Über Careca

Hang zur Satire, zur Ironie und zum Zynismus; Sinn für jeden Unsinn

Rosenmontag war gestern, heute ist Nelkendienstag!

Rosenmontag ist passé und der Südosten Deutschlands bereitet sich schon auf den politischen Aschermittwoch vor, um darauf natlos sich in der Starkbierzeit dem Vergessen des vorherigen Faschingstreibens hingeben zu können.

In der Zwischenzeit wurden kleine güldene Statuen an Personen für deren filmische Machenschaften von einem amerikanischen Elferrat mit Code-Namen „Filmender Frohsinn“ aus Los Angeles überreicht. Und während der Verleihung schauten unterdessen alle auf Twitter nach, was denn der @realDonaldTrump zu jener Oskarverleihung so zu sagen hätte. Aber es kam nichts von ihm. Hatte er etwa seinen Fernseher nicht an? Oder war er überhaupt im Weißen Haus oder seinem Trump Tower? Spekulationen um seinen Gesundheitszustand schossen ins Kraut.

Die der Fake News völlig unverdächtige Klatschpresse um Fox News und so hatte gleich heraus gefunden, was wirklich geschehen war:

Donald Trump versuchte sich in Begleitung eines Secret Service Agenten im Kölner Karneval beim Rosenmontagszug zu amüsieren. Unter den vielen anderen Menschen mit Trump-Masken fiel er, der @realDonaldTrump, ja eh nicht weiter auf. Jedoch – so soll Fox News berichtet haben – als @realDonaldTrump das zwölfte Küppers-Kölsch ge-ex-t haben sollte, brach er wohl zusammen. Er schien nicht mehr zu atmen, seine Augen waren verdreht, Schaum quoll ihm aus dem Mund und sein Smartphone wies kaum noch Akkuladung auf. Der Secret Service Agent griff zu seinem eigenem Smartphone und wählt die Nummer der Amerikanischen Botschaft in Berlin. „Ich glaube, der Präsident ist tot“, schrie er panisch in sein Handy, „was soll ich machen?“ In der Amerikanischen Botschaft versuchte man wohl zuerst, den Mann zu beruhigen: „Regen Sie sich nicht auf, wir werden Ihnen helfen. Stellen sie erst mal sicher, dass er wirklich tot ist.“ Am anderen Ende der Leitung herrschte einen Augenblick Stille. Dann fiel ein Schuss. „Erledigt“, sagte der Agent, „was jetzt?“

Der Agent hatte wohl nicht sorgfältig genug gezielt, wusste Breitbart News Network gleich aus gut unterrichteten Kreisen danach zu berichten. Der Präsident wurde per Luftfracht direkt in die Berliner Charité verfrachtet und dort notoperiert. So lag der @realDonaldTrump erschöpft, aber glücklich, weil lebend, in seinem Bett, als sein Vize Mike Pence auftauchte, um ihn zu besuchen. Mike Pence sah den Präsidenten vor sich liegend, verbunden an eine Unzahl von Schläuchen, die an der Decke und über den Boden liefen. Plötzlich fing der Präsident an zu keuchen. Da er nicht sprechen konnte, bat er Pence in Zeichensprache um einen Stift. Der @realDonaldTrump kritzelt auf einen Zettel einen Satz und fiel anschließend in ein tiefes Koma. Mike Pence sah den Zettel und reagierte sofort: „Das geht mich nichts an, weil nicht getwittert“ und brachte den Zettel umgehend der Frau des Präsidenten. Die studierte den Zettel und fiel in Ohnmacht. Daraufhin nahm Mike Pence den Zettel an sich und las: „Du Idiot, geh von meinem Schlauch runter!“

Berühmt berüchtigte Fake News-Vertreter aus den USA, also die New York Times, CNN und Buzzfeed, meinten dagegen berichten zu wollen, dass es sich bei der ganzen angeblichen Geschichte lediglich um mutmaßliche „Fake News“ handeln würde.

Gesichert ist jedoch laut diverser Teilnehmer der wöchentlichen Narrenveranstaltung in Sachsen, der PEGIDA-Dresden, dass von den berühmt berüchtigten Fake News-Vertretern aus Deutschland (wie SZ, FAZ, Zeit, Stern, Spiegel, taz und Bild) verschwiegen wird, dass an einem Reststück der Berliner Mauer am Berliner Wannsee offensichtlich eine Kinderhand in roter Farbe ein „Gott erhalte Donald Trump“ hinschmierte. Und in kleinen blauen Kleinbuchstaben drunter ein „möglichst bald“ kritzelte. Die Polizei wollte das bislang weder bestätigen noch dementieren, da ihr am Wannsee bislang keine Berliner Mauer bekannt sei. Sie vermutet berechtigterweise nicht „Fake News“, aber eine Ente verkleidet als ultrawichtige Nachricht vom Berliner Wannsee.

Und an dieser Stelle fragt sich der geneigte Karnevalsabstinenzler:

Ist das Humor?

Oder kann das weg?

Über das Lachen: Was lachst du? Rosenmontag?

Lachen ist gesund. Gesund Lachen. Lachen. Gesund.

Lachen ohne Humor ist genauso existent wie Humor ohne Lachen. Humor hat mit Lachen nur indirekte Verbindungen. Genauso wie umgekehrt. Die Beweisführung liegt jedes Jahr in den Händen des Aachener Karnevalsvereins mit seinem Orden „Wieder den tiereischen Ernst“. Laachen verboten. Oder in Mainz. Wenn der Karneval beim Sinken lacht. Oder wenn in München die Feierbiester am Faschingsdienstag punkt Mitternacht den Kehraus in Sachen Lachen erleben. Beim Zahlen der eigenen Zeche. Wenn nur noch das Bargeld lacht und am nächsten Tag im Fischbrunnen am Marienplatz der leere Geldbeutel geschwenkt wird. Quod erat demonstrandum.

Lachen kann tödlich sein. Absolut. Wer zuletzt lacht, lacht am besten. Die letzten werden die ersten sein. Wenn dem Menschen dabei das Lachen nicht im Halse stecken bleibt, beim Heraushauen von Plattitüden über das Lachen. Lachen kann tödlich enden. Wie das Leben generell.

Erstrebenswert?

Vor 55 Jahren kam es in einem Landstrich am Viktoriasee im heutigen Tanzania zu einer Lach-Epedemie. In einer Mädchenschule für Zwölf- bis Achtzehnjährige setzte sie ein und führte zu Schulschließungen. Unbeweglichkeit und Inkontinenz bis hin zur Unfähigkeit zum Sprechen und Essen waren die Auswirkungen. Symptome wie Schwindel, Atemnot und Ohnmacht wurden immer zuerst bei heranwachsenden Frauen in christlichen Schulen dokumentiert. Von diesen christlich unterrichteten Frauen sprang der Funke auf Mütter und weibliche Bekannte über. Je intensiver die weiblichen Verbindungen, desto höher die Ansteckungsgefahr. Männer, Väter und andere Lebensabschnittsgefährten waren nie betroffen.

Lachen ist für Frauen lebensbedrohend?

Vor 60 Jahren, 1957, wurde der „lachende Tod“ bereits wissenschaftlich dokumentiert. Aber Beachtung erhielt dieser „lachende Tod“ erst bei der Diskussion um degenerative Hirnerkrankungen wie Alzheimer- und Parkinson-Krankheit Aufmerksamkeit. Der „lachende Tod“ ist eine Prionenkrankheit und wird als „Kuru“ bezeichnet. Festgestellt wurde sie auf Papua-Neuguinea und bei Sansibar. Zurück geführt wurde die Krankheit bei den Menschen von Papua-Neuguinea auf das Verspeisen von toten Stammesangehörigen (Endokanibalismus). Ein Symptom der Krankheit war das unnatürliche Lachen, die Lachkrankheit. Wissenschaftlicherseits wurde festgestellt, dass Männer von dieser Lachkrankheit weniger betroffen waren. Frauen davon um so mehr.

Lachen und Frauen. Eine ungute Verbindung?

Absolut. Bereits Homer hatte vor 2800 Jahren drei nicht enden wollende Gelächter der Götter aufgeschrieben. Jenes unlöschbare Gelächter der Götter, asbestos gelos, benannt nach dem Lachgott Gelos. Bei der ersten Gelegenheit ging es um eine nicht akzeptable sexuelle Affäre der Aphrodite, dann um einen Konflikt der Hera mit ihrem Mann, dem Zeus, und zu guter Letzt ein Gelächter der Freier, ausgelöst von der Athene im Hause Odysseus. Dreimal Frauen, dreimal göttliches Gelächter über jene.

Wesentlich geschlechterneutraler ging es vierhundert Jahre später zu: Plato nahm sich des Lachens an und identifizierte es als staatszersetzend und subversiv. Schadensfreude ist nach Plato Böswilligkeit, welche anderen Schmerz zufügt. Weitere hundert Jahre danach befindet Aristoteles, dass der Witz eine Form der gebildeten Frechheit bis gar Unverschämtheit sei. Lachen allerdings empfindet er als wünschenswert, wobei er ein zu viel des Guten als vulgär und possenreisserisch verurteilt. Lachen als rhetorisches Mittel allerdings befürwortet er zum Zwecke der Überzeugung, der Missbilligung und der Kontrolle.

Vor über 370 Jahren erklärte der Philosoph Decartes, dass das Lachen eine physische Fehlfunktion darstelle. Selbst Hobbes erklärt, dass Lachen einer der schlimmsten Eigenschaften des Menschen zur Steigerung des Selbstgefühls wäre. Lachen ist für ihn ein Zeichen von Hass und Verachtung gegenüber den anderen, den Gegnern.

Das 18. Jahrhundert brachte Philosophen hervor, die das Lachen unterschiedlich beurteilten. Kant sah eine Erklärung zum Lachen in psychosomatische Effekte, nach der Körper und Verstand mittels dem Gefühl in Balance gebracht werden. Hegel  erkannte in dem Lachen eine entäußerte Inkarnation des Inneren. Schopenhauer vertrat die Ansicht der Inkongruenz: Wahrnehmungen einer Sache, Person oder Aktion und deren abstrakten Darstellung wiesen Abgründe auf, die mit dem Lachen überbrückt wurden. Bergson betrachtete das Lachen als ein soziales Regulativ, in welchem die Mitglieder einer Gruppe durch Demütigung zur Einhaltung von Normen gebracht werden.

Andere Philosophen hatten noch weiter gehende Ansichten, aber immer war eines zu erfassen: das Lachen wurde im Zusammenhang mit dem Komischen besonders im Mittelalter als negativ bewertet, weil es dazu diente, Überlegenheit zu zeigen und gesellschaftlich erwünschte Normen zu stabilisieren. Lachen war immer das Störende gegenüber der Vernunft.

Umberto Eco beschrieb dieses in seinem Buch „Der Namen der Rose“. Dort ging es um ein Buch von Aristoteles, in welchem Aristoteles sich mit dem Lachen als Befreiung von Zwängen auseinandersetzte. Lachen als eine Kunst, als eine Philosophie. Im Roman fiel das Buch den Flammen eines gestrengen Klosters zum Opfer.

Nur, wo blieben die Frauen in der Geschichte des Lachens? Sie verbleiben bei der Thales-Anekdote von Plato: ein Denker und Sternendeuter schaut nur nach oben zum Himmel und fällt dabei in ein Loch. Eine Magd, als hübsch und witzig beschrieben, spottet darüber, dass der Denker immer nur nach oben schaute, für das wesentliche zu seinen Füßen aber keinen Blick übrig hatte. Die Magd spielte danach keine weitere Bedeutung mehr bei Plato. Ihr Lachen verhallte ohne großes weiteres Echo bei Platos Betrachtungen.

Frauen und Lachen. Frauen lächeln und lachen zur Konfliktregelung und zur Konfliktvermeidung. Sicherlich dient Lachen zur Stressreduzierung und hat auch einen Anteil an der Prävention von Krankheiten. Frauen lachen situativ und selbstbezogen mit einem Bestreben zum ausgleichenden Humor. Dabei werden Humor und Lachen oft gleichwertig benutzt. Das Lachen selber wird weitgehend als reflexartige und willkürliche Körperreaktion auf empfundene Emotionen definiert. Dabei leitet sich das Wort „Humor“ sprachlich von Körpersäften ( lateinisch von „humores“) ab,  nämlich Schleim, Blut, schwarze und gelbe Galle. Die Auffassung  der Säfte im ausgeglichenen Verhältnis („guter Sinn  für Humor“) im Hinblick auf mögliche Unausgeglichenheit („humorlose Person“) hat sich heutzutage gewandelt. Humor wird als die geistige Fähigkeit der Grenzüberschreitung angesehen, die sich in Lächeln oder Lachen ausdrücken kann. Gelacht wird allerdings auch über das, was eigentlich Angst macht. Somit wird ein inneres Gleichgewicht geschaffen, was verhindert, dass Aggressionen offen ausbrechen können. Lachen als Überdruckventil der eigenen Emotionen.

Von den Weltreligionen Buddhismus, Judentum, Christentum und Islam sticht das Christentum als die heraus, die sich vom Lachen am weitesten befreit und distanziert hat. Buddha war ein Meister des Lachens. Mohamed hat nachgewiesenermaßen gelacht. Im Alten Testament lachte Gott ein paar Mal lediglich im Buch Genesis, allerdings nicht mit den Menschen sondern über diese. Nur der Jesus des Neuen Testaments wandelt ohne Lachen durch seine Geschichte von Geburt über Kreuzigung bis zu hin zu seiner Auferstehung. Kein Lachen. Kein Lächeln. Nichts. Im Christentum wurde das Lachen eine Eigenschaft des Teufels, weil Lachen die Seele zerstört. Der Ernst war heilig und des Himmels. Lachen symbolisiert dagegen niedrige Weltlichkeit und Sünde. Nur ganz ohne Lachen lebt der Mensch nicht. Weswegen es in gelenkte Bahnen gebracht werden sollte. Bestimmte Zeiträume wurden dem Lachen zur Kanalisierung zugestanden. Der Karneval als Zeitraum des instituierten Lachens. Der Straßenkarneval als Zugeständnis der Belustigung des niederen Menschen und seiner Sündhaftigkeit. Seit den ersten Kapitel der Bibel ist die Ursprung der Sünde bei Menschen schon immer die Frau. Die immer lacht.

