Provinznotizen aus Deutschland Süd bei Südost (4): Schau durch mich hindurch

Auf seiner Parkbank hielt er sein Rätselheft und notierte mit seinem Bleistift immer wieder Worte darin, welche Lösungen für die leeren Quadrate waren. Die Sonne lachte, die Vögel tirilierten, der Grashalme streckte ihre Halme der Sonne entgegen, die Maulwürfe buddelten im Verborgenen der Sonne und die Ausgezogenen führten bei Fußgänger bei ihrem Weg zu deren Linken und Rechten durch jene hindurch zu erfreutem Kopfschütteln.

Nur schon seit einiger Zeit hatte er kein Wort mehr in seinem  Heft eingetragen. Seine Lösungskompetenz war ins Stocken geraten. Verzweifelt kaute er auf seinen Bleistift herum. Weiche Mine, hartes Holz.

“’Klarsichtiger’ mit zwölf Buchstaben”, murmelte er vor sich hin. “Klarsichtiger. Hm. Klarsicht. Was ist das?”

Er schaute zu seiner Seite. Ein Mann mit blauer Maske saß neben ihm und schaute auf die Menschen auf dem Rasen. Er rückte näher zu dem Mann hin:

“Entschuldigung, ‘Klarsichtiger’ mit zwölf Buchstaben. Können Sie mir dabei helfen?”

Der Mann schaute ihn fremdelnd an: “Was soll ich? Ich kenne Sie nicht.”

“Können Sie mir vielleicht mit einer Idee weiter helfen?”

“Sie tragen keine Maske. Wollen Sie mich anstecken?”

“Ich bin Single. Und habe kaum Menschenkontakt.”

“Sie tragen keine Maske! Ist Ihnen das klar?”

“Ich …”

Der Mann erhob sich hastig und entfernte sich. Der Kreuzworträtsel blieb ratlos zurück und schaute um sich herum.

Ein älteres Ehepaar passierte gerade seine Bank. Er sprang auf: “Entschuldigung, ‘Klarsichtiger’ mit zwölf Buchstaben. Können Sie mir dabei helfen?”

Der Ehemann blieb stehen und schaute den Rätsler an: “Klarsichtiger? Also jemand mit Erkenntnis?”

“Ja, Egon” antwortete seine Ehefrau, “das muss einer sein, der nachdenkt. Das wird ein Dichter sein. Das will doch der Mann mit dem Rätselheft wissen.”

“Schopenhauer!”

“Ja, Aber auch ‘Aristophanes’ würde gehen, mein Schatz.”

“Aber auch ‘Dichter Dunst’, Liebchen.”

“Nur lediglich, wenn du das Leerzeichen dazwischen mitzählst, Herzilein.”

“Aber Egon, glaubst du, dass hätte ich nicht mit eingerechnet? Sonst hätte ich ja gleich ‘Nebelvorhang’ sagen können. Statt ‘Dichter Dunst’, oder?”

“Agathe, ich sag ja nur. Aber, der Mann ist ja so verzweifelt mit seinem Heft. Junger Mann, wie wäre es mit ‘Hofmannsthal’?”

Der Kreuzworträtsel schüttelte den Kopf: “’Klarsichtiger’ mit zwölf Buchstaben. Das muss etwas mit Perspektive sein. Nicht mit Dichtern.”

Die Ehefrau schüttelte den Kopf: “Da können wir nicht helfen. Kein Dichter, keine Hilfe. Als Rentner ist unsere Perspektive nur begrenzt, unser Ableben ist eine Frage der Zeit im dichten Nebel der Zukunft. Zeit, die wir für so etwas wie Kreuzworträtsel nicht mehr haben”, und beide gingen grußlos weiter.

Der Kreuzworträtsel kaute gedankenverloren auf seinen Bleistift und ließ sich wieder auf seine Bank nieder. Sein Blick nach rechts vermeldete ihm, dass er nicht mehr alleine dort war. Ein junges Paar hatte sich inzwischen dort breit gemacht.

“Alter Mann”, hörte er die Stimme des Mannes, “alter, weißer, weißhaariger Mann, ey. Ein Meter fünfzig Abstand! Und Maske, okay! Gilt auch für dich.”

“Ich löse nur Kreuzworträtsel. Ich suche ‘Klarsichtiger’ mit zwölf Buchstaben.”

“Wissen Sie, was Sie sind? Ein Ignorant!”

“Hm. Eher nicht. Ich suche lediglich ‘Klarsichtiger’ mit zwölf Buchstaben.”

“Ja, nee, ist klar. Aber, alter Mann, Sie sind ein Ignorant. Ohne Respekt. Oder exakter gesagt: ein Nichtswisser. Hat nebenbei auch zwölf Buchstaben. Hey, hab mal Respekt vor uns Jüngeren und lass uns allein hier sitzen!”

Der Kreuzworträtsel stand verunsichert auf. Er wollte doch nur Kreuzworträtsel lösen. Das schadete doch niemanden, oder? Das wäre doch sozialverträglich, oder etwa nicht? Er blickte zu dem Mann, der auf dem Weg ihm entgegen kam. Schlips. Weißer Kragen. Reversnadel. Anzug. Lederschuhe. Nur jener schaute durch ihn hindurch. Erblickte ihn nicht. Blickte durch ihn hindurch.

Der Kreuzworträtsel drehte sich um. Eine Frau ging auf ihn zu. Sonnenbrille. Verspiegelt. Businesshosenanzug. Grau. Zigarillo rauchend. Kühl. Unnahbar. Sexy. Ein Gang wie die Lauren Bacall. Er hob sein Rätselheft, fühlte sich ein wenig wie Humphrey Bogart. Aber sie sah ihn nicht. Blickte durch ihn hindurch. Er fühlte sich transparent. Wie ein Mann ohne Eigenschaften.

Er wendete seinen Blick zur Parkbank. Das Paar hatte sich dort der Länge nach ausgebreitet und schmuste intensiv. Er schaute zurück auf den Weg. Zwei Polizisten kamen ihm entgegen.

“Entschuldigung, ich suche ‘Klarsichtiger’ mit zwölf Buchstaben. Können Sie mir dabei helfen?”

Die beiden Polizisten beachteten ihn nicht, schauten durch ihn hindurch. Er fühlte sich in Schatten verschoben. Dabei wollte er doch nichts unmögliches. Er wollte lediglich ein Kreuzworträtsel lösen. Was war falsch dran?

Zwei Ehepaare kamen auf ihn zu, schoben jeweils einen Kinderwagen, unterhielten sich intensiv und klar vernehmbar.

“Und dann sagte er nur: Verschwörungstheorien. Kannst du das glauben? Abiturient mit Note 1.0 und dann diese Pauschalierung. Der hat sie doch nicht alle.”

“Tja, Abitur schützt vor Doofheit nicht. Nieten in Nadelstreifen, nicht wahr.”

“Und dazu hat er noch Psychologie studiert und hat hier unweit vom Englischen Garten seine Praxis an der Leopoldstraße. Einige Persönlichkeiten sind in seiner Behandlung. Jetzt in der Corona-Zeit sind wohl wieder einige in Krisen gefallen und er verdient sich nen Wolf daran.”

“Jo mei, sollen die Ärmsten sich doch mal ein wenig informieren, nicht wahr. Krise ist ja nicht wirklich und Selbstkrise erst recht nicht. Alles nur Manipulation. Alles. Wer nur dem Mainstream vertraut, der hat sein Hirn an der Garderobe abgegeben, denkt nicht mehr nach. So einer gibt nur zu denken. Hat sein eigenes Nachdenken outgesourct.”

“Ha. Mainstream. Geht gar nicht. Nicht nachdenken, erst dreimal nicht.”

“Überhaupt nicht. Mainstream, alles gelogen. Wie gut, wer Internet zu nutzen weiß. Da finden sich die echten Faktenchecks.”

“Fakten Checker? Das erinnert nur an Orwells Wahrheitsministerium. Fakten Checker sind Manipulierer ersten Grades. Fakten Checker sind nur Meinungschecker. Das ist die echte Wahrheit. Alle akzeptieren, dass jeder jeden manipuliert und sich als Wahrheitsministerium ausgibt. Orwells Vision ist doch hier und heute.”

Der Kreuzworträtsel hob sein Heft den zwei Paaren entgegen und tippte mit seinem Bleistift auf das Quadrat mit der Fragestellung. Aber die beiden fuhren mit ihren Kinderwägen durch ihn hindurch. Ohne ihn zu beachten. Er war wie Luft für sie.

“Wer durchblickt, der braucht eh keinen Fakten Checker mehr. So ein Mensch hat sein Hirn benutzt. So ein Mensch ist mündig und weiß, wo der Zug lang fährt und weiß, was kommt. So einer ist immun gegen Manipulation. So einer benötigt keine Impfpflicht mehr. Der ist geimpft.”

“Ja, stimmt, wenn die mal deren eigenes Hirn nutzen würden. Mündig ist doch nur eine Minderheit. Und eben jenen wird der legitime Zugang zur Macht verwehrt. Wir Klugen sind doch immer die Dummen.”

“Deswegen ist auch diese Corona-Krise nur Fake. Klar, es gibt Tote, aber der ganze Ballyhoo drum, das ist doch fieser Fake. Bisschen Hirn zum Durchblicken täte jedem gut.”

“Weißt du, was das Hirn von Albert Einstein kostet? 9 Milliarden. Und weißt du, was das Hirn eines normalen Bürger kostet? 90 Milliarden. Warum? Weil noch nie benutzt.”

Die letzten Worte verloren sich fast in den wehenden Wind, der kurz und heftig den Staub des Weges aufwirbelte. Der Kreuzworträtsel hielt dem Wind verzweifelt sein Heft entgegen. Die beiden Paare hatten durch ihn hindurch geschaut und deren Wägen an ihn vorbei gesteuert, knallhart auf den Zentimeter kalkulierter Weg ohne jeglichen Kontakt zum Kreuzworträtsel. Beachtet hatte ihn allerdings keiner. Nicht mal der Wind.

“’Klarsichtiger’ mit zwölf Buchstaben”, murmelte jener Kreuzworträtsel vor sich hin. “Klarsichtiger. Hm. Klarsicht. Was ist das?”

Er schaute zur Parkbank. Sie war wieder frei. Er setzte sich wieder an das eine Ende und dachte nach. Jemand setzte sich an das andere Ende. Er blickte hinüber. Ein Mensch mit dunklem Trenchcoat und Sonnenbrille. Unnahbar. Und trotzdem wohl alles im Blick. Den Kreuzworträtsel streifte er nur mit einem Blick durch seine schwarz-dunkle Sonnenbrille. Zumindest schien es so.

Der Kreuzworträtsel kaute auf seinem Bleistift. ‘Klarsichtiger’ mit zwölf Buchstaben. Sein Blick war auf die Quadrate des Kreuzworträtsels fixiert. Anfangs. Meditativ. Versunken. Kontemplativ.

Sein Blick verrutschte ins Unendliche. Auf einen Punkt hinter sein Heft. Er blickte durch sein Heft hindurch. So in der Art wie die Leute ihn zuvor ansahen. So wie er es seit dem März immer wieder erfahren hatte. Blicke ohne Bezug.

Und dann sah er die Lösung. Mit seiner freien Hand schlug er sich auf seine Stirn. Ja, klar, das war es. Zu einfach. So simpel. ‘Klarsichtiger’ mit zwölf Buchstaben. Und das in Corona-Zeiten, wo alle auf ihre Auffassungsgabe schwörten.Durch-Blick

(das ‘Magic Eye’-Bild wurde erstellt mit ‘Stereogram Maker 2.1’)

Provinznotizen aus Deutschland Süd bei Südost (2): Extreme-Corona-Beergardening

Alois Hingerl – Dienstmann Nr. 172 am Münchner Hauptbahnhof mit göttlichen Ratschlägen an die Bayerischen Regierung als Brief in seiner Tasche – führte sein Weg am 18. Mai 2020 aus der himmlischen Quarantäne einer alten Gewohnheit gemäß herunter zum Münchner Hofbräuhaus. Und er fand seinen Stammplatz wieder, fand den Stammplatz leer, die Kellnerin, die Kathi, kam auf ihn zu … und er b’stellte sich a Maß … und b’stellte sich noch a …

Kathi reichte ihm einen Kugelschreiber und Zettel. Stumm, aber bestimmt deutete sie Alois an, dass er darauf seinen Namen, seine private Telefonnummer und ebenfalls seine voraussichtliche Verweildauer im Hofbräuhaus-Biergarten eintragen müsse, bevor er überhaupt irgendetwas bestellen könne.

„So – hmhm – ja, wann kriag na i wos z’trinka?“

Kathi tippte enerviert energisch auf den Zettel. „Sie werden Ihr Manna schon bekommen“ und drückte dem Alois den Kugelschreiber in seine Hand.

“Waas? Z’trinka kriagat i überhaupts nix? Mei Liaber: a Manna hat se g’sagt, a Manna kriagat i! Mei Liaber, da wennst ma net gehst mit Dei’m Manna, gell, den kennts selber saufa, des sag i Eich, aber i trink koan Manna, daß Di auskennst!“

Kathi schüttelte ihren Kopf und meinte lediglich:

„Ja, was ist denn das für ein Lümmel“,

ließ darauf zwei private schwarzgewandetet Sicherheitsdienstmänner (Nr. 42 und Nr. 98) den Alois packen und raus aus dem inneren Biergarten des Hofbräuhaus vor die Tür des Hofbräuhaus schleppen. Dort stellten ihn beide ab und gaben ihm noch einen Schubs.

“Ja, sagen Sie mal, warum plärr’n Sie denn auch da herinne so unanständig?”, merkte Nr. 42 kopfschüttelnd an und zog seine schwarze Gesichtsmaske ein wenig höher über seine hohe, weiße Nase.

“Mit dem können wir hier nichts anfangen”, stimmte ihm Nr. 98 zu und nahm dem Alois den Kugelschreiber und den unausgefüllten Antrag auf eine persönliche und nicht übertragbar eingeschenkte Maß ab.

“So hat denn auch jene liebe Seele ihre Ruhe”, flachste Sicherheitsdienstmann Nr. 42, maß mittels Zollstock sicherheitshalber den Sicherheitsabstand zwischen allen drei Beteiligten aus und bewegte sich 23,81 Zentimeter von seinem Kollegen Nr. 98 nach rechts.

Alois Hingerl – Dienstmann Nr. 172 am Münchner Hauptbahnhof und eingedenk seines Auftrages, einen göttlichen Brief zu überbringen – sank vom Schlag getroffen zu Boden und verstarb nun endgültig.

Und so wartet Söder – mit 1 Meter 50 Sicherheitsabstand zu seiner Vernunft – bis heute weiterhin vergeblich auf göttliche Eingebungen.

frei nach nach einer Geschichte von Ludwig Thoma (1867 – 1921)

Provinznotizen aus Deutschland Süd bei Südost (1): Letzte Neuigkeiten

Eff Fünf. Eff Fünf ist die Taste des Lebens. Im Internet. Oberste Tastaturreihe mit dem genannten Buchstaben und der entsprechenden Ziffer. “F5”. Ich drücke und du aktualisierst dich. Du Browser. Fast wia im richtigen Leben.

“F5”, “F5”, “F5”.

Aber je mehr ich die Taste drücke, desto größer der Frust. Der Browser aktualisiert sich zwar, aber neues kommt dabei nicht rum.

“F5”, “F5”.

Ich steh auf, geh raus (weil, Ausgangsbeschränkung ist ja nicht mehr), steige in die U-Bahn, fahre zum Odeonsplatz, schreite vorbei an die Corona-verwaisten Stühle der Gastro-Location “Tambosi” (Übersetzung für Nicht-Münchner: “Bussi-Bussi-Social-Meeting-Platzl”), lustwandle durch den Hofgarten auf die bayrische Staatskanzlei zu und gehe zum Hintereingang.

“Zum Söder, bitte!”

Der Pförtner schaut mich auf seinen Monitor wohl streng an.

“Termin? Besuchserlaubnis? Autorisierung?”

“Ich war sein Wähler!”

“Kann jeder sagen”, schallt es aus der quäkenden Gegenanlage zurück.

“Nein, das kann nicht jeder sagen”, korrigiere ich den unsichtbaren Sicherheitsbeamten, “Das kann nur ich sagen. Denn nur ‘ich’ bin ich und das kann ich belegen! Das kann garantiert nicht jeder. Oder die PAs sind generell für den Hugo.”

Ich halte meinen Personalausweis vor der Kamera.

“Kann ich jetzt zum Söder?”

“Sind Sie angemeldet?”

“Freilich! Ich verfüge über einen festen Wohnsitz in München und das KVR hat bei meiner Anmeldung meine Adresse. Steht aber alles auch auf meinen PA.”

Ich drehe meinen Personalausweis und halte meine Meldeadresse in die Kamera.

“Mit ‘angemeldet’ war ein Termin gemeint. Sie sagten, Sie persönlich hätten Söder gewählt. Das ist falsch. Sie selber können den Söder nicht gewählt haben. Sein Wahlkreis ist nicht München, sondern der ist Nürnberg-Ost. Sie haben eine Falschaussage getätigt.”

“Okay, okay. Aber mit meiner Zweitstimme …”

“Das behauptet jeder.”

“Ich habe doch schon nachgewiesen, dass ich nicht ‘jeder’ bin. Was verlangen Sie denn noch von mir?”

“Den bayrischen Staatshinzugehörigkeitsausweis, bitte.”

Ich krame aus meiner Brieftasche meinen weiß-blauen Ausweis hervor, öffne ihn und halte jede Seite einzeln in die Kamera.

