Kneipengespräch: Davertgeschichten oder … in der Davert lügt man, wenn man höflich ist

Ein kehliges Röhren, direkt aus dem Rachen, unterstützt von einem Geräusch von zusammengeklebten Schleim, der Blasen wirft. Ein Geräusch, das fast aus dem Magen zu kommen scheint, gurgelnd aufsteigend in den Hals-Nasen-Rachenbereich. Ein Geräusch wie bei den Zombies aus der Fernsehserie „The Walking Dead“.

»Hey!«

Der Wirt hatte in seiner Zapfbewegung innegehalten und meinen Nachbarn lauthals angeranzt. Jetzt blickte er ihn eindringlich an.

»Wage es nicht! Oder ich schmeiße dich raus!«

Das Gesicht meines Nachbarn zeigte Überraschung. Er hielt inne und das Geräusch, das er von sich gegeben hat, endete sofort. Seine Kiefer mahlten jetzt dafür. Er schien etwas im Mund zu haben, an dem er kaute. Er hob sein Glas Pinkus hoch und nahm einen langen Schluck. Er hatte es runter gespült.

Es schüttelte mich. Ich dachte, dass ich mich verabschieden sollte. Aber der Wunsch nach einem weiteren Pinkus machte meine Absicht, mich zu verabschieden, zunichte. Nicht immer hatte der Wirt diese Art Sonderaktionen. Diesmal gab es eine Sonderaktion mit Pinkus-Bier aus Münster. Ich hob mein Pinkus und winkte damit dem Wirt zu. Er nickte und brachte mir ein neues, volles Glas.

Mein Blick fixierte die Barauslage hinter dem Wirt. Wie lange würde ich wohl brauchen, um alle Flaschen zu auszutrinken? Oder zumindest einmal alle probiert zu haben? Das Zweite war realer, aber reichte noch mein Geld dazu? Ich öffnete im Geiste meine Geldbörse und fing an, den Inhalt durchzuzählen.

»Es tut mir leid, ich wollte niemanden ekeln«, entschuldigte sich mein Nachbar beim Wirt  und bei mir, »ich war in Gedanken versunken und mir gingen dabei die letzten Tage durch den Kopf.«

»Das mag ja sein, aber solche Geräusche von sich zu geben, geht mal erst gar nicht. Du bist hier nur Gast«, entgegnete der Wirt unterkühlt, »selbst wenn die letzten Nachrichten, was die Ausschreitungen zu Silvester-Neujahr anbetrifft, zum Kotzen waren. Okay? So etwas machst du hier nicht bei mir! Bei mir nicht!«

»Es tut mir leid.«

Ich ignorierte den Nachbarn und fixierte meinen Blick auf eine schlanke grüne Flasche. Schliersee-Gin. Den wollte ich jetzt. Mit einem Schluck trank ich mein gerade mir hingestelltes Pinkus leer.

»Herr Oberspielleiter, etwas von dem Schliersee-Gin hätte ich gern.«

Der Wirt blickte mich an, nickte und fragte: »Pur oder auf Tonic?«

»Pur.«

Er griff Gin-Flasche und Longdrink-Glas und füllte mir etwas ab. Zusammen mit einem weiteren Glas Pinkus schob er mir den Gin rüber. Aus dem Gin-Glas stieg mir der intensive Duft von Wacholderbeeren in die Nase. Ich hielt inne, für einen Augenblick, um diesen Duft für mich festzuhalten und zu genießen, um diesem Moment ein Stück Ewigkeit zu geben.

»Wissen Sie, meine Mutter kam aus Schlesien. Sie war auf der Flucht, ihr Leben lang, sie floh mit ihrer Mutter und ihren paar Habseligkeiten vor der Ostfront Richtung Westen, da wo es ruhiger und sicherer war.«

Er redete wohl mit mir. Ich versuchte den Nachbarn weiterhin zu ignorieren und konzentrierte mich auf den Geschmack der verschiedenen Gin-Botanicals unter meinem Gaumen.

»Sie legten den ganzen Weg zu Fuß zurück bei Wind und Wetter«, hörte ich meinen Nachbarn sagen, »und als sie in der Gegend von Münster ankamen, unterkühlt und vergrippt, wurden sie als erstes gefragt, warum sie denn nicht im Osten der sowjetischen Besatzungszone geblieben wären. Oder, warum sie ihre Heimat Schlesien nicht bis zum letzten Atemzug verteidigt hätten.«

Ich schmeckte Zitrone, Orange und Fenchel … ich musste mich konzentrieren, … doch, da war ganz sicher ein Hauch von Heublumen, …

»Willkommen waren beide nicht, außer meine Mutter. Der fast 18-jährige Sohn vom Dorfvorsteher soll sie – wie behauptet wird – geschwängert haben. Meine erst 14-jährige Mutter wurde darauf zu einer Engelsmacherin gebracht. Und der Dorfvorsteher strafte seinen Sohn, weil jener sich mit einem Flüchtlingsmädchen sexuell eingelassen hätte. Er schickte ihn in ein bekanntes Internat am Niederrhein. Dort erhoffte sich der Dorfvorsteher eine bessere Erziehung für seinen Jungen. Denn das Internats stand unter einer erzkatholischen Leitung, die ihm Ruf stand, mit strenger Hand auf die sittsame und moralische Erziehung der ihnen anvertrauten Jungen zu achten. Später wurde hinter vorgehaltener Hand das Gerücht gestreut, dass der Junge des Dorfvorstehers sich aus Reue in jenem Internat umgebracht haben sollte. Weil der Junge in jenem Internat sein bereits Dorf bekanntes, ausschweifendes sexuelles Leben auch mit anderen Jungs und verwerflicher weise auch mit Priestern fortgeführt haben sollte, war sein Selbstmord zu Recht die Strafe Gottes. Das inzwischen aber herausgefunden wurde, dass in dem Internat nur die Priester sexuell aktiv mit den Jungen agierten, das wurde nicht weiter thematisiert. Schließlich – so die Ansicht im Dorf – das war ja Angelegenheit des Internats, und nicht des Dorfes. Und in Wahrheit war es in jenem Dorf auch damals nicht unbekannt. Aber irgendwie musste man ungehorsame Kinder ja zur Vernunft bringen. Und wenn es nicht die Kirche Gottes könne, wer hätte es denn je besser gekonnt, so wurde als Rechtfertigung immer gemunkelt.«

Ich wollte ihm nicht zuhören. Es interessierte mich einfach nicht. Konnte er seine Geschichte nicht seinem Glas Pinkus flüsternd erzählen? Warum mir? Was hatte ich verbrochen? Ich wollte meine Ruhe: »He, Wirt, haste noch einen anderen Gin?«

»Es tut mir leid. Meine Geschichte interessiert Sie nicht?«, warf mein Nachbar ein.

»Nein«, blaffte ich zurück.

»Das sagte meine Mutter auch immer. Sie hasste den Krieg. Sie hasste die Lust an der Zerstörung. Jene Zerstörung, die die Militärs jetzt immer als Kollateralschaden bezeichnen und uns gegenüber damit verniedlichen. Und sie hasste den Krieg weiterhin, diesen organisierten generalstabsmäßigen Tod. Genauso wie die heutigen Beschwörungen, dass Krieg unbedingt unabdingbar sei, um gegen die anderen zu kämpfen. Sie hasste Krieg. Aber niemand interessierte sich für ihre Ansicht und Erfahrungen mit Krieg, niemand interessierte sich für ihre Lebenserfahrungen. Was haben die heutigen Menschen damit zu schaffen, wer interessiert sich dafür? Für ihre Panik, wenn Bombenalarm herrschte. Wenn alle, die auf den Feldern arbeiteten, in die Feldbunker flohen. Einmal, als die Bunkertüren bereits verrammelt waren, kam ihr Vater – ein Münsterländische Westfale, wie er im Buche steht, als Beispiel der westfälischen Langsamkeit – und donnerte mit Fäusten und Steinen gegen die verschlossenen Türe, um noch reingelassen zu werden. Im Bunker dachte jedoch jeder, dass draußen bereits Bomben einschlugen, weil die Schläge an der Tür im Bunker so dröhnend hallten. Alle hatten in Todesangst geschrien, es herrschte ein heilloser Bunkerkoller, bis der Öhm meiner Großmutter die Tür aufmachte und ihr Vater rein stolperte. Beim zweiten Mal kam ihr Vater wieder nicht rechtzeitig. Er kam überhaupt nicht an. Nach dem sonntäglichen Gottesdienst radelte er gemächlich von der Kirche direkt zu seinem Hof, während seine Familie im Bunker wartete und dort zu Gott betete, dass nichts passieren sollte, traf ihn eine Fliegerbombe frontal. Fast nichts von ihm blieb übrig. Nach der schnellen Beerdigung ihres Ehemannes beschloss meine Großmutter mit Kind und Kegel aus Schlesien zu fliehen. Flucht. Dahin, wo es sicher sein sollte, dahin, wovon ihr Ehemann immer schwärmte: ins Westfalenland. Dort, wo das Leben nicht vom Terror durch Bomben und Tod regiert werden würde.«

Der Wirt war weit und breit nicht zu sehen. Oder er hatte sich verdrückt. Vorhin hatte ich ihn doch noch gesehen. Keine Ahnung.

