und die Tasse zu der Banane und den Müsliriegel ins Bad gestellt. Schnell die Kerze angezündet und dann rüber und den Türöffner betätigt.«

»Und dann?«

»Er kam rein und ging direkt ins Bad, während ich mit Negligé im Bett auf ihn wartete.«

»Wie? Der alte Mottenfiffi, den dir dein Ex letztes Jahr zu Weihnachten geschenkt hatte?«

»Mit dem doch nicht! Anke, was denkst du! Den habe ich doch längst in der Altkleidertonne entsorgt.«

»Na, Gott sei Dank. Das war ja so ein brutaler Liebestöter.«

»Ne halbe Stunde lag ich wartend im Bett, nur außer der Klospülung habe ich seit elf Minuten nichts mehr gehört.«

»Hast Du mal angeklopft? Vielleicht ist ihm was passiert, da drinnen.«

»Habe ich.«

»Und?«

»Er meinte, es sei alles in Ordnung.«

»Und?«

»Mehr nicht.«

»Mehr nicht?«

»Mehr nicht.«

»Seltsam. Da kommt ein Mann, um Sex zu erhalten und schließt sich jedoch im Bad ein?«

»Wir hatten doch bereits vorher telefoniert und uns Nachrichten geschickt. Alles schien in Ordnung.«

»Hast Du ihn verschreckt? Vielleicht kommt er nicht mit der selbst bestimmten Sexualität einer selbstbewussten Frau zurecht?«

»Ich will doch nichts Unmenschliches von ihm. Nur leidenschaftliches. Ich wollt mir doch nur eine alte Fantasie erfüllen: einmal einen Mann nur im Bett kennen zulernen und ihn dort ganz zu genießen.«

»Und jetzt ist deine Online-Bekanntschaft im Bad und kommt nicht raus. Was macht er da drin? Holt der sich einen runter, oder was?«

»Ich weiß es nicht, Anke.«

»Dann klopf doch noch mal.«

Tina zögerte, aber dann stand sie auf, ging zur Badezimmertür und klopfte:

»Ist alles in Ordnung?«

Es kam keine Reaktion. Sie klopfte erneut, energisch

»Alles in Ordnung?«

»Es ist alles in Ordnung», kam als Antwort.

Seine Stimme klang klar und deutlich, sachlich. Eigentlich so, wie Tina seine Stimme vom Telefon her in Erinnerung hatte. Sie ging wieder zurück zu ihrem Wohnzimmersofa und flüsterte in ihr Handy:

»Hast Du gehört, Anke? Mehr sagt der nicht.«

»Warum fragst Du nicht, was er hat, Tina? Du warst schließlich mutig genug, ihn zu Dir einzuladen. Also sei mutig und frag ihn.«

»Anke, ich hatte ihn nicht zum Quatschen zu mir eingeladen. Ich wollte wieder fremde Haut spüren, Hände, die mich an allen Stellen streicheln und liebkosen, Arme, die mich halten, Lippen, die mich küssen, eine Zunge, die oral eine gute Technik drauf hat,  …«

»Und einen, Du-weißt-schon-was, der es mal dir wieder richtig besorgt, ich weiß. Nur wenn Du nichts unternimmst, dann wird das nie etwas werden.«

Tina überlegte. Über das Online-Dating-Portal hatte sie ihn kennengelernt, mit ihm geschattet, dann mit ihm telefoniert. Sie hatten vereinbart, er käme vorbei, ließe sich von ihr führen und würde ihre sexuellen Vorlieben respektieren und befriedigen.

Kurzentschlossen stand sie auf und ging erneut zur Badezimmertür und klopfte an:

»Ist irgendetwas, weswegen du nicht rauskommen magst?«

»Nein, alles in Ordnung.«

»Echt?«

»Ja.«

»Soll ich dir was bringen? Kaffee?«

»Habe ich gefunden, hier im Bad.«

»Was zu essen?«

»Danke für die Banane und den Müsliriegel. Waren gut und sättigend.«

»Oder etwas anderes zu trinken?«

»Es hat hier ausreichend Wasser. Literweise.«

»Ich habe auch eisgekühlte Cola. Oder leckeren Kaffeesahnelikör.«

»Nein, danke.«

»Der Likör schmeckt echt Eins A. Ich kann dir auch einen langen Likörkuss geben. Du wirst abgehen darauf, schwör ich dir.«

»Ich geh hier nicht raus.«

»Warum?«

»Ich bleib hier.«

»Hast Du Angst?«

»Nein.«

»Warum magst Du dann nicht rauskommen. Ich beiße auch nicht.«

»Nein.«

»Nein was?«

»Nein, ich geh hier nicht raus.«

»Vielleicht ein eiskaltes Bier für dich?«

»Ich geh‘ hier nicht raus.«

»Aber ein Gläschen Prosecco wirst Du doch wohl mit mir trinken, oder?«

Tina lauschte angestrengt, aber jetzt blieb er ihr die Antwort schuldig. Es drang kein Laut durch die Badezimmertür. Zaghaft fragte sie nach:

»Bist Du vielleicht etwas nervös?«

Wieder keine Antwort.

»Ehrlich, Frank, ich bin auch nervös. Aufgeregt. Aber das ist doch normal, oder etwa nicht? Da ist doch kein Grund, sich einzuschließen.«

Sie lauschte, aber Frank schien sich im Badezimmer nicht zu rühren. Sie legte kurz ihr Ohr an die Tür. Aber sie konnte nichts hören.

»Frank. Du musst keine Angst vor mir haben. Ich tu Dir nichts Böses. Eher in Gegenteil. Du wirst darauf stehen. Wir wollen es doch beide.«

»Nein.«

»Was Nein?«

»Du, du willst es.«

»Was?«

»War ja klar, dass du mir jetzt mit schönen Worten schmeichelst und mich dabei anmachst.«

»Ich versteh nicht.«

»Du wolltest mich lediglich flachlegen. Nur Sex, nur meinen Körper und nichts, gar nichts anderes.«

»Wie?!«

»Du willst mich nur benutzen und auslaugen.«

»Ich will was?«

»Dass das immer nur mir passiert! Das gibt es doch gar nicht.«

»Wie?«

»Ich werde es überleben. Irgendwie.«

»Was?«

Mit der flachen Hand schlug Tina ungläubig auf die Badezimmertür. Sie war sprachlos. Verwirrt ging sie zum Wohnzimmer zurück und bemerkte das Handy in ihrer Hand. Hastig hielt sie es an ihn Ohr und flüsterte:

»Hast Du das gehört, Anke?«

»Hab‘ ich. Du musst ja einen tollen Eindruck auf ihn gemacht haben, Tina.«

»Ach ja? Danke, Anke!«

»Bitte, Titte, äh, Tina. Nur sehe es doch mal nüchtern: der Mann hat voll die Komplexe. Wie alle Männer, wenn’s um Sex geht. Die wollen erst die Hure und bekommen sie dann diese vorgespielt, wollen Sie sofort die Heilige. Und dann gleich wieder umgekehrt. Alle elf Minuten kannst du das beim Online-Dating erleben.«

»Ich verstehe das nicht. Zuvor hatte er auch gesagt, er wäre geil auf Sex mit mir. Einfach Haut auf Haut, Körper auf Körper, jedem seinen Spaß und gemeinsam noch mehr zusammen erleben.«

»Keine Ahnung, was mit den Männern heutzutage los ist. Früher brauchte man nur den Arm auszustrecken und schon hatte Frau ein halbes Dutzend Hoch-Notgeile an jeder Hand und konnte sich den Besten aussuchen …«

» … und jetzt habe ich ein verhuschtes Exemplar im Bad. Wie krieg ich den da wieder raus?«

»Frag ihn, ob er Fußball mag.«

»Wieso?«

»Es läuft gerade das Länderspiel. Männer sind ja alle fußballgeil.«

Tina stand kurz auf und rief zur Badezimmertür:

»Magst du vielleicht Fußball schauen? Deutschland spielt.«

Sie lauschte intensiv. Keine Reaktion. Nicht das kleinste Geräusch. Sie schaltete den Fernseher ein und regelte die Lautstärke etwas hoch. Das Spiel lief bereits. Rechts oben entzifferte sie mühsam, dass es kurz vor Ende der ersten Halbzeit noch immer Null Null stand. Sie schlich zum Badezimmer und lauschte. Keinerlei Geräusche. Als ob das Bad leer wäre. Sie ging wieder zurück in ihr Wohnzimmer und flüsterte wieder in ihr Handy:

»Ich habe jetzt Fußball angeschaltet. Aber er rührt sich nicht.«

»Warte ein wenig. Mit Speck fängst du Mäuse, mit Fußball richtige Kerle und keine Weicheier.«

Tina antwortete nichts. Mit dem Handy am Ohr verfolgte sie das Spiel. Es war ein Ballgeschiebe um den Mittelkreis herum. Der Reporter nölte etwas von einem hoch-intensiven Spiel und erzählte planlos aus dem Leben der des deutschen Co-Trainers Ehefrau. Und bevor der Reporter überhaupt mit seiner ersten Anekdote fertig war, pfiff der Schiedsrichter zur Pause.

