Ertrage die Clowns (10): Über Rough Music, Halali, Horrido und das erfolgreiche Ende eines Haberfeldtreiben

Im Jahr 1949 steckte sich der junge Joachim Fest einen Zettel ins Portemonnaie, den er bis zu seinem Tode mit sich führte. Auf dem Zettel stand der Satz:

„Ertrage die Clowns!“

++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++

Bei “Rough music” handelte es sich um einen Begriff, der in England gebräuchlich war. Seit dem Ende des 17. Jahrhunderts diente der Ausdruck eine lautstarke Kakophonie, genutzt um Spott oder Beleidigungen gegenüber Einzelpersonen auszudrücken, welche beschuldigt wurden, gewissen Normen einer Gesellschaft nicht respektiert zu haben.“Rough music” war eine Form der Manifestation mit Strafcharakter gegen diejenigen, die die aktuellen Normen des Gemeinschaftsverhaltens missachten. “Rough music” konnte wegen verschiedenen Umständen realisiert werden: kleine Diebstähle unter Nachbarn, Ausdruck der Missbilligung einer richterlichen Entscheidung, gegen unbeliebte Mitarbeiter, gegen die Polizei, gegen Informationsträger, gegen Leichendiebe, gegen Rekrutierer, gegen unpopuläre und mormonische Prediger, aufgrund ungerechter Entlassungen, gegen die Vertreibung einer Familie aus der Hütte des Arbeitgebers, usw. “Rough Music” zeigte sich als rauer Lärm, ohrenbetäubendes Gelächter und obszöne Pantomimen den zu Bestrafenden gegenüber.

Die britische “Rough Musik” hatte seine Entsprechungen in Frankreich als “Charivari”, in Italien als “Scampanate”, in Bayern als “Haberfeldtreiben”, in nördlicheren deutschen Gefilden als “Thierjagen”. Der Begriff “Katzenmusik” hat seine Ursprünge in der Anwendung ebenfalls daher. “Haberfeldtreiben” und “Thierjagen” gehören nicht zu den Ruhmesblättern der deutschen Geschichtsschreibung, weswegen dazu auch nicht viel zu finden ist.

Dafür findet sich aber erheblich mehr zu “Halali” und “Horrido”. Zuerst das “Halali”, wenn das Wild im Gelände gesichtet wurde, und dann das “Horrido”, wenn es erlegt wurde. Weidmannsheil hat mit Weidmanndank dem Erlegten nichts zu tun. Der Erlegte erfuhr lediglich Waidgerechtigkeit, wenn der Erlegte bereits waidwund geschossen wurde. “Die Jagd schmückt” ist ein deutsches geflügeltes Wort unter dem Geldadel. Weswegen das Wort “Feldjäger” unter dem Nicht-Geldadel dann auch so unschuldig nobel daher kommt.

Im Jagdfieber gilt nur der Sieg. Der Sieg ist das Ziel. Die Methode ist dabei egal. Ob “Haberfeldtreiben” oder “Thierjagen”, egal, Hauptsache, es dient der klandestinen Hetzjagd in Deutschland. Hetzjagd ist bekanntlich in Deutschland verboten. Eigentlich. Aber uneigentlich ist “Haberfeldtreiben” das Handwerk der Hetzer. Und solche hat es zuhauf. Denn sie wollen alle siegen. Alle über alles.

“En gros, si je marque, je suis français, mais si je ne marque pas ou qu’il y a des problèmes, je suis arabe.” Karim Benzema, 2011 im französischen Magazin “So Foot

“In the eyes of Grindel and his supporters, I am German when we win, but I am an immigrant when we lose.” Mesut Ozil via twitter

Wer vor Jahren noch mit wem zusammen saß, welcher schon damals nicht koscher war, das interessiert nicht einen Menschen. Nach dem Ausscheiden der “Mannschaft” in Russland hieß es von entsprechender Seite, dass damit der Beweis angetreten wäre, dass Multikulti nicht funktionieren würde. Als die Franzosen Weltmeister wurden, haben die Gleichen sich nicht entblödet, diesen geistigen Flachsinn zu unterbieten, indem sie die Franzosen als Nafri-Kanische Mannschaft deklarierten. Das SPD-Mitglied Bernd Holzhauer konnte Özil als “Ziegenf***er” schwer beleidigen, ohne ein Parteiausschlussverfahren zu erhalten. Ganz im Gegentum, er bekam sogar vielfach ungesühnten Applaus für seine geistige Diarrhö.

