Wannst du mim Deife danzt, dann brachst guate Schua

Wenn einer mit Vergnügen zu einer Musik in Reih und Glied marschieren kann, dann hat er sein großes Gehirn nur aus Irrtum bekommen, da für ihn das Rückenmark schon völlig genügen würde.

Albert Einstein  1879-1955


Auge um Auge und die ganze Welt wird blind sein.

Mohandas Karamchand Gandhi (1869-1948)


Aus einem nie stattgefundenen Telefongespräch

– Guten Tag, ich bin der Sohn des alten Mannes, dem Sie über die Straße helfen wollten.

  • Sie sind wer?

– Sie wollten meinen Vater über der Straße helfen. Jenem Mann mit dem Rollator.

  • Das war ihr Vater?

– Ja.

  • Und sie wollen sich bedanken?

– Ich finde ihre Hilfsbereitschaft bemerkenswert und so etwas hat Wertschätzung verdient. Es gibt so wenig Liebe und Verständnis in dieser Welt und ihre Tat sollte gewertschätzt werden. Deswegen rufe ich an.

  • Wertschätzung?

– Ja.

  • Ihr Vater hat mich geschlagen.

– Er nannte es …

  • Ich wollte ihm helfen und er schlug mit dem Stock auf mich ein.

– Er hatte sich geirrt und gemerkt, dass er Ihnen Unrecht angetan hat.

  • Er bat mich, ihm über die Straße zu helfen und dann mitten auf der Straße zieht er mir eins mit ihrem Stock über.

– Er dachte, Sie wollten ihn zur falschen Straßenseite bringen.

  • Zur falschen? Es gibt derer nur zwei und auf der einen war er und zur anderen wollte er. Wie kann ich ihn dann zur falschen Straßenseite gebracht haben wollen?

– Wie ich Ihnen bereits erklärte, er hatte sich geirrt und sich deshalb nur lediglich verteidigt.

  • Verteidigt? Er hat mich brutal niedergeschlagen. Mit dem Eisenknauf seines Krückstocks. Und dann hat er noch den Rollator auf mich geworfen. Wie ein wilder Stier! Ich hatte ihn noch nicht mal angegriffen und musste dann mit dem Krankenwagen ins nächstgelegene Krankenhaus gebracht werden. Erst nach dem Erwachen aus der Not-OP erfuhr ich, was mir widerfahren war. Er hatte sogar weitere Ersthelfer niedergeschlagen und mit dessen demolierten Rollator überfahren.

– Er meinte, auf der anderen Straßenseite verbrecherisches Gesindel erkannt zu haben und glaubte, Sie wären deren Komplize. Er konnte ja nicht wissen, dass er einem Irrtum aufgesessen war. Menschen irren sich bisweilen, nicht wahr. Er war in einem putativen Notstand. Das muss man doch verstehen.

  • Ich ein Komplize? Ich wollte nur helfen. Wer sind Sie überhaupt?

– Ich bin einer seiner Söhne. Nun, nicht direkt ein Sohn, aber ein Sohn von ihm im Geiste. Eigentlich bin ich aber sogar sein größter Fan. Er ist halt unser aller Väterchen. Das Omega von jedem Alpha, was er selber schon immer war, aber nie jemand zu würdigen wusste. Sie müssen verstehen, er ist nun ein altes Väterchen. Mit Rollator. Und einer Gehhilfe. Er verliert hin und wieder mal die Übersicht und dann kann es mal zu so etwas kommen. Sie müssen verstehen. Er hatte schon damals viel Ungerechtigkeit erfahren, viel Leid mitbekommen, Tränen darüber vergossen, sich darüber gegrämt und deshalb …

  • Ach ja? Und Sie machen sich zu dessen Anwalt, oder was.

– Wenn sie so wollen, ja, ich bin sein Anwalt, weil ich ihn verstehe und deswegen seine Interessen in seinem Interesse weltweit hier vor Ort vertrete: Think globally, act locally.

  • Und Sie rufen mich deswegen an? Warum ruft er nicht selber an? Sie sollten sich für ihren Vater schämen! Aber ehrlich!

– Väterchen hat nun mal eine Krankenhausphobie. Das habe ich notariell feststellen lassen. In der Vergangenheit hatte er schon mal einige demoliert, weil er leider seine Phobie nicht ganz kontrollieren konnte. Aber das ist Vergangenheit und passierte auch nicht hier, sondern dort, wo Krankenhäuser eh schon nicht als solche bezeichnet werden sollte. Man muss nun mal eben mit unserem Väterchen pfleglich umgehen. Wie es bei Älteren sein sollte, deren Interessen dauernd missachtet werden. Wenn das nicht beachtet wird, dann können Väterchen nun mal ein wenig robuster reagieren, nicht wahr. Dafür sollten wir Verständnis haben.

  • Robuster? Bis jemand im Krankenhaus liegt?

– Jetzt machen Sie doch nicht aus einer Mücke einen Elefant. In einem Jahr springen Sie wieder über Wiesen und Bäche, so munter wie ein Zicklein im Frühling, während unser Väterchen aber weiterhin mit dem alten Rollator und seiner Gehhilfe unterwegs sein wird.

  • Wissen Sie, was die größte Mücke-zu-Elefant-Mutation ist? Sie sind es! Das Sie es überhaupt wagen, mich um Verständnis zu bitten, dass sich ihr Väterchen wie ein Berserker benimmt, weil die Welt doch so schlecht ist. Mit Verlaub, Sie sind doch bescheuert! Und wie ist der Name Ihres ach-so-ehrenwerten Väterchens?

– Putin. Vladimir. Und Sie müssen verstehen, dass unser Väterchen halt so seine Gründe hat, dass er ein wenig über die Stränge geschlagen hat. Es sind gewisse, evidenzbasierte Gründe, ganz wissenschaftlich gesehen der reinen Selbstverteidigung gehorchend.

