Das Corona-Tagebuch: Provinznotizen aus Deutschland Süd bei Südost (19): Helden-Epen

Einer muss das ja tun. Immer einer. Also muss ich jetzt ein Wort zu unseren Heldinnen und Helden (verkürzt in Folge gesamtheitlich als “Helden” bezeichnet) verlieren. Die Helden, welchen wir vom Balkon immer gegen Sechs mit Applaus beschenken sollen, damit sie nicht aufhören Helden zu sein. Weil, wir könnten das ja nie. Helden sein. So wie jene wahren Helden. Wie gut, dass wir in der Krise eben solche Menschen haben, die nicht immer gleich nur an sich selber denken, sondern an andere. Gemeint sind solche wie Krankenpflegepersonal, Altenpflegekräfte, Verkäuferinnen und Kassierer, Klopapierregalbefüllende, Ärztinnen und Ärzte, Müllwerkende, Buslenkende, verspätetes Bahn-Personal, pünktliche Postbotinnen und Postboten, immer präsente Polizei und Knöllchenverteilende und all jene unbekannten Pizza-Boten, Bierverteiler und Zigarettenautomatenbefüllenden und so weiter und so fort. Working class heros. Ja, eben jene mit Applaus bedachten Menschen unserer Gesellschaft, jene denken nicht nur an sich, so wie wir es von Vorständen, die Bänkerinnen und Bänker, Unternehmensberaterinnen und -berater, Finanzdienstleistungspersonal und so weiter und so fort kennen. Es ist ein erhebendes Glück, dass wir jetzt eben diese Heldinnen und Helden aus den zuerst aufgezählten Bereichen haben. Sie nützen uns. Eben die typischen als Gutmenschen verschrieenen Tu-Wat-Homo-Sapiens-Vertreter. Denn die an anderer Stelle erwähnten Arbeit-Nehmenden ohne Applaus-Spende lebenden Homo-V-Erectus-Vertreter würden sich zuerst einmal einen deftigen Schluck aus der Lohnpulle gönnen, bevor sie nach dem Rülpsen den folgenden Handschlag planen und dann – wenn ihnen nichts mehr einfällt – nach der Beteiligung des Staates schreien würden, weil denen das Geld aus der Lohnpulle fehlt.

Ganz im Gegentum dazu jene anderen. Wie gut wird es sein, wie toll werden wir uns dann daran erinnern und es auf den Titelseiten der Medien jenen entgegenhalten, wenn nach der Krise eben jene Helden und Heldinnen vorgeworfen werden wird, dass deren überzogenen Lohnzuschlagsforderungen das profitorientierte Gesundheitssystem ernsthaft belasten würden und die öffentliche Hand kein Geld mehr hat.

Letztendlich wird dann zudem noch der Chor der Doppelverdienenden deren Leid-Lied anstimmen, dass man in der Corona-Krise – als Kindergärten und Kitas geschlossen wurde – keine billigen rumänische Hausmädchen mehr schwarz unter der Hand als Kinderbetreuung einfliegen lassen konnten, sondern offiziell in Deutschland auf Steuerkarte arbeitende Kindermädchen mit verifizierten Corona-negativ Test für teures Geld nehmen mussten, um nicht auf all jene arbeitslosen rumänischen Frauen zurück greifen zu müssen, deren Bordelle wegen Corona zugemacht wurden. Und nach der Widereröffnung von Kindergärten und Kitas solle doch der Staat jene Kosten über die Lohnkosten senken, weil man müsse auch an eben jene Eltern denken, die nächstes Jahr mit ihren Kleinen endlich mal wieder gemeinsam verdient in den Urlaub an den Strand fliegen wollen und die Kosten für Urlaub seinen ja auch unverständlicherweise gestiegen. Es wird ein Chor-O-Nana-Gesang werden, den die Sirenen im alten Griechenland zu nicht Corona-Zeiten nie besser hinbekommen hatte. Der Staat wird dem unkritisch zustimmen, weil ja Doppelverdiener nach der Krise wieder systemisch geworden sind, senkt deren Einkommenssteuer und Erbsteuer vom Erbe derer Ü70-jährigen Eltern, deckelt Löhne im Sozial- und Gesundheitsbereich und gibt Urlaubsgutscheine für Doppelverdiener raus, weil diese durch die Krise unverhältnismäßig stark finanziell belastet wurden. Nur Alleinerziehende mit Kind, Aufstocker und SGB-II-Bezieher werden den nicht erhalten, weil die wären mit deren Situation ja auch bereits vor der Krise zurecht gekommen. Ich weiß schon, warum ich aus gutem Grunde immer “Adults only”-Hotels gebucht hatte.