Und am Aschermittwoch ist dann alles vorbei, so erklärt der Mann dem „Immer wieder lockt das“-Weib, dass es am Mittwoch Schluss mit Lustig zu sein hat. Die Frau als das verführende Subjekt, jene Unersättliche, die immer das Böse im Manne hervorlockt, der sie darauf mit ewiger Potenz zu bedienen hat. Lachen war das Zeichen der unersättlichen sexuellen Begierde der Frau, das Zeichen der sich unkontrolliert öffnenden und zuschnappenden Vulva der Frau. Und die hatte der Mann unter Kontrolle zu halten. Kastrationsängste.

Lachen? Pygmäen liegen vor Lachen hemmungslos auf dem Boden, während bei den Dobuans in Neuguinea das Lachen als negativ angesehen wird. Für Thais gilt lautes Lachen als vulgär, was in mediterranen Ländern Europas mit erheblichen Unverständnis quittiert wird. Nur noch Kinder und die ärmeren Klassen Mitteleuropas lachen ausgelassen mit dem ganzen Körper. Darum wird Comedy oftmals mit dem angeblichen Humor von Hartz-4-Empfängern gleich gesetzt. Comedy als soziales Zugeständnis an das Lachbedürfnis der Armen. Im Gegensatz dazu wurde Kabarett immer als Spielwiese für Akademiker und anderen Intellektuelle deklariert. Wohlgemerkt, deklariert von vielen Akademikern und Pseudo-Intellektuellen, aber nicht von den Kabarettisten an sich. Wer etwas auf sich hält und nicht mit den Unterschichten einer Gesellschaft in Verbindung gebracht werden möchte, der hält sich von der Comedy und dessen Humor fern. Der spuckt ostentativ auf deren Humor oder was man selber dafür hält, weil man sich selber als etwas besseres beurteilt. Es gibt eine klare Trennung von lustig und nicht lustig, angemessenes und nicht angemessenes Lachen. Das gilt auch für Satire. Und wer diese Trennung nicht akzeptiert, der wird notfalls vors Gericht gebracht. Was gerichtsmäßig verwertbar ist, bleibt unterschiedlich.

Frauen lachen doppelt so häufig wie Männer, Kinder bis zu zehnmal häufiger als Erwachsene. Lautes Lachen bei Frauen gilt jedoch als unschicklich. In deren Pubertät wird es aber gerade noch geduldet. Lautes Lachen hatte schon immer etwas von Rebellion gegen soziale Normen und ist deshalb unerwünscht. Bis in den sechziger Jahren galt lautes Lachen von Frauen in Deutschland noch als Indiz für Wahnsinn oder als eindeutige sexuelle Erklärung. Die weibliche Rolle sieht Bescheidenheit und Passivität vor. Lachen in Anwesenheit von Männern wird auch noch heute als sozial-inkompatibel angesehen. Und je höher der gesellschaftliche Rang der Frau desto weniger wird gelacht. Darum ist die Queen auch nur noch maximal „amused“, aber öffentlich laut gelacht hat sie noch nie.

Bis Aschermittwoch werden im Fernsehen die Aufzeichnungen des diesjährigen Sitzungskarnevals heraus gehauen. Jede freie Minute wird dazu verwendet und kann als Beleg dafür gewertet werden, dass das Lachen in dieser Zeit als männliche Domäne gilt. Frauen haben dort wenig zu suchen. Selbst die Kölner Stunksitzung – ein Überbleibsel eines Karnelvalsansatzes der 80er Jahre, welcher sich als „alternativ“ zum „konventionellen Karneval“ definierte – kommt aus diesem Dilemma nicht raus, selbst wenn dort der Frauenanteil der aktiven Bühnenteilnehmer erheblich über dem der konventionellen Karnelvalssitzungen liegt. Auch dort tankt sich immer wieder das Bild der Frau als „Immer wieder lockt das“-Weib durch. Ein Bild, welches am Aschermittwoch „Schluss mit Lustig“ nach sich zieht.

Beruhigend ist, dass der Karneval  bald vorbei ist und dass dann Frauen auch weiterhin bei beim Lachen der Massen mitwirken werden. Auch wenn es bei einigen Frauen der Humorszenen zu Schmerzen beim Zuhören führt. Aber solange bestimmte männliche Comedians und Pseudo-Kabarettisten versuchen, das Volk zu bespassen, dürfen Frauen ruhig mitmachen. Mit dem Aschermittwoch endet längst noch nicht alles lachhaftes, was so einem zum Schlucken genötigt wird … aber das ist eine andere Geschichte über Kröten, die einem im Halse stecken bleiben …

Zum heiteren Karneval: Die Lage ist ernst …

Vielleicht hätte ich es unterlassen sollen. Am Alter Markt in der Kölner Altstadt. Zur Eröffnung des Straßenkarnevals am Altwieverfastelovend. Ich hätte es unterlassen sollen. Als ich bei einem der vielen Polizisten mit ihren durchgeladenen Maschinengewehren, die zum Schutze der Altwieverfastelovend-Jecken an strategischen Punkten öffentlich sichtbar positioniert waren, als ich in so einem Maschinengewehrlauf eine rote Nelke hinein steckte.

Nelken in Gewehrläufe. Tut man nicht. Nicht kurz vor Karnevalsbeginn, vor 11:11 Uhr. Und auch nicht kurz danach, nach 11:11 Uhr. Selbst dann nicht, wenn auf der großen Bühne diverse Karnevalsgesellschaften die Veralberung des Militärischen mit ihren offiziellen Karnevalsuniformen betreiben.

Nelke in Gewehrlauf. Das ist kein Spaß. Selbst wenn man es mit einem freundlichem Lachen tut.

Sie verkennen den Ernst der Lage, mein Lieber!“

Seine Worte waren von ihm langsam und bedächtig ausgesprochen worden. Mit einer Geste winkte er seinen Begleiter heran.

Ich bezweifle, dass die Lage überhaupt Ernst verdient hat. Sie ist eher lachhaft“, entgegnete ich und versuchte ebenfalls Ruhe in meiner Sprache zu bringen.

Sie sollten vorsichtig mit Ihrer Einschätzung sein. Es gibt viele Leute, welche die Lage sorgt.“

Sein Begleiter stand jetzt hinter ihm. Sein Blick fixierte mich wie ein Gerichtsdiener einen Verbrecher beobachtet. Ich war mir meiner Einstellung sicher, aber der Mann und sein Begleiter waren aus einem anderen Holz geschnitzt als vielleicht jene, die zuvor mit mir in Kontakt getreten waren. Freudloser erschienen sie mir.

Warum habe ich den Eindruck, dass Ihnen die Sorgen anderer Freude bereiten?“

Das Wort ‚Freude‘, mein Lieber, ist deplatziert. Eine solche Lage ist nie eine ‚Freude‘.“

Aber Sie schüren mit Begeisterung Angst.“

Ich schüre keine Angst. Ich versuche lediglich, die Situation stabil zu halten.“

Sie malen den Teufel an die Wand und nähren die Angst, dass der Teufel mächtiger sei als alles andere.“

Sein Blick musterte mich abwägend.

Nennen Sie es, wie Sie es wollen, aber akzeptieren Sie die Notwendigkeit des Ernstes … .“

… der Lage, ich weiß.“

Meine Ungeduld hatte mich ihm ins Wort fallen lassen. Und ich wollte der kurz entstandenen Gesprächspause keinen weiteren Raum gewähren:

Sie haben Angst vor dem Lachen der Menschen. …“

Das Lachen ist ein Zeichen der Beschränktheit des Menschen …“

Das Lachen ist ein Zeichen, dass Angst besiegt wurde, und dass Schreckensbilder keine Macht mehr über den Menschen haben. Ein lebensnotwendiges Ventil, Widersprüche weg zu lachen.“

Ein Mensch, der sich von einer Angst befreit, ist ein unkontrollierbarer Mensch.“

Ihr Leitbild ist somit der kontrollierte Mensch? Darum der Aufmarsch der Waffen hier?“

Was für das Individuum hin und wieder eine Wohltat sein kann, ist für die Massen eine Geißel, die durch so etwas in Anarchie abzugleiten droht.“

Es ist nichts Schlechtes dabei, wenn die Ernsthaftigkeit der Gegner durch Lachen zersetzt wird.“

Das Lachen ist ein Zeichen für einer niedrig entwickelten Gesellschaft, die es verdient, dass dessen Freiheit eingegrenzt wird. Sie muss durch demonstriertem Ernst erniedrigt und eingeschüchtert werden. Durch einen heiligen Ernst. Der selbst den Tod zum ehrfürchtigen Ziel werden lässt.“

Ich verstehe. Und wer sich diesem mit Lachen widersetzt, für den wird der Tod lachhaft. Der nimmt sogar dem Tod seinen Schrecken.“

Eine lachende Armee hat noch nie einen Krieg gewonnen!“

Eine lachende Armee ist ein Widerspruch in sich. Sie würde noch nicht mal das Töten im Krieg ernst nehmen.“

Ein Spotten und ein Verlachen hat noch nie einen Wert geschaffen!“

Lachen heilt Menschen.“

Wozu soll das ein Wert sein? Der Mensch wird geboren, um zu sterben. Der Tod lässt sich nicht weg lachen. Und Epidemien lassen sich nur mit nötigem Ernst aufhalten. Lachen wird es nie schaffen.“

Lachen ist aber das kleinere Übel, ein Leben zu verbringen. Über das Übel zu lachen, macht es erträglicher, statt es nur ernst zu nehmen.“

Ein kleineres Übel? Ihnen fehlt der notwendige Respekt vor dem, was anderen heilig ist. Das Lächerlich-Machen ist keine Kunst. Sondern es ist nur zerstörend und Gesellschaft zersetzend.“

Das Lächerlich-Machen, welches Sie meinen, hat auch nichts mit dem Lachen zu tun. Ihre Definition dazu soll nur Angst erzeugen. Angst vor der schneidenden Waffe des Lachens, welches die einengenden Stricke der Angst zerschneidet und den Menschen davon befreit.“

Sie sollten sich reden hören! Einfach unsinnig. Lachen ist kein Reinigungsmittel, welches den Menschen von seinen Mängeln und Lastern und Schwächen erlöst!“

Sie kann aber dem Menschen dabei helfen. Lachen erhebt den Menschen über seine Unperfektheit und lässt jene leichter schultern.“

Sie haben es nicht kapiert. Der lachende Mensch fühlt sich als Herr, als ein Umstürzler von Herrschaftsverhältnissen, als der Anarchist und Bilderstürmer, welcher die Ordnung stört und die Gemeinschaft zerstört. Und Ihre Nelke, mein Lieber, Ihre lächerliche Nelke im Gewehrlauf von Bereitschaftspolizisten zu Karneval ist so dermaßen schlecht, dass wir anfangs erst gar nicht in Erwägung gezogen haben, Sie Ernst zu nehmen.“

Seine Stimme war scharf und schneidend geworden. Sie erzeugte in mir eine Beklemmung, eine unbestimmte Angst. Sie verwirrte mich. Ich atmete tief durch und bemerkte, dass er das Spiel der Angst mit mir zu spielen versuchte.

Nein, mein Herr, das klappt nicht“, lachte ich auf, „darauf falle ich nicht rein!“

Das ist ohne Bedeutung, mein Lieber. Ohne jegliche Bedeutung. Denn mit ihrer letzten Handlung haben Sie die Grenzen des guten Geschmacks überschritten. Den Ernst vorsätzlich ignoriert. Das Wichtige versucht, ins Lächerliche zu ziehen. Ernsthafte Menschen mit den heiligen Idealen einer schützenswerten Gesellschaft versucht der Lächerlichkeit preis zu geben.“

Heilige Ideale einer Gesellschaft? Sie heben so etwas in die Höhe, um andere dafür leichter als Niedere abgrenzen zu können?“

Ideale sind immer hoch. Und eine Gesellschaft sollte Angst darum haben, die Entfernung zu diesen zu vergrößern!“

Das ist keine Höhe. Das ist lediglich eine Fallhöhe.“

Nennen Sie es, wie sie es wollen. Sie haben mit Ihrer Aktion an den Stützpfeilern dieser Ideale gesägt. Und das konnten wir nicht mehr ignorieren.“

Er gab seinem Begleiter mit seiner Hand ein Zeichen. Seine Begleitung öffnete seine Tasche, entnahm Handschellen und Stricke und trat einen Schritt auf mich zu.

Ich hatte mich geirrt! Sie haben keine hohen Ideale. Sie müssen die der anderen erheblich tiefer legen, damit ihre als höhere erscheinen. Sie sind Mitglied einer lachhaften Satire-Sharia-Polizei.“

Satire-Sharia-Polizei? Mäßigen Sie sich! Dass Mohammed eindeutig gelacht hat, ist überliefert. Aber Jesus hat nie gelacht. Niemals! Im Alten Testament, im Buche Genesis, lachte Gott maximal über törichte Menschen. Abrahams Sohn Isaak ist das Ergebnis und Isaak heißt übersetzt ‚er lachte‘. Und mit dem Neuen Testament wurde dem Lachen endgültig ein verdientes Ende gesetzt, mein Lieber. Wir leben hier in der Tradition des christlichen Abendlandes. Vergessen Sie das nicht nicht!“

Hören Sie sich überhaupt noch reden? Sie haben wirklich keine hohen Ideale. Nicht im Geringsten. Sie müssen die Ideale der anderen erheblich tiefer legen, damit ihre als die Höheren erscheinen. Sie sind Befürworter des Ernstes, der Lustfreiheit, Gegner jeglicher hedonistischen Regung, Verwalter eines eigenen humorbefreiten Sumpfes! Sie stehen in der Tradition der wahren Christen, die jedes Lachen als unfreundlichen Akt der Sympathie für den Teufel bezeichnen. Bei Ihnen hat dieses ‚Tiefer-legen‘ System. Allein, in Ihrem Sumpf bedeutet das ‚Tiefer-legen‘, dass Sie den anderen dabei ertränken. Ich lache über Sie.“

Mein Lachen erstickte auf halbem Wege, als der Begleiter Hand an mir legte. Ich spürte die Angst, konnte sie nicht mehr weg lachen. Ein denkbar schlechter Zeitpunkt, etwas zu versuchen, was ich nie intensiv gelernt hatte: Lachen als Bekämpfungsmethode der eigenen Angst.

