Das Corona-Tagebuch: Provinznotizen aus Deutschland Süd bei Südost (11)

Ich versuche mich jetzt mal an einem originellen Toilettenpapier-Witz: Begegnen sich zwei Toilettenpapierrollen … nein, ich kriege einfach keinen auf der Kette. Da bin ich inzwischen witzbefreit. Wenn arbeitsbefreite Fußballer mit deren Toilettenpapierrollen aus Langeweile Kunststückchen vor dem Smartphone vollführen, wofür deren Trainer diese während eines Fußballspiels mit echten Bällen auf Rasenhöhe zusammen falten würde …

Aber dafür jetzt ein Corona-Witz: Ein Italiener, ein Spanier und ein Deutscher treffen sich am Heinsberger Dom in einer Kneipe … MÖÖÖÖÖÖÖP … leider verloren. Macht 200 Euro Schulden beim Staat pro Beteiligten und 4.000 Euro für den Kneipenwirt … kein Witz in NRW. Und blogweit eine ordentliche Portion Social Distancing für mich, dem Blog-Autor.

Und jetzt zum Begriff “Quarantäne”. Das Wort hört sich bösartig an. Aber “Quarantäne-WG”, das hört sich wirklich nett heimelig an. Hört sich voll super privat an. Deshalb wird es auf dem Privatsender “RTL” weggesendet. Klingt genau danach, was hier in München bereits die Polizei in Privatwohnungen auflöst, wenn sie informiert wird, weil irgendwo eine Party mit ein bis mehreren Wohnungsfremden stattfindet. Es hat zur Abmahnung durch die Polizei gereicht, weil in einer Wohnung die Bewohnerin eine andere Frau eingeladen hatte und es den Nachbarn zu laut war. Die Nachbarn hatten auf Verstoß gegen das Kontaktverbot bei der Polizei reklamiert.

“Quarantäne-WG”. Irgendwie zwischen sozial solidarisch über komplett unsolidarisch asozial hin zu “ich darf das doch”. In dieser Hinsicht ist die “Quarantäne-WG” die konsequente Fortführung von scripted reality mit anderen Mitteln zur Prime Time.

Ich trinke jeden Abend einen Grappa. Und zwar grenzwertig. Da ich schizzo bin und vor mir beim Trinken immer einen Spiegel aufstelle, bin ich definitiv grenzwertig unterwegs. Besonders deswegen, weil ich dabei Spaß habe und das feiere. Zu viert, das geht gemäß Kontaktverbot gar nicht. Habe das 1:1-Abfilmen beim Prosten SAT1 mit einer spottbilligen Offerte als Konkurrenz zur “Quarantäne-WG” vorgestern angeboten. Noch warte ich auf eine Antwort. Ich habe denen den Begriff “Grappa aus Italien” fett und “aus Italien” extra fett gelb unterstrichen. Damit die TV-Macher von SAT1 gleich wissen, wie diese Hochbrisanz auch werbetechnisch vernudelt werden könnte. Werbung als Toilettenpapier zum Abwischen von genudelten Gerichten. Hach, mein Toilettenwitz. Hat da wer gelacht? Setzen, sechs!

Hat wahrscheinlich keiner bemerkt, dass die letzte Bemerkung Schwachsinn war. Gerade eben weil alle Schulen geschlossen haben. Okay, allein die Schule der Nation ist noch nicht geschlossen worden. Aber dann hätte es auch nicht “Setzen, sechs!” geheißen, sondern “Schütze Arsch! Ab nach Afghanistan! Marsch, marsch! Zum Kanonenfüttern!”

Mein Betreuer aus meiner Gruppe der “anonymen Alkoholiker” hat mir wegen meiner Offerte an Sat1 einen Anruf auf meinen Anrufbeantworterband hinterlassen. Keine Ahnung, woher er die Info gesteckt bekam. Aber er will wohl beteiligt werden. Ich werde den Rückruf einstweilen bis zum Vertragsabschluss mit SAT1 verweigern.

Ein Arbeitskollege hat mich gefragt, wie es mir denn so geht, mit den aktuell geltenden Ausgangsbeschränkungen. Ich habe scherzend geantwortet, als Single ist man Einsamkeit gewohnt. Er hat mich angeschaut wie ein Schizophrener. Erzählt hatte ich nicht, dass mir das Bier und die Kontakte in meinem Stammlokal fehlen. Sich mehr als mit einem anderen außerhalb der eigenen vier Wänden zu treffen, geht nicht. Mit nur einem Menschen außerhalb den eigenen vier Wänden zu treffen, fällt in München noch nicht unter das Kontaktverbot. In den vier Wänden allerdings schon, wenn es dem Nachbarn nicht gefällt, geht es nicht. Siehe oben. Aber wer trifft sich schon gerne mit Steppenwölfen?

Home-Office gibt es schon in meiner Firma. Aber es ist schon eigenartig, dass die Vorgesetzten deren Untergebenen über deren Skype-Status und Erreichbarkeit dauernd versuchen zu kontrollieren. Nur wenn einer Untergebenen die Vorgesetzten per Skype anzurufen versucht, nachdem diese eine Sekunde zuvor deren Nachricht gelesen haben, sind diese nicht erreichbar. Bemerkenswert ist, dass die Kundenbereichsleiter von deren Mitarbeiter bei deren Homeoffice nicht direkt zu erreichen sind. Ob der Kunde sie erreichen kann?

Ein Key Accounter ist mit seiner Frau und seinen Kinder zu dessen Großeltern aufs Land gereist, weil es dort sicherer sein soll, nicht mit dem Virus infiziert worden zu sein. Den Status und den seiner Familie kennt er freilich nicht. Ach ja, der Großelternbesuch fand nicht vor dem berühmt berüchtigten Freitag, den 13ten (als Söder die Ausgangsbeschränkungen für Bayern ab dem 14. März verkündete), sondern erst seit vorgestern. Er war übrigens zuvor noch im Skiurlaub in Tirol und verweigerte danach eine vorbeugende Quarantäne, weil es zu dem Zeitpunkt kein offiziell als Risikogebiet deklariertes Gebiet gewesen war. Den Großeltern könnte es im Nachhinein nicht gefreuen. Aus deren Sicht kriegen sie Kinderüberraschungseier. Ob sie den Hauptgewinn erhalten, wissen sie erst später. Zudem unterhält sich Monsieur Key Accounter mit seine Mitarbeitern disziplinarisch immer auf einer Kurzdistanz (weniger als 1 Meter), wenn er diese mit anderen zum Mittagessen gehen sah. Um Druck zu erzeugen. Denn seiner Meinung nach sei es absolut gesellschaftlich unverantwortlich, wenn drei jüngere Mitarbeiter (U40) zusammen Essen gehen und den Mindestabstand von einsfünfzig nicht einhalten. Er habe schließlich keine Corona-Symptome und will nicht, dass er nachher den Corona-Virus an seine Großeltern (Ü60) übertrage.

In den Fernsehen werden die namenlosen Helden der Arbeit in Zeiten von Corona zelebriert. Unpersonalisierte Wertschätzung. Ich möchte allerdings nicht zu den Helden gehören. Die Geschichte hat bewiesen, dass Helden immer zuerst sterben. Sonst werden sie nie zu Helden, sondern zu Weicheiern. Ich möchte lieber Weichei sein und leben, statt Held und zu sterben. Versteht mich da draußen jemand? Also. Versucht mich nie zum Helden zu machen. Lieber warmer Duscher als kalter Toter.

2 Gedanken zu „Das Corona-Tagebuch: Provinznotizen aus Deutschland Süd bei Südost (11)

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