»Und, Tina?«

Tina blickte zum Badezimmer.

»Immer noch nichts, Anke.«

Als Pausenprogramm wurde Werbung gesendet. Tina schaltete auf einen anderen Kanal.

»’Dieter, Dieter!‘ ‚Oh, Claudia!‘ ‚Oh, Dieter, ich bin ja so glücklich!‘ ‘Claudia, ich bin so froh dich gefunden zu haben!‘ ‚Oh, Dieter!‘ …«

Tina blendete den Bildschirmtext ein. Offensichtlich ein Liebesfilm nach Ideen von Rosamunde Pilcher. Das Liebespaar küsste sich innig, Geigen fiedelten schmalzig im Hintergrund und blauer Himmel am weißen Sandstrand ummantelte die Szene. Das Paar lächelte breit und blickte sich tief in die Augen. Zuckersüß. Tina wollte umschalten, aber sie erwischte nicht den richtigen Knopf auf der Fernbedienung, stattdessen erhöhte sie die Lautstärke.

» … ‚Oh, Dieter!‘ ‚Oh, Claudia!‘ ‚Wollen wir heiraten?‘ ‚Wir müssen aber erst Mutter fragen, Claudia.‘ ‚Heute noch?‘ ‚Gleich.‘ ‚Ach, Dieter, du machst mich so glücklich.’«

Ein Bläser-Orchester setzte ein, eine einzelne Oboe heulte dazwischen herzzerfetzend auf. …

In dem Augenblick klackte es vom Badezimmer her. Tina zuckte zusammen und sah die Tür sich nach außen hin öffnen. Die offene Tür versperrte ihr die Sicht, aber sie sah ihn noch, in seinem sandfarbenen Anzug, hochaufgewachsen, stattlich, aber hastig, wie er zur Eingangstür entschwand. Sie hörte das Öffnen und danach die Tür ins Schloss fallen.

Tina stellte den Fernseher ab und ging zum Bad.

»Anke, ich glaube, er hat das Bad verlassen.«

Das Bad war leer. Im Waschbecken stand die geleerte Tasse Espresso, daneben sorgsam drapiert die Bananenschale und die Verpackung des Müsliriegels.

»Er ist weg.«

In Tinas Stimme schwang Enttäuschung mit.

»Hat er dort etwa gewichst?«

»Sieht nicht danach aus. Handtücher sind unberührt.«

»Sei froh, Tina, dass es so gekommen ist. Wer weiß, was der sonst noch mit dir angestellt hätte. Männer können so unberechenbare Schweine sein. Sei froh, …«

Tina beendete die Verbindung wortlos. Sie starrte noch immer auf das Waschbecken und die Reste darin.

Was er mit ihr angestellt hätte … . Ja, wenn er doch wenigstens …

Ankes Worte hallten in ihr nach.

Ich wollte doch bloß mal wieder Leidenschaft ohne Reue, waren ihre Gedanken. Sie strich über ihre Haare, seufzte, trug die Überreste in die Küche und ging in ihr Schlafzimmer. Sie starrte auf die bereit gelegten Kondome auf der Nachttischkommode und wieder entfuhr ihr ein Seufzen.

Leidenschaft ohne Reue.

Die Einladung an ihn reute sie nicht. Der Typ war eigentlich der Mr. Right, nur wohl ein wenig schüchtern. Oder stark verkorkst. Oder beides. Aber vor allem fehlte es ihm an der notwendigen Leidenschaft.

So nah dran, dachte sie, als sie sich auf Bett legte, das Kissen zu sich herzog, umklammerte und auf ihren Unterleib drückte. So nah dran … .

Krokodilschluss

»Schreib!«

»Ich kann nicht auf Befehl schreiben.«

»Ach ja? Das wollen wir mal sehen. Hier, frisch auf deinem Schreibtisch gefunden, ein ausgefüllter Anhörungsbogen der Polizei. Du bist mit 106 km/h durch die Alpendorfschaft gebrettert, da wo lediglich Tempo 30 war. Da konntest du doch auch auf Befehl schreiben. Tapfer. Also schreib.«

»Das ist doch was anderes. Da musste ich mich, meinen Führerschein und meine Freiheit verteidigen.«

»Was anderes? Glaubst du doch nicht in echt, oder?«

Er trat einen Schritt näher und drückte mir etwas in seiner Tasche seines Trenchcoats in den Rücken. Charakteristische Mündung. Eindeutig. Charakteristisch, wie es in Handbüchern zum Schreiben von Krimis empfohlen wird zu beschreiben. Zudem wahrscheinlich eine Glock, oder so. Die wird einem ja inzwischen an jeder Ecke angeboten. Will keiner mehr haben. Zu auffällig, zu bekannt. Seit den NSU-Morden will die niemand mehr. Oft gibt es zur Waffe noch Munitionspakete gratis oben drauf.

»Was wollen Sie von mir?«

»Schreib!«

»Ich schwör Ihnen, ich hätte nie die Tür geöffnet, wenn ich gewusst hätte, dass Sie nicht – wie Sie behaupteten – von den Zeugen Yehovas wären.«

»Schreib!«

Er schubste mich in meinen Schreibtischstuhl, drehte mich zu meinen Schreibtisch rüber, knallte mir eine Kladde vor die Nase, pflückte einen Kugelschreiber aus seiner Trenchcoat-Innentasche und klemmt diesen in meine rechte Hand.

»Zum letzten Mal: Schreib!«

»Ja, um Himmels Willen, was denn? Was soll ich denn schreiben? Mein Testament?«

»Das ist mir doch scheißegal. Mach was aufs Papier nieder, aber dalli! Etwas, was sich verkaufen lässt!«

»Ich bin doch kein Autorentalent, kann mir nichts aus dem Ärmel schütteln. Ich bin der total Falsche für so etwas.«

»Ach ja? Erzähl das deiner Oma.«

»Schon tot.«

»Willst du? Leg es nicht drauf an!«

»Verdammt, was soll ich denn schreiben?! Erpresserbrief? Rechnungen an Sie über angeblich gelieferte Waren?«

»Hömma! Mach hier nicht den Larry, woll. Du schreibst jetzt! Unser Start-up “Verlag kreiert erfolgreiche Autoren” hat dich ausgewählt, den nächsten Bestseller zu schreiben. Also tu was für unseren Shareholdervalue, woll, oder du bezahlst.«

»Okay, Sie haben die besseren Argumente in Ihrer Hand. Aber: Gewalt ist keine Lösung. Wäre es nicht besser, Sie würden ein Autorentalent für ihr Projekt auswählen? Nicht so ein Schreiberling wie mich? Jemand, der auf seine Entdeckung wartet? Der mehr Chancen auf den Deutschen Buchpreis haben wird als ich?«

»Laber nicht, Alter. Und: Gewalt ist immer eine Lösung! Krieg das in deinen Schädel rein. Geschichte haben schon immer die Gewalttätigen der Welt geschrieben.«