Ich konzentrierte mich auf meinen Rest Gin im Glas und versuchte den Moment des ersten Geruchskontakts, das jungfräuliche Erschnuppern der Gin-Blume, wieder zu beleben. Da war noch ein weitere Duft. Ich erkannte den Duft von Kartoffeln. Aber wird Gin aus Kartoffeln gemacht?

»Sie erreichte das Westfalenland und damit erfuhr sie gleich, wie es dort zuging. Nach der Geschichte mit dem Sohn des Dorfvorstehers und dem Schwangerschaftsabbruch riet der dortige Dorfpfarrer sowohl meiner Mutter als auch ihrer Mutter in ein anderes Dorf umzuziehen. Er kannte den dortigen Dorfpfarrer und so zogen Mutter und Tochter in den Süden Münsters, in die Davert. Nur dort wurde es noch schwieriger. Sie waren nicht nur Flüchtlinge, sondern auch todsündig: es verbreitete sich wie ein Lauffeuer, dass meine Mutter bereits mit weniger als 15 Jahren einen Mann zum Sex verführt – so verführt wie die Eva den Adam zur Sünde brachte – und dann auch noch gotteslästerlich abgetrieben hatte. Sie war der Aussatz, das personifizierte Lepra des Dorfes, in dem sie sich niedergelassen hatten. Und genau so wurde die Frau behandelt. Und ihre Mutter wurde als Rabenmutter verschrien, eine Inkarnation der biblischen Hure Maria Magdalena des Dorfes. Von dem Dorf stigmatisiert sowohl als heimatloser Flüchtling als auch gotteslästerliche Rabenmutter. Nur Kommunist oder eventuell evangelisch zu sein, das erschien noch schlimmer für Gemeinde und Bevölkerung des Dorfes. Aber was war schon schlimmer als Pest? Cholera? Der dortige Dorfpfarrer hielt zwar seine Hand einigermaßen schützend über beide. Nur machte ihn dafür der Pfarrgemeinderat in vielen Sitzungen immer wieder rund, weil er als Mann Gottes doch die Bibel nicht befolgen würde, sondern vielmehr die Sünde protegieren und dazu auch noch beherbergen würde.«

»Und was hat das mit mir zu tun?«

Langsam wurde ich aggressiv. Der Mann laberte mir mit irgendwelchen Heulgeschichten mein Ohr ab und der Wirt wollte einfach nicht auftauchen, um mir einen anderen Gin zu bringen. Wo blieb er nur?

»Was kann ich dafür, dass Ihre Familie auf der Flucht war und dann hier Probleme bekam? Ist das meine Schuld, was andere damals verbrochen haben? Was kann ich dafür? Ich habe damit nichts zu schaffen! Lassen Sie mich damit in Ruhe!«

»Meine Mutter ist 84 Jahre alt und ich bin 69.«

Ich hielt inne und rechnete nach:

»Ihre Mutter ist 84? Und Sie 69? Da stimmt etwas nicht.«

Ich schaute meinen Nachbarn zum ersten Mal direkt ins Gesicht. Das Leben hatte seine Autogramme in Form von Falten und Grübchen in sein Gesicht geschrieben. Das Haar war silbergrau und spärlich auf seinem Haupt. Unrasiert war er und seine Bartstoppeln changierten von dunkelbraun zu hellgrau. Sein Rücken war gebeugt und zeigte einen Buckel. Die Augen schienen eingetrübt, vom bereits konsumierten Pinkus leicht glasig. Aber zugleich war sein Blick erkennbar müde. Seine Lider wirkten übernächtigt, verschlissen, abgenutzt vom dauernden Blinzeln. Dicke Tränensäcke klebten unter seinen Augen. Er vermittelte den Eindruck eines Menschen, der unter Bedrückung, vielleicht sogar unter Depression litt.

»Ihre Mutter hatte nicht abgetrieben, nicht wahr? Sie war 15, als sie Sie gebar. Und somit ist ihr Vater der Sohn des Dorfvorstehers, der Selbstmord beging, nicht wahr?«

»Nein, der Sohn war es nicht.«

»Sondern?«

»Der Dorfvorsteher selber.«

»Der Dorfvorsteher?«

»Ja, der Dorfvorsteher und spätere Kreisvorsitzender. Ein Kinderficker von Gottes Gnaden. Im wahrsten Sinne des Wortes. E selber ist ein Erzkatholik und hatte alle Pfaffen unter seiner Fuchtel. Sein Einfluss soll bis ins Domkapitel gegangen sein. Einige behaupteten sogar, er würde morgens Weihwasser pinkeln.«

»Und sein Sohn? Hatte er diesen nicht auf das Internat geschickt?«

»Ja. Er musste es jenem wohl als Karrierebildungschance verkauft haben. Als sein Sohn dann dort auf dem Internat war, hatte der Dorfvorsteher öffentlich herum erzählt, dass allein sein Sohn an der Schwangerschaft des Flüchtlingsmädchen Schuld gewesen sei.«

»Moment. Und der Dorfvorsteher hatte nicht bemerkt, dass Ihre Mutter schwanger blieb und nicht abgetrieben hatte?«

»Der Umzug ging schnell und sowohl der erste Pfarrer insbesondere aber auch der Pfarrer der Davert-Gemeinde hatte sie geschützt und beschützt. Dafür hatte eben jener zweite Pfarrer in den Pfarrgemeinderatssitzungen dann bitter bezahlen müssen. Die Pfarrgemeinderatsmitglieder waren unerbittlich fromm und streng gottgläubig. Der Dorfvorsteher hatte wohl mitbekommen, dass meine Mutter sich der Abtreibung widersetzt hatte, und jener Dorfvorsteher vom anderen Dorf, der eigentliche Vater, er hatte seinen Einfluss bis in den Pfarrgemeinderat wirken lassen.«

»Aber hat niemand gewusst, wer ihr Vater in Wahrheit war?«

»Später schon. Als dessen Sohn sich umbrachte, weil er die sexuellen Übergriffe der Internatspriester nicht mehr ertrug, war der Dorfvorsteher mit den Nerven fertig. Zudem kam raus, dass er im Nachbardorf ebenfalls zwei Mädchen missbraucht hatte, die ebenfalls noch nicht mal 15 Jahre waren. Alle Pfarrgemeinderäte in der Umgebung baten den Bischof in Münster den Dorfvorsteher wegen seinen Todsünden sofort zu exkommunizieren. Allein gegenüber der ermittelnden Staatsanwaltschaft bildete man eine unerbittliche Mauer des Schweigens. Es ging schließlich um die Ehre aller Mitwissenden. Zum letzten Mal sah man jenen Dorfvorsteher noch in der Karfreitags-Messe. Man sagte, er saß auf seinem Stammplatz in der Kirche, vorne, isoliert, recht und links von ihm blieb exakt ein Platz frei, er im Zentrum davon strotzend von unnahbaren Stolz. Aber doch irgendetwas sollte nicht gestimmt haben: er sah zerbrochen aus, behaupteten einige. Gebrochen wie eine Gebäude-Fassade aus Dresden 45, so soll er gewirkt haben. Und als er das Weihwasser vom Pfarrer abbekam, bemerkten einige, dass er empfindlich gezuckt haben soll. Obwohl – und das betonte jeder – er wie jedes Jahr mit seiner dröhnenden Bassstimme das Kirchenlied ‚Oh Haupt voll Blut und Wunden‘ mit an brutaler Wollust grenzender Inbrunst gesungen habe.«

»Und?«

»Beim Ostersonntag-Spaziergang fanden ihn dann Spaziergänger aus dem nahen Münster an der berühmten Teufelseiche der Davert baumelnd. Sonnenstrahlen hatten den Schatten des Leichnams von der Teufelseiche auf dem Weg der Wanderer geworfen.«

»Selbstmord?«

»Man sagt, das Ho-Ho-Männeken habe ihn vom rechten Weg in die Wacholderbüsche gelockt. Dort hatte es ihn niedergeschlagen und dann am äußersten Ast der Teufelseiche in fünf Meter Höhe aufgeknüpft.«

»Wer? Das Ho-Ho-Männeken? Wer soll das ein?«

»Der ermittelnde Dorf-Polizist war selber ein Bewohner der Davert, ein sogenannter Davertnickel. Zudem noch Pfarrgemeinderatsmitglied. Er hatte die Akte als Selbstmordfall abgeschlossen. Ob es das Ho-Ho-Männeken war oder der Ritter zur Davertsburg, der wegen seiner damaligen Jagd zu Ostern dazu verdammt war, in der Davert unweit der Teufelseiche ruhelos umher zu irren, das weiß niemand. Nicht mal einer der Pfarrgemeinderäte beider Gemeinden. Und erst recht niemand interessiert es, was das alles aus mir gemacht hat.«

»Das ist doch ein Schmarren!«

»Nun, kein Schmarren ist, dass ich der Sohn eines katholischen Kinderschänders bin, meine Mutter bis zu ihrem Tod ein unwillkommener Flüchtling blieb und bei mir 50% Schlesierblut in den unehelichen Adern fließt. Niemand mag Flüchtlinge, die nicht deutsch sind.«

»Und zu Hundert Prozent ist sicher, dass du Vollidiot jetzt meinen Laden verlässt«, der Wirt war für mich überraschend hinter ihm aufgetaucht, packte meinen Nachbarn an seinem Arm und zugleich an den Kragen seiner Jacke. Er schleifte ihn von seinem Hocker zur Tür, öffnete mit seinem Fuß die Eingangstür auf und stieß den Nachbarn hinaus.

