Das Corona-Tagebuch: Provinznotizen aus Deutschland Süd bei Südost (45): Over and out

Es wird immer schwieriger etwas neues aus “Süd bei Südost” zu schreiben. SARS-CoV-2 ist noch immer ein bestimmender Aktivposten im täglichen Leben. Nicht, dass der Virus aufgegeben hätte, er wird nicht mehr so stark verbreitet. Nur wird man es mit der Zeit auch müde, immer die neusten Zahlen, Daten, Fakten zu verfolgen. Geschweige denn zu kommentieren. Das ist kein Gewöhnungsprozess, sondern ein Entwöhnungsprozess. Nichts passives, sondern aktives. Eine Art der vorsätzlichen Verdrängung.

In den Supermärkten laufen vereinzelt Menschen ohne Maske mit einem zelebrierten Selbstbewusstsein von hier bis Alaska herum. Bei denen scheint es ein Coolness-Faktor sein. Nur hat es etwas von den Autofahrern, die im Auto keinen Gurt anlegen, und dann mit Vollgas durch die Landschaft preschen. Etwas, was Rennfahrer nie machen würden.

Klar, der erste Gedanke zu den Mund- und Nasenbedeckungsverweigerern mag schon sein “Wehe, wenn du dann auf der Intensivstation liegst und nach Luft schnappst”. Aber darum geht es eher weniger, denn die wenigsten erkranken ernsthaft an SARS-CoV-2. Nicht jeder, der keinen Gurt im Auto anlegt, wird kurz darauf in einem Sarg zu seiner Beerdigung angeliefert. Es ist schon richtig, wenn jemand mit Vollgas ohne Gurt den Serpentinen lang braust und es ihn dann aus einer Kurve gegen Fels, Baum oder in den freien Fall haut. Dann können wir schon alle sehr empört nicken und hämisch sagen: “Selber Schuld”. Dumm gelaufen ist allerdings nur, wenn dieser Vollkaskodesperado jemanden anderen mit sich nimmt.

Gut, nicht jeder ist von der Mund- und Nasenbedeckungspflicht begeistert, weil damit ein Gefühl der Fremdbestimmung einhergeht. Dass in der Kommunikation mit den Leuten an Wurst- und Käsetheke und der Kasse erhebliches fehlt, stört dann schon eher. Ohne diesem obligatorischen Utensil war es möglich, allein durch Mimik den Verkäufer zu weiterem zu inspirieren. Oder einfach nur zu verneinen. Nur jetzt ist es schon erforderlich, sich verbal deutlich zu äußern.

Seltsamer erscheinen dabei die Mitarbeiter der Sub-Unternehmen, welche für ein paar Euro fuffzig pro Stunde in den Supermärkten die Regale einzuräumen haben. Deren Bedeckungen hängen oftmals auf Halbmast oder bedecken lediglich deren Bärte. Ich nehme es schulternzuckend hin. Klar, ich könnte locker zum Marktleiter durchstapfen und ihn darauf hinweisen, dass in Bayern so etwas dem Geschäft 5.000 Euro kosten könnte. Und den Mitarbeitern des Sub-Unternehmens könnte deren Niedriglohn-Einkommen eines Tages verlustige gehen . … Aber, würde ich das? Ich nehme es mit einem Schulternzucken hin. Ich muss nicht alles, was ich kann.

Wobei, für den letzten Satz wurde ich bereits schon privat gerüffelt, weil ich so einfach auf meine Rechte verzichten würde. Ich zucke erneut innerlich mit den Schultern und hoffe, dass das Gespräch dazu bald vorbei gehe. Denn wenn der andere immer das perfekte Leben führt und ich mit meinem Leben seiner Ansicht nach komplett daneben haue, dann umgibt mich das Gefühl der Niedergeschlagenheit, der Wertlosigkeit. Bis ich mir dann vergegenwärtige, dass es genau das ist, was der andere erzielen wollte: Demütigen und sich selber durch die Herabwürdigung des anderen aufgewertet fühlen. Wirkliche menschliche Wertschätzung geht anders.

Demütigung und Herabwürdigung ist ja auch die Sprache der Verschwörungstheoretiker, der Populisten, der Hate-Speecher, der Aufwiegler, der Hetzer. Für jene muss es immer einen geben, auf den man herabblicken kann, ansonsten hat man keine erhabene Position. Herabblicken auf andere, koste, was es wolle. Selbst wenn man sich vollkommen entblödet.

Bemerkenswert finde ich, dass in diesem Zeitalter momentan etwas in dieser Richtung Hand in Hand geht: Hate-Speech und die Betonung der Empathiefähigkeit. Zwei Seiten wie von einer Münze. Bist du empathiefähig? Eine manipulative Frage aus dem Lehrbuch der Rhetorik. “Empathische Intelligenz” oder auch „emotionale Intelligenz“ als Phrase in den Rang stilisiert zu einen brutalen Ausgrenzungsmerkmal. Hautfarbe, Nationalität oder auch Religion ist zu billig. “Empathische Intelligenz” oder auch „emotionale Intelligenz“ ist die neuste Masche für ein neues Klassifizierungsmerkmal zur abschätzigen Behandlung von Mitmenschen.

Momentan geht eine ähnliche Phrase durch die Gesellschaft, die genau diesem Muster folgt: “Ob du Lack gesoffen hast, habe ich gefragt!” Diese Aussage gebündelt mit einer anderen Behauptung knallt wie wie ein kalter Waschlappen in jedes Gesicht und schon hängt etwas im Raum, was vorher so nie angedacht war und sich dann auch aufgrund des Überraschungsmoments nur schlecht verteidigen lässt: Erst nicht zuhört haben oder gar schwerhörig und somit alt zu sein, gefährliche Dinge ohne Nachdenken massenhaft zu konsumieren und dann auch noch die Antwort auf einer Frage schuldig geblieben zu sein. Das klappt im privaten Leben, aber verstärkt erst recht im Internet, weil es originell und schlagfertig erscheint.

In dieser Krisenzeit wurden viele Argumente ausgetauscht hinsichtlich der Sinnhaftigkeit von dem Lock-down und über die Bedrohlichkeit von SARS-CoV-2 an sich. Die eine Seite wirft den Politikern vor, sich unter der Diktatur der Virologen begeben zu haben. Die nächste Seite wettert wegen der angestachelten Panik und wegen den wirtschaftlichen Niedergang aufgrund eines unbedeutenden Grippchens. Und die übernächste verweist auf Populisten wie Wodarg und Co, deren einziges Handwerk darin besteht, ein akademischen Titel – wie weiland Brians Anhänger jene Sandale – vor sich herzutragen, um damit Behauptungen aufzustellen, für denen anderen bereits gerechtfertigterweise deren akademische Titel entzogen wurde (s.a. beispielsweise Theodor zu Gutenberg). Erstaunlicherweise glauben viele an solche Bedenkenträger, weil die Gedanken jener in deren eigene finstere Vorstellung vom sinnlosen Sinn des eigenen Lebens passt. Sie werden auch dann nicht von den eigenen Überzeugungen lassen, wenn sie bereits mehrmals widerlegt wurden.

Das hat ein wenig vom Gleichnis über das brennende Haus. Am Fenster standen noch Bewohner und schrien um Hilfe. Die Feuerwehr breitete Sprungtücher aus und forderte die verbliebenen Bewohner auf, zu springen. Worauf dann einer nachfragte, ob es denn regnen würde. Falls ja, dann solle die Feuerwehr ihn doch gefälligst über der Treppe retten. Er hätte keine Lust wegen der Faulheit der Feuerwehr auch noch nass zu werden, da er schon genug Probleme mit dem Feuer habe. Loriot hatte gleiches schon mal mit seinem Sketch “Die neue HS Zwo” (hier) beschrieben.

Es geht nicht mehr um die Sache, sondern ums Prinzip. Und das Prinzip ist heilig. Dem aufrechten Deutschen scheinen Prinzipien heilig zu sein. Und von den aufrechten Deutschen gibt es viele. Denn wer nicht aufrecht ist, ist in deren Augen lediglich ein Affe. Heiliges Prinzip. Das Auto ist beispielsweise so ein Prinzip. Das Blech ist heilig. Weil es für viele gleichbedeutend mit Freiheit ist. Blech gleich Freiheit. Heilig’s Blechle. Da fliegt mir doch das Blech weg.

In einem Internetforum las ich, wie jemand eine flammende Rede zum Thema “Reisefreiheit” hielt. Freiheit wäre ein hohes Gut und bedeute, freie Reisen durchführen zu können. Daher – so die nachfolgende Folgerung – solle jeder dafür kämpfen, dass die Fluggesellschaften die Reisefreiheit nicht durch hohe Preise abstellen würden. Sie sollten preislich da weitermachen, wo sie vor der Krise aufgehört haben und nicht jetzt auch noch Forderungen stellen, ansonsten würden sie sich gegen unsere Freiheit stellen.

Das Virus existiert weiter.

In den Nachrichten erscheint es wie eine biologische Lebenseinheit. Ein Virus ist allerdings kein Lebewesen. Es ist eine Sache mit Informationseinheiten umgeben von Proteine und Fett, welche mit deren Informationseinheiten (RNA-Stränge) den menschlichen Organismus zur Selbstzerstörung bringen können. Trotzdem dichtet man den Viren ein bewusstes Dasein, einen Lebenssinn an. Dabei sind Viren eher wie Bärenfallen: tappt ein Bär rein, schnappt sie zu. Aber Bärenfallen werden von Menschen aufgestellt, um dem Bären nachher das Fell über die Ohren zu ziehen. Aber Viren? Wer hat die denn dann aufgestellt? Wer hat vor, den Menschen zu häuten und zu skalpieren? Will da wer seinen Kaminsims statt mit Elch- und Hirschgeweihen an der Wand mit Menschenköpfen zieren?

Und da kommen die Verschwörungstheoretiker mit ihren geballten Lebenspessimismus und erklären uns die Welt, wie sie sie ihnen maximal gefällt. Da ist kein Platz mehr für positives. Oder Wertschätzung. Wertschätzung ist eh bei denen etwas Sektiererhaftes, Entmündigendes. Weil es sie selber nicht betrifft. Und wenn die neusten Zahlen, Daten, Fakten nicht passen, dann kommt bei denen als Nächstes “Mainstream-Medien”, “Lügenpresse”, “Fake-News” und so weiter auf den Tisch. Auch wenn sie es bestreiten werden, Donald Trump ist deren Verkörperung eines perfekten Jongleurs mit solchen Ausdrücken.

Inzwischen haben jene sich mit ihrem Zukunftspessimismus in einer Partei namens “Widerstand 2020” vereinigt. Wahrscheinlich die Alternative zu der besorgte-Bürger-“AfD”. Eine Partei für Pandemie-Wissenschaft-Widerständler. Und dann möchte man eigentlich in die unterste Schublade langen und denen ein “Ob du Lack gesoffen hast, habe ich gefragt!” um die Ohren knallen.

Wie hatte Erich Kästner bereits einmal gesagt:

“Nie dürft ihr so tief sinken, von dem Kakao, durch den man euch zieht, auch noch zu trinken.“

Nebenbei, die Münchner Polizei hatte seit dem Beginn der Ausgangsbeschränkungen immer einen Bericht mit dem Titel “Einsätze der Münchner Polizei im Kontext mit der Corona-Pandemie” veröffentlicht. Hier wurde dann immer vermerkt, wie viele Kontrollen gemäß des bayrischen Infektionsschutzgesetzes durchgeführt wurden und wie viele Verstöße gegen die Ausgangsbeschränkung (“triftige Gründe”) geahndet wurden. Am 6. Mai wurde der letzte Pressebericht (hier) veröffentlicht. Seitdem berichtet die Polizei nur noch über die verbleibende Kriminalität, welche nicht gleich mit mindestens 150 Euro bestraft werden kann.

Somit kehrt wieder eine gewisse Routine auf allen Seiten zurück. Es lockert sich alles. Wir tragen zwar noch Mund- und Nasenbedeckung, die auch manchmal nur zur Bartabdeckung genutzt wird (sind Bärte selbstredend?). Jedoch das kann auch nicht verhindern, dass hinter den Masken noch ganz andere Viren (Bärenfallen) lauern können, mit denen Menschen anderen zumindest verbal die Haut über den Ohren ziehen können.

Es braucht auch kein Corona-Tagebuch mehr. Es ist so überflüssig wie ein Kropf geworden und hat sich selbst überlebt. Weil es nichts mehr bringt und auch nichts bewegt. Weil es bedeutet, lediglich Eulen nach Athen tragen. Und wer will schon Eulen?

Ob ich Lack gesoffen habe, hast du gefragt? Nein. Das habe ich nicht. Denn meinen Kakao suche ich mir schon selber und allein aus.

Over and out.

