Computerkugeln auf Kreisbahnen

Ein Film, der zwischen zwei Sätzen spielt.
Gerichtet an den Zuschauer.

Mein Name ist Wesley Gibson. Mein Dad hat meine Mutter verlassen, als ich sieben Tage alt war. Würde mich interessieren, ob er mal in meine babyblauen Augen geblickt und sich gefragt hat: Hab ich das unbedeutenste Arschloch des 21. Jahrhundert gezeugt?

Danach ein Selbstfindungstrip über Schläge, Heilbäder, in Kreisbögen geschossene Kugeln und die Regeln einer Bruderschaft. Dabei auch der berühmte Star-Wars-Satz: „Ich bin dein Vater.“ Ohne den Zusatz „Luke“, das versteht sich.
Und immer wieder Kugeln, die in Kreisbahnen fliegen. Und dann noch eine, die den Wesley Gibson umkreiste. So wie der Mond die Sonne. Trabantengleich.
Und zum Schluss des Films:

Ich bin es, der sich die Kontrolle über sein Leben zurückholt. [den Zuschauer anblickend] Was zum Teufel hast DU in letzter Zeit getan?

Klar, angesichts der rasanten Filmhandlung habe ich „nichts“ getan.
Aber warum steigt dann der moralisierende Zeigefinger in mir hoch? Dieser ewige Mahner, der zu sagen scheint, dass kein Selbstfindungsprozess so verlaufen soll, wie der des „Wesley Gibson“ im Film „Wanted“?

Aber warum denn eigentlich nicht?

„Matrix“, „Fight Club“ und „Clockwork Orange“, ich hab sie mir alle am gleichen Abend ausgeliehen. Sie lagen dann schon auf meinem Fernseher. Zuerst wollt ich aber noch ein wenig cnn und den Rückblick auf die Krisenherde dieser Welt anschauen.
Dabei bin ich eingeschlafen. Leider zu unruhig. Eine Mücke surrte mir um den Kopf. Versuchte sie im Halbschlaf zu erschlagen. Habe mir dabei mehrfach aufs Ohr gehauen. Die Mücke kreiste weiterhin um mich herum. Mit angeschwollenen Ohren bin ich aufgewacht.

Heute musste ich die DVDs zurück bringen.
Na gut, dann halt am nächsten Wochenende. Wer will schon „das unbedeutenste Arschloch des 21. Jahrhundert“ sein, wenn sich alle Gewehrkugeln wie Trabanten um die eigene Person bewegen können?

Aber verdammt!
Seit wann dürfen Mücken in solche Filme und sich dann wie die Gewehrkugeln in „Wanted“ benehmen?

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Mitten aus dem Leben: "War das etwa witzig?"

Quentin Tarantino ist eine Sache für sich. Man mag ihn, liebt ihn, versteht ihn einfach nicht oder hasst ihn einfach nur.
Als „Reservoir Dogs“ erschien, lief er mit nur wenig, aber steigender Beachtung an. Ich sah ihn erst viel später.
„Pulp Fiction“ war der Knaller. Es dauerte fast ein Jahr, bis ich ihn mir anschaute. Ich war begeistert, denn meine Erwartung eines Mainstream-Filmes wurde gnadenlos enttäuscht.
Als dann 1996 „From Dusk Till Dawn“ erschien und ich in den morgentlichen Nachrichten las, dass Tarantino diesen Film vom Regisseur Robert Rodriguez produziert hatte, war für mich klar, dass ich in die Vorstellung des ersten Tages musste. Dabei ist „From Dusk Till Dawn“ kein Tarantino-Film. Und dass er dabei auch noch mitspielte, dass hatte ich gar nicht wirklich mitbekommen.
Ich gebe zu, dass mich das deutsche Kino-Plakat mit seinen Untertitel animierte. Es war ein Wort, welches den ganzen Film passend charakterisierte und aus vielen Adjektiven zusammengesetzt war. Ein Monster-Wort zu einem Monster-Film. Passend für das Leben der beginnenden Nacht. Ein 20:00 Film „frei ab 18“. Das pralle Kinoleben.