And now to something completly different.

Eine Unterhaltung auf einer Parkbank im Münchner Englischen Garten, erlauscht im entlaubten Untergehölz eines Biergartengebüsches: “Opa, erzähl doch mal. Wie war das damals, als die Straßen komplett leer waren.” “Oh, liebstes Engelchen Enkelchen, das war hart. Wirklich hart. Eine Krise beherrschte das Land und machte es sich untertan.” “Krise?” “Eine Krise, liebstes Enkelchen, eine Krise wie ein brutaler Virus.” “Wie ein Virus?” “Alles war komplett lahm gelegt. Nichts ging mehr, nichts bewegte sich mehr, die Welt stand still, urplötzlich von einem Tage auf dem anderen still, weil es die Regierung so wollte.” “Das hört sich nach Horror an, Opa. Weswegen denn? Was war denn da los?” “Das war wie Ausgangssperre. Es war die Ölkrise, mein Enkelchen. Die Ölkrise. Die Sonntage der Siebziger des letzten Jahrhunderts während der Ölkrise waren unglaublich hart.” …


Eine Anmerkung in eigener Sache:

Bereits seit 14 Jahren bin ich hier bei WordPress vertreten. Na und? Schön für mich, woll. Darauf ein Prosecco, dass ich den jetzigen Blog dann seit fünf Jahren hier aktiviert habe. Das heißt, lockere neun Jahre zuvor ohne Kommentare zu all den nicht geposteten Ideen. Wer kann schon so etwas aufweisen? Na also! Stößcken!

“Wo wollen Sie in fünf Jahren stehen, Herr Careca?” Bewerbungsgespräch für die Zukunft. “Ein Blog mit vielen Lesern und noch mehr Kommentaren.” “Okay. Willkommen. Jedoch nur, wenn Sie ersten beiden Ihrer Erwartungen auf Null runter schrauben würden.” “Passt. Aber auch nur, wenn Sie dann mit meiner riesigen Popularität umgehen können.” Ich las damals noch das digitale Lachen auf dem Monitor. Jetzt weiß ich, die Macher von WordPress können mit meiner Wahnsinnspopularität genau so gut umgehen, wie ich mit meiner zuvor. Passt schon.

Motiv meines Geschreibes? In eigener Schreibe. Um der Flasche Wein vor mir und dem gefüllten Glas daneben einer Rechtfertigung zu zuführen. Nach dem Gin-Tonic zuvor. Trinke ich zu viel? Wayne interessiert’s. Wird eh keiner beurteilen können. In der Kontaktsperre bin ich von solchen Aburteilungen gefeit. Im privaten Home Office gibt es keine Alko-Teströhrchen mit denen man mein Geschreibe wegen dem Chinesen Do-Ping für ungültig erklären kann. Nun ja. Vor der Krise war die Arbeit am nächsten Morgen ein Grund, am Abend nichts zu trinken. Wegen der Kurzarbeit fällt dieser Grund weg. Und irgendwie muss ich mir ja die ganzen Zeitungsstatistiken der Corona-Statistik schön saufen. Ob das klappt, könnte ich ernsthaft bezweifeln. Bei Frauen hat es letztendlich ja auch nie gewirkt, woll. Tu ich aber nicht, gell.

