Das Corona-Tagebuch: Provinznotizen aus Deutschland Süd bei Südost (25): Gründonnerstag

Jetzt ist es wieder so weit. Das Letzte Abendmahl am Gründonnerstag. Aber es kann nicht statt finden. Versammlungsverbot, Kontaktverbot, Bewirtungsverbot und dann auch nur die Fußwaschung mit Wasser, statt Hände mit Wasser und Seife.

Daher kann dieses Event gemäß des §32 des Infektionsschutzgesetzes (IfSG ) eindeutig nur untersagt werden. Denn §32 des IfSG besagt, dass die Grundrechte der Freiheit der Person (Artikel 2 Abs. 2 Satz 2 Grundgesetz), der Freizügigkeit (Artikel 11 Abs. 1 Grundgesetz), der Versammlungsfreiheit (Artikel 8 Grundgesetz), der Unverletzlichkeit der Wohnung (Artikel 13 Abs. 1 Grundgesetz) und des Brief- und Postgeheimnisses (Artikel 10 Grundgesetz) insoweit eingeschränkt werden können. Denn es könnte zur Übertragung einer Krankheit gemäß §7 IfSG, Satz 1, Nummer 31a kommen und somit kann §73, §74, §75 und §76 des IfSG Anwendung finden.

Oder auf Deutsch: Abendmahl geht schon mal gar nicht. Das könnte sich bitter anfühlen für die 46 Millionen Christen, also der 55%-Mehrheit in Deutschland. Als Ausgleich gibt es jedoch zwei arbeitsfreie Tage, einen Frei-Tag und einen Montag, welche aber bitte dann in den eigenen vier Wänden zu verbringen sein sollten. Und die gibt es gnädiger Weise unter gleichen Bedingungen auch für die andere, jene 45%ige Minderheit.

Und weil das Abendmahl ausfällt, gibt es als Surrogat die Talkrunde am Sonntag Abend. Ein Pastor, ein Pfarrer und dazu ein einfühlsamer Moderator: “Wie haben Sie sich gefühlt, als Sie Gründonnerstag vorne am Altar standen, mit der Ausgangsbeschränkung und dem Versammlungsverbot, und dann nur leere Kirchenbänke sahen? Was hat das mit Ihnen gemacht?” “Ach, nichts besonderes. Leere Kirchenbänke waren bei uns schon immer die Regel.” “Aber es war doch Gründonnerstag.” “Ja und? Es wird ja nicht das letzte Letzte Abendmahl mit leeren Plätzen sein.”

Aber weg von leeren Plätzen jetzt zur vollen Allgemeinbildung. Wir deklinieren das Wort “Triage”. Das Wort “Triage“ kommt aus dem Französischen, bedeutet “Auswahl“ oder “Sichtung“ und ist bereits in aller Munde. Ergo muss es auch korrekt genutzt werden, nicht wahr. Also. Die Deklination – den Fachbegriff, ganz unter uns Kloster-Insassen mit Ausgangsbeschränkung gesprochen, können alle anderen Mitinsassen auch Flexion nennen –, also, die Deklination bedeutet, ein Hauptwort verbal durch die vier Kasus Nominativ, Genetiv, Dativ und Akkusativ zu jagen. Singular (Einzahl): die Triage, der Triage, der Triage, die Triage. Plural (Mehrzahl): die Triagen, der Triagen, den Triagen, die Triagen.

Sehr gut. War doch einfach, nicht wahr. Und jetzt zu Günther Jauch in “Wer weiß denn sowas”? Moment. Das Wort lässt sich ebenfalls wie ein Verb konjugieren. Man muss es nur wollen. Und genau dieser Wille wird momentan in den Medien durchkonjugiert: “Ich will nicht sterben”, “Du könntest statt meiner sterben”, “Don Giuseppe stirbt” …

Augenblick mal. Don Giuseppe? Richtig. So hieß der Priester, der katholische Erzpriester von Casnigo in Italien, der im Krankenhaus von Lovere aus eigenem Willen auf sein Beatmungsgerät verzichtete, um dieses einem jüngeren Menschen zur Verfügung zu stellen. Der Priester starb, der jüngere überlebte. Tja, das ist wahres Christentum.

Christen glauben an ein Leben nach dem Tode. Und nicht nur jene alleine. Lediglich 15% der Bevölkerung sind erklärtermaßen Atheisten und für die ist dann mit dem Ableben endgültig Schluss. Besonders, wenn sie kein Beatmungsgerät erhalten. Warum sollten also die 85% nicht dem Beispiel eines Don Giuseppes folgen? Nach dem Tod geht es ja weiter. Oder sollte es so sein, dass bei denen die Nächstenliebe nur von Zwölf bis Mittags eine Rolle spielt, ansonsten jeder andere auch gefühlter Atheist ist, aber im Grunde gerne nur viele Feiertage vom Staat erhalten und somit mehr Freizeit haben möchte?

Als am 1. November 1755 Lissabon durch ein Erdbeben und den dadurch erzeugten Tsunami getroffen wurde, darauf auch noch die Feuersbrünste fast alles in Schutt und Asche legten, war das Entsetzen groß. Wie konnte ein Gott einem so gottesfürchtiges Stadtvolk dermaßen hart bestrafen? Waren jene nicht fromm genug? Aber das Schlimmste an dieser Katastrophe war nicht diese Sache allein, sondern es war der Fakt, dass das Viertel der Sexarbeiterinnen “Alfama” weder durch Erdbeben, Tsunami noch Feuer zerstört wurde. Der “Sündenpfuhl” blieb verschont. Wie konnte Gott das nur zulassen? Vielleicht hatten die Prostituierten dort aber auch nur mit Erfolg zu St. Florian gebetet: „Heiliger Sankt Florian / Verschon’ mein Haus, zünd’ and’re an!

Doch zurück zur Gegenwart: “Triage” hat seinen Ursprung in den Lazaretten der Militärs, damit die fittesten Soldaten unter den Verletzten schnell wieder gesund gepflegt werden konnten, um sie dann zurück an die Front zu schicken. “Triage” ist jetzt die neue Heilsidee in Zeiten von Corona. Zusammengefasst werden kann das Wort “Triage” im Englischen unter dem Begriff “Survival of the fittest”, einen Begriff, welcher von Herbert Spencer, ein englischer Philosoph und Soziologe, geprägt wurde. Hierzulande sagt man einfach “Sozialdarwinismus” dazu.

Aber “Sozialdarwinismus” hört sich so negativ an. Lasst uns “Triage” stattdessen verwenden. Das hat eine edle Pseudo-Noblesse-oblige, einen Hauch von verpflichtende Verantwortung dem eigentlich “Lebenswerteren” gegenüber, gewissermaßen den diskreten Charme der Bourgeoise. Genauso hieß auch der Film von Luis Buñuel im Jahre 1972, der darauf dessen Fortsetzung “Das Gespenst der Freiheit” ins Kino brachte.

Wobei ich mit Luis Buñuel jetzt wieder beim Letzten Abendmahl wäre. Elf Jahre vor dem Film “Der diskrete Charme der Bourgeoise” drehte er “Viridiana” mit der unübersehbaren Abendmahl-Szene. Dreizehn Bettler sitzen um einen Tisch und verzehren ein üppiges Mahl. Dreizehn sind es auch auf Leonardo da Vincis „Abendmahl“-Gemälde, eine exakte Parodie. Aus einem Grammophon tönt Händels „Halleluja“. Und dann sprengt das Mahl die erträglichen Grenzen eines Abendmahls.

(verlinkte Bild-Quelle: http://festivalcinesevilla.eu/en/films/viridiana)

Soweit wird es heuer nicht kommen. Abendmahl ist bekanntlich verboten: Versammlungsverbot, Kontaktverbot, Bewirtungsverbot und dann auch nur die Fußwaschung mit Wasser, statt Hände mit Wasser und Seife. Geht gar nicht.

Dafür aber wohltemperierte Triage-à-deux, statt heißer Ménage-à-trois. Den ersteres ist keine Ursünde, sondern ein militärischer Begriff für eine Entscheidung – wir befinden ja uns im Kriegszustand gegen Corona, nicht wahr – und zwotes ist erstens heuer verboten und dann auch eh noch eine der Wurzelsünden.

Denkt daran, wenn ihr euch zum Dreier heute verabreden solltet. Denn es ist Gründonnerstag.

Mahlzeit miteinander. Und: wohl bekommt’s.

 

Das Corona-Tagebuch: Provinznotizen aus Deutschland Süd bei Südost (24): Vermögensverwalter

Im Bekanntenkreis gibt es bereits die ersten, die mit ihren Vermietern zwecks Mietstundung in Kontakt getreten sind. Gesetzlich ist “Mietstundung” ermöglicht worden, wobei es doch eher “Mietaufschub mit prozentualen Versäumnisgebühren” heißen müsste. Es hat dann aber auch den Charakter eines Überziehungsspielraum wie beim eigenen Konto. Man zahlt dann halt die vereinbarten Überziehungszinsen. Der Vermieter wird somit zu einer Art “Bank” für den Mieter. Und wenn die “Bank” ziemlich mies drauf ist, dann lernt der Mieter den Begriff “Bad Bank” von einer ganz anderen Seite kennen und zwar in der Leidensform (als Erleidender) und nicht als passiver TV-Zuschauer einer Serie einer Streaming-Mediathek.

Jetzt ist aber nicht jeder Vermieter eine physische Person an sich. Es gibt auch andere Arten von Vermieter, also Immobilien-Gesellschaften, Wohnungskonzerne, Immobilien- und Versicherungsfonds. Gerade in den Innenstadtlagen beherrschen diese “Real Estate”-Immobilien- und Versicherungsfonds den Markt. Nachdem die Zentralbanken die Leitzinsen immer mehr Richtung 0% gesenkt hatten, flüchteten die Sparer in Fonds, welche sich aus Mietzahlungen von Mietern an eben jene Immobilienfonds ernähren. Und der Sparer will seine 7% Marge, damit er sich später einmal von einen solcher “Real Estate”-Konglomerate seine eigenen vier Wände finanzieren kann.

Wenn also Firmen, welche Geschäfts- und Verkaufsräume in bester Innenstadtlage gemietet haben, jetzt ihre Miete nicht mehr zahlen, dann trifft es kaum den privaten Vermieter, sondern vielmehr Immobilienfond-Konzerne. Diese wirtschaften auf Profit ausgerichtet, damit die Rendite derer beteiligten Sparer stimmt. Und der Sparer ist keiner, der auf Wertzuwachs verzichtet.

Fallen im Wohnungsbau Namen von Wohnungskonzerne wie “Vonovia”, “Deutsche Wohnen” oder “LEG”, dann hilft es sich zu vergegenwärtigen, dass dahinter u.a.a. solche Aktionäre wie “BlackRock” (größter Vermögensverwalter der Welt mit über 6,5 Billionen Dollar verwaltetes Vermögen), “Norges Bank” (Norwegens Staatlicher Pensionsfonds, der  größte Staatsfond der Welt) oder “MfS” (Massachusetts Financial Services als eine der ältesten Vermögensverwaltungsgesellschaften der Welt) stehen. Und diese haben das Ziel eines jeden Unternehmens: profitabel zu wirtschaften, um den Shareholder-Value zu steigern und den Shareholdern Dividende zu geben. Es geht nicht um die Allgemeinheit, es geht um den Kreis derer, die mit ihren Einlagen diese Firmen stützen.

Natürlich gibt es in München auch viele “Privat”-Vermieter und einige davon sind hauptberuflich Vermieter und leben davon auch ohne Nebenjob recht komfortabel. In einer Münchner Nachtkneipe begegnete ich kurz vor der Ausgangsbeschränkung jemanden, der mir bierseelig offen gestand, dass er in der Schule schlecht war, trotzdem das Abi mit Hilfe seiner Eltern irgendwie bestand, dann im BWL-Studium nichts zustande brachte, aber eine gesichert Zukunft habe: sein Vater besitze viele vermietete Immobilien in München. Davon könne die Familie sehr gut leben und er übernehme gerade die Verwaltung dieser Immobilien. So funktioniert Wirtschaft und Geldvermehrung. Manche haben halt den Silberlöffel im verlängerten Rücken stecken. Andere müssen den monatlich putzen.

Das aktuelle Virus kann nicht nur die eigene Gesundheit ernsthaft angreifen, sondern es hat bereits ganz konkret die Wirtschaft infiziert und damit das Auskommen mit dem eigenen Einkommen der Menschen. Während nach dem physischen Gegenmittel zu dem Virus mit Hochdruck geforscht wird, bleibt das Forschen nach wirtschaftlichen Gegenmitteln auf der Strecke. Der Gedankenkorridor, der generell als zulässig erachtet wird, ermöglicht dazu nur ein Reagieren auf Sicht. Einen “Plan B” gibt es nicht, denn solch einer läge nicht im Bereich der zulässigen Ideen.