»Autoren sind keine Gewalttäter!«

»Die schärfste Waffe bleibt der Federkiel in der Hand eines Autoren!«

»Federkiel? Ich habe nur einen Kugelschreiber.«

»Links und rechts in die Augen und dann in die Kehle, darauf mit dem Knie ins Herz reindrücken. Das Opfer verstirbt röchelnd. Und du willst behaupten, ein Kugelschreiber sei harmlos? Präsidenten hassen die Dinger in den Händen der Autoren von Bücher und Zeitungen.«

»Solche schreiben auch längst nicht mehr mit Kugelschreibern, sondern am PC.«

»Nicht wahr. Oder schon mal von einer Neutralisierung eines Lebens per Tastatur gelesen? Darum hast du Papier und Kuli und ich den Peacemaker. Also keine falsche Hoffnungen. Ich bin hinter Dir und Du vor mir. Also schreib!«

»Worüber?«

»Worüber? Da wird aber mal einer witzig. Über 50 Jahre alt und kein Thema mehr? Das kannst du deinen Enkelkindern auf deinem Schoss erzählen, wenn Du an denen rumgrabbelst. Schreib! Eine wahre Begebenheit aus deinem Leben! Lass die Welt dran teilhaben.«

»Etwas Reales aus meinem Leben?«

»Schreib!«

Zwecklos. Er hatte die Macht und ich nur einen Kuli. Ich öffnete die Kladde, nahm den Kugelschreiber, kaute kurz auf dem Stift herum und fing einfach an zu schreiben:

»Das Folgende ist eine wahre Geschichte. Die in dieser Geschichte dargestellten Ereignisse beruhen auf einer Begebenheit, welche sich im Jahr 2018 in der romantischen Nähe der verführerischen Loreley vollzog. Auf Wunsch der Beteiligten wurden die Namen geändert. Und eben aus Respekt vor jenen Beteiligten wird der Rest der Geschichte genau so erzählt, wie sie sich zugetragen hatte. Vom Recherchieren, wer die Beteiligten waren, wird dringend abgeraten, wenn einem das Leben lieb ist.«

Ich schrieb …

Der Mann ohne Helden-Lizenz, der die Welt rettete

In einem fernen Land und Zeitalter der heutigen Jetztzeit existierten Paralleluniversen. Sie waren zahlreich und wurden immer argwöhnisch beobachtet. Es herrschte immer ein wenig Angst darüber, dass diese Paralleluniversen schädlich für die Zukunft sein könnten. Dass sie deren Bewohner gehirnwaschend verblöden könnten, weil deren Bewohner nicht erreichbar waren und kein Auslieferungsvereinbarungen für jene machbar waren, noch gab es Visen, um diese rechtmäßig zu betreten.

Comics waren so ein Paralleluniversum. Comics waren die Verkörperung der Ausgeburt der Ungebildetheit. Viel schlimmer noch: sie sollten die Bildung schädigen. Wie das Fernsehen. Dass Fernsehen blöd macht, weil es die Menschen amüsiert und vom Ernst des Lebens ablenkt. Vielleicht hatten die Erwachsenen von damals Recht und der Welt ist eine Generation von Einsteins entgangen. Oder neue Führer, welche wie Jeanne d’Arc ihr Heer in die Schlacht werfen, foltern und morden und dann als Märtyrerin, Jungfrau und Heilige verehrt werden.

Helden.

Jede Kindheit hatte ihre Helden. Meine ersten waren Fix und Foxi, zwei kleine bunte Plastikfigürchen. Zusammen mit einem kleinen Würfel und zwei Bleistiften spielten wir drei die KO-Runde der Fußball-WM 1974 nach, bis ins Finale, wo dann Müller den Ball vor sich hatte, in einer Drehung den Ball vorm Elfmeterpunkt, im Fallen, drehend … und der Torwart lang und länger sich machte und der Ball ins Netz und die darauffolgende zweite Halbzeit bang und bänger … . Paralleluniversum. Es ist bewiesen. So etwas schadet. Ich wurde in Folge dessen nie Fußballspieler (maximal -treter) und reckte nie einen bedeutenden Pokal in eine sternenglänzende vibrierende Nacht, wurde nie berühmt und spielte mit Plastikfigürchen, Würfel und Bleistiften auf einem grasgrünen Teppichbodenbelag liegend.

Danach hatte die Firma “Mattel” neue Paralleluniversen geschaffen, Ende der 70er Jahre. Sie brachte “Action Man”-Figuren raus. “Big Jim” hieß eine Reihe. Während die  Mädchen fleißig mit Barbie und Ken die harmonische Welt einer Bilderbuchehe in einem Bilderbuchhaus trainierten, hatte wir Jungen die “Action Man”-Figuren. “Äktschen-Männer” brauchten keine Villa, keinen großes amerikanischen Straßenkreuzer oder eine treu sorgende Hausfrau. Sie hatten die Wildnis als Villa, maximal einen Jeep und ihre Braut war irgendeine Waffe, um sich gegen wilde Tiere zu wehren. Unbesiegbar, erfolgreich und heldenhaft. Aber Helden sterben einsam. Keine Ahnung, was aus meiner “Big Jim”-Figur letztendlich wurde, ob meine Eltern sie verschenkt haben oder ob sie auf einen der illegalen Müllgruben auf dem westfälischen Land in einem tiefen Erdloch verschwanden. “Big Jim” jedenfalls landete da, wo es keine Leidenschaft mehr gibt, wo höchsten Spinnen ihr Netz aufhängen, um anderen Lebewesen heroisch deren Leben das Garaus zu machen, in einer Ecke.

Freunde lasen Comics mit den angesagten Superhelden. Tarzan, Spiderman, Batman oder Superman. Superman vor allem. Der brave Clark Kent, der immer ein wenig so aussah, wie Barbies Ken. Clark Kent, der Journalist, der seine Barbie – jene Lois Lane – anhimmelte und dann eine Telefonzelle betrat, um aus ihr nachher mit einem Arm voraus gestreckt fliegend die Welt vor den Bösen rettete. Das war ein Superheld. Ein Freund überließ mir zwei Comics und ich las sie heimlich, wie es sich gehörte unter der Bettdecke mit meiner Taschenlampe. Meine Eltern mochten keine Comics, erstens weil sie schaden sollen und zweitens auch noch unnötig Geld kosteten. Ich las sie aber trotzdem. … Paralleluniversum. Erneut ist es bewiesen. So etwas schadet definitiv. Ich wurde nie Superheld, flog nie durch sternenglänzende, vibrierende Nächte, wurde nie berühmt und las stattdessen weiterhin gerne Comics unter der Bettdecke.

Mir fällt da noch das Comic “YPS” (mit Unterschlagzeile: “Comic mit Gimmick”). Die Comics waren so platt wie die einfach gezeichneten Figuren und das trotz der Geld-Zauber-Maschine oder der Trick-Schiebe-Schachtel (= eine Mark rein und zurück gab es 5 Pfennig). Braucht es noch ein Beweis, wie schädlich Comics sind? Ich wurde nie Millionär trotz der angebotenen Möglichkeit, andere um ihre mühsam ersparten Märker oder 5-Mark-Scheine zu bringen … . Wahre Helden wären damit groß geworden. Wie Ronald Briggs. Oder unsere Helden der Finanzkrise, der Josef Ackermann oder der Peer Steinbrück. Die haben garantiert in ihrer Jugend keine Comics gelesen. Oder fern gesehen. Oder mit Anziehpuppen gespielt.

Irgendwann war die Freundschaft mit den Figuren aus. Sie hatten des Lebens nicht. Der Entscheidung nicht. Es fehlte ein Impuls für weiteres. Dann kamen die “wirklichen” Helden. John Lennon, Mahatma Ghandi. Aber das war den anderen auch nicht recht. Der eine Kommunist, der andere geistiger Spinner, aber beide real von Kugeln ins Herz getroffen, was nach Ansicht der anderen, diese als berechtigte Begründer einer Parallelwelt disqualifizierte. Denn es waren keine “Action”-Helden-Figuren aus der Mattel-Reihe, keine Comic-Heft-Helden, keine Fernsehprodukte. Aber sie wurden eindeutig als “schädlich” für die Zukunft eingeordnet. Denn mit jenen Typus Mensch der beiden “wär der Russe schon in drei Tagen hier” wurde gleichzeitig der Teufel an die Wand gemalt.

