Das Leben ist voller Leid, Krankheit, Schmerz – und zu kurz ist es übrigens auch … (Woody Allen)

Das Spiel ist eröffnet.

Ein erneutes Match Mensch gegen Virus. Über vierzehn 24-Stunden-Runden. Der Sieger wird durch das Absterben des anderen gekürt. Ein Remis wird es nicht geben. Kampf ums Überleben.

Was ist der Virus? Was ist der Mensch? Ein Raubtier, ein Karnivor, ein Prädator? Ein unbequemer Gast auf dieser Welt? Die Krone der Schöpfung? Eine mit roten Blutkörperchen vollgestopfte Mammalia gesteuert mit ADHS im Hirn? Ein Attentat der Natur auf sich selbst? Eine schlechte Laune der Natur? Ist der Mensch souverän? Ist der Mensch autonom?

Nach Karl Marx, haben Philosophen immer nur die Welt interpretiert: Veränderung war nicht deren Metier. Allein der Kinder wegen müsste die Welt verändert werden. Nur eine neue Realität, die will keiner. Alle wollen nur die alte Realität. Wat de Buer nich kennt, dat frett he nich.

Und am besten ist, der Mensch partizipiert an der Situation. Die Besten sterben zuerst. Niemand will beim Sterben der Erste sein. Helden, sagt man, Helden sterben immer zuerst. Denn sonst wären es keine Helden. Und Helden sollen immer die anderen sein. Denn man selber hat gerade zu tun. Damit, beim Sterben nicht der Erste zu sein. Erster zu sein, das ist maximal im wirtschaftlichen Leben förderlich. Denn wer Erster ist, der kassiert die ganze Ziffer aus der Bruchrechnung. Und die besteht bekanntlich aus Nenner und Zähler. Die Nenner stehen oben, die Zahler unten und es wird alles gebrochen. Das, was dabei raus kommt, also das Wichtige dabei, das ist der Rest vor dem Komma. Diesen Rest gilt es zu bekommen. Zum Erreichen des Zieles tut es notfalls auch Bestechung.

Das Problem der Bestechung ist nicht das Ungewöhnliche oder das Verwerfliche. Denn eigentlich ist es ja das Normale. Das Ungewöhnliche ist vielmehr bei allen die vielfachen Fragezeichen hinter der Frage: Echt? Hat der so wenig genommen? War der wirklich so bescheiden? Es wird dann auch gar nicht mehr großartig verschleiert. Nein, verschleiern ist ja bekanntlich belügen.

Es wird einfach gemacht, durchgeführt, umgesetzt. Hauptsache, einträchtig einträgig. Immer als Beratertätigkeit abgerechnet. Ist eigentlich bewusst, dass das Justizministerium zur Erstellung von Gesetzen Beraterfirmen beauftragt? Und wenn das Gesetz später kassiert wird, ist die Tätigkeit bereits bezahlt. Und allenthalben erfüllt ein großräumiges Schweigen die enge Sprachlosigkeit darüber, dass sprachgewaltige Experten stumme Experten beauftragen, gemeinsames Experten-Know-How zu simulieren.

Show-Program for customers. Das Handgeschäft der Zauberer. Wenn allerdings echte, also wirkliche Experten komplizierte Sachverhalte einfach erklären, dann ist das Geschrei groß. Denn Zauberer erklären nie deren Tricks. Also ist einer, der erklärt, wie es geht, eben drum allen suspekt.

Denn wer schon alle Herr-der-Ringe-Film-Folgen und alle Avengers-Filme sich einverleibt hat, der gibt sich nicht mehr mit normalen Erklärungen zufrieden. Da ist dann zu wenig Chichi, zu wenig Krach-Bumm-Peng und zu wenig Dutzend tote Affen-Trinitäten. Die Realität ist zu ernüchternd. Und deswegen muss dagegen die eigene Stimme erhoben werde. Gegen die Experten, welche wirklich Ahnung haben. Denn wenn denen keiner widerspricht, dann könnte die Ahnung aufkommen, dass man selber erst recht keine Ahnung habe. Ich frag mich, für wie blöd halten eben solche ihre Mitmenschen eigentlich?

Richtig. Genau für so blöd, wie wir nun mal sind. Wissen ist Macht. Von Experten mit Wissen, davon war ja bei „Wissen ist Macht“ nie die Rede. Es geht darum, Meinung zu äußern. Auch gegen Expertenwissen. Und wenn jene Meinungen kein Gehör finden, dann ist es opportun von Meinungsdiktatur oder Meinungszensur zu reden. Wissen, das ist etwas ganz anderes.