Die lange Schlange vor der Münchner Tafel von gestern erinnerten mich auch daran, dass Mieten in München alles andere als niedrig sind und der Wegfall des üblichen Einkommens die private Lage von Mietern von einen auf den anderen Tag schlagartig verändern kann. Da klingen mir die in den letzten Jahren und Monaten zuvor geäußerten Phrasen wie “wer arbeiten will, der findet auch einen Job” wie Zynismus. Natürlich fällt gerade in der jetzigen Situation gerne noch die Plattitüde “dass hier in Deutschland auf hohem Niveau gejammert wird”. Denn im Vergleich zu den Arbeitern wie jene in Neu-Delhi, die ihren Niedriglohn-Job verloren haben, jetzt auf der Straße vor den Bahnhöfen schlafen, weil sie deren Miet-Wohnungen verloren haben, und zurück zur eigenen Familie außerhalb Neu-Delhis wollen, nun aber wegen Einstellung des Bahnverkehrs das nicht können und dafür auf den Straßen von den Polizisten verprügelt werden, weil die dortige Ausgangssperre nicht beachtet wurde … das wird dann von denen geäußert, die mit der Krise noch keine Probleme haben, solange deren Aktienfonds sich weiterhin positiv entwickelt. Und sollte dann Mietzahlungen nicht kommen und der eigene Versicherungs- und Immobilienfond nicht den Gewinn produzieren, wie jener geplant wurde, dann ist deren Gezeter groß.

Jede Krise produziert Verwerfungen und macht Dinge sichtbar, welche vorher latent unter der Oberfläche gelauert haben. Bei der Finanzkrise von vor zehn Jahren platzte die Spekulationsblase der Banken, der Immobilien- und Versicherungsbranche und es wurde deutlich, wie sehr unser Leben von Hausse und Baisse der Börsen und deren Leidenschaft, auf unsere Lebensumstände zu wetten, geprägt wurde. Dass dabei Milliarden an Milliarden in systemische Banksysteme gepumpt wurden, zeigte damals bereits, dass Armut keinen systemischen Status hat, Reichtum und Besitz aber sehr wohl.

Vielleicht ist das Zynische an dem jetzigen Virus, dass es sich nicht für Vermögenswerte oder Wirtschaftssysteme interessiert (nebenbei, auch nicht für den Inhalt, den Blogautoren wie ich schreiben) lediglich rein biologisch agiert, und dass alle Menschen vor dem Virus gleich sind. Naja, zumindest was grauhaarige, ältere Männer angeht. Aber die will ja eh niemand mehr. Und da gibt es inzwischen ja genügend, die eh gerne dem “survival of the fittest” anhängen …

Das Corona-Tagebuch: Provinznotizen aus Deutschland Süd bei Südost (23): Triftige Gründe

Mit “triftigen” Grund war ich heute in der Innenstadt. Ich wollte mir bei Banken (die im Internet als “geöffnet” markiert waren) 50-Cent-Rollen einkaufen. Damit ich die Waschmaschine und den Trockner im Keller nutzen kann. Aber ich war zu gutgläubig. Banken hatten alle zu.

Mit dem Bus fuhr ich in die Stadt. Er kam an einer sehr langen Menschenschlange (geschätzt 100 Meter) mit “Hackenporschen” (Einkaufskörbe auf Räder) vorbei. Jeder der in der Schlange stand, hielt den Eins-Fünfzig-Abstand. Und am Kopf der Schlange standen zwei Männer mit Mundschutz und Schürze, welche die Schlange am Kopf instruierten. Auf deren Schürze las ich “Münchner Tafel e.V.”. Mir wurde klar, dass dort nicht die Toilettenpapier-Suchenden sich befanden. Sondern wahrscheinlich vielmehr die, welche jetzt plötzlich noch weniger zu beißen haben. Eigentlich habe ich es doch noch ganz gut erwischt, ging mir als Gedanke durch den Kopf.

Die Fußgängerzone in der Innenstadt erinnerte mich eher an “Sonntagmorgen” als an “Dienstag Nachmittag”. Ich war dort schon mal paar mal an Sonntagmorgen, nachdem ich aus Clubs kam. Im Vergleich zu heute stand damals aber die Sonne noch immer recht tief (oder es war noch dunkel) und nüchtern war ich dabei dann auch kaum. Aber jetzt strahlte die Sonne vom blauen Nachmittagshimmel. Jeder Mensch und jedes Paar in der Fußgängerzone war auf Sicherheitsabstand. Selbst entgegenkommende Polizisten waren näher an sich dran, als manch andere Passanten. Der Stacchus, der sonst vor Personen nur so wimmelt, war spärlich bevölkert von Leuten, die einfach nur die Sonne genössen. Die Imbiss-Geschäfte hatten auf, aber Stress sieht bei dem Personal immer anders aus. Sie verkauften wohl wenig bis nichts. Es stand kein einziger Kunde wartend vor denen. Langeweile beim Verkaufspersonal. Mir fiel die Menschenschlange an der Tafel von vorher wieder ein. Ein Kontrastgedanke.

Mundschutze werden immer häufiger sichtbar. Es gibt die einfachen, die hochwertigen, die Selbstgenähten und dann die stylischen. Und immer mehr erinnern mich solche an einen Maulkorb, so wie die getragen werden. Der Mundschutz als Unterstützung zur Ruhe, der ersten Bürgerpflicht. Es lässt das Seufzen undeutlich werden. Am seltsamsten wirkten Mundschutze jedoch bei diejenigen Menschen, die den Mundschutz runter gezogen haben, um zu rauchen. In deren Sinne gefährden sich jene Raucher doppelt und dreifach: weil sie den Schutz entfernen, weil sie rauchen und weil sie somit zur Risikogruppe zählen. Nur wirklich wichtig ist das nicht. Sonst wäre Rauchen ja auch schon völlig verboten.

Ich habe das Gefühl, es fahren wieder mehr Autos. An meiner Fußgängerampel unweit meiner Wohnung hatte ich diesmal auf mein “Grün” gewartet, welches den Verkehrsfluss der Autos zum Stocken brachte. Vor einer Woche konnte ich locker über die Straße gehen, da benötigte ich die Ampel nicht. In Autos fühlen sich die Menschen wohl sicherer als an der offenen Luft.

Der Tag kam, der Tag ging. Der Blick auf Zahlen ist mittlerweile Routine. Ebenso ihre weitere Entwicklung nach oben. Ansonsten?

Im Südosten nichts Neues.

Das Corona-Tagebuch: Provinznotizen aus Deutschland Süd bei Südost (22): Corona-App

Haben Sie schon die App? Nicht? Warum nicht? Seien Sie nicht unsolidarisch! Wenn jeder so denken würde wie Sie, können wir diese Pandemie nie besiegen. Und wir wollen dieses Scheiß-CoVid-19 doch besiegen, oder etwa nicht?

Denken Sie nur: die Pocken beispielsweise. Die Pocken tauchten ungefähr 160 n. Chr. in Europa auf und erst am 26. Oktober 1979 erklärte die WHO die Welt für pockenfrei. Pocken ausgerottet. Nach mehr als 1800 Jahren.

Kein Wunder. Die Leute hatten damals der App nicht. Hätten schon die alten Römer diese App gehabt, wären Pocken historisch nie ein Thema gewesen. Die Römer hätten die App aus dem Kapitol vom Jupiter runtergeladen und – zack – wären die Pocken zum Pluto, dem Herrscher der Unterwelt, geschickt worden. Nur, die Römer hatten bekanntlich der App nicht. Und das ist Fakt.

Und kommen Sie mir jetzt nicht mit Platon “Politeia” und seinem Sokrates. Als jener erklärte, nach der Demokratie entstehe aus deren Untergang die Tyrannenherrschaft, da gab es noch kein Internet. Daher kann der Plato gar nicht mitreden. Der hat die Pocken auch nicht mitgemacht.

Und kommen Sie mir jetzt nicht mit Grundrechten! Die Regierung denkt mit und hat das Bundesministerium für Gesundheit am 23. März dazu ermächtigt, durch Allgemeinverfügung oder durch Rechtsverordnung Vorkehrungen zum Schutz der Bevölkerung zu treffen und die Gesundheitsversorgung sicher zu stellen. Darunter fallen dann auch Vorschriften für den Reiseverkehr, für Melde- und Untersuchungspflichten. Das passierte alles zu dem Schutze Ihrer Grundrechte! Und wenn dann der Held der Helden, der Jens Spahn, erst einmal seine App auf unseren Smartphone hat, dann wird er in weniger als 1800 Jahre – wie weiland die WHO über die Pocken – stolz verkünden: “SARS-CoV-2 ist ausgerottet!” Und wir alle sollten dann dankbar applaudieren und uns den von angeblich auf Rechtswegen entledigten Rechte nicht grämen. Das ist halt Demokratie und die ist für alle da.

Installieren Sie jetzt? Wollen gerade Sie sich der App verweigern? Haben Sie etwa zu verbergen, mit wem sie sich immer treffen? Sind Sie etwa Terrorist, dass Sie die App nicht herunter laden wollen? Wenn jeder nur an sich denkt, dann denkt keiner mehr an jeden und das ist schlecht für uns alle. Und somit den Staat. Und wer ist der Staat? L’état c’est moi! Und lassen Sie sich meine freie Meinung ehrlich und schonungslos sagen: Sie sind ein unsolidarischer Egoist!

Würden Sie also jetzt bitte die App auf ihrem Smartphone laden? Oder haben Sie etwas zu verbergen? Ich meine, wenn Sie nichts zu verbergen haben, wohin Sie gehen, mit wem Sie sich treffen auf ein Bier oder zum Seitensprung, und welche amoralischen Orte Sie sonst noch so besuchen, dann können Sie sich die App ja herunter laden. Falls nicht, muss ich annehmen, Sie treiben illegales, unmoralisches, unsolidarisches. Und das kann ich nicht erlauben. Also. Entweder Sie installieren jetzt die App oder ich muss Sie leider melden!

Und dann wissen wieder alle
alles besser wia i.
Moana immer nur sich selber,
doch mitm Finger zoagns auf mi.
Koaner laßt si neischaugn,
manchmal kanntst as neihaun,
und i spür jetzt mehr und mehrer,
was bei uns im argen ist:
A jeder Deutsche is a Lehrer
und a Freizeitpolizist

(aus “Laß mi wieder falln” von Konstantin Wecker, 1986)

(geschrieben nach einer Idee von H.G.Butzko)

Das Corona-Tagebuch: Provinznotizen aus Deutschland Süd bei Südost (21): Palmensonntag

“Komm mal her, hey. Was ist das hier? Was ist das hier? Hm?”

“Ehrlich, es tut mir leid, wirklich. Ich habe extra alles veranlasst gehabt, dass du hier unerkannt ankommen kannst.”

“Und? Was ist das hier? Was soll das?”

“Keine Ahnung.”

“Überall Leute. Hatte ich nicht ausdrücklich angeordnet, keine großes Gewese um meine Ankunft zu machen? Hm, wozu bist du eigentlich nütze, hä?”

“Aber ich weiß doch auch nicht, warum es nicht funktioniert hat. Bitte, verzeih mir.”

“Ach ja? Und warum dann das schöne Wetter, diese frühlingshaften Temperaturen und diese klare, weite Luft? Weißt du überhaupt, für welchen Tag du das jetzt alles arrangiert hast?”

“Für einen schönen Sonntag Morgen?”

“Dummkopf! Palmensonntag!”

“Palmensonntag.”

“Ja, dämmert dir was? Bei solch einem Wetter wollen Leute raus und alles für den jährlichen Empfang bereiten. Und? Was meinst du, warum jetzt hier um uns so viele Menschen herum laufen, hä?”

“Keine Ahnung, es tut mir leid.”

“Das musst du doch wissen! Hast du etwa in der Schule nicht aufgepasst, oder was? Bin ich denn eigentlich nur von Ignoranten und Ungebildeten umgeben?”

“Verzeihe mir, aber ich hatte doch alles so geschickt eingefädelt gehabt. Der Virus, die weltweiten Ausgangsbeschränkungen und -sperren, …”

“Jajaja. Geschickt. Das ich nicht lache. Und jetzt geht das wieder los. Immer das Gleiche. Heute huldvoll von einem Steckenpferd lächeln, während ihr Kokosnüsse gegeneinander schlagt, Donnerstag gemeinsames Abschlussdinner, Freitag Kreuzigung, Samstag Ausruhen und Sonntag den Houdini geben. Langweilt mich, langweilt mich. Denkt ihr immer nur an euer Wohl? Typisch Egoisten. Warum gönnt mir nur keiner ein ganz normales Osterfest? Warum musst du immer dafür sorgen, dass ich im Mittelpunkt stehe?”