Der Mann ohne Helden-Lizenz, der die Welt rettete

In einem fernen Land und Zeitalter der heutigen Jetztzeit existierten Paralleluniversen. Sie waren zahlreich und wurden immer argwöhnisch beobachtet. Es herrschte immer ein wenig Angst darüber, dass diese Paralleluniversen schädlich für die Zukunft sein könnten. Dass sie deren Bewohner gehirnwaschend verblöden könnten, weil deren Bewohner nicht erreichbar waren und kein Auslieferungsvereinbarungen für jene machbar waren, noch gab es Visen, um diese rechtmäßig zu betreten.

Comics waren so ein Paralleluniversum. Comics waren die Verkörperung der Ausgeburt der Ungebildetheit. Viel schlimmer noch: sie sollten die Bildung schädigen. Wie das Fernsehen. Dass Fernsehen blöd macht, weil es die Menschen amüsiert und vom Ernst des Lebens ablenkt. Vielleicht hatten die Erwachsenen von damals Recht und der Welt ist eine Generation von Einsteins entgangen. Oder neue Führer, welche wie Jeanne d’Arc ihr Heer in die Schlacht werfen, foltern und morden und dann als Märtyrerin, Jungfrau und Heilige verehrt werden.

Helden.

Jede Kindheit hatte ihre Helden. Meine ersten waren Fix und Foxi, zwei kleine bunte Plastikfigürchen. Zusammen mit einem kleinen Würfel und zwei Bleistiften spielten wir drei die KO-Runde der Fußball-WM 1974 nach, bis ins Finale, wo dann Müller den Ball vor sich hatte, in einer Drehung den Ball vorm Elfmeterpunkt, im Fallen, drehend … und der Torwart lang und länger sich machte und der Ball ins Netz und die darauffolgende zweite Halbzeit bang und bänger … . Paralleluniversum. Es ist bewiesen. So etwas schadet. Ich wurde in Folge dessen nie Fußballspieler (maximal -treter) und reckte nie einen bedeutenden Pokal in eine sternenglänzende vibrierende Nacht, wurde nie berühmt und spielte mit Plastikfigürchen, Würfel und Bleistiften auf einem grasgrünen Teppichbodenbelag liegend.

Danach hatte die Firma “Mattel” neue Paralleluniversen geschaffen, Ende der 70er Jahre. Sie brachte “Action Man”-Figuren raus. “Big Jim” hieß eine Reihe. Während die  Mädchen fleißig mit Barbie und Ken die harmonische Welt einer Bilderbuchehe in einem Bilderbuchhaus trainierten, hatte wir Jungen die “Action Man”-Figuren. “Äktschen-Männer” brauchten keine Villa, keinen großes amerikanischen Straßenkreuzer oder eine treu sorgende Hausfrau. Sie hatten die Wildnis als Villa, maximal einen Jeep und ihre Braut war irgendeine Waffe, um sich gegen wilde Tiere zu wehren. Unbesiegbar, erfolgreich und heldenhaft. Aber Helden sterben einsam. Keine Ahnung, was aus meiner “Big Jim”-Figur letztendlich wurde, ob meine Eltern sie verschenkt haben oder ob sie auf einen der illegalen Müllgruben auf dem westfälischen Land in einem tiefen Erdloch verschwanden. “Big Jim” jedenfalls landete da, wo es keine Leidenschaft mehr gibt, wo höchsten Spinnen ihr Netz aufhängen, um anderen Lebewesen heroisch deren Leben das Garaus zu machen, in einer Ecke.