  • Gut. Ich schlage dann vor, wir sprechen den Vornamen ihres Väterchens wie bei Bram Stocker aus. Und den Nachnamen ihres Väterchen einfach nur noch französisch. Dann trifft es wohl dessen Geisteshaltung anderen Menschen gegenüber, nicht wahr. Bitte rufen Sie mich nicht mehr an.

– Nehmen Sie die Entschuldigung für mein Väterchen an?

  • Gott erhalte ihren Putin!

– Oh, das ist aber sehr schön von Ihnen. Ich bedanke mich für ihr Verständnis und werde ihre Aussage als Entlastung vor Gericht zitieren, sollte er vor solchen gebracht werden.

  • Sie haben mich unterbrochen! Mein Satz ist noch nicht fertig.

– Ach ja? Das ist aber schön von Ihnen. Sie haben wirklich einen großen demütigen Geist. Was wollten Sie noch weiter sagen?

  • Möglichst bald!

… #SayNoToWar …

#SayNoToWar

Sie hören nicht auf. Sie hören nie auf. Sie wollen es. Immer wieder, immer weiter, immer nur militärisch. Andere Möglichkeiten wollen sie nicht. Niemand. Auch nicht am Tag 1 nach dem Beginn, jener Stunde Null, an einem 24. Februar des Jahres 2022. Denn Soldaten sind so einfach zu rekrutieren. Einfach und billig, manche derer willig. Aber vor allem billig. Billiges Material zum Füttern von Kanonen. Denn heim kommen jene immer. In Stücken, in Teilen, in Säcken. Über den Rest hüllen sie immer das Schweigen, den dann sie den Mantel der Geschichte bezeichnen, aber lediglich immer nur nasse klamme Erde über einem kalten Körper in einem Loch bedeutet. Heim geholt werden vor allem immer die Kanonen. Damit das Militärische nachher sein Denkmal erhält. Zum vordergründigen Nachdenken für Großkotze, die sich dahinter stellen. Während die anderen sich ehrfürchtig davor zu scharen haben: Damit sie später auch verscharrt werden können. Denn sie hören niemals auf. Nie. Der Krieg ist ihr Götze, das Militär deren Monstranz, die Soldaten die Träger und deren soldatisches Blut das Weihwasser, was die Hochwürden, Heiligkeiten und Pluralis-Majestatis-Verwender über das niedrige Volk verspritzen, damit das Blut über sie komme. Auf dem Altar der Bellezisten wird wieder geopfert. Behandschuht bis zu den Ellenbogen hoch. Damit die Bellezisten sich ihre Hände nicht schmutzig machen. Was deren Soldaten zweifelsohne zu tun haben. Immer. Sie hören nicht auf. Nie.

#SayNoToWar

“[…] Für viele war das gar nicht nötig. Die Hammel trappelten mit der Herde mit, meist wußten sie gar keine Wege und Möglichkeiten, um nach hinten zu kommen, und was hätten sie da auch tun sollen! Sie wären ja doch geklappt worden, und dann: Untersuchungshaft, Kriegsgericht, Zuchthaus, oder, das schlimmste von allem: Strafkompanie. In diesen deutschen Strafkompanien sind Grausamkeiten vorgekommen, deren Schilderung, spielten sie in der französischen Fremdenlegion, gut und gern einen ganzen Verlag ernähren könnte. Manche Nationen jagten ihre Zwangsabonnenten auch mit den Maschinengewehren in die Maschinengewehre.

So kämpften sie.

Da gab es vier Jahre lang ganze Quadratmeilen Landes, auf denen war der Mord obligatorisch, während er eine halbe Stunde davon entfernt ebenso streng verboten war. Sagte ich: Mord? Natürlich Mord. Soldaten sind Mörder.[…]”

Quelle: https://www.textlog.de/tucholsky-kriegsschauplatz.html

Das Corona-Tagebuch: Provinznotizen aus Deutschland Süd bei Südost (54): Over and out

Es wird immer schwieriger etwas neues aus “Süd bei Südost” zu schreiben. SARS-CoV-2 ist noch immer ein bestimmender Aktivposten im täglichen Leben. Nicht, dass der Virus aufgegeben hätte, er wird nicht mehr so stark verbreitet. Nur wird man es mit der Zeit auch müde, immer die neusten Zahlen, Daten, Fakten zu verfolgen. Geschweige denn zu kommentieren. Das ist kein Gewöhnungsprozess, sondern ein Entwöhnungsprozess. Nichts passives, sondern aktives. Eine Art der vorsätzlichen Verdrängung.

In den Supermärkten laufen vereinzelt Menschen ohne Maske mit einem zelebrierten Selbstbewusstsein von hier bis Alaska herum. Bei denen scheint es ein Coolness-Faktor sein. Nur hat es etwas von den Autofahrern, die im Auto keinen Gurt anlegen, und dann mit Vollgas durch die Landschaft preschen. Etwas, was Rennfahrer nie machen würden.

Klar, der erste Gedanke zu den Mund- und Nasenbedeckungsverweigerern mag schon sein “Wehe, wenn du dann auf der Intensivstation liegst und nach Luft schnappst”. Aber darum geht es eher weniger, denn die wenigsten erkranken ernsthaft an SARS-CoV-2. Nicht jeder, der keinen Gurt im Auto anlegt, wird kurz darauf in einem Sarg zu seiner Beerdigung angeliefert. Es ist schon richtig, wenn jemand mit Vollgas ohne Gurt den Serpentinen lang braust und es ihn dann aus einer Kurve gegen Fels, Baum oder in den freien Fall haut. Dann können wir schon alle sehr empört nicken und hämisch sagen: “Selber Schuld”. Dumm gelaufen ist allerdings nur, wenn dieser Vollkaskodesperado jemanden anderen mit sich nimmt.