'Original_Ticket' von Careca

So saß ich denn ab 20:00 im Kino in den unteren Rängen und harrte den Dingen, die da kommen sollten. Ich dachte, es wäre ein „Quentin Tarantino“. Aber was kam war ein „Robert Rodriguez“. Es waren annähernd geschätzt 10, 12 Leute im Kino, welches ungefähr 400 Leute fassen konnte und die größte Leinwand Aachens hatte.
Der Film begann und schlug einen Bogen über Road-Movie hin zum Splatter-Film. Der Spannungsbogen war so brutal, dass es nicht nur mich aus den Sessel haute. Offenbar erging es vier, fünf Leute ebenso wie mir. Anfangs voll atemloser Spannung kippte die Handlung im Titty Twister nach der „Pussy-Show“.

Ab dem entscheidenden Satz von George Clooney „War das etwa komisch?“(*), kurz bevor der Grinsewilli von den Gebrüdern Gecko gemeinsam gesiebt wurde, da schwenkte der Film in ein anders Film-Genre um.
Und alles das, was danach geschah, wurde nicht nur von mir mit genüßlichem Gelächter quittiert.

Es gilt dabei zu bedenken, dass wir Lachenden nicht die einzigen im Kino waren. Es gab da auch die von den zehn, zwölf Zuschauern, die ganz offenbar das weniger witzig fanden.
Aber das war mir so etwas von egal.
Ich krallte mich im Kino-Polster fest und hatte Mühe beim krallen, vor Lachen nicht vom Stuhl zu rutschen.

Als der Film dann zu Ende ging, und die Totale die Müllhalde hinterm „Titty Twister“ zeigte, rutschte ich vor Lachen nun wirklich beinahe vom Kinsosessel (schlechtes Polster halt). Und nicht nur ich allein hatte dieses Lach-Problem, wie ich bei jemanden paar Reihen links vor mir bemerkte.

Der Abspann lief, das Licht ging an und rechts zwei Reihen vor mir standen vier Leute auf. Zwei Pärchen alteren Alters so um die vierzig. Absolut seriös und humorresistent, wie ich damals fand. Sie zogen während des Abspanns gefließentlich ihre Jacken an. Aber einer drehte sich mit leicht säuerlichem Gesicht direkt zu mir, den Lach-Belästiger, um und blaffte mich für jedermann laut und vernehmlich an:

„War das etwa witzig?!?“

In jenem Augenblick konnte ich mich wirklich nicht mehr vor Lachen halten. Ich rutschte buchstäblich lachend vom Sitz. Und hinter mir ging von den anderen fünf oder sechs Leuten eine verschärfte Lachsalve los.
Ja, ich fand die Frage oberwitzig. :> :>> :>

Sorry für mein Lachen, liebe Leute von damals, dass ich den Teil der blutrünstigen Splatterhandlung vom Film nicht wirklich ernst nahm. Vielleicht hättet du mein Lieber Anblaffer nicht den Film für deine Frage zitieren sollen … :>

Aber das musste sein! :>>


— ********


(*) P.S.:
Der wirklich letzte Satz des Road-Movie-Teils vom Film hieß freilich nicht „Do you think that was funny?“ sondern „Sit down!“. Und dann begann der Splatter-Teil.

P.P.S.:
Wie ‚Senator Film Verleih‘ mitgeteilt hat, startet „Planet Terror“, der zweite Teil der Tarantino/Rodriguez Filmreihe „Grindhouse“, nun erst am 04. Oktober 2007 in den deutschen Kinos.
Schade eigentlich. Als „Double Feature“ wird das Gemeinschaftsprojekt Rodriguez/Tarantino dann wohl erst im November laufen.

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Locker, lässig, lasziv, … Quentin is back! … Bein ab …

Locker_laesig_Bein_ab

Es gibt im Leben eine ganz zentrale Frage:

Darf man beim Fahren als Beifahrer in einem Schiff von Auto seine Füße locker, lässig, lasziv aus dem Fenster strecken und das Gefühl haben, wie der Fahrtwind an den rasierten, langen Beinen entlang streicht und wohlig die eigene knallenge Jeans-Pants aufbläst?

