Als der Nordpol nahe eines beschaulichen Dorfs im Münsterland weiter wanderte – Teil 3 / 5

Was vorher geschah: Teil 1, Teil 2

“Ho-ho“, intonierte Thomas wie ein Weihnachtsmann diese Buchstaben, hauchte sie atonal aus seiner Kehle heraus, “ja ist denn schon wieder Weihnachten?”

“Ho! Ho!”

Thomas zuckte zusammen. Hatte ihm jemand geantwortet? Er schaute sich um: “Ist da jemand?”

In dem Moment verfing sich die dornige Ranke in seinen Strumpf. Er spürte schmerzhaft wie die Dornen über seinen Knöchel ritzten.

So saß er also dort über seinen Rucksack, starrte auf sein Smartphone, blickte erneut auf seine Karte und den Aufzeichnungen seines Notizbuches und überlegte, ob er noch auf den richtigen Weg wäre. Konzentriert schaute er sich nochmals um. Den Unterstand konnte er nicht mehr sehen. Dafür sah er nicht unweit vor ihm einen Schlagbaum und darauf eine Frau sitzend. Hinter dem Schlagbaum schien es einen Weg zu geben. Thomas packte seine Sachen in den Rucksack, stand auf und ging zu der Frau hinüber. Je näher er kam, desto mehr erkannte er, dass die Frau eine alte Haspel vor sich stehen hatte, auf der sie einen Faden abwickelte.

Haspel? Spinnleonore? Thomas musste grinsen. Was sollte das denn? Kulturgutpflege? In dieser Gegend? Für einzelne Wanderer? Das konnte er nicht glauben. Wahrscheinlich hatte war sie es, welche seinen Ruf beantwortet hatte. Übermütig rief er der Frau zu: “Hey, sind Sie die Spinnleonore? Leonore, sind Sie es? Ho-ho!”

Die Frau blickte auf und ein weiteres “Ho-ho” ertönte als Antwort. Aber es kam nicht von der Frau. Thomas tippte auf ein Echo.

“Ho-ho, Spinnleonore. Hier soll es eine Absturzstelle aus dem Zweiten Weltkrieg geben. Wissen Sie, wo ich die hier finde?“ rief er der Frau zu.

“Ho-ho”, antwortete es, diesmal näher als zuvor. Nur, die Spinnleonore war es nicht. Sie saß weiter dort und haspelte ungerührt, gleichwohl sie ihn trotzdem anblickte. Ihr Mund formten Worte, die er so nie zuvor gehörte hatte: “Ick häör et auk. Ick häör et auk.” Eine Stimme hinter der Frau antwortete: “Awat, du bis nich wies!” “Ick nich wies? Dann luster doch äs up!”, schien die Frau zu antworten. “Alles dumm Tüg! Alles dumm Tüg!” “Dat Viennmöerken halt die!”

Thomas war verwirrt. Was wurde da geredet? Wohin musste er? Wies? Luster? Tüg? Und wo soll jenes Viennmöerken halten? Er verstand nur noch Bahnhof. Zögerlich rief er es nochmals mit der Stimme eines heiseren Weihnachtsmann ein “ho-ho”, als es über ihn krachte. Er konnte noch erkennen, dass er unter einer knorrigen Eiche stand und ein kleinwüchsiger Mann auf ihn zu fallen drohte. Fallen? Der fiel nicht! Wenn Fall, dann Überfall, waren seine panischen Gedanken. Gleichzeitig spürte er wie dieser Zwerg-Mann im Fall auf seinen Kopf traf, dabei dessen Hände um Thomas Hals legte und zudrückte. Verflucht! Heimtückische Davert …

