Zum heiteren Karneval: Die Lage ist ernst …


Vielleicht hätte ich es unterlassen sollen. Am Alter Markt in der Kölner Altstadt. Zur Eröffnung des Straßenkarnevals am Altwieverfastelovend. Ich hätte es unterlassen sollen. Als ich bei einem der vielen Polizisten mit ihren durchgeladenen Maschinengewehren, die zum Schutze der Altwieverfastelovend-Jecken an strategischen Punkten öffentlich sichtbar positioniert waren, als ich in so einem Maschinengewehrlauf eine rote Nelke hinein steckte.

Nelken in Gewehrläufe. Tut man nicht. Nicht kurz vor Karnevalsbeginn, vor 11:11 Uhr. Und auch nicht kurz danach, nach 11:11 Uhr. Selbst dann nicht, wenn auf der großen Bühne diverse Karnevalsgesellschaften die Veralberung des Militärischen mit ihren offiziellen Karnevalsuniformen betreiben.

Nelke in Gewehrlauf. Das ist kein Spaß. Selbst wenn man es mit einem freundlichem Lachen tut.

Sie verkennen den Ernst der Lage, mein Lieber!“

Seine Worte waren von ihm langsam und bedächtig ausgesprochen worden. Mit einer Geste winkte er seinen Begleiter heran.

Ich bezweifle, dass die Lage überhaupt Ernst verdient hat. Sie ist eher lachhaft“, entgegnete ich und versuchte ebenfalls Ruhe in meiner Sprache zu bringen.

Sie sollten vorsichtig mit Ihrer Einschätzung sein. Es gibt viele Leute, welche die Lage sorgt.“

Sein Begleiter stand jetzt hinter ihm. Sein Blick fixierte mich wie ein Gerichtsdiener einen Verbrecher beobachtet. Ich war mir meiner Einstellung sicher, aber der Mann und sein Begleiter waren aus einem anderen Holz geschnitzt als vielleicht jene, die zuvor mit mir in Kontakt getreten waren. Freudloser erschienen sie mir.

Warum habe ich den Eindruck, dass Ihnen die Sorgen anderer Freude bereiten?“

Das Wort ‚Freude‘, mein Lieber, ist deplatziert. Eine solche Lage ist nie eine ‚Freude‘.“

Aber Sie schüren mit Begeisterung Angst.“

Ich schüre keine Angst. Ich versuche lediglich, die Situation stabil zu halten.“

Sie malen den Teufel an die Wand und nähren die Angst, dass der Teufel mächtiger sei als alles andere.“

Sein Blick musterte mich abwägend.

Nennen Sie es, wie Sie es wollen, aber akzeptieren Sie die Notwendigkeit des Ernstes … .“

… der Lage, ich weiß.“

Meine Ungeduld hatte mich ihm ins Wort fallen lassen. Und ich wollte der kurz entstandenen Gesprächspause keinen weiteren Raum gewähren:

Sie haben Angst vor dem Lachen der Menschen. …“

Das Lachen ist ein Zeichen der Beschränktheit des Menschen …“

Das Lachen ist ein Zeichen, dass Angst besiegt wurde, und dass Schreckensbilder keine Macht mehr über den Menschen haben. Ein lebensnotwendiges Ventil, Widersprüche weg zu lachen.“

Ein Mensch, der sich von einer Angst befreit, ist ein unkontrollierbarer Mensch.“

Ihr Leitbild ist somit der kontrollierte Mensch? Darum der Aufmarsch der Waffen hier?“

Was für das Individuum hin und wieder eine Wohltat sein kann, ist für die Massen eine Geißel, die durch so etwas in Anarchie abzugleiten droht.“

Es ist nichts Schlechtes dabei, wenn die Ernsthaftigkeit der Gegner durch Lachen zersetzt wird.“

Das Lachen ist ein Zeichen für einer niedrig entwickelten Gesellschaft, die es verdient, dass dessen Freiheit eingegrenzt wird. Sie muss durch demonstriertem Ernst erniedrigt und eingeschüchtert werden. Durch einen heiligen Ernst. Der selbst den Tod zum ehrfürchtigen Ziel werden lässt.“

Ich verstehe. Und wer sich diesem mit Lachen widersetzt, für den wird der Tod lachhaft. Der nimmt sogar dem Tod seinen Schrecken.“