Freunde lasen Comics mit den angesagten Superhelden. Tarzan, Spiderman, Batman oder Superman. Superman vor allem. Der brave Clark Kent, der immer ein wenig so aussah, wie Barbies Ken. Clark Kent, der Journalist, der seine Barbie – jene Lois Lane – anhimmelte und dann eine Telefonzelle betrat, um aus ihr nachher mit einem Arm voraus gestreckt fliegend die Welt vor den Bösen rettete. Das war ein Superheld. Ein Freund überließ mir zwei Comics und ich las sie heimlich, wie es sich gehörte unter der Bettdecke mit meiner Taschenlampe. Meine Eltern mochten keine Comics, erstens weil sie schaden sollen und zweitens auch noch unnötig Geld kosteten. Ich las sie aber trotzdem. … Paralleluniversum. Erneut ist es bewiesen. So etwas schadet definitiv. Ich wurde nie Superheld, flog nie durch sternenglänzende, vibrierende Nächte, wurde nie berühmt und las stattdessen weiterhin gerne Comics unter der Bettdecke.

Mir fällt da noch das Comic “YPS” (mit Unterschlagzeile: “Comic mit Gimmick”). Die Comics waren so platt wie die einfach gezeichneten Figuren und das trotz der Geld-Zauber-Maschine oder der Trick-Schiebe-Schachtel (= eine Mark rein und zurück gab es 5 Pfennig). Braucht es noch ein Beweis, wie schädlich Comics sind? Ich wurde nie Millionär trotz der angebotenen Möglichkeit, andere um ihre mühsam ersparten Märker oder 5-Mark-Scheine zu bringen … . Wahre Helden wären damit groß geworden. Wie Ronald Briggs. Oder unsere Helden der Finanzkrise, der Josef Ackermann oder der Peer Steinbrück. Die haben garantiert in ihrer Jugend keine Comics gelesen. Oder fern gesehen. Oder mit Anziehpuppen gespielt.

Irgendwann war die Freundschaft mit den Figuren aus. Sie hatten des Lebens nicht. Der Entscheidung nicht. Es fehlte ein Impuls für weiteres. Dann kamen die “wirklichen” Helden. John Lennon, Mahatma Ghandi. Aber das war den anderen auch nicht recht. Der eine Kommunist, der andere geistiger Spinner, aber beide real von Kugeln ins Herz getroffen, was nach Ansicht der anderen, diese als berechtigte Begründer einer Parallelwelt disqualifizierte. Denn es waren keine “Action”-Helden-Figuren aus der Mattel-Reihe, keine Comic-Heft-Helden, keine Fernsehprodukte. Aber sie wurden eindeutig als “schädlich” für die Zukunft eingeordnet. Denn mit jenen Typus Mensch der beiden “wär der Russe schon in drei Tagen hier” wurde gleichzeitig der Teufel an die Wand gemalt.

Es war die Zeit der Proteste gegen die Aufrüstung und gegen ein institutionalisiertes Feindbild, dem alles untergeordnet wurde. Es war die Zeit Anfang der 80er und in unserem Dorf war nur Platz für die wenigen “wahren” Helden: Kohl, Strauß und der Papst. Alle andere waren entweder Kommunisten, Heiden oder beides. Wer das nicht kapierte, lebte eh in einem Paralleluniversum und war bereits unrettbar geschädigt. So stand ich also mit paar Freunden 1983 jede Woche rund um unseren kleinen Dorfpumpenbrunnen und trug ein Schild um den Hals: “Schweigen für den Frieden” hieß die Aktion und sollte auf den Rüstungswahnsinn der Welt hinweisen. Blicke streiften uns hin und wieder. Freundliche waren kaum dabei. Aber den meisten war wir sowieso egal. Auch der Gruppe von etwas älteren Jugendlichen, bei der eine junge Frau ihr Baby immer wieder leicht in die Höhe warf und das Baby dabei vor Freude gluckste. “Lass es fallen, ich mach dir ein neues”, war die Bemerkung eines der dabei stehenden jungen Männer. Die Szene hat sich in mein Hirn eingegraben und ist mir so lebendig wie damals vor Augen. Und dann eine Vision, was wäre, wenn jetzt über unseren Köpfen eine atomare Rakete explodieren würde, weil das ganze System der atomaren Abschreckung aus dem Gleichgewicht geraten sein würde.