Es war die Zeit der Proteste gegen die Aufrüstung und gegen ein institutionalisiertes Feindbild, dem alles untergeordnet wurde. Es war die Zeit Anfang der 80er und in unserem Dorf war nur Platz für die wenigen “wahren” Helden: Kohl, Strauß und der Papst. Alle andere waren entweder Kommunisten, Heiden oder beides. Wer das nicht kapierte, lebte eh in einem Paralleluniversum und war bereits unrettbar geschädigt. So stand ich also mit paar Freunden 1983 jede Woche rund um unseren kleinen Dorfpumpenbrunnen und trug ein Schild um den Hals: “Schweigen für den Frieden” hieß die Aktion und sollte auf den Rüstungswahnsinn der Welt hinweisen. Blicke streiften uns hin und wieder. Freundliche waren kaum dabei. Aber den meisten war wir sowieso egal. Auch der Gruppe von etwas älteren Jugendlichen, bei der eine junge Frau ihr Baby immer wieder leicht in die Höhe warf und das Baby dabei vor Freude gluckste. “Lass es fallen, ich mach dir ein neues”, war die Bemerkung eines der dabei stehenden jungen Männer. Die Szene hat sich in mein Hirn eingegraben und ist mir so lebendig wie damals vor Augen. Und dann eine Vision, was wäre, wenn jetzt über unseren Köpfen eine atomare Rakete explodieren würde, weil das ganze System der atomaren Abschreckung aus dem Gleichgewicht geraten sein würde.

Das Jahr 1983. Mit friedlichen Methoden der Umgebung aufzuzeigen, wie aus dem Freund-Feind-Denken ausgestiegen werden konnte, war recht unwillkommen. Wer das tat, gehörte zu den “Weltfremden”,”Spinnern” und “Träumern”. Wäre der Russe wirklich einmal mit seinen Panzern angerollt gekommen, es hätten alle selbsternannten Realisten ihre PKWs sofort in die eigenen Garagen gefahren, damit das Blech keinen Schaden nehmen würde. Denn Helden, die gab es in unserem Dorfe nicht. Helden gab es auf der Leinwand. Christoper Reeve flog “Superman” ja bereits in der dritten Verfilmung über die Leinwand und rettete mehrfach die Welt. “James Bond” hatte ebenfalls nur eine Aufgabe und zwar heldenhaft die Welt vorm Bösen zu retten. Und dann war da noch “Conan, der Barbar”, jener Boxer “Rocky” und sein wilder Pedant “Rambo”. Die Welt war voll von fiktiven Superhelden.

Aber niemand gab etwas auf denjenigen, der wirklich die Welt rettete und weder durch Comic-Heftseiten, noch über Leinwände jagte, noch die Fernsehzuschauer an der Mattscheibe kleben ließ, geschweige denn einen Friedensnobelpreis erhielt:

Stanislaw Jewgrafowitsch Petrow.

Sein Name ist kaum jemanden ein Begriff. Auch Menschen in meinem Altersbereich sagt der Name nichts. Er konnte nicht mit voraus gestrecktem Arm atomare Raketen umlenken, er durchschnitt kein Kabel einer Atombombe, während er mit einem Lächeln auf den Lippen einen bösen, machthungrigen General per Blattschuss aus seiner Walther PPK mit Brausch-Schalldämpfer erledigte. Er ritt auch nicht bis an die Zähne bewaffnet ins Feindgebiet, um dort jeden Bösewicht ins Jenseits zu befördern, damit die Frommen in Frieden leben können.

Nein, Stanislaw Jewgrafowitsch Petrow hat sich dadurch zum Retter der Welt gemacht, indem er einmal einfach das tat, was von Helden nicht erwartet wird. Oder besser gesagt: indem er nicht das tat, was von ihm erwartet wurde: nicht nachzudenken, sondern einfach zu handeln. Petrow war vor 35 Jahren (1983) Oberstleutnant der Sowjetarmee. Am 26. September 1983 meldeten die Frühwarnsysteme einen amerikanischen Angriff durch Atomraketen. Da Petrow den Systemen nicht traute und lieber abwartete statt die Meldung direkt weiterzuleiten, stellte es sich heraus, dass es sich um einen Fehlalarm gehandelt hatte. Hätte er nicht abgewartet und pflichtgemäß gehandelt, der atomare Holocaust wäre 1983 eingetreten.

Stanislaw Jewgrafowitsch Petrow war im übrigen nicht der erste, der die Welt rettete. Es gab vor ihm auch noch Wassili Alexandrowitsch Archipow, der in der Kuba-Krise seine Zustimmung zu einem atomaren Torpedo-Abschusses an Bord seines U-Boots verweigerte, obwohl bereits die amerikanischen Streitkräfte das U-Boot mit Übungswasserbomben attackierten und die U-Boot-Mannschaft davon ausging, dass sich die Kuba-Krise in einen Krieg ausgeweitet hätte.

Petrow und Archipow passen irgendwie nicht in unser Superhelden-Raster und auch nicht in die Freund-Feind-Denke, was den “bösen” Feind in Russland angeht. Sie haben weder Hollywood-mäßig spektakulär gehandelt, noch waren sie herausragende Menschen. Petrow beispielsweise war wohl eher einer, den man auch mal als “Stinkstiefel” bezeichnen würde. Als sich der Angriffsalarm des Frühwarnsystems als Fehlalarm herausgestellt hatte, ging jeder in seiner Einheit davon aus, dass Petrow hoch dekoriert werden würde. Bei dem Alarm handelte es sich um einen Systemsoftware-Fehler und eine Auszeichnung Petrows wäre ein Zeichen der Demütigung anderer hochdekorierter Generäle empfunden worden. Und daher wurde Petrow auch nicht ausgezeichnet. Er wurde nicht zum Superhelden. Er wurde wegen seiner weltrettenden Entscheidung nicht bekannt. Er wurde nicht berühmt und zeitnah weltweit in Zeitungen und Fernsehen geehrt. Es wurde kein Hollywood-Film über seine Tat gedreht. Lediglich ein dänischer Dokumentarfilmer, Peter Anthony, nahm sich des Stoffes an und dokumentierte ihn, als Petrow 20 Jahre später ein wenig bekannter und in der UN geehrt wurde. Aber selbst das wurde nie wirklich an die große Glocke gehangen. Denn die wurde im Jahre 2006 bereits als Todesglocke für Militäreinsätze in Irak, Pakistan und Afghanistan benötigt.

Eigentlich weine ich dem Superhelden “Superman” ein wenig hinter her, wenn er über die Leinwand fliegt. Die Verbindung zu seinem Paralleluniversum wurde zerstört. Er ist nur noch in Lichtspielhäusern willkommen. Die Telefonzellen wurden abgeschafft.

Sie machen heuer sehr viel massenhaft Überstunden, die Superhelden in den Kinos dieser Welt, um eben diese Welt für die Kinobesucher zu retten. Eine schöne Illusion. Die unbekannten Helden eben eher in deren unbekannten Raum eines wirklichen Universums, in jenen Räumen, auf denen nur hin und wieder kurz ein kleines Licht fällt. Superhelden stehen immer im Licht und leben davon. Die unbekannten Helden spekulieren nie auf ein Rampenlicht und taugen daher nicht für Heldenepen. Deswegen kennt sie auch nie jemand … .

Danke, Petrow, und alles Gute!

In Memoriam Stanislaw Jewgrafowitsch Petrow (*1939,+ 2017)

 

All that happened didn’t matter to me—it was my job. I was simply doing my job, and I was the right person at the right time, that’s all. My late wife for 10 years knew nothing about it. ‚So what did you do?‘ she asked me. ‚Nothing. I did nothing.‘

(Petrow)

Wer nicht hören will, muss halt mal lesen …

Ein sehr, sehr, sehr wichtiger Mensch dieser wirklich, wirklich großen Welt in dem niedlich kleinen Städtchen namens “Washington” in jenem extra grandios weiß gewittelten Häuschen twitterte heuer:

“When you see ‘anonymous source’, stop reading the story, it is fiction!” Quelle: hier

Was will jenes kleines große Menschlein damit uns Unwissenden und Unverständigen verkünden?

