Die Gedankenwelt eines Locked-In-Patienten

“Ihre kostenlose Testversion fürs Leben ist zu Ende. Your free trial for life has ended. Votre essai gratuit à vie est terminé.”

Dreisprachig. Sie mochte keine dreisprachige Sätze. Warum Deutsch, Englisch und Französisch? Warum nicht mal Kisuaheli? Prompt tauchte vor ihr ein weitere Satz auf.

“Jaribio lako la bure la maisha limeisha.”

Okay. Gut. Das Übersetzungsprogramm funktionierte. Soweit funktionierte das Leben noch. Sie schaute von ihrer Tastatur auf. Sie war gerade dabei einen neuen Artikel in ihrem Blog hochzuladen, als die Nachricht vor ihr auftauchte.

Ein wenig enerviert blickte sie sich nach dem Administrator um. Der saß an seinem Pult und blätterte in einem Buch.

“Hey, Admin! Hey, sag mal, muss das sein?”

Der Administrator schaute auf. “Wie kann ich helfen?”

“Muss das sein, meine Testversion gerade dann auslaufen zu lassen, wenn ich einen Post in meinem Blog hochladen will?” Sie sah sich, wie ihr Kopf auf der Tastatur lag und einzelne Tasten daneben lagen. Ihr Kopf muss wohl heftig aufgeschlagen sein.

“Du kannst dir das Premium-Abonnement kaufen. Monatliche Laufzeit, jederzeit kündbar.”

“Und was bedeutet das?”

“Man findet dich noch rechtzeitig vor deinem Computer, diagnostiziert Herzinfarkt, reanimiert dich und dann erhältst du drei Auswahlmöglichkeiten: Rehabilitation am Sternbarger See umgeben von schneebedeckten Bergwipfeln in einem Rehazentrum mit Streuobstwiesen. Oder Krankenhaus im Mehrbettzimmer ohne jegliche Reha, dann aber schneller zu Haus und später dann ALS. Oder du triffst in der Notaufnahme die zweite Liebe deines Lebens, den Arzthelfer Hans, heiratest ihn und … .”

“Was ist ALS?”

“Die so genannte Amyotrophe Lateralsklerose lässt die Nervenfaser verkümmern, die seine Muskeln kontrollieren. Die Folge: völlige Bewegungsunfähigkeit. Ein Mensch wird dir dann Elektroden in deine Kopfhaut pflanzen und du unterhältst dich dann rein kraft deiner Gedanken.”

“Ich habe schmutzige Gedanken, das wird man als ’pervers’ bezeichnen.”

“Das stimmt. Nur das Denken dieser Gedanken hattest du dir zuvor so ausgesucht gehabt. ‘Sex up you life’, wolltest du damals. Und das auch noch jenseits der 60 und nicht nur als Teen, Twen, BiVie und danach als MILF.”

“Immer nach dem gesellschaftlichen Abbild einer netten Oma zu leben, ist doch voll letztes Jahrhundert.”

“Dann musst du aber akzeptieren, dass Jahre schneller vergehen als Anschauungen. Sexuelles Begehren ist gesellschaftlichen Regeln unterworfen. Aber das ist ja ebenfalls eine Erfahrung, nicht wahr.”

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Ein Blick auf Dafur

Über HEISE wurde ich drauf aufmerksam:
In Google Earth wurde auf die Zerstörung der sudanesischen Krisenregion Dafur ein besonderer Augenmerk gelegt.
Zusammen mit dem Holocaust-Museum in Washington hat Google jetzt die Zerstörungen in Zentralafrika dargestellt.

Von außen fällt die besondere Kennzeichnung auf dem Afikanischen Kontinent auf.
'Dafur in Afrika' von Careca

Ein paar Klicks später und ein paar Modifikationen weiter zeigt das ganze Ausmaß der Katastrophe des Bürgerkriegs:
'Fluechtlingslaeger' von Careca
Die Flammen zeigen teilweise oder gänzlich zerstörte Dörfer. Die hellblauen Säulen Flüchtlingsläger im Ausland, die dunkelblauen die im Inland (im Hintergrund: der Sudan)
Die ganze Region erscheint als verbranntes Land.

Ein Zoom in einen Landstrich zeigt wie systematisch das Land zerstört wird und bringt die ersten Details (Stand der Bilder Januar dieses Jahres):
'zerstoertes Dorf' von Careca

Ein zerstörtes Dorf (Anka) betrachtet 380 Meter über den Boden vom Satelliten aus:
'zerstoertes Dorf Anka' von Careca

Ein Flughafen in der näheren Umgebung mit entsprechenden Fliegzeugen und deren Beschreibung:
'Militaer Flughafen' von Careca

Ein Klick auf die Links zeigt eine Maschine (ANTONOV) im Großformat und erklärt, dass diese zur Zerstörung der Landstriche verwendet werden.
'Flughafen mit Erklaerung' von Careca

Das für uns in Deutschland so abstrakte Grauen hat ein Gesicht. Dank „Google Earth“.
Das Grauen dort ist mehr als nur eine zweiminütige Nachricht der Spätnachrichten im Fernsehen.

Für mich ein ohnmächtiges Grauen.

Ich denke, die obige HEISE-Nachricht verdient ihre Verbreitung.

Vielleicht hilft eine Verbreiterung dieser Information den vom Bürgerkrieg geplagten Menschen in Dafur schneller als eine weitere Nachricht in Funk und Fernsehen …

Historie der Unwörter des Jahres

Heute wird das neue „Unwort des Jahres“ für das vergangene Jahr 2006 bekannt gegeben. Bisherige Unwörter:

1991: Ausländerfrei
1992: Ethnische Säuberung
1993: Überfremdung
1994: Peanuts
1995: Diätenanpassung
1996: Rentnerschwemme
1997: Wohlstandsmüll
1998: sozialverträgliches Frühableben
1999: Kollateralschaden
20ste Jahrhundert: Menschenmaterial
2000: national befreite Zone
2001: Gotteskrieger
2002: Ich-AG
2003: Tätervolk
2004: Humankapital
2005: Entlassungsproduktivität
2006: (wird heute veröffentlicht)

Erklärungen zu den Unwörtern: http://www.unwortdesjahres.org