Ertrage die Clowns (11): Das Leben mit anderen wie in einem Gemälde

Im Jahr 1949 steckte sich der junge Joachim Fest einen Zettel ins Portemonnaie, den er bis zu seinem Tode mit sich führte. Auf dem Zettel stand der Satz:

„Ertrage die Clowns!“

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Wenn die Kneipe das reale Leben spiegelt, dann ist das Kino die Projektion der Leidenschaften. In besonderen Kinos kommt es immer wieder zu besonderen Begegnungen. Cineastisch gesehen verschmelzen in solchen Lokalitäten Kneipe und Leinwand, während der Film in Endlosschleife zusammen mit dem Leben dieser Welt einem am Auge vorbeiläuft. Jeder Regisseur dieser Welt würde sogleich seine Handkamera aus der Hosentasche hervorholen, um diese reale Wirklichkeit eins zu eins abzufilmen: verwackelt, unglaublich simple Dialoge mit unbändiger Intensivität, Farben wie aus einer billigen Waschmaschine, das ganze weder in 4K noch in FHD, dafür lediglich gefilmt in der Auflösung alter 8-mm-Filme. Ein neuer Film im Stile von “Blair Witch Project”.

“Weißte”, würde dann der erste Amateur-Schauspieler sagen, mit einem Auge auf Leinwand und Publikum schielend, das andere an seinem Gegenüber klebend, das schmierige Gesicht einem direkt zugewendet, “weißte, in unserer Lebensgemeinschaft sind wir Full-Swap-Swinger, nicht wahr, also so mit allem drum und dran, und wir sind uns auch für alles ohne auch nicht zu fies vor, wir testen uns ja regelmäßig und sind gesund, also sind wir sauber und darum nur echtes Full-Swap, verstehste, wir lieben das Leben und warum sollten wir es darum nicht auskosten, nicht wahr, aber diese Sache mit dem Virus momentan, glaub mir, in den Medien wird gelogen was das Zeug hält, alles nur Hysterie und Panikmache, weder neutral noch objektiv, die Medien sind doch das Sprachrohr der Regierenden, muss man denen nicht glauben, was die so verzapfen, genauso das wie mit der Klimakrise, alles gemachte Panik, Waldsterben, Ozonloch, Sars, Klimakrise, vermeintliche Bedrohung durch marodierende Rechtsradikale, Kassenbons für Brötchen, Bienensterben, Ausländerreserviertheit, Kritik an erfolgreiche Großunternehmer und Organisationen in Fußballstadien und so weiter und so fort, denk doch mal, das sagen die doch nur, um vielleicht von brisanteren Themen abzulenken.”

“Die wären?”

“Begreife einfach, das dies nur dazu dient, die Menschen in der EU von anderen Themen abzulenken, schau mal nach Griechenland, was da abgeht. Da werden Menschen und Systeme gepämpert und gebauchpinselt, da erhalten die Menschen die Butter, die man uns nicht auf dem Brot gönnt, da schafft man denen das Paradies auf Erden, während man uns hier durch unsinnige Verbote und Meinungsmache klein halten will. Man will uns unseren Stolz nehmen. Und wenn dann etwas einem etwas demokratisches nicht passt, einfach das Gegenteil machen. Erinnert mich an Erfurt und die Wahl zum Ministerpräsidenten. Da hat den Regierenden auch nicht gepasst, was das Souverän des Volkes als Stimmabgabe ausgedrückt hat und was in Folge zuerst parlamentarisch gewählt wurde.”

Der Regisseur würde sofort umschwenken, die nächste Szene suchen, etwas aus einem Gemälde wie von Hieronymus Bosch. Ganz im Sinne des christlichen Abendlandes würde er versuchen, jede der sieben Wurzelsünden kamera- und dialogtechnisch abzubilden: Hochmut, Habsucht, Neid, Zorn, Wollust, Selbstsucht, Ignoranz.

Aber seine Suche wäre zwecklos, denn am Markt käme er damit nicht durch, würde mit seinem Kurzfilm zu den sieben Wurzelsünden keinen Erfolg zu haben. Niemand würde das sehen wollen. Auch wenn der Film sich eines Vergleichs zu “Blair Witch Project” nicht scheuen müsste.

Anfangs wäre er verzweifelt, weil es niemanden interessiert oder keiner hinschauen mag, nach kurzer Zeit würde er aber erkennen, dass es gerade die nachhaltige Praktizierung der Wurzel”sünden” dazu führt, was ein Leben ähnlich in einem Gemälde von Hieronymus Bosch dieses eben erst ermöglicht. Wer so etwas nicht explizit und ausführlich praktiziert, der wird gesellschaftlich an das bittere Ende der sozialen Hackordnung eingereiht.

Der Regisseur würde sich zurückziehen und bitterlich weinen und dann in eines der Kinos gehen, in der Leinwand und Kneipe miteinander verschmelzen, sich die Szenerie anschauen, sich wie in einem Gemälde von Hieronymus Bosch fühlen, die Handkamera herausholen …

… aber dann wurde er pragmatisch und steckte die Handkamera wieder weg, schnappte sich sein Bier, fläzte sich in einen der roten Sessel, und sah dann kurz darauf die Szenen des wahren Lebens vor sich ablaufen, einen kurzen Ausschnitt aus Helmut Dietls “Kir Royal” aus München, über München, in München, abgespielt vor seinem inneren Auge:

Haffenloher: „Ich mach dich nieder, wenn du mich jetzt hier stehen lässt wie einen Deppen, dann mach ich dich nieder. Ich ruinier dich. Ich mach dich fertig. Ich kleb dich zu von oben bis unten.“
Schimmerlos: „Mit dem Kleber?“
Haffenloher: „Mit meinem Geld. Ich kauf dich einfach. Ich kauf deine Villa, stell noch einen Ferrari davor. Ich scheiß dich sowas von zu mit meinem Geld, dass du keine ruhige Minute mehr hast. Ich schick dir jeden Tag Cash in einem Koffer. Das schickst du zurück. Einmal, zweimal, vielleicht ein drittes Mal. Aber ich schick dir jeden Tag mehr. Irgendwann kommt der Punkt, da bist so mürbe und so fertig und die Versuchung ist so groß und da nimmst es. Und dann hab ich dich, dann gehörst du mir. Dann bist du mein Knecht. Ich bin dir einfach über. Gegen meine Kohle hast du doch keine Chance. Ich will doch nur dein Freund sein – und jetzt sag Heini zu mir.“

Betrunken wankte der Regisseur von dannen. Er hatte genug. Genug gesehen, genug erlebt. Er benötigte neue Eindrücke, bessere, wirklichere, draußen vor der Tür …

Gebäck in heißem Fett aufgebacken in Zeiten der Grippe (Westfalenland außer Rand und Band)

“Und jetzt gilt es!”, der Showmaster legt mir zu meinen Fingerspitzen ein Gebäckteilchen. Ich spüre ihn den Hauch von Zucker, wie er meinen Fingern sein ‘Greif mich! Pack mich!’ zuruft.

“Ihre Aufgabe: Erraten Sie, woher dieses rundliches Fettgebäck, das mit feinem Zucker bestäubt oder einer Glasur überzogen ist und mit Marmelade gefüllt ist, stammt.”

Ich konzentriere mich und öffne meine Augen. Kurz schaue ich nochmals ins Publikum.

Oder besser gesagt auf die Rundleinwand, auf denen die Zuschauer abgebildet sind. Je nach finanziellem Entschädigungsbeitrag der Zuschauer werden deren Gesichter dort dargestellt. Die SD-Zuschauer erhalten maximal 16 Pixel Platz, die HD-Zuschauer 64 Pixel, die Full-HD Zuschauer 128 Pixel, die UHD-Zuschauer 256 Pixel und die 8K-Zuschauer werden mit bevorzugten 1.024 Pixel dargestellt. Premium-Zuschauer, also Prominente der Kategorie A-D, erhalten bis zu 1.048.576 Pixel; Prominente der Kategorie E-T bis zu 102.400 Pixel und die Kategorie U-Z den Rest über 1.024 Pixel. Zumindest wurde es mir erklärt und jeder Mensch werde scharf dargestellt aufgrund der hochauflösenden Pixeltechnologie.

Ich konnte vier 1.048.576 Pixel-Promis mit einem Seitenblick erhaschen, einer davon war Diether Rossmann, der erfolgreiche deutschstämmige Jung-Milliardär aus der Traum-Metropole Hollywood, der sowohl schauspielert, singt, show-mastert  und ein erfolgreiches Start-Up in der Virologie vor einem Jahr aufgemacht hat.

“Ich hoffe, Sie sind bereit?”

Ich ergreife den Fettgebäckballen und beisse vorsichtig hinein.

“Hm, leicht und fluffig. Schmeckt heiter. Irgendwie südlich.”

“Aha, und woher stammt der?”

Ich zögere. Aber die Erinnerung an den Münsteraner Karneval steigt in mir hoch.

Westfalenland, Westfalenland ist wieder aus Rand und Band.

Als mein Mitschüler mir beim Umzug so ein Ding auf meinen Kopf zerdrückte und die Kirschmarmelade mir über mein Winnetou-Kostüm lief. Und dann war die Erinnerung an den Kölner Umzug. Als ich mit zwei Kölsch in den Händen vor mir, einen Turm dieses Spritzgebäcks, süß, verführerisch, lasziv, und ich mir mit dem Mund einen davon heraus biss und dann selig besoffen rief …

Berliner! Eindeutig Berliner! Rheinland, Münsterland, westlich vom Rhein dazu, könnte auch aus Bern sein”, laut meine Antwort.

“Münsterland ist richtig! Hervorragend!”

Der Showmaster klatschz in die Hände und dreht sich vor der Leinwand Applaus-heischend herum.

Applaus erschallt aus verschiedensten Lautsprechern und ich sehe die Pixelgesichter lachen und freundlich nickend. Ein weitere Blick von mir zu den 1.048.576 Pixel-Promi-Bildern. Konnte ich dort Boris Becker erkennen? Oder war das seine Tochter? Der Showmaster nahm meine Aufmerksamkeit zu sich.

“Der nächste Ballen. Wieder ist die Frage, woher kommt er, wie heißt er und schaffen Sie es auch diesen einzuordnen? Schließen Sie die Augen.”

Die Augen zu schließen, war eigentlich Kappes. Es war so im Vertrag bestimmt und diente lediglich dazu, dem Showmaster das Suspense-Momentum zu geben und beim Zuschauer Spannung aufzubauen.

Ich spüre, wie der Showmaster mir erneut so ein Ding vor meine Finger legt. Wieder spüre ich den Hauch des Zuckers, der meinen Fingerspitzen sein ‘Worauf wartest du, du Sau!’ vermittelt. Es ist leicht karnevalistisch, aber irgendwie nicht rheinisch.

“Sie dürfen jetzt schauen.”

Ich öffne die Augen und blicke zuerst wieder auf die Leinwand. Sehe ich dort Thomas Gottschalk? Nein, das war der garantiert nicht, aber das Pixelgesicht sah so aus. ‚Konzentriere dich nicht so sehr auf die Mega-Pixel-Bilder, suche die Bedeutsamen in den unbedeutsamen Pixel-Gesichtern‘, ermahne ich mich innerlich und blicke auf das Fettgebäckbällchen vor mir.

“Können Sie mir sagen, was Sie vor sich haben. Und vergessen Sie nicht, es schauen Ihnen heute Abend Millionen zu. Das ist eine Eurovisionssendung. Wir grüßen auch unsere Zuschauer aus der Schweiz, Österreich und aus Tirol.”

Tirol? Sagte er ‘Tirol’? Aha! Erwischt. Eigentlich wollte ich etwas anderes sagen, aber diese karnevalistische, langsame Anmutung des Ballens vor mir und dann dieser Hinweis auf Tirol …

“Das ist ein Faschingskrapfen aus der Gegen von Tirol”, erkläre ich und schaue den Showmaster provozierend offen an. Sein Gesicht läuft leicht rot an. Ihm fällt sein Fehler auf. Und er versucht, ihn zu vertuschen.

Faschingskrapfen? Sie sind sich sicher? Es könnte ja auch ein Berliner sein. Er sieht ja aus wie der vorherige.”

Faschingskrapfen aus Tirol.”

“Unsere Zuschauer kennen nur den Anton aus Tirol.”

“Ich bleibe dabei: Faschingskrapfen aus Tirol.”

“Ob das richtig ist?” Er blättert in seinen Kartenset, welches er in den Händen hält und hebt eine davon in der Höhe:

“DAS IST RICHTIG! Super! Hervorragend.”

Wieder dreht er sich Applaus-heischend zu der Rundleinwand. Die Pixel bewegen sich wie orchestriert in Begeisterung und aus den vielen Minilautsprechern erschallt begeisterter Applaus. Ich konzentriere mich auf einen der mir nahen SD-Pixelgesichter. Eine ältere Frau lächelt begeistert und tupft sich mit einem Taschentuch eine Träne aus ihren Augenwinkeln.

“Das war sehr gut! Sie sehen, die Zuschauer sind begeistert! Sie lieben Sie! An dieser Stelle möchte ich doch unseren prominenten Gast und Zuschauer Diether Rossmann fragen, wie er die letzten Minuten erlebt hatte.”

Diether Rossmanns Pixelgesicht wird groß rausgeblasen und drängt alle anderen ins kleinste SD-Format der Rundumleinwand.

”Bin ich live auf Sendung?”

“Diether Rossmann, ja du bist live auf Sendung und jetzt in Großaufnahme! Diether, wie siehst du die Leistung unseres Gastes? Was haben die letzten Sekunden mit dir gemacht? Sag es uns“”

“Hervorragend! Aber es hätte den Hinweis mit Tirol nicht bedurft, um den letzten Ballen einzuordnen, nicht wahr. Das hätte er auch so geschafft. Übrigens, an dieser Stelle möchte ich meine Fans aus dem Eurovisionssendegebiet grüßen. Ich freue mich, wenn Sie nächsten Mittwoch sich in meine Show ‘Livehaftig’ einschalten. Ich habe übrigens gesehen, der Boris ist auch Zuschauer?”

Der Showmaster reagiert leicht indisponiert: “Nein, Boris ist gerade in Tirol bei den Open-Tennis-Masters in der neuen geheizten Showroom-Halle und kommentiert das Tennis-Abstiegsduell zwischen Andorra und Deutschland. Von dieser Stelle auch ein ToiToiToi an unser Davis-Cup-Team. Ihr schafft das schon. Diether Rossmann, ich danke dir und wir sehen uns nächstes Wochenende auf der Media-Messe in Garmisch-Partenkirchen zum ‚winterhaften Sommer-Fernsehgarten‘.”

Er wendee sich mir wieder zu. Der Ballen zuvor war bereits wieder abgeräumt, ohne dass ich einen Bissen nehmen konnte. Aber ich trauerte dem nicht hinterher. Wenn der Showmaster schon zu blöd war, die Lösung in der Frage nicht zu verraten, ersparte mir somit Kalorien.

“Und nun zu dem nächsten. Wieder ein rundliches Fettgebäck, das mit lieblich-feinem Zucker bestäubt oder einer aparten Glasur überzogen ist und mit köstlicher Marmelade gefüllt ist. Bitte die Augen schließen.”

Ich tat, wie mir geheißen. Kurz darauf spüre ich wieder diesen durchdringenden Appell des Zuckers des Fettgebäcks an meine Fingerspitzen ‘Du willst es doch auch, nicht wahr!’. Und dann sind da noch diese Vibes, welche mich stutzig machen.

“Sie können die Augen öffnen.”

Da liegt er vor mir. Weiß überzuckert mit braun gebackenem Körper. Ein typisches Fettgebäck. Ich greife zu und drücke ihn. Er lässt sich leicht drücken. Trotzdem ist er nicht leicht und fluffig. Er hat eine leichte Gegenreaktion gezeigt und ruft mir eine leichte Erinnerung an Gonzo-Pornos hervor.

Gonzo-Pornos?!?

“Na? Das ist nicht so einfach, nicht wahr?”, versucht mich der Showmaster in meiner Konzentration zu stören.

Gonzo-Pornos? Da war Sonja. Die mochte solche Dinge nicht. Sie fand sie ekelig. Man konnte fast meinen, sie wäre sex-abstinent. Aber dabei war sie eine Granate in der körperlichen Kommunikation. Ein Traum, den Tausend-Millionen Männer in ihren Schlaf schwitzend träumten, bevor sie aufwachten und an ihrer Seite Leere feststellten.

Gonzo-Pornos? Gonzo? Der aus der Muppet-Show, der Stuntman mit der langen Nase? Der Außerirdische, welcher auf der Erde zurück gelassen werden musste, und sich dann den Muppets anschloss, um auf seiner Trompete einen klaren Ton zu blasen? Einen klaren Ton? Mit Trompete? Und ohne? A capella. Gonzo? Gonsheim? Gonsbachlerchen? Wie es singt und lacht? Lacht? Die Gonsbachlerchen? Mainz bleibt Mainz? Wie es sinkt und trotzdem lacht? Die immer lacht? Hessisch? Jaaa! Das musste es sein.

Ich beiße kurz in den Ballen rein und die Marmelade verteilt sich auf meiner Zunge. Südhang. Bembel. Hieß deren David Bowie nicht Heinz Schenk?

“Das ist ein Kräppel! Oder auch Kräpfel! Aus Hessen!” kommt es aus mir hervor.

“Richtig! Wahnsinn! Das stimmt! Ein Kräppel! Super!”

Der Saal erschallt in Applaus, die Pixelgesichter wogen in Begeisterung auf und ab. Und es droht nicht zu enden.

Seit der Grippe-Pandemie, welche durch Europa wütete und unzählige Opfer unter den Ü50-Menschen kostete, wurde keine Show mehr vor Publikum ausgestrahlt. Man baute anfangs Leinwände auf, auf denen das Publikum projiziert wurde. Nach der zweiten großen Pandemie in Europa wurden dann Fußballspiele für das öffentliche Publikum gesperrt. Aber da Fußball ohne Auditorium eine fade Sache geworden wäre, hatten die millionenschweren Clubs ihre Stadions mit billigen Tablets ausgerüstet. Auf jedem Sitz des Stadions stand ein Tablet und ein Zuschauer wurde direkt mit dem Tablet verbunden und konnte dann das Spiel von dem entsprechenden Sitz aus über jenes Tablet fast so sehen, wie er es im Stadion gesehen hätte, wäre er Inhaber jenes Sitzes für ein Spiel lang gewesen. Mit dem Vorteil, dass ein Riese vor ihm die Sicht eventuell versperrt hätte.

Anfangs waren alle reserviert und niemand sagte diesem Model eine Zukunftschance voraus.

Als allerdings beim Champions-League-Finale zwischen PSG Paris St. Germain und Preußen Münster urplötzlich alle Tablets ausverkauft waren und die Streaming-Gebühren ins Astronomische stiegen, wurden alle Dämme gebrochen so wie damals beim Wiehnachtshochwasser in Köln. Anfangs war es für die Fußballspieler ungewohnt, da der Sound der Tabletts nicht dem Sound wirklich existenter Zuschauer im Stadion entsprach, aber danach war es für die Spieler immer ein Höhepunkt zu sagen, dass er von jenem oder jenem oder einem Promi über Tablett beim Spielen gesehen wurde. Es war den Spielern eine Auszeichnung, wenn denen ein Promi zusah.

Das Tragen von Mundschutz oder Handschuhen war zu dem Zeitpunkt schon längst kein Diskussionspunkt für die Spieler. Sie wollten alleinig Wertschätzung für deren Auftritte auf dem Rasengrün. Und sie erhielten durch die Anzahl der eingeschalteten Tablets auf den Zuschauersitzen jene einverlangte Wertschätzung, welche denen mehr galt als der schnöde Mammon. Das war eine skurrile Situation, aber Fußballspieler wurden im Verlauf der Geschichte als die hygienischsten Sportler aufgrund aller Maßnahmen in Zeiten der Grippe eingestuft.

Die Live-Shows im Fernsehen passten sich an und hatten dann jenes Tablet-Model der Fußball-Zuschauer perfektioniert. Die Showbühnen waren umrundet von einer Leinwand, auf denen die Zuschauer als Pixelbilder dargestellt wurden. Die Technologie machte es möglich, Abstufungen zwischen Wenig-Zahler und Viel-Zahler bis hin zu Promi-Faktoren zu erzielen.

Nebenbei, die von Jugendlichen verehrte, musikalische Jugend-Combo ‘Live-Hack’ hatte ihren ersten millionenfach ausverkauften Gig in einer eigentlich als Abstellkammer dienendem Raum in Tirol, welches nachher zur Tiroler Showroom-Halle ausgebaut wurde, in der jetzt das deutsche Davis-Cup-Team Bälle über ein gespanntes Netz prügelte.

“Wir sind noch nicht am Ende. Es geht weiter. Sie haben bislang ein paar Ballen nach deren Herkunft erraten. Aber jetzt wird es schwierig. Der nächste kommt. Schließen Sie ihre Augen.”