Google übersetzt den Satz mit:

Wenn Sie „anonyme Quelle“ sehen, hören Sie auf, die Geschichte zu lesen, es ist Fiktion!

Die Übersetzung ist selbstredend richtig. Denn die rhetorische Weise jenes selbsternannten (Washington) DC-Helden “Mann aus Stahl” (= Kal-El) würde so etwas nie sagen. Was man wissen sollte: “anonyme Quellen” (= “anonymous source” ) sind nicht näher genannte Leute, die einem etwas gesagt haben. Zu solch einem Sachverhalt passt nur eine Trumpf-Lebensregel zum Verstehen: wenn die Anzahl der Personen unwichtig sind, ist jene Anzahl einfach nur ungenau zu erhöhen („many“), womit die Aussage Gewicht erhält. Sollte die Anzahl der Personen aber wichtig sein, dann ist die Personenanzahl zu reduzieren und mittels „rich“ (reich) oder „important“ (wichtig) zu qualifizieren und die Aussage frisst sich in jedes Hirn wie Öl in Feuer. Hilfreich ist dann gar, diese zu sich selbst in wichtiger Beziehung zu setzen.

Der Begriff “anonymous source” ignoriert diese Regel und ist somit per se unglaubwürdig. Genau in der gleichen Weise, wie wenn ein Journalist in einer deutschen Zeitung die Phrasen “wie aus gut informierten Kreisen” oder “Informant, welcher namentlich nicht genannt werden will” berichtet.

Unglaubwürdig. Lügenpresse halt. Das sagen inzwischen ja auch bereits manche Linke komplett unreflektiert, die dann wie die chaotischen Rechtsradikalen und die der nicht minder aktiven AfD beklagen, dass die Journalie nicht ausreichend recherchiert und berichtet.

Würde der Journalist allerdings korrekterweise schreiben: “Meine Freundin, welche ein sehr berühmtes reiches Model für ein bekanntes, wichtiges Mode-Label ist, meint dazu, …” dann bekäme der Artikel jenes Journalisten das eindeutige Adjektiv “glaubwürdig”. Würde er jedoch schreiben, “Viele meinen dazu, …”, dann würde so etwas keinen Menschen vom Hocker reißen.

Und darum zu dem Satz zuvor, welches in uns die Neugierde geweckt hatte: Was wollte uns noch mal das Mode-Model sagen?

Lieber geneigter, mitlesender Journalist: Wie musst du deinen Artikel formulieren, damit er von allen gelesen wird und höchste Wertschätzung erfährt, wenn dir ein Sachse mit Fischer-Hut und Job beim Landeskriminalamt erklärt, dass er vertrauliche Fahndungsaufrufe in der rechtsradikalen Szene veröffentlicht?

Lieber Journalist, dann schreib doch verdammt noch eins einfach:

“Ich erfuhr etwas. Sie werden es als sehr, sehr, sehr nicht unglaubwürdig empfinden. Es wird großartig sein. Das können Sie mir glauben. Meine Freundin, ein berühmtes, reiches Model für ein bekanntes Mode-Label, erklärte mir, Donald Trump pinkele im Sitzen. Und ein verantwortungsloser Nicht-Bio-Deutscher wollte ihn dabei wohl vom Pinkelpott schubsen. Traurig. Sehr, sehr, sehr traurig. Und hier die genaue Adresse des Polizei-bekannten Verlierers aus dem großen PI-News-Computer (= Polizei-internen Neuigkeiten-Computer): … .”

… . Everybody is now saying, it’s going to be amazing. That’s just what I had heard.

Believe me. …

… was einem gute Deutschlehrer lehren oder man sich selber in jungen Jahren beigebracht hat, verlernt man später im eigenen Alter nicht unbedingt … .

Die Spielwarenmesse für Computerspieler

Die Internetseite der Kölner gamescom 2018 lacht ihn an:

»Das willst du nicht verpassen! Geballte Spielfreude, pures Entertainment, Inspiration und Innovation – auf der gamescom trifft sich alles, was Rang und Namen hat. Entdecke die neuesten Games, teste Spiele vor allen anderen und sei Teil des größten Events, das die Games-Industrie zu bieten hat.«

Die gamescom vom 19. August bis zum 26. August 2018 in Köln. Also geht er zu dem erstbesten Stand in der Halle 05.1 zum Stand A070 C071 und fragt nach deren Angebote.

»Was bieten Sie? Ich stehe auf Ego-Shooter-Spiele, wo’s richtig blutig knallt und wummert.«

»Shooter ja, aber nicht Ego. Sondern Multi-Player at its best! Keine langweiligen Single-Player-Mods. Sondern hier heißt es Team-Player.«

»Heißt was?«

»Also, echte Kameradschaft. Wirklich.«

»Wirklich?«

»Echt. Und dazu noch Shooter-Spielfelder ohne Grenzen. Mehr Open World geht nicht. Wir sind die einzigen, die das hier auf der gamescom 2018 anbieten.«

»Und was noch?«

»Eine geregelte 41-Stunden-Woche. Teilzeit, Job-Sharing und Heimarbeit sind auch möglich.«

»Arbeit? Echt?«

»Wirklich.«

»Und wenn ich an einem Tag mal nicht mehr möchte?«

»Wir sind familienfreundlich. Dann kann ihre Tochter oder auch ihr Sohn weitermachen. Zuhause vorm Monitor. Allerdings nur in der VGA-Version, die ist unscharf und stark verwaschener Szenerie und somit jugendfrei, aber genau so effizient.«

»Und meine Frau?«

»Wir haben eine Frauenquote. 50%. Da kann sie mitmachen.«

»Vegan?«

»Kein Thema, wir haben auch vegane Angebote. Vegane Menschen sind bei uns besonders gefördert. Die haben mehr Action-Power und mehr Standing in den entscheidenden Situationen. Sie wissen, was ich meine, nicht wahr. Veganer sind unsere Zukunft. Ausbeutung war schon immer unser Gegner.«

»Cool. Kann ich Ihren Shooter mal probespielen?«

»Gerne. Level 25, Einsatz am Hindukusch. Sie haben fünfzehn DM-51-Splittergranaten, eine HK-G36 mit Dreifach-Zielfernrohr und 100 Schuss in der Trommel. Dazu noch das Funkgerät SEM 93, mit dem Sie auch Bombereinsätze steuern können.«

»Geil. Ein eigenes Geschwader?«

»Keine Sorge. Geschwader ‘Oberst Klein’. Sie können über den Handregler am Funkgerät vieles regeln. Zum Beispiel auch, wie viel Bio-Treibstoff die Bomber beim Ausbreiten ihrer Teppiche geladen haben.«

»Sind auch Zeitarbeitskräfte im Spiel hinzuschaltbar?«

»Bei dem Rekrutierungsmodul lässt sich einstellen, dass beim Ausheben der Söldner keine religiöse oder ethnische Diskriminierung stattfindet. Über das Versorgungsmodul können die zusätzlich mit ausreichend Bio-Nahrungsmittel versorgt werden, damit sie das gesteigerte Kombattantenpotential zur Verfügung haben. Darüber hinaus lassen sich auch wichtige, arbeitsrechtlich relevante Arbeitsschutzmechanismen beim Umgang mit Uranmunition einstellen.«

»Wow. Das ist geil. Und wenn ich dann gegnerische Truppenelemente eingesammelt habe, gibt es auch eine Möglichkeit, diese investigativ zu behandeln?«

»Kein Thema. Sie können aus ihrem Team ‘Befrager’ bestimmen. Dazu steht ihnen freilich die gesamte technische Unterstützung bei den Befragungen zur Verfügung.«

»Waterboarding?«

»Wasserbehandlung nur mit einwandfreiem, keimfreien Alpenquellwasser.«

»Elektroschocker?«

»Regelbare Energieübertrager verwenden Strom garantiert aus erneuerbaren Ressourcen, gewonnen durch die Biogas- und die Solaranlagen im Base-Camp.«

»Freie Zigaretten?«

»Reine Bioware, CO2-reduziert, allergenfrei und garantiert narbennegative Inhaltsstoffe beim Ausdrücken.«