Eine lachende Armee hat noch nie einen Krieg gewonnen!“

Eine lachende Armee ist ein Widerspruch in sich. Sie würde noch nicht mal das Töten im Krieg ernst nehmen.“

Ein Spotten und ein Verlachen hat noch nie einen Wert geschaffen!“

Lachen heilt Menschen.“

Wozu soll das ein Wert sein? Der Mensch wird geboren, um zu sterben. Der Tod lässt sich nicht weg lachen. Und Epidemien lassen sich nur mit nötigem Ernst aufhalten. Lachen wird es nie schaffen.“

Lachen ist aber das kleinere Übel, ein Leben zu verbringen. Über das Übel zu lachen, macht es erträglicher, statt es nur ernst zu nehmen.“

Ein kleineres Übel? Ihnen fehlt der notwendige Respekt vor dem, was anderen heilig ist. Das Lächerlich-Machen ist keine Kunst. Sondern es ist nur zerstörend und Gesellschaft zersetzend.“

Das Lächerlich-Machen, welches Sie meinen, hat auch nichts mit dem Lachen zu tun. Ihre Definition dazu soll nur Angst erzeugen. Angst vor der schneidenden Waffe des Lachens, welches die einengenden Stricke der Angst zerschneidet und den Menschen davon befreit.“

Sie sollten sich reden hören! Einfach unsinnig. Lachen ist kein Reinigungsmittel, welches den Menschen von seinen Mängeln und Lastern und Schwächen erlöst!“

Sie kann aber dem Menschen dabei helfen. Lachen erhebt den Menschen über seine Unperfektheit und lässt jene leichter schultern.“

Sie haben es nicht kapiert. Der lachende Mensch fühlt sich als Herr, als ein Umstürzler von Herrschaftsverhältnissen, als der Anarchist und Bilderstürmer, welcher die Ordnung stört und die Gemeinschaft zerstört. Und Ihre Nelke, mein Lieber, Ihre lächerliche Nelke im Gewehrlauf von Bereitschaftspolizisten zu Karneval ist so dermaßen schlecht, dass wir anfangs erst gar nicht in Erwägung gezogen haben, Sie Ernst zu nehmen.“

Seine Stimme war scharf und schneidend geworden. Sie erzeugte in mir eine Beklemmung, eine unbestimmte Angst. Sie verwirrte mich. Ich atmete tief durch und bemerkte, dass er das Spiel der Angst mit mir zu spielen versuchte.

Nein, mein Herr, das klappt nicht“, lachte ich auf, „darauf falle ich nicht rein!“

Das ist ohne Bedeutung, mein Lieber. Ohne jegliche Bedeutung. Denn mit ihrer letzten Handlung haben Sie die Grenzen des guten Geschmacks überschritten. Den Ernst vorsätzlich ignoriert. Das Wichtige versucht, ins Lächerliche zu ziehen. Ernsthafte Menschen mit den heiligen Idealen einer schützenswerten Gesellschaft versucht der Lächerlichkeit preis zu geben.“

Heilige Ideale einer Gesellschaft? Sie heben so etwas in die Höhe, um andere dafür leichter als Niedere abgrenzen zu können?“

Ideale sind immer hoch. Und eine Gesellschaft sollte Angst darum haben, die Entfernung zu diesen zu vergrößern!“

Das ist keine Höhe. Das ist lediglich eine Fallhöhe.“

Nennen Sie es, wie sie es wollen. Sie haben mit Ihrer Aktion an den Stützpfeilern dieser Ideale gesägt. Und das konnten wir nicht mehr ignorieren.“

Er gab seinem Begleiter mit seiner Hand ein Zeichen. Seine Begleitung öffnete seine Tasche, entnahm Handschellen und Stricke und trat einen Schritt auf mich zu.