Der Mann beugte sich vor und schaute mir direkt in meine Augen, während sein Begleiter mich mit den Handschellen fixierte und mit den Stricken um meinen Körper mir die Luft abschnürte.

Sehen Sie, mein Lieber, Sie haben Angst. Ihr Lachen hilft Ihnen nicht aus ihrer Situation, Ihr Lachen ist dabei zu sterben. Es ist Ihre eigene Schuld, es hätte nicht soweit kommen müssen. Sie hätten den Ernst der Lage anerkennen sollen, statt zu versuchen, sich mit jener dümmlichen Aktion zu profilieren.“

Meine Lunge war von den Stricken eingepresst, das Atmen fiel mir schwer und schwerer, ich hörte ein Rauschen in meinen Ohren, mein Gegenüber wurde schwammig, ich konnte ihn nicht mehr scharf sehen, es wurde immer dunkler.

Und mit einem Mal spürte ich den Schmerz nicht mehr.

Unvermittelt ging mir ein Satz durch den Kopf:

In diesem Theater sind alle Notausgänge verrammelt und abgeschlossen. Im Notfall bitte also nicht in Panik ausbrechen. Es lohnt nicht.“

Ich musste lachen.

Innerlich.

Ohne Angst und Panik.

Mein Kopf wurde schwer.

Alles gut …

Alles gut

„Alles gut?“

Über ihrem Gesicht liefen vereinzelte Tränen. Vermischt mit ihrem Kajal hinterließen sie Laufspuren auf der Schminke ihrer Wangen.

„Alles gut.“

„Wirklich alles gut?“

Sie nickte zur Bekräftigung.

„Alles gut.“

„Dann ist gut.“

Erneut nickte sie. Er drehte seinen gesenkten Kopf leicht ihr zu und blickte sie aus seinen Augenwinkel von unten her an.

„Er war ein Arschloch, nicht wahr.“

„Ja, er war nicht gut.“

„Nein, nicht gut. Ganz und gar nicht gut. Sei froh, dass du ihn los bist.“

Sie nickte wieder.

„Er war ungut für dich. Denke immer wieder dran.“

Sie schluchzte auf und führte ein Taschentuch in ihr Gesicht, um ihre Tränen zu trocknen.

„Alles gut?“ Er hatte sich zu ihr umgedreht.

„Alles gut,“ ertönte es hinter dem Taschentuch.

„Wirklich alles gut?“

„Hör auf damit! Hör mit dieser verdammt dämlichen Frage auf. Nein!“

Ihr ‚Nein‘ klang scharf und kalt.

„Wie? Nicht alles gut? Komm, es ist doch sicherlich alles gut.“

„Nein!“

„Aber gerade vorhin noch war doch alles gut“, fragte er mit leicht entrüstetem Unterton.

„Es war nie alles gut. Nie. Vorletzte Woche hatte er noch seine Lebensversicherung auf seine Ex-Frau umgeschrieben und sein Testament zu ihren Gunsten umgeändert.“

„Was hat er? Das ist ungut.“

„Sag ich doch: nicht alles gut.“

„Ganz ungut. Ehrlich. Warum hast du nichts gesagt?“

„Weil du nur immer ‚alles gut‘ hören wolltest.“

„Ich wollte was?“

„Du mit deinem permanenten ‚alles gut‘, das geht mir so auf dem Piss!“

„Reg dich nicht auf. Alles wird gut. Vielleicht sollten wir uns nach zwei Monaten Freundschaft-Plus mal endlich mehr auf uns konzentrieren. Dann wird auch alles gut.“

„Nichts wird gut, Matthias. Nichts! Und jetzt lass mich alleine! Geh! Ich hab keinen Bock mehr auf dich. Du langweilst! Geh! Es ist aus und vorbei! Schluss! Und lass dich nie mehr bei mir blicken. Nie mehr,“ presste sie hinter ihrem Taschentuch hervor und wies ihn mit der freien Hand fort von sich.

„Aber wir sind doch zusammen!“

„Jetzt nicht mehr. Geh! Ich will dich nicht mehr. Wir waren nie zusammen!“

Sie tupfte ihre Augen und hörte ihn sich ohne weitere Worte entfernen. Der Baum vor ihr nahm ihr die Sicht. Sie trat ein wenig von dem Baum weg zu Seite. Zwanzig Metern weiter vor ihr blickte auf die Trauergemeinde an einem frisch ausgehobenen Grab. Ein Priester sprach dort an einem aufgebahrten Sarg unverständliche Worte. Zu weit weg. Am Kopfende des Sarges war die Ex-Frau des Mannes zu erkennen. Im Hintergrund standen weitere, schwarz vermummte Personen, harmonierend mit den kahlen Bäumen und Sträuchern um sie herum. Ein Friedhofsgemälde wie bei Friedrichs, ging ihr unwillkürlich durch den Kopf.

Von dem Mann zuvor an ihrer Seite war nichts mehr zu sehen. Sie atmete durch, fühlte sich freier, schlug ihr Trauerkopfnetz über ihren Hut zurück und musterte mit einem Lächeln ihre armlangen schwarzen Handschuhe. Sie streckte die Glieder ihrer Finger, zupfte sich die beiden seidenen Handschuhe herunter, steckte sie in ihrer Handtasche, entnahm dieser darauf eine rote Nelke und steckte sie in ihren Hut.

Während sie weiterhin der Trauergemeinde am Grab zuschaute, hörte sie hinter sich Schritte nähern. Der Wind trug ihr eine Witterung zu. Ein markanter Geruch verstärkte sich und hüllte sie komplett ein. Sie liebte ihn, diesen holzig herben Duft, der ihr im gleichen Moment einen wohlig erotischen Schauer warm über ihren Rücken laufen ließ und ihr dabei unwillkürlich ein leichter Seufzer entlockte. Er stand hinter ihr, das wusste sie sofort. Sie drehte sich um und blickte in sein Gesicht. Sein Augen waren leicht durch die Krempe eines dunkelgrauen Fedoras verdeckt, aber sie spürte seinen Blick, mit dem er sie von oben bis unten musterte. Es war der Blick, der sie nicht nur musterte, es war der Blick, der sie direkt unter dem Baum auszog. Sie lächelte ihn  an.

„Schwarz steht dir ausgenommen gut. Besonders dieses leuchtende Rot der Nelke im Hut. Das hat was. Alles gut?“

„Alles gut.“

„Bist du den Deppen losgeworden?“

„Ich habe mit Matthias vorhin Schluss gemacht.“

„Ahnte er etwas?“

„Nein, alles gut. Er geht von einem natürlichen Ableben Jürgens aus.“

„Sehr gut. Und Jürgens Hausarzt?“

„Alles gut, der ist zu einfältig, um gute Pläne zu durchblicken. Außerdem sorgt seit neuestem Jürgens Ex wohl mit ganzem Körpereinsatz dafür, dass der nicht auf dumme Gedanken kommt.“

„Witwentröster. Und ansonsten? Alles gut?“

„Alles gut. Jürgens Geld habe ich wie geplant im Kofferschließfach deponiert.“

„Und der Schlüssel?“

„Such in doch!“

„Suchen? Gerne. Zu mir? Oder zu dir?“

„Egal. Hauptsache, es wird alles gut.“

„Wird es, Schatz. Sekt ist kalt. Alles gut.“

„Alles gut.“

Synchronizität?

Nicht jede Nachricht erfreut. Selbst die Nachrichten, die man selbst heraus findet, müssen nicht immer freudig sein.

Es war die Zeit der Buchhandlungen, in denen gebrauchter Lesestoff verkauft wurde. Von Comics bis unverdaulichen Wälzern. Meine Suche war zielgerichtet und ich suchte Bücher von Kabarettisten. Und so stieß ich auf ein Buch aus dem Jahre 1976 mit dem Titel „Die Zeit spielt mit – Die Geschichte der Münchner Lach- und Schießgesellschaft“. Es war schon damals gut erhalten und damals erst zwölf Jahre alt. Ich verschlang es. Vor drei Jahren trat der Autor im  „Laden“ auf. Solo-Programm in der „Münchner Lach- und Schießgesellschaft“. Zur Vorstellung hatte ich das Buch mitgebracht, um nach dem Programm eine Widmung von ihm drin zu erhalten. Er sah das Buch, blätterte erfreut ein wenig drin rum und fragte: „Wo haben Sie denn das her?“ Seine Widmung war mir Gold wert. Und sie stand in meinem Regal. Aber wie immer, wenn etwas in einer Wohnung umgeändert wird, kommt manches einstweilen in den Keller. Zur Zwischenlagerung. So auch dieses Buch vor einem dreiviertel Jahr.

Am letzten Sonntag ging ich wieder zu meinem Kellerabteil, um dort etwas hinein zu stellen. Mir fiel ein seltsamer Geruch auf und im schummrigen Licht einer Funzel stellte ich fest, dass es offenbar einen Wassereinbruch gegeben haben musste. Die Kartons zeigten Wasserlinien. Ich räumte aus und schaute mir den Schaden an. Viele Bücher, selbst Tagebücher, Fotos und Dokumente waren verklebt und mit Schimmel überzogen. Darunter  auch jenes Buch „Die Zeit spielt mit – Die Geschichte der Münchner Lach- und Schießgesellschaft“. Es war aber nicht die einzige Rarität, die dem Wasser und Schimmel zum Opfer gefallen war, aber das Buch bedeutete mir sehr viel. Es enthielt die Widmung eines Gründers des legendären Kabarett der Münchner Lach- und Schießgesellschaft des letzten Jahrhunderts.

Heute las ich, das Hans Peter Schreiner vorgestern am Dienstag im Alter von 86 Jahren verstorben ist. Mir blutet das Herz. Erlebte Synchronizität zwischen Entdecken und Erfahren.

Und ein weitere Gedanke schoss mir durch meinem Kopf:

Ich werde alt. Meine Idole sterben …

 


 

von der Internetseite der „Münchner Lach- und Schießgesellschaft“ (https://www.lachundschiess.de):

"Es sind nicht immer die Lauten stark,
nur weil sie lautstark sind.
Es gibt so viele, denen das Leben
ganz leise viel echter gelingt"

Konstantin Wecker

Krieger, denk mal!

Du verstehst? Du verstehst nicht? Was verstehst du nicht? Wie oft muss ich dir das Ganze erklären? Einmal? Zweimal? Denke drüber nach. Das Verstehen an sich ist essentiell. Ohne Verstehen geht die Essenz flöten. Und zwar aus dem letzten Loch, du Blockflötenbläser.

Die Essenz des Lebens ist das löchrige Verstehen. Denn ohne löchriges Verstehen wäre es noch nicht mal möglich, guten Kaffee in einem Kaffeefilter zuzubereiten. Du verstehst? Guter Kaffee. Stark, schwarz, geschmackvoll. Wie ein Werbespruch eines Markenreifens vom Reifenhändler deiner Wahl. Gefiltert durch Löcher. Den schwarze Löcher deines Verstehens und als lebenswichtige Essenz eines guten Morgens. Gib dir die Dröhnung. What else? Lass die Kaffeemaschine arbeiten. Du hast in der Zeit noch frei.

Und du faselst noch immer etwas von „nicht verstehen“. Ist das dein Ernst? Nochmals, ein gutes Loch ist Gold wert. Loch bei Loch und es hält doch. Hm. Stimmt nicht. Hat im letzten Jahrhundert bereits Ulbricht als These verworfen und hat darauf gemauert. So wie die Italiener bei den Fußball-WMs in den letzten Jahrhundert, als sie vor dem Strafraum immer Speis angerührt haben. Angeblich war deren Inspiration jener Ulbricht, jener Walter der „so called DDR“. Remis bis zum Finale. In der Verlängerung beim Golden Goal ausgeschieden. Hauptsache, nicht verlieren und in keinem dunklen Loch das eigene Dasein fristen. Und erst recht nicht aus dem letzten einen, welches einer pfeifend ertönen läßt.

Pfeifen. Ein „f“ vor dem „ei“ und  keine zwei hinter’m „ei“!

Bitte. Danke.

Loch. Schwarzes Loch. Loch bei Loch und es hält doch. „Kette“ ist die Lösung diese Wortspiels. Jedes Glied ist in der Kette nur so stark wie sein schwächstes. Und ich bin so etwas von schwach, da kann ich dir diverse Nummern aus dem Rotlichtmilieu zustecken, die schwören dir, was mit mir los ist.

Trotzdem.

Du verstehst nicht? Absolut nichts? Mein Geschreibe ist ein Buch mit sieben mal sieben Siegeln? Feiner Sand?  Verrinnend in deiner kraftvoll zupackenden Hand? Andererseits, du hättest auch gerne jene Pillen, die ich heute morgen geschluckt hatte? Hm. Jene Überdosis irrationalem Glück? Geht nicht. Sind nicht für Deutsche auf Krankenkasse für Harz Verlierer. Die werden nur mit Depressionen ob deren Situation erduldet. Ansonsten, maximal als Verwerter der Re-Importe aus Dritte-Welt-Länder, jener Sahel-Zone oder dem bombigen Jemen oder woanders, weil dort die Verkaufspreise nur für Reiche günstig sind. Und in speziell, weil jene Pillen nur nach dem Essen eingenommen werden dürfen. That’s the way, die Re-Importe are created … denglish …

Hm, Geld macht glücklich? Ja, freilich. Aber sicher das. Was sonst. Oder will jemand so arm sein wie in Kambodscha? Wo sie glücklich scheinen, auch ohne Gelb? Gelb, welch hässliches Wort. Um was geht es sonst? Geld wird sowieso vollkommen überschätzt. Der Gott der Hebräer, der derzeit zwei größten gewalttätigsten und religiösen Weltpotentaten, jener war wohl Jude, als Vater von Jesus und Mohamed. Und deren größten Antipoden waren erwiesenermaßen jene Teufel „Marx“ (PFUI!) und auch noch jenes russische Übel (russisch? Doppelplusungut!) namens „Lenin“. Satan und Beelzebub. Beide haben nur Unglück über diese Welt gebracht. Die „Roten Khmer“ sind brutales Beispiel genug.