Und was lag zwischen der gewonnen Weltmeisterschaft 2014 mit Özil in Rio de Janerio und heute mit dem “Alle-gegen-Özil”? Eine erhebliche Klimaverschlechterung. Die Flüchtlingsproblematik. Brennende Flüchtlingsheime ohne Täter. Ein als überflüssig angesehener Prozess gegen NSU-Terror mit seinen zehn Erschossenen. Und dann noch – heute vor zwei Jahren – der rechtsradikale Schüler David S., der in einer Münchener Fast-Food-Niederlassung fünf Migranten regelrecht hinrichtete. Und dann – vor fast einem Jahr – wählten bereits 12,6% der Wähler die AfD. Und heute beherrschen deren gesellschaftsfähig gewordener Sprach-Duktus inzwischen erheblich mehr als 50% der Bevölkerung. Und dann noch das „DieselGate“ gegen die ach-so-populären spritsaufenden SUVs …

Heute – am zweiten Jahrestag der geplanten Tötung der fünf Burger-Restaurant-Besucher – demonstrierten über 20.000 Menschen in München gegen jene Hetze, welche ja inzwischen auch bei christlichen und rechten Parteien vollkommen opportun ist. Demonstrationen gegen die rechtsradikale Meinungsmache geschieht in München immer wieder. Weit häufiger als im restlichen Deutschland. Menschen, die  “Nein” sagen zu dem allgemein verbreiteten AfD-Sprech und deren Hetze.

Heute trat Mesut Özil aus der Nationalmannschaft zurück (“Racism should never, ever be accepted”, Mesut Özil via twitter). Und die Reaktionen vieler Social-Media-Nutzer und bestimmten Journalisten zeigen, dieses ist denen überhaupt nicht recht, denn sie hatten einen Kotau vor der organisierten Hetze erwartet und auch postuliert.

Aber im Internet findet sich jetzt das unsägliche Horrido. Wenn all die menschenfeindlichen Rechtsradikalen, die ethoslosen Schlechtmenschen aus Überzeugung und ihre rechten Sympathisanten samt tumben Mitläufer jetzt dem Özil vorwerfen, er hätte sich mit einem Menschenrechtsverletzer gemein gemacht, dann entbehrt das nicht einer gewissen geistigen Verwahrlosung bedenklichem Ausmasses.

Die Treibjagd, das Haberfeldtreiben gegen Özil ist zu Ende. Und der Grindel, dieser organisierte Oberförster – Ex-MdB und Hinzugehöriger einer Christen-Partei und im Jahr 2004 derjenige mit dem Zitat “Multikulti ist in Wahrheit Kuddelmuddel […] eine Lebenslüge, weil Multikulti in vielen Vierteln eben nur Monokultur geschaffen hat, wo Anreize zur Integration fehlen” – dieser Grindel grindelt grinsend dazu.

Denn ab jetzt können die Jäger sich ihren nächsten Opfern zuwenden. Wer möchte es gerne sein? Die Waffen der Jäger sind peinlichst sauber geputzt (keine Fingerabdrücke), geladen mit allem Unrat dieser Welt, schussbereit den Abzug angezogen über Kimme und Korn den nächsten Waidschuss geplant. Mitten in die Gedärme des Anvisierten.

Halali.

Danke für das Weglesen dieses meines Blogeintrages.

Herzlichst

Careca

3 Gedanken zu „Ertrage die Clowns (10): Über Rough Music, Halali, Horrido und das erfolgreiche Ende eines Haberfeldtreiben

  1. Der deutsche Michel akzeptiert »Fremde« nur dann, wenn sie uns Döner und Gemüse verkaufen, den Dreck wegmachen, Spargel stechen, Autos preiswert ausbeulen und unseren Alten den Arsch abwischen.

    Gefällt 1 Person

  2. Der deutsche Michel akzeptiert »Fremde« nur dann, wenn sie uns Döner und Gemüse verkaufen, den Dreck wegmachen, Spargel stechen, Autos preiswert und unseren Alten den Arsch abwischen.

    Gefällt 1 Person

    • Es gibt eine Person in diesem Twitter-Triptichon des Rücktritts von Özil. Eine Person, die er namentlich erwähnt hatte und welche somit als Zeuge und Instanz eingreifen könnte: der Bundespräsident Frank Walter Steinmeier. Aber das wird in den gesamten Reaktionen nicht erörtert. Das verwundert aber nicht wirklich. Denn an der Erklärung von Özil wird bereits jetzt schon wunderbar vorbei diskutiert, um gegen ihn zu diskutieren. Zudem können viele nur hundsmiserabel schlecht englisch wie der SID (Sport-Informationsdienst), welcher direkt in dem Özil Tweet ein „Er wird es wieder tun“ heraus übersetzt hat. Der Klassiker der Inhaltsverfälschung, so wie wenn über Özil wissentlich falsch behauptet wird, auf dessen Trikot für Erdogan hätte „Für meinen Präsidenten“ gestanden. Dann fällt es ja auch nicht weiter in Gewicht, dass Özil ein Erstarken der Rechtsradikalen und deren Gedankengut erfahren hat. Da wird weder über den ihn beleidigend habenden Politiker geredet, noch über den Fan, der ihn massiv beleidigte und wobei Köppke Özil von jenem Rassisten nach dem Südkorea-Spiel weg zog. Das ist ja alles recht und ordentlich. Da braucht es auch keine Diskussion drüber. Auch nicht über den Ehrenspielführer der deutschen Nationalmannschaft, der dem Putin ein Fußballtrikot mit überreicht hat. Hauptsache ist aber, vor Özils Hautüre zu kehren …

      Gefällt mir

Die Kommentarfunktion ist geschlossen.