Das Jahr 1983. Mit friedlichen Methoden der Umgebung aufzuzeigen, wie aus dem Freund-Feind-Denken ausgestiegen werden konnte, war recht unwillkommen. Wer das tat, gehörte zu den “Weltfremden”,”Spinnern” und “Träumern”. Wäre der Russe wirklich einmal mit seinen Panzern angerollt gekommen, es hätten alle selbsternannten Realisten ihre PKWs sofort in die eigenen Garagen gefahren, damit das Blech keinen Schaden nehmen würde. Denn Helden, die gab es in unserem Dorfe nicht. Helden gab es auf der Leinwand. Christoper Reeve flog “Superman” ja bereits in der dritten Verfilmung über die Leinwand und rettete mehrfach die Welt. “James Bond” hatte ebenfalls nur eine Aufgabe und zwar heldenhaft die Welt vorm Bösen zu retten. Und dann war da noch “Conan, der Barbar”, jener Boxer “Rocky” und sein wilder Pedant “Rambo”. Die Welt war voll von fiktiven Superhelden.

Aber niemand gab etwas auf denjenigen, der wirklich die Welt rettete und weder durch Comic-Heftseiten, noch über Leinwände jagte, noch die Fernsehzuschauer an der Mattscheibe kleben ließ, geschweige denn einen Friedensnobelpreis erhielt:

Stanislaw Jewgrafowitsch Petrow.

Sein Name ist kaum jemanden ein Begriff. Auch Menschen in meinem Altersbereich sagt der Name nichts. Er konnte nicht mit voraus gestrecktem Arm atomare Raketen umlenken, er durchschnitt kein Kabel einer Atombombe, während er mit einem Lächeln auf den Lippen einen bösen, machthungrigen General per Blattschuss aus seiner Walther PPK mit Brausch-Schalldämpfer erledigte. Er ritt auch nicht bis an die Zähne bewaffnet ins Feindgebiet, um dort jeden Bösewicht ins Jenseits zu befördern, damit die Frommen in Frieden leben können.

Nein, Stanislaw Jewgrafowitsch Petrow hat sich dadurch zum Retter der Welt gemacht, indem er einmal einfach das tat, was von Helden nicht erwartet wird. Oder besser gesagt: indem er nicht das tat, was von ihm erwartet wurde: nicht nachzudenken, sondern einfach zu handeln. Petrow war vor 35 Jahren (1983) Oberstleutnant der Sowjetarmee. Am 26. September 1983 meldeten die Frühwarnsysteme einen amerikanischen Angriff durch Atomraketen. Da Petrow den Systemen nicht traute und lieber abwartete statt die Meldung direkt weiterzuleiten, stellte es sich heraus, dass es sich um einen Fehlalarm gehandelt hatte. Hätte er nicht abgewartet und pflichtgemäß gehandelt, der atomare Holocaust wäre 1983 eingetreten.

Stanislaw Jewgrafowitsch Petrow war im übrigen nicht der erste, der die Welt rettete. Es gab vor ihm auch noch Wassili Alexandrowitsch Archipow, der in der Kuba-Krise seine Zustimmung zu einem atomaren Torpedo-Abschusses an Bord seines U-Boots verweigerte, obwohl bereits die amerikanischen Streitkräfte das U-Boot mit Übungswasserbomben attackierten und die U-Boot-Mannschaft davon ausging, dass sich die Kuba-Krise in einen Krieg ausgeweitet hätte.