Und deswegen erhielt ein unnominierter Beelzebub für seine Rolle in dem Film „Mein Geist will immer nur das eine“ seine „Goldene Himbeere“. Nein, ich beziehe mich ausdrücklich nicht auf jene Hauptdarsteller Mrs. Bo Derek und Mr. Anthony Quinn. Moment, habe ich Beelzebub mit dem Herr der Fliegen durcheinander gebracht? Echt? Mea culpa. Ich bin doch nur The Apprentice! Wie? Was? I am fired? Sackgesicht, du Leser! …

Und? Ändert das etwas? „Beelzebub, you are fired“, wäre der Satz, den hier jeder in D-Land-Umgebung im letzten Jahr erwartet hätte, dem die inneramerikanischen Verhältnisse am Bobbes vorbei gegangen sind. So wie damals in Griechenland bei den Stinkefingerzeiger Giannis Varoufakis aus dem griechischen Kabinett. Der war dem demokratischen Deutschland ein demokratisch gewähltes No-Go. Wer hat gewählt? Das „demos“, jene griechische Volk? Das „demos“vom anderen Ufer, was wir als „USA“ bezeichnen?  Oder gar die Finanzwelt?

Demokratie.

Ich lese in einem sozialen Medium die emotionale Aussage eines Deutschen, der äußert, dass sein Beelzebub der USA überhaupt nicht sein Präsident wäre. Etwas, was faktisch vollkommen stimmt, da er dort – nach eigenen Aussagen – als Nicht-Amerikaner eh nicht wählen konnte und nicht wohnt und somit allgemeinen demokratischen Konsens folgte. Da hat er recht. Aber so etwas von recht. Auch wenn er in seinem Verständnis Löcher hat Aber so etwas von löchrig ….

Löcher des eigenen Verständnisses. Benutzt als positive, vorsätzliche  Verstärkung der eigenen Argumentation. Nur später erinnert man sich ungerne daran. Geht mir auch so. Da bleibt ein schwarzer Fleck. Ein Fleck wie ein Loch. Lediglich das Gefühl, man habe es seinem Gegenüber gezeigt.

Und aus dieser Argumentationskette werden in Deutschland noch immer Kanzlerkandidaten der nächsten Bundestagswahl mit unterschiedlichen Gangarten geboren. Egal ob aus Hamburg, Würselen oder Dresden. Muss ich das verstehen? Freilich muss ich das verstehen. Denn ich bin ja Nachdenker. Der Fluch des eigenen Hirns.

Also:

Ich verstehe? Ich verstehe nicht? Was verstehe ich nicht? Wie oft muss ich mir das Ganze erklären? Einmal? Zweimal? Denke ich drüber nach. Das Verstehen an sich ist essentiell. Ohne Verstehen geht die Essenz flöten. Und zwar aus dem letzten Loch.

Loch bei Loch und es hält doch.

Mir sei die Kette. Euch die Löcher …

Und ansonsten gibt es noch Informationsquellen wie „Aldi informiert“, „Apotheken-Rundschau“ und „Landwirtschaftliches Wochenblatt Westfalen-Lippe“.

Inzwischen erforsche ich derweil meine letzten Löcher, aus denen ich euch meinen nächsten Blog-Post vorflöten werde …

So denn ich die Löcher der Straße meine indifferente  Überzeugung finden werde …

Loch bei Loch … Kettenreaktion … harmlos …

Dahinter steckt immer ein kluger Kopf

Die Messe ist gelesen, das Zäpfchen gelutscht, das Hühnchen gerupft, der Trumpf verbraten. Und weiterhin, sie haben noch immer den klugen Kopf. Immerhin. So deppert, wie andere ins Bild gesetzt werden, da ist mir der Kopf hinter der hochgehaltenen aufgeschlagenen Zeitung immer noch lieber als Bild-ungsbürgertum als Unterlage für ne Pommes. Denn am geschliffenen Geist macht es mehr Lenz, sich zu reiben als an deutscher Eichentümelei.

Nur, da lese ich auf „klugen Kopf“-Internetseite „Deutsche Manager reden sich Trump schön“. Nun, auf meiner Visitenkarte steht dieses plakative Wort. Nein. Nicht „Trump schön“. Sondern „Manager“. Und? Rede ich ihn mir schön? Auf meinem Tisch steht ein Glas Rotwein. Montes Alpha. Chile. Grüße aus dem Feuergürtel dieser Welt. Und sie können das, was andere in Deutschland nicht können, und zwar Rotwein. „Trump schön“? „Clown schöööön“! Der Besitzer der Autorenrechte dieses letzten Zitats ist bereits tot. Und: Gott erhalte Trump! Hat da gerade wer gedacht „möglichst bald“?!? Denkt dran, die NSA ist überall dabei. NSA geht immer. Und seid ihr jetzt sicher, dass diese harmlose kleine Glühlampe an eurem Schreibtisch nicht der Generation „Smart Home“ angehört und mit der NSA verbandelt ist? Präsidentenbeleidigung ist strafbar, woll. Da sei euch der Fall „Erdogan“ ein mahnendes Beispiel, wie sowas funktionieren kann. Also seid brav, nett und demokratisch linientreu. Lediglich lebende Fische sind dem Strom aufwärts eine Bedrohung. Sagt ja auch der der Mann am Joystick der Drohne in Rammstein.

Rede ich mir Trump schön? Nicht wirklich. Vielleicht sollte man hier endlich mal zur Kenntnis nehmen, dass Hillary Clinton mit Hilfe ihrer Partei einen Mitkonkurrenten kaltgestellt hatte, damit sie weiter um die Macht mit Trump konkurrieren konnte. Wenn man einen 2CV6 („Ente“) hat, um damit gegen einen alten Cinquecento (Fiat 500) anstinken will und deswegen einen „R5“ alten Kalibers im Rennen um das Präsidentenamt mit Hilfe der eigenen Partei die Reifen abmontieren lässt …

Die Amerikaner wählten schon immer die beste Nase aus der ganzen Schlammschlacht-Arena. Den den sie für als den besten erachteten. Star-Wars-Regen. Praktikant-Klintor. Bomben-Busch. Guantanomo-Auflöser-Drohnen-Obamama. Ach ja, okay. Das Wahlsystem … gut, einverstanden, die Spielregeln des Wahlsystems sind Scheiße, denn sonst wäre Hillary … und wenn vier Ecken ein Elfmeter ergäben, wäre Deutschland schon zehnmaliger Fussball-Weltmeister. Und wer hat’s verhindert? Ein Korrupter …

Das demokratische Leben ist nun mal ungerecht, Scheisse und blöde.. Nur Diktaturen haben eindeutige Spielregeln … würde die AfD ja auch sagen, wenn es nicht so unsäglich undemokratisch wäre …

Ob ich mir Trump schön rede? Nicht die Bohne.

Meine Kreditkartengesellschaft schrieb mir neulich, dass ich bei einem Kartenguthaben von 0 bis 10.000 Euro lediglich 0,2% Zinsen erhalte. Über 10.000 Euro vergüten sie mir mein Guthaben mit 0% Zinsen. Hey ich bin aufgewachsen, da gab es auf dem Sparbuch noch 3% pro Jahr. Heute tauchst du mit 11.000 Euro bei der Bank auf? Dann haste du erstens die Ermittlungsbehörden an den Hacken und danach ziehen dir die Banken auch noch noch zwei Fünfhunderter-Scheine als Strafgebühr bei der Einzahlung ab. Dein Geld ist nicht geschäftskompatibel ist. Du solltest doch lieber in Immobilien investieren. Mach mit bei der nächsten Blase. Kein Wunder, wenn die Mieten hier in München steigen, weil jeder versucht, das Beste aus seinem Geld heraus zu holen. Mit 11.000 Euro kriegste ja noch nicht mal einen Stein der Grundmauern einer Wohnung. Und wundert es den Leser, dass ich deswegen als Mieter auch nicht mit 11.000 Euro meiner Bank eine Krise auslösen kann, weil ich dazu keine Sparchance habe …

Es ist ja offensichtlich nicht mehr so schlimm, eine Bank zu überfallen. Denn um solche Gewaltaktionen kümmert sich der Staat. Nur ist es jetzt erheblich bedrohlicher eine Menge Geld einzahlen zu wollen. Da kümmert sich die Bank mit entsprechenden Zinsstaffelungen drum. Kommt ein Reicher mit seinem Vermögen in die Bank und droht ein Sparbuch aufzumachen. Da droht aber die Bank mit Zinsen und Gebühren dagegen. Aufrüstung der Reichen gegen noch Reichere. Wie sagte bereits der weltweit von Arm und Reich geachtete (wieso?) Mensch Warren Buffet: „If class warfare is being waged in America, my class is clearly winning.“ (übersetzt: „Wenn in Amerika ein Klassenkampf tobt, ist meine Klasse dabei, ihn zu gewinnen.“). Trump ist garantiert auf Warren Buffets Seite beim Buffet am Tisch der Armen (… dieser Kalauer musste jetzt sein …).

Also zurück zu Trump und der Zeitung, hinter der eh immer ein kluger Kopf steckt. Da fällt mir gleich als nächste Schlagseite auf, dass Hunderttausende unter anderem vor allem Frauen gegen Trump demonstrieren. Hunderttausende! Ist das nichts? Gut. Im nächsten Satz wird dann desillusionierenderweise das Wort „weltweit“ gebraucht. So, so. Es gibt wohl auch nur Zweihunderttausend Frauen auf dieser Welt, denn ansonsten wäre das keine Schlagzeile mit der Erwähnung des Wortes „Frauen“ wert. Manager Deutschlands (wie viele?) reden sich Trump schön (Prost!) und Hunderttausende mit „vor allem“ Frauen demonstrieren weltweit gegen den amerikanischen Clown Trump (… liebe NSA, das war nur ein harmloser, satirischer, unwichtiger Witz, ehrlich, echt jetzt  … oder doch nicht? …). Und links die Schlagzeile, dass die Partei „Die Linken“  eine Eintrittswelle verzeichnet, direkt rechts daneben Hurra-Rufe für Petry, Wilders, Le Pen und Trump …

Hm. Ich saufe, pardon, rede mir Trump nicht schön, ich bin keine weltweit demonstrierende Frau und trete auch nicht in die Partei „Die Linken“ ein … ernsthaft, ist mein Leben in Gefahr? Eine wirkliche Notwendigkeit? Ein echter Missstand? Oder ist das lediglich unschön?

Und jetzt das wichtigste! Fußball-Bundesliga zum Auftakt im Jahr2017: das Ergebnis „1:“2“ gab es bisher wie das Ergebnis „1:0“ gleich zweimal (Stand: Samstag vor dem Sonntag). Drei andere Spielergebnisse wollten sich wohl mit anderen Ergebnissen wichtig machen und damit Wettquoten verderben. Das ist bedenklich. Ernsthaft. Insbesonders da es keine Anhaltspunkte für Bestechung gibt. Und das beim Fußball. Das ist ja so wie Olympia ohne Doping. Geht gar nicht. Könnte da mal wer nachforschen? Ist jetzt absolut wichtig. Es geht um meine Quote! Ernsthaft. Meine Bank wollte mir die 10-Euro-Einzahlung mit 10 Cent strafen, also hab ich gewettet und jetzt schein ich auch im Wettbüro dieser abartigen Modeerscheinung „negative Zinsen“ zum Opfer geworden zu sein.

Trump schön saufen … äh, reden. Als Manager? Benötige ich nicht. Ich fang schon mit den AGBs meiner Bank an. Prost.

Alles gut

Heute bin ich gutmütig. Normalerweise dürfen jene blau gekleideten  Menschenwesen nicht bei schneebedeckten Autos im „Anwohnerparken“ nach den Parkausweisen hinter den Windschutzscheiben forschen. Den Schnee zu beseitigen, ist verboten. Als Rache der Autohalter sind die Klagen wegen Kratzer am Fahrzeug zu häufig. Es ist in München den Politessen und Politess-Essenern untersagt, investigativ tätig zu werden: das Blech ist heilig! Das Schaben an Windschutzscheiben ist in München den Offiziellen ohne Polizeiabzeichen komplett untersagt.

Neuschnee. Neulich. Unberührt, jungfräulich weiß, unbefleckt (… hatte München zu Silvester etwa gar Smog? …)

Alle Fahrzeuge im „Anwohnerparken“ sind schneebedeckt. Sogar das Fahrzeug mit dem Kennzeichen „AC“. Ich habe aus einer gelangweilten, sadistischen Intention meiner einerseits das „AC“-Fahrzeug oberhalb der Motorhaube komplett vom Schnee befreit. Man gönnt den anderen ja sonst nichts. Brot für die Welt, aber die Butter bleibt hier. Der Fahrzeughalter hätte mich ob meiner Handlung wahrscheinlich am liebsten am nächsten katholischen Kirchturm brennend kreuzigen lassen.

Sieben Uhr abends. Sonnenuntergang war bereits Vergangenheit. Präteritum. Die Arbeit lange danach auch. Heimweg. Das Auto stand unberührt von meiner Aktion weiterhin dort. Das Verkehrsschild daneben versprach weiterhin jedem Autohalter nichts Gutes. StVO. Absolut Ungutes. StVO-Doppelplus-Ungut. Nur mir nicht. Freudig lächelnd erblickte ich das Knöllchen im Plastiktütchen unterm Scheibenwischer vom „AC“-Vehikel.

Gewissenbisse? Nö. Das Vehikel ist ja nicht meines. Was geht mich das Unglück anderer an? Also darf ich das. Ergo: Widerspruch zwecklos. Zahlen sollt ihr, ihr vorsätzlichen Falschparker!

Meine Kissenunterlage, jene für das Fenster zur Strasse hinaus, darauf wie eine römische, eherne Statue auf Ellenbogen abgestützt, die ist mit mir legendär. Die kennt jeder in meiner Nachbarschaft: Da bin ich der King und geachtet. Eine lokale Größe. Behandelt mit gebührendem Respekt. Man kennt mich als den „Anzeiger“ und respektiert mich für meinen Ordnungssinn und ob meiner STVO-Kenntnisse. Bin ja sowieso Ü50. Ich darf das und habe auch eine Lebensaufgabe: Alle Macht der STVO!

Echt jetzt? Nun ja, ich habe kein Auto … also egal …

Die Zeit ist das Feuer, in dem wir verbrennen.

Die Zeitansage. Du warst meine erste Liebe, du eiserne Jungfrau.