“Ich, äh, entschuldigung, äh, also, eigentlich war diesmal alles perfekt vorgeplant, äh, ich ..”

Das Gespräch konnte nicht mehr bis zum Ende verfolgt werden. Polizei betrat die Szene, verlangte die Ausweispapiere, weil gegen das Versammlungsverbot, die Ausgangsbeschränkung und die Kontaktsperre verstoßen wurde. Weil sich aber alle als mittellos ausgaben und für die Anzeige der Polizei keinen festen Wohnsitz vorweisen konnten, wurden sie einzeln abgeführt..

Und auf einer Mauer unweit der zuvor von Polizisten umringten Gruppe saß ein kleines Männlein und fragte mit piepsiger Stimme noch in sein Handy: “Kann ich mir die Belohnung nicht auch in bar bei Ihnen abholen?”

Ich glaube, Ostern wird dieses Jahr ausfallen.

Das Corona-Tagebuch: Provinznotizen aus Deutschland Süd bei Südost (20): Godot kommt gleich

Heute gibt es keinen besonderen Eintrag. Ein Tag, an dem nichts besonderes passierte. Eine gewisse Langeweile greift Raum. Zu sehen, dass das Wetter schön ist und die Sonne nur so frühlingshaft strahlt, hat mir nicht wirklich weiter geholfen oder mir einen Kreativitätsschub gegeben. So ist das, das Warten auf Godot.

Das Corona-Tagebuch: Provinznotizen aus Deutschland Süd bei Südost (19): Helden-Epen

Einer muss das ja tun. Immer einer. Also muss ich jetzt ein Wort zu unseren Heldinnen und Helden (verkürzt in Folge gesamtheitlich als “Helden” bezeichnet) verlieren. Die Helden, welchen wir vom Balkon immer gegen Sechs mit Applaus beschenken sollen, damit sie nicht aufhören Helden zu sein. Weil, wir könnten das ja nie. Helden sein. So wie jene wahren Helden. Wie gut, dass wir in der Krise eben solche Menschen haben, die nicht immer gleich nur an sich selber denken, sondern an andere. Gemeint sind solche wie Krankenpflegepersonal, Altenpflegekräfte, Verkäuferinnen und Kassierer, Klopapierregalbefüllende, Ärztinnen und Ärzte, Müllwerkende, Buslenkende, verspätetes Bahn-Personal, pünktliche Postbotinnen und Postboten, immer präsente Polizei und Knöllchenverteilende und all jene unbekannten Pizza-Boten, Bierverteiler und Zigarettenautomatenbefüllenden und so weiter und so fort. Working class heros. Ja, eben jene mit Applaus bedachten Menschen unserer Gesellschaft, jene denken nicht nur an sich, so wie wir es von Vorständen, die Bänkerinnen und Bänker, Unternehmensberaterinnen und -berater, Finanzdienstleistungspersonal und so weiter und so fort kennen. Es ist ein erhebendes Glück, dass wir jetzt eben diese Heldinnen und Helden aus den zuerst aufgezählten Bereichen haben. Sie nützen uns. Eben die typischen als Gutmenschen verschrieenen Tu-Wat-Homo-Sapiens-Vertreter. Denn die an anderer Stelle erwähnten Arbeit-Nehmenden ohne Applaus-Spende lebenden Homo-V-Erectus-Vertreter würden sich zuerst einmal einen deftigen Schluck aus der Lohnpulle gönnen, bevor sie nach dem Rülpsen den folgenden Handschlag planen und dann – wenn ihnen nichts mehr einfällt – nach der Beteiligung des Staates schreien würden, weil denen das Geld aus der Lohnpulle fehlt.

Ganz im Gegentum dazu jene anderen. Wie gut wird es sein, wie toll werden wir uns dann daran erinnern und es auf den Titelseiten der Medien jenen entgegenhalten, wenn nach der Krise eben jene Helden und Heldinnen vorgeworfen werden wird, dass deren überzogenen Lohnzuschlagsforderungen das profitorientierte Gesundheitssystem ernsthaft belasten würden und die öffentliche Hand kein Geld mehr hat.

Letztendlich wird dann zudem noch der Chor der Doppelverdienenden deren Leid-Lied anstimmen, dass man in der Corona-Krise – als Kindergärten und Kitas geschlossen wurde – keine billigen rumänische Hausmädchen mehr schwarz unter der Hand als Kinderbetreuung einfliegen lassen konnten, sondern offiziell in Deutschland auf Steuerkarte arbeitende Kindermädchen mit verifizierten Corona-negativ Test für teures Geld nehmen mussten, um nicht auf all jene arbeitslosen rumänischen Frauen zurück greifen zu müssen, deren Bordelle wegen Corona zugemacht wurden. Und nach der Widereröffnung von Kindergärten und Kitas solle doch der Staat jene Kosten über die Lohnkosten senken, weil man müsse auch an eben jene Eltern denken, die nächstes Jahr mit ihren Kleinen endlich mal wieder gemeinsam verdient in den Urlaub an den Strand fliegen wollen und die Kosten für Urlaub seinen ja auch unverständlicherweise gestiegen. Es wird ein Chor-O-Nana-Gesang werden, den die Sirenen im alten Griechenland zu nicht Corona-Zeiten nie besser hinbekommen hatte. Der Staat wird dem unkritisch zustimmen, weil ja Doppelverdiener nach der Krise wieder systemisch geworden sind, senkt deren Einkommenssteuer und Erbsteuer vom Erbe derer Ü70-jährigen Eltern, deckelt Löhne im Sozial- und Gesundheitsbereich und gibt Urlaubsgutscheine für Doppelverdiener raus, weil diese durch die Krise unverhältnismäßig stark finanziell belastet wurden. Nur Alleinerziehende mit Kind, Aufstocker und SGB-II-Bezieher werden den nicht erhalten, weil die wären mit deren Situation ja auch bereits vor der Krise zurecht gekommen. Ich weiß schon, warum ich aus gutem Grunde immer “Adults only”-Hotels gebucht hatte.

And now to something completly different.

Eine Unterhaltung auf einer Parkbank im Münchner Englischen Garten, erlauscht im entlaubten Untergehölz eines Biergartengebüsches: “Opa, erzähl doch mal. Wie war das damals, als die Straßen komplett leer waren.” “Oh, liebstes Engelchen Enkelchen, das war hart. Wirklich hart. Eine Krise beherrschte das Land und machte es sich untertan.” “Krise?” “Eine Krise, liebstes Enkelchen, eine Krise wie ein brutaler Virus.” “Wie ein Virus?” “Alles war komplett lahm gelegt. Nichts ging mehr, nichts bewegte sich mehr, die Welt stand still, urplötzlich von einem Tage auf dem anderen still, weil es die Regierung so wollte.” “Das hört sich nach Horror an, Opa. Weswegen denn? Was war denn da los?” “Das war wie Ausgangssperre. Es war die Ölkrise, mein Enkelchen. Die Ölkrise. Die Sonntage der Siebziger des letzten Jahrhunderts während der Ölkrise waren unglaublich hart.” …


Eine Anmerkung in eigener Sache:

Bereits seit 14 Jahren bin ich hier bei WordPress vertreten. Na und? Schön für mich, woll. Darauf ein Prosecco, dass ich den jetzigen Blog dann seit fünf Jahren hier aktiviert habe. Das heißt, lockere neun Jahre zuvor ohne Kommentare zu all den nicht geposteten Ideen. Wer kann schon so etwas aufweisen? Na also! Stößcken!

“Wo wollen Sie in fünf Jahren stehen, Herr Careca?” Bewerbungsgespräch für die Zukunft. “Ein Blog mit vielen Lesern und noch mehr Kommentaren.” “Okay. Willkommen. Jedoch nur, wenn Sie ersten beiden Ihrer Erwartungen auf Null runter schrauben würden.” “Passt. Aber auch nur, wenn Sie dann mit meiner riesigen Popularität umgehen können.” Ich las damals noch das digitale Lachen auf dem Monitor. Jetzt weiß ich, die Macher von WordPress können mit meiner Wahnsinnspopularität genau so gut umgehen, wie ich mit meiner zuvor. Passt schon.

Motiv meines Geschreibes? In eigener Schreibe. Um der Flasche Wein vor mir und dem gefüllten Glas daneben einer Rechtfertigung zu zuführen. Nach dem Gin-Tonic zuvor. Trinke ich zu viel? Wayne interessiert’s. Wird eh keiner beurteilen können. In der Kontaktsperre bin ich von solchen Aburteilungen gefeit. Im privaten Home Office gibt es keine Alko-Teströhrchen mit denen man mein Geschreibe wegen dem Chinesen Do-Ping für ungültig erklären kann. Nun ja. Vor der Krise war die Arbeit am nächsten Morgen ein Grund, am Abend nichts zu trinken. Wegen der Kurzarbeit fällt dieser Grund weg. Und irgendwie muss ich mir ja die ganzen Zeitungsstatistiken der Corona-Statistik schön saufen. Ob das klappt, könnte ich ernsthaft bezweifeln. Bei Frauen hat es letztendlich ja auch nie gewirkt, woll. Tu ich aber nicht, gell.

Das Corona-Tagebuch: Provinznotizen aus Deutschland Süd bei Südost (18): Empathiemangel

Ein weiterer Tag mit einem Wetter, welches einerseits zu schön ist, um zu Hause zu bleiben. Aber andererseits, ich werde nicht anfangen joggen zu lernen, nur weil ich dann raus kann, ohne ein schlechtes Gewissen haben zu müssen. Die Straße ist voll an Joggern.

Die Sonne wanderte vorm Fenster von links nach rechts. Der Backfisch von oben nach unten. Sein Verpackungsmaterial von oben nach unten in den Altpapiercontainer. Und ich bewegte mich von hinten nach vorne zum Monitor, um Daten aus dem Internet genauer zu lesen. Mit Brille wäre das nicht passiert. Ein Leben in drei Dimensionen. Ein Kontrollblick aus dem Fenster: ja, sie lebt. Ansonsten herrscht Frieden im Land. Oder Ruhe. Die erste Pflicht eines Bürgers. Ruhe, nicht Langeweile. Aber das letztere kann man auch stattdessen empfinden.

Und irgendwo da draußen hocken die Nanopartikel in deren biologisch-dynamischen Transportmittel und warten auf den nächsten Umsteigebahnhof. Ich habe das Fenster geöffnet und eine Fliege will rein. Hektisch wedelnd schaffe ich es, ihr den Einflug zu vermiesen. Sie zieht ab zum neuen Nachbarn. Der vorherige ist weitergezogen. Offenbar hatte er eine Frau kennengelernt. Unüberhörbar waren deren gemeinsame Zeiten beim Sex. Anfangs sehr häufig, dann immer seltener und – als ich bereits vermutete, er hätte sich von ihr getrennt – letztendlich hat er sie geheiratet und eine neue gemeinsame Wohnung bezogen. Eine, welche wohl den immer selten werdenden Sex kompensieren soll. Toi, toi toi.

Wie geht eigentlich jetzt casual sex in Zeiten von Corona? Gegen HIV half noch ein Gummi, aber jetzt? Eine Freundin hat ihren 50-jährigen Lover den Laufpass gegeben. Er gehöre zu einer Risikogruppe: Ü50 und männlich. Sie habe jetzt ihre Präferenz gewechselt, sie suche jetzt Männer U40. Er solle es sich nicht so sehr zu Herzen nehmen, er finde sicherlich eine andere. Als ich am Telefon schwieg, erhielt ich die Bewertung, dass es mir erheblich an Empathie mangele, und er legte darauf auf. In der Tendenz aus dem Gespräch mit ihm zurück schließend wollte er wohl sagen, ich hätte eine narzisstische Persönlichkeitsstörung. Keine Ahnung, ob er Recht hat.

Ist ein Blogger narzisstisch, der zudem aus einem allgemeinen Thema sein tägliches Drama niederschreibt?

Das Corona-Tagebuch: Provinznotizen aus Deutschland Süd bei Südost (17): 1. April

Sie hatte fristgerecht im letzten Jahr gekündigt: Mietvertrag, Arbeitsvertrag, Versicherungen. Verkauft in den letzten zwei Monaten: Möbel, Auto, Motorrad. Das gleiche tat ihr Mann. Gekauft: Ein Flugticket für zwei nach Australien. Geplant war ein Sabbatical. Und dann kam Freitag, der dreizehnte, im letzten Monat. Der Traum zerschlug sich danach.