Ich hatte mich geirrt! Sie haben keine hohen Ideale. Sie müssen die der anderen erheblich tiefer legen, damit ihre als höhere erscheinen. Sie sind Mitglied einer lachhaften Satire-Sharia-Polizei.“

Satire-Sharia-Polizei? Mäßigen Sie sich! Dass Mohammed eindeutig gelacht hat, ist überliefert. Aber Jesus hat nie gelacht. Niemals! Im Alten Testament, im Buche Genesis, lachte Gott maximal über törichte Menschen. Abrahams Sohn Isaak ist das Ergebnis und Isaak heißt übersetzt ‚er lachte‘. Und mit dem Neuen Testament wurde dem Lachen endgültig ein verdientes Ende gesetzt, mein Lieber. Wir leben hier in der Tradition des christlichen Abendlandes. Vergessen Sie das nicht nicht!“

Hören Sie sich überhaupt noch reden? Sie haben wirklich keine hohen Ideale. Nicht im Geringsten. Sie müssen die Ideale der anderen erheblich tiefer legen, damit ihre als die Höheren erscheinen. Sie sind Befürworter des Ernstes, der Lustfreiheit, Gegner jeglicher hedonistischen Regung, Verwalter eines eigenen humorbefreiten Sumpfes! Sie stehen in der Tradition der wahren Christen, die jedes Lachen als unfreundlichen Akt der Sympathie für den Teufel bezeichnen. Bei Ihnen hat dieses ‚Tiefer-legen‘ System. Allein, in Ihrem Sumpf bedeutet das ‚Tiefer-legen‘, dass Sie den anderen dabei ertränken. Ich lache über Sie.“

Mein Lachen erstickte auf halbem Wege, als der Begleiter Hand an mir legte. Ich spürte die Angst, konnte sie nicht mehr weg lachen. Ein denkbar schlechter Zeitpunkt, etwas zu versuchen, was ich nie intensiv gelernt hatte: Lachen als Bekämpfungsmethode der eigenen Angst.

Der Mann beugte sich vor und schaute mir direkt in meine Augen, während sein Begleiter mich mit den Handschellen fixierte und mit den Stricken um meinen Körper mir die Luft abschnürte.

Sehen Sie, mein Lieber, Sie haben Angst. Ihr Lachen hilft Ihnen nicht aus ihrer Situation, Ihr Lachen ist dabei zu sterben. Es ist Ihre eigene Schuld, es hätte nicht soweit kommen müssen. Sie hätten den Ernst der Lage anerkennen sollen, statt zu versuchen, sich mit jener dümmlichen Aktion zu profilieren.“

Meine Lunge war von den Stricken eingepresst, das Atmen fiel mir schwer und schwerer, ich hörte ein Rauschen in meinen Ohren, mein Gegenüber wurde schwammig, ich konnte ihn nicht mehr scharf sehen, es wurde immer dunkler.

Und mit einem Mal spürte ich den Schmerz nicht mehr.

Unvermittelt ging mir ein Satz durch den Kopf:

In diesem Theater sind alle Notausgänge verrammelt und abgeschlossen. Im Notfall bitte also nicht in Panik ausbrechen. Es lohnt nicht.“

Ich musste lachen.

Innerlich.

Ohne Angst und Panik.

Mein Kopf wurde schwer.

Alles gut …

Modern Life – Kaffeehausgeschichte


»Was trinkst du? Limo?«
»Mit Eis ohne Zucker.«
»Schön. Wie schmeckt sie?«
»Kühl.«
»Sonst nichts?«
»Zitronig.«
»Und?«
»Null Kalorien, voller Geschmack, persilsauber.«
»Ich merke, die Werbeindustrie ist bei Dir verwurzelt.«

Menschen sind halt so, da kann man gar nichts machen


Wenn der hauchzarte Schmelz über dem darunter Gefestigtem sich mit dem lieblichen Tageslicht in bunten Reflexen mischt, wenn sich das darunter knackige Verborgene aufleuchtend wie die krosse Schicht einer goldbraunen Crème brûlée präsentiert, dann befinden wir uns nicht in einem 5-Sterne-Restaurant und auch nicht bei den vielen Restaurant-Missionaren der Privatsender sondern schlichtweg auf der Straße.
Der Schnee taut weg und es kommen die stolzen Hinterlassenschaften der Hundesteuer-Zahlenden hervor.

Dann beginnen die Tänze der Fussgänger, die sich wünschten, sie hätten ein Hundehäufchen-Warngerät bei sich. Einen Tretminenwarner. Oder der betreffende Hundesteuer-Zahlende käme vorbei und würde kulant einem die verbraunten Schuhe säubern. Dass sich Herrchen oder Frauchen um die Reste von deren verfütterten Chapi, Morgensalami oder die Reste vom Schweinsbraten mit Kartoffelbrei, Erbsen und Möhrchen kümmern, scheint nur eine Tugend der schneefreien Zeit zu sein.