Petrow und Archipow passen irgendwie nicht in unser Superhelden-Raster und auch nicht in die Freund-Feind-Denke, was den “bösen” Feind in Russland angeht. Sie haben weder Hollywood-mäßig spektakulär gehandelt, noch waren sie herausragende Menschen. Petrow beispielsweise war wohl eher einer, den man auch mal als “Stinkstiefel” bezeichnen würde. Als sich der Angriffsalarm des Frühwarnsystems als Fehlalarm herausgestellt hatte, ging jeder in seiner Einheit davon aus, dass Petrow hoch dekoriert werden würde. Bei dem Alarm handelte es sich um einen Systemsoftware-Fehler und eine Auszeichnung Petrows wäre ein Zeichen der Demütigung anderer hochdekorierter Generäle empfunden worden. Und daher wurde Petrow auch nicht ausgezeichnet. Er wurde nicht zum Superhelden. Er wurde wegen seiner weltrettenden Entscheidung nicht bekannt. Er wurde nicht berühmt und zeitnah weltweit in Zeitungen und Fernsehen geehrt. Es wurde kein Hollywood-Film über seine Tat gedreht. Lediglich ein dänischer Dokumentarfilmer, Peter Anthony, nahm sich des Stoffes an und dokumentierte ihn, als Petrow 20 Jahre später ein wenig bekannter und in der UN geehrt wurde. Aber selbst das wurde nie wirklich an die große Glocke gehangen. Denn die wurde im Jahre 2006 bereits als Todesglocke für Militäreinsätze in Irak, Pakistan und Afghanistan benötigt.

Eigentlich weine ich dem Superhelden “Superman” ein wenig hinter her, wenn er über die Leinwand fliegt. Die Verbindung zu seinem Paralleluniversum wurde zerstört. Er ist nur noch in Lichtspielhäusern willkommen. Die Telefonzellen wurden abgeschafft.

Sie machen heuer sehr viel massenhaft Überstunden, die Superhelden in den Kinos dieser Welt, um eben diese Welt für die Kinobesucher zu retten. Eine schöne Illusion. Die unbekannten Helden eben eher in deren unbekannten Raum eines wirklichen Universums, in jenen Räumen, auf denen nur hin und wieder kurz ein kleines Licht fällt. Superhelden stehen immer im Licht und leben davon. Die unbekannten Helden spekulieren nie auf ein Rampenlicht und taugen daher nicht für Heldenepen. Deswegen kennt sie auch nie jemand … .

Danke, Petrow, und alles Gute!

In Memoriam Stanislaw Jewgrafowitsch Petrow (*1939,+ 2017)

 

All that happened didn’t matter to me—it was my job. I was simply doing my job, and I was the right person at the right time, that’s all. My late wife for 10 years knew nothing about it. ‚So what did you do?‘ she asked me. ‚Nothing. I did nothing.‘

(Petrow)

Kneipengespräch: Telefonzellen und andere Beschränkungen …

Tresen 0

»Lange dich nicht mehr hier im Lokal gesehen.«
»Ich habe Studien betrieben.«
»Studien?«
Teilnahmslos füllte der Wirt diverse Kölschstangen. Mein Nachbar schien mir zuhören zu wollen.
»Am Menschen und seinen Hinterlassenschaften.«
»Bahnhofsklo-Sightseeing?«
»Nein, eher Heldenforschung.«
»Könnte aufs gleiche Rauskommen.«
»Ist aber ein bedeutender Unterschied.«
»Welcher?«
»Jene Schilder auf öffentlichen Klos wurden nie für Helden an Klowänden aufgehangen: Hinterlassen Sie diesen Ort so, wie sie ihn vorzufinden wünschen.«
»Mag sein, aber ich kachel doch nicht ein öffentliches WC, nur weil ein Schild es von mir fordert. Das überlasse ich lieber wahren Helden. Allerdings, ich hätte auch gerne mal meine private Telefonzelle, in der ich mit grauem Anzug und unauffälliger Brille hinein Weiterlesen