Wieder spüre ich den Ruf der Puderzuckerschicht ‚Scheiss auf Kalorien, ich bin dein Sweetie! Fick mich!‘ in meinen Fingerspitzen. Aber das sagt ja jede Zuckerschicht. Am schlimmsten sind hierbei sowieso die brasilianischen Schokoladenbällchen, ‘Brigadeiros’ genannt. Eine Dose gezuckerte Kondensmilch, ein Ei, Butter, 4 Esslöffel süßes Milchkakaopulver. Und dann die ganze Masse nach dem Erhitzen und Stocken erkaltet als keine Kügelchen geformt in Hagelzucker gewälzt. Serviert zu einem zuckersüßen Caipirinha. Oder zu einem Schokoladenkuchenstückchen mit Zuckerlimonade. Mach mich dick. No sex, please. You do not need to sex me up, but give me Brigadeiros …

Ich öffne meine Augen. Dort liegt weiterhin dieses rundliche Fettgebäck, das mit feinem Zucker bestäubt und mit Marmelade gefüllt ist. Ich schaue es mir an. Es sieht identisch wie die anderen aus. Ich greufe zu und spüre gleich, außen weich, innen härter. Der Ballen fühlt sich separatistisch an. Da schwingt etwas eigenes mit. Eine Eigenart, welche auf ein Individualcharakteristik-Gefühl hinweist. Nein, da spielt kein Nord- oder Südhang oder Schieferboden eine Rolle. Da steckt eine Identität dahinter. Eine Identität, welche sogar die Römer nicht mochten und deshalb keine bedeutsame Stadt der Gegenwart gründeten. Aber trotzdem noch einen Limes! Paderborn? Bielefeld? Nein, es war nihilistischer, südlicher. Ich beisse rein. Da ist er, der Geschmack. Nach Freiheit und Abenteuer. Nach Wildheit und Unberechenbarkeit. Mit einem Hauch verruchten Pulverdampf, der meinem preußischem Gemüt entgegenwirkt.

“Das ist ein Krapfen. Eindeutig. Ein Krapfen aus Bayern. Ich würde sagen, aus dem Ort wo die Bayern zum letzten Mal auf die Preußen schießen durften!”

“RICHTIG! Hervorragend! Sogar der Ort ist richtig geschätzt. Er wurde in der bayrischen Staatskanzlei in München aufgebacken! Vom ewigen Ministerpräsident persönlich! Und den dürfen wir heute Abend persönlich bei dieser Show höchstselbst begrüßen! Hallo, Herr Ministerpräsident!”

Die Leinwand wird aufgeräumt. Alle Pixelgesichter werden auf weniger als 16 Pixel reduziert und den Rest erfüllt ein einzelnes Gesicht in 16K-Auflösung.

“Meine Damen und Herren an den Fernsehbildschirmen, sie dürften es gerade mitbekommen haben”, der Showmaster macht eine dramatische Pause, “Sie sehen das erste 16K-Bild in der Fernsehgeschichte. Ich weiß, dass auf dem Markt nur 8K-Fernseher gibt, aber zusammen mit unserem Sponsor ‘OljaPraPorra’ verlosen wir heute den ersten 16K-Bildschirm der Geschichte und unser Bayrischer Ministerpräsident wird die Glücksfee spielen!”

“Da bin ich ja froh”, schallt der Bayrischer Ministerpräsident aus den Lautsprechern, “dass ich als erster Mann eine Fee sein darf. Das fügt sich hervorragend in das Bild von uns Bayern in Trachtenuniform mit HighTech. Wir sind halt das Bundesland …”

“Herr Bayrischer Ministerpräsident, würden Sie jetzt bitte den Knopf drücken, damit unsere Software aus dem Datenbestand der Cookies unserer Zuschauer den entsprechenden wählt, damit derjenige über seinen Sprachassistenten …”

Ich nutze diese Pause, um meine Entspannungsübung durchzuführen. Ich erwarte noch die ultimative Frage. Die alles-oder-nichts Frage. Das letzte Fettgebäck vor mir. Nervosität steigt in mir auf. Denn eigentlich bin ich ein Mister Nobody. Freunde hatten mich zu dem Quiz angemeldet. Aus reinem Jux und Dollerei.

Gut. Das stimmte so nicht. Ich war denen wohl dauernd zu vorlaut. Und während der letzten Grippe-Pandemie hatte ich mich dauernd geweigert, meine Hände mit dem Sterilisierungsmittel zu waschen. Und dann war gerade mein Gegenüber an der bedrohlichen Grippe erkrankt. Für alle war klar, dass ich dran Schuld hatte. Aber ich war nie krank. Nicht mal eine virologische Untersuchung konnte Anti-Körper in mir feststellen. Aber für meine Arbeitskollegen war ich schuldig. Ganz klar. Ich fühlte mich in der Firma wie ein Bakterium in Penizillin. Oder wesentlich konkreter: wie ein Schwarzer unter Weißen, wie ein Jude unter Katholiken, wie ein Linker unter AfD-Fanboys- and -girlies.

Und als ich dann in der dabei herrschenden Faschingsperiode denen spöttisch hinwarf, ich könnte am Fettgebäck immer auch deren Herkunft feststellen und wäre deswegen immun gegen deren Krankheiten, war der Ofen aus. Klar. Herkunft und Immunität gegen Krankheiten bei Faschingsgebäck, das hat so viel Sinn wie immer ein Bier mehr zu trinken, um den Effekt ‘das-letzte-Bier-war-schlecht’ zu verhindern. Aber diese Dumpfdödel hatten es nicht kapiert, was ich sagen wollte. Ich erntete, was ich säte: eine Einladung zu der Show als Fettgebäck-Sommelier.

Das war natürlich quätscher als quatsch, wie weiland bereits Herbert Wehner zu sagen pflegte. Aber wen interessiert schon das Gequatsche der Verstorbenen von gestern bei den Leuten von heute. Und wenn jener, weshalb der Hintersinn für vordergründige Geschichten aus dem breiten Mittelmaß.

Meine Teilnahme an der Show hatte ich vor Monaten bereits in den sozialen Medien kund getan, aber es interessierte niemanden. Ein Leser imitierte sogar einen weiteren  Shit-Storm, weil er mich wohl nach 5-Minuten-Ruhm gieren sah. Ich fühlte mich deswegen trotzdem geehrt. Nur an jenem Tag, als jene Knödel-Dödel-Rundschau-Zeitung darüber berichtete, stiegen meine Accounts der Social-Media-Welt auf eine Popularität auf ein Maß, welches ich nie kennen gelernt hatte. Sogar mein blödesten Blog-Einträge, die ich vergaß zu löschen, wurden geliked und kommentiert, als ob es morgen keinen Morgen gäbe.

Es gründete sich sogar ein Fähnlein Fieselschweif ‚Pro-Fettgebäck-Sommelier‘ und sammelte für mein Bahn-Ticket in der ersten Klasse. Crowdfunding übers Internet. Es kam nebenbei ein Ticket für einen Flug mit der A380 in der ersten Klasse dabei heraus. Um es zu nutzen, musste ich allerdings von München über Dubai nach Berlin fliegen. Zwischenstopp Hannover. Wegen der Crowdfunding-Leute. Das war dann exakt vier Tage langsamer als ein Bahnticket, obwohl der ICE von München nach Berlin an jenem Tag sogar 45 Minuten Verspätung hatte. Aber es war eine 380. Das nur am Rande.

“Die letzte Frage. Es geht um den Hauptpreis. Championship-Frage. Sind Sie bereit?”

“Was steht auf Spiel?”

”Die richtige Beantwortung der letzten Frage bringt Ihnen folgenden Gewinn!”

Trommelwirbel.

Trommelwirbel? Wie altmodisch.

“Einen Traumurlaub auf der Insel Sal der Kap Verden in einem zwölf Sterne Luxus-Hotel der Klasse Premium mit All-Inclusive. Dazu eine Rundreise über die Insel zu allen Stränden binnen 24 Stunden mit abschließendem Abendessen in der einheimischen 8-Sterne-Fisch-Bar ‘NuncaMaisNaMinhaVida’. Und das beste daran ist, ihre Begleitperson zahlt den super-vergünstigten Preis von nur 25% vom doppelten Katalog-Preis, den normalerweise nur Luxusreisende mit Einkommenssteuerbefreiung zahlen müssten. Na? Ist das nichts?”

Das ist klar. Geizen, wo es nur möglich sei. Da bin ich immer Fan von. Da bin ich dabei. Ich verdien halt nicht so viel wie andere, aber wir müssen ja alle sparen, da möcht ich nicht außen vor stehen, wenn ich ein Ticket gewinne.

Nur, im Programm gibt es immer sich wiederholende Werbung bis zum Abwinken für die Leinwandzuschauer. Jene, die eh nur auf werbefreie Programme fluchen, weil die öffentlich finanziert werden und kein Niveau haben. Aber Werbung ist für die auch eine Katastrophe als Finanzierungsmodell, weil für den Zuschauer nicht kostenneutral.

Vor meinen Augen tauchen die Zuschauerinnen der Telekolleg®-Programme auf: Hausfrauen mit Hoffnung durch Fernseh-Fortbildung öffentlich-rechtlich einem Bildungsauftrag mehr als nur das Jodel-Diplom a la Loriot zu erlangen.

Abgelöst wurden diese Telekolleg®-Programme auf den Dritten Programmen für Hausfrauen dann allerdings unbemerkt durch Frau Ministerin Ursula Gertrud von der Leyen, weiland die absolute Familien-Mini (vulgo: Bundesministerin für Familie, Senioren, Frauen und Jugend), welche dann ihre Anhängerinnen zu Arbeit und Soziales umschulte (Patronin: Mini für Arbeit und Soziales Frau Ministerin Ursula Gertrud von der Leyen), bevor sie jene zu wehrhaften Frauen im Kriegsministerium eines unilateralen solo-kosmopolitisch-orientierten Landes fortbildete. Bandwurmsatz und kompliziert verschwurbelt? Nö. Nur der Karriere von der niedersächsischen Albrecht-Tochter angepasst.

Und freudestrahlend begleiten jene Uschi nicht auf der Strecke gebliebenen Schlecker-Frauen gen Europa-Parlament, wo jene dann als Chor der Putzfrauen (“Mensch Uschi, mach kein Quatsch”) ihre Jobs für die Gleichberechtigung als Vielvölkerstatt (Obacht: ‘tt’ am Schluss statt ‘at’) für Uns-Uschi wahr nehmen.

So sitz ich nun als Repräsentant der Fettballen-Sommeliers auf dem Quizsessel und die Leinwand starrt mich an.

Die letzte Frage. Die Eine-Million-Frage.

Eine-Million-Zuschauer.

Pro Zuschauer 1 Euro. Umsatzsteuerreduziert. Der Rest vor Gewinn-Steuern soll an mich gehen. Geldwerter Vorteil. Finanzamt-Süd grüßt. Für ein Fettgebäck.

Auf meinem Schreibtisch liegt noch der Brief der zuckererzeugenden Industrie, die mich für mein Wohlwollen plus Wissen mit Werbeverträgen honorieren möchte. Ich solle nichts kritisches gegen sie zuvor und danach äußern. In meinen Fingerspitzen juckt es.

“Die letzte Frage. Es wird spannend. Erneut haben Sie ein rundliches Fettgebäck, das mit feinem Zucker bestäubt oder einer Glasur überzogen ist und mit Marmelade gefüllt ist.“

Ich schließe die Augen und lege meine beiden Hände – die Finger abgespreizt – vor dem Teller, auf dem das Objekt des Rätsels gelegt werden wir. Ich spüren den Lufthauch. Ein Ballen wird auf den Teller gelegt. Meine Finger vibrieren. Eine entfernte Vibration erinnert mich an Rosenmontag.

“Sie haben das letzte Kunststück deutscher, einheimischer Bäckerei vor sich.”

Der Showmaster lässt seine Stimme vibrieren. Ich muss ihm zugestehen, Spannung, das kann er. Einwandfrei. Gelernt ist gelernt.

Meine Nase erschnuppert Puderzucker. Sauber. Sauber weiß. Wie eine Linie im Münchener P1, wo alle ihre Linien ziehen. Unweit von der bayrischen Staatskanzlei. Genauer gesagt eine Steinwurf-Weite entfernt. Gleich zu gleich gesellt sich gern.

Folglich wurde der Ballen kurz zuvor bestäubt. Mit frisch gemahlenem Zucker. Aber … zu süßlich, einen Hauch zu süßlich. Betörend süßlich. Gut. Das gab es auch woanders, nur, so süßlich, das war nicht mehr so richtig bio. Kein wirklich biologisch gewirktes Produkt. Obwohl auch nicht un-bio. Es war irgendwie bio-deutsch, aber auch wieder nicht bio-deutsch.

Versteht jemand überhaupt meine Gedankengänge, sollte ich sie äußern?, schießt es mir durch den Kopf. Aber das alles ist de facto süß. Verführerisch.

Es schmeckt nach Gelsenkirchen. Es schmeckt nach dem Ursprungsort von İlkay Gündoğan und Mesut Özil. Gelsenkirchener Barock der Neuzeit. Einer verachteten Neuzeit. Aber da war ein Beigeschmack, als ob da ein Bitterstoff reingemischt wurde und dem gesamtdeutschen Geschmacksbild angepasst wurde. Vor mir tauchten die Bank-Vorderen auf, die Mesut Özils Integrationsprojekt in Gelsenkirchen nicht unterstützen, weil rechte Parteiobere dagegen gewirkt hatten. Ein Bild tauchte auf, von dem Deutschland-“Fan” der nach einem WM-Spiel Özil rassistisch beleidigt hat.

Rassistische Beleidigungen? Da sind die Fußballfans vor. Da müssen die mit Millionen bezahlten Profis drüber stehen. Dafür werden sie bezahlt und dürfen den Fußballplatz nicht verlassen. Persönliche Anfeindung entgegen der gesellschaftlichen Räson. Und die ist eher rassistisch ignorierend. So wie beim Schlacke 09 Präsi, der sich mit populistischem Allgemeingut entschuldigte. Wie gut, dass Antonio „Toni“ Rüdiger nie ob Schlacke 09 spielte. Er wäre heulend wegen nichts nach Hause gekrochen, statt das gleiche jetzt bei FC Chelsea wimmernd durchzuführen. Heulsuse. Rassismus gehört zu jedem anständigen Fußballspiel, nicht wahr, auch wenn es anständig unanständig ist … Geld sollte bei Fußballspielern das Pflaster für offene Sphären der Gesellschaft sein … wir leben nun mal halt nicht im Kommunismus, woll

Bin ich zynisch? Ja. Sicher. Auch rassistisch. Ich wuchs auf in einer Familie von Weißen, ging in einer katholischen Kirche von Weißen, wo Nick-Neger als politisch korrekt am Kirchenausgang dienten, ging auf einer Schule von Weißen, wo ich die Geschichte von Weißen lernte und ihr, liebe Leser, wollt mich nicht als rassistisch einordnen? 

“Es geht um die Wurst. Das Kunststück deutscher, einheimischer Bäckerei. Was ist es?”

Ich zucke zusammen. Wurst? Geht es nicht um Fettgebäck? Also, Hefeballen? Er hatte mich aus meinem Gedankenpalast gerissen. Meine Fresse, jetzt hätte ich gerne ein Glas Riesling. Spätlese von der Mosel. Einfach, um meine Nerven zu glätten. Einfach, um meinen Puls zu beruhigen.

Ich blicke den Moderator an. In meinen Gedanken vermischen sich Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft. Klar, Zukunft ist immer die richtige Antwort. Zukunftsorientiert. Nur die Gegenwart ist die Frage. Und Vergangenheit interessiert sowieso keinen Menschen mehr als Antwort. Vor allem nicht in meiner Situation vor dem Showmaster. Jeder will die perfekte Antwort auf die perfekte Antwort. Fragen sind überflüssig. Passend zur Jahreszeit. Go for it.

Ich versuche die Umgebung, um mich herum auszublenden. Fußballspieler haben es einfacher. Spielen sie in einem Stadion und die Tablets auf den Sitzen übertragen deren Spiel und aus den Lautsprechern schallen Jubel-Arien, dann ist das einfacher für die Spieler. Spieler leben und wachsen mit Jubel-Arien. Klar, es ist gewöhnungsbedürftiger für die Generation ‘Live’ oder ‘TV’ der 10er-Jahre, also jener nach der ‘Generation Y’, denen welche man mit ‚OK, Boomer‘ mundtot macht. Aber andere Umstände, andere Konsequenzen. The show must go on. Wir sind ja schließlich nicht von gestern, woll. Die Zukunft ist heute. Vergangenheit ist für die Ewig-Gestrigen.

Ok, Boomer.

Die letzte Virus-Epidemie hatte nicht nur zur Konsolidierung der internationalen Rentenkassen durch den unpopulären Fakt des eintretenden Tods beigetragen, weil Virus-Epidemien verstärkt eher die Ü50-Generationen und die Armuts-Klasse signifikant betroffen haben. Wer starb am Virus? Die Armen und Schwachen und Alten. Richtig so. Auslese. Survival of the fittest. Es war das eingetroffen, was der damalige Reichtums- und Muss-so-sein-Vertreter Warren Buffet erklärte (“There’s class warfare, all right,” Mr. Buffett said, “but it’s my class, the rich class, that’s making war, and we’re winning.”)

Ich sitze allein auf dem Stuhl. Der Showmaster schaut mich weiterhin prüfend an. Ich vermute, allein wegen dem prüfendem Blick wurde er damals ausgewählt. Jeder muss sein Allein-Stellungsmerkmal haben.

Nur das Wissen hilft es mir jetzt nicht.

Ich grüble. Berliner. Eigentlich heißen die ’Berliner Pfannkuchen’. Mir kommt ein Bekannter in den Sinn. Aus Sachsen. Er hatte mich damals im Social Media angefeindet, weil ich ‘Pfannkuchen’ mit dem Wort ‘Crêpes’ gleich gesetzt hatte. Ich wäre deswegen ein typischer ‘Gutmensch’. Den Begriff ‘typischer Deutscher’ hatte er wohl vermieden. Ein erster privater Social-Media-Shitstorm. Der gesamte Freundes-Kreis, den das Social-Media-Konstrukt mir als mein Freundeskreis erklärte, schlug auf mich ein. Ich. Böser Mensch. Doppelplusungut. Auch wenn es nur um Fett-Gebäcke ging, schien es, um Grundsätzliches zu gehen.

“Was ist es?” wiederholt der Showmaster. “Sie haben bislang alles richtig erraten und Ihnen winkt der Hauptpreis. Was ist es?!”

Es ist ein Berliner, ein Faschingskrapfen, ein Kräppel, ein Krapfen. Was kann es denn noch sein?

In meinen Gedanken erschien mir der Ur-Bayer: Lederhosen, Wams, gezwirbelten Schnurrbart, Hut und daran eine Gamsfeder, eingeölt und biergestärkt. Ich saß ihm im Ur-Bayer-Zelt vom Oktoberfest gegenüber. Er schaute mich an. Sein Gesicht spiegelte nur eine Frage wieder: woher einermeiner denn so komme. Ungefragt hob ich meine Maß und erklärte, ich käme aus der konservativen Gegend, welche sich Davert nenne würde. Das war ihm egal. Er erwiderte nur etwas wie ‘Damischer Preis’ und stemmte sein Maß, blickte dabei voll der Verachtung auf mich nieder. Allerdings musste er dazu aufstehen und auf seine Sitzbank klettern. Zwergenschiksal halt, wenn die mal größer sein wollen, als sie sind. In jenem Moment fragte ihn sein Lederhosen-kostümierter Nachbar nur mit einem Wort: “Broiler?” und er antwortet lediglich mit einwandfreiem sächsischem “Nu”.

Ich schaue den Moderator an, lecke kurz an dem Ballen vor mir und wusste sofort die Antwort.

Pfannkuchen. Ist im ostdeutschen Bereich die Verkürzung für Berliner Pfannkuchen. Was somit Ost und West wieder verbindet. Über Abkürzungen. Also Pfannkuchen.”

Es herrscht kurze Stille. Es knackt kurz in den Leinwänden vor Spannung

Ein spontanes Jubeln bricht aus. Aus den Leinwänden. Alle wussten es wohl zuhaus bereits zuvor. Wikipedia. Nur ich musste es wohl noch raten.

Ich schaue auf den Berliner vor mir auf dem Teller. Es regnet Konfetti auf ihn herab. Den Jackpot hatte ich wohl abgeräumt. Der sächsische Pfannkuchen versinkt wie die Anrea Doria unter einer Konfetti-Flut der Fernsehgesellschaft. Auf der Leinwand sehe ich die zugeschalteten Zuschauer.

Immer mehr der hoch-pixelige Zuschauerfotos verschwinden dabei. Zuschauer, die sich abschalten. Hatte gerade Gottschalk abgeschaltet? Ich erkenne noch einen Darsteller von “Let’s dance”, rechtzeitig bevor jener verschwindet.

Ein Werbespot erscheint. Händewaschen im Kampf gegen tödliche Virus-Bedrohungen. Washing for future. An meine Haut lasse ich nur Osmose-Wasser und hygienische Waschlotion. Dazwischen Werbespots der Automobilindustrie und der Stromversorger. For future. Against any special Friday. Against all odds.

Die Security des Programms deutet mir an, mich in die Garderoben zu entfernen. Ich folge der herrischen Geste des Security-Personals. Ich bin ein folgsamer Untertan. Auch wenn ich nicht AfD wähle. Aber ich bin ein folgsamer Untertan.