»Selfies mit den Befragten?«

»Dafür steht das Modul ‘Lynndie ‚Abu-Ghuraib England’-Kamera zur Verfügung. Und zum Nachbearbeiten die Filter ‘Helden-Epos’, ‘gerecht’, ‘selbstgerecht’, und ‘brutal gerächt’.«

»Sagten Sie Lynndie England. Etwa jene Lynndie England? Eine Frau?!?«

»Aber sicher. Wir befolgen strikt die Geschlechterquote. Gender-Ärger in der Bundeswehr wird es nicht geben. Wir sind alle gleich. Wir alle sind Multi-Player. Multi-Player at its best. Ein Spiel ohne Grenzen. Mehr Open World geht nicht.«

»Könnte ich vorher noch einen Boss-Fight ausprobieren?«

»Den bekommen Sie nur als Vollversion bei uns in der Bundeswehr. Gratis. Hätten Sie gerne einen Boss-Fight in Afrika, Kosovo, Afghanistan oder im Mittelmeer?«

»Welcher macht mehr Knall, Aua und Hurra?«

»Der Boss-Fight in den Kasernen. Mit unseren Ausbildern. Die bilden ohne Waffen aus. Nur qua ihrer körperlichen Überzeugung. Melden Sie sich doch morgen einfach bei einer unserer Beratungsstellen. Du unterstützt die Streitkräfte, wir dafür deine Entwicklung. Bring deine Zukunft in Führungsposition! Hier sicherst du Deutschland und deine Zukunft.«

»Wo?«

»Unweit der ‘gamescom’ hier, am Standort Köln-Wahn, da übt die IT-Einheit den Aufbau von Netzwerken und die Abläufe, die damit in Zusammenhang stehen.«

»Hm. Ich dachte aber eher so an Boss-Fights und so.«

»Kein Thema. Jeder Kaserne startet bei Level 1 mit dem Thema ‚Nationale Vaterlandsliebe unter Mutter Erde‘. Da ziehen Sie erst einmal Firewalls um unsere Feldlager gegen die ganzen Hacker, die Sie später mal hacken dürfen. Ein guter Soldat kennt jeden Maulwurf beim Vornamen, bevor er ihn mit der Hacke erschlägt. «

»Echt? Am PC?«

»Nein, mit 50-Kilo-Gepäck auf dem Rücken in der Spezialeinheit. Zusammen mit HK-G36, Dreifach-Zielfernrohr und 100 Schuss in der Trommel. Wäre das nichts für Sie? Die Bundeswehr ist die Schule der Nation. «

»Äh, nein danke. Ich bin bereits ausgebildet. Das ist nichts für mich. Wo geht‘s hier nochmals zum Stand von ‘Wolfenstein 3D HDR’ und ‘Call of Duty UHD’?«

Nachrichten aus dem Untergrund

Neulich redete jeder über jene “Momo”-Nachricht mit dem angeblichem Schock-Bild, welche per WhatsApp an Kinder verschickt wurde. Hintergrund ist eine japanischen Special-Effect-Firma, welche Horrorgestalten u.a.a. Make-up-Masken von Zombies für Fernseh- und Filmproduktionen herstellt. Und aus deren Produktion stammt jene Skulptur, dessen Bild ungefragt für die “Momo”-Nachricht verwendet wurde und sich besonders bei Kindern in Deutschland auf deren Smartphones verbreitete. Die besorgten Mütter und Väter sahen in Folge dessen das Seelenheil ihrer Sprösslinge gefährdet und wandten sich direkt an die Polizei. Die Polizei diverser Bundesländer gab u.a.a. über die Social-Media-Kanäle dann entsprechend Warnungen an interessierte Eltern heraus. Kurz darauf war diese “Momo”-Nachricht in den Medien und jeder empörte sich, dass Kinder zu erschrecken, unterste Schublade sei. Psychologisch und moralisch. Unerwähnt blieb dabei regelmäßig, dass in der Europäischen Region die Nutzung von WhatsApp gemäß deren Nutzungsbedingungen Jugendlichen erst ab 16 Jahre erlaubt ist, aber generell nicht Kindern. Die darauf folgende Besorgnis der Väter und Mütter war daher auch, dass Smartphones an Schulen untersagt werden sollten. Dieses Ansinnen wurde von diesen besorgten Müttern und Vätern mit dem Hinweis bekämpft, dass die Erreichbarkeit derer Kinder über WhatsApp und Telefon Grundrecht sein müsse.

Erwachsene schreckt man nicht mit “Momo”-Nachrichten. Gruseln mit entsprechender Reaktion darauf geht anders. Erheblich moderner und geschickt getarnt mit dem Deckmantel der bedrohten Information. So erhielt ich letztens per WhatsApp zwei gleichlautende Nachrichten. Der Inhalt schürte direkt am Anfang die Besorgnis, dass jene Nachricht wohl möglich schon bald einer Zensur zum Opfer fallen könnte. Die Nachricht handelte über den Brief einer “iranischen Christin” an die deutsche Öffentlichkeit. Dafür, dass jene fundamentalistisch gegen moslemische Immigranten gerichtete Nachricht nach Ansicht des Verfassers recht bald gelöscht werden wird, war sie schon recht lange im Umlauf. Spuren zu diesem als “Kommentar” deklarierte Nachricht führten auf den Facebook-Account der AfD Solingen.Im Jahr 2016 tauchte dieser “Kommentar” auf und wurde von einem habilitierten und promovierten Menschen sofort auf seinen Seiten weiter verteilt. Dass dieser Mensch der CDU angehörte, dass er intensive Kontakte zur NPD und DVU hatte und dass er jetzt in MeckPom für die AfD als MdL in dem Landtag sitzt, so etwas fällt bei solch einer Recherche als Nebenprodukt ab. Dass der “Kommentar” aber gleich drei unterschiedlichen Autorinnen (“Susa Patricia”, “Daggy Beygang” und “Ami Ines”) zugeschrieben wird, lässt stark vermuten, dass der “Kommentar” ausschließlich in den Köpfen anderer geschrieben wurde. Und dass dieser “Kommentar” am Anfang die Besorgnis schürte, der Inhalt könnte wohlmöglich schon bald einer Art Zensur zum Opfer fallen – also mittels eines Eingriffs auf meinem Smartphone durch staatliche Kontrollinstanzen – das ist dann regelrecht absurd. Und wenn man dann noch feststellt, dass der “Kommentar” es bereits in verschiedenen einschlägigen Büchern geschafft hat, dann wird diese Besorgnis vor einem Löschen erst recht skurril.

Und ich hätte es dabei bewenden lassen, wäre nicht die dritte gleichlautende besorgte WhatsApp-Nachricht eingetroffen. Daher schrieb ich auch allen dreien zurück, teilte denen die Ergebnisse meiner Recherche mit und bat diese Mitmenschen mich aus deren AfD-Filterblase heraus zu halten. Dass ich dann von zweien per Ankündigung geblockt wurde und der dritte mir empfahl zu chillen, das hatte mich dann allerdings nicht wirklich weiter tangiert.

Wesentlich mehr hatte es mich dann berührt, dass ich am gleichen Nachmittag beim Aufbrechen aus einem Kaffeehaus mitbekam, wie eine Frau einer anderen Frau an deren Tisch diesen “Kommentar” vorlas, während das Kind daneben die Frau kurz darauf unterbrach und krähend ihr die “Momo”-Nachricht von deren Smartphone hinhielt. Zu soviel erregter Besorgnis – direkt akkumuliert an jenem Tisch – fiel mir nichts mehr ein. Außer: es ist wieder Wahlkampfzeit.

Link: Peter Gabriel: We do what we’re told (Milgram’s 37)

 

Wenn Sie in einem Aufzug sterben, achten Sie darauf, den Auf-Knopf zu drücken.

“Du dort, an dem Heidefelsen! Ich bin’s, Kati. Lass mich rein, durch dein Fenster.”