Das Corona-Tagebuch: Provinznotizen aus Deutschland Süd bei Südost (53): Kriegsberichterstattung

Endlich!

Endlich!

Endlich!

Wieder Fußball. Die Krise ist vorbei. Wenn Werder am letzten Spieltag ne Packung vom FC bekommt und beide gemeinsam den Hamburger SV vorbei ziehen lassen, dann ist wieder aller erste Bundesliga im Land.

Aber zuerst noch ein wenig von der Corona-Front:

Die Verblödung des Volkes mit Verschwörungstheorien wird momentan nur noch ganz knapp von denen übertroffen, die vorgeben, Regierung machen. Während mit dem Beweis der ultimativen Beteuerung der Verschwörungstheoretiker mir jene weis machen wollen, dass die Regierenden nur einen Plan haben, versuchen mir die Regierenden klar zu machen, dass es mehrere Pläne gibt, als sich Verschwörungstheoretiker vorstellen können. Und beide halten sich für die einzig Wahren, welche daraus ausgewählt werden müssten.

Derweil haben die Verschwörungstheoretiker ihre Geschütze schon auf deren eigenen heimeligen Treibsand aufgebaut. Treibsand hört sich negativ an, weil darin ja alles verschlungen werden könnte. Nur in Wahrheit ist das einfach positiv zu sehen. Denn woher sollen die Verschwörungstheoretiker heute schon wissen, woher sie morgen der nächste Sandsturm verweht. Und die Verwehung passiert in deren Ansicht immer, bevor der Treibsand anfängt zu schlucken. Das hat der Machist mit seinen sexuellen Ansichten gemein: eine Person hat lediglich zu schlucken, damit die andere befriedigt ist. Daher fühlen sie sich auch so sicher vor dem Sumpf der eigenen Ansichten.

“Wie unfair, David!”, werden die Verschwörungstheoretiker an dieser Stelle aufstöhnen, weil deren Existenzberechtigung ihr Selbstverständnis ist, nie Goliath sein zu müssen. Wobei sie das Wort “David” nur nutzen, um jeden Piefke gleich zum Helden zu stilisieren, den man danach vom Sockel stürzen muss. Da staunt der Normalo, da erschrickt die Erkenntnis, da fürchtet sich das Schicksal.

Jene Verschwörungstheoretiker werden also ihre Meinungsverbreiterung wie Stalin-Orgeln aufstellen und aus den Rohren ihre Statements abfeuern, aus denen noch nicht mal der Pfeiffer mit den drei “f”s aus der “Feuerzangenbowle” ein Gute-Nacht-Kissen klopfen würde. Die Hoffnung, dass sich die Klischees der Verschwörungstheoretiker mit der Wirklichkeit decken würden, ist somit völlig unbegründet.

Als noch unbegründeter erwies sich die Hoffnung, dass Merkel, Söder und Laschet deren Publikumsgunst unbewusst wären. Unweit der Spree sah ich sie aneinander geraten. Ich stand auf einem Haufen der Patronen verschossener Argumente und musste alles mit ansehen. Die Laschets wüteten mit furchtbarer Raserei, bis deren Klingen so ausschauten, wie Verschwörungstheoretiker meinten, dass sie ausschauen müssten: krumm wie die Säbel arabischer Barbaren. Die Söders waren auch nicht besser. Denken war denen ein Graus. Es ging denen nur ums Outsourcing. Sie gaben somit zu denken. Und die Merkels? Die investierten ihr Geld in ein Holzbein, um es einen von den beiden auf die Stirn zu binden und dem Volke als gerade gefundenes Einhorn zu verkaufen.

Als dann dieses den Heere der Söders und Laschets in den Fernseh-Talk-Runden gewahr wurde, taten beide alles ihr Bestes, den Klischees der Verschwörungstheoretiker zu entsprechen. Denn aus den gewöhnlich unterbelichteten Kreisen der Verschwörungstheoretiker verbreitete sich aus deren Dunkelkammern fürs unterbelichtete Volk die schlecht entwickelte Meinung, die Söders und Laschets wüssten eh schon, was sie tun, bis jeder es merkelte.

Als die Verschwörungstheoretiker desweiteren auch noch mitbekamen, dass jene Feldherren der Tagespolitik lediglich Bananenzüchter derer eigenen Frühlingserwachen waren, wurde ihre Wut erheblich größer. Und so machte sich in den engen Denkrinnen jener Verschwörungstheoretiker etwas erheblich breiter, was dazu führte, dass etwas überschwappte und dabei auch noch durchsickerte. Dass die Verschwörungstheoretiker auf den erheblichen Nutzen eigener Bananenplantagen schwörten und die Bananenrepublik Deutschland nicht in dem Besitz einiger Bananenplantagenbesitzer wären, sondern in der Hand anderer Nicht-Bananen-Plantagen-Besitzer, das fanden die Verschwörungstheoretiker ganz uncool. Denn nur Bananenländereien gehörten in die Hand der Bananen-Plantagen-Besitzern, eben jenen ureigentlichen Verschwörungstheoretikern. Frei dem Motto: “Wen macht die Banane krumm? Immer nur die anderen.”

Und somit entwickelten Verschwörungstheoretiker etwas, was jene in deren eigenen Langeweile immer gerne entwickeln: Ziele für deren Verschwörungstheorien. Mit dem ersten Hahnenschrei des folgenden Tages standen sie auf den Haufen, den sie sich als Verschwörungstheoretiker selber gelegt hatten und versuchten dabei nicht über jenen auch noch geschossen zu werden. Und falls doch, so wollten sie nur als Opfer und Märtyrer und Unverstandener zu erscheinen. Sie warfen alles in den Kampf, was sie fanden inklusive derer eigenen Unvermögen.

Und sie fanden, dass es Außenstehende gäbe, denen die ganze Schuld aufzuladen wäre. Also Nicht-Politikern, denen sie den Status der fehlbaren Allmächtigen verliehen. Oder Leute, die zu besonnen dafür erschienen. Eben drum hat deswegen ein Reichelt seine BILD sofort den Verschwörungstheoretiker aus reinem Mitgefühl neue Geschütze im Kampfe für deren Verschwörungstheorien öffentlich überreicht: der Russe, der Droste, der Wieler und die anderen Panikmacher seien Schuld, weil es gäbe noch andere wie Wordag und Co zum Zuhören. Lasst uns die Überbringer der schlechten Nachricht schlagen und die Wodargs mit Palmwedeln bei ihrerem Einmarsch in Jerusalem auf dem Sarg der wertlosen Botschafter bekränzen. Und freilich auch den damals für BILD heilsamen Wissenschaftler Manfred Köhnlechner (Gott habe ihn seelig) auferstehen lassen, der aus dem Mund der anderen unbeachteten Virologen spräche.

Deren BILD-unterstütze Argumente waren von Vorteil. Die Verschwörungstheoretiker, obwohl sie zuvor beteits getroffen wurden und deren beide Beine vom Knie abwärts zerschmettert waren, trotz allem sie bluteten wie die Schweine unter der Knochensäge. Für Gott und Verschwörungstheorie. Auffallend war, trotz fehlender Beine, sie fielen weder an den Rand der Grube, noch hinein, jene Grube, welche sie für andere tief und breit ausgehoben hatten.

Fernerhin hatten die Verschwörungstheoretiker festgestellt, dass in den hiesigen Zeiten jedes losgelassene Argumentationsgeschoss eine kostspielige Sache war. Jedes Geschoss war inhaltlich im Stande, eine Familie einen Monat zu ernähren! Das war den Verschwörungstheoretiker der Wohltat zu viel. Denn wer konnte schon bestimmen, ob jene begünstigte Familie nicht entgegen den Überzeugungen der Verschwörungstheoretiker lebte! Das wäre unverantwortlich und ganz und gar verkehrt. Also kehrten sie die These ‘Wer nicht mit Geld umgehen kann, hat keins’ in die revolutionäre These ‘Wer kein Geld hat, kann damit auch nicht umgehen, etst recht nichz fehlerhaft’ um, an deren Ende die Forderung ‚Spendet nur noch uns’ stand. Crowdfunding at its best!

Und so saßen die Crowdfunder in deren spanischen Villen, deren mobilen Lebesräume, deren Luftschlössern, und beklagten, dass die Kämpfer für deren Freiheit nicht mehr deren Herzblut auf dem Schlachtfeld der Verschwörungstheoretiker lassen würden. Und im Umkehrschluss somit, sich mit dem Feinde fraternisiert hätten.

An dieser Stelle senkte sich der Vorhang über das Kriegsgeschehen und der Reporter hatte den Handlungsschauplatz zu verlassen. Er entschuldigte sich mit einem ‘er müsse auch mal schlafen’, aber jeder weiß, dass der Kriegsreporter nur eine Nulpe hoch drei ist, wenn er nicht von Blut, Schweiß, Tränen und Verschwörungstheorien erzählt.

Stattdessen wanderte der Blick wieder zum unbedeutenden Anfang der Reportage und es war lediglich zu wiederholen:

Endlich!

Endlich!

Endlich!

Wieder Fußball. Die Krise ist vorbei. Wenn Werder am letzten Spieltag ne Packung vom FC bekommt und beide gemeinsam den Hamburger SV vorbei ziehen lassen, dann ist wieder aller erste Bundesliga im Land.

Das Corona-Tagebuch: Provinznotizen aus Deutschland Süd bei Südost (52): Warum Verschwörungstheorien überleben (frei nach Ovid)

Es war einmal ein Jäger, der hatte zwei Hunde. Den einen nannte er “Recht”, den anderen wiederum “Ordnung”. So konnte er endlich in seinem eigenen Umfeld für “Recht” und “Ordnung” sorgen.

Der Jäger war jetzt nicht ein profaner Jäger, dem es um das alltägliche Abendmahl mit Wildbret ging. Nein, ihm ging es eher um Meinungen, von denen er meinte, sie wären weder in Ordnung, noch hätten sie Recht. Es war ihm daher ein wohlfeiler Spaß, wenn er jagend etwas erhaschte und es mit “Recht” und “Ordnung” zur Strecke bringen konnte. Er empfand es als seine Mission, für Aufklärung bei anderen Meinung zu sorgen. Die anderen konnten ja seiner wohlüberlegten eigenen Meinung folgen, ansonsten würde er sie mit deren Meinung mit Hilfe seiner beiden Hunde jagen.

So streifte der Jäger mit seinen beiden Hunden durch das Dickicht der Meinungen und traf auf eine Grotte. Er fragte sich verwundert, welche eigensinnige Meinung denn hier beherbergt sei. Und er beschloss diese zu Recht und Ordnung zu verhelfen. Er gehieß seinen getreuen Begleitern vor der Höhle Wache zu halten und betrat danach dieselbige. Nach dem Durchschreiten eines kurzen Ganges erreichte er das Zentrum und erspähte den Glauben an das Wirken finsterer Mächte, wie eben jener in einer Quelle sich volle Blöße geben badete. Der Jäger war fasziniert und erotisiert. Wer so nackt vor ihm stand, der musste einfach die wahre Quelle der Meinung gefunden haben, so dachte er sich. Während er den Glauben so anstarrte, errötete dieser, bespritzte den Jäger mit Wasser aus der Quelle und rief ihm zu:

“Magst du es jetzt kund tun, dass ohne Gewand du mich schautest, wenn du es kund tun kannst.”

Der Jäger spürte das Wasser des Glaubens auf seinem Haupte, verspürte, wie ihm ein Elchgeweih aus dem bespritzten Kopfe wuchs, wie seine Ohren sich spitzten, sein Hals länger wurde, seine Hände und Füße zu Hufe wurden, seine Haut sich zu gegerbtes Elchenleder wandelte. Der Jäger verließ die Höhle und starrte verwirrt in eine Regenpfütze. Als ihm ein Elch daraus entgegenstarrte, wollte er ein “Weh mir!” rufen, aber seinem Maul entfuhr nur ein zitterndes Röhren. Nicht mal seine Stimme hatte er behalten. Lediglich sein Geist war ihm geblieben und erklärte ihm, dass der Glauben dran Schuld wäre.

Er wollte zurück, um den Glauben an das Wirken finsterer Mächte zur Rede zu stellen und jenem seine eigene Meinung zu geigen, damit jenem Glauben an das Wirken finstere Mächte Unrecht nachzuweisen. Doch in jenem Moment spürte der ehemalige Jäger, wie “Recht” und “Ordnung” ihn mit wohlgezieltem Sprung anfielen

“Ich bin’s! Erkennt doch euren Gebieter!”, wollte er in seiner Verzweiflung rufen. Indessen röhrte er nur jämmerlich, wie wohl niemand zuvor einen Elche so hat röhren hören. Doch “Recht” und “Ordnung” zerfleischen im Bilde des trügenden Elches ihren Herrn, bis jener sein Leben ausgehaucht hatte und gerächt der Glauben an das Wirken finsterer Mächte wieder seinem eigentlichen Geschäft nachgehen konnte. Der Glauben begab sich von seiner Quelle frisch gebadet wieder unters gemeine Volk und fuhr fort, Mahnungen vor finsteren Mächten, die nur Schaden anrichten wollen, zu verbreiten.