Die Frage ist eigentlich völlig nebensächlich, wenn man zur Beantwortung dieser ins Kino geht und der Regisseur Quentin Tarantino heißt.
Tarantino Filme sind keine leichte Kost, so zwischen Salzgebäck und Bier. Man benötigt schon eine ganz gehörige Portion Lässigkeit, um sich auf Tarantinos Filmwelten einzulassen. Man kann warten bis seine Filme im Fernsehen gezeigt werden, muss sich dann aber darauf einstellen, dass zuvor aber fleißig am Film geschmackskontrollenmäßig herum geschnibbelt wird.
So erging es „Reservoir Dogs“, so erging es „Pulp Fiction“ und „Jackie Brown“, so wird es auch noch den zwei Filmteilen von „Kill Bill“ gehen.
Inzwischen verbindet Quentin Tarantino eine starke Bande mit Roberto Rodriguez. Der hatte damals das geniale Werk „From Dusk till Dawn“ herausgebracht, was ja viele gerne Quentin Tarantino unterschieben. Dabei war Tarantino nur Produzent und zweiter Hauptdarsteller (direkt nach George Clooney).
Roberto Rodriguez und Quentin Tarantino haben sich mal wieder zusammen getan und ein Double-Feature-Movie im Grindhouse-Stil herausgebracht. Leider konnte weder das amerikanische Publikum noch die amerikanische Filmindustrie richtig mit dem Grindhouse-Stil etwas anfangen, also wurden die Filme getrennt aufgeführt.
Tarantinos Filmteil heißt „Death Proof“ und ist gerade in den deutschen Kinos angelaufen.
„Grindhouse-Stil“ an sich ist auch hier nicht wirklich ein Begriff. Man stelle sich vor, man nehme alte, schon in diversen Kinos gelaufene Russ-Mayer-Filmerollen und packe sie in ein Tagesprogramm und zeigt es dann so eine Woche lang. Dann hat man eine Woche lang ein Kinoprogramm mit seltsamen Farben und unheimlich vielen Filmschäden.
Grindhouse-Stil-Kinos waren die ARI-Kinos in den deutschen Bahnhöfen, wo zu guter Letzt nur noch Jodel- und Billig-Pornos im Non-Stop-Betrieb gezeigt wurden. Damals noch zur Unterhaltung einer bestimmten bahnreisenden Klientel gedacht, hat irgendwann die Deutsche Bahn diese Kinos mit Schmuddel-Image aus ihren Gebäuden geschmissen.

Zurück zum Film:
„Death Proof“ ist mal wieder ein gutes Stück Tarantino. Der Inhalt lässt sich schnell erzählen, aber darauf kommt es bei seinen Filmen nicht wirklich an. Hatten noch in PULP FICTION die Männer die coolen lässigen Sprüche auf Lager, so sind es hier die Frauen, die den Männern jeglichen Schneid abkaufen und jeden männlichen Satz blass aussehen lassen.
Kamerafahrten sind Tarantinos Blickwinkel. Eine frau bückt sich und die Kamera ist fasziniert von ihren knackigen Po, hält drauf zu und weicht im letzten Augenblick aus, nur um dorthin zu schauen, wo die Frau hinschaut.
Oder Tarantinos Gastauftritt als trinkender Bartender erinnert an „From Dusk till Dawn“.
Eine zweite Reminiszenz an „Kill Bill“ gibt es ebenfalls. Der amerikanische Polizist mit seinem „Sohn Nr. 1“ taucht auch wieder auf und nervt eine Krankenschwester. Ob er mit seinem Sohn auch im nächsten Tarantino-Film wieder mit machen darf?

Der Film ist eine Empfehlung meinerseits. Nur mit dem eindeutigen Hinweis, der Film ist nicht wirklich „Frei ab 16“. Selbst „Frei ab 18“ erweckt falsche Eindrücke, denn einen nackten Menschen in Paarungssituation gibt es ebenso wenig wie nackte Menschen.
Aber dafür recht viel nacktes Bein. Manchmal auch allein auf dem Asphalt einer Straße blutig vor sich hintropfend. Das ist halt Tarantino wie wir ihn haben wollen. Spiel mit den Gedankengängen der Zuschauer.

Zurück zu der Eingangsfrage.
Eine wirkliche Antwort gibt der Film auf diese Frage nicht. Aber nach diesem Film wird man so schnell seine Beine nicht mehr aus dem Beifahrerfenster stecken wollen …

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