Als der Nordpol nahe eines beschaulichen Dorfs im Münsterland weiter wanderte – Teil 1 / 5

“Verdammte Hacke! Diese stacheligen Ranken, ich hasse sie!”

Mit spitzen Fingern entfernte Thomas einen dornigen Ast aus seinem Strumpf. Die Dornen sträubten sich, so dass Thomas feine Fäden beim Entfernen aus seinem Strumpf zog. Schimpfend drehte Thomas den Ast weg und blickte auf die zwei kleinen Löcher in seinem Strumpf.

“Da reden die von der Wichtigkeit der Forstwirtschaft und schaffen es nicht mal die Pfade hier im Wald einigermaßen begehbar zu machen. Sackgesichter.”

Mit dem Smartphone in seiner Rechten überprüfte er nochmals die Richtung. Mit seiner Linken holte einen Notizblock aus seiner Hosentasche. Darin hatte er sich mit Bleistift Zahlen notiert, die er jetzt mit den GPS-Koordinaten auf seinem Smartphone verglich.

“Ich verstehe das nicht. Was stimmt da nicht? Das waren vorher doch andere Koordinaten. Als ob sich die Karte ändert. Verdammte Software.”

Ratlos hielt er inne, nahm seinen Rucksack ab, öffnete ihn und holte eine Karte hervor. Sorgsam entfaltete er diese und blickte während dessen immer wieder auf sein Notizblock.

“Oder habe ich mich verrechnet? Oder die Aufgabe stimmt nicht. Moment.”

Mit seinem Zeigefinger strich er ein paarmal über das Display und las leise:

“Betrete das Tor zur Davert. Geografisch durchfliest der beschauliche Emmerbach diese Davert-Senke von Südosten nach Nordwesten. Passiere die Haselburg, deren Reste unter einem Wäldchen verborgen liegen. Ziehst du von der Haselburg aus eine Linie über die ‘Hohe Heide’, findest du einen Rastplatz. Besucher des Rastplatzes vergraben manchmal ihre Hinterlassenschaften direkt hinter Hütten, manche nicht. Und manche Geocacher vergraben ihre Hinweise etwas weiter unter einem Stein in einem Holzkistchen, etwa ein Dutzend Ruten entfernt.”

Den Rastplatz hatte er über Umwege erreicht. Er war nicht schwer zu finden, nur sein Navi-Gerät funktionierte in der Gegend nicht mehr so genau. Die erwähnte Hütte glich jedoch eher einem Holzunterstand mit einer Holzbank. Sie diente wohl den Pättkesfahrern und Wanderern als Schutz vor Regengüssen und als Pausenplatz. Die vielen Papiertaschentuchfetzen im Bereich hinter dem Unterstand kündete von den erwähnten Hinterlassenschaften. Der Ort diente mutmaßlich wohl als Toilettenersatz.

Den Ort, an dem sich das Holzkästchen vergraben lag, fand er nicht sofort, denn der Boden war mit Laub bedeckt und ließen keinen Stein sehen. Anfangs suchte er vergeblich. Dann grübelte Thomas darüber nach, was im Hinweis mit den ‘Dutzend Ruten’ gemeint sein könnte. Haselnusssträucher oder Weiden erblickte er nirgends. Beim Suchen auf den Boden kam ihm die Idee, einen alten verzweigten Ast als Laubrechen zu verwenden.

Geocaching war sein Hobby und das Lösen der Rätsel ließ manches Mal seine Ideen sprudeln. Es gab ihm das Gefühl einer Mischung von “MacGyver” und “Die 3 Fragezeichen”. Als er den Ast zum Fegen des Waldbodens vorbereitete, fühlte er sich dieses Mal wie “MacGyver”. Es dauerte zwar seine Zeit, bis er fündig wurde, als er aber einen ellengroßen Stein auf dem Boden vom Laub frei gefegt hatte, war ihm die verstrichene Zeit egal. Die Entfernung zum Unterstand schätzte Thomas auf fast 50 Meter ab. Wie lang musste nach Meinung des Verfasser dieses Geocaching denn somit eine Rute sein? 3 Meter 80? Oder meinte der Verfasser die Größe eines kleinen Baums? Thomas kniete nieder, schob den flachen Stein beiseite. In dem Loch darunter fand er in einer schwarzen Tüte das gesuchte Kästchen. Er befreite das Kästchen aus der Tüte und klappte den Deckel auf. Nach kurzem Durchschauen des Inhalts entdeckte er in dem Kästchen einen laminierte Zeitungsausschnitt und mehrere andere einfolierte Papiere.