»Jetzt ist es genug mit deinen Mitleidsgemäre von wegen Flüchtlingskind und Spukgeschichten in irgendwelche preußischen Regionen! Lass dir gesagt sein, wir mögen Flüchtlinge. Bis zum Verrecken mögen wir sie, da können die drauf Gift nehmen. Wörtlich. Und dich mögen wir nicht. Zum Verrecken mögen wir dich hier nicht: Lass dich nicht mehr blicken! Und nimm deine Pinkus-Rechnung als mein Abschiedsgeschenk an mich! Du kannst wieder kommen, wenn du dich endlich in unserer Kultur Bayerns angepasst hast, du Spinner! Fuck you, ashole!«

Nie hatte ich den Wirt so energisch gesehen. Da war nichts mehr von der bayrischen Gelassenheit und seinem rheinischen Frohsinn. Er hatte meinen Nachbarn hinaus gestoßen und die Tür geschlossen. Als er an mir vorbei kam, klopfte er mir auf die Schulter und meinte:

»Ah, du hast dein Pinkus ausgetrunken. Noch ein Pinkus? Ja? Nebenbei, habe ich dir schon mal meinen Gin-Geheimtipp serviert? Vom Schliersee. Nicht nur aus Wacholdern hergestellt, sondern auch aus Kartoffeln destilliert. Eine Geschmacksexplosion für deinen Gaumen, das verspreche ich dir …«

Der päpstliche Fasteleer (Teil 2)

Joseph. Auf Deutsch: “Gott vermehre”. Im Rheinland nennt man diesen Vornamen auch Jupp, in Bayern Sepp und in Spanien Pep. Sprachgourmands fällt bereits auf Zwei “p”s im Vornamen kommt immer gut. Wie bei “Pömpel”, “poppen” oder “Papst”.

Aloisius (auf Deutsch: “ganz weise”) dagegen … in meiner Schule im Westfalenland hatte ich einen Mitschüler, der diesen Namen trug. Und alle – von Eltern über Pastor bis hin zum Lehrer – sprachen ihn “Alo-i-sius” aus. Knappe 600 km südlich beharren Eltern, Pastoren, Lehrer und Päpste darauf, dass dieser Vornamen “A-läu-si-us” ausgesprochen wird. Was will man auch machen in einem Bundesland, welches versucht sich die Zunge mit “Blaukraut bleibt Blaukraut und Brautkleid bleibt Brautkleid” zu verknoten, während der Westfale leicht angeödet lediglich ein “Rotkohl bleibt Rotkohl und Brautkleid bleibt Brautkleid” verkündet, um sich danach seine Zunge mit einem Pils und nem Korn zu verknoten. “Alo-i-sius” oder “A-läu-si-us”, das ist schon ein bedeutsamer Unterschied, so wie “Karneval” und “Fasching”. Oder “Knäppchen” und “Scherzerl”. Wichtig ist, um was es dabei im Eigentlichen geht.

Joseph Aloisius. So ein Vornamenkonvolut geht ratzfatz am Standesamt eingetragen und bleibt dem Jungen dann mal eben fünf Dutzend Jahre hängen. Unserm Joseph Aloisius Ratzinger. Unserm Joseph Aloisius, der Ursache für den Aufmacher mit den zwei “p”s: “Wir sind Papst”. Vergelt’s Gott.

Je mehr man sich mit den Verlauf der Geschichte des Papstes Benedikt XVI., unserm Joseph Aloisius Ratzinger, anschaut, so mehr habe ich den Eindruck es war immer schon ein Fangen-Spiel. Oder Fangerl-Spiel, wie der Bayer zu sagen pflegt. Und seine Ankündigung, die als Rücktritt aufgefasst wurde, erscheint mir eher dem Wort “Aus” (“Freio”, “Wupp”, “Haus”, “Klippo”), welches Kinder für einen Ort beim Fangenspiel (Greifen, Haschen, Nachlaufen, Fangkus etc.) ausrufen, an dem man “sicher” ist. Bei jener Ratzinger-Erklärung im Februar 2013 könnte man dessen zeitlichen Umfelds niederträchtiger weise die Züge eines gigantisch historischen Karnevalsstreichs unterstellen.

Jetzt sollte man wissen, dass unser bodenständige bayrische Sepp (“Holleri du dödel di diri diri dudel dö”) und gleichzeitig himmlischer Aloisius (“Wann krieg na i wos z’tringe? … Luhja! Sacklzementhalleluja! Luhja, sog i! Mei Lieber Luja!”) eine besondere Vergangenheit hat. Also noch eine speziellere als man dessen Vitae eh als besonders ansieht.

Was hat der Seppeli Aloisili gemein mit folgenden Personen? Franz Josef Strauß, Bruno Kreisky, Helmut Kohl, Hans-Dietrich Genscher, Norbert Blüm, Jürgen Möllemann, Edmund Stoiber, Roman Herzog, Horst Seehofer, Markus Söder?

Na? Ihr grübelt noch? Dann noch ein paar Namen zusätzlich: Andreas Gabalier, Heino, Till Schweiger, Thomas Gottschalk, Aenne Burda, Vitali Klitschko und Wladimir Klitschko?

Immer noch nichts? Keine Idee, was alle verbindet? Keine göttliche Eingebung? Ausnahmsweise noch ein paar Namen: Werner Finck, Vicco von Bülow, Sir Peter Ustinov, Ephraim Kishon, Emil Steinberger, Rudi Carell, Hape Kerkeling, Michael “Bully” Herbig, Dieter Hallervorden?

Nun, die alle und noch viel mehr, wurden sie von der Münchner Faschingsgesellschaft Narrhalla mit dem “Karl Valentin Orden” ausgezeichnet. Und der Ratzinger-Sepp hat ihn ebenfalls umgehängt bekommen (Foto). Der Grund? Seitens Ratzinger gab schon immer eine innere Verbindung zu Karl Valentin. Im Sommer 1948 ging er auf einer Pilgerfahrt nach Planegg zum Grab von Karl Valentin 15 km zu Fuß. Als er dann vierzig Jahre später seinen Ausspruch „Ich bin nicht befugt, aus dem Vaterunser ein Mutterunser zu machen“ tätigte, da war er fällig und die Münchner Faschingsgesellschaft fragte ihn, ob er den Orden haben wolle. Entgegengenommen hatte ihn während des Verleihungsfestakts allerdings Joseph Aloisius Ratzinger nicht persönlich, sondern seine Schwester Maria, welche dann auch Ratzingers Dankesredetext verlas. Darin erklärte er:

Eine närrische Ordnung, mit der wir uns selbst und die Ernsthaftigkeit der großen Welt verspotten, ist eine gute Sache. Und das ist auch der Grund, warum ich es gerne angenommen habe. Einige Leute haben Zweifel geäußert, ob das zu einem so seriösen Beruf wie dem meinen passt. Das scheint mir sehr gut zu passen, denn es ist bekannt, dass es das Privileg des Volkes ist, die Wahrheit sagen zu können. An den Höfen der alten Potentaten war der Hofnarr oft der Einzige, der sich den Luxus der Wahrheit LUXUS DER WAHRHEIT leisten konnte … Und da ich in meinem Beruf zufällig die WAHRHEIT sagen MUSS, bin ich sehr glücklich, nun in die Kategorie derer aufgenommen worden zu sein, die dieses Privileg genießen … „Wir sind Narren um Christi willen (1. Korinther 4:10)”.

Was hat der Valentin-Orden nun mit seinem Verzicht auf die Machtausübung als Papst zu tun?

Nun, am 11. Februar 2013 erklärte Ratzinger in seiner Rolle als Papst Benedikt XVI. seinen Verzicht auf das Regieren im Vatikanstaat für den 28. Februar.

Der 11. Februar 2013 war ein Rosenmontag. Es war der ROSENMONTAG, Rosenmontag, eine Fortsetzung der alten römischen Traditionen, in denen Sklaven und Diener für einen Tag zu Herren wurden, wo der klassische Topos der „Welt auf dem Kopf“ noch heute verwirklicht wird. Nebenbei: an einem Rosenmontag ist auch Karl Valentin 1948 (9. Februar) gestorben, zu dessen Grab Ratzinger 15 km zu Fuß hinging.

