Das Corona-Tagebuch: Provinznotizen aus Deutschland Süd bei Südost (52): Warum Verschwörungstheorien überleben (frei nach Ovid)

Es war einmal ein Jäger, der hatte zwei Hunde. Den einen nannte er “Recht”, den anderen wiederum “Ordnung”. So konnte er endlich in seinem eigenen Umfeld für “Recht” und “Ordnung” sorgen.

Der Jäger war jetzt nicht ein profaner Jäger, dem es um das alltägliche Abendmahl mit Wildbret ging. Nein, ihm ging es eher um Meinungen, von denen er meinte, sie wären weder in Ordnung, noch hätten sie Recht. Es war ihm daher ein wohlfeiler Spaß, wenn er jagend etwas erhaschte und es mit “Recht” und “Ordnung” zur Strecke bringen konnte. Er empfand es als seine Mission, für Aufklärung bei anderen Meinung zu sorgen. Die anderen konnten ja seiner wohlüberlegten eigenen Meinung folgen, ansonsten würde er sie mit deren Meinung mit Hilfe seiner beiden Hunde jagen.

So streifte der Jäger mit seinen beiden Hunden durch das Dickicht der Meinungen und traf auf eine Grotte. Er fragte sich verwundert, welche eigensinnige Meinung denn hier beherbergt sei. Und er beschloss diese zu Recht und Ordnung zu verhelfen. Er gehieß seinen getreuen Begleitern vor der Höhle Wache zu halten und betrat danach dieselbige. Nach dem Durchschreiten eines kurzen Ganges erreichte er das Zentrum und erspähte den Glauben an das Wirken finsterer Mächte, wie eben jener in einer Quelle sich volle Blöße geben badete. Der Jäger war fasziniert und erotisiert. Wer so nackt vor ihm stand, der musste einfach die wahre Quelle der Meinung gefunden haben, so dachte er sich. Während er den Glauben so anstarrte, errötete dieser, bespritzte den Jäger mit Wasser aus der Quelle und rief ihm zu:

“Magst du es jetzt kund tun, dass ohne Gewand du mich schautest, wenn du es kund tun kannst.”

Der Jäger spürte das Wasser des Glaubens auf seinem Haupte, verspürte, wie ihm ein Elchgeweih aus dem bespritzten Kopfe wuchs, wie seine Ohren sich spitzten, sein Hals länger wurde, seine Hände und Füße zu Hufe wurden, seine Haut sich zu gegerbtes Elchenleder wandelte. Der Jäger verließ die Höhle und starrte verwirrt in eine Regenpfütze. Als ihm ein Elch daraus entgegenstarrte, wollte er ein “Weh mir!” rufen, aber seinem Maul entfuhr nur ein zitterndes Röhren. Nicht mal seine Stimme hatte er behalten. Lediglich sein Geist war ihm geblieben und erklärte ihm, dass der Glauben dran Schuld wäre.

Er wollte zurück, um den Glauben an das Wirken finsterer Mächte zur Rede zu stellen und jenem seine eigene Meinung zu geigen, damit jenem Glauben an das Wirken finstere Mächte Unrecht nachzuweisen. Doch in jenem Moment spürte der ehemalige Jäger, wie “Recht” und “Ordnung” ihn mit wohlgezieltem Sprung anfielen

“Ich bin’s! Erkennt doch euren Gebieter!”, wollte er in seiner Verzweiflung rufen. Indessen röhrte er nur jämmerlich, wie wohl niemand zuvor einen Elche so hat röhren hören. Doch “Recht” und “Ordnung” zerfleischen im Bilde des trügenden Elches ihren Herrn, bis jener sein Leben ausgehaucht hatte und gerächt der Glauben an das Wirken finsterer Mächte wieder seinem eigentlichen Geschäft nachgehen konnte. Der Glauben begab sich von seiner Quelle frisch gebadet wieder unters gemeine Volk und fuhr fort, Mahnungen vor finsteren Mächten, die nur Schaden anrichten wollen, zu verbreiten.

Als später der zerfleischte Elch aufgefunden wurde – so sagt die unbewiesene Legende –, kam wohl ein Dichter namens “F. W. Bernstein” vorbei und notierte angesichts der zerfledderten Gestalt in der Regenpfütze in seinem Gedichtband die bedeutenden Worte:

Die größten Kritiker der Elche waren früher selber welche.

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