Das Corona-Tagebuch: Provinznotizen aus Deutschland Süd bei Südost (9)

Eine gute Nachricht: die Türsteher vor den Diskotheken haben eine neue Beschäftigung gefunden, nachdem die Clubs nicht mehr geöffnet sein dürfen. Diese Wächter der heiligen Pforten der Zerstreuung dienen jetzt als Türsteher vor den Supermärkten und regeln dort den Einlass. Allerdings dürften einige viele von denen jetzt ein wenig unterfordert sein, denn deren mühsam auswendig gelernten Sätze “das ist hier eine geschlossene Gesellschaft” oder “mit den Schuhen kommst du nicht rein” können sie nicht dabei anwenden.

In der Firma wird immer wieder über das Anrecht auf Homeoffice diskutiert. Ich hoffe, kein Homeoffice verordnet zu bekommen. Es würde mir die Chance auf menschlichen Kontakt nehmen. Zudem wäre meine Einzimmerwohnung der denkbar ungünstigste Ort zu arbeiten, weil ich dort an jeder Ecke Ablenkung hätte und mich nicht konzentrieren könnte. Aber wenn es angeordnet würde, könnte ich mich der Anordnung nicht widersetzen.

Der Kollege, der schnupft, schnieft und sich sein “Virulent” reintropft, sitzt in der Pandemieschleife fest. Er wollte seine Hausarzt telefonisch anrufen, um eine Krankschreibung für eine Woche zu erhalten. Der hat aber wegen der Pandemie jetzt einstweilen geschlossen. Also rief er dessen Vertretung an. Die hatte aber wegen der Pandemie jetzt einstweilen geschlossen. Daher rief er die inzwischen allesamt bekannte Nummer “11 6 11 7” an. Dort fragte er nach, ob er sich nicht auf CoVid-19 testen lassen könne. Die fragten ihn allerdings nur, ob er zu einem bereits infizierten Menschen Kontakt gehabt hätte. Er wüsste es nicht, war seine Antwort, da viele CoVid-19-Positive sich von den CoVid-19-Negativen nicht unterscheiden. Einen Kontakt zu einem nachweislich Infizierten hätte er nicht. Die Frau am Telefon beschied freundlich und geduldig, dann würde er nicht getestet werden und wegen der Erkältung solle er bitte den Hausarzt konsultieren, denn sie könne nur wegen CoVid-19-positiv eine Krankschreibung ausstellen lassen. Und so schleppt sich der Kollege mit der Erkältung wieder in die Arbeit, wo ihn der Arbeitgeber auffordert doch zu seinem Hausarzt zu gehen, um sich krank zu schreiben. Wir müssen uns Sisyphos als einen glücklichen Menschen vorstellen. Oder unseren Kollegen als einen Deppen, weil er auf die Frage nach Kontakt zu einem CoVid-19-Positiven nicht einfach JA geantwortet hatte. Aber er wollte auch gar nicht mit JA antworten, weil dann hätte er ja Quarantäne und dürfte aus seinem Haus nicht mehr raus. Und seine Ausgangsbeschränkungsrechte wolle er sich nun doch nicht nehmen lassen. Sagte es, nießte in seine Armbeuge und träufelte sich eine dicke Portion “Virulent” rein. 37% Vol. Alkohol. Ein kleiner Jägermeister hätte es wohl auch getan.

Apropos “raus wollen”: Da vernahm ich doch das fein lustige Gespräch von einer mittvierzigjährigen Frau mit einem jüngeren Mann – beide Hand in Hand – , welche sich zuerst über die uneinsichtige Jugend beklagte, die immer noch zu zwei oder zu dritt auf der Straße gingen, obwohl die dem Augenschein keiner gemeinsamen Kernfamilie angehörten. Man solle die wegen deren Rücksichtslosigkeit bestrafen. Am besten auf die Schrobenhausen’er Felder (westlich von Ingolstadt, also von AUDI-hausen aus gesehen) zum Spargelernten. Denn auf Spargel in diesem Frühjahr wolle sie nicht verzichten, weil eben das ja nicht sein müsse, das Verzichten. Kurz darauf erklärte sie dann noch, dass sie am Wochenende mit ihrer Familie in die Berge fahren wolle. Als ihr Partner anmerkte, dass das einerseits nicht okay sei und andererseits nicht den Ausgangsbeschränkungen entspreche, kam als ultimative, unwiderlegbare Gegenargumentation, dass sie erstens nur mit ihrer Familie rausfahren würde, was man doch wohl noch dürfe, und zweitens es “Ausgangsbeschränkung” und nicht “Ausfahrtsbeschränkung” hieße. Mehr hatte ich vom Gespräch auf der Straße aus meiner zwei Meter Abstandsentfernung nicht mitbekommen, denn ich bog die nächste Straße ab und die beiden gingen gerade aus weiter. Eins war mir klar: aus einer Familie stammten die beiden nicht. Und Spargel-Stechen ist garantiert nicht deren liebste Tätigkeit. Unter keinen Umständen. Dann doch lieber Aufseher beim Spargelstechen.