Ratzinger erklärte in einen seiner späteren Bücher, dass er sich nicht bewusst war, dass jener 11. Februar ein Rosenmontag war, obwohl er explizit zwei später die Liturgie zum Aschermittwoch geplant und durchgeführt hatte. Er meinte, er hätte das Datum auch gewählt, weil am 11. Februar 1858 gegen 11 Uhr 11 wohl die erste Lourdes-Erscheinung der 14-jährigen Bernadette Soubirous statt fand.

1858?

In den 50er Jahren des 19. Jahrhunderts fielen drei Straßenkarnevalsumzüge in Köln aufgrund staatlicher Restriktionen aus, zwei wurden gesplittet durchgeführt (weil sich die Jecken nicht auf einen großen Umzug einigen wollten) und die anderen beiden waren keiner Erwähnung wert. Erst 1858 wurde die Tradition des großen Straßenkarnevalsumzugs wieder durchgeführt, welche am Rosenmontag mit 34 Mottowagen, von Vier-, Sechs- und Achtspännern gezogen, umgesetzt wurde (… ob die Gäule danach im Rheinischen Sauerbraten Verwendung fanden ist nicht überliefert …). Mit dem Wieverfastelovend am 11. Februar 1858 um 11:11 Uhr begann der Kölsche Fasteleer.

Und am 11. Februar 1858 gegen 11:11 Uhr hatte Bernadette Soubirous ihre Vision. Natürlich in Lourdes und nicht in Köln. Seitdem gibt es dort Lourdes-Wasser In Kanister gegen teures Geld für Pilger, während Köln nur kostenloses Rhein-Wasser und Kölsch in Stangen zu bieten hat.

Interessant, welche Koinzidenzen es so in der Geschichte gibt. Das kann doch kein Zufall sein, da steckt sicherlich ein ganz großer Plan dahinter. Bill Gates kann es nicht sein, denn der wurde im Oktober geboren und Papst ist er auch nicht geworden. …

Nebenbei für die Historiker unter uns: in Bayern wäre an jenem Tag der “Unsinnige Donnerstag” gewesen, was die Bayern aber zu jener Zeit noch nicht wussten. Abends wurde in München am 11.Februar “Die heimliche Ehe” von Domenico Cimarosa zum zweiten Mal aufgeführt und alle schwelgten in Schöngeisterei. Tags zuvor veranstaltete der bayrische König Ludwig II. (ja genau, eben jener verrückte Neuschwanstein-Erbauer, welcher später im Starnberger See bei 20 Zentimeter Wasserhöhe ertrank) eine Schlittenfahrt mit einem Sechsspänner durch die Straßen Münchens, um mit seiner Gemahlin zu einem Abendessen zu gelangen.

Fasching selber wurde in München drei Tage später begangen. Als Künstlermaskenfest im ehemaligen Odeonssaal: eine italienischen Nacht im Beisein von König Ludwig II., mit dem damaligen “Prinz Carneval” (sic!) und als Höhepunkt dazu noch eine Depesche der Dresdener Künstler zum Lobe des bayrischen Königs.

Eine Verbindung zu den Visionen von Lourdes lässt sich bei allen Münchner Begebenheiten also getrost nicht feststellen. Luhja, sog i!

Zurück zu unserm Joseph Aloisius Ratzinger und seinem 11. Februar. Der 11. Februar, dieses Datum hat eine innere Verbindung, so schreiben Autor Seewald und Ratzinger in deren Buch “Letzte Gespräche” (2016; ISBN: 9783426276952; auch hier). Denn die Visionistin von Lourdes, jene Bernadette Soubirous starb am 18. April (1879; Gründonnerstag). Unser Ratzinger hat nun ebenfalls seinen Geburtstag an einem 18. April (1927; Ostermontag). Innere Verbindung.

So verbindet sich das eine mit dem anderen, das andere mit dem einem und alles mit allem, so dass Ratzinger seinen Ausspruch „Ich bin nicht befugt, aus dem Vaterunser ein Mutterunser zu machen“ tätigt und daher am 11. Februar seinen Abschiedsbrief mit zwei lateinischen Syntax-Fehlern veröffentlichte. Der katholische Teil des “Wir sind Papst”-Deutschlands hielt verstört in ihrem Helau und Alaaf inne und brachte stattdessen lediglich ein Feierbiest-trunkenes “Echt jetzt?” als Bäuerchen heraus.

Selbst von der BILD-Zeitung wird berichtet, dass sie es noch nicht mal schaffte, den naheliegenden Aufmacher “Wir Päpste treten zurück” in Schwarz-Rot-Gold zu bringen. Das wäre allerdings eh nicht so günstig gewesen, denn die Mainstream-BILDungsbüger-Leserschaft hätte einen solchen Aufmacher eh nicht verstanden. Stattdessen hätte sie ob der fehlenden Angabe der Richtung bloß ratlos auf die Buchstaben des Aufmachers gestiert, weil denen die Erklärung gefehlt hätte, gegen wen BILD mal wieder tritt.

Überhaupt ist die Geschichte vom angeblichen Rücktritt des Papstes Benedikt XVI. eh recht schwer verständlich, weil nach kanonischen Recht das Papsttum auf zwei Bereiche (munus und ministerium) sich erstreckt und er wohl nur einen Bereich aufgegeben hat. Oder einfacher, betriebswirtschaftlicher erklärt: das Papstamt umfasst CEO und COO. Der Ratzinger hatte wohl den COO-Bereich einfach abgegeben und den CEO behalten. Es könnte die Erklärung sein, weswegen der Kardinal Jorge Mario Bergoglio bei seinem Amtsantritt nur in Weiß erschien, statt sich in dem üblichen roten Papstroben gekleidet zu haben. Aber das ist nur eine herbeigeklaubte Vermutung, wie man sie nur an einem Donnerstag unsinnigerweise machen kann.

Egal. Fakt ist, der Papst war amtsmüde oder hatte keinen Bock mehr oder beides, und die kirchlichen katholischen Feierbiester mit Rang und Namen versammelten sich in der Sixtinischen Kapelle, um dort beim eintägigen Feiern den Zermonien-Meister Jorge zu inthronisieren. Früher wurden die Feierbiester dann auch schon mal zwei Jahre lang eingesperrt, wenn die sich nicht einigen konnten. Da war dann für diese Rock ’n Roller Feiern bei Wasser und Brot angesagt, im Jahre 1279. Sowas war damals in Rom noch machbar. Im Jahre 2013 waren die Hotelpreise für die Kardinal-Bedienstete in Rom erheblich höher, weswegen das ganze Abstimmen auch nur einen Tag lang dauerte. Man wollte ja nicht arm wie eine Kirchenmaus wieder in deren Kardinalshochburgen zurück kommen … .

Und was sagt uns das? Seit jenem Abend des 13. März 2013, noch kurz vorm Wetterbericht der Tagesschau, seit jener Zeit dürfen nun die Katholen an eine dreifaltige Gottheit (Vater, Sohn und Heiliger Geist) vertreten auf Erden durch ein zweifaltigem Papsttum (Sepp Loisl und Jorge) mit einfaltiger Einheit glauben. Einfaltig. Nicht einfältig. Also einfaltig eher so wie ein gefaltetes Blatt Papier.

Gefaltetes Papier. Wenn man gefaltetes Blatt Papier mit nem Locher stanzt, kriegt man doppelt so viel Konfetti, als wenn man es nur einfach stanzt. Dazu darf man dann aber auch nicht die Hände falten und beten, sonst wird das ganze private Konfetti-Stanzen richtig ineffektiv.

Und es wird wieder Zeit Konfetti zu stanzen. Der Elfte im Elften ist wieder eingetreten. Der Reigen beginnt erneut: Advent, Maria Empfängnis, Weihnachten, Wieverfastelovend, Rosenmontag und dann vielleicht wieder ein Rücktritt? Ratzinger war ja auch nur acht Jahre lang aktiver Papst. Warum sollte Jorge Mario Bergoglio in seiner Hauptrolle als Papst Franziskus es anders halten? Denn am Aschermittwoch soll doch alles vorbei sein. Warum auch nicht dann der jetzige päpstliche Fasteleer? Zumindest hätten dann der Seppl Loisl und der Jorge im März den dritten Mann auf Augenhöhe zum Skat spielen. Papst-Skat. Als Einsatz könnten die Einkünfte der “Brüder im Nebel” verwendet werden. Als Aschermittwoch-Spende. An darbende Personen im Vatikan. Überwiesen vom Kölner Erzbischof Kardinal Woelki, der während seiner geistlichen Auszeit sein volles Monatsgehalt von 13.700 Euro weiter erhält. Jene 13.700 Euro, die von den normalen deutschen Steuereinnahmen an ihn weiter geleitet werden. 

Und in der Tradition, dass alle acht Jahre ein Papst zurück tritt, dann wäre in acht Jahren drauf auch Schafskopfen möglich. Das würde den Bayer Seppl Loisl erfreuen. Wäre doch mal ne Anregung, für ein wenig Äkschn im Vatikan.

