Sag »Heini« zu mir

»Ich mach dich fertig, Schimmerlos. Wenn du mich jetzt hier stehenlässt wie ’nen Idioten, dann mach ich dich fertig. Ich ruinier dich. Ich mach dich platt. Ich kleister dich von oben bis unten zu. Ich kauf dich einfach. Ich kauf dir ’ne Villa, da stell ich dir dann noch ’nen Ferrari davor. Deiner Alten schick ich jeden Tag ’nen Fünfkaräter. Ich schieb’s dir hinten und vorne rein. Ich scheiß dich so zu mit meinem Geld, dass du keine ruhige Minute mehr hast. Ich schick dir jeden Tag Cash, im Koffer. Das schickste zurück – einmal, zweimal, vielleicht sogar ’n drittes Mal. Aber ich schick dir jedes Mal mehr… und irgendwann kommt dann nun mal der Punkt, da bist du so mürbe und so fertig und die Versuchung ist so groß, dann nimmst es. Und dann hab ich dich. Dann gehörst du mir. Dann bist du mein Knecht. Ich mach mit dir, was ich will. Verstehst du, Junge? Ich bin dir einfach überlegen. Gegen meine Kohle hast du doch gar keine Chance. Begreifst du das denn nicht, mein Junge? Mensch, Baby… Junge! Ich will doch nur dein Freund sein! Komm… und jetzt sag „Heini“ zu mir.«

Mario Adorf hatte sich in mein Langzeitgedächtnis gebrannt. Nicht erst seit dem ZDF-Vierteiler »Der große Bellheim«, sondern bereits seit der ARD-Serie »Kir Royal«. Diese ARD-Serie läuft heuer immer wieder über dessen »Dritten«-Programme, selbst im Bayerischen Fernsehen (obwohl nicht der Produzent). Qualität ist nicht totzukriegen, selbst wenn sich der Inhalt nur über unterschiedliche Drittquellen erschließen mag.

Eine Bekannte meinte zu mir, sie möge diese 4:3-Fernsehsendungen nicht, sie füllten den Monitor nicht aus und raubten der Realitätsgestaltung Raum. »Kir Royal« ist 4:3 und passt nicht mehr formatfüllend auf unsere aktuellen Smart-TVs und Computermonitore. Man sieht rechts und links einen schwarzen Balken, der als störend empfunden wird. Und SD ist nicht state-of-art, dafür zeigt HD mehr Details. »Kir Royal« leidet nicht an dem technischen Übertragungsformat. Selbst mit schwarzen Balken links und rechts ist die Serie auch jetzt noch anschaubar. Selbst ohne Hintergrundinformationen.

»Kir Royal« hat sich für mich in eine Serie voller Wehmut und Vergangenheitsgedanken entwickelt. Zuerst gesehen hatte ich sie in einem konservativen münsterländischen Familienhaushalt, was insofern bemerkenswert ist, als das in deren Unterhaltungsrahmen normalerweise nicht hereinpassen würde. Und wenn man (ich) von dort ausgebrochen war und in die Münchner Sphäre eintauchte, dann ergaben Inhalte bewusstseinserweiternde Einblicke.

Wenn in jener Serie Sammy Drechsel mit Franz Xaver-Kroetz vor dem damaligen Spielort der »Münchner Lach- und Schießgesellschaft« sich unterhält, dann macht sich dem Kenner der Szene der Lach- und Schießgesellschaft ein Ziehen in der Bauchgegend breit. Geschichte geht weiter, Erinnerungen sind Geschichte und das Leben geht weiter.

»Tempora mutantur, nos et mutamur in illis.«

Die Hintergrundinformationen zu der Serie lassen sich problemlos im Internet nachlesen. Und immer wieder taucht dabei der Name »Michael Graeter« auf. Seine 80er-Jahre Vita diente für »Kir Royal« als Protagonist für die Rolle von »Baby Schimmerlos« (Franz Xaver Kroetz).

Michael Graeter lebte auch danach ein schillerndes Leben, prädestiniert für die Erwartung, was Münchner Leben außerhalb Münchens so gefragt war. Er betrieb Kinos an der »Münchner Freiheit« und ging dort damit baden, weil Kinos an sich weniger besucht wurden. Er kandidierte bei den Münchner Kommunalwahlen vor vier Wochen, scheiterte aber ebenfalls. Michael Graeter lebt, auch wenn er nicht mehr für Münchner AZ oder TZ festschreibt. Er präsentiert weiterhin die »Münchner Dolce Vita«, die außerhalb Münchens so gehypt wird.