“Ich weiß, dass ich nichts weiß”, sagte irgendwer im alten Griechenland, kurz bevor er den gereichten Schierlingsbecher leer trank

“Ich weiß nicht mehr, was ich gewusst habe”, sagte irgendwer im Mittelalter angesichts der Folterwerkzeuge, die ihm präsentiert wurden.

“Hehehe, mir sollte mal erst jemand beweisen, dass ich etwas gewusst habe”, sagen die Leute von heute, vertreten deren Ansichten felsenfest und pochen auf Meinungsfreiheit.

In der Politik wird immer fatal deutlicher, dass in der Corona-Angelegenheit nie eine einheitliche Linie bestand. Vor zwei Wochen drohte Merkel noch, dass sie sich das Ganze in Deutschland keine vierzehn Tage mehr anschauen und dann reagieren würde. Hat Sie inzwischen auch. Sie denkt jetzt nach. Über eine gemeinsame bundesweite Linie der Länder zur Corona-Frage. Als Physikerin weiß sie, dass die kürzeste Verbindung zwischen zwei Punkten keine gerade Linie ist. Bewusst wird ihr allerdings wohl auch, dass momentan die kürzeste Verbindung zwischen zwei Punkten eher eine unbestimmte amorphe Linie ist.

Und weil eine gerade einheitliche politische Gedankenlinie nicht existiert, wird sie halt erdacht. Von anderen. Vorsätzlich konstruiert. Wo bestimmte Leute ohne Hosen da stehen, gefällt es den Züchtigen nicht und sie dichten denen eine gestrenge Hosennaht als Linie an. Damit dazu deren eigenes Denken quer gelegt werden kann. Eine erdachte Linie wird als real existierend erklärt. Ansonsten würde dem eigenen Querdenken überhaupt eine Orientierung fehlen. Man müsste dann zugeben, dass man im Denken amorph nachzugeben hätte, um gedacht quer zur Regierungslinie zu kommen. Was im Grunde ein ganz unsympathischer Gedanke ist. Eine schwabbelige undefinierte Linie als Basis der eigenen Querdenkerei.

Bereits damals hatten schon immer die Eltern ihren Kindern versucht zu erklären, der Klügere gibt nach. Der Klügere gibt nach und stellt sich nicht in die Quere. Der Klügere gibt nach und gönnt dem Denken das Verquere. Nur, Nachgeben ist ja nur etwas für Schwächlinge. Also jene, denen eben jene Herr-der-Ringe-, DC- und die vielen Marvel-Filme nicht gewidmet worden waren und die die Q-Denker jahrelang begeistert konsumiert hatten.

Das Prinzip “Der Klügere gibt nach” ist dumm, weil dann alle, die sonst nichts zu sagen haben, das Sagen haben werden. Aber nicht die Klügeren. Was den Querdenkern nicht gefällt. Auch wenn es denen nicht auffällt. Oder sollte den Eltern mal recht gegeben werden, dass sie doch recht hatten und die eigene jugendliche Pubertät nichts als die reine Pubertät war? So etwas geht gar nicht. Schließlich erklären bereits Psychologen, dass die Pubertät immer auch die Verneinung der Prinzipien in sich vereint, welche Eltern den Pubertierenden vorhielten, um sie in deren jugendlichen Handlungen zu entmündigen. Oder wie heißt es so schön: wir sind die, vor denen uns unsere Eltern immer gewarnt hatten. Und womit? Mit vollstem Recht.

Aber das zu erkennen, würde bedeuten, dass Superman, die Hobbits und die Avengers in Ricks Café in Casablanca sich bei einem alten Cognac unter den Augen eines Kommandanten nie die üblichen Verdächtigen zur Brust nehmen würden. So sitzen sie einträglich mit deren Experten am gleichen Tisch und planen die nächsten Predigten für deren Gläubige. Die Bergpredigt über Thanos seinen Finger-Schnipp.

Es werden keine “Glorreichen Sieben” am Horizont zu meinem Kampf “Against all odds” auftauchen und mir helfen. Kein Avengers, kein Batman, keine Wonder Woman, kein Superman wird sich neben mir stellen. Allein.

Der Sauerstoffgehalt liegt bei 98%, Puls bei 79, Temperatur erhöht, leichter Husten, der Blutdruck wie immer zu hoch und das Konto für mein 14-Runden-Match noch gedeckt. Wie geschaffen für ein Duell mit einem Virus, der mit N501Y klassifiziert wird.

Los geht’s.

Lebe geht wieder.

Ich hasse die Wirklichkeit, aber es ist der einzige Ort, wo man ein gutes Steak bekommt. (Woody Allen)

Das Corona-Tagebuch: Provinznotizen aus Deutschland Süd bei Südost (14): Lebbe geht weider.

Lebbe geht weider.