„Beim nächsten Ton ist es …“

Damals hatte ich dich kostenlos anrufen können und dir überm Lautsprecher des Morgens gelauscht. Vor dem Rausgehen, um rechtzeitig den Bus zu erwischen. Oder des Mittags, um festzustellen, ob der Angelus rechtzeitig geläutet wurde. Oder des Abends, um zu sehen, ob die Tagesschau pünktlich begann. Oder wenn ich Langeweile hatte und einfach mal meine Uhr auf die Sekunde genau justieren wollte. Minute für Minute. Ein Reaktionsspiel, die Uhr genau mit dem „Pieps“ der vollen Minuten synchron zu bekommen.

Du kommst zu spät. Du bist nicht pünktlich. Meine Zeit habe ich nicht gestohlen. Wie Sand zwischen den Fingern ist es beim nächsten Ton …

Es liegen weniger Tage vor mir als bereits hinter mir. Und alle elf Sekunden verlieben sich zwei Minuten beim klar Schiff Machen. Stunde für Stunde. Tag für Tag.

Ich lauschte der Stimme. Sie klang so rational feminin, so sachlich weiblich, so überzeugt fraulich, so sinnlich zeitlos.

„Beim nächsten Ton …“

… komme ich zu dir, meine eiserne Jungfrau, und dann halten wir gemeinsam die Zeit an. Stunde für Stunde, Minute für Minute, sekundenweise.

Aber das reicht nicht mehr. Bei Wettläufen helfen nur noch genaue Uhren, um zu unterscheiden, wer schneller ist. Mit Unterscheidung auf Tausendstel des Augenblicks. Wimpernschlaglängen.

Die Zeit ist wie ein Raubtier. Du kannst versuchen, ihr zu entkommen. Aber sie wird dir folgen, dich jagen und erlegen. Auge um Auge, Zahn um Zahn, Falte auf Falte. Die Zeit vergeht und wartet auf niemandem. Diese vergängliche Erfindung des logischen Menschen. Der Mensch sagt, die Zeit vergehe. Die Zeit sagt, der Mensch vergeht.

Ich höre dich. Beim nächsten Ton. Ich dreh‘ mich um mich und schau mir ernst ins Gesicht. Ernste Zeiten bedürfen der Heiterkeit. Ohne Heiterkeit lässt sich das Leben in der Zeit nicht denken.

Ein Schwarzer saß in Dresden in einem Bus, las in einer seltenen Ausgabe des Talmuds und jedes mal, wenn er eine Seite im Talmud weiter blätterte, rückte er seine Kippah zurecht. Ein Mensch, der ihm gegenüber saß, stand auf, schlug ihm ins Gesicht und schrie erbost: „Reicht es nicht schon, dass Sie Jude sind?“

Zeit zu lachen. Lache zur Zeit, du könntest vor Abend weinen. Morgen und Abend. Leben und Tod. Zeit zu leben.

Begleite mich, Zeitansage, du meine 0119-Chiffre. Lebe mit mir, du eiserne Jungfrau meiner Jugend. Sprich mir dein Mantra für unsere Einheit. Bis ich das Zeitliche segne.

Beim nächsten Tod ist es …

… zu spät …

Pop … pop … populär: Tagebuch-Leak

Geheimer Auszug aus meinem eigenen, skandalösen Tagebuch. Von mir unbarmherzig veröffentlich, damit jeder die Wahrheit erfährt. Jeder. Aber auch wirklich jeder. Echt jetzt. Macht man doch so, oder etwa nicht? Egal. Total egal. Mir total schnurzpiepegal.

Heute ist mein Facebook-Tag. Ein knalliger Eintrag muss her. Aber end-knallig! Das letzte Katzenfoto hatte nur zwei magere Likes eingebracht. Irgendetwas, was zündet. Womit ich bekannter werde. Womit ich richtig stark geliked werde. Es muss doch möglich sein, dass ich mal bekannter werde. Höherer Bekanntheitsgrad, mehr Facebook-Likes, mehr Facebook-Freunde, mehr Leser von meinem Blog. Da geht doch was.

Böhmermann als Beispiel? Schon mal ein Anfang. Hat unheimlich viel Bekanntheit bekommen für ein Schmähgedicht, von dem er selber sagte, dass er es als Beispiel veröffentlicht, was nicht veröffentlicht werden darf, oder so. Aber nachher die Staatsanwaltschaft vor der Türe, muss nicht sein. Dann lieber ne andere Strategie.

Oder mal ne vorsätzlich fake news auf Facebook streuen und diese dann direkt als ‚fake news‘  bezeichnen? Hm. Nicht so gut, dieses ‚fake news‘. Da kommen dann die ganzen Pedanten aus den Löchern gekrochen und schimpfen mich wegen dem englischen Ausdruck ‚fake news‘, weil es bereits das ur-deutsche Wort ‚Falschmeldung‘ gibt. Nur ‚Falschmeldung‘ klingt einfach negativ. Schreib ich jedoch ‚Zeitungsente‘, dann kommt der Bundesagrarminister, dieser Freiheitskämpfer wider den fleischlosen Fleischbällchen, aber völlig-nicht-wider die literweise, vegane Kalthopfenschale, also dann kommt jener Bundesagrarminister Christian Schmidt der CSU und meckert, weil das wieder eine Täuschung des Verbrauchers sei. Facebook sei ja keine fleischhaltige Flugnachricht-Zuchtanstalt, und außerdem kenne er nur halbe, gebratene Enten mit Blaukraut aus Muttis Küche. Und dann noch, weil, mit Essen spiele man nicht.

Hm. Brauch ich nicht.

Oder doch!

Politikerschelte ist ja richtig populär. Die CSU-Flugente ‚Münchener Merkur‘  schrieb neulich, dass die als ‚Kabarettistin‘ bezeichnete Gruber Monika (schreibt man in Bayern so), also jene hat Zehntausend Likes erhalten, weil diese Gruber letztens eine Politikerin, jene Simone Peter aus NRW, als ‚dürrer Veggie-Hintern‘ und als ‚GrüPri‘  – Grubers Abkürzung für ‚Grünen-Pritschn‘ – bezeichnet hat. Nebenbei, ‚Pritschn‘ heißt ins Normaldeutsch übersetzt ‚Vagina‘, ‚Prostituierte‘. Es wird benutzt, um damit eine bösartige, aufsässige, klatschsüchtige Frau von einer ehrhaften, folgsamen, schweigsamen Frau abzugrenzen. Die eigene Wertsteigerung durch Abwertung einer anderen Person als Zeitgeist-Masche. Zehntausend Likes als Dreingabe zur Aufwertung und der Wertschätzung willen. Nur, wenn ich ‚GrüPri‘ und ‚dürrer Veggie-Hintern‘ verwendet hätte, also ich wäre dann als mieser Sexist und zusätzlich noch als elender Rassist öffentlich in Zeitungen gebrandmarkt worden.

Aber Frauen dürfen das. Und Christian Schmidt hat wohl auch nichts dagegen, dass der Hintern von jener Simone Peter als vegan klassifiziert wurde, obwohl da Fleisch drin ist. Die Bayern an sich dürfen das ja erst recht. Insbesonderes bei Leuten nördlich des Weißwurstäquators, auf welche die Bayern laut Grundgesetz ja eh nicht mehr schießen dürfen, auch wenn sie’s noch so sehr wollten. Tja, Stutenbissigkeit leben, das können nur Frauen wie Monika Gruber. Ausnahme vielleicht Mario Barth: bei dessen Programmen weiß ich nicht wirklich so genau, ob der in Wahrheit nicht doch ne Frau und dann auch noch mit Desiree Nick verheiratet ist.

Ich brauch ne Beleidigung, die sich gewaschen hat. Mit der ich auf Facebook geliked werde. Ich könnte was gegen Flüchtlinge, Mutti Merkel und Sarah Wagenknecht schreiben. Dann liest es vielleicht Dieter Nuhr und Alice Schwarzer, beide liken und teilen es mit wohlwollendem Kommentar. Das macht dann die ersten Tausend Likes. Eine Viertel Stunde später wird die AfD auf Schwarzers Vermerk aufmerksam und – Schwupps – habe ich fast ne Million Likes.

Nein, das ist es mir nicht wert. Zu billig. Und ich möchte auch nicht mit der AfD in Verbindung gebracht werden. Dieser parteigewordenen Kreuzung aus schlechten NRW-Witzen und Berliner Kalauern …

Es muss auch noch ein anderen Weg geben, um nach Komplimenten zu fischen. Katzenfotos bringen es nicht mehr. Außer vielleicht ein Foto von fünf, süßen, kleinen Katzenbabys. Putzig aus einem braunen Kartoffelsack schauend. Im starken Regen. Mitten auf dem Rhein. Und im Hintergrund, knapp zwei Meter dahinter, die riesige Bugwelle eines Schleppkahns …

Hätte wiederum etwas von AfD-Niveau. Mit Katzenfotos und AfD spielt man nicht. Obwohl, wenn ich so an Tiere denke … Tierschützer passen immer gut als Feindbild. Da sitze ich in einem Boot mit Christian Schmidt. Im gleichen Schleppkahn. Katzen ahoi!

Also. Nochmal. Es muss etwas her, was Aufmerksamkeit erregt. Irgendetwas, was zündet. Heureka, ich hab’s! Das ist es! Ich erstelle ne öffentliche Veranstaltung in Facebook. Einladung an alle:

Sonntag Abend, 21:00 Uhr, im Scheine des Mondes, öffentliche Dackel-Verbrennung auf dem romantisch verschneiten Münchner Marienplatz. Unterhalb der goldenen Mariensäule. Um Spenden an Zamperl, Reisigholz und guten Brandbeschleunigern wird gebeten. Mit anschließendem Absingen der Europa-Hymne am wärmenden Feuer. Hot-Dogs gibt’s gratis!

Genau. Absingen der Hymne an Freiheit, Frieden und Solidarität. Die ‚Ode an der Freude‘. Seid umschlungen Millionen! Töchter aus Elysium! Und Söhne freilich auch. Ludwig van ist doch immer passend zu so einem Event …, pardon, ‚Veranstaltung‘ heißt das.

Und weil die Hymne gesungen wird, kann ich es auch als politische Demonstration mit Partycharakter verkaufen. Sobald dann der erste Tierschützer auf meinem Eintrag meckert, kontere ich mit ‚Brunzbisslbled Verkloghafei‘ in Verbindung mit ‚deppater Kletznsepp‘ oder ‚damische Bluzn‘. Ist halt normaler bairischer Gendertalk. Und zack gehen die Likes in die Höhe. Der ‚Münchner Merkur‘ schreibt dann darüber, und Agrarminister Christian Schmidt kann darauf den Söder fragen, ob Dobrindt und Seehofer auch zum ‚Hot-Dog-Essen‘ auf den Münchner Marienplatz kommen. Singen können die ja, auch wenn deren Zungenschlag komplett nicht stimmt.

Hm. Vielleicht sollte ich auch vegan-vegetarsches Freibier organisieren, traditionell gebraut nach dem bayrischen Reinheitsgebot. Denn ansonsten kommt der Hintern von Seehofer garantiert nicht …

Wenn ich groß bin, werde ich ein Ferrari

„Wenn Recht zu Unrecht wird, dann wird Widerstand zur Pflicht, mein Sohn!“, sprach der Herr Papa erregt zu seinem Sprössling auf dem Beifahrersitz.

„Aber Papi! Du kannst doch nicht …“

„Doch ich kann. Und zwar so wahr ich Johannes Berthold Bachmaier heiße. Ich kann!“

„Aber …“

„Wenn ich eines von meinen Eltern auf ihren Anti-Atombomben-Demos der 80er gelernt habe, dann das, dass man sich nicht alles zu gefallen lassen hat! Okay, die Anti-Atombomben-Demos waren pillepalle. Was sind schon Atombomben im Verhältnis zu dem, was Banken so an hohlen Spekulationsobjekten produzieren. Explodiert eine Atombombe, das betrifft einen eingeschränkten Kreis, vielleicht ne halbe Millionen Menschen. Wenn die Banken jedoch ihre Spekulationsobjekte zünden, dann stürzt so etwas mehrere Millionen ins Elend. Sagte bereits Warren Buffet. Nur, dagegen demonstriert niemand mehr, nicht einer von den 80er-Jahren-Friedensaposteln kommt aus dem Quark, nachdem bereits die Finanzwelt mit Massenvernichtungswaffen aufgerüstet hat! Nein, dagegen gibt’s von denen kein Widerstand! Null.“

„Aber Papi, nur weil  einer sagt, er könne Millionen explodieren lassen, kannst du doch nicht so einfach hier …“

„Doch, Stefan, doch! Dein Papa kann das! Dein Papa zahlt Einkommenssteuer, Vermögenssteuer, Mehrwertsteuer, Tabaksteuer, Alkoholsteuer, Mineralölsteuer, Autosteuer, Mautsteuer, Vergnügungssteuer und was sonst noch. Da kann dein Papa erst recht! Ich lass mir dieses Unrecht nicht mehr gefallen, diese Willkür, diese Ignoranz und Arroganz von diesen Arschlöchern, die nicht wissen, was sie tun. Obwohl, das werden sie sehr wohl wissen.“

„Papi, nun hör schon auf …“

„Stefan! Du sollst mich nicht unterbrechen, wenn ich rede. Kinder haben gefälligst zuzuhören, wenn Erwachsene erzählen, wie das Leben wirklich ist! Wie wollt ihr denn sonst lernen, wie die immer mehr euer gutes, zukünftiges Recht beschneiden?!? Wer da nicht aufsteht und mal sich richtig …“

Es klopft an der Scheibe. Herr Bachmaier drückt auf einen Knopf und ganz leise surrend bewegt sich die Seitenscheibe hinunter. Ein Polizist blickt ihm ins Gesicht.

„Sie stehen im absoluten Halteverbot. Sind Sie mit einer Verwarnung von 20 Euro einverstanden?“

„Im Halteverbot? Das muss aber neu sein. Vor Weihnachten war das noch nicht. Da konnte ich meinen Sohn hier immer von der Nachhilfe abholen.“

„Zusätzlich haben Sie in zweiter Reihe gehalten und Sie behindern den Verkehr.“

„20 Euro sagten Sie? Einverstanden.“

Er reichte einen Geldschein durchs Fenster und erhielt Quittung und Beleg. Erneut drückte er den Knopf. Die Seitenscheibe schloss sich wieder. Ein weiterer Druck auf einen anderen Knopf und kaum hörbar startete der Motor.