Ein guter “Grillo” aus Sizilien passt hervorragend zum selbstgemachten Risotto. Sowohl zum Ablöschen des Arborio, als auch danach. Manchmal hat man im Leben Glück, jemanden kennen zu lernen, der einem die hohe Küchenkunst des Risottos beibringt. Risotto ist nicht lediglich machbar, wie Milchreis mit Milch. Risotto ist mehr als nur das, damit Risotto mehr als nur “Reis mit Gemüsebrühe bis zur Cremigkeit aufgekocht” wird. Für die Herstellung eines richtig guten Risottos muss man sich schon eine Stunde Zeit nehmen. Einen guten “Grillo” aus Sizilien kann man aber auch ohne Risotto trinken. Heute mach ich kein Risotto.

Die Baustelle lebt und entwickelt sich weiter zu einem Gebäude. Ein Zettel im Hausflur verkündet, dass eine Wohnung über mir kernsaniert wird. Es wird die Wohnung desjenigen sein, der am 24. Dezember hier verstarb. Für den Dreck und Lärm entschuldigt sich die Hausverwaltung gleich im Voraus. Mir wird klar, einen Wecker ist momentan so das Unnützeste, was ich mir momentan zulegen muss. Vorgestern starb erneut eine ältere Person. Ich wette, in einem Viertel Jahr gibt es den nächsten Aushang. Ausschlafen wird auch komplett von mir überschätzt. Sechs Uhr Fünfundvierzig ist das neue Sieben Uhr der nächsten Zeit.

Heute ist der 1. April und eigentlich gehören wir alle in den April geschickt. Aber keiner hat Lust dazu. Woran liegt’s? Selbst ich werde jetzt nicht irgendeinen April-Witz hier verbreiten.

Okay.

Gelogen.

Einen versuch ich euch Lesern doch unterzujubeln:

“BILD-Zeitungsredaktion vor Damaskus vom Pferd gefallen. Redaktion brütet ab jetzt das sensationelle Osterei aus. Ab jetzt nur noch liebe Schlagzeilen ohne Panikmache. gez.: Ex-Saulus”.

Gehabt euch wohl und gesund.

Das Corona-Tagebuch: Provinznotizen aus Deutschland Süd bei Südost (16): Maskerade

Österreich führt die Gesichtsmaskenpflicht für den Aufenthalt in Supermärkte ein. Der Supermarkt als Begründung den eigenen vier Wänden zu entgehen soll kein Argument mehr sein, sich Maßnahmen zu entziehen.

Ein Besuch im Supermarkt ist immer wieder interessant. Wenn im Obst- und Gemüsebereich die Leute mit Mundmaske jeder einzelnen Gurke die Hand schütteln und die kräftigste dann mit weiteren Kontrollgriffen auswählen, warum tragen die dann eigentlich Mundschutz? Und dann rüber zu den Tomaten und Äpfeln gehen, um dort wieder jedem einzelnen Früchtchen “Hallo” per Händedruck zu sagen. Waschen die nachher das gekaufte Obst gründlich in Spüli, Domestos oder anderen Desinfektionsbädern, wenn sie an deren Gesundheit denken? Oder wenn man von Leuten leicht aber hartnäckig beiseite geschoben wird, nur damit jene dann eine Minute unschlüssig an der von mir freigemachten Stelle herum stehen, muss ich selber dann die Eins-Fünfzig einhalten und zurück treten? Ich meine fast ja, das muss ich. Denn der Klügere gibt nach, und bei so viel maskierter Intelligenz wagt man als unmaskierter Dummer ja auch nicht unbedingt zu widersprechen.

Ein Gesetz, welches den Menschen vorschreiben würde, Gesichtsmasken in der Öffentlichkeit zu tragen, würde der Polizei die Arbeit wohl stark erleichtern. Wenn einer ohne Maske rumläuft, kann die den gleich per Gesichtserkennung ausfindig machen, wenn der sich der Verhaftung entziehen sollte. Und sollten mehr als nur zwei Leute mit einer Maske zusammen stehen, kann die Polizei gleich das Demonstrationsstrafrecht anwenden und die Leute verhaften (alternativ: Wasserwerfer-Einsatz mit Chlorreizgasbeimischung zur gleichzeitigen Desinfektion). Denn es gilt das Vermummungsverbot auch bei nicht angemeldeten Demonstrationen. Und die Wahrung der geforderten Kontaktsperren von Individuen untereinander.

Irgend so ein Donald Trump hat dem Automobilhersteller GM auf Basis eines Kriegsgesetzes befohlen, Beatmungsgeräte herzustellen. Wie das klappen soll, in einer Automobilindustrie, bei der Fahrzeuge an Fließbändern hergestellt werden, welche zum Teil hochautomatisiert sind? Wie das aussehen soll? Das ist überhaupt nicht so schwierig, wie alle meinen. Das Ergebnis werden dann amerikanische 6- und 8-Zylinder-Pick-Up-Fahrzeuge ohne geregeltem 3-Wege-Katalysator, dafür aber mit Bi-Turbo plus Anhängerkupplung sein. Und hinter jedem Fahrzeug wird ein Krankenbett mit einem zu beatmenden Patienten eingehängt. Vom Fahrzeug geht dann direkt vom Auspuff aus ein Schlauch in die Luftröhre des Patienten, und der erhält dann somit vom Pick-Up eine Druckbetankung als Atemversorgungsdienstleistung. Freilich wird die Abluft vom Auspuff auch mit ausreichend Sauerstoff angereichert werden, denn der Amerikaner an sich ist ja kein Unmensch. Und der Patient hat zusätzlich zum Sauerstoff auch noch den Duft von der freien Fahrt für freie Bürger in seinen Lungen. Der Sauerstofftank lässt sich praktischerweise beim  Pick-Up einfach auf dessen Ladefläche verstauen. Für Trump gewissermaßen eine Win-Win-Win-Situation. Denn wenn dabei ein Patient stirbt, war es garantiert GM oder ein Demokrat am Steuer, der alles falsch gemacht hat.

Das Corona-Tagebuch: Provinznotizen aus Deutschland Süd bei Südost (15): Kurzarbeit

Der erste Tag in Kurzarbeit. Bad geputzt, Wohnung aufgeräumt und sonst nichts getan, außer den Pflanzen beim Wachsen und der Baustelle beim Bauen zugeschaut und die neusten Zahlen durchgehechelt. Morgens fiel noch Schnee, jetzt scheint die Sonne. Ansonsten nichts Neues.

Außer vielleicht bei Netflix. Die Serie zur Corona-Ausgangssperre. Man packe neun Kandidaten in neun Apartments und verbinde diese mit einem Chat-Kommunikationssystem, in welchem der Text per Stimme diktiert wird. Viele kennen das: “Alexa, mach mal Licht”, “Alexa, packe Notizbuch auf meine Einkaufsliste”, “Alexa, wie spät war es vor 10 Minuten?” So ähnlich funktioniert das System auch in der Serie.

Das System nennt sich “Circle” und die geskriptete Serie wurde in Brasilien gedreht. Zwei der neun Kandidaten verkörpern Fake-Personalitäten und jeder muss den anderen anhand des Diktierten abschätzen.Direkten Kontakt gibt es nicht und verlassen werden darf das Apartment nur, wenn die Spielleiter es aus triftigen Gründen erlauben oder fordern. Also, wie hier bei uns Ausgangsbeschränkung und Kontaktsperre. Die perfekte Corona-Serie.

Unterhaltsam ist die Serie, wie Farbe beim Trocknen zuzuschauen. Nur mit dem Unterschied, hier kann die Farbe in den neun Apartments auch noch sprechen, wenn auch kaum wirklich sinnvolles, und dann auch noch Caipirinha trinken.

Nach zwei Folgen war bei mir Ende Gelände und der Fernseher ging wieder auf Standby.

Auf der Baustelle wird gemauert. Sie rühren nicht nur Beton an, nein, sie ziehen das perfekte Verteidigungsbollwerk hoch: exakt ausgerichtet, lotrecht und schnurgerade. Und immer wieder mal ein Rüttler, der Erde verfestigt und hier alles zum Erzittern bringt. Sollte niemand meinen, mein Körper würde keine Bewegung erfahren.

Morgen geht es wieder zur Arbeit. Ich darf wieder raus. Hoffentlich rütteln die da unten alles zu Ende.

Und jetzt ein wenig Musik von Torfrock (https://www.youtube.com/watch?v=dlcn0WlFSG0)

Das Corona-Tagebuch: Provinznotizen aus Deutschland Süd bei Südost (14): Lebbe geht weider.

Lebbe geht weider.

Das Zitat ist von Dragoslav Stepanović, ehemaliger Bundesligatrainer von Eintracht Frankfurt, nachdem die Meisterschaft gegen Hansa Rostock verspielt wurde.

Lebbe geht weider.

Nie mehr Mutter Beimer beim Spiegeleier-Braten als Übersprungshandlung beobachten, nie mehr Lindenstraße. Na und? In der letzten Szene wurde klar, die Straße liegt in Schwabing. Computerrechenpower machte es möglich. Schöne, alte Fernsehrealität

Lebbe geht weider.

Ich höre im Umfeld inzwischen die ersten Klagen, dass Corona das wesentlich Wichtige des Lebens überdeckt: Genderismus, Klima-Debatte, Ausländer und Kriminalität, deutsche Kultur, Religion, Lügenpresse waren einige Themen. Klar, ich kann Themen blocken, die mir nicht gefallen, und wenn nicht, werden sie an mich heran getragen. Jeder darf sich bei mir blamieren, wie er möchte. Es gibt kein Anrecht von mir darauf, dass sie es nicht dürfen. Nur wird mir vorgeworfen, unmündig zu sein oder Mainstream zu folgen oder nichts zu tun oder das Falsche zu glauben. Interessanterweise sind auch Expats darunter, die erst dann wieder zurück kehren wollen, wenn das bereinigt wurde, was jene als Missstände empfinden. Und ich soll deren Vorkämpfer sein, damit sie zurück kehren können. Ich bin aber kein Held. Helden sterben immer als erste und ich will nicht Märtyrer für irgendwelche geistig Benachteiligten außerhalb Deutschlands werden. Auch nicht für mich, der innerhalb lebt. Davon habe ich nichts. Ich tauge nicht zum Helden.

Lebbe geht weider.

Meine Mutter rief mich an. Meine Mutter ist weit über 80 Jahre (86 Jahre) und lebt über 600 km im Norden. Ich habe keine Chance, sie zu Ostern besuchen. Ihr geht es soweit so gut. Bis auf die fehlenden Gottesdienste. Die fehlen ihr. Und dass der Papst inzwischen mehr im Internet als im Fernsehen zu sehen sei. Sie weiß gar nicht, was das sei, das “Internet” und sie wolle es auch gar nicht mehr lernen, aber den Papst, den würde sie gerne häufiger sehen, weil er ihr Kraft gäbe. Im Altersheim gegenüber dürfe sie nicht mehr.

Zuvor war sie schon nicht mehr gern gesehen. Weil die neue Abteilungsleiterin ihr vorwarf, sie käme Sonntags nur, um ein Mittagessen abzustauben. Sie war vormals immer Sonntags da und hat den gleichaltrigen Menschen geholfen, ihr Mittagessen zu sich zu nehmen. Das hat die Pflegekräfte entlastet und sie erhielt dafür lobende Worte. Sie traf dort in einem Bett ihre ehemalige Nachbarin vom Lande wieder. Jene hatte sie zu Lebzeiten geschmäht und schlecht gemacht. Meiner Mutter war das jetzt egal, denn die Nachbarin ist inzwischen dement und erkannte meine Mutter nicht mehr. Sie erinnert sich auch im Gegensatz zu meiner Mutter auch nicht mehr an damals. Beide sind im gleichen Alter. Die eine ist nicht nachtragend, weil sie es nicht mehr kann. Die andere ist nicht nachtragend, weil sie das Gefühl für sich als für überflüssig erkannt hat. Und da die Familie (die drei Töchter und Ehemann) jener Frau sie mittags nicht mehr besuchen, so fütterte die einstige Feindin ihre damalige Integrantin. Und beide fühlten sich wohl. Meine Mutter hatte längst Frieden mit ihr geschlossen und sah die damalige Situation als komplett sinnlos an. “Und was hat sie jetzt von ihrem Triumph? Alle hat sie gegen mich mobilisiert und unsere Familie als Sündenböcke dargestellt, damit deren Familie die staatlichen Fördergelder erhalten konnte. Und was hat sie jetzt davon? Ihre Kinder kommen nur einmal im Monat. Und ich jeden Sonntag, um ihr das Mittagessen zu reichen.”