Gut, nicht jeder ist von der Mund- und Nasenbedeckungspflicht begeistert, weil damit ein Gefühl der Fremdbestimmung einhergeht. Dass in der Kommunikation mit den Leuten an Wurst- und Käsetheke und der Kasse erhebliches fehlt, stört dann schon eher. Ohne diesem obligatorischen Utensil war es möglich, allein durch Mimik den Verkäufer zu weiterem zu inspirieren. Oder einfach nur zu verneinen. Nur jetzt ist es schon erforderlich, sich verbal deutlich zu äußern.

Seltsamer erscheinen dabei die Mitarbeiter der Sub-Unternehmen, welche für ein paar Euro fuffzig pro Stunde in den Supermärkten die Regale einzuräumen haben. Deren Bedeckungen hängen oftmals auf Halbmast oder bedecken lediglich deren Bärte. Ich nehme es schulternzuckend hin. Klar, ich könnte locker zum Marktleiter durchstapfen und ihn darauf hinweisen, dass in Bayern so etwas dem Geschäft 5.000 Euro kosten könnte. Und den Mitarbeitern des Sub-Unternehmens könnte deren Niedriglohn-Einkommen eines Tages verlustige gehen . … Aber, würde ich das? Ich nehme es mit einem Schulternzucken hin. Ich muss nicht alles, was ich kann.

Wobei, für den letzten Satz wurde ich bereits schon privat gerüffelt, weil ich so einfach auf meine Rechte verzichten würde. Ich zucke erneut innerlich mit den Schultern und hoffe, dass das Gespräch dazu bald vorbei gehe. Denn wenn der andere immer das perfekte Leben führt und ich mit meinem Leben seiner Ansicht nach komplett daneben haue, dann umgibt mich das Gefühl der Niedergeschlagenheit, der Wertlosigkeit. Bis ich mir dann vergegenwärtige, dass es genau das ist, was der andere erzielen wollte: Demütigen und sich selber durch die Herabwürdigung des anderen aufgewertet fühlen. Wirkliche menschliche Wertschätzung geht anders.

Demütigung und Herabwürdigung ist ja auch die Sprache der Verschwörungstheoretiker, der Populisten, der Hate-Speecher, der Aufwiegler, der Hetzer. Für jene muss es immer einen geben, auf den man herabblicken kann, ansonsten hat man keine erhabene Position. Herabblicken auf andere, koste, was es wolle. Selbst wenn man sich vollkommen entblödet.

Bemerkenswert finde ich, dass in diesem Zeitalter momentan etwas in dieser Richtung Hand in Hand geht: Hate-Speech und die Betonung der Empathiefähigkeit. Zwei Seiten wie von einer Münze. Bist du empathiefähig? Eine manipulative Frage aus dem Lehrbuch der Rhetorik. “Empathische Intelligenz” oder auch „emotionale Intelligenz“ als Phrase in den Rang stilisiert zu einen brutalen Ausgrenzungsmerkmal. Hautfarbe, Nationalität oder auch Religion ist zu billig. “Empathische Intelligenz” oder auch „emotionale Intelligenz“ ist die neuste Masche für ein neues Klassifizierungsmerkmal zur abschätzigen Behandlung von Mitmenschen.

Momentan geht eine ähnliche Phrase durch die Gesellschaft, die genau diesem Muster folgt: “Ob du Lack gesoffen hast, habe ich gefragt!” Diese Aussage gebündelt mit einer anderen Behauptung knallt wie wie ein kalter Waschlappen in jedes Gesicht und schon hängt etwas im Raum, was vorher so nie angedacht war und sich dann auch aufgrund des Überraschungsmoments nur schlecht verteidigen lässt: Erst nicht zuhört haben oder gar schwerhörig und somit alt zu sein, gefährliche Dinge ohne Nachdenken massenhaft zu konsumieren und dann auch noch die Antwort auf einer Frage schuldig geblieben zu sein. Das klappt im privaten Leben, aber verstärkt erst recht im Internet, weil es originell und schlagfertig erscheint.

In dieser Krisenzeit wurden viele Argumente ausgetauscht hinsichtlich der Sinnhaftigkeit von dem Lock-down und über die Bedrohlichkeit von SARS-CoV-2 an sich. Die eine Seite wirft den Politikern vor, sich unter der Diktatur der Virologen begeben zu haben. Die nächste Seite wettert wegen der angestachelten Panik und wegen den wirtschaftlichen Niedergang aufgrund eines unbedeutenden Grippchens. Und die übernächste verweist auf Populisten wie Wodarg und Co, deren einziges Handwerk darin besteht, ein akademischen Titel – wie weiland Brians Anhänger jene Sandale – vor sich herzutragen, um damit Behauptungen aufzustellen, für denen anderen bereits gerechtfertigterweise deren akademische Titel entzogen wurde (s.a. beispielsweise Theodor zu Gutenberg). Erstaunlicherweise glauben viele an solche Bedenkenträger, weil die Gedanken jener in deren eigene finstere Vorstellung vom sinnlosen Sinn des eigenen Lebens passt. Sie werden auch dann nicht von den eigenen Überzeugungen lassen, wenn sie bereits mehrmals widerlegt wurden.

Das hat ein wenig vom Gleichnis über das brennende Haus. Am Fenster standen noch Bewohner und schrien um Hilfe. Die Feuerwehr breitete Sprungtücher aus und forderte die verbliebenen Bewohner auf, zu springen. Worauf dann einer nachfragte, ob es denn regnen würde. Falls ja, dann solle die Feuerwehr ihn doch gefälligst über der Treppe retten. Er hätte keine Lust wegen der Faulheit der Feuerwehr auch noch nass zu werden, da er schon genug Probleme mit dem Feuer habe. Loriot hatte gleiches schon mal mit seinem Sketch “Die neue HS Zwo” (hier) beschrieben.