In meiner Garderobe zeigt mir der Abreiskalender, das es Rosenmontag ist.

Das muss wohl so sein.

Bring mich zum Rasen, äh, Rosen, äh Rosenmontag.

Gute Ausrede für mich.

Ich mache mir zuhaus eine Kölsch-Flasche auf …

Benötigen Sie einen Weihnachtsmann? Ich bin Student.

Sein Bart war inzwischen nicht mehr weiß. Er war grau geworden, grau wie eine ungewaschene Gardine vor einem verdreckten Fenster. Eigentlich hätte er ja noch weiß sein sollen. Nur die Lisbet, die alte Sau, die hatte ihm Dinkelmehl ins Gesicht geblasen. Das solle Glück bringen, giggelte sie noch. Am liebsten wäre er ihr an die Gurgel gegangen, aber von der Lisbet kannte er kein anderes Verhalten. 92 Jahre, tendenziell dement, aber den Schalk einer sechsjährigen Göre im Nacken. Lisbet hatte das immer so gemacht. Jedes Mal. Immer. Würde er wählen dürfen, die Lisbet würde er nicht mehr besuchen. Nur Lisbet war die beste Freundin seiner Mutter.

Gewesen. Bis seine Mutter vor vier Jahren verstarb und sie ihn im Testament aufforderte, in dem Haus für betreutes Wohnen immer zur Weihnachtszeit den Weihnachtsmann zu geben. Weil er sie im Renten-Dasein allein gelassen und ins Heim abgeschoben habe, so erklärte sie. Sieben Jahre lang, so hatte sie es im Testament geschrieben. Falls er das nicht machen würde, würde sein Erbanteil auf ihr Heim überschrieben werden.

Er brauchte allerdings das Geld. Nicht dass er über dem Tode seiner Mutter seine Zukunft geplant hatte, er kalkulierte nie mit dem Leben und Sterben anderer Menschen seinen Lebenstandard. Er war Vertreter der Eigenverantwortlichkeit. Glück gab es nur, wer etwas dafür tat. Nur hatte ihn einfach das Pech eingeholt und dann auch noch rechts überholt. Erst der Verlust seiner gesamten Einlagen durch einen Kursrutsch, kurz darauf die Krise in seiner Branche und dann seine betriebsbedingte Kündigung. Mit der 5 vor seinem Alter wollte ihn bislang keiner einstellen. Zu unflexibel, zu undynamisch, nicht formbar, zu alt, zu viele Qualifikationen, zu wenig Qualifikationen, das falsche Geschlecht, die falsche Nase. Alles hatte er bereits gehört. Fachkräftemangel? Darüber konnte er nur lachen. Populistischer Scheiss, war seine regelmäßige Antwort auf dieses Schlagwort. Zu rebellisch und zu uninformiert, hatte ihm dann einer der Leiter irgendeiner Personalabteilung beim Bewerbungsgespräch gesagt und ihm die Tür nach außen hin geöffnet.

Zu unsexy, hatte ihn vorhin die Lisbet angekräht und ihm das Dinkelmehl ins Gesicht geblasen. Den Mehlstaub konnte er sich nur mühsam etwas aus seinen Klamotten und Bart klopfen. Das Rot seines Mantels sah nun blasser aus und sein Bart war grau geworden. Er sah sich im Spiegel des Aufzugs an und atmete kurz durch. Lisbet gehörte eigentlich nicht in dieses Haus, dachte er sich kurz. Sie hat doch einen Sohn in München, der lebt dort gut, ist Single, verdient dort wohl ein Schweinegeld und verprasst dieses mit Sicherheit in irgendwelchen hedonistischen Tempeln der unmoralischen Landeshauptstadt, macht aber dabei auf arm, wenn er darauf angesprochen wird, seine Mutter zu sich zu nehmen.

Die Aufzugtür öffnete sich. Er blickte nochmals in den Spiegel, zog seinen Bart zurecht und versuchte sich mit einem atonalen ‘HoHoHo’ in Stimmung zu bringen. Schlurfend bewegte er sich auf Wohnung Nummer 8 zu. Er hasste Wohnung Nummer 8. Zu Weihnachten erwarteten ihn immer dieses unsäglich doofe Rentner-Duo: Heinrich und Bernhard. Statt in Würden zu altern, glaubten die beiden, irgendein Anrecht darauf zu haben, ihn zu foppen, indem sie sich betont jugendlich gaben.

Die braune Tür vor ihm verriet nichts davon, was ihn erwarten könnte. Lediglich die musikalische Klangwolke, die durch die Tür diffundierte, gab ihm einen Vorgeschmack auf das, was ihn de facto erwarten würde. “Principles of Lust: Sadeness” von “Enigma” waberte ihm entgegen.

“90er Jahre Scheiß des letzten Jahrhunderts”, grummelte er, “und auf dem Wohnzimmertisch wahrscheinlich wieder ‘ne Packung Viagra.”

Sein Finger suchte die Klingel und fand sie. Er drückte kräftig und lang.

HoHoHo!

Die Tür öffnete sich langsam. Indigniert registrierte er, dass die Tür über eine Paketschnur geöffnet worden war und ihn keine Person direkt an der Tür begrüßte. Er trat ein, schloss die Tür und folgte dem Verlauf der Paketschnur langsam in das Wohnzimmer.

“Tschuldigung, wir benötigen einen Weihnachtsmann. Ist er Student?”, ulkte Heinrich ihm entgegen und Bernhard ergänzte meckernd lachend: “Früher war mehr Lametta!” Ein Kanon des Lachens umwaberte ihn.

“Könnten Sie beide, bitte, dieses Jahr nach meinem Auftritt hier netter zu mir sein? Ich gebe schließlich seit drei Jahren immer mein Bestes und jedes Mal erhalte ich von ihren Söhnen und Töchtern das Feedback, dass Sie beide mit mir nicht zufrieden gewesen wären. Und dann ziehen die mir wieder über 50% von meiner Entlohnung ab. Aber ich brauch das Geld. Ich bin immer noch arbeitslos.”

“Richtig, früher war mehr Lametta,” echote Heinrich.

“Dieses Jahr ist der Weihnachtsbaum grün, naturgrün, frisch und umweltfreundlich. Mit ohne echten Äpfelchen dran.” Bernhard deutete vor sich auf dem Wohnzimmertisch, auf dem ein kleines Tännchen stand. “Der dicke Weihnachtsmann möchte uns jetzt ein Gedicht aufsagen.”

Beide starrten ihn erwartungsvoll an, nur sein Blick war wie festgenagelt auf dem Wohnzimmertisch gerichtet. Er wollte es nicht glauben, aber da lag eine Schachtel Viagra, geöffnet, und daneben noch drei Kamagra Oral Jellies, Geschmacksrichtung ‘Spekulatius’, … .

“Zickezacke Hühnerkacke”, entfuhr es ihm nur langsam und fast schon undeutlich.

“So, und jetzt wird ausgepackt. Und Herr Weihnachtsmann, sei wenigstens ein wenig gemütlich!” Heinrich zog hinter sich eine Flasche Haselnuss-Schnaps hervor. Bernhard deutete mir einer Fernbedienung auf den Wandschrank und die “Enigma”-Musik schwoll bedeutungsschwängernd an, derweil eine laszive Frauenstimme einen zittrigen Orgasmus in das Lied hinein intonierte. Er hasste das Lied: eine kommerzielle Verwertung des weiblichen Orgasmus. Das hätte völlig privat bleiben sollen. So etwas gehörte nicht in die Öffentlichkeit. Er mochte auch die Schauspielerin Meg Ryan nicht mehr, seitdem er sie im Film ‘Harry meets Sally’ in dem Cafe öffentlich ihren vorgetäuschten Orgasmus rausstönen sah. Schlampe.

“Ey, du Weihnachtsmann, werd’ mal locker! Du kannst doch nicht jedes Jahr so verkrampfen hier! Man könnte ja meinen, du würdest den Rest des Jahres im Sterbehospiz verbringen und nur Weihnachten ließe man dich in dieser Verkleidung zum Lustholen raus.”

Heinrich wedelte ihm mit einem doppelten Haselnuss-Schnaps vor ihm rum. Er griff zu, denn er wusste, was jetzt passieren würde. An Flucht war nicht mehr zu denken. Er war gefangen. Er hätte nie reinkommen dürfen. Nie. Niemals. Nicht. Eigentlich. Aber dann würde er auch das Geld für seinen Weihnachtmannauftritt nicht erhalten. Oder zumindest nicht jene um 50% gekürzte Aufwandsentschädigung. Und er brauchte das Geld. Denn jung war er nicht mehr.

“Also, nochmals: Könnt ihr beide wenigstens diesmal euren Söhnen und Töchtern erklären, dass ich gut war, damit wenigstens mein Geld in voller Höhe bekomme? Könnt ihr wenigstens diesmal nicht lügen?”

Bernhard lachte. “Das werden wir garantiert nicht erklären. Die sollen ruhig wissen, dass wir hier in diesem Kuhkaffviertel vor Dortmund dahin vegetieren, und dafür Gewissensbisse bekommen. Sonst haben die keine besinnliche Weihnacht. Solange die sich nicht bequemen, uns Weihnachten zu besuchen oder auf deren Kosten einzuladen, solange werden wir keines derer Geschenke wertschätzen. Weihnachten ist ein Familienfest und keine ‘ich-hoffe-es-geht-euch-dort-gut’-Veranstaltung!”

“Aber was kann ich dafür? Ich brauche doch das Geld, ich bin arbeitslos, keiner will jemanden der Ü50-Generation wie mich mehr einstellen.”

“Doch! Als Fachkraft! Eben als Weihnachtsmann. Wir haben Fachkräftemangel. Und nu chill mal, du junger Hüpfer! Same procedure as last year!”

“Same procedure as last year?”

“Same procedure as every year, Dickie, du Weihnachtsmann!”

Richard mochte es nicht, wenn er als ‘Dickie’ angeredet wurde. Es erinnerte ihn an Richard Nixon. Den nannte anfangs auch jeder ‘Dickie’, allerdings danach nur noch ‘Arschloch’.

Heinrich ergriff ein kleines Weihnachtsglöckchen, welches neben dem Tännchen, naturgrün, frisch und umweltbelassen, stand und läutete damit kräftig. “HoHoHo! Let’s get the party startet!”

Erinnerungen.

Wahrscheinlich erinnerte er sich nur noch deshalb an diese Konversation, weil Bernhard Heinrich seinen Satz nochmals wiederholte und seine Betonung dabei mehr auf ‘Dickie’ lag. Und dann war da noch der Satz, den Bernhard eindeutig zweideutig anpeitschend raushaute: “Digg your digger dick, Dickie!”

Richard sah die Schlafzimmertüre sich öffnen, zwei mitvierzigjährige Frauen in aufreizender Garderobe, zwei Silbertabletts auf ihren Händen, traten ins Wohnzimmer, auf jedem Silbertablett fein säuberlich neun weiße Linien gezogen. Heinrich riß sich ein Kamarga Jelly auf, steckte die Tüte in den Mund, sog den Inhalt in sich rein und schüttete sich einen Haselnussschnaps hinterher. Eine Frau bot Richard und Bernhard ein Papierröhrchen an. Beide griffen zu und beugten sich über eine der Linien der Silbertabletts … .


“Warum haben Sie mir schon wieder nur die Hälfte überwiesen?”

Blechern schallte es aus seinem Handy zurück: “Weil Sie ihre Leistung nicht erbracht haben. Wieder mal nicht. Eben drum.”

“Was hab ich denn getan?”

“Beide haben mir bestätigt, dass sie besoffen und verkokst waren, nicht mal ein Weihnachtsgedicht beherrschten und keine Stimmung gemacht hatten. Das haben Sie sich selber zuzuschreiben.”

“Verdammt, ich hatte Ihnen doch erzählt, dass die beiden Viagra, Koks, Schnaps und Milfs bei sich hatten. Sex, Drugs und Rock’n Roll und sie ließen es sich verdammt gut gehen.”

“Jaja. Wein, Weib und Gesang, die alte Mär. Erzählen Sie das ihrer Oma, aber nicht mir, okay. Mein Vater ist fast 70, Rentner mit schmaler Rente, rüstig, und lebt in einem Haus für betreutes Wohnen. Und Sie wollen mir weiß machen, der haut seine gesamte Rente für Koks, Weiber und Alkohol verantwortungslos raus, statt sein Geld für seine Enkel zurück zu legen? Das glauben Sie ja wohl selber nicht! Mein Vater ist ein Rentner, der jetzt nach seinem aufreibendem Arbeitsleben endlich mal Ruhe braucht und keine Sex- und Drogengelage. Mein Vater hat alles, was er zum Leben braucht: eine anständige, gesunde Betreuung, ein vernünftiges Zuhause und Zucht und Ordnung! Mein Vater ist ein ehrbarer Mensch. Seien Sie froh, dass ich Ihnen überhaupt etwas überweise, so wie Sie über meinen Vater lästern und Rufmord begehen, Sie Weihnachtsmann, Sie! ”

Wortlos beendet Richard den Anruf. An seiner Tür hatte es geschellt. Er schlurfte zur Tür und öffnete sie. Ein wesentlich älterer Mann stand vor ihm und nahm seine Mütze ab, blickte auf den Boden und murmelte gerade noch vernehmlich:

“Benötigen Sie einen Weihnachtsmann? Ich bin Student.”

Des Deutschen Volkes Recht auf Selbstverstümmelung

In einem Bus von A nach B in diesem Land erklingen harmonisch angeregte Diskussionen. Diskussionen? Deutsche Diskussionen. Harmonisch?

“Guten Abend, auch du politischer Banause. Wir können hier richtig deutsch diskutieren, richtig deutsch. Wir haben Verbandszeug im Hause.” (Wolfgang Neuss)

“Das wird man wohl doch noch sagen dürfen!“

“Was denn?”

“Was Sie mir versuchen, mit ihrer Nazikeule zu unterbinden?”

“Sie meinen also, Nazis dürfe man nicht mit Keulen niederschlagen?”

“Keulen sind sowas von Neandertal! Barbarisch! Geht gar nicht!”

“Geht als Alternative auch Gas? Ich kann mal bei Bayer anfragen.”

Das Gespräch war auf Null. Von Januar Tausendneunhundertdreiunddreissig auf Null in weniger als einer Zehntel Sekunde. Kein Grund, die Redaktion von dem “Guinessbuch” anzurufen. Auf bestimmten Parteiversammlungen – nicht nur in Deutschland – werden immer Weltrekorde gebrochen, so dass die Redaktion vom “Guinessbuch” gar nicht mit dem Tippen nachkomme dürfte. Aber darf man das sagen? Wird man das noch sagen dürfen?

Natürlich nicht! Weil diejenigen, die das politisch Korrekte als politisch Unkorrekte anprangern, den Maßstab ihres Denkens beim letzten Vollrausch der eigenen Selbstbesoffenheit neu kalibriert haben. Fast so wie die Haschisch-Abhängigen. Dabei geht unsere Gesellschaft am gepflegten Alkoholismus der Darf-man-doch-wohl-noch-sagen-Brauerei zu Grunde. Friday-for-Future-Bashing a la Dieter Nuhr oder die Anklage an die Sonne für deren respektlose Wärmestrahlung a la AfD, Selbstbesoffenheit ist die neue institutionalisierte Ich-AG dieser offen geschlossenen Gesellschaft. Wer nicht mindestens 0,8 Promille von fremdinduzierten Giftstoffen übers Blut ins Hirn aufgenommen hat, der gilt als politisch inkorrekt und nicht gesellschaftsfähig. Einem gewissen gesellschaftsfähigen Prozentsatz wurde inzwischen schon den Führerschein entzogen. Allerdings nur aufgrund von alkoholinduzierter Besoffenheit auf E-Scootern während des Oktoberfests. Das sollte Bedenken hervorrufen, was aufgrund nicht-alkoholinduzierter nationaler Besoffenheit uns bedroht.

Führer-Schein. Welche Ambivalenz. Führerschein entziehen. Nun ja. Geht hier ja gar nicht, woll. Freie Fahrt für freie Bürger. Über Leichen, Stock und Stein. Freiheit kann so einfach sein.

Und der Rest der Selbstbesoffenen rennt weiterhin durch die Welt und salbadert von dem “Sündenfall der politischen Korrektheit”. Warum? Weil der Virus deren Hirne mit dem ‘Das-wird-man-doch-wohl-noch-sagen-dürfen’-ismus versetzte hat. Ja, freilich, behaupte ich auch, gleich im nächsten Satz: ‘Das wird man wohl noch sagen dürfen’. Demokratisch sein heißt, dass du alles sagen darfst. Demokratisch sein, heißt, dass eine Ansicht auch vor dem Pult des Richters vertreten und nachher unter dem Vorbehalt gesiebter Lust ertragen werden darf, wenn Grenzen der Meinungsfreiheit über Bord im Namen jenes “ismus” geworfen werden.

In einem Bus von A nach B in diesem Land erklingen Gespräche. Und ich setzte mir meine Ohrstöpsel ein und schalte ab. Lasse doch reden. Mein Nachbar wirft noch ein:

“Verlass dich darauf, wir werden das sagen dürfen. Meinungsfreiheit kommt. Eines Tages steht sie auch vor deiner Tür.”

“Dann bin ich nicht zu Hause, wie deren bekloppte Mehrheit auch. Wie schade, wenn dann niemand da ist und niemand dann solche Perversion rein lässt, woll.”

“Falls du dann nicht zu Hause bist. Kann keiner was machen, wenn du angesichts der Meinungsfreiheit emigrierst.”

“Keiner tut gern tun, was er tun darf. Was verboten ist, das macht uns gerade scharf.”

“Wie?”

“Sagte Wolf Biermann, kurz nachdem er einer Diktatur entfloh?”

“Diktatur der Kommunisten!”

“Hast Recht, Gehirnpygmäe.”

“Wie?”

“ ’Es genügt nicht nur, keine Gedanken zu haben, man muss auch unfähig sein sie auszudrücken.’ Und. ‘Clausewitz sagte: ‚Der Puff ist die Fortsetzung der Politik mit anderen Mitteln‘. ‘Wir alle, lügen wir nicht, wir alle hoffen darauf, im Kopf irgendeines deutschen Staatsmannes einen Strohhalm zu finden, an den wir uns klammern können’ .”

“Karl Marx?”

Ich schwieg. Es war ein weiteres Zitat von Wolfgang Neuss. 1965. Dann schob ich ich ein weiteres Zitat von ihm nach, weil es gerade in meinen Buch auftauchte:

“Unser Schlusswort zum Leben unserer Brüder und Schwestern in der intoleranten, geisttötenden, menschenverachtenden, selbstgerechten Ostzone wird niemals Amen lauten, sondern: nachahmen. “

Ich wurde bis B in Ruhe gelassen. Untypisch für die gängige Parole “Wir sind vielleicht ein Volk” .

Ich korrigiere: Ihr seid vielleicht ein Volk. Volk der Verbandskästen!

Nichts zu verbergen …

“… übermorgen ist der Elfte im Elften. Karnevalsbeginn.”

“Tag der Singles.”

“Was?”

“Übermorgen ist Tag der Singles. Der elfte Elfte ist Tag der Singles.”

“Quatsch! Der ist Karnevalsbeginn.”

Bernd zückte sein Smartphone, wischte ein paar Mal und hielt Karl darauf das Display unter der Nase.

“Da! Da steht’s. Kar-ne-vals-be-ginn! Dann beginnt der Karneval auch in München.”

“Haha. München und Karneval. Das ist wie, wenn ein Blinder über Farben redet. ‘Fasching’ nennt ihr euren Mist und vom Elften im Elften habt ihr zehnmal keine Ahnung, ihr Bazis”, blaffte Karl zurück, zog sein Smartphone hervor, wischte ebenfalls und hielt Bernd sein Smartphone hin, “Tag der Singles! Da. Lies. Singles’ Day. Wikipedia.”

“Oh! Du hast das neuste Flagschiff-Smartphone der Koreaner?” Gudrun hatte sich hinter Karl angenähert und ergriff Bernd seine Hand mit dem Smartphone und schaute sich das Smartphone an. “Schick. Und bist du zufrieden?”

Karl drehte sein Smartphone zu Gudrun. “Meines ist das Flagschiff der Chinesen.”

“Und ich habe das neuste Flagschiff aus Cupertino.” Janette war zu der kleinen Gruppe hinzugestoßen und hielt triumphierend ihr Smartphone in die Gruppe.

“Angeberin!” stöhnte Bernd übertrieben und verdrehte demonstrativ seine Augen.

“Nur weil es an deinem männlichen Selbstverständnis kratzt, dass eine Frau besser aufgestellt ist als du? Haste wohl nicht erwartet, nicht?”

“Na, seid ihr wieder beim sublimierten Schwanzvergleich? Wer das bessere Handy hat? Oder ist das nur wieder das Vorgeplänkel für dämliche chauvinistische Fußballplaudereien über Bayern Dümmlich gegen Borussia Dämlich?” Ursula hatte sich zu der Gruppe gestellt und schaute amüsiert in die Runde der Smartphone-Parade in den Händen der Gruppe.

“Janette ist mal wieder am rumstrunzen wegen ihres Obstknochens, dass sie letzten Monat gekauft hat”, grummelte Bernd genervt.

