Als der Nordpol nahe eines beschaulichen Dorfs im Münsterland weiter wanderte – Teil 4 / 5

Was vorher geschah: Teil 1, Teil 2, Teil 3

Befremdet schaute sich Thomas die Szenerie an und fühlte sich recht unwohl dabei. Was ging da ab? Wer waren diese Gestalten? War das ein altes Davert-Ritual im Mondenschein? Er überlegte, das Ganze zu filmen, kramte sein Smartphone hervor und richtete es auf die drei. Dabei bemerkte er, dass sogar noch eine vierte Person um die Dreien herumtanzte. Er erkannte die Person wieder. Es war dieser kleinwüchsige Mann, dieses Hoho-Männchen, welches ihn von oben aus einem Baum angefallen hatte. Unwillkürlich griff sich Thomas an den Hals, als ihm dieser Überfall wieder einfiel. Sein Hals schmerzte noch immer und auf seinem Kopf spürte er die Beule, die sich von dem Aufprall des Hoho-Männchens gebildet haben musste. Thomas war klar, er musste das Ganze filmen oder ansonsten würde ihm das nachher niemand glauben.

Er legte sich flach hin, schob sein Smartphone auf dem Boden in Position und wischte auf dem Display um die Kamera-App zu aktivieren. Jedoch erwischte er zuerst wieder seine Karten-App. Und offensichtlich hatte er wieder Netz, denn die Karte zog Daten aus dem Internet. Thomas wartete. Zu gerne wollte er jetzt doch wissen, wo er sich genau befand. Die Karte baute sich langsam auf und dann sah er nur eine weiße Gegend. Irgend etwas stimmte nicht. Er wartete, die Karte zeigte lediglich eine weiße Umgebung und in der Mitte seinen Standort als blauen Punkt. Mit zwei Fingern zoomte er aus der Karte heraus … Das konnte nicht sein. Das war unmöglich. Die Karte hatte seinen Standort Mitten auf dem Nordpol verortet. Was sollte das? Er lag hier definitiv irgendwo in der Davert, unweit des Dorfes Davensberg und nicht auf dem Nordpol. Das passte weder vom Wetter her noch die Temperaturen stimmten und die Erderwärmung hatte sich auch nicht stark beschleunigt …

“Diese verteufelte Sch-scheiss-Software”, entfuhr es Thomas unterdrückt. Jedoch kaum war ihm dieser Fluch entwischt, bereute er ihn. Er wollte unentdeckt bleiben und senkte seinen Kopf zu Boden. Aber offenbar hatten ihn die vier Gestalten gehört, denn er vernahm ein leises “Ho ho”, und als er aufblickte sah er den Kerl mit großen Schritten und ineinandergeschlagenen Armen auf ihn zukommen. Thomas war erstarrt, er wollte sich bewegen, konnte es aber nicht. Der Kerl näherte sich ihm, verlor einen seiner Holzschuhe und Thomas bemerkte den nackten, verkrüppelten Fuß, der darin verborgen war. Thomas wollte sich zusammenreißen, um zumindest noch die Kamera-App zu starten, aber er hatte jegliche Gewalt über seinen Körper verloren. Er fühlte sich wie zu Stein erstarrt. Sein Smartphone entglitt seinen Händen und kippte mit dem Display nach unten aufs Laub.

“Kiek an, ‘n Pottkieker!” Der Mann hatte sich jetzt direkt neben Thomas gestellt. Dessen Mondschatten fiel auf Thomas Gesicht, so dass Thomas kaum das Gesicht des Mannes erahnen konnte. Und in dem Moment als Thomas den Mann in seiner ganzen Größe neben sich stehen sah, bemerkte er, dass er die Kontrolle über seinen Körper zurück gewonnen hatte. Er rappelte sich auf seine Knie und wollte sich aufrichten. Aber der Mann drückte ihn mit einer Hand auf seiner Schulter wieder nach unten.

“So, so. Biätter in’n Stall äs in’n Bedde?”, meinte der Mann mit leicht gönnerhaften Einschlag in der Stimme. Thomas verstand nichts von dem und schaute den Mann unverständig an.

“Kannst du Platt küern?”

Thomas schüttelte verneinend den Kopf und versuchte dem Druck auf seiner Schulter zu entweichen.

“Nein? Du kommst nicht von hier, oder? Dann rede ich mal hochdeutsch mit dir. Du liegst hier einfach so unter meiner Eiche und versperrst mir gerade meine Tür nach unten.”