Für ihren Dienst erhielt sie immer ein freies Mittagessen und niemand hatte es ihr geneidet oder missgönnt. Eher ganz im Gegentum. Mit der neuen Abteilungsleiterin wehte der Wind aus einer anderen Richtung. Jene stellte meine Mutter zu Rede und warf ihr vor, für deren Fütter-Dienste vorsätzlich ein freies Mittagessen abzustauben. Meine Mutter solle ab sofort dafür zahlen. Schließlich müsse das Altersheim auf die Kosten achten und habe zu sparen und nichts zu verschenken. Meine Mutter bedankte sich für das Einspar-Angebot und entzog dem Altersheim ihren freiwilligen Dienst. Unter Bedauern, wie sie mir sagte, denn sie hatte gesehen, wie die Pflegekräfte mit den alten Menschen beim Füttern umgehen. Pro Fütter-Dienst hatten sie nur eine bestimmte Zeitspanne zur Verfügung und daher erinnerte meine Mutter deren Fütter-Dienst-Aktionen eher an eine Art Zwangsernährung, welche effizient zu sein habe, und somit die zu-fütternden Person lediglich als Störfaktor für die maximal zugestandenen Fütter-Zeit sehen musste. Patienten, die nicht schnell genug schluckten, waren immer diejenigen, die alle Zeitpläne der Pflegekräfte störten. Und Zeit war Geld. Und das galt es zu sparen. Und es könnte nicht sein, so die neue Abteilungsleiterin, dass altersheimfremde Personen versuchen würden auf Kosten andere sich Leistungen zu erschleichen.

Inzwischen dürfte meine Mutter eh nicht mehr dort mithelfen. Die neuen Infektionsschutzgesetze erlauben es ihr nicht mehr. Sie hat mit mir inzwischen eines gemeinsam: 35 qm Deutschland aufgrund der Ausgangsbeschränkung. Mein Bruder stellt ihr die Lebensmittelpakete vor deren Tür ab, weil auch er nicht will, dass er derjenige sein könnte, der durch eine Viruserkrankung ihren Tod herbeiführen würde. Eigentlich wollte ich sie zu Ostern besuchen. Daraus wird nichts mehr werden.

Italien und Spanien haben gerade deswegen so viele Tote, weil durch die Finanzkrise Deutschland darauf gedrängt hat, dass beide Länder gerade im Gesundheitsbereich Einsparungen zu treffen hatten, um deren internationale Schuldendienste zurück zu fahren. Ich denke gerade an Griechenland

Lebbe geht weider.

In der Firma hörte ich einen Mann, welcher vorgestern (am Freitag) erklärte, er würde an diesem Wochenende zu dessen Zweitwohnung ins Allgäu fahren. Er bräuchte das jetzt. Verständlich. Er wohnt in einen der teuersten Gegenden Münchens. Da kann man ihm nicht zumuten, zu Hause zu bleiben, wo um ihn herum alle Corona-positiv seien. Ihm als Besserverdienender so etwas zuzumuten, wäre doch nicht sachlich. Klar. Wea ko, dea ko. Und wieder fiel der rechte Anteil des gespaltenen Haares in die Populärdeutung von Ausgangsbeschränkung: die anderen müssen sie endlich mal befolgen, weil man selber ja gesund wäre. Und auch die Familie als Kernzelle Deutschlands solle endlich wieder an jene Bedeutung gelangen, die sie bekommen müsse. Und mit seiner Familie würde er ins Allgäu fahren. Die Großeltern würden sie bereits für dieses Wochenende erwarten. Nebenbei war er auch in Tirol Ski-Fahren. Zu der Zeit, wo der Virus noch hemmungslos sich im After-Ski-Bereich ausbreiten konnte. Aber er und seine Familie hätte den Virus ja sicherlich nicht eingefangen, ansonsten wäre ja mindestens einer mit leichten Symptomen erkrankt gewesen. Ein Einwand wurde von einem Umstehenden schüchtern geäußert, dass das nach dem Infektionsschutzgesetz kein triftiger Grund wäre, aber mit der Macht des Vorgesetzten weggewischt: nach vierzehn Tagen wäre der Virus garantiert ausgebrochen und in seiner Familie sei seitdem keiner erkrankt gewesen. Basta.

Lebbe geht weider.

Morgen beginnt meine erste 3-Tage-Woche. Kurzarbeit bedeutet jetzt mehr Zeit in den eigenen vier Wänden verbringen zu müssen. 35 qm Deutschland. Und vom Fenster aus den Bautätigkeiten als Abwechselung zuschauen zu können. Die fangen mit deren “Krach” immer um Viertel vor Sieben (für diejenigen, die das nicht verstehen: dreiviertel Sieben) an. Ich trinke gerade an einer Flasche Wein. Normalerweise mache ich das Sonntags nicht, weil ich Montags raus muss. Es lässt ein wenig vergessen, wie beschissen es doch ist, zu Hause auf wenig Quadratmeter festgenagelt zu sein, ohne triftigen Grund die Wohnung verlassen zu dürfen. Ob das gut ist? Keine Ahnung. Ob ich zum Alkoholiker werde, werde ich nach dem Ende der Kurzarbeit und Ausgangsbeschränkung wohl dann erfahren haben. Es ist aber dann zum Wohle aller. Meins war eh niemand wirklich wichtig.

Lebbe geht weider.

Das Corona-Tagebuch: Provinznotizen aus Deutschland Süd bei Südost (13): Eins fünfzig

Fragen gehen mir durch den Kopf. Wie geht es mir mit der Ausgangsbeschränkung? Ändert sie mich? Ändere ich mich?

Solange ich zur Arbeit gehen kann, geht es für mich. Diese tägliche Routine, die ich nicht reflektieren mag, erleichtert es, nicht ins Grübeln verfallen zu müssen. Ich stehe auf, dusche, richte meine ActionCam auf die Baustelle vor meinem Fenster, um eine 10-Stündige Zeitrafferaufnahme zu erstellen, trinke zwei Espresso, mache mir eine Portion Flüssignahrung, packe eine weitere ein und mache mich auf den Weg. Auf dem Weg hole bei Nachfrage der Streifenpolizei meinen Passierschein raus und beantworte deren Fragen. Stemple ein, arbeite, stemple aus. Nach der Arbeit geht es zurück in die Wohnung, wo ich verbleibe und aus dem Fenster auf die Hinterhof-Baustelle starre, dabei das Zeitraffervideo auswerte, im Internet surfe und auch mal in einem Computerspiel dem Recht durch Verprügeln von Bösewichten zu seinem Recht verhelfe. Hin und wieder gehe ich gezielt einkaufen. „Gezielt“ heißt, ich spaziere nicht mehr ziellos durch die Lebensmittelgeschäfte und kaufe rein nach gusto ein, sondern ich suche nur bestimmte Dinge des Lebens in den Regalen. Und versuche dabei nicht anderen in deren Eins fünfzig-Sicherheitszone einzudringen. Dass Abstand jetzt sein muss, das sehe ich ein. Dass jeder Mensch jetzt erst recht ein potentieller Krankmacher oder gar Totmacher ist, das schwebt über jedem jetzt als unausweichliches Damokles-Schwert, bewusster als zuvor.

Gestern war ich bei meinem Wein-Händler, um meine Vorräte aufzustocken. Er lässt nur noch zwei Kunden gleichzeitig in seinem großen Geschäft. Nach meinem Einkauf stellte ich fest, dass ich beim Bezahlen versucht hatte, den Weinhändler in ein Gespräch zu verwickeln, um festzustellen, was ihn so umtreibt, wie er mit der Situation umgeht. Das ist nicht meine Art, wenn ich einkaufen gehe. Den Weinhändler in ein Gespräch zu verwickeln, das war jetzt wohl nicht im Sinne der wartenden Kunden draußen vor der Tür. Jeder will noch rein, bevor er regulär abschließt. Aber das fiel mir erst später ein, als ich in einem andren Supermarkt in der Eins fünfzig-Abstand-Warteschlange an der Kasse stand.

Eins fünfzig. Der neue normative Begriff, der Fakten schafft. Eins fünfzig. Anderthalb. Zwei halbe Anderthalbe machen kein ganzes, sondern wieder nur ein Anderthalbes. Eins fünfzig. Die verordnete Kurzarbeit wird mich die Ausgangsbeschränkung intensiver verspüren lassen. In meiner Wohnung gilt keine Eins-Fünfzig-Regelung einzuhalten. Nur schleicht sich die verordnete Kontaktsperre dann intensiver in meine Welt. Einfach mal rausgehen und von einem Café aus die Welt zu beobachten (wie vor zehn Jahren), funktioniert nicht mehr. Kein Café, kein Rausgehen. Wie heißt es doch so schön? Keine Arme, keine Kekse. Die Welt spielt sich mir dann verstärkt nur noch auf der Baustelle vor meinem Fenster und auf dem Monitor als Ausguck ins Internet ab. Living in a bubble.

Wie hieß es noch in dem Lied „Living in a bubble“ von Eiffel65 aus dem Jahre 1999?

Die Blasen sind keine Realität, aber sie sind in deinem Kopf. Sie lassen vergessen, woher du kommst und was dahinter steckt. Die Blase erschafft nicht dich, sondern du erschaffst die Blase. Und das vergegenwärtigst du besser in deiner Vorstellung. Wir leben in einer Blase. Aber das ist nicht der Ort, wo wir sein sollten. Weil es ein Ort der Lügen und eine Welle oberflächlicher Begeisterung ist. Vertraue der Blase nicht, denn sie ist nichts als ein Traum, und wenn sie platzt, bist du allein.

Die Busse sind leer. Die U-Bahnen bietet ausreichend Platz für jeden Passagier. Zumindest orientieren sich die Öffentlichen-Nahverkehr-Versorger nicht an der momentanen Nachfrage, welche zum Einschränken des Angebots führen könnte. Noch nicht. Die Zeitungskästen werden weiterhin regelmäßig von Lesern geleert und vom Zeitungsverteiler aufgefüllt. Des Tags die Straßen zu queren ist problemlos möglich. Es kommen nur selten Autos, denen das eigene Verhalten beim Überqueren angepasst werden muss.

Ich sitze am Fenster und schaue auf die Baustelle. Die Arbeiter sind bereits nach Hause. Die Baustelle liegt leblos brach. Eine Taube landet auf einen Sandhaufen, sucht nur kurz nach Essbaren und fliegt weiter. Die trockene Kälte der letzten Tage hat von dem Beton und dem Aushub den Staub abgetrocknet, welcher der Wind jetzt aufwirbelt. Der Kran dreht sich langsam in den Wind, seine Kabine leuchtet kurz in den Strahlen der nicht sichtbaren Sonne auf. Sie wirft noch die Schatten an den anderen Häuserfronten, um ihren Untergang anzuzeigen. Von meinem Fenster aus sehe ich nur noch sehr selten die Kondensstreifen der Flugzeuge, die München überfliegen. Warum – um Himmelswillen – spielt meine Anlage gerade in diesem Moment aus meiner Playlist „La vie en rose“?

Voilà le portrait sans retouche.

Das Corona-Tagebuch: Provinznotizen aus Deutschland Süd bei Südost (12): Blasen

Es schwebte bereits über den Köpfen aller. Der Himmel hatte sich durch Wolken bereits zugezogen, die Sonne war nicht mehr zu sehen. Jetzt sind die Wolken dichter geworden. Erheblich dichter, dunkler und schwerer. Und aus ihnen fällt der enge Begriff „Kurzarbeit“. Anfangs hieß es noch, Kurzarbeit käme, wenn die Schulschließungen beendet wären, also ab dem 20. April, dann erst in der Karwoche, doch nun ist es angekommen, das Schreckgespenst aller Geldbörsen und Lohnzettel. Kurzarbeit. Weniger Netto vom eingekürzten Brutto aufgrund reduzierten Arbeitsumfang. Es waren weniger Aufträge eingetroffen, weil alle OEMs ihre Rollladen in deren Werken runtergelassen hatten. Und nicht wegen einem nachgewiesenen CoVid-29-positiv Fall. Jetzt kommen die Auswirkungen von der anderen Seite der Pandemie. Statt 5-Tage-Woche habe ich jetzt die 3-Tage-Woche inklusive Ausgangsbeschränkung.