Thomas öffnete langsam seine Augen. Sein Kopf schmerzte, sein Hals tat ihm weh. Er lag unter einem Baum, einer Eiche, einer knorrigen Eiche. Es war dunkel und die Astlöcher der Eiche sahen wie Augen aus, die ihn kalt musterten. Zum Teufel nochmal! Sein Rucksack. Er tastete um sich und atmete erleichtert auf, als er ihn erfasste. Gott, sei Dank, er wurde nicht geraubt. Thomas richtete sich auf, zog ihn zu sich, öffnete ihn und zog sein Smartphone hervor. Er musste wohl schon einige Zeit lang gelegen haben, denn die Uhr zeigte ein Uhr nachts an. Der Akkustand war niedrig, aber reichte noch aus. Netz hatte er keines, Funkloch offenbar. Obwohl, er hatte doch vorher … . Er zuckte mit den Schultern. Seine Karten dieser Gegend funktionierten auch offline. Er hatte sie sich zuvor herunter geladen. Verwirrt richtete er sich auf und erblickte vor sich eine hell erleuchtete Waldlichtung. Er schaute auf seine Smartphonekarte, um sich zu orientieren. Es dauerte ein wenig, bis das GPS ihn lokalisiert hatte. Er wartete noch etwas. Aber die Karte baute sich auf seinem Smartphone nicht auf, sondern die App verlangte nach Internetzugang. Er wedelte kurz mit seinem Smartphone in alle Himmelsrichtungen, um irgendwie einen Zugang zu erhalten, aber es war nutzlos. Kein Netz.

Er schaute zu einer Waldlichtung rüber. Sie lag in einem fahlen Licht getaucht. Im Geäst über sich konnte Thomas den Mond ausmachen, der die Szenerie beleuchtete. Offensichtlich der Vollmond. In der Lichtung erstreckte sich eine Wiese, deren helles Grün eigentümlich verführerisch leuchtete. Thomas wechselte auf die Kamera-App, stützte das Smartphone auf sein Knie ab und hielt es auf die Szenerie. Er atmete tief ein und aus, um eine ruhige Hand zu bekommen und löste aus. Dreimal wiederholte er das Ganze. Er wollte sicher gehen, dass zumindest ein Foto nicht verwackelt sein würde. Mit ein paar Wischen kontrollierte er die Fotos. Zwei erschienen ihm unverwackelt, das dritte wollte er löschen, als er von einer Bewegung auf der Lichtung abgelenkt wurde. Er kniff seine Augen zusammen, um besser sehen zu können.

Tanzten dort zwei Frauen? Er schloss kurz seine Augen, schüttelte seinen Kopf rasch hin und her, um wacher zu werden und öffnete sie wieder. In der Tat, er sah zwei nicht mehr so junge Frauen. Tanzende Frauen in weißen Nachtgewändern. Sicher war sich Thomas nicht, denn er bemerkte auch, dass die Wiese dampfte, dass aus ihr Nebelschleier aufstiegen, die aussahen wie Spinnweben. Und das Tanzen der Frauen bestand eher aus seltsamen Sprüngen. Zudem er glaubte auch Gesang zu vernehmen. Dem, was er sah, traute er jedoch nicht. Er hatte vor, sich bemerkbar zu machen und ihm lag schon wieder dieses “ho-ho” auf der Zunge. Aber instinktiv verbiss er sich es. Dieses “ho-ho” erschien ihm nicht geheuer.

Ein Ast knackte. Thomas duckte sich und bemerkte wie eine Gestalt sich den Frauen näherte. Verwundert schaute er zweimal hin. Die Gestalt war die eines Kiepenkerls. Zumindest hatte er eine Kiepe auf seinen Rücken geschnallt, trug offensichtlich Holzschuhe und hielt eine leicht rauchende Pfeife in seiner Hand. Die Frauen bemerkten ihn und tanzten den Kiepenkerl an. Der leise Gesang der Frauen wurde ein wenig lauter, aber Thomas verstand nicht wirklich, was sie sangen. Er hatte sich inzwischen flach hingelegt und beobachtete, das seltsame Treiben. Die beiden alten Frauen betanzten den starken stämmigen Kerl und irgendwie hatte er das Gefühl, dass das Ganze wie eine der Szenen aus dem Film “Dirty Dancing” ausschaute. Die Frauen rieben sich beim Tanzen sichtbar mit Vergnügen an dem Mann.