„Papi, ich dachte, du sagtest, dass Widerstand Pflicht wäre. Aber jetzt hast du trotzdem bezahlt?“

„Das verstehst du nicht. Man muss sich ja auch an Regeln halten, nicht wahr.“

„Ich hatte dir doch zuvor bereits erklärt, dass hier jetzt Halteverbot ist und ich zum Parkplatz kommen könnte.“

„Stefan, du musst mir nicht immer widersprechen, nicht wahr. Das verstehst du nicht, okay.“

„Okay.“

„Und kein Wort zur Mutti, nicht wahr. Sonst gibt’s Ärger!“

„Okay.“

„Diese Säcke von Politiker. Klauen mir permanent mein Geld und ich bezahl mit meiner Freiheit! Aber die können was erleben. Im September kriegen die von mir die Quittung! Da vergeht denen noch deren Gefasel! Und Stefan, kein Wort zu Mutti, verstanden?!“

Sprach’s und drückte das eiserne Gaspedal bis zum Anschlag durch.

Revenge is a dish best served cold

Jeder hatte drauf gewartet: auf die Zeitlupenstudie, die sogenannte SlowMo-Studie. Man nimmt Bilder mit einer Hochgeschwindigkeitskamera auf und spielt sie dann nur halb so schnell wie gewöhnlich ab. Was bei Bienen und Blumen noch faszinierend ist, hat am Bankautomaten den Hauch von einem Fußballspiel wie Deutschland gegen Island im strömenden Regen bei ausgefallener Heizung im eigenen Mietshaus im Januar. Da stand er nu am Bankautomaten und las wohlmöglich Zeile für Zeile, was ihm der Monitor vor ihm präsentierte. Und einer Super-Zeitlupenstudie gleich versuchte er seine Geheimzahl einzutippen. Und was passierte? Genau! Der Automat brach ab und warf die Bankkarte raus. Aber der Mann hatte ja die Ruhe weg: nahm die Karte raus und führte sie gemächlich wieder rein. In Super-SlowMo. ARD, ZDF und deren Zuschauer der ersten Reihe wären vor Neid blasser als blass geworden.

Himmelherrgottsakrament! Geht es noch langsamer? Meine Geduld war fast am Ende:

„Wenn’se noch länger brauchst, sag Bescheid. Ich muss dieses Jahrhundert noch sterben!“, raunzte ich ungehalten.

Und tatsächlich: der Mann drehte sich zu mir um, stierte mich eine Zeitlang an und drehte sich dann wieder zum Automaten um. Er war besoffen. Eindeutig. Aber so was von besoffen, da passte zum Koma höchstens maximal ein 30 Gramm pro Quadratmeter dickes Blatt dazwischen. Er war derjenige, den jeder mit Neid belegt, weil er Neujahr nicht am Ersten eines Januars beendet, sondern auch noch die Eier hat, am zweiten Tag das Jahres das neue Jahr weiterhin enthusiastisch zu begrüßen. Trotz Terror am Bosporus, Smogalarm in München und roten Ampeln zur Arbeit. Er hatte nichts gesagt, aber sein Blick war eindeutig herausfordernd und sagte im Grunde alles. Zumindest mir jedenfalls. Und so etwas, so was lasse ich nicht auf mich sitzen! Niemals! Auch nicht den Hauch eines Blickes!

„Hey, mach voran oder fick dich ins Knie!“ Ich bin ein wirklich höflicher Mensch und sehr angenehmer Zeitgenosse, aber was zu viel ist, das ist zu viel. Eindeutig. Ich habe meine Zeit ja auch nicht gestohlen.

„Wohin soll er ficken? Ins rechte oder ins linke Knie?“

Diese feine zarte Stimme verwirrte mich. Sie kam direkt von hinter mir. Ich drehte mich um und sah die junge Frau, die mich mild lächelnd ansah.

„Äh, wie, äh, Knie, äh?“

„Sie sagten, er solle sich ins Knie ficken. Aber Sie sagten nicht, in welches. In sein rechtes oder sein linkes? Oder gar in eines der Ihren?“

„Was? Der soll mal hin machen! Ich will schließlich auch noch meine Geld abheben! Ich hab‘ nicht ewig Zeit!“

„Aber so ein Fick ins Knie dauert doch. Und sollte auch befriedigend sein, nicht wahr? Oder haben Sie es nicht so mit befriedigenden Ficks?“

Die Frau hatte nen Schuss weg. Hatte die mich nicht verstanden? Ich redete doch nicht von Geschlechtsverkehr oder ähnlichem, sondern von Dingen, die jedem geläufig sind. So wie damals, als Götze die Argentinier gefickt hatte: Brust, Spitze, Tor, Weltmeister!

„So gehen die Gauchos, die Gauchos, die gehen so. So gehen die Deutschen, die Deutschen, die gehen so!“ 2014 war ich in Berlin beim Empfang der Nationalmannschaft und hatte den Tanz mitgemacht. Wie haben wir beim Tanzen die dummen Argentinier gefickt. Nun ja. Letztendlich hatte der Tanz dann mich gefickt und ich dazu den dummen Hexenschuss erhalten. Seitdem weiß ich, was „So gehen die Deutschen, die Deutschen, die gehen so!“  hieß: gebückt gehen, unter Schmerzen, bis zum Rot-Kreuz-Wagen. Gefickt vom WM-Pokal-Jubel. Egal. Mann wird ja nicht alle vier Jahre Weltmeister. Ein Hexenschuss ist da nur ein Beistrich der stolzen Fußballgeschichte.

Aber das hatte nichts mit Knie-Ficken zu tun. Ich schaute die Frau noch immer entgeistert an.

„Aber ich meinte das doch nicht wörtlich, das Knie-Ficken.“

„Ach wirklich? Aber ich habe doch genau gehört, dass Sie sagten, dass er …“

„Ja, ja, ja, ja, aber das war nur metaphorisch gemeint.“

„Meta-was? Sie müssen nicht hier mit Ihrem Abitur rumstrunzen, nicht wahr. Nicht jeder ist so schlau wie Sie.“

„Das war bildlich gemeint. Also nicht wörtlich. Sondern eher so im übertragenden Sinne.“

„Sie ficken also im übertragenden Sinne? Auf welcher esoterischen Kamasutra-Schule waren Sie denn?“

Das Gespräch wurde mir zu viel. Und der Mann holte sowieso gerade sein Geld aus dem Schlitz. Etwas mühsam fädelte er EC-Karte und Geldschein in sein Portemonnaie ein und machte mir wankend den Weg frei.

Ich trat vor, fieselte meine Karte aus meinem Portemonnaie heraus und führte sie zielsicher in den Schlitz ein. Alte Routine.

„Und jetzt ficken Sie den Automaten?“

„Könnten Sie mal für eine Minute Ihre Klappe halten?“, während der Automat hinter mir meine Karte gierig eingesogen hatte, drehte ich mich um und fixierte sie mit einem Blick, von dem ich annahm, dass er der Grimmigste der Welt sein würde, den ich je zustande gebracht hatte. Dabei nahm ich nahm die Menschenschlange hinter ihr wahr. Alle darin hatten diesen Blick von „Was ist denn das für einer?“ Einer hielt sogar sein Smartphone verdächtig telefonierbereit in seiner Linken. Da lag eine latente Gewaltbereitschaft in der Luft. Alle gegen mich. Keiner für mich. Und das in dem sehr engen Raum mit nur einem Geldautomaten. Eine Atmosphäre zum Zerreißen gespannt wie in einem Boxring. Der perfekte Ort um einem öffentlichen Lynch-Mob zum Opfer zu fallen. Am helllichten Tag. An der Futterstelle des Volkes.

Der Automat hinter mir fiepte ungeduldig. Wobei, Geduld ist keine Automateneigenschaft. Automaten reagieren nur technisch, den Regeln der Programmierung folgend, und dieser Automat hinter mir wollte lediglich meine Geheimzahl. Zögernd drehte ich mich um. Unbehaglichkeit schlich mir meine Beine empor, einem potentiellen Lynch-Mob hinter mir einfach so den Rücken zu zu kehren. Ich versuchte mich, an meine Geheimzahl zu erinnern. 3-8-1-9? Oder doch eher 3-9-1-8? War es nicht die Kombination der Alterszahlen von meinem Bruder und dessen Ehefrau bei deren Hochzeit? Aber wann hatten die nochmal geheiratet?

„Och, jetzt kann er nicht mehr“, tönte es von der Frau in einem vorgetäuschtem, bedauerlichem, Mitleid erheischendem Ton: „Hat er wohl grad mal wieder ein Hängerchen, wenn’s drauf ankommt, nicht wahr?“

Ich widerstand dem Impuls, mich umzudrehen und die Frau mit beiden Händen gewaltsam und brutal gegen die hintere Wand zu drücken. Stattdessen kratze ich mich ratlos am Kopf. Einmal. Zweimal. Dreimal. Mehrmals. Und wie beiläufig bemerkte ich: „Mist. Ich wollte doch nur etwas Geld abheben, um das Shampoo gegen meine Kopfläuse zu kaufen.“ Und ich kratze mich nochmals ausgiebig am Kopf, ignorierte die Leute hinter mir, hüstelte noch ein wenig und grinste in mich hinein.

Der Automat stellte mir einen Countdown von 10 Sekunden, bevor er alles abbrechen würde. 3-8-1-9 oder doch eher 3-9-1-8? Ich kratze mich nochmals am Kopf. Mir fiel es nicht mehr ein. Der Automat fiepte ungeduldig.

Hinter mir war es seltsam ruhig geworden. Ich drehte mich um und sah … niemanden. Ich war der einzige im Geldautomaten-Kabuff. Offenbar hatten es alle Wartenden schnell und geräuschlos verlassen. Wegen meiner einfach dahin gelogenen Kopfläuse. Recht so.

Aus einer guten, frohgestimmten Laune heraus tippte ich 3-8-1-9 ein. Gewonnen. Der Automat spuckte mir 100 Euro raus. Ich steckte das Geld ein und verließ den Kabuff. Mein Weg führte ins gegenüberliegende Restaurant. Wiener-Schnitzel mit Preiselbeeren. Darauf hatte ich mich den ganzen Tag gefreut. Der Tisch an der Eingangstüre war wie geschaffen frei für mich. Ich hockte mich nieder, der Kellner kam und ich bestellte. Nur, er hielt Abstand.

„Entschuldigung, Sie haben Kopfläuse, nicht wahr. Ich muss Sie leider bitten zu gehen. Ich muss an meine Gäste denken.“

Ich spürte wie meine Kinnlade in die Etage nach unten hinein wechselte. Erst wollte ich protestieren, aber mir fiel nichts ein. Mit geöffnetem Mund schaute ich ratlos am Kellner vorbei und entdeckte die junge Frau aus dem Geldautomatenkabuff. Mit flacher rechter Hand schlug sie auf ihre linke Faust. Beständig. Immer wieder. Grinsend und trotzdem gleichzeitig finster blickend. Leise drang aus jener Entfernung das dumpfes Geräusch des Aufeinandertreffens der flachen Hand auf die geschlossene Faust an mein Ohr. Ein Geräusch wie beim Ficken.

Der Kellner behielt den Abstand zu mir. Mit beiden Händen wies er mir den Weg nach draußen. Ich erhob mich, verließ das Restaurant und ich wusste, was ich war:

Gefickt.

Postfaktische Weihnachten

Ein Kinderkoelsch

„Alles voll.“

„Alles voll?“

„Alles voll. Der Altpapiercontainer, die Biomülltonne, der normale Müllcontainer. Alles voll. Auch der Altglascontainer, der Gelbe und Altmetallcontainer daneben, ebenso am Überlaufen.“

„Weihnachten.“

„Jo. Frohe Weihnachten. Unser Mietsblock ersäuft im Müll.“

„Nur die Häppchen und Schnittchen angeschaut und dann alles weg geschmissen?“

„Schlimmer! Erst das zweistündige Essen und danach all die Verdauungsgetränke. Und kein einziges Kölsch dabei. Grauenhaft.“

„Ich hatte Rindsrouladen an einem Knödel mit Feldsalat und nen passablen Rotwein.“

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Während heute Stephanus gesteinigt wird, …

„Du hast gar keine Chance, nicht zu leben. Du lebst heute schon woanders. Du lebst auf deinen Sohn, auf deiner Tochter. Du lebst auf allen Leuten, bei denen dein Herz etwas schneller geht.  Weiterlesen

Drei Wünsche frei (… da uns schlägt die rettende Weihnachtsstund; Ende)

Mit seinen flachen Händen klopfte Karl auf seine Jackentasche, fuhr kurz in seine Jackentaschen, strich sich über sein Hemd und hielt ein. In seinem Gesicht zeigte sich Ratlosigkeit. Etwas entsetzt murmelte ein „Nein, ich habe den Kugelschreiber nicht mehr“ und blickte hinter sich. Hatte er den Kugelschreiber etwa im Vortragssaal liegen lassen? Er überlegte. Ja, der Vortrag hatte ihn nicht mehr interessiert, deswegen hatte er die Tagungsunterlagen zugeklappt, in seine Stofftasche geschoben, hatte sich erhoben und zwischen den Stuhlreihen nach draußen begeben. Sein Kugelschreiber musste also noch an seinem Platz liegen.

Es war nicht ein x-beliebiger Kugelschreiber, sondern ein altes Erinnerungsstück. Er hatte ihn vor 25 Jahren während eines Praktikums geschenkt bekommen. Seine Arbeit im Praktikum war vielen so wertvoll gewesen, dass er als Abschiedsgeschenk eben diesen Kugelschreiber erhielt. Rebecca hatte ihn ihm überreicht, was seinen Wert für ihn noch gesteigert hatte. Rebecca war für ihn die Göttin seiner Praktikantenzeit. Er hatte es geschafft, sie einmal zu einem Abendessen einzuladen und es kam zu einem kurzen und intensiven Kuss. Weiterlesen

Kneipengespräch: Wer schreibt, der bleibt …

C360_2013-12-12-17-12-54-529_DxOVolkstrauertage sind traurig. Erst recht, wenn man in Kneipen sitzt und er, der Unvermeidliche, neben einem sitzt.