“Deine Tür? Nach unten? Unter welchem Stein bist du denn hervor gekrochen gekommen? Und lass meine Schulter los, du Brutalo!” Thomas wollte dem Mann etwas entgegensetzen, und wenn es nur paar drohend wirkende Sprüche sein sollten. So ließ er sich von niemanden behandeln.

“Meine Eiche, meine Tür. Und deine Höflichkeit ist eines Gastes unwürdig. Erst provozierst du das Hoho-Männeken, dann spielst du Voyeur, als ich mit meinen Geliebten tanze und jetzt stellst du auch noch Ansprüche, mich beleidigen zu dürfen, ohne mich zu kennen? Das lasse ich dir nicht durchgehen. He is dumm geboren un hett nix da tolehrt. Ik will di wiesen, wor de Timmermann ´n Gatt laten hett.“

Der Mann sprach es und seine Hand zog Thomas komplett nur an der Schulter hoch. Thomas versuchte, Boden unter seine Füße zu bekommen, und als ihn die Hand des Mannes losließ, taumelte er ein wenig. Er wollte sich zum Mann drehen, um in eine Verteidigungshaltung zu kommen, denn irgendetwas sagte ihm, dass der Mann etwas Übles im Schilde führte. Zudem nahm er auch noch den Geruch des Mannes war, ein strenges und seltsames Parfum. Thomas konnte es nicht zuordnen. Und er hatte auch keine Zeit mehr dazu. Denn der Mann holte mit der anderen Hand aus und ließ diese mit voller Wucht in seinen Rücken klatschen. Thomas verspürte einen scharfen Schwerz in seiner Wirbelsäule, hatte das Gefühl zu fliegen, glaubte auch zu sehen, wie er flog, über die erleuchtete Lichtung hinweg auf die beiden alten Frauen zu. Ihre Gesichter wurden immer deutlicher und er blickte in alte zerfurchte Gesichter, in kalte leblose Augen. Er spürte den harten Aufprall, wie er sich überschlug, mit seinem Ellenbogen auf einen Stein aufschlug und ein brutal stechender Schmerz im seine Sinne raubte.

Als Thomas wieder zu sich kam, hatte er den Geschmack von feuchter Erde und verrottetem Laub im Mund. Im ersten Moment dachte er an einen Alptraum, aber als er seinen Kiefer bewegte, kaute er in der Tat auf eine Mischung aus Erde und Laub. Er versuchte seine Arme zu bewegen, aber ein Schmerz in seinem rechten Ellbogen ließ ihn Stille halten. Er öffnete vorsichtig ein Auge und schloss es sofort wieder. Was er gesehen hatte, konnte er nicht glauben. Seine Gehirn weigerte sich einfach zu glauben, was ihm das Auge als Information vermittelt hatte.

“Das kann nicht sein! Das kann nicht sein!”, durchzuckte ihn die ersten Gedanken. “Nein, das glaub ich nicht!”

Er wollte das andere Auge öffnen, um das Gesehene zu verifizieren. Aber das Auge reagierte nicht. Vielmehr spürte er eine pochende Schwellung, welche ihm das Auge zuhielt. Erneut öffnete er langsam das erste Auge. Er sah die Welt vom tiefsten Punkt aus, direkt vom Boden her. Und was er sah, beruhigte ihn ganz und gar nicht. Unter der Eiche stand ein Vierspänner: zwei schwarze Rappenpaare waren vor einer schwarzen Kutsche gespannt. Die Türe der Kutsche war offen und er sah dort zwei Personen drin sitzen. Eine dritte Person kam auf ihn zu, schwarz verhüllt mit einer Kapuze, schwarz ebenfalls, und mitten auf der Kapuze ein rot-weißes Emblem. Die Person beugte sich zu ihn herunter und packte ihn bei den Schultern, rüttelte an ihn. Thomas versuchte zu schreien, bewegen konnte er sich nicht, sein ganzer Körper war wie nicht vorhanden, er bestand nur noch aus Angst und Panik. Die Kutsche! Die Kutsche des Rentmeisters und die Kapuzinermönche! Zudem vernahm er auf einmal das Dröhnen von Flugzeugmotoren, begleitet von einem anschwellenden Heulton. Sie kamen von oben! Dröhnende Motoren eines abstürzenden Flugzeuges! Um Gottes willen! Vielleicht hatte es noch eine Bombe an Bord! Einen Blindgänger, der beim Aufprall dann explodieren würde!