Und dann läuft halt immer wieder Helmut Dietls »Kir Royal« durch die »Dritten« und löst bei mir Wehmut an die 80er aus, als ich in München lebte. Wer reinkommt, ist drin. Und ich kam nie rein. Obwohl es in den 80ern tausendmal besser war, als jenes mörderische Kuhkaff im Münsterland zwischen Dortmund und Münster.

»Kir Royal« ist ein Flashback auf alte Zeiten, die dem Zuschauer weniger lang erscheinen, als die Serie produziert wurde. Klar, man sieht alte Bekannte wieder, bei denen man positive Erinnerungen hat (Dieter Hildebrand, Franz Xaver Kroetz, Ruth Maria Kubitschek, Senta Berger, Curt Bois, Mario Adorf, Billie Zöckler etc.), und andere, bei denen man zuvor positive, aber jetzt aufgrund neuerer Erkenntnisse erheblich weniger gute Gedanken hat (wie bei Konstantin Wecker).

Aber man erkennt auch Münchner Muster, die damals wie heute fortleben. Und man denkt sich, wie lange man in München leben muss, um Münchner zu sein, ohne all den Scheiß der echten Münchner gelebt zu haben. Als Hinzugezogener bleibt das Gefühl ein Leben lang, lediglich ein Gast in München zu sein. Aber, das interessiert ja eh keinen …

Das ist der Münchner Stil. Werden alte Fassaden renoviert, dann ganz neu im angepassten Stil. Da interessiert die Herkunft null. Münchner Geschichten halt.

Ertrage die Clowns (11): Das Leben mit anderen wie in einem Gemälde

Im Jahr 1949 steckte sich der junge Joachim Fest einen Zettel ins Portemonnaie, den er bis zu seinem Tode mit sich führte. Auf dem Zettel stand der Satz:

„Ertrage die Clowns!“

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Wenn die Kneipe das reale Leben spiegelt, dann ist das Kino die Projektion der Leidenschaften. In besonderen Kinos kommt es immer wieder zu besonderen Begegnungen. Cineastisch gesehen verschmelzen in solchen Lokalitäten Kneipe und Leinwand, während der Film in Endlosschleife zusammen mit dem Leben dieser Welt einem am Auge vorbeiläuft. Jeder Regisseur dieser Welt würde sogleich seine Handkamera aus der Hosentasche hervorholen, um diese reale Wirklichkeit eins zu eins abzufilmen: verwackelt, unglaublich simple Dialoge mit unbändiger Intensivität, Farben wie aus einer billigen Waschmaschine, das ganze weder in 4K noch in FHD, dafür lediglich gefilmt in der Auflösung alter 8-mm-Filme. Ein neuer Film im Stile von “Blair Witch Project”.

“Weißte”, würde dann der erste Amateur-Schauspieler sagen, mit einem Auge auf Leinwand und Publikum schielend, das andere an seinem Gegenüber klebend, das schmierige Gesicht einem direkt zugewendet, “weißte, in unserer Lebensgemeinschaft sind wir Full-Swap-Swinger, nicht wahr, also so mit allem drum und dran, und wir sind uns auch für alles ohne auch nicht zu fies vor, wir testen uns ja regelmäßig und sind gesund, also sind wir sauber und darum nur echtes Full-Swap, verstehste, wir lieben das Leben und warum sollten wir es darum nicht auskosten, nicht wahr, aber diese Sache mit dem Virus momentan, glaub mir, in den Medien wird gelogen was das Zeug hält, alles nur Hysterie und Panikmache, weder neutral noch objektiv, die Medien sind doch das Sprachrohr der Regierenden, muss man denen nicht glauben, was die so verzapfen, genauso das wie mit der Klimakrise, alles gemachte Panik, Waldsterben, Ozonloch, Sars, Klimakrise, vermeintliche Bedrohung durch marodierende Rechtsradikale, Kassenbons für Brötchen, Bienensterben, Ausländerreserviertheit, Kritik an erfolgreiche Großunternehmer und Organisationen in Fußballstadien und so weiter und so fort, denk doch mal, das sagen die doch nur, um vielleicht von brisanteren Themen abzulenken.”