Okay, das war jetzt pauschalierend und gemein. Dem besten Freund des Menschen gegenüber. So etwas böses jenen einfach so anzuhängen. Denn es ist ja schließlich nicht bewiesen, dass solche Herrchen oder Frauchen nicht selber in den Schnee gekackt hatten und das verschämt schnell mit Schnee zugedeckt hatten, während Hundchen sich schämend abgewendet hat und schnell danach weiterging.

Denn wir alle wissen ja, Menschen sind halt so.
Da kann man gar nichts machen.
Außer Steuern zahlen.

Guten Appetit.

Kein Zutritt von unten (Kneipengespräch)


Tresen 0

»Lang nicht mehr gesehen.«

Er ergriff sich den Hocker neben mir, zog ihn in Sitzposition, deutete dem wird mit dem Zeigefinger an, dass er gerne ein Kölsch haben würde, und zog seine Regenjacke aus.

»Na ja, ich dich ja auch nicht.«
»Ich habe ein wenig privatisiert.«
»Privati … was’n das?«
»Ins Private zurück gezogen. Und was hast du in der Zwischenzeit so getrieben?«

Der Wirt schob ihm eine frisch gefüllte Stange Kölsch auf einem Bierdeckel rüber. Während er seine Regenjacke unterm Tresen an einen Haken aufhängte, langte er nach dem Kölsch, nahm einen Schluck und schwang sich auf den Hocker.

»Getrieben? Ich hab mich mal mit Hartz 4 vertraut gemacht.«
»Gesetzestexte durchwühlt?«

Er schüttelte den Kopf.

»Nein. Ich habe einer Bekannten durch den Formularwust für dieses Arbeitslosengeld II durchgewühlt. Ich sag dir, dieses ALG2 ist der reinste Papierslalom. Für alles und jedes wollen die Belege sehen.«
»Na gut, schließlich soll verhindert werden, dass Betrüger Geld abzocken.«
»Abzocken?«
»Sagt dir der Fall Florida-Rolf noch was?«
»Ja klar. Die BILD-Zeitung und deren Angst, dass es einem Sozialhilfeempfänger besser gehen könnte als deren eigenen Freelancer-Journalisten.«
»Jetzt wirste polemisch!«
»Pass mal auf. Ich bin mit meinem Lebensstandard weit weg von Hartz 4. Irgendwo in der Reihe der Mittelständler zwischen Bild-Zeitungsredakteur und Politiker kannste mich einordnen. Mir klingen noch die Worte eines Geschäftsführer von vor zwei Jahren in den Ohren, der seinen Angestellten erklärte, würde die Banken seine Firmenkredite kappen, dann sei er Ruck-Zuck Hartz 4.«
»Ja und?«
»Die haben doch alle keine Ahnung, was für eine Knochenmühle Hartz 4 geworden ist.«
»Aber du, oder was.«
»Hast du dir mal den Fragebögen zur Antragsstellung für ALG2 durchgelesen? Da sind die Abfragen der persönlichen Daten bei Facebook Kinderkram.«
»Na und? Wer Leistungen vom Staat bekommen will, der muss auch selber dem Staate gegenüber in Vorleistung gehen.«
»Toll. Meine Bekannte hat zwei entschiedene Probleme: Sie ist Ausländerin, spricht deutsch recht schlecht, von Lesen ist mal ganz abzusehen, hat drei Kinder und dann ist ihr Lebensgefährte ausgezogen.«
»Und?«
»Als sie dann noch letztens arbeitslos wurde, hat sie bei den Fragebögen nur noch Bahnhof verstanden.«
»Sie hätte ja vorher deutsch lernen können.«
»Hätte. Selbst ich mit Deutsch als Muttersprache verstand die Fragen nicht beim ersten Mal. Anfangs hatte sie nach einem Gespräch bei der ARGE einen Deutschkurs bewilligt bekommen. Auch mit dem Hintergrund sich für neue Jobs besser bewerben zu können. Dann kam aber der neue Sachbearbeiter. Ein Arsch von Gottes Gnaden. Der hatte ihr den Deutschkurs gleich mal gestrichen. Seiner Ansicht nach sollte sie nach 11 Jahren Deutschland ausreichend deutsch sprechen können. Er hat ihr dann gleich einen neuen Binnenbrief geschickt.«

Sein Gesichtsausdruck hatte sich beim erzählen verfinstert. Seine Stimme war immer eregter geworden.