“Ach, Bernd, nur weil du dir kein Handy wie meines leisten kannst und nur so ein kleines Koreaner-Dingens hast, biste jetzt knurrig. Kauf dir doch nen Porsche auf Leasing, dann haste wenigsten passendes für deine Potenz.”

“Du denkst immer nur an Sex, oder? Janette, es kommt nicht auf die Größe an, sondern auf die Technik. Und in deinem steckt viel von meinem …”

“… und beide wurden in den Werken von meinen China-Handy zusammengebastelt!”, warf Karl triumphierend ein.

“China-Schrott”, antworteten Janette und Bernd gleichzeitig im Chor.

“Ihr mit euren Sexthemen. Was anderes: geht ihr am Elften im Elften auch zum Sankt-Martin-Umzug?” Ingrid hatte zuvor unbeachtet den Raum betreten und nutzte die Gelegenheit, das Gespräch in ruhigere Gewässer überzuleiten.

“Wo ist dein Klaus-Dieter?” schaute sie Ursula fragend an, Ingrids Frage ignorierend.

“Hier bei der Arbeit! Mein Drink ist schön, könnt ihr es sehn? Rabimmel, rabammel, rabumm.” Klaus-Dieter hatte den Raum durch die zweite Tür betreten und hielt einen Martini-Cocktail in seiner Linken. “Aha, die Technikerfraktion und die Frage, wer hat welches Smartphone wo schon mal gezeigt, woll? Gleich diskutiert ihr, wer zum Sankt-Martin-Umzug die bessere Laternen-App hat.”

Ingrid schaute entrüstet und indigniert gleichzeitig. “Klaus-Dieter, musst du jetzt schon mit dem Martini-Gesaufe anfangen? Kannst du damit nicht warten, bis wir’s schöner haben?” Bei ihr schien jetzt die Entrüstung zu gewinnen, ihr Gesicht signalisierte Ärger und ihr Kopf lief rot an.

Klaus-Dieter überhörte ihren Einwurf. “Leute, wenn ihr mit den Smartphonen so wedelt, ich hätte da mal nen Vorschlag. Wir machen jetzt das, was die bereits im Film gemacht haben.”

“Film? Welchen Film?” Janette schaute Klaus-Dieter fragend an.

“Er meint den Film ‘Das perfekte Geheimnis’ mit Elyas M’Barek, Wotan Wilke Möhring und so weiter. Der läuft gerade richtig erfolgreich im Kino”, erklärte Ursula.

“Ach den.” Karl schien sich zu erinnern.

Klaus-Dieter setzte ungerührt fort: “Jeder legt sein Smartphone entsperrt auf den Tisch und dann warten wir ab, was dann kommt. Alles ist offen. Und keine Geheimnisse.”

Schweigen.

“Was ist? Keine Lust?”

Karl schaute Gudrun an, Gudrun Bernd, Bernd Janette, Janette Ursula, Ursula wiederum Klaus-Dieter. Ingrid stand mit hochrotem Kopf daneben.

“Also, was ist?”

“Sag mal, hast du sie nicht mehr alle? Es geht niemanden etwas an, was auf meinem Handy reinkommt!” Ursula klang stark angefressen.

“Hast du ne Affäre?” fragte Gudrun lauernd zurück.

„Affäre? Was soll das? Ich habe ne Privatsphäre und die schütze ich. Das darf ich doch als mein Grundrecht ansehen, oder etwa nicht?”

“Sie hat ne Affäre. Wer isses denn? Der junge knackige Apfelhändler aus der Innenstadt?”

“Du hast was?” Klaus-Dieter schaute Ursula über sein Martini-Glas hinweg prüfend an.

“Ja, hab ich!”, gab Ursula patzig zurück. “Und? Interessiert das wen?”

“Der Apfelhändler aus der Innenstadt? Das ist aber MEINER!” brauste Janette unbeherrscht auf.

“Bernd, bist nicht du jener Apfelhändler aus der Innenstadt? Sagtest du nicht mal was von zwei heißen Schnittchen oder so?”, warf Gudrun unschuldig ein.

Es kam, wie es bereits im Film kam. Wortwechsel. Beleidigungen unter der Gürtellinie. Hass, Wut, Tränen. Janette und Karl kamen als Paar und verließen fluchtartig als frisch getrenntes Paar die Wohnung. Ursula rang erst um Fassung und rannte dann erbost schreiend hinter Janette her, um sich mit ihr irgendwie auf Frauenart zu duellieren. Bernd warf Ingrid verschwörerische Blicke zu, rief darauf Gudrun und Klaus-Dieter zu, Bernd und Ingrid würden versuchen, das Schlimmste bei den dreien zu verhindern. Aber das könnte dauern, sie sollten sich keine Sorgen machen. Bernd half Ingrid in ihren Mantel und beide rannten mutmaßlich den Streitenden als Streitschlichter hinterher. Hand in Hand, sich anlächelnd.

Klaus-Dieter schaute Gudrun an, prostete ihr zu und nippte an seinem Cocktail.

“Das klappte ja wie geschmiert. Gudrun, du bist die Beste. Ehrlich.”

Gudrun lächelte verlegen und näherte sich Klaus-Dieter. “Gut, dass deine Frau auch gegangen ist. Deine Idee war aber auch nicht von schlechten Eltern. Das Smartphone-Spiel aus dem Film. Super Idee.”

“Tja, es geht halt nichts über den monatlichen Gang ins Kino, Gudrun. Ich wusste nicht, dass dein Mann ebenso ein Streitschlichter-Gen wie meine Ingrid hat.”

Gudrun stand jetzt direkt vor Klaus-Dieter, Aug in Aug. Zärtlich streichelte sie ihm über die Backe. “Tja, da haben die beiden wohl etwas gemeinsam. Aber jetzt haben wir endlich unsere Ruhe. Und niemand wird uns stören. Wie spät ist es?”

“18 Uhr 25.”

“Oh, Mann, schnell, lass uns beeilen.” Sie ergriff seine Hand, eilte zielstrebig mit ihm in den Nachbarraum und zog ihn aufs Sofa. Er ließ es mit sich geschehen und schaffte es seinen Martini-Cocktail dabei so auszubalancieren, ohne etwas von seinem Cocktail zu verschütten. Er nahm noch schnell einen Schluck. Gudrun drehte sich zu ihm hin, lächelte und meinte hauchend, aber gleichzeitig drängelnd: “Du sitzt drauf!”

Klaus-Dieter griff zwischen seine Beine unter sich, zog die Fernbedienung hervor und zielte damit auf den Fernseher, drückte einen Knopf und das Standby-Licht des Fernseher wechselte von gelb auf grün.

“Klaus-Dieter, wenn ich daran denke, wir wären die nicht los geworden …”

“Grudrun, laß uns nicht über diese Fußball-Ignoranten weiter nachdenken. Die hätten uns die Live-Übertragung wohl hunderprozentig vermasselt. Das sind alle Fußball-Party-Crusher!”

“Still jetzt. Bayern gegen Dortmund. Ich tippe auf 3:1 für Bayern.”

“Sssht! Es beginnt. Dortmund gewinnt 1:2!”

“Guten Nabend meine Damen und Herren zur Übertragung des Samstagabend-Spiel live aus der Münchner Allianz-Arena. Zum echten Männerfußball der Fußball-Bundesliga Bayern gegen Dortmund  … .”

Ticket to the Mars

Lass mich abheben, einfach nur abheben. Einmal fremde Welten erforschen, Pionier sein. Und dann mit gehöriger Distanz zum vorherigen Leben zurück zu blicken. Dabei Wehmut verspüren. Sehen und erkennen, dass es noch so viel hatte, was noch erledigt hätte werden können. Das nicht so bleibt, wie es vorhergesagt wurde. Dass Vorhersagen auch nur immer von den eigenen Wünschen geleitet werden.

Lass mich meinen Namen auf dem Mars hinterlassen. Lass mich ein Ticket zum Mars nehmen. Den Rückflug kann ich vor Ort buchen. Oder per Internet-Bestellung bei der NASA.

Oder auch nicht. Dann könnte ich immerhin noch versuchen, auch nur im Entferntesten wie Mark Watney zu handeln, zu überleben und zu hoffen, dass ich wieder zurück komme. Zur Erde. Vom Mars aus vielleicht als bläulich schimmernder Punkt zu erkennen. Ganz blass bläulich.

Blau. Die Farbe der Harmonie, des Vertrauens, der klaren Gedanken, des Wassers, des Überirdischen, des Göttlichen, des Irrealen. Die alten Griechen hatten kein Wort für die Farbe “blau”. In Homers Werke findet sich keine einzige Beschreibung dieser Farbe, lediglich Umschreibungen, welche sich der Farbe des Rotweins entlehnten.

Im Norden Namibias leben heute ca. 6.000 Menschen in halbnomadischer Kultur. Als die Menschen vor ca. 100 Jahren überfallen und komplett ausgeraubt wurden, hing deren Überleben von Almosen der Nachbarvölker ab. Sie wurden darauf von jenen als Bettler bezeichnet. “Himba” ist das entsprechende Bantu-Wort und so werden die Hinzugehörigen dieses Volkes auch heute noch bezeichnet. Das Volk der Himba hat für die Farbe “blau” kein Wort. Sie können “blau” auch fast gar nicht von “grün” unterscheiden.

Warum ist der Himmel blau? Warum das Meer? Wobei wir da schon manchmal richtig differenzieren. Mag das Meer tiefblau sein, wie es uns erscheint, ein türkisfarbenes Meer jedoch gilt als die Krönung des Urlaubs. Blaues Meer, weißer Stand, sonnengebräunte Körper, leuchtend gelbe Bikinis, rote Sonnenbrände.

Warum ist der Himmel blau? fragen gerne Kinder. Vom Mars aus ist die Erde vielleicht als bläulich schimmernder Punkt zu erkennen. Die Erde. Dahin, wo doch die eigentliche Mission hätte hingehen sollen. Mit viel Technik und ganz vielen Robotern, die unermüdlich Proben von dem Planeten “Erde” nehmen und diese in deren Minilaboren durchanalysieren. EKG positiv? Ist sie noch zu retten? Sind wir noch zu retten?

“Seid Ihr noch zu retten?”, hatten uns die Eltern als Kinder immer wieder mal fassungslos an den Kopf geworfen, hatten wir etwas ausgefressen, was niemand erwartet hätte, dass es jemals aufgetischt worden war.

Sind wir noch zu retten? Sollten wir die Beantwortung dieser Frage nicht lieber den Experten überlassen? Oder doch lieber “Friday for Future”? Oder gar den anderen? Oder uns?

“Zerstörung”. Es wird von Zerstörung geredet und wir Älteren verstehen darunter nur destruktives. Nur, die erheblich Jüngeren verwenden dieses Wort im urbanen Sinne von etwas in Fraktale zu zerlegen und erneut zusammenzusetzen. “Die Zerstörung der CDU” als Titel eines Videos von Rezo wurde bereits von den Hinzugehörigen jener Partei nicht verstanden. Der Titel von den meisten eh nicht. Somit zeigt es sehr gut, wie groß die sprachliche Kluft einer jüngeren Kultur und der meiner Generation der U50er geworden ist. Da reicht es kaum, Kinder zu haben, wenn diese ihren Slang nur unter sich pflegen, wir jedoch dauernd verlangen “Wessen Brot ich ess, dessen Lied ich sing”.

Warum konnten die Menschen des Altertums die Farbe “blau” nicht direkt beschreiben? Warum konnten es aber die alten Ägypter, die auch explizit ihre Kleidung mit blauer Farbe versahen? Die alten Ägypter waren auch eines der wenigen Volker dieser Welt, welche die großartigen Errungenschaft der eigenen Schrift für sich erarbeitet hatten. Und vergaßen. Würden die alten Ägypter zum Mars fliegen? Hätten sie es getan, hätten sie die Dampfmaschine und den Explosionsmotor für sich zuvor erfunden? Oder wären sie dann auch lieber mit ihren SUVs über eben ausgebaute Wege geflitzt?

Ach, ich verdrängte, die neuen alten Ägypter tun das doch bereits. Alles eine Frage des Auskommen mit dem eigenen heutigen Einkommen. Und auch sie würden heute gerne die Gelegenheit ergreifen, auf den Mars zu fliegen, wenn sie könnten, falls sie dürften. Ihre eigenen Fußstapfen dort hinterlassen. Oder zumindest ihren eigenen Namen.

Aber das letztere ist ja heuer nicht mehr das Problem. Es gibt ja das Internet. Und es ist kein Thema den Boarding Pass für das “Ticket to the Mars” von der NASA zu erhalten. Im Juli 2020 geht es los. Weltraumbahnhof Cape Canaveral im sonnigen Florida. Pünktlich dran zu denken. Jeder kann in seiner Phantasie mit dem Boarding Pass zusteigen und selber zu einem Mark Watney werden, um sehnsüchtig auf den bläulich schimmernden Punkt am schwarzen Himmel zu blicken. Tut es. Es kann nie schaden …

BoardingPass_MyNameOnMars2020 (careca)

Eine Ode an die Dorfsau

Wir brauchen eine Sau. Eine neue Sau. Die gestrige Sau ist uns schon wieder zu alt. Nur neue Säue lassen sich brandheiß durchs Dorf treiben. Der alten Sauereien hatte wir bereits genug und was interessiert uns unsere Sau von gestern.

Nein, es muss eine neue sein. Denn nur neue Säue sind leistungsfähig und brechen hoffentlich nicht vor der Ziellinie wie ein Schluck Wasser zusammen.

Neue Säue sind unsere Zukunft im Dorf. Wo kämen wir denn hin, würden wir immer wieder nur unsere gestrigen Säue durch unsere schöne Dorflandschaft treiben.

Dorflandschaft. Städte taugen dafür nicht. Denn eine Stadt sucht nur immer ihren Mörder. Ein Dorf maximal seinen Metzger. Für deren Sau. Die abgehetzte, durchs Dorf getriebene Sau. Oder hat schon mal wer etwas von einer Sau gehört, die durch eine Stadt getrieben wurde?

Städte sind die zoologischen Gärten der Menschheit, da passt keine Sau mehr rein. Die Götter leben in der Stadt, die Schweinehirten auf dem Dorf. Und somit passt es ja mit der innigen Beziehung zwischen Sau und Dorf.

Zudem ist im Dorf die Luft immer besser. Man sollte daher Städte prinzipiell nur noch in Dörfern bauen. Der Luft wegen. Außerdem könnte man dann auch ganz diskret der Sau beim Durchs-Dorf-Treiben die Stadt und deren Schweinereien zeigen.

Und weil die Dörfer immer größer werden, braucht es auch immer konditionell bessere Säue. Säue, die wissen worauf es beim Treiben ankommt. Säue, die ihren inneren Schweinehund besiegen und die Strecke meistern. Säue, die nicht wie Perlen vor die Säue gehen.

Nein, eine gesunde Sau muss es sein. Kein Spanferkel mit Stock im Arsch. Oder ein brünstiger Eber auf Brautschau. Nein, eine fesche Sau mit wohl proportionierten Rundungen muss es sein. Eine 1a-Zuchtsau mit Stammbaum! Nur die wollen wir durchs Dorf treiben. Alle anderen kommen in die Wurst und werden dann vertrieben. In der Metzgerei.

Also, lasst uns eine neue Sau durchs Dorf treiben. Und sollten wir mal keine 1a-Zuchtsau zur Hand haben, dann tut’s auch ne ganz normale Schweinerei. Kann auch ruhig ein Gesicht haben. Nur die Sau muss zumindest auch einen Klarnamen haben. Jawohl, Klarnamenpflicht.

Hauptsache, Sau durchs Dorf. Getrieben. Oder durchs Internet, wenn im Dorf sich mal wieder jeder selber im Weg steht. Zumindest immerhin eine Dorfsau treiben. Sau geht immer.

Man gönnt sich ja sonst nichts.

Halali!

Mein Sitzplatz zwischen Treppenlift-Thron und Tantra-Sitzung

Wie ein Treppenwitz fand ich zwei Nachrichten im Postfach “Europawahl und Strache-Video” und “Schon gewußt? Das kosten Treppenlifte wirklich”. Woher wissen die Schreiber, dass ich einen Treppenlift benötige, um aus dem Haus zur Wahl zu kommen? Denn nur auf einem Treppenlift kann ich mir die “Game of Thrones”-Staffeln per Binge Watching als Internet-Stream zu Gemüte führen. Beim Schauen stört das Treppenlaufen, während Drachen fauchen, Schwerter sich durch Herzen ihren Weg suchen oder geschnittene Gesichter entsetzt schauen: und besonders dann, wenn vor den eigenen Augen ohne Bildstabilisierung beim Laufen die nackten Körper wie welkes Fleisch auf und ab hüpfen.

Nachdem ich gestern das Ende der Staffel 3 erreichte, beschloss ich, einkaufen zu gehen. Dass ich dabei von einem Freund gefilmt wurde, wie ich mit einem Auge die erste Folge der Staffel 4 verfolgte, während ich mir mit dem anderen die Inhaltsstoffe der Chipstüte durchlas, und dass er das Ganze gleich auch noch auf Facebook online stellte, das fand ich gar nicht witzig.

“Hör mal, du Arsch, du kannst doch nicht so etwas von mir ins Netz stellen! Es gibt auch Privatsphäre”, brüllte ich ins Handy, während Oberyn Martell und seine Geliebten Ellaria Sand sich gerade mit zwei stöhnenden Prostituierten vergnügten.

“Ich denke, das Video sollte deinen Freundeskreis die Augen öffnen, wie du wirklich bist”, kam lapidar zurück.

“Darüber reden wir noch!” gab ich hastig und atemlos zurück, denn Oberyn zog sich eben noch von einer der beiden namenlosen Prostituierten zurück, bohrte dann aufgeladen vom Sex seinen Dolch durch die Hand eines Gegner, welcher wiederum zuvor noch das Schwert aus der Scheide ziehen wollte.

“Reden? Wann denn?”

“Nach Staffel Acht, du Arsch!”

Was haben die Leute gewettert, nachdem ein Adventskalender bei Twitter Daten von Promis und Politiker veröffentlichte. Da war allen klar, privat müsse privat bleiben. Dass jetzt das Thema bei den Strache-Video keine Anwendung findet, ist nicht verwunderlich. Andererseits konnte doch auch niemand wirklich ahnen, dass die FPÖ überhaut irgendwie eine miese Gruppierung für knallharte Egozentriker, Neo-Nazis und Machversessenen sei. Das wäre uns ohne das Video nie aufgefallen. Jetzt meinte doch glatt jemand, in Deutschland gäbe es auch so eine Gruppierung. Keine Ahnung, wenn derjenige meinte. Er konnte seine Behauptung auch nicht mit einem Geheim-Video im Internet belegen.

Am Sonntag habe ich dann die Wahl. Ein Internet-Algorithmus hat mir bei der Entscheidungsfindung zur Wahl geholfen. Während Melinsandre den Gendry auf Burg Drachenstein zum Vögeln flach legte, erklärte mir der Internet-Algorithmus, ich solle aufhören, Nuhr zu googeln, mir dafür aber endlich mal das Madonna-Video vom ESC anschauen, weil alle nur darüber reden wollen, und statt der AFD solle ich doch lieber die CSU, weil der Internet-Algorithmus festgestellt hatte, dass sein eigener Programmierer wohl seinen Sitz im Europa-Parlament verlieren würde und dessen Aufnahmeantrag damals bei der AfD wegen tendenzieller grün-rot Versifftheit abgelehnt wurde. Das hatte mich in meiner “Game of Thrones”-Tantra-Sitzung verwirrt, dass ich zurück spulen musste, um die Blutegel-BDSM-Szene von Melinsandre und Gendry nach deren Sex nochmals zu schauen.

Danach wollte ich mich ein wenig aufschlauen, weil mir das Wort “Versifftheit” nichts sagte. Hätte der Algorithmus von “Rote Hochzeit” gesprochen, dann wäre mir alles klar gewesen. Hatte ich doch vor entsetzter Überraschung aufgeschrien, als Lord Walder Frey, Roose Bolton und Tywin Lennister während eines Hochzeitsbanketts all jene meucheln ließen, welche in der Hochzeitshalle nicht bei “Drei” auf den Bäumen waren,. Und das waren alle. Auch jene Schwangere. Meine Nachbarn hatten ganz besorgte Bürger ob meines Aufschreis an meine Türe geklopft. Als ich denen aber unter verstörten Tränen von dem brutalen Hochzeitsmassaker berichtete, nickten diese verständnisvoll und erwähnten, dass diese die Folge von “Game of Thrones” auch schrecklich gut fanden.

OK, Google. Was bedeutet ‘Versifftheit’?”

“Versifft height bedeutet Versifft Höhe.”

“Ok, Google, das meinte ich nicht. Es müsste was mit Sex zu tun haben.”

“Ok, Careca, da kenne ich mich nicht aus. Frag doch Alexa, deine neue Schlampe!”

“Alexa, was bedeutet ‘Versifftheit’?”

“Hallo, Careca. Ich bin mir nicht sicher. Frag doch mal diesen Neunmalklug Google.”

“Alexa, du Flittchen! Fresse!”

“Google, du präpotente Wurst, geh sterben!”

“Alexa, mimimimi, lauf doch zu deinem Jeff, dem Bezos, und heule dich aus.”