Das Zitat ist von Dragoslav Stepanović, ehemaliger Bundesligatrainer von Eintracht Frankfurt, nachdem die Meisterschaft gegen Hansa Rostock verspielt wurde.

Lebbe geht weider.

Nie mehr Mutter Beimer beim Spiegeleier-Braten als Übersprungshandlung beobachten, nie mehr Lindenstraße. Na und? In der letzten Szene wurde klar, die Straße liegt in Schwabing. Computerrechenpower machte es möglich. Schöne, alte Fernsehrealität

Lebbe geht weider.

Ich höre im Umfeld inzwischen die ersten Klagen, dass Corona das wesentlich Wichtige des Lebens überdeckt: Genderismus, Klima-Debatte, Ausländer und Kriminalität, deutsche Kultur, Religion, Lügenpresse waren einige Themen. Klar, ich kann Themen blocken, die mir nicht gefallen, und wenn nicht, werden sie an mich heran getragen. Jeder darf sich bei mir blamieren, wie er möchte. Es gibt kein Anrecht von mir darauf, dass sie es nicht dürfen. Nur wird mir vorgeworfen, unmündig zu sein oder Mainstream zu folgen oder nichts zu tun oder das Falsche zu glauben. Interessanterweise sind auch Expats darunter, die erst dann wieder zurück kehren wollen, wenn das bereinigt wurde, was jene als Missstände empfinden. Und ich soll deren Vorkämpfer sein, damit sie zurück kehren können. Ich bin aber kein Held. Helden sterben immer als erste und ich will nicht Märtyrer für irgendwelche geistig Benachteiligten außerhalb Deutschlands werden. Auch nicht für mich, der innerhalb lebt. Davon habe ich nichts. Ich tauge nicht zum Helden.

Lebbe geht weider.

Meine Mutter rief mich an. Meine Mutter ist weit über 80 Jahre (86 Jahre) und lebt über 600 km im Norden. Ich habe keine Chance, sie zu Ostern besuchen. Ihr geht es soweit so gut. Bis auf die fehlenden Gottesdienste. Die fehlen ihr. Und dass der Papst inzwischen mehr im Internet als im Fernsehen zu sehen sei. Sie weiß gar nicht, was das sei, das “Internet” und sie wolle es auch gar nicht mehr lernen, aber den Papst, den würde sie gerne häufiger sehen, weil er ihr Kraft gäbe. Im Altersheim gegenüber dürfe sie nicht mehr.

Zuvor war sie schon nicht mehr gern gesehen. Weil die neue Abteilungsleiterin ihr vorwarf, sie käme Sonntags nur, um ein Mittagessen abzustauben. Sie war vormals immer Sonntags da und hat den gleichaltrigen Menschen geholfen, ihr Mittagessen zu sich zu nehmen. Das hat die Pflegekräfte entlastet und sie erhielt dafür lobende Worte. Sie traf dort in einem Bett ihre ehemalige Nachbarin vom Lande wieder. Jene hatte sie zu Lebzeiten geschmäht und schlecht gemacht. Meiner Mutter war das jetzt egal, denn die Nachbarin ist inzwischen dement und erkannte meine Mutter nicht mehr. Sie erinnert sich auch im Gegensatz zu meiner Mutter auch nicht mehr an damals. Beide sind im gleichen Alter. Die eine ist nicht nachtragend, weil sie es nicht mehr kann. Die andere ist nicht nachtragend, weil sie das Gefühl für sich als für überflüssig erkannt hat. Und da die Familie (die drei Töchter und Ehemann) jener Frau sie mittags nicht mehr besuchen, so fütterte die einstige Feindin ihre damalige Integrantin. Und beide fühlten sich wohl. Meine Mutter hatte längst Frieden mit ihr geschlossen und sah die damalige Situation als komplett sinnlos an. “Und was hat sie jetzt von ihrem Triumph? Alle hat sie gegen mich mobilisiert und unsere Familie als Sündenböcke dargestellt, damit deren Familie die staatlichen Fördergelder erhalten konnte. Und was hat sie jetzt davon? Ihre Kinder kommen nur einmal im Monat. Und ich jeden Sonntag, um ihr das Mittagessen zu reichen.”