Als später der zerfleischte Elch aufgefunden wurde – so sagt die unbewiesene Legende –, kam wohl ein Dichter namens “F. W. Bernstein” vorbei und notierte angesichts der zerfledderten Gestalt in der Regenpfütze in seinem Gedichtband die bedeutenden Worte:

Die größten Kritiker der Elche waren früher selber welche.

Das Corona-Tagebuch: Provinznotizen aus Deutschland Süd bei Südost (51): Haarige Zeiten

She asks me why I’m just a hairy guy
I’m hairy noon and night Hair that’s a fright
I’m hairy high and low
Don’t ask me why. Don’t know
It’s not for lack of bread. Like the Grateful Dead (*)

Was ist der Unterschied zwischen einem Besuch beim Friseur und in einem Haus für religiösen Menschen? Beim Friseur werden deine persönlichen Daten für drei Wochen gespeichert, beim Gotteshausbesuch nimmt der jeweils zuständige Gott deine Daten auf. Während dich also im Infektionsfall im ersteren Fall der Staat für vierzehn Tage in Quarantäne verhaften wird, wird dich der jeweilige Gott für die Ewigkeit grillen.

Wo geht man also im Zweifelsfalle hin? Freilich zum Friseur. Denn wer will schon ohne passende Frisur eine Ewigkeit im Fegefeuer verbringen? Ach ja, stimmt. Die Katholiken. Ohne Fegefeuer fehlt denen was. Für die restlichen der Religiösen ist es ja die Hölle und ewige Verdammnis, worauf die schwören.

Flow it, show it
Long as God can grow it
My hair, hair, hair, hair, hair, hair, hair … (*)

„Waschen, schneiden, legen?“

„Ach ja, bitte.“

„Und ein wenig Remdesivir als Apres-Lotion nach dem Schnitt ins Haar? Alternativ gäbe es da auch noch ein wenig Des-in-Fekti-Waxing, wenn sie wünschen?“

My hair like Jesus wore it
Hallelujah I adore it
Hallelujah Mary loved her son
Why don’t my hair stylist love me? (*)

In München fuhr gestern mal der Innenminister Bayerns mit der U-Bahn ins Rathaus. Ganz unfrisiert. Das macht der sonst nie, also die U-Bahn zu nutzen, natürlich. Er wollte wohl mal seine eigene Maske allen in der U-Bahn präsentieren. Erkannt hat den Joachim Hermann dabei niemand.

Und schon sieht man darin auch gleich den Vorteil einer Mund- und Nasenabdeckung: Man muss das ganze Gesicht eines ungeliebten Menschen nicht vollends ertragen. Die Maske dient einerseits der Anonymisierung. Andererseits wird einer Person, deren Gesicht durch eine Maske halbwegs verdeckt ist, seines lebendigen Ausdrucks beraubt ist und erscheint wie tot. Wünscht man sich mit so einer Person näheren sexuellen Kontakt, könnte das auch als eine Form der Nekrophilie angesehen werden.

Womit damit auch erklärbar werden könnte, warum ein Innenminister Bayerns in München U-Bahn fährt, statt sich allein in seiner Dienstlimousine zum Rathaus fahren zu lassen. Und das, obwohl er ja im Gegensatz zur Normal-Michel-Gesellschaft eine gewisse Immunität besitzt. Also die diplomatische, nicht virologische.

Übrigens. Vor einem Jahr hatte sich schon mal ein bayrischer Spitzenpolitiker in den Münchener öffentlichen Nahverkehr getraut. Markus Söder. Damals bereits todesmutig ganz ohne Maske. Aber so wie heuer Joachim Hermann erkennen musste, so musste vor einem Jahr auch Söder erkennen, man erkannte ihn nicht.

Und wenn man sich die Fotos von Söder von vor einem Jahr anschaut und von heute, dann erkennt man: da war kein Friseur vorher tätig. Der Deutsche erkennt nur wohl frisierte Menschen wieder.

Tja, Pech, Herr Hermann. Also, demnächst öffentlich U-Bahn-Fahren nur nach einem Friseurtermin, woll.

A home for fleas. A hive for bees.
A nest for birds. There ain’t no words.
For the beauty, the splendor, the wonder
Of my … (*)


Anmerkung: Die mit (*) gekennzeichnete englische Verse stammen aus dem Lied „Hair“ vom gleichnamigen Musical

Das Corona-Tagebuch: Provinznotizen aus Deutschland Süd bei Südost (50): Tages ShowBiz

“Und wer sind jetzt Sie, werter Herr?”

“Wissenschaftler. Ich bin Wissenschaftler.”

“Wissenschaftler. Soso. Als Wissenschaftler wissen Sie sicherlich, wer ich bin?”

“Ich vermute Bischof, nach Ihrer Kleidung zu urteilen.”

“Soso. Sie vermuten. Mein lieber Herr Wissenschaftler, ich bin nicht nur geistlicher Würdenträger, sondern auch Politiker.”

“Oh, das konnte ich nicht erkennen.”

“Das macht nichts. Deshalb sag ich es ja Ihnen auch, nicht wahr. Mein Leben besteht nicht nur darin, das Seelenheil der Menschen zu ermöglichen, nein, ich trage auch noch die Verantwortung für das Leben der tausenden mir untergebenen Menschen. Sie wissen, was das ist, Verantwortung?”

“Ich …”

“Und weil ich Verantwortung habe, ist es auch erforderlich, dass ich immer ganz genau weiß, was vor sich geht, nicht wahr. Und dann kann es nicht sein, dass mir ein halbes Leben lang von der Wissenschaft erklärt wird, die Erde sei eine Kreisscheibe, und dann kommt jemand daher, die Erde sei eine Kugel, dann kommt wieder einer und sagt, sie wäre eine ovale Scheibe und jetzt erklären Sie mir über meine Kanäle, dass die Erde wahrscheinlich eine Kartoffel sei.”

“Nun … .”

“Was ist sie denn nu? Eine Scheibe, eine Kugel, eine Kartoffel? Wann kommt dann noch der nächste und erklärt mir, unsere geliebte Erde wäre nur eine Scheibenwelt mit vier Elefanten getragen von Schildkröten unter deren Füßen? Gestern kam wieder einer, der mir glaubhaft erklärte, die Erde sei doch eine quadratische Scheibe. Könnt Ihr Wissenschaftler, denn nicht mal konstant in eurer Forschung sein? Da ist überhaupt nichts einheitliches bei euch. Immer dieses hin und her. Das geht nicht.”

“Aber …”

“Wenn ich heute Schiffe ausschicke und die segeln munter drauf los, weil ich denen befehle, dass die Erde eine Kugel sei und dann fallen die doch über den Scheibenrand runter, wie soll das gehen? Ich hab die Verantwortung für Tausende! Ich muss doch auch mal verlässliche Entscheidungen treffen können.”

“Wir …”

“Da haben wir euch Wissenschaftler in die Politik geholt und jetzt bringt ihr alles durcheinander. Ihr Wissenschaftler könnt doch nicht einfach über unsere Köpfe hinweg sagen, was wir glauben sollen. Und dann könnt ihr euch doch auch nicht dauernd untereinander streiten. Das macht man doch nicht. Wir brauchen Fakten. Könnt ihr nicht mal einer Meinung sein?”

“Aber, Hochwürden, …”

“Raus! Geht mir aus den Augen! Ich kann auch Politik ohne euch Un-Wissenschaftler. Von euch erwarten wir Antworten. Und keine Streitgespräche oder keine neuen Fragen. Ihr seid übermütig geworden. Raus!”

Der Wissenschaftler ging mit gesenktem Kopfe hinaus.

“Hochwürden, was machen wir mit dem Subjekt? Weiterhin eingesperrt lassen, bis er widerruft? Oder auf dem Marktplatz vierteilen lassen? Oder gleich lebendig auf den Scheiterhaufen?”

“Och, pfählen wäre doch mal neues. Das Volk will nicht immer das Gleiche sehen. Wiederholungen gefallen denen einfach nicht. Gönnt denen doch mal auch eine Abwechselung.”

Das Corona-Tagebuch: Provinznotizen aus Deutschland Süd bei Südost (49): The Director’s Cut

Die Spatzen hüpften um die Wette. Die Hunde lagen faul in der Sonne. Der Himmel strahlte sein schönstes 1.-Mai-Strahlen. Der Betontisch zwischen uns diente normalerweise dem Dame-Spiel. Oder einem Schach-Spiel. Seine Quadrate waren unbesetzt, nur in der Mitte stand die Gin-Flasche und eine Flasche Tonic-Water.

“Ohne Eis”, fragte ich vorsichtig.

Er schaute mich kurz an, ganz kurz. Seine Augen erschienen leer und leicht verheult. “Eis braucht es nicht.”

“Alkohol ist keine Lösung, Mann.”

“Kein Alkohol ist auch keine.” Mit seiner rechten Hand machte er eine wegwerfende Bewegung hinter sich.

“So schlimm?”

“Schlimmer.”

“Wie schlimm?”

“Kennen Sie den Film ‘Nuovo Cinema Paradiso’ ?”

Klar kannte ich ihn. Philippe Noiret spielte eine hervorragende Rolle. Die Rolle eines alten Filmvorführers, der dem jungen Toto das Kino näher brachte. Ich nickte. “Ein grandioser Film in den 80ern. Freilich kenne ich den. Ein Oskar als Bester fremdsprachlicher Film.”

“Bester fremdsprachiger Film”, korrigierte er mich, “1990 erhielt er den. Vor 30 Jahren. Ins Kino kam er hier 1989, als das erste große Kinosterben stattfand. Wegen Fernsehen und Videos.”

Ich nickte erneut. “Ja, dieser Lockdown momentan wird wieder ein Kinosterben erzeugen. Streaming Dienste schleifen gerade die Sargnägel für viele Lichtspielhäuser.”

Lichtspielhäuser. Schön hast du das gesagt. Ich wollte den Film ‘Nuovo Cinema Paradiso’ auf einen der Streaming Dienste anschauen. Aber kein Streaming Dienst führt den Film.”

“Echt?”

“Keiner. Vielleicht, weil der bei der Weinstein-Company in Lizenz steht und mit Weinstein keiner mehr in Verbindung gebracht werden will. Selbst als DVD- oder Blueray-Neuware fand ich ihn nirgendwo. Ich habe mir den Film im Gebrauchtwaren-Handel bestellt. Deluxe Edition. Redux. The Director’s Cut. Der dauert knapp 49 Minuten länger als die Version, die damals im Kino gezeigt wurde.”

“Die Weinstein-Company ist in die Insolvenz gegangen. Vielleicht deswegen? Lohnt sich die längere Version?”

Er schaute mich kurz prüfend an. “Du erinnerst dich doch noch an die Liebesgeschichte im Film zwischen Toto und Elena?”

“Ja, klar. Als Alfredo starb, erinnerte sich Toto an seine damalige Freundin Elena. Er sah sich bei seiner Mutter in dem Dorf Giancaldo noch den 8-mm-Film von Elena an. Durchlebte die Erinnerung mit seinen alten Schwarm als Film. Aber das Hauptstück vom Film ist doch letztendlich die Schlussszene, der von Alfred zusammengeschnittene mit seinen Kussszenen.”

“Nein, das ist nur eine Schlusspointe. Im Director’s Cut kriegt der Film eine neue Perspektive, was Alfredo, Toto und Elena angeht.”

“Welche?”

Er schüttete sich wieder ein Gemisch aus Gin und Tonic in seinem Plastikbecher zusammen, nahm einen intensiven Schluck, drehte seine Hand mit dem Becher vor seiner Brust ein und schaute mich an.

“Toto entdeckte, dass Elena wieder in Giancaldo lebte. Nach Alfredos Beerdigung traf er sie wieder und erfuhr, dass Alfredo einen großen Anteil damals nahm, dass sich Toto und Elena nie wieder sahen. Er erklärte Elena, sie sollte ihn vergessen, weil sowohl Toto als auch Elena ein eigenes Leben haben werden. Und Elena erklärte Toto, dass ihr Wiedersehen in Giancaldo der perfekte Schlusspunkt ihrer alten Liebesbeziehung wäre. Sie hätte ihr Leben. Toto sah das nicht so. 30 Jahre war er ohne längere Beziehung und in jeder Frau suchte er nur einen Ersatz für seine Elena von damals. Unverheiratet, ohne Kinder. Das Gegenteil von Elena. Toto hätte gerne die Beziehung wieder gestartet, aber für Elena war es eine Geschichte von damals. Toto fuhr zurück nach Rom, enttäuscht, weil er sah, dass er seine alte Liebe wieder gefunden hatte, aber seine alte Liebe sah ihn nicht als neue Liebe, sie hatte keine Zukunft. So sass er im Kino und ließ sich das Vermächtnis vom Filmvorführer Alfredo den Kussszenen-Film vorführen. Aber ihm war klar, dass seine Vergangenheit für immer Vergangenheit bleiben würde. Alle Hoffnungen der letzten 30 Jahre waren passé und es blieben ihm lediglich Kussszenen aus der Vergangenheit, an die er sich erinnerte.”