In der Zwischenzeit lasst uns jetzt Konfetti-Stanzen. Ist ja offiziell wieder Karneval. Und der Wieverfastelovend ist ja nicht mehr weit. Genießen wir also solange das Schisma, solange es noch lebt …

Der päpstliche Fasteleer (Teil 1)

Und es begab sich zu einer Zeit, als der Amtsinhaber seines Amtes überdrüssig wurde. Er wurde seines Amtes müde. Übermüde. So müde wie fast der Zuschauer beim Wort zum Sonntag jener müde werden kann, wenn Wetten-dass mal wieder vom Friedhof der Fernsehsendungen ausgebuddelt und als grandiose Leichenschau ausgestrahlt wurde. Und so wartete der Amtsinhaber Wetten-dass ab, wartete auf die Tagesthemen, hörte sich den Wetterbericht an, lauschte stumm der Ansagerstimme und verkündete dann die Weisheit.

Seinerzeit kam der Amtsmüde aus einem Land, in dem ab 62 für ihn beruflich Ende Gelände gewesen wäre. Nur, durch einen unglaublichen Schicksalsschlag, durch eine von der Vorhersehung unvorhergesehene Fügung, durch das unaussprechliche Wort seines angebeteten Gottes – ausgesprochen heiligerweis aber durch seinem eigenem Munde – musste der Weltenlauf in seiner Historie einen einschneidenden Moment erleben. Ein Momentum, was den Weltenlauf verändern sollte.

Dabei war die Grundlage der Weltenänderung doch so klar. Sie begründete auf den Elften im Elften eines jeden Jahres. Und nur der Heide unter den Heiden weiß nicht, was der Elfte im Elften eines jeden Jahres einläutet: das Sterben und die Auferstehung eines Sohnes eines Gottes. Direkt nach dem Wieverfastelovend. Dem Beginn des Straßenkarnevals. Der, der den Rosenmontag und den Aschermittwoch am Ende des karnevalistischen Umzuges mit dem Schlachtruf „De Zoch kütt“ folgt.

De Zoch kütt“ ist nicht nur Warnruf im Straßenkarneval für “Kamelle”-sammelnde Kinder, sich nicht überfahren zu lassen, sondern auch der Hinweis für die Katholen, dass darauf am Aschermittwoch alles vorbei sein wird. Es muss nochmals ordentlich gesündigt worden sein, denn danach folgt die Buße per Fastenzeit mit anschließendem Palmsonntag, Karfreitag, Karsamstag und Ostern. Genauer gesagt, errechnet sich der Aschermittwoch aus dem Ostersonntag, welcher Tag auf den Umlauf des Mondes in Referenz zum Frühlingszeitpunkt und dessen Stellung in Relation zur Erde und zur Sonne beruht.

Oder volkstümlicher beschrieben: der erste Sonntag nach dem ersten Vollmond nach dem Frühlingsanfang, der Tag ist der Ostersonntag. Seit nun fast 1700 Jahren ist das so. Die klassische Antwort auf die Frage vom westfälischen Lande im neumodischem Gewande: “Ich hab da noch ein paar alte Autoreifen und paar Kilo Landfolien vom Spargelanbau. Wann ist das Osterfeuer?”.

Wenn das Osterfeuer lodert und die Menschen andächtig in der schützenden Dunkelheit ihre Osterlieder – begleitet vom heimischen Blasorchester und Kirchenchor – wie bei “The Masked Singer” raushauen, dann schwingt die Seele gen Himmel und der CO2-Ausstoß des eigenen SUVs erscheint nicht mehr ganz so sträflich wie der, den das dem Christensohn gewidmete feuerliche CO2-Halleluja. Und ernsthaft: was macht schon den Unterschied zwischen einem deutschen Osterfeuer zur Abendstund im Verhältnis zu den täglichen brasilianischen Urwald-Rodungen. Genau, der Braten wird dadurch nicht fetter, wenn man hier 10.000 km entfernt mal ein paar Feuer zusätzlich anfacht.

Zurück zur angenehmeren Hinterlassenschaft der feierwütigen Gesellschaft. Also demjenigen, was alternative Medien nachdenkensweise seitenweis als unakzeptablen Hedonismus par excellence verteufeln. Verteufeln. Da sind wir gleich wieder bei der Kirche. Die sind die Experten in Sachen Teufel. Daher ist die Zeit vor Ostern auch eine ganz entscheidende. Denn da wurde eine edle Menschengestalt durch niedrigere Daseinsform mit verbrutzelten Engelsflügeln in Versuchung geführt. Dieser edlen Menschengestalt wurden SUV, Grundstücke, Aktien, Fliegzeuge und ultrakostbare Wertgestände angeboten. Diese Menschengestalt sollte sich – so liest man bei einem Zeitzeugen, der seine literarischen Ideen erheblich später in einem christlich-opportunistischem Buchverlag nach vorheriger Lektorierung und konstantinopolitanischer Geschmacksbewertung veröffentlicht bekommen hatte – also, jene semitisch-sektiererische Menschengestalt mit Passion zum Fabulieren ( – da hat er zumindest eine Basiseigenschaft mit mir gemein – ) hat drauf bestanden, dass jene verteufelte Zeit eine Fastenzeit über 40 Tage gewesen wäre. Worauf die nachfolgenden Profanmathematiker des Klerus im Vatikan runtergerechnet hatten: erster Vollmond, davor der Sonntag, minus vierzig Tage, dann ein Mittwoch, davor der Montag, dann der Donnerstag, und somit war der Wieverfastelovend fürn Donnerstag bestimmt, dann der Montag als Rosenmontag und der Mittwoch als Aschermittwoch.

Das eine bedingt das andere. Ohne Wieverfastelovend kein Rosenmontag, ohne Rosenmontag kein Aschermittwoch. Und ohne ersten Vollmond kein Ostern. Helau und Alaaf.

Kompliziert? Zur Berechnung der Daten gibt es sogar eine mathematische Formel, welche den Wieverfastelovend exakt bestimmt und somit auch Ostern.

Lange Rede, wofür der ganze Palaver jetzt?

Ein Kleriker hat immer genau zwei zentrale Daten im Kopf: Weihnachten und Ostern. Weihnachten ist für Kleriker in Deutschland trivial: am 24. Dezember wird die Kirche verdunkelt und am 26. Dezember wird jubiliert, damit man am 26. den Stephanus steinigen kann. Wer dabei fehlt, der hat es zu beichten (bei den Katholen) oder zu bereuen (bei den Evangelen am Buss- und Bettag). Vergebung wird gewährt, gegen geeigneter Spende.

Ostern ist dahingehend ein wenig komplizierter. Es verlangt für klerikalistische Anwärter zumindest einen Mathematik-Abschluss beim Abitur zuzüglich des Großen Latinums. Sonst wird man nie Landesbischof. Oder gar Papst.

Papst.

Wir sind Papst.

So titelte eine harmlose Tageszeitung mit dicken Buchstaben eines Tages protzend auf Seite 1. Der Aufmacher des Jahrhunderts. Und niemand hat es der BILD-Zeitung übel genommen. Nicht mal der Papst. Im Mittelalter wäre allerdings der gesamte Axel-Springer-Verlag dafür wegen Häresie abgefackelt worden. Und nicht nur allein die Redaktion, sondern gleich der ganze Verlag. In den 60ern des letzten Jahrhunderts wurde eben dieses seitens der Staatsmacht eben noch verhindert. Dass dann im folgenden Jahrzehnt eine Günther-Walraff-under-cover-Aktion als Reportage als Buch über die BILD-Machenschaften berichtete und Deutschland ein wenig schockierte … geschenkt … der Sportteil war dafür absolut gut … und das Mädchen auf Seite 2 … obwohl, da waren Playboy und Co in deren fotografischen Darstellung erheblich detailgetreuer …

Was Bundestagsabgeordneten abgeht, das geht auch den deutschen Bischöfen und Kardinälen ab: der Mainstream in Form dessen prägnantesten Vertreter, die BILD-Zeitung. Warum sollten Klerikale etwas anderen glauben, was tagtäglich kritische Gegenmeinungen aus den Axel-Springer-Redaktionen von BILD, WELT, etc, als non-Mainstream-Nachrichten und somit als vertrauenswürdige Nachrichten und Influencer-Statements übernehmen. Da kann man auch locker einem Bodarg oder Whakdi oder Perger glauben schenken, wenn eben jene bei jenen Springer-Mainstreammedien abschreibend ohne Quellenangabe einfach mal so widergeben.

Wie bereits von mir dem Leser insgeheim geframt, die Katholen sind recht pünktlich und genau. Besonders, wenn es um Karneval gibt. Denn ohne Sünde, gibt es keine Reue, gibt es kein Fegefeuer, gibt es keinen Stuhl der Trilliarden Gottesgerechten zu Rechten Gottes. Zu wissen, wann die Fastenzeit beginnt, das ist essentiell. Gerade in Bayern errechnete sich daraus zudem der Beginn der vatikanisch erlaubten Starbierzeit in der Fastenzeit.