Erschöpft von der Wanderung an dem Felsen in der Heide war er kurz eingeschlafen. Ein kalter Wind wehte ihm Regengischt ins Gesicht. Es dämmerte, der graue Himmel tauchte die Landschaft in unwirklich graues Licht. Die Orientierung war ihm schon lange verloren gegangen. Er ärgerte sich, dass er sein Smartphone zum Anhören eines Hörbuchs genutzt hatte und beim Zuhören vergaß, dass er es noch zur Orientierung mittels einer Karte benötigt hätte. Erst als er bemerkte, dass er sich in der Heide verlaufen hatte, war es zu spät. Sein Smartphone schaltete sich ab. Eine Powerbank hatte er nicht mitgenommen, um notfalls den Akku aufladen zu können. Während er seine Nachlässigkeit bereut hatte, versuchte er sich an Steinen und Sträuchern zu orientieren, wo diese Moos führten und wo daher Westen sein könnte. Irgendwann, als der Himmel sich endgültig zugezogen hatte und zusätzlich zu dem scharfen Wind noch ein Sprühregen einsetzte, traf er auf einer Anhöhe den Felsen, der ihm Schutz vor den Regen gab. Er hockte sich leeseitig am Felsen. Er schwitze leicht unter seiner Windbreaker-Jacke und wollte nur ein wenig verschnaufen. Er blickte runter auf die Ebene und versuchte Hinweise auszumachen, die ihm die weitere Richtung weisen könnten. Aber der graue Himmel hing bis auf den Boden und der Sprühregen tat sein Übriges dazu, dass er nichts erkennen konnte.

“Du dort, an dem Heidefelsen! Ich bin’s, Kati. Lass mich rein, durch dein Fenster.”

Er war aufgeschreckt. Fenster? Er blickte um sich, aber da war kein Fenster. Er saß weiterhin am Felsen, die Sicht war schlechter geworden und sein Windbreaker war wohl doch nicht so gut, wie ihm der Verkäufer im Outdoor-Geschäft versprochen hatte. Er fühlte, dass sein Schweiß und die Feuchte des Regens, die in seinem Kragen herunterlief, in seinem Thermohemd eine unseelige Partnerschaft eingegangen waren.

“Kati? Katarina?”, murmelte er, “Katarina bist du’s?”

“Ich bin’s, Kati. Laß mich rein, durch dein Fenster.”

“Hier ist kein Fenster, Kati. Was machst du hier, Katarina?”

“Was machst du hier?”

“Ausruhen, Kati, ausruhen. Ich hab mich wohl verlaufen,” er lachte ein wenig und es klang verzweifelt, “ich, der immer behauptete, man solle ein Buch nehmen, wenn man dem Alltag entfliehen möchte. Ich hatte ein Hörbuch mitgenommen, jetzt habe ich dafür keine Karte mehr.”

“Bücher sind dafür da, um den Lesenden mit anderen Möglichkeiten im Leben vertraut zu machen. Für die Bildung, fürs Leben. Lebe in Übereinstimmung mit deiner Natur und verwirkliche deine Möglichkeiten.”

“Fängst du wieder mit den inneren Werten an, Kati? Darüber haben wir doch ausdauernd diskutiert. Die Sanftmütigen und die Großherzigen sind im Grunde selbstgerechter als die Tyrannen. Ihr jedoch strebt innerlich immer nach den Erhabensten.”

“Und Ihr immer nach Prunk und Gehabe.”

“Wir handeln aber immerhin in Übereinstimmung mit den Forderungen anderer! Und das ist unser Gott, unser Alpha und unser Omega. In aller Bescheidenheit gesagt.”

“Sei nicht so bescheiden, denn so eine großartige Person bist du nun auch wieder nicht.”

“Was du nicht sagst. Es macht dir wohl noch immer Spass, über unser christliches Abendland zu lästern?”

“Lästern? Der Holocaust lässt grüßen. Aber auch die Mongolei des WW2s, wo Menschen bei lebendigem Leibe gehäutet wurden, um sie mit Feuer und Salz zu foltern. Oder die amerikanischen Atombomben auf Hiroshima und Nagasaki vor über 70 Jahren. Deren Hitze zerstört die oberen Hautschichten und legt die Nerven blank. Deswegen laufen verbrannte Menschen breitarmig und breitbeinig durch die Gegend. Das Feuer dieser Bomben hatte bereits bei ihnen Höllenqualen ausgelöst. Ein weitere Kontakt auf der Haut würde das bereits quälende Gefühl, immer noch lichterloh zu brennen, verstärken. Feuer auf Menschen zu werfen ist die brutalste Qual für Menschen.”

“Du beschreibst Dantes Inferno.”

“Oder die Bilder von Hyronimus Bosch. Oder die Bilder der Bomben in Vietnam, Afghanistan, die Straße des Todes im Irak, Syriens Feuerbomben und so weiter, wo Menschen Kriege führen. Oder die andere Art des Tötens in Ruanda. In Ruanda wurden manche sofort getötet, anderen wurden die Achillessehnen durchtrennt, um die nun Hilflosen später langsam unter langen qualvollen Schmerzen zu töten. Oder heutzutage, wenn Menschen im Mittelmeer dem Ertrinken überlassen werden, wenn Drohnen oder hochtechnisierte Bomberstaffeln Feuer und Verderben den Feinden bringen.”

“Wie schön, dass uns die Reporter nicht mit Details über das Sterben der Menschen versorgen.”

“Wenn dann andere – wie deren exemplarischer Vertreter Donald Trump – gegen Reporter als Vertreter einer angeblichen ‚Lügenpresse‘ mit deren ‚Fake News‘ überbordend zürnen dürfen, dann ist das okay. Es scheint, als sei die Welt in gute und böse Menschen aufgeteilt. Die Guten schlafen besser, während die Schlechten die wachen Stunden viel mehr zu genießen scheinen, weil sie diese Stunden dann für deren Taten nutzen.”

“Kati, hör mir endlich mal zu: Warum tötet der Mensch? Er tötet, um zu essen. Und nicht nur, um zu essen: Häufig muss es auch ein Getränk dazu geben. Bei Gott, ich schwöre, Geld ist besser als Armut, schon allein aus finanziellen Gründen.”

“Dein ach-so-mächtiger Gott. Also schnell ein Gebet an ihn, nicht wahr, und alles wird sich ändern. Jedoch immer nur bei den anderen, die sich nicht dir entsprechend verhalten. Ein Vater, der Ausschwitz zulässt, hat nicht verdient, dass ein Kind ihm zuhört, oder? Warum ist überhaupt ein Gebet notwendig? Gott ist doch allwissend. Er müsste doch von dem detaillierten Übel besser Bescheid wissen, als alle Reporter dieser Welt zusammen.”

“Was willst du von mir, Katie? Was habe ich dir getan?”

“Diese deine Diskussionen, dein ewiges Das-wird-man-wohl-noch-sagen-dürfen, das hat mich getötet. Immer ein wenig mehr. Tag für Tag. Ich gebe sie dir zurück. Zu meiner Entlastung.”

“Kati, so verstehe doch! Du bist nicht so wie diese Gutmenschen. Du bist meine Kati. Meine Katarina.”

“Du sagtest vorhin, du hättest ein Hörbuch auf deinem Smartphone angehört?”

“Um ein wenig der Welt zu entfliehen, ja. Um abzuschalten beim Wandern. Wuthering Heights.”

Wuthering Heights? Dann hast du sicher auch das folgende gehört, oder? Erinnere dich. Lass es mich für dich rezitieren:

Catherine Earnshaw, mögest du dich nicht ausruhen, solange ich lebe. Du hast gesagt, ich hätte dich getötet – verfolge mich dann. Die Ermordeten verfolgen ihre Mörder. Ich glaube – ich weiß, dass Geister über die Erde gewandert sind. Sei immer bei mir – nimm jede Form an – mach mich verrückt. Nur lass mich nicht in diesem Abgrund, wo ich dich nicht finden kann! Oh Gott! Es ist unaussprechlich! Ich kann nicht ohne mein Leben leben! Ich kann nicht ohne meine Seele leben!

Du erinnerst dich? Erinnerst du dich? An was erinnert es dich?”