“Soso, einen bayrischen Staatshinzugehörigkeitsausweis hat der auch”, höre ich die Stimme undeutlich murmeln. Und dann deutlicher: “Ich bedaure, der Herr Söder ist gerade im Keller der Staatskanzlei und huldigt mit seinem Kabinett am Ehrendenkmal vom GröBaz Franz-Josef Strauß. Wie jeden Morgen. Kommen Sie morgen wieder.”

“Morgen? Oder später?”

“Morgen. Oder später.”

“Und ist er dann da?”

“Morgen.”

Neben der Eingangsklingel sehe ich einen kleinen Knopf. Darunter ein noch kleineres Schild, darauf winzig kleine Buchstaben. “Eff fünf” kann ich mühsam entziffern.

“Ha!”, lache ich innerlich auf und drücke instinktiv auf den Knopf. Die Welt wird kurz dunkel und baut sich darauf pixelweise Zeile für Zeile erneut auf. Etwas türmt sich hinter mir auf. Einen kurzen Blick hinter mir und ich sehe einen frisch frisierten kurzhaarigen einsneunundvierziger Hühnen mit brauner Jacke, rosa Krawatte, weißes Hemd und spitzbübigem Gesicht, dessen Augen mich scharf fixieren.

“Kann ich Ihnen behilflich sein?”

“Herr Söder! Na sowas, dass ich Sie mal persönlich treffe, hier an der Staatskanzlei!”

“Ich arbeite hier. Und wenn Sie jetzt bitte mal zurücktreten würden, ich muss zur Arbeit.”

“Herr Söder, Augenblick bitte, ich wollte Sie etwas fragen, Herr Söder.”

“Pressekonferenztermine erfahren Sie bei meinem Pressereferenten per Anfrage mittels Email. Akkreditierung nur mit Ausweis.”

“Herr Söder, wir brauchen ein neues Bay-i-eff-ess-gee.”

“Ein was bitte?”

“Ein neues Bayerisches Infektionsschutzgesetz. Bay-i-eff-ess-gee ist die Abkürzung dafür, die von ihrem Ministerium dafür verwendet wird.”

“Und warum brauchen wir ein neues?”

“Weil ein neues immer besser ist, als das alte. Wer aufgehört hat, besser zu werden, hat aufgehört, gut zu sein.”

“Aha, ein Spruch aus der Automobilindustrie. Wer schickt Sie? Frau Quandt? Oder Dr. Herbert Diess?”

“Herr Söder, die Lage ist ernst! Besorgte Bürger erwarten für morgen einen Impfzwang und das passende Gesetz dazu. Enttäuschen sie diese nicht. Sonst müssen jene ihre Aussagen korrigieren und das macht alles nur komplizierter.”

“Sie sind ja ein ganz ausgeschlafenes Bürschchen. Wer hat Sie denn denn aus Zwangsjacke entlassen? Gehen Sie mal wieder nach Hause, nehmen Sie Ihre Pillen und lassen Sie mich dafür meine Politik machen, okay?”

Ein Türsummer ertönt, er drückt an die Tür und verschwindet im Innern. Mein Blick fällt erneut auf den “Eff Fünf”-Knopf. Zögernd hebe ich meinen Zeigefinger und bewege ihn auf den Knopf. Der Knopf fühlt sich so gut an, so kupfern, so glänzend, so kalt, so machtvoll, so richtig nach social distancing.

“Finger weg!”, schnarrt es aus der Gegensprechanlage. “Unterstehen Sie sich! Ich gebe Ihnen fünf Sekunden, sich umgehend zu entfernen. Ansonsten wird unser spezielles Spezial-SEK-Team zur Gefahrenabwehr sich binnen fünf Sekunden vom Dach herab abseilen und Sie wie ein Schluck Wasser einkassieren. Fünf.”

“Ich wollte doch nur …”

“Vier.”

“Hören Sie bitte …”

“Drei.”

“Ich dachte …”

“Zwei.”

“Also …”

“Eins.”

Ich drücke den Knopf. Einmal, zweimal, dreimal, viermal, mehrmals. Wie im Wahn. Eff Fünf, Eff Fünf, Eff Fünf, Eff Fünf …

Eine weibliche Computerstimme schnarrt: “System thread exception not handled. System service exception. Watchdog violation. Das System wird neu gestartet. Bitte warten. Das System wird neu gestartet. Bitte warten.”

Pause.

Der Morgen ist blau, der Himmel lau,
Alle Theorie grau,
Grün des Lebens goldner Bau,
Genau, jetzt ganz schlau
Nen Kakao.
Spaghetti.

Ich fahre zurück nach Hause, hocke mich vor dem Computer, rufe die Seite “Bayern.Recht” auf, drücke zur Kontrolle Eff Fünf und starre auf die Seite, wie sie sich neu aufbaut.

Im Deutschlands Süden bei Südosten nichts Neues.

Wir warten.

Das Corona-Tagebuch: Provinznotizen aus Deutschland Süd bei Südost (53): Kriegsberichterstattung

Endlich!

Endlich!

Endlich!

Wieder Fußball. Die Krise ist vorbei. Wenn Werder am letzten Spieltag ne Packung vom FC bekommt und beide gemeinsam den Hamburger SV vorbei ziehen lassen, dann ist wieder aller erste Bundesliga im Land.

Aber zuerst noch ein wenig von der Corona-Front:

Die Verblödung des Volkes mit Verschwörungstheorien wird momentan nur noch ganz knapp von denen übertroffen, die vorgeben, Regierung machen. Während mit dem Beweis der ultimativen Beteuerung der Verschwörungstheoretiker mir jene weis machen wollen, dass die Regierenden nur einen Plan haben, versuchen mir die Regierenden klar zu machen, dass es mehrere Pläne gibt, als sich Verschwörungstheoretiker vorstellen können. Und beide halten sich für die einzig Wahren, welche daraus ausgewählt werden müssten.

Derweil haben die Verschwörungstheoretiker ihre Geschütze schon auf deren eigenen heimeligen Treibsand aufgebaut. Treibsand hört sich negativ an, weil darin ja alles verschlungen werden könnte. Nur in Wahrheit ist das einfach positiv zu sehen. Denn woher sollen die Verschwörungstheoretiker heute schon wissen, woher sie morgen der nächste Sandsturm verweht. Und die Verwehung passiert in deren Ansicht immer, bevor der Treibsand anfängt zu schlucken. Das hat der Machist mit seinen sexuellen Ansichten gemein: eine Person hat lediglich zu schlucken, damit die andere befriedigt ist. Daher fühlen sie sich auch so sicher vor dem Sumpf der eigenen Ansichten.

“Wie unfair, David!”, werden die Verschwörungstheoretiker an dieser Stelle aufstöhnen, weil deren Existenzberechtigung ihr Selbstverständnis ist, nie Goliath sein zu müssen. Wobei sie das Wort “David” nur nutzen, um jeden Piefke gleich zum Helden zu stilisieren, den man danach vom Sockel stürzen muss. Da staunt der Normalo, da erschrickt die Erkenntnis, da fürchtet sich das Schicksal.

Jene Verschwörungstheoretiker werden also ihre Meinungsverbreiterung wie Stalin-Orgeln aufstellen und aus den Rohren ihre Statements abfeuern, aus denen noch nicht mal der Pfeiffer mit den drei “f”s aus der “Feuerzangenbowle” ein Gute-Nacht-Kissen klopfen würde. Die Hoffnung, dass sich die Klischees der Verschwörungstheoretiker mit der Wirklichkeit decken würden, ist somit völlig unbegründet.

Als noch unbegründeter erwies sich die Hoffnung, dass Merkel, Söder und Laschet deren Publikumsgunst unbewusst wären. Unweit der Spree sah ich sie aneinander geraten. Ich stand auf einem Haufen der Patronen verschossener Argumente und musste alles mit ansehen. Die Laschets wüteten mit furchtbarer Raserei, bis deren Klingen so ausschauten, wie Verschwörungstheoretiker meinten, dass sie ausschauen müssten: krumm wie die Säbel arabischer Barbaren. Die Söders waren auch nicht besser. Denken war denen ein Graus. Es ging denen nur ums Outsourcing. Sie gaben somit zu denken. Und die Merkels? Die investierten ihr Geld in ein Holzbein, um es einen von den beiden auf die Stirn zu binden und dem Volke als gerade gefundenes Einhorn zu verkaufen.

Als dann dieses den Heere der Söders und Laschets in den Fernseh-Talk-Runden gewahr wurde, taten beide alles ihr Bestes, den Klischees der Verschwörungstheoretiker zu entsprechen. Denn aus den gewöhnlich unterbelichteten Kreisen der Verschwörungstheoretiker verbreitete sich aus deren Dunkelkammern fürs unterbelichtete Volk die schlecht entwickelte Meinung, die Söders und Laschets wüssten eh schon, was sie tun, bis jeder es merkelte.

Als die Verschwörungstheoretiker desweiteren auch noch mitbekamen, dass jene Feldherren der Tagespolitik lediglich Bananenzüchter derer eigenen Frühlingserwachen waren, wurde ihre Wut erheblich größer. Und so machte sich in den engen Denkrinnen jener Verschwörungstheoretiker etwas erheblich breiter, was dazu führte, dass etwas überschwappte und dabei auch noch durchsickerte. Dass die Verschwörungstheoretiker auf den erheblichen Nutzen eigener Bananenplantagen schwörten und die Bananenrepublik Deutschland nicht in dem Besitz einiger Bananenplantagenbesitzer wären, sondern in der Hand anderer Nicht-Bananen-Plantagen-Besitzer, das fanden die Verschwörungstheoretiker ganz uncool. Denn nur Bananenländereien gehörten in die Hand der Bananen-Plantagen-Besitzern, eben jenen ureigentlichen Verschwörungstheoretikern. Frei dem Motto: “Wen macht die Banane krumm? Immer nur die anderen.”

Und somit entwickelten Verschwörungstheoretiker etwas, was jene in deren eigenen Langeweile immer gerne entwickeln: Ziele für deren Verschwörungstheorien. Mit dem ersten Hahnenschrei des folgenden Tages standen sie auf den Haufen, den sie sich als Verschwörungstheoretiker selber gelegt hatten und versuchten dabei nicht über jenen auch noch geschossen zu werden. Und falls doch, so wollten sie nur als Opfer und Märtyrer und Unverstandener zu erscheinen. Sie warfen alles in den Kampf, was sie fanden inklusive derer eigenen Unvermögen.

Und sie fanden, dass es Außenstehende gäbe, denen die ganze Schuld aufzuladen wäre. Also Nicht-Politikern, denen sie den Status der fehlbaren Allmächtigen verliehen. Oder Leute, die zu besonnen dafür erschienen. Eben drum hat deswegen ein Reichelt seine BILD sofort den Verschwörungstheoretiker aus reinem Mitgefühl neue Geschütze im Kampfe für deren Verschwörungstheorien öffentlich überreicht: der Russe, der Droste, der Wieler und die anderen Panikmacher seien Schuld, weil es gäbe noch andere wie Wordag und Co zum Zuhören. Lasst uns die Überbringer der schlechten Nachricht schlagen und die Wodargs mit Palmwedeln bei ihrerem Einmarsch in Jerusalem auf dem Sarg der wertlosen Botschafter bekränzen. Und freilich auch den damals für BILD heilsamen Wissenschaftler Manfred Köhnlechner (Gott habe ihn seelig) auferstehen lassen, der aus dem Mund der anderen unbeachteten Virologen spräche.

Deren BILD-unterstütze Argumente waren von Vorteil. Die Verschwörungstheoretiker, obwohl sie zuvor beteits getroffen wurden und deren beide Beine vom Knie abwärts zerschmettert waren, trotz allem sie bluteten wie die Schweine unter der Knochensäge. Für Gott und Verschwörungstheorie. Auffallend war, trotz fehlender Beine, sie fielen weder an den Rand der Grube, noch hinein, jene Grube, welche sie für andere tief und breit ausgehoben hatten.

Fernerhin hatten die Verschwörungstheoretiker festgestellt, dass in den hiesigen Zeiten jedes losgelassene Argumentationsgeschoss eine kostspielige Sache war. Jedes Geschoss war inhaltlich im Stande, eine Familie einen Monat zu ernähren! Das war den Verschwörungstheoretiker der Wohltat zu viel. Denn wer konnte schon bestimmen, ob jene begünstigte Familie nicht entgegen den Überzeugungen der Verschwörungstheoretiker lebte! Das wäre unverantwortlich und ganz und gar verkehrt. Also kehrten sie die These ‘Wer nicht mit Geld umgehen kann, hat keins’ in die revolutionäre These ‘Wer kein Geld hat, kann damit auch nicht umgehen, etst recht nichz fehlerhaft’ um, an deren Ende die Forderung ‚Spendet nur noch uns’ stand. Crowdfunding at its best!

Und so saßen die Crowdfunder in deren spanischen Villen, deren mobilen Lebesräume, deren Luftschlössern, und beklagten, dass die Kämpfer für deren Freiheit nicht mehr deren Herzblut auf dem Schlachtfeld der Verschwörungstheoretiker lassen würden. Und im Umkehrschluss somit, sich mit dem Feinde fraternisiert hätten.

An dieser Stelle senkte sich der Vorhang über das Kriegsgeschehen und der Reporter hatte den Handlungsschauplatz zu verlassen. Er entschuldigte sich mit einem ‘er müsse auch mal schlafen’, aber jeder weiß, dass der Kriegsreporter nur eine Nulpe hoch drei ist, wenn er nicht von Blut, Schweiß, Tränen und Verschwörungstheorien erzählt.

Stattdessen wanderte der Blick wieder zum unbedeutenden Anfang der Reportage und es war lediglich zu wiederholen:

Endlich!

Endlich!

Endlich!

Wieder Fußball. Die Krise ist vorbei. Wenn Werder am letzten Spieltag ne Packung vom FC bekommt und beide gemeinsam den Hamburger SV vorbei ziehen lassen, dann ist wieder aller erste Bundesliga im Land.

Das Corona-Tagebuch: Provinznotizen aus Deutschland Süd bei Südost (52): Warum Verschwörungstheorien überleben (frei nach Ovid)

Es war einmal ein Jäger, der hatte zwei Hunde. Den einen nannte er “Recht”, den anderen wiederum “Ordnung”. So konnte er endlich in seinem eigenen Umfeld für “Recht” und “Ordnung” sorgen.

Der Jäger war jetzt nicht ein profaner Jäger, dem es um das alltägliche Abendmahl mit Wildbret ging. Nein, ihm ging es eher um Meinungen, von denen er meinte, sie wären weder in Ordnung, noch hätten sie Recht. Es war ihm daher ein wohlfeiler Spaß, wenn er jagend etwas erhaschte und es mit “Recht” und “Ordnung” zur Strecke bringen konnte. Er empfand es als seine Mission, für Aufklärung bei anderen Meinung zu sorgen. Die anderen konnten ja seiner wohlüberlegten eigenen Meinung folgen, ansonsten würde er sie mit deren Meinung mit Hilfe seiner beiden Hunde jagen.

So streifte der Jäger mit seinen beiden Hunden durch das Dickicht der Meinungen und traf auf eine Grotte. Er fragte sich verwundert, welche eigensinnige Meinung denn hier beherbergt sei. Und er beschloss diese zu Recht und Ordnung zu verhelfen. Er gehieß seinen getreuen Begleitern vor der Höhle Wache zu halten und betrat danach dieselbige. Nach dem Durchschreiten eines kurzen Ganges erreichte er das Zentrum und erspähte den Glauben an das Wirken finsterer Mächte, wie eben jener in einer Quelle sich volle Blöße geben badete. Der Jäger war fasziniert und erotisiert. Wer so nackt vor ihm stand, der musste einfach die wahre Quelle der Meinung gefunden haben, so dachte er sich. Während er den Glauben so anstarrte, errötete dieser, bespritzte den Jäger mit Wasser aus der Quelle und rief ihm zu:

“Magst du es jetzt kund tun, dass ohne Gewand du mich schautest, wenn du es kund tun kannst.”

Der Jäger spürte das Wasser des Glaubens auf seinem Haupte, verspürte, wie ihm ein Elchgeweih aus dem bespritzten Kopfe wuchs, wie seine Ohren sich spitzten, sein Hals länger wurde, seine Hände und Füße zu Hufe wurden, seine Haut sich zu gegerbtes Elchenleder wandelte. Der Jäger verließ die Höhle und starrte verwirrt in eine Regenpfütze. Als ihm ein Elch daraus entgegenstarrte, wollte er ein “Weh mir!” rufen, aber seinem Maul entfuhr nur ein zitterndes Röhren. Nicht mal seine Stimme hatte er behalten. Lediglich sein Geist war ihm geblieben und erklärte ihm, dass der Glauben dran Schuld wäre.

Er wollte zurück, um den Glauben an das Wirken finsterer Mächte zur Rede zu stellen und jenem seine eigene Meinung zu geigen, damit jenem Glauben an das Wirken finstere Mächte Unrecht nachzuweisen. Doch in jenem Moment spürte der ehemalige Jäger, wie “Recht” und “Ordnung” ihn mit wohlgezieltem Sprung anfielen

“Ich bin’s! Erkennt doch euren Gebieter!”, wollte er in seiner Verzweiflung rufen. Indessen röhrte er nur jämmerlich, wie wohl niemand zuvor einen Elche so hat röhren hören. Doch “Recht” und “Ordnung” zerfleischen im Bilde des trügenden Elches ihren Herrn, bis jener sein Leben ausgehaucht hatte und gerächt der Glauben an das Wirken finsterer Mächte wieder seinem eigentlichen Geschäft nachgehen konnte. Der Glauben begab sich von seiner Quelle frisch gebadet wieder unters gemeine Volk und fuhr fort, Mahnungen vor finsteren Mächten, die nur Schaden anrichten wollen, zu verbreiten.