“Die Erde besteht im Innern aus einem über 5000 Kelvin heißen Kern aus Eisen und Nickel”, las Thomas aus dem Zeitungsausschnitt leise vor. “Die Temperaturunterschiede vom Kern zur äußeren Hülle führen zu thermischen Materialströme innerhalb des Kerns. Diese werden bei deren Aufsteigen zur Kruste hin als auch nach deren Abkühlung beim Absinken wiederum von der Corioliskraft abgelenkt. Die Magnetfeldlinien der Erde sind an diese Ströme gekoppelt. Da das Erdinnere und seine Prozesse nicht wirklich ausreichend erforscht sind, bleibt zur Berechnung der Magnetfeldlinien nur die Anwendung von lineare Modellen. Und so wird das Model mit der Lage von Nord- und Südpol alle fünf Jahre mit den aktuellen Daten auf den neusten Stand gebracht. Dieser Stand ist wichtig für die satellitengestützte Navigation und anderen GPS-Geräten. 2016 etwa, nur ein Jahr, nachdem die Forscher ihr Modell zuletzt aktualisiert hatten, trat unter Südamerika ein heftiger geomagnetischer Impuls auf, der die tatsächliche Entwicklung von der Voraussage abweichen ließ. Schon vor fast 200 Jahren hatte Alexander von Humboldt festgestellt, dass das Magnetfeld über dem Südatlantik, Südamerika und Südafrika besonders schwach ist. Satelliten sind ebenso wie die Lebewesen am Boden in diesen Gegenden einer erhöhten Strahlung aus dem All ausgesetzt. Dieses wird als die ‘südatlantische Anomalie’ bezeichnet. Ähnlich wie die Beschleunigung des Nordpols könnte auch solch eine Anomalie eine Umpolung der Erde ankündigen. In den 90er Jahren des letzten Jahrhunderts hatte sich die Wanderung des magnetischen Nordpols bereits von 15 auf 50 Kilometer pro Jahr beschleunigt gehabt. Und diese Beschleunigung geht weiter. Je mehr geologische Anomalien entstehen, desto stärker die Beschleunigung. Sollte sich beispielsweise irgendwo das Erdinnere öffnen – also Vulkane, Erdspalten mit Magma, oder sollte sich gar das Tor zur Hölle öffnen – und somit die Materialströme im Erdkern sich dadurch verändern, dann hat das Einfluss auf die Lage des Nordpols. Wenn dann der Flieger von Düsseldorf nach Gran Canaria plötzlich mit Kerosinmangel in Cap Verde landet, dann könnte es an einer fehlenden Aktualisierung der Magnetfeldmodelle liegen und somit mit der Satellitennavigation zu tun haben. Denn Navigationsgeräte interpretieren Daten nicht, sie nehmen die Daten als bare Münze für ihre mathematischen Algorithmen.”

Thomas blickte nachdenklich auf den Zeitungsausschnitt und las ihn sich erneut still durch. Er schüttelte den Kopf. Was sollte dieser Ausschnitt? Er nahm das nächste ebenfalls sorgsam laminierte Blatt Papier aus dem Kästchen.

“Du hast bislang alles gut gemeistert. Ich hoffe, du hast nicht die letzten Haselnusssträucher oder Weiden geplündert, um ein Dutzend Ruten daraus zu gewinnen. Denn bei ‘Rute’ handelt es sich um eine alte Entfernungseinheit. Sie umfasste 12 Fuß, also in etwa drei Meter achtzig. Aber jetzt zur nächsten Aufgabe. Die Davert ist eine verwunschene Flachsenke im Kernmünsterland und sie war ein unwirtlich mooriges Gebiet, denn sie stand damals immer größtenteils unter Wasser. Und diesen schaurigen Charakter hat die Davert bis heute nicht verloren. Es soll hier spuken.”

Fortsetzung folgt

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