Und damit niemand verpasst, wann alles vorbei ist ( – richtig: Aschermittwoch – ) rechnen die Klerikalen penibel deren Kalender durch. Denn gerade nach dem vielen Alk und der vielen Vögelei im Karneval heißt es immer: Bedenke, dass du Staub bist und zu Staub zurück kehren wirst. Daraus wurde dann der populäre Satz: “Ich kann nichts. Ich bin nichts. Gib mir ne Uniform”, der in jeden der Kriegen für die Crash-Test-Dummies eines Landes als Leitsatz postuliert wurden. Der Satz ist eigentlich ein Zitat. Das Original im Holländischen las ich in den 90ern auf einer Wand am Grenzübergang zwischen Vaals und Vaalser Quartier im Aachener Bereich.

Klerikale wissen, wann Aschermittwoch als Beginn der Fastenzeit geschlagen hat. Wann sie das Aschenkreuz in der Kirche zu verteilen haben.

Erstaunlicherweise gibt es aber einen, der es wohl nicht weiß. Begründung? Wir reden hier über Klerikale. Nicht über Menschen mit unzureichendem Bildungshintergrund. Da muss man schon aufpassen, woll!

Eben.

Amen.

Langer Reder kurzer Sinn: Wir sind Papst!

Wolln wir das? Zudem das Blatt mit der Zielgruppe derer bildungsnahen, aber denkensfernen Leser es uns allen angeklebt hat, dieses “Wir sind Papst!”?

Lassen wir doch unsern Ratziger Karl, jenem Papst in Ruhestand reden.

Ratzinger? Ist der schon tot?

Nein. Der alte Holzmichel lebt noch. Und er bildet die unsichtbare Leitplanke seines Nachfolgers. Unsichtbar allerdings auch nur dann, solange der neue Papst Franziskus (seit dem 13. März 2013) in der Spur bleibt. Als Autofahrer schätzt man Leitplanken: sie verhindern einen potentiellen Vollschaden. Allerdings beschränken Leitplanken wie Sicherheitsgurte bekanntlich als auch nachweislich die Freiheit des Menschen. Das haben die Covid-Impfgegner bereits eindeutig nachgewiesen. Nur Deppen, die Häretiker und Ungläubigen, die brauchen noch Zeit, um dies zu verifizieren. Aber die saubere Darlegung der Beweiskette aus Annahmen, Unterstellungen und Glauben, das ist nicht hier das Thema. Zumindest, wenn es um Covid geht. Religion oder Glaubensüberzeugungen sind ein anderes Themengebiet.

Ratzinger und “Wir sind Papst”.

Was hat das gemein mit dem Elften im Elften?

(Fortsetzung folgt)

Die Rückkehr der “Cui-Bono”-Krieger

Lasset uns konjugieren:

Mein Leben läuft. // Dein Leben läuft. // Sein/Ihr/Sein Leben läuft. //

Unser Leben läuft. // Euer Leben läuft. // Ihr Leben läuft.

Es ist ein reinster Lebenslauf, dass das Leben läuft. Manchmal geht es aber auch, das Leben. Oder schleicht. Und so am Ende des Lebenslaufs geht es wieder der Erde entgegen. Der reinste Lebenslauf? Na. So einfach sollte man es sich nicht machen. „Lebenslauf einfach“ geht schon mal gar nicht. Einfach einfach kann jeder einfach mal so einfach. Mal so. So.

Lebensläufe zu analysieren ist wieder total en vogue. Der Baerbocks ihrer. Geht gar nicht, derer ihrer einer. Voll der Fehler und der eindeutig eindeutigen Hinweise, die sie disqualifizieren für den Posten des Kehrpersonals der Republik. Wie schrieb irgend so ein pseudo-investigativer Journalist mal im Internet? „Kanzlerette“. Dabei ist die Baerbock noch nicht mal „Kanzlerin“, damit dieser despektierlich verwendete Ausdruck überhaupt auf sie passen würde. Aber abgeschrieben hat er es woanders, trotzdem. Weil er weiß, dass seine Leser nicht gerade die hellsten Kerzen auf seiner Torte sind.

Ach ja? Super! Voll toll! Machste hier eine Stimme des Widerstandes wieder nieder? Und überhaupt. „Die Baerbock“? Geht’s noch, Herr Schreiberling dieses Blogeintrags? „Die Baerbock“! Die hat einen richtigen Vornamen und der lautet bestimmt nicht „die“. Und Anstand und gute Kinderstube gebietet auch, zumindest ihre Anrede zu nennen: „Frau“, wenn schon der Vorname nicht genannt werden sollte. Herr Schreiberling! Capito, stupido?? Mann, Mann, Mann.

Hm.

Das war ich jetzt nicht.

Das war mein Über-Ich. Nicht ich. Solche Einwürfe schreibe ich nicht. Okay. Weiter im Kontext und das Über-Ich von mir, dieses kleine Monster der gewissen Gewissenlosigkeit, wieder weggesperrt, in den tiefsten Kerkern meines unbewussten Bewusstseins. Was andere schon längst können, kann ich schon länger.

Wo war ich stehengeblieben? Ach ja. Beim Lauf des Lebens. Der Lebenslauf der Baerbock ist inzwischen hinreichend bekannt, ausreichend durchgekaut und mehrfach ausgespuckt worden. Und all die meinungsstarken Schreiberlinge der vorherrschenden Medien und der selbst-ernannten alternativen Medien sind sich einig: Frisieren ist gleich fälschen, und Fälschen ist kriminell. So wie beim Theodore, dem Guttenberger. Oder jetzt wie bei jener, der Annalena, dieser Baerbock. Geht gar nicht. Folglich sieht jeder auch deswegen die automatische Disqualifizierung der Frau fürs Kanzleramt. Somit ist es auch völlig okay und bleibt unwidersprochen, die Baerbock als Moses, dem Oberverbieter von „laissez-faire, laissez-aller“, darzustellen. Klandestiner Antisemitismus geht. Immer. Dann schreit auch keiner auf. Weil: böses Weibchen, ganz böses Frauchen.

Gut. Ein Blick in den Lebenslauf von Armin Laschet, den jener als Kandidat für den Vorsitz der CDU Deutschlands abgab (Stand 28-Okt-2020, abrufbar in den Archivdokumentseiten der CDU im Internet und auf den parlamentarischen Seiten NRWs), lässt putativ ebenfalls auf Frisieren schließen.

Was auffällt ist, dass Laschet in seinem Leben weder Bundeswehr noch Zivildienst absolviert hat, sondern gleich nach dem Abitur gen München ins damalige Herrschaftsreich des Franz-Josef Strauß übersiedelte. Womit sich auch Laschets Verbundenheit zu München und damit zu Herrn Dr. Söder erklärt. Und es wird dann auch klar, warum das NRW-Kabinett deren Kabinettssitzung auf Veranlassung von Ministerpräsident Laschet am 12. März 2019 bei Ministerpräsident Dr. Söder in München durchführen ließ.

Nun, dass Laschet nicht ein Jahr zur Bundeswehr gegangen zu sein scheint oder alternativ 18 Monate lang Zivildienstleistender der Gesellschaft diente, das lässt zwei Schlüsse zu: Entweder wurde er wegen seinem Jura-Studium (erfolglos, da ohne Abschluss) zurückgestellt. Oder er wurde in NRW vom Kreiswehrersatzamt bei dessen Bemusterung als Vulnerabler ausgemustert. Also Klassifizierung „T5“ wegen der Feststellung einer schweren Gesundheitsstörung (will sagen: eine Besserung des Gesundheitszustandes stand nicht zu erwarten). Oder vielleicht auch „T4“. Wegen einer Zahnspange. Oder so.

Nun gut. Herr Laschet dokumentiert drei Tage vor dem 31. Oktober in seinem Lebenslauf, dass er Mitglied des Direktoriums zur Verleihung des Internationalen Karlspreises zu Aachen war. Das galt exakt bis zum 31. Oktober 2020. Danach schied er aus. Aus dem Direktorium. Wegen der Pandemie allerdings gehörte er informell bis zur Nachholung der Verleihung des Preises 2020 auch 2021 noch dem Direktorium an. Informell. Sagt das Direktorium. Formell wird er von diesem Verein auf seinen Internetseiten seit Dezember 2020 nicht mehr geführt. Und seinen Lebenslauf hat Laschet danach auch nicht angepasst.

Oder es fällt auf, dass etwas nicht vorhanden ist: es fehlt in seinem Lebenslauf, dass Laschet als Lehrbeauftragter an der RWTH Aachen Klausuren verlor und diese dann trotzdem benotete … gut, so etwas steht maximal in dessen Zeugnis: „Herr Laschet gab sich stets äußerste Mühe, seine Aufgaben pflichtgemäß zu erfüllen. Hierbei zeichnete er sich durch Proaktivität auch gegenüber der Zukunft seiner Studenten aus“. So etwas steht natürlich nie in einem Lebenslauf. Stimmt. Gehört auch nicht dort hinein.