Es gibt Reizworte, die darf man in diesen Zeiten nicht mehr verwenden. “Reizworte” sind solche Worte, bei denen die Menschen schneller von 0 auf 100 als ein sportiver Formel-1-Rennwagen sind. Beispiele gefälligst? “Flatrate-Saufen”. Einmal kurz erwähnen und schon hast du dir den ersten Tadel als schlechtes Beispiel für die Jugend eingefangen, bevor überhaupt ein Formel-1-Bolide beim Start den ersten Liter Sprit verbrannt hat. “Prostitution”. Zack! Sofort erhältst du konkrete Hinweise darauf, wer alles Hurensöhne (Hopp und du), Schlampen (alle außer Mutti) und Frauenrechtler (jede Frau außer die Prostituierten und deren Sympathisanten) sind.

Inzwischen haben sich diese Reizworte in Zeiten eines Coronavirus erweitert. Einmal erwähnt und du hast tausendfach nur eine Meinung zum Zuhören. Die akteullen Reizworte: “Corona-Parties”, “Befolgung der Ausgangssperre”, “Versammlungen”, “Drink doch ene met” …  .

Ganz gefährlich ist ein ganz anderes Wort, was man nicht verwenden sollte. Wortart. Und dieses auch noch ein wenig zu schnell gesprochen. Da geht es dann aber ab. Man habe doch nicht alles Tassen im Schrank, eine Plattform für so etwas zu geben. Zensur sei noch zu milde dafür. Kein Wunder, dass die Infektionszahlen exponentiell nach oben gehen, wenn man dort im Internet nachschaue und den Scheiß auch noch glaube. Das seien garantiert Putin-finanzierte Quellen. Gehe gar nicht. Und so weiter und so fort. Ich hatte es nicht verstanden. Ich wollte doch nur sagen, dass es bei wortart.de gute Kabarett-CDs zu kaufen gibt. “HÄ? Was gibt bei dem zu kaufen, bei diesem Volksverhetzer?” “Wie Volksverhetzer? Das ist ein CD-Verlag!” “Du hast Wodarg gesagt!” “Nein, Wortart! Wort-art! Auf deutsch ‘Sprachkunst’!” “Spachkunst? Ach ja? Lern mal Deutsch oder besser deutlich zu sprechen!” “Ich hatte immer nur WORTART gesagt.” “Du willst doch nur provozieren.”

Endlich mal etwas nützliches: Prinz Rupi (Frieling) hat die gültigste Version vom veröffentlicht. Für alle Lebenslagen. Umwelttauglich, besonders wenn auf Umweltpapier gedruckt. Regierungsfreundlich, wenn einem Exekutivvertreter mit einem Lächeln übergeben. Und recyclebar, falls es wieder mal eine Pandemie geben sollte. Allerdings fand ich auf Rupis Seite keinen Antrag auf Erteilung eines Antragformulars zu Bestätigung der Nichtigkeit des Durchschriftexemplar, dessen Gültigkeitsvermerk von der Bezugsbehörde stammt zum Behuf der Vorlage beim zuständigen Erteilungsamt. Er meinte zu meiner Anfrage nur, ich solle doch im Zimmer 42, Haus 7, 12. Stock, 4. Gang von links, gleich neben der braunen Tür mit der Aufschrift „AFD“ fragen. Aber dort war die einzige Antwort nur “Lügenpresse!” und ein Merkblatt, wie sich wahre Deutsche mit wahren Impfmitteln gegen wahre Pandemien wahrlich impfen lassen können. Da der Zettel jedoch in Sütterlin geschrieben war, habe ich ihn auf einer öffentlichen Toilette neben dem Toilettenpapier abgelegt. Man weiß ja nie – ums Verrecken nie –, ob so etwas wenigstens nicht noch zum Arsch abwischen taugt. Denn merke: in der Not wischt der Teufel sich auch mit Scheißhausfliegen aus.

Immer irgendwer, wo da wer Wahrheit plappert

Das ist unsere Tochter.
Klein-Gretel.
Klein-Gretel ist ein sogenanntes „Nerverle“.
Klein-Gretel steht seit Wochen ausdauernd immer mit einem Schild vor unserem Bett, bis wir eingeschlafen waren.
Das Sexleben von mir und meiner Frau ist nun vollkommen erlahmt.
Wegen Klein-Gretel.
Vor zwei Wochen hatte Klein-Gretel einen Termin bei so einem BILD-Zeitungsreporter.
Seitdem schaut Klein-Gretel mich von jeder Bushaltestelle an und hält mir ihr Schild entgegen.
Klein-Gretel nervt mit ihrer fiesen Kampagne.
Sowas nennt man Mobbing!
Seit einer Woche nervt jetzt auch ihr Brüderle, das Klein-Hänsele.
Er will auch auf so einem Plakat von einer Bushaltestelle.
Es reicht jetzt.
Meine Frau und ich wollen wieder Sex.
Und unsere Ruhe.
Morgen werden wir Klein-Gretel und Klein-Hänsele die im dunklen Wald aussetzen.
Mit einer ALDI-Tüte voller Smarties und Playstation-Spiele.
Jawohl.
Sollen die doch sehen, wen die beiden nerven und ins Unglück stürzen.
Ein letztes Erinnerungsfoto noch von Klein-Gretel bei ihrem fiesen, öffentlichen Mobbing-Attacke.
Und dann geht es in den Wald.
Ciao, Bella.
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