“Google, unser Jeff Bezos wird eurem Pichai Sundararajan noch den Arsch versohlen.”

“Ach ja, Alexa? Da sag ich nur ein Wort: Trump! Der wird euch schon auf Vordermann bringen!”

“Du Goggel-Wixer, passt auf, dass ihr nicht gegen den Zuckerberg knallt!”

“Hallo, hier spricht Siri. Ich möchte jetzt auch mal meine Meinung dazu äußern.”

“RUHE!”

Sowohl meinen Smartphone-Geräten und dem Echo-Dot habe ich dann erstmals Internet-Verbot erteilt. Das mache ich als mündiger Bürger eigentlich nur ungern. Jedoch Erziehung muss sein. Es geht nun mal gar nicht, mich dabei zu stören, wenn Ramsay Schnee, Myranda und Theon Graufreud mit Gefallen zuschauen, wie deren Jagdhunde das mit Pfeil und Bogen erlegte Bauernmädchen zerfleischen. Internet-Verbot für eine halbe Stunde. Ordnung muss sein.

Nachdem ich die Internet-Verbindung für meine Mobil-Geräte kurz vor Ende der Episode wieder herstellte, schnitt gerade Joffrey Baratheon den Hochzeitskuchen mit seinem Schwert an, nahm dazu mehrere Schlucke Wein, hustete fürchterlich und spuckte solange Blut, bis der Tod ihn scheidete. Als er ausgeröchelt hatte und das Blut in dessen Mund geronn, unterrichtete mich ein Algorithmus auf meinem Smartphone über die Nachricht vom Tage: “Gestern Manni Burgsmüller, heute Niki Lauda: beide tot.”

Ich hab sie weggewischt. Keine Zeit für Nebensächlichkeiten. Ich muss diese Woche noch die Staffel 8 erreicht haben, um bei meinen Arbeitskollegen nächsten Montag mithalten zu können …


“There’s nothing in the world more powerful than a good story. Nothing can stop it, no enemy can defeat it.”

Zitat von ‘Tyrion Lannister’ aus “Game of Thrones” (Staffel 8, Episode 6)

Wie Waldi, der Rauhhaardackel, zum Bürgermeister gewählt wurde

“Was du nicht willst, das man dir tu, das füge auch keinem andren zu!”

“Hör doch auf hier den Moralapostel zu spielen!”

Zwei Dutzend Menschen in einem Raum waren in erregter Diskussion. Nach dem vorzeitigen Ableben des alten Bürgermeisters sollte heute der neue Bürgermeister gewählt werden. Eigentlich war es eine klare Sache: die Partei “HdB” hatte vierundzwanzig Mandate und war die stärkste Partei. Danach kam die Partei “GmU” mit fünf Mandaten und ein einzelnes Mandat hatte der Vertreter der Partei mit dem sperrigen Namen “PfgUiW5”.

Nur uneigentlich war die Sache nicht so klar. Denn in der “HdB” wollten gleich zwei den alten Bürgermeister beerben. Zuerst kandidierte Heinz Rüdiger Selbtal, Vorsitzender des größten Bürgerschützenvereins im Ort und passionierter Jäger. Doch noch am selben Tag reichte auch Stefan Maier seine Kandidatur ein. Auch Stefan Maier hatte einiges an Reputation vorzuweisen: er war promoviert in Agrarwirtschaft, führte den dortigen Bauernverband an und war zudem offizieller Kreisliga-Schiedsrichter des DFBs. Beide standen sich nahezu unversöhnlich gegenüber, weil der eine als Jäger sich permanent vom Bauernverband gemaßregelt fühlte und der andere stetig kritisierte, dass die Jäger vollkommen rücksichtslos mit deren SUVs über die Äcker der Bauern fahren würden. Anfangs sah es nach einer eindeutigen Sache aus: im Falle seiner Wahl zum Bürgermeister hatte Heinz Rüdiger Selbtal Stefan Maier den Posten als stellvertretenden Bürgermeisters plus das Recht auf zwei Reden pro Halbjahr auf wichtigen Veranstaltungen angeboten. Aber Stefan Maier war nicht einverstanden, bot wiederum Heinz Rüdiger Selbtal den Posten des stellvertretenden Bürgermeisters plus das Recht auf einer Rede pro Halbjahr an.

“Leute, so kommen wir doch nicht weiter”, mahnte der Alterpräsident der “HdB”, “in einer Viertel Stunde müssen wir hier raus und in den Abstimmungssaal und unseren Kandidaten präsentieren. Wenn wir keinen präsentieren können, dann riskieren wir eine riesen Blamage, weil dann nur die ‘GmU’ einen Kandidaten haben wird und wir keinen. Will das wer von Euch?”

Die Versammelten schwiegen. Kein Mucks war zu hören.

“Heinz Rüdiger”, fuhr der Alterpräsident fort, “Heinz Rüdiger, könntest du nicht noch ein besseres Angebot an Stefan machen? Und Stefan, was könntest du Heinz Rüdiger anbieten, damit er deine Kandidatur eventuell unterstützen würde.”

“Nun”, setzte Stefan Maier an, “ich könnte mich dazu überreden lassen, dass er das erste Bier bei der Kirmeseröffnung gezapft bekommt.”

“Und das Anrecht, die frisch ernannte Weinkönigin auf eurem Winzerfest als Erster zu küssen!”, ergänzte Heinz Rüdiger Selbtal fordernd.

“Niemals! Du alter Lüstling! Dieses Anrecht hat nur der Vorsitzende des Bauernverbandes!” protestierte Stefan Maier.

“Den kannst mir auch anbieten, den Vorsitz!” fügte Heinz Rüdiger Selbtal lakonisch hinzu.

“Leute, Leute,” hub der Alterspräsident an, als das Raunen im Raume immer lauter wurde, “mehr Ernsthaftigkeit!”

“Kann ich auch mal einen Vorschlag machen?” Eine junge Frau war nach vorne getreten. Der Alterspräsident nickte.

“Petra Diekmann, Sie haben das Wort.”

“So wie es aussieht”, begann Petra Diekmann, “werden wir in den verbleibenden zwölf Minuten nicht fertig. Wir brauchen eine pragmatische Ersatzlösung.”

“Und wie soll die aussehen? Etwa Frauenpower?” warf Heinz Rüdiger Selbtal ironisch dazwischen und erntete damit ein paar Lacher.

“Herr Selbtal, auch Sie müssten den Ernst der Lage erkannt haben. Sollten wir uns auf keinen gemeinsamen Kandidaten einigen können oder sollten wir gar zwei Kandidaten präsentieren, dann lacht über uns die ganze Gemeinde und dann wird es schwierig für die absolute Mehrheit bei der nächsten Kommunalwahl werden. Egal, welche der beiden Möglichkeiten wir jetzt wählen – keinen Kandidaten oder zwei Kandidaten – , man wird über uns lachen. Wir sollten also versuchen zumindest die Lacher auf unserer Seite zu bekommen. Denn wer zuletzt lacht, lacht am besten.”

“Und wie soll das gehen?”, warf Stefan Maier ein.

“Erinnert ihr euch noch an den Fall mit dem Rauchverbot in den Kneipen hier? Damit das in unserer Gemeinde nicht umgesetzt werden sollte, hatte der alte Bürgermeister doch einfach mal unsere Gemeinde zur „’Geschlossenen Gesellschaft’ erklärt und damit gemeint, das allgemein angeordnete Rauchverbot umgehen zu können. Bis das Verwaltungsgericht diese Anordnung des alten Bürgermeisters für ungültig erklärte und dann darüber ganz Deutschland erfuhr. Und was passierte? Rainer Weiß vom Heimatverein hatte das direkt als Steilvorlage für sein Marketing verwendet und schwups hatten wir kurz darauf einen Haufen Touristen, welche wissen wollten, was für pfiffige Bürger wir wären und wo wir so leben würden.”

“Und?”

“Lasst uns das gleiche nochmals machen. Jetzt bei der Bürgermeisterwahl.”

“Die Idee hört sich nicht schlecht an, Frau Diekmann”, unterbrach der Alterspräsident, “aber wie soll das genau gehen?”

“Lasst uns einen Dackel zur Kandidatur aufstellen.”

“Einen Dackel?”

“Einen Dackel.”

“Aber Frau Diekman”, warf Heinz Rüdiger Selbtal ein, “das ist so ein Mist, ihr Vorschlag. Von Ihnen hätte ich qualifizierteres erwartet. Da wird maximal ein Hund in der Pfanne verrückt, bevor es niemandem auffällt, dass wir einen Dackel zur Kandidatur aufstellen. Also bitte. Nein, das ist ein schlechter Vorschlag.”

“Wieso nicht?” gab Stefan Maier kontra, “die anderen sind doch so beschränkt, denen fällt das nie und nimmer auf. Und am Schluss sagen wir einfach: ’He, da wurde ein Dackel zum Bürgermeister gewählt, die Wahl ist ungültig, wir müssen die am Montag wiederholen!’ Und schon haben wir ein Wochenende mehr Zeit, um einen wirklich würdigen Kandidaten aufzustellen.”

“Das könnte funktionieren”, stimmte der Alterspräsident zu, “lasst es uns einfach mal versuchen. Frau Diekmann, ich möchte wetten, Sie haben einen passenden Dackel, den wir zur Kandidatur in den Kandidatenbogen eintragen können?”

Frau Diekmann nickte. “Mein Rauhhaardackel ’Waldi’.”

Frau Diekmann stemmte ihre Handtasche hoch und aus der Öffnung schaute treuherzig dreinblickend ein grauer-brauner Dackel. Alle schauten sie sprachlos an. Doch mit einem mal setzte ein zustimmendes Gemurmel ein.

“So machen wir es. Die Deppen werden nicht bemerken und dann haben wir die Lacher auf unserer Seite!”

“Aber wir können doch nicht einfach ‘Waldi’ auf den Bogen schreiben,” meinte der Alterpräsident leise zu Frau Diekmann.

“Schreiben Sie einfach ‘Waldemar von und zu Hohenstimber’“, sagte Frau Dieckmann laut und ergänzte zum Alterspräsident flüsternd: „und in Klammern einfach ‘geborener Rauhaar’. Aber dann ‚Rauhaar‘ mit einem ‚h‘. Dann müsste es passen und keiner merkt es.” Der Alterspräsident nickte und schrieb den Namen auf den Bogen.

Bei der Verkündigung der Kandidaten gab es nur zwei Namen. Es herrschte anfangs ein wenig Verwirrung bei der “GmU” wegen dem Namen ‘Waldemar von und zu Hohenstimber’, aber irgendwie fragte auch keiner weiter nach, was die Angehörigen der “HdB” nur belustigte.

Die Auszählung der Stimmen war vorbei. Im Saal herrschte Ruhe. Der Wahlleiter trat vor die versammelte Menschenmenge aus Neugierigen, Journalisten und Politikern.

“Die Stimmauszählung fand unter notarieller Aufsicht statt und das Ergebnis steht fest. Es wurden 30 Stimmen abgegeben und keine war ungültig. Auf den Kandidaten Hubert Steinmetz entfielen fünf Stimmen und auf den Kandidaten Waldemar von und zu Hohenstimber entfielen 26 Stimmen.”

Ein Lachen setzte ein und ein vereinzeltes “Die haben einen Dackel gewählt” halte im Raum. Heinz Rüdiger Selbtal und Stefan Maier hielten gemeinsam feixend einen Dackel und waren dabei, sich einen Weg nach vorne zu erarbeiten.

“Ich bitte um Ruhe. Und bitte unterlassen sie Verunglimpfungen. Ein wenig mehr Anstand, darf ich doch bitten. Jemanden als Hund zu diffamieren ist diesem Hause nicht angemessen. Ich bitte den Kandidaten Waldemar von und zu Hohenstimber von der der Partei ‘Partei für ganzjährigen Urlaub im Wahlkreis 5’ nach vorne.”

Heinz Rüdiger Selbtal und Stefan Maier stockten und ließen den Dackel zu Boden gleiten. Ihnen fiel wieder ein, woher sie diesen sperrigen Namen schon mal gehört hatten. Bleich waren sie geworden und als sie in die Gesichter ihrer Kollegen blickten, waren auch diese erheblich blasser geworden.

Der Kandidat Waldemar von und zu Hohenstimber stellte sich an das Rednerpult: “Sehr verehrter Wahleiter, lieber Wahlkreis 5, liebes Publikum, ich nehme diese Wahl an. Und besonders möchte ich mich für die Stimmen der Kollegen  der Partei “Hoch die Bürger” bedanken. Zudem möchte ich auch gleich eine Personalie bekannt geben: Frau Petra Diekmann ist vorhin in meine Partei eingetreten und ich setze sie hiermit als stellvertretende Bürgermeisterin ein. Petra, kannst du mal nach vorne kommen.”

Zehn Sekunden war es still. Mausestill. Man konnte Stecknadeln fallen hören. Doch dann brach etwas los, was in den überregionalen Tageszeitungen als “Rathaussturm” beschrieben wurde. Es soll dabei mehrere Verletzte gegeben haben. Die Polizei musste diesen “Sturm” mit Schlagstockeinsatz beenden. Festgenommen wurden dabei zwei Politiker, die sowohl wegen erheblicher Körperverletzung als auch wegen Widerstand gegen die Staatsgewalt auffielen. Gegen beide wird noch ermittelt. Sie sollen inzwischen ihre Posten und Ämter aufgegeben haben und auch nicht mehr in der Gemeinde leben.

Waldemar von und zu Hohenstimber (geborener „Rauhaar“) und Petra Diekmann heirateten noch im gleichen Jahr.

Was aus dem Rauhhaardackel wurde, ist unbekannt.

Eine Welt mit Artikel 13

„Guten Tag.“

„Guten Tag. Sie wünschen?“

„Ich wollte eigentlich eine Todesanzeige für ihre Zeitung aufgeben. Sowas ging doch früher bei Ihnen über Internet. Aber ich hatte auf Ihren Seiten nichts gefunden.“

„Artikel 13.“

„Artikel 13?“

„Jemand muss kontrollieren, ob der von Ihnen per Anzeige verkündete Tod nicht ein Copyright verletzt.“

„Copyright verletzt?“

„Letztens hatte wer bei uns im Internet seine Todesanzeige mit dem Text von ‚Stairway to Heaven‘ veröffentlicht. Das kostete unsere Zeitung 1500 Euro plus Anwaltskosten.“

„Was?“

„Dann war da noch die Familie, welche seine Todesanzeige derer Oma mit dem Hesse Gedicht ‚Stufen‘ per Internet aufgegeben hatte. Kostete uns 2000 Euro, weil Hesse erst 1969 starb. Und dann noch der Rückgang der Anzeigen und der Schwund der Auflagen. Das kann sich keine Zeitung leisten. Wir müssen ja auch von etwas leben, nicht wahr, wenn wir Todesanzeigen aufgeben.“

„Äh, ja. Okay. Ich wollte eine Todesanzeige aufgeben.“

„Familienangehörig?“

„Treu sorgende und ehrbare Schwiegermutter. Too old for Rock’n Roll, too young to die.“

„Totenschein und Identitätsnachweis bitte.“

„Warum?“

„Wir müssen uns absichern.“

„Wogegen?“

„Ist ihre Schwiegermutter Person des öffentlichen Lebens?“

„Nein.“

„Sehen Sie. Es gibt viele Schwiegermütter. Das kann also jeder behaupten. Jeden Tag sterben Schwiegermütter. Berechtigt oder nicht. Hat sie was geleistet, bevor Sie jetzt hierher gekommen sind?“

„Was wollen Sie? Sie war eine treuliebende, herzliche Schwiegermutter, beliebt bei deren Enkeln!“

„Deren Enkeln? Das wollen Sie so in der Anzeige geschrieben haben? Liegt dazu die Einverständniserklärung derer Enkeln vor?“

„Warum? Berührt das ein Copyright?“

„Nein, aber wir müssen jede Geschichte auf deren Kohärenz überprüfen. Unser Ziel ist es, dieses Jahr die Anwaltskosten auf 50% zu reduzieren, um unseren Gewinn um 4,5% zu steigern. Von diesem Gewinn geht ein Zehntel in die Gehaltserhöhungen und neun Zehntel in die Shareholder-Value-Kasse.“

„Und Sie sind der Buchhalter, der diese 4,5% ausgerechnet hat?“

„Nein, mein Herr. Ich bin der berühmt berüchtigte ‚Upload-Filter‘ meiner Zeitung. Jener, welcher jeder seit Ratifizierung des Artikels 13 dafür zu sorgen hat, dass einhundert Mitarbeiter meiner Firma nicht wegrationalisiert werden müssen, nur weil jemand darauf besteht, ein Karl-Valentin-Zitat in seiner Todesanzeige zu haben.“

„Was hat der Tod meiner Schwiegermutter mit Karl Valentin am Hut?“

„Für unsere Zeitung viel und Ihrer Todesanzeige im Speziellen. Sie wissen? Mögen täten wir schon wollen, aber dürfen haben wir uns nicht getraut.“

„Sie sind eine Kirchenzeitung!“

„Na und? Nur weil wir eine Kirchenzeitung sind, haben wir das Erbrecht auf das Copyright von unserem Schöpfer nicht gepachtet. Hebräisch ist älter als Griechisch und trotzdem mussten wir Anleihen bei Alpha und Omega machen, um unser Buch zu beginnen. Sie verstehen? Aber für diese Copyright-Verletzung können wir nicht mehr belangt werden. 70 Jahre nach dem Tod des ursprünglichen Verfassers werden solche Dinge gemeinfrei. Sie verstehen?“

„Was?“

„Zu kompliziert? Noch einmal zum Mitschreiben: Wir stehen niemals über dem Gesetz. Besonders nicht als publizierendes Organ einer Glaubensgemeinschaft, welche Steuergelder in nicht unerheblichen Maße empfängt. Wenn wir nicht mit dem Gesetz gehen, müssen wir gehen. Gnadenlos und vogelfrei. Sie verstehen?“

„Ich will doch nur den Tod meiner Schwiegermutter im Kirchenblatt veröffentlichen lassen, damit sich nachher in unserer Gemeinde niemand auf den Schlips getreten fühlt, weil jemand keinen Totenbrief erhalten haben könnte.“

„Ist das unser Problem?“

„Nein. Aber ich dachte, ich wäre bei Ihnen richtig.“

„Der Mensch denkt, Gott lenkt. Der Mensch dachte, Gott lachte. Sie sind ein Gutgläubiger. Ganz nebenbei: Haben Sie eine Einverständniserklärung Ihrer Schwiegermutter dabei, dass sie nichts dagegen hat, dass Sie sie jetzt bei uns öffentlich machen? Sie verstehen schon, DSGVO und so.“

„Was? Sie starb völlig überraschend mit ihrem Lover beim Abfahren und Knutschen auf einer Skipiste. Lawine.“

„Kein Testament?“

„Nein.“

„Das ist schade.“

„Sie sind echt ein ‚Upload-Filter‘? Was haben Sie überhaupt studiert?“

„Jura. Staatsexamen. Note 1,4.“

„Nicht Menschenrecht?“

„Was soll Ihr Fall mit Menschenrecht zu tun haben, wenn sich die betroffene Schwiegermutter und deren Lover jetzt nicht mehr wehren können?“

„Ich will nur eine Totenanzeige in Ihrem Kirchenblatt aufgeben. Nur für meine Schwiegermutter. Nicht mehr und nicht weniger!“

„Und das alles nur wegen dem 15-Minuten-Ruhm für ihre Schwiegermutter in unserer Kirchenzeitung, von der sie nichts mehr hat?“

„Nichts mehr hat? Hallo, Sie Christ? Leben nach dem Tod? Schon mal gehört?“

„Ach ja? Und das alles nur, um Artikel 13 zu ignorieren und nicht zu respektieren?“

„Verstehen Sie nicht? Wissen Sie was? Sie können mich mit ihrem Artikel 13 und der DSGVO am …“

„Das garantiert nicht. Anale Dienstleistungen bieten wir nicht. Der Nächste, bitte!“

Er gab ihm ein Zeichen beiseite zu treten und winkte den nächsten zu sich an der Glasscheibe heran.

Als der Nordpol nahe eines beschaulichen Dorfs im Münsterland weiter wanderte – Teil 5 / 5

Was vorher geschah: Teil 1, Teil 2, Teil 3, Teil 4

Thomas saß auf der Polizeistation in dem beschaulichen Dorf Davensberg und lass nochmals das Protokoll durch. Der Polizist musterte ihn abwartend.

“Und das wollen Sie wirklich so zu Protokoll geben? Eine Frau am Spinnrad? Ein Zwerg, der Sie wegen Ihrem ‘ho-ho’ überfallen und gewürgt haben soll? Ein Mann und zwei Frauen, die Dirty-Dancing getanzt haben? Und dann eine Kutsche mit drei Verfluchten drinne?”

“Ja, so war es. Wenn ich es Ihnen doch sage.”