„Kennste den? Kennste den?“

„Wen?“

„Kennste, kennste? Warum darf ein Allergiker Cola und Bier nicht gemischt trinken? Weißte?“

„Nein.“

„Weil er sonst kollabiert. Du verstehst? Co-la-Bier-t!“

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Wo man alles sagt, da fällt kein Wort …

Herr Kiki-Jouzu ist gestorben. Eigentlich sollte ich besser „Kiki-Jouzu-san“ schreiben, denn er ist Japaner und Japaner verwenden die Anrede „Herr“, indem sie dem Namen ein wertschätzendes „-san“ anfügen.

Yasashii Kiki-Jouzu-san ist also tot. Er lebt nicht mehr. Er hat die Löffel abgegeben. Er ist sowohl über den Jordan, als auch über die Wupper gegangen. Er hat abgedankt und das Zeitliche gesegnet. Er biss in Gras und streift jetzt durch die ewigen Jagdgründe. Er hat aufgehört zu existieren. Sein Leben endete tödlich. Yasashii Kiki-Jouzu-sans Leben war ungewöhnlich, so wie sein Sterben gewöhnlich war.

Ich sah ihn zum ersten Mal auf einer Tagung der „Freunde künstlerisch geschnitzter Go-Steine“, im Sommer 2002 in Bern. Er begleitete einen Vertreter einer winzigen Go-Steine Manufaktur aus Chindougu der Provinz Dokomo. Diese Manufaktur hielt damals noch 85% der globalen Kunst-Go-Steine-Geschäfte. Für Spieler des Brettspiels Go waren jene Steine das Edelste auf dem Markt. Und das Geschäft lief glänzend, bis jedoch ein Student aus Süd-Korea fünf Jahre später jener Manufaktur alle derer Geschäfte mittels eines 3D-Druckers in Vaters Garage entriss. Jener Vertreter und Redner der Kunst-Go-Steine-Manufaktur war ein gewisser Seki-san und eine bekannte Größe in der Go-Brettspiel-Szene. Und er hielt vor dem Publikum eine 45-minütige Rede über die Bedeutung einer Go-Stein-Kette, welche nur noch eine Freiheit besaß, und darüber, welche Macht dabei handgeschnitzte Go-Steine haben können, um aus solche unangenehmer Situation zu entkommen. Seki-sans Rede wurde von einem Kasachen auf unsere Kopfhörer simultan übersetzt. Leider aber aß der Kasache schwedisches Trockenbrot, weswegen ich irgendwann entnervt den Kopfhörer absetzte und einfach dem Klang der japanischen Sprache nachhorchte. Dabei fiel mir Yasashii Kiki-Jouzu-san auf. Er saß neben Seki-san und warf immer Zwischenbemerkungen in Seki-sans Rede ein: „Hai!“, „Ochin harasho!“, „A so“ und „Kyou-mi shin-shin!“ waren die Worte, die ich immer wieder identifizieren konnte. Yasashii Kiki-Jouzu-san war ein kleiner, hagerer, weißhaariger Mensch, unscheinbar. Und immer schien er leicht mit dem Kopf zu wackeln, wobei er ohne Unterlass lächelte. Seine Brille im John-Lennon-Stil hat ihn für mich aber unverwechselbar gemacht.

2007 begegnete ich Yasashii Kiki-Jouzu-san wieder. Es war eine kleine Klima-Konferenz über „Abholzung von Wäldern“ in Bologna. Der Japaner Hashi-san erklärte wie seine Firma in einem eigenen Biotop Bäume anbaute, um japanische Essstäbchen für den Weltmarkt zur produzieren. Kiki-Jouzu-san saß neben Hashi-san auf einem Rednerpult. Wieder gab es Kopfhörer und erneut einen unfähigen Übersetzer, den ich mir nicht antun wollte. Also lauschte ich dem Klang der Sprache. Und wieder warf Kiki-Jouzu-san in Hashi-sans Rede seine Zwischenbemerkungen ein.

Erneut vier Jahre später sah ich Yasashii Kiki-Jouzu-san in einem Hotelkonferenzsaal in Wanne-Eickel neben einem Japaner mit dem großen Namensschild Nejimakidori-san. Es war die Jahreshauptversammlung eines überregionalen Brieftaubenzüchtervereins, und irgendwer musste es wohl für eine geniale Idee gehalten haben, einen Gastredner zu arrangieren. Aber es gab keine Simultanübersetzung und Nejimakidori-san hielt selbstbewusst seine Rede komplett in Japanisch. Am Anfang war es im Publikum still und nur Yasashii Kiki-Jouzu-sans leises „Hai!“, „Ochin harasho!“ und „A so“ war zu hören. Aber dann rief jemand „Hey, tu mal Übersetzung!“ und ein anderer rotzte ein „Versteh nix!“ in die Rede. Nejimakidori-san schienen diese Einwürfe zu beflügeln. Seine Brust wurde breiter, seine Haltung aufrechter, seine Augen strahlten und seine Stimme wurde wesentlich lebendiger. „Wat sacht der Spakko?“, rief der nächste Zuhörer und ein anderer: „Kann der Zwerg neben dem nicht mal übersetzen tun?“ Nejimakidori-san redete sich offensichtlich in einen Rausch rein. Nur war die Reaktion des Publikums eine andere. Die ersten verließen den Saal. Bevor die Peinlichkeit des Publikumsschwund überhand nehmen konnte, trat der Veranstaltungsleiter applaudierend auf die Bühne, nahm Nejimakidori-san das Mikro weg und erklärte bedauernd, dass Yasashii Kiki-Jouzu-san wohl zur Übersetzung unfähig wäre. Nejimakidori-san und Kiki-Jouzu-san verließen kurz darauf das Podium. Nejimakidori-san zwar noch mit geschwellter Brust, aber bereits sichtlich ein wenig irritiert, und Kiki-Jouzu-san gebeugt, ihm hinterher laufend mit offensichtlich bekümmerten Blick.

Am gleichen Abend am Dortmunder Flughafen sah ich Kiki-Jouzu-san dann wieder. Er stand an einem Würstchenstand und stocherte mit einem Holzgäbelchen in einer Currywurst rum. Ich fasste die Gelegenheit beim Schopfe, ging zu ihm hin, stellte mich auf englisch vor und erklärte ihm, woher ich ihn kennen würde. Er schaute mich unangenehm berührt an.

„Careca-san? Sie sind Careca-san? Ich kenne Sie nicht.“

„Aber ich Sie. So oft habe ich Sie auf Podien gesehen und mich gefragt, was Ihre Aufgabe sei. Sie sitzen da immer neben dem Redner und das einzige, was sie sagen ist ‚Ja‘, ‚Sehr gut!‘, ‚Ach so‘ oder ‚Sehr interessant!‘. Warum machen Sie das? Was hat das für eine Bedeutung?“

Er musterte mich über den Rand seiner John-Lennon-Brille an und ein Lächeln huschte über seinen Lippen. „Doch jetzt erkenne ich Sie wieder. Hatten Sie nicht mal auf einem Go-Kongress ‚Smörrebröd-dump-ass-Junkie‘ gerufen und ihren Kopfhörer weggeworfen?“

Ich zuckte zusammen. Ja, offenbar hatte er mich wohl wieder erkannt. Er lächelte erneut und fuhr fort: „Ich bin ein guter Zuhörer.“

„Das tut mir leid, damals. Ich dachte, ich wäre damals dabei leise gewesen. Sie scheinen mir wirklich ein guter Zuhörer zu sein.“

„Nein, nein, Sie verstehen nicht. Meine Aufgabe ist, ein guter Zuhörer zu sein.“

„Ich verstehe nicht.“

„Ich werde dafür bezahlt, meine Auftraggeber bei deren Reden durch aktives Zuhören zu unterstützen.“

„Aktives Zuhören?“

„Schauen Sie. Ich gebe Ihnen ein Beispiel. Angenommen Sie führen einen Blog im Internet, dann wollen Sie doch wissen, ob er gelesen wird, nicht wahr. Sie bauen einen Besucherzähler in ihrem Blog ein, der Ihnen zeigt, wie viele Besucher sie hatten. Aber das reicht Ihnen nicht. Sie wollen aktive Resonanz. Sie wollen wissen, ob ihr Blogeintrag dem Leser gefallen hat. Sie wollen nicht nur Besucher des Besuches willen, oder. Sie wollen aktive Wertschätzung, nicht wahr.“

„Und was hat das mit aktivem Zuhören zu tun?“

„Meine Aufgabe ist es, dem japanischen Redner während seiner Rede eine Rückmeldung zu geben, dass ihm mindestens einer zuhört. In Japan wird mein Job nicht benötigt. Dort übernehmen das die Zuhörer. So etwas gehört zum guten Ton, zu unseren Sitten und Gebräuchen. Aber das Problem mit euch Europäern ist, dass ihr immer zu ruhig seid, bei den Reden anderer Leute. Nie weiß man, ob ihr nicht bereits eingeschlafen seid oder ob euch die Rede interessiert. So wie jemand bei seinem Blog ‚Mag ich‘-Klicks oder Kommentare haben will, so benötigen wir Japaner bei unseren Reden in Europa Rückmeldungen, dass man ihnen zuhört. Ansonsten können wir keine Reden halten.“

„War deswegen der Referent der Brieftaubensitzung so begeistert, weil ihn keiner verstand, er aber meinte, er bekäme positive Rückmeldung auf seine Rede?“

Kiki-Jouzu-san seufzte. „Das, was da heute geschah, war anfangs für Nejimakidori-san unglaublich. Er hatte sich auf das normale Schweigen von euch Europäer eingestellt. Und als die ersten dazwischenriefen, glaubte er, seine Rede würde die Zuhörer mitreißen.“

„Hatte er nicht gemerkt, dass niemand ihn verstehen konnte, dass es keine Simultanübersetzung gab?“

„Er glaubte, alle hätten diese neuen Knöpfe im Ohr, jene die man nicht mehr sieht und trotzdem so unglaublich gut funktionieren. Jene mit dem japanischen Technik-Know-How.“

„Aber doch nicht in Wanne-Eickel!“

„Das hatte er nachher auch erfahren. Auf Englisch. Vom Veranstalter. Und Nejimakidori-san hat es mir angelastet, weil ich dem Veranstalter angeblich nicht richtig zugehört hatte. Nejimakidori-san hat meinen Vertrag gekündigt. Jetzt darf ich noch nicht mal ‚Gefällt mir‘-Klicks generieren, wenn er wie üblich auf seiner Firmen-Facebook-Seite und in seinem privaten Blog Zitate von Dōshō und Lehrmeister Kong veröffentlicht. Diese Referenz wird mir fehlen in meiner Aufgabe als aktiver Zuhörer.“

„Wo ist Nejimakidori-san jetzt?“

„Er ist dort hinten in der Senator-Lounge. Ich durfte ihn nicht begleiten und muss hier warten, denn sonst würde ich ihm unendliche Schande bringen und er sein Gesicht verlieren.“

Kiki-Jouzu-san hielt inne und schob sich eine Scheibe Currywurst in den Mund. Belustigt bemerkte ich, dass er in seiner Hand zwei Holzgäbelchen dazu benutzte, wie japanische Essstäbchen.

„Noch eine letzte Frage: Was um Himmels willen hatte Nejimakidori-san auf jener überregionalen Jahresversammlung von Brieftaubenzüchtern des Ruhrgebiets zu suchen?“

„Nejimakidori-san hat im Norden Japans eine sehr erfolgreiche Produktion von mechanischen Aufziehvögeln. Man nennt ihn deswegen in seinem Ort auch achtungsvoll ‚Mister Aufziehvogel‘. Er war zufällig in Europa und erhielt über Internet eine Einladung, weil die Brieftaubenzüchter ihrerseits dachten, dass ‚Aufziehvogel-Experte‘ für den Begriff ‚Aufzucht‘ stehen würde.“

Ich hatte erfahren, was ich wissen wollte und somit begann ich mich, zu verabschieden. Während der Verabschiedung und dem Austausch der Business-Karten kramte er noch schnell in seiner Aktentasche, um mir eine Doppel-CD zu überreichen. Er sagte, es wäre seine neuste Geschäftsidee: eine CD für japanische und europäische Anwender zur Unterstützung bei einer zu haltenden Rede.

Drei Wochen nach der Fukushima-Katastrophe glaubte ich Kiki-Jouzu-san während einer Podiumsdiskussion in Wackersdorf im Bayrischen Fernsehen wieder erkannt zu haben. Er saß dort neben einem japanischen Manager, der einer schweigenden Menge erklärte, warum Europas Energieunternehmen sichere Bündnispartner für Japans Energieunternehmen seien. Danach sah ich Kiki-Jouzu-san nie wieder.

Während meines Zwischenaufenthalts in einem billigen Hotel in Kölleda fiel mir eine alte Zeitung vom vergangenen Sommer in die Hand. In dem Lokalteil stand ein kurzer Bericht über ein japanisches Konsortium, welches Geld in einen Freizeitpark bei Sömmerda investieren wollte. Das ganze endete jedoch als ein Fehlschlag. Ein schlechtes Ohmen und Menetekel sollte wohl gewesen sein, dass ein Delegationsmitglied, ein gewisser Herr Yasashii Kiki-Jouzu, während des Vortrags des japanischen Redners offenbar verstorben wäre. Es fiel dem Publikum aus Presse und Zuschauern zuerst gar nicht auf, denn er verschied schlafend in aller Stille auf dem Podium. Allerdings – so meinte der Schreiber des Artikels – wäre der Name nicht gesichert, denn der Name wurde von den Japanern genannt, hieße allerdings übersetzt „der wohlwollende gute Zuhörer“ und man wisse nicht, ob jenes nicht doch eher dessen Funktion statt Name gewesen wäre.

Vor der Weiterfahrt in meinem Auto am nächsten frühen Morgen fiel mir bei der Suche nach Musik die Doppel-CD vom Dortmunder Flughafen in der Hand. Ich hatte sie achtlos in der Seitentasche der Tür verstaut gehabt. Als Verkäufer, der die kometenhaften Popularität der letzten Jahre dieser neuartigen Jojo-Kartuschen mit doppelwandigem Magnetzipper nach dem bilokativen Mirosions-Verfahren auf dem Lande verursacht hat und worüber jeder Landwirt momentan schwärmend spricht, dafür benötigte ich keine Unterstützung für Reden. Ich bin Verkäufer. Kein Redenschwinger.

