Krokodilschluss

»Schreib!«

»Ich kann nicht auf Befehl schreiben.«

»Ach ja? Das wollen wir mal sehen. Hier, frisch auf deinem Schreibtisch gefunden, ein ausgefüllter Anhörungsbogen der Polizei. Du bist mit 106 km/h durch die Alpendorfschaft gebrettert, da wo lediglich Tempo 30 war. Da konntest du doch auch auf Befehl schreiben. Tapfer. Also schreib.«

»Das ist doch was anderes. Da musste ich mich, meinen Führerschein und meine Freiheit verteidigen.«

»Was anderes? Glaubst du doch nicht in echt, oder?«

Er trat einen Schritt näher und drückte mir etwas in seiner Tasche seines Trenchcoats in den Rücken. Charakteristische Mündung. Eindeutig. Charakteristisch, wie es in Handbüchern zum Schreiben von Krimis empfohlen wird zu beschreiben. Zudem wahrscheinlich eine Glock, oder so. Die wird einem ja inzwischen an jeder Ecke angeboten. Will keiner mehr haben. Zu auffällig, zu bekannt. Seit den NSU-Morden will die niemand mehr. Oft gibt es zur Waffe noch Munitionspakete gratis oben drauf.

»Was wollen Sie von mir?«

»Schreib!«

»Ich schwör Ihnen, ich hätte nie die Tür geöffnet, wenn ich gewusst hätte, dass Sie nicht – wie Sie behaupteten – von den Zeugen Yehovas wären.«

»Schreib!«

Er schubste mich in meinen Schreibtischstuhl, drehte mich zu meinen Schreibtisch rüber, knallte mir eine Kladde vor die Nase, pflückte einen Kugelschreiber aus seiner Trenchcoat-Innentasche und klemmt diesen in meine rechte Hand.

»Zum letzten Mal: Schreib!«

»Ja, um Himmels Willen, was denn? Was soll ich denn schreiben? Mein Testament?«

»Das ist mir doch scheißegal. Mach was aufs Papier nieder, aber dalli! Etwas, was sich verkaufen lässt!«

»Ich bin doch kein Autorentalent, kann mir nichts aus dem Ärmel schütteln. Ich bin der total Falsche für so etwas.«

»Ach ja? Erzähl das deiner Oma.«

»Schon tot.«

»Willst du? Leg es nicht drauf an!«

»Verdammt, was soll ich denn schreiben?! Erpresserbrief? Rechnungen an Sie über angeblich gelieferte Waren?«

»Hömma! Mach hier nicht den Larry, woll. Du schreibst jetzt! Unser Start-up “Verlag kreiert erfolgreiche Autoren” hat dich ausgewählt, den nächsten Bestseller zu schreiben. Also tu was für unseren Shareholdervalue, woll, oder du bezahlst.«

»Okay, Sie haben die besseren Argumente in Ihrer Hand. Aber: Gewalt ist keine Lösung. Wäre es nicht besser, Sie würden ein Autorentalent für ihr Projekt auswählen? Nicht so ein Schreiberling wie mich? Jemand, der auf seine Entdeckung wartet? Der mehr Chancen auf den Deutschen Buchpreis haben wird als ich?«

»Laber nicht, Alter. Und: Gewalt ist immer eine Lösung! Krieg das in deinen Schädel rein. Geschichte haben schon immer die Gewalttätigen der Welt geschrieben.«

»Autoren sind keine Gewalttäter!«

»Die schärfste Waffe bleibt der Federkiel in der Hand eines Autoren!«

»Federkiel? Ich habe nur einen Kugelschreiber.«

»Links und rechts in die Augen und dann in die Kehle, darauf mit dem Knie ins Herz reindrücken. Das Opfer verstirbt röchelnd. Und du willst behaupten, ein Kugelschreiber sei harmlos? Präsidenten hassen die Dinger in den Händen der Autoren von Bücher und Zeitungen.«

»Solche schreiben auch längst nicht mehr mit Kugelschreibern, sondern am PC.«

»Nicht wahr. Oder schon mal von einer Neutralisierung eines Lebens per Tastatur gelesen? Darum hast du Papier und Kuli und ich den Peacemaker. Also keine falsche Hoffnungen. Ich bin hinter Dir und Du vor mir. Also schreib!«

»Worüber?«

»Worüber? Da wird aber mal einer witzig. Über 50 Jahre alt und kein Thema mehr? Das kannst du deinen Enkelkindern auf deinem Schoss erzählen, wenn Du an denen rumgrabbelst. Schreib! Eine wahre Begebenheit aus deinem Leben! Lass die Welt dran teilhaben.«