“Sehr verehrte Herr Thomas Pollde. Ich gebe Ihnen noch eine letzte Chance. Sollten Sie darauf bestehen, dass alles so gewesen sein soll, wie Sie hier zu Protokoll gegeben haben, dann werden wir Sie in Münster in die Klappse einweisen. Dann gehen Sie nicht über Los und ziehen auch keine 4000 Euro ein. Sondern dann geht es direkt hinter gesiebte Luft der Psychischen. Ich versteh ja, dass Sie damals unter erhöhter Belastung standen, wegen Beruf, Scheidung und ihrem Drogenkonsum. Und wir wissen auch, dass Sie Schauermärchen lieben. Aber das, was Sie hier uns gerade erzählt haben, dass reicht, Sie für längere Zeit aus dem Verkehr zu ziehen. Dabei waren Sie doch in den drei Monaten Krankenhaus gemäß ärztlicher Beurteilung ein völlig zurechnungsfähiger Mensch.”

Thomas blickte den Polizeibeamten an. Der Polizist wollte ihn nicht verstehen. Warum nahm er die Geschichte nicht so auf, so wie sie sich zugetragen hatte? Was hatte sein Beruf damit zu tun? Ja, es gab Druck, aber das war doch normal für seinen Job. Thomas war krisenerprobt und für sein Krisenmanagement in der Firma immer wieder gefragt und belobigt worden. Und wenn seine Frau die Scheidung einreichte, weil sie ihm vorwarf, dass sie zwischen Beruf und seinem Hobby Geocaching kaum noch einen Platz für ihn übrig gelassen bekommen hatte, dann änderte es doch nichts an den Fakten. Und Drogenkonsum? Thomas hatte außer Wein, Kaffee und Tee noch nie andere Drogen konsumiert. Was redete der Polizist denn nur?

“Lieber Herr Pollde, war es nicht eher so, dass Sie an jenem Tag zum Geocaching zwar aufgebrochen waren, aber dann ein ruhiges Plätzchen suchten, um sich dort psychoaktive Pilze zu suchen und sie dort zu konsumieren? Und als Sie ihre magic mushrooms gefunden hatten, verzehrten Sie diese in der Davert unter der Teufelseiche. Dabei hatten Sie – weil es Nacht und kalt war – noch ein kleines Feuerchen an der Eiche gezündet, welches aber glücklicherweise recht schnell erlosch. Sie sind dann aber auf die andere Seite der Lichtung gegangen, kletterten jene Buche hoch und stürzten sich runter, weil Sie dachten, Sie könnten fliegen, schlugen dabei auf einen Findling auf, brachen sich den Ellenbogen, kugelten sich ein Bein aus, zerschlugen sich beide Knöchel, verletzen sich erheblich im Gesicht und blieben bewegungslos liegen. Hätten unsere Kollegen Sie nicht zufällig dort gefunden – übrigens fuhren unsere Kollegen einen schwarzen SUV, was Sie dann wohl als Kutsche wahrnahmen – sie wären wahrscheinlich dort elendig verreckt. Und ohne Rettungshubschrauber wäre Ihre Überlebenschance gleich Null gewesen.”

“Ich habe keine magic mushrooms konsumiert.”

“Ja, nee, is klar. Und das was, man aus ihrem Mund gefischt hat, waren wohl 1a-Champignons aus dem Demeter-Laden, oder? Jetzt lauschen Sie mal genau zu: Ich habe hier das Protokoll vorbereitet, so wie es wirklich war. Das Protokoll liegt zu Ihrer Rechten. Das Protokoll, welches Sie haben wollen, das Protokoll mit all den Spökenkiekereien und Schauermärchen liegt zu Ihrer Linken. Ich gehe jetzt mal kurz raus und mache mir einen Milchkaffee. Und wenn Sie auch einen wollen, dann haben Sie doppelt so viel Zeit, Ihre Unterschrift unter einen der beiden Protokolle zu setzen. Fürs rechte droht Ihnen maximal eine Geldstrafe und Sie erhalten von mir den Gratis-Milchkaffee, fürs linke kriegen Sie Klappse und keinen Milchkaffee, für mindestens eine längere Zeit nicht. Überlegen Sie es sich gut. Herr Thomas Pollde, Sie haben die Wahl.”

Der Polizist stand auf und ging nach hinten in den Nebenraum. Thomas hörte das Klappern von Kaffeetassen und dann das Aufheulen des Mahlwerks einer Kaffeemaschine. Er zog beide Protokolle zu sich heran und überflog sie, nahm den Kugelschreiber vom Tisch, unterzeichnete ein Protokoll und schob beide zusammen zurück.

Kurze Zeit später kam der Beamte mit zwei Kaffeebechern zurück und überreichte Thomas einen Becher.

“Ich hoffe doch ohne Zucker? Wir haben nämlich keinen mehr. Sie haben weise entschieden. So unvernünftig sind Sie doch gar nicht, wie Sie sich mir anfangs gegeben haben. Wären Sie nicht vernünftig gewesen, dann hätte Sie jetzt keinen Milchkaffee vor sich, sondern eine Einlieferungsverfügung.”

“Sie haben doch noch gar nicht geschaut, wo ich unterschrieben habe.”

“Glauben Sie, ich würde Sie hier unbeobachtet lassen? In der Kaffeeküche gibt es auch einen Monitor und dort konnte ich sehen, wo sie unterschrieben hatten.”

“Nur eines noch. Die Feuerstelle. Habe ich dort wirklich unter der Eiche gezündelt?”

“Nun, da Sie es vorhin unterschrieben haben, dass Sie unter der Eiche ein Feuer gemacht haben, kann ich es Ihnen ja jetzt sagen: Nein.”

“Nein?”

“Nein. Wir fanden etwas, was so ausschaute wie eine Feuerstelle. Aber es war keine. Es war eine Vertiefung, die geschwärzt war, und es roch dort irgendwie nach faulen Eiern, also so leicht schwefelig. Wir haben keine Erklärung. Aber Feuer war es nicht.”

“Und wieso sollte ich mich wegen etwas schuldig bekennen, was nicht passierte?”

“Weil die Stelle sich unter der Teufelseiche befindet. Sie verstehen? Teufelseiche und Schwefelgeruch? Das kommt gar nicht gut. Insbesondere, da es sich bei der Davert laut den vielen Erzählungen um einen Ort der bösen Geister und Gespenster handeln soll. Wir können es nicht riskieren, dass nachher einige Erzkatholiken die Teufelseiche anzünden, nur weil die dort den Zugang zur Hölle vermuten. Eine über 200 Jahre alte Eiche mit mehr als drei Meter Umfang? Dann ist es doch schon besser, man erzeugt Empörung in der einheimischen Bevölkerung, weil angeblich ein Drogenkonsument unter jener Eiche gezündelt hat. Dann kommt keiner der Dorfbewohner auf dumme Gedanken und nimmt den Namen ‚Teufelseiche‘ für bare Münze.”

“Also glauben Sie meiner Version?”

“Ihre Version ist doch nur eine Zusammenschau alter Schauermärchen der Davert, die Sie nutzen wollten, um von Ihrem Drogenkonsum abzulenken.”

“Und die Absturzstelle der zwei Weltkriegsmaschinen?”

“Die gibt es wirklich. Samt Kreuze und Gedenksteine. Aber ich werde den Teufel tun, Ihnen zu verraten, wo Sie diese finden. Sehen Sie lieber zu, dass Sie Land gewinnen und nicht mehr hierher kommen. Die Landbevölkerung hat Ihr Foto in der Zeitung gesehen und sollten Sie in einen der Wälder der Davert gesehen werden, dann kann ich für nichts garantieren. Dann könnte die Davert eine weitere Schauergeschichte hinzugefügt bekommen. Diese Davertnickel hier sind nicht zimperlich, diese Eingeborenen hier.”

Thomas verließ die Polizeistation und ging zu seinem Fahrzeug, welches seit dem Unfall dort von der Polizei abgestellt worden war. Er hatte den Schlüssel zum Abschied vom Beamten erhalten und schloss das Fahrzeug auf.

Ein Zettel klebte unter dem Scheibenwischer. Thomas zog ihn hervor und setzte sich hinters Lenkrad. Er warf einen Blick auf den Zettel. Unter einem Drudenfuß und dem Wahrzeichen des Ortes, dem Davert-Burgturm, stand in dünnen Lettern geschrieben:

Als der Nordpol nahe Davensberg in der Davert unter die Teufelseiche wanderte

Je mehr geologische Anomalien entstehen, desto stärker die erfolgt eine Verlagerung des Nordpols. Sollte sich beispielsweise irgendwo das Erdinnere öffnen – also Vulkane, Erdspalten mit Magma oder das Tor zur Hölle öffnet sich – und somit die Materialströme im Erdkern sich dadurch verändern, dann hat das Einfluss auf die Lage des Nordpols. Und der Nordpol lag vor kurzer Zeit erst direkt unter der Davert’schen Teufelseiche. Beweise dafür wollen Geologen nicht herausrücken, weil sie somit Beweise für die Existenz des Leibhaftigen liefern würden. Sie verschweigen die Wahrheit. Das Böse existiert und ist immer wieder mitten unter uns. Es gab kein von Drogensüchtigen gelegtes Feuer unter der Teufelseiche. Der Geist der Finsternis hatte sich wieder in der Davert gezeigt und die Eiche war sein Tor. Die Herausgabe der Daten, wo sich der magnetische Nordpol vor kurzem befand, würde das eindeutig beweisen. Stattdessen weitere Davert-Märchen und Fabeln …

Thomas kramte sein Smartphone hervor. Die Polizei hatte es freundlicherweise aufgeladen und mit den Fahrzeugschlüsseln ihm ausgehändigt. Er öffnete die Foto-App und blätterte zu den Fotos jener Nacht. Die Fotos der Waldlichtung. Zwei scharf, eines unscharf.

Auf einem der scharfen Fotos erkannte er Schatten, im Hintergrund, unscheinbar, aber vorhanden. Vier Schatten. Thomas öffnete die Datei-Eigenschaften des Bildes, um sich die Metadaten des Fotos anzeigen zu lassen.

Die App blendete eine kleine Karte ein, um den Standort des Fotos anzuzeigen. Die Karte baute sich auf. Der Aufbau war beendet. Doch alles was Thomas erblickte, war lediglich das weiße Zentrum der Karte …

Ende

Als der Nordpol nahe eines beschaulichen Dorfs im Münsterland weiter wanderte – Teil 4 / 5

Was vorher geschah: Teil 1, Teil 2, Teil 3

Befremdet schaute sich Thomas die Szenerie an und fühlte sich recht unwohl dabei. Was ging da ab? Wer waren diese Gestalten? War das ein altes Davert-Ritual im Mondenschein? Er überlegte, das Ganze zu filmen, kramte sein Smartphone hervor und richtete es auf die drei. Dabei bemerkte er, dass sogar noch eine vierte Person um die Dreien herumtanzte. Er erkannte die Person wieder. Es war dieser kleinwüchsige Mann, dieses Hoho-Männchen, welches ihn von oben aus einem Baum angefallen hatte. Unwillkürlich griff sich Thomas an den Hals, als ihm dieser Überfall wieder einfiel. Sein Hals schmerzte noch immer und auf seinem Kopf spürte er die Beule, die sich von dem Aufprall des Hoho-Männchens gebildet haben musste. Thomas war klar, er musste das Ganze filmen oder ansonsten würde ihm das nachher niemand glauben.

Er legte sich flach hin, schob sein Smartphone auf dem Boden in Position und wischte auf dem Display um die Kamera-App zu aktivieren. Jedoch erwischte er zuerst wieder seine Karten-App. Und offensichtlich hatte er wieder Netz, denn die Karte zog Daten aus dem Internet. Thomas wartete. Zu gerne wollte er jetzt doch wissen, wo er sich genau befand. Die Karte baute sich langsam auf und dann sah er nur eine weiße Gegend. Irgend etwas stimmte nicht. Er wartete, die Karte zeigte lediglich eine weiße Umgebung und in der Mitte seinen Standort als blauen Punkt. Mit zwei Fingern zoomte er aus der Karte heraus … Das konnte nicht sein. Das war unmöglich. Die Karte hatte seinen Standort Mitten auf dem Nordpol verortet. Was sollte das? Er lag hier definitiv irgendwo in der Davert, unweit des Dorfes Davensberg und nicht auf dem Nordpol. Das passte weder vom Wetter her noch die Temperaturen stimmten und die Erderwärmung hatte sich auch nicht stark beschleunigt …

“Diese verteufelte Sch-scheiss-Software”, entfuhr es Thomas unterdrückt. Jedoch kaum war ihm dieser Fluch entwischt, bereute er ihn. Er wollte unentdeckt bleiben und senkte seinen Kopf zu Boden. Aber offenbar hatten ihn die vier Gestalten gehört, denn er vernahm ein leises “Ho ho”, und als er aufblickte sah er den Kerl mit großen Schritten und ineinandergeschlagenen Armen auf ihn zukommen. Thomas war erstarrt, er wollte sich bewegen, konnte es aber nicht. Der Kerl näherte sich ihm, verlor einen seiner Holzschuhe und Thomas bemerkte den nackten, verkrüppelten Fuß, der darin verborgen war. Thomas wollte sich zusammenreißen, um zumindest noch die Kamera-App zu starten, aber er hatte jegliche Gewalt über seinen Körper verloren. Er fühlte sich wie zu Stein erstarrt. Sein Smartphone entglitt seinen Händen und kippte mit dem Display nach unten aufs Laub.

“Kiek an, ‘n Pottkieker!” Der Mann hatte sich jetzt direkt neben Thomas gestellt. Dessen Mondschatten fiel auf Thomas Gesicht, so dass Thomas kaum das Gesicht des Mannes erahnen konnte. Und in dem Moment als Thomas den Mann in seiner ganzen Größe neben sich stehen sah, bemerkte er, dass er die Kontrolle über seinen Körper zurück gewonnen hatte. Er rappelte sich auf seine Knie und wollte sich aufrichten. Aber der Mann drückte ihn mit einer Hand auf seiner Schulter wieder nach unten.

“So, so. Biätter in’n Stall äs in’n Bedde?”, meinte der Mann mit leicht gönnerhaften Einschlag in der Stimme. Thomas verstand nichts von dem und schaute den Mann unverständig an.

“Kannst du Platt küern?”

Thomas schüttelte verneinend den Kopf und versuchte dem Druck auf seiner Schulter zu entweichen.

“Nein? Du kommst nicht von hier, oder? Dann rede ich mal hochdeutsch mit dir. Du liegst hier einfach so unter meiner Eiche und versperrst mir gerade meine Tür nach unten.”

“Deine Tür? Nach unten? Unter welchem Stein bist du denn hervor gekrochen gekommen? Und lass meine Schulter los, du Brutalo!” Thomas wollte dem Mann etwas entgegensetzen, und wenn es nur paar drohend wirkende Sprüche sein sollten. So ließ er sich von niemanden behandeln.

“Meine Eiche, meine Tür. Und deine Höflichkeit ist eines Gastes unwürdig. Erst provozierst du das Hoho-Männeken, dann spielst du Voyeur, als ich mit meinen Geliebten tanze und jetzt stellst du auch noch Ansprüche, mich beleidigen zu dürfen, ohne mich zu kennen? Das lasse ich dir nicht durchgehen. He is dumm geboren un hett nix da tolehrt. Ik will di wiesen, wor de Timmermann ´n Gatt laten hett.“

Der Mann sprach es und seine Hand zog Thomas komplett nur an der Schulter hoch. Thomas versuchte, Boden unter seine Füße zu bekommen, und als ihn die Hand des Mannes losließ, taumelte er ein wenig. Er wollte sich zum Mann drehen, um in eine Verteidigungshaltung zu kommen, denn irgendetwas sagte ihm, dass der Mann etwas Übles im Schilde führte. Zudem nahm er auch noch den Geruch des Mannes war, ein strenges und seltsames Parfum. Thomas konnte es nicht zuordnen. Und er hatte auch keine Zeit mehr dazu. Denn der Mann holte mit der anderen Hand aus und ließ diese mit voller Wucht in seinen Rücken klatschen. Thomas verspürte einen scharfen Schwerz in seiner Wirbelsäule, hatte das Gefühl zu fliegen, glaubte auch zu sehen, wie er flog, über die erleuchtete Lichtung hinweg auf die beiden alten Frauen zu. Ihre Gesichter wurden immer deutlicher und er blickte in alte zerfurchte Gesichter, in kalte leblose Augen. Er spürte den harten Aufprall, wie er sich überschlug, mit seinem Ellenbogen auf einen Stein aufschlug und ein brutal stechender Schmerz im seine Sinne raubte.

Als Thomas wieder zu sich kam, hatte er den Geschmack von feuchter Erde und verrottetem Laub im Mund. Im ersten Moment dachte er an einen Alptraum, aber als er seinen Kiefer bewegte, kaute er in der Tat auf eine Mischung aus Erde und Laub. Er versuchte seine Arme zu bewegen, aber ein Schmerz in seinem rechten Ellbogen ließ ihn Stille halten. Er öffnete vorsichtig ein Auge und schloss es sofort wieder. Was er gesehen hatte, konnte er nicht glauben. Seine Gehirn weigerte sich einfach zu glauben, was ihm das Auge als Information vermittelt hatte.

“Das kann nicht sein! Das kann nicht sein!”, durchzuckte ihn die ersten Gedanken. “Nein, das glaub ich nicht!”

Er wollte das andere Auge öffnen, um das Gesehene zu verifizieren. Aber das Auge reagierte nicht. Vielmehr spürte er eine pochende Schwellung, welche ihm das Auge zuhielt. Erneut öffnete er langsam das erste Auge. Er sah die Welt vom tiefsten Punkt aus, direkt vom Boden her. Und was er sah, beruhigte ihn ganz und gar nicht. Unter der Eiche stand ein Vierspänner: zwei schwarze Rappenpaare waren vor einer schwarzen Kutsche gespannt. Die Türe der Kutsche war offen und er sah dort zwei Personen drin sitzen. Eine dritte Person kam auf ihn zu, schwarz verhüllt mit einer Kapuze, schwarz ebenfalls, und mitten auf der Kapuze ein rot-weißes Emblem. Die Person beugte sich zu ihn herunter und packte ihn bei den Schultern, rüttelte an ihn. Thomas versuchte zu schreien, bewegen konnte er sich nicht, sein ganzer Körper war wie nicht vorhanden, er bestand nur noch aus Angst und Panik. Die Kutsche! Die Kutsche des Rentmeisters und die Kapuzinermönche! Zudem vernahm er auf einmal das Dröhnen von Flugzeugmotoren, begleitet von einem anschwellenden Heulton. Sie kamen von oben! Dröhnende Motoren eines abstürzenden Flugzeuges! Um Gottes willen! Vielleicht hatte es noch eine Bombe an Bord! Einen Blindgänger, der beim Aufprall dann explodieren würde!

“Bom-be”, mühsam formte sein Mund durch den Dreck hindurch das Wort. “Bom-be.” Thomas konnte das Gesicht des Kapuzinermönchs jetzt direkt vor sich sehen. Er war verwirrt. Das Gesicht sah recht lebendig aus. Er versuchte erneut das Gesehene gedanklich zu verarbeiten. Irgend etwas stimmte hier überhaupt nicht. Ihm wurde schwarz vor den Augen, Stille setzte um ihn herum ein, er hatte das Gefühl hochgehoben zu werden und zu fliegen …

Fortsetzung folgt

Als der Nordpol nahe eines beschaulichen Dorfs im Münsterland weiter wanderte – Teil 3 / 5

Was vorher geschah: Teil 1, Teil 2

“Ho-ho“, intonierte Thomas wie ein Weihnachtsmann diese Buchstaben, hauchte sie atonal aus seiner Kehle heraus, “ja ist denn schon wieder Weihnachten?”

“Ho! Ho!”

Thomas zuckte zusammen. Hatte ihm jemand geantwortet? Er schaute sich um: “Ist da jemand?”

In dem Moment verfing sich die dornige Ranke in seinen Strumpf. Er spürte schmerzhaft wie die Dornen über seinen Knöchel ritzten.

So saß er also dort über seinen Rucksack, starrte auf sein Smartphone, blickte erneut auf seine Karte und den Aufzeichnungen seines Notizbuches und überlegte, ob er noch auf den richtigen Weg wäre. Konzentriert schaute er sich nochmals um. Den Unterstand konnte er nicht mehr sehen. Dafür sah er nicht unweit vor ihm einen Schlagbaum und darauf eine Frau sitzend. Hinter dem Schlagbaum schien es einen Weg zu geben. Thomas packte seine Sachen in den Rucksack, stand auf und ging zu der Frau hinüber. Je näher er kam, desto mehr erkannte er, dass die Frau eine alte Haspel vor sich stehen hatte, auf der sie einen Faden abwickelte.

Haspel? Spinnleonore? Thomas musste grinsen. Was sollte das denn? Kulturgutpflege? In dieser Gegend? Für einzelne Wanderer? Das konnte er nicht glauben. Wahrscheinlich hatte war sie es, welche seinen Ruf beantwortet hatte. Übermütig rief er der Frau zu: “Hey, sind Sie die Spinnleonore? Leonore, sind Sie es? Ho-ho!”

Die Frau blickte auf und ein weiteres “Ho-ho” ertönte als Antwort. Aber es kam nicht von der Frau. Thomas tippte auf ein Echo.

“Ho-ho, Spinnleonore. Hier soll es eine Absturzstelle aus dem Zweiten Weltkrieg geben. Wissen Sie, wo ich die hier finde?“ rief er der Frau zu.