War 2008/2009 noch erkennbar, woher jener Tsunami kam, welche die Wirtschaft unter sich begrub (durch die in den USA durch Gier verursachte Bankenkrise), so ist es nicht absehbar, wie viele Tsunamis heuer einschlagen werden. Geschlossene Produktionen bedingen schließende Zulieferbetriebe. Weniger Arbeit, bedeutet weniger Geld, bedeutet weniger verkaufte Neufahrzeuge, bedingt weniger erforderliche Produktion, bedingt weniger Abrufe bei der Zuliefererindustrie. Im Sektor der Automobilindustrie hatten in der Zeiten der Bankenkrise die Regierungen Abwrackprämien für Altfahrzeuge und Neuanschaffungen heraus gegeben, um diese Abwärtsspirale zu durchbrechen.
Und nun? Die Welt besteht nicht nur aus meiner Firma, nicht nur aus Automobilindustrie. Was mit der Reisebranche? Was mit Hotels, Gaststätten und nicht „systemischen“ Geschäften? Was ist mit dem Dienstleistungssektor? Momentan platzt nicht nur eine Blase, sondern verschiedene Blasen plöppen hörbar auf.

Blasen, die weiterhin funktionieren und nicht platzen, sind die Social-Media-Blasen Dort tummelt sich jeder irgendwie, der dort sich einloggt. Ein Bekannter (Freund?) sitzt in seinem Wohnwagentruck südwestlich innerhalb Barcelonas fest. Er hält die Corona-Sache für einen ausgemachten Wahnsinn mit dem Zweck, Bürger nur noch mehr zu überwachen und in ihren Freiheiten von nun ab entscheidend einzuschränken. Er forderte mich anfangs zu einem Meinungsaustausch auf, bis ich erkannte, dass er unbewusst wohl darunter verstand, dass ich mit meiner Meinung kommen sollte, um dann mit der Meinung aus seiner Blase zu gehen. Jeder lebt in einer Seifenblase und jeder mag keine Gefahr von außen, die diese Blase zum Platzen bringen könnte. Das Wort „jeder“ beinhaltet freilich auch mich. Und ja, ich habe auch meine Vorstellung von dem, was jeder „Realität“ nennt oder auch einfach nur „fake“, wenn es nicht gefällt. Ein Satz hängt mir noch immer nach, als er auf meine Frage, ob er auch positives in Barcelona in der letzten Zeit erlebt habe, zur Antwort gab, falls ich Bespaßung wolle, sollte ich den Fernseher einschalten.

Gestern Abend hatte ich zum ersten Mal seit langem den Fernseher nicht eingeschaltet. Zu groß ist der Kontrast aus pessimistischen Corona-Nachrichten und einer ’normalen‘ vorgespielten Welt der Fernsehserien und Fernsehfilme. Es interessiert mich nicht, ob die Midlife-Crisis Julia im Spagat zwischen Haushalt, Familie, Kita und Job den bieder-braven Bernd nicht mag und sie dann den supersexy Stefan kennenlernt, mit ihm dessen Reichtum auf Malle ihre hedonistische Seite auslebt, und dann doch unter Tränen feststellt, dass zwar der blöde Bernd nicht sexy, aber ein Brandungsfels sei, und erst dann zu ihm zurück kehrt, nachdem er verspricht, den Haushalt zu schmeißen und die Kita-Zuständigkeit unter ihrer Kontrolle zu übernehmen. Währenddessen sich der superenttäuschte Stefan Julias alleinstehende jüngere Freundin Felicia angelt, bei der jetzt Julia feststellt, was sie schon ihr Leben lang vermutete: “Die ist doch eine geldgeile Schlampe!” Worauf dann mindestens zwei Kinder mit einer Torte durch eine geöffnete Türe auf Julia zustürmen und „Mami, wir haben dich so lieb“ rufen. Dann schneidet der Regisseur auf das Gesicht des lieblichen Hausdackels um, fängt dessen Augen im Close-up ein und der Zuschauer sieht diese irgendwie vor Feuchtigkeit auch noch schimmern, bevor dann der Abspann mit Geigenmusik kommt. Ich kann mir sowas nicht anschauen, ich brauche meine Papiertaschentücher für meinen Schnupfen, nicht für Tränen wegen einer Fernsehwelt. Das interessiert mich momentan jetzt nicht mehr.

Der stetig kontrollierende Blick aufs Smartphone zu den neusten Corona-relevanten Zahlen reichte mir gestern aus. Eine ganz andere Zahl fand ich an jenem Abend bedeutsamer: 13,5%. Sie stand auf dem Rücketikett meiner Weinflasche. Wenn Zahlen zur alles bestimmenden Norm werden, zur normativen Kraft des Faktischen, dann wird alles gut? Oder schlechter? Oder ist es wie bei dem Hahn? Kräht der Hahn auf dem Mist, ändert sich das Wetter oder es bleibt so, wie es ist.

Das Corona-Tagebuch: Provinznotizen aus Deutschland Süd bei Südost (11): Scripted reality

Ich versuche mich jetzt mal an einem originellen Toilettenpapier-Witz: Begegnen sich zwei Toilettenpapierrollen … nein, ich kriege einfach keinen auf der Kette. Da bin ich inzwischen witzbefreit. Wenn arbeitsbefreite Fußballer mit deren Toilettenpapierrollen aus Langeweile Kunststückchen vor dem Smartphone vollführen, wofür deren Trainer diese während eines Fußballspiels mit echten Bällen auf Rasenhöhe zusammen falten würde …

Aber dafür jetzt ein Corona-Witz: Ein Italiener, ein Spanier und ein Deutscher treffen sich am Heinsberger Dom in einer Kneipe … MÖÖÖÖÖÖÖP … leider verloren. Macht 200 Euro Schulden beim Staat pro Beteiligten und 4.000 Euro für den Kneipenwirt … kein Witz in NRW. Und blogweit eine ordentliche Portion Social Distancing für mich, dem Blog-Autor.

Und jetzt zum Begriff “Quarantäne”. Das Wort hört sich bösartig an. Aber “Quarantäne-WG”, das hört sich wirklich nett heimelig an. Hört sich voll super privat an. Deshalb wird es auf dem Privatsender “RTL” weggesendet. Klingt genau danach, was hier in München bereits die Polizei in Privatwohnungen auflöst, wenn sie informiert wird, weil irgendwo eine Party mit ein bis mehreren Wohnungsfremden stattfindet. Es hat zur Abmahnung durch die Polizei gereicht, weil in einer Wohnung die Bewohnerin eine andere Frau eingeladen hatte und es den Nachbarn zu laut war. Die Nachbarn hatten auf Verstoß gegen das Kontaktverbot bei der Polizei reklamiert.

“Quarantäne-WG”. Irgendwie zwischen sozial solidarisch über komplett unsolidarisch asozial hin zu “ich darf das doch”. In dieser Hinsicht ist die “Quarantäne-WG” die konsequente Fortführung von scripted reality mit anderen Mitteln zur Prime Time.

Ich trinke jeden Abend einen Grappa. Und zwar grenzwertig. Da ich schizzo bin und vor mir beim Trinken immer einen Spiegel aufstelle, bin ich definitiv grenzwertig unterwegs. Besonders deswegen, weil ich dabei Spaß habe und das feiere. Zu viert, das geht gemäß Kontaktverbot gar nicht. Habe das 1:1-Abfilmen beim Prosten SAT1 mit einer spottbilligen Offerte als Konkurrenz zur “Quarantäne-WG” vorgestern angeboten. Noch warte ich auf eine Antwort. Ich habe denen den Begriff “Grappa aus Italien” fett und “aus Italien” extra fett gelb unterstrichen. Damit die TV-Macher von SAT1 gleich wissen, wie diese Hochbrisanz auch werbetechnisch vernudelt werden könnte. Werbung als Toilettenpapier zum Abwischen von genudelten Gerichten. Hach, mein Toilettenwitz. Hat da wer gelacht? Setzen, sechs!

Hat wahrscheinlich keiner bemerkt, dass die letzte Bemerkung Schwachsinn war. Gerade eben weil alle Schulen geschlossen haben. Okay, allein die Schule der Nation ist noch nicht geschlossen worden. Aber dann hätte es auch nicht “Setzen, sechs!” geheißen, sondern “Schütze Arsch! Ab nach Afghanistan! Marsch, marsch! Zum Kanonenfüttern!”

Mein Betreuer aus meiner Gruppe der “anonymen Alkoholiker” hat mir wegen meiner Offerte an Sat1 einen Anruf auf meinen Anrufbeantworterband hinterlassen. Keine Ahnung, woher er die Info gesteckt bekam. Aber er will wohl beteiligt werden. Ich werde den Rückruf einstweilen bis zum Vertragsabschluss mit SAT1 verweigern.

Ein Arbeitskollege hat mich gefragt, wie es mir denn so geht, mit den aktuell geltenden Ausgangsbeschränkungen. Ich habe scherzend geantwortet, als Single ist man Einsamkeit gewohnt. Er hat mich angeschaut wie ein Schizophrener. Erzählt hatte ich nicht, dass mir das Bier und die Kontakte in meinem Stammlokal fehlen. Sich mehr als mit einem anderen außerhalb der eigenen vier Wänden zu treffen, geht nicht. Mit nur einem Menschen außerhalb den eigenen vier Wänden zu treffen, fällt in München noch nicht unter das Kontaktverbot. In den vier Wänden allerdings schon, wenn es dem Nachbarn nicht gefällt, geht es nicht. Siehe oben. Aber wer trifft sich schon gerne mit Steppenwölfen?

Home-Office gibt es schon in meiner Firma. Aber es ist schon eigenartig, dass die Vorgesetzten deren Untergebenen über deren Skype-Status und Erreichbarkeit dauernd versuchen zu kontrollieren. Nur wenn einer Untergebenen die Vorgesetzten per Skype anzurufen versucht, nachdem diese eine Sekunde zuvor deren Nachricht gelesen haben, sind diese nicht erreichbar. Bemerkenswert ist, dass die Kundenbereichsleiter von deren Mitarbeiter bei deren Homeoffice nicht direkt zu erreichen sind. Ob der Kunde sie erreichen kann?

Ein Key Accounter ist mit seiner Frau und seinen Kinder zu dessen Großeltern aufs Land gereist, weil es dort sicherer sein soll, nicht mit dem Virus infiziert worden zu sein. Den Status und den seiner Familie kennt er freilich nicht. Ach ja, der Großelternbesuch fand nicht vor dem berühmt berüchtigten Freitag, den 13ten (als Söder die Ausgangsbeschränkungen für Bayern ab dem 14. März verkündete), sondern erst seit vorgestern. Er war übrigens zuvor noch im Skiurlaub in Tirol und verweigerte danach eine vorbeugende Quarantäne, weil es zu dem Zeitpunkt kein offiziell als Risikogebiet deklariertes Gebiet gewesen war. Den Großeltern könnte es im Nachhinein nicht gefreuen. Aus deren Sicht kriegen sie Kinderüberraschungseier. Ob sie den Hauptgewinn erhalten, wissen sie erst später. Zudem unterhält sich Monsieur Key Accounter mit seine Mitarbeitern disziplinarisch immer auf einer Kurzdistanz (weniger als 1 Meter), wenn er diese mit anderen zum Mittagessen gehen sah. Um Druck zu erzeugen. Denn seiner Meinung nach sei es absolut gesellschaftlich unverantwortlich, wenn drei jüngere Mitarbeiter (U40) zusammen Essen gehen und den Mindestabstand von einsfünfzig nicht einhalten. Er habe schließlich keine Corona-Symptome und will nicht, dass er nachher den Corona-Virus an seine Großeltern (Ü60) übertrage.

In den Fernsehen werden die namenlosen Helden der Arbeit in Zeiten von Corona zelebriert. Unpersonalisierte Wertschätzung. Ich möchte allerdings nicht zu den Helden gehören. Die Geschichte hat bewiesen, dass Helden immer zuerst sterben. Sonst werden sie nie zu Helden, sondern zu Weicheiern. Ich möchte lieber Weichei sein und leben, statt Held und zu sterben. Versteht mich da draußen jemand? Also. Versucht mich nie zum Helden zu machen. Lieber warmer Duscher als kalter Toter.

Das Corona-Tagebuch: Provinznotizen aus Deutschland Süd bei Südost (10): Glaskugelschauen

Glaskugelschauen: Welche Themen wohl ab Herbst dieses Jahres eine politische Rolle spielen könnten?