Es geht nicht mehr um die Sache, sondern ums Prinzip. Und das Prinzip ist heilig. Dem aufrechten Deutschen scheinen Prinzipien heilig zu sein. Und von den aufrechten Deutschen gibt es viele. Denn wer nicht aufrecht ist, ist in deren Augen lediglich ein Affe. Heiliges Prinzip. Das Auto ist beispielsweise so ein Prinzip. Das Blech ist heilig. Weil es für viele gleichbedeutend mit Freiheit ist. Blech gleich Freiheit. Heilig’s Blechle. Da fliegt mir doch das Blech weg.

In einem Internetforum las ich, wie jemand eine flammende Rede zum Thema “Reisefreiheit” hielt. Freiheit wäre ein hohes Gut und bedeute, freie Reisen durchführen zu können. Daher – so die nachfolgende Folgerung – solle jeder dafür kämpfen, dass die Fluggesellschaften die Reisefreiheit nicht durch hohe Preise abstellen würden. Sie sollten preislich da weitermachen, wo sie vor der Krise aufgehört haben und nicht jetzt auch noch Forderungen stellen, ansonsten würden sie sich gegen unsere Freiheit stellen.

Das Virus existiert weiter.

In den Nachrichten erscheint es wie eine biologische Lebenseinheit. Ein Virus ist allerdings kein Lebewesen. Es ist eine Sache mit Informationseinheiten umgeben von Proteine und Fett, welche mit deren Informationseinheiten (RNA-Stränge) den menschlichen Organismus zur Selbstzerstörung bringen können. Trotzdem dichtet man den Viren ein bewusstes Dasein, einen Lebenssinn an. Dabei sind Viren eher wie Bärenfallen: tappt ein Bär rein, schnappt sie zu. Aber Bärenfallen werden von Menschen aufgestellt, um dem Bären nachher das Fell über die Ohren zu ziehen. Aber Viren? Wer hat die denn dann aufgestellt? Wer hat vor, den Menschen zu häuten und zu skalpieren? Will da wer seinen Kaminsims statt mit Elch- und Hirschgeweihen an der Wand mit Menschenköpfen zieren?

Und da kommen die Verschwörungstheoretiker mit ihren geballten Lebenspessimismus und erklären uns die Welt, wie sie sie ihnen maximal gefällt. Da ist kein Platz mehr für positives. Oder Wertschätzung. Wertschätzung ist eh bei denen etwas Sektiererhaftes, Entmündigendes. Weil es sie selber nicht betrifft. Und wenn die neusten Zahlen, Daten, Fakten nicht passen, dann kommt bei denen als Nächstes “Mainstream-Medien”, “Lügenpresse”, “Fake-News” und so weiter auf den Tisch. Auch wenn sie es bestreiten werden, Donald Trump ist deren Verkörperung eines perfekten Jongleurs mit solchen Ausdrücken.

Inzwischen haben jene sich mit ihrem Zukunftspessimismus in einer Partei namens “Widerstand 2020” vereinigt. Wahrscheinlich die Alternative zu der besorgte-Bürger-“AfD”. Eine Partei für Pandemie-Wissenschaft-Widerständler. Und dann möchte man eigentlich in die unterste Schublade langen und denen ein “Ob du Lack gesoffen hast, habe ich gefragt!” um die Ohren knallen.

Wie hatte Erich Kästner bereits einmal gesagt:

“Nie dürft ihr so tief sinken, von dem Kakao, durch den man euch zieht, auch noch zu trinken.“

Nebenbei, die Münchner Polizei hatte seit dem Beginn der Ausgangsbeschränkungen immer einen Bericht mit dem Titel “Einsätze der Münchner Polizei im Kontext mit der Corona-Pandemie” veröffentlicht. Hier wurde dann immer vermerkt, wie viele Kontrollen gemäß des bayrischen Infektionsschutzgesetzes durchgeführt wurden und wie viele Verstöße gegen die Ausgangsbeschränkung (“triftige Gründe”) geahndet wurden. Am 6. Mai wurde der letzte Pressebericht (hier) veröffentlicht. Seitdem berichtet die Polizei nur noch über die verbleibende Kriminalität, welche nicht gleich mit mindestens 150 Euro bestraft werden kann.

Somit kehrt wieder eine gewisse Routine auf allen Seiten zurück. Es lockert sich alles. Wir tragen zwar noch Mund- und Nasenbedeckung, die auch manchmal nur zur Bartabdeckung genutzt wird (sind Bärte selbstredend?). Jedoch das kann auch nicht verhindern, dass hinter den Masken noch ganz andere Viren (Bärenfallen) lauern können, mit denen Menschen anderen zumindest verbal die Haut über den Ohren ziehen können.

Es braucht auch kein Corona-Tagebuch mehr. Es ist so überflüssig wie ein Kropf geworden und hat sich selbst überlebt. Weil es nichts mehr bringt und auch nichts bewegt. Weil es bedeutet, lediglich Eulen nach Athen tragen. Und wer will schon Eulen?

Ob ich Lack gesoffen habe, hast du gefragt? Nein. Das habe ich nicht. Denn meinen Kakao suche ich mir schon selber und allein aus.

Over and out.

Das Corona-Tagebuch: Provinznotizen aus Deutschland Süd bei Südost (53): Kriegsberichterstattung

Endlich!

Endlich!

Endlich!

Wieder Fußball. Die Krise ist vorbei. Wenn Werder am letzten Spieltag ne Packung vom FC bekommt und beide gemeinsam den Hamburger SV vorbei ziehen lassen, dann ist wieder aller erste Bundesliga im Land.

Aber zuerst noch ein wenig von der Corona-Front:

Die Verblödung des Volkes mit Verschwörungstheorien wird momentan nur noch ganz knapp von denen übertroffen, die vorgeben, Regierung machen. Während mit dem Beweis der ultimativen Beteuerung der Verschwörungstheoretiker mir jene weis machen wollen, dass die Regierenden nur einen Plan haben, versuchen mir die Regierenden klar zu machen, dass es mehrere Pläne gibt, als sich Verschwörungstheoretiker vorstellen können. Und beide halten sich für die einzig Wahren, welche daraus ausgewählt werden müssten.