Oder er umschreibt seine Lebensphasen: dass er hier in München seine „Ausbildung zum Journalisten“ machte. Nebenbei, das war beim Privatsender „Charivari“ und nicht beim „Bayrischen Rundfunk“ … Privatsender „Charivari“ … ja, nee, is klar, ne … `ne Ausbildung bei der Zeitungbeilage „Prisma“, die Beilage zum TV-Programm, wäre da schon erheblich journalistischer und investigativer …

Dafür ist er aber immerhin Mitglied der „Europäischen Akademie der Wissenschaft und Künste“ in Salzburg. Liegt bei München. Also genau genommen, inoffiziell sehr knappes Oberbayern. Das hört sich nobel an. So nach „Mozart“, „Mozartkugeln“ und „Salzburger Nockerl“. Und in dieser Akademie ist er in der Abteilung „Weltreligionen“ tätig.

Und? Cui bono? Wem tut’s gut? Wer ist ebenfalls mit ihm in der gleichen Abteilung jener Akademie? Richtig. Ein anderer Münchener: Richard Marx. Der zurücktreten wollte. Den der Papst im Vatikan aber nicht ließ. Richard Marx. Nicht zu verwechseln mit Karl Marx (kein Münchner, aber schon im Himmel). Oder gar jenem Rainer Maria Kardinal Woelki (nicht Münchner, nicht Himmelaner), der Nachfolger von Joachim Kardinal Meisner. Meisner das war der, den damals schon Jürgen Becker wegen seiner Managerfähigkeiten als “Nulpe” einordnete (“In der freien Wirtschaft würde er nur als Pförtner eingestellt.” Jürgen Becker, 2007, DFL-Kultur). Und Joachim Kardinal Meisner hat Maria Kardinal Woelki offensichtlich komplett beerbt. Der Apfel stammt nicht weit vom Fall …

Also. Jener Rainer Maria Kardinal Woelki, der an einem 18. Februar zum Kardinal zu Köln ernannt wurde. An dem Tag, an welchem Armin Laschet immer seinen Geburtstag feiert. An dem 18. Februar. An dem gleichen Tag, an dem im Jahre 2014 redaktionell niedergeschrieben wurde, dass Reinhard Marx auf Lebenszeit Kardinal bleibt und was dann am nächsten Tag vom Presseamt des Heiligen Stuhls im Vatikan schriftlich verkündigt wurde.

Wird jetzt klarer, warum die Öcher Printe ohne akademischen Jura-Titel, also eben jener Armin Laschet, mehr Münchner ist als es jener hiesige, nach München zugezogene Franke mit Doktortitel, ein gewisser Herr Dr. Söder? Warum Laschet somit das volle Recht hatte, mit seinem Kabinett in jenem März 2019 seine NRW-Kabinettssitzung in München abzuhalten? Und warum Söder fürchten muss, dass Laschet als Kanzler mit der Bundeswehr in München einmarschiert und das Straußoleum (die Münchner Staatskanzlei) einnimmt und Söder zum Postboten von Baerbock degradiert? Cui bono?

Na gut. Details hinter den aufgeführten Punkten in Laschets Lebenslauf kenne ich nicht im Detail. Aber ist das kriegsentscheidend? Gehören die bisher aufgezählten Dinge etwa nicht zum „Frisieren“? Nun, wichtig ist aber lediglich: Hauptsache, sie machen dicke Backen der Empörung. Dicke Backen wie hart gekochte Kohlenhydrate an gematschten Tomaten mit Olivenöl und feinem Grünzeugs drüber. Auf Deutsch: Spaghetti Napoli. Und Krieger brauchen Kohlenhydrate. Ansonsten verhungern sie im Krieg mit den Feind, noch bevor dieser sie hätte töten können. Warum die damals durch das Kreiswehrersatzamt ausgemusterten Vulnerablen nicht trotzdem genommen wurden … sie hätten ja als Pufferweichziele verwendet werden können … Cui bono?

Ich schaue in meinen Lebenslauf. Mein Lebenslauf. Frisiert? Frisieren? Wer ich?

Hm. Herr Schreiberling, was sehe ich da? Keine Lücken? Allerdings auch kein One-Pager wie jener Lebenslauf vom Laschet. Vielmehr ein Mehr-Seiter. Und verdammt viel Text. Sozusagen eine Bleiwüste als Lebenslauf getarnt. Jaja. Und dann noch ein halbes Jahr Südamerika-Praktikum. Soso. Niemals gekündigt und niemals in einer Führungsposition. Aha. Alles so rund. So verdächtig unverdächtig. Was soll verborgen werden? Wo ist der Lebenslauf frisiert? Aber dann der entscheidende Hinweis, nicht wahr: Geburtsdatum des Schreiberlings ist der 18. Februar. Jetzt wird’s aber extrem verdächtig, Herr Schreiberling! Cui bono? Eben! Erwischt! Der 18. Februar als Tag der Nulpen …

Nööööö, ich frisiere doch nicht! Ich nicht! Doppelschwör! Ich bin ehrlich. Wie meine Haut. So wahr, wie ich sie zu Markte trage. So abziehbar, wie die Panini-Klebebildchen in den Schokoladen-Häppchen vom Kiosk an der Ecke. So ehrlich wie Hinz und Kunz hier auch.

Wie Hinz und Kunz? Okay. Dann doch eher wie Kunz. Denn Hinz habe ich bereits kennengelernt. Der beherrscht Photoshop erheblich schlechter als Kunz. Und im Gegensatz zu Hinz hat Kunz auch das passende Druckerpapier für Fake-Impfausweise, also die inoffiziellen Hinzugehörigkeitspapiere der schlaflosen Außerparlamentarischen Fake-News-Opposition, der Abteilung der Trypanophobie-Adepten und sonstige Lebensphobiker …

Menno. Ich muss an dieser Stelle konstatieren: Kerkerwächter sind auch nicht mehr das, was sie mal waren. Alles muss man selbst machen. Gutes Personal ist heuer so schwierig zu bekommen, um sein überwaberndes Über-Ich eingesperrt zu halten.

Damals, ja, damals, da konnte man noch guten Gewissens das eigene Über-Ich wegsperren, zusammen mit all den Bruchstücken der eigenen Vergangenheit. Das war noch der berühmt berüchtigte Zeitgeist, der alles unter Kontrolle hatte. Richtig, daran war nur der Zeitgeist schuld. Der hat damals die eigenen Kerkerwächter vergütet und belohnt. Aber heuer? Wenn nicht mal der eigene frisierte Lebenslauf sicher ist vor den eigenen Ansprüchen, welche man gerecht zur Rache an andere Menschen setzt, …

Komm jetzt trau dich. Sag es schon. Na los. “Cui bono” kannste doch auch aus dem Effeff buchstabieren. Tu es. Trau dich. Du bist jetzt ein alter, grauhaariger weißer Mann. Du darfst jetzt. Soll ich dir den Anfang vorsagen? Das Stichwort geben? Gut: Früher. War. Alles. …

Besser? Nö, nicht wirklich. Früher war nicht alles besser. Eines ist sogar definitiv schlechter geworden. Die Doppelmoral. Die wurde verbessert. Sie fällt jetzt nicht mehr so auf.

Cui bono? Uns Nulpen halt. Frag nicht so blöd! Armin! Äh, „Amen“ wollt ich, äh, ganz lasch dahinrotzen …

Amen.

“Ashes to ashes, clay to clay, if the enemy doesn’t get you, your own folks may.”
(aus “The peacelike mongoose” von James Thurber)

Das Corona-Tagebuch: Provinznotizen aus Deutschland Süd bei Südost (25): Gründonnerstag

Jetzt ist es wieder so weit. Das Letzte Abendmahl am Gründonnerstag. Aber es kann nicht statt finden. Versammlungsverbot, Kontaktverbot, Bewirtungsverbot und dann auch nur die Fußwaschung mit Wasser, statt Hände mit Wasser und Seife.

Daher kann dieses Event gemäß des §32 des Infektionsschutzgesetzes (IfSG ) eindeutig nur untersagt werden. Denn §32 des IfSG besagt, dass die Grundrechte der Freiheit der Person (Artikel 2 Abs. 2 Satz 2 Grundgesetz), der Freizügigkeit (Artikel 11 Abs. 1 Grundgesetz), der Versammlungsfreiheit (Artikel 8 Grundgesetz), der Unverletzlichkeit der Wohnung (Artikel 13 Abs. 1 Grundgesetz) und des Brief- und Postgeheimnisses (Artikel 10 Grundgesetz) insoweit eingeschränkt werden können. Denn es könnte zur Übertragung einer Krankheit gemäß §7 IfSG, Satz 1, Nummer 31a kommen und somit kann §73, §74, §75 und §76 des IfSG Anwendung finden.

Oder auf Deutsch: Abendmahl geht schon mal gar nicht. Das könnte sich bitter anfühlen für die 46 Millionen Christen, also der 55%-Mehrheit in Deutschland. Als Ausgleich gibt es jedoch zwei arbeitsfreie Tage, einen Frei-Tag und einen Montag, welche aber bitte dann in den eigenen vier Wänden zu verbringen sein sollten. Und die gibt es gnädiger Weise unter gleichen Bedingungen auch für die andere, jene 45%ige Minderheit.