»Etwas Reales aus meinem Leben?«

»Schreib!«

Zwecklos. Er hatte die Macht und ich nur einen Kuli. Ich öffnete die Kladde, nahm den Kugelschreiber, kaute kurz auf dem Stift herum und fing einfach an zu schreiben:

»Das Folgende ist eine wahre Geschichte. Die in dieser Geschichte dargestellten Ereignisse beruhen auf einer Begebenheit, welche sich im Jahr 2018 in der romantischen Nähe der verführerischen Loreley vollzog. Auf Wunsch der Beteiligten wurden die Namen geändert. Und eben aus Respekt vor jenen Beteiligten wird der Rest der Geschichte genau so erzählt, wie sie sich zugetragen hatte. Vom Recherchieren, wer die Beteiligten waren, wird dringend abgeraten, wenn einem das Leben lieb ist.«

Ich schrieb …

9 Gedanken zu „Krokodilschluss

    • Ich schrieb diesen Eintrag, um ne Schreibblockade los zu werden. In meinem Urlaub vor paar Wochen hatte ich eine Schreibkladde dabei und nach dem Beenden eines Buches kam mir eine Idee und ich fing an zu schreiben, ein Erzählprojekt. Leider ist kein Urlaub bei mir so lange, dass ich ein Erzählprojekt vollständig abschließen kann. Also versuchte ich weiter zu schreiben und kam zu nichts. Also nahm ich die Flucht nach vorne und schrieb darüber, dass ich mich nötigen würde zu schreiben. Und schon ging es weiter. Wenn ich mein Erzählprojekt rund habe, werde ich es als ersichtlichen Mehrteiler hier reinbringen. Das wird noch dauern.

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      • OK solche Blockaden kommen schon mal vor. Lach aber du hast deinen inneren Schweinehund ja wieder das Laufen beigebracht. Wenn es mir früher bei meiner Malereien so ging, dann habe ich mit dem Bleistift einfach nur Striche und Kringel auf jedes Stück Papier, das ich finden konnte, gemalt. Irgend wann sah ich dann darin Figuren und dann konnte ich auch wieder meine Ideen malen.

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    • Das gesamte Erzählprojekt ist noch nicht rund. Ich muss erst an den Fragmenten schreiben und sie dann verbinden. Die Einträge bis dahin gehören noch nicht dazu, werden eventuell von mir eingebunden. Das Problem wird damit entstehen, es „rund“ zu machen. Der jetzige Eintrag war ein Ventil schreiberlingerseits. Im Sinne von dem Krokodilschluss. Und dem Bedürfnis eine Schreibblockade zu dem eigentlichen Erzählprojekt zu torpedieren, sprich, es mir von der Seele zu schreiben. Und ja, die handschriftlichen Aufzeichnungen zu digitalisieren ist eine Aufgabe, die mir nicht ohne ist. Der nächste Pist gehört noch nicht zu dem Erzählprojekt. Und eine Garantie auf „Lohnenswert“ für den Leser kann ich auch nicht geben. Da gibt es talentiertere als meiner einer. Aber ich werde versuchen, keinen Müll zu veröffentlichen.

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      • Das hatte ich schon vermutet, dass die Digitalisierung handschriftliche Aufzeichnungen ein Problem darstellen. Es gibt in zwischen sehr gute Diktiersysteme. Ich bin gerade dabei, diesen Kommentar mit einem solchen System zu diktieren. Ich werde es dir unkorrigiert in die Kommentarspalte Posten. Das System bzw. die App kostet zwölf Euro im Monat und ist monatlich kündbar. Ich mache jetzt keine Werbung für das System, aber ich bin sehr zufrieden damit und still dir für weitere Fragen gerne zur Verfügung.

        Nuance Dragon App googeln

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        • Ich nutze immer wieder gerne die Seite „https://speechnotes.co/de/“, welche wirklich recht gut funktioniert (auch als App aufm Smartphone). Aber diese Programme verhindern mir jedes Mal, dass ich mich mit dem Text beschäftige. Es ist kein reines Digitalisieren, sondern dabei ändere ich auch immer wieder den Text, weil mir andere Formulierungen besser erscheinen oder einfallen, oder weil mir dabei anderes einfällt. Es ist immer so schwierig einen Text sich selber zu lektorieren, wenn er erst einmal digitalisiert ist.

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