Er machte eine Pause und nahm erneut einen Schluck aus seinem Becher.

“Das ist der Unterschied zum Kino-Film?”

“Ich hatte den Film bestellt, weil ich über den Soundtrack gestolpert bin. Gestern traf er mit der Post ein.”

“Hm.”

“Vor vier Tagen erhielt ich allerdings eine andere Nachricht. Privat. Als ich jung war, hatte ich eine große Liebe. Ich liebte sie abgöttisch, verbrachte damals stundenlang damit ihr Liebesbriefe zu schreiben. Irgendwann hatte ich bemerkt, dass sie nicht mehr wollte, also hörte ich damit auf, schrieb nicht mehr. Aber dafür schrieb ich umso mehr in meinem Tagebuch über sie. Führte Dialoge mit ihr, erklärte ihr darin, was ich so tat und wie sehr ich sie verehrte. Sie lernte jemand aus meinem Bekanntenkreis kennen und heiratete ihn. So vor einem Viertel Jahrhundert. Er war erfolgreicher als ich, aber Eifersucht fühlte ich keine. Ich dachte mir nur, wenn sie irgendwann von ihm genug haben sollte, dann wäre ich da und dann könnten wir … Ein dummer Traum, dummer Jungentraum. Was soll’s. Ich hielt zu ihm noch Kontakt, denn er ist ein wirklich sympathischer netter Mensch. Aber zu ihr verlor ich den Kontakt. Sie reagierte nicht mehr auf mich. Aber das war mir egal. Ich hatte ja noch Kontakt zu ihm. Klar, ich war mir im Klaren, dass ich mit ihr niemals mehr zusammen kommen würde. Ich wollte der letzte sein, die ihre Ehe in Frage stellte oder sie zu etwas drängen würde. Vielleicht war dennoch insgeheim auf Rückkehr vorhanden. Aber mit jedem Jahr wurde das nur noch ein diffuser Traum. Nach dreißig Jahren erhielt ich jetzt von ihrem Ehemann die Nachricht, dass sich beide voneinander haben scheiden lassen und getrennte Wege gehen würden. Das einzige Bindeglied zwischen den beiden wäre nur noch deren beider Kinder.”

Er machte eine Pause. Ich schwieg. Er goss sich eine neue Mischung ein. Ich sah ihm dabei zu.

“Ich wusste nicht, wie ich auf seine Email reagieren sollte. Und dann kam der Film an. ‘Nuovo Cinema Paradiso’. The Director’s Cut. Nach zwei Wochen des Wartens. Ich schaute ihn mir an und es kam wieder alles in mir hoch. Alles von damals. Damals hatte ich die Kino-Version gesehen und ich sah Toto als mein Ebenbild an, so wie er für seine Elena von damals schwärmte. Unerreichbar und unkontaktierbar. Eine Erinnerung von damals aus seiner Jugend. Und dann sah ich den Director’s Cut.”

Er hielt inne, starrte vor sich hin, nahm einen Schluck aus seinem Becher und verzog sein Geischt.

”Warum muss dieser verdammte Director’s Cut das Ende haben, welches ich jetzt erlebe? Warum? Warum muss Film und Leben diese Parallelen haben?”

“Ruf sie doch an. Lass dir ihre Nummer von dessen Ex geben. Sie wird sich vielleicht freuen.”

“Du bist nicht ganz dicht, oder? Das, was ich damals erlebte, meine Liebe zu ihr, die ist passé. Wie die von Toto im Film. Das war kein 30 Jahren warten, das waren 30 Jahre bis zur Erkenntnis, was ich mit meinem Leben in der Hinsicht gemacht hatte. Warten auf etwas, was es gar nicht mehr gibt. Sie. Das Leben ging weiter und ich habe es verstreichen lassen für alte Erinnerungen.”

“Und das haben Sie erst durch die längere Version eines Filmes verstanden?”

Seine Blick war leer, in seinen Augen lag Leere, als er mich ansah. Und langsam fingen sie an zu schimmern. Er war dabei, in Tränen auszubrechen. Er nahm einen weiteren hastigen Schluck aus seinem Becher und blickte vor sich auf den Boden.

“Ja, vielleicht. Und? Ist das schlimm? Nur, als ich den Film bestellte, da dachte ich gar nicht an sie, da dachte ich nur an einen wunderbaren Film mit der traumhaften Musik von Ennio Morricone. An eine intensive Liebesgeschichte. An ein altes Kino in meiner Nachbarstadt, einem Kino mit großem Saal, in dem ich ‘Spiel mir das Lied vom Tod’ sah. Das Kino war alt und wurde abgerissen, um dort einen Parkplatz zu errichten. So wie in dem Film ‘Nuovo Cinema Paradiso’. Ich sah den Abriss, bevor ich aus der Gegend wegzog. Ich wollte nur eine alte Zeit der großen Kinosäle mit dem Film zurück holen. Aber dann erhielt ich die Mail und der Film traf ein.”

Ich nickte ihm verstehend zu. Zumindest versuchte ich mein Nicken das Attribut ‘verstehend’ zu geben.

“Wir müssen gehen. Dahinten kommen zwei Streifenpolizisten. Und es existiert noch das Kontaktverbot und die Ausgangsbeschränkung.”

Er nickte, verstaute seine beiden Flaschen in den Rucksack und stand auf, den Becher in seiner rechten Hand umklammert. Er war trunken und schwankte. Er drehte sich zu mich um und bemerkte noch:

“Und Alkohol ist doch eine Lösung!”

Dann schwankte er von dannen.

Die beiden Polizisten gingen an mir vorbei dem trunkenen Mann hinter her. Sie beachteten mich mit keinem Blick. Sie unterhielten sich locker entspannt über diesen sonnigen, sommerlich warmen 1. Mai.

Ich blickte vor mir auf den Betontisch. Der Tisch war wieder leer. Die Quadrate unbelegt. Das darauf eingravierte Spielbrett wartete auf seine Steine. Oder auf Schach-Spielfiguren, damit diese erneut aufgestellt werden. Für ein neues Spiel. Neues Leben. Neues Glück.

Das Corona-Tagebuch: Provinznotizen aus Deutschland Süd bei Südost (48): Sendepause

Wenn ich mal nichts zu sagen haben, sollte man mich auch nicht unterbrechen, wenn ich beredendes Schweigen ausübe.

Drum heute mal Sendepause.

Das Corona-Tagebuch: Provinznotizen aus Deutschland Süd bei Südost (47): Der Mai ist gekommen …

Schlaf, Kindlein, schlaf,
Den Vater traf’s im Schlaf,
Die Mutter fand das gar nicht fein,
Erhielt er doch ein Lungenunwohlsein.
Schlaf, Kindlein, schlaf!

Maikäfer, flieg!
Das Leben dem Vater nun entstieg.
Die Mutter ging ins Quarantäneland.
Quarantäneland ist jetzt abgebrannt.
Maikäfer, flieg!

Das Corona-Tagebuch: Provinznotizen aus Deutschland Süd bei Südost (46): Freinacht

Spielplätze, Zoos, Museen und Kirchen werden wieder geöffnet. Benutzung nur mit Gesichtsbedeckung und vorheriger Desinfektion der Hände. Welcher Bereich fällt systematisch raus? Richtig der Spielplatz. Zoos, Museen, Gedenkstätten (wie u.a.a. Friedhöfe) und Kirchen, da können die Eltern deren Kinder mit den Opas und Omas abschieben. Damit sind die Eltern von den Kindern befreit und die Großeltern können deren Enkel mal wieder sehen.

Warum Spielplätze aus den vieren zuvor Genannten raus fällt? Ganz einfach. Es war den Hundehaltern einfach nicht mehr zuzumuten, mit deren Hunde auf Liegewiesen zu gehen. Die haben die Rasenfläche ruiniert. Oder gegen das Rasen-Betreten-Verboten-Gebot verstoßen. Und die Bürgersteige als Gassi-Location war für die Hundebesitzer jetzt auch nicht ganz so cool, weil da mussten sie permanent die Hinterlassenschaften höchst selbst mit eigenen Handschuhen aufheben. Das ging in den Rücken. Und das zudem unter den kritischen Blicken der intoleranten Nicht-Hunde-Besitzer. Nun ist fast schon alles wie zuvor, denn Herrchen und Frauchen können dann mit deren Hunde auf den Spielplätzen endlich wieder Gassi gehen. Und das Hundi kann den Haufen selber vergraben.

Lediglich das Thema “Urlaub”, das ist noch immer nicht gelöst. Daher entsteht auch ein gewisser Urlaubsstau in den Betrieben. Oder wie sagte doch ein Kollege so treffend, dass er sich nicht vorschreiben lassen wird, Urlaub zu Hause zu verbringen. “Urlaub” sei nur dann erst “Urlaub”, wenn er in Urlaub fliegt.

Urlaub-Feeling herrscht momentan irgendwo hier im Wohnblock. Musik und Partygeräusche wehen hier zu mir her. Offenbar ist das der Start in die “Freinacht”. Da wird normalerweise mit Klopapier des Nachts herum geschmissen. Mit Klopapier. Mit einem Luxusprodukt. Vielleicht wisst ihr jetzt, warum Klopapier letztens so schwierig zu erhalten war. Und wer kein Klopapier hat, der geht in die Gegend und reißt Birkenäste ab. Es ist die Nacht, in der seitens brünstiger Männer bestimmten Frauen ein Maibaum präsentiert wird. Das nennen die hier in Bayern und wie auch in anderen Gegenden “Tradition”. Andere kennen so etwas auch unter dem Hashtag #metoo …

Die Nacht zum 1. Mai halt …

Das Corona-Tagebuch: Provinznotizen aus Deutschland Süd bei Südost (45): Maikäfer, flieg …

Die wichtigste Erkenntnis vom Tage: Der Berliner Hauptstadtflughafen wird wohl nun doch geöffnet. Dumm nur, dass jetzt kaum Passagiere kommen werden. In München werden Start- und Landebahnen gesperrt und nur noch ein Terminal betrieben. Der Berliner Flughafen Tegel bereitet eine vorübergehende Schließung des Flughafens vor. Zu wenig Betrieb. Damit die drei Flughäfen demnächst nicht von spontanen Tourismusströmen überrannt werden, wurde die weltweite Reisewarnung vom Auswärtigen Amt bis Mitte Juni verlängert.

Bayern wurde ausdrücklich nicht in dieser Reisewarnung einbeschlossen. Söder hat ja bereits erklärt, Bayern könne nichts dafür, dass es solche Nachbarn wie Italien und Österreich habe, wo sich das Virus ungehemmt sich beim After-Ski unter Deutschen vermehren konnte. Dumm nur, dass die vielen kommerziellen Starkbierfeste in Oberbayern hot spots zur Vermehrung der Pandemie waren und aus traditionellen geschäftlichen Gründen nicht abgesagt wurden. Heinsberg war da nur ein kleiner hot spot. Die Umgebung Rosenheims ist sehr stark betroffen. Out of Rosenheim ist die Welt überhaupt nicht in Ordnung.

Söder gilt als Macher. Laschet eher nicht. Dumm für die Nordrhein-Westfalen, dass sie nicht so feierwütig wie die Bayern sind. Karneval war nicht wirklich das Gegengewicht, welches den Virus in Laschet-Sektor so verbreiten konnte, wie das Feiern in Bayern beim Söder. Daher hat Bayern auch ein schärferes Infektionsschutzgesetz als NRW. Und den rigideren Bußgeldkatalog. Das mögen die Deutschen. Deshalb steht Söder auch so hoch in deren Gunst.