“Ho-ho”, antwortete es, diesmal näher als zuvor. Nur, die Spinnleonore war es nicht. Sie saß weiter dort und haspelte ungerührt, gleichwohl sie ihn trotzdem anblickte. Ihr Mund formten Worte, die er so nie zuvor gehörte hatte: “Ick häör et auk. Ick häör et auk.” Eine Stimme hinter der Frau antwortete: “Awat, du bis nich wies!” “Ick nich wies? Dann luster doch äs up!”, schien die Frau zu antworten. “Alles dumm Tüg! Alles dumm Tüg!” “Dat Viennmöerken halt die!”

Thomas war verwirrt. Was wurde da geredet? Wohin musste er? Wies? Luster? Tüg? Und wo soll jenes Viennmöerken halten? Er verstand nur noch Bahnhof. Zögerlich rief er es nochmals mit der Stimme eines heiseren Weihnachtsmann ein “ho-ho”, als es über ihn krachte. Er konnte noch erkennen, dass er unter einer knorrigen Eiche stand und ein kleinwüchsiger Mann auf ihn zu fallen drohte. Fallen? Der fiel nicht! Wenn Fall, dann Überfall, waren seine panischen Gedanken. Gleichzeitig spürte er wie dieser Zwerg-Mann im Fall auf seinen Kopf traf, dabei dessen Hände um Thomas Hals legte und zudrückte. Verflucht! Heimtückische Davert …

Thomas öffnete langsam seine Augen. Sein Kopf schmerzte, sein Hals tat ihm weh. Er lag unter einem Baum, einer Eiche, einer knorrigen Eiche. Es war dunkel und die Astlöcher der Eiche sahen wie Augen aus, die ihn kalt musterten. Zum Teufel nochmal! Sein Rucksack. Er tastete um sich und atmete erleichtert auf, als er ihn erfasste. Gott, sei Dank, er wurde nicht geraubt. Thomas richtete sich auf, zog ihn zu sich, öffnete ihn und zog sein Smartphone hervor. Er musste wohl schon einige Zeit lang gelegen haben, denn die Uhr zeigte ein Uhr nachts an. Der Akkustand war niedrig, aber reichte noch aus. Netz hatte er keines, Funkloch offenbar. Obwohl, er hatte doch vorher … . Er zuckte mit den Schultern. Seine Karten dieser Gegend funktionierten auch offline. Er hatte sie sich zuvor herunter geladen. Verwirrt richtete er sich auf und erblickte vor sich eine hell erleuchtete Waldlichtung. Er schaute auf seine Smartphonekarte, um sich zu orientieren. Es dauerte ein wenig, bis das GPS ihn lokalisiert hatte. Er wartete noch etwas. Aber die Karte baute sich auf seinem Smartphone nicht auf, sondern die App verlangte nach Internetzugang. Er wedelte kurz mit seinem Smartphone in alle Himmelsrichtungen, um irgendwie einen Zugang zu erhalten, aber es war nutzlos. Kein Netz.

Er schaute zu einer Waldlichtung rüber. Sie lag in einem fahlen Licht getaucht. Im Geäst über sich konnte Thomas den Mond ausmachen, der die Szenerie beleuchtete. Offensichtlich der Vollmond. In der Lichtung erstreckte sich eine Wiese, deren helles Grün eigentümlich verführerisch leuchtete. Thomas wechselte auf die Kamera-App, stützte das Smartphone auf sein Knie ab und hielt es auf die Szenerie. Er atmete tief ein und aus, um eine ruhige Hand zu bekommen und löste aus. Dreimal wiederholte er das Ganze. Er wollte sicher gehen, dass zumindest ein Foto nicht verwackelt sein würde. Mit ein paar Wischen kontrollierte er die Fotos. Zwei erschienen ihm unverwackelt, das dritte wollte er löschen, als er von einer Bewegung auf der Lichtung abgelenkt wurde. Er kniff seine Augen zusammen, um besser sehen zu können.

Tanzten dort zwei Frauen? Er schloss kurz seine Augen, schüttelte seinen Kopf rasch hin und her, um wacher zu werden und öffnete sie wieder. In der Tat, er sah zwei nicht mehr so junge Frauen. Tanzende Frauen in weißen Nachtgewändern. Sicher war sich Thomas nicht, denn er bemerkte auch, dass die Wiese dampfte, dass aus ihr Nebelschleier aufstiegen, die aussahen wie Spinnweben. Und das Tanzen der Frauen bestand eher aus seltsamen Sprüngen. Zudem er glaubte auch Gesang zu vernehmen. Dem, was er sah, traute er jedoch nicht. Er hatte vor, sich bemerkbar zu machen und ihm lag schon wieder dieses “ho-ho” auf der Zunge. Aber instinktiv verbiss er sich es. Dieses “ho-ho” erschien ihm nicht geheuer.

Ein Ast knackte. Thomas duckte sich und bemerkte wie eine Gestalt sich den Frauen näherte. Verwundert schaute er zweimal hin. Die Gestalt war die eines Kiepenkerls. Zumindest hatte er eine Kiepe auf seinen Rücken geschnallt, trug offensichtlich Holzschuhe und hielt eine leicht rauchende Pfeife in seiner Hand. Die Frauen bemerkten ihn und tanzten den Kiepenkerl an. Der leise Gesang der Frauen wurde ein wenig lauter, aber Thomas verstand nicht wirklich, was sie sangen. Er hatte sich inzwischen flach hingelegt und beobachtete, das seltsame Treiben. Die beiden alten Frauen betanzten den starken stämmigen Kerl und irgendwie hatte er das Gefühl, dass das Ganze wie eine der Szenen aus dem Film “Dirty Dancing” ausschaute. Die Frauen rieben sich beim Tanzen sichtbar mit Vergnügen an dem Mann.

Fortsetzung folgt

Als der Nordpol nahe eines beschaulichen Dorfs im Münsterland weiter wanderte – Teil 2 / 5

Was vorher geschah: Teil 1

Thomas ergriff sich das nächste laminierte Papier:

“Rentmeister Schenkewald war ein abartig böser Mensch. Als Rentmeister und somit als mittelalterlicher Finanzverwalter lebte er damals im Schloß Nordkirchen – dort, wo heute Studenten Finanzwesen studieren. Schenkewalds Leidenschaft bestand darin, die Bauern der Umgebung übel zu misshandeln und deren Abgabenlast stetig über Gebühr zu erhöhen. Dass er unbeliebt und auch verhasst war, stachelte ihn immer weiter an, aus den Bauern mehr als nur die letzten Abgaben mit allen erlaubten und unerlaubten Mitteln heraus zu pressen. Als der Rentmeister schließlich eines Tages starb, war zwar der nutznießende Geldadel traurig, aber durch die Bauernschaften ging ein allgemeiner Seufzer der Erleichterung. Jedoch verwehrte Gott dem Rentmeister den Eintritt in den Himmel und auch dem Teufel war der Halunke nicht geheuer. So blieb der Rentmeister also zwischen den Welten gefangen und spukte weiter am Orte seines Ablebens, im Schloss Nordkirchen. Viele Leute sahen ihn dort, wie er unstet des Nachts herumlief, an Tischen saß, schaurig heulte und dabei Geld zählte, darüber hinaus unwissenden Besuchern diese um deren Barschaft erleichterte, sobald diese nicht aufpassten, und fromme, das Schloss aufsuchende Bauern zu Tode erschreckte.

Diese setzte sich fort, bis letztendlich in einer sehr finsteren Nacht eine Kutsche gezogen von vier dunkelschwarz glänzenden Rappen vorfuhr und zwei Kapuzinermönche die Kutsche Richtung Schloss verließen. Sie kamen, um ihn zu holen. Sie nahmen ihn in ihrer Mitte, verließen das Schloss und setzten sich in die schwarze Kutsche. Und als der kalte Regen einsetzte und die dumpfe Totenglocke vom Schloss Nordkirchen ertönte, sollen sie das Schloss in der Kutsche mit dem Ziel der Davert verlassen haben. Und in jener Kutsche sitzt bis heute der Rentmeister zwischen den beiden schweigenden Kapuzinermönchen und fährt in der Davert des Nachts herum. Viele Leute haben die Kutsche gesehen und näherten sie sich ihr, so flog sie davon. Solltest du auf deinen Wanderungen ein altes Weib antreffen, welche haspelt, dann frage jene ‘Spinnleonore’ ruhig mal nach jener Kutsche. Aber Vorsicht: traue der Frau nicht, denn schon damals hatte sie mit einer zur kurzen Haspel gearbeitet und damit alle betrogen. Das vorgeschriebenen Eichmaß von zwei Metern hatte sie immer wieder um bis zu einem Viertel gekürzt.”

Thomas lächelte. Er liebte Schauermärchen. Auf dem Land davon gab es viele. Besonders, wo es morastig war und Kutschen nur langsam voran kamen. Nach einem deutlichen Absatz auf dem Papier setzte das Geschriebene fort:

“Im Zweiten Weltkrieg hatte eine Bomberstaffel der US-Airforce im Februar 45 den Auftrag, die Bahnstrecke Dortmund-Münster zu zerstören. Nachdem die Bomberstaffel ihren Auftrag erfolgreich ausgeführt hat, geriet sie ins Visier des deutschen Jagdgeschwaders 27. Eine Maschine der Bomberstaffel wurde abgeschossen. Es starben mehrere G.I.‘s, darunter Lieutenant Alfred Brush Ford, dessen Maschine in der Nähe des Hofes Westerholt abstürzte. Auf der Gegenseite wurde ebenfalls eine Maschine abgeschossen und eine Messerschmitt Me-109 bohrte sich unweit des beschaulichen Dorfes Davensberg tief in den Boden der Davert. Ihr Pilot der Maschine war Otto Balluff, der Sohn des damaligen Aalener Bürgermeisters. Über ein Jahr später wurden die Überreste des Piloten und seine Maschine ausgegraben.

Kinder berichteten danach immer wieder mal, dass sie in der Davert des Nachts ein abstürzendes Flugzeug gehört oder gesehen hätten. Die Erwachsenen führten das jedoch immer wieder auf den hohen Radio- oder Fernsehkonsum ihrer Kleinen zurück. Niemand maß deren Berichte je Ernst bei. An jener Stelle des Absturz befindet sich heute ein Kreuz unter Rhododendron-Büsche. Zudem erinnert zusätzlich unweit der Stelle ein Gedenkstein an die vielen Opfer des Krieges.”

Thomas zuckte ein wenig erschrocken und blickte auf den Stein. Aber dort war nichts eingraviert und um ihn herum gab es auch keine Rhododendron-Büsche. Er las noch den Hinweis, das Blatt zu wenden und las:

“Das Kreuz des Alfred Brush Ford jedoch ist inzwischen schon stark verwittert und nur noch wenigen bekannt. Suche es. Aber sei auf der Hut vor den Geistern der Davert. Löse das Rhebusrätsel auf dem dritten Blatt. Die fünf Worte ergeben die vier Koordinaten, die du nach Eingabe auf meiner Geocaching-Seite im Internet erhältst. Diese vier bilden ein Kreuz. Suche die Mitte des Kreuzes für den nächsten Hinweis auf.”

Thomas nahm das dritte Blatt und schaute sich das Rätsel an. Ein Kinderspiel für ihn. Über seinem Smartphone gab er die Worte ein und erhielt die Koordinaten. Er nahm eine Landkarte aus seinem Rucksack, zeichnete die Koordinaten ein und verband sie. Als er den Zielpunkt sah, überlegte er, ob er sein Auto nehmen oder zu Fuß gehen solle. Er schaute das Ziel auf sein Smartphone an und entschied sich fürs Wandern. Warum auch nicht. Pättkes, also Pfade, hatte es ja im Wald genug.

Er verstaute alle Folien wieder in das Kästchen, wickelte es in die Kunststofftüte, legte sie in das Loch und schob den flachen Stein wieder drüber. Danach fegte er ein wenig die Umgebung mit seinem Ast, so dass alles unberührt aussah und der nächste Geocacher genau so viel Energie wie er selber aufbringen musste, um den Stein zu finden.

Unschlüssig schlenderte er langsam Richtung Unterstand zurück. Dämmerung hatte eingesetzt und er spürte die klamme Feuchte der Davert aus dem Boden aufsteigen. Zeitlich war noch alles im Rahmen. Er hatte nicht damit gerechnet, dass er vor Sonnenuntergang mit diesem Geocache fertig sein würde. Dafür war es zu umfangreich und vom Schwierigkeitsgrad zu kniffelig. Und da er jetzt die Zielkoordinaten hatte, sollte er das Licht des Tages auch nicht mehr unbedingt benötigen. Er blickte nochmals zum Unterstand, dann auf seine Karte vom Smartphone und beschloss, dass Rätsel abzuschließen. Der Weg würde ihn vom Unterstand wegführen, durch den Wald hindurch. Als er sich umdrehte, um den Weg in Angriff zu nehmen, fiel ihm zwischen den Laubblättern ein weißes Stück Papier auf. Er bückte sich und hob es auf. Es war beschrieben, nur war die Schrift verblasst. Trotzdem konnte er das Geschriebene noch entziffern. Und während er weiterging, las er:

„Ein kleines Männeken bin ich und haus’ im Davertwald,

antwort’ nur meinen Rufen und dich hol’ ich dann alsbald!

In deinem Nacken beiß’ ich mich fest,

wenn du dein Rufen nicht unterlässt.

Und kannst du dem Verlangen nicht widerstehn,

dann Liebster, werd’ ich dir den Hals umdrehn!“

 

Verständnislos schaute Thomas auf dieses merkwürdige Gedicht. Er drehte den Zettel um und sah dort mit ungelenker Kinderhandschrift vier Buchstaben notiert: „HOHO“ und darunter den Satz

Dat Viennmöerken halt die!

 

Fortsetzung folgt

Als der Nordpol nahe eines beschaulichen Dorfs im Münsterland weiter wanderte – Teil 1 / 5

“Verdammte Hacke! Diese stacheligen Ranken, ich hasse sie!”

Mit spitzen Fingern entfernte Thomas einen dornigen Ast aus seinem Strumpf. Die Dornen sträubten sich, so dass Thomas feine Fäden beim Entfernen aus seinem Strumpf zog. Schimpfend drehte Thomas den Ast weg und blickte auf die zwei kleinen Löcher in seinem Strumpf.

“Da reden die von der Wichtigkeit der Forstwirtschaft und schaffen es nicht mal die Pfade hier im Wald einigermaßen begehbar zu machen. Sackgesichter.”

Mit dem Smartphone in seiner Rechten überprüfte er nochmals die Richtung. Mit seiner Linken holte einen Notizblock aus seiner Hosentasche. Darin hatte er sich mit Bleistift Zahlen notiert, die er jetzt mit den GPS-Koordinaten auf seinem Smartphone verglich.

“Ich verstehe das nicht. Was stimmt da nicht? Das waren vorher doch andere Koordinaten. Als ob sich die Karte ändert. Verdammte Software.”

Ratlos hielt er inne, nahm seinen Rucksack ab, öffnete ihn und holte eine Karte hervor. Sorgsam entfaltete er diese und blickte während dessen immer wieder auf sein Notizblock.

“Oder habe ich mich verrechnet? Oder die Aufgabe stimmt nicht. Moment.”

Mit seinem Zeigefinger strich er ein paarmal über das Display und las leise:

“Betrete das Tor zur Davert. Geografisch durchfliest der beschauliche Emmerbach diese Davert-Senke von Südosten nach Nordwesten. Passiere die Haselburg, deren Reste unter einem Wäldchen verborgen liegen. Ziehst du von der Haselburg aus eine Linie über die ‘Hohe Heide’, findest du einen Rastplatz. Besucher des Rastplatzes vergraben manchmal ihre Hinterlassenschaften direkt hinter Hütten, manche nicht. Und manche Geocacher vergraben ihre Hinweise etwas weiter unter einem Stein in einem Holzkistchen, etwa ein Dutzend Ruten entfernt.”

Den Rastplatz hatte er über Umwege erreicht. Er war nicht schwer zu finden, nur sein Navi-Gerät funktionierte in der Gegend nicht mehr so genau. Die erwähnte Hütte glich jedoch eher einem Holzunterstand mit einer Holzbank. Sie diente wohl den Pättkesfahrern und Wanderern als Schutz vor Regengüssen und als Pausenplatz. Die vielen Papiertaschentuchfetzen im Bereich hinter dem Unterstand kündete von den erwähnten Hinterlassenschaften. Der Ort diente mutmaßlich wohl als Toilettenersatz.

Den Ort, an dem sich das Holzkästchen vergraben lag, fand er nicht sofort, denn der Boden war mit Laub bedeckt und ließen keinen Stein sehen. Anfangs suchte er vergeblich. Dann grübelte Thomas darüber nach, was im Hinweis mit den ‘Dutzend Ruten’ gemeint sein könnte. Haselnusssträucher oder Weiden erblickte er nirgends. Beim Suchen auf den Boden kam ihm die Idee, einen alten verzweigten Ast als Laubrechen zu verwenden.

Geocaching war sein Hobby und das Lösen der Rätsel ließ manches Mal seine Ideen sprudeln. Es gab ihm das Gefühl einer Mischung von “MacGyver” und “Die 3 Fragezeichen”. Als er den Ast zum Fegen des Waldbodens vorbereitete, fühlte er sich dieses Mal wie “MacGyver”. Es dauerte zwar seine Zeit, bis er fündig wurde, als er aber einen ellengroßen Stein auf dem Boden vom Laub frei gefegt hatte, war ihm die verstrichene Zeit egal. Die Entfernung zum Unterstand schätzte Thomas auf fast 50 Meter ab. Wie lang musste nach Meinung des Verfasser dieses Geocaching denn somit eine Rute sein? 3 Meter 80? Oder meinte der Verfasser die Größe eines kleinen Baums? Thomas kniete nieder, schob den flachen Stein beiseite. In dem Loch darunter fand er in einer schwarzen Tüte das gesuchte Kästchen. Er befreite das Kästchen aus der Tüte und klappte den Deckel auf. Nach kurzem Durchschauen des Inhalts entdeckte er in dem Kästchen einen laminierte Zeitungsausschnitt und mehrere andere einfolierte Papiere.

“Die Erde besteht im Innern aus einem über 5000 Kelvin heißen Kern aus Eisen und Nickel”, las Thomas aus dem Zeitungsausschnitt leise vor. “Die Temperaturunterschiede vom Kern zur äußeren Hülle führen zu thermischen Materialströme innerhalb des Kerns. Diese werden bei deren Aufsteigen zur Kruste hin als auch nach deren Abkühlung beim Absinken wiederum von der Corioliskraft abgelenkt. Die Magnetfeldlinien der Erde sind an diese Ströme gekoppelt. Da das Erdinnere und seine Prozesse nicht wirklich ausreichend erforscht sind, bleibt zur Berechnung der Magnetfeldlinien nur die Anwendung von lineare Modellen. Und so wird das Model mit der Lage von Nord- und Südpol alle fünf Jahre mit den aktuellen Daten auf den neusten Stand gebracht. Dieser Stand ist wichtig für die satellitengestützte Navigation und anderen GPS-Geräten. 2016 etwa, nur ein Jahr, nachdem die Forscher ihr Modell zuletzt aktualisiert hatten, trat unter Südamerika ein heftiger geomagnetischer Impuls auf, der die tatsächliche Entwicklung von der Voraussage abweichen ließ. Schon vor fast 200 Jahren hatte Alexander von Humboldt festgestellt, dass das Magnetfeld über dem Südatlantik, Südamerika und Südafrika besonders schwach ist. Satelliten sind ebenso wie die Lebewesen am Boden in diesen Gegenden einer erhöhten Strahlung aus dem All ausgesetzt. Dieses wird als die ‘südatlantische Anomalie’ bezeichnet. Ähnlich wie die Beschleunigung des Nordpols könnte auch solch eine Anomalie eine Umpolung der Erde ankündigen. In den 90er Jahren des letzten Jahrhunderts hatte sich die Wanderung des magnetischen Nordpols bereits von 15 auf 50 Kilometer pro Jahr beschleunigt gehabt. Und diese Beschleunigung geht weiter. Je mehr geologische Anomalien entstehen, desto stärker die Beschleunigung. Sollte sich beispielsweise irgendwo das Erdinnere öffnen – also Vulkane, Erdspalten mit Magma, oder sollte sich gar das Tor zur Hölle öffnen – und somit die Materialströme im Erdkern sich dadurch verändern, dann hat das Einfluss auf die Lage des Nordpols. Wenn dann der Flieger von Düsseldorf nach Gran Canaria plötzlich mit Kerosinmangel in Cap Verde landet, dann könnte es an einer fehlenden Aktualisierung der Magnetfeldmodelle liegen und somit mit der Satellitennavigation zu tun haben. Denn Navigationsgeräte interpretieren Daten nicht, sie nehmen die Daten als bare Münze für ihre mathematischen Algorithmen.”

Thomas blickte nachdenklich auf den Zeitungsausschnitt und las ihn sich erneut still durch. Er schüttelte den Kopf. Was sollte dieser Ausschnitt? Er nahm das nächste ebenfalls sorgsam laminierte Blatt Papier aus dem Kästchen.