Er erinnerte sich. Mehrfach hatte er während dieses Gesprächs um sich geblickt, um zu sehen, wo sie war, von wo sie aus zu ihm sprach. Aber er sah sie nicht. Hinter sich war lediglich der mächtige, regenfeucht glänzende Heidefelsen, wie er sich klar gegen den immer dunkler werdenden Himmel abzeichnete. Aber keine Katarina.

“Kati, ich hab noch eine Flasche Lambrusco im Wanderrucksack. Ich hatte ihn in einem Kühlakku gepackt gehabt.”

Er musste bei diesen Worten innerlich lachen. Den Kühlakku hatte er mitgenommen, dabei reichte das jetzige Wetter allein schon aus, um den Lambrusco richtig zu temperieren. Er öffnete den Rucksack und holte die Flasche heraus. Sein Blick fiel auf den Kühlakku. Ihm wäre eine Powerbank für den Smartphone-Akku jetzt lieber.

“Willst du einen Schluck? Wein direkt vom Erzeuger aus der Region Emilia-Romagna importiert. Ich habe ihn vorgestern erst erhalten. Frisch abgefüllt.”

Er drehte den Verschluss der Flasche auf und hielt die Flasche anbietend von sich weg. Ob sie das Angebot annehmen würde? Dann würde er sie sehen, dann würde sie aus ihrem Versteck hervorkommen und er könnte sie bestrafen, dafür dass sie wieder mit diesen bereits ausdiskutierten Themen anfing und ihn nervte.

Er wartete. Nichts regte sich. Er beschloss selbst einen Schluck zu nehmen. Der Wein war prickelnd, kühl. Aber auch seine Hand war bereits durch die kalte Flasche abgekühlt. Er spürte den Regen, wie er als Rinnsal seinen Unterarm entlang in seine Kleidung hinein lief.

“Kati, willst du einen Schluck?”

“Du dort, an dem Heidefelsen! Ich bin’s, Kati. Lass mich rein, durch dein Fenster.”

“Kati, hör auf mit dem Quatsch. Du musst sehen, wie die Welt wirklich ist, Kati. Du bist doch nicht wie die anderen. Durch Schmerz und Einsicht geläutert, vermögen Menschen manchmal von den nichtigen Dingen des Daseins loszukommen. Aus Schaden wird man klug und Leid formt den Charakter immer in positiver Weise. Wer dem Leid flieht, wird nichts. ‘Per aspera ad astra’ wie der Lateiner zu sagen pflegt: Durch Ungemach zu den Sternen. Survival of the fittest, Kati. Diese Ansichten sind nicht neu, es hatte sie bereits vor dem Mittelalter gegeben. Du kannst es nachlesen.”

“Ja, ich weiß. Und diese Beschreibung wurde vom mittelalterlichen Klerus als Warnung vor dem Ende der Welt interpretiert. Und alle waren danach sehr enttäuscht, als der Montag ankam und man wieder arbeiten musste.”

“Kati, spotte nicht. Du bist selbstgerecht. Ungerecht. Unerfahren. Erinnere dich an uns in Venedig. Willst du einen Schluck vom Lambrusco? Katarina? Willst du?”

Er streckte seinen Arm mit der Flasche wieder aus. Sein Hand fühlte sich eisig an. Er spürte, die Kälte aus seiner Hand den Unterarm erobern, den Ellenbogen passierend, seine Schulter erreichend.

Eine kleine feine Klaviermusik ertönte. Eine hohe Stimme dazu singend vernahm er. Neben ihm. Eine eindringlich Stimme. Er verstand sie nicht, konnte die Worte nicht zuordnen. Es kam aus seinem geöffnetem Rucksack, den er neben sich stehen hatte. Sein Blick wanderte hinein in dessen Dunkelheit, tastete sich an dem gegerbten Rindsleder entlang, nach unten, immer tiefer und ganz unten sah er seinen alten MP3-Player. Das Display leuchtete gelb-orange, eine halbe Iris konnte er erkennen, japanische Schriftzeichen und eine Frau, die sich an dem Holzgestell eines riesigen Papier-Flugdrachen festhielt und aussah, als ob sie an einem Kreuz hing. Aber jene hing dort herausfordernd, lasziv. Er glaubte einen Tritt in sich tief drinnen zu verspüren. Kate? Kati? Katarina?

“Lass mich dir deine Seele wegnehmen. Ich bin’s, Kati. Komm nach Hause. Mir ist so kalt. Lass mich rein, durch dein Fenster.”

Schwarze Schriftzeichen erschienen auf dem Display. Auch dieser Akku hatte sich wohl geleert. Das Gerät fuhr herunter. Das Display verlöschte. Der MP3-Spieler wurde stumm. Der Regen drang in seinem Rucksack und bedeckte das Display vollständig.

Er rutschte etwas zurück und lehnte sich an den Heidefelsen. Den Lambrusco weiterhin von sich gestreckt haltend starrte er hinaus in die dichter werdende Dunkelheit.

“Kati? Katarina?”, murmelte er fast unhörbar, “Kate, bist du’s?”

Lunatic

“Schauen Sie, das hier ist unser Premium-Park mit Flussläufen und Wellness-Garantie. Für die Auszeit von der Hektik des Alltags. Mit ungehindertem Blick zum Nachhimmel. Eine 400 Hektar Oase.”

“Das sind ja mehr als der Englische Garten in München.”

“Und sicherer. Wir achten darauf, dass sich jeder dort wohlfühlen kann. Grasflächen, Bäume, Pflanzen und kleine ungefährliche Nagetiere wie Eichhörnchen, Häschen, Meerschweinchen und so weiter.”

“Und warum sind Sie so sicher, dass ihr Park der sicherste der Welt ist?”

“Am Eingang erhält jeder eine Eintrittskarte, welche einen NFC-Chip enthält. Damit lassen sich bei uns in der Hauptzentrale – wir nennen es unser “Doktor-Feel-Good-Center” – die Position von Personen übermitteln. Einzelne Spanner und andere bedrohliche, suspekte Individuen beim Versuch, ihre niederen Instinkte auszuüben, sind somit sehr leicht zu identifizieren und zu isolieren.”

“Sie sehen Einzelpersonen als Gefährder an?” Weiterlesen

Ertrage die Clowns (10): Über Rough Music, Halali, Horrido und das erfolgreiche Ende eines Haberfeldtreiben

Im Jahr 1949 steckte sich der junge Joachim Fest einen Zettel ins Portemonnaie, den er bis zu seinem Tode mit sich führte. Auf dem Zettel stand der Satz:

„Ertrage die Clowns!“

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Bei “Rough music” handelte es sich um einen Begriff, der in England gebräuchlich war. Seit dem Ende des 17. Jahrhunderts diente der Ausdruck eine lautstarke Kakophonie, genutzt um Spott oder Beleidigungen gegenüber Einzelpersonen auszudrücken, welche beschuldigt wurden, gewissen Normen einer Gesellschaft nicht respektiert zu haben.“Rough music” war eine Form der Manifestation mit Strafcharakter gegen diejenigen, die die aktuellen Normen des Gemeinschaftsverhaltens missachten. “Rough music” konnte wegen verschiedenen Umständen realisiert werden: kleine Diebstähle unter Nachbarn, Ausdruck der Missbilligung einer richterlichen Entscheidung, gegen unbeliebte Mitarbeiter, gegen die Polizei, gegen Informationsträger, gegen Leichendiebe, gegen Rekrutierer, gegen unpopuläre und mormonische Prediger, aufgrund ungerechter Entlassungen, gegen die Vertreibung einer Familie aus der Hütte des Arbeitgebers, usw. “Rough Music” zeigte sich als rauer Lärm, ohrenbetäubendes Gelächter und obszöne Pantomimen den zu Bestrafenden gegenüber.

Die britische “Rough Musik” hatte seine Entsprechungen in Frankreich als “Charivari”, in Italien als “Scampanate”, in Bayern als “Haberfeldtreiben”, in nördlicheren deutschen Gefilden als “Thierjagen”. Der Begriff “Katzenmusik” hat seine Ursprünge in der Anwendung ebenfalls daher. “Haberfeldtreiben” und “Thierjagen” gehören nicht zu den Ruhmesblättern der deutschen Geschichtsschreibung, weswegen dazu auch nicht viel zu finden ist. Weiterlesen