Als später der zerfleischte Elch aufgefunden wurde – so sagt die unbewiesene Legende –, kam wohl ein Dichter namens “F. W. Bernstein” vorbei und notierte angesichts der zerfledderten Gestalt in der Regenpfütze in seinem Gedichtband die bedeutenden Worte:

Die größten Kritiker der Elche waren früher selber welche.

Das Corona-Tagebuch: Provinznotizen aus Deutschland Süd bei Südost (49): The Director’s Cut

Die Spatzen hüpften um die Wette. Die Hunde lagen faul in der Sonne. Der Himmel strahlte sein schönstes 1.-Mai-Strahlen. Der Betontisch zwischen uns diente normalerweise dem Dame-Spiel. Oder einem Schach-Spiel. Seine Quadrate waren unbesetzt, nur in der Mitte stand die Gin-Flasche und eine Flasche Tonic-Water.

“Ohne Eis”, fragte ich vorsichtig.

Er schaute mich kurz an, ganz kurz. Seine Augen erschienen leer und leicht verheult. “Eis braucht es nicht.”

“Alkohol ist keine Lösung, Mann.”

“Kein Alkohol ist auch keine.” Mit seiner rechten Hand machte er eine wegwerfende Bewegung hinter sich.

“So schlimm?”

“Schlimmer.”

“Wie schlimm?”

“Kennen Sie den Film ‘Nuovo Cinema Paradiso’ ?”

Klar kannte ich ihn. Philippe Noiret spielte eine hervorragende Rolle. Die Rolle eines alten Filmvorführers, der dem jungen Toto das Kino näher brachte. Ich nickte. “Ein grandioser Film in den 80ern. Freilich kenne ich den. Ein Oskar als Bester fremdsprachlicher Film.”

“Bester fremdsprachiger Film”, korrigierte er mich, “1990 erhielt er den. Vor 30 Jahren. Ins Kino kam er hier 1989, als das erste große Kinosterben stattfand. Wegen Fernsehen und Videos.”

Ich nickte erneut. “Ja, dieser Lockdown momentan wird wieder ein Kinosterben erzeugen. Streaming Dienste schleifen gerade die Sargnägel für viele Lichtspielhäuser.”

Lichtspielhäuser. Schön hast du das gesagt. Ich wollte den Film ‘Nuovo Cinema Paradiso’ auf einen der Streaming Dienste anschauen. Aber kein Streaming Dienst führt den Film.”

“Echt?”

“Keiner. Vielleicht, weil der bei der Weinstein-Company in Lizenz steht und mit Weinstein keiner mehr in Verbindung gebracht werden will. Selbst als DVD- oder Blueray-Neuware fand ich ihn nirgendwo. Ich habe mir den Film im Gebrauchtwaren-Handel bestellt. Deluxe Edition. Redux. The Director’s Cut. Der dauert knapp 49 Minuten länger als die Version, die damals im Kino gezeigt wurde.”

“Die Weinstein-Company ist in die Insolvenz gegangen. Vielleicht deswegen? Lohnt sich die längere Version?”

Er schaute mich kurz prüfend an. “Du erinnerst dich doch noch an die Liebesgeschichte im Film zwischen Toto und Elena?”

“Ja, klar. Als Alfredo starb, erinnerte sich Toto an seine damalige Freundin Elena. Er sah sich bei seiner Mutter in dem Dorf Giancaldo noch den 8-mm-Film von Elena an. Durchlebte die Erinnerung mit seinen alten Schwarm als Film. Aber das Hauptstück vom Film ist doch letztendlich die Schlussszene, der von Alfred zusammengeschnittene mit seinen Kussszenen.”

“Nein, das ist nur eine Schlusspointe. Im Director’s Cut kriegt der Film eine neue Perspektive, was Alfredo, Toto und Elena angeht.”

“Welche?”

Er schüttete sich wieder ein Gemisch aus Gin und Tonic in seinem Plastikbecher zusammen, nahm einen intensiven Schluck, drehte seine Hand mit dem Becher vor seiner Brust ein und schaute mich an.

“Toto entdeckte, dass Elena wieder in Giancaldo lebte. Nach Alfredos Beerdigung traf er sie wieder und erfuhr, dass Alfredo einen großen Anteil damals nahm, dass sich Toto und Elena nie wieder sahen. Er erklärte Elena, sie sollte ihn vergessen, weil sowohl Toto als auch Elena ein eigenes Leben haben werden. Und Elena erklärte Toto, dass ihr Wiedersehen in Giancaldo der perfekte Schlusspunkt ihrer alten Liebesbeziehung wäre. Sie hätte ihr Leben. Toto sah das nicht so. 30 Jahre war er ohne längere Beziehung und in jeder Frau suchte er nur einen Ersatz für seine Elena von damals. Unverheiratet, ohne Kinder. Das Gegenteil von Elena. Toto hätte gerne die Beziehung wieder gestartet, aber für Elena war es eine Geschichte von damals. Toto fuhr zurück nach Rom, enttäuscht, weil er sah, dass er seine alte Liebe wieder gefunden hatte, aber seine alte Liebe sah ihn nicht als neue Liebe, sie hatte keine Zukunft. So sass er im Kino und ließ sich das Vermächtnis vom Filmvorführer Alfredo den Kussszenen-Film vorführen. Aber ihm war klar, dass seine Vergangenheit für immer Vergangenheit bleiben würde. Alle Hoffnungen der letzten 30 Jahre waren passé und es blieben ihm lediglich Kussszenen aus der Vergangenheit, an die er sich erinnerte.”

Er machte eine Pause und nahm erneut einen Schluck aus seinem Becher.

“Das ist der Unterschied zum Kino-Film?”

“Ich hatte den Film bestellt, weil ich über den Soundtrack gestolpert bin. Gestern traf er mit der Post ein.”

“Hm.”

“Vor vier Tagen erhielt ich allerdings eine andere Nachricht. Privat. Als ich jung war, hatte ich eine große Liebe. Ich liebte sie abgöttisch, verbrachte damals stundenlang damit ihr Liebesbriefe zu schreiben. Irgendwann hatte ich bemerkt, dass sie nicht mehr wollte, also hörte ich damit auf, schrieb nicht mehr. Aber dafür schrieb ich umso mehr in meinem Tagebuch über sie. Führte Dialoge mit ihr, erklärte ihr darin, was ich so tat und wie sehr ich sie verehrte. Sie lernte jemand aus meinem Bekanntenkreis kennen und heiratete ihn. So vor einem Viertel Jahrhundert. Er war erfolgreicher als ich, aber Eifersucht fühlte ich keine. Ich dachte mir nur, wenn sie irgendwann von ihm genug haben sollte, dann wäre ich da und dann könnten wir … Ein dummer Traum, dummer Jungentraum. Was soll’s. Ich hielt zu ihm noch Kontakt, denn er ist ein wirklich sympathischer netter Mensch. Aber zu ihr verlor ich den Kontakt. Sie reagierte nicht mehr auf mich. Aber das war mir egal. Ich hatte ja noch Kontakt zu ihm. Klar, ich war mir im Klaren, dass ich mit ihr niemals mehr zusammen kommen würde. Ich wollte der letzte sein, die ihre Ehe in Frage stellte oder sie zu etwas drängen würde. Vielleicht war dennoch insgeheim auf Rückkehr vorhanden. Aber mit jedem Jahr wurde das nur noch ein diffuser Traum. Nach dreißig Jahren erhielt ich jetzt von ihrem Ehemann die Nachricht, dass sich beide voneinander haben scheiden lassen und getrennte Wege gehen würden. Das einzige Bindeglied zwischen den beiden wäre nur noch deren beider Kinder.”

Er machte eine Pause. Ich schwieg. Er goss sich eine neue Mischung ein. Ich sah ihm dabei zu.

“Ich wusste nicht, wie ich auf seine Email reagieren sollte. Und dann kam der Film an. ‘Nuovo Cinema Paradiso’. The Director’s Cut. Nach zwei Wochen des Wartens. Ich schaute ihn mir an und es kam wieder alles in mir hoch. Alles von damals. Damals hatte ich die Kino-Version gesehen und ich sah Toto als mein Ebenbild an, so wie er für seine Elena von damals schwärmte. Unerreichbar und unkontaktierbar. Eine Erinnerung von damals aus seiner Jugend. Und dann sah ich den Director’s Cut.”

Er hielt inne, starrte vor sich hin, nahm einen Schluck aus seinem Becher und verzog sein Geischt.

”Warum muss dieser verdammte Director’s Cut das Ende haben, welches ich jetzt erlebe? Warum? Warum muss Film und Leben diese Parallelen haben?”

“Ruf sie doch an. Lass dir ihre Nummer von dessen Ex geben. Sie wird sich vielleicht freuen.”

“Du bist nicht ganz dicht, oder? Das, was ich damals erlebte, meine Liebe zu ihr, die ist passé. Wie die von Toto im Film. Das war kein 30 Jahren warten, das waren 30 Jahre bis zur Erkenntnis, was ich mit meinem Leben in der Hinsicht gemacht hatte. Warten auf etwas, was es gar nicht mehr gibt. Sie. Das Leben ging weiter und ich habe es verstreichen lassen für alte Erinnerungen.”

“Und das haben Sie erst durch die längere Version eines Filmes verstanden?”

Seine Blick war leer, in seinen Augen lag Leere, als er mich ansah. Und langsam fingen sie an zu schimmern. Er war dabei, in Tränen auszubrechen. Er nahm einen weiteren hastigen Schluck aus seinem Becher und blickte vor sich auf den Boden.

“Ja, vielleicht. Und? Ist das schlimm? Nur, als ich den Film bestellte, da dachte ich gar nicht an sie, da dachte ich nur an einen wunderbaren Film mit der traumhaften Musik von Ennio Morricone. An eine intensive Liebesgeschichte. An ein altes Kino in meiner Nachbarstadt, einem Kino mit großem Saal, in dem ich ‘Spiel mir das Lied vom Tod’ sah. Das Kino war alt und wurde abgerissen, um dort einen Parkplatz zu errichten. So wie in dem Film ‘Nuovo Cinema Paradiso’. Ich sah den Abriss, bevor ich aus der Gegend wegzog. Ich wollte nur eine alte Zeit der großen Kinosäle mit dem Film zurück holen. Aber dann erhielt ich die Mail und der Film traf ein.”

Ich nickte ihm verstehend zu. Zumindest versuchte ich mein Nicken das Attribut ‘verstehend’ zu geben.

“Wir müssen gehen. Dahinten kommen zwei Streifenpolizisten. Und es existiert noch das Kontaktverbot und die Ausgangsbeschränkung.”

Er nickte, verstaute seine beiden Flaschen in den Rucksack und stand auf, den Becher in seiner rechten Hand umklammert. Er war trunken und schwankte. Er drehte sich zu mich um und bemerkte noch:

“Und Alkohol ist doch eine Lösung!”

Dann schwankte er von dannen.

Die beiden Polizisten gingen an mir vorbei dem trunkenen Mann hinter her. Sie beachteten mich mit keinem Blick. Sie unterhielten sich locker entspannt über diesen sonnigen, sommerlich warmen 1. Mai.

Ich blickte vor mir auf den Betontisch. Der Tisch war wieder leer. Die Quadrate unbelegt. Das darauf eingravierte Spielbrett wartete auf seine Steine. Oder auf Schach-Spielfiguren, damit diese erneut aufgestellt werden. Für ein neues Spiel. Neues Leben. Neues Glück.

Das Corona-Tagebuch: Provinznotizen aus Deutschland Süd bei Südost (48): Sendepause

Wenn ich mal nichts zu sagen haben, sollte man mich auch nicht unterbrechen, wenn ich beredendes Schweigen ausübe.

Drum heute mal Sendepause.

Das Corona-Tagebuch: Provinznotizen aus Deutschland Süd bei Südost (44): Maskenball

Zum ersten Mal musste ich meine Maske einsetzen. Es ist ein ungewohntes Gefühl. Mir fehlt zudem das Gesicht bei den anderen Miteinkäufern. Die Mimik fehlt und nur die Augen bleiben übrig als Anblick. Auch das Sprechen mit so einer Mund- und Nasenbedeckung fällt mir schwer. Die Maske soll mein Gegenüber vor mich schützen, aber er versteht mich damit auch wesentlich schlechter.

Vor nicht allzu langer Zeit wurden Zeitungsberichte von Menschen, die allein in deren Wohnung starben und die erst Monate später skelettiert aufgefunden wurden, mit einem Kopfschütteln quittiert. Es war für viele immer der Hinweis darauf, wie kalt diese Gesellschaft geworden wäre. Ob jetzt solche Meldungen auch zum Kopfschütteln führen werden? Das Sterben allein zu Hause könnte man dann wohl als Königsdisziplin in erfolgreich umgesetzten “Social distancing” ansehen.

Was vor sechs, acht Wochen nur Kopfschütteln auslöste, ist inzwischen ein neuer Standard. Zeitgleich fällt auch immer wieder der Begriff der “neuen Normalität”, an der man sich gewöhnen sollte. Für mich sieht diese Welt immer distanzierter aus. Die Verbindungen zu den Menschen werden immer geringer. “Social distancing”. Aber so ist es ja auch wohl beabsichtigt.

In diesem Sinne hatte ich ein Gespräch mit meiner 87-jährigen Mutter am Telefon. Ihrer Meinung nach ist die jetzige Situation noch schlimmer als die Situation im Kriege auf dem Lande, wenn die Luftsirenen gingen. Dann herrschte Ausgangsverbot. Aber danach konnte man sich wieder treffen und auch im Luftschutzbunker konnte man sich wenigstens umarmen. Ich fragte nach, ob sie das so meinte, wie sie es sagte. Sie bestätigte es. Früher hätte es in solchen Situationen noch Zusammenhalt und Kontakt gegeben, selbst wenn Bomben fielen und Menschen trafen. Aber heute seien Kontakte verboten und Zusammenhalt gibt es nur über den Fernseher. Und da würde sie reale Kontakte mit Menschen bevorzugen.

Mit dem Beginn der Ausgangsbeschränkung fiel mir damals auf, dass es keine Blickkontakte zu anderen Fußgängern mehr gab. Jeder schaute vor sich hin und ging seinen Weg. Inzwischen gibt es diese wieder. Aber sie wirken distanzierter bei den Menschen, die ohne Mund- und Nasenbedeckung herum laufen. Bei den anderen fange ich auch Blicke auf, aber ich kann nicht beurteilen, was die Augen aussagen. Man sagt, die Augen sind der Spiegel zu der Seele. Momentan habe ich für mich das Gefühl, in seelenlose Augen zu blicken. Und der Rest ist Maskerade. Ein Volk auf seinen Weg in die apperzeptive Prosopagnosie.

Der Journalist, Autor und Verleger Ruprecht Frieling hat zu der Thematik der Masken und der Maskenpflicht in seinem Blog mit einem Eintrag seine “Große Maskenparade” (hier) gestartet. Diese Parade lebt vom Mitmachen. Eigentlich ist es eher eine Augenparade. Denn mehr ist an Mimik bei den meisten Maskierten kaum zu sehen. Wenn ihr ein Selfie mit Euch als maskierten Menschen habt, schickt das Foto an Ruprecht Frieling (via seinem Internetauftritt) und ihr werdet in dieser Parade mit aufgenommen.

Viel Spaß mit seiner “Großen Maskenparade”.

Das Corona-Tagebuch: Provinznotizen aus Deutschland Süd bei Südost (42): Erdichtet

In einem Staate erging zum Schutze der Bevölkerung der Auftrag, die Freiheit einzusperren. Es gelang auch recht schnell, jene aufzuspüren, in Handschellen abzuführen und hinter Gitter zu bringen. Es wurde durchgeatmet, denn der Schutz der Bevölkerung war sicher gestellt. Doch die Freiheit an sich wäre wichtig, sogar systemisch, so sagte man, und daher sollte sie sich mit der Zeit auch wieder an sich selber gewöhnen und man ersann dazu einen 4-Stufen-Plan zur Freilassung der Freiheit.

Stufe 1: Du darfst alleine raus. Aber nur dann, wenn es nötig ist. Ansonsten 150 Euro. Wir müssen alle schützen.

Stufe 2: Okay. Du willst alleine raus. Aber du darfst nur mit Mund- und Nasenbedeckung einkaufen und unsere öffentlichen Nahverkehrsmittel nutzen. Einkaufen oder ÖPNV ist kein Privileg, sondern freiheitliche Teilnahme am freien Wirtschaftsleben. Akzeptierst du das nicht, dann wirst du auch nicht einkaufen oder umherfahren dürfen. Mund- und Nasenbedeckung ist Pflicht. Ansonsten 150 Euro. Wir müssen alle schützen.

Stufe 3: Hm. Okay. Du willst alleine raus. Du willst Freiheit leben, dich selber spüren. Gut. Nur, wenn wir ohne Einschränkungen erfahren dürfen, wo du bist, wohin du gehst, was du tust, mit wem du dich triffst, dann erhältst du ein wenig mehr davon. Freiheit war und ist ein kostbares Gut. Daher musst du ein Smartphone haben, auf welches unsere App funktioniert. Dann erhältst du in der Freiheit mehr von der Freiheit. Oder du musst in Kauf nehmen, zu Hause bleiben zu müssen. Du hast die Freiheit, unsere Bedingungen einverständlich zu wählen. Ansonsten 150 Euro. Wir müssen alle schützen.

Stufe 4: Du willst raus. Okay. Die Maßnahmen zur Förderung der Freiheit haben sich in den beobachteten Zeitraum bewährt. Die damals neue, ungewohnte Realität ist zu einer allgemein und akzeptierten geworden. Wir sind stolz unsere neu gewonnen Freiheit. Und für diejenigen, die immer nur Geisterfahrer sein wollen: Fügt euch unserer Freiheit. Ansonsten 150 Euro. Wir müssen alle schützen.