Derweil haben die Verschwörungstheoretiker ihre Geschütze schon auf deren eigenen heimeligen Treibsand aufgebaut. Treibsand hört sich negativ an, weil darin ja alles verschlungen werden könnte. Nur in Wahrheit ist das einfach positiv zu sehen. Denn woher sollen die Verschwörungstheoretiker heute schon wissen, woher sie morgen der nächste Sandsturm verweht. Und die Verwehung passiert in deren Ansicht immer, bevor der Treibsand anfängt zu schlucken. Das hat der Machist mit seinen sexuellen Ansichten gemein: eine Person hat lediglich zu schlucken, damit die andere befriedigt ist. Daher fühlen sie sich auch so sicher vor dem Sumpf der eigenen Ansichten.

“Wie unfair, David!”, werden die Verschwörungstheoretiker an dieser Stelle aufstöhnen, weil deren Existenzberechtigung ihr Selbstverständnis ist, nie Goliath sein zu müssen. Wobei sie das Wort “David” nur nutzen, um jeden Piefke gleich zum Helden zu stilisieren, den man danach vom Sockel stürzen muss. Da staunt der Normalo, da erschrickt die Erkenntnis, da fürchtet sich das Schicksal.

Jene Verschwörungstheoretiker werden also ihre Meinungsverbreiterung wie Stalin-Orgeln aufstellen und aus den Rohren ihre Statements abfeuern, aus denen noch nicht mal der Pfeiffer mit den drei “f”s aus der “Feuerzangenbowle” ein Gute-Nacht-Kissen klopfen würde. Die Hoffnung, dass sich die Klischees der Verschwörungstheoretiker mit der Wirklichkeit decken würden, ist somit völlig unbegründet.

Als noch unbegründeter erwies sich die Hoffnung, dass Merkel, Söder und Laschet deren Publikumsgunst unbewusst wären. Unweit der Spree sah ich sie aneinander geraten. Ich stand auf einem Haufen der Patronen verschossener Argumente und musste alles mit ansehen. Die Laschets wüteten mit furchtbarer Raserei, bis deren Klingen so ausschauten, wie Verschwörungstheoretiker meinten, dass sie ausschauen müssten: krumm wie die Säbel arabischer Barbaren. Die Söders waren auch nicht besser. Denken war denen ein Graus. Es ging denen nur ums Outsourcing. Sie gaben somit zu denken. Und die Merkels? Die investierten ihr Geld in ein Holzbein, um es einen von den beiden auf die Stirn zu binden und dem Volke als gerade gefundenes Einhorn zu verkaufen.

Als dann dieses den Heere der Söders und Laschets in den Fernseh-Talk-Runden gewahr wurde, taten beide alles ihr Bestes, den Klischees der Verschwörungstheoretiker zu entsprechen. Denn aus den gewöhnlich unterbelichteten Kreisen der Verschwörungstheoretiker verbreitete sich aus deren Dunkelkammern fürs unterbelichtete Volk die schlecht entwickelte Meinung, die Söders und Laschets wüssten eh schon, was sie tun, bis jeder es merkelte.

Als die Verschwörungstheoretiker desweiteren auch noch mitbekamen, dass jene Feldherren der Tagespolitik lediglich Bananenzüchter derer eigenen Frühlingserwachen waren, wurde ihre Wut erheblich größer. Und so machte sich in den engen Denkrinnen jener Verschwörungstheoretiker etwas erheblich breiter, was dazu führte, dass etwas überschwappte und dabei auch noch durchsickerte. Dass die Verschwörungstheoretiker auf den erheblichen Nutzen eigener Bananenplantagen schwörten und die Bananenrepublik Deutschland nicht in dem Besitz einiger Bananenplantagenbesitzer wären, sondern in der Hand anderer Nicht-Bananen-Plantagen-Besitzer, das fanden die Verschwörungstheoretiker ganz uncool. Denn nur Bananenländereien gehörten in die Hand der Bananen-Plantagen-Besitzern, eben jenen ureigentlichen Verschwörungstheoretikern. Frei dem Motto: “Wen macht die Banane krumm? Immer nur die anderen.”

Und somit entwickelten Verschwörungstheoretiker etwas, was jene in deren eigenen Langeweile immer gerne entwickeln: Ziele für deren Verschwörungstheorien. Mit dem ersten Hahnenschrei des folgenden Tages standen sie auf den Haufen, den sie sich als Verschwörungstheoretiker selber gelegt hatten und versuchten dabei nicht über jenen auch noch geschossen zu werden. Und falls doch, so wollten sie nur als Opfer und Märtyrer und Unverstandener zu erscheinen. Sie warfen alles in den Kampf, was sie fanden inklusive derer eigenen Unvermögen.

Und sie fanden, dass es Außenstehende gäbe, denen die ganze Schuld aufzuladen wäre. Also Nicht-Politikern, denen sie den Status der fehlbaren Allmächtigen verliehen. Oder Leute, die zu besonnen dafür erschienen. Eben drum hat deswegen ein Reichelt seine BILD sofort den Verschwörungstheoretiker aus reinem Mitgefühl neue Geschütze im Kampfe für deren Verschwörungstheorien öffentlich überreicht: der Russe, der Droste, der Wieler und die anderen Panikmacher seien Schuld, weil es gäbe noch andere wie Wordag und Co zum Zuhören. Lasst uns die Überbringer der schlechten Nachricht schlagen und die Wodargs mit Palmwedeln bei ihrerem Einmarsch in Jerusalem auf dem Sarg der wertlosen Botschafter bekränzen. Und freilich auch den damals für BILD heilsamen Wissenschaftler Manfred Köhnlechner (Gott habe ihn seelig) auferstehen lassen, der aus dem Mund der anderen unbeachteten Virologen spräche.