Im Fernsehen werden zu möglichen Geisterspielen zwei Experten gefragt: der eine ist arg adipös und wird einen Ball vor seinen Füßen garantiert nicht sehen können, der andere ist Schauspieler, der mal einen Fußballspieler geschauspielert hat. Der fehler ist offensichtlich. Deutschland hat umgerechnet 80 Millionen Trainer, aber niemand läd diese in eine Talk-Show ein. Meiner Meinung nach ein ganz großes Versäumnis …

Draußen regnet es. Ein Gruß der Natur an die Dürre. Regen bringt Segen. Kommt’s ungelegen? Bald ist wieder Feiertag. Vielleicht haben die Maikäfer wieder ne Chance zu fliegen und nicht wie üblich bei den 1.-Mai-Feiertagswanderungen zu Tode gestreichelt zu werden …

Das Corona-Tagebuch: Provinznotizen aus Deutschland Süd bei Südost (44): Maskenball

Zum ersten Mal musste ich meine Maske einsetzen. Es ist ein ungewohntes Gefühl. Mir fehlt zudem das Gesicht bei den anderen Miteinkäufern. Die Mimik fehlt und nur die Augen bleiben übrig als Anblick. Auch das Sprechen mit so einer Mund- und Nasenbedeckung fällt mir schwer. Die Maske soll mein Gegenüber vor mich schützen, aber er versteht mich damit auch wesentlich schlechter.

Vor nicht allzu langer Zeit wurden Zeitungsberichte von Menschen, die allein in deren Wohnung starben und die erst Monate später skelettiert aufgefunden wurden, mit einem Kopfschütteln quittiert. Es war für viele immer der Hinweis darauf, wie kalt diese Gesellschaft geworden wäre. Ob jetzt solche Meldungen auch zum Kopfschütteln führen werden? Das Sterben allein zu Hause könnte man dann wohl als Königsdisziplin in erfolgreich umgesetzten “Social distancing” ansehen.

Was vor sechs, acht Wochen nur Kopfschütteln auslöste, ist inzwischen ein neuer Standard. Zeitgleich fällt auch immer wieder der Begriff der “neuen Normalität”, an der man sich gewöhnen sollte. Für mich sieht diese Welt immer distanzierter aus. Die Verbindungen zu den Menschen werden immer geringer. “Social distancing”. Aber so ist es ja auch wohl beabsichtigt.

In diesem Sinne hatte ich ein Gespräch mit meiner 87-jährigen Mutter am Telefon. Ihrer Meinung nach ist die jetzige Situation noch schlimmer als die Situation im Kriege auf dem Lande, wenn die Luftsirenen gingen. Dann herrschte Ausgangsverbot. Aber danach konnte man sich wieder treffen und auch im Luftschutzbunker konnte man sich wenigstens umarmen. Ich fragte nach, ob sie das so meinte, wie sie es sagte. Sie bestätigte es. Früher hätte es in solchen Situationen noch Zusammenhalt und Kontakt gegeben, selbst wenn Bomben fielen und Menschen trafen. Aber heute seien Kontakte verboten und Zusammenhalt gibt es nur über den Fernseher. Und da würde sie reale Kontakte mit Menschen bevorzugen.

Mit dem Beginn der Ausgangsbeschränkung fiel mir damals auf, dass es keine Blickkontakte zu anderen Fußgängern mehr gab. Jeder schaute vor sich hin und ging seinen Weg. Inzwischen gibt es diese wieder. Aber sie wirken distanzierter bei den Menschen, die ohne Mund- und Nasenbedeckung herum laufen. Bei den anderen fange ich auch Blicke auf, aber ich kann nicht beurteilen, was die Augen aussagen. Man sagt, die Augen sind der Spiegel zu der Seele. Momentan habe ich für mich das Gefühl, in seelenlose Augen zu blicken. Und der Rest ist Maskerade. Ein Volk auf seinen Weg in die apperzeptive Prosopagnosie.

Der Journalist, Autor und Verleger Ruprecht Frieling hat zu der Thematik der Masken und der Maskenpflicht in seinem Blog mit einem Eintrag seine “Große Maskenparade” (hier) gestartet. Diese Parade lebt vom Mitmachen. Eigentlich ist es eher eine Augenparade. Denn mehr ist an Mimik bei den meisten Maskierten kaum zu sehen. Wenn ihr ein Selfie mit Euch als maskierten Menschen habt, schickt das Foto an Ruprecht Frieling (via seinem Internetauftritt) und ihr werdet in dieser Parade mit aufgenommen.

Viel Spaß mit seiner “Großen Maskenparade”.

Das Corona-Tagebuch: Provinznotizen aus Deutschland Süd bei Südost (43): Recht in Ordnung

Die Kriminalitätsrate steigt. Und die Polizei schaut tatenlos zu. Das einzige, wozu sie sich imstande fühlt, ist das Aufschreiben und Gegenlesen von 150-Euro-Strafzettel. Weswegen sie paarweise in München patrouillieren. Söder zuckt dazu lediglich die Schultern. Die Gesetze seien verpflichtend und die Polizei dazu erst recht verpflichtet, zu überprüfen, dass jene eingehalten werden. Falls nicht, gibt es einen Strafgeldkatalog. Ordnung muss sein.

Aber dem ist nicht so! Das ist Lüge.

München. Mittelsüd. Ballungszentrum. Ein Linienbus der MVG. Eine Hundertschaft Polizisten hält ihn eingekesselt.

“Kommen Sie mit erhobenen Händen heraus und lassen Sie ihre Finger aus Ihren Gesichtern!”

Ich frage den Scharfschützen neben mir: “Wie fühlen Sie sich? Was geht in Ihnen vor? Was sehen Sie?”

“Zu erst einmal sehe ich einen Haufen illegaler Staatsbürger. Um es ernsthaft zu sagen, alles quasi Gesundheitsterroristen. Sehen Sie den dort drüben in der vorletzten Reihe? Jenen mit ungepflegten langen Haaren und ohne Mund- und Nasenbedeckung.”

“Gefährlich?”

“Absolut. Kennzahl R0 größer eins. Erheblich größer eins. Gefährder. Jener Mensch zeigt durch sein Verhalten, dass er bislang null kapiert hat. Beratungsresistent. Der will nicht zur Eindämmung der Pandemie beitragen. Aber keine Sorge. Den habe ich im Visier. Sollte er husten, finaler Rettungsschuss!”

“Ist das nicht übertrieben? Könnte er nicht auch verhaftet werden? Und in Quarantäne verbracht werden?”

Blitzschnell legt der vermummte SEK-Mitarbeiter sein Sniper-Gewehr beiseite und richtet eine HK SFP9 auf meine Stirn: “Wie meinen?!?”

“Ganz ihrer Meinung. Erschießen. Sofort.”

“Aha”, er steckt seinen Selbstlader weg, nimmt seine Sniper wieder auf und bemerkt: “Das Faktotum hat seine Hand in seiner rechten Tasche. Panther 1, was soll ich machen?”

Ich verlasse den Aussichtsposten, vom Bus 500 Meter entfernt, und gehe zum Polizeipräsidenten, der die Lage in seinem Transporter vollkommen überblickt.

“Wie ist die momentane Lage?”

Er mustert mich skeptisch: “Ist das bei Ihnen ein Mundschutz aus Baumwolle oder aus Kunststoff?”

“97% Baumwolle, 0,5% Elastan und 2,5% selbst desinfizierendes Aluminium.”

“Zertifikat?”

Ich reiche es ihm.

“Nun. Der Anstieg der Kriminalität in den letzten 24 Stunden ist wirklich ein Problem geworden. München hat einen Ruf zu verlieren. Mit der Staatskanzlei sind wir bereits in einem informellen Meinungsaustausch getreten, wie eben diese unakzeptable Situation verbessert werden kann.”

“Und das wäre?”

“Um die Anzahl der Kriminellen ohne Mund- und Gesichtsschutz zu verringern, muss man jene vom rechtschaffenden Bürger besser absondern können. Ein rechtschaffender Bürger akzeptiert alle gesundheitsbewahrenden Maßnahmen. Ein Gefährder naturgemäß niemals nicht. Und die letzteren sind gefährlich.”

“Und wenn jemand keine Maske trägt, geht dann das Wohl und das Anrecht auf die Unversehrtheit der Allgemeinheit vor?”

Ein Knall unterbrach unsere Unterhaltung.

“Der langhaarige Gefährder ohne Maske mit der Hand in der Tasche?”, frage ich in die entstandene Stille

Der Vorgesetzte hielt seinen Finger auf seinem Ohrhörer und beugte sich leicht auf die Seite von mir weg. Dann richtete er sich wieder auf, nahm seinen Finger aus seinem Ohr und schaute mich ernst an:

“Nein. Es war die schwarz vermummte Frau neben ihm. Sie hatte die Hälfte ihres Gesichts verhüllt und war unnatürlich dick. Wahrscheinlich Sprengstoffgürtel. Potentielle Islamistin.”

Ich atmete durch und rief meinen Chefredakteur an, um ihn zu berichten, dass die Welt wieder mal an einer dramatischen Episode vorbei geschrammt wäre. Er legte kommentarlos auf.

Das Corona-Tagebuch: Provinznotizen aus Deutschland Süd bei Südost (42): Erdichtet

In einem Staate erging zum Schutze der Bevölkerung der Auftrag, die Freiheit einzusperren. Es gelang auch recht schnell, jene aufzuspüren, in Handschellen abzuführen und hinter Gitter zu bringen. Es wurde durchgeatmet, denn der Schutz der Bevölkerung war sicher gestellt. Doch die Freiheit an sich wäre wichtig, sogar systemisch, so sagte man, und daher sollte sie sich mit der Zeit auch wieder an sich selber gewöhnen und man ersann dazu einen 4-Stufen-Plan zur Freilassung der Freiheit.

Stufe 1: Du darfst alleine raus. Aber nur dann, wenn es nötig ist. Ansonsten 150 Euro. Wir müssen alle schützen.

Stufe 2: Okay. Du willst alleine raus. Aber du darfst nur mit Mund- und Nasenbedeckung einkaufen und unsere öffentlichen Nahverkehrsmittel nutzen. Einkaufen oder ÖPNV ist kein Privileg, sondern freiheitliche Teilnahme am freien Wirtschaftsleben. Akzeptierst du das nicht, dann wirst du auch nicht einkaufen oder umherfahren dürfen. Mund- und Nasenbedeckung ist Pflicht. Ansonsten 150 Euro. Wir müssen alle schützen.

Stufe 3: Hm. Okay. Du willst alleine raus. Du willst Freiheit leben, dich selber spüren. Gut. Nur, wenn wir ohne Einschränkungen erfahren dürfen, wo du bist, wohin du gehst, was du tust, mit wem du dich triffst, dann erhältst du ein wenig mehr davon. Freiheit war und ist ein kostbares Gut. Daher musst du ein Smartphone haben, auf welches unsere App funktioniert. Dann erhältst du in der Freiheit mehr von der Freiheit. Oder du musst in Kauf nehmen, zu Hause bleiben zu müssen. Du hast die Freiheit, unsere Bedingungen einverständlich zu wählen. Ansonsten 150 Euro. Wir müssen alle schützen.

Stufe 4: Du willst raus. Okay. Die Maßnahmen zur Förderung der Freiheit haben sich in den beobachteten Zeitraum bewährt. Die damals neue, ungewohnte Realität ist zu einer allgemein und akzeptierten geworden. Wir sind stolz unsere neu gewonnen Freiheit. Und für diejenigen, die immer nur Geisterfahrer sein wollen: Fügt euch unserer Freiheit. Ansonsten 150 Euro. Wir müssen alle schützen.

Nachdem jenes Stufen-Programm stand und es darum ging, dieses der Freiheit in ihrer Zelle zu präsentieren, wurde entsetzt festgestellt, dass die eingesperrte Freiheit aus der Zelle einfach verschwunden war. Das führte zur allgemeinen Verwunderung und Unverständnis. Es ging doch lediglich darum, die Freiheit zu schützen und ihre Einsperrung war wohlwollende Selbstschutz. Wie konnte die Freiheit darum einfach so dumm sein, aus ihrem abgeschlossenen Kerker zu verschwinden? Oder war sie ein Opfer einer Entführung geworden? Aber bislang verlangte niemand Lösegeld für ihre Freilassung. Man fand sie auch nicht erschlagen in irgendeinem Straßengraben. Oder wurde sie etwa ein Opfer von internationalen Terroristen?

Und weil keiner eine Antwort auf diese Fragen wusste, beschloss man, das 4-Stufen-Programm für sich zu behalten. Man müsse ja nicht alles herum erzählen. Zu viel der Offenheit würde der Bevölkerung auch nur Schaden bringen. Sie würde sich zu viele Gedanken machen und dann meinen, man würde ihr ungerechtfertigterweise zu denken geben statt jene selber denken würden. Dabei galt es doch die Bevölkerung vor unnötigen Schaden zu schützen. Also – so war der Gedanke – müsse man dieses verhindern und jetzt die Offenheit doch stattdessen im Kerker einsperren. Ja, auch jene müsse vor sich selbst geschützt werden.

Und somit …

Der Autor stockte und las sich das Geschriebene nochmals durch. Seine Stirn runzelte sich und er schüttelte den Kopf. Zu banal. Einfach zu banal. So etwas durfte er nicht schreiben. Völlig niveaulos. Und auch noch mit moralinsauren, erhobenen Zeigefinger geschrieben. Er zerknüllte kopfschüttelnd das Papier und warf es unbesehen hinter sich aus dem Fenster.