Fortsetzung folgt

Als der Nordpol nahe eines beschaulichen Dorfs im Münsterland weiter wanderte – Teil 2 / 5

Was vorher geschah: Teil 1

Thomas ergriff sich das nächste laminierte Papier:

“Rentmeister Schenkewald war ein abartig böser Mensch. Als Rentmeister und somit als mittelalterlicher Finanzverwalter lebte er damals im Schloß Nordkirchen – dort, wo heute Studenten Finanzwesen studieren. Schenkewalds Leidenschaft bestand darin, die Bauern der Umgebung übel zu misshandeln und deren Abgabenlast stetig über Gebühr zu erhöhen. Dass er unbeliebt und auch verhasst war, stachelte ihn immer weiter an, aus den Bauern mehr als nur die letzten Abgaben mit allen erlaubten und unerlaubten Mitteln heraus zu pressen. Als der Rentmeister schließlich eines Tages starb, war zwar der nutznießende Geldadel traurig, aber durch die Bauernschaften ging ein allgemeiner Seufzer der Erleichterung. Jedoch verwehrte Gott dem Rentmeister den Eintritt in den Himmel und auch dem Teufel war der Halunke nicht geheuer. So blieb der Rentmeister also zwischen den Welten gefangen und spukte weiter am Orte seines Ablebens, im Schloss Nordkirchen. Viele Leute sahen ihn dort, wie er unstet des Nachts herumlief, an Tischen saß, schaurig heulte und dabei Geld zählte, darüber hinaus unwissenden Besuchern diese um deren Barschaft erleichterte, sobald diese nicht aufpassten, und fromme, das Schloss aufsuchende Bauern zu Tode erschreckte.

Diese setzte sich fort, bis letztendlich in einer sehr finsteren Nacht eine Kutsche gezogen von vier dunkelschwarz glänzenden Rappen vorfuhr und zwei Kapuzinermönche die Kutsche Richtung Schloss verließen. Sie kamen, um ihn zu holen. Sie nahmen ihn in ihrer Mitte, verließen das Schloss und setzten sich in die schwarze Kutsche. Und als der kalte Regen einsetzte und die dumpfe Totenglocke vom Schloss Nordkirchen ertönte, sollen sie das Schloss in der Kutsche mit dem Ziel der Davert verlassen haben. Und in jener Kutsche sitzt bis heute der Rentmeister zwischen den beiden schweigenden Kapuzinermönchen und fährt in der Davert des Nachts herum. Viele Leute haben die Kutsche gesehen und näherten sie sich ihr, so flog sie davon. Solltest du auf deinen Wanderungen ein altes Weib antreffen, welche haspelt, dann frage jene ‘Spinnleonore’ ruhig mal nach jener Kutsche. Aber Vorsicht: traue der Frau nicht, denn schon damals hatte sie mit einer zur kurzen Haspel gearbeitet und damit alle betrogen. Das vorgeschriebenen Eichmaß von zwei Metern hatte sie immer wieder um bis zu einem Viertel gekürzt.”

Thomas lächelte. Er liebte Schauermärchen. Auf dem Land davon gab es viele. Besonders, wo es morastig war und Kutschen nur langsam voran kamen. Nach einem deutlichen Absatz auf dem Papier setzte das Geschriebene fort:

“Im Zweiten Weltkrieg hatte eine Bomberstaffel der US-Airforce im Februar 45 den Auftrag, die Bahnstrecke Dortmund-Münster zu zerstören. Nachdem die Bomberstaffel ihren Auftrag erfolgreich ausgeführt hat, geriet sie ins Visier des deutschen Jagdgeschwaders 27. Eine Maschine der Bomberstaffel wurde abgeschossen. Es starben mehrere G.I.‘s, darunter Lieutenant Alfred Brush Ford, dessen Maschine in der Nähe des Hofes Westerholt abstürzte. Auf der Gegenseite wurde ebenfalls eine Maschine abgeschossen und eine Messerschmitt Me-109 bohrte sich unweit des beschaulichen Dorfes Davensberg tief in den Boden der Davert. Ihr Pilot der Maschine war Otto Balluff, der Sohn des damaligen Aalener Bürgermeisters. Über ein Jahr später wurden die Überreste des Piloten und seine Maschine ausgegraben.