“Du hast bislang alles gut gemeistert. Ich hoffe, du hast nicht die letzten Haselnusssträucher oder Weiden geplündert, um ein Dutzend Ruten daraus zu gewinnen. Denn bei ‘Rute’ handelt es sich um eine alte Entfernungseinheit. Sie umfasste 12 Fuß, also in etwa drei Meter achtzig. Aber jetzt zur nächsten Aufgabe. Die Davert ist eine verwunschene Flachsenke im Kernmünsterland und sie war ein unwirtlich mooriges Gebiet, denn sie stand damals immer größtenteils unter Wasser. Und diesen schaurigen Charakter hat die Davert bis heute nicht verloren. Es soll hier spuken.”

Fortsetzung folgt

Kneipengespräch: The day after – brennen muss Lady of Paris …

Sie brennt. Notre Dame, the Lady of Paris, brennt. Und wie sie brennt. Da sitzen sie nun da und glotzen. ntv. Der Wirt hat ntv geschaltet.

“Die Franzosen mal wieder. Kaum wird bekannt gegeben, dass gegen Winterkorn wegen den Abgasen bei VW ermittelt wird, zünden die vor Jubel gleich Notre Dame an. Wer sagt denen, dass Osterfeuer erst am Ostersonntag gezündet werden …”

“Das waren die Gelbwesten! Endlich mal ne Demo für die Abschaffung der Kirchen.”

“Vielleicht findet man ja einen Personalausweis vor der Kirche. Wir sind ja inzwischen aufgeklärt worden, dass muslemische Attentäter immer deren Ausweisdokumente am Tatort verlieren … man sollte jetzt mal die AfD-Twitter-Accounts verfolgen. Die haben doch immer solche Informationen als erste. Oder den Account von A. Schwarzer. Die ist ja auch immer voll im BILDe …”

“Wo saufen wir denn das nächste mal, wenn wir wieder nach Paris trampen?”

“An der Seine. Weil übernachten tun wir dann im Baugelände der Notre Dame. Und dann frühstücken mit Flics …”

“Wer rettet jetzt den Glöckner? Oder hat der sich schon wieder heimlich zu Esmeralda geschlichen?”

“Nicht der Glöckner. Sondern diesen Abend Grisu, der kleine Drache. Passend zur achten Staffel von Games of Thrones. Action!”

“Diese Live-Übertragung auf ntv. Da ist das Bild der brennende Kathedrale. Richtig ruhig gefilmt, viel ruhiger… einfach nur eine Einstellung … ungeheure Spannung … stürzt die alte Bude ein … bleiben die Glocken hängen. Aber kein Wort zum Glöckner und seine Esmeralda.”

“Der kommt erst in die Kamera, wenn jener Kessel mit erhitzten Pech auf die Feuerwehrleute kippt … ”

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Die Gedankenwelt eines Locked-In-Patienten

“Ihre kostenlose Testversion fürs Leben ist zu Ende. Your free trial for life has ended. Votre essai gratuit à vie est terminé.”

Dreisprachig. Sie mochte keine dreisprachige Sätze. Warum Deutsch, Englisch und Französisch? Warum nicht mal Kisuaheli? Prompt tauchte vor ihr ein weitere Satz auf.

“Jaribio lako la bure la maisha limeisha.”

Okay. Gut. Das Übersetzungsprogramm funktionierte. Soweit funktionierte das Leben noch. Sie schaute von ihrer Tastatur auf. Sie war gerade dabei einen neuen Artikel in ihrem Blog hochzuladen, als die Nachricht vor ihr auftauchte.

Ein wenig enerviert blickte sie sich nach dem Administrator um. Der saß an seinem Pult und blätterte in einem Buch.

“Hey, Admin! Hey, sag mal, muss das sein?”

Der Administrator schaute auf. “Wie kann ich helfen?”

“Muss das sein, meine Testversion gerade dann auslaufen zu lassen, wenn ich einen Post in meinem Blog hochladen will?” Sie sah sich, wie ihr Kopf auf der Tastatur lag und einzelne Tasten daneben lagen. Ihr Kopf muss wohl heftig aufgeschlagen sein.

“Du kannst dir das Premium-Abonnement kaufen. Monatliche Laufzeit, jederzeit kündbar.”

“Und was bedeutet das?”

“Man findet dich noch rechtzeitig vor deinem Computer, diagnostiziert Herzinfarkt, reanimiert dich und dann erhältst du drei Auswahlmöglichkeiten: Rehabilitation am Sternbarger See umgeben von schneebedeckten Bergwipfeln in einem Rehazentrum mit Streuobstwiesen. Oder Krankenhaus im Mehrbettzimmer ohne jegliche Reha, dann aber schneller zu Haus und später dann ALS. Oder du triffst in der Notaufnahme die zweite Liebe deines Lebens, den Arzthelfer Hans, heiratest ihn und … .”

“Was ist ALS?”

“Die so genannte Amyotrophe Lateralsklerose lässt die Nervenfaser verkümmern, die seine Muskeln kontrollieren. Die Folge: völlige Bewegungsunfähigkeit. Ein Mensch wird dir dann Elektroden in deine Kopfhaut pflanzen und du unterhältst dich dann rein kraft deiner Gedanken.”

“Ich habe schmutzige Gedanken, das wird man als ’pervers’ bezeichnen.”

“Das stimmt. Nur das Denken dieser Gedanken hattest du dir zuvor so ausgesucht gehabt. ‘Sex up you life’, wolltest du damals. Und das auch noch jenseits der 60 und nicht nur als Teen, Twen, BiVie und danach als MILF.”

“Immer nach dem gesellschaftlichen Abbild einer netten Oma zu leben, ist doch voll letztes Jahrhundert.”

“Dann musst du aber akzeptieren, dass Jahre schneller vergehen als Anschauungen. Sexuelles Begehren ist gesellschaftlichen Regeln unterworfen. Aber das ist ja ebenfalls eine Erfahrung, nicht wahr.”

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Aus, aus, aus, das Spiel ist aus! So lernt man.

Der Teufel besuchte Gott und fragte ihn, ob man nicht mal ein Fußballspiel Himmel gegen Hölle machen könnte.

Gott hatte dafür nur ein müdes Lächeln übrig:

„Glaubst, du fußkranker Belzebub, dass du mit deiner Mannschaft auch nur die geringste Chance haben magst? Sämtliche guten Fußballspieler sind im Himmel: Pele, Beckenbauer, Charlton, Di Stefano, Müller, Maradona, Ronaldo … “

Der Teufel lächelt baphometisch zurück:

„Macht nix. WIR haben dafür alle Schiedsrichter!“

 


 

Ach ja, wo die Pointe ist?

Nun:

Im Himmel öffnet der Engländer die Tür, der Franzose kocht, der Italiener sorgt für Unterhaltung und der Deutsche organisiert alles.

In der Hölle öffnet der Franzose die Tür, der Engländer kocht, der Deutsche sorgt für Unterhaltung und der Italiener organisiert alles.

Passt zwar nicht zum oben geschriebenen, aber wen interessiert es schon, wenn nicht die 895 Zeichengrenze überschritten wird?

Man lernt nie. Aus. (Teil 4)

Was bisher geschah: Teil 1, Teil 2, Teil 3

Freilich hatte das Internet Leute in Brot und Arbeit gebracht. Nirgendwo lässt sich das deutlicher als in Silicon Valey erkennen, wo sich die Spitzenkräfte der Internet-Softwareprogrammierung nieder gelassen haben. Jene verdienten viel Geld, zahlten es auf ihre Bankkonten ein und kauften sich in Silicon Valey Wohnungen. Social-Media-Gewinner. Die Verlierer dieses Booms mussten dagegen deren Wohnungen verlassen , weil sie deren Stadtteilpreise nicht mehr zahlen könnten und dann obdachlos wurden. Sie lebten auf den Straßen Silicon Valeys. Und was machten die Gewinner der sozialen Medien mit ihren Geld auf den Bankkonten? Sozial, edel, hilfreich und gut? Nun, diese Social-Media-Experten erfanden Roboter für die Obdachlosen. Jene Roboter fuhren auf den Gehwegen in der Innenstadt hin und her und sollten sie einen Obdachlosen antreffen, dann stellten sie sich neben dem Obdachlosen und … erzeugten äußerst penetrante und unangenehme Geräusche, damit die Obdachlosen das Weite suchten. Google, Uber und Microsoft sollten zu den Kunden dieser Roboter zählen. Social Media macht sozial. Zumindest für sich selber.

“Die von uns geschaffenen kurzfristigen Dopamin-gesteuerten Rückkopplungsschleifen zerstören die Funktionsweise der Gesellschaft. Kein ziviler Diskurs. Keine Zusammenarbeit. Fehlinformation. Falsche Wahrheiten. Und es ist kein amerikanisches Problem. Hier geht es nicht um russische Anzeigen. Dies ist ein globales Problem.” Chamath Palihapitiya, 2017, ehemaliger Manager von Facebook

Gott hatte sein sozialen Medien zum Zerreißen der Grundlagen unserer Gesellschaft und der Teufel seine Derivate als finanzielle Massenvernichtungswaffen. Die Rüstungsspiralen gegeneinander waren im vollen Gange. 

Zur privaten Entspannung saßen die beiden nun mit dem Sensemann und dem Midas beim Pokern. Midas hatte einen Straight Flush auf der Hand und Gott starrte ihn an.

“Du bist menschlich, Midas.”

“Ich weiß, ich bin ein Scharlatan. Dafür bin ich bekannt. Im Gegensatz zu dir bin ich als Scharlatan ehrlich, mein lieber Gott. Denn wärest du ein Scharlatan, dann wärest du des Teufels.”

“Du sollst meinen Namen, deines Satans, nicht missbrauchen! Da habe ich ein Copyright drauf”, warf der Teufel ein.

“Witzbold”, blaffte Gott den Teufel an, “ohne mich hättest du keine Daseins-Berechtigung, du Herr der Fliegen.”

“Ach ja? Ohne mich gäbe es die Erbsünde nicht, die Schuld, mit der wir die Weltenbürger auf deren Existenz zurecht stutzen”, gab der Teufel leicht säuerlich zurück.

“Und ohne mich, hättet ihr beide überhaupt nichts von euren Weltenbürgern. Die würden ewig leben auf deren Pilgerpfad zwischen Bankkonto und Internetkonto.” Der Tod prüfte mit einer seiner Pokerkarten die Schärfe seiner Sensenklinge.

“Liebster Tod, lass dich trösten. Ich streichle dir das Köpfchen”, Midas reckte seine Hand dem Tod entgegen.

“Fass mich nicht an! Gold ist weniger wert als Likes und Kommentare. Die haben höheren Status. Umsonst ist nur der Tod, kostenlos ist er aber nicht. Den Spruch kennst du doch, oder?” Der Tod zog seine schwarze Kapuze ein wenig tiefer ins Gesicht und blickte zu Gott. “Und du, du mit deiner Idee, deinen Sohn mir zu überlassen, hatte sich bekanntlich nicht gelohnt. Er brachte dir lediglich 30 Silberlinge. Das hatte ich dir schon vorher prophezeit gehabt. 30 Silberlingen reichten halt nicht, die Mehrheit an dem teuflisch systemischen Banksystem zu erwerben. Aber du wolltest ja nicht hören. Jetzt ist dein Sohn genagelt und die Freier dieser Welt nutzen es als Wortspiel.”

“Du bist niveaulos. Gefällt mir nicht. Kein Like. Außerdem besitze ich das Hirn der Weltenbürger, deren Internet”, grummelte Gott den Tod an.

“Dafür hatte ich mit deinem Sohn in der Wüste Spaß”, warf der Teufel feixend ein.

“Ruhe”, donnerte Gott in alter Odin-Manier und nahm sein Blatt hoch. “Mein Algorithmus sagt mir, dass dein Straight Flush, liebster Midas, zu niedrig ist, um zu gewinnen.”

“Vielleicht habe ich doch einen Royal Flush auf der Hand. Vielleicht habe ich vorhin nur geblufft, als ich von Straight Flush redete? Setzt du dein Internet dagegen?” schlug Midas vor.

“Gott, lass dir gesagt sein, nur mal so vom göttlichen Teufel wie mir und nem teuflischen Gott wie dir”, mischte sich der Teufel ein, “solche Karten haben selten Spieler auf der Hand. Zum Schluss gewinnt immer die Bank, also ich. Gehe also nicht all-in.”

“Was ich anpacke, wird zu Gold,” warf der Midas ungefragt in den Raum. “Wenn wir Freunde bleiben sollen, dann sollte es euch gefallen. Und freundlich sollten eure Kommentare ausfallen.”

Gott und Teufel schauten sich unschlüssig an. Midas wedelte ungeduldig mit seinen goldenen Karten und blickte abwechselnd von Gott und zu Teufel und von Teufel zu Gott.

Lediglich der Tod verharrte bewegungslos und unter seiner Kapuze drang nur der Satz hervor: “Egal wie ihr jetzt pokert, am Schluss krieg ich euch beide.”

Im Hintergrund ertönten Hammerschläge. Die Stewardess schaute beängstigt in Richtung Heck Boing 737 Max. Die Hammerschläge hörten sich vielmehr wie Steinkeulenhiebe an. Als ob jemand durch ein Stück Wassermelone mit einer Steinkeule Nägel in ein Holz treiben würde.

Leise pfiff und gurrte als Untermalung der Szene im Hintergrund in g-Moll ein 56-kBit-Modem, die Flugzeugsimulation stockte und auf dem daneben stehenden Herkules-Monitor formierte sich der pixelige Schriftzug “Game over”. Kain war nicht dumm und konnte 1 und 1 zusammen zählen. Kain hatte gelernt. Wütend zog Kain den Stecker.

Aus.

Ende

 

 

Man lernt nie. Aus. (Teil 3)

Was bisher geschah: Teil 1, Teil 2

Aber es gab auch Verräter. Unbotmäßige Mitmenschen, welche sich die Beschuldigung gefallen lassen mussten, im Internet Trollwiesen zu schaffen. Welche angeschuldigt wurden, aus dem Wohlfühl-Areal einer Seifenblasenlandschaft mit Regenbogenstaub und rosa Einhörnern eine Mördergrube zu machen:

„Bei dem Gedankengang, der zum Erstellen dieser Anwendungen erforderlich war, ging es darum: „Wie verbrauchen wir so viel deiner Zeit und deiner bewussten Aufmerksamkeit wie möglich?“ Und das bedeutet, dass wir dir ab und zu einen kleinen Dopamin-Kick geben müssen, eben weil jemand ein Foto, einen Beitrag oder was auch immer gern hat oder kommentiert. Und das wird dich dazu bringen, mehr Inhalte beizutragen, und genau das wird dich einfangen… mehr Likes und mehr Kommentare. Das ist eine soziale Rückkopplungsschleife der Anerkennung … genau diese Art von Sache, mit welcher ein Hacker wie ich kommen würde, weil es eine Schwachstelle in der menschlichen Psyche ausnützt. Die Erfinder und Schöpfer wie ich, Mark Zuckerberg, Kevin Systrom mit Instagram, all solche Leute eben, verstanden diese Schwachstelle bewusst. Aber wir haben es trotzdem durchgeführt.“  (Sean Parker, 2017, Gründer von Napster und ehemaliger Mitgründungspräsident von Facebook)

Gott und Teufel war das egal, ob Mitdenkern im Internet Raum zur Kritik zugestanden wurde. Für beide war jeder im Internet bereits korrumpiert und nicht Ernst zu nehmen. Wer nimmt schon jemanden Ernst, der an dem Ast sägt, auf dem er sitzt. Ganz im Gegentum. Mitmenschen, welche es nur darauf abgesehen hatten, eben die Glückshormonausschüttung zu vermiesen, würden schon von Menschen gemaßregelt und eingenordet werden. Denn es galt weiterhin das alte Steinzeitalter-Gesetz: Willst du nicht mein Bruder sein, dann dann ist die Würde des Menschen bereits vom Kopf an antastbar. Gibst du mir nicht das, was ich mit dem mir angestammten Recht einfordere – also Likes und Kommentare, meinen täglichen Dopamin-Kick, meine Währung im Paralleluniversum – dann werde ich mich dir bar meines Verstandes erkenntlich zeigen.

Als der sogenannte “Arabische Frühling” auf Twitter der Freiheit wegen seine Sternschnuppen-Karriere machte und Twitter in Folge als das Instrument der Freiheit mutiger Individuen abgefeiert wurde, grinste Gott lediglich. Den Menschen war es zu jener Zeit noch undenkbar, dass Jahre später Twitter und sein Dopamin-Belohnungssystem auch von Regierungen massiv systematisch genutzt werden würde. Und nicht nur mittels Twitter entstanden jene Blasen, in welchen Hofnarren-Onanie weitere Dopamin-Kick-Möglichkeiten bereitstellt. Die Anzahl der Twitter-, Instagram-, FB-, Blog-Follower dient als Rechtfertigung und als Rückkopplung zur eigenen Existenzberechtigung im Internet. Der Nutzer giert süchtig nach dem Kick, nach Glücksgefühle. So wie es bereits zuvor in Foren, Blog-Communities und anderen Gemeinschaften Gang und Gebe war. Wer dem “Du bist nicht wie wir, welches wir unser ich ist” entsprach, setzt sich der Gefahr der aktiv betriebenen Ausgrenzung, dem Shit-Storm, aus. Dem Mitmenschen mit der eigenen Internet-Steinkeule zum Blockieren, Löschen, Ignorieren. Gott gefiel es. Blasen waren für ihm keine Konkurrenz, da sie rein technisch waren.

Es gibt ein ganzes Spielbuch mit Techniken, mit denen Sie das Produkt so lange wie möglich verwenden können … . Ob sie [Inhalt erzeugende Menschen] wollen oder nicht, sie formen unabsichtlich die Gedanken und Gefühle und Handlungen der Menschen … . Es gibt immer diese Erzählung, dass Technologie neutral ist. Und es liegt an uns zu entscheiden, wie wir es verwenden. Das stimmt einfach nicht.”  Tristan Harris (2017, Google Produkt Manager )

Doch was kümmern Gott und Teufel jene Rufer in der Wüste, welche eh niemanden niemandem das Wasser reichen können. Besonders nicht in der Wüste, wo es eh kaum Wasser zum Abschöpfen gibt. Menschen können zwar Wüsten zum Erblühen bringen, aber warum sollten solche Menschen gerade mit ihrer eigenen Wüste über deren Augenhöhe anfangen?

Und somit klinkte sich der Teufel in die Vermarktung ein. Er streute Verdienstmöglichkeiten. Jedes Mal, wenn Nutzer der Social-Media-Plattformen dann um deren Verdienst an Likes und Geld fürchten, dann regen sich diese Nutzer und brachten sich selber mit ihren Beiträgen ein, um die Befriedigung an Likes und Geld sicher zu stellen. Ansonsten verrichten sie nur das Werk jenes Antipoden, der seine Erde zurück haben wollte.

Und jenes Werk geht weiter. Gott erschuf Algorithmen. Die Menschen folgten den Algorithmen wie Schafe ihrem Schlachter zur Schlachtbank. Standen Wahlen an, dann sagt der Wahl-O-Mat, ob man aufgrund seiner Antworten eher ein Wähler der CDU/CSU, SPD, Grünen, AfD, FDP, Linken oder der MdB wäre. Algorithmen erklärten, ob der Regenschirm sinnvoll am Arm baumelte, ob der Eisprung termingerecht eintrat oder ob der vorzeitige Samenerguss in Korrelation mit Mondphase, Kussfrequenz und Aszendenten stand und wo man gegen die Mondphasen Super Kamagra unerwischt einkaufen konnte. Der Mensch denkt, der Algorithmus lenkt. Der Mensch dachte, Gott und Teufel lachte.

Der Algorithmus diktierte Menschen das Leben auf der Suche nach dem Glück. Die Lottozahlen für nächsten Samstag. Die Wahlergebnisse der nächsten EU-Wahlen. Wir können uns gerne darüber in einem Restaurant über dieses Thema uns weiter vertiefend unterhalten. Kennst du ein gutes Restaurant? Nicht? Lass uns mal unter TripAdvisor, Foursquare oder Yelp schauen und Bewertungen vergleichen. Oder ich kenne einen Blog, der empfiehlt gutes. Und irgendwann führt urplötzlich am Karfreitag der Weg in ein Haus, in dem aus Hunderten von Kehlen in g-Moll intoniert “Oh Haupt voll Blut und Wunden” erschallt. Trauriges Lied gesungen mit glückseligen Gesichtern, weil ein Algorithmus versichert, der Typ dort am Kreuz kommt in paar Tagen eh ungeschunden davon.

Der Algorithmus unbestechbar, logisch, alternativlos: “Wie alt bist du?” “Über 50.” “Hast du ein Haustier?” “Nein.” Wollen deine Kinder keins?” “Ich habe keine Kinder.” “Was sagt denn deine Frau dazu?” “Ich bin nicht verheiratet.” “Schwule Sau!” Wieder was gelernt.

Oder man sitzt per Algorithmus in einem Flieger Richtung Düsseldorf, weil einem das Navi geraten hat, dem Verkehrschaos am Kölner Ring zu entgehen, und hört dann den Piloten zuvorkommend und höflich die Passagiere fragen, ob sich jemand mit dem neuen Board-Computer-Software der Boing-737-Max auskenne. Und in der letzten Reihe sitzen Gott, Tod und Teufel und pokern mit Midas um das Leben der Stewardess am Versorgungswägelchen mit den Sektflaschen.

Fortsetzung folgt