»Binnenbrief? Was ist denn das?«
»Zu beantworten binnen zwei Wochen oder es gibt Sanktionen der ARGE, weil sie nicht kooperativ sei.«
»Was wollten die?«
»Ihren vollständigen Lebenslauf. Ich hab ihn ihr dann geschrieben. Dutzend von mir ausgefüllte Papiere später hatte sie dann Mietunterstützung für ihre alte Wohung erhalten. Aber sie sollte sich eine neue suchen.«
»Und?«
»Der Münchener Wohnungsmarkt wimmelt von maklervermittelten Wohnungen. Bei den Besichtigungsterminen mit den Maklern wurde ihr dann immer erklärt, dass keine Arbeitslosen mit drei Kindern akzeptiert würden.«
»Wieso? Wenn die Stadt die Miete von ihr zahlt, dann ist die Mietzahlung doch garantiert.«
»Früher, das war früher. Mit der Einführung von Hartz 4 kann die Stadt die Mietzahlung dann kürzen oder sperren, wenn der Empfänger sanktioniert werden muss. Seitdem sind Arbeitslose von Vermietern meistens unerwünscht. Arbeitslose könnten zu Hartz-4-Empfänger werden.«
»Aber sie kriegt die jetzige Wohnung bezahlt?«

Er lachte auf. Ein hilfloses zynisches Lachen.

»Es kann der Frömmste nicht in Frieden leben, wenn es dem Hartz-4-Sachbearbeiter nicht gefällt.«
»Wie das?«
»Sie muss jeden Monat 9 Wohnungssuchen nachweisen: Gesprächspartner, Telefonnummern, Wohnungsbeschreibung, Absagegrund, Bewerbungen bei Wohnungsgesellschaften. Und das wird von jemand verlangt, der nur deutsch sprechen aber kaum schreiben kann. Witzig, nicht? der hatte wohl ihren Deutschkurs gestrichen, damit er sie wohl schneller sanktionieren konnte. Wahrscheinlich kriegen die Bonus-Zahlungen für jede eingestellte Hartz-4-Zahlung. Ich habe ihr bei dieser Schreibarbeit dann geholfen. Sie hatte dann nebenbei auch eine Wohnung gefunden. Aber sie war von dem ARGE-Sachbearbeiter angewiesen worden, dass sie nur einen Mietvertrag unterschreiben dürfe, wenn Sie zuvor mit dem Sacharbeiter Rücksprache gehalten hätte. Würde sie vorher unterschreiben, würde die ARGE nicht zahlen.«
»Und?«
»Sie versuchte ihn eine Woche zu erreichen und hat ihm tagelang auf dem Anrufbeantworter gesprochen. Er war nie persönlich zu erreichen. Der Vermieter sagte ihr schließlich ab, weil sie nicht unterzeichnen konnte.«
»Und der Sachbearbeiter?«
»Sie erreichte ihn dann persönlich, nachdem ich mich mal einschaltete und ihr half. Erst auf Umwegen erreichte sie ihn. Als sie ihm sein Leid klagte, dass er nie zu erreichen sei, …«

Er schnappte deutlich Luft, ergriff sein Kölsch, leerte es und starrte vor sich hin.

»Und was sagte der Sachbearbeiter ihr dann?«
»’Ruhe jetzt!’«
»Was? Wieso?«
»Er blaffte ihr nur in den Hörer ‚Ruhe jetzt!‘. Fast wie ein Offizier. Als meine Bekannte verstört nachfragen wollte, was er damit meinte, pfiff er dreimal in den Hörer. Weißt du, es war das Pfeiffen, was normalerweise ein Hundehalter beim Gassigehen seinen Hund zupfeifft.«
»Was?«
»Er hat gepfiffen, als sei sie wie ein Hund zu behandeln! Und ihr dann nochmals ein ‚Ruhe jetzt‘ entgegengeschleudert. Sie bräuchte sich nicht aufzuregen, wenn er wolle, dass sie Ruhe gebe. Verstehst du das? Behandelt man so seinen Kunden? Welches Recht hat so ein Sachbearbeiter jemanden wie einen Hund zu behandeln?«
»Vielleicht hatte er nur einen schlechten Tag.«
»Einen schlechten Tag?«