Kinder berichteten danach immer wieder mal, dass sie in der Davert des Nachts ein abstürzendes Flugzeug gehört oder gesehen hätten. Die Erwachsenen führten das jedoch immer wieder auf den hohen Radio- oder Fernsehkonsum ihrer Kleinen zurück. Niemand maß deren Berichte je Ernst bei. An jener Stelle des Absturz befindet sich heute ein Kreuz unter Rhododendron-Büsche. Zudem erinnert zusätzlich unweit der Stelle ein Gedenkstein an die vielen Opfer des Krieges.”

Thomas zuckte ein wenig erschrocken und blickte auf den Stein. Aber dort war nichts eingraviert und um ihn herum gab es auch keine Rhododendron-Büsche. Er las noch den Hinweis, das Blatt zu wenden und las:

“Das Kreuz des Alfred Brush Ford jedoch ist inzwischen schon stark verwittert und nur noch wenigen bekannt. Suche es. Aber sei auf der Hut vor den Geistern der Davert. Löse das Rhebusrätsel auf dem dritten Blatt. Die fünf Worte ergeben die vier Koordinaten, die du nach Eingabe auf meiner Geocaching-Seite im Internet erhältst. Diese vier bilden ein Kreuz. Suche die Mitte des Kreuzes für den nächsten Hinweis auf.”

Thomas nahm das dritte Blatt und schaute sich das Rätsel an. Ein Kinderspiel für ihn. Über seinem Smartphone gab er die Worte ein und erhielt die Koordinaten. Er nahm eine Landkarte aus seinem Rucksack, zeichnete die Koordinaten ein und verband sie. Als er den Zielpunkt sah, überlegte er, ob er sein Auto nehmen oder zu Fuß gehen solle. Er schaute das Ziel auf sein Smartphone an und entschied sich fürs Wandern. Warum auch nicht. Pättkes, also Pfade, hatte es ja im Wald genug.

Er verstaute alle Folien wieder in das Kästchen, wickelte es in die Kunststofftüte, legte sie in das Loch und schob den flachen Stein wieder drüber. Danach fegte er ein wenig die Umgebung mit seinem Ast, so dass alles unberührt aussah und der nächste Geocacher genau so viel Energie wie er selber aufbringen musste, um den Stein zu finden.

Unschlüssig schlenderte er langsam Richtung Unterstand zurück. Dämmerung hatte eingesetzt und er spürte die klamme Feuchte der Davert aus dem Boden aufsteigen. Zeitlich war noch alles im Rahmen. Er hatte nicht damit gerechnet, dass er vor Sonnenuntergang mit diesem Geocache fertig sein würde. Dafür war es zu umfangreich und vom Schwierigkeitsgrad zu kniffelig. Und da er jetzt die Zielkoordinaten hatte, sollte er das Licht des Tages auch nicht mehr unbedingt benötigen. Er blickte nochmals zum Unterstand, dann auf seine Karte vom Smartphone und beschloss, dass Rätsel abzuschließen. Der Weg würde ihn vom Unterstand wegführen, durch den Wald hindurch. Als er sich umdrehte, um den Weg in Angriff zu nehmen, fiel ihm zwischen den Laubblättern ein weißes Stück Papier auf. Er bückte sich und hob es auf. Es war beschrieben, nur war die Schrift verblasst. Trotzdem konnte er das Geschriebene noch entziffern. Und während er weiterging, las er:

„Ein kleines Männeken bin ich und haus’ im Davertwald,

antwort’ nur meinen Rufen und dich hol’ ich dann alsbald!

In deinem Nacken beiß’ ich mich fest,

wenn du dein Rufen nicht unterlässt.

Und kannst du dem Verlangen nicht widerstehn,

dann Liebster, werd’ ich dir den Hals umdrehn!“

 

Verständnislos schaute Thomas auf dieses merkwürdige Gedicht. Er drehte den Zettel um und sah dort mit ungelenker Kinderhandschrift vier Buchstaben notiert: „HOHO“ und darunter den Satz

Dat Viennmöerken halt die!

 

Fortsetzung folgt