  • Erbschaftsteuer: Tausende von Erben protestieren weiterhin seit Wochen, dass von deren Erbe nicht so viel übrig blieb, wie erhofft, und fordern rückwirkende Erbschaftssteuersenkungen vom 1. März 2020 an. Rechtsanwaltskammer veröffentlicht Statistik, dass Erbrecht momentan die Beschäftigungslage der Anwälte sichert. Rechtsschutzversicherungen erhöhen Dividenden.
  • Rentenversicherung: Einstweilen kein Bedarf zum Handeln für eine Grundsicherung mehr ermittelbar. Vorläufige Berechnungen zeigen, Rentner sind einstweilen wieder aus der Rentenkasse bezahlbar. Rentensteuererleichterungen wurden gestrichen. Der Überschuss aus den Streichungen der Erleichterung soll in die Rentenkasse wandern.
  • Gesundheitssystem: Das öffentliche System war zu ineffizient, zu ineffektiv. Versicherungsbranche präsentiert neue Privatversicherungs- und Privatbetreuungskonzepte, um Lohnnebenkosten entscheidend zu senken und Arbeitnehmer zu mehr Eigenverantwortung anzuregen, sich selbst zu versichern.
  • Social Distancing: Nähe ist jetzt das neue “Social Distancing”. Integration durch neues Social-Credit-System, welches sich am chinesischen System orientiert, zeigt erste Erfolge. Rechte Politiker drohen allerdings: “Wer sich nicht dran halten will, wird ausgegrenzt” und kritisieren in allen sozialen Medien verstärkt, die mangelnde Akzeptanz bestimmter Bevölkerungsgruppen des neuen Sozialsystems.
  • Nicht-Geburtenrate: Kliniken melden jetzt wöchentlich die neuste Zahlen zu den seit einem halben Jahr gehäuft auftretenden Abtreibungszahlen. Grund für Abtreibungen seien weiterhin mehrheitlich wirtschaftliche Überlegungen durch von Der Corona-Krise betroffene Frauen und Familien. Kirche organisiert Demonstrationen vor öffentlichen Abtreibungskliniken. Demonstrationsauflage: Mundschutz und jeweils 1 Meter 50 Abstand zueinander. Presse berichtet von riesigen Demonstrationen mit etwas mehr als 50 Teilnehmern pro Demo.
  • Neue Korrekturen: Berechnungskorrekturen bei der Arbeitslosenstatistik wurden erfolgreich eingeführt. Arbeitslosigkeit auf dem niedrigsten Stand seit sieben Monaten. Arbeitsministerium verleiht sich dafür einen Verdienst-Orden.
  • Jägermeister: verliert Status eines Desinfektionsmittels. Jägermeister-Flat-Rate-Saufen auf Rezept wurde abgeschafft. Abgabe an Personen unter 18 Jahren ist wegen potentieller CoVid-19-Erkrankung trotzdem aber nur aufgrund medizinischer Indikation erlaubt. Angekündigte Proteste der anonymen Alkoholiker dagegen wurden abgesagt, da sich die Öffentlichkeit zu sehr für sie interessierte.
  • CoVid-19-Fallzahlen: wurden korrigiert. Erneut private Seniorenresidenz mit mehreren Toten in deren Betten gefunden. Angehörige zeigten sich schockiert, dass sie nicht vom Betreiber über das Ableben deren nächsten Angehörigen zeitnah informiert wurden.
  • Zentralafrika: kämpf weiterhin gegen erhöhte CoVid-19-Erkrankungen. Staaten appellieren an zentral-afrikanische Staatslenker, mehr in deren Gesundheitssystem zu investieren, statt nur in die eigene Tasche zu wirtschaften, damit deren Bevölkerung bessere Chancen erhält, zu überleben statt zu fliehen. Die EU bezuschusst aus dem EU-Topf zur Wirtschaftsförderung Sendungen von Gesichtsmasken an ausgewählte, bedürftige zentral-afrikanische Länder.
  • Fußball-Bundesliga-Meldung, die erste: Direkte Manndeckung wurde vom DFL wieder erlaubt. Löw glaubt an die Rückkehr zur normalen Spielweise mit normalen Mannschaftsformationen statt dem seit Wiederaufnahme des Spielbetriebs favorisierten 1-9-1-System wegen der neuen FIFA/UEFA-1-Meter-50-Abstandsregel.
  • Fußball-Bundesliga-Meldung, die zweite: DFL sperrt erneut Fans wegen “Ex, hopp un weg”-Fangesänge aus. Wolfgang Niedecken verweist zum wiederholten Male darauf, dass er jenes Lied damals nicht wegen Dietmar Hopp geschrieben hätte. Und er distanziere sich jedes Mal davon, wenn ein Fan im Stadion sein Lied anstimme.
  • Das Wetter: Wie gehabt. Passiert täglich. Die Vorhersage auch. Klima zeigt sich von der Corona-Krise weiterhin unbeeindruckt. Man berät weiter. Toitoitoi.
  • Ansonsten: Erste Bewohner ziehen in die neuen Luxusappartments der ehemaligen Baustelle vor meinem Fenster gegenüber ein. Mein Widerspruch wegen der Mieterhöhung wurde abgelehnt.

Das Corona-Tagebuch: Provinznotizen aus Deutschland Süd bei Südost (9): Reizworte

Eine gute Nachricht: die Türsteher vor den Diskotheken haben eine neue Beschäftigung gefunden, nachdem die Clubs nicht mehr geöffnet sein dürfen. Diese Wächter der heiligen Pforten der Zerstreuung dienen jetzt als Türsteher vor den Supermärkten und regeln dort den Einlass. Allerdings dürften einige viele von denen jetzt ein wenig unterfordert sein, denn deren mühsam auswendig gelernten Sätze “das ist hier eine geschlossene Gesellschaft” oder “mit den Schuhen kommst du nicht rein” können sie nicht dabei anwenden.

In der Firma wird immer wieder über das Anrecht auf Homeoffice diskutiert. Ich hoffe, kein Homeoffice verordnet zu bekommen. Es würde mir die Chance auf menschlichen Kontakt nehmen. Zudem wäre meine Einzimmerwohnung der denkbar ungünstigste Ort zu arbeiten, weil ich dort an jeder Ecke Ablenkung hätte und mich nicht konzentrieren könnte. Aber wenn es angeordnet würde, könnte ich mich der Anordnung nicht widersetzen.

Der Kollege, der schnupft, schnieft und sich sein “Virulent” reintropft, sitzt in der Pandemieschleife fest. Er wollte seine Hausarzt telefonisch anrufen, um eine Krankschreibung für eine Woche zu erhalten. Der hat aber wegen der Pandemie jetzt einstweilen geschlossen. Also rief er dessen Vertretung an. Die hatte aber wegen der Pandemie jetzt einstweilen geschlossen. Daher rief er die inzwischen allesamt bekannte Nummer “11 6 11 7” an. Dort fragte er nach, ob er sich nicht auf CoVid-19 testen lassen könne. Die fragten ihn allerdings nur, ob er zu einem bereits infizierten Menschen Kontakt gehabt hätte. Er wüsste es nicht, war seine Antwort, da viele CoVid-19-Positive sich von den CoVid-19-Negativen nicht unterscheiden. Einen Kontakt zu einem nachweislich Infizierten hätte er nicht. Die Frau am Telefon beschied freundlich und geduldig, dann würde er nicht getestet werden und wegen der Erkältung solle er bitte den Hausarzt konsultieren, denn sie könne nur wegen CoVid-19-positiv eine Krankschreibung ausstellen lassen. Und so schleppt sich der Kollege mit der Erkältung wieder in die Arbeit, wo ihn der Arbeitgeber auffordert doch zu seinem Hausarzt zu gehen, um sich krank zu schreiben. Wir müssen uns Sisyphos als einen glücklichen Menschen vorstellen. Oder unseren Kollegen als einen Deppen, weil er auf die Frage nach Kontakt zu einem CoVid-19-Positiven nicht einfach JA geantwortet hatte. Aber er wollte auch gar nicht mit JA antworten, weil dann hätte er ja Quarantäne und dürfte aus seinem Haus nicht mehr raus. Und seine Ausgangsbeschränkungsrechte wolle er sich nun doch nicht nehmen lassen. Sagte es, nieste in seine Armbeuge und träufelte sich eine dicke Portion “Virulent” rein. 37% Vol. Alkohol. Ein kleiner Jägermeister hätte es wohl auch getan.

Apropos “raus wollen”: Da vernahm ich doch das fein lustige Gespräch von einer mittvierzigjährigen Frau mit einem jüngeren Mann – beide Hand in Hand – , welche sich zuerst über die uneinsichtige Jugend beklagte, die immer noch zu zwei oder zu dritt auf der Straße gingen, obwohl die dem Augenschein keiner gemeinsamen Kernfamilie angehörten. Man solle die wegen deren Rücksichtslosigkeit bestrafen. Am besten auf die Schrobenhausen’er Felder (westlich von Ingolstadt, also von AUDI-hausen aus gesehen) zum Spargelernten. Denn auf Spargel in diesem Frühjahr wolle sie nicht verzichten, weil eben das ja nicht sein müsse, das Verzichten. Kurz darauf erklärte sie dann noch, dass sie am Wochenende mit ihrer Familie in die Berge fahren wolle. Als ihr Partner anmerkte, dass das einerseits nicht okay sei und andererseits nicht den Ausgangsbeschränkungen entspreche, kam als ultimative, unwiderlegbare Gegenargumentation, dass sie erstens nur mit ihrer Familie rausfahren würde, was man doch wohl noch dürfe, und zweitens es “Ausgangsbeschränkung” und nicht “Ausfahrtsbeschränkung” hieße. Mehr hatte ich vom Gespräch auf der Straße aus meiner zwei Meter Abstandsentfernung nicht mitbekommen, denn ich bog die nächste Straße ab und die beiden gingen gerade aus weiter. Eins war mir klar: aus einer Familie stammten die beiden nicht. Und Spargel-Stechen ist garantiert nicht deren liebste Tätigkeit. Unter keinen Umständen. Dann doch lieber Aufseher beim Spargelstechen.

Es gibt Reizworte, die darf man in diesen Zeiten nicht mehr verwenden. “Reizworte” sind solche Worte, bei denen die Menschen schneller von 0 auf 100 als ein sportiver Formel-1-Rennwagen sind. Beispiele gefälligst? “Flatrate-Saufen”. Einmal kurz erwähnen und schon hast du dir den ersten Tadel als schlechtes Beispiel für die Jugend eingefangen, bevor überhaupt ein Formel-1-Bolide beim Start den ersten Liter Sprit verbrannt hat. “Prostitution”. Zack! Sofort erhältst du konkrete Hinweise darauf, wer alles Hurensöhne (Hopp und du), Schlampen (alle außer Mutti) und Frauenrechtler (jede Frau außer die Prostituierten und deren Sympathisanten) sind.

Inzwischen haben sich diese Reizworte in Zeiten eines Coronavirus erweitert. Einmal erwähnt und du hast tausendfach nur eine Meinung zum Zuhören. Die aktuellen Reizworte: “Corona-Parties”, “Befolgung der Ausgangssperre”, “Versammlungen”, “Drink doch ene met” …  .

Ganz gefährlich ist ein ganz anderes Wort, was man nicht verwenden sollte. Wortart. Und dieses auch noch ein wenig zu schnell gesprochen. Da geht es dann aber ab. Man habe doch nicht alles Tassen im Schrank, eine Plattform für so etwas zu geben. Zensur sei noch zu milde dafür. Kein Wunder, dass die Infektionszahlen exponentiell nach oben gehen, wenn man dort im Internet nachschaue und den Scheiß auch noch glaube. Das seien garantiert Putin-finanzierte Quellen. Gehe gar nicht. Und so weiter und so fort. Ich hatte es nicht verstanden. Ich wollte doch nur sagen, dass es bei wortart.de gute Kabarett-CDs zu kaufen gibt. “HÄ? Was gibt bei dem zu kaufen, bei diesem Volksverhetzer?” “Wie Volksverhetzer? Das ist ein CD-Verlag!” “Du hast Wodarg gesagt!” “Nein, Wortart! Wort-art! Auf deutsch ‘Sprachkunst’!” “Spachkunst? Ach ja? Lern mal Deutsch oder besser deutlich zu sprechen!” “Ich hatte immer nur WORTART gesagt.” “Du willst doch nur provozieren.”

