Ertrage die Clowns (10): Über Rough Music, Halali, Horrido und das erfolgreiche Ende eines Haberfeldtreiben

Im Jahr 1949 steckte sich der junge Joachim Fest einen Zettel ins Portemonnaie, den er bis zu seinem Tode mit sich führte. Auf dem Zettel stand der Satz:

„Ertrage die Clowns!“

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Bei “Rough music” handelte es sich um einen Begriff, der in England gebräuchlich war. Seit dem Ende des 17. Jahrhunderts diente der Ausdruck eine lautstarke Kakophonie, genutzt um Spott oder Beleidigungen gegenüber Einzelpersonen auszudrücken, welche beschuldigt wurden, gewissen Normen einer Gesellschaft nicht respektiert zu haben.“Rough music” war eine Form der Manifestation mit Strafcharakter gegen diejenigen, die die aktuellen Normen des Gemeinschaftsverhaltens missachten. “Rough music” konnte wegen verschiedenen Umständen realisiert werden: kleine Diebstähle unter Nachbarn, Ausdruck der Missbilligung einer richterlichen Entscheidung, gegen unbeliebte Mitarbeiter, gegen die Polizei, gegen Informationsträger, gegen Leichendiebe, gegen Rekrutierer, gegen unpopuläre und mormonische Prediger, aufgrund ungerechter Entlassungen, gegen die Vertreibung einer Familie aus der Hütte des Arbeitgebers, usw. “Rough Music” zeigte sich als rauer Lärm, ohrenbetäubendes Gelächter und obszöne Pantomimen den zu Bestrafenden gegenüber.

Die britische “Rough Musik” hatte seine Entsprechungen in Frankreich als “Charivari”, in Italien als “Scampanate”, in Bayern als “Haberfeldtreiben”, in nördlicheren deutschen Gefilden als “Thierjagen”. Der Begriff “Katzenmusik” hat seine Ursprünge in der Anwendung ebenfalls daher. “Haberfeldtreiben” und “Thierjagen” gehören nicht zu den Ruhmesblättern der deutschen Geschichtsschreibung, weswegen dazu auch nicht viel zu finden ist. Weiterlesen

Wenn der Löw die Meinung des Volkes repräsentiert

Ich grinse. Ich grinse altersdebil. Muss so sein. Ich bin nun mal alt. Zu alt. Ü50. Gnadenlos alt. Arbeitstechnisch den Abstellgleisen zugedacht.

Als ich 20 war, habe ich übelst über die 50-jährigen gelästert. Ahl Männer, aalglatt. Vielleicht war es damals ein Bonus gegenüber den Jüngeren, den U20, um zu zeigen, dass man mit Ü20 besser wäre.

Und heute? Das gleiche. Immer. Insbesondere, wenn man m eigenen Leben bewusst zwölf Weltmeisterschaften der Fußballabtreter miterlebt hat. Damit meine ich mich selber und zwar nur mich immer vor mir der Fernseher (analog bis digital).

Jogi Löw. Der erfolgreiche Weltmeistertrainer. Damals vor vier Jahren im Maracana. Jenem Stadion, Tempel des Fußballs, Gotteshaus des Fußballs. Dort, wo bereits Tina Turner ihren legendäre Rock’n-Roll-Gottesdienst als hingebungsvolle Hymne an die Rock-Musik abhielt. Damals in jenem vergangenen 20. Jahrhundert. Sex, Drugs and Rock’n Roll. Bis es im 21. Jahrhundert wiederentdeckt wurde: als Wein, Weib und Gesang. In der weichgespülten Version, reinkarniert mittels Helene Fischer. Und dann vor vier Jahren die WM in Brasilien: das Hochamt der ehrfürchtigen Fußball-Jünger, atemlos, durch die Nacht begleitet vom Dickicht der TV-Verträge verschiedener Fernsehstationen. Weiterlesen

Que passa, Blogosphäre? No pasaran?

Hallo und Halali.
Heute bereiten wir uns ein Wildbret.
Wildbret gilt es bekanntermaßen zu erlegen. Über Kimme und Korn. Und wenn Kimme fehlt, dann kann man das Korn auch so schlucken.
Hauptsache es macht besoffen und dröhnt.

Desweiteren benötigen wir einen rammelnden Wildhasen, ein heimtückisches Reh oder ein absolut dreckiges Wildschwein. Einen kapitalen Elch findet man in diesen Breitengraden nicht so häufig. Aber wenn man so einen dann trifft und jagen will, dann gibt es Ärger mit den Zoowärtern. Aber statt eines kapitalen Elchs kann man auch notfalls mit einem Oberhirschen vorlieb nehmen.
Aber bitte dann nicht mit dem Hirsch von Ober aus meiner Kneipe, okay? Ich möcht mich auch mal wie Jagende zu dröhnen dürfen. Halali.