Für ihren Dienst erhielt sie immer ein freies Mittagessen und niemand hatte es ihr geneidet oder missgönnt. Eher ganz im Gegentum. Mit der neuen Abteilungsleiterin wehte der Wind aus einer anderen Richtung. Jene stellte meine Mutter zu Rede und warf ihr vor, für deren Fütter-Dienste vorsätzlich ein freies Mittagessen abzustauben. Meine Mutter solle ab sofort dafür zahlen. Schließlich müsse das Altersheim auf die Kosten achten und habe zu sparen und nichts zu verschenken. Meine Mutter bedankte sich für das Einspar-Angebot und entzog dem Altersheim ihren freiwilligen Dienst. Unter Bedauern, wie sie mir sagte, denn sie hatte gesehen, wie die Pflegekräfte mit den alten Menschen beim Füttern umgehen. Pro Fütter-Dienst hatten sie nur eine bestimmte Zeitspanne zur Verfügung und daher erinnerte meine Mutter deren Fütter-Dienst-Aktionen eher an eine Art Zwangsernährung, welche effizient zu sein habe, und somit die zu-fütternden Person lediglich als Störfaktor für die maximal zugestandenen Fütter-Zeit sehen musste. Patienten, die nicht schnell genug schluckten, waren immer diejenigen, die alle Zeitpläne der Pflegekräfte störten. Und Zeit war Geld. Und das galt es zu sparen. Und es könnte nicht sein, so die neue Abteilungsleiterin, dass altersheimfremde Personen versuchen würden auf Kosten andere sich Leistungen zu erschleichen.

Inzwischen dürfte meine Mutter eh nicht mehr dort mithelfen. Die neuen Infektionsschutzgesetze erlauben es ihr nicht mehr. Sie hat mit mir inzwischen eines gemeinsam: 35 qm Deutschland aufgrund der Ausgangsbeschränkung. Mein Bruder stellt ihr die Lebensmittelpakete vor deren Tür ab, weil auch er nicht will, dass er derjenige sein könnte, der durch eine Viruserkrankung ihren Tod herbeiführen würde. Eigentlich wollte ich sie zu Ostern besuchen. Daraus wird nichts mehr werden.

Italien und Spanien haben gerade deswegen so viele Tote, weil durch die Finanzkrise Deutschland darauf gedrängt hat, dass beide Länder gerade im Gesundheitsbereich Einsparungen zu treffen hatten, um deren internationale Schuldendienste zurück zu fahren. Ich denke gerade an Griechenland

Lebbe geht weider.

In der Firma hörte ich einen Mann, welcher vorgestern (am Freitag) erklärte, er würde an diesem Wochenende zu dessen Zweitwohnung ins Allgäu fahren. Er bräuchte das jetzt. Verständlich. Er wohnt in einen der teuersten Gegenden Münchens. Da kann man ihm nicht zumuten, zu Hause zu bleiben, wo um ihn herum alle Corona-positiv seien. Ihm als Besserverdienender so etwas zuzumuten, wäre doch nicht sachlich. Klar. Wea ko, dea ko. Und wieder fiel der rechte Anteil des gespaltenen Haares in die Populärdeutung von Ausgangsbeschränkung: die anderen müssen sie endlich mal befolgen, weil man selber ja gesund wäre. Und auch die Familie als Kernzelle Deutschlands solle endlich wieder an jene Bedeutung gelangen, die sie bekommen müsse. Und mit seiner Familie würde er ins Allgäu fahren. Die Großeltern würden sie bereits für dieses Wochenende erwarten. Nebenbei war er auch in Tirol Ski-Fahren. Zu der Zeit, wo der Virus noch hemmungslos sich im After-Ski-Bereich ausbreiten konnte. Aber er und seine Familie hätte den Virus ja sicherlich nicht eingefangen, ansonsten wäre ja mindestens einer mit leichten Symptomen erkrankt gewesen. Ein Einwand wurde von einem Umstehenden schüchtern geäußert, dass das nach dem Infektionsschutzgesetz kein triftiger Grund wäre, aber mit der Macht des Vorgesetzten weggewischt: nach vierzehn Tagen wäre der Virus garantiert ausgebrochen und in seiner Familie sei seitdem keiner erkrankt gewesen. Basta.

Lebbe geht weider.

Morgen beginnt meine erste 3-Tage-Woche. Kurzarbeit bedeutet jetzt mehr Zeit in den eigenen vier Wänden verbringen zu müssen. 35 qm Deutschland. Und vom Fenster aus den Bautätigkeiten als Abwechselung zuschauen zu können. Die fangen mit deren “Krach” immer um Viertel vor Sieben (für diejenigen, die das nicht verstehen: dreiviertel Sieben) an. Ich trinke gerade an einer Flasche Wein. Normalerweise mache ich das Sonntags nicht, weil ich Montags raus muss. Es lässt ein wenig vergessen, wie beschissen es doch ist, zu Hause auf wenig Quadratmeter festgenagelt zu sein, ohne triftigen Grund die Wohnung verlassen zu dürfen. Ob das gut ist? Keine Ahnung. Ob ich zum Alkoholiker werde, werde ich nach dem Ende der Kurzarbeit und Ausgangsbeschränkung wohl dann erfahren haben. Es ist aber dann zum Wohle aller. Meins war eh niemand wirklich wichtig.

Lebbe geht weider.