Endlich mal etwas nützliches: Prinz Rupi (Frieling) hat die gültigste Version vom Passierschein A38 veröffentlicht. Für alle Lebenslagen. Umwelttauglich, besonders wenn auf Umweltpapier gedruckt. Regierungsfreundlich, wenn einem Exekutivvertreter mit einem Lächeln übergeben. Und recyclebar, falls es wieder mal eine Pandemie geben sollte. Allerdings fand ich auf Rupis Seite keinen Antrag auf Erteilung eines Antragformulars zu Bestätigung der Nichtigkeit des Durchschriftexemplar, dessen Gültigkeitsvermerk von der Bezugsbehörde stammt zum Behuf der Vorlage beim zuständigen Erteilungsamt. Er meinte zu meiner Anfrage nur, ich solle doch im Zimmer 42, Haus 7, 12. Stock, 4. Gang von links, gleich neben der braunen Tür mit der Aufschrift „AFD“ fragen. Aber dort war die einzige Antwort nur “Lügenpresse!” und ein Merkblatt, wie sich wahre Deutsche mit wahren Impfmitteln gegen wahre Pandemien wahrlich impfen lassen können. Da der Zettel jedoch in Sütterlin geschrieben war, habe ich ihn auf einer öffentlichen Toilette neben dem Toilettenpapier abgelegt. Man weiß ja nie – ums Verrecken nie –, ob so etwas wenigstens nicht noch zum Arsch abwischen taugt. Denn merke: in der Not wischt der Teufel sich auch mit Scheißhausfliegen aus.

Das Corona-Tagebuch: Provinznotizen aus Deutschland Süd bei Südost (8): Bespaßung

Das Positive vom Tage? Ein Freund ist in der Gegend von Barcelona mit seinem Wohnmobil festgesetzt. Ich fragte ihn nach positiven Erlebnissen. Ich wurde abgebürstet. Für Bespaßung sollte ich den Fernseher einschalten. Mein Ansinnen nach positiven Erfahrungen bekräftigte er als pervers. Und was jetzt daran positiv ist? Zeitgleich lief der gewohnt depressive Tatort aus Köln. Der ließ sich abschalten.

Die neuen Regelungen für den Aufenthalt im Freien schränken mich weiterhin nicht ein. So ist das halt, wenn man alleine lebt und eh sich nur selbst versorgt. Und das wichtigste: Bayern dürfen weiterhin nicht auf Preußen schießen, wenn die alleine auf dem Trottoir vor sich hin trotten. Das ist doch mal positiv zu sehen.

Friseure müssen schließen. Das ist einstweilen das Ende jener Topffrisuren, wie meine Mutter sie damals von der Hitler-Jugend kannte und welche jetzt für die Alphas als männlicher “Undercut” firmiert. Aber ich wette, die Undercut-Fans machen es sich jetzt privat. Alphas lassen sich durch Schließungen doch nicht unterkriegen. Dafür sind sie zu Alpha.

Auf meinem Fußweg von einer Freundin nach Hause fand ich eine venezianische Maske. Ausgesetzt in einem Karton mit dem Zettel “zu verschenken”. Ich habe sie jetzt direkt neben meinem Kunststoff-Totenkopf versehen mit Perücke und Preußenhelm platziert. Vielleicht finde ich bald noch einen weißblauen Bayern-Seppl in Hirschkuh-Lederhose und auf dem Kopf ein Lammfell-Hut mit Gamsfeder dran. Der kommt dann direkt neben dem Ensemble daneben. Dan wäre es perfekt. Hollerö dö dudel dö. Das zweite Futura Sonnenaufgang …

Mich haben Kollegen gefragt, ob ich gestern um 18 Uhr auch mitgeklatscht hätte. Wovon die redeten, war mir nicht klar. Es wäre doch in allen sozialen Medien bekannt gegeben worden, dass jeder aus Solidarität um 18:00 klatschen und musizieren sollte. Es wurde anscheinend die Europa-Hymne gespielt. Irgendwie dumm, dass ich weder von dem Termin etwas wusste, noch etwas mitbekam. Doppelt dumm, dass ich kaum in den sozialen Medien vertreten bin. Automatisch ist man dann ausgeschlossen. Social distancing.

In der Nacht ist wohl ein wenig Schnee gefallen. Etwas, nicht viel, kaum des Boden bedeckenswertes. Fast gar nichts. Zumindest war es ungewöhnlich kalt. Irgendetwas unter Null Grad sicherlich. SchneemannAuf dem Weg zur Arbeit sah ich einen kleinen Schneemann unter einem Baum sitzen. Er wirkte überrascht und schien zu winken. Ich näherte mich ihm auf weniger als ein Meter fünfzig und machte mein Foto. Keine Ahnung, ob ihn noch jemand beachtet haben wird. Die erste Morgensonne wird ihn wohl kompromisslos weg geschmolzen haben.

Das Corona-Tagebuch: Provinznotizen aus Deutschland Süd bei Südost (7): Konflikte

Es war verdächtig, dass heute die Medien verkündeten, die Neu-Erkrankungsrate an CoVid-19 sei zurück gegangen. Und seltsamerweise wurde das nicht hinterfragt. Jetzt am Abend wissen wir, es wurden nicht alle Daten zurück gemeldet. Das heißt, die aktuellen Daten waren zum Zeitpunkt der Verkündung nicht datenaktuell. Eine Krankheit, von der in den Medien dauern gepredigt wird, dass sie eine Inkubationszeit von sieben bis vierzehn Tagen hat, wird nicht von heute auf morgen aufgrund von Ausgangsbeschränkungen einfach mal ihre Schädlichkeit einstellen. Einer Krankheit sind Statistiken scheißegal. Krankheiten haben kein statistisches Gedächtnis. Genauso wenig wie Lottokugeln. Krankheiten passieren. Ganz einfach.

Darf ich das überhaupt schreiben? Also “Krankheiten passieren”? Eigentlich nicht. Jeder sucht doch den Schuldigen. An der Krankheit sollen die Chinesen SCHULD sein. Denn Schuld in Deutschland fordert Sühne. Richter und Henker. Fakt ist, jedes Mal, wenn sich Menschen auf Tiere eingelassen haben und sich zu nahe gekommen waren, dann endete das nicht gut für den Menschen an sich. Der Homo sapiens ist damit gemeint. Alle Pandemien der Historie lassen sich darauf zurück führen. Klar, es ist legitim zu erklären, dass hygienische Standards von einigen wenigen nicht eingehalten wurden und daraufhin die Mehrheit dafür büßen musste. Mich beschleicht aber der Gedanke, dass “hygienische Standards” aber immer dann von Menschen nicht eingehalten wurden, weil sie diese nicht einhalten konnten, weil denen die Mittel zum geregelten Überleben fehlten. Sollte es etwa wieder auf die alte Sache “Reicher Mensch, armer Mensch” zurück zu führen sein? Wenn die Armen schon kein Brot mehr zum Essen haben, warum isst dieses verlauste Pack dann nicht einfach Kuchen? Kuchen? Wenn das so einfach wäre, …

Am Freitag fiel mir in der Firma noch eine weitere Sache auf. Der Generationenkonflikt tobt. Die Mitvierziger schimpfen auf die Jüngeren, weil die nicht auf die Älteren Rücksicht nehmen, die Jüngeren schimpfen auf die Älteren, weil “verbieten” deren wahre Natur sei, die Älteren schimpfen auf alle Jüngeren, weil die Einfach deren Erfahrung nicht annehmen und stattdessen deren Tod in Kauf nehmen, und ich, ich sitz einfach dazwischen und hör mir deren “Argumente” an. Besonders witzig wurde es an der Stelle, als sich alle über die Toilettenpapier-Hamsterer und -Suchenden lustig machten. Diejenigen, die kein Toilettenpapier jetzt hätten, – fiel als Argument – wären selber Schuld daran, weil – als es losging – hätten die sich auch rechtzeitig bevorraten können. Sie hätte bereits genug Toilettenpapier für die nächsten vier Wochen. Aha. Erst selber klauen und dann den Chorgesang “Haltet den Dieb!” anstimmen. Das ist wahres Rechtsbewußtsein. Solche Menschen sind prädestiniert fürs “Social distancing”. Aber “Social distancing” meint inzwischen ja etwas anderes, nicht wahr.

Einer schrieb mir, die Menschen würde sich jetzt benehmen wie die Letzen ihrer Art. Er hatte nicht zu Ende gedacht. Wir sind die letzten unserer Art. Den Homo neanderthalensis hat der Homo sapiens ja bereits assimiliert und dann ausgerottet. Vielleicht macht es das alles besser, wenn wir uns als Homo habilis oder Homo erectus definieren. Dann könnten wir uns als Nachfahre von der Ausrottung der Homo neanderthalensis freisprechen, wenn wir postulieren, wir wären das Allerletzte an Menschen, was hier so rumläuft … .

Meine Firma hat mir zwei Briefe geschickt. Ich hatte gedacht, in einem wäre ein Passierschein und in dem anderen mein Lohnzettel. Dem war nicht so. In jedem Umschlag ein Passierschein: “Arbeitgeberbestätigung für pandemiebedingte Ausgangssperre”. Da freu ich mich. 35 qm Deutschland sind halt nicht sehr angenehm. Wer Nudeln, Mehl und Toilettenpapier hortet, lebt garantiert nicht in einer kleinen Einzimmerwohnung. Zur Lagerung der Hamsterkäufe erfordert es mehr Quadratmeter. Und daher ist Ausgang eine nette Abwechselung, auch wenn jeder nach “Home-Office” schreit. Ich brauch das nicht. Bewegung schadet nicht und meinen täglicher Fußmarsch zur Arbeit gönn ich mir.

Ab demnächst ist die Ansammlung von drei Personen eine Gefährdung der Öffentlichkeit. Okay. Akzeptiert. Kriegt dann derjenige, der sein Leben allein fristet dann wenigstens einen Orden?!? Ich mein, der Single, der Solo, der ist doch das Paradepferd für die Harmlosigkeit an sich. Man sollte dann so etwas auch gewissenhaft honorieren, dass jene seuchenschutz-technisch alles erforderlich unternehmen, indem sie deren bisherige soziale Einsamkeit jetzt als gesundheitlichen Vorteil verkaufen können. Und kommt mir nicht mit “einsam sterben”, das ist in Corona-Zeiten ein Affront!

Ob ich Angst habe, wurde ich gefragt. Vorbeugend hatte ich “Nein” gesagt, insgeheim aber “ja” geantwortet. Das galt aber nicht der Krankheit, sondern den Mitmenschen. Besonders den Überzeugten mit felsenfester Meinung. Ich habe Angst von deren Felsen nicht erschlagen zu werden, weil ich deren nicht teile. Panik? Nein. Panik kriege ich immer nur vor Überzeugungstätern. Denn die haben immer Recht. Immer.

Das Corona-Tagebuch: Provinznotizen aus Deutschland Süd bei Südost (6): Abstand

In den sozialen Medien gibt es kein “Social distancing”. Bekannterweise geht es da ganz undistanziert zu Sache. Käme eine Fee vorbei und würde alle dort ausgesprochenen Wünsche und Verwünschungen wahr machen, wir hätten ganz andere Probleme als Corona.

Bei Twitter finden sich momentan die üblen Verwünschungen unter dem Hashtag “Ausgangsperre”. Und der Hashtag steht momentan auf Platz 1. Und somit ist es eigentlich auch nicht verwunderlich, dass sich Rechtschreibvermögen, was den Hashtag angeht, und Hamsterkäufe für Klopapier entsprechen. Hamsterkäufe offenbaren eine Dummheit, welche offenbar mit der generellen Rechtschreibschwäche für bedeutsame Wörter korrespondiert. Ich hoffe nur, dass ich dieses Post ohne Rechtschreibfehler beende, weil ansonsten mich ansonsten nichts von den #Ausgangsperre-Twitterer unterscheiden wird.

Draußen regnet es. Es ist arg schattig. 3 Grad. Kein Biergartenwetter. Vor meinem Fenster zum Hof gehen die Bauarbeiten für den Neubau weiter. Samstagsarbeit. Da brauch ich keinen Wecker, wenn die pünktlich um sieben Uhr anfangen. Mir war gerade danach die Floskel “pünktlich wie die Maurer” zu verwenden. Aber das stimmt nicht. Da wird nicht gemauert. Da wird betoniert, was die zuvor gezogen Stahldrahtkonstrukte hergeben: horizontal, vertikal, diametral, unilateral. Morgen ist Sonntag. Ruhetag. Dann spielen wieder die Krähen mit dem Baustellenmaterial.

 

Wer wissen will, wie sich Deutschland mit den ersten Ausgangsbeschränkungen generell verhält, der kann hier https://pkreissel.github.io/social_distance/ nachschauen. Der Wert für Münchener Hauptbahnhof (also Busse, Trambahn, S-Bahn, U-Bahn, DB-Reiseverkehr und deren Geschäfte dort und unmittelbarer Umgebung; ermittelt über  die Daten der Android Smartphone-Benutzer, die sich mit ihren Einstellungen von Google tracken lassen) lag gestern bei 27 % (100% bedeutet Vollauslastung) und liegt momentan bei 18%. Deutschlandweit war der Wert gestern 25%, momentan liegt er bei 34%.