Generell sollte es schon freilebendes Wild sein. Denn Gatterwild kann jeder stinknormale Blogger erlegen. Gatterwild kann schließlich jeder abknallen. Selbst wenn man den Jäger zuvor mit Baldrian beruhigt einen halben Meter nahe an das mit Valium betäubte Wild herangeführt hat.
Wild schmückt eben ungemein.

Halali.

Und Wild muss es sein.
Eine wilde Kreatur.
Eine von der Straße.
Mit bleckenden Zähnen und Baseballschläger. Umgeben von einer applaudierenden Meute …

Hm.
Zu wild?
Nun gut.
Dann also doch Gatterwild.
Aus dem eigenen zoologischen Garten.

Dann darf es auch ein kapitaler Elch sein. Oder ein echte Wildsau. Oder ein bunter verzweifelt flatterndes Wildfedervieh a la Fasan.

Hauptsache wild!
Alles ist gut, solange es wild ist!
Und nicht nur für wilde Kerle zum Jagen. Sondern auch für wilde Weiber. Aber so genau will es niemand wissen.

Wichtig beim Jagen – das sagt jeder Jäger – ist es, das Wild auf offenes Terrain zu treiben. Oder zumindestens in ein Nachbargatter.
Manchmal klappt aber das auch nicht wirklich so ganz. Denn vielleicht gefällt es dem zu jagenden Wild in dessen Gatter zu bleiben und weiter zahnlos zu lächeln.

Dann muss das wilde Gatterwild aufgescheucht werden. Am besten mit einem riesigen
Trommel
Wirbel
Pauken
Ballyhoo
Gedröhne. Dann werden noch diverse Schilder deutlich sichtbar auf jede erreichbare Lichtung eingeschlagen. Und weil das sich zahnlos gerierende Wild sich zum Erlegen noch immer nicht vor die Flinte bewegt, wird fleißig lautstark gedroht, einen professionellen staatlichen Jäger an jenes Gatter zu schicken, um es dann offiziell erledigen zu lassen.

Halali.

Ein wenig später wird dann festgestellt, dass der Gatterbesitzer wohl genau so schlimm sei wie das Gatterwild. Denn schließlich könne ja der Gatterbesitzer das Gatterwild locker selber erlegen. Und täte er es nicht, wird jener öffentlich vergattert, auch der nicht viel besser als dessen Gatterinhalt zu sein. Und das Schreiben an den professionellen staatlichen Jäger sei ja auch schon seit Jagdbeginn fertig im Couvert.

Halali.

Hat dann aber der Besitzer des zoologischen Gartens das Gatter des zu erledigenden Wilds aufgelöst und das darin hüpfende Wild rausgeschmissen, dann freut sich die Jägermeute. In jubelnden Arien wird glorifiziert, über deren eigenen Androhungen, offiziellen Jägern Bescheid gegeben haben zu können, aber nicht gemacht zu haben sondern deren eigenes Jagdsystem durchgesetzt zu haben. … Scheiß-Satz mit Scheiß-Grammatik, ich weiß …

Ziel erreicht, Klappe zu, Affe tot.

Das Wildbret ist den Jägern zwar durch die Lappen gegangen, weil denen schon lange zuvor die Kimme abhanden gekommen war. Und somit besäuft man sich an deren eigenem Korn.

Halali.

Hallo?
Halali?
Hallihallohallöle!

Sowas klappt einmal, sowas klappt zweimal, sowas klappt dreimal. Wenn man es eben nur nach jener Systematik treibt. Das Jagdvieh ist austauschbar.
Es muss ja nicht unbedingt ungenießbares und krankes Wild sein. Und es kommt ja auch nicht wirklich auf das Wild an sondern eher auf den Jagd-Reflex und das, was bei anderen dabei auch noch aktiviert werden kann.

Nur das dumme dabei ist:
Sollte das Wild nur auf zahnlos gemacht haben und in Wahrheit eine echte Ratte sein, dann würde nachher wirklich jeder drüber trauern, dass man nicht einen offiziellen staatlichen Rattenjäger mit der Jagdaufgabe betraut habe und jetzt die Ratte sich weiterhin rattig vermehrt.

Nun ja.

Eine wilde Ratte ist ja kein Wildbret sondern eine wirkliche Bedrohung. Aber das wird den Jagenden wohl egal sein. Denn solange bei fehlender Kimme und massenhaft Korn ein Rausch möglich ist, werden solche Rattentheorien ins Reich der puren Kaffeesatzleserei verbannt. Systematisch verbannt.

Und die Moral von der Geschicht?
Wildbret kauft man besser tiefgekühlt im Supermarkt ihres Vertrauens.
Und bitte auf das Haltbarkeitsdatum achten. Nicht dass es schon Gammelfleisch ist, bevor man es vor dem eigenen Flintenlauf zurecht drapiert hat.
Wild drapiert, versteht sich.

Hauptsache wild!
Alles ist gut, solange man wild ist!

Halali.