Nachdem jenes Stufen-Programm stand und es darum ging, dieses der Freiheit in ihrer Zelle zu präsentieren, wurde entsetzt festgestellt, dass die eingesperrte Freiheit aus der Zelle einfach verschwunden war. Das führte zur allgemeinen Verwunderung und Unverständnis. Es ging doch lediglich darum, die Freiheit zu schützen und ihre Einsperrung war wohlwollende Selbstschutz. Wie konnte die Freiheit darum einfach so dumm sein, aus ihrem abgeschlossenen Kerker zu verschwinden? Oder war sie ein Opfer einer Entführung geworden? Aber bislang verlangte niemand Lösegeld für ihre Freilassung. Man fand sie auch nicht erschlagen in irgendeinem Straßengraben. Oder wurde sie etwa ein Opfer von internationalen Terroristen?

Und weil keiner eine Antwort auf diese Fragen wusste, beschloss man, das 4-Stufen-Programm für sich zu behalten. Man müsse ja nicht alles herum erzählen. Zu viel der Offenheit würde der Bevölkerung auch nur Schaden bringen. Sie würde sich zu viele Gedanken machen und dann meinen, man würde ihr ungerechtfertigterweise zu denken geben statt jene selber denken würden. Dabei galt es doch die Bevölkerung vor unnötigen Schaden zu schützen. Also – so war der Gedanke – müsse man dieses verhindern und jetzt die Offenheit doch stattdessen im Kerker einsperren. Ja, auch jene müsse vor sich selbst geschützt werden.

Und somit …

Der Autor stockte und las sich das Geschriebene nochmals durch. Seine Stirn runzelte sich und er schüttelte den Kopf. Zu banal. Einfach zu banal. So etwas durfte er nicht schreiben. Völlig niveaulos. Und auch noch mit moralinsauren, erhobenen Zeigefinger geschrieben. Er zerknüllte kopfschüttelnd das Papier und warf es unbesehen hinter sich aus dem Fenster.

Als mir das zerknüllte Papier beim Spazierengehen direkt vom Kopf vor die Füße landete, hob ich es auf, entfaltete es und las das Geschriebene.

Jetzt wisst ihr, wie dieser ungeheuerlich beschränkte Blog-Eintrag zustande kam …

Das Corona-Tagebuch: Provinznotizen aus Deutschland Süd bei Südost (39): Regierungserklärung und ein Zeh

Eine Rede und was statistisch dahinter steckte:

  • Anzahl der Sätze 210.
  • Anzahl der Wörter: 3457.
  • Anzahl der unterschiedlichen Wörter: 1262
  • Längstes Wort: “COVID-19-Krankenhausentlastungsgesetz”
  • Der längste Satz: “Auch dann wird das Virus immer noch da sein; aber mit Konzentration und Ausdauer – gerade am Anfang – können wir vermeiden, von einem zum nächsten Shutdown zu wechseln oder Gruppen von Menschen monatelang von allen anderen isolieren zu müssen und mit furchtbaren Zuständen in unseren Krankenhäusern konfrontiert zu sein, wie es in einigen anderen Ländern leider der Fall war.”
  • Das am häufigsten verwendete Wort: “auch” (48x)
  • Lesezeit bei 300 Wörter pro Minute: ca. 14 Minuten
  • Rededauer bei professionellen Sprechern: ca. 19 Minuten
  • Dauer der gehaltenen Rede: 26 Minuten 56 Sekunden
  • Rednerin: Angela Dorothea Merkel
  • Zweck: Regierungserklärung
  • Applaus: vorhanden

And now to something completly different:

Die Bibel

So aber deine Hand oder dein Fuß dich ärgert, so haue ihn ab und wirf ihn von dir. Es ist besser, dass du zum Leben lahm oder als Krüppel eingehst, denn dass du zwei Hände oder zwei Füße hast und wirst in das höllische Feuer geworfen.

Verfasser des Zitats war ein gewisser Matthäus. Nein, der ex-fussballspielende  und jetzt Fußball-kommentierende Franke, der ist es nicht. Da mich der rechte kleine Zehe meines rechten großen Fußes bannig Ärger machte und mein christliches Hackebeilchen seit meinem Kirchenaustritt leider ein wenig arg verrostet ist, wagte ich den “triftigen Grund” in Anspruch zu nehmen.

Junger Padawan, raus er darf, sprach so ein kleiner, faltiger Sternenkrieger-Gnom in mir und ich humpelte auf den Weg zum Medicus. Der Arzt schaute sich meine Kleinigkeit an und meinte nur: “Bleiben Sie damit zuhause. Gehen Sie nicht raus, außer Sie haben triftige Gründe. Das wird schon wieder, in ein paar Tagen ist es weg..”

Hm. Also Ausgangsbeschränkung jetzt auch seitens meines Dottores. Statt einer gepflegten, blutig christlichen Amputation. Gut. Man kann halt nicht immer Glück im Leben haben.

Das Corona-Tagebuch: Provinznotizen aus Deutschland Süd bei Südost (38): Krisensituation ‘Nächstenliebe’

“Guten Tag, Sie sind mit der psychologischen Betreuung für persönliche Krisensituationen während der Corona-Pandemie verbunden. …”

“Hallo, mein Name ist …”

“Wenn Sie Probleme mit der Einsamkeit haben, sagen Sie bitte die ‘Eins’. Wenn Sie Probleme mit der Zweisamkeit haben, sagen Sie bitte ‘Zwei’. Wenn Sie unzufrieden mit der Gesamtsituation sind, sagen Sie bitte ‘Drei’.”

“Drei.”

“Sie haben Probleme mit der Einsamkeit gewählt. Sie haben drei weitere Auswahlmöglichkeiten. Wenn Sie Probleme mit der Einsamkeit haben, sagen Sie die ‘Eins’. Wenn Sie Probleme mit der Zweisamkeit haben, sagen Sie ‘Zwei’. Wenn Sie unzufrieden mit der Gesamtsituation sind, sagen Sie ‘Drei’.”

“Drei. Ich habe Drei gesagt.”

“Sie haben Probleme mit der Gesamtsituation. An der Ausgangsbeschränkung können wir nichts ändern, aber wir können Ihnen helfen in dieser Situation sich zurecht zu finden. Daher benötigen wir weitere Informationen von Ihnen. Wenn Sie Probleme mit der Einsamkeit haben, sagen Sie bitte die ‘Eins’. Wenn Sie Probleme mit der Zweisamkeit haben, sagen Sie bitte die ‘Zwei’. Wenn Sie unzufrieden mit der Gesamtsituation sind, sagen Sie bitte die ‘Drei’.”

“Drei.”

“Entschuldigung, Ihre Antwort konnte nicht verstanden werden.”

“Drei!”

“Entschuldigung, Ihre Antwort konnte nicht verstanden werden.”

“Drei! Drei. Drei. Drei!”

“Entschuldigung, Ihre Antwort konnte nicht verstanden werden.”

“Okay, dann Eins. Eins!”

“Vielen Dank für Ihre Antwort. Sie werden umgehend mit dem nächsten freien Mitarbeiter verbunden. Ihre Einsamkeit wird dann sofort beendet sein. Sie wurden in der Warteschlange eingereiht. Ihr durchschnittliche Wartezeit beträgt circa einhundertfünfundneunzig Minuten.”

“Okay, dann nehme ich Drei. Drei.”

“Wenn Sie unzufrieden mit der Gesamtsituation sind, können wir Ihnen nicht helfen. Sie wurden aus der Warteschlange ausgeschlossen. Rufen Sie bitte wieder an, wenn Ihre Beurteilung der Gesamtsituation sich gebessert hat. Für alle anderen Bedrohungssituationen erfahren Sie weitere Hilfe bei Ihrem Corona-Beauftragtem, aber bleiben Sie bitte immer zu Hause.”

“Eins?”

“Sie haben Probleme mit der Einsamkeit gewählt. Sie haben drei weitere Auswahlmöglichkeiten. Wenn Sie Probleme mit der Einsamkeit haben, sagen Sie bitte ‘Eins’. Wenn Sie Probleme mit der Zweisamkeit haben, sagen Sie bitte ‘Zwei’. Wenn Sie unzufrieden mit der Gesamtsituation sind, sagen Sie gegebenenfalls auch mal ‘Drei’.”

“Alkoholismus? Suizid? Selbstmord?”

“Vielen Dank. Ihr Anruf wurde gespeichert. Hiermit ist Ihr Gespräch beendet. Wir bedanken uns bei Ihrer Aufmerksamkeit und drücken Ihnen unser ernsthaftes Mitgefühl aus. Bitte hinterlassen Sie Ihr Testament gut sichtbar auf Ihren Küchentisch, damit wir ihren Todesfall entsprechend statistisch als Corona-Todesfall aufnehmen können. Leben Sie wohl.”

Das Corona-Tagebuch: Provinznotizen aus Deutschland Süd bei Südost (16): Maskerade

Österreich führt die Gesichtsmaskenpflicht für den Aufenthalt in Supermärkte ein. Der Supermarkt als Begründung den eigenen vier Wänden zu entgehen soll kein Argument mehr sein, sich Maßnahmen zu entziehen.

Ein Besuch im Supermarkt ist immer wieder interessant. Wenn im Obst- und Gemüsebereich die Leute mit Mundmaske jeder einzelnen Gurke die Hand schütteln und die kräftigste dann mit weiteren Kontrollgriffen auswählen, warum tragen die dann eigentlich Mundschutz? Und dann rüber zu den Tomaten und Äpfeln gehen, um dort wieder jedem einzelnen Früchtchen “Hallo” per Händedruck zu sagen. Waschen die nachher das gekaufte Obst gründlich in Spüli, Domestos oder anderen Desinfektionsbädern, wenn sie an deren Gesundheit denken? Oder wenn man von Leuten leicht aber hartnäckig beiseite geschoben wird, nur damit jene dann eine Minute unschlüssig an der von mir freigemachten Stelle herum stehen, muss ich selber dann die Eins-Fünfzig einhalten und zurück treten? Ich meine fast ja, das muss ich. Denn der Klügere gibt nach, und bei so viel maskierter Intelligenz wagt man als unmaskierter Dummer ja auch nicht unbedingt zu widersprechen.

Ein Gesetz, welches den Menschen vorschreiben würde, Gesichtsmasken in der Öffentlichkeit zu tragen, würde der Polizei die Arbeit wohl stark erleichtern. Wenn einer ohne Maske rumläuft, kann die den gleich per Gesichtserkennung ausfindig machen, wenn der sich der Verhaftung entziehen sollte. Und sollten mehr als nur zwei Leute mit einer Maske zusammen stehen, kann die Polizei gleich das Demonstrationsstrafrecht anwenden und die Leute verhaften (alternativ: Wasserwerfer-Einsatz mit Chlorreizgasbeimischung zur gleichzeitigen Desinfektion). Denn es gilt das Vermummungsverbot auch bei nicht angemeldeten Demonstrationen. Und die Wahrung der geforderten Kontaktsperren von Individuen untereinander.

Irgend so ein Donald Trump hat dem Automobilhersteller GM auf Basis eines Kriegsgesetzes befohlen, Beatmungsgeräte herzustellen. Wie das klappen soll, in einer Automobilindustrie, bei der Fahrzeuge an Fließbändern hergestellt werden, welche zum Teil hochautomatisiert sind? Wie das aussehen soll? Das ist überhaupt nicht so schwierig, wie alle meinen. Das Ergebnis werden dann amerikanische 6- und 8-Zylinder-Pick-Up-Fahrzeuge ohne geregeltem 3-Wege-Katalysator, dafür aber mit Bi-Turbo plus Anhängerkupplung sein. Und hinter jedem Fahrzeug wird ein Krankenbett mit einem zu beatmenden Patienten eingehängt. Vom Fahrzeug geht dann direkt vom Auspuff aus ein Schlauch in die Luftröhre des Patienten, und der erhält dann somit vom Pick-Up eine Druckbetankung als Atemversorgungsdienstleistung. Freilich wird die Abluft vom Auspuff auch mit ausreichend Sauerstoff angereichert werden, denn der Amerikaner an sich ist ja kein Unmensch. Und der Patient hat zusätzlich zum Sauerstoff auch noch den Duft von der freien Fahrt für freie Bürger in seinen Lungen. Der Sauerstofftank lässt sich praktischerweise beim  Pick-Up einfach auf dessen Ladefläche verstauen. Für Trump gewissermaßen eine Win-Win-Win-Situation. Denn wenn dabei ein Patient stirbt, war es garantiert GM oder ein Demokrat am Steuer, der alles falsch gemacht hat.

Ertrage die Clowns (12): Der Spaß beginnt …

    Im Jahr 1949 steckte sich der junge Joachim Fest einen Zettel ins Portemonnaie, den er bis zu seinem Tode mit sich führte. Auf dem Zettel stand der Satz:

    „Ertrage die Clowns!“

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  • “Haben Sie zuhause einen Desktop-PC?”, fragte die Chefin gestern ihren Mitarbeiter in der Firma, “Sollten Sie nämlich wegen dem Corona-Virus Home-Office machen müssen, dann können Sie von zu Hause aus arbeiten. Verstehen Sie? Oder wenn Sie am Corona-Virus erkrankt sein sollten, dann können Sie all ihre Arbeit von zu Hause aus erledigen, dann hat die Firma keinen Schaden.” Der Mitarbeiter nickte stumm. “Gut, also wenn es so kommt, arbeiten Sie von zu Hause.” Und die Chefin drehte ab. Ein anderer Mitarbeiter von ihr hatte eine Fußverletzung und wurde krank geschrieben. Sie hatte ihn immer wieder von zu Hause aus angerufen und ihn gedrängt, doch ein paar Aufgaben zu erledigen, denn obwohl er ja krank geschrieben wäre, so ihre Meinung, dann könne er trotzdem noch arbeiten. Wenn Deutschland etwas aus dem Flug “Germanwings Flug 9525” gelernt hat, dann das Arbeiten trotz medizinisch ausgestellten Krankenscheins. Als vor knapp 5 Jahren (am 24. März 2015) der Airbus A320-211 in die Hänge der Westalpen in Südfrankreich steuerte, starben beim Aufprall alle 150 Insassen. Später fand man heraus, dass der Selbstmordpilot eigentlich krank geschrieben war, aber trotzdem zur Arbeit ging. Dass niemand zu arbeiten habe, wenn so ein Mensch medizinisch krank geschrieben wurde, stand nie zur Debatte. Denn es hätte auf der damaligen Debatte dazu führen können, dass man Erkrankten sehr wohl eine Auszeit von der Arbeit zuzugestehen hat, damit sich der Körper desjenigen schneller und gründlich erholt. Tja, jetzt auch bei der Sache mit dem Corona-Virus. Die Chefin drehte sich nur kurz noch einmal um und bestärkte: “Auch wenn Sie an den Corona-Virus erkranken sollten, heißt das ja nicht, dass Sie nicht doch arbeiten könnten, nicht wahr. Und die Arbeit muss nun mal gemacht werden.” Sie schloss die Tür. Schlechter Rotwein hat im Gegensatz dazu noch immer den besseren Abgang.
  • Ein Arbeitskollege erkundigte sich telefonisch bei einer Apotheke, ob jene noch “Virulent” im Vorrat habe. Drei Packungen, war die Antwort. Er erwiderte, er würde um Viertel nach Neun dort vorbei kommen und alle drei kaufen. “Virulent”? Ich erinnerte mich, das in meinem Kühlschrank zu haben. Am Abend nach der Arbeit schaute ich nach. Stimmt. Da hinten, links hinten in der Ecke, da lag die Packung. Ich holte sie hervor. Ich hatte damals das Datum notiert, wann ich das homöopathische Mittel vom Arzt verschrieben bekam: Januar 2006. Verwendbar bis September 2019. Ich warte noch ein wenig. Auf dem Schwarzmarkt, dürfte die Packung bald Sammlerwert haben. Ach ja, obiger Kollege findet es asozial, dass manche mit gehorteten Atemmaske jetzt mit hohen Preisen fett Kasse machen. Das wäre unmoralisch. Bin ich froh, dass er an der Börse fett Kasse machen will.
  • Der Arbeitskollege stöhnte auf. Die USA hat die Einreise von Europäern verboten. Dabei wollte er übernächste Woche in den USA als Individualurlauber rumreisen. Den Flug – als Schnäppchen in einem Internetportal geschossen – kriegt er zu 100% ersetzt. Aber den Mietwagen? Die Hotels? Er ist sauer und überlegt zu klagen, wenn er nichts zurück erhält. Er ist rechtschutzversichert. Und dann las er die Nachricht, dass die Börse erneut mit über 10% eingebrochen ist. “Kein Problem”, meinte er lakonisch, “in zwei Wochen kaufe ich im großen Stil, wenn die Börse unten ist und dann mach ich fett Kasse.”
  • Ich erhielt auf meiner Arbeit die Anfrage eines Kollegen, ob ich nicht mit ihm den Urlaub tauschen möchte. Ich hatte meinen bereits für September gelegt, er auf April. Und er möchte Erholung mit seiner Familie im Süden. Den kann er im April wohl nicht wegen Corona realisieren. Also soll ich mit ihm tauschen, da ich ja keine Familie habe. Ich sagte ihm, ich sei bestechlich, und das ganz besonders in Zeiten von Corona und zu verlegenden Gardasee-Reisen. Er nannte mich ein kollegiales Arschloch, weil ich nicht im April Urlaub machen wollte.
  • Die Corona-Virus-Pandemie hat das Gebaren der ganzen Gangster-Rapper und Ghetto-Kids zu gesellschaftlich anerkannten Rang verholfen. Die “Ghetto-Faust” ist jetzt der Stil der Corona-Zeit. Die Gangster-Rapper und Ghetto-Kids werden sich neues zur Absonderung überlegen müssen. Vorschlag: Macht das, was die Bussi-Bussi-Gesellschaft Münchens damals immer machte, als jene Gesellschaft damals noch verächtlich auf euch nieder blickte. Sie wird neidisch werden.
  • Xavier Naidoo ist sauer. Warum ist ihm nur das Marketing von Tom Hanks eingefallen? Warum mögen ihn alle Menschen nicht? Nur weil er jetzt verdächtigt wird, doch Reichsbürger mit ausländerfeindlichen Ansichten zu sein? Man munkelt gerüchtemäßigerweis, dass er angeblich erbost aufgeschrien haben sollte, dass “die ganze Corona-Scheiße nur dazu dient, von den Scheiß-Wölfen unter den Flüchtlingen abzulenken”. Sein Pressesprecher hatte angeblich vor einer Stunde noch betont, dass Xavier Naidoo sich christlichen Idealen verpflichtet fühlt. Denen aus dem Mittelalter, müsste der dann wohl vergessen haben zu ergänzen.Denn für Xavier ist nach dem christlichen Kreuzzug wohl immer noch nur vor dem christlichen Kreuzzug. Und Corona wird dann wohl keine Strafe Gottes sein, sondern pures mediales Ablenkungsmanöver jenen Kreuzzug  in aller alternativer Wahrhaftigkeit für Deutschland zu starten.
  • Wer keine Ahnung hat, solle doch mal die Fresse halten. Ich habe keine Ahnung von Corona und sollte mich somit der einzigen Weisheit Dieter Nuhrs fügen. Nur habe ich auch keine Fresse. Aber eine Ladeluke, die sich erstaunt öffnet, wie sich manche an komplett belanglosen Twitter-Tweets von Dieter Nuhr abzuarbeiten. Mit den Gegen-Tweets scheint es, dass bestimmte Leute auf Angsterzeugung stehen. Und Dieter Nuhr ist dann nur ein zusätzliches wohlfeiles Mittel.
  • Panik? Panik ist immer eine Panik. Rückzuführen auf den griechischen Gott Pan, der auch gerne mal die Pan-Flöte spielte. Allerding sollte er auch in größter Mittagestille durch einen lauten Schrei auf einmal ganze Herden zu Massenflucht erregen zu können. Insbesondere zu einer plötzlichen und anscheinend sinnlosen Massenflucht. Panik. Panik? Panik ist intensive Angst. In Zeiten der Panik ist Angst immer ein meinungsbildender Faktor. Eine intensiver Faktor. Angst? Guggst du hier: ANGST!!!! (Autor des mp3-Datei: Voller-Worte-Blog)
  • Eine Firma schrieb in ihren Corona-Richtlinien, dass unnötige Dienstreisen jetzt in Gebiete mit Corona-Risiko nicht mehr genehmigt werden würden. Hm. Lasst uns auf die Post-Corona-Zeiten warten, dann sind unnötige Dienstreisen in ehemaligen Risiko-Gebieten wieder erlaubt. Und danach schauen wir uns gemeinsam die Maßnahmen zum Enger-Schnallen des Gürtels als Reisemitbringsel aus unnötig zu besuchenden Gegenden an …
  • Ein Fotograf besuchte die rote Zone rund um Fukushima und stellte aus seinem hermetisch abgedichteten Schutzanzug heraus fest, dass die Pflanzen so ganz ohne Menscheneinfluß richtig gut gedeihen. Das entspricht der Erfahrung von der roten Zone rund um Tschernobyl. Immer wenn ich Urlaub mache, sehe ich, wie mein Pflanzendschungel sprießt und gedeiht. Nur zwei Wochen nach dem Urlaub, sieht es anders aus. Na, hört mal, ihr Pflanzengesocks, was glaubt ihr eigentlich, wer eigentlich die Wasserrechnung hier bezahlt!?! Passt euch gefälligst an! Und seid glücklich, dass euch Corona und Radioaktivität nicht entscheidend beim Leben stört.
  • Im Traum erschien mir ein alternativer Fieslerstorch, bemerkte bei jeder Gelegenheit nachdrücklich fanatisch: “Fake-News!”, und versuchte nach Lesbos aufzubrechen, um als zukünftiges Vergewaltigungsopfer durch mindestens einen potentiellen Flüchtling, Schlagzeilen zu generieren. Sie wollte endlich, dass in ihren als “Fake-News-Verbreiterer” herabgewürdigte Fernsehsender wieder wichtige Dinge als Nachrichten auftauchen sollten. Sie durfte nicht ausreisen, weil sie kein Gesundheitszeugnis nachweisen konnte. Ihr Psychiater hatte beim Anruf der Grenzbehörden erklärt, derer Gruppengespräche in Berlin wären noch nicht abgeschlossen. Zieldatum dazu wäre wohl Oktober 2021. Demokraten vermuten jedoch, dass es über 2015 hinaus dauern könne, bis sie maximal situativ gesund erklärt werden könne. Ich beschloss, dass mir der Traum für das Happy-End entschieden zu lange dauern würde, und wachte auf.
  • Es wurde bereits nachgewiesen, dass unsere Bargeld-Scheine alle mit Kokain kontaminiert sind. Warnung an alle, die seit langem bereits versuchen mit vielen 5-Euro-Scheinen high zu werden: Ab sofort ist das 5-Euro-Scheinen-Lutschen mit dem gewissen Extra an Risiko versehen. Kauft von euren 5-Euro-Scheinen lieber den echten Stoff. Die Lunge wird es euch danken, was ihr euch zuvor durch die Nasenflügel pfeift.

Ertrage die Clowns (11): Das Leben mit anderen wie in einem Gemälde

Im Jahr 1949 steckte sich der junge Joachim Fest einen Zettel ins Portemonnaie, den er bis zu seinem Tode mit sich führte. Auf dem Zettel stand der Satz:

„Ertrage die Clowns!“

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Wenn die Kneipe das reale Leben spiegelt, dann ist das Kino die Projektion der Leidenschaften. In besonderen Kinos kommt es immer wieder zu besonderen Begegnungen. Cineastisch gesehen verschmelzen in solchen Lokalitäten Kneipe und Leinwand, während der Film in Endlosschleife zusammen mit dem Leben dieser Welt einem am Auge vorbeiläuft. Jeder Regisseur dieser Welt würde sogleich seine Handkamera aus der Hosentasche hervorholen, um diese reale Wirklichkeit eins zu eins abzufilmen: verwackelt, unglaublich simple Dialoge mit unbändiger Intensivität, Farben wie aus einer billigen Waschmaschine, das ganze weder in 4K noch in FHD, dafür lediglich gefilmt in der Auflösung alter 8-mm-Filme. Ein neuer Film im Stile von “Blair Witch Project”.

“Weißte”, würde dann der erste Amateur-Schauspieler sagen, mit einem Auge auf Leinwand und Publikum schielend, das andere an seinem Gegenüber klebend, das schmierige Gesicht einem direkt zugewendet, “weißte, in unserer Lebensgemeinschaft sind wir Full-Swap-Swinger, nicht wahr, also so mit allem drum und dran, und wir sind uns auch für alles ohne auch nicht zu fies vor, wir testen uns ja regelmäßig und sind gesund, also sind wir sauber und darum nur echtes Full-Swap, verstehste, wir lieben das Leben und warum sollten wir es darum nicht auskosten, nicht wahr, aber diese Sache mit dem Virus momentan, glaub mir, in den Medien wird gelogen was das Zeug hält, alles nur Hysterie und Panikmache, weder neutral noch objektiv, die Medien sind doch das Sprachrohr der Regierenden, muss man denen nicht glauben, was die so verzapfen, genauso das wie mit der Klimakrise, alles gemachte Panik, Waldsterben, Ozonloch, Sars, Klimakrise, vermeintliche Bedrohung durch marodierende Rechtsradikale, Kassenbons für Brötchen, Bienensterben, Ausländerreserviertheit, Kritik an erfolgreiche Großunternehmer und Organisationen in Fußballstadien und so weiter und so fort, denk doch mal, das sagen die doch nur, um vielleicht von brisanteren Themen abzulenken.”

“Die wären?”

“Begreife einfach, das dies nur dazu dient, die Menschen in der EU von anderen Themen abzulenken, schau mal nach Griechenland, was da abgeht. Da werden Menschen und Systeme gepämpert und gebauchpinselt, da erhalten die Menschen die Butter, die man uns nicht auf dem Brot gönnt, da schafft man denen das Paradies auf Erden, während man uns hier durch unsinnige Verbote und Meinungsmache klein halten will. Man will uns unseren Stolz nehmen. Und wenn dann etwas einem etwas demokratisches nicht passt, einfach das Gegenteil machen. Erinnert mich an Erfurt und die Wahl zum Ministerpräsidenten. Da hat den Regierenden auch nicht gepasst, was das Souverän des Volkes als Stimmabgabe ausgedrückt hat und was in Folge zuerst parlamentarisch gewählt wurde.”

Der Regisseur würde sofort umschwenken, die nächste Szene suchen, etwas aus einem Gemälde wie von Hieronymus Bosch. Ganz im Sinne des christlichen Abendlandes würde er versuchen, jede der sieben Wurzelsünden kamera- und dialogtechnisch abzubilden: Hochmut, Habsucht, Neid, Zorn, Wollust, Selbstsucht, Ignoranz.

Aber seine Suche wäre zwecklos, denn am Markt käme er damit nicht durch, würde mit seinem Kurzfilm zu den sieben Wurzelsünden keinen Erfolg zu haben. Niemand würde das sehen wollen. Auch wenn der Film sich eines Vergleichs zu “Blair Witch Project” nicht scheuen müsste.

Anfangs wäre er verzweifelt, weil es niemanden interessiert oder keiner hinschauen mag, nach kurzer Zeit würde er aber erkennen, dass es gerade die nachhaltige Praktizierung der Wurzel”sünden” dazu führt, was ein Leben ähnlich in einem Gemälde von Hieronymus Bosch dieses eben erst ermöglicht. Wer so etwas nicht explizit und ausführlich praktiziert, der wird gesellschaftlich an das bittere Ende der sozialen Hackordnung eingereiht.

Der Regisseur würde sich zurückziehen und bitterlich weinen und dann in eines der Kinos gehen, in der Leinwand und Kneipe miteinander verschmelzen, sich die Szenerie anschauen, sich wie in einem Gemälde von Hieronymus Bosch fühlen, die Handkamera herausholen …

… aber dann wurde er pragmatisch und steckte die Handkamera wieder weg, schnappte sich sein Bier, fläzte sich in einen der roten Sessel, und sah dann kurz darauf die Szenen des wahren Lebens vor sich ablaufen, einen kurzen Ausschnitt aus Helmut Dietls “Kir Royal” aus München, über München, in München, abgespielt vor seinem inneren Auge:

Haffenloher: „Ich mach dich nieder, wenn du mich jetzt hier stehen lässt wie einen Deppen, dann mach ich dich nieder. Ich ruinier dich. Ich mach dich fertig. Ich kleb dich zu von oben bis unten.“
Schimmerlos: „Mit dem Kleber?“
Haffenloher: „Mit meinem Geld. Ich kauf dich einfach. Ich kauf deine Villa, stell noch einen Ferrari davor. Ich scheiß dich sowas von zu mit meinem Geld, dass du keine ruhige Minute mehr hast. Ich schick dir jeden Tag Cash in einem Koffer. Das schickst du zurück. Einmal, zweimal, vielleicht ein drittes Mal. Aber ich schick dir jeden Tag mehr. Irgendwann kommt der Punkt, da bist so mürbe und so fertig und die Versuchung ist so groß und da nimmst es. Und dann hab ich dich, dann gehörst du mir. Dann bist du mein Knecht. Ich bin dir einfach über. Gegen meine Kohle hast du doch keine Chance. Ich will doch nur dein Freund sein – und jetzt sag Heini zu mir.“

Betrunken wankte der Regisseur von dannen. Er hatte genug. Genug gesehen, genug erlebt. Er benötigte neue Eindrücke, bessere, wirklichere, draußen vor der Tür …

Bösartige Umfrage

Eine kleine Forschungsgruppe der Elite-Universitäts LMTU München ging Ende Februar 2020 in die Innenstadt von München und konfrontierte Passanten, die eine Atemmaske trugen, mit der folgender Situation:

“Angenommen Sie müssten zwischen der Aufnahme eines Flüchtlings aus Syrien und der Corona-Virus-Erkrankung wählen, was wäre dann Ihre Wahl? a) vierzehn Tage Quarantäne und dann mit akuter Erkrankung knapp dem Tod entgehen? b) zusätzlich zu den Masernparties für die eigenen Kinder in den Kitas eine Immunisierungsparty mit CoVid-19-Erkrankten zur Eigen-Immunisierung durchführen? c) Flüchtling sofort zu Hause aufnehmen d) Flüchtlinge in CoVid-19-sichere Drittstaaten ausweisen e) eine CoVid-19-genehme Alternative für Deutschland wählen?”

Folgendes war der völlig überraschende Ausgang der Umfrage:

Tja, leider reichte das Budget der kleinen Forschergruppe nicht aus, die Zusammenfassung zu veröffentlichen …

Kneipengespräch: Hashtag ‘Umweltsau’

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“Warum heulst du?”

“Ich?”

“Ich sehe da doch Tränen auf deinen Backen ins Kölsch laufen.”

“Ach?”

“Ja.”

Ich nahm mein Kölsch und betrachtete es genauer. Langsam verstand ich, warum es salzig schmeckte. Hätte ich eigentlich selber drauf kommen können.

“Und?”

“Und was?”

“Warum heulst du?”

“Ich habe in meinem Leben nie ein Auto besessen.”

“Nie? Wie? Seit mehr als einem halben Jahrhundert ohne eigenes Auto?”

“Ich habe auch keine Immobilie oder je eine besessen.”

“Nie? Biste Hartz Vier’ler, oder was?”

“Ich verdiene gut, bin Hedonist, keine Kinder oder alternativ Kinder-Patenschaften in der Dritten Welt, weder Frau noch Freundin. So isses.”

“Das ist allerdings ein dicker Hund. Aber es ist doch okay, wenn du schwul bist. Schwule sollten eh keine Kinder haben, denn da fehlt dann immer die Mutter.”

“Was?”

“Ich meinte, es gibt bereits eh genügend alleinerziehende Mütter, welche diskriminiert werden und dabei auch noch inzwischen Oma geworden sind.”

“Wie?”

“Nicht falsch verstehen, ich habe nichts gegen alleinerziehende Mütter. So im Spagat zwischen Kind und Beruf. Eine Scheiß-Situation.”

“Scheiß-Situation?”

“Ja. Nicht falsch verstehen. Nur, das ist doch Kacke. Man überlegt doch vor dem Bumsen, ob ich ein Kind gemacht bekommen möchte, oder etwa nicht? Seit wann gibt es Gummi und Pille, oder? Menschen sollten etwas Bildung haben, oder etwa nicht?”

“Was?!?“

“Boah, du verstehst mich komplett falsch. Diese Frauen haben ja immer auch eine Oma, die dann …”

“Was willst du mir erzählen?”

“Willst du noch ein Kölsch?”

“Was meintest du?”

“Also, du hast doch damit angefangen, dass du kein Auto hast.”

“Ja und?”

“Dann hast du auch keine Oma, oder?”

“Und deswegen bin ich schwul?”

“Hättest du als Babyboomer-Generationsangehöriger, also als Ü50iger, deine eigene Immobilie, deine eigene Frau, deine eigenen Kinder, dann hättest du auch deinen eigenen privaten Generationskonflikt mit den ‚friday-for-future‘-Kiddies. Du verstehst, Pubertätsprobleme. Denn nachher wollen die doch alle sein wie Papi oder Mami. Saturiert und wohl gelitten. Aber du hast dich dem ja wohl entzogen, nicht wahr.”

“Hallo? Ist dein Kölsch mit bayrischem Bier gestreckt? Tringst du Noagerl, oder was? Was erzählst du mir da für’nen verdorbenen Leberkäs?”

“Du hast doch Twitter, oder?”

“Ja.”

“Dann hast du doch auch den seit drei Tagen andauernden Shit-Storm wegen ‘Meine Oma ist ne Umweltsau’ mitbekommen.”

“Hab ich.”

“Und dann weißt du auch, was da gerade abgeht. Umweltsau Oma.”

“Okay, ich gestehe. Deswegen heule ich.”

“Ach.”

“Ja. Weil Omma nicht mit Doppel-M geschrieben wird. So wie es sich für Oppa gehört. Da geht ein Stück Kultur den Bach runter, auf den Rücksitzen der SUVs talwärts. So wie der Germanwings-Flug 9525 in den französischen West-Alpen, damals, direkt nach dem Urlaub.”

“Omma mit Doppel-M?”

“Immer mit Doppel-M. Mamma schreibt man schließlich auch mit Doppel-M.”

“Mamma mit Doppel-M ist aber die Brustdrüse und nicht die Mutter, woll.”

“Mir egal. Omma schreibt man gefälligst mit Doppel-M. Und wenn in ihrem Hühnerstall zuvor mit EU-Förderungsmitteln alle Küken geschreddert wurden, und die restlichen der älteren Geflügel zu Chlorhühnchen oder Brustfilets verarbeitet wurden, dann darf Omma auch im Hühnerstall Motorrad fahren, nicht wahr. Gleiches Umweltrecht für alle.”