“Bom-be”, mühsam formte sein Mund durch den Dreck hindurch das Wort. “Bom-be.” Thomas konnte das Gesicht des Kapuzinermönchs jetzt direkt vor sich sehen. Er war verwirrt. Das Gesicht sah recht lebendig aus. Er versuchte erneut das Gesehene gedanklich zu verarbeiten. Irgend etwas stimmte hier überhaupt nicht. Ihm wurde schwarz vor den Augen, Stille setzte um ihn herum ein, er hatte das Gefühl hochgehoben zu werden und zu fliegen …

Fortsetzung folgt

Als der Nordpol nahe eines beschaulichen Dorfs im Münsterland weiter wanderte – Teil 2 / 5

Was vorher geschah: Teil 1

Thomas ergriff sich das nächste laminierte Papier:

“Rentmeister Schenkewald war ein abartig böser Mensch. Als Rentmeister und somit als mittelalterlicher Finanzverwalter lebte er damals im Schloß Nordkirchen – dort, wo heute Studenten Finanzwesen studieren. Schenkewalds Leidenschaft bestand darin, die Bauern der Umgebung übel zu misshandeln und deren Abgabenlast stetig über Gebühr zu erhöhen. Dass er unbeliebt und auch verhasst war, stachelte ihn immer weiter an, aus den Bauern mehr als nur die letzten Abgaben mit allen erlaubten und unerlaubten Mitteln heraus zu pressen. Als der Rentmeister schließlich eines Tages starb, war zwar der nutznießende Geldadel traurig, aber durch die Bauernschaften ging ein allgemeiner Seufzer der Erleichterung. Jedoch verwehrte Gott dem Rentmeister den Eintritt in den Himmel und auch dem Teufel war der Halunke nicht geheuer. So blieb der Rentmeister also zwischen den Welten gefangen und spukte weiter am Orte seines Ablebens, im Schloss Nordkirchen. Viele Leute sahen ihn dort, wie er unstet des Nachts herumlief, an Tischen saß, schaurig heulte und dabei Geld zählte, darüber hinaus unwissenden Besuchern diese um deren Barschaft erleichterte, sobald diese nicht aufpassten, und fromme, das Schloss aufsuchende Bauern zu Tode erschreckte.

Diese setzte sich fort, bis letztendlich in einer sehr finsteren Nacht eine Kutsche gezogen von vier dunkelschwarz glänzenden Rappen vorfuhr und zwei Kapuzinermönche die Kutsche Richtung Schloss verließen. Sie kamen, um ihn zu holen. Sie nahmen ihn in ihrer Mitte, verließen das Schloss und setzten sich in die schwarze Kutsche. Und als der kalte Regen einsetzte und die dumpfe Totenglocke vom Schloss Nordkirchen ertönte, sollen sie das Schloss in der Kutsche mit dem Ziel der Davert verlassen haben. Und in jener Kutsche sitzt bis heute der Rentmeister zwischen den beiden schweigenden Kapuzinermönchen und fährt in der Davert des Nachts herum. Viele Leute haben die Kutsche gesehen und näherten sie sich ihr, so flog sie davon. Solltest du auf deinen Wanderungen ein altes Weib antreffen, welche haspelt, dann frage jene ‘Spinnleonore’ ruhig mal nach jener Kutsche. Aber Vorsicht: traue der Frau nicht, denn schon damals hatte sie mit einer zur kurzen Haspel gearbeitet und damit alle betrogen. Das vorgeschriebenen Eichmaß von zwei Metern hatte sie immer wieder um bis zu einem Viertel gekürzt.”

Thomas lächelte. Er liebte Schauermärchen. Auf dem Land davon gab es viele. Besonders, wo es morastig war und Kutschen nur langsam voran kamen. Nach einem deutlichen Absatz auf dem Papier setzte das Geschriebene fort:

“Im Zweiten Weltkrieg hatte eine Bomberstaffel der US-Airforce im Februar 45 den Auftrag, die Bahnstrecke Dortmund-Münster zu zerstören. Nachdem die Bomberstaffel ihren Auftrag erfolgreich ausgeführt hat, geriet sie ins Visier des deutschen Jagdgeschwaders 27. Eine Maschine der Bomberstaffel wurde abgeschossen. Es starben mehrere G.I.‘s, darunter Lieutenant Alfred Brush Ford, dessen Maschine in der Nähe des Hofes Westerholt abstürzte. Auf der Gegenseite wurde ebenfalls eine Maschine abgeschossen und eine Messerschmitt Me-109 bohrte sich unweit des beschaulichen Dorfes Davensberg tief in den Boden der Davert. Ihr Pilot der Maschine war Otto Balluff, der Sohn des damaligen Aalener Bürgermeisters. Über ein Jahr später wurden die Überreste des Piloten und seine Maschine ausgegraben.