Als mir das zerknüllte Papier beim Spazierengehen direkt vom Kopf vor die Füße landete, hob ich es auf, entfaltete es und las das Geschriebene.

Jetzt wisst ihr, wie dieser ungeheuerlich beschränkte Blog-Eintrag zustande kam …

Das Corona-Tagebuch: Provinznotizen aus Deutschland Süd bei Südost (41): 150 Euro

Der Countdown läuft. In zwei Tagen kann ohne Mund- und Nasenbedeckung weder Einkaufen noch Nah verkehrt werden, ohne dass in Bayern dafür 150 Euro Strafe fällig werden. Ordnungshüter und so weiter wurden inzwischen mit einem neuen Satz Strafzettelblöcke und dokumentenechten Kugelschreiber ausgestattet. Und sie alle zählen den Countdown auf Montag rückwärts. Denn die Kennzahlen für aufgeschriebene Infektionsgesetz-Verletzer sind in der letzten Zeit doch schon ein wenig stagniert. Söder will endlich mal wieder verbesserte Kennzahlen im Ländervergleich und zu Laschet vorlegen können.

150 Euro für das Fehlen von einer Mund- und Nasenbedeckung in Geschäften und ÖPNV ist nebenbei der Betrag, der beim Hartz-IV-Regelsatz für Nahrungsmittel und alkoholfreie Getränke angesetzt wird. Oder eine andere Zahl: mit knapp 158 Euro werden Wohnen, Bekleidung, Haushaltsgegenstände und Gesundheitspflege bemessen. Der Hartz-IV-Regelsatz beträgt 432 Euro (inkl. 1,12 Euro für Bildung). Somit kann sich ein SGB-2-Betroffener in Bayern pro Monat zweimal ohne Mund- und Nasenbedeckung erwischen lassen und hat dabei im Monat noch immer reichliche 132 Euro für Miete, Wasser und Strom zur Verfügung. Das muss reichen. Das meinen auch wirtschaftskompetente Organe wie Regierung, BILD und Co.

Freilich, Schnaps und Rauch sind in dem Regelsatz nicht mit berücksichtigt. Das fällt unter Privatvergnügen eines Hartz-IV-Empfängers. Es heißt ja schließlich “Erst die Arbeit und dann das Vergnügen”. Und wer Arbeit sucht, findet auch welche. Zum Beispiel beim Spargelstechen. Da sollte die alleinerziehende Mutti im Süden Münchens auch mal flexibel sein und mit dem Nahverkehrszug nach Schrobenhausen auf die Spargelfelder fahren. Für Verkehr sind letztendlich auch 35,99 Euro im Regelsatz mit berücksichtigt. Das muss sich doch für uns lohnen, damit wir billigen Spargel aus Schrobenhausen im Supermarkt hier kaufen können.

Nun. Andererseits wissen wir allerdings auch, dass derjenige Mensch, der raucht, ein nicht zu vernachlässigender Aktivposten der deutschen Steuerzahlergesamtheit darstellt. Seit den beiden Tabaksteuererhöhungen in 2002 und 2003 raucht der Mensch aktiv für die Maßnahmen zum Anti-Terror-Kampf in Deutschland. Einfacher konnte man sich nicht am Anti-Terror-Kampf beteiligen. Jede Zigarette ist der Sargnagel für einen bösen Menschen.

Und nicht nur das. In den Jahren 2004 und 2005 erfolgten drei Steuererhöhungen zur finanziellen Unterstützung der Krankenkassen. Denen ging es damals dreimal schlecht. Dafür wurde dann dreimal die Tabaksteuer erhöht.

Wer also acht Zentimeter Tabakstrang, aus einer Schachtel gefummelt, mit Feuer anzündet, der lässt 9,82 Eurocent Steuern wie Phönix aus der Asche erstehen. Damit bekämpft er aktiv alle Terroristen und unterstützt gleichzeitig unser Gesundheitssystem. Günstiger geht es kaum, staatsbürgerliche Pflichten in Rauch aufgehen zu lassen.

Auf einer Internetplattform, namens QUEIOS, welche den Anspruch hat, Wissen aus Forschungen zu verbreiten, findet sich eine Veröffentlichung, dass unter den CoVid-19-Erkrankten nur 5% Raucher sind (auf Queios hier nachzulesen). Also fogten die Forschenden, dass das Rauchen nicht nur die eigene Lunge, den Terroristen und notorische Klammheit von Krankenkassen schädigen könnte, sondern auch dem SARS-CoV-2 Probleme bereiten könnte, auszubrechen und CoVid-19 zu verursachen. Könnte. Wohlgemerkt Konjunktiv, nicht wahr.

Bewiesen ist mit dieser Veröffentlichung nichts. Nur will das ja nichts heißen. Denn Unbewiesenes ist wie Atlantis: es existiert garantiert, nur das “wo”, das ist noch die ungeklärte Frage. Das habe ich inzwischen von den Verschwörungsaposteln gelernt. Daher kam ich auch extrem schwer ins Grübeln. Und weil Aposteln immer eine Kirche haben, hatte ich auch gleich eine aufgesucht. Als ich vor zwei Monaten wieder mal eine Raucherpause einlegte, plagten mich schwerste Gewissensbisse. Weil mit dieser Entscheidung machte ich mich wohl verdächtig, aktiv gegen den Anti-Terror-Kampf und der Förderung des Gesundheitssystems zu sein. In der Münchener Frauenkirche zündete ich deswegen vier Kerzen an. Ich kaufte zwei und brach sie mitten durch, um das Maximalste aus meines Kerzenerwerbs heraus zu holen. Im Scheine der Kerzenstummel hoffte ich, aufgrund meiner aktiven Raucherpause nicht ins Visier von Anti-Terror-Einheiten und Gesinnungsschnüfflern zu geraten. Und bislang war diese Kerzenspende 100% wirksam.

Sollte jetzt festgestellt werden, dass Nikotin ein Gegenmittel zur Heilung von CoVid-19 ist und somit Helmut Schmidt posthum zum neuen Schutzheiligen der Raucher erklärt werden, dann werde ich wohl wieder anfangen zu rauchen. Denn ich möchte mir nicht – wie all jenen dann unsolidarisch zu erklärenden Hartz-IV-Regelsatzempfängern – nachsagen lassen, dass ich erstens nichts für den Anti-Terror-Kampf beitrage, das Gesundheitssystem nicht quarzend unterstütze und dann auch noch selbstmörderisch auf die Glimmstängel verzichte.

Noch sind die Geschäfte geöffnet. Ich geh jetzt los, mir einen Hamster-Vorrat an Zigaretten zu besorgen. Und Feuerzeuge. Für meine Gesundheit ist mir nichts zu Schade. Zigaretten werden das neue Klopapier, da bin ich mir jetzt sicher. Und Feuerzeige die neuen Nudeln. Das hab ich im Urin. So wahr ich ohne Mund- und Nasenbedeckung heute noch einkaufen werde. Amen.

Das Corona-Tagebuch: Provinznotizen aus Deutschland Süd bei Südost (40): Fußball und unser Leben

Wir brauchen neue Fliegzeuge. Fliegzeuge, welche den tausendfachen Tod transportieren können. Nein, keine SARS-CoV-2-Streubomben für Frankreich, England, Grönla … wie? Andere Richtung? Rußland? Okay. Richtig. Ich hab die Feindbildorientierung bei mir ein wenig schleifen lassen. Am Jahresanfang hieß das Feindbild ja noch Brexit, aber heutzutage ist das ja auch nicht mehr so sicher.

Es soll um etwas anderes gehen. Wir brauchen neue Fliegzeuge. Hier geht es darum, dass diese Fliegzeuge im Ernstfall in Deutschland stationierte US-Atombomben zum Ziel fliegen können. Dafür braucht es Flugmaterial. Und das alte Tornado-Material taugt nicht so recht. Denn es besteht die Möglichkeit, dass unsere Maschinen in Rammstein starten und dann mit den Massenvernichtungswaffen in Berlin an der Spree abstürzen … und außerdem hat Boing gerade eine Mega-Mega-Krise: erst stürzen deren Flieger ab, jetzt auch noch deren Börsenkurs. Also braucht es amerikanische Militärmaschinen ( – Trump und Boing wird es uns danken – ), damit  diese Air Force mit amerikanischer Atombombenfracht nach amerikanischer Art gegen amerikanische Widersacher drohen kann. Die NATO-Bündnistreue verlangt diese Fähigkeit. Wer was anderes glaubt, gucke mal bei Recep Tayyip Erdoğan nach, wenn wir ihn militärisch unterstützen.

Für diese NATO-Bündnistreuenfähigkeit werden mehr als 10 Milliarden Euro benötigt. Keine Angst, das sind Peanut-Zählchen. EIn Schnapper in Taleman&Söhne-Zeiten. Dieses Schnäppchen wirdd mit nicht eingekauften CoVid-19-Tests und mit SARS-CoV-2-Forschungsgeldern kompensiert. Dazu kommen zusätzlich noch aus die 150-Euro-Strafgelder von nicht getragenen Mund- und Nasenmasken in Geschäften und Nahverkehrsmittel, die perfekte Gegenfinanzierung. Das heißt, jeder der offen sein Gesicht in den Überwaschungskameras der Geschäfte und ÖPNVs zeigt, hilft der Annegret Kamp-Karrenbauer bei der Finanzierung ihrer Fliegzeuge.

Das ist jetzt natürlich nicht offiziell, aber Ministerin in Finanzierungsnot sollte keinem Mitbürger am Allerwertesten vorbei gehen. Denn nur offene Gesichter haben nichts zu verbergen. Auch keine 150 Euro in der Geldbörse.

Nichts zu verbergen? Da ist noch die DFL. Diese Balltreterzusammenschlußorganisation würde auch mal gerne wieder fliegen. Von Rasen zu Rasen. Damit deren Betriebsangestellte wieder einem Fußball hinterher flitzen können, sind Hygiene-Maßnahmen bei den Spielen und rund um eine Spiel-Veranstaltung erforderlich. Diese hat die DFL für jeden Menschen einsehbar hier (pdf-Datei) veröffentlicht.

Nun, da Entscheidungen gemäß Pro oder Kontra eines Spielbetriebs immer auf Landesebene getroffen werden, sind diese von den jeweiligen Landes-Chefes abhängig. Unter anderem auch von einem Ministerpräsidenten Kretschmer. Der hat auch gleich sich ins Studium der (oben verlinkten) pdf-Datei gestürzt. Nur, dabei muss er wohl arg tief gestürzt sein. An ihm rauschte die pdf-Datei wohl komplett vorbei. Trotz allem meinte er in der Talk-Show mit Herrn Lanz, dass das Konzept des DFL überzeugend sei, denn wenn ein Spieler CoVid-19 positiv getestet werde, würde gleich die ganze Mannschaft in Quarantäne genommen. Dass der werte Herr Kretschmer nicht lesen kann, will ich ihm keineswegs unterstellen. Lesen kann er wohl. Allein mit dem Verstehen mag es hapern. Denn die DFL wird allein den positiv getesteten Spieler in Quarantäne schicken, ohne es – gemäß dem Konzept – der Presse mitzuteilen. Das hat der Herr Kretschmer in der Lanz-Talkrunde als nicht verstanden dargelegt.

Also, man stelle sich folgende Situation vor. Ein Balltreterverein, namens Rasenballsport Bayern aus München, so ein Verein pölt gegen irgendeine andere unwichtige, namenlose Mannschaft. Und dann kommt es zu folgendem Verhängnis: Niclas Süle pfählt seinen Gegenspieler eiskalt mittels einer sauber getimten Abwehr-Blutgrätsche auf Schienenbeinhöhe, es kommt zur unübersichtlichen Rudelbildung verschiedenster, allesamt unschuldiger Spieler, danach, von Joshua Kimmich wird der Süle-Niclas aus dem gebildeten Rudel heraus gezogen, der Schiedsrichter belässt es nachsichtig der Wiederholung aus den Kellern von Köln bei einer gelben Karte, und beim nächsten Spiel sind dann Niclas Süle und Joshua Kimmich nicht dabei. Wird der Trainer Hansi Flick darauf sagen: “Die haben Rudelbildung ohne Gesichtsschutz auf dem Rasen betrieben. Das geht ganz und gar nicht. Deshalb habe ich die beiden jetzt im Trainingszentrum an der Säbener Straße fürs Wochenende als Green-Keeper eingeteilt” und Sachsens Herr Ministerpräsident Kretschmer wird am Fernseher verstehend Niclas eingedenk nicken und auf seinen stämmigen Schenckelchen Applaus patschen? Das steht zu befürchten. Lesen kann er ja, aber mit dem Verstehen steht zu befürchten …

Zu befürchten ist dann auch, dass an die 30 Tausend CoVid-19-Test für den verbleibenden Spielbetrieb gebraucht werden. Das ist jetzt kein Problem. Die generieren sich aus den Tests, welche man von den Leuten nimmt, welche wegen fehlendem Mund- und Nasenschutz straffällig geworden sind. Eben jenen auch noch wegen deren Maskenboykott einen CoVid-19-Test zu gönnen, dieses wird sogar einen der Ewig-Gerechten, diesen deutschen Pseudo-Avengers von Söder bis Kretschmer, als Verweigerungsgrund garantiert noch einfallen. Jene Straffälligen werden dann in Bayern pro forma gleich 14 Tage in Quarantäne genommen. Natürlich plus der 150-Euro-Strafgebühr. Wir brauchen ja Annegrets Flieger, nicht wahr.