Ich atmete kurz durch und fühlte mich ob meiner Argumentation voll logisch. Kurz starrte ich auf mein Kölsch und winkte darauf dem Wirt:

“Oberspielleiter, einmal zahlen, bitte. Kein neues Kölsch, aber Wechselgeld. Und nen Kölsch-Gutschein für meine Omma.”

Mein Nachbar starrte mich an und vermerkte schmallippig:

“Du bist ja nicht wirklich diskussionstauglich. Du hast ja nicht mehr alle. Kein Wunder, dass Deutschland sich abwirtschaftet. Bei der Diskussionseinstellung, die du an den Tag offen legst.”

Ich warf ihm einen scharfen Blick zu, ein Blick so scharf wie eine 50-jährige Rasierklinge halt sein kann:

“Weißt du, diese Twitter-Gockel sind Krähende auf den Gipfeln der eigenen Misthaufen. Und vergiss nie: Kräht der Hahn auf dem Mist, ändert sich’s Wetter oder es bleibt wie es ist. Allerdings kräht der Bauer auf dem Mist, dann der Hahn wohl im Urlaub ist. Und momentan ist nur gesichert, dass momentan nur einer keinen Urlaub hat: der Misthaufen.”

Ich legte den Zehner auf den Tresen.

“Wohin?”

“Ich hole meine Mudda aus Dortmund mit nem CarSharing-SUV nach München. Damit Omma und Umweltsau endlich eine Verbindung eingehen.”

“Du bist eine Ü50ige Umweltsau!”

“Du mich auch. Leck mich.”

Ich verließ die postfaktische Diskussion in meiner Kneipe. Die Lust draußen war klar und kalt.

 

Benötigen Sie einen Weihnachtsmann? Ich bin Student.

Sein Bart war inzwischen nicht mehr weiß. Er war grau geworden, grau wie eine ungewaschene Gardine vor einem verdreckten Fenster. Eigentlich hätte er ja noch weiß sein sollen. Nur die Lisbet, die alte Sau, die hatte ihm Dinkelmehl ins Gesicht geblasen. Das solle Glück bringen, giggelte sie noch. Am liebsten wäre er ihr an die Gurgel gegangen, aber von der Lisbet kannte er kein anderes Verhalten. 92 Jahre, tendenziell dement, aber den Schalk einer sechsjährigen Göre im Nacken. Lisbet hatte das immer so gemacht. Jedes Mal. Immer. Würde er wählen dürfen, die Lisbet würde er nicht mehr besuchen. Nur Lisbet war die beste Freundin seiner Mutter.

Gewesen. Bis seine Mutter vor vier Jahren verstarb und sie ihn im Testament aufforderte, in dem Haus für betreutes Wohnen immer zur Weihnachtszeit den Weihnachtsmann zu geben. Weil er sie im Renten-Dasein allein gelassen und ins Heim abgeschoben habe, so erklärte sie. Sieben Jahre lang, so hatte sie es im Testament geschrieben. Falls er das nicht machen würde, würde sein Erbanteil auf ihr Heim überschrieben werden.

Er brauchte allerdings das Geld. Nicht dass er über dem Tode seiner Mutter seine Zukunft geplant hatte, er kalkulierte nie mit dem Leben und Sterben anderer Menschen seinen Lebenstandard. Er war Vertreter der Eigenverantwortlichkeit. Glück gab es nur, wer etwas dafür tat. Nur hatte ihn einfach das Pech eingeholt und dann auch noch rechts überholt. Erst der Verlust seiner gesamten Einlagen durch einen Kursrutsch, kurz darauf die Krise in seiner Branche und dann seine betriebsbedingte Kündigung. Mit der 5 vor seinem Alter wollte ihn bislang keiner einstellen. Zu unflexibel, zu undynamisch, nicht formbar, zu alt, zu viele Qualifikationen, zu wenig Qualifikationen, das falsche Geschlecht, die falsche Nase. Alles hatte er bereits gehört. Fachkräftemangel? Darüber konnte er nur lachen. Populistischer Scheiss, war seine regelmäßige Antwort auf dieses Schlagwort. Zu rebellisch und zu uninformiert, hatte ihm dann einer der Leiter irgendeiner Personalabteilung beim Bewerbungsgespräch gesagt und ihm die Tür nach außen hin geöffnet.

Zu unsexy, hatte ihn vorhin die Lisbet angekräht und ihm das Dinkelmehl ins Gesicht geblasen. Den Mehlstaub konnte er sich nur mühsam etwas aus seinen Klamotten und Bart klopfen. Das Rot seines Mantels sah nun blasser aus und sein Bart war grau geworden. Er sah sich im Spiegel des Aufzugs an und atmete kurz durch. Lisbet gehörte eigentlich nicht in dieses Haus, dachte er sich kurz. Sie hat doch einen Sohn in München, der lebt dort gut, ist Single, verdient dort wohl ein Schweinegeld und verprasst dieses mit Sicherheit in irgendwelchen hedonistischen Tempeln der unmoralischen Landeshauptstadt, macht aber dabei auf arm, wenn er darauf angesprochen wird, seine Mutter zu sich zu nehmen.

Die Aufzugtür öffnete sich. Er blickte nochmals in den Spiegel, zog seinen Bart zurecht und versuchte sich mit einem atonalen ‘HoHoHo’ in Stimmung zu bringen. Schlurfend bewegte er sich auf Wohnung Nummer 8 zu. Er hasste Wohnung Nummer 8. Zu Weihnachten erwarteten ihn immer dieses unsäglich doofe Rentner-Duo: Heinrich und Bernhard. Statt in Würden zu altern, glaubten die beiden, irgendein Anrecht darauf zu haben, ihn zu foppen, indem sie sich betont jugendlich gaben.

Die braune Tür vor ihm verriet nichts davon, was ihn erwarten könnte. Lediglich die musikalische Klangwolke, die durch die Tür diffundierte, gab ihm einen Vorgeschmack auf das, was ihn de facto erwarten würde. “Principles of Lust: Sadeness” von “Enigma” waberte ihm entgegen.

“90er Jahre Scheiß des letzten Jahrhunderts”, grummelte er, “und auf dem Wohnzimmertisch wahrscheinlich wieder ‘ne Packung Viagra.”

Sein Finger suchte die Klingel und fand sie. Er drückte kräftig und lang.

HoHoHo!

Die Tür öffnete sich langsam. Indigniert registrierte er, dass die Tür über eine Paketschnur geöffnet worden war und ihn keine Person direkt an der Tür begrüßte. Er trat ein, schloss die Tür und folgte dem Verlauf der Paketschnur langsam in das Wohnzimmer.

“Tschuldigung, wir benötigen einen Weihnachtsmann. Ist er Student?”, ulkte Heinrich ihm entgegen und Bernhard ergänzte meckernd lachend: “Früher war mehr Lametta!” Ein Kanon des Lachens umwaberte ihn.

“Könnten Sie beide, bitte, dieses Jahr nach meinem Auftritt hier netter zu mir sein? Ich gebe schließlich seit drei Jahren immer mein Bestes und jedes Mal erhalte ich von ihren Söhnen und Töchtern das Feedback, dass Sie beide mit mir nicht zufrieden gewesen wären. Und dann ziehen die mir wieder über 50% von meiner Entlohnung ab. Aber ich brauch das Geld. Ich bin immer noch arbeitslos.”

“Richtig, früher war mehr Lametta,” echote Heinrich.

“Dieses Jahr ist der Weihnachtsbaum grün, naturgrün, frisch und umweltfreundlich. Mit ohne echten Äpfelchen dran.” Bernhard deutete vor sich auf dem Wohnzimmertisch, auf dem ein kleines Tännchen stand. “Der dicke Weihnachtsmann möchte uns jetzt ein Gedicht aufsagen.”

Beide starrten ihn erwartungsvoll an, nur sein Blick war wie festgenagelt auf dem Wohnzimmertisch gerichtet. Er wollte es nicht glauben, aber da lag eine Schachtel Viagra, geöffnet, und daneben noch drei Kamagra Oral Jellies, Geschmacksrichtung ‘Spekulatius’, … .

“Zickezacke Hühnerkacke”, entfuhr es ihm nur langsam und fast schon undeutlich.

“So, und jetzt wird ausgepackt. Und Herr Weihnachtsmann, sei wenigstens ein wenig gemütlich!” Heinrich zog hinter sich eine Flasche Haselnuss-Schnaps hervor. Bernhard deutete mir einer Fernbedienung auf den Wandschrank und die “Enigma”-Musik schwoll bedeutungsschwängernd an, derweil eine laszive Frauenstimme einen zittrigen Orgasmus in das Lied hinein intonierte. Er hasste das Lied: eine kommerzielle Verwertung des weiblichen Orgasmus. Das hätte völlig privat bleiben sollen. So etwas gehörte nicht in die Öffentlichkeit. Er mochte auch die Schauspielerin Meg Ryan nicht mehr, seitdem er sie im Film ‘Harry meets Sally’ in dem Cafe öffentlich ihren vorgetäuschten Orgasmus rausstönen sah. Schlampe.

“Ey, du Weihnachtsmann, werd’ mal locker! Du kannst doch nicht jedes Jahr so verkrampfen hier! Man könnte ja meinen, du würdest den Rest des Jahres im Sterbehospiz verbringen und nur Weihnachten ließe man dich in dieser Verkleidung zum Lustholen raus.”

Heinrich wedelte ihm mit einem doppelten Haselnuss-Schnaps vor ihm rum. Er griff zu, denn er wusste, was jetzt passieren würde. An Flucht war nicht mehr zu denken. Er war gefangen. Er hätte nie reinkommen dürfen. Nie. Niemals. Nicht. Eigentlich. Aber dann würde er auch das Geld für seinen Weihnachtmannauftritt nicht erhalten. Oder zumindest nicht jene um 50% gekürzte Aufwandsentschädigung. Und er brauchte das Geld. Denn jung war er nicht mehr.

“Also, nochmals: Könnt ihr beide wenigstens diesmal euren Söhnen und Töchtern erklären, dass ich gut war, damit wenigstens mein Geld in voller Höhe bekomme? Könnt ihr wenigstens diesmal nicht lügen?”

Bernhard lachte. “Das werden wir garantiert nicht erklären. Die sollen ruhig wissen, dass wir hier in diesem Kuhkaffviertel vor Dortmund dahin vegetieren, und dafür Gewissensbisse bekommen. Sonst haben die keine besinnliche Weihnacht. Solange die sich nicht bequemen, uns Weihnachten zu besuchen oder auf deren Kosten einzuladen, solange werden wir keines derer Geschenke wertschätzen. Weihnachten ist ein Familienfest und keine ‘ich-hoffe-es-geht-euch-dort-gut’-Veranstaltung!”

“Aber was kann ich dafür? Ich brauche doch das Geld, ich bin arbeitslos, keiner will jemanden der Ü50-Generation wie mich mehr einstellen.”

“Doch! Als Fachkraft! Eben als Weihnachtsmann. Wir haben Fachkräftemangel. Und nu chill mal, du junger Hüpfer! Same procedure as last year!”

“Same procedure as last year?”

“Same procedure as every year, Dickie, du Weihnachtsmann!”

Richard mochte es nicht, wenn er als ‘Dickie’ angeredet wurde. Es erinnerte ihn an Richard Nixon. Den nannte anfangs auch jeder ‘Dickie’, allerdings danach nur noch ‘Arschloch’.

Heinrich ergriff ein kleines Weihnachtsglöckchen, welches neben dem Tännchen, naturgrün, frisch und umweltbelassen, stand und läutete damit kräftig. “HoHoHo! Let’s get the party startet!”

Erinnerungen.

Wahrscheinlich erinnerte er sich nur noch deshalb an diese Konversation, weil Bernhard Heinrich seinen Satz nochmals wiederholte und seine Betonung dabei mehr auf ‘Dickie’ lag. Und dann war da noch der Satz, den Bernhard eindeutig zweideutig anpeitschend raushaute: “Digg your digger dick, Dickie!”

Richard sah die Schlafzimmertüre sich öffnen, zwei mitvierzigjährige Frauen in aufreizender Garderobe, zwei Silbertabletts auf ihren Händen, traten ins Wohnzimmer, auf jedem Silbertablett fein säuberlich neun weiße Linien gezogen. Heinrich riß sich ein Kamarga Jelly auf, steckte die Tüte in den Mund, sog den Inhalt in sich rein und schüttete sich einen Haselnussschnaps hinterher. Eine Frau bot Richard und Bernhard ein Papierröhrchen an. Beide griffen zu und beugten sich über eine der Linien der Silbertabletts … .


“Warum haben Sie mir schon wieder nur die Hälfte überwiesen?”

Blechern schallte es aus seinem Handy zurück: “Weil Sie ihre Leistung nicht erbracht haben. Wieder mal nicht. Eben drum.”

“Was hab ich denn getan?”

“Beide haben mir bestätigt, dass sie besoffen und verkokst waren, nicht mal ein Weihnachtsgedicht beherrschten und keine Stimmung gemacht hatten. Das haben Sie sich selber zuzuschreiben.”

“Verdammt, ich hatte Ihnen doch erzählt, dass die beiden Viagra, Koks, Schnaps und Milfs bei sich hatten. Sex, Drugs und Rock’n Roll und sie ließen es sich verdammt gut gehen.”

“Jaja. Wein, Weib und Gesang, die alte Mär. Erzählen Sie das ihrer Oma, aber nicht mir, okay. Mein Vater ist fast 70, Rentner mit schmaler Rente, rüstig, und lebt in einem Haus für betreutes Wohnen. Und Sie wollen mir weiß machen, der haut seine gesamte Rente für Koks, Weiber und Alkohol verantwortungslos raus, statt sein Geld für seine Enkel zurück zu legen? Das glauben Sie ja wohl selber nicht! Mein Vater ist ein Rentner, der jetzt nach seinem aufreibendem Arbeitsleben endlich mal Ruhe braucht und keine Sex- und Drogengelage. Mein Vater hat alles, was er zum Leben braucht: eine anständige, gesunde Betreuung, ein vernünftiges Zuhause und Zucht und Ordnung! Mein Vater ist ein ehrbarer Mensch. Seien Sie froh, dass ich Ihnen überhaupt etwas überweise, so wie Sie über meinen Vater lästern und Rufmord begehen, Sie Weihnachtsmann, Sie! ”

Wortlos beendet Richard den Anruf. An seiner Tür hatte es geschellt. Er schlurfte zur Tür und öffnete sie. Ein wesentlich älterer Mann stand vor ihm und nahm seine Mütze ab, blickte auf den Boden und murmelte gerade noch vernehmlich:

“Benötigen Sie einen Weihnachtsmann? Ich bin Student.”

Stuntmen auf E-Scooter

Kaskadendecke. Weiß. Im Blickfeld ein chromglänzenden Halter einer Infusionskatusche. Seine Zehen schauten vor ihm unter der Bettdecke hervor. Dahinter graues Begrenzungsbrett mit chromglänzender Griffstange. Dahinter Vitaldatenmonitor mit chromglänzenden Verzierungselementen. Pulsoxymeter.

Der Monitor als Seismograph der eigenen Vitaldaten mit roter, zackiger Kurve auf grünen Display. Heller Ton, piepender Ton, langer Nachhall. Neuer Ton, hell, piepsig, nachhallend. Erneut.

Piepssss. Piepsss. Piepssss.

“Schwachsinn”, schoss es ihm durch den Kopf, “zu viel der schlechten Filme.”

Das grüne Display des EKGs war lediglich ein Typenschild. Er konzentrierte sich. Nein. Da war kein Ton. Außen jedenfalls nicht außer Kabelgewirr. Aber in seinem Kopf, da war der Ton. Tinitus?

“Solche Geräte piepsen auch nur in Serien wie ‘Emergency Room’ oder ‘Greys Anatomy’. Oder wenn Dr. Stephanie dem Dr. Stefan Frank in aller Freundschaft die Praxis Bülowbogen aufmöbelt,  …”

Er wollte über seinen Gedankengang grinsen. Lediglich seine Gesichtsmuskeln spielten nicht mit.

Krankenhauseinrichtung. Auf seinen Versuch seinen Kopf zu drehen, antwortete sein Körper mit einem stechenden Schmerz. Dafür stürzten plötzlich Erinnerungen auf ihn ein, er sah den Verlauf vor sich, den Unfall, den Krankenwagen …

“Und? Aufgewacht? Alles fit?”, ertönte neben ihm eine Stimme.

“Ja, halbwegs. Wo bin ich hier? Krankenhaus?”

“Yep. Intensivbeobachtung, aber nicht Intensivstaion.”

“Ah, shit, der Unfall.”

“Sie erinnern sich?”

Er seufzte. Ein pochender Schmerz in seinem Kopf meldete sich. Bandagen an seinen Armen meldeten sich, Juckreiz meldete sich. Es juckte unter den … er bewegte seine Arme leicht … Mist, Gips.

“Ja, ich erinnere mich.”

“Was passierte?”

“Ich fuhr mit dem E-Scooter durch die Fahrradstrasse und blickte kurz auf mein Smartphone, um mich zu orientieren, weil ich aus der Straße abbiegen musste.”

“Flachrechnerbenutzung bei Nutzung eines Elektrokleinstfahrzeuges macht 55 Euro und 1 Punkt in Flensburg. Flachrechner wie Smartphones nutzt man in der Regel mit beiden Händen, sie sind also freihändig gefahren, nicht wahr. Macht weitere 10 Euro.”

“Sie kennen sich wohl aus?”, er lachte. “Schon mal freihändig auf einem Tretroller gefahren? Geht gar nicht. Außer man macht auf Stuntman.”

“Mag sein, aber einhändige Benutzung von Smartphones ist heutzutage bereits Legendenbildung, nicht wahr. Wer hat denn noch so ein Mäusekinodisplay in der Tasche.”