Kinder berichteten danach immer wieder mal, dass sie in der Davert des Nachts ein abstürzendes Flugzeug gehört oder gesehen hätten. Die Erwachsenen führten das jedoch immer wieder auf den hohen Radio- oder Fernsehkonsum ihrer Kleinen zurück. Niemand maß deren Berichte je Ernst bei. An jener Stelle des Absturz befindet sich heute ein Kreuz unter Rhododendron-Büsche. Zudem erinnert zusätzlich unweit der Stelle ein Gedenkstein an die vielen Opfer des Krieges.”

Thomas zuckte ein wenig erschrocken und blickte auf den Stein. Aber dort war nichts eingraviert und um ihn herum gab es auch keine Rhododendron-Büsche. Er las noch den Hinweis, das Blatt zu wenden und las:

“Das Kreuz des Alfred Brush Ford jedoch ist inzwischen schon stark verwittert und nur noch wenigen bekannt. Suche es. Aber sei auf der Hut vor den Geistern der Davert. Löse das Rhebusrätsel auf dem dritten Blatt. Die fünf Worte ergeben die vier Koordinaten, die du nach Eingabe auf meiner Geocaching-Seite im Internet erhältst. Diese vier bilden ein Kreuz. Suche die Mitte des Kreuzes für den nächsten Hinweis auf.”

Thomas nahm das dritte Blatt und schaute sich das Rätsel an. Ein Kinderspiel für ihn. Über seinem Smartphone gab er die Worte ein und erhielt die Koordinaten. Er nahm eine Landkarte aus seinem Rucksack, zeichnete die Koordinaten ein und verband sie. Als er den Zielpunkt sah, überlegte er, ob er sein Auto nehmen oder zu Fuß gehen solle. Er schaute das Ziel auf sein Smartphone an und entschied sich fürs Wandern. Warum auch nicht. Pättkes, also Pfade, hatte es ja im Wald genug.

Er verstaute alle Folien wieder in das Kästchen, wickelte es in die Kunststofftüte, legte sie in das Loch und schob den flachen Stein wieder drüber. Danach fegte er ein wenig die Umgebung mit seinem Ast, so dass alles unberührt aussah und der nächste Geocacher genau so viel Energie wie er selber aufbringen musste, um den Stein zu finden.

Unschlüssig schlenderte er langsam Richtung Unterstand zurück. Dämmerung hatte eingesetzt und er spürte die klamme Feuchte der Davert aus dem Boden aufsteigen. Zeitlich war noch alles im Rahmen. Er hatte nicht damit gerechnet, dass er vor Sonnenuntergang mit diesem Geocache fertig sein würde. Dafür war es zu umfangreich und vom Schwierigkeitsgrad zu kniffelig. Und da er jetzt die Zielkoordinaten hatte, sollte er das Licht des Tages auch nicht mehr unbedingt benötigen. Er blickte nochmals zum Unterstand, dann auf seine Karte vom Smartphone und beschloss, dass Rätsel abzuschließen. Der Weg würde ihn vom Unterstand wegführen, durch den Wald hindurch. Als er sich umdrehte, um den Weg in Angriff zu nehmen, fiel ihm zwischen den Laubblättern ein weißes Stück Papier auf. Er bückte sich und hob es auf. Es war beschrieben, nur war die Schrift verblasst. Trotzdem konnte er das Geschriebene noch entziffern. Und während er weiterging, las er:

„Ein kleines Männeken bin ich und haus’ im Davertwald,

antwort’ nur meinen Rufen und dich hol’ ich dann alsbald!

In deinem Nacken beiß’ ich mich fest,

wenn du dein Rufen nicht unterlässt.

Und kannst du dem Verlangen nicht widerstehn,

dann Liebster, werd’ ich dir den Hals umdrehn!“

 

Verständnislos schaute Thomas auf dieses merkwürdige Gedicht. Er drehte den Zettel um und sah dort mit ungelenker Kinderhandschrift vier Buchstaben notiert: „HOHO“ und darunter den Satz

Dat Viennmöerken halt die!

 

Fortsetzung folgt