Vorsichtig nahm ich die eine CD mit der Aufschrift „Effective support for Japanese Speaker (45 minutes)“ heraus und schob sie in den CD-Player. Die Zeit im Display lief los und kurz danach vernahm ich in kurzen Abständen Kiki-Jouzu-sans Stimme:

„Hai!“, „Ochin harasho!“, „A so“, „Hai!“, „Kyou-mi shin-shin!“, „Hai!“, „Ochin harasho!“, …

Ich nahm die CD wieder heraus und legte die zweite CD ein: „Effective support for European Speaker (45 minutes)“. Wieder lief die Zeit im Display los und ich lauschte intensiv, aber ich hörte nichts. 45 Minuten lang ertönte kein Ton aus dem Lautsprecher. Nur Stille. Dr. Murkes gesammeltes Schweigen.

Nach 45 Minuten Tonlosigkeit wurde die CD automatisch ausgeworfen. Ich ergriff sie und steckte sie in die CD-Hülle zurück und legte die CD in meine Aktentasche.

Den Rest des Tages verbrachte ich in Schweigen.

Der Fotoladen (Läden einer Kindheit – ein Erzählprojekt)


laden-alltagskultur

Dieser Eintrag ist Teil eines Erzählprojekts von Jules van der Ley. In seinem Blogeintrag „Die Läden meiner Kindheit“ erklärt er dazu Intention und Motivation. Dort finden sich auch weitere Verlinkungen zu anderen Blogs, die das Thema aufgenommen haben und sich lohnen zu lesen.


Das Dorf war nicht groß, aber es repräsentierte die damalige Struktur eines gewachsenen Dorfes. Ein jedes Dorf braucht einen Mittelpunkt, um den es stetig wachsen konnte. Eine Keimzelle des organisierten Lebens gewissermaßen. Und in meinem Dorf war das die Kirche. Dort wurde jedes Wochenende den Dorfbewohnern erklärt, wogegen sie sich permanent im Kriege befinden würden: der heilige Krieg gegen Tod und Teufel. Und traditionsgemäß befand sich um die Kirche somit auch der erste weltliche Verteidigungsring: die Dorf-Kneipen. Von der Heiligen Kommunion überreicht vom wichtigen Dorfpfarrer bis zum ersten Pils-Korn-Gedeck serviert vom bedeutesten Dorf-Wirt betrug der Abstand vielleicht maximal vierzig Schritte.

Dass sich der Kirchen-Organist diesen Abstand immer zu eigen machte, um sich statt der Predigt solch ein westfälisches Gedeck zu gönnen, das ist aber nicht der Kern dieser Geschichte und auch nicht, dass paar Jugendliche sich den Streich erlaubten und den Organist einfach von der Orgelbühne aussperrten, als er zum Te-Deum wieder auf die Orgelbühne zurück wollte, aber nicht konnte und der Pfarrer irritiert blickte, weil zum Lobpreisen nicht den Anwesenden die Orgeltöne gespielt wurden.

Zurück zur Dorfstruktur: ein zweiter Verteidigungsring existierte nicht. Denn für die Verteidigung sind traditionsgemäß Männer zuständig und die Männerwelt war die Kneipenwelt. Die dahinter gelegenen Blumen- und Bäckereigeschäfte waren erst sekundär wichtig: für Geburtstagsblumen oder Grabgestecke und für was Süßes zum Fest oder für Bestellungen zum Leichenschmaus. Danach kamen erst Banken und Rathaus. Das Leben musste ja bezahlt oder ab- oder angemeldet werden. So hatte alles seine Ordnung.

Ganz am Rande des Dorfes existierte ein Laden, der hatte seine Magie. Gewissermaßen eine Magie in dörflicher Randlage. Der Laden war nicht groß und er war nicht aufgeräumt. Oder er war es doch, aber als kleiner Steppke durchblickte ich die Ordnung nicht. Die Größe des Ladens würde heute wahrscheinlich keiner mehr als Große der eigenen Wohnung akzeptieren. Es war ein Kramladen. Sein Besitzer war Fotograf. Mein Vater bezeichnete ihn wegen dessen Stirnglatze einmal als Denker und erklärte mir, dass der Besitzer sich gerade deswegen mit dem Fotografieren wohl so gut auskennen würde. Meine Vater hatte eine alte AGFA Kamera und hegte und pflegte sie mit Liebe. Und der Ladenbesitzer – ich nenne ihn mal Rudi – hatte meinen Vater bei dessen Begegnung dazu sehr beglückwünscht. Aufrichtige Wertschätzung bindet Kundschaft. Und AGFA war auch die Marke des Vertrauens von Rudi. Draußen am Eingang des Ladens hatte er als Überzeugungstäter auch das AGFA-Reklameschild. Während der Drogist in der Nähe der Kirche KODAK-Negativfilme als das non-plus-ultra anpries, vertrat Rudi die Marke AGFA. Mein Vater war überzeugter AGFA-Fotograf. Ob Schwarz-Weiß oder später in Farbe, er vertraute AGFA. Abzüge auf AGFA-Papier von AGFA Negativen waren immer besser, egal in welcher Farbausprägung. Das war so. Damals.

Rudi entwickelte Negativfilme selber in seiner eigenen Dunkelkammer und stellte auch die Abzüge her. Daher war Vertrauen wichtig und mein Vater vertraute Rudi. Und ich durfte immer dabei sein, wenn mein Vater sich neue Negativfilme kaufte. Der Laden war im Grunde nicht unbedingt hell gestaltet, aber das vorhandene Licht war ausreichend, um alles aus meiner kleinen Größe aus anzuschauen. Denn Rudi bot nicht nur Fotoapparate an, sondern sein Laden hatte auch Schreib- und Spielsachen. Und besonders die Spielsachen interessierten mich. So sah ich in einem Herbst ganz oben auf einem Regal den Karton einer Carrera-Rennbahn. Heilig Abend stand dann der Karton unterm Weihnachtsbaum, für mich und meinem Bruder.

Das Thema „Fotografie“ hatte aber auch mich gepackt. Und so quengelte ich bei meinen Eltern so lange, bis ich mit meinem Vater bei Rudi im Laden stand. Und Rudi hatte die passende Idee: ein „Opticus Baukasten“ der Firma „Kosmos“. Damit könnte ich etwas über Linsen, Objektive und Kameras lernen. Und: der Clou war, dass ich mir meine eigene Kamera basteln könnte. Ich bastelte fleißig und die Kamera war fertig. Der mitgelieferte Schwarz-Weiß-Rollfilm kam rein und ich versuchte mich zum ersten Mal daran, mit Licht zu gestalten. Die Negative des Rollfilms wurden freilich in Rudis Dunkelkammer entwickelt. Ich war schon ein wenig enttäuscht, als er mir und meinem Vater zeigte, dass ich nur ein zwei Silhouetten fotografiert hatte und der Rest der 34 Negativbilder schlichtweg schwarz glänzten. Die Kamera war wohl einfach nicht lichtdicht.

Nur, der Foto-Virus hatte mich infiziert und das Ziel war für mich klar: wenn ich mir keine funktionierende Kamera basteln konnte, dann musste es eine fertige sein. Und wieder stand mein Vater und ich vor Weihnachten in Rudis Laden. Mein Vater wollte, dass die Kamera was taugte, also musste es AGFA sein, und nicht zu teuer werden würde. Rudi wusste, was passend sein könnte, und am Schluss hatte ich unterm Weihnachtbaum meine „Ritsch-Ratsch-Klick“ mit rotem Auslöseknopf: eine Pocketkamera, die „Agfamatic 4000“.

Beim Kauf der Pocketkamera war mir noch etwas im Kramladen aufgefallen: es roch noch Streu, nach Heu und im Hintergrund tschilpten Vögel. Irgendwann musste Rudi sein Geschäft um eine Zoohandlung erweitert haben. Und wenn Sohnemann quengelig wird, aber Vater sein dagegen sehr …

Und wieder stand ich mit meinem Vater im Laden von Rudi. Die Spielsachen interessierten mich schon wie beim Kauf der Pocketkamera nicht die Bohne. Ich hatte die zugesagte schulische Leistung gezeigt und mein Vater löste seinen Teil des Versprechens ein. Kurz darauf versorgte ich zu Hause einen Wellensittich. Meinen Wellensittich.

Zehn Jahre war ich alt, als mein Vater mir traurig mitteilte, dass Rudi überraschend gestorben sei. Das Dorf verlor seinen Foto-Chronisten und entsprechend groß war die Trauergemeinde bei der Beerdigung. Als ich verstanden hatte, was „gestorben“ bedeutete, fragte ich meinen Vater:

„Was ist mit den AGFA-Filmen?“ „In der Drogerie gibt es welche.“ „Und das Futter für meinen Peterle?“ „Auch in der Drogerie.“ „Und die Schulsachen?“ „Die kaufen wir woanders, aber nicht in der Lottoannahmestelle an der Eisdiele.“

Deren Besitzerin mochte mein Vater nicht. Er ging dort nur hin, wenn es um Karten für alle Gelegenheiten ging. In jenem Geschäft war das Kopierer- und Druckerei-Monopol des Dorfes beheimatet. Ging es um Geburts-, Trauer-, Kommunions- und Einladungskarten, dann führte an jenem Laden kein Weg vorbei. Weder mein Vater, noch meine Mutter mochten die Besitzerin. Sie würde zu viel Böses tratschen, sagten sie mir. Ich selber, nebenbei angemerkt, mochte sie auch nicht. Denn sich in ihrem Kramladen etwas anzuschauen, das war für jene Frau offenbar ein Gräuel. Noch heute höre ich ihre meckernde Stimme beim autologistisch dahin gerotzten Standardsatz: „Wenn du es nicht kaufen wirst, brauchst du es dir auch nicht anschauen.“

Rudis Laden wurde geschlossen. Es eröffnete dort niemand mehr einen anderen Laden, denn der Besitzer der Drogerie hatte die Gelegenheit beim Schopf gepackt und übernahm das Foto-Monopol des Dorfes. Jahrelang fuhr ich als Jugendlicher am ehemaligen Laden von Rudi vorbei. Jener kleine Kramladen mit seinem AGFA-Werbeschild und seiner seltsam muffig, heimeligen Atmosphäre blieb mir in lebendiger Erinnerung. Vor einem halben Jahr kam ich dort wieder einmal vorbei. Nichts erinnerte mehr daran, dass in dem Haus ein Foto-Kramladen war. Ein normales Familien-Eckhaus in einer normalen Straße.

Die Fotografier-Leidenschaft meines Vaters habe ich weiterentwickelt. AGFA spielt bekanntermaßen keine Rolle mehr am Fotomarkt, weder als Kamera-Hersteller noch als Film-Hersteller (ja, ich fotografiere sowohl analog als auch digital). Rudi allerdings bleibt mir weiterhin in Erinnerung. Letztens, als ich ein Foto des Schauspielers Vincent Schiavelli aus jungen Jahren sah, musste ich an Rudi denken. Rudi war zwar eher ein gesetzter Typ, aber Vincent und Rudi haben ähnliche Physiognomien. Rudi war der Typus Mensch, welchen man  gern als „väterlichen Onkel“ bezeichnen würde. Und beim Betrachten von Schiavellis Foto glaubte ich für einen Moment Rudis Stimme zu hören, aber das war nur eine Illusion. Von Rudi ist letztendlich bei mir nur ein vages Bild zurück geblieben. Seine Stimme ist aus meiner Erinnerung verschwunden. Nach jetzt vierzig Jahren.

Wenn die Fahne weht, steckt der Verstand in der Trompete

„Und jeden Morgen steht ein Idiot auf.“

„Wie belieben?“

„Ich sagte Dir: Und jeden Morgen steht ein Idiot auf.“

„Wegen der Wahl in den USA?“

„Ich weigere mich in Zukunft, auch nur ein Wort Englisch zu sprechen!“

„So schlimm?“


„Erst der Brexit und dann der Trump. Von solchen Dummköpfen kann ich mich nur distanzieren und mit der Sprache fange ich an. Aus welchem Grund soll ich deren Sprache sprechen?“

„Um sie zu verstehen? Zwecks Völkerverständigung?“

„Scheiß auf Deine dummdreiste Völkerverständigung. Ich werde die Tommies und die Amies spüren lassen, dass ich keineswegs gewillt bin, ihre Sprache mehr zu sprechen. Soviel Eier habe ich, keine Angst. “

„Eine Frage der Eier?“

„Es kotzt mich an, dass die Sprache dieser Idioten Weltsprache sein soll. Die ist primitiv wie ihre Einwohner. Deren Mehrheit sind unverantwortliche, selbstherrliche Ignoranten. Sie sind dumm. Nicht böse, aber dumm. Sie haben keine Ahnung.“

„Jetzt haben Sie aber Donald Trump zitiert.“

„Was?“

„Sie haben mit Ihrem letzten drei Sätzen Donald Trump zitiert. Sie tanzen den Donald-Trump-Niveau-Limbo.“

„Na und? Warum darf ich nicht das sagen, was meine Freunde und jeder andere auch bereits im Internet auf Facebook und Twitter sagen? Was interessiert mich, was dieser Arsch mit Ohren auf zwei Beine ablässt? Der beleidigt doch, ich nicht. Ich sag nur die Wahrheit. Oder darf man die nicht mehr sagen? Oder hältst du etwa zu so einem Rassisten, Sexisten, Fremdenfeind und Umweltverächter, der unsere Welt in den Abgrund stoßen will?“

„Also sollte man wegen Brexit und Trump in Zukunft amerikanisch-englische Produkte und Geschäfte meiden und keine englisch-sprachige Musik mehr hören?“

„Vielleicht. Ich höre weiterhin Udo Lindenberg und die Toten Hosen.“

„Beide singen auch in Englisch.“

„Da schalte ich in Zukunft immer ab. Die Eier dazu habe ich.“

„Eier? Soso. Wissen Sie, was?“

„Was?“

„Wissen Sie, wie man mit rohen Eiern umgeht?“

„Wie?“

„Man haut Sie öffentlich in die Pfanne.“