Deren BILD-unterstütze Argumente waren von Vorteil. Die Verschwörungstheoretiker, obwohl sie zuvor beteits getroffen wurden und deren beide Beine vom Knie abwärts zerschmettert waren, trotz allem sie bluteten wie die Schweine unter der Knochensäge. Für Gott und Verschwörungstheorie. Auffallend war, trotz fehlender Beine, sie fielen weder an den Rand der Grube, noch hinein, jene Grube, welche sie für andere tief und breit ausgehoben hatten.

Fernerhin hatten die Verschwörungstheoretiker festgestellt, dass in den hiesigen Zeiten jedes losgelassene Argumentationsgeschoss eine kostspielige Sache war. Jedes Geschoss war inhaltlich im Stande, eine Familie einen Monat zu ernähren! Das war den Verschwörungstheoretiker der Wohltat zu viel. Denn wer konnte schon bestimmen, ob jene begünstigte Familie nicht entgegen den Überzeugungen der Verschwörungstheoretiker lebte! Das wäre unverantwortlich und ganz und gar verkehrt. Also kehrten sie die These ‘Wer nicht mit Geld umgehen kann, hat keins’ in die revolutionäre These ‘Wer kein Geld hat, kann damit auch nicht umgehen, etst recht nichz fehlerhaft’ um, an deren Ende die Forderung ‚Spendet nur noch uns’ stand. Crowdfunding at its best!

Und so saßen die Crowdfunder in deren spanischen Villen, deren mobilen Lebesräume, deren Luftschlössern, und beklagten, dass die Kämpfer für deren Freiheit nicht mehr deren Herzblut auf dem Schlachtfeld der Verschwörungstheoretiker lassen würden. Und im Umkehrschluss somit, sich mit dem Feinde fraternisiert hätten.

An dieser Stelle senkte sich der Vorhang über das Kriegsgeschehen und der Reporter hatte den Handlungsschauplatz zu verlassen. Er entschuldigte sich mit einem ‘er müsse auch mal schlafen’, aber jeder weiß, dass der Kriegsreporter nur eine Nulpe hoch drei ist, wenn er nicht von Blut, Schweiß, Tränen und Verschwörungstheorien erzählt.

Stattdessen wanderte der Blick wieder zum unbedeutenden Anfang der Reportage und es war lediglich zu wiederholen:

Endlich!

Endlich!

Endlich!

Wieder Fußball. Die Krise ist vorbei. Wenn Werder am letzten Spieltag ne Packung vom FC bekommt und beide gemeinsam den Hamburger SV vorbei ziehen lassen, dann ist wieder aller erste Bundesliga im Land.

Der Mann ohne Helden-Lizenz, der die Welt rettete

In einem fernen Land und Zeitalter der heutigen Jetztzeit existierten Paralleluniversen. Sie waren zahlreich und wurden immer argwöhnisch beobachtet. Es herrschte immer ein wenig Angst darüber, dass diese Paralleluniversen schädlich für die Zukunft sein könnten. Dass sie deren Bewohner gehirnwaschend verblöden könnten, weil deren Bewohner nicht erreichbar waren und kein Auslieferungsvereinbarungen für jene machbar waren, noch gab es Visen, um diese rechtmäßig zu betreten.

Comics waren so ein Paralleluniversum. Comics waren die Verkörperung der Ausgeburt der Ungebildetheit. Viel schlimmer noch: sie sollten die Bildung schädigen. Wie das Fernsehen. Dass Fernsehen blöd macht, weil es die Menschen amüsiert und vom Ernst des Lebens ablenkt. Vielleicht hatten die Erwachsenen von damals Recht und der Welt ist eine Generation von Einsteins entgangen. Oder neue Führer, welche wie Jeanne d’Arc ihr Heer in die Schlacht werfen, foltern und morden und dann als Märtyrerin, Jungfrau und Heilige verehrt werden.

Helden.

Jede Kindheit hatte ihre Helden. Meine ersten waren Fix und Foxi, zwei kleine bunte Plastikfigürchen. Zusammen mit einem kleinen Würfel und zwei Bleistiften spielten wir drei die KO-Runde der Fußball-WM 1974 nach, bis ins Finale, wo dann Müller den Ball vor sich hatte, in einer Drehung den Ball vorm Elfmeterpunkt, im Fallen, drehend … und der Torwart lang und länger sich machte und der Ball ins Netz und die darauffolgende zweite Halbzeit bang und bänger … . Paralleluniversum. Es ist bewiesen. So etwas schadet. Ich wurde in Folge dessen nie Fußballspieler (maximal -treter) und reckte nie einen bedeutenden Pokal in eine sternenglänzende vibrierende Nacht, wurde nie berühmt und spielte mit Plastikfigürchen, Würfel und Bleistiften auf einem grasgrünen Teppichbodenbelag liegend.

Danach hatte die Firma “Mattel” neue Paralleluniversen geschaffen, Ende der 70er Jahre. Sie brachte “Action Man”-Figuren raus. “Big Jim” hieß eine Reihe. Während die  Mädchen fleißig mit Barbie und Ken die harmonische Welt einer Bilderbuchehe in einem Bilderbuchhaus trainierten, hatte wir Jungen die “Action Man”-Figuren. “Äktschen-Männer” brauchten keine Villa, keinen großes amerikanischen Straßenkreuzer oder eine treu sorgende Hausfrau. Sie hatten die Wildnis als Villa, maximal einen Jeep und ihre Braut war irgendeine Waffe, um sich gegen wilde Tiere zu wehren. Unbesiegbar, erfolgreich und heldenhaft. Aber Helden sterben einsam. Keine Ahnung, was aus meiner “Big Jim”-Figur letztendlich wurde, ob meine Eltern sie verschenkt haben oder ob sie auf einen der illegalen Müllgruben auf dem westfälischen Land in einem tiefen Erdloch verschwanden. “Big Jim” jedenfalls landete da, wo es keine Leidenschaft mehr gibt, wo höchsten Spinnen ihr Netz aufhängen, um anderen Lebewesen heroisch deren Leben das Garaus zu machen, in einer Ecke.