Wie? Das geht nicht? So etwas lässt das Grundgesetz nicht zu? Da kennt ihr aber das bayrische Polizeiaufgabengesetz, kurz PAG genannt, nicht. Bei Gefahr im Verzug und Bedrohung der persönlichen Unversehrtheit geht alles. Von Söder lernen, heißt siegen lernen. Da guckt sie aber, die AfD, ein wenig pikiert, woll.

Und wenn dann immer noch paar mickrige Milliönchen Euros fehlen, um den Liga-Betrieb der Fußballmannschaften zu sichern, dann gibt es ja die Fernsehgelder. Geisterspiele ist das neue Zauberwort. Es mag für den Zuschauer am heimischen Fernsehempfangsgerät ein wenig fad erscheinen, ein Fußballspiel ohne akustischem Stadionzuschauer-Live-Ton zu sehen. Aber bei den TV-Sitcoms oder bei Dieter-Nuhr-Live-Shows hat der TV-Glotzer ja auch nichts dagegen, wenn das Lachen und Klatschen per Konserve eingespielt wird. Also kann das auch bei Geisterspielen durchgeführt werden. Wenn ein Tor fällt, Jubelschreie aus der Konserve. Oder bei Rudelbildung empörte Pfiffe und Pfui-Rufe. Auf der Playstation klappt das ja auch.

Apropos Rudelbildung: Der Leser möge im Hinterkopf behalten, Rudel ist nicht gleich Herde. Also, das Wort Rudelimmunität gibt es noch nicht. Das mag seltsam erscheinen, denn bei Torjubel scheint oftmals sehr wohl so etwas wie Rudelbumsen angesagt zu sein. Aber von Herdenbumsen hat bislang nie jemand etwas gehört. Wohl aber von Herdenimmunität. Zur Erklärung: Eine Herde besteht beispielsweise aus vielen Schafen, die man beispielsweise rasiert oder schlachtet. Wenn das durchgeführt wurde, dann sind alle aus der Herde immun. Mit einem Rudel klappt das nicht. Hunde leben gerne im Rudel und Hunde, die bellen, beißen. Wuffmäh.


Nebenbei noch etwas zu der Lanz-Talkrunde (ZDF; 23-April-2020):

Der Herr Karl Lauterbach sprach sich gegen Fußballspiele aus. Er meinte, das wäre das falsche Signal an die Jugendlichen, die dann meinen könnten, die Corona-Krise wäre bereits Vergangenheit und dann würden alle bisherigen CoVid-29-Maßnahmen entwertet werden. Irgendwie hat es mich bei dieser Bemerkung gegruselt. Die Jugendlichen werden sicherlich nicht diejenigen sein, die dann alleine eine “alte Normalität” wieder annehmen. Herr Lauterbach sollte sich mal in seiner Altersgruppe und darunter umschauen. Jene nicht-jugendlichen Altersgruppen werden es mit den Maßnahmen genauso wenig ernst nehmen wie die Jugendlichen. Sie setzen die Maßnahmen jetzt schon genauso ernst oder unernst um wie alle Jugendlichen auch. Eine Differenzierung nach Altersklassen braucht es dabei nicht. Das ist spaltend. Generationenkonflikt benötigt keinen weiteren, der diesen verschärft.

Meine Meinung.

Das Corona-Tagebuch: Provinznotizen aus Deutschland Süd bei Südost (39): Regierungserklärung und ein Zeh

Eine Rede und was statistisch dahinter steckte:

  • Anzahl der Sätze 210.
  • Anzahl der Wörter: 3457.
  • Anzahl der unterschiedlichen Wörter: 1262
  • Längstes Wort: “COVID-19-Krankenhausentlastungsgesetz”
  • Der längste Satz: “Auch dann wird das Virus immer noch da sein; aber mit Konzentration und Ausdauer – gerade am Anfang – können wir vermeiden, von einem zum nächsten Shutdown zu wechseln oder Gruppen von Menschen monatelang von allen anderen isolieren zu müssen und mit furchtbaren Zuständen in unseren Krankenhäusern konfrontiert zu sein, wie es in einigen anderen Ländern leider der Fall war.”
  • Das am häufigsten verwendete Wort: “auch” (48x)
  • Lesezeit bei 300 Wörter pro Minute: ca. 14 Minuten
  • Rededauer bei professionellen Sprechern: ca. 19 Minuten
  • Dauer der gehaltenen Rede: 26 Minuten 56 Sekunden
  • Rednerin: Angela Dorothea Merkel
  • Zweck: Regierungserklärung
  • Applaus: vorhanden

And now to something completly different:

Die Bibel

So aber deine Hand oder dein Fuß dich ärgert, so haue ihn ab und wirf ihn von dir. Es ist besser, dass du zum Leben lahm oder als Krüppel eingehst, denn dass du zwei Hände oder zwei Füße hast und wirst in das höllische Feuer geworfen.

Verfasser des Zitats war ein gewisser Matthäus. Nein, der ex-fussballspielende  und jetzt Fußball-kommentierende Franke, der ist es nicht. Da mich der rechte kleine Zehe meines rechten großen Fußes bannig Ärger machte und mein christliches Hackebeilchen seit meinem Kirchenaustritt leider ein wenig arg verrostet ist, wagte ich den “triftigen Grund” in Anspruch zu nehmen.

Junger Padawan, raus er darf, sprach so ein kleiner, faltiger Sternenkrieger-Gnom in mir und ich humpelte auf den Weg zum Medicus. Der Arzt schaute sich meine Kleinigkeit an und meinte nur: “Bleiben Sie damit zuhause. Gehen Sie nicht raus, außer Sie haben triftige Gründe. Das wird schon wieder, in ein paar Tagen ist es weg..”

Hm. Also Ausgangsbeschränkung jetzt auch seitens meines Dottores. Statt einer gepflegten, blutig christlichen Amputation. Gut. Man kann halt nicht immer Glück im Leben haben.

Das Corona-Tagebuch: Provinznotizen aus Deutschland Süd bei Südost (38): Krisensituation ‘Nächstenliebe’

“Guten Tag, Sie sind mit der psychologischen Betreuung für persönliche Krisensituationen während der Corona-Pandemie verbunden. …”

“Hallo, mein Name ist …”

“Wenn Sie Probleme mit der Einsamkeit haben, sagen Sie bitte die ‘Eins’. Wenn Sie Probleme mit der Zweisamkeit haben, sagen Sie bitte ‘Zwei’. Wenn Sie unzufrieden mit der Gesamtsituation sind, sagen Sie bitte ‘Drei’.”

“Drei.”

“Sie haben Probleme mit der Einsamkeit gewählt. Sie haben drei weitere Auswahlmöglichkeiten. Wenn Sie Probleme mit der Einsamkeit haben, sagen Sie die ‘Eins’. Wenn Sie Probleme mit der Zweisamkeit haben, sagen Sie ‘Zwei’. Wenn Sie unzufrieden mit der Gesamtsituation sind, sagen Sie ‘Drei’.”

“Drei. Ich habe Drei gesagt.”

“Sie haben Probleme mit der Gesamtsituation. An der Ausgangsbeschränkung können wir nichts ändern, aber wir können Ihnen helfen in dieser Situation sich zurecht zu finden. Daher benötigen wir weitere Informationen von Ihnen. Wenn Sie Probleme mit der Einsamkeit haben, sagen Sie bitte die ‘Eins’. Wenn Sie Probleme mit der Zweisamkeit haben, sagen Sie bitte die ‘Zwei’. Wenn Sie unzufrieden mit der Gesamtsituation sind, sagen Sie bitte die ‘Drei’.”

“Drei.”

“Entschuldigung, Ihre Antwort konnte nicht verstanden werden.”

“Drei!”

“Entschuldigung, Ihre Antwort konnte nicht verstanden werden.”

“Drei! Drei. Drei. Drei!”

“Entschuldigung, Ihre Antwort konnte nicht verstanden werden.”

“Okay, dann Eins. Eins!”

“Vielen Dank für Ihre Antwort. Sie werden umgehend mit dem nächsten freien Mitarbeiter verbunden. Ihre Einsamkeit wird dann sofort beendet sein. Sie wurden in der Warteschlange eingereiht. Ihr durchschnittliche Wartezeit beträgt circa einhundertfünfundneunzig Minuten.”

“Okay, dann nehme ich Drei. Drei.”

“Wenn Sie unzufrieden mit der Gesamtsituation sind, können wir Ihnen nicht helfen. Sie wurden aus der Warteschlange ausgeschlossen. Rufen Sie bitte wieder an, wenn Ihre Beurteilung der Gesamtsituation sich gebessert hat. Für alle anderen Bedrohungssituationen erfahren Sie weitere Hilfe bei Ihrem Corona-Beauftragtem, aber bleiben Sie bitte immer zu Hause.”

“Eins?”

“Sie haben Probleme mit der Einsamkeit gewählt. Sie haben drei weitere Auswahlmöglichkeiten. Wenn Sie Probleme mit der Einsamkeit haben, sagen Sie bitte ‘Eins’. Wenn Sie Probleme mit der Zweisamkeit haben, sagen Sie bitte ‘Zwei’. Wenn Sie unzufrieden mit der Gesamtsituation sind, sagen Sie gegebenenfalls auch mal ‘Drei’.”

“Alkoholismus? Suizid? Selbstmord?”

“Vielen Dank. Ihr Anruf wurde gespeichert. Hiermit ist Ihr Gespräch beendet. Wir bedanken uns bei Ihrer Aufmerksamkeit und drücken Ihnen unser ernsthaftes Mitgefühl aus. Bitte hinterlassen Sie Ihr Testament gut sichtbar auf Ihren Küchentisch, damit wir ihren Todesfall entsprechend statistisch als Corona-Todesfall aufnehmen können. Leben Sie wohl.”

Das Corona-Tagebuch: Provinznotizen aus Deutschland Süd bei Südost (37): Lügengeschichten

Der junge Mann mit seiner Computertasche stand neben dem Auto, als dessen Fahrer ausstieg. Er blickte den Fahrer vorwurfsvoll an und fragte ihn mit anklagender Stimme, wie der Fahrer denn dazu komme, einen Aufkleber mit dem Slogan “Ich fahre sauber” am Heck kleben zu haben, aber ein Dieselfahrzeug zu fahren. Darauf erhielt er als Antwort: “Aber ich dusche doch jeden Tag zweimal ausgiebig.”


Die Preise auf den Gebrauchtwagenmarkt fallen. Durch die geringere Luftschmutzung gelang die gemeine Ferrorlitfraßamöbe (lat. “ferro manducans popularibusque amoeba”) eine unglaubliche Vermehrung. Autofahrer berichten inzwischen verzweifelt darüber, dass sie fast zusehen könnten, wie diese gemeine Amöbe unter dem Lack sich über das Blechkleid ihres Vehikels hermacht. Vereinzelnd meinten manche sogar das Schmatzen der Ferrorlitfraßamöbe deutlich vernehmen zu können. Eine Rückfrage bei den Experten der Automobilbranche ergab beruhigendes: Es gäbe kein Grund zur Beunruhigung. Von solchen Ferrorlitfrassamöben habe hier noch nie jemand etwas gehört. Das seien sicherlich Fake News aus der Verschwörerszene. Zudem könne man in den heimischen Garagen im hermetisch abgeschlossenen Raum den Automotor für knappe zwei Stunde laufen lassen, um mittels NOx-, CO- und Feinstaub-angereicherter Luft dieser hinterhältigen Fraßamöbe den Garaus zu machen. Mein Nachbar wollte den Rat vor vier Stunden zusammen mit seinem Lieblingsauto bei sich in der Garage umsetzen. Bislang hat er uns noch nicht Rückinfo über die Wirksamkeit des Vorschlags gegeben. Ich hoffe, dass er in diesem Test nicht allzu viel Energie reinsteckt. Ich glaube nämlich nicht an solche Ferrorlitfraßamöben.