Er starrte mich an. Sein Gesicht drückte eine Verzweifelung ob meiner Bemerkung aus. Der Wirt schob ihm ein neues Kölsch hin, welches er sofort ergriff und einen tiefen Schluck raus nahm. Seine Hand umfasste die Kölschstange krampfhaft. Fast erschien es mir, er würde das Glas zusammendrücken wollen, als würde es gleich splittern …

»Einen schlechten Tag? Wenn ich in meinem Beruf in der freien Wirtschaft einen Kunden behandeln würde, dann würde ich Ärger mit meinem Chef bekommen. Aber der Sachbearbeiter ist ja Beamter. Ein Beamte, der das Klischee über Beamten füttert. Einen schlechten Tag? Ach ja, nur am Rande, meine Bekannte hatte inzwischen einen neuen Job gefunden und entsprechend den Vorschriften, alle Behörden informiert. Drei Tage später erhielt sie von dem ARGE-Sachbearbeiter einen neuen Binnenbrief. Sie solle ihm binnen vier Wochen bis Mitte Juni eine Kopie des Arbeitsvertrages und der Verdienstbescheinigung zuschicken.«
»Und?«
»Diese Woche sollte eigentlich die Mietunterstützung auf ihrem Konto eintreffen. Sie kam nicht. Sie konnte die Miete bislang nicht zahlen. Gestern hatte meine Bekannte dann bei der ARGE angerufen. Dort erfuhr sie, dass sie gesperrt sei. Sie sei so lange gesperrt, bis sie Arbeitsvertrag und der Verdienstbescheinigung vorlegen würde.«
»Wo ist das Problem?«
»Jener Sachbearbeiter hatte sie direkt nach Versendung des Briefes vor zwei Wochen gesperrt gehabt. Den Arbeitsvertrag erhielt sie erst vor einer Woche und die Verdienstbescheinigung von der ersten Arbeitswoche kommt erst Mitte Ende nächster Woche. Bis dahin bleibt sie gesperrt.«
»Sie kann doch ihre Miete schon mal zahlen.«
»Das waren die Worte des Sachbearbeiters. Aber ihr Konto gibt das nicht her.«
»Schulden?«
»Schulden. Aber dazu hatte der Sachbearbeiter ihr erklärt gehabt, Schulden seien Privatsache. Das interessiere ihn nicht. Sie solle sich Geld leihen.«

Seine letzten Worte hatten einen stark zynischen Klang und ich glaubte noch ein leises »So ein Arschloch« zu vernehmen.

»Und wieso erzählst du mir das?«
»Okay, du verstehst es nicht. Du verstehst wohl nicht, dass meine Bekannte momentan durch ein Spalier der Demütigungen geht.«
»Na und? Es geht halt nicht anders. Zu viele Leute haben die Sozialhilfe genutzt, um den Staat abzuzocken.«

Er drehte seinen Kopf ein wenig und blickte mich leicht säuerlich von unten her an.

»Ach ja? Aber mit den Abzockern der Bankenwirtschaft, da verfahren wir anders, oder etwa nicht? Die werden von unserer Regierung an den Verhandlungstisch eingeladen. Aber Hartz-4’ler sind die Bedrohung der Gesellschaft, oder was?«
»Hey! Übertreib es nicht! Du redest Quatsch. Wir können das Geld nun mal nicht mit der Gießkanne verteilen. Wir sind kein Sozialstaat mehr. Wir müssen sparen. Sonst ergeht es uns wie Griechenland. Wer nichts leisten will, soll halt woanders hin gehen. Meinetwegen nach Griechenland, die aktiv unseren Wohlstand gefährden. Dann werden die schon sehen, wo es besser ist.«
»Ach ja? Schön.«

Abrupt stellte er seine Kölschstange ab, stand er auf, legte ein paar Geldstücke auf den Tresen und nahm seine Regenjacke vom Haken.

»Der 14-jährige Sohn meiner Bekannte redete genau so wie du jetzt. Er hatte Hartz-4’ler als Schmarotzer bezeichnet, die nur faul seien und selber Schuld an deren Misere seien, die nichts leisten würden. Das sagte er, als meine Bekannte noch mit ihrem Lebensgefährten zusammenlebte. So wie du jetzt redete er. So wie es in den Medien immer wieder rauf und runter gebetet wird. Als der Bewilligungsbescheid für meine Bekannte eintraf, kam er hinzu und fragte, ob sie jetzt alle Hartz-4’ler seien. Als seine Mutter bejahte, meinte der nur, dann solle sie halt mehr arbeiten und verschwand in seinem Zimmer.«

Mit Verärgerung im Gesicht drehte er ab und verschwand grußlos durch die Kneipentür.
Mein Kölsch-Glas war fast leer, eine kleine schaumlose Pfütze befand sich noch drin. Ich hob das Glas und winkte dem Wirt zu. Es war noch zu früh, nach Haus zu gehen.