“Mann, ich wollte lediglich Abbiegen, weil ich laut Smartphone links abbiegen sollte.”

“Und da haben Sie den Schulterblick gemacht und Handzeichen nach links gegeben, nicht wahr.”

“Häh? Wie soll das denn gehen? Hab ich vorhin nicht schon gefragt, bin ich etwa Stuntman? Haben Sie das mal versucht? Das lässt Sie ihren E-Scooter verreißen, das haut Sie weg. Das ist wie auf nem Tretroller, nicht anders.”

“Also ohne Handzeichen. So etwas kostet 10 Euro.”

“Und dann kam dieser Depp von rechts in seinem Kleinstwagen, so nem alten Fiat Cinquecento, bremste quietschend. Und lautstark rumhupend auch noch. Ich hatte den gar nicht gesehen …”

“Autofahrer behindert, 20 Euro.”

“Und von links dann der Corsa-Fahrer. Dem Fahrer hab ich noch ins Auge gesehen und er mir. Der trug nen Pepita-Hut. Dann knalle es auch schon.”

“Autofahrer behindert, Unfall verursacht, 25 Euro.”

“Behindert? Hätte der nicht mal schauen können? Der hat mich doch kommen gesehen! Der fuhr überhaupt nicht defensiv oder vorausschauend oder auf schwächere Rücksicht nehmend. So einem Verkehrsrowdy gehört mal der Führerschein entzogen! Und diese andere Sau, welche einfach von rechts bremsend und hupend alle Leute verschreckt. Weiß der nicht, dass Leute im Straßenverkehr erschrecken gefährlich ist? Niemand nimmt mehr heute Rücksicht, alle sehen nur sich selber. Immer nur ich, ich, ich und immer nur ich, die reine Ich-Gesellschaft, bis solche wie ich im Krankenhaus liegen …”

“Und? Hast du alles?” Eine neue Stimme meldete sich im Hintergrund

“Ich hab alles”, sagte die erste Stimme. Ein Gekritzel auf Papier eines Kugelschreibers, dessen Mine schon längst ersetzt gehörte, kurz danach ein langgezogenes, kratzende Geräusch, wie wenn ein Zettel von einem Notizblock abgezogen wurde und dann …

“So, ihre Aussage zum Unfall wurde aufgenommen. Zeuge Kollege Oberwachtmeister. Das macht wohl einen Punkt in Flensburg und 120 Euro Bußgeld en top. Ihre letzten Aussage qualifizieren Sie darüber hinaus als Verkehrsrowdy, was wir auch weiter leiten werden. Sie werden von uns in paar Tagen von der Dienststelle noch den offiziellen Binnen-Brief erhalten. ”

“Binnen-Brief? Was ist das?”

“Zahlungsaufforderung über Bußgeld. Zu zahlen binnen Zahlungsfrist. Binnen-Brief.”

Die zweite Stimme stieß ein kehliges Stakkatolachen aus. “Gehen wir. Wir haben alles, was wir brauchen für unseren polizeilichen Unfallbericht.”

“Polizeilich? Sie sind Polizisten? Sie haben mir nichts gesagt! Sie dürfen doch nicht …”

Er hörte, wie sich die beiden entfernten, eine Tür geöffnet und verzögert wieder verschlossen wurde.

Der Bandagierte schaute fassungslos auf die Kaskadendecke und schrie den beiden seine Verwünschung hinterher: “Ihr gottverdammten Arschlöcher! Sausackidioten auf zwei Beinen! Der eine kann nicht lesen, der andere nicht schreiben. Deshalb immer zu zweit!”

Durch die Tür schallte trocken die Rückantwort:

“Das haben wir gehö-hört! Horst, protokollier es …“

Ertrage die Clown (10): Freiheit, die ich meine

Im Jahr 1949 steckte sich der junge Joachim Fest einen Zettel ins Portemonnaie, den er bis zu seinem Tode mit sich führte. Auf dem Zettel stand der Satz:

„Ertrage die Clowns!“

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Der Vortragende salzte nach.

Das Radieschen vor ihm vertrug seiner Meinung noch etwas Salz, bevor er dessen letzte Hälfte in seinem Mund verschwinden ließ. Salz ist das Elixier der Suppe und eines jeden Radieschens, memorierte er still vor sich hin, bevor er zu seinem Mund führte und die Hälfte genießend zerkaute. Es war die bewusste rhetorische Pause seiner Rede. Er konnte es sich leisten und das mitten in einem ausgeklügeltem Vortrag.

In seinem langem leinenem, weißen Gewand stand er vor ihnen und seine Hand fuhr durch deinen langen Bart. Es war ein buschiger, spitz herunter hängender  Bart, der bereits weiß-ergraut war. Er ergriff den Bart immer wieder am Kinn, bündelte ihn mit seiner Hand und fuhr dann damit von Kinn bis zur Brust runter, bis auch das letzte Härchen seinem Griff verlassen hatte. Immer wieder wiederholte er die Prozedur. Seine Schüler hockten im einfachen Baumwollgewand vor ihm und wagten nicht das zu formulieren, was sie dachten: Er melkte eine Kuh und die Kuh war sein Hirn und seine Weisheit kam immer dann, wenn er seine Hand um seinen langen weißen Bart zu legen, um eine neue Weisheit aus seinem Mund zu erzeugen. Sie hingen an seinem Mund und der Bart war ihnen recht gleichgültig. Nur diese Handbewegung, die war das Geheimnis der Erkenntnis. Wohl möglich. Die Handbewegung war seltsam selbstzentriert, irgendwie unklassifizierbar, seltsam egoman. Daher stieß es seinen Anhängern auch immer wieder ungemein ärgerlich auf, wenn jemand diese Handbewegungen mit Onaniehandbewegungen in Verbindung brachte.

Die Zuhörer klebten bereits seit sechs Stunden an seinen Lippen. Nie zuvor hatten eine solche lange Vorlesung an deren Einrichtung gehört, nie hatten sie ähnliches gehört. Und sie waren initiationsgleich instruiert worden, dass er revolutionäres verkünden würde.

“Es gibt verschiedene Prinzipien, die ihr alle jetzt aus meinem Vortag ableiten könnt. Und das erste Prinzip unserer Ethik ist: die Würde des Menschen ist unantastbar. Sie zu achten und zu schützen, ist Verpflichtung aller staatlichen Gewalt.”

Schweigen in dem Auditorium erfüllte den Saal. Hin und wieder war ein Kratzen wie von Federkiel auf Pergament zu hören, aber ansonsten regte sich nichts. ‚Einundzwanzig‘, ‚zweiundzwanzig‘, ‚dreiundzwanzig‘. Die alte Regel, dass die vorgenannten Worte als Regel der Aussprache jener Worte insbesondere im Deutschen jenen zeitlichen Bereich einer Dimension sekundenhaft durchschreitet, materialisierte sich. Niemand sagte etwas, alle stellten sich die andere, unzeitliche Dimension der Worte vor.

“Moment”, ein einzelnes Wort zerschnitt den Vorhang jener scheinbar undurchdringlichen Stille. Nicht ein Kopf drehte sich in Richtung der Wortmeldung. Die Köpfe wiesen weiterhin in Richtung auf des Vortragenden, als ob der Fragende unbedeutend wäre. “Das heißt, einem Nicht-Menschen, also entsprechend einer Definition von ‘Nicht’, kann also jene Würde für sich nicht reklamieren? ‚Nicht‘ im Sinne von ’nicht vorhanden‘.”

Der Vortragende blickte suchend in die Menge der Zuhörerschaft, um den Zwischenrufer auszumachen. Seine Suche blieb aber erfolglos. Daher antwortete er einfach:

“Mensch ist Mensch. Sind wir nicht Menschen? Wie hatte mein Kollege bereits zum Thema verlautbaret: Wir sind, wer wir sind. Menschen. Jeder hat das Recht auf die freie Entfaltung seiner Persönlichkeit, soweit er nicht die Rechte anderer verletzt und nicht gegen die verfassungsmäßige Ordnung oder das Sittengesetz verstößt.”

“Jeder?”, ertönte wieder die Stimme aus dem Auditorium.

Der Vortragende versuchte die Richtung der Stimme zu orten. Der Saal war zwar akustisch für das Auditorium hervorragend, aber für den Vortragenden eine Katastrophe. Beim Aufbau war nie vorgesehen, dass der Vortragende sich Fragen stellen sollte. Dafür gab es kleinere Steinbauten.

“Alle Menschen sind vor dem Gesetz gleich”, antwortete der Vortragende, melkte seinen weißen Spitzbart und blickte in die Runde. Es verwunderte, warum er Gegenfragen erhielt. Seine außerordentliche Position im Senat der Lehranstalt feite ihn normalerweise vor solch Zuhöreragitation. Nur trotz eben solcher konnte er den Zurufer nicht ausmachen. Er sah auch kein Unruhe im Saale der Zuhörer, welche ihm helfen konnte den Störer auszumachen.

Wieder ertönte die Stimme: “Die Freiheit des Glaubens, des Gewissens und die Freiheit des religiösen und weltanschaulichen Bekenntnisses sind also unverletzlich?”

Der Vortragende nickte: “Absolut. Aber könnte der Zwischenrufer sich bitte erheben? Ich mag es nicht, auf anonyme Zwischenrufe zu reagieren.”

Er wartete. Aber niemand erhob sich. Die Masse der Zuhörerschaft reagierte kaum, indem sie den Zwischenrufer durch Blicke markierte. Der Vortragende blickte in eine amorphe Masse, welche seinen Vortrag gleichmütig zu absorbieren schien. Er wurde misstrauisch darüber, ob sein Vortrag überhaupt die Wertschätzung erfuhr, welche er sich erhoffte. Kurz hielt er inne und formulierte den nächsten pragmatischen Satz, den er danach dem Auditorium präsentierte:

“Jeder hat das Recht, seine Meinung in Wort, Schrift und Bild frei zu äußern und zu verbreiten und sich aus allgemein zugänglichen Quellen ungehindert zu unterrichten.”

Stille. Er blickte in die Gesichter vor sich zu seiner Linken, schwenkte seinen Blick prüfend nach rechts. Reihe für Reihe der Zuhörer scannte er entsprechend. Aber nirgend erkannte er einen AHA-Ausdruck in den Gesichtern der Zuhörer. Hatten die ihm überhaupt zugehört?

Er versuchte es mit einem provokanten Zusatz:

“Grund und Boden, Naturschätze und Produktionsmittel können zum Zwecke der Vergesellschaftung durch ein Gesetz, das Art und Ausmaß der Entschädigung regelt, in Gemeineigentum oder in andere Formen der Gemeinwirtschaft überführt werden.”

Eine Stimme aus dem Auditorium erwiderte ihm spontan: “Die Würde des Menschen ist unantastbar? Sie zu achten und zu schützen ist Verpflichtung aller staatlichen Gewalt?”

Der Vortragende strich mit feuchten Händen über seinen leinenden Gewand. Er konnte den Fragenden immer noch nicht identifizieren, wurde daher nervös und bekam feuchte Hände. Warum stellte jenes Individuum solche ketzerischen Fragen? Waren seine Aussagen nicht eineindeutig?

Er versuchte nochmals die Stimme im Zuhörerraum zu orten. Aber vergeblich.

“Das, was Sie sagen, beruht auf die Definition von Menschen, nicht wahr. Akzeptiert. Akzeptieren Sie dafür auch, dass in unserer Gesellschaft verdammt viele Lebensformen leben, auf die das Wort ’Menschen’ nicht angewendet werden kann? Wollen Sie die, welche Minderjährige und andere Sonstige vergewaltigen, also Päderasten und schlimmer, jene fahrlässige oder vorsätzliche Mörder oder jene andersartige Verbrecher mit wirklichen ‚Menschen‘ verglichen werden? Solche sind Tiere. Keine wahre Menschen. Daher buchten wir die auch ein. Oder falls möglich, lynchen jene. Verdient ist verdient.“

“Ich verstehe nicht.”

“Die Würde des Menschen ist unantastbar. Da stimme ich Ihnen komplett zu. Unter der Würde des Menschen darf nicht gehandelt werden. Aber was ist, wenn es sich nicht um Menschen handelt?”

“Sie meinen?”

“Ich meine die Idiotae, den Bodensatz der wertvollen menschlichen Entwicklung, denen, die nicht das Niveau der Menschwerdung erreicht haben. Sie wissen”

”Idiotae?,” seine Augen fuhren die Zuhörerschaft reihenweise ab. Niemand blickte auf den Redner, niemand markierte ihn, alle Augen waren auf ihn gerichtet. Er fühlte sich plötzlich allein gelassen. Das Gefühl, dass er der Vertreter einer Randmeinung statt der Vertreter einer allgemeinen Grundhaltung sei, kroch im von den Fußsohlen hoch bis in seinen Brustkorb. Es ist das Gefühl der Verlierer, die niemand mag. Und das Gefühl schien nicht halt zu machen. Seine Brust erfuhr eine eigentümliche Beklemmung.

”Jene, welche wir mit dem allgemein anerkannten Wort ‘Vollidiot’ bezeichnen. Wenn jene entgegen dem gesunden Volksverstand …”

“Was ist gesund?”, blafft der Vortragende provozierend heraus. Er erhoffte sich, den Fragesteller damit zu identifizieren zu können, indem er von jenem eine emotionale Reaktion bei seinen Repliken hervorrufen könnte. Sein Blick beobachtet aufmerksam das Auditorium, nur die Blicke der Zuhörer waren seine Erwiderung seiner Suche. Ihm schien, als ob sogar seine provozierende Frage von den Blicken komplett neutralisiert würde. Er strich über sein Gewand. Das gab ihm eine gewisse Sicherheit zurück. Der Stoff war kostbar und der Schneider hatte sehr viel Wert darauf gelegt, den Stoff in Bädern richtig geschmeidig zu machen, ohne dass der Vorteil von dem Leinenstoff herab gesetzt wurde. Er war ja schließlich nicht irgendwer, wie jene Zuhörer im Auditorium, sondern er wurde letztendlich für deine Vorträge bezahlt. Seine Auftraggeber waren von dem Wert seiner Vorträgen überzeugt und bezahlten ihm entsprechend. Das Gewand hatte sich bereits nach knapp einem Monat amortisiert und sein Ruf spiegelte sich bereits in den ersten niedergeschriebenen Geschichten wieder.

“Was ist gesund?”

“Gesundheit ist bekanntlich die Abwesenheit von Krankheit. Und Krankheit wird über Erkrankungen definiert. Wenn eine Krankheit epidemisch wird, dann ist die Gesundheit in Gefahr. Und zwar nicht nur des einzelnen Menschen, sondern sogar der Gemeinschaft. Entsprechend reagiert der Körper der Gemeinschaft: er stößt das Erkrankte ab, um sich vor dem erkrankten Individuum, dem Iditotum, zu schützen.”

Der Gelehrte atmete tief ein, schnappte nach Luft. Vor seinen Augen schwebte bereits die Conkulsio jenes Gedanken vor. Das hatte er nicht gesagt.

“Ich habe nicht gesagt, …”

“Aus dem von Ihnen gesagten folgere ich: Eine definierte Gemeinschaft bekennt sich darum zu unverletzlichen und unveräußerlichen Menschenrechten als Grundlage jeder menschlichen Gemeinschaft, des Friedens und der Gerechtigkeit in der Welt.”

“Ähem, ja, insofern, ja …”

“Wir sind eine Gemeinschaft. Wir sind Menschen. Wir sind eine menschliche Gemeinschaft. Aber jene anderen sind es nicht. Keine Menschen. Idioten. Nicht von uns abstammend. Und falls doch, dann war es eine miese Laune der Natur.”

“Aber …”

“Sie sagten bereits, würde der Menschen antastbar sein, wäre er nicht zu achten und zu schützen. Würde er unantastbar sein, wäre er achten und schützen derer Verpflichtung aller staatlichen Gewalt. Kein Mensch, keine Verpflichtung!”

“Was?!?”

“Grundlage jeder menschlichen Gemeinschaft, des Friedens und der Gerechtigkeit in der Welt. Und nicht der Affen!”

“Unverschämt! Sie hetzen! Sie drehen den Gedanken meiner Worte ins Gegenteil, Sie Hetzer!”

“Jeder hat das Recht auf die freie Entfaltung seiner Persönlichkeit, soweit er nicht die Rechte anderer verletzt und nicht gegen die verfassungsmäßige Ordnung oder das Sittengesetz verstößt. Und Ihre Ihnen eigenen Ansicht von Persönlichkeit verstößt gegen jegliches Sittengesetz. Und wer Mensch oder Idiot ist, das definieren nicht Sie, sondern das wird von uns definiert. Da können Sie gar nichts dran ändern. Wir sind vox populi. Und das in unserer Gesamtheit der Meinungsäußerung. Jeder hat das Recht auf Leben und körperliche Unversehrtheit. Die Freiheit der Person ist unverletzlich. Und: Jeder hat das Recht, seine Meinung in Wort, Schrift und Bild frei zu äußern und zu verbreiten und sich aus allgemein zugänglichen Quellen ungehindert zu unterrichten. Eine Zensur findet nicht statt. Wer hetzt, das definieren nicht Sie!”

Er stand an seinem Pult und atmete tief durch. Er hörte die Stimme, konnte sie nicht orten, sah die Blicke auf sich gerichtet, hörte die stumme Aufforderung daraus etwas vernünftiges zu sagen. Nur versagte ihm die Stimme einstweilen. Nur ein Wort konnte er rausbrüllen und das schrie er mit aller Macht raus, ohne seinem Wort eine Richtung zu geben, ohne den Adressaten ausfindig gemacht zu haben. Es prescht nur heraus, strapazierte seine Stimmbänder in extremer Weise und knallte kurz und präzis:

”Arschloch!”