“Die wären?”

“Begreife einfach, das dies nur dazu dient, die Menschen in der EU von anderen Themen abzulenken, schau mal nach Griechenland, was da abgeht. Da werden Menschen und Systeme gepämpert und gebauchpinselt, da erhalten die Menschen die Butter, die man uns nicht auf dem Brot gönnt, da schafft man denen das Paradies auf Erden, während man uns hier durch unsinnige Verbote und Meinungsmache klein halten will. Man will uns unseren Stolz nehmen. Und wenn dann etwas einem etwas demokratisches nicht passt, einfach das Gegenteil machen. Erinnert mich an Erfurt und die Wahl zum Ministerpräsidenten. Da hat den Regierenden auch nicht gepasst, was das Souverän des Volkes als Stimmabgabe ausgedrückt hat und was in Folge zuerst parlamentarisch gewählt wurde.”

Der Regisseur würde sofort umschwenken, die nächste Szene suchen, etwas aus einem Gemälde wie von Hieronymus Bosch. Ganz im Sinne des christlichen Abendlandes würde er versuchen, jede der sieben Wurzelsünden kamera- und dialogtechnisch abzubilden: Hochmut, Habsucht, Neid, Zorn, Wollust, Selbstsucht, Ignoranz.

Aber seine Suche wäre zwecklos, denn am Markt käme er damit nicht durch, würde mit seinem Kurzfilm zu den sieben Wurzelsünden keinen Erfolg zu haben. Niemand würde das sehen wollen. Auch wenn der Film sich eines Vergleichs zu “Blair Witch Project” nicht scheuen müsste.

Anfangs wäre er verzweifelt, weil es niemanden interessiert oder keiner hinschauen mag, nach kurzer Zeit würde er aber erkennen, dass es gerade die nachhaltige Praktizierung der Wurzel”sünden” dazu führt, was ein Leben ähnlich in einem Gemälde von Hieronymus Bosch dieses eben erst ermöglicht. Wer so etwas nicht explizit und ausführlich praktiziert, der wird gesellschaftlich an das bittere Ende der sozialen Hackordnung eingereiht.

Der Regisseur würde sich zurückziehen und bitterlich weinen und dann in eines der Kinos gehen, in der Leinwand und Kneipe miteinander verschmelzen, sich die Szenerie anschauen, sich wie in einem Gemälde von Hieronymus Bosch fühlen, die Handkamera herausholen …

… aber dann wurde er pragmatisch und steckte die Handkamera wieder weg, schnappte sich sein Bier, fläzte sich in einen der roten Sessel, und sah dann kurz darauf die Szenen des wahren Lebens vor sich ablaufen, einen kurzen Ausschnitt aus Helmut Dietls “Kir Royal” aus München, über München, in München, abgespielt vor seinem inneren Auge:

Haffenloher: „Ich mach dich nieder, wenn du mich jetzt hier stehen lässt wie einen Deppen, dann mach ich dich nieder. Ich ruinier dich. Ich mach dich fertig. Ich kleb dich zu von oben bis unten.“
Schimmerlos: „Mit dem Kleber?“
Haffenloher: „Mit meinem Geld. Ich kauf dich einfach. Ich kauf deine Villa, stell noch einen Ferrari davor. Ich scheiß dich sowas von zu mit meinem Geld, dass du keine ruhige Minute mehr hast. Ich schick dir jeden Tag Cash in einem Koffer. Das schickst du zurück. Einmal, zweimal, vielleicht ein drittes Mal. Aber ich schick dir jeden Tag mehr. Irgendwann kommt der Punkt, da bist so mürbe und so fertig und die Versuchung ist so groß und da nimmst es. Und dann hab ich dich, dann gehörst du mir. Dann bist du mein Knecht. Ich bin dir einfach über. Gegen meine Kohle hast du doch keine Chance. Ich will doch nur dein Freund sein – und jetzt sag Heini zu mir.“

Betrunken wankte der Regisseur von dannen. Er hatte genug. Genug gesehen, genug erlebt. Er benötigte neue Eindrücke, bessere, wirklichere, draußen vor der Tür …