Freunde lasen Comics mit den angesagten Superhelden. Tarzan, Spiderman, Batman oder Superman. Superman vor allem. Der brave Clark Kent, der immer ein wenig so aussah, wie Barbies Ken. Clark Kent, der Journalist, der seine Barbie – jene Lois Lane – anhimmelte und dann eine Telefonzelle betrat, um aus ihr nachher mit einem Arm voraus gestreckt fliegend die Welt vor den Bösen rettete. Das war ein Superheld. Ein Freund überließ mir zwei Comics und ich las sie heimlich, wie es sich gehörte unter der Bettdecke mit meiner Taschenlampe. Meine Eltern mochten keine Comics, erstens weil sie schaden sollen und zweitens auch noch unnötig Geld kosteten. Ich las sie aber trotzdem. … Paralleluniversum. Erneut ist es bewiesen. So etwas schadet definitiv. Ich wurde nie Superheld, flog nie durch sternenglänzende, vibrierende Nächte, wurde nie berühmt und las stattdessen weiterhin gerne Comics unter der Bettdecke.

Mir fällt da noch das Comic “YPS” (mit Unterschlagzeile: “Comic mit Gimmick”). Die Comics waren so platt wie die einfach gezeichneten Figuren und das trotz der Geld-Zauber-Maschine oder der Trick-Schiebe-Schachtel (= eine Mark rein und zurück gab es 5 Pfennig). Braucht es noch ein Beweis, wie schädlich Comics sind? Ich wurde nie Millionär trotz der angebotenen Möglichkeit, andere um ihre mühsam ersparten Märker oder 5-Mark-Scheine zu bringen … . Wahre Helden wären damit groß geworden. Wie Ronald Briggs. Oder unsere Helden der Finanzkrise, der Josef Ackermann oder der Peer Steinbrück. Die haben garantiert in ihrer Jugend keine Comics gelesen. Oder fern gesehen. Oder mit Anziehpuppen gespielt.

Irgendwann war die Freundschaft mit den Figuren aus. Sie hatten des Lebens nicht. Der Entscheidung nicht. Es fehlte ein Impuls für weiteres. Dann kamen die “wirklichen” Helden. John Lennon, Mahatma Ghandi. Aber das war den anderen auch nicht recht. Der eine Kommunist, der andere geistiger Spinner, aber beide real von Kugeln ins Herz getroffen, was nach Ansicht der anderen, diese als berechtigte Begründer einer Parallelwelt disqualifizierte. Denn es waren keine “Action”-Helden-Figuren aus der Mattel-Reihe, keine Comic-Heft-Helden, keine Fernsehprodukte. Aber sie wurden eindeutig als “schädlich” für die Zukunft eingeordnet. Denn mit jenen Typus Mensch der beiden “wär der Russe schon in drei Tagen hier” wurde gleichzeitig der Teufel an die Wand gemalt.

Es war die Zeit der Proteste gegen die Aufrüstung und gegen ein institutionalisiertes Feindbild, dem alles untergeordnet wurde. Es war die Zeit Anfang der 80er und in unserem Dorf war nur Platz für die wenigen “wahren” Helden: Kohl, Strauß und der Papst. Alle andere waren entweder Kommunisten, Heiden oder beides. Wer das nicht kapierte, lebte eh in einem Paralleluniversum und war bereits unrettbar geschädigt. So stand ich also mit paar Freunden 1983 jede Woche rund um unseren kleinen Dorfpumpenbrunnen und trug ein Schild um den Hals: “Schweigen für den Frieden” hieß die Aktion und sollte auf den Rüstungswahnsinn der Welt hinweisen. Blicke streiften uns hin und wieder. Freundliche waren kaum dabei. Aber den meisten war wir sowieso egal. Auch der Gruppe von etwas älteren Jugendlichen, bei der eine junge Frau ihr Baby immer wieder leicht in die Höhe warf und das Baby dabei vor Freude gluckste. “Lass es fallen, ich mach dir ein neues”, war die Bemerkung eines der dabei stehenden jungen Männer. Die Szene hat sich in mein Hirn eingegraben und ist mir so lebendig wie damals vor Augen. Und dann eine Vision, was wäre, wenn jetzt über unseren Köpfen eine atomare Rakete explodieren würde, weil das ganze System der atomaren Abschreckung aus dem Gleichgewicht geraten sein würde.

Das Jahr 1983. Mit friedlichen Methoden der Umgebung aufzuzeigen, wie aus dem Freund-Feind-Denken ausgestiegen werden konnte, war recht unwillkommen. Wer das tat, gehörte zu den “Weltfremden”,”Spinnern” und “Träumern”. Wäre der Russe wirklich einmal mit seinen Panzern angerollt gekommen, es hätten alle selbsternannten Realisten ihre PKWs sofort in die eigenen Garagen gefahren, damit das Blech keinen Schaden nehmen würde. Denn Helden, die gab es in unserem Dorfe nicht. Helden gab es auf der Leinwand. Christoper Reeve flog “Superman” ja bereits in der dritten Verfilmung über die Leinwand und rettete mehrfach die Welt. “James Bond” hatte ebenfalls nur eine Aufgabe und zwar heldenhaft die Welt vorm Bösen zu retten. Und dann war da noch “Conan, der Barbar”, jener Boxer “Rocky” und sein wilder Pedant “Rambo”. Die Welt war voll von fiktiven Superhelden.

Aber niemand gab etwas auf denjenigen, der wirklich die Welt rettete und weder durch Comic-Heftseiten, noch über Leinwände jagte, noch die Fernsehzuschauer an der Mattscheibe kleben ließ, geschweige denn einen Friedensnobelpreis erhielt:

Stanislaw Jewgrafowitsch Petrow.