Die Wände reflektierten seine Worte mehrfach und versanken in Stille. Es war keine besondere Stille, keine betretende Stille, keine peinliche Stille. Einfach Stille. Einfach. Stille.

Er strich mit seinen Händen sein glattes Gewand entlang, schaute in das Auditorium, versuchte erneut den Gegensprecher ausfindig zu machen und ergriff zum wiederholten Male seinen spitzen weißen Bart, um seinen nächsten allgemein gültigen Gedanken heraus zu melken:

“Und aus all den Prinzipien kann nur das Folgende folgern: Eigentum verpflichtet. Sein Gebrauch soll zugleich dem Wohle der Allgemeinheit dienen.”

Die unbekannte Stimme durchschnitt kalt den Raum: “Aha. Wer die Freiheit der Meinungsäußerung zum Kampfe gegen die freiheitliche demokratische Grundordnung missbraucht, verwirkt diese Grundrechte. Alle Staatsgewalt geht vom Volke aus.”

“Demokratisch?”, stammelte der Vortragende überrascht, “Vom Volke ausgehend?”

“Genau. Wohin geht denn die Staatsgewalt aus? Sie hat sich mir nach ihrem Ausgang nicht zurück gemeldet. Also übernimmt das Volk. Also wir. Und wir sind keine Idioten.”

Er hörte hinter sich ein matschendes Geräusch und drehte sich kurz um. Rot, er sah rot hinter sich. Alles rot. Blut. Blut? Blut! Tod!

“Wir sind das Volk und wir bestimmen, von wo aus die Staatsgewalt ausgeht”, erklärte jene Stimme nüchtern, aber lautstark. “Es ist uns überlassen, wie wir Idioten benennen, weil es – wie Sie zuvor sagten – der Meinungsfreiheit entspricht.”

Wieder hörte er es hinter sich das matschende Geräusch. Er könnte auch weiterhin nicht die Stimme orten. Vor sich sah er die schweigende Menge und in ein paar Händen erkannte er rotes aufblitzen. Tomaten. Er nahm hinter dem Pult Deckung, um sein kostbares Gewand zu schützen. Die Reinigung wäre teuer. Seine Blick suchte den Fluchtweg. Die matschenden Geräusche kamen immer näher. Ihn ergriff Panik.

Ein tiefer, donnernder Ton erfüllte den Hörsaal und instinktiv hielt er sich die Ohren zu, um sich zu schützen. Die Stimme schien übermächtig zu werden:

“Nicht wahr, die Freiheit, sie ist ein furchterregendes Monster, vor deren durchdringender  Stimme man sich die Ohren schützen muss. Bei dessen Ruf man nicht mehr zwischen Meinung und Hetze unterscheiden kann, weil man nicht weiß, ob das Monster ‚Freiheit‘ ein Mensch oder ein Nicht-Mensch ist.”

Mit zugehaltenen Ohren brüllte er in Verzweiflung zurück: “Wer immer Ihr seid, Ihr interpretiert das Menschheitsgesetz stark egoistisch, komplett egozentrisch auf Euch selber bezogen! Ihr betreibt niedrigsten Populismus!”

“Ja, und? Ich bin, der ich bin! Anfang und Ende: ich bin Mensch. Ein wahrhaftiger Mensch. Wie steht es geschrieben: Wenn ihr uns stecht, bluten wir nicht? Wenn ihr uns kitzelt, lachen wir nicht? Wenn ihr uns vergiftet, sterben wir nicht? Und wenn ihr uns beleidigt, sollen wir uns nicht rächen?”

Er verschränkte die Arme um seinen Kopf, versuchte, mit den Ärmeln noch mehr Schallschutz zu erreichen, versuchte, sich zu schützen, warf sich auf den Boden und bemerkte, wie die stummen Zuhörer aufgestanden waren, auf ihn zuschritten und langsam einen immer enger werdenden Kreis um ihn den Vortragenden bildeten, ihn in seinen Versuchen, jener Stimme nicht zuhören zu müssen, sich zu schützen.

Und dann hörte er nur den einen Satz, ausgesprochen von dem zerfurchten Gesicht, das sich zu ihm herunter beugte, ein Mensch aus den 50ern und offenbar mit der totalen Altersweisheit gesegnet. Es war lediglich ein Satz aus drei Worten, nüchtern und klar ausgesprochen, in normaler Zimmerlautstärke und Tonhöhe, die sich in ihn eingruben, die ihn ins innerste seines Herzens trafen, die ihm seinen Glauben an eine rosige Zukunft für immer zerstörten:

“So ein Volldepp.”

Kneipengespräch: Ah, jetzt, ja, eine Insel, zwesche Pissjääl un Kackbrung

Koelsch

WhatsApp oder Kölsch, das ist die Frage an gegebener Ort und Stelle im “hier und jetzt”. Global lokal verbunden? Oder lokal global trinkend? Pissjääl oder Kackbrung? Kackbrung zwinkerte ihn das LED seines Smartphones entgegen. Pissjääl lachte ihn das Kölsch an. Unschlüssig starrte er wechselnd auf Smartphone und Kölsch.

Er entschied sich für das Smartphone. Bierernst war ihm momentan eh nicht. Wischend und tippend öffnete er die Chat-App.

“Hier scheint die Sonne”, las er.

“Hier auch”, tippte er zurück.

“Ach ja? Du bist doch garantiert in unserer Kneipe. Da scheint die Sonne? Aus dem Allerwertesten?”

“Wo bist du?”

“Kanaren-Insel. Südseite. 24 Grad. Strahlend blauer Himmel. Strand. Wasser plätschert zu meinen Füßen. Feinster Sand kitzelt meine Sohlen.”

“Kölsch-Kneipe mit nur Bayern-Kanaken. Himmelsrichtung egal. Kommen von überall her hier rein. Wollen alle nur Kölsch. 32 Grad hier drinnen, außen eh mehr. Dafür ist kein Himmel zu sehen. Wahrscheinlich eh milchig außerhalb. Innen drinnen handgeschnitzter Kneipentisch. Kein Wasser. Jon mr fott domet. Dafür frisches Kölsch. Prickelt und zischt, das es eine Freude ist.”

“Sackjeseech!”

“Du mich auch.”

“Doh ben isch fies vör. Hier hat es nur ‘Anheuser Busch’-Plörre.”

“Sei doch froh. In Afrika haben die noch nicht mal sauberes Wasser. Der eine Teil der Bedürftigen darf deren Tabletten vor dem Essen nicht mit Wasser zu sich nehmen. Das Wasser können die sich nicht leisten. Als Ausgleich kann der andere Teil der Armen dafür jene Tabletten nach dem Essen nicht einnehmen. Weil, Nahrung können sich jene anderen wiederum nicht leisten. Wird ja alles an der Börse gehandelt. Oder von EU- Regularien geregelt. Aber Müll, der ist günstig, unser Plastikmüll. Den verkaufen wir denen. Den können die dann für uns in den Weltmeeren versenken.”

“Zuviel Kölsch gehabt? Oder warum so böse?”

“Ich hab neulich rausgefunden, warum es in Bayern das Wort ‘Vollbier’ gibt.”

“Vollbier? Voll Bier? Voll in Bayern? Voll normal.”

“Früher also so bis zum 18. Jahrhundert gab es nur Dünnbier. Bier, aus Getreide mal schnell gebraut. War keimfrei und sauberer als Wasser.”

“Sicher. Das hat dann wohl auf die Gene der Bayern geschlagen. Jeden Tag zugelötet durch die Straßen Bayerns wanken. Kein Wunder, dass die restlichen Deutschen die Bajuwaren nur als Freistaatler akzeptierten.”

“Nö, nö. Das Dünnbier hatte nur so um die ein, zwei Prozent Alkohol. Das Bier für das Volk. Die waren nie nicht dauernd zugedröhnt.”

“Verstehe, daher konnte man damals auch mit zwei Maß Bier noch Autofahren können. Noch bevor Daimler den Wankelmotor mit software-gesteuerter Abgasregelung erfunden hatte. Und bevor die Bayrischen Motoren-Werke aus dem Nazi-Reich wie Phönix aus der Bierflasche zur Weltmarke aufstiegen. So wie damals Beckstein.”

“Ja, seine Tollität, der Herr von und zu und auf und davon Beckstein. Damals. Heute hat es Söder. Die Steigerung vom Seehofer. Hey. Vollbier war damals nur für die Reichen. Und irgendwann wurde es in den Massen produziert, wurde billiger, so wie die Handytarife, so dass es das Dünnbier fürs Volk verdrängte. Und bald wurde es dann in Maßen ausgeschenkt. Liberalitas Bavariae.

“Sicher. Du hast zu viel der Freizeit. Sich mit solchem Unsinn zu beschäftigen.”

“Trink du dafür nur fleißig deine ‘Anheuser Busch’-Plörre. Deren Reste werden momentan gesammelt und dann in Maßen beim Oktoberfest ausgeschenkt. Das internationale Volk der Besucher liebt es.”

Er starrt auf sein Display und wartete. Es tat sich nichts. Kein “Er schreibt …”, keine blauen Häckchen. Er zuckte die Schultern und widmete sich wieder seinem Kölsch.

’Prickel. Zisch. Gluckgluckgluck’, dachte er bei sich, als er mit schielendem Blick zuschaute, wie das Kölsch unter seiner Nase verschwand. Mag sein damals gestrenger Deutschlehrer noch die Comics als Untergang des Abendlandes verflucht haben, die ‘MAD’-Hefte, die jener von ihm konfisziert hatte, hatte er alle wieder zurück erhalten. Später hatte er erfahren, dass sein Deutschlehrer auch noch einen Nebenjob bei solchen Comic-Heften hatte. Zusätzlich auch noch bei der ‘Titanic’, heimlich, unter Pseudonym mitschreibend.

Jede Dekade kamen jene Spinner vorbei, die das Untergang des Abendlandes in irgendeiner kulturellen Errungenschaft sahen. Und ihrer Besorgnis Ausdruck verliehen. Sei es damals bei den Buchdrucker, sei es bei den ersten Journalisten, sei es bei den ersten Hedonisten, sei es bei Techno-Liebhabern, oder Internetnutzer, oder Smartphonenutzer, sei es bei anderen. Sowieso. Immer die anderen. Immer. Die anderen. Die waren immer Schuld. Immer. Schuld konnten aber auch wir anderen sein. Aber das war unfair. Weil, Schuld abladen verboten. Oder so. Oder nicht.

Er erinnerte sich an die 80er und 90er, als Musik einen internationalen Ausdruck der Kritik gefunden hatte. Simple Minds mit „Belfast Child“ oder „Free Mandela“, U2 mit „Bloody Sunday“, BAP mit „Kristallnaach“, Peter Gabriel mit „Biko“, Genesis mit „Land of Confusion“ oder „Band für Afrika“ mit „Nackt im Wind“ … oder … oder… oder… ihm fiel Pink mit „Dear Mr. President“ und Rammstein mit „Deutschland“ ein und verwarf seine Idee wieder.

Mit fester Hand vollführte er die zielgerichtete Landung seiner Kölschstange auf den Bierdeckel. Ein Versuch, ein Treffer, eine Landung, butterweich. ‘Der Adler ist gelandet’, dachte er sich noch und winkte dem Wirt zu. Apollo 1 war verbrannt und Apollo 11 lebte schließlich auch nicht als Eintagsfliege. Kommunikation ist alles, daher bestellte er mit ‘Houston, isch han a Problem’ sein nächstes Kölsch. Apollo-13-Gedächtnis-Trank. An Apollo 12.

Pissjääl & Kackbrung. Zeitgleich tauchten Smartphone-LED und Kölsch in seinem Sichtfeld auf. Halb interessiert griff er zum Smartphone. ‘Wenn schon Kommunikation, dann mit WhatsApp, hier redet eh keiner mit mir’, dachte er nur, als er wischte und klickte.

Ein Foto. Strandfoto. Obere Hälfte himmelblau und wolkenlos, schmaler türkisgrüner Streifen, wohlmöglich das Meer, davor gelegen ein dicker beiger Streifen, der Sandstrand, und ganz im Vordergrund zwei dicke Onkel, die Zehen seines Kollegen, links und rechts, leicht unscharf, weil wohlmöglich wackelnd. Ein Foto, geleckt wie von einer Postkarte.

Er seufzte. Urlaub. Das wäre etwas, was er gerne hätte, aber der war gestrichen. Krise, sagte der Chef mit ernstem Blick. Man müsse ein Drittel der Belegschaft entlassen und die Fertigung nach Ost-Europa verlagern, um Arbeitsplätze zu retten. Dessen Blick war kompromisslos und der Vortrag messerscharf wie eine Carolina-Reaper-Schote. Am Schluss forderte er jeden auf, kürzer zu treten. Schuld wären eh all die anderen vom Diesel-Gate. Er nickte gehorsam und unterzeichnete den neuen Arbeitsvertrag, der einen Lohnverzicht von 20% beinhaltete. Sein Arbeitnehmeranteil zur Sicherung der eigenen Lebensumstände. Nur fair. Der Arbeitgeber muss halt immer irgendwo mit dem Sparen anfangen.

Er blickte auf sein Display. Die App hatte ihre Nachricht aufgelegt. Unter dem WhatsApp-Bild die Nachricht:

“Oh!!!! Guckstu. Da hinten ein langes Schlauchboot mit vielen Leuten an Bord. Ist wohl vom Mittelmeer abgetrieben!”

Er tippte gelangweilt zurück: “Seh nix! Kauf dir mal n besseres Smartphone, du Hobby-Knipser.”

“Hm. Mist. Sehe gerade, abgesoffen, kurz vor meinem Foto. Das es die mit dem Kentern auch immer so eilig haben … wollen wohl in deren romantischen Freiheitsdrang nicht fotografiert werden. Schade eigentlich. Wird wohl nichts mit dem Preis ‘Foto des Jahres’ für mich dieses Jahr. Schnüff. …”

“Eigentlich nennt man so etwas ‘makaber’.”

“Wie? Abrakadabramakabar? Und uneigentlich?”

“Ist EU-gewollt. Keine Front. Front tunixgut. Weil besser ex, hopp und weg mit dem Problem.”

“Ich liebe FrontEx. Die haben so schöne Dinge zur Seenotrettung an Bord, die auch nach Jahren noch Neupreise auf dem Second-Hand-Markt erzielen. Weil noch nie benutzt.”

“Front ex. Hört sich nach Insektenvertilgungsmittel an. Ist hier nicht notwendig. Hat kaum Kakerlaken.”

“Wozu auch Kakerlaken, wenn das Volk eh schon aus Lakenkacker besteht …”

“Pass nur auf deiner EU-Insel der Glückseeligen auf! Wenn nur einer von diesen Flüchtlingen schwimmen kann, kommt der gleich an deinen Strand und schnappt dir die Bikini-Bräute wech!”

“Ach komm. Die beschweren sich doch hier andauernd, dass deren Männer eh so sind, wie die vor der Ehe versprochen hatte, danach nie zu werden.”

“Das ist wechselseitig. Oder kommen die aus dem Rheinland?”

“Hatte vor zwei Tagen ein Tête-à-Tête mit einer schwarzen Weiß-Russin. Der ging auch das Gebalzte der deutschen Männer und Frauen auf den Keks. Sie meinte, im Frühling sei’s besonders schlimm, drum ist’s ihr im Winter lieber. Allerdings hätte es für Deutsche von Brusthaartoupet bis Botoxmaske alle Angebote, aber die wären sich zu etepetete ihr Geld dafür auszugeben. Die geben ihr Geld lieber für Reklamationen und Beschwerden aus. Weil im Krieg und in der Liebe ist alles erlaubt. Und an Liebe glauben nur die Gutmenschen.”

“Weiß-Russin. Aha. Und zitiert auch noch Bonaparte. Apart. Du bist mein Held.”

“Jep, die hat mir sogar ihren grünen Reisepass gezeigt.”

“Echt? Der Russische Reisepässe sind EU-rot, westafrikanische grün.”

“Grüne hat es hier keine. Grüne gibt es hier nicht.”

“Ich weiß. EU-Polizeifarben wurden reguliert. Alle blau. Und immer zu zweit unterwegs. Weil, der eine kann nicht lesen, der andere nicht schreiben.”

“Hallo? Um Inklusion geht es hier nicht. Es geht um Minderheitenschutz, du Sexist. Streifen haben gemischtgeschlechtlich zu sein. Damit Frauen auch mal zum Schuss kommen.”

“Damit Frauen auch mal zum Schuss kommen? Und warum machen die dann Urlaub auf deiner Kanaren-Insel, bei all den Deutschen dort?”

Er starrte auf sein Smartphone. Die Häkchen wollten nicht blau werden. Er starrte intensiver, aber das Starren half nicht. Keine blauen Häkchen.

Stattdessen tauchte eine Meldung auf dem Display und erklärte seinem besorgten Beobachter, dass das Smartphone seine 40-Stunden-Woche bereits gesetzlich erfüllt hätte, dessen Akku nun leer sei und sich somit das Smartphone ins Wochenende verabschieden würde.

Das Display wurde schwarz. Schwarz hatte was. Einen Schimmer von Braun. Darin spiegelte sich sein restliches Kölsch gelb. Dazwischen der Bierdeckel als unbestimmte Insel des Landeflughafens für neue Kölsch. Zwesche Pissjääl un’ Kackbrung.

Er griff zu, führte seine Kölschstange zielgerichtet zum Mund und schüttete den Rest kompromisslos in seinen Mund, damit er den Hals voll hatte und dieser damit allein zurecht käme. Zeitgleich winkte er mit dem leeren Kölschglas dem Wirt:

“Herr Oberspielleiter, auf ein neues. Und bring mir das Akkuladegerät, bitte.”