Ist das auch Ihr Laden?


In der Schlange an der Kasse stand er vor mir. Er erinnerte mich ein wenig an Hermes Phettberg. In seinen Händen hielt er einen 50-Euro-Schein und eine DVD. Weil er die DVD in seiner rechten Hand ohne Unterlass drehte, konnte ich frühzeitig den Titel lesen: „Mondo Topless“.

Ich erinnerte mich daran, dass es in der kleinen Nachbarstadt, in der ich zur Schule ging, ein altes Kino-Gebäude gab. Der Gedanke an das Kino ruft in mir Erinnerungen a la „Cinema Paradiso“ wach, an jenen Film, der auf unvergleichlicherweise dem Kino huldigt. In jenem Kleinstadt-Kino liefen immer die aktuellsten Filme. Aber das Kinosterben der 80er Jahre hatte auch jenes Kino erfasst. Die Leute gingen nicht mehr ins Kino und so versuchte sich der Kinobesitzer mit billigen Filmen über Wasser zu halten. Exploitationfilme stellten den Unterbau des wöchentlichen Programms dar. Die „Mondo“-Filme gehörten zu dieser Strategie.
„Mondo“, das war für mich gleichbedeutend mit „frei ab 18 Jahre“. „Mondo Topless“, „Mondo Nude“, „Mondo Cannibale“, „Mondo Cane“ und wie sie alle hießen. Sie liefen in jenem Kino länger als mancher James-Bond-Film. Ob sie mehr Zuschauer hatten, weiß ich nicht, aber sicherlich weniger Lizensgebühren für das Vorführen.

„Mondo Topless“ ist nebenbei nicht wirklich ein brutaler Film im Vergleich zu „Mondo Cane“. „Mondo Topless“ ist ein Film von Russ Mayer und inzwischen schon fast 44 Jahre alt.

Die Schlange an der Kasse schob sich vorwärts und das „Hermes Phettberg“-Double war an der Reihe zu zahlen. Der Mann übergab die DVD und den 50-Euro-Schein. Die Kassiererin hielt den Scanner auf den Barcode und schaute den Mann an.

„Ich brauch ihren Personalausweis.“
„Wie bitte?“
„Ich brauch noch ihren Personalausweis. Ich muss die Nummer ihres Personalausweises notieren.“
„Wozu?“
„Es ist wegen dem Jugendschutz.“
„Denken Sie ich bin unter 18?“
„Das ist egal. Ich brauch ihren Personalausweis.“
„Ich hab ihn nicht dabei.“
„Ich brauch aber ihren Personalausweis, um die Nummer zu notieren.“
„So ein Scheiß.“

Der Mann machte eine abwehrende Handbewegung, drehte sich ab und verließ die Kasse mit schnellen Schritten.

„Wollen Sie nicht mehr? Hey, ihre 50 Euro!“

Der Mann drehte sich nicht um, ging ohne Zögern auf einen Aufzug zu, dessen Türe öffnete sich in dem Moment, er stieg ein und die Türe schlossen sich. Für einen Moment konnte ich dabei sein Gesicht sehen. Er warf einen Blick auf den Ausgang des Media-Marktes.
Die Kassiererin schrieb etwas auf einen Notizzettel und legte den 50-Euro-Schein in die Kasse

An der Kasse erblickte ich dann die Aushangzettel. Auf ihnen wurde erklärt, dass der Laden bei „FSK 18“-Produkten von jedem Käufer die PA-Nummern registrieren werde. Dieses geschehe im Sinne des Jugendschutz. Diesen würden die Leitung des Media-Marktes sehr ernst nehmen.

Sehr ernst. Datenerfassung ohne Sinn und Verstand.

Ist sowas wirklich sein Laden? Passen würde es ja zu Mario Barth. Bei ihm bezahlen ja auch Menschen Eintrittspreise für nichts und wieder nichts.