Und weil das Abendmahl ausfällt, gibt es als Surrogat die Talkrunde am Sonntag Abend. Ein Pastor, ein Pfarrer und dazu ein einfühlsamer Moderator: “Wie haben Sie sich gefühlt, als Sie Gründonnerstag vorne am Altar standen, mit der Ausgangsbeschränkung und dem Versammlungsverbot, und dann nur leere Kirchenbänke sahen? Was hat das mit Ihnen gemacht?” “Ach, nichts besonderes. Leere Kirchenbänke waren bei uns schon immer die Regel.” “Aber es war doch Gründonnerstag.” “Ja und? Es wird ja nicht das letzte Letzte Abendmahl mit leeren Plätzen sein.”

Aber weg von leeren Plätzen jetzt zur vollen Allgemeinbildung. Wir deklinieren das Wort “Triage”. Das Wort “Triage“ kommt aus dem Französischen, bedeutet “Auswahl“ oder “Sichtung“ und ist bereits in aller Munde. Ergo muss es auch korrekt genutzt werden, nicht wahr. Also. Die Deklination – den Fachbegriff, ganz unter uns Kloster-Insassen mit Ausgangsbeschränkung gesprochen, können alle anderen Mitinsassen auch Flexion nennen –, also, die Deklination bedeutet, ein Hauptwort verbal durch die vier Kasus Nominativ, Genetiv, Dativ und Akkusativ zu jagen. Singular (Einzahl): die Triage, der Triage, der Triage, die Triage. Plural (Mehrzahl): die Triagen, der Triagen, den Triagen, die Triagen.

Sehr gut. War doch einfach, nicht wahr. Und jetzt zu Günther Jauch in “Wer weiß denn sowas”? Moment. Das Wort lässt sich ebenfalls wie ein Verb konjugieren. Man muss es nur wollen. Und genau dieser Wille wird momentan in den Medien durchkonjugiert: “Ich will nicht sterben”, “Du könntest statt meiner sterben”, “Don Giuseppe stirbt” …

Augenblick mal. Don Giuseppe? Richtig. So hieß der Priester, der katholische Erzpriester von Casnigo in Italien, der im Krankenhaus von Lovere aus eigenem Willen auf sein Beatmungsgerät verzichtete, um dieses einem jüngeren Menschen zur Verfügung zu stellen. Der Priester starb, der jüngere überlebte. Tja, das ist wahres Christentum.

Christen glauben an ein Leben nach dem Tode. Und nicht nur jene alleine. Lediglich 15% der Bevölkerung sind erklärtermaßen Atheisten und für die ist dann mit dem Ableben endgültig Schluss. Besonders, wenn sie kein Beatmungsgerät erhalten. Warum sollten also die 85% nicht dem Beispiel eines Don Giuseppes folgen? Nach dem Tod geht es ja weiter. Oder sollte es so sein, dass bei denen die Nächstenliebe nur von Zwölf bis Mittags eine Rolle spielt, ansonsten jeder andere auch gefühlter Atheist ist, aber im Grunde gerne nur viele Feiertage vom Staat erhalten und somit mehr Freizeit haben möchte?

Als am 1. November 1755 Lissabon durch ein Erdbeben und den dadurch erzeugten Tsunami getroffen wurde, darauf auch noch die Feuersbrünste fast alles in Schutt und Asche legten, war das Entsetzen groß. Wie konnte ein Gott einem so gottesfürchtiges Stadtvolk dermaßen hart bestrafen? Waren jene nicht fromm genug? Aber das Schlimmste an dieser Katastrophe war nicht diese Sache allein, sondern es war der Fakt, dass das Viertel der Sexarbeiterinnen “Alfama” weder durch Erdbeben, Tsunami noch Feuer zerstört wurde. Der “Sündenpfuhl” blieb verschont. Wie konnte Gott das nur zulassen? Vielleicht hatten die Prostituierten dort aber auch nur mit Erfolg zu St. Florian gebetet: „Heiliger Sankt Florian / Verschon’ mein Haus, zünd’ and’re an!

Doch zurück zur Gegenwart: “Triage” hat seinen Ursprung in den Lazaretten der Militärs, damit die fittesten Soldaten unter den Verletzten schnell wieder gesund gepflegt werden konnten, um sie dann zurück an die Front zu schicken. “Triage” ist jetzt die neue Heilsidee in Zeiten von Corona. Zusammengefasst werden kann das Wort “Triage” im Englischen unter dem Begriff “Survival of the fittest”, einen Begriff, welcher von Herbert Spencer, ein englischer Philosoph und Soziologe, geprägt wurde. Hierzulande sagt man einfach “Sozialdarwinismus” dazu.

Aber “Sozialdarwinismus” hört sich so negativ an. Lasst uns “Triage” stattdessen verwenden. Das hat eine edle Pseudo-Noblesse-oblige, einen Hauch von verpflichtende Verantwortung dem eigentlich “Lebenswerteren” gegenüber, gewissermaßen den diskreten Charme der Bourgeoise. Genauso hieß auch der Film von Luis Buñuel im Jahre 1972, der darauf dessen Fortsetzung “Das Gespenst der Freiheit” ins Kino brachte.

Wobei ich mit Luis Buñuel jetzt wieder beim Letzten Abendmahl wäre. Elf Jahre vor dem Film “Der diskrete Charme der Bourgeoise” drehte er “Viridiana” mit der unübersehbaren Abendmahl-Szene. Dreizehn Bettler sitzen um einen Tisch und verzehren ein üppiges Mahl. Dreizehn sind es auch auf Leonardo da Vincis „Abendmahl“-Gemälde, eine exakte Parodie. Aus einem Grammophon tönt Händels „Halleluja“. Und dann sprengt das Mahl die erträglichen Grenzen eines Abendmahls.

(verlinkte Bild-Quelle: http://festivalcinesevilla.eu/en/films/viridiana)

Soweit wird es heuer nicht kommen. Abendmahl ist bekanntlich verboten: Versammlungsverbot, Kontaktverbot, Bewirtungsverbot und dann auch nur die Fußwaschung mit Wasser, statt Hände mit Wasser und Seife. Geht gar nicht.

Dafür aber wohltemperierte Triage-à-deux, statt heißer Ménage-à-trois. Den ersteres ist keine Ursünde, sondern ein militärischer Begriff für eine Entscheidung – wir befinden ja uns im Kriegszustand gegen Corona, nicht wahr – und zwotes ist erstens heuer verboten und dann auch eh noch eine der Wurzelsünden.

Denkt daran, wenn ihr euch zum Dreier heute verabreden solltet. Denn es ist Gründonnerstag.

Mahlzeit miteinander. Und: wohl bekommt’s.

 

Bilderstürmer

“Sie haben es wahr gemacht.”

“Was denn?”

“Sie haben das Bild aufgehangen.”

“Welches Bild?”

“Das Bild von Abraham Bloemaert.”

“Abraham Bloemaert?”

“Ein niederländischer Maler des 16. Jahrhunderts.”

“Und welches Bild?”

“Jesus und die Samariterin.”

“Und?” Weiterlesen

Wenn Heilige enthauptet werden …

Die Katholische Kirche ist momentan ein Sumpf, in dem viele Frösche quaken und sich einer Trockenlegung verweigern, damit keine Leichen auftauchen. Das Bodenpersonal arbeitet momentan emsig wie die Putzerfischchen. Putzerfische sind die Fische in den Gewässern, die größere Fische von Dinge befreien, die jene bedrohen.

Wie schön für die Rotte der Putzerfischchen, wenn es dann was gibt, was ein wenig von diesem Bestreben ablenkt. So geschehen in einer Kirche in Dinkelsbühl. Dort haben Kriminelle den Schrein des Heiligen Aurelius zerstört und dem Heiligen ein Bein ausgerissen, was jener zu Lebzeiten immer schon zu vermeiden wusste.
Die Münchener TZ hatte heute darüber geschrieben (siehe Foto):
Aurelius
Der „Heilige Aurelius“?
Wer das ist?
Auch darüber schreibt die TZ:

Aurelius war römischer Soldat. Im Jahr 63 wurde er unter Kaiser Nero in Rom enthauptet, weil er als Christ als Sündenbock herhalten musste. […]

Aurelius_Text
Soweit die TZ.

Moment.
Wie war das?
Was geschah mit dem „Heiligen Aurelius“?
Enthauptet?
Wow.
Da ziehen hundsgemeine Diebe den Heiligen aus seinem Schrein unachtsam und brutal auf den Boden der Kirche, fliehen dann mit einem Bein als Beute und …
Genau.
Der Kopf bleibt dran. Vom enthaupteten Heiligen.

Und wer jetzt an dem heiligen Wunder der Erneut-Verhauptung eines Enthaupteten trotz obigen Bildes zweifelt, dem ist nicht mehr zu helfen.

Oder wie schon mein Vater zu sagen pflegte:
„Was Gott trennt, darf der Mensch nicht fügen. Außer mit Uhu.“

Wie schön zu wissen, dass der Enthauptete nicht völlig kopflos am Boden lag. So etwas nennt man auch katholische Dialektik. Womit wir wieder bei den Putzerfischchen wären, …