A propos Energieverbrauch: Zu den aktivsten Stromsparern gehören die Verbreiter von Verschwörungstheorien. Sie tappen meiste Zeit im Dunkeln.


“Schreiben Sie mit! 5.” “Fünf.” “3.” “Drei.” “7.” “Sieben.” “3.” “Ja.” “5.” “Yep.” “4.” “Okay hab ich.” “537354 ist die magische Zahl. Sie hilft.” “Quersumme 27.” “Genau! Dreimal 9! Die Zahl vom Biest, wenn man die drei Neunen umdreht!” “Also 666? Die Summe der Summe der Quadrate der ersten sieben Primzahlen?” “Spotte nicht! Sonst wirst du an Corona erkranken und deine Lunge vom Biest verbrannt! Schreibe die Zahl ‘537354’ an deiner Haustür, an deinem Briefkasten und an jeder Ecke jeder Wand, damit das Biest nicht noch mehr Opfer findet.” “Geht auch zwounddreißig sechzehn acht? Darunter herrscht Konjunktur die ganze Nacht.” “Spotte nicht! Du wirst schon sehen, was du davon hast!” “Sex? Die ganze Nacht?” “Vade retro, Satanas!” …


“Ist dir das auch schon aufgefallen?” “Was denn?” “Schau mal hoch!” “Und?” “Strahlend blauer Himmel. Keine Flugzeug-Kondensstreifen, keine Chemtrails mehr! Und dann noch die Atemmasken. Die verlieren die Weltherrschaft und die Kontrolle über uns!” “Wer?” “Diese international vernetzten Reptiloiden und deren dumme Gefolgschaft.” “Ach.” “Ja.” “Soso.” “Nicht wahr, endlich mal völlig kontrolliert sein, ist ein ganz neues Lebensgefühl, nicht wahr.” “Hey, Brain! Was wollen wir denn heute Abend machen?” “Genau das selbe, wie jeden Abend, Pinky. Wir versuchen, die Weltherrschaft an uns zu reißen.”


Alles erfunden und erlogen. Hemmungslos und einfach mal so. Damit ihr’s wisst.

Das Corona-Tagebuch: Provinznotizen aus Deutschland Süd bei Südost (36): Es herrscht wieder Frieden im Land

Der heutige Innovationspreis geht an eine CDU-Politikern aus Berlin im Kanzlerinnenamt. Mit der Entdeckung des bislang noch ungenutzten, völlig brachliegenden Begriffs “Öffnungsdiskussionsorgien” hat sie allen Wortschöpfungen der letzten Zeit den Rang abgelaufen.

Begründung für die Verleihung des Preises:

  • Orgien” sind bei dem derzeitigen Abstandsgebot von Einsfünfzig und dem ebenfalls geltenden Kontaktverbot nicht machbar. Selbst Swingerclubs haben geschlossen, also gehen “Orgien” erstmal überhaupt nicht.
  • Öffnung” steht einer Forderung nach der Implementierung von “geschlossenen Gesellschaften” (Familie, Singlehaushalten, Seniorenheim-Ghettos) diametral entgegen.
  • Und “Diskussionen” sind in Zeiten von “Regieren per Erlasse” absolut zu unterlassen.

Sie hat sich somit den Wortschöpfungspreis redlich verdient. Wer jetzt noch diskutiert, hat den Ernst der Lage nicht erfasst.

Herr Söder hat das Heft des Handelns (wider der “Öffnungsdiskussionsorgien”) wieder an sich gerissen und verteidigte somit in Westdeutschland erneut seine Position als der “Macher Nummer 1”. Für uns hier in Süd bei Südost heißt es somit: Mund-Nasen-Schutz ab nächsten Montag ist Pflicht in Geschäften und öffentlichen Nahverkehr. Denn man merke, nur wer sich bedeckt, hat nachher das Potential, sich erst richtig öffnen. Da mir Bayern Ende der 80iger bei der Wiederaufarbeitungsanlage Wackersdorf beigebracht hat, dass, wer seine Meinung offen äußert, auch offen sein Gesicht zeigen soll, werde ich an dieser Stelle mir meinen Mund-Nasen-Schutz mit den weiß-blauen Rauten auf die untere Gesichtshälfte befestigen. Auf der oberen Hälfte hab ich bereits die weiß-blauen Augenbinden, mit der ich mich schon seit Jahren wie “Justitia” fühlte. Wenn ich mir jetzt noch die Ohrenstöpsel einsetze, dann bin ich die Wiedergeburt der drei Affen mit anderen Mitteln. Nichts sagen, nichts sehen, nichts hören.

Die “Tracing App” (nicht tracking app) wird erst einmal nichts. Da stellen sich doch einige Unverbesserliche dem entgegen, unglaublich, nicht wahr, dass man diese bei Infizierten und somit jene in deren unnützen Leben nicht rausfiltern kann. Weil man die Daten nicht zentral lagern und mit Backdoors für unsere geheimen Dienste versehen möchte. Es geht doch um unser aller Wohl, woll. Und wenn ich dann die Daten mit der Kameraüberwachung verheirate, dann kann ich doch locker alle Gefährder und andere Spötter dieser Maßnahme enttarnen. Und das wollen einige Unbelehrbare verhindern? Na warte, der BND (Bayrische Nachforschungsdienst) wird die auch noch erwischen und dann gibt’s saures. Machen diese Aufsässigen doch das ganze nachhaltenden Forschungsprojekt in der Krise zunichte …

Ach ja, es ist freilich alles notwendig. Absolut. Ich rede nicht dagegen an. Keine Widerrede. Denn wir wollen ja alle ein R0-Wert von knapp unter 1, nicht wahr. Denn dann besteht eine gute Chance, dass im nächsten Winter die nächste Infektionswelle durch das Land weht. Ein R0-Wert unter 0,4 würde zwar zwei bis drei Monate alle auf dem Zahnfleisch gehen lassen, aber dann wäre die zweite Welle eher vermeidbar. Ist aber zur jetzigen Zeit unvermittelbar. Und auf Zahnfleisch gehen, das wäre schlimmer, als im Winter 2020 eine Bevölkerung mit einem weiteren LockDown gnadenlos zu demoralisieren und das Weihnachtsgeschäft unterm Weihnachtsbaum zum Egotrip von Schmalhans Küchenmeister zu machen.

Und jetzt ein ganz und gar ketzerisches Wort: “Oktoberfest”. Uh! Das musste mal gesagt werden! Das will doch keiner! Nicht wahr. Geht gar nicht. Bier trinken, lustig sein, rumknutschen, im Dirndl und Trachtenjanker Kinder frei schnackselnd zeugen und dabei dann eventuell analytisch … wobei, wenn das Oktoberfest nicht statt findet, dann bleibt uns Münchnern doch erheblich mehr Bier. Das ist doch toll! Freibier! Damit es nicht in den Fässern verkommt. Ja, um es einerseits eigenhändig euch Nicht-Münchnern sehendes Auges wegzusaufen, und um es andererseits den Politikern in Deutschland zu reichen. Oder ist da wer, der glaubt, den Politikern in Deutschland das Wasser reichen zu dürfen? Na also.

Und das Bier, welches bei den Geisterspielen der Bundesliga (mit Video-Schiedsrichter im Kölner Keller) nicht vom Trainerstab der beiden Mannschaften und DFL-Offiziellen im Stadion versoffen wird, geht auch nach Bayern. Quatsch, nach München! Dafür erhalten die Fußballmannschaften aus unseren Kliniken 10.000de von den als Mangelware deklarierten Covid-19-Test. Na? Ist das kein Deal? Prost!

Ich kauf mir jetzt einen Mund-Nasen-Schutz, den ich großzügig vom Halsansatz bis unter die Augen ziehen kann. Damit gehe ich am nächsten Montag in die Bank meines Vertrauens und versuche nuschelnd “Hey, tu mal Knete. 100 Flocken von Konto meinem, hey” abzuheben. Dann zähle ich brav die Minuten, bis dass das SEK Bayern mich als Banküberfall-Verdächtigen die Arme bis zum Knochenkrachen auf meinem Rücken verbiegt.

Mund-Nasen-Schutz. Augenbinde. Und dann folgerichtig noch der Stirnverband. Gegen aufkommende Kopfschmerzen. So soll es sein. So soll es werden. So wird es immer sein. Pax populi. Tunc non habes nisi.

Das Corona-Tagebuch: Provinznotizen aus Deutschland Süd bei Südost (35): Maskerade

Wie bitte? Maskenpflicht? Ja, ist denn schon wieder Karneval?!?

Ach so. Nur Mund- und Nasenschutz. Da bin ich aber beruhigt.

Das wird allen ernstes vorgeschlagen, Staubsaugerbeutel zu Gesichtsmasken umzuschnibbeln. Also Staubsaugerbeutel, welche von den Herstellern bereits mit geruchshemmenden Pulvern ausgeliefert werden. Sollte man sich solche Beutel zu Mund- und Nasenschutz umschneidern, dann braucht man sich auch nicht Gedanken drum machen, ob man aus der Lunge stinkt. Oder ob stattdessen gerade ein Virus in der Lunge rumwütet. Das macht dann später schon das Pulver alleine.

Natürlich geht es beim Mund- und Nasenschutz nicht darum, dass die Corona-Polizei schneller erkennen kann, wer renitent und nicht obrigkeitshörig ist, um dessen Daten in deren Datenbanken aufzunehmen. Nein. Das ist nicht der Zweck. Nein. Es geht um uns aller Gesundheit.

Und das Nasenhaare unästhetisch sind. Was die Corona-Polizei da bislang schon alles sehen musste, das kann man sich nicht vorstellen. Drum der Mundschutz, der auch die Nase bedeckt. Bedecken muss. Seit der Laschet seinen Mund- und Nasenschutz falsch herum getragen hat, wissen wir, Politiker atmen mit dem Kinn. Oder Kiemen. So genau weiß man es beim Laschet nun auch wieder nicht. Das ist jetzt auch nicht so wichtig.

Man sollte aber sich schon mal damit vertraut machen, dass man sich den Schutz aus seinem letzten Hemd schnibbeln soll. Da lacht doch jeder 250 Nanometer große Virus drüber. So ein Hemd ist ein Sieb, der dicke Felsbrocken fernhält, den Felsstaub aber per Druckluft (HATSCHI ! ) durch die Siebmaschen drückt.

Gut, der Söder hat einen Mund- und Nasenschutz in bayrischen Landesfarben vorgestellt. Wahrscheinlich weil er meint, weiß-blaue Rauten filtern besser. Jetzt muss er es nur noch den Viren begreiflich machen. Er würde sicherlich mit den Viren ein ernstes Wörtchen reden, aber das geht nun ja auch nicht.

Forscher sollen ja bereits den Verdacht haben, dass der Virus bereits beim Sprechen übertragen werden kann. Beim Sprechen! Das wird dann bald wohl auf der Straße dann so ausgehen:

Polizist: “Sie wissen, warum ich Sie beim Gehen hier anhalte? Haben Sie einen triftigen Grund?” Passant ohne Maske: “Ja.” Und – zack – gibt es ne Anzeige wegen versuchter Körperverletzung gegen den Vollstreckungsbeamten. Bei einem “Nein” kämen noch 150 Euro als Jackpot hinzu. Da freut sich das Staatssäckel. Das Geld wird ja dringend benötigt.

Besonders hier in München gerät ja eine ganze Berufsgruppe in die Arbeitslosigkeit: die Staatsanwaltschaft. Hat es doch neulich in den Medien geheißen, die Kriminalität in München sei im letzten Monat brutal gesunken. Das heißt, die Grundkriminalität wie Bestechung, Betrug, Finanzabzocke und andere Weiße-Kragen-Delikte sind gleich geblieben, aber die zusätzliche, die jetzt fehlt, die gibt der Staatsanwaltschaft zu denken. Aber dafür gibt es ja die Corona-Polizei, die ja so 70 bis 150 Strafzettel täglich im Mindestwert von 150 Euro verteilt.

Und wenn jetzt das Ansprechen eines Polizisten ohne Mund- und Nasenschutz bei Einführung einer Maskenpflicht wieder zur Steigerung der Kriminalität in München führt, dann atmet auch die Staatsanwaltschaft durch, weil um Haaresbreite an der Kurzarbeit vorbei geschrammt.

Und die Polizei braucht sich dann auch nicht mehr um das letzte Urteil vom Bundesverfassungsgesetz scheren. Denn die Demos werden alle genehmigt und dann entweder wegen fehlenden Masken aufgelöst, oder, falls doch wer Masken nutzt, wegen Verstoß des Vermummungsverbots mit Einkesselungen und Verhaftungen beendet.

Tja, da wünscht man sich doch glatt, es wäre endlich wieder Karneval. Dann hätte man beim Masken-Tragen auch nicht so dumme Nebengedanken über diese Maskerade …