Sein Name ist kaum jemanden ein Begriff. Auch Menschen in meinem Altersbereich sagt der Name nichts. Er konnte nicht mit voraus gestrecktem Arm atomare Raketen umlenken, er durchschnitt kein Kabel einer Atombombe, während er mit einem Lächeln auf den Lippen einen bösen, machthungrigen General per Blattschuss aus seiner Walther PPK mit Brausch-Schalldämpfer erledigte. Er ritt auch nicht bis an die Zähne bewaffnet ins Feindgebiet, um dort jeden Bösewicht ins Jenseits zu befördern, damit die Frommen in Frieden leben können.

Nein, Stanislaw Jewgrafowitsch Petrow hat sich dadurch zum Retter der Welt gemacht, indem er einmal einfach das tat, was von Helden nicht erwartet wird. Oder besser gesagt: indem er nicht das tat, was von ihm erwartet wurde: nicht nachzudenken, sondern einfach zu handeln. Petrow war vor 35 Jahren (1983) Oberstleutnant der Sowjetarmee. Am 26. September 1983 meldeten die Frühwarnsysteme einen amerikanischen Angriff durch Atomraketen. Da Petrow den Systemen nicht traute und lieber abwartete statt die Meldung direkt weiterzuleiten, stellte es sich heraus, dass es sich um einen Fehlalarm gehandelt hatte. Hätte er nicht abgewartet und pflichtgemäß gehandelt, der atomare Holocaust wäre 1983 eingetreten.

Stanislaw Jewgrafowitsch Petrow war im übrigen nicht der erste, der die Welt rettete. Es gab vor ihm auch noch Wassili Alexandrowitsch Archipow, der in der Kuba-Krise seine Zustimmung zu einem atomaren Torpedo-Abschusses an Bord seines U-Boots verweigerte, obwohl bereits die amerikanischen Streitkräfte das U-Boot mit Übungswasserbomben attackierten und die U-Boot-Mannschaft davon ausging, dass sich die Kuba-Krise in einen Krieg ausgeweitet hätte.

Petrow und Archipow passen irgendwie nicht in unser Superhelden-Raster und auch nicht in die Freund-Feind-Denke, was den “bösen” Feind in Russland angeht. Sie haben weder Hollywood-mäßig spektakulär gehandelt, noch waren sie herausragende Menschen. Petrow beispielsweise war wohl eher einer, den man auch mal als “Stinkstiefel” bezeichnen würde. Als sich der Angriffsalarm des Frühwarnsystems als Fehlalarm herausgestellt hatte, ging jeder in seiner Einheit davon aus, dass Petrow hoch dekoriert werden würde. Bei dem Alarm handelte es sich um einen Systemsoftware-Fehler und eine Auszeichnung Petrows wäre ein Zeichen der Demütigung anderer hochdekorierter Generäle empfunden worden. Und daher wurde Petrow auch nicht ausgezeichnet. Er wurde nicht zum Superhelden. Er wurde wegen seiner weltrettenden Entscheidung nicht bekannt. Er wurde nicht berühmt und zeitnah weltweit in Zeitungen und Fernsehen geehrt. Es wurde kein Hollywood-Film über seine Tat gedreht. Lediglich ein dänischer Dokumentarfilmer, Peter Anthony, nahm sich des Stoffes an und dokumentierte ihn, als Petrow 20 Jahre später ein wenig bekannter und in der UN geehrt wurde. Aber selbst das wurde nie wirklich an die große Glocke gehangen. Denn die wurde im Jahre 2006 bereits als Todesglocke für Militäreinsätze in Irak, Pakistan und Afghanistan benötigt.

Eigentlich weine ich dem Superhelden “Superman” ein wenig hinter her, wenn er über die Leinwand fliegt. Die Verbindung zu seinem Paralleluniversum wurde zerstört. Er ist nur noch in Lichtspielhäusern willkommen. Die Telefonzellen wurden abgeschafft.

Sie machen heuer sehr viel massenhaft Überstunden, die Superhelden in den Kinos dieser Welt, um eben diese Welt für die Kinobesucher zu retten. Eine schöne Illusion. Die unbekannten Helden eben eher in deren unbekannten Raum eines wirklichen Universums, in jenen Räumen, auf denen nur hin und wieder kurz ein kleines Licht fällt. Superhelden stehen immer im Licht und leben davon. Die unbekannten Helden spekulieren nie auf ein Rampenlicht und taugen daher nicht für Heldenepen. Deswegen kennt sie auch nie jemand … .

Danke, Petrow, und alles Gute!

In Memoriam Stanislaw Jewgrafowitsch Petrow (*1939,+ 2017)

 

All that happened didn’t matter to me—it was my job. I was simply doing my job, and I was the right person at the right time, that’s all. My late wife for 10 years knew nothing about it. ‚So what did you do?‘ she asked me. ‚Nothing. I did nothing.‘

(Petrow)

Wer sind „wir“? Wir sind …

Wir sind …

… der Krieg! Klausewitz und Sun Tsu gleichzeitig! Sei vorsichtig! Leg dich nicht mit uns an! Wir schlagen sofort zu. Nicht wie damals noch mit dem Lehrerlineal auf deine ungezogene Patschhändcheninnenseiten, bis sie glühend rosig aussahen. Nein! Wir können auch anders. Will sagen: WIR können auch anders. Weiterlesen

Frontberichterstattung aus der Heimat

Liebste Susanne,

wie geht es dir? Ist es schön im fernen Sansibar? Was machen die Orangenbäumchen? Wachsen sie und gedeihen?  Was machen die Gewürzbäumchen? War die Ernte ein voller Erfolg? Ich wünschte, ich wäre dort bei dir und nicht hier in der heimlichen Hauptstadt Deutschlands.

Der Krieg ist grausam. JA, das ist er. Aber wir sollten nie vergessen, er ist auch gerecht. Und in erster Linie gerecht. Wir haben ihn